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Das magische Amulett #46: Im Banne des Hexers

2016 120 Seiten

Leseprobe

Das magische Amulett #46: Im Banne des Hexers

Jan Gardemann

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Im Banne des Hexers

Das magische Amulett  Band 46

Roman von Jan Gardemann

Der Umfang dieses Buchs entspricht 100 Taschenbuchseiten.

Dr. Daniel Connors, erfolgreicher Arzt und Ehemann der berühmten Amulettforscherin Brenda Logan, erhält Besuch von seiner ehemaligen Kommilitonin Gracia. Diese bittet ihn um Hilfe bei der Suche nach ihrem Mann Jimmy, mit dem sie auf den Bermuda Inseln lebte und der von dort spurlos verschwand. Sie glaubt, dass er nach London zurückkehrte, um dort weiter Menschenversuche durchzuführen, für die er auf den Bermudas verurteilt wurde. Brenda Logan ist skeptisch, und bald bestätigen sich ihre Zweifel, als Gracia sich in eine bleiche, von Nebel umhüllte Gestalt verwandelt, die Männern mit einem Kuss die Lebensenergie raubt ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing

sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

©  Cover by Firuz Askin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement

mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

© Logo by Steve Mayer unter Verwendung von Motiven by Pixabay, 2016

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Prolog

Auf dem Sofa lag Gracia. Sie wälzte sich unruhig hin und her. Über ihr schwebte der geheimnisvolle Nebel. Er wirkte filigran und schimmerte im matten Schein des hereinfallenden Lichts. Schockiert beobachtete ich, wie der Nebel lange, tentakelförmige Arme ausbildete, die wie im Takt einer unhörbaren Sphärenmusik um Gracia herumtanzten und sie einhüllten. Schließlich sah das ganze Gebilde so aus wie ein riesiger Kokon aus hauchdünnem Nebelgespinst. In der Mitte dieses Kokons lag Gracia. Sie stöhnte und warf den Kopf unruhig hin und her. Schweißperlen traten auf ihre Stirn, und ihre Lider flatterten, als würde sie von einem heftigen Alptraum geplagt. Wie unter einem fremden Zwang trat ich näher. Als ich Gracia betrachtete, kam es mir so vor, als wäre ihr Teint um einige Nuancen blasser als zuvor. Irgendetwas Geheimnisvolles, Mysteriöses ging mit Gracia vor sich. Doch warum der Nebel sie umgab und was er mit der Frau machte, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Unschlüssig streckte ich meine Hand aus. Als meine Finger das Nebelgespinst berührten, fühlte ich etwas Kaltes, Feuchtes ...

1

Graham Porter hatte Kopfschmerzen, und er fühlte sich unendlich müde und erschöpft. Missmutig schritt er durch die pompöse Eingangshalle des modernen Bürogebäudes, die um diese nächtliche Zeit verwaist und wie ausgestorben dalag. Nur die Notbeleuchtung war eingeschaltet. Sie tauchte die Halle mit dem weißen Marmorboden, den verspiegelten Wänden und der hohen Decke in ein schummeriges, geheimnisvolles Licht.

Kurz musste Graham Porter an seine Kollegen denken, die jetzt wahrscheinlich längst schliefen oder sich irgendwo in der City von London vergnügten.

Verbittert kniff er die Lippen zusammen und trat auf die Glastüren zu. Schneeflocken tanzten hinter den Scheiben. Die Straße und der Fußweg waren von einer zentimeterdicken Schneeschicht bedeckt. Die herabfallenden Flocken dämpften das Licht der Straßenlaternen.

»Das wird ja immer schöner«, murmelte Graham Porter sarkastisch. »Ich werde mir auf dem Weg zu meinem Wagen vermutlich noch den Hals brechen.«

Er schloss mit dem Schlüssel, den sein Chef ihm zusammen mit einem Stapel Akten heute Nachmittag auf den Schreibtisch geknallt hatte, die gläserne Eingangstür auf.

»Diese Akten müssen heute noch bearbeitet werden«, hatte sein Chef befohlen und dabei eine unnahbare, harte Miene aufgesetzt. »Morgen früh müssen die Papiere fertig auf meinem Schreibtisch liegen. Ich weiß, dass Sie es schaffen werden, Graham!«

Bei diesen Worten hatte sein Chef ihm kameradschaftlich auf die Schultern geklopft und gönnerhaft gezwinkert.

In Graham Porter stieg verzweifelte Wut auf, als er nun wieder an diese Szenen dachte. Mit mir kann mein Chef es ja machen, dachte er verbittert. Er weiß schließlich, dass ich von diesem Job abhängig bin - und er weiß, dass ich eine Menge Zeit habe, weil meine Frau mich verlassen hat!

Graham trat durch die Glastür und schmetterte sie wütend hinter sich ins Schloss.

Das Glas klirrte, und die Rahmen wackelten bedenklich. Aber es ging nichts zu Bruch.

Dabei hat Joana mich nur verlassen, weil ich immer so viel im Büro zu tun und kaum Zeit für sie hatte!

Er schloss die Tür ab, klappte den Kragen hoch und wandte sich von dem dunklen Bürogebäude ab.

Kaum hatte Graham das schützende Vordach verlassen, erfasste ihn eine eiskalte Böe. Schnee trieb ihm ins Gesicht, und er wäre auf dem rutschigen Untergrund beinahe ausgeglitten.

Graham fluchte verhalten. Schon oft hatte er bei seinem Chef beantragt, dass ihm endlich ein Garagenplatz in der Tiefgarage des Bürohochhauses zugewiesen werde. Aber sein Chef hatte immer wieder abgelehnt. Die Stellplätze würden den wichtigen Mitarbeitern Vorbehalten, erklärte er stets. Und solange Graham nicht bewiesen hätte, dass er für die Versicherung unentbehrlich sei, würde er seinen Wagen irgendwo auf der Straße parken müssen.

Graham trat wütend nach einem Schneehaufen. Der weiche Schnee stob auseinander, wurde vom kalten Wind erfasst und trieb Graham direkt ins Gesicht.

Graham spuckte und fluchte.

»Du bist und bleibst eben ein Pechvogel«, jammerte er in einem Anflug von Selbstmitleid. »Dein Chef weiß deine Arbeit nicht zu würdigen, obwohl du ständig unbezahlte Überstunden für ihn leistest. Deine Frau verlässt dich, weil du dir keine Zeit für sie nimmst. Und wenn du dann um Mitternacht endlich nach Hause willst, stellt sich dir ein Schneesturm in den Weg ...«

Graham verstummte erschrocken. Vor ihm im Schneegestöber war plötzlich eine Gestalt aufgetaucht. Es handelte sich um eine Frau - und sie war so gut wie nackt! Nur ein dünnes Kleid, das aussah, als wäre es aus Nebel gewirkt, umschmeichelte ihren unnatürlich bleichen Körper. Die Frau sah wie ein Gespenst aus.

Graham blinzelte und schüttelte verständnislos den Kopf, da er die Erscheinung für eine Sinnestäuschung hielt.

Doch die bleiche Frau verschwand nicht. Ihr schneeweißes wallendes Haar flatterte im eiskalten Wind - und in ihren Augen glomm ein seltsames kaltes Feuer. Nun hob sie einen Arm und winkte Graham aufreizend zu.

Verunsichert sah sich der Versicherungsangestellte um. Die mysteriöse verführerische Frau konnte doch unmöglich ihn meinen!

Aber Graham war ganz allein auf der Straße. Es fuhr nicht einmal ein Auto auf der verschneiten Fahrbahn.

»Hallo?«, rief er der Unbekannten durch das Schneegestöber zu. »Frieren Sie gar nicht? Soll ich Ihnen meinen Mantel geben?«

Graham erhielt keine Antwort.

Stattdessen winkte die Frau nun wieder, und bedeutete ihm, zu ihr zu kommen.

Unschlüssig trat Graham einen Schritt auf die geheimnisvolle Frau zu. Aber er kam ihr nicht näher. Der Abstand zwischen ihm und ihr blieb der gleiche.

Nun wandte sich die Fremde um und schickte sich an, in der Dunkelheit zu verschwinden. Doch nach einigen Metern schaute sie sich noch einmal um, wie um sich zu vergewissern, dass Graham Porter ihr auch folgte.

Als sie bemerkte, dass er wie angewurzelt stehen geblieben war und ihr mit großen Augen hinterherstarrte, winkte sie ihm noch einmal auffordernd zu.

»Du wärst ein Idiot, wenn du ihr nicht folgen würdest«, flüsterte Graham Porter und konnte seinen Blick einfach nicht von der aufreizenden Erscheinung abwenden. Doch dann war sie plötzlich hinter dem Vorhang aus tanzenden Schneeflocken verschwunden.

Graham setzte sich unwillkürlich in Bewegung. In seinem Gehirn überschlugen sich die Gedanken. Etwas Widernatürliches haftete der schönen Frau an. Sie schien nicht zu frieren, obwohl sie nur ein hauchdünnes Kleid auf dem Leib trug .- und sie interessierte sich für ihn! Für ihn, einen farblosen, ziemlich unattraktiv aussehenden Mann, der sich mit seinem äußeren Erscheinungsbild wenig Mühe gab.

Da tauchte die Fremde vor ihm wieder auf. Die Schneeflocken umtanzten sie und ließen sie in Grahams Augen noch schöner und faszinierender aussehen.

Dass die geheimnisvolle Frau keine Prostituierte war, verstand sich für Graham von selbst. Ihm kam die Gestalt eher wie ein geisterhaftes Wesen aus einer anderen Welt vor. Ein Wesen, das gekommen war, um ihn glücklich zu machen!

Graham Porter eilte hinter der seltsamen Schönheit her. Gerade noch sah er, wie sie in eine Seitengasse einbog und verschwand.

Mit hastigen Schritten erreichte er den Eingang der Gasse. Das trübe Licht einer Straßenlaterne fiel in den engen Gang, zu dessen beiden Seiten sich die düsteren, abweisenden Mauern zweier Bürohochhäuser erhoben.

Unwillkürlich verlangsamte Graham seine Schritte. Die Gasse endete schon nach wenigen Metern. Die geheimnisvolle Frau stand dort mit dem Rücken zur Wand und schaute ihn mit ihren unheimlich leuchtenden Augen verlangend an.

Wie unter einem fremden Zwang setzte Graham einen Fuß vor den anderen. Und als die Frau ihre Arme ausbreitete, um ihn zu empfangen, ließ er seinen Aktenkoffer einfach in den Schnee fallen und streckte ebenfalls die Arme aus.

Dann hatte er die Frau endlich erreicht. Ihre schlanken Arme schlossen sich um ihn. Sie fühlten sich seltsam kalt an und verströmte einen eigentümlichen Geruch, der Graham entfernt an Meeresbrandung und Muscheln erinnerte. Aber das störte ihn nicht. Seine Blicke hingen an dem feingeschnittenen bleichen Gesicht der Frau - und an ihren sinnlichen Lippen, die sich nun halb zu einem Kuss öffneten.

Graham spürte, wie die Frau ihn zu sich zog. Sie presste ihn fest an sich - und dann berührten ihre Lippen seinen Mund.

Ein nie gekanntes Glücksgefühl durchströmte seinen Körper. So etwas hatte er nicht einmal in den Armen seiner geliebten Joana empfunden.

Doch noch etwas anderes spürte Graham. Der lange leidenschaftliche Kuss der geheimnisvollen Frau schien seine Sinne zu benebeln und seinen Körper auf seltsame Weise zu schwächen. Er spürte plötzlich die Kälte um ihn herum nicht mehr. Seine Arme hingen schlaff um die Hüften der Frau, die er eben noch leidenschaftlich umschlungen hatte. Die Knie gaben unter ihm nach, und er wäre fast gestürzt. Aber die Fremde hielt ihn mit ihren kalten Armen unerbittlich fest und fuhr fort ihn innig und leidenschaftlich zu küssen.

Graham wollte sich von ihr befreien. Aber er hatte nicht mehr die Kraft dazu. Kaum schaffte er es, die Lider zu heben.

Dann verlor er das Bewusstsein, und es wurde schwarz um ihn herum. Graham Porter bekam nicht mehr mit, wie sich die Frau, in deren Armen er jetzt wie eine schlaffe Gliederpuppe hing, langsam veränderte. Ihr farbloses Haar wurde plötzlich brünett, und die blasse Haut bekam eine gesunde, frische Farbe. Auch das geisterhafte Leuchten in ihren Augen erlosch, sodass die braune Iris nun deutlich zu erkennen war.

Schließlich löste sich die Fremde von dem bewusstlosen Mann und ließ ihn zu Boden gleiten. Das nebelhafte Gewand, das ihren Körper umschmeichelte, zerstob und löste sich auf. Die Frau war nun ganz nackt - und sie schien zu frieren.

Rasch zog sie Graham Porter den Mantel und den Anzug aus und streifte sich seine Sachen über. Als sie damit fertig war, klappte sie den Kragen hoch und verließ die Gasse, ohne sich noch einmal zu dem Mann umzublicken, der, nur in Unterzeug gekleidet, reglos im Schnee der Gasse lag.

2

Ungeduldig schaute ich, Brenda Logan, auf die Uhr. Es war bereits eine halbe Stunde nach Mitternacht! Daniel Connors, mein geliebter Ehemann, hätte längst hier sein müssen.

Daniel war ein bekannter Arzt und Neurologe. Er arbeitete im St. Thomas Hospital und galt auf seinem Gebiet als Koryphäe.

Das hatte allerdings auch seine Nachteile, denn Daniel musste oft Überstunden machen und auch nachts arbeiten. Manchmal sahen wir uns tagelang überhaupt nicht. Doch das lag nicht nur an Daniel. Auch mein Job nahm mich sehr in Anspruch. Ich war Archäologin und arbeitete im British Museum. Mein Spezialgebiet war die Amulettforschung. Von Zeit zu Zeit musste ich lange beschwerliche Expeditionen unternehmen, sodass ich wochenlang nicht zu Hause in London war.

Ich seufzte. Es lag mal wieder eine harte, entbehrungsreiche Zeit hinter Daniel und mir. Darum hatten wir uns fest vorgenommen, diesen Abend zusammen zu verbringen.

Aber Daniel war mal wieder etwas dazwischengekommen. Ein Notfall, der ihn in der Klinik festhielt. Er hatte vor ein paar Stunden angerufen und gesagt, dass er erst um Mitternacht kommen würde. Dann musste er auch schon in den OP.

Daraufhin hatte ich das Essen, das bereits auf dem Tisch gestanden hatte, im Ofen warmgestellt und die Kerzen wieder ausgepustet, die ich für uns im Wohnzimmer aufgestellt hatte.

Ein wenig ungehalten sah ich mich nun in dem Wohnzimmer um. Vor einigen Minuten hatte ich die Kerzen wieder angezündet und das Essen aus dem Ofen geholt. Mitternacht war längst vorüber.

Aber Daniel war noch immer nicht erschienen, obwohl er es mir eigentlich fest versprochen hatte.

Das Wohnzimmer unserer Atelierwohnung sah sehr romantisch aus. Die Kerzen tauchten den großen Raum in ein warmes, gedämpftes Licht. Draußen vor den Panoramafenstern herrschte tiefe Dunkelheit, die von schwebenden dicken Schneeflocken durchwoben war. Man konnte das Gefühl kriegen, mit dem Zimmer in den Himmel empor zu steigen, wenn man den herabfallenden Schnee zu lange anstarrte.

»Daniel, wann kommst du endlich«, flüsterte ich und zupfte an meinem roten Kostüm, das ich extra zu diesem Anlass angezogen hatte. Ich wusste, wie sehr ich Daniel in dem Kostüm gefiel - und wie bewundernd und liebevoll seine Blicke waren, wenn er mich dann musterte.

Ich sehnte mich nach Daniel und seinen zärtlichen Umarmungen. Ich liebte ihn sehr, obgleich unsere Berufe unserer Zweisamkeit manchmal im Wege standen.

Da vernahm ich an der Wohnungstür plötzlich ein Geräusch. In freudiger Erwartung drehte ich mich um. Die Tür schwang auf, und ein kräftig gebauter Mann erschien in der Türöffnung. In seinem hellbraunen lockigen Haar schimmerten schmelzende Schneeflocken. Auch auf den Schultern seiner Lederjacke und dem hochgeklappten Kragen hatte sich Schnee gesammelt.

»Hallo, Brenda, mein Schatz«, sagte Daniel und grinste gewinnend. »Ich hoffe, das Warten ist dir nicht zu lang geworden.«

»Wo denkst du hin?«, erwiderte ich ironisch. »Schließlich hatte ich genug damit zu tun, die Kerzen an und wieder auszumachen, das Essen aus dem Ofen zu holen und es wieder hineinzuschieben ...«

Daniel kam mit raschen Schritten auf mich zu und hauchte mir einen Kuss auf den Mund. Seine Lippen fühlten sich kühl und feucht an. Fröstelnd drückte ich Daniel von mir fort.

»Du bist ja vom Schnee ganz nass«, protestierte ich. »Und du wirst mir am Ende noch mein Kostüm ruinieren.«

Daniel holte hinter seinem Rücken einen Strauß roter Rosen hervor, die er mir mit galanter Geste überreichte.

»Vielleicht kann diese kleine Aufmerksamkeit dich wieder versöhnen«, meinte er lächelnd. Dann zog er seine Lederjacke aus und hängte sie auf einen Garderobenhaken.

»Wo hast du um diese Zeit denn Blumen aufgetrieben?«, fragte ich verwundert.

Daniel grinste schräg. »Ich hatte gehofft, dass du das nicht fragen würdest«, erwiderte er. »Du weißt doch, dass die Blumen, die Angehörige und Freunde den Patienten mitbringen, nachts vor die Türen gestellt werden ...«

»Und da hast du kurzerhand einen Strauß Rosen genommen, die eigentlich einem Patienten gehören?«, unterbrach ich ihn empört.

»Natürlich nicht«, erwiderte Daniel. »Die Rosen gehörten der jungen Frau, die ich vorhin operieren musste. Sie wusste, dass ich wegen ihr meine Verabredung mit dir platzen lassen musste. Darum bestand sie darauf, dass ich die Rosen nahm, die ihr Freund ihr mitgebracht hatte. Ich sollte sie dir geben, damit du nicht gar so böse auf mich bist.«

Ich lächelte milde und fuhr Daniel durch sein feuchtes lockiges Haar. »Das ist aber eine sehr nette Geste von der Frau gewesen«, meinte ich bewegt. »Wie ist die Operation denn verlaufen?«

»Die Frau ist glücklicherweise über den Berg«, erwiderte Daniel müde. »Aber ohne die OP hätte sie den morgigen Tag vielleicht nicht erlebt.«

Plötzlich kam ich mir irgendwie kleinlich und ungerecht vor. Während ich zu Hause gesessen und geschmollt hatte, hatte Daniel um das Leben dieser Frau gekämpft ...

Ich nahm Daniel bei der Hand und führte ihn zum Tisch, wo das Essen bereitstand und ein paar Kerzen in einem silbernen Leuchter brannten.

»Das Essen duftet köstlich«, lobte Daniel und schlang einen Arm um meine Hüften. »Und du siehst sehr verführerisch aus, Brenda.«

Langsam näherten sich seine Lippen den meinen, und wir gaben uns einen langen leidenschaftlichen Kuss. Die Welt um mich herum versank in einem Meer aus zärtlichen Gefühlen. Mein Unmut und meine Verärgerung verflogen und lösten sich in nichts auf.

»Oh, Daniel«, hauchte ich, als er meine Lippen wieder frei gab. »Ich liebe dich über alles.«

»Ich liebe dich auch, Brenda«, flüsterte Daniel und sah mich mit seinen blauen Augen warmherzig an.

Da klingelte es plötzlich an der Wohnungstür.

Daniel und ich tauschten einen verwunderten Blick.

»Hast du vielleicht noch jemand anderen zum Essen eingeladen?«, erkundigte sich Daniel scherzend.

Ich schüttelte den Kopf und trat auf die Tür zu. Ich wollte den Knopf betätigen, der unten die Haustür öffnen würde. Aber ein Geräusch draußen vor der Wohnungstür verriet, dass unser unbekannter Besucher bereits oben angekommen war.

Verwundert öffnete ich die Tür. Vor mir stand eine junge Frau. Sie hatte brünettes wallendes Haar und ein feingeschnittenes Gesicht, das vor Kälte gerötet war. Sie trug einen Anzug und einen Mantel, die eher zu einem Mann gepasst hätten. Die Klamotten machten ganz den Anschein, als wären sie der Frau um einige Nummern zu groß.

»Sie wünschen?«, erkundigte ich mich.

»Ich ... ich brauche dringend Hilfe«, stammelte die Frau. Ihre Stimme klang rauchig und lasziv. »Ich muss unbedingt zu Daniel Connors!«

»Wenn Sie ärztliche Hilfe benötigen, wenden Sie sich bitte an das St. Thomas Hospital«, erwiderte ich frostig. »Mein Mann hat Feierabend, und ...«

»Gracia? Gracia Mabel?«, fragte Daniel, der hinter mich getreten war, überrascht.

Das Gesicht der Frau hellte sich auf. »Daniel«, flüsterte sie. »Gott sei Dank, dass ich dich treffe.«

Mit diesen Worten verdrehte sie die Augen und fiel in Ohnmacht.

Daniel schubste mich zur Seite und fing die junge Frau auf, ehe sie auf den harten Boden aufschlagen konnte. Ihr Kopf fiel in seine Armbeuge und das brünette Haar floss seinen Arm herab.

Behutsam nahm Daniel die Frau auf und trug sie in die Wohnung.

Mit vor der Brust verschränkten Armen stand ich neben der Tür und sah Daniel durchdringend an.

»Du kennst diese Frau?«, fragte ich gereizter, als ich es eigentlich vorgehabt hatte.

»Ja«, erwiderte Daniel knapp. Er bettete die Frau sehr sanft auf das Sofa und begann sofort damit, sie zu untersuchen. »Gracia Mabel hat zusammen mit mir Medizin studiert.«

»Warum hast du mir nie von ihr erzählt?«, erkundigte ich mich lauernd.

Daniel hielt in seinem Tun inne und sah mich verdattert an. »Warum sollte ich?«, fragte er verständnislos. »Gracia hat in meinem Leben nie eine große Rolle gespielt ...«

Plötzlich verstummte Daniel. Gracia war wieder zu sich gekommen. Mit einer matten, galanten Bewegung hob sie den Arm und strich Daniel liebevoll durch das dichte Haar. Ihre Lider waren nur halb geöffnet.

»Oh, Daniel«, hauchte sie. »Wir haben uns so lange nicht gesehen. Und trotzdem kommt es mir so vor, als hätten wir uns gestern erst getrennt. Du hast dich kaum verändert ...«

Daniel nahm ihre Hand und sah mich hilflos an.

»So«, meinte ich spitz. »Sie hat in deinem Leben also keine große Rolle gespielt! Gracia scheint das allerdings etwas anders zu sehen.«

»Brenda, es besteht überhaupt kein Grund für dich, eifersüchtig zu sein«, stieß Daniel hervor.

Gracia hustete, was sich in meinen Ohren jedoch sehr gekünstelt anhörte. Überhaupt kam mir ihr spektakulärer Auftritt ziemlich gewollt vor. Aber Daniel schien dies nicht zu bemerken - typisch Mann!

»Wie geht es dir?«, fragte er besorgt an die brünette Frau gewandt, die wie hingegossen auf unserem Sofa lag. »Und was hatten deine merkwürdigen Worte vorhin zu bedeuten?«

»Es geht mir schon wieder besser«, meinte Gracia ausweichend und warf mir einen flüchtigen Blick zu. »Ich hatte nur einen vorübergehenden Schwächeanfall. Du erinnerst dich vielleicht noch, dass ich an einer sonderbaren Krankheit leide ...«

Sie sah Daniel mit einer Mischung aus Unschuld und Hilfsbedürftigkeit an. Eine verheerende Mischung, der Daniel augenblicklich zum Opfer fallen würde - das wusste Gracia Mabel so gut wie ich.

»Natürlich erinnere ich mich an deine Krankheit«, beeilte er zu erwidern. »Hast du inzwischen herausgefunden, woran du leidest?«

»Ich bin noch immer genauso schlau wie zu unserer Studienzeit«, behauptete sie. »Ich weiß nur, dass es etwas Vererbliches ist und mit meinen Genen zu tun hat.«

Gracia setzte sich auf und rieb sich fröstelnd mit den Händen über die Schultern.

»Mir ist furchtbar kalt«, meinte sie. »Das Wetter in London hat mich völlig überrascht. Ich war nicht darauf vorbereitet, in einen Schneesturm zu geraten.«

»Deine Sachen sind ganz nass«, bestätigte Daniel besorgt.

Er sah zu mir auf. »Brenda, hol’ doch bitte ein paar trockene Sachen aus deinem Schrank. Gracia wird sich noch den Tod holen.«

Empört stemmte ich die Hände in die Hüften. Ich wollte protestieren. Doch Daniel ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen.

»Und dann wirst du dich erst einmal stärken«, erklärte er in diesem Moment an Gracia gewandt. »Brenda ist eine vorzügliche Köchin. Und du siehst so aus, als könntest du eine Mahlzeit vertragen. Beim Essen kannst du uns dann erzählen, was dir auf der Seele liegt.«

Ich verdrehte entnervt die Augen. Daniels Beschützerinstinkt war erwacht. Es wäre sinnlos, dagegen anzugehen, denn es entsprach nun einmal seiner Natur als Arzt, hilfsbedürftigen Menschen zu helfen.

Schicksalsergeben wandte ich mich ab, um ein paar Sachen für Gracia Mabel zu holen. Dabei wurde ich das untrügliche Gefühl nicht los, dass der Blick von Daniels ehemaliger Studienkollegin förmlich in meinem Rücken brannte.

3

Gracia rührte das Essen, das vor ihr auf dem Teller lag, kaum an. Sie hatte gewiss keinen Hunger und bestimmt etwas zu sich genommen, bevor sie sich auf den Weg zu uns machte, um ihre Hilfsbedürftigkeitsnummer abzuziehen.

Was sie damit bezweckte, war mir noch unklar. Aber ich war fest entschlossen, es herauszufinden.

»Was hat dich nach London verschlagen?«, fragte Daniel in diesem Augenblick, der dem Essen genau so reichlich zusprach wie ich. Es war ihm deutlich anzusehen, wie erschöpft und übermüdet er war. Doch das schien Gracia Mabel nicht zu kümmern.

»Ich ... ich benötige dringend Hilfe«, antwortete sie und führte einen ihrer affektierten Augenaufschläge auf. »Ich bin völlig ratlos und weiß nicht, an wen ich mich wenden soll. Darum bin ich zu dir gekommen, Daniel. Ich hoffe, ich störe nicht?«

Diese Frage hätte Gracia meiner Meinung nach ruhig etwas früher stellen können. Denn dann hätte ich ihr geantwortet, dass Daniel und ich vorgehabt hatten, eine romantische Nacht miteinander zu verbringen, und dass ihr Auftritt mehr als ungelegen kam. Aber dafür war es nun zu spät. Darum verkniff ich mir die Bemerkung auch lieber.

»Du störst überhaupt nicht, Gracia«, beeilte Daniel sich zu versichern. »Ganz im Gegenteil. Ich freue mich, dich wiederzusehen.«

Ich konnte es einfach nicht fassen. Während Daniel dies sagte, schaute er mich nicht einmal an. Ich kam mir vor, wie das fünfte Rad am Wagen. Seit wir mit Gracia Mabel am Tisch saßen, hatte er mich kaum beachtet. Und das, obwohl ich mein rotes Kostüm trug, das ihm sonst so sehr gefiel.

Ich hatte Gracia ein paar ausgediente Klamotten gegeben. In dem grünen Rollkragenpullover und der verwaschenen Jeans sah sie ziemlich verlottert aus. Trotzdem schenkte Daniel ihr seine ganze Aufmerksamkeit.

»Worum geht es denn?«, erkundigte sich Daniel einfühlsam.

Gracia faltete nervös ihre Hände. »Es geht um einen Mann«, erklärte sie etwas verschämt. »Du erinnerst dich vielleicht noch an ihn. Sein Name ist Jim Curender.«

»Du meinst Jimmy?«, rief Daniel erstaunt. »Unseren leicht verschrobenen Jimmy von der Uni? Ich kann mich noch lebhaft an die hitzigen Diskussionen über die obskuren Heilmethoden erinnern, von denen Jimmy in seinen seltsamen Zeitschriften über Okkultismus und Spiritismus gelesen hatte und die er alle für glaubwürdig und durchführbar hielt.«

Gracia nickte traurig. »Jim hat mich vor einer Woche verlassen«, erklärte sie und drehte gedankenverloren an ihrem Ehering.

»Du und Jimmy habt geheiratet?«, fragte Daniel überrascht.

»Kurz nachdem wir England damals verließen«, bestätigte Gracia. »Jim wurde ein Job in einer Privatklinik auf den Bermudas angeboten. Er sagte zu. Seitdem lebten wir glücklich und zufrieden auf einer paradiesischen Bermuda Insel. Doch vor einer Woche ist Jim spurlos verschwunden ...«

»Ist das nicht eher ein Fall für die Behörden auf den Bermudas?«, hakte ich nach.

Gracia schüttelte betrübt den Kopf, ohne sich jedoch näher zu erklären. Dann ergriff sie Daniels Hände und schaute ihn eindringlich an.

»Ich bin mir sicher, dass Jim sich nicht mehr auf den Bermudas aufhält«, erklärte sie mit schwankender Stimme. »Er muss nach England zurückgekehrt sein.«

»Was macht Sie da so sicher?«, wollte ich wissen.

Gracia ignorierte meine Frage einfach. »Wirst du mir helfen, Jim zu finden?«, fragte sie stattdessen an Daniel gewandt.

»Selbstverständlich«, erwiderte Daniel beflissen, ohne zu zögern. »Brenda und ich haben schon viel schwierigere Aufgaben gelöst. Du kannst dich auf uns verlassen. Wir werden deinen Jimmy wiederfinden.«

Ich glaubte meinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Es fehlte nur noch, dass Daniel seiner Studienfreundin von den vielen übersinnlichen Abenteuern berichtete, die wir gemeinsam bestanden hatten. Vielleicht erzählte er ihr sogar, dass ich Amulettforscherin war und auf rätselhafte Weise immer wieder in den Strudel geheimnisvoller Ereignisse geriet, für die zumeist magische Amulette verantwortlich waren ...

»Du musst wissen, Gracia, dass Brenda eine bekannte Archäologin ist«, fing Daniel in diesem Moment auch schon an zu erzählen. »Ihr Spezialgebiet sind Amulette, und ...«

Ich verpasste Daniel einen schmerzhaften Tritt gegen das Schienbein. Er stöhnte auf und sah mich verstört an. Als er dann jedoch meinen mahnenden Blick bemerkte, schien er zu begreifen, dass ich nicht wollte, dass er unser Geheimnis vor Gracia ausplauderte.

Aber Gracia schien ihm gar nicht richtig zugehört zu haben. »Ich bin ja so glücklich, dass du mir hilfst«, meinte sie. »Ich wusste, dass du mich nicht im Stich lassen würdest.«

Plötzlich gähnte sie herzhaft und streckte die Arme weit von sich.

»Ich bin furchtbar müde«, gestand sie. »Die Reise von den Bermudas nach England war sehr strapaziös. Wenn du nichts dagegen hast, Daniel, würde ich mich gerne etwas hinlegen und schlafen.«

»Moment mal«, rief ich aus. Gracias Unverfrorenheit ging mir entschieden zu weit. »Es gibt hier in der Nähe eine Vielzahl guter Hotels, in denen Sie übernachten können ...«

»Brenda«, fuhr Daniel mir über den Mund und ein strafender Blick traf mich aus seinen blauen Augen. »Wo soll Gracia zu dieser späten Stunde denn noch ein Hotelzimmer finden?«

»Warum haben Sie sich bei Ihrer Ankunft in London nicht sofort um ein Hotel gekümmert?«, fragte ich Gracia gereizt. In meinen Augen war ihr Verhalten berechnend und unverschämt. Sie musste von vornherein vorgehabt haben, sich bei uns einzuquartieren.

Gracia schlug beschämt die Augen nieder. »Ich ... ich habe kein Geld«, eröffnete sie uns. »Die Reise nach London hat meine letzten Ersparnisse aufgebraucht.«

»Soweit ich Ihnen folgen konnte, ist Ihr Mann Arzt und arbeitete zuletzt in einer Privatklinik«, erwiderte ich. »Sie wollen mir doch wohl nicht etwa weismachen, dass Sie kein Geld haben.«

»Jim konnte mit Geld noch nie gut umgehen«, erwiderte Gracia kühl. »Aber wenn Sie mich nicht beherbergen wollen, Mrs. Logan, dann werde ich Sie natürlich nicht länger belästigen. Ich werde schon irgendwo einen Platz zum Schlafen finden.«

Gracia wollte sich erheben. Aber Daniel hielt sie am Arm zurück und zwang sie, sich wieder hinzusetzen.

»Ihr beide verhaltet euch ziemlich albern«, meinte er tadelnd und sah uns nacheinander streng an. »Natürlich kannst du bei uns übernachten«, erklärte er dann an Gracia gewandt. »Und du, Brenda, solltest Gracia endlich verzeihen, dass sie unseren romantischen Abend zunichte gemacht hat.«

Gracia und ich schwiegen verbissen. Wir sahen uns nicht an. Mir schwirrten noch unzählige Fragen durch den Kopf, die ich Gracia gern gestellt hätte, denn ihre Geschichte kam mir mehr als seltsam vor. Doch ich war eingeschnappt und hatte keine Lust, mich mit Gracia zu unterhalten. Darum zog ich es vor zu schweigen.

»Ich möchte mich jetzt bitte ein wenig frisch machen«, meinte Gracia plötzlich.

»Du findest im Badezimmer alles Nötige«, bot Daniel freizügig an. »Brenda und ich werden inzwischen das Sofa für dich herrichten.«

Gracia schenkte Daniel ein charmantes Lächeln. Dann erhob sie sich und verschwand im Badezimmer.

Daniel sah mich nachdenklich an. »Was ist bloß mit dir los, Brenda?«, fragte er mit gedämpfter Stimme. »Sonst bist du doch auch nicht so kühl und abweisend, wenn es darum geht, einem Menschen zu helfen.«

Ich seufzte und vollführte eine hilflose Geste mit der Hand. »Ich weiß auch nicht«, erwiderte ich gereizt. »Ich habe das Gefühl, dass Gracia dir etwas vormacht. Ihr ganzer Auftritt war viel zu theatralisch und aufgesetzt. Und das Schlimmste ist, dass du auch noch darauf reinfällst.«

Daniel grinste und sah mich liebevoll an. »So einfältig, wie du glaubst, bin ich gar nicht«, meinte er amüsiert. »Mir ist nämlich durchaus aufgefallen, dass Gracia uns irgendetwas verheimlicht. Trotzdem bin ich mir sicher, dass sie unsere Hilfe braucht.«

»Wahrscheinlich hast du recht«, lenkte ich ein. »Allerdings behagt es mir nicht, dass Gracia sich derart unverfroren in unser Privatleben schleicht. Ist dir überhaupt aufgefallen, dass sie nicht einmal einen Koffer oder eine Reisetasche bei sich hat? Und erst die Klamotten, die sie anhatte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei den Frauen auf den Bermudas in ist, einen zu weiten Männeranzug zu tragen.«

»Wir werden schon noch herausfinden, was es mit all diesen Dingen auf sich hat«, meinte Daniel zuversichtlich. »Aber nun sollten wir für Gracia das Bett herrichten. Ich bin nämlich auch ziemlich müde und freue mich schon darauf, mit dir zu kuscheln und in deinen Armen einzuschlafen.«

Ich lächelte glücklich. Meine Eifersucht war plötzlich wie weggeblasen. Rasch hauchte ich Daniel einen Kuss auf die Lippen. Dann machten wir uns eilig daran, das Sofa zu einem Bett umzubauen.

4

Langsam tauchte ich aus tiefem Schlaf empor. Ich lag in Daniels Armen und mein Kopf war auf seiner nackten Brust gebettet, die sich im Rhythmus seines Atems langsam hob und senkte.

Es herrschte stockdunkle Nacht. Mattes, kaum wahrnehmbares Licht drang durch die Gardinen vor den Fenstern unseres Schlafzimmers. Schemenhaft zeichneten sich die vertrauten Konturen der Möbel darin ab.

Doch ich sah noch etwas anderes. Ein graues unförmiges Etwas, das über den Boden kroch und an den Möbeln emporglitt. In der Luft lag der Geruch von Meer und Algen.

Verwundert setzte ich mich im Bett auf und starrte in die Dunkelheit. Da gewahrte ich, dass es Nebel war, der da durch unser Schlafzimmer kroch, und dass er es war, der diesen seltsamen Geruch verströmte.

Instinktiv tastete ich nach Daniel und rüttelte ihn sanft an der Schulter.

»Daniel, wach auf!«, rief ich verhalten. »Es ist etwas in unserem Zimmer!«

Daniel stöhnte im Schlaf. Dann endlich öffnete er die Augen und richtete sich benommen auf.

Im selben Moment zog sich der Nebel zurück. Als würde er förmlich von den Ritzen der Tür aufgesogen, verschwand er und war im nächsten Moment wie vom Erdboden verschluckt.

»Was ist denn, Brenda?«, fragte Daniel verschlafen.

»Da ... da war eben so ein komischer Nebel«, erklärte ich verstört. »Aber jetzt ist er wieder fort.«

»Deine Sinne haben dir wahrscheinlich einen üblen Streich gespielt«, meinte Daniel lahm und ließ sich wieder in das Kissen zurück sinken. »Schlaf wieder ein, mein Schatz. Wir beide haben morgen einen anstrengenden Tag.«

Kurz darauf waren Daniels regelmäßigen Atemzüge zu vernehmen, die verrieten, dass er wieder eingeschlafen war.

Meine Müdigkeit war jedoch auf einmal wie weggeblasen. Noch immer hing der kaum wahrnehmbare Geruch nach Meer und Brandung in der Luft. Dieser Geruch war mir schon am Abend aufgefallen, als ich mich im Badezimmer fürs Bett zurecht gemacht hatte. Gracia war vor mir in dem Badezimmer gewesen, und ich vermutete, dass der eigentümliche Duft von ihr stammte.

Behutsam, um Daniel nicht erneut zu wecken, verließ ich das Bett. Ich glaubte nicht, dass der geheimnisvolle Nebel eine Sinnestäuschung gewesen war. Ich wollte der Sache auf den Grund gehen.

Nur in mein dünnes Nachthemd gekleidet, schlich ich zur Tür und trat auf den Flur hinaus. Hier war der Meeresgeruch wieder deutlicher spürbar. Leise schlich ich bis zum Wohnzimmer. Die Tür war nur angelehnt. Ich drückte sie auf - und erstarrte.

Durch die großen Panoramafenster drang das fahle Licht der nächtlichen Großstadt. Schneeflocken tanzten vor den Scheiben und zauberten schwebende, geisterhafte Schatten an die Wände und Möbel. Auf dem Sofa lag Gracia. Sie hatte einen meiner Pyjamas an und wälzte sich unruhig hin und her. Über ihr schwebte der geheimnisvolle Nebel. Er wirkte sehr filigran und schimmerte im matten Schein des hereinfallenden Lichts.

Fasziniert und schockiert zugleich beobachtete ich, wie der Nebel lange, tentakelförmige Arme ausbildete, die wie im Takt einer unhörbaren Sphärenmusik um Gracia herumtanzten und sie einhüllten. Schließlich sah das ganze Gebilde so aus wie ein riesiger Kokon aus hauchdünnem Nebelgespinst. In der Mitte dieses Kokons lag Gracia. Sie stöhnte und warf den Kopf unruhig hin und her: Schweißperlen traten auf ihre Stirn, und ihre Lider flatterten, als würde sie von einem heftigen Alptraum geplagt.

Wie unter einem fremden Zwang trat ich näher. Als ich Gracia betrachtete, kam es mir so vor, als wäre ihr Teint um einige Nuancen blasser als zuvor. Auch ihr brünettes Haar wirkte farblos und grau.

Fieberhaft überlegte ich, was ich tun sollte. Irgendetwas Geheimnisvolles, Mysteriöses ging mit Gracia vor sich. Doch warum der Nebel sie umgab und was er mit der Frau machte, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Unschlüssig streckte ich meine Hand aus. Als meine Finger das Nebelgespinst berührten, fühlte ich etwas Kaltes, Feuchtes.

Im nächsten Augenblick stob der geheimnisvolle Nebel auseinander und löste sich auf. Gracia riss die Augen auf. Sie fuhr hoch und setzte sich senkrecht auf. Ihre Augen blickten wirr in dem Zimmer umher. In ihnen lag ein seltsames kaltes Leuchten, das jedoch sofort wieder verschwand.

»Brenda?«, fragte sie mit rauer Stimme, als sie mich vor dem Sofa stehen sah. »Was machen Sie da?«

»Ich ... ich konnte nicht ein schlafen«, meinte ich verlegen. Plötzlich kam ich mir wie ein kleines Kind vor, das beim Spionieren ertappt worden war.

»Und warum haben Sie mich geweckt?«, fragte Gracia gereizt. »Ich bin nicht aufgelegt, Ihnen die Zeit zu vertreiben.«

Demonstrativ legte sie sich wieder hin und schlüpfte unter die Decke.

»Ich habe einen seltsame Nebel gesehen«, begann ich. »Er schien sie eingehüllt zu haben.«

»So ein Unsinn«, erwiderte Gracia abweisend. »Sie müssen reichlich wirr geträumt haben. Oder die Schatten der tanzenden Schneeflocken haben Sie genarrt.«

Ich schnupperte. Noch immer schwebte ein Hauch von Meeresgeruch im Zimmer.

»Riechen Sie es denn nicht?«, fragte ich leise. »Man könnte meinen, dass Meer wäre ganz in der Nähe.«

»Das ist mein Parfüm«, behauptete Gracia unbeteiligt. »Diese Duftnote ist auf den Bermudas der letzte Schrei.«

Gracia drehte sich von mir weg und zog sich die Decke über die Ohren. »Und nun wäre ich Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie mich wieder schlafen ließen«, brummte sie unhöflich.

Ich zuckte ratlos mit den Schultern und wandte mich ab. Auf leisen Sohlen kehrte ich ins Schlafzimmer zurück.

Daniel schlief noch immer friedlich und fest. Fröstelnd kuschelte ich mich an seine Seite. Ich versuchte, wieder einzuschlafen. Aber ich fuhr immer wieder aus leichtem Schlummer hoch und sah mich ebenso aufmerksam wie verstört im Zimmer um.

Doch der geisterhafte Nebel erschien kein zweites Mal.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904017
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334834
Schlagworte
amulett banne hexers

Autor

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Titel: Das magische Amulett #46: Im Banne des Hexers