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Gunfighter Trail #3: Raues Gesetz

2016 120 Seiten

Leseprobe

Gunfighter Trail

Band 3

Raues Gesetz

Ein Western von Aylin Carrington

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

In der kleinen Stadt Plainsborough nimmt Johnny Ringo einen Job als Deputy an. Als er sich in die Irin Eireen O'Clary verliebt, scheint sein Glück perfekt. Doch Ringo ist und bleibt ein Gunfighter - und als der erste Revolverheld auftaucht, kann er nicht anders, als zur Waffe greifen ...

Roman

Der Reiter saß leicht vorgebeugt im Sattel, seine Rechte schwebte über dem mit Perlmutt verzierten Griff seines Revolvers, in den mehrere Kerben geritzt waren. Die blauen Augen beobachteten aufmerksam die Umgebung und der ganze Körper des Mannes schien angespannt zu sein, gerade so, als würde er jeden Moment mit einem Angriff rechnen. Seine Kleidung war schwarz wie die Nacht und aus einem fein gewebten Stoff, der davon zeugte, dass der Träger über mehr Geld verfügte als ein einfacher Cowboy.

Er war von großer Statur, schlank, fast mager, mit breiten Schultern. Sein Gesicht war glatt rasiert und wirkte jungenhaft. Doch bei genauerer Betrachtung waren Linien darin sichtbar, die von harten Erfahrungen zeugten.

Konzentriert blickte der Reiter sich um. Nachdem er sich versichert hatte, dass niemand ihm folgte, zügelte er sein Pferd und glitt aus dem Sattel. Aus der Satteltasche nahm er ein Halstuch, wischte sich damit den Schweiß von der Stirn und packte es wieder zurück. Dann löste er die Wasserflasche vom Sattelhorn, gab zuerst seinem Pferd zu saufen und trank schließlich selber einen Schluck. Noch immer beobachtete er aufmerksam seine Umgebung. Doch nichts Außergewöhnliches regte sich. Nur ein Gecko huschte über die heiße Erde.

Johnny Ringo seufzte. Es war unerträglich heiß und er hatte keine Ahnung, wie weit die nächste Stadt noch entfernt war. Außerdem ging ihm langsam aber sicher das Wasser aus. Resigniert kniete er sich nieder, nahm eine Handvoll Erde und ließ sie durch seine Finger rieseln. Knochentrocken. Nicht mal Kakteen wuchsen in dieser Gegend. Schließlich erhob er sich wieder, stieg in den Sattel und drückte seinem Tier die Hacken in die Seite. Er musste eine Stadt finden, einen Fluss oder zumindest einen Bach.

Am nächsten Tag spürte er, wie der Rappe immer unruhiger wurde. Vermutlich witterte er Wasser. Und tatsächlich, gegen Mittag erreichte er ein Wasserloch. Johnny sprang vom Pferd, kniete sich nieder, schöpfte mit beiden Händen Wasser und wollte trinken. Doch kaum hatte die Flüssigkeit seine Lippen berührt, merkte er, dass etwas nicht stimmte. Sein Tier stand noch immer ein paar Schritte entfernt und scharrte nervös mit den Hufen im Sand. Ringo wurde misstrauisch. Er öffnete die Hände und die kostbare Flüssigkeit rann zurück. Dann stand er langsam auf und erst jetzt bemerkte er das tote Kaninchen, das ein paar Schritte entfernt lag und ein Stück weiter den bereits verwesenden Kojoten, auf dem ein Schwarm Fliegen hockte und an dem sich schon die Geier satt gefressen hatten.

„Verdammt!“, fluchte er. Jetzt war er überzeugt, dass das Wasser vergiftet war. Fahrig fuhr er sich mit der Hand über die Stirn. Dann stieg er seufzend wieder in den Sattel und zog sein Pferd herum.

*

Krampfhaft hielt Ringo sich im Sattel. Seit zwei Tagen hatte er jetzt nichts mehr getrunken und auch das Pferd schleppte sich nur noch mühsam voran. Er wusste, noch zwei weitere Tage ohne Wasser und die Aasgeier würden sich über seine Leiche hermachen.

Johnnys Lippen waren vollkommen ausgetrocknet und aufgesprungen. Die Zunge klebte ihm am Gaumen, das Schlucken wurde zur Qual. Er hatte Kopfschmerzen und große Probleme sich zu konzentrieren. Untrügliche Anzeichen dafür, dass der Wassermangel lebensbedrohlich zu werden begann.

Doch gerade als er glaubte jeden Moment bewusstlos aus dem Sattel zu kippen, vermeinte er die Umrisse einer Stadt entdeckt zu haben. Seine Augen brannten, als er sie mehrmals zusammenkniff, aber die Stadt blieb. Johnnys Herz machte einen Sprung. Doch je näher er der Town kam, desto seltsamer kam ihm die ganze Sache vor. Und als er etwa eine halbe Meile entfernt von dem ersten Haus das Ortsschild im Staub liegen sah, wurde seine Vermutung zur Gewissheit. Eine Geisterstadt.

Ein Stöhnen entrang sich seiner trockenen Kehle. Dann fasste er sich wieder.

Der Wind trieb heißen Sand und verdorrte Büsche durch die Straßen und Gassen. Irgendwo schaukelte quietschend ein Schild. Fast alle Fenster waren zerbrochen und einige der Häuser waren bereits in sich zusammengefallen.

Zuerst ritt er, vorbei an den Überresten dessen, was einmal ein Buggy gewesen war, zum Mietstall. Dort sattelte er ab und fand tatsächlich in einer Kiste noch etwas Hafer, das er seinen Rappen gab. Dann machte er sich auf, um einen Brunnen zu suchen. Doch als er endlich einen gefunden hatte und den Eimer in die Tiefe warf, war nicht das übliche Klatschen zu hören, das entstand, wenn Holz auf Wasser trifft.

„Damned!“

Der Brunnen war vollkommen ausgetrocknet. Kein Wunder, dass die Menschen diesen Ort verlassen hatten. Wütend hieb Ringo mit der Faust auf die Ummauerung. Auch keine der Pumpen, die er gefunden hatte, hatte funktioniert. Seine letzte Hoffnung schwand dahin. Unschlüssig was er nun tun sollte, ging er langsam hinüber zum Saloon und ließ sich an einen der Tische nieder. Neben dem Durst machte sich jetzt auch der Hunger in ihm breit. Ringo sah zum Regal hinter der Theke. Aber dort war keine einzige volle Flasche; nur zwei leere, mit Sprüngen durchsetzte Biergläser standen dort, in denen Spinnen ihre Netze gewebt hatten. Johnny stützte die Ellenbogen auf den Tisch und vergrub den Kopf in die Hände. Eine Weile saß er so da und grübelte. Schließlich stand er auf und begann systematisch jedes Haus in der Stadt zu durchsuchen.

Hells End, wie er auf dem Schild gelesen hatte. Was für ein passender Name, dachte er. Das erste Gebäude, das er betrat, war die Bank. Der schwere Tresor stand offen und war leer, ebenso das kleine Büro. Als nächstes betrat er das Sheriff’s Office. Auch hier keine Menschenseele. Die Zellen waren unversperrt, die Decken auf den Pritschen fehlten, der unbequeme Holzstuhl lag zerbrochen auf dem Boden und alles war von einer dicken Staubschicht bedeckt.

Johnnys Blick fiel auf die Pinnwand. Er wusste um die Aktualität der Steckbriefe. Und diese dort waren alt. Ian Red hatte man bereits vor sechs Monaten gehängt. Diese Stadt musste also schon lange verlassen sein. Es dauerte ein paar Stunden, bis er sämtliche Häuser von Hells End durchsucht hatte. Das Einzige, was er neben ein paar zurückgelassenen, unbrauchbaren Gegenständen gefunden hatte, war eine Flasche Rotwein, die jemand in der hintersten Ecke seines Lagerraumes vergessen hatte. Nun, das war besser als gar nichts. Und so zog er sich bei Einbruch der Dunkelheit mit seiner Beute in ein Hotelzimmer zurück und harrte der Dinge, die da noch kommen sollten. Er war frustriert, müde, hungrig und brauchte erst mal eine Weile, um sich über sein weiteres Vorgehen klar zu werden.

Am nächsten Morgen erwachte er mit einem fürchterlichen Kater. Der Wein hatte zwar vorübergehend seinen Durst gestillt, aber auf nüchternem Magen war er ihm sofort ins Blut gegangen. Die Übelkeit unterdrückend stand er auf und trat an das Fenster. Doch nichts hatte sich verändert. Angestrengt überlegte er, was er tun sollte. Er konnte hier bleiben und warten, bis er verdurstete oder weiterziehen und hoffen, irgendwann auf ein Wasserloch zu stoßen. Gerade als er sich entschlossen hatte, erblickte er am Himmel dunkle Wolken. War das Wirklichkeit oder eine Halluzination, hervorgerufen durch den Wassermangel? Doch keine zwei Stunden später hatte sich eine massive Wolkendecke gebildet und am Nachmittag fielen endlich die ersten Regentropfen. Blitze zuckten und Donner grollte. Irgendwo klapperten im Wind ein paar Fensterläden.

Ringo trat auf die Veranda des Hotels. Der Regen klatschte ihm ins Gesicht und durchdrang seine Kleidung. Zufrieden sah er, wie sich das kostbare Nass in dem Wassertrog vor dem Mietstall sammelte. Er ging hinüber, führte sein Pferd hinaus und ließ es saufen. Erst dann trank er selber so viel, dass ihm fast schlecht wurde. Dann brachte er sein Pferd zurück in den Stall und ging wieder ins Hotel. Er ließ sich auf das Bett fallen und lauschte den gegen das Fenster prasselnden Tropfen.

Am nächsten Morgen füllte er seine Wasserflasche, sattelte seinen Rappen und machte sich wieder auf den Weg. Sein Magen knurrte noch immer.

Als er ein paar Meilen von der Stadt entfernt war, erregte ein aufgeregtes Rasseln seine Aufmerksamkeit. Offensichtlich hatte er eine sich sonnende Schlange aufgescheucht. Es war eine große Diamant-Klapperschlange, mindestens 1,20 Meter lang. Sie war grün, mit deutlichen rautenförmigen und dunkelbraunen Zeichnungen auf dem Rücken.

Zuerst wollte er einen großen Bogen um sie machen. Doch dann überlegte er es sich anders. Ein Grinsen huschte über sein Gesicht, während er den Revolver zog. Er zögerte kaum merklich, dann schoss er. Die Kugel zerschmetterte den Kopf des Tieres. Der Rappe tänzelte unruhig, als Fleischstücke, Schuppen und Blut durch die Luft flogen.

Ringo entschloss sich zu rasten und entfachte ein Feuer. Es kostete ihm einige Überwindung, in das weiße, feste, fast zähe Fleisch zu beißen, doch der Hunger siegte.

*

Johnny Ringo war heilfroh, als er die Main Street von Whistbow hinauf ritt. Er sehnte sich nach einem Bier, einem Bad und einem Bett, und zwar in genau der Reihenfolge.

Vor dem Saloon stieg er steifbeinig aus dem Sattel, band sein Pferd an den Holm und stieß die Schwingtüren auf.

Der typische Geruch nach Alkohol, Zigarettenqualm, Schweiß und billigem Parfüm schlug ihm entgegen. Er ließ seinen Blick schweifen, doch kein Gesicht kam ihm hier bekannt vor.

Lässig lehnte er sich gegen den Tresen und bestellte ein Glas Bier, das er mit einem gierigen Zug zur Hälfte leerte.

„Sie scheinen nicht von hier zu sein“, sagte der Barkeeper, der die 40 längst überschritten hatte. Sein Gesicht war faltig und von einer ungesunden Farbe.

„Nein“, Ringo war nicht nach einer Unterhaltung zumute.

„Auf der Durchreise? Oder suchen Sie Arbeit?“

„Für einen Barkeeper sind Sie ziemlich neugierig!“

„Nun, ich bin den Menschen gern behilflich!“ Er grinste, stellte das Glas, das er gerade abgetrocknet hatte, ins Regal und nahm das nächste. „Gegen eine entsprechende Bezahlung natürlich!“

Ringo trank sein Bier aus und warf eine Münze auf den Tresen. „Ich bin nicht interessiert.“

Als er sich umwandte und den Saloon verließ, blieb der Blick des Barkeepers auf Johnnys Revolver hängen. Der Griff der Waffe war aus Perlmutt gefertigt und in geschwungenen Buchstaben war der Name des Besitzers eingraviert: J. Ringo.

Der Barkeeper grinste.

Johnny band sein Pferd vom Holm los und führte es hinüber zum Mietstall. Normalerweise ließ er es sich nicht nehmen, sein Tier selber zu versorgen. Aber er war müde und so überließ er es dem Stallburschen, ehe er sich ein Hotel suchte. Er ließ sich eine Wanne mit heißem Wasser füllen, und nachdem er gebadet hatte, zog er sich neue Sachen an, setzte sich an den Tisch und säuberte sorgfältig seinen Revolver. Erst dann zog er die Vorhänge zu und ließ sich auf das Bett fallen. Er schloss die Augen, doch der Schlaf wollte nicht kommen, obwohl er erschöpft war.

Sechs Monate war es jetzt her, seit er noch einmal in Greenley gewesen war. Seitdem war er gegen drei Gunfighter angetreten und hatte zwei gesuchte Mörder zurück ins Jail gebracht, wofür er ein hohes Kopfgeld kassiert hatte.

Jetzt war er einfach nur noch ausgelaugt. Er hatte vor, eine Weile in Whistbow zu bleiben und dann nach Plainsborough zu reiten.

Als die Dämmerung hereinbrach fiel er endlich in einen unruhigen Schlaf.

*

Am nächsten Morgen frühstückte er in Ruhe und suchte anschließend den Town-Marshal auf.

„Guten Morgen!“

Der Gesetzeshüter blickte auf und kniff die Augen zusammen. „Guten Morgen, Mister! Was kann ich für Sie tun?“

Ringo nickte in Richtung der Wand, an der einige Steckbriefe hingen. „Trace Kingston sitzt bereits wieder hinter Gittern“, antwortete er.

Howard Keats legte die Feder zur Seite, verschloss das Glas mit der Tinte und schürzte die Lippen. „Wie ein Sheriff oder Marshal sehen Sie nicht gerade aus. Also tippe ich darauf, dass Sie ein Kopfgeldjäger sind!“

Johnny legte den Kopf schief. Hatte er eine Spur von Verachtung in der Stimme des alten Mannes gehört?

„Und wenn es so wäre?“, entgegnete er.

Der Alte seufzte. „Ich nehme an, dass Sie von mir ein paar Steckbriefe wollen.“

„Ja. Und falls es Sie beruhigt, ich werde in ein paar Tagen weiter reiten.“

Keats kramte aus einer Schublade einen Stapel Blätter hervor. „Hier. Sie scheinen besser auf dem Laufenden zu sein als ich!“

Ringo konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Nachdem er den Stapel durchgesehen hatte blieben drei Steckbriefe übrig. „Danke!“ Er faltete sie ordentlich zusammen und steckte sie in seine Hemdtasche. Dann tippte er freundlich an die Hutkrempe und verließ das Office. Sein nächster Weg führte ihn zum General Store, wo er seine Vorräte auffüllte.

Whistbow gefiel ihm. Die Stadt war ruhig und der Town-Marshal hatte ihm keine Probleme gemacht. Vielleicht würde er doch länger bleiben.

Die folgenden Abende verbrachte er im Saloon. Seine Leidenschaft für das Pokerspielen war wieder erwacht und er hatte rasch einige Gleichgesinnte gefunden.

Es ging bereits auf Mitternacht zu, als ein Fremder den Saloon betrat.

Aus den Augenwinkeln beobachtete Johnny, wie er sich sofort an den Barkeeper wandte und diesem ein Bündel Geldscheine zusteckte. Der Barkeeper nickte und deutete in Johnnys Richtung.

Ringo wurde nervös. Er konzentrierte sich nicht mehr auf die Karten und verlor das Spiel.

Der Fremde rückte seinen Revolvergurt zurecht und kam genau auf den Pokertisch zu.

„Johnny Ringo?“, fragte er. Sofort verstummte jegliches Gespräch.

Ruhig schob Johnny seinen Hut ein Stück aus der Stirn und seine hellblauen Augen blickten den Fremden durchdringend an. Was er sah gefiel ihm gar nicht. Der Fremde war etwa 30, ungefähr 1,80 Meter groß, blond und er trug teure Kleidung. Kein Cowboy also, der nur auf Ärger aus war. An seiner linken Hüfte hing ziemlich tief ein Revolver. Und Johnny war sicher, dass er damit verdammt gut umgehen konnte.

Er verfluchte den Barkeeper, der so bereitwillig seine Informationen verkauft hatte.

„Yeah“, antwortete er schließlich und legte gleichzeitig gut sichtbar die Hände auf den Tisch. Er hatte nicht die geringste Lust sich hier und jetzt zu schießen. Dafür hatte er an diesem Abend schon zu viel Whiskey getrunken.

„Mein Name ist Luke Harris, und ich fordere dich heraus!“

Ringos Herz begann schneller zu schlagen. Er hatte noch nie von diesem Harris gehört oder ihn ziehen sehen und hatte deshalb keine Ahnung, wie schnell er war. Ein hohes Risiko, das er nicht bereit war einzugehen.

Johnny grinste. „Wollen Sie sich nicht lieber setzen und ein Bier mit mir trinken, anstatt sich mit mir zu schießen?“, bot er freundlich an.

Doch Ringos Einladung bewirkte genau das Gegenteil. Wütend fegte Harris Gläser, Karten und Münzen vom Tisch. Dann beugte er sich vor, bis sein Gesicht nur noch ein paar Zentimeter von Ringos entfernt war. „Ich erwarte dich bei Sonnenaufgang auf der Main Street!“, zischte er. Dann wandte er sich um und verließ den Saloon.

Johnny stand seufzend auf. Kurzentschlossen ließ er sich noch eine Flasche Whiskey geben und kehrte zurück in sein Zimmer. Dort packte er hastig seine Sachen zusammen, schloss die Tür hinter sich und machte sich auf den Weg zum Mietstall. Doch als er dort angekommen war, musste er mit Erschrecken feststellen, dass sein Rappe nicht mehr da war.

„Verdammt!“, fluchte er.

Als er sich umblickte, entdeckte er hinter einem Strohballen liegend den Stallknecht. Besorgt kniete er sich nieder. Der Mann war bewusstlos, auf seinem Hinterkopf prangte eine große Beule.

Er überlegte fieberhaft, was er jetzt tun sollte.

Weit konnte Harris mit dem Pferd nicht gekommen sein. Vermutlich würde es irgendwo in einer Seitengasse stehen. Aber es würde dauern, ehe Ringo es gefunden hatte und außerdem war er nicht der Mann, der sich so etwas einfach gefallen ließ.

Er konnte sich einfach in sein Zimmer verkriechen und die Frist verstreichen lassen. Aber wie würde er dann dastehen? Als Feigling.

Ringo holte tief Luft und stand wieder auf. Nein, er würde nicht weglaufen. Das hatte er einmal getan und es hatte ihn auf diesen gottverdammten Trail eines Gunfighters getrieben. Seine Feigheit hatte er mit Blut bezahlt, mit seinem und dem vieler anderer Männer. Noch einmal würde er nicht weglaufen.

Als er sich umdrehte, stand Luke Harris in der Tür, kaum erkennbar in dem schwachen Licht der Laterne.

„Hatte ich also Recht, du würdest versuchen davonzulaufen!“, stieß er provozierend hervor.

Doch davon ließ Ringo sich nicht beeindrucken. Statt zur Waffe zu greifen trat er dicht an Harris heran. „Ich habe keine Lust darauf, mitten in der Nacht mein Pferd zu suchen. Also schaff es mir wieder herbei und du bekommst deinen Kampf“, raunte er.

Harris lachte. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so einfach sein würde!“

Kaum hatte er das letzte Wort ausgesprochen, prallte auch schon Ringos Faust auf sein Kinn. Die Wucht des Schlages ließ ihn gegen die Tür taumeln. Instinktiv griff er zur Waffe, schoss jedoch nicht.

Ringo nickte. Jetzt wusste er, wie schnell dieser Mann war. „Wir sehen uns bei Sonnenaufgang!“

*

Johnny Ringo schlug die Augen auf. Erstaunlicherweise hatte er ein paar Stunden tief und fest geschlafen. Als er einen Blick auf seine Taschenuhr warf, stellte er fest, dass er noch ungefähr eine Stunde bis zum Sonnenaufgang hatte. In aller Ruhe machte er sich fertig und ging hinunter zum Frühstück.

„Sie sind wirklich eiskalt, Mister!“

Town-Marshal Howard Keats zog sich einen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder.

Ringo hob langsam den Kopf und seine hellblauen Augen blickten den Gesetzeshüter fragend an.

„In ein paar Minuten wird dort draußen dieser Harris stehen und Sie erwarten. Sie wissen nicht, ob Sie diese Stadt wieder lebend verlassen und dennoch sitzen Sie hier in aller Seelenruhe und essen Rührei mit gebratenem Speck!“

„Nun, mit knurrendem Magen schießt es sich schlecht. Geben Sie mir bitte mal das Salz vom Nebentisch?“ Seine Stimme ließ nicht erkennen, ob Keats’ Worte ihn auch nur in geringster Weise berührt hatten.

Der Town-Marshal knallte verständnislos die Schale mit dem Salz vor dem Gunfighter auf den Tisch. „Entweder sind Sie total verrückt oder eiskalt!“

Ungerührt schob Johnny sich ein Stück Speck in den Mund.

„Sind Sie so begierig darauf zu sterben?“, fragte der Gesetzeshüter, als Johnny darauf nichts erwiderte und kräuselte dabei verständnislos die Stirn.

Johnny seufzte. Wie oft hatte er sich schon selber diese Frage gestellt?

„Nein!“

„Warum nehmen Sie dann die Herausforderung an?“

„Weil Harris mir keine andere Wahl lässt. Ich hätte aus der Stadt reiten können, aber dann wäre er mir nachgeritten, hätte mir irgendwo aufgelauert und mich hinterrücks erschossen. Oder ich hätte mich in dem Zimmer verkriechen können, bis er irgendjemand als Geisel genommen und mich erpresst hätte. Glauben Sie mir, Keats, ich kenne das Spiel. Ich habe schon alle Varianten kennen gelernt. Es gibt nur eine Möglichkeit, es zu gewinnen: indem ich schneller bin als er!“

„Sind Sie das?“

Für einen Moment glaubte der Town-Marshal Angst in Ringos Augen zu sehen.

Johnny legte das Besteck zur Seite und erhob sich. Ein Schatten von Trauer huschte über sein Gesicht.

„Ich fürchte ja“, murmelte er, warf eine Münze auf den Tisch, rückte seinen Revolvergurt zurecht und schritt auf die Schwingtüren zu. Dort drehte er sich noch einmal um. „Das Essen hier ist wirklich gut“, sagte er.

Keats schüttelte den Kopf. Keine fünf Minuten später hörte er zwei Schüsse. Seufzend trat er hinaus auf den Sidewalk. Tief in seinem Innern erwartete er diesen Gunfighter in seinem eigenen Blut liegen zu sehen. Doch er hatte sich geirrt. Johnny Ringo stand aufrecht da.

Als Ringo Schritte hörte, wandte er den Kopf. Er holte noch einmal tief Luft. Schließlich lud er seinen Revolver nach und ließ ihn wieder ins Holster gleiten.

„Sie hatten Recht!“ Harris verschränkte die Arme vor der Brust.

Ringo nahm ein paar Scheine aus seiner Hemdtasche und ließ sie achtlos in den Staub der Straße fallen.

„Sorgen Sie dafür, dass er ordentlich unter die Erde kommt“, sagte er tonlos. Mit einem Ruck wandte er sich ab und ging langsam Richtung Mietstall. Er wollte nichts wie raus aus dieser Stadt.

*

Johnny Ringo trank den letzten Schluck Kaffee, stellte die Blechtasse auf die Erde und lehnte sich mit dem Rücken an einem Baumstamm. Er hatte einen guten Lagerplatz am Ufer eines kleinen Flusses am Rande eines Waldes gefunden und hoffte inständig, dass er eine ruhige Nacht haben würde. In dem kleinen Lagerfeuer knackten die Zweige und irgendwo in der Nähe heulte ein Wolf den hellen Mond an.

Aus seiner Westentasche zog Johnny ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Wie oft schon hatte er diesen Brief gelesen? Gary Bates hatte ihn geschrieben. Der einzige Mensch, der an ihn glaubte, der einzige Mann, der sich sicher war, dass noch Gutes in ihm steckte.

Seufzte steckte er den Brief wieder zurück.

Morgen Nachmittag würde er Plainsborough erreichen. Vielleicht würde es ihm dort gelingen, ein neues Leben anzufangen.

Er legte sich hin und zog die dünne Decke über seine Schultern. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so einsam gefühlt. Nicht einmal der Anblick der Sterne über ihm tröstete ihn. Im Gegenteil. Wieder einmal wurde ihm bewusst, wie alleine er im Grunde doch war. Unruhig drehte er sich auf den Rücken und verschränkte die Arme unter dem Kopf. Seit er seinen Vater getötet hatte war er auf der Flucht, vor der Gerechtigkeit und vor sich selber. Er hatte in dieser Zeit gelernt, wie kein anderer mit dem Revolver umzugehen. Das hatte ihn zu einem der gefürchtetsten Gunfighter gemacht, die der Westen je gesehen hatte. Und zu einem der einsamsten. Jetzt bereute er den Weg, den er eingeschlagen hatte. Doch zum Umkehren war es zu spät. Die Geschehnisse der letzten Jahren hatten ihn geprägt und das nicht gerade zum Guten. Tief in seinem Innern wusste er, dass zwischen dem Gunfighter Johnny Ringo und dem Killer nur eine schmale Grenze lag. Und jeden Tag stand er kurz davor sie zu überschreiten. Jeden Morgen, wenn er aufstand, fragte er sich, ob dies der letzte Sonnenaufgang war, den er sehen würde. Und jedes verdammte Mal, wenn er gegen jemanden antrat, war es ihm nicht möglich, langsamer zu sein als der andere. Er war dazu verdammt, ein Gunfighter zu sein und zu töten um zu überleben. Er konnte nicht anders.

Vielleicht, dachte Johnny, hätte ich Gary Bates’ Angebot doch annehmen sollen. Vielleicht ist das Leben eines Cowboys doch gar nicht so schlecht.

Über diesen Gedanken schlief er endlich ein.

Wie er es berechnet hatte, erreichte er am frühen Nachmittag des nächsten Tages Plainsborough. Seine Ankunft erregte Aufmerksamkeit, mehr als er wollte. Offenbar sah man ihm immer noch auf den ersten Blick an, dass er ein Gunfighter war. Nun, vielleicht war das in diesem Fall gar nicht so schlecht.

Während er die Main Street hinauf ritt, beobachtete er genau die Menschen. Er sah ihre Verachtung und ihre Angst. Nein, nirgendwo waren Gunfighter und Kopfgeldjäger gerne gesehen. Es sei denn, ihre Dienste wurden gebraucht. Oh wie verlogen die Menschen doch waren, durchfuhr es ihn.

Die Blicke der Bewohner brannten sich wie ein glühendes Brandeisen in seine Haut und er war drauf und dran wieder umzukehren.

Doch schließlich tat er das, was er in jeder Town machte. Er brachte sein Pferd zum Mietstall, nahm sich ein Hotelzimmer und haute sich erst einmal ein paar Stunden aufs Ohr. Er wusste, es würde nicht lange dauern, bis auch hier ein Revolverheld auftauchen würde, um ihn herauszufordern.

Es war bereits dunkel, als Ringo wieder aufwachte. Sein Hunger trieb ihn zuerst ins Restaurant, ehe er den Saloon aufsuchte. In den Schwingtüren blieb er kurz stehen und ließ den Blick schweifen. Dann trat er an die Theke und bestellte sich ein Bier. Diese Stadt war anders als Whistbow. Jung, rau und wild.

Noch immer nagte die Sache mit Harris an Johnny und das machte sich bemerkbar. Er trank mehr als sonst. Irgendwann entschloss er sich, sich zu einer der laufenden Pokerrunden zu gesellen. Das Glück war auf seiner Seite. Er gewann mehrere Spiele und fast 300 Dollar. Doch sein Können machte die anderen misstrauisch.

„Jetzt reicht’s! Soviel Glück kann kein Mensch haben!“

Der Mann sprang so hastig auf, dass sein Stuhl umfiel.

Johnny hatte ihn schon die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen. Er hatte eine gute Menschenkenntnis und ahnte, wann jemand Ärger machte.

„Bezichtigen Sie mich etwa des Falschspielens?“, fragte Ringo ruhig.

„Ja!“

Hätte Johnny etwas weniger getrunken, hätte er vermutlich die Sache auf sich beruhen lassen. Doch stattdessen stand er ebenfalls auf, beugte sich über den Tisch und versetzte dem Mann blitzschnell einen kräftigen Kinnhaken. Innerhalb weniger Augenblicke entbrannte eine wilde Schlägerei.

Plainsborough war Fremden gegenüber nicht freundlich gesinnt. Und kaum dass abzusehen war, dass Ringo den Kampf gewinnen würde, griffen weitere Männer ein. Zu zweit hielten sie den Gunfighter fest, während der Cowboy, der Johnny des Betruges bezichtigt hatte, weiter auf ihn einschlug.

Ringo wehrte sich mit aller Kraft, aber gegen drei Männer hatte selbst er keine Chance. Wieder und wieder traf ihn die Faust des Cowboys. Mehrmals wurde er im Gesicht getroffen und schon bald darauf lief ihm Blut die Schläfen hinab. Das endgültige Aus kam für ihn, als ihm jemand eine volle Flasche Whiskey auf den Schädel schmetterte.

„Schluss jetzt, Leute!“ Sheriff Ray Scheffield gab mit seinem Gewehr einen Warnschuss ab und Holzsplitter regneten von der Holzdecke. Die Männer zuckten zusammen und ließen von Ringo ab,

Nachdem er sich hatte berichten lassen, was passiert war, befahl er zwei Männern den bewusstlosen Gunfighter hinüber zum Jail zu bringen. Achtlos ließen sie ihn dort auf den Boden fallen. Scheffield nahm seinen Revolver an sich, schloss die Zellentür ab und warf einen besorgten Blick auf seinen Gefangenen. Dessen Kopfwunde blutete noch immer.

Kurzentschlossen verließ der Sheriff sein Büro und ging hinüber zur Praxis von Doc Johnsen. Erst eine ganze Weile nach seinem Klopfen öffnete der Alte im Nachthemd die Tür.

„Ich hoffe, dass es wirklich wichtig ist!“, murrte er, als er den Sheriff erkannte.

„Würde ich sonst zu nachtschlafender Zeit hier stehen?“, gab Scheffield ungerührt zurück. Er kannte Ben Johnsen nun schon seit mehr als 15 Jahren und hatte ihn bereits so manches Mal aus dem Bett geholt. „Ich habe einen Gefangenen, der mir gerade die ganze Zelle vollblutet.“

„Gib mir fünf Minuten, ja?“

Bald darauf schloss Scheffield die Zelle wieder auf.

Johnny Ringo saß auf der Pritsche und presste ein bereits blutdurchtränktes Tuch auf die Platzwunde.

„Mein Gott, wer hat Sie denn so zugerichtet?“, fragte der Arzt.

„Ein paar Männer, die keine guten Verlierer waren“, antwortete Johnny grinsend. Sein rechtes Auge begann zuzuschwellen und seine aufgeplatzte Lippe brannte höllisch.

Er betrachtete den Arzt von oben bis unten. Der Alte war mindestens 50 Jahre alt. Und das harte Leben hatte Spuren in seinem von der Sonne braungebranntem Gesicht hinterlassen. Aber in seinen Augen entdeckte Ringo eine Gutmütigkeit, die er erst einmal in seinem Leben gesehen hatte.

Johnsen begutachtete die Kopfwunde und seufzte. „Das muss genäht werden, Junge. Tut dir sonst noch was weh?“

„Meine Rippen!“

„Mmh“, er nickte verstehend,  „um die kümmere ich mich gleich.“

Aus seiner Tasche kramte er Nadel und Faden hervor. Johnny gab keinen Laut von sich, sondern verzog nur leicht das Gesicht. Als er das Hemd auszog, damit Johnsen einen straffen Verband anlegen konnte, hörte er, wie der Sheriff die Luft scharf einsog.

„Oh mein Gott!“, murmelte der Arzt.

Natürlich waren den beiden die Narben auf Ringos Rücken nicht entgangen.

Doc Johnsen fasste sich wieder und beendete seine Arbeit.

„Danke, Doc!“ Manchmal vergaß er, dass er diese Narben trug, nicht nur auf seinem Rücken, sondern vor allem tief in seiner Seele.

„Sie werden ein paar Tage ziemliches Schädelbrummen haben, Mister.“

Ringo lachte. „Sagen Sie Sheriff Scheffield, dass er Ihr Honorar von meinem Lohn abziehen soll!“ Müde streifte er sich wieder sein Hemd über. Die Blutflecken würde er nie mehr rausbekommen. Er würde das Hemd wegschmeißen und sich ein neues kaufen müssen. Mit der Hose sah es ähnlich aus.

„Was?“ Der Gesetzeshüter starrte den Gunfighter verwirrt an.

Ringo sah ihn mit seinen hellblauen Augen seltsam an. Ja, Scheffield war so, wie Bates ihn beschrieben hatte. Groß, mit breiten Schultern und Haaren, die begannen zu ergrauen. Johnny schätzte ihn auf etwa Mitte 40 ein. Und er strahlte genau die Autorität aus, die ein Gesetzesvertreter brauchte, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

„Nun, wenn dies hier Plainsborough ist und Sie Sheriff Ray Scheffield sind, dann bin ich Ihr neuer Deputy!“, antwortete er grinsend. Das Leben hatte doch wirklich einen seltsames Humor.

„Das glaube ich nicht!“, brummte Scheffield.

Johnny bekam tatsächlich Kopfschmerzen. „Hier“, durch die Gitterstäbe reichte er dem Gesetzeshüter Gary Bates’ Brief. Dann machte er es sich auf der Pritsche bequem. „Ich denke, er wird Ihnen ebenfalls geschrieben haben!“

Scheffield überflog die Zeilen. Er konnte, nein, er wollte nicht glauben, dass dieser Junge dort Johnny Ringo sein sollte, der gefährliche Gunfighter und gleichzeitig derjenige, der hier als sein Deputy arbeiten sollte, weil er es seinem alten Freund Gary Bates versprochen hatte.

Ringo legte den linken Unterarm über seine Augen. „Lassen Sie uns morgen früh reden, ja?“

Wütend knallte der Sheriff die Tür zum Zellentrakt ins Schloss und verließ den Zellentrakt. Johnsen saß auf einem Stuhl am Ofen und betrachtete das auf einem kleinen Tisch aufgestelltes Schachspiel.

„Hast du das gehört, Ben?“, fragte Scheffield aufgebracht.

„Ja.“ Er zog den Springer und bedeutete Scheffield Platz zu nehmen. „Du bist!“

„Ich verdammter Idiot habe mich von Gary übers Ohr hauen lassen!“, fluchte er, zerknüllte den Brief und warf ihn in eine Ecke.

Johnsen lachte.

„Er hat geschrieben, er schickt mir einen Jungen namens Johnny, den ich unter meine Fittiche nehmen soll. Dabei hat er natürlich nicht erwähnt, dass es sich um den berüchtigten Johnny Ringo handelt, der kein Junge mehr ist, sondern ein Mann und dazu noch ein Gunfighter!“

Wütend hieb er mit der Faust auf den Tisch, so dass die Figuren einen Sprung in die Höhe machten.

„Und?“, fragte der Alte ruhig.

„Und was?“

„Wirst du dich um ihn kümmern oder nicht?“

„Bleibt mir etwas anderes übrig? Ich habe es Gary schließlich versprochen!“

„Warum regst du dich dann so auf?“ Er stand auf und schnappte sich seine Arzttasche. „Wir sehen uns morgen!“

*

Johnny wachte mit fürchterlichen Kopfschmerzen auf. Sein Auge war komplett zugeschwollen und in seine Lungen schien jemand jedes Mal ein Messer zu stoßen, wenn er Luft holte.

Morgendliches Sonnenlicht fiel durch die Gitterstäbe und Johnny hörte, wie die Stadt zum Leben erwachte.

Langsam stand er auf und ging durch die offene Zellentür hinüber ins Büro des Sheriffs. „Guten Morgen!“

Scheffield blickte auf und rümpfe angewidert die Nase. „Ein Bad würde dir sicherlich nicht schaden!“ Sein neuer Deputy machte wirklich einen erbärmlichen Eindruck und er fragte sich, warum Bates an den Jungen einen Narren gefressen hatte.

„Ich glaube, da haben Sie Recht“, antwortete er.

„Geh rüber ins Hotel. Währenddessen kann Megan das Zimmer nebenan für dich herrichten. Dem Deputy steht freie Kost, Logie und Munition zu. Ich wohne ein Haus weiter. Ach ja, reich wird man als Deputy nicht. Du bekommst 60 Dollar pro Monat. Wenn du wiederkommst und ein paar saubere Klamotten anhast, gebe ich dir auch deinen Stern!“

Johnny nickte. „In Ordnung. Aber zuerst hätte ich gerne meine Waffe wieder!“

Der Sheriff zögerte.

„Meinen Revolver!“ Johnnys Stimme war um eine Spur schärfer.

Schließlich gab Scheffield ihm seinen Peacemaker. „Ich will dir eins sagen, Johnny, dieses Abzeichen berechtigt dich nicht, jeden Verbrecher einfach abzuknallen, ist das klar?“

„Hat Gary Ihnen geschrieben, dass ich durch die Gegend reite und wahllos Leute erschieße?“ Ringo wusste nicht wirklich, was er von seinem Gegenüber halten sollte.

Scheffield starrte verlegen auf die Schreibtischplatte. „Nein“, antwortete er schließlich.

„Das hätte ich auch nicht von ihm gedacht!“

Damit ließ er die Sache auf sich beruhen. Als er nach etwa einer Stunde wieder zurückkam, warf er seine Satteltaschen auf das gemachte Bett und lehnte sein Gewehr an die Wand.

Das Zimmer war klein und beinhaltete nicht mehr als ein Bett, einen Nachttisch, einen Ofen, eine kleine Kommode, einen Tisch und einen Stuhl sowie einen Spiegel.

„Was ist mit dem letzten Deputy geworden?“ Johnny schloss hinter sich die Tür, die zu seinem Zimmer führte, das ein Bestandteil des Sheriff’s Office war.

„Der ist erschossen worden!“

Diese Information schien Ringo nicht zu überraschen. „Gibt es hier noch einen Town-Marshal?“

„Nein! Das heißt also, dass ich nicht nur außerhalb der Stadt für Recht und Ordnung sorgen muss, sondern auch innerhalb.“

Johnny nickte. Er wusste um die Aufgaben von Town-Marshal und Sheriff. Nachdem Scheffield ihn vereidigt hatte, zeigte der Sheriff seinem neuen Deputy die Stadt.

Die Menschen kamen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, als sie Ringo mit dem Stern an der Brust sahen. Vereinzelt hörte Johnny sie hinter seinem Rücken flüstern.

Ben Johnsen saß in einem Schaukelstuhl auf der Veranda vor seinem Haus und grinste die beiden an, als sie vorbeikamen.

„Guten Morgen, Ray! Na, Junge, wie geht es dir?“ Der Alte stand auf und lehnte sich gegen einen Balken.

Der Gunfighter nickte nur.

Plötzlich wurde sich Johnsen der Gefährlichkeit bewusst, die von Ringo ausging. Gestern hatte er einen Jungen gesehen, der einen Kampf verloren hatte. Doch heute stand ein Mann vor ihm, der bereit war, in die Schlacht zu ziehen.

Scheffield behagte die ganze Sache ganz und gar nicht. Ein Junge, der den Deputy spielte. Ein Gunfighter noch dazu. Und Scheffield hatte nicht die geringste Lust, aus Versehen eine Kugel abzubekommen, die für Ringo bestimmt war.

Doch die folgende Woche, in der Johnny ihm beim Eintreiben von Bezirks- und Territorialsteuern und der Verfolgung von kleineren Delikten half, verlief ziemlich ereignislos.

Erst am darauf folgenden Samstagabend bekam er einen Vorgeschmack darauf, was ihn an der Seite des Gunfighters erwarten sollte.

Jemand hatte einen Streit im White Horse Saloon gemeldet und Scheffield und Ringo wollten dort nach dem Rechten sehen. Der Saloon war brechend voll. Allerdings erregte ihre Anwesenheit keine Aufmerksamkeit, denn in der Mitte des Raumes war gerade ein Kampf zugange. Johnny bahnte sich mit den Ellenbogen einen Weg durch die Menschen.

„Ich will hier keine Schießerei“, raunte Scheffield Johnny zu.

„Keine Sorge!“

Als er die beiden kämpfenden Cowboys sah, musste er sich allerdings zusammenreißen, um nicht doch zum Revolver zu greifen. Einer von ihnen war derjenige, der ihn des Betruges bezichtigt hatte. Ein großer, stämmiger Kerl, der garantiert doppelt so viel wog wie er.

„Schluss jetzt!“ Ringos Stimme war scharf und schneidend und selbst Scheffield zuckte unwillkürlich zusammen.

Aber der Cowboy dachte gar nicht daran, auf den ihm weit unterlegenden Mann nicht weiter einzuprügeln.

Entschlossen ging Ringo dazwischen. Zuerst rammte er dem Cowboy den Ellenbogen in den Magen und dann die Faust ans Kinn. Sofort setzte er mit zwei weiteren Schlägen nach, die seinem Gegner mit lautem Krachen die Nase brachen. Der Mann schrie auf und schlug die Hände vors Gesicht.

Schweigend hatte die Menge diesem Kampf zugesehen.

„Wie ist dein Name?“, fragte Ringo, der etwas außer Atem, aber aufrecht dastand.

„Sean Leary!“

„Dann hör mir jetzt gut zu, Sean, denn ich sage es nur ein einziges Mal: Ich will, dass du dich die nächstes vier Wochen nicht in Plainsborough blicken lässt. Solltest du es doch tun, sperre ich dich ins Jail. Savvy?“

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903959
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334825
Schlagworte
gunfighter trail raues gesetz

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Titel: Gunfighter Trail #3: Raues Gesetz