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Der Baron #1: Die Kuba-Mission

2016 140 Seiten

Zusammenfassung

Sein Name ist Alexander von Strehlitz, und man kennt ihn in adligen Kreisen als „den Baron“. Aber er führt nicht das Leben eines reichen Müßiggängers oder einflussreichen Wohltäters. Stattdessen stürzt er sich mit seinen Freunden in waghalsige Abenteuer auf der ganzen Welt. Kein Job ist zu risikoreich, keine Mission unmöglich. Denn wenn sich der Baron einmischt, dann hat er auch immer einen Plan parat. Einen Plan, der auch funktioniert!
Diesmal will der Baron in Brasilien eine Straße bauen und einer ganzen Region zu wirtschaftlichem Aufschwung verhelfen. Aber er hat den finanziellen Rahmen dieses Projektes unterschätzt und braucht nun einen weiteren Investor. Mark Liston ist ein erfolgreicher Bauunternehmer, der ihm geeignet erscheint. Aber um ihn für sich zu gewinnen, muss der Baron seinem zukünftigen Geschäftspartner einen kleinen „Gefallen“ erweisen. Listons Tochter ist verschwunden. Es heißt, sie würde in Kuba in einem Lager gefangen gehalten und schwebt in Todesgefahr. Wenn es dem Baron gelingt, Listons Tochter zu befreien, dann ist der Deal perfekt. Deshalb macht sich Alexander von Strehlitz auf den Weg nach Kuba – und eine riskante Mission beginnt...

Leseprobe

DER BARON

Draufgänger – Held - Abenteurer

Nr.1

DIE KUBA-MISSION

von GLENN STIRLING

––––––––

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild:Andrey Kiselev und Stokkete/123RF mit Pixabay, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Sein Name ist Alexander von Strehlitz, und man kennt ihn in adligen Kreisen als „den Baron“. Aber er führt nicht das Leben eines reichen Müßiggängers oder einflussreichen Wohltäters. Stattdessen stürzt er sich mit seinen Freunden in waghalsige Abenteuer auf der ganzen Welt. Kein Job ist zu risikoreich, keine Mission unmöglich. Denn wenn sich der Baron einmischt, dann hat er auch immer einen Plan parat. Einen Plan, der auch funktioniert!

Diesmal will der Baron in Brasilien eine Straße bauen und einer ganzen Region zu wirtschaftlichem Aufschwung verhelfen. Aber er hat den finanziellen Rahmen dieses Projektes unterschätzt und braucht nun einen weiteren Investor. Mark Liston ist ein erfolgreicher Bauunternehmer, der ihm geeignet erscheint. Aber um ihn für sich zu gewinnen, muss der Baron seinem zukünftigen Geschäftspartner einen kleinen „Gefallen“ erweisen. Listons Tochter ist verschwunden. Es heißt, sie würde in Kuba in einem Lager gefangen gehalten und schwebt in Todesgefahr. Wenn es dem Baron gelingt, Listons Tochter zu befreien, dann ist der Deal perfekt. Deshalb macht sich Alexander von Strehlitz auf den Weg nach Kuba – und eine riskante Mission beginnt...

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Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

––––––––

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gutaussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissaboner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, oder anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend-heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen... der Baron und seine Crew.

Roman

„Die Vereinigten Staaten“, sagte der grauhaarige Richter sehr ernst und mit tiefer Würde, „freuen sich über jeden Gast, vorausgesetzt, er benimmt sich wie ein Gast.“ Jetzt senkte er den Kopf etwas, sah aus schmalen Augen auf sein Gegenüber und fügte mit scharfem Unterton hinzu: „Ihre Begleiter aber, Sir, haben sich nicht wie Gäste, sondern wie Tramps benommen. Ich muss auf der Kaution bestehen ... oder aber Haft.“

Dem würdigen Richter saß ein großer, sehr athletisch gebauter Mann gegenüber, der so ungefähr Anfang oder Mitte vierzig war, sehr gut aussah, und das nicht nur seiner tadellos sitzenden Kleidung wegen.

Natürlich spielte der von einem englischen Schneider gefertigte graue Anzug ebenso eine Rolle wie der Schnitt des dunklen Haares, doch das Eigentliche war doch der Mann selbst, dessen souveräne Art selbst den Richter beeindruckte. Natürlich wusste der Richter, dass sein Gegenüber, der Baron Alexander von Strehlitz, nicht irgendein Besucher war. Der Baron hatte sich in den vier Tagen, die er in Washington weilte, ziemlich bekannt gemacht. Schlagzeilen in den Zeitungen berichteten von einer Straße in Brasilien, die der Baron zur Zeit baute. Dreihundert Meilen durch den Urwald, direkt in ein Gebiet, das bisher nicht einmal von Flugzeugen erreicht werden konnte, weil es keine Landemöglichkeiten gab. Jedermann, der Fernsehen sah, Rundfunk hörte und Zeitungen las, wusste in Washington und im halben Ostamerika, dass der Baron Geld und Spenden sammelte, dass er alle Regierungsstellen, die mit Entwicklungshilfe und dergleichen zu tun hatten, wegen Zuschüssen anging. Da liefen also einige Filme, denn das Objekt Straßenbau war wegen chronischem Geldmangel fast zum Erliegen gekommen.

Das alles war dem würdigen alten Herrn sehr gut bekannt, aber ebenso war ihm bekannt, was da vor ihm, in einen Schnellhefter gefasst, als Aktenbündel vor ihm lag. Darauf stand schlicht eine Nummer, aber dahinter verbarg sich etwas, das dem Baron im Augenblick ziemliche Sorgen machte.

„Ich werde noch einmal zusammenfassen, Sir“, sagte der Richter in sachlichem, aber nicht unfreundlichem Ton. „Danach werden Sie mir zustimmen, dass ich das nicht einfach vom Tisch fegen kann. Also ...“ Er schlug die Akte auf, schob die Goldrandbrille von der Nase in Augenhöhe und las: „Zuerst verhielten sich die beiden ziemlich friedlich. Sie schäkerten mit zwei Barmädchen herum, tranken Whisky, aber aus einem bisher nicht geklärten Anlass entstand zwischen Dupont und Mr. Alderman ein Streit an der Bar.“

Alexander von Strehlitz unterbrach und sagte mit sonorer Stimme: „Vielleicht darf ich Euer Ehren den Grund dafür erläutern. Mr. Alderman ist der Vorsitzende des Ausschusses für südamerikanische Entwicklungshilfe. Es ist mir zu Ohren gekommen, dass er aus rein persönlichen Gründen Projekte in Brasilien nicht begünstigt.“

Der Richter runzelte die Stirn. „Haben Sie dafür einen Beweis?“

„Er hat es mir selbst gesagt, dass er in diesem Land keinen einzigen Dollar zu investieren gedenkt.“

„Nun schön, aber so etwas berechtigt doch nicht zu Handgreiflichkeiten. Ich will Ihnen mehr sagen. Nicht nur, dass dieser Dupont Mr. Alderman in das Gläserregal geworfen hat. Nicht nur, dass er den Barkeeper in das Spülbecken tauchte und die beiden Portiers des ,Redlight Nightclub' so zusammenschlug, dass sie immer noch in klinischer Behandlung sind, nein, dann sprang er auch noch an den Kronleuchter und trat insgesamt zwei Personen die Zähne aus, einem Croupier des Lokals brach er mit dem Absatz das Nasenbein, zwei hinzukommende Freunde des Wirts brachen sich die Rippen, und schließlich kam dann der Augenblick, in dem Ihr Chauffeur James, der ja auch im Lokal weilte, den Moment für gekommen hielt, ebenfalls einzugreifen.“

„Sir, ich habe mit James gesprochen. Er hat sich erst eingemischt, als „Le Beau“ ... ich meine Michel Dupont ... gleichzeitig von etwa zwölf Menschen angegriffen wurde.“

Der Richter zuckte die Schultern. „Aber ich bitte Sie! Bis dahin war es ja schon eine reine Wildwest-Show, aber was dann kam, das erinnert an einen Zusammenprall zweier Lokomotiven. Der Wirt, Mr. Holloway, hatte vier sehr kräftige und zuverlässige Männer alarmiert, die in seinem Nachbarlokal für Ordnung sorgen. Als sie in die Bar kamen, wurden sie von diesem Chauffeur James angegriffen, und dies mit einem Stuhl. Ihr Chauffeur James, über dessen körperliche Verfassung ich mich durch Augenschein orientieren konnte, ist ja wie ein Grizzlybär auf die vier losgegangen. Den einen hat er quer durch die ganze Bar geworfen. Der Mann erlitt dabei einen doppelten Armbruch. Den nächsten hat er mit seiner Faust so hart getroffen, dass der Mann fast zwanzig Minuten besinnungslos war. Den dritten schleuderte er, obgleich der Mann nachweislich fast zwei Zentner wiegt, in die anstürmende Menge, und den vierten tauchte er mit dem Kopf in die Füllung einer Schranktür, aus der ihn die Feuerwehr befreien musste. Der Betreffende wurde dabei ziemlich zerschürft. Ich darf dabei erwähnen, dass außer einem Stahltisch und dem Mauerwerk des Raumes nichts heil geblieben ist. Der Gesamtschaden in der Bar beläuft sich auf elftausend Dollar. Das ist der von unserem Sachverständigen festgestellte Wert, die Forderung des Barbesitzers ist um das Dreifache höher.“

„Ich hatte mich bereit erklärt, diese Summe zu bezahlen“, erinnerte von Strehlitz.

Der Richter schüttelte den Kopf. „Aber es geht doch nicht nur um dieses Geld. Es geht um die strafrechtliche Handlung - und vor allem um den Widerstand gegen die Staatsgewalt. Herr Baron, diese beiden Wilden haben doch, als die Polizei kam, weitergemacht und vier meiner Beamten, die allerdings in Zivil gewesen sind, so zusammengeschlagen, dass sie mindestens noch zwei Wochen dienstuntauglich sind.“

„Aber als die Uniformierten kamen, war Schluss.“ Der Baron lächelte. „Euer Ehren, das beweist doch, dass die beiden gar nicht gewusst haben, dass Ihre Zivilbeamten zur Polizei gehörten, das erklärt sich doch logisch.“

Der Richter wischte sich mit dem Taschentuch über die Stirn. „Hören Sie, Herr von Strehlitz. Ich stehe Ihren Bemühungen um die Erschließung absoluter Notstandsgebiete in Brasilien sehr aufgeschlossen gegenüber. Ich habe Ihren Vertrag und den Film von der Baustelle im Fernsehen mit großem Interesse verfolgt. Es ist mir auch klar, dass man so eine Sache nicht mit Leuten machen kann, die in ein Büro passen. Ich bin, verehrter Herr Baron, kein Mann ohne Verständnis. Aber das hier, das geht für eine zivilisierte Umgebung einfach zu weit. Wir sind hier in Washington DC., nicht im brasilianischen Matto Grosso. Diese Schlägerei im ,Redlight Nightclub' kann man nicht einmal mit den turbulentesten Fernsehfilmen vergleichen. Was da passiert ist, Sir, das ist schon eine ausgewachsene Schlacht.

Und nun noch etwas, das Sie überzeugen wird, wie recht ich damit habe, die Kaution derart hoch anzusetzen. Wenn ich nämlich jeden Tag, seit die beiden inhaftiert sind, von der Gefängnisleitung hören muss, was sich in den Zellen abspielt, kann ich es mit meinem Gewissen als Richter nicht mehr vereinbaren, diese beiden Wilden jemals wieder freizulassen, ohne befürchten zu müssen, dass sie womöglich ganze Scharen von friedliebenden Bürgern in den Potomac jagen. Sir, die Zelle, die wir diesem Chauffeur von Ihnen angewiesen haben, war sehr massiv. Aber er hat sie derartig demoliert, dass wir sie nach seinem Auszug völlig neu aufbauen müssen. Dieser Urzeitmensch hat sogar die dicken Eisenstäbe am Fenster verbogen. So etwas passt vielleicht in einen Zirkus, aber wir hier in Washington, der Hauptstadt der USA, haben für diese Dinge keinerlei Verständnis.“

Von Strehlitz lächelte. „Sie möchten also für jeden der beiden fünfzigtausend Dollar Kaution, obgleich Sie wissen, dass ich jeden Cent für diese Straße im Matto Grosso benötige.“

„Nicht obgleich, sondern weil ich das weiß. Damit Sie diese beiden Kampfmaschinen da lassen, wo sie jetzt sind. Vielleicht werden sie hier vernünftig. Anfangs hatte ich ja geglaubt, die beiden wären infolge von Trunkenheit so verrückt gewesen. Aber in unserem Gefängnis gibt es keinen Alkohol, und sie benehmen sich noch immer wie Ungetüme. Vor allem dieser Dupont. Der ist auf seine Weise noch schlimmer als der andere. Ich bin fast geneigt, diesen Wahnsinnigen in Ketten legen zu lassen, würde unsere Vollzugsordnung das erlauben. “

„Merken Sie nichts, Euer Ehren?“, fragte der Baron. „Je härter Sie mit ihm umgehen, desto gefährlicher wird er. Geben Sie ihm gutes Essen, gut zu trinken, eine helle und freundliche Zelle und schicken Sie statt schlaglustiger Bullen ältere und friedliche Wärter zu ihm, und ich versichere Ihnen, es wird ganz still um Le Beau werden.“

„Le Beau?“

„Das ist Duponts Spitzname. Wenn Sie ihn hart anpacken, wird er immer härter werden, und am Ende müssen Sie ihn erschießen oder totschlagen.“

„Glauben Sie mir, Sir, wir hatten schon viele Typen, aber zwei Burschen wie Ihren Chauffeur und diesen Dupont haben wir noch nicht gehabt.“

„Das Leben ist wechselhaft und farbenfroh. Sie sehen, wie man mit jedem Tag von neuen Dingen profitiert.“

Der Richter blinzelte über seine Brille hinweg. „Würden Sie denn die beiden auf der Stelle außer Landes schicken?“

Der Baron überlegte. „Und außerdem hunderttausend?“

„Nein, das wäre mein Beitrag für Ihre Straße. Nur den Schaden, den müssen Sie abdecken.“

„Wir haben da eine Versicherung abgeschlossen, aber...“

Der Richter nickte, schlug die letzte Seite des Aktenbündels auf, drückte auf eine Klingel, und als ein graugesichtiger Angestellter hereinkam, sagte er schnarrend zu ihm: „Webb, lassen Sie die Entlassungspapiere für unsere beiden besonderen Gäste ausfertigen.“ Und zu von Strehlitz gewandt, fuhr er fort: „Herr Baron, Sie müssen aber Flugtickets nach einem ausländischen Staat für die beiden bei der Entlassung vorlegen lassen, sonst bleiben die beiden in Haft.“

„Das ist schwierig. Ich habe selbst eine Maschine und verpflichte mich ehrenwörtlich, sie aus den Staaten zu bringen.“

„Da sind dann nur noch die Formalitäten wegen des Schadens zu erledigen, Sir“, bemerkte der Richter. „Ihre ehrenwörtliche Verpflichtung akzeptiere ich natürlich.“

„Verzeihen Sie, Euer Ehren, die beiden dürfen aber sicher noch vor dem Abflug angekleidet und verpflegt werden?"

„Gut, aber Sie haften uns persönlich für die Sicherheit der Umwelt.“

„Ich bedanke mich, Euer Ehren.“

*

„Was jetzt, Sir?“, fragte Robert Burton, der kleine, etwas korpulente und glatzköpfige Sekretär des Barons, als sein Herr und Chef in den Cadillac stieg.

Am Steuer des Straßenkreuzers saß eine Frau. Eine Frau? Es war der personifizierte Sex. Blond wie Marylin Monroe, schlank wie eine Gazelle, langbeinig und so kurvenreich wie die Großglockner-Hochalpenstraße. Der Mund, der einem zuckenden Herzen glich, forderte nicht nur zum Geküsstwerden auf, er war eine glatte Nötigung dazu. Dieses lockende Wesen mit Schlafzimmerblick hieß Tippsy. Eigentlich stand in ihrem Pass Grace Bakerfield, aber wer sah bei einem solchen Schätzchen schon in den Pass? Es gab da wesentlich lohnendere und auch freimütigere Anblicke. Denn Tippsy trug Mini. Maxi wäre an ihr eine Verleumdung gewesen, und Tippsy stand ohnehin schon auf dem Standpunkt, die Verdienstquote der Textilfabrikanten sei zu hoch. In diesem Sinne handelte sie, und ein paar Millionen Frauen mehr mit ihrer Einstellung, die Textilindustriellen könnten sich kompanieweise erschießen. Tippsys Bluse war wegen der herrschenden Sommerhitze gerafft. Gerade die Brüste waren bedeckt, und der Hauch von Stoff ließ davon trotzdem mehr sichtbar werden, als für einen ruhelosen Mann gut sein konnte. Der Rock, nicht ganz zufällig beim Sitzen zum Schamgürtel zusammengerutscht, war mehr Herausforderung als Bedeckung.

Tippsy hat seit fünf Tagen das Kommando über den geliehenen Cadillac des Barons übernommen. Tippsy sprach außerdem nicht nur fließend ihre Muttersprache, sie konnte auch etwas Portugiesisch und, was nicht ganz unwichtig war: Sie sprach auch Französisch, das sogar recht gut. Denn Tippsy hatte drei Jahre Paris hinter sich. Damals war sie Tänzerin gewesen, in einem Nachtclub, versteht sich. Ein stinkreicher Millionär schleppte sie nach New York ab und ließ sie sitzen, als sie nicht begriff, dass er sie seiner Frau verheimlichen musste. Tippsy trauerte eine Stunde und zwanzig Minuten, dann hatte sie einen Arzt aus Washington an der Angel, und dem wurde sie vom Baron vor fünf Tagen ausgespannt. Doch nicht fürs Bett, sondern als Chauffeuse. Tippsy, die Alexander von Strehlitz vom Fernsehen kannte, als er in mahnenden Aufrufen um Hilfe für seine brasilianische Straße bat, witterte das große Abenteuer und war sofort bereit, ihm zu dienen. Im Grunde war sie zu allem bereit, aber bis jetzt hatte der Baron so getan, als sei sie eine Porzellanfigur aus Meißen und ihre Beine, die von der Natur so herrlich geformt waren, ungeschliffene Besenstiele. Das kränkte Tippsy ein wenig, aber sie war noch immer von der festen Hoffnung beseelt, dass es ihr gelingen würde, ihn näher nicht nur sitzend oder stehend kennenzulernen.

Von Strehlitz, der nun wieder in den Wagen gestiegen war, beachtete sie überhaupt nicht, und das veranlasste Tippsy, mit dem Makeup zu beginnen. Sie wusste, er konnte das nicht ausstehen, wenn sie das im Auto machte, aber deswegen tat sie es ja. Wider Erwarten reagierte er überhaupt nicht darauf. Sie hörte, wie er zu Robert, dem Sekretär - übrigens fand Tippsy diesen Robert grässlich - sagte:

„Also, wir haben sie frei. Ich habe mich verpflichtet, diese beiden Idioten sofort außer Landes zu fliegen. Wir werden sie jetzt holen, einkleiden, voll Essen stopfen und wegschaffen. Ich hatte das Gefühl, der Richter ist mit dieser Lösung am meisten einverstanden. Offenbar hat er Angst, dass sie ihm auch noch sein schönes Gefängnis einreißen.“

„Und was mag sie überhaupt zu dieser Show veranlasst haben?“, erkundigte sich Robert griesgrämig. Robert näselte immer so griesgrämig, und was Tippsy am meisten aufregte: er sprach dieses arrogante Oxford-Englisch, was ihr immer das Gefühl verlieh, der liebe Robby, wie sie Robert nannte, würde noch eines Tages daran ersticken.

„Ich nehme an“, antwortete Alexander von Strehlitz auf Roberts Frage, „dass Le Beau sich auf seinen Schlips getreten fühlte und deshalb die Beherrschung verloren hat. Wir kennen das ja. Also holen wir ihn mit James erst einmal dort weg. Wie sieht es in der Presse aus?“

Robert machte das Gesicht eines Leichenbitters. „Übel, Sir. Man hat den Bericht über diese Geschichte sehr ausgeschmückt. Ich fürchte, Sir, mit den Spenden wird es ein Ende haben. Ganz besonders die Kreise, denen Mr. Alderman nahesteht, sind nun absolut reserviert und werden keinen Cent mehr für unser Werk spenden.“

„Macht nichts. Miss Tippsy, zum Gefängnis, bitte!“

Tippsy wandte sich halb um, ließ ihren Taschenspiegel und die Puderquaste sinken und flötete mit einem hinreißenden Pinup-Lächeln: „Eine kleine Sekunde, Mr. Baron.“

Robert knurrte böse: „Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, dass Sie entweder Sir oder...“

„Schon gut!“ unterbrach ihn Alexander von Strehlitz. „Tippsy, fahren Sie jetzt zum Gefängnis, und zwar gleich!“

Tippsy kramte ihre Makeup-Utensilien in die kleine Krokodilledertasche, streifte sich die neckischen Handschuhe über und startete.

Sie fuhr zum Erbrechen schlecht, und die Art, wie sie mit dem Motor umging, konnte einen europäischen Autofan schon an den Rand der Raserei versetzen. Auch ihre schnippische Methode, überholenden Leidensgefährten auf der Straße den Weg abzuschneiden und dann, als wütend gedroht wurde, ein inniges Kusshändchen zuzuwerfen, war schon etwas, das einen Sigmund Freud in die hellste Ekstase versetzt hätte, vorausgesetzt, er wäre noch am Leben. Tippsy fuhr aber gerne, sie fuhr auch schnell, aber ihr Standpunkt, ihre Fahrweise sei auch für andere Verkehrsteilnehmer beispielhaft und nicht etwa die Fahrvorschriften des Staates, hatte schon für die Mitfahrer etwas Atemberaubendes. Ganz besonders kam das zur Geltung, wenn sie an einer Kreuzung beim Umspringen der Ampel von Rot auf Grün zu überlegen schien, ob da vielleicht noch eine andere, ihre sympathischere Farbe kommen könnte.

Kurzum, Tippsys Führerschein konnte nie und niemals auf die normale Art entstanden sein.

Der Baron blieb gelassen und zeigte überhaupt nicht die geringste Erregung, während sein Sekretär Robert schon das zweite Taschentuch durchnässte, als er seine Schweißperlen von der Stirn wischte. Denn Robert wurde durch Tippsys Fahrkunst sehr stark an die Lage erinnert, in der er sich befunden hatte, als er vor zwei Jahren mit dem Baron mitten über dem Atlantik geflogen war, in einer einmotorigen Maschine wohlgemerkt, und ihnen die Treibstoffleitung abriss, der Motor stehenblieb, und unten ein neckischer kleiner Sturm die Wellen so an die zehn Meter hochsteigen ließ. Damals hatte sich Robert einem zweiten und schöneren Leben im Jenseits nicht näher gefühlt als jetzt.

Aber das Wunder von damals wiederholte sich. Seinerzeit hatten sie dann neben einem Fischdampfer notwassern können, und diesmal erreichten sie das Gefängnis lebend. Tippsy probierte zwar noch die Wirksamkeit der Bremsen aus, was von Strehlitz und Robert zwang, sich an den Sitz zu krallen wie Krähen auf einem Ast im Schneesturm, doch der kleine VW, der arglos am Straßenrand träumte, wurde nur ganz leicht hinten eingebeult. Tippsy hatte ihn etwas spät bemerkt.

*

„Die Lage“, sagte Alexander von Strehlitz, als er mit seinem Gefolge im „British Home“ saß und ein nicht ganz billiges Mahl verzehrt hatte, „die Lage ist ernst!"

Robert, der über die Lage als des Barons wandelnder Computer noch genauer Bescheid wusste, nickte ergeben.

James, ein Berg von Mensch, mit Armen wie Waggonpuffer und Händen wie Kohlenschaufeln, nickte ebenfalls, und in seinem treuherzigen Vollmondgesicht zogen Trauer und tiefste Betrübnis ein.

Der Vergleich mit einem um das Gedeihen und Wohlleben seines Herrn besorgten Bernhardiners drängte sich auf. Daran stimmte insofern eine Menge, als James nämlich sehr an dem Baron hing, und das machte ihn ja so außerordentlich bekümmert.

Anders „Le Beau“. Michel Dupont, wie er richtig hieß, hatte etwas an sich, das Schnuckelchen wie Tippsy sofort in wilde Ekstase brachte - vorausgesetzt, der Baron war nicht in der Nähe. Wenn nämlich Alexander von Strehlitz da war, sah sich Tippsy im Geiste in des Barons Bett und nicht in dem von Le Beau.

Le Beau war nicht sehr groß, drahtig wie ein Terrier, so bisslustig wie der, hatte ein absolut nicht hübsches Gesicht, eigentlich sogar etwas zu zerschlagen, um den Begriff gut aussehend überhaupt zu dulden, aber er war ein Mann. Und was für einer. Es gab da böse Zungen, die die Behauptung aufrechterhielten, Le Beau bekäme täglich sackweise Dankschreiben von diversen Damen ebenso diversen Alters. Das war zwar eine schlimme Verleumdung, aber der nun einmal entstandene Ruf wurde auch von Le Beau nicht entkräftet.

Abgesehen von solchen Sachen war er ein alter Freund des Barons - obgleich er erst um die dreißig Jahre alt war. Und so ganz nebenbei: Le Beau war nicht nur in Schlägereien und bei Damen - und was sich dafür hielt - ein Ass, er war es auch sonst, und der Baron wusste, was er an ihm hatte. Im Augenblick jedoch machte von Strehlitz den Eindruck, als wollte er Le Beau in eine schöne runde Tonne packen, mit Blei beschweren und im Philippinentief für immer und ewig versenken..

„Der Schaden“, sagte er sehr ernst und eindringlich, „den mir eure Schlägerei verursacht hat, ist unübersichtlich. Wir bekommen nunmehr keine Spenden, keine Zuschüsse, und außer den läppischen dreißigtausend Dollar, die bis jetzt eingegangen sind, dürfte nichts mehr zu holen sein. Robert, wieviel Geld brauchen wir noch für die Straße?“

„Rund eine halbe Million, Sir“, sagte Robert und sprach französisch, denn das tat er immer dann, wenn es um Geld und Vermögen ging.

„Mit wieviel konnten wir nach den drei Fernsehsendungen und den Rundfunkübertragungen - abgesehen von der Pressekampagne - insgesamt rechnen?“

„Mit mindestens dreihunderttausend durch den panamerikanischen Ausschuss und weiteren dreihunderttausend durch verschiedene Spender, vor allem durch den Föderationsausschuss des Amerikanischen Vereins.“

Von Strehlitz sah erst James, dann Le Beau an. „Alles zerstört. Weil sich die Herren wieder einmal richtig austoben mussten.“

Le Beau machte ein wildes Gesicht. „Alex, du weißt genau, dass ich nicht für ein Nichts etwas anfange. Dieser Alderman hat dich einen Hochstapler und lausigen Abenteurer genannt, der sich die Taschen vollstopfen will.“

Der Baron verzog keine Miene. „Den Hochstapler nehme ich ihm übel. Das mit den Taschen stimmt. Nur ein Idiot rennt mit leeren Taschen umher und sammelt für Indianer oder Neger. Zehn Prozent sind immer für uns. Das ist doch logisch, und wenn er es nicht versteht, müssen wir ihm das mit dem Hochstapler etwas klarer erläutern.“

„Sir, mit Verlaub, könnten wir nicht die brasilianische Regierung nochmals...“ wollte Robert fragen, aber der Baron schüttelte schon während der ersten Worte den Kopf.

„Nein, Robert. Die Brasilianer haben uns den Treibstoff für die Raupen, die Leute und das Material gestellt. Den Lohn der Arbeiter, das Geld für die Straßenbaumaschinen und die...“ Von Strehlitz unterbrach sich und starrte zur Tür. Tippsy war hereingekommen. Wie zufällig war ihr Rock so weit nach oben gerutscht, dass er gerade eben noch die Höschen verdeckte. Tippsy stand in der Tür wie hingegossen. Ein einziger Schrei nach Bett.

„Was wollen Sie?“, fragte Robert.

Sie sah nur den Baron an. „Ich warte noch immer draußen. Wieviel Gänge hat denn Ihr Menü?“

„Kommen Sie!“, sagte Alexander von Strehlitz. Tippsy kam, nein, sie schwebte. Tänzerin, drei Jahre Paris, und was noch alles dazu geführt hatte, sie an so einen Schritt zu gewöhnen. Dagegen war eine orientalische Bauchtänzerin ein steifer Klotz. Tippsy sank auf einen leeren Stuhl, genoss es, von den Leuten an anderen Tischen angesehen zu werden, von den Männern voller Verlangen, von den Frauen in der typisch amerikanisch-puritanischen Mimik äußerlicher abgrundtiefer Verachtung und innerlichen Verzehrens durch Neid und Eifersucht.

„Sie hätten mit uns essen können, aber Sie wollten ja nicht“, meinte Alexander von Strehlitz. „Wenigstens etwas zu trinken?“

„Ich faste heute, das sagte ich schon“, zwitscherte sie.

„Noch schlanker werden Sie nicht, höchstens dürr“, erwiderte der Baron.

Le Beau leckte sich über die Lippen. Was er dachte, war so offenbar und aus seinem Gesicht abzulesen, dass man dazu nicht erst einen Psychologen bemühen musste. In Le Beau bebte die Erde, begann das Blut zu kochen. Aber der Baron zeigte sich so kühl, so ungerührt, dass Tippsy ihn wütend anfauchte: „Wann ich esse und wann nicht, das geht Sie doch nichts an, Mr. von Strehlitz.“

„Wenn Sie ganz zufällig am Steuer ohnmächtig werden vor Hunger und ich sitze im Fond, meine Beste, dann interessiert mich das mehr als Sie ahnen. Aber ich weiß jetzt, was wir tun. Sie haben mich eben auf eine gute Idee gebracht. Haben Sie eine Freundin oder mehrere, die so aussehen wie Sie? So sexy?“

„Huch! Sie finden mich sexy? Haben Sie sich da nicht etwas übernommen?“, giftete sie.

„Ich übernehme mich nie, meine Beste“, erwiderte er sachlich. Er wandte sich Robert zu. „In zwei Stunden haben Sie einen Werbefotografen, zwanzig Gogo-Girls, aber wirklich welche, die was hermachen, eine Chartermaschine, die uns nach Sonora bringt, und zwar nach Ures.“

„Ist da ein Flugplatz, Sir?“, fragte Robert.

„Ja, für zweimotorige Maschinen. Sehen Sie zu, dass Sie das schnellstens arrangieren. Jim...“ Der Baron sah James an, und nur, wenn er mit James nicht zufrieden war, nannte er ihn Jim. Deshalb zuckte James zusammen wie unter einem Peitschenhieb. „Jim, du fliegst mit Le Beau mit meiner Cessna nach Ures. Le Beau, du hältst dich an die Flugvorschriften! In Ures werdet ihr Wald vorfinden, eine Stelle suchen, die so aussieht, als würde eine Straße gebaut, eine oder zwei Raupen auftreiben und sie aufstellen, als befänden die sich in Arbeit. Anschließend sorgt ihr für Wohnquartier für insgesamt dreißig Personen, für Verpflegung und so weiter. Wenn Robert mit dem Fotografen, den Werbefritzen und den Mädchen kommt, ist alles klar.“

„Und wo bleibe ich?“, fragte Tippsy.

„Sie kommen auch noch dran. Warten Sie mal gelassen ab!“, fertigte sie Alexander ab und wandte sich wieder an Robert: „Ich bleibe hier. Was ich brauche, ist ein rasch angefertigter Prospekt, der voller Bilder ist, jedes Bild voller Bikinimädchen, die euch beide umgurren wie die Tauben. Ach ja, ein paar schöne Burschen müsst ihr auch noch mitnehmen. Drei werden genügen. Die stellen sich mit Schaufeln und Arbeitskleidung so auf und von Mädchen umschwärmt, dass man sich fragen muss, wann die Straße überhaupt gebaut wird. Robert, haben Sie mich völlig verstanden?“

Robert lächelte. „Absolut, Sir.“

„Und ihr zwei, habt ihr begriffen?“, wandte er sich an James und Le Beau.

Le Beau grinste. „Und ob, Alex, ich begreife immer, wenn das Wort Weib im Spiel ist, oder etwa nicht?“ Zuletzt sah er Tippsy an, aber die machte nur „Pö!“ und zuckte die linke Schulter ablehnend hoch. Sie stand nun mal auf Männer wie dem Baron, und das mochte so bitter sein für Le Beau, wie es wollte, ein Bett war eben nicht wie das andere.

Robert ging, James und Le Beau verabschiedeten sich. James mit dem Augenaufschlag eines um Verzeihung winselnden Hundes, Le Beau mit einem Blick eines Napoleon nach seiner Ankunft auf Elba, als er schon wusste, dass er Frankreich bald wiedersehen würde.

Als sie alle fort waren, sagte der Baron: „So!“

Tippsy himmelte ihn sehnsüchtig an. „Was heißt denn hier ,so‘?"

Er lächelte, musterte sie aufmerksam und sagte heiter: „Jetzt sind wir beide allein.“

„O ja!“, hauchte sie.

„Wissen Sie, was das bedeutet?“

„O ja!“, hauchte sie abermals, und dabei rückte sie an ihn heran.

Er beugte sich zu ihr hinüber und flüsterte ihr ins Ohr: „Steht der Cadillac für uns beide bereit?“

Sie sank ihm fast an die Schulter. „O ja!“, sagte sie schmachtend.

„Dann fahren wir ins Hotel“, erklärte er verheißungsvoll mit einem Unterton, der große Dinge erahnen ließ.

„O ja!“, seufzte es.

„Und dann...“

„Und dann?“, kam es inbrünstig aus Tippsys kirschrotem Mund.

„Sie fragen zuviel, Tippsy. Herr Ober, bitte zahlen!“

*

Der Baron hatte Tippsy mit auf seine beiden Zimmer im Hotel genommen. Tippsy duschte sich, und der Baron telefonierte. Erst mit Madame Tamara in Paris, dann mit einer Reederei, die ihm einen ihrer Luxusdampfer kleinerer Größe zur Verfügung stellen sollte, und schließlich mit dem Waldorf Astoria in New York, wo der Baron für die übernächste Woche um die Arrangierung einer kleineren Festlichkeit für siebzig Personen bat. Man kannte den Baron an allen drei Stellen sehr gut, schätzte ihn und versprach ihm, seine Wünsche zu erfüllen und auszuführen. Madame Tamara, Agenturbesitzerin und übrigens eine sehr alte Bekannte des Barons, würde ihm die zehn Mädchen schicken. Die Reederei war bereit, ihre „Princess of India“ als Charterschiff bereitzustellen, und im Waldorf Astoria kündigte man ihm die präzisen Vorschläge für die Feierlichkeit mit Buffetausstattung und Speise und Getränkefolge an.

Der Baron telefonierte noch einmal mit Robert, der mitten in den Vorbereitungen seines Auftrags steckte, dann ließ er sich mit dem Flughafen verbinden. um zu erfahren, ob seine Cessna mit James und Le Beau schon gestartet war. Die Cessna flog schon mit Südkurs, und ein Beamter der Kripo sei, wie man ihm mitteilte, wieder nach Hause gefahren, als seine speziellen Freunde in der Luft waren.

Alexander von Strehlitz streckte sich aus, zündete sich ein Zigarillo an und überlegte gerade, wie er den Prospekt ausstatten wollte, mit dem er für seinen Straßenbau eine halbe Million aus den wohlhabenden Gentlemen dieses Landes herauskitzeln wollte, da piepste es verlockend von der Tür her:

„Schatz, ich warte!“

Der Baron zuckte herum. In der Tür zum Nebenzimmer stand Tippsy. Stand? Nun, das wirkte zu profan. Sie räkelte sich am Türrahmen. Und alles, was sie am Leibe trug, war ein kleiner Ring mit dem Amethyst, ein winziges Kettchen um ihre Taille, das ihren Umfang kontrollieren ließ, und ein feiner Hauch von Eau de Cologne. Wie eine Tänzerin stand sie auf Zehenspitzen und streckte und reckte sich dabei voller Lust.

Der Baron betrachtete sie wie ein exotisches Tier. Dann sagte er: „Sehr gut, sehr, sehr gut. Und jetzt..

„Und jetzt?“, flötete sie, kam auf ihn zugeschwebt, fiel ihm um den Hals, und bevor er sich’s versah, küsste sie ihn mit einer höllischen Leidenschaft, die er zuerst hinnahm, dann aber mit solcher Vehemenz erwiderte, dass ihr der Atem ausging. Als er sie freigab, sank sie auf seinen Schoß und hauchte: „Schatz, ich liebe dich!“

„Ja, schon gut, aber jetzt möchte ich! doch erst einmal an meinen Prospekt denken. Willst du auf die Titelseite?"

„Nackt?“

„Soweit es die Zensur erlaubt.“

„O ja!“

„Wir werden das einmal ganz genau besprechen.“

„Jetzt?“

„Nein, nachher.“

„Nach was?“

„Nach dem, auf das du so wartest.“

„Schon sehr lange, Schatz. Ich war drei furchtbar lange Wochen ganz allein.“

„Und der Doktor, den du dir geangelt hast?“

„Ein Versager. Eine Null. Ich konnte nur nicht von ihm weg. Ich musste doch irgendwo bleiben.“

„Was hast du später vor?“

Sie küsste erst seinen Hals, dann sagte sie: „Nichts. Ich lebe in den schönen Tag hinein.“

„Eine bewundernswerte Einstellung. Du weißt, dass ich wieder nach Brasilien fliege. In den Urwald, Kleines.“

„Mit mir, nicht wahr?“

„In den Urwald?“

„Mit dir gehe ich auch nach Alaska.“

„Warte damit. Vielleicht ändert sich deine Meinung!“ Er stand auf, nahm sie dabei auf die Arme und trug sie nach nebenan. Als er sie dort aufs Bett! sinken ließ, seufzte sie: „Komm, Schatz, komm bald!“

*

„Na?“, fragte er, „immer noch nach Alaska?“

Tippsy lag wie hingehaucht in den Kissen. Ohne die Augen zu öffnen, sagte sie leise: „Nordpol, Schatz, Nordpol! Du würdest ihn zum Schmelzen bringen.“

„Danke“, murmelte Alexander von Strehlitz, kleidete sich an, ging ins Nebenzimmer, bestellte über Telefon eisgekühlten Sekt und ließ sich dann mit New York verbinden. Als sich die „New York Times“ meldete, verlangte er Burt Matthews. Bald darauf meldete sich Matthews, einer der prominentesten Redakteure - und ein alter Freund des Barons.

„Burt, ich brauche Ihre Hilfe!“, sagte der Baron.

„Der verrückte Baron aus Deutschland! Ich habe von den Streichen Ihrer Jungs gehört. Steht Washington noch?“

„James und Le Beau sind unterwegs nach Mexiko. Burt, können Sie es einrichten, dass etwa sechzig Männer mit sehr viel Geld, einem wohlgeordneten, aber stinklangweiligem Familienleben und der Lust, wieder Mann zu sein, übernächste Woche Donnerstag abends gegen acht im Waldorf sein können?"

„Wie reich müssen die sein?“

„Dass sie es sich etwas kosten lassen, ein paar Wochen lang das zu sein, wovon sie seit zwanzig Jahren nur noch träumen. Pfadfinder, Held, Don Juan, Sultan eines Harems, Faulenzer, Säufer, was Sie wollen. Jedenfalls nicht verheiratet, nicht im Büro, nicht unter Kontrolle.“

„Baron, ist die Idee von Ihnen?“

„Habe ich mir schon einmal fremde Federn angesteckt?“

„Wollen Sie damit etwas verdienen?“

„Ich habe noch nie etwas umsonst gemacht.“

„Ich weiß. Wieviel kostet es?“

„Das erfahren Sie, wenn die Liste der Leute vor mir liegt. Was wollen Sie für diesen Liebesdienst an der stressgeschädigten Gesellschaft?“

„Dass Sie mich bei Ihrem nächsten Pokerspiel zum Partner machen.“

„Sind Raten zu zahlen?“

„Erraten. Ich habe mich etwas übernommen.“

„Gut, ich werde es einrichten. An jenem Donnerstag.“

„Danke, und ich tue, was ich kann.“

Sie verabschiedeten sich, der Baron legte auf, und dann klopfte schon der Kellner mit dem Sekt. Dachte der Baron. Aber der Kellner war ein Mädchen, dazu hübsch wie die Sünde, und die Kleine wusste das auch. Nur ahnte sie nicht, dass Tippsy nebenan lag und noch in süßen Träumen schwebte. Weil sie das nicht wusste, sagte sie trällernd: „Hallo, Sir, ich bringe Ihnen hier das Kraftwasser. Französisches!“ Sie kicherte, als sei alles, was mit Frankreich zusammenhing, ein Stück Bett.

Alexander von Strehlitz nickte nur und deutete auf den kleinen runden Tisch.

Die Kleine, deren kohlschwarzes Haar bis auf die Schultern hing, kam auf den Baron zu. „Sie haben sich schmutzig gemacht, Sir“, sagte sie und strich ihm über die Jackenschulter. Rein zufällig streichelte sie ihn dabei etwas am Hals, und der Baron knurrte: „Schon gut, nun gehen Sie schon!“

Die Kleine dachte nicht daran, denn, wie gesagt, von Tippsy hatte sie ja keine Ahnung. Das würde ihr bald leid tun.

„Nur nicht so grob, Sir. Zu meinesgleichen ist man nicht grob!“, behauptete sie und lehnte sich an ihn an. „Darling, gefalle ich Ihnen nicht?“

„Ja, Baby, Sie sind hübsch, haben Geist wie Einstein, Witz wie Mark Twain, aber nun schließen Sie bitte die Tür von außen!“

„He! Warum denn nur so stachelig? Ich bin doch gar nicht so. Sehen Sie mich doch mal genau an. Gefällt! es Ihnen nicht? Für fünfzig Dollar, was ist das schon für Sie, dürfen Sie’s sogar vernaschen!“

Da kam Tippsy. Das Bettlaken wie Aphrodite um den Astralleib, das Haar zerwühlt wie nach der Amazonenschlacht, die Augen weit aufgerissen vor Empörung, so nahte sie flammenden Blickes.

„Zum Teufel mit Ihnen, Sie Schlampe! Hinaus, sage ich!“

Die Kleine bekam so einen Schreck, dass sie rückwärts zur Tür entwich und von dort krähte: „Nun haben Sie sich mal nicht so! Mehr als ich können Sie ihm auch nicht bieten!“ Da war sie hinaus.

Der Baron nahm das Telefon, rief den Personalchef an, und da war das Amateurstrichmädchen nach fünf Minuten wieder oben. Mit dem Personalchef.

Der Personalchef war ein würdiger, ein sehr würdiger Mann. Er gehörte zu der Sorte, die sich im Klo einschloss, wenn mal herzlich gelacht werden musste.

„Sir, Sie wünschten, dass ich mit dem Zimmermädchen zu Ihnen käme. Was, Herr Baron, wünschen Sie? Ist Mary zu beanstanden?“

Mary war so klein, so bescheiden winzig, und am liebsten hätte sie sich unter dem Teppich angesiedelt. Sie wuchs erst, als sie sah, dass von Tippsy weit und breit nichts zu sehen war. Tippsy hatte Order bekommen, im Nebenzimmer zu bleiben, egal, was passieren würde.

„Dieses Mädchen ist bei Ihnen angestellt, gut. Kann man sie entlassen?“, fragte der Baron.

„Sir, was hat sie denn...“

Die Kleine begann zu schluchzen. Dann stammelte sie: „Sir, ich entschuldige mich, aber bitte... bitte lassen Sie mir den Job!“

„Sie sind hier fehl am Platze.“ Von Strehlitz wandte sich an den Personalchef. „Würden Sie zustimmen, wenn ich dieses Mädchen einstellen möchte?“

Dem würdigen Personalchef verschlug es die Sprache. Er musterte den Baron voller Skepsis, dann Mary, und schließlich sagte er: „Mary, gehen Sie nach draußen. Ich möchte allein mit dem Herrn Baron reden.“

Mary verschwand gehorsam und tränenbenetzt, und der Personalchef fragte: „Würden Sie mir das vielleicht erläutern?“

„Dieses Mädchen ist ziemlich verdorben, habe ich den Eindruck. Ich werde sie in ein Haus bringen, wo man sie zum Weg der Tugend zurückführt.“

Der Personalchef nickte beklommen. „Leider hatten wir schon mehrere Klagen. Sie gilt als ziemlich – sagen wir mal harmoniebedürftig. Aber... glauben Sie wirklich, dass man so eine Person bessern kann?“

„Es würde sie glücklich machen, und soviel ich weiß, haben Sie Leute genug hier.“

„Ja, wenn sie einverstanden ist, herzlich gerne, aber ungewöhnlich ist Ihr Wunsch immerhin doch.“

Der Baron lächelte nur huldvoll, ließ hundert Dollar aus seiner Westentasche in die Reverstasche des Personalchefs springen, was der Personalchef in seiner angeborenen Würde zwar nicht übersah, aber so tat, als sei nie etwas gewesen.

Details

Seiten
140
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738903935
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
baron kuba-mission

Autor

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Titel: Der Baron #1: Die Kuba-Mission