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Der Mörder vom Lehnitzsee

2016 150 Seiten

Zusammenfassung

Ein Mord am Lehnitzsee in der kleinen Kreisstadt Oranienburg schreckt die Bevölkerung auf. Als dann noch der zweite und dritte Mord passieren, greift Panik um sich! Gelingt es den Protagonisten Kriminalhauptkommissar Werner Winter, Kriminalkommissarin Martha Hoffmann und dem Schriftsteller Friedrich Wilhelming, die Situation in den Griff zu bekommen und den Mörder zu überführen?

Leseprobe

PETER WILKENING

DER MÖRDER VOM LEHNITZSEE

Ein Krimi aus Brandenburg

––––––––

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Hennadii Huchek/ 123RF, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Ein Mord am Lehnitzsee in der kleinen Kreisstadt Oranienburg schreckt die Bevölkerung auf. Als dann noch der zweite und dritte Mord passieren, greift Panik um sich! Gelingt es den Protagonisten Kriminalhauptkommissar Werner Winter, Kriminalkommissarin Martha Hoffmann und dem Schriftsteller Friedrich Wilhelming, die Situation in den Griff zu bekommen und den Mörder zu überführen?

1

Es ist ein trüber Tag im Januar. Es ist kalt. Nebel hat sich gebildet und drückt die Feuchtigkeit auf den gefrorenen Boden zurück.Er geht wie durch eine dicke Watteschicht und erreicht den kleinen Dorffriedhof nach wenigen Minuten. An diesem Montag Mittag gibt es keine Besucher. In einiger Entfernung sind Arbeiter damit beschäftigt, eine Gruft auszuheben. Mit einem kleinen Bagger erleichtern sie sich ihre Arbeit. Das schwere Arbeitsgerät gräbt sich in die feste Erde hinein. Nach dem Erdloch zu beurteilen, das er erkennen kann, handelt es sich um ein Erdgrab. Durch die Arbeiter herrscht auf dem sonst so stillen Friedhof eine rege Betriebsamkeit, die es normalerweise an diesem Ort nicht gibt.Die Ruhe ist hier das bestimmende Gut. Er bleibt vor der Grabstelle seiner Mutter andächtig stehen. Elf Jahre liegt sie jetzt in ihrem Urnengrab und wartet darauf, besucht zu werden. Sie freut sich über jeden noch so kleinen Blumengruß. Wenn der Organist in der sechseckigen Kirche, die im Jahre 1666 von der Kurfürstin erbaut wurde, seine Kunst einübt, schwebt leichte Orgelmusik über den Friedhof. Daran kann sie sich erfreuen. Gelegentlich stattfindende Gottesdienste und musikalische Veranstaltungen sorgen für eine angenehme Unterbrechung der ewigen Ruhe. Die nahe Hauptstraße gibt ungefragt ihren Verkehrslärm dazu. Friedrich Wilhelming hat mit der Zeit Abstand gewonnen vom Tod seiner Mutter. Aber oft ist der Ruf aus der Vergangenheit stärker als die Realität. Und er muss aufpassen, dass er sich nicht in diesen Abgründen verliert. Sein Blickt schweift ab zur Baustelle. Die Arbeiter sind mit ihrer Arbeit fast fertig. Da muss jemand gestorben sein. Es wird Platz geschaffen für die Leiche. Ob es dem Verstorbenen gefällt oder nicht. Wer ist er oder sie? Name? Geburtsdatum? Sterbetag? Alter? Welches Schicksal verbirgt sich unter dem Sargdeckel? Was sind die Eckpfeiler in seinem Leben? Fragen und Antworten, die Friedrich interessieren. Er hat aktuell nichts gehört über den Tod eines Mitbürgers aus Bärenklau. Dann muss der Verstorbene von außerhalb kommen. Na, ja, er wird sich mal umhören. Er wendet sich an die Arbeiter: „Guten Tag! Wer wird denn hier beerdigt?“ „Das wissen wir nicht! Wir sollen nur die Gruft ausheben.“ Der zunehmende Nebel und die Kälte veranlassen Herrn Wilhelming, den Dorffriedhof zu verlassen.

2

Jürgen Müller macht zu später Stunde seinen gewohnten Abendspaziergang. Wie immer am Lehnitzsee. Er kommt am ehemaligen Eiscafé Dietrich vorbei. Über die große Badewiese gelangt er zu dem gepflasterten Weg, der bis zur Lehnitzschleuse führt. Schade, dass zur Zeit der Winter regiert. Er hätte sich gern in den Biergarten am Waldhaus gesetzt und gemütlich ein oder vielleicht auch zwei Bier getrunken. Hier findet er Ruhe zum Nachdenken. So muss er weitergehen und im Laufen seine Gedanken ordnen. Er steht mit seinen knapp 50 Jahren am Scheidepunkt seiner Karriere. Jürgen hat sich auf die freie Stelle des 2. Beigeordneten des Regierenden Oberbürgermeisters von Oranienburg beworben. Er ist schon zehn Jahre Leiter des Hauptamtes der Stadtverwaltung. Mit den Voten der Ausschüsse entscheidet die Stadtverordnetenversammlung in zwei Wochen über die Besetzung der Stelle. Es haben sich insgesamt acht Personen beworben. Davon sind vier in die engere Wahl gekommen und werden nun nach dem Vorschlag der Findungskommission in die Sondersitzung des Stadtparlamentes zur Vorstellung gebeten. Er hat es zunächst unter die letzten vier geschafft und rechnet sich nun auch Chancen aus, den Zuschlag zu bekommen. Seine drei Mitstreiter weisen unterschiedliche Voraussetzungen auf. Während unter den Bewerbern ein Kollege ist, mit dem er schon über fünfzehn Jahre zusammen arbeitet und der es hinsichtlich seines Erfahrungsschatzes und Dienstalters (53) durchaus mit ihm aufnehmen kann, sind die verbleibenden zwei Kandidatinnen weitaus jünger, 35 und 37 Jahre alt, studiert, aber dafür unerfahren und kommen von „draußen“. Die eine Dame hat ein abgeschlossenes juristisches Staatsexamen, die ältere verfügt über einen Magisterabschluss in Betriebswirtschaft. Beide sehen gut aus und machen sich auch berechtigte Hoffnungen auf den Posten. Bedingt durch den Buschfunk und zuverlässige Informanten weiß Müller genau Bescheid über den Sachstand. Eigentlich unterliegen gerade Personalangelegenheiten der Verschwiegenheitspflicht. Bis zur Ausschreibung der Stelle waren Jürgen und sein älterer Kollege Harald beinahe freundschaftlich verbunden. Jetzt sind sie Rivalen geworden, die sich plötzlich nicht mehr ausstehen können. Der Schiffsverkehr auf dem Lehnitzsee ist wegen Nebel und Eisgang unterbrochen, demzufolge ist auch die Schleuse geschlossen und die umfängliche Beleuchtung ausgeschaltet. Die Dunkelheit ist unheimlich. Er kann nichts mehr erkennen. Ab und zu hastet ein Jogger an ihm vorbei, der aber schnell wieder verschwunden ist. Dann sieht er eine Reihe von Lichtern auf sich zukommen. Er bleibt stehen und lässt die Gruppe, es handelt sich um Flüchtlinge, vorbeigehen. Auch in Lehnitz gibt es ein Flüchtlingsheim.Einige wünschen ihm sogar einen „Guten Abend!“ Der heftige Streit mit seiner Frau, den er vorhin auszutragen hatte, liegt ihm noch auf der Seele. Sie sind bald 20 Jahre verheiratet. Ihre Ehe läuft auf Sparflamme. Vorbei ist sicherlich der Rausch und die große Liebe. Aber sie wissen, was sie einander haben. Und schließlich hält sie auch die langfristige Finanzierung ihres Hauses zusammen. Aus Angst vor der Trennung und dem Alleinsein, der Beziehungsmarkt ist abgegrast, gehen sie weiter gemeinsam durch das Leben. Nur eines könnte sie wirklich auseinander bringen: Wenn sie sich zunehmend ohne Respekt begegnen würden! Noch ist es nicht soweit, aber er spürt, dass sich nach jeder Auseinandersetzung etwas in ihm verändert. Es geht immer ein weiteres Stück kaputt von dem, was sie sich über Jahre erarbeitet haben. Er fühlt sich oft von ihr mies behandelt, wenn sie ihren Frust und ihre schlechte Laune immer an ihm auslässt. Seine Frustrationstoleranz sinkt dann in gefährliche Bereiche. Er verdrängt diese Gedanken und versucht, sein seelisches Gleichgewicht wieder zu erlangen. Auf einmal wird ihm noch kälter und er beeilt sich, nach Hause zu kommen.

3

Der Bärenklauer Stammtisch findet heute im Bärenstübl statt. Bereits erschienen sind Friedrich Wilhelming als Gastgeber, Pfarrer Sven Böhlmann, der Maler Richard Fahrenheit, Ortsvorsteherin Manuela Watt, Bürgermeister Dirk Hopsraff, Friedhofsverwalter Sören Hanke und die attraktive Maria Sander. Abgesagt wegen Krankheit hat der Rentner Erwin Kahles. Unentschuldigt fehlt der Kirchenratsvorsitzende Hubert Gattersohn. Friedrich ergreift das Wort: „Meine Dame, meine Herren, ich möchte mein Glas erheben und auf unser Stammtisch–Jubiläum anstoßen: Zehn Jahre gibt es uns jetzt und ich finde, es war eine schöne, aufregende Zeit! Prost!“  „Prost!“, ertönt es aus der Runde.  „Die ersten beiden Runden gehen auf mich! Ich habe heute für mein neues Buch einen kleinen Vorschuss erhalten!“ Die Stammtisch-Teilnehmer klopfen auf die Tischplatte. Friedrich fährt fort: „Nun sitze ich seit Tagen vor einem leeren Blatt und weiß nicht, was ich schreiben soll.“  Die Gäste lachen. In einer Ecke des Lokals sitzt Peter Fassbutter, der Zeitungsredakteur der Oberhavel-Rundschau, und macht sich Notizen. Friedrich erkennt und grüßt ihn. Die Ortsvorsteherin berichtet von der letzten Zusammenkunft der Kommunen hinsichtlich der Flüchtlingsfrage: „Das ehemalige Fliegerheim, die Gemeinschaftsunterkunft, am Kreisverkehr zwischen Bärenklau und Leegebruch ist mit 240 Personen, davon 50 Kinder und Jugendliche, besetzt. 70 % der Bewohner kommen aus Syrien, die übrigen 30 % kommen aus dem Iran, Irak, Pakistan, Afghanistan, Kamerun und dem Tschad. Es sind sehr beengende Verhältnisse, die eine Integration der Flüchtlinge nicht zulassen. Zu begrüßen sind die unermüdlich schaffenden Helfer, die zum Beispiel Deutschunterricht geben! Gemeinsame Sportveranstaltungen, eine Begleitung der Flüchtlinge zu Behördengängen und eine große Spendenbereitschaft runden das positive Bild ab.“ 

Maria, man sieht ihr ihre knapp vierzig Jahre überhaupt nicht an, erzählt: „Seit den Vorkommnissen am Silvesterabend in Köln mit den organisierten sexuellen Übergriffen und Raubdelikten der Asylanten, habe ich Angst, allein auf die Straße zu gehen. Das Verhalten der kriminellen Flüchtlinge hatte eine neue Qualität. Straffällig gewordene Migranten müssen sofort ausgewiesen werden!“

Bürgermeister Dirk Hopsraff fordert ein härteres Einsteigen der Polizei und eine Verschärfung der Gesetze:

„Auch der Zuzug der Flüchtlinge aus den im Bürgerkrieg befindlichen Ländern muss reduziert werden! Wenn das Problem der Islam Sturm Schutz Abteilung (ISSA) geklärt ist, müssen die Demokratien Einzug erhalten und dafür ist es wichtig, dass die Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückkehren.“

Sören Hanke weist auf die entstehenden Parallelgesellschaften bis zu einer eigenen Gesetzbarkeit hin:

„Ein Beispiel ist der Stadtbezirk Berlin–Neukölln, eigentlich schon eine No–Go-Arena für Deutsche.“

Pfarrer Böhlmann fordert: „Wir müssen aus Gründen der Menschlichkeit und nach dem christlichen Glauben noch viel mehr Flüchtlinge aufnehmen! Nicht nur die politischen, sondern auch die `Wirtschaftsflüchtlinge` müssen eine neue Heimat finden können, wenn sie das wollen.“

„Wir müssen die skrupellosen Schlepperbanden stoppen und die Grenzen dicht machen.“, verlangt der Maler Richard Fahrenheit.

Friedrich übernimmt wieder die Gesprächsführung:

„Meine Freunde! Lasst uns das Thema wechseln, bevor wir uns richtig streiten! Es wurde vorgestern ein toter Wolf ohne Kopf in Marwitz im Wald aufgefunden.“

Ausrufe der Empörung: „Das ist ja schrecklich! So eine Gemeinheit! Wer tut so was? Schweinerei! Das sind ja ISSA- Methoden!“

„Es könnte der Wolf von Oberkrämer sein!“, erläutert Wilhelming:

„Das wäre tragisch für den Jungen Kai Müller, der eine richtige Freundschaft zu dem Wolf aufgebaut hat. Was geht in den Köpfen solcher Menschen vor? Da muss sich doch ein dermaßen großer Hass entwickelt haben, der nicht mehr zu kontrollieren ist.Alle Jäger, Züchter und Bauern in dieser Gegend sind verdächtigt, diese Schandtat verübt zu haben. Der Deutsche braucht ein Feindbild und das Fremde, was oder wen er nicht kennt, lehnt er ab.“Der Friedhofsverwalter Sören Hanke macht folgenden Vorschlag: „Ich bin dafür, dass wir der Sache nachgehen und den Schuldigen finden!“

Wilhelming ruft den Wirt herbei: „Leopold, noch eine Runde Bier für alle!“

Der Wirt stellt die Getränke auf den Tisch. Friedrich sagt „Prost!“ und trinkt einen großen Schluck. Die ersten Teilnehmer des Stammtisches verabschieden sich. Schließlich sitzen nur noch Maria und der Schriftsteller beisammen. Auf sie wartet zu Hause niemand. Sie mögen sich irgendwie, das wissen sie, aber bisher sind sie sich noch nicht entscheidend näher gekommen. Vielleicht wäre heute die Gelegenheit dazu. Beide sind schon ein wenig angetrunken. Friedrich legt ihr seine Hand unter dem Tisch auf den Oberschenkel und lässt seine Hand weiter nach oben wandern. Sie trägt eine enge Jeans. Maria flüstert ihm ins Ohr: „Komm, lass uns hier verschwinden, ich möchte mit dir schlafen!“

Seine Ohren klingen. Sein Atem geht schneller! Er spürt deutlich eine heftige Erektion: „Gehen wir zu dir oder zu mir?“

Seine Stimme ist ganz heiser.

„Zu dir, auf dem Remontehof weiß jeder gleich Bescheid!“, stößt sie hervor.

Friedrich bezahlt schnell die Rechnung und beide verlassen das Bärenstübl. Aus den Augenwinkeln heraus, sieht Friedrich noch, wie der Zeitungsredakteur Peter Fassbutter fleißig schreibt. Um keine Zeit zu verlieren, setzen sie sich in Wilhelmings Auto, obwohl er eigentlich aufgrund seines Alkoholkonsums nicht mehr fahren dürfte. Der Wagen setzt sich mit einem kleinen Ruck in Bewegung. Wilhelming fühlt sich wie im Rausch. Die Vorfreude bestimmt sein augenblickliches Dasein. In Rekordzeit hat er die knapp zwei Kilometer vom Lokal bis zu seinem Haus zurück gelegt. Sie springen aus dem Auto und rennen bis zur Haustür. Als sie im Haus sind, reißen sie sich die Kleider vom Körper. Friedrich kann seine Blicke nicht mehr von ihr abwenden. Sie suchen das Schlafzimmer auf. Er drückt Maria vor dem großen Schrankspiegel an den Schultern herunter in die Knie.

4

Es ist Freitag. Jürgen Müller geht am Lehnitzsee spazieren. Er ist froh, dass die Arbeitswoche vorbei ist und das Wochenende Einzug erhält. Er wünschte sich, dass das Theater um die Stellenbesetzung endlich ein Ende findet. Das belastet ihn sehr. Nervös macht ihn vor allen Dingen der Umstand, dass er zufällig beobachtet hat, wie die 35-jährige Juristin, die sich auch auf die Stelle beworben hat, mit geöffneter Bluse und hochgeschobenem Rock auf dem Schoß eines Mitgliedes der Stadtverordnetenversammlung saß. Sie hat Jürgen Geld und ihren Körper angeboten, dafür, dass er sie nicht verraten möge. Dem Stadtverordneten war die Angelegenheit sehr peinlich und er traute sich nicht, Jürgen in die Augen zu schauen. Müller hat zunächst gleich für den folgenden Tag ein Treffen verabredet und sich Bedenkzeit aus erbeten, wie er künftig verfahren möchte und dann für heute Abend um 21.30 Uhr einen weiteren Termin vereinbart.Gerade in seiner Ehekrise, würde er gern eine andere Frau besitzen und Spaß mit ihr haben. Und sie hat sich wirklich Mühe gegeben. Er befindet sich auf dem dunklen Weg zur Lehnitzschleuse und passiert gerade die Gartenanlage des Waldhauses. Er hört Schritte hinter sich und dreht sich um. Nichts zu sehen! Aber immer, wenn er weiterläuft, sind auch wieder die Schritte deutlich zu vernehmen. Er macht das Spiel ein paar Mal mit, dann rennt er plötzlich in die Richtung, aus der die Geräusche kommen und ruft: „Wer ist dort? Ist da jemand?“

Keine Antwort! Aber er spürt, dass da was ist! Vielleicht handelt es sich auch um ein Tier?! Er will jedenfalls der Sache auf den Grund gehen. Angriff ist die beste Verteidigung, denkt er sich und marschiert zurück in die Richtung, aus der er gekommen ist. Und tatsächlich, da bewegt sich etwas im Gebüsch. Er geht näher ran. Die Geräusche hinter den Büschen und Bäumen nehmen zu. Da springt eine schwarze Gestalt aus dem Unterholz hervor. Jürgen sieht die Axt zu spät. Sekundenbruchteile später zerreißt es ihn, der oder die Fremde hat seinen Kopf und das Gesicht getroffen. Das Blut spritzt hervor. Müller fällt wie ein nasser Sack auf den Boden und ist sofort tot. Seine Leiche wird ein Stück ins Gebüsch gezogen. Dann entfernt sich die Gestalt vom Tatort. Frau Müller wartet heute Abend vergeblich auf ihren Mann. Dabei wollten sie sich am Wochenende grundsätzlich über ihre Beziehung unterhalten. Mit der Überlegung, dass er ja wissen muss, was er tut, er ist schließlich alt genug, geht sie nach oben ins Bett. Erst, als er auch am nächsten Morgen noch nicht aufgetaucht ist, macht sie sich ernste Sorgen und läuft seine Strecke ab. Da sie nur auf dem Weg bleibt, geht sie an der Leiche vorbei. Zuhause angekommen verständigt sie die Polizei, die 24 Stunden später die Suche nach Jürgen Müller eröffnet. Den Spürhunden fällt es nicht schwer, das so dicht am Weg im Gebüsch liegende Opfer zu finden. Die Hunde schlagen an, das Gebell ist noch weit entfernt zu hören. Die Kriminalpolizei wird eingeschaltet und untersucht den Tatort. Die Spurensicherung kommt hinzu. Frau Müller bricht mit einem Kreislaufkollaps zusammen und muss im Krankenhaus Oranienburg stationär aufgenommen und behandelt werden. Am Sonntag Nachmittag setzt sich die Sonderkommission (SoKo)„Lehnitzsee“ zusammen. Sie besteht aus den Mitarbeitern der Kriminalpolizei Oranienburg: Kriminaloberrat Otto Meier (Leiter der Kriminaldirektion Oranienburg), Kriminalhauptkommissar Werner Winter (Stellvertretender Leiter der Kriminaldirektion), Kriminaloberkommissar Peter Becker und Kommissarin Martha Hoffmann. Sie treffen sich am wahrscheinlichen Tatort. Die Dunkelheit zieht langsam wieder ein. Der Kriminaloberrat stellt fest: „Das Opfer wurde, nach seinen Wunden zu beurteilen, von vorn erschlagen.“

„Das heißt also in Richtung ´Große Badewiese`“,bemerkt Peter Becker. Kommissarin Hoffmann ergänzt: „Dann müsste er sich schon wieder auf dem Rückweg befunden haben!“

Der 59-jährige Hauptkommissar Werner Winter schweigt, wie so oft. Aber das macht ihn noch nicht zu einem schlechten Kriminalisten. Er gilt ohnehin als wortkarg und Eigenbrötler. Seine Stärke ist der Erfahrungsschatz, den er aus vierzig Dienstjahren bei der Polizei mitbringt. Eine Schwäche besteht darin, dass er kein Team-Player ist, die Kollegen aus dem Westen ablehnt und den ehemaligen Osten verherrlicht. Darüber hinaus haftet an ihm der Geruch der Stasi. Zwar konnte ihm bei der vorgeschriebenen Überprüfung nichts nachgewiesen werden, aber das kam nur zustande,weil seine Akte nicht auffindbar war. Eigentlich sind sich alle Kollegen sicher, dass er Dreck am Stecken hat. Nur beweisen kann man es ihm nicht. So gerät er natürlich schnell in die Rolle des Außenseiters. Ohne Chance, jemals eine andere Rolle spielen zu können. Er kann der Deutschen Einheit nichts abgewinnen. Die Kollegen blicken überrascht auf, beginnt doch Hauptkommissar Winter zu reden: „Es sei denn, er hätte sich umgedreht und wäre seinem Mörder genau in die Arme gelaufen. Ich schlage vor, dass wir den Abend noch nutzen, die Nachbarschaft zu befragen.“

Kriminaloberrat Meier, dem man unterstellt ein Karriererist zu sein, beauftragt seine jungen Kollegen - Winter spricht von ihnen immer als junge Hüpfer - heute Abend die Befragung in der Nachbarschaft und morgen früh im Krankenhaus bei Frau Müller vorzunehmen. Meier und Winter wollen die Ergebnisse der Spurensicherung (Spusi), die ihre Arbeit schon beendet hat, im Kriminalgebäude auswerten, um Grund in die Sache zu bringen. Die beiden Kriminalisten verabschieden sich von den „jungen Hüpfern“ und fahren mit ihrem dunklen Dienstwagen in die Kriminaldirektion in die Berliner Straße, gegenüber dem Kino. Der Bericht der Spusi liegt bereits auf dem Tisch des Leiters der Kriminalpolizei und der „SoKo Lehnitzsee. Während Otto Meier sich hinter seinen Schreibtisch setzt und den Bericht liest, blickt ihn Werner Winter, der stehen bleibt, erwartungsvoll an. Nach einer gefühlten Ewigkeit spricht der Kriminaloberrat endlich: „Die Tatwaffe ist verschwunden, es kann vermutet werden, dass der Täter sie mitgenommen und wahrscheinlich auf seinem Weg entsorgt hat. Es handelt sich von der Wucht des Aufschlages und der Größe der Wunden her um ein Beil, einen großen Hammer oder eine Axt. Lassen Sie morgen noch einmal nach der Tatwaffe suchen, Kommissar Winter!“ Der Kriminaloberrat fährt fort: „Die Todesursache war der harte Schlag gegen den Kopf, der das Gehirn und sein Gesicht zertrümmert hat, er muss sofort tot gewesen sein. Später ist er dann bis zu seinem Auffinden heute Vormittag regelrecht ausgeblutet. Hinter dem Schlag muss eine unbändige Kraft gesteckt haben! Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass es sich bei dem Täter um einen Mann handelt!“

Winter stellt eine Frage: „Was hatte das Opfer außer seiner Kleidung bei sich?“

Otto zählt auf: „Haustürschlüssel, Kaugummi, Kondome, Pfefferspray, Taschenkalender!“

Werner frohlockt: „Das sind ja alles sehr interessante Dinge, die uns bestimmt weiter bringen. Haustürschlüssel und Kaugummi sind zu vernachlässigen, aber  wozu braucht ein verheirateter Mann für seinen Abendspaziergang Kondome? Das sieht ja ganz so aus, als ob Herr Müller ein Date gehabt hätte. Entweder hat er das Treffen schon hinter sich gebracht oder sein Date steht in unmittelbarem Zusammenhang mit seinem Tod oder er wurde durch sein Ableben daran gehindert.“

Meier ergreift das Wort: „Dann würde sich die Frage anschließen, ob er vielleicht homosexuell war, so könnte ein unzufriedener Freier der Täter sein, zumal bei dem Opfer überhaupt kein Geld oder eine Brieftasche gefunden wurde, was zum Beispiel auf einen Raubmord in der Schwulenszene hindeuten würde.“

„Das erscheint mir zu weit hergeholt, genauso gut könnte es sich bei der betreffenden Person um eine Frau handeln! Sollte es sich um einen Seitensprung mit einer anderen Frau handeln, hätten wir mit der Ehefrau, Frau Müller, die erste Verdächtige“, widerspricht Herr Winter.

„Ich werde den Taschenkalender auswerten und erhoffe mir nähere Angaben über den fraglichen Termin.“, sagt Otto: „Bleibt noch das Pfefferspray, dass der normale Bürger eigentlich nur in der Tasche mit sich herumträgt, wenn er Angst vor irgend etwas hat. Kannte das Opfer die Gefahr oder gar den Täter?“ Kriminaloberrat Meier grinst: „Das scheint ein recht interessanter Fall zu werden. In Oranienburg ist mal endlich wieder was los!“

5

Heute Morgen fangen die jungen Kollegen schon um 6.00 Uhr mit der Frühschicht an. Außer ihnen ist niemand in der Kriminaldirektion. Kommissarin Martha Hoffmann und Oberkommissar Peter Becker können es kaum erwarten, der Frau des Opfers, Frau Müller, im Krankenhaus einen Besuch abzustatten. Gestern Nachmittag haben sie sich in der Nachbarschaft erkundigt, ob irgend etwas Verdächtiges bemerkt wurde. Dabei stießen sie auf einen Jogger, der in der Nähe des Tatortes wohnt und Jürgen Müller schon mehrmals begegnet ist. Auch zur vermeintlichen Tatzeit, am Freitag Abend, begegneten sie sich  auf der „Großen Badewiese“ und grüßten sich. Der Jogger, Herr Maximilian Dorfner, ist wahrscheinlich der letzte Zeuge, der das Opfer lebend gesehen hat. Er blickte zufällig auf die Uhr: Es war 21.05 Uhr. Der Zeuge konnte sich aber nicht an irgendwelche Auffälligkeiten erinnern. Doch, da war noch eine kleine Sache, die er der Polizei nicht vorenthalten wollte. Und zwar kam von der Lehnitzschleuse eine kleine Gruppe von Flüchtlingen auf ihn zu. Er musste Platz machen, sonst hätten sie ihn angerempelt. Sie schienen ihm, angetrunken zu sein. Dorfner fluchte still vor sich hin: „Von einem Gast erwartet man normalerweise mehr Zurückhaltung und auch ein wenig Respekt. Aber diese Asylanten können sich einfach nicht benehmen.“

Sie müssen dem Opfer oder dem Täter dann später ebenfalls begegnet sein. Um 8.30 Uhr verlassen die jungen Kriminalisten das Dienstgebäude. Um kurz vor 9.00 Uhr sind sie im Krankenhaus und verhören Frau Müller. Becker eröffnet das Gespräch: „Wie geht es ihnen?“

„Es geht!“

„Sind sie willens und bereit, einige Fragen zu beantworten?“

Frau Müller nickt mit dem Kopf.

„Gut, wann ist ihr Mann am Freitag Abend zu seinem Spaziergang aufgebrochen?“

„Das weiß ich nicht so genau! Ach doch, er ging, während ich mir im Fernsehen die Freitagabend-Krimis anschaute. Es war kurz vor dem Ende des ersten Krimis und müsste so etwa gegen 20.50 Uhr gewesen sein.“ „Haben Sie sich nicht gewundert, dass ihr Mann an diesem Abend nicht nach Hause kam? Kam das denn öfter vor?“

„In der letzten Zeit, ja! Er ging dann in die Kneipe an der nächsten Straßenecke. Meistens Freitag oder samstags Abend, dann hatte er den nächsten Tag frei. Ich brauchte mir also keine Sorgen zu machen!“

„Nahm er zu seinen Ausflügen nie Geld mit, wir haben jedenfalls bei ihm keines gefunden?“

„Natürlich hatte er Geld bei sich! Dann muss er bestohlen worden sein!“ Die Kommissarin übernimmt die Befragung: „Wie trug er das Geld bei sich?“

„In einem kleinen Portemonnaie in der Hosentasche.“

„Wie viel Geld hatte er bei sich?“

„Das weiß ich nicht! Ich würde mal sagen, vielleicht 100 €. Das gibt es doch gar nicht, ein Menschenleben für 100 € auszulöschen! In was für einer Zeit leben wir denn?“

„Vorsicht mit derartigen Anschuldigungen und Vorverurteilungen, wir wissen überhaupt noch nicht, ob der Tod ihres Mannes in irgend einem Zusammenhang mit dem fehlenden Geld steht! Fehlt sonst noch was? Außer Geld haben wir einen Taschenkalender, ein Pfefferspray, Kaugummi, einen Haustürschlüssel und ...na ja... Kondome gefunden!“ Frau Müller reagiert aufgebracht. Was, das muss ein Irrtum sein! Wozu hätte er denn Kondome gebraucht? Ja, gut, wir haben in der letzten Zeit nicht mehr miteinander geschlafen, aber das ist doch kein Grund dafür, gleich fremdzugehen. Nein, das glaube ich einfach nicht!“

Martha Hoffmann spricht weiter: „Es ist aber leider so! Können Sie sich, Frau Müller, vorstellen, um wen es sich handelt?“

Die Ehefrau überlegt lange und fängt dann leise an zu weinen. Sie schluchzt: „Kümmern Sie sich lieber um diesen Kollegen, den Harald Toreck oder so ähnlich! Die beiden haben sich um eine Stelle gestritten!“ In diesem Moment kommt der behandelnde Arzt herein. Er sieht, dass seine Patientin der Zeugenvernehmung nicht mehr gewachsen ist: „Das reicht jetzt! Sie sehen doch, dass meine Patientin ihrer Befragung nicht mehr folgen kann! Bitte gehen Sie jetzt! Morgen ist auch noch ein Tag!“ Peter Becker zieht seine Kollegin, die das zunächst nicht einsehen will, vom Krankenbett weg. Die beiden Kriminalisten verlassen das Krankenhaus.

6

Für heute Abend hat die PERGOLA (Pazifistische Europäer rufen gern: ola) eine Demonstration, den sogenannten Montag–Abendspaziergang, in Oranienburg angemeldet. Die Polizei muss die rivalisierenden Gruppen, die BPD (Bundes Partei Deutschland), die Rechtsgerichteten und Neo- Nazis auf der einen Seite und die liberalen Bürger und Linken bis hin zu den Autonomen auf der anderen Seite, auseinander halten. Die sogenannten besorgten Bürger einschließlich der Wähler der AFB (Aktion für Bund), tendieren eher zum rechten Spektrum und zählen damit zu den geistigen Brandstiftern für die zahlreichen Brandanschläge in der näheren Umgebung durch die Rechtsextremen. Der Demonstrationszug führt vom Bahnhof Oranienburg, die Stralsunder Str, entlang, dann links in die Bernauer Str., bis zum Schloss Oranienburg. Vor dem Schlossplatz findet dann die Kundgebung der PERGOLA statt. Aus dem Demonstrationszug ertönen fremdenfeindliche Parolen. Niemand geht dagegen vor. Die Polizei hat genug damit zu tun, Übergriffe von beiden Seiten zu verhindern. Redner von der AFB verunglimpfen die Flüchtlinge. Die ganze Szenerie mutet bedrohlich an. Man fühlt sich zurückversetzt in die 30er Jahre, die Zeit der Straßenschlachten und der Machtergreifung durch die Nazis. Ja, so muss es damals gewesen sein. Die aktuelle ähnliche Entwicklung ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Gefährlich ist auch die Prognose für die drei bevorstehenden Landtagswahlen, wonach die AFB jeweils deutlich in die Landtage gewählt werden könnte und damit wäre das unheilvolle Streben der Rechten durch einen Teil der Länderparlamente legitimiert. Otto Normalverbraucher hält es für einen klugen Trick, die AFB zu wählen, um der Regierung einen Denkzettel zu verpassen und darauf hinzuwirken, dass die Asylgesetze verschärft werden und der Zustrom sowie das Bleiberecht von Flüchtlingen gestoppt wird. Wenn diese, gegen die Flüchtlinge gerichteten Maßnahmen, umgesetzt sind, könne beim nächsten Mal wieder eine Wahl der gemäßigten Parteien erfolgen. Es ist ein gefährliches Spiel. Man soll und darf den Teufel nicht herausfordern, denkt sich Friedrich Wilhelming, der an dem Demonstrationszug teilnimmt.Niemand nimmt Notiz von der kleinen Gruppe von etwa 60–jährigen Männern, die graue Anzüge tragen und still am Rande der Menschenmenge mit verkniffenen Gesichtern mitlaufen. Darunter befindet sich auch der Hauptkommissar der Kriminalpolizei, Werner Winter. 

7

Es ist Dienstag Vormittag, in der Kriminaldirektion Oranienburg. Die Kriminalisten treffen sich zur Lagebesprechung. Der Kriminaloberrat fragt die Anwesenden: „Was haben wir? Wie ist der letzte Stand?“

Kommissarin Hoffmann antwortet zuerst: „Wir haben die Kondome, die auf einen Seitensprung hindeuten. Wir müssen die Frau finden, die dazu gehört! Sollte sich der Ehebruch bewahrheiten, wäre Frau Müller nach wie vor unsere erste Tatverdächtige, aus Eifersucht als betrogene Ehefrau die Tat begangen zu haben. Wir sollten die Dame, die für den Seitensprung verantwortlich ist, im beruflichen Umfeld des Opfers suchen, denn

woanders, können sie sich kennengelernt haben? Auch sie könnte aus Eifersucht - vielleicht wollte Herr Müller die Beziehung  beenden - die Mörderin sein!“

Otto Meier ergreift das Wort: „Der Taschenkalender, den wir beim Toten sichergestellt haben, hilft uns nicht entscheidend weiter. Es ist in der Tat ein Zeichen für den Freitag vermerkt worden. Das könnte auf ein Date hinweisen. Aber es ist nichts über eine Uhrzeit oder einen Namen eingetragen. Vielleicht sollten wir davon ausgehen, dass es zu diesem Treffen am Freitagabend gekommen ist. Und selbst, wenn die Dame den Termin nicht wahrgenommen hat oder wenn er nicht mehr zustande kam, wird sie sich in der Nähe des Tatortes aufgehalten haben und wäre mindestens eine wichtige Zeugin für uns. Und durch Hass und Eifersucht können die Kräfte der Frauen in Extremsituationen um ein Vielfaches steigen und sie als Täter, trotz der Schwere der Tatwaffe, in Betracht kommen lassen. Natürlich müssen wir auch die Flüchtlingsgruppe, die dem Jogger entgegengekommen ist, überprüfen. Becker und Hoffmann, ihr kümmert euch um das Flüchtlingsheim in Lehnitz! Werner und ich statten der Stadtverwaltung einen Besuch ab. Los, an die Arbeit!“

Der Oberkommissar und die Kommissarin sitzen eine halbe Stunde später dem Heimleiter, Herrn Grobian, gegenüber. Ebenfalls anwesend ist ein Dolmetscher, den die „jungen Hüpfer“ für die Befragung der Asylanten angefordert haben. Peter Becker eröffnet das Gespräch: „Herr Grobian, können Sie uns sagen, wer von Ihren Insassen am letzten Freitagabend das Heim verlassen hat? Es muss sich um eine Gruppe handeln, die am Lehnitzsee spazieren gegangen ist.“

„Lassen Sie mich mal im Tagebuch nachsehen, ob ich etwas eingetragen habe. Sie sagten Freitagabend..., da ist ein Eintrag! Ja, hier steht es: Insgesamt 7 Syrer haben das Heim um 19.30 Uhr verlassen! Hier sind die Namen!“

„Wann sind sie wieder zurück gekommen?“, fragt die Kommissarin.

„Um 22.30 Uhr!“

Martha Hoffmann stellt die nächste Frage: „Ist Ihnen beim Heimkommen der Flüchtlinge etwas aufgefallen? Waren sie aufgeregt oder vielleicht  angetrunken oder sogar betrunken bzw. haben sie andere Drogen konsumiert?“

„Was hinter Ihrer Frage steckt, gefällt mir nicht! Ganz und gar nicht! Dieses Stigma, dass Asylanten nur saufen und kiffen, arbeitsscheu sind und Straftaten begehen, ist widerlich!“

Martha beißt sich auf die Lippen, um eine Antwort, die ihr schon auf der Zunge liegt, zu vermeiden. Nun ist es schon so weit gekommen, dass man sich von einem Heimleiter beschimpfen lassen muss! Kindergeschrei beendet ihr Nachdenken. Kinder, die sich gar nicht beruhigen wollen, streiten sich um einen großen Gegenstand, den sie kaum tragen können. Becker erkennt als erster, um was es sich handelt. Es ist ein Beil, eine Axt. Möglicherweise die Tatwaffe, dämmert es ihm. Er nimmt die vermutliche Tatwaffe vorsichtig, indem er den Axtstiel mit einem Taschentuch umwickelt, an sich und wendet sich an den Dolmetscher: „Bitte fragen Sie die Kinder, wo sie diese Axt gefunden haben!“

Der Dolmetscher übersetzt und die Kinder wollen dem Polizisten den Fundort zeigen. So verlassen die Kinder, vier an der Zahl, und die vier Erwachsenen das Heimgebäude. Die zwei Jungen und zwei Mädchen bleiben im Garten vor einem Gebüsch stehen. Für den Oberkommissar ist der Fall geklärt. Die Flüchtlinge haben den Mord begangen und die Tatwaffe in ihrer arabischen Sorglosigkeit einfach auf dem Grundstück des Heimes entsorgt. Peter Becker greift zum Handy, verständigt die Spurensicherung und fordert Verstärkung zum Abtransport der sieben Syrer an. Bis zum Eintreffen der Bereitschaftspolizei werden die Flüchtlinge von den beiden Kriminalisten bewacht. Der Heimleiter verkündet derweil seinen Unmut hinsichtlich der Behandlung der Asylanten: „Typisch, die Migranten werden ohne ausreichenden Grund sofort beschuldigt und inhaftiert. Ich werde unseren Rechtsanwalt und den Sprecher der „Für die Asylanten-Initiative“ anrufen!“

Der Oberkommissar erwidert kurz angebunden: „Tun Sie, was Sie nicht lassen können!“ Der Dolmetscher unterhält sich derweil mit den syrischen Flüchtlingen. Die Kinder schreien ihre Angst vor der Polizei, die mit Verstärkung anrückt, heraus. Becker gibt die vermeintliche Tatwaffe in die Obhut der Spusi, die gerade eintrifft. Gleichzeitig erscheinen der Sprecher der Initiative, Rudolf Knoll und der Rechtsanwalt, Hubert von Landesbrücken. Die sieben Asylanten werden bereits abgeführt, trotz der Proteste ihres Rechtsvertreters. Herr Knoll droht Peter Becker mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde, der winkt nur lässig ab. Die Kommissarin ist in ein Streitgespräch mit dem Rechtsanwalt verwickelt: „Was ist jetzt konkret der Haftgrund für meine Klienten?“, will er schließlich wissen. „Verdacht des gemeinschaftlichen Mordes an Herrn Jürgen Müller! Darüber hinaus besteht Fluchtgefahr!“

Die Asylanten werden zunächst zur erkennungsdienstlichen Behandlung auf die Polizeidienststelle in Oranienburg gebracht. Es werden die Fingerabdrücke und die DNA benötigt zum Abgleich mit den auf der Axt gesicherten Spuren. Das Ergebnis der Spurensicherung wird aber erst morgen Nachmittag vorliegen. Solange müssen die Asylanten in Untersuchungshaft sitzen. Die Polizei rückt mit ihren Gefangenen ab und hinterlässt einen Scherbenhaufen an Gefühlen, sind doch auch Väter, die ihre Ehefrauen und Kinder zurücklassen, unter den Inhaftierten.

8

Werner Winter und Otto Meier sind am Nachmittag in die Stadtverwaltung Oranienburg gefahren. Eigentlich hätten sie mit gutem Beispiel für den Klimaschutz vorangehen müssen und auf den Dienstwagen verzichten sollen. Aber ihre Bequemlichkeit hat sie davon abgehalten. Winter und Meier haben um 16.00 Uhr einen Termin beim Regierenden Oberbürgermeister Heinrich Brennecke. Der baldige Ruheständler empfängt seine Gäste pünktlich und bittet sie, Platz zu nehmen.„Es geht sicherlich um den Mord an Jürgen Müller, unseren geschätzten Kollegen! Was kann ich konkret für sie tun?“

Otto antwortet: „Die Überprüfung der ersten Hinweise hat ergeben, dass Herr Müller aller Wahrscheinlichkeit nach eine Geliebte hatte. Da sich ein Mann und eine Frau meistens auf ihrer Arbeit kennenlernen, dort verbringen sie ja auch den größten Teil ihres Lebens, sind wir zu Ihnen gekommen, in der Hoffnung, weitere Hinweise zu erlangen!“

„Da muss ich sie enttäuschen! Mir ist nicht bekannt, dass das Opfer mit einer Mitarbeiterin dieses Hauses ein Verhältnis hatte.“

„Aber irgendwo muss es sie geben, die Frau, die er an seinem Todestag treffen wollte.“, bemerkt Winter: „Ist Ihnen denn gar nichts aufgefallen?“ „Vielleicht sollten wir die Ausschüsse und die Stadtverordnetenversammlung in unsere Überlegungen mit einbeziehen?“, trägt Meier vor: „Herr Oberbürgermeister, wo gibt es denn sonst noch schöne Frauen?“

Der Regierende Oberbürgermeister denkt lange nach und antwortet dann betont leise, um seinem Vortrag einen interessanten Unterton zu verleihen: „Die beiden Damen, die sich auch, wie Herr Müller, auf die Stelle des 2. Beigeordneten beworben haben, sind ausgesprochen hübsch. Hier könnte ich mir schon vorstellen, dass die Männerherzen höher schlagen und gern eine Liaison mit ihnen eingehen würden. Die eine, Simone Jargert, ist Juristin und 35 Jahre alt, die andere Dame heißt Heike Logert, ist 37 Jahre alt und studierte Betriebswirtin. Aber mir ist nicht bekannt, dass es eine Beziehung von Seiten des Opfers mit einer der beiden Damen gegeben hätte. In der Stadtverordnetenversammlung selbst sind die Männer klar in der Überzahl. Es bleibt Ihnen natürlich überlassen, die Damen zu verhören!“

Winter erläutert: „Bei der Vernehmung der Ehefrau des Opfers wurde auf den Konflikt zwischen Jürgen Müller und seinem Kollegen Harald Toreck hingewiesen. Ehemals befreundet, haben sie sich schließlich durch die Stellenausschreibung und die gleichzeitige Bewerbung auf diese Stelle entzweit. Was haben sie hierzu zu sagen?“

„Ich gebe nichts auf Gerüchte und habe deshalb nicht auf diesen angeblichen Konflikt aufmerksam gemacht!“

„Das sehen wir anders, Herr Oberbürgermeister!“, erwidert der Kriminaloberrat: „Wir werden diesen Kollegen verhören. Er hat zur Zeit das stärkste  Motiv!“

Werner Winter stellt eine gemeine Frage: „Wer hat denn jetzt die besten Aussichten, die Stelle zu bekommen?“

Herr Brennecke überlegt nur kurz, um dann zu entgegnen: „Das sage ich Ihnen nicht!“

Der Hauptkommissar aus dem Osten hakt nach: „Sie dürfen uns keine Informationen vorenthalten, Herr Bürgermeister!“

„Wo steht geschrieben, dass ich Ihnen über eine Stellenbesetzung Auskunft geben muss? Außerdem entscheidet die Stadtverordnetenversammlung darüber. Meine Herren, womit kann ich Ihnen noch weiterhelfen?“ „Danke, das wäre es für den Anfang!“, beendet Otto Meier die Befragung: „Ach so, könnten Sie uns bitte noch bei Herrn Toreck anmelden?“

„Ja, ich versuche es, aber wahrscheinlich hat er bereits Feierabend gemacht! Es ist 17.00 Uhr und wir haben Gleitzeit.“ Der Regierende Oberbürgermeister gibt die entsprechende Apparat-Nummer in die Tasten ein. Erwartungsgemäß meldet sich niemand mehr.

„Gut, dann müssen wir es eben morgen nochmal probieren! Vielen Dank!“, sagt Meier.

„Nichts zu danken! Auf Wiedersehen!“, verabschiedet sich der Rathauschef von den beiden Kriminalisten.

Der Kriminaloberrat und der Hauptkommissar suchen im Anschluss das Schlosscafé auf und bestellen Kaffee und Kuchen. Winter resümiert: „Der Regierende Oberbürgermeister kommt sich auch wie ein kleiner König vor.“

„Na, ja, immerhin ist er der Chef von 600 Mitarbeitern und das Oberhaupt für mehr als 30.000 Einwohner“, fügt Otto Meier hinzu.

Da klingelt es. Beide greifen instinktiv zu ihrem Handy, das während der Besprechung ausgestellt war. Der Oberkommissar will seinen Chef über die Vorkommnisse in dem Flüchtlingsheim in Kenntnis setzen. Otto hört gespannt zu, nickt und schüttelt mit dem Kopf: „Wir machen Schluss für heute und treffen uns morgen früh im Dienstgebäude wieder!“

Winter studiert mit einem schnellen Rundumblick die Besucher des Cafés. Hauptsächlich ältere Menschen, die hier ihre Zeit verbringen. Alte Ehepaare genauso wie Alleinstehende, aber die Einsamkeit vereint sie. Es riecht lecker nach frischem Kuchen und frisch gemahlenen Kaffeebohnen. Das Ambiente gibt den Besuchern Geborgenheit und Wärme. So könnte er sich auch vorstellen, sein Dasein als Rentner zu verbringen. Vielleicht findet er noch bis dahin eine nette Partnerin, denn auf Dauer „allein sein auf dieser Welt“ möchte er nicht. Die Herren verlassen das Café. Jeder geht seiner Wege.

9

Friedrich Wilhelming und Maria Sander, die heute ihren freien Tag hat, verbringen den Mittwoch den ganzen Tag im Bett. Sie erzählen sich, dass sie schon immer aufeinander scharf waren. Maria macht für ihren Liebling einen Striptease. Dazu stellt sie sich in die Mitte des Schlafzimmers und legt betont langsam und in tänzerischer Bewegung ihre Kleidung ab. Zuerst landet ihr Rock auf dem Fußboden. Dann folgt ihre fast durchsichtige weiße Bluse, ihr Markenzeichen. Nachdem sie sich ihrer halterlosen Strümpfe und der Schuhe entledigt hat, steht sie nur noch in ihrer weißen Unterwäsche vor ihm.

„Weiter, weiter!“, flüstert Friedrich mit heiserer Stimme.

Maria bewegt sich jetzt wie in Trance. Sie springt übermütig auf das Doppelbett, dreht und windet sich im Taumel einer Musik, die nur in ihrer Phantasie vorhanden ist. Schließlich streift sie ihre letzten Sachen ab. Splitterfasernackt drückt sie ihren Körper an ihn...Völlig erschöpft müssen sich Friedrich und Maria erst einmal ausruhen. Als ob sie Jahrzehnte nachholen müssen, so heftig haben sie sich geliebt. Wilhelming holt sich die Zeitung aus dem Briefkasten und stößt beim Durchblättern auf einen Bericht über den Mord am Lehnitzsee: „Wie die Polizei erst jetzt mitteilt, hat es am Freitagabend am Lehnitzsee einen Mord gegeben. Der 49-jährige Jürgen M., Mitarbeiter in der Stadtverwaltung, wurde am Sonntag Vormittag tot aufgefunden. Die Ermittlungen laufen auf vollen Touren. Doch die Kriminalpolizei steht vor einem Rätsel. Wer zu diesem Verbrechen Hinweise geben kann, möge sich bitte bei der Polizei melden. Es ist eine Belohnung von 1.000,—€ ausgesetzt! Gesehen wurde in den vergangenen Tagen mehrmals von verschiedenen Anwohnern eine schwarze, maskierte Gestalt in der Nähe des Tatortes!“

„Du Schatzi, wollen wir einen kleinen Spaziergang am Lehnitzsee machen?“

„Warum gerade zum Lehnitzsee?“, will Maria wissen.

Von Bärenklau bis in die Kreisstadt sind es fünfzehn Minuten mit dem Auto und eine Fahrtstrecke von etwa 12 km. Friedrich antwortet: „Auf den Spuren des Mörders, dazu hätte ich jetzt Lust!“

„Aber es wird doch schon bald dunkel und anziehen muss ich mich auch erst!“

„Nun hab dich nicht so! Vielleicht können wir ja auch den Fall aufklären und die Belohnung einstreichen?! Und, dass es bereits dunkel ist, macht die ganze Angelegenheit doch richtig spannend!“

„Also, gut, ich ziehe mich schnell wieder an!“

Sie beeilt sich und das frisch verliebte Paar kann sich fünfzehn Minuten später auf den Weg machen. Sie erreichen den Parkplatz vor dem  Lehnitzsee an der großen Badewiese nach zwanzig Minuten. Die Dunkelheit nimmt zu, Nebel kommt auf. Es beginnt zu nieseln. Maria hakt sich bei Friedrich unter. Sie gehen langsam den Weg am See entlang. Da baut sich vor ihnen ein großer Schatten auf, der näher kommt. Frau Sander hält sich am Arm von Friedrich fest und verstärkt den Druck. Wilhelming beschleunigt instinktiv seinen Schritt. Sie sind jetzt auf gleicher Höhe mit der dunklen Gestalt. Das Gesicht ist wegen der großen Kapuze nicht zu erkennen. Von diesem Mann - vielleicht handelt es sich auch um eine Frau - geht eine große Gefahr aus, das spürt das verliebte Paar. Maria und Friedrich sind froh, dass der oder die Unbekannte an ihnen vorbeigeht und sich ihnen nicht zuwendet. Sind sie vielleicht schon dem Mörder vom Lehnitzsee begegnet? Sie gehen nachdenklich weiter. Jeder denkt das Seine. Beide sprechen nicht. Ihre Gedanken befinden sich im Sturzflug auf der Achterbahn. Gleich geht es wieder steil hoch. Rein gefühlsmäßig muss er / sie es gewesen sein! Rational betrachtet, hätte der Kollege Zufall die Angelegenheit zu deutlich für sich entschieden. Und das entspricht meistens nicht der Realität. Friedrich hat die Idee, der schwarzen Gestalt zu folgen und diese anzusprechen. Doch sie ist nicht mehr zu sehen. Die beiden haben ihre Chance gehabt und verpasst. Werden sie noch einmal einen Versuch bekommen? Das bleibt fraglich. Langsam haben sie ihre Gedanken wieder geordnet. Maria und Friedrich brechen ihren Spaziergang ab und fahren nach Hause.

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Derweil herrscht am Mittwoch früh eine rege Betriebsamkeit im Gebäude der Kriminaldirektion Oranienburg. Der Chef der Kriminalpolizei und Leiter der Sonderkommission „Lehnitzsee“, Otto Meier läuft im Besprechungsraum ungeduldig hin und her und wartet auf seine Kollegen. Nach ihm treffen der Hauptkommissar Werner Winter, Oberkommissar Peter Becker und zum Schluss die Kommissarin Martha Hoffmann, das Küken der Kriminalabteilung, ein. „Na, endlich!“, flucht der Kriminaloberrat: „Können wir anfangen?! Was haben wir? Herr Becker, wie ist der Stand bei den Flüchtlingen?“

Der Angesprochene antwortet: „Das Ergebnis der DNA-Analyse und der Blutuntersuchung liegt erst morgen früh vor. Aber wahrscheinlich werden wir ohnehin nur das Blut des Opfers auf der Tatwaffe finden. Um so wichtiger sind demzufolge die Fingerabdrücke.“

Kommissarin Hoffmann ergänzt: „Ich denke aber nicht, dass wir etwas Brauchbares finden werden. Das wäre zu einfach. Wie leicht ist es, die Axt über den Zaun zu werfen, damit sie auf dem Grundstück der Asylanten vorgefunden und der Verdacht auf sie gelenkt wird.“

Hauptkommissar Winter entgegnet: „Vorsicht, junge Frau, immerhin sind die Flüchtlinge in der Nähe des Tatortes gesehen worden.“

Meier hält fest: „Folglich bleiben die 7 Asylanten in Untersuchungshaft und gelten bis auf Weiteres als unsere Hauptverdächtigen.“

Winter erläutert: „Da das Geld fehlt, könnte es auch ein banaler Raubmord gewesen sein, mit einem Täter, der die Flucht ergriffen hat und sich weit vom Tatort entfernt hat. Auch die schwarze Gestalt, die von den Flüchtlingen und vom Jogger gesehen wurde, ist tatverdächtig, Tatverdächtige Nr. 3 bleibt die Ehefrau des Ermordeten aus Eifersucht auf ihren Mann, der wahrscheinlich eine Geliebte hatte.“

Peter Becker erklärt: „Der Tatverdächtige Nr. 4 wäre der  Freund oder Mann der Geliebten des Opfers. Die Tatverdächtigen Nr. 5 bis 7 sind die Mitbewerber auf die freie Stelle des 2. Beigeordneten: Harald Tureck, Simone Jargert und Heike Logert.“

Meier führt diesen Gedanken zu Ende „Verdächtigt als Nr. 8 und unser Hauptzeuge bleibt der Jogger, der vermutlich das Opfer zuletzt lebend gesehen hat.Winter und ich fahren ins Rathaus, um die Mitbewerber um die besagte Stelle zu verhören. Die Damen sind heute im Hauptausschuss der Stadtverordnetenversammlung, um sich vorzustellen. Das junge Gemüse geht noch einmal zur Witwe des Opfers und klärt den Sachstand im Flüchtlingsheim. Also Abmarsch!“

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Als Meier und Winter am Schloss ankommen, hat der Regierende Oberbürgermeister keine Zeit für die Kriminalbeamten. Sie suchen den Kollegen Harald Tureck auf, der zum Schluss mit Jürgen Müller zerstritten war. Reicht dieses Motiv aus für die Ermordung des ehemaligen Freundes? Das müssen Werner und Otto jetzt herausbekommen. Tureck bleibt hinter seinem Schreibtisch sitzen und bietet den Kommissaren an, auf den beiden Besucherstühlen Platz zu nehmen. Weitere Möbel passen in das kleine Zimmer nicht hinein. Ein größeres Fenster sorgt für ausreichend Helligkeit.

„Herr Tureck!“, eröffnet Meier das Gespräch: „Ich komme gleich zum Kern der Sache! Wie standen Sie zum Mordopfer? Waren Sie zerstritten? Wenn ja, worauf begründete sich ihr Zerwürfnis?“

Herr Tureck überlegt lange, ehe er antwortet: „Wir waren früher gute Freunde und haben uns auch privat gegenseitig besucht. Nach und nach, also schleichend, verschlechterte sich unsere Beziehung, wobei ich ihnen nicht sagen kann, woran das gelegen hat. Das war einfach der Zug der Zeit, man lebt sich nach vielen Jahren Zusammenarbeit halt auseinander und lernt neue Freunde und Bekannte kennen. Der endgültige Bruch kam, als wir uns beide auf dieselbe Stelle beworben haben. Nun waren wir auf einmal direkte Konkurrenten und aus früherer Sympathie wurde Missgunst und Neid.“

Kommissar Winter fragt nach: „Könnte es vielleicht nicht doch sein, dass sie aus Rachegelüsten, weil sie damit rechnen mussten, dass Ihnen der Kollege  die Stelle wegschnappt, ihren Widersacher aus dem Weg geräumt haben?“

„Nein, nein, natürlich nicht!“

Der Kriminaloberrat stellt die nächste Frage: „Wo waren sie am

Freitagabend so gegen 20.30 Uhr bis 21.30 Uhr?“

„Zuhause!“

„Wer kann das bezeugen?“

„Meine Ehefrau!“

„Und Sie waren nicht zufällig am Lehnitzsee?“

„Nein, wo denken sie hin?!“

„Na,gut, wir werden uns das von Ihnen vorgetragene Alibi von Ihrer Frau bestätigen lassen!“ „Können Sie uns sonst noch etwas zum Opfer sagen? Gab es irgendwelche Auffälligkeiten?“

„Da sich unsere Wege getrennt haben, kann ich nicht mehr viel dazu sagen.“

Winter bohrt nach: „Wer wird denn die Stelle jetzt bekommen?“

„Das weiß ich nicht! Die Stadtverordnetenversammlung wird in gut einer Woche, genau in acht Tagen, auf einer Sondersitzung darüber entscheiden. Vorher, und zwar heute, wird noch der Hauptausschuss die Bewerber anhören, die in die engere Wahl gekommen sind, über die Stellenbesetzung beraten und eine Empfehlung aussprechen. Die Voten aus den anderen Ausschüssen liegen bereits vor.“ Herr Tureck scheint langsam genervt zu sein über die vielen Fragen, die ihm gestellt werden.

Kommissar Winter will mehr wissen: „Aber ihre Chancen sind doch gestiegen, mindestens von 25 % auf 33,33 %, nachdem ein Kandidat von vier Bewerbern weggefallen ist?!“

„Dazu kann ich nichts sagen.“

„Mensch, Tureck, nun sagen Sie schon! Rechnen Sie damit, den Posten zu erlangen?“

Harald Tureck fühlt sich in die Enge getrieben und schweigt. Er weiß, dass er schnell in Mordverdacht geraten kann, wenn er in diesem Punkt weich wird und das sagt, was die Polizei hören will. Meier spürt diese Blockade und sagt: „Wir melden uns wieder, wenn wir Ihr Alibi überprüft haben. Bleiben Sie zu unserer Verfügung in Oranienburg. Wenn Ihnen doch noch was einfällt, melden Sie sich bei uns. Hier ist meine Visitenkarte!“

Die Kommissare verlassen das Büro und wollen nun die beiden Damen, die 35-jährige Juristin Simone Jargert und die 37-jährige Heike Logert, befragen. Wie der Bürgermeister schon ankündigte, handelt es sich um ausgesprochen gut aussehende und reife Frauen. Die beiden Damen warten in einem mittelgroßen Sitzungsraum auf die Kriminalpolizei. Otto Meier begrüßt zuerst Simone Jargert und danach Heike Logert. Ihre Hände sind ein wenig schwitzig. Frau Logert muss zunächst draußen warten. Simone Jargert trägt einen kurzen schwarzen Rock und eine rote Bluse, dazu  halterlose Netzstrümpfe. Otto mustert sie von Kopf bis Fuß. Er beginnt mit der Befragung: „Frau Jargert, kannten Sie den Toten?“

„Nein!“

„Das Opfer hatte Kondome bei sich. Können Sie sich erklären, warum?“

„Nein!“

„In dem Taschenkalender des Ermordeten deutete ein Eintrag auf eine Verabredung hin. Waren Sie dieser Termin?“

„Nein!“

„Waren Sie die Geliebte von Herrn Müller?“ 

„Nein!“

Winter fährt fort: „Haben Sie ihn umbringen lassen?“

„Nein!“

„Haben Sie ihn mit dem Beil selbst erschlagen?“

„Nein!“

„Waren Sie verärgert darüber, dass er die Beziehung beenden wollte?“ „Nein!“

„Wo waren Sie am letzten Freitag um ca. 21.30 Uhr und was haben Sie gemacht?“

„Ich habe in meiner Wohnung gesessen und Musik gehört. Allein!“

Sie hat ein Motiv und kein Alibi. Das sieht nicht gut aus für die Dame. Frau Jargert macht trotzdem einen stabilen und gefestigten Eindruck. Sie lässt sich jedenfalls nicht so leicht überrumpeln. Meier beendet das Verhör: „Das wäre erst einmal alles! Halten Sie sich bitte zu unserer Verfügung, Frau Jargert! Der Haftrichter wird heute noch entscheiden, ob ein Haftgrund wegen Fluchtgefahr besteht. Wenn der Richter das bejaht, müssen wir sie in Untersuchungshaft nehmen!“

Als sie nach ihrer Jacke greift und sich nach vorn beugt, klafft ihre Bluse weit auseinander und gibt den Blick auf ihren nackten Busen frei. Sie trägt also keinen BH, damit wäre auch diese Frage beantwortet. Jetzt ist Heike Logert an der Reihe. Winter übernimmt die Befragung. Heike trägt eine dünne Kostümhose, die sehr eng sitzt und ihren festen und runden Hintern noch betont. Dazu hat sie eine dünne Bluse angezogen, die über ihrem schweren Busen mächtig spannt.

„Frau Logert, kennen Sie Frau Jargert?“

„Ja!“

„Wie lange?“

„Wir haben uns hier am Rande der Bewerbungsgespräche vor etwa 4 Wochen kennen gelernt. Abends sind wir dann mal ein Bier zusammen trinken gegangen.“

„Kennen Sie das Opfer?“

„Ja, flüchtig, er hat mich nach einem Vorstellungsgespräch hier im Gebäude herumgeführt.“

„Hat er Annäherungsversuche gemacht bei Ihnen?“

„Nein, aber er hat mich immer sehr lange angesehen, Sie verstehen, was ich meine?!“

„Ja, zu sexuellen Übergriffen ist es aber nicht gekommen?“

„Nein!“

„Haben Sie Herrn Müller erschlagen?“ Diese Frage kommt wie ein Pfeil, der von einer Armbrust losgeschossen wird und mitten ins Herz trifft. Heike schnappt nach Luft. Sie ist in den ersten Minuten so benommen, dass es ihr nicht gelingt, zu antworten. Winter starrt auf ihren Busen - das ist ihr höchst unangenehm - und wiederholt seine Frage: „Haben Sie Jürgen Müller erschlagen?“

Diesmal antwortet Frau Logert sofort:

Details

Seiten
150
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738903928
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (August)
Schlagworte
mörder lehnitzsee

Autor

Zurück

Titel: Der Mörder vom Lehnitzsee