Lade Inhalt...

Romantic Thriller Trio #2: Drei Romane

2016 360 Seiten

Leseprobe

Romantic Thriller Trio #2: Drei Romane

Jan Gardemann

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Romantic Thriller Trio #2 - Drei Romane

von Jan Gardemann

Der Umfang dieses Buchs entspricht 276 Taschenbuchseiten.

Eine Liebe die dem Grauen widersteht, eine junge Frau, die dem Übernatürlichen begegnet und um ihre Liebe kämpft.

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Ein Dämon kam zur Hochzeit – Das magischen Amulett Band 4

Die Gefangene der Eisburg – Das magischen Amulett Band 5

Vampir wider Willen – Das magischen Amulett Band 6

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Ein Dämon kam zur Hochzeit

Das magische Amulett  Band 4

Roman von Jan Gardemann

Die hübsche Archäologin Brenda Logan und der sympathische Neurologe Dr. Daniel Connors wollen sich endlich das Jawort geben. Die Hochzeit soll bei seinen Eltern in Whitham, Daniels Heimatdorf, gefeiert werden. Doch schon bei ihrer Anreise geschehen seltsame Dinge: ein unheimlicher Kuttenträger wirft ihnen ein deformiertes Kreuz von den Wagen, der zwielichtige Pastor Jerome Pranga, der aus dem Nichts auftaucht, trägt ein mysteriöses Skapuliers, das magische Kräfte hat, und Brenda wird von einer unheimlichen Gestalt mit einem Dolch durch ein Maisfeld gejagt. Als ihr Retter in der Not erscheint ein gewisser Conrad Daumier. Niemand will Brenda die unheimlichen Vorkommnisse glauben – zumal Conrad Daumier bereits seit vielen Jahren tot ist ...

Prolog

»Wer ... wer sind Sie?«, stammelte ich und kämpfte gegen den Impuls an, einfach Hals über Kopf davonzurennen. »Du bist für den Besseren bestimmt«, drang eine dumpfe Stimme unter der Kapuze hervor. »Bereite dich vor, denn in drei Tagen wird der Bessere dich zur Frau nehmen.« Unwillkürlich wich ich einen Schritt zurück.

»Warum haben Sie uns das Kruzifix vors Auto geworfen?«

»Weil Daniel nicht der Bessere ist!«, grollte der Unheimliche. »Nur der Bessere wird dich ehelichen!« Der Unheimliche kam ein Stück auf mich zu. Der Saum seiner Kutte berührte den Ackerboden, sodass ich die Füße des Mannes nicht sehen konnte. Schwebte der Kerl etwa? Ich kniff die Augen zusammen und versuchte, die Finsternis unter der Kapuze mit Blicken zu durchdringen. Doch die Stelle, wo sich für gewöhnlich der Kopf befindet, schien leer zu sein. Eine Gänsehaut jagte mir den Rücken hinunter. »Ganz Whitham wird auf der Seite des Besseren stehen«, verkündete mein Gegenüber mit hohl klingender Stimme. »Daniel wird untergehen!«

1

Regen peitschte gegen die Windschutzscheibe des eleganten Sportwagens. Die schweren dunklen Gewitterwolken hingen tief und schienen die Hügel, die sich zum düsteren Horizont erstreckten, unter sich begraben zu wollen.

Das Korn auf den Feldern bog sich unter den heftigen Gewitterböen, und es sah so aus, als verwandelten sich die weiten Felder in ein aufgewühltes bronzefarbenes Meer. Daniel Connors schaute angestrengt nach vorn, während aus dem Radio eine sanfte Melodie ertönte. Daniel war ein attraktiver Mann, und ich hatte mich unsterblich in ihn verliebt. In lässiger Haltung saß er hinter dem Steuer und schaute dann und wann zu mir herüber.

»Brenda Logan, ich liebe dich«, flüsterte er, wobei seine weiche, männliche Stimme sich mit der sanften Radiomusik verwob.

Ein wohliger Schauer überflutete meinen Körper.

»Ich liebe dich auch, Daniel«, hauchte ich.

In diesem Moment erreichten wir die Kuppe eines Hügels. Daniel lenkte den Wagen von der regennassen Straße auf einen holprigen Feldweg, der steil bergab führte.

Dann stoppte er und sah mich zärtlich an.

»Ich wünschte, das Wetter wäre ein wenig besser«, sagte er und legte einen Arm um meine Schultern. »Die Gegend um Whitham ist wunderschön. Ich bin ein wenig enttäuscht, dass sich die Gegend ausgerechnet heute, wo ich doch meine zukünftige Braut mitführe, von ihrer ungemütlichen Seite zeigt.«

Ich schmiegte mich an seine Seite und hauchte Daniel einen Kuss auf die Wange.

»Ich finde diesen Landstrich sehr romantisch und wild«, erwiderte ich.

Tief sahen wir uns in die Augen. Ein angenehmes Prickeln breitete sich in mir aus.

Daniel war Arzt im St. Thomas Hospital in London. Obwohl er erst dreißig war, hatte er sich als Neurologe bereits einen Namen gemacht.

Vor wenigen Monaten erst hatten wir uns im Krankenhaus kennengelernt.

Ich litt damals aufgrund eines Unfalls unter totalem Gedächtnisverlust und wurde auf die neurologische Station des St. Thomas Hospitals eingewiesen. Mein behandelnder Arzt hieß Daniel Connors, und er ließ nichts unversucht, mir mein Gedächtnis wieder zurückzugeben.

Doch Daniel merkte schnell, dass sein Interesse an mir weit über die Anteilnahme für seine Patienten hinausging.

Seinen beherzten Bemühungen hatte ich es zu verdanken, dass ich mich Stück für Stück wieder an mein Leben erinnern konnte.

Wir waren füreinander bestimmt, daran bestand für mich und Daniel kein Zweifel.

In diesem Moment beugte sich Daniel über mich und gab mir einen langen, leidenschaftlichen Kuss. Der aufregende Duft seines Aftershave stieg mir zu Kopf. Ich schlang meine Arme um seinen Nacken und vergrub meine Finger in sein hellbraunes, lockiges Haar.

2

Plötzlich löste sich Daniel von mir und schaute auf seine Armbanduhr.

»Schon zwölf Uhr mittags«, stellte er mit gespieltem Schrecken fest. »Meine Eltern werden sich schon Sorgen machen und glauben, dass wir unterwegs eine Autopanne hatten ...«

Wir wollten Lisa und Peter, Daniels Eltern, nicht länger als nötig warten lassen. Sie freuten sich so sehr auf unser Kommen und waren sicher schon ganz aufgeregt, denn schließlich galt es, eine Hochzeit vorzubereiten.

Whitham war ein kleiner Ort südlich von London, wo die Connors ein großes Anwesen besaßen. Daniel hatte noch eine jüngere Adoptivschwester. Sie lebte noch in dem elterlichen Anwesen in Whitham.

Auf besonderes Wohlgefallen stieß die Nachricht, dass ich mich vermählen würde, bei Professor Salomon Sloane, der das archäologische Museum leitete, in dem ich arbeitete. Er war ein seltsamer Kauz, stets bunt und unkonventionell gekleidet. Er hielt sehr viel von meiner Arbeit als Archäologin und unterstützte mich, wo er nur konnte.

Nicht zuletzt hatte ich es ihm zu verdanken, dass ich mein Wissen über Amulette so sehr vervollkommnen konnte, dass ich in Fachkreisen bereits als Expertin auf diesem Gebiet gehandelt wurde.

Ich lächelte versonnen, als ich an all die Menschen denken musste, die mir nahestanden und die ich eingeladen hatte, zu meiner Hochzeit nach Whitham zu kommen.

Aber auch Lisa und Peter Connors waren mir bereits ans Herz gewachsen.

Whitham und das Anwesen der Connors würde ich nun das erste Mal sehen. Meine Arbeit im Museum hatte es mir bisher nicht erlaubt, mit Daniel einen Ausflug hierher zu unternehmen. Ich war schon ganz gespannt darauf, den Ort kennenzulernen, wo Daniel aufgewachsen war.

Wenn ich geahnt hätte, welche Schrecken in dem kleinen verschlafenen Ort auf mich warteten, wäre meine Freude jäh vergangen ...

3

Das graue Asphaltband der Landstraße schlängelte sich dunkel und feucht schimmernd durch die hügelige Landschaft und verlor sich irgendwo in der Ferne im Dunst des Regens.

Selbstvergessen schaute ich aus dem Fenster und hing meinen romantischen Gedanken nach.

Da tauchte plötzlich einige Meter vor uns eine sonderbare Gestalt am Straßenrand auf. Unvermittelt trat sie zwischen den Büschen hervor und schien uns anzustarren.

Erschrocken hielt ich die Luft an.

Die Gestalt trug eine seltsame graue Kutte mit einer großen Kapuze, deren Ränder zerfranst und zerschlissen aussahen.

Das Gesicht des Unheimlichen war unter der tief herabhängenden Kapuze nicht zu erkennen. Und doch hatte ich das unangenehme Gefühl, als würde mich ein Paar stechender Augen durchdringend anstarren.

»Daniel, schau!«, rief ich mit heiserer Stimme und deutete auf den Straßenrand.

Doch in diesem Augenblick verschwand die Gestalt wieder zwischen dem Gestrüpp, und als Daniel mit den Blicken meinem ausgestreckten Finger folgte, war die Stelle, an der die unheimliche Gestalt gestanden hatte, leer.

Daniel verlangsamte die Fahrt.

»Was hast du?«, erkundigte er sich und sah mich besorgt an.

»Ich habe da eben einen merkwürdigen Kerl am Straßenrand gesehen«, sagte ich mit belegter Stimme.

»Mir ist gar nichts aufgefallen«, murmelte Daniel und fuhr langsam an das Gestrüpp heran.

»Da ist niemand«, stellte er schließlich fest.

Unbehaglich rieb ich mir mit den Händen über die Arme.

Plötzlich trat Daniel hart auf die Bremse, stieß die Wagentür auf und sprang ins Freie. Er umrundete die Kühlerhaube, bückte sich und hob etwas von der Straße auf.

Rasch schlüpfte er wieder ins Trockene und zeigte mir, was er gefunden hatte.

Verwundert starrte ich auf seine Hand, in der er ein seltsam verbogenes Kruzifix hielt. Es war ein christliches Symbol, das auf groteske Weise verfälscht war. Die Enden liefen spitz zu, und die Figur, die in verrenkter Haltung an dem verbogenen Kreuz hing, trug einen Zettel um den Hals, auf dem die Buchstaben D.C. standen.

Daniel ließ die Seitenscheibe herab und wollte das Kruzifix aus dem Fenster in den Straßengraben schleudern.

Doch ich hielt seine Hand fest und nahm ihm das Kreuz ab.

Irgendetwas kam mir sonderbar vor.

War es am Ende die seltsame Gestalt in der zerschlissenen Kutte, die das Kruzifix auf die Straße geworfen hatte?

Daniel schien zu ahnen, in welche Richtung meine Gedanken zielten. Er schüttelte entschieden den Kopf.

»Du glaubst doch nicht, dass irgendeine dunkle Absicht dahintersteckt?«, fragte er.

Ich zuckte vage mit den Schultern und betrachtete das bizarre Kreuz mit Unbehagen.

Er lächelte aufmunternd. »In dieser Gegend sind die Leute sehr gläubig. Fast jeder trägt ein Kreuz um den Hals. Sicher hat jemand dieses Ding auf der Straße verloren. Dann ist ein Traktor darübergefahren und hat es verbogen.«

»Ich finde das Kreuz ein wenig zu groß, um es als Schmuck an einer Kette zu tragen«, wandte ich ein.

Doch das war es nicht, was mich an dem Kruzifix so sehr beunruhigte.

Viel mehr Sorge bereitete mir der Zettel, den die Jesusfigur um den Hals trug.

Was mochte er bedeuten?

Plötzlich war mir, als griffe eine eiskalte Hand nach meinem Herzen.

D.C., das waren auch die Initialen von Daniel Connors, meinem künftigen Ehemann!

Ich bedachte Daniel mit einem scheuen Seitenblick.

Doch er schien die Sache bereits wieder vergessen zu haben und fuhr auf der Landstraße weiter Richtung Whitham.

Kurz entschlossen deponierte ich das seltsame Kruzifix im Handschuhfach des Wagens und schlug die Klappe energisch zu.

4

»Das also ist Whitham«, sagte Daniel mit stolzem Unterton in der Stimme.

Die Häuser und Höfe waren überwiegend im Fachwerkstil erbaut worden. Ihre scheckigen Dachziegel glänzten nass im Regen, und die kleinen Butzenscheiben verliehen den Häusern ein fast prähistorisches Aussehen.

»Ein malerischer Ort«, bemerkte ich und versuchte zu erraten, welches der vielen Häuser das Zuhause von Daniel war.

Doch da fiel mein Blick auf ein düsteres Bauwerk am gegenüberliegenden Ende des Dorfes, wo der dichte Wald begann, der fast den ganzen Hügel im Hintergrund bedeckte.

Es war eine Kirche, wie ich jetzt erkannte. Sie hob sich mit ihren finsteren, reichverzierten Mauern kaum von den Schatten des Waldes ab. Viele der schmalen Fenster, die oben zu einem spitzen Bogen ausliefen, waren zugemauert. Das Dach wirkte schadhaft, und der düstere Glockenturm stach schief und verwittert in den wolkenverhangenen Himmel.

Mich überkam ein Frösteln. Das Gotteshaus hatte eine unheimliche, düstere Ausstrahlung, die so gar nicht zu den hellen, freundlichen Häusern der kleinen Ortschaft passen wollte.

Sollten Daniel und ich etwa in dieser finsteren Kirche getraut werden?

In diesem Moment deutete Daniel auf ein besonders großes und stattlich wirkendes Anwesen.

»Mein Zuhause«, sagte er.

Daniel drosselte die Geschwindigkeit.

Die Straßen und Plätze lagen wie ausgestorben da.

Bei diesem Schmuddelwetter zogen es die Bewohner wohl vor, in ihren Häusern zu bleiben.

Was mich irritierte, war, dass selbst die Bauern nicht draußen waren, um ihrer täglichen Arbeit auf den Feldern nachzugehen.

Dann sahen wir doch noch eine Einwohnerin.

»Die alte Cilham«, sagte Daniel schmunzelnd. »Sie traut sich bei jedem Wetter raus.«

Er winkte, und ich nickte der Alten freundlich zu.

Aber das runzlige Gesicht der Frau blieb versteinert und abweisend. Sie stand an ihrem Vorgartenzaun und starrte uns mit unbewegtem Gesicht nach.

»Sicher hat sie mich nicht erkannt«, meinte Daniel, »und hält uns für Touristen auf der Durchreise.«

Ich schaute mich zu der Alten um und sah, wie sie drohend die Faust reckte und in einer grotesk wirkenden Geste gegen uns schüttelte.

Anscheinend waren Touristen bei ihr nicht sonderlich beliebt.

Oder gab es einen anderen Grund für ihre Reaktion?

Da traf plötzlich ein Stein die Windschutzscheibe des Wagens, und ein haarfeiner langer Riss zog sich augenblicklich quer über das Glas.

Erschrocken schaute ich auf und sah gerade noch, wie eine graue Gestalt hinter einer Hausecke verschwand.

Es war der Kerl in der zerschlissenen Kutte! Ich war mir sicher, dass er den Stein geworfen hatte.

Wie konnte er so rasch von dem weit entfernten Hügel, wo ich ihn das erste Mal gesehen hatte, bis zur Ortschaft gelangen? Wir waren die ganze Zeit über keinem anderen Fahrzeug begegnet.

Daniel stoppte und sah entgeistert auf die gesprungene Scheibe.

»Der Reifen muss den Stein gegen das Fenster geschleudert haben.«

Ich sah Daniel zweifelnd an.

Hatte er die Gestalt in der grauen Kutte wirklich nicht bemerkt? Oder versuchte er, irgendetwas vor mir zu verheimlichen?

Kurz darauf erreichten wir das Anwesen der Connors. Eine Allee aus hohen alten Eichen umgab das Grundstück. Die Einfahrt wurde von zwei Säulen aus Feldsteinen gesäumt, die dem alten schmiedeeisernen Tor als Einfassung dienten.

Das Tor stand weit offen. Man schien uns bereits zu erwarten.

5

Kaum stand der Wagen, als auch schon die Haustür aufflog und Lisa und Peter Connors durch den Regen auf uns zueilten.

Lisa war eine untersetzte Frau von fünfzig Jahren und hatte ihr langes kastanienbraunes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

»Brenda! Daniel! Ich bin ja so froh, dass ihr euch entschlossen habt, die Hochzeit in Whitham zu feiern. Das werden die aufregendsten Tage meines Lebens.«

Die Begrüßung fiel denkbar herzlich aus. Lisa hakte sich bei mir unter. Gemeinsam schlenderten wir zu dem großen Haus hinüber.

Unter dem Vordach, das von zwei achteckigen Säulen getragen wurde, bemerkte ich eine junge Frau, die auf mich herabsah. Sie trug eine verwaschene Jeans und eine grüne Bluse, die in merkwürdigem Kontrast zu ihrem schulterlangen roten Haar stand.

»Brenda, das ist Xenia«, stellte Lisa mich ihrer Adoptivtochter vor.

Ich reichte Xenia die Hand, die sie nach kurzem Zögern ergriff.

Abweisend sah sie mich mit ihren hellblauen Augen an.

»Sie sind sicher, dass Sie Daniel heiraten wollen?«, fragte sie mit unterkühlter Stimme.

»Natürlich«, entgegnete ich. »Wir lieben uns über alles.«

»Sie sind eine hübsche und kluge Frau«, sagte Xenia nachdenklich. »Ich hoffe, dass Daniel Sie auch verdient hat.«

»Xenia, was redest du da!«, fuhr Lisa ihre Adoptivtochter entgeistert an.

Doch statt eine Antwort zu geben, drehte sich Xenia um und verschwand im Haus.

Lisa schüttelte nachdenklich den Kopf. Ein Schatten hatte sich über ihr Antlitz gelegt.

Doch im nächsten Moment hatte sie sich wieder gefangen.

»Komm doch erst einmal herein«, sagte sie aufmunternd.

Wir traten durch die breite Flügeltür, und ich fand mich plötzlich in einer aufwendig und stilvoll eingerichteten Eingangshalle wieder.

Lisa führte mich die breite Treppe zum ersten Stock empor. Die Stufen waren mit einem roten Läufer ausgelegt. Oben an der gegenüberliegenden Wand hing ein imposantes Ölgemälde, das das Portrait eines streng dreinblickenden Mannes zeigte, der direkt auf uns herabschaute.

»Der Kerl, der da so streng vor sich hin starrt, ist der Erbauer dieses Anwesens«, erklärte Lisa und verzog säuerlich das Gesicht. »Sein Name ist Arthur Connors. Ihm hat die Familie ihren Wohlstand zu verdanken. Die letzten Worte, die er auf seinem Sterbebett flüsterte, lauteten: >Ich werde für immer über die Connors wachen.<«

Wir sahen uns an und brachen in helles Gelächter aus.

»Darum besteht Peter darauf, dass das Bild dort hängenbleibt. Er redet sich ein, dass das Gemälde der Familie Glück bringe.«

Sie warf dem stark gedunkelten Gemälde einen unbehaglichen Blick zu.

»Zum Glück haben weder mein Mann Peter noch mein Sohn Daniel etwas von dem düsteren Wesenszug ihres Ahnen geerbt«, sagte sie.

»Nein, Daniel ist ganz anders«, bekräftigte ich. »Er hat ein sonniges, freundliches Gemüt. Dieser geheimnisvolle, finstere Ahne passt gar nicht zu ihm ...«

Da fielen mir plötzlich die sonderbaren Vorkommnisse während unserer Autofahrt wieder ein. Das seltsame Kruzifix und die Gestalt in der grauen Kutte gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Auch die unfreundliche Reaktion der alten Cilham stimmte mich nachdenklich.

In diesem Moment erreichten wir das Zimmer, das Lisa für mich und Daniel hergerichtet hatte, und im selben Augenblick vergaß ich all meine düsteren Gedanken.

Der Raum war hell und freundlich eingerichtet. Im Mittelpunkt stand ein breites Himmelbett, mit einem locker fallenden, rosafarbenen Baldachin überspannt.

Überwältigt hielt ich den Atem an, betrachtete den üppigen Kronleuchter, in dem unzählige geschliffene Kristalle hingen, und die seidigen Vorhänge, die bis auf den Holzfußboden reichten.

Nur der düstere Ausschnitt, den die hohen Sprossenfenster zeigten, wollte nicht zu diesem herrlichen Schlafzimmer passen. Regen peitschte gegen das Glas, und die alten verknorrten Eichen, die durch den Vorhang aus Regenwasser schemenhaft zu erkennen waren, machten einen abweisenden Eindruck.

»Es ist ein wunderschönes Zimmer!«, sagte ich und umarmte Lisa spontan.

»Ich habe nicht nur den Mann meines Lebens gefunden, sondern mit ihm auch eine neue Familie.«

Da fiel mein Blick plötzlich auf die offene Tür.

Im Schatten des Korridors gewahrte ich eine Bewegung, und als nun plötzlich draußen ein Blitz den Himmel spaltete und sein Widerschein für einen Lidschlag lang den Flur erhellte, sah ich, dass es Xenia war, die dort im Dunkeln stand und mich argwöhnisch und missbilligend anstarrte.

Als Xenia merkte, dass ich sie entdeckt hatte, wandte sie sich rasch ab und verschwand lautlos.

Ich würde einmal mit Xenia ein Gespräch unter vier Augen führen müssen. Vielleicht könnte ich so das Eis zwischen uns brechen.

6

Wir trafen uns nach einer Stunde unten im großen Speisesaal. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung bei Tisch.

Nur Xenia wollte sich nicht an den Gesprächen beteiligen. Sie wirkte mürrisch und gab nur knappe Antworten, wenn man sie ansprach.

Dann kamen wir auf die Hochzeitszeremonie zu sprechen.

»Unsere Dorfkirche ist genauso alt wie Whitham selbst«, erklärte Peter Connors gewichtig. »Seit die Connors sich hier niedergelassen haben, fanden sämtliche Hochzeiten der Familie dort statt.«

Ein leichtes Frösteln überkam mich, als plötzlich wieder das Bild der düsteren Kirche vor mir erstand.

»Ich finde, das Gotteshaus sieht unheimlich aus«, gestand ich.

Daniels Vater lächelte nachsichtig.

»Der äußere Schein trügt«, versicherte er mir. »Obwohl ich einräumen muss, dass die Kirche dringend renoviert werden müsste. Wenn du erst einmal Pastor Brown kennengelernt hast, wird das alte Gebäude dir gleich viel freundlicher erscheinen.«

Lisa nickte zustimmend.

»Ich schlage vor, wir statten dem Pastor gleich einen Besuch ab«, sagte sie.

Daniel ergriff meine Hand und drückte sie zärtlich. »Was hältst du von dieser Idee?«, fragte er und sah mir tief in die Augen.

Sofort wurde mir leichter ums Herz.

»Ja, einverstanden«, sagte ich, doch meine Antwort ging in einem lauten Klirren und Scheppern unter. Dann polterte ein schwerer Stein auf den Parkettfußboden.

Erschrocken wirbelte ich herum und sah gerade noch, wie draußen eine graue Gestalt mit flatternder Kutte um die Ecke einer Scheune verschwand.

Eines der hohen Sprossenfenster wies jetzt ein großes Loch auf, durch das Regen und kühle Luft drang. Der Stein, der die Scheibe durchschlagen hatte, war direkt vor Daniels Füße gekullert.

Peter sprang entrüstet auf und rannte zum Fenster.

»Der Kerl, der uns diesen üblen Streich gespielt hat, ist schon über alle Berge«, sagte er verärgert.

In diesem Moment hob Daniel den Stein auf und besah ihn sich skeptisch. Jemand hatte mit einem Band einen Zettel daran befestigt.

Als Daniel das Papier entrollte, verdüsterte sich seine Miene.

»Was hast du?«, erkundigte ich mich besorgt.

Rasch knüllte er den Zettel zusammen und ließ ihn in seiner Jackentasche verschwinden.

»Es ist nichts«, erwiderte er zerstreut.

Ich sah Daniel skeptisch an.

Verheimlichte er mir etwas? Warum zeigte er mir nicht, was auf dem Papier stand?

Da fiel mein Blick auf Xenia.

Ein sarkastisches Grinsen umspielte ihre Lippen, das in ihrem schönen Gesicht irgendwie fremd und deplatziert wirkte.

Doch im nächsten Moment war dieser Eindruck wieder verwischt. Xenia sah mich mit demselben ausdruckslosen Gesichtsausdruck an, wie sie ihn schon die ganze Zeit über zur Schau stellte.

In diesem Moment erhob sich Lisa. Ihr Lächeln wirkte ein wenig gezwungen.

»Wir sollten jetzt zur Kirche gehen und mit Pastor Brown sprechen. Schließlich wird in drei Tagen die Hochzeit stattfinden, und es gibt noch eine Menge vorzubereiten!«

7

Ich hatte mich bei Daniel untergehakt, während er den großen schwarzen Schirm schützend über uns hielt. Neben uns gingen Lisa und Peter, die ebenfalls einen Schirm mitgenommen hatten.

Xenia hatte es vorgezogen, zu Hause zu bleiben.

Inzwischen hatten wir die Abzweigung zur Kirche erreicht.

Wir verließen die asphaltierte Hauptstraße und bogen in einen holprigen, breiten Pfad ein, der mit tiefen Pfützen übersät war.

Den ganzen Weg über war uns bisher niemand begegnet. Whitham lag wie ausgestorben da, außer dem Plätschern des Regens und dem fernen Grollen des Donners herrschte eine fast unnatürliche Stille.

Selbst Lisa und Peter wirkten angespannt, und ich bemerkte, wie sie sich mehrmals verstohlen umschauten und sich sonderbare Blicke zuwarfen.

Dann hatten wir die düstere Kirche erreicht.

Das Bauwerk flößte mir noch immer Unbehagen ein, und aus der Nähe betrachtet, erschien es sogar noch furchteinflößender.

Da fiel mein Blick auf den Kirchturmhahn, und ich verhielt entsetzt im Schritt.

Der Kirchturmhahn glich einem schrecklichen Fabelwesen. Sein krummer Schnabel war weit aufgerissen, als würde er sich gleich auf seine Beute stürzen, um sie zu verschlingen. Die Schwingen hingegen hatten die Form von lodernden Flammen, und die Krallen an seinen Klauen hätten einem Adler zur Ehre gereicht.

Noch nie hatte ich einen so bedrohlich wirkenden Kirchturmhahn gesehen!

Peter griff nach der Klinke.

Doch das Gotteshaus war verschlossen.

Überrascht sahen sich die beiden Eheleute an. Dann zuckte Peter mit den Schultern und pochte hart gegen die Tür.

Das schaurige Echo, das hinter dem Portal erklang, ließ mich frösteln. Ich schob mich dichter an Daniels Seite heran.

Wir lauschten gespannt.

Hinter der Tür polterte und scharrte es vernehmlich. Aber niemand öffnete.

Da hämmerte Daniel mit der Faust energisch gegen die morsche Tür, sodass die einzelnen Bretter bedenklich zu wackeln begannen.

Nun endlich näherten sich Schritte, und die Tür wurde aufgerissen.

Vor uns stand ein finster dreinblickender Mann. Er war vollkommen in Schwarz gekleidet, hatte einen korpulenten Körperbau und war ungefähr so groß wie ich. Sein Kopf wirkte massig. Feine Schweißperlen zeichneten sich auf seiner Stirn ab. Die obersten Knöpfe seines schwarzen Hemdes standen offen.

Irritiert starrte ich auf die Brust des Mannes, denn unter dem offenen Hemd schimmerte es sonderbar.

Rasch knöpfte er das Hemd bis zum Hals zu und sah mich missmutig an, wobei ich glaubte, in seinen braunen Augen ein fanatisches Leuchten zu bemerken.

»Sie wünschen?«, fragte er, ohne den Weg ins Innere der Kirche freizugeben.

»Wir wollen Pastor Brown sprechen«, sagte Daniel bestimmend.

Unser Gegenüber zuckte gleichmütig mit den Schultern.

»Das ist leider unmöglich«, erwiderte er. »Brown ist eine andere Gemeinde zugewiesen worden, so wie es sein Wunsch war. Ich bin der neue Pastor. Mein Name ist Pranga. Pastor Jerome Pranga. Momentan ist die Kirche geschlossen.«

»Aber das kann doch gar nicht sein«, rief Lisa aufgebracht. »Gestern morgen habe ich noch mit Pastor Brown gesprochen. Mein Mann und ich konnten nicht zur Morgenandacht kommen, da wir noch Vorkehrungen für unsere Gäste treffen mussten. Pastor Brown hatte mit keiner Silbe verlauten lassen, dass er die Gemeinde wechseln wolle!«

Pastor Jerome Pranga grinste undurchsichtig.

»Sie sind nicht die einzige, die das Verhalten von Pastor Brown verwundert«, sagte er leichthin. »Offenbar hat er seiner Gemeinde seine Pläne verschwiegen. Tatsache ist, dass ich jetzt hier bin und dass die Kirche bis auf Weiteres geschlossen bleibt. Der Gottesdienst findet unterdessen im Pfarrhaus statt.«

»Aber mein Sohn und seine Verlobte wollen in drei Tagen heiraten. Ich hatte alles mit Pastor Brown abgesprochen ...«, setzte Lisa mit brüchiger Stimme an.

»Ich ... ich verstehe das alles nicht«, stammelte sie und schluchzte.

»Warum haben Sie die Kirche geschlossen?«, erkundigte ich mich.

Pastor Pranga stieß ein spöttisches Lachen aus.

»Sehen Sie sich doch nur um«, rief er und breitete die Arme aus. »Diese Kirche ist eine Ruine. Ich fühle mich für meine Gemeinde verantwortlich und möchte nicht schuld daran sein, wenn der Dachstuhl über den Köpfen der Gläubigen einstürzt.«

»Soweit ich weiß, verfügt die Gemeinde nicht über die finanziellen Mittel, eine Renovierung der Kirche durchzuführen«, hakte ich nach.

Pastor Pranga starrte mich feindselig an.

»Sie haben recht«, erwiderte er. »Aber ich bin nicht der Mann, der auf Geld oder ein Wunder wartet, wenn es darum geht, die Schafe seiner Gemeinde zu beschützen. Ich habe bei meinem ersten Gottesdienst an die Gläubigen appelliert, die Renovierung der Kirche in die eigenen Hände zu nehmen.«

Er wandte sich um und rief etwas in die Kirche hinein. Daraufhin erschien ein junger, schlaksiger Mann im Overall, der einen tropfenden Malerpinsel in der Hand hielt.

»John!«, rief Peter Connors überrascht aus. »Warum bist du nicht bei der Arbeit? Lässt du deinen kranken Vater etwa allein die Schafe hüten?«

John lächelte dünn. »Ich bringe die Kirche auf Vordermann«, sagte er. »Mein Chef wird Verständnis dafür haben.«

Dann sah er zu Daniel herüber. Johns einfältiges Gesicht verwandelte sich plötzlich in eine Maske der Verachtung.

»In Whitham gibt es eben doch ein paar Menschen, die sich für ihr Dorf einsetzen. Daran erkennt man, wer der Bessere ist, Daniel!«

Mit diesen Worten kehrte er ins Dunkel der Kirche zurück.

Daniel wollte John folgen, um ihn zur Rede zu stellen.

Aber Pastor Pranga trat ihm in den Weg.

»Sie würden meine Freiwilligen nur bei der Arbeit stören«, sagte er mit süffisantem Lächeln.

»Ich kann einfach nicht glauben, dass Pastor Brown fortgegangen ist«, warf Lisa ein. »Was wird denn nun aus der Hochzeit?«

Jerome Pranga zuckte gleichmütig mit den Schultern. »In drei Tagen sind die Renovierungsarbeiten vielleicht so weit gediehen, dass wir die Hochzeit hier abhalten können«, sagte er. »Doch bis dahin werden Sie sich gedulden müssen. Natürlich sind Sie zu den Gottesdiensten im Pfarrhaus herzlich eingeladen.«

Mit diesen Worten wandte er sich ab.

Ratlos sahen wir uns eine Weile an.

Lisa kullerten Tränen über die Wangen. »Wenn ich gewusst hätte, was euch hier erwartet, hätte ich nie darauf bestanden, die Hochzeit in Whitham zu feiern«, sagte sie mit bebender Stimme.

Zögernd wandten wir uns vom Kirchenportal ab und schritten auf dem pfützenübersäten Weg an der Friedhofsmauer entlang.

Lisa schüttelte fortwährend den Kopf. »Dass man sich so in einem Menschen täuschen kann«, murmelte sie fassungslos. »Pastor Brown hat immer einen so aufrichtigen Eindruck auf mich gemacht. Aber dieser neue Pastor erscheint mir gefühlskalt und berechnend ... Ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll.«

Mir erging es ähnlich. Mit einem unbehaglichen Gefühl schaute ich über die Schulter zur Kirche zurück. In einem der schmalen, bogenförmigen Fenster, die nicht zugemauert waren, sah ich eine massige Gestalt. Der Statur nach musste es sich um Pastor Pranga handeln.

Fast hatte ich das Gefühl, seine bohrenden Blicke körperlich spüren zu können.

Fröstelnd schmiegte ich mich dichter an Daniels Seite, der seinen Arm fest um meine Schultern schloss.

8

Zurück im Anwesen der Connors’ nahm ich zuerst einmal eine heiße Dusche. Dann schlüpfte ich in meinen Morgenmantel und ging ins Schlafzimmer hinüber.

Daniel hatte auf dem Bett gesessen und auf mich gewartet. Jetzt trat er auf mich zu und schloss mich in seine Arme.

»Du siehst hinreißend aus«, schmeichelte er, beugte sich zu mir herab und hauchte einen Kuss auf meinen Hals.

Ich schmiegte mich in seine starken Arme und seufzte.

»Ach, Daniel«, flüsterte ich. »Meinst du, dass es ein Fehler war, nach Whitham zu kommen?«

Daniel umfasste mein Kinn und hob meinen Kopf, sodass er mir in die Augen schauen konnte.

»So niedergeschlagen kenne ich dich ja gar nicht«, sagte er verwundert.

»Mir ist dieses Whitham irgendwie unheimlich«, meinte ich. »Ist dir nicht aufgefallen, dass wir bisher kaum jemandem auf der Straße begegnet sind?«

»Du kannst Whitham nicht mit London vergleichen. Ein Straßenleben mit Cafés und Kneipen gibt es hier nicht.«

Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter. »Trotzdem habe ich ein ungutes Gefühl. Es geschehen so viele merkwürdige Dinge. Dass Pastor Brown, der viele Jahre in Whitham gelebt hat, plötzlich sang und klanglos verschwindet, ist nur einer von vielen Vorfällen, die mir Kopfzerbrechen bereiten...«

Daniel verschloss meinen Mund mit einem zärtlichen Kuss.

»Mach’ dir keine Sorgen«, erklärte er. »Ich stehe dafür ein, dass unsere Hochzeit so verläuft, wie wir es uns erträumt haben.«

Schließlich löste sich Daniel von mir und begab sich ins Badezimmer.

Kurz darauf hörte ich das Rauschen der Dusche.

Mein Blick fiel zufällig auf einen Stuhl, auf dem Daniel seine Jacke abgelegt hatte.

Ohne genau zu wissen, was ich vorhatte, ließ ich meine Hand in die Innentasche der Jacke gleiten und zog den Zettel daraus hervor, der an dem Stein festgebunden gewesen war, den der Unheimliche in der grauen Kutte durchs Fenster des Speisesaals geworfen hatte.

Mit zitternden Fingern faltete ich das verknitterte Papier auseinander.

Wer ist der Bessere, D.C.?, stand dort in fetten Buchstaben geschrieben.

Was hatten diese Worte zu bedeuten?

Besorgt starrte ich auf die Initialen D.C.

Da plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter, und der Zettel wurde mir fortgerissen.

Erschrocken wirbelte ich herum und sah direkt in Daniels Gesicht. Er war noch ganz nass vom Duschen und hatte nur ein Handtuch um die Hüften geschlungen.

»Dieser Zettel war nicht für dich bestimmt«, sagte er mit ungewohnt strengem Unterton und schleuderte das zerknüllte Stück Papier in den Kamin, wo es augenblicklich verbrannte.

Verunsichert blickte ich Daniel in die Augen.

»Die Initialen D.C. stehen für deinen Namen, nicht wahr?«

Daniel winkte unwillig ab. »Das hat nichts zu bedeuten«, behauptete er unwirsch.

»Du verheimlichst mir doch etwas«, erwiderte ich unnachgiebig. »Was wird hier in Whitham gespielt?«

Daniel schüttelte den Kopf und umfasste mit seinen Händen meine Schultern.

»Brenda«, sagte er eindringlich. »Du musst mir vertrauen. Es besteht überhaupt kein Grund, sich Sorgen zu machen.«

»Und warum wirft dir dann jemand ein verbogenes Kreuz vors Auto? Und warum schmeißt hier jemand die Scheiben ein?«, stieß ich ungehalten hervor.

Daniel quälte sich ein Lächeln ab. »Das hat alles nichts zu bedeuten«, behauptete er. »Du machst dir ganz unnötig Sorgen. Freue dich lieber auf unsere Hochzeit. Um alles andere werde ich mich kümmern.«

Daniel hauchte mir einen Kuss auf die Stirn und kehrte zurück ins Badezimmer.

Daniel, du hast ein Geheimnis, dachte ich. Und ich als deine zukünftige Frau habe das Recht, dieses Geheimnis zu erfahren. Wenn du es mir nicht selbst anvertrauen willst, werde ich versuchen, es auf eigene Faust zu lüften!

9

»Ich werde mir ein wenig die Beine vertreten«, sagte ich zu Lisa, die in der Küche stand, eine frische Schürze umgebunden hatte und mit unzähligen Töpfen und Schüsseln hantierte. Eine junge, grobschlächtige Frau ging ihr dabei zur Hand. Sie hieß Maria und war die Haushälterin der Connors’.

»Ich würde dich ja gern begleiten«, sagte Lisa und hielt für einen Augenblick in ihrer Arbeit inne. »Aber leider bin ich momentan zu sehr beschäftigt. Peter und Daniel sind in die Stadt gefahren, um ein paar Besorgungen zu machen.«

Sie blinzelte mir verschwörerisch zu. »Ich darf dir nicht verraten, worum es geht, also versuche gar nicht erst, mich danach zu fragen.«

Lisa wandte sich wieder ihren Töpfen zu. »Vielleicht hat Xenia Lust, dich zu begleiten und dir den Ort zu zeigen«, meinte sie. »Sie müsste noch auf ihrem Zimmer sein.«

Ich fand, das sei eine gute Idee. Ich verabschiedete mich von den beiden, stieg die Treppe zum ersten Stockwerk hinauf und klopfte an Xenias Zimmertür.

Doch ich erhielt keine Antwort. Auch als ich ihren Namen rief, erfolgte keine Reaktion.

Schulterzuckend wandte ich mich ab. Zu gern hätte ich mit Xenia einmal unter vier Augen gesprochen. Aber entweder war sie nicht mehr in ihrem Zimmer, oder sie schaltete so sehr auf stur, dass sie nicht auf mein Klopfen reagierte.

In der Eingangshalle fischte ich mir einen Regenschirm aus dem Eimer neben der Garderobe und verließ allein das Haus.

Es regnete noch immer, der graue Himmel, der sich düster und unheimlich über Whitham spannte, sah nicht so aus, als würde sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern.

Nachdem ich das Anwesen der Connors verlassen hatte, wandte ich mich auf der Hauptstraße in die Richtung, wo das Haus der alten Cilham lag. Vielleicht konnte ich von ihr etwas über Daniels Geheimnis erfahren.

10

Noch immer lagen die Straßen verlassen und einsam da. Die Dämmerung senkte sich bereits über den Ort und ließ die regennassen Häuser, Straßen und Plätze noch grauer und trostloser erscheinen.

Schließlich erreichte ich das Haus der alten Cilham. Der Vorgarten wirkte sehr gepflegt, aber natürlich hielt sich die Alte nicht mehr draußen auf.

Mit einem unbehaglichen Gefühl ließ ich meinen Blick über die Fassade des Fachwerkhauses schweifen.

Da glaubte ich plötzlich hinter einem der Fenster ein fahles Gesicht leuchten zu sehen. Wahrscheinlich handelte es sich um Mrs. Cilham, die mich beobachtete.

Ich winkte zaghaft, durchquerte den Vorgarten und ging zur Eingangstür, die sich an der Seite des Hauses befand.

Ich klingelte.

Doch niemand öffnete. Auch nach mehrmaligem Klingeln und Klopfen tat sich nichts hinter der Tür.

Entweder hörte mich die alte Cilham nicht, oder sie wollte mir nicht öffnen.

Fröstelnd rieb ich mir mit den Händen über die Oberarme.

Whitham wurde mir immer unheimlicher. Wo waren nur die Einwohner, und was taten sie den ganzen Tag über?

Unwillkürlich ließ ich meinen Blick über den gepflegten Garten hinterm Haus schweifen.

Da plötzlich bemerkte ich eine Gestalt, die am Saum des Feldes durch den Regen huschte.

Es war Xenia, wie ich an dem roten Haar und der schlanken Figur sofort erkannte.

Im nächsten Moment war sie zwischen den meterhohen Maispflanzen verschwunden.

»Xenia! Warte!«, rief ich und eilte auf dem schlammigen Pfad zwischen den Rabatten zum Maisfeld hinüber.

In dem Feld raschelte es vernehmlich, und die schwankenden, üppigen Pflanzen verrieten, wo ungefähr sich Xenia befinden musste.

Ich klappte den Schirm zusammen und legte ihn am Rand des Feldes ab. Dann schlüpfte ich vorsichtig zwischen den Mais, bemüht, dabei keine der großen Pflanzen zu brechen oder zu zertrampeln.

Da sah ich auch schon eine dunkle, schemenhafte Gestalt, die von den Maispflanzen halb verdeckt wurde.

Doch im nächsten Moment hatte ich sie wieder aus den Augen verloren.

»Xenia!«, rief ich und schlängelte mich zwischen den Pflanzenreihen hindurch.

Der Regen und der triefende Mais durchnässten meine Kleider innerhalb kürzester Zeit. Ich kniff tapfer die Lippen zusammen und setzte verbissen meinen Weg durch das Feld fort.

Ich wollte Xenia endlich zur Rede stellen. Vielleicht wusste sie, was in Whitham los war.

Ich verdoppelte meine Anstrengungen und holte langsam auf. Ganz deutlich zeichnete sich nun eine Gestalt zwischen den dicken Maispflanzen ab.

Aber Xenia hatte es offensichtlich aufgegeben, vor mir zu fliehen.

Still und abwartend stand die Gestalt da.

Ganz außer Atem schob ich mich durch die letzten Reihen aus Maispflanzen, die mich von Xenia trennten.

Dann streckte ich die Hände aus und schob zwei üppige Pflanzen auseinander und erstarrte.

Vor mir stand nicht Xenia, wie ich erwartet hatte!

Die Gestalt in der grauen Kutte, die stumm und unheimlich zwischen dem grünen Mais stand, war viel größer als Daniels Adoptivschwester, und sie war grauenerregend.

Der Fremde hatte die weite Kapuze tief ins Gesicht gezogen, sodass ich nicht erkennen konnte, wem ich gegenüberstand.

Gehetzt schaute ich mich um. Von Xenia fehlte jede Spur.

»Wer ... wer sind Sie?«, stammelte ich und kämpfte gegen den Impuls an, einfach Hals über Kopf davonzurennen.

»Du bist für den Besseren bestimmt«, drang eine dumpfe gespenstische Stimme unter der Kapuze hervor. »Bereite dich vor, denn in drei Tagen wird der Bessere dich zur Frau nehmen. Bis dahin verhalte dich ruhig. Dann wird dir nichts geschehen!«

Unwillkürlich wich ich einen Schritt zurück.

Was hatten die Worte dieses unheimlichen Kerls zu bedeuten? Und warum stellte er Daniel und mir nach?

»Ich ... ich finde Ihre Maskerade albern und geschmacklos«, presste ich hervor, nachdem ich all meinen Mut zusammengenommen hatte. »Warum haben Sie uns das Kruzifix vors Auto geworfen? Und warum zerstören Sie die Fenster der Familie Connors?«

»Weil Daniel nicht der Bessere ist!«, grollte der Unheimliche. »Nur der Bessere wird dich ehelichen!«

Der Unheimliche kam ein Stück auf mich zu. Der Saum seiner Kutte berührte den Ackerboden, sodass ich die Füße des Mannes nicht sehen konnte.

Schwebte der Kerl etwa?

Ich kniff die Augen zusammen und versuchte die Finsternis unter der Kapuze mit Blicken zu durchdringen. Doch die Stelle, wo sich für gewöhnlich der Kopf befindet, schien leer zu sein.

Eine Gänsehaut jagte mir den Rücken hinunter.

»Ganz Whitham wird auf der Seite des Besseren stehen«, verkündete mein Gegenüber mit hohl klingender Stimme. »Daniel wird untergehen!«

Ich wich zwischen den Maispflanzen zurück. Längst hatte der Regen mein weizenblondes Haar durchnässt, und meine Kleider klebten klatschnass und kalt an meinem Körper.

Doch das bemerkte ich nur am Rande. Meine ganze Aufmerksamkeit galt der schrecklichen Erscheinung und den ungeheuerlichen Worten, die der Unheimliche von sich gab.

»Ich werde nur den Mann heiraten, den ich liebe«, presste ich hervor. »Und dieser Mann heißt Daniel Connors.«

»Du irrst dich!«, schrie der Unheimliche. »Auch du wirst dich den Regeln unterwerfen müssen.«

Mit diesen Worten zuckte plötzlich der Arm der Gestalt in die Höhe, und eine mit schmuddeligen Bandagen umwickelte Hand kam unter dem weiten Ärmel der Kutte zum Vorschein.

Entsetzt wich ich zurück.

Der Kerl hielt einen blitzenden Dolch in der Hand und schwebte auf mich zu. Dass dabei ein paar Maispflanzen unter seiner Kutte zermalmt wurden, kümmerte ihn nicht.

Mit einem Schrei fuhr ich herum und ergriff die Flucht.

Keine Sekunde zu früh, denn plötzlich sauste der Dolch neben mir herab und trennte eine Maispflanze in der Mitte durch.

Mit zitternden Knien stürzte ich davon. Auch ich achtete nun nicht mehr darauf, wohin ich trat. In panischer Angst und mit rudernden Armen bahnte ich mir einen Weg durch die Plantage. Als ich dann über meine Schulter zurückblickte, sah ich, dass der Verrückte in der Kutte mich verfolgte.

Der Anblick der schwebenden Gestalt, die den Dolch hoch über dem Kopf erhoben hatte und mir durch die Schneise folgte, raubte mir fast den Verstand.

Ich stolperte, fiel auf den matschigen, regendurchtränkten Mutterboden und rappelte mich verzweifelt wieder auf.

Längst hatte ich die Orientierung verloren und rannte nur noch blindlings um mein Leben.

Warum nur hatte ich das Maisfeld betreten? Wahrscheinlich war es gar nicht Xenia gewesen, die ich gesehen hatte ...

Die Gedanken hämmerten im Takt meiner hektischen, stolpernden Schritte.

Dann plötzlich hatte ich das Ende des Maisfeldes erreicht.

Mit einem letzten verzweifelten Sprung setzte ich über den Graben hinweg und fand mich auf einem anderen, noch unbepflanzten Acker wieder.

Dicke Nebelschwaden zogen über den schwarzen, gefurchten Boden hinweg, und irgendwo in der Ferne verschmolz die leicht ansteigende graue Ebene mit dem düsteren Himmel. Nirgends gab es eine Böschung oder einen Strauch, hinter dem ich mich verstecken konnte.

Ängstlich schaute ich mich zum Maisfeld um.

Die wankenden und raschelnden Pflanzen verrieten, dass mein unheimlicher Verfolger nur noch wenige Schritte vom Rand des Feldes entfernt war.

Ich war dem Kerl mit der grauen Kutte schutzlos ausgeliefert!

11

In diesem Moment erfasste eine Windböe die Nebelschleier. Plötzlich schälte sich ein großer klobiger Schatten daraus hervor.

Es handelte sich um einen rostroten Traktor. Er stand nur wenige Meter von mir entfernt. Der Motor war ausgeschaltet, ein Mann lehnte lässig gegen das hohe Hinterrad und rauchte eine Zigarette. Er trug einen langen Regenmantel und einen breitkrempigen Hut, der sein markantes, männliches Gesicht vor dem Regen schützte.

Verwundert sah er mich an.

»Hilfe!«, rief ich und winkte verzweifelt mit den Armen, während ich auf den Traktor zurannte.

Der Fremde warf augenblicklich seine Zigarette fort und löste sich von seinem Traktor. Mit raschen, kraftvollen Schritten kam er auf mich zu.

In diesem Moment stolperte ich über eine Ackerfurche. Ich strauchelte und fiel dem Fremden genau in die Arme.

Seine kräftigen Hände hielten mich fest.

»Kann ich Ihnen helfen?«, erkundigte er sich. Seine Stimme klang wohltönend und tief.

»Ein ... ein verrückter Kerl in einer grauen Kutte verfolgt mich«, stammelte ich und rang nach Atem.

Mein Gegenüber runzelte die Stirn und schaute mit grimmiger Miene zum Maisfeld hinüber.

»Ich kann niemanden sehen«, sagte er schließlich.

Ich löste mich aus seinem festen Griff und wandte mich voller Unbehagen zum mannshohen Mais um.

Von dem Unheimlichen war nichts zu sehen. Der Mais stand still.

»Sicher hat er sich irgendwo versteckt«, mutmaßte ich und wischte mir eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Ich werde nachsehen«, verkündete der junge Mann und schritt entschlossen auf die Stelle zu, wo ich das Maisfeld verlassen hatte.

»Seien Sie vorsichtig!«, rief ich ihm nach, »der Kerl ist bewaffnet!«

Dann war der Fremde zwischen den meterhohen Pflanzen verschwunden.

Ich verharrte einen Augenblick neben dem Traktor. Der Regen prasselte auf mich nieder, ich begann zu frieren.

Doch aus dem Maisfeld war kein Laut zu hören.

Besorgt runzelte ich die Stirn. Schließlich hielt ich die Ungewissheit nicht länger aus und folgte dem Fremden ins Feld.

Die Bresche, die ich während meiner panikartigen Flucht geschlagen hatte, war noch deutlich zu erkennen. Geknickte Strünke und zerfetzte Blätter säumten den Weg.

Unbehaglich setzte ich einen Fuß vor den anderen und schaute mich aufmerksam dabei um.

Nach wenigen Metern fand ich den jungen Mann.

Er kniete am Boden und besah sich die nasse Erde.

Als er mich bemerkte, richtete er sich auf.

»Ich habe nichts entdeckt, was auf Ihren Verfolger hinweist«, sagte er. »Die einzigen Spuren, die ich finden konnte, stammen von Ihnen selbst. Brandon wird nicht begeistert sein, wenn er sieht, was Sie auf seinem Feld angerichtet haben.«

Schuldbewusst schaute ich auf die Fußabdrücke zwischen dem zertretenen Mais. Sie hatten sich tief in den dunklen Boden gegraben und füllten sich langsam mit Regenwasser.

Die Spuren stammten eindeutig von meinen Schuhen. Mein schrecklicher Verfolger hingegen schien keine sichtbaren Abdrücke hinterlassen zu haben.

Ich erinnerte mich plötzlich daran, dass ich den Eindruck gehabt hatte, der Unheimliche würde über dem Boden schweben.

Hatte er deswegen keine Abdrücke hinterlassen?

»Ich kann mir das nicht erklären«, meinte ich verlegen. »Ich habe meinen Verfolger doch mit meinen eigenen Augen gesehen!«

Was mochte der junge Mann nur von mir denken? Hielt er mich für überspannt oder verrückt?

»Machen Sie sich keine Vorwürfe«, sagte er und legte in vertraulicher Geste einen Arm um meine Schulter. »Irgendetwas muss Sie erschreckt haben. In einem Maisfeld kann man es leicht mit der Angst bekommen. Überall raschelt und huscht es. Und bei so schlechten Lichtverhältnissen kann man die großen, schlanken Blätter mit einer Gestalt verwechseln.«

Er lächelte gewinnend und führte mich durch die Schneise auf den benachbarten Acker zurück. »Meine Großmutter war felsenfest davon überzeugt, dass in den Feldern Muhmen wohnen, die jedem Kind, das einen Fuß auf den Acker setzt, das Fürchten lehren.«

Wir schritten durch den Nebel auf den rostroten Traktor zu.

»Diese Märchen sollten die Kinder davon abhalten, in den Feldern zu spielen und die ganze Ernte zu zertrampeln«, fügte der Fremde hinzu.

Inzwischen hatte ich mich ein wenig von dem Schrecken erholt und unterzog meinen Retter einer genaueren Betrachtung.

Er hatte dunkelblaue Augen und schulterlanges schwarzes Haar, das unter dem Hut hervorschaute.

»Mein Name ist Conrad Daumier«, stellte er sich nun vor. »Ich wohne in Whitham, Meinem Vater gehört das größte Anwesen in der Ortschaft.«

»Ich heiße Brenda Logan«, erwiderte ich und schüttelte ihm die Hand. »Ich komme aus London und wollte hier in Whitham heiraten.«

»Ihr Verlobter kann sich glücklich schätzen, eine so charmante Frau zur Gattin zu bekommen.

Wenn Sie wollen, nehme ich Sie mit nach Whitham. Ich wollte sowieso gerade nach Hause fahren.«

Endlich hatte ich einen Bewohner von Whitham getroffen, der nicht abweisend war.

Conrad Daumier machte einen sympathischen Eindruck, und die Art, wie er mich ansah, ließ vermuten, dass ich eine gewisse Anziehungskraft auf ihn ausübte.

Dennoch machten mich seine Worte stutzig, hatte nicht auch Daniel behauptet, dass das Anwesen seiner Eltern das größte in der Ortschaft sei?

Als ich Conrad darauf ansprach, lachte er und winkte verächtlich ab.

»Daniel Connors ist ein Aufschneider«, behauptete er und half mir in die Fahrerkabine des Traktors. »Er hat schon immer gern etwas zu dick aufgetragen. In Wahrheit ist alles nur heiße Luft. Daniel ist der geborene Verlierer. Alle im Ort wissen das. Darum hat er Whitham auch verlassen und in London sein Glück versucht.«

Ich nahm auf dem unbequemen, zerschlissenen Sitz neben dem Steuer Platz und sah Conrad Daumier entrüstet an.

»Habe ich etwas Falsches gesagt?«, fragte er etwas zurückhaltender.

»Daniel ist mein Verlobter«, klärte ich ihn auf, wobei mein Tonfall schärfer ausfiel als beabsichtigt. »In drei Tagen werden wir heiraten.«

Conrad kratzte sich verlegen am Kinn.

»Entschuldigen Sie«, sagte er und startete den Motor. »Ich konnte nicht wissen, dass er es ist, den Sie heiraten wollen.«

Seine folgenden Worte gingen fast im Lärm der dröhnenden Maschine unter. »Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Aber jeder hier in Whitham weiß, was für ein Feigling Daniel ist. Sie haben einen weitaus besseren Mann verdient als diesen Hasenfuß.«

Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter. Die Worte des Unheimlichen fielen mir wieder ein: »Du wirst den Besseren heiraten! Daniel ist ein Verlierer!«

»Sie haben kein Recht, so über Daniel zu sprechen«, rief ich gegen den Lärm des Motors an.

Conrad zuckte nur mit den Schultern und legte einen Gang ein.

Ruckelnd und schaukelnd setzte sich der Traktor in Bewegung.

»Ich habe Ihnen nur das erzählt, was jeder in Whitham weiß«, sagte er. »Vielleicht durchschauen Sie Ihren Verlobten besser, wenn Sie die Wahrheit über ihn wissen. Daniel ist nichts wert! Wo war er denn vorhin, als Sie ihn brauchten?«

Ich wollte aufbegehren, aber ich fühlte mich plötzlich unsagbar müde und ausgelaugt und brachte kein Wort hervor. Die ungewohnte körperliche Anstrengung, die Angst, die ich durchgestanden hatte, und all die Zweifel und Fragen, die mich plagten, hatten meine Energie verbraucht.

Erschöpft lehnte ich mich in den harten Sitz zurück und starrte durch die dreckverschmierte Windschutzscheibe in den Regen hinaus.

Kurze Zeit später hatten wir einen Feldweg erreicht, der direkt auf Whitham zuführte. Wenige Minuten später stoppte Conrad vor dem Anwesen der Connors.

»Ich würde mich freuen, wenn wir uns wiedersehen«, meinte Conrad und lächelte gewinnend.

»Sie sind herzlich zu meiner Hochzeit eingeladen«, erwidert ich. »Ich werde Ihnen beweisen, dass Sie und all die anderen sich in Daniel getäuscht haben.«

Mit diesen Worten verließ ich das dröhnende Gefährt und eilte durch den Regen auf das Anwesen der Connors zu.

Hinter mir setzte sich der rostrote Traktor wieder in Bewegung und verschwand hinter den Eichen, die das Grundstück der Connors von der Straße abschirmten.

Ich spürte, wie sich der Regen mit den Tränen auf meinem Gesicht vermischte.

Conrads Worte und die Erlebnisse der vergangenen Stunden hatten mich verwirrt.

War Daniel etwa gar nicht der charmante, hilfsbereite Mann, der behauptete, unsterblich in mich verliebt zu sein?

Ich rannte über den Hof auf den überdachten Eingang zu.

Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen, und Daniel stand vor mir.

Ich verharrte einen Augenblick. Doch dann fiel ich ihm schluchzend in die Arme und weinte hemmungslos.

Daniel nahm mich behutsam auf seine starken Arme und trug mich ins Haus.

»Du bist ja völlig durchnässt und mit Erde beschmiert«, flüsterte er besorgt, während er mich die Stufen zu unserem Schlafgemach emportrug. »Was ist geschehen?«

»Ich habe mich in einem Maisfeld verirrt«, erwiderte ich ausweichend und lehnte erschöpft meinen Kopf an seine breite Brust. Daniels Nähe übte eine beruhigende Wirkung auf mich aus. Fast kamen mir die zurückliegenden Ereignisse jetzt wie ein böser Traum vor.

Ich liebte Daniel, das wurde mir in diesem Moment bewusster denn je.

Konnten mich meine Gefühle denn so sehr täuschen? Sah ich in meiner Verblendung nicht, was alle Bewohner von Whitham zu wissen schienen?

»Bitte, Daniel, halt mich einfach nur fest«, hauchte ich.

Daniel drückte mich fest an sich.

Dann stieß er die Tür zu unserem Schlafzimmer auf. Im nächsten Augenblick fiel ich in tiefen, traumlosen Erschöpfungsschlaf.

12

Als ich wieder erwachte, war es dunkel um mich herum.

Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, wo ich mich befand.

Unwillkürlich tastete ich neben mir das Bett ab und atmete erleichtert auf, als ich Daniel spürte, der neben mir lag und friedlich schlief.

Was hatte mich geweckt?

Ich konnte mich an keinen Traum erinnern.

Da vernahm ich plötzlich ein entfernt klingendes Läuten.

Es waren die Kirchenglocken!

Aber um diese Zeit?

Verwundert richtete ich mich im Bett auf. Ich trug ein langes weißes Nachthemd. Daniel hatte mich also umgezogen, als er mich zu Bett gebracht hatte.

Ich beugte mich über ihn und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.

Aber Daniel schlief seelenruhig weiter. Schließlich schaute ich zum Reisewecker auf dem Nachtschrank.

Es war Mitternacht.

Fröstelnd rieb ich mir die Arme und lauschte dem gespenstischen Läuten der Glocken. Rief Pastor Pranga seine Gemeinde etwa um diese Uhrzeit zum Gottesdienst?

Tatsächlich kam es mir so vor, als würde der Klang der Glocken mich rufen, und ehe ich mich versah, hatte ich das Bett auch schon verlassen. Wie unter einem fremden Zwang schlüpfte ich rasch in meine Hose und stopfte die Enden des Nachthemds unter den Hosenbund. Dann warf ich mir eine warme Jacke über und trat ans Fenster.

Draußen bot sich mir ein unheimlicher Anblick.

Auf der Allee hinter den Eichen schob sich eine unheimliche Prozession von Gestalten in grauen Kutten vorbei.

Entsetzt hielt ich den Atem an.

Die Gestalten bewegten sich alle in eine Richtung und strebten der Kirche zu.

Was ging hier bloß vor sich?

Ich war fest entschlossen, es herauszufinden. Rasch trat ich ans Bett und rüttelte Daniel an der Schulter, wobei ich mit eindringlicher Stimme seinen Namen rief.

Aber Daniel zeigte keine Reaktion. Er hatte seine Augen fest geschlossen und atmete ruhig und regelmäßig.

»Daniel, wach doch auf!«, rief ich verzweifelt.

Und dann konnte ich mich dem drängenden Klang der Glocken nicht mehr entziehen. Wie von selbst setzten sich meine Beine plötzlich in Bewegung, und ich verließ das Schlafgemach, ohne mich noch einmal zu dem schlafenden Daniel umzublicken.

Erst als ich die Treppe erreicht hatte, blieb ich für einen Augenblick unschlüssig stehen.

Von dem düsteren Portrait an der Wand schien ein gespenstisches Leuchten auszugehen. Die Augen von Arthur Connors schimmerten unheimlich, und ich hatte das Gefühl, als würde Daniels Urahne mich mahnend anstarren.

Ich erschauderte, riss mich vom Anblick des eigenartigen Portraits los und eilte die Treppe hinunter.

Kurz darauf stand ich im Freien.

Die dichte Wolkendecke war aufgerissen. Große schwarze Löcher, in denen blasse Sterne funkelten, klafften in dem quellenden Grau am Himmel. Hin und wieder kam der Vollmond zum Vorschein und sandte seine silbernen Strahlen zur Erde herab.

Ich überquerte den Hof und blieb dann im Schutz der mächtigen Eichen stehen.

Die unheimliche Prozedur war inzwischen abgerissen. Ein letzter Nachzügler wandelte mitten auf der Straße und bog schließlich in den Pfad ein, der zur Kirche führte.

Ein Schauer rieselte mir den Rücken hinunter, als ich der gespenstischen Gestalt nachsah. Auch bei ihr hatte ich den Eindruck, als würde sie über den Boden schweben.

Das seltsame, fordernde Läuten der Kirchenglocken trieb mich weiter. Aber ich war nicht leichtsinnig, sondern hielt mich im tiefen Schatten von Häusern und Bäumen und huschte geduckt über den holprigen Weg, nachdem ich die Abzweigung zur Kirche genommen hatte.

Als ich die Friedhofsmauer erreicht hatte, verharrte ich.

Die gespenstischen Gestalten hatten sich vor der Kirche versammelt, und die Glocken hatten aufgehört zu läuten. Vor dem Portal stand Pastor Pranga. Er trug einen schwarzen Umhang und sprach beschwörend und wild gestikulierend auf die Unheimlichen in den Kutten ein.

Schließlich kam wieder Bewegung in die gespenstischen Gestalten. Jerome Pranga setzte sich an ihre Spitze.

Ich duckte mich tiefer in den Schatten der Friedhofsmauer und hielt gebannt den Atem an. Würde man mich gleich entdecken?

Doch die Unheimlichen hatten gar nicht vor, ins Dorf zurückzukehren, sondern schlugen den Weg in den Wald ein.

Ich wartete, bis auch die letzte Gestalt zwischen den schwarzen Baumstämmen verschwunden war.

Dann machte ich mich daran, sie zu verfolgen. Wie ein Schatten huschte ich an der unheimlichen Kirche vorbei und tauchte kurz darauf in den finsteren Wald ein. Dabei vermied ich es, den ausgetretenen Pfad zu benutzen, den die gespenstische Versammlung genommen hatte. Schließlich wollte ich nicht, dass mich einer der seltsamen Kuttenträger bemerkte.

In diesem Moment kam der Mond wieder hinter einer Wolke hervor. Seine gefächerten Strahlen stachen wie silberne Lanzen durch das dichte Blätterdach.

Irgendwo in der Ferne sah ich einige der grauen Kutten hinter den Stämmen der mächtigen Bäume schimmern.

Vorsichtig schlich ich weiter, immer darauf bedacht, nur kein verdächtiges Geräusch zu verursachen. Was mit mir geschehen würde, wenn die gespenstischen Kuttenträger mich entdeckten, wagte ich mir nicht auszumalen. Meine Erfahrung, die ich mit dem unheimlichen Kerl im Maisfeld gemacht hatte, ließ keinen Zweifel daran, was mir bei einer Entdeckung bevorstand.

Trotzdem setzte ich weiter einen Fuß vor den anderen. Halb war es der Nachhall der lockenden Kirchenglocken, halb meine unbändige Neugier, was mich weitertrieb. Ich wollte endlich erfahren, welch mysteriöse Dinge in Whitham vor sich gingen.

Schließlich erreichte ich eine kleine Waldlichtung. Dichter Nebel wallte über den Boden und verhüllte die Beine der Kuttenträger, sodass es nun vollends so aussah, als würden sie wie Geister hoch über dem Boden schweben.

Ich versteckte mich hinter einem dornigen Gestrüpp und harrte der Dinge, die da kommen würden.

Jerome Pranga kletterte auf einen großen Felsbrocken in der Mitte der Lichtung und breitete beschwörend seine Arme aus. Die Kuttenträger umringten ihn wie Jünger.

Da plötzlich griff sich Pranga an die Brust und riss sich den schwarzen Umhang von den Schultern.

Darunter kam ein seltsam leuchtendes und schillerndes Gebilde zum Vorschein. Es gleißte im Licht des Vollmondes und sandte grelle, nadelfeine Lichtblitze aus, von denen eine hypnotische Wirkung auszugehen schien.

Ein Schwindelgefühl ergriff mich. Ich schloss geblendet die Augen. Seltsamerweise stand plötzlich das Gesicht von Arthur Connors vor meinem inneren Auge. Sein mahnender Blick schien mich bis auf den Grund meiner Seele zu durchdringen.

Als ich die Augen wieder öffnete, erschien mir das Gleißen, das von dem Gebilde ausging, nicht mehr ganz so unerträglich.

Angestrengt schaute ich zu dem seltsamen Pastor hinüber, der sich mit ausgebreiteten Armen langsam im Kreis drehte und beschwörend auf die Kuttenträger einredete.

Jerome Pranga trug eine Art Schultergewand, wie ich jetzt erkannte. Es bestand aus zwei merkwürdig schillernden Teilen, von denen das eine vorne auf der Brust auflag und das andere hinten am Nacken. Verbunden waren die rechteckigen Stücke mit einer Kette, die über der Schulter hing.

Es war ein Skapulier!

Das erkannte ich aufgrund meines archäologischen Wissens. Skapuliere wurden von den Christen, aber auch von anderen Ordensgruppen als eine Art Amulett getragen. Anfangs diente das Skapulier nur dazu, die Ordenstrachten zu schonen, und wurden daher über der Kleidung getragen. Doch im Laufe der Jahrzehnte veränderte sich die Bedeutung der Skapuliere, und ihnen kam eine mystische, okkulte Rolle zu. So zeigte ein Skapulier nicht nur die Zugehörigkeit eines Ordens oder einer Glaubensgemeinschaft, sondern ihnen wurden auch übersinnliche Fähigkeiten zugesprochen, die die Skapuliere durch aufwendige Zeremonien und Beschwörungen erhielten.

Im British Museum, wo ich als Archäologin arbeitete, hingen ein paar eindrucksvolle Skapuliere, wie sie vor langer Zeit von christlichen Orden getragen worden waren.

Die Art von Skapulier, die Jerome Pranga trug, war mir jedoch völlig unbekannt, und ich zweifelte daran, dass es christlichen Ursprungs war.

Die hypnotische Kraft, die von dem gespenstischen Leuchten und Gleißen des Skapuliers ausging, spürte ich noch immer. Aber seltsamerweise übte diese Kraft keine große Wirkung mehr auf mich aus.

Bei den Kuttenträgern verhielt es sich ganz anders. Sie wiegten sich im Nebel hin und her und schienen förmlich im weithin sichtbaren Leuchten des Skapuliers zu baden und in seinen Strahlen zu schwelgen.

Da begriff ich, dass Jerome Pranga die Kuttenträger mit dem Skapulier in seinen Bann schlug und verhexte.

Doch für diese Erkenntnis war es bereits zu spät, denn ich war plötzlich unfähig mich zu bewegen. Ich wollte fortlaufen und dem unheilvollen Einfluss des Skapuliers entrinnen, aber es gelang mir nicht mehr.

Statt dessen wandte sich Jerome Pranga nun in meine Richtung. Die Mondstrahlen, die sich auf dem mysteriösen Skapulier brachen, zauberten tanzende Irrlichter, die über den wabernden Nebel huschten.

»Meine Jünger!«, hob Jerome Pranga in diesem Augenblick zu sprechen an, und seine Stimme klang laut und donnernd über die unheimliche Waldlichtung.

»Dies ist eine denkwürdige Nacht. Wir sind ein großer und starker Orden geworden. Schon sehr bald werden wir unser Ziel erreicht haben. Dann ist die Stunde gekommen, in der die Demütigungen heimgezahlt werden und die Betrüger für ihre Taten bezahlen müssen.«

Er warf die Arme beschwörend in die Höhe.

»In dieser Nacht ist auch unsere Auserwählte meinem Ruf gefolgt. Wir wollen sie begrüßen, denn sie ist diejenige, die dem Besseren zugedacht ist!«

Mit diesen Worten deutete Jerome Pranga in meine Richtung.

Ich hatte das Gefühl, mein Herz müsse jeden Moment aufhören zu schlagen. Wie vom Donner gerührt, hockte ich da und glaubte meinen Sinnen nicht trauen zu dürfen.

Jerome Pranga hatte die ganze Zeit über gewusst, dass ich mich in seiner Nähe befand!

»Erhebe dich, meine Jüngerin, und trete in unseren Kreis«, forderte er mich mit unnachgiebiger Stimme auf.

Ohne mich dagegen wehren zu können, schraubte ich mich langsam in die Höhe. Schweißperlen traten mir auf die Stirn. Ich versuchte verzweifelt, mich gegen den unheilvollen Einfluss des Skapuliers zu wehren.

Aber vergeblich!

Die unheimlichen Gestalten im Nebel wandten sich zu mir um. Die Dunkelheit unter ihren weiten Kapuzen wirkte bedrohlich und bösartig.

»Daniel ist ein Betrüger!«, rief Jerome Pranga. »Und er ist es nicht wert, eine so schöne Frau wie dich zu ehelichen. Ein Besserer wird seine Stelle einnehmen, und du wirst an seiner Seite glücklicher sein als je zuvor!«

Entsetzt schüttelte ich den Kopf. Wieder war da dieser Hinweis auf den Besseren. Wen konnte er damit nur meinen? Und warum nahmen alle an, dass Daniel nicht gut genug für mich sei?

Ich liebte Daniel über alles!

An diesen Gedanken klammerte ich mich mit aller Kraft.

Da bemerkte ich plötzlich, dass ich wieder klarer denken konnte.

Benommen torkelte ich einen Schritt zurück.

»Bleib stehen!«, schrie Jerome Pranga mit sich überschlagender Stimme. »Du kannst deiner Vorsehung nicht entkommen!«

»Ich bestimme mein Schicksal selbst!«, rief ich trotzig. »Und ich habe mich für Daniel entschieden!«

Jerome Pranga heulte vor Wut auf. Mit herrischer Geste deutete er auf mich.

»Ergreift sie!«, rief er seinen schrecklichen Jüngern zu. »Wer sich nicht in sein Schicksal fügen will, den müssen wir dazu zwingen!«

Augenblicklich kam Bewegung in die unheimlichen Kuttenträger. Der Nebel wallte auf, als sie in meine Richtung stürzten. Das gespenstische Leuchten des Skapuliers geisterte wie eine Handvoll Irrlichter durch die Luft.

Mit einem panischen Aufschrei wirbelte ich herum und ergriff die Flucht.

13

Gehetzt rannte ich durch den nächtlichen Wald, sprang über umgestürzte Baumstämme und brach durch dornige Büsche.

Jedes Mal, wenn ich mich hektisch umblickte, musste ich feststellen, dass die Unheimlichen mir noch immer dicht auf den Fersen waren. Das Grau ihrer Kutten machte sie in der Nacht fast unsichtbar.

Plötzlich flog einer der Kuttenträger von der Seite auf mich zu.

Ich hatte die unheimliche Gestalt gar nicht bemerkt. Der Angriff traf mich völlig unvorbereitet.

Da prallte die Gestalt auch schon mit mir zusammen. Mit einem spitzen Aufschrei stürzte ich und schlug der Länge nach auf den weichen Waldboden. Schwer spürte ich das Gewicht meines Widersachers auf mir.

Ich versuchte, mich zu wehren; bekam plötzlich die Kapuze zu packen und riss sie der Gestalt vom Kopf.

Rotes Haar quoll darunter hervor, und ich blickte in ein bleiches, wohlbekanntes Gesicht.

»Xenia!«, rief ich entsetzt.

Aber Daniels Adoptivschwester reagierte nicht. Ihr Antlitz war hassverzerrt, sie umklammerte mich mit beiden Händen vehement.

Steckte etwa unter jeder Kutte ein Dorfbewohner?

Da plötzlich wurde Xenia von mir gerissen.

Vor mir stand eine schlanke dunkle Gestalt. Sie trug keine Kutte, wie ich sofort feststellte. Die kräftige Statur zeichnete sich deutlich von den dunklen Baumwipfeln und dem nächtliche Himmel ab. Das schulterlange schwarze Haar schimmerte geheimnisvoll im Mondlicht.

»Conrad Daumier?«, fragte ich überrascht.

Conrad Daumier beugte sich zu mir herab, hob mich auf seine starken Arme und rannte mit mir tiefer in den Wald hinein.

Da erreichten die Unheimlichen in den Kutten auch schon die Stelle, wo ich eben noch gelegen hatte. Ich sah über Conrads Schulter hinweg und konnte ihre gespenstischen Silhouetten deutlich erkennen.

Verwirrt sahen sie sich um. Doch einige nahmen rasch die Verfolgung auf.

Conrad hatte eine Richtung gewählt, in der das Unterholz und das Gestrüpp noch dichter und undurchdringlicher waren. Die Kuttenträger mit ihren flatternden Überwürfen blieben an den Dornen hängen. Ihr verhaltenes Fluchen verlor sich bald in der Ferne, denn Conrad Daumier bewegte sich flink und gewandt wie ein Raubtier durch den unwegsamen Wald.

Schließlich hatten wir die Verfolger ganz abgeschüttelt.

Conrad legte eine Pause ein und setzte mich behutsam auf dem Boden ab.

Der Wald um uns herum wirkte düster und unheimlich. Die Bäume standen dicht beieinander. Kaum ein Mondstrahl fand einen Weg durch das verfilzte Blätterdach.

»Danke«, sagte ich mit zitternder Stimme. »Sie ... Sie haben mir das Leben gerettet!«

»Nichts für ungut«, erwiderte Conrad Daumier leichthin. »Ich kenne mich gut in diesem Wald aus. Für mich war es eine Kleinigkeit, Sie in Sicherheit zu bringen.«

Mich fröstelte. Conrad, der es bemerkte, rieb mir die Oberarme und lächelte mir aufmunternd zu.

Doch dann verdüsterte sich sein Gesicht. »Was hatten Sie nur um diese Zeit allein im Wald verloren?«, fragte er streng. »Und warum war Daniel nicht an Ihrer Seite? Es sieht ihm ähnlich, seine zukünftige Frau einfach im Stich zu lassen.«

Ich wollte ihm widersprechen, doch außer einem Seufzer kam nichts über meine Lippen. Wie auch hätte ich ihm erklären sollen, dass Daniel so tief und fest geschlafen hatte, dass ich ihn nicht wach bekommen hatte. Außerdem hätte Conrad Daniels tiefen Schlaf nur als Bestätigung seiner Anschuldigungen angesehen.

Ich wünschte, Conrad hätte damit aufgehört, immer so schlecht über Daniel zu reden. Conrad machte doch sonst einen ganz netten Eindruck und war mir durchaus sympathisch. Er fasste meine Hand. »Ich werde Sie nach Hause bringen«, sagte er. »Wenn Daniel sich nicht um Sie kümmern kann, werde ich es tun.«

Mit einem beklommenen Gefühl im Magen schritt ich neben Conrad her.

Ich fragte ihn, was er in dem Wald zu suchen gehabt hatte und ob er nun endlich die schrecklichen Gestalten in den Kutten gesehen hätte.

»Ich habe mir nur etwas die Füße vertreten«, antwortete er ausweichend. »Ich unternehme oft nächtliche Wanderungen, wenn ich nachts nicht schlafen kann.«

Wir erreichten den Waldrand. Ich blieb zögernd stehen. Was wäre, wenn die Kuttenträger hier auf uns lauerten?

»Was Sie da im Wald angefallen hat, habe ich in der Dunkelheit nicht so genau erkennen können«, beantwortete Conrad den zweiten Teil meiner Frage. »Es muss wohl irgendein wildes Tier gewesen sein. Es ging alles viel zu schnell. Aber den Geräuschen nach zu urteilen, war das Tier nicht allein. Es muss sich um eine ganze Horde gehandelt haben.«

Fassungslos starrte ich Conrad an.

Fahler Mondschein lag auf seinem Gesicht. Das schulterlange Haar schimmerte bläulich. Seine Augen ruhten auf mir, aber ich konnte seinem Blick nicht entnehmen, ob er die Wahrheit sprach oder nicht.

Hatte er die Gestalten in diesen Kutten denn wirklich nicht gesehen? Und war ihm nicht aufgefallen, dass es sich bei der Gestalt, mit der ich gerungen hatte, um Xenia, Daniels Adoptivschwester, gehandelt hatte?

»Kommen Sie«, sagte Conrad und zog mich aus dem schützenden Wald heraus. Vor uns erstreckte sich das brachliegende Feld. Weiter links konnte ich die dunklen Umrisse der Kirche erkennen.

Von den unheimlichen Gestalten fehlte jede Spur.

Verwirrt schüttelte ich den Kopf.

Wie konnte das angehen? Hatten meine Verfolger plötzlich ihr Interesse an mir verloren?

Als wir nach einer Weile das Anwesen der Connors erreicht hatten, blieb mein Retter stehen. Rasch beugte er sich zu mir herab und hauchte mir einen Kuss auf die Stirn.

»Auf Wiedersehen, Brenda«, sagte er leise. »Sie sind eine charmante Frau. Ich bin froh, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.«

Dann wandte er sich ab und entfernte sich.

»Werden Sie zu meiner Hochzeit kommen?«, rief ich ihm hinterher.

»Wer weiß!«, antwortete er zweideutig und verschwand zwischen den Schatten der hohen Eichen.

Ich atmete tief durch, überquerte den Hof und trat auf das helle, im Mondschein fahl leuchtende Fachwerkhaus zu. Die Türen waren nicht verschlossen. So bereitete es mir keine Schwierigkeiten, ins Innere zu gelangen.

Auf Zehenspitzen schlich ich die Treppe empor.

Einen Augenblick verharrte ich und betrachtete das Portrait von Arthur Connors an der Wand gegenüber der Treppe. In der Dunkelheit war das Portrait fast nicht zu erkennen, und doch hatte ich für einen flüchtigen Moment das Gefühl, als würde es in den Augen von Arthur Connors seltsam aufblitzen.

Warum hatte ich sein Antlitz plötzlich vor mir gesehen, als ich auf der Waldlichtung fast dem hypnotischen Einfluss des Skapuliers erlegen gewesen war?

Hatte der Begründer der Connors Familie mich etwa vor dem unheilvollen Einfluss des Amuletts beschützen wollen?

Ich seufzte auf und schüttelte über meine eigenen Gedanken den Kopf. Es wurde Zeit, dass ich für die seltsamen Vorkommnisse endlich eine plausible Erklärung fand. Meine Phantasie begann allmählich mit mir durchzugehen.

Ich wandte mich von dem Gemälde ab. Doch anstatt mich ins Schlafgemach zu begeben, schlug ich die entgegengesetzte Richtung ein und trat auf Xenias Zimmer zu.

14

Ich verharrte vor der Tür von Daniels Adoptivschwester und lauschte.

Aber es war kein Laut zu vernehmen.

Dann drückte ich die Klinke und schob die Tür geräuschlos auf.

Das Zimmer, das vor mir lag, war etwas kleiner als das Schlafgemach von Daniel und mir. Fahles Mondlicht fiel auf das Bett neben der Wand.

Ich glaubte meinen Augen nicht trauen zu dürfen, als ich Xenia in dem Bett liegen sah. Ihr rotes Haar glänzte seidig und war auf dem weißen Kopfkissen ausgebreitet. Ihr Gesicht wirkte entspannt und unschuldig.

Mir war es plötzlich unmöglich zu glauben, dass Xenia noch vor wenigen Minuten mit mir im Wald gerungen und dabei eine hässliche Kutte getragen haben sollte!

Verwirrt drückte ich die Tür wieder zu und kehrte zu Daniel zurück. Nachdem ich mich ausgekleidet hatte, legte ich mich neben ihn und schmiegte mich fest an seinen warmen Körper.

Seine ruhigen, gleichmäßigen Atemzüge verrieten mir, dass er noch immer schlief.

Eine Gänsehaut überzog meine Arme. Die Bilder von der unheimlichen Zeremonie auf der Waldlichtung gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Besonders eindringlich war mir das leuchtende Skapulier von Jerome Pranga in Erinnerung geblieben. Die böse dämonische Ausstrahlung, die von dem amulettartigen Überwurf ausgegangen war, hatte ich mehr als deutlich gespürt.

Warum nur hatte Conrad meine Verfolger nicht deutlicher erkennen können! Dann hätte ich jetzt wenigstens Gewissheit gehabt, ob ich mir alles nur eingebildet hatte oder nicht.

Ich versuchte die quälenden Bilder aus meinem Gedächtnis zu verbannen und schloss die Augen.

Ich konzentrierte mich auf Daniel, fühlte seine beruhigende Nähe und die angenehme Wärme, die die Kälte aus meinem Körper nach und nach verbannte.

Nach einer Weile fiel ich dann endlich in tiefen, gnädigen Schlaf ...

15

Als ich erwachte, fiel helles, freundliches Sonnenlicht durch das hohe Sprossenfenster direkt auf mein Bett.

Aber die Stelle an meiner Seite war leer. Daniel war schon aufgestanden.

Ein rascher Blick auf den Reisewecker verriet mir, dass es bereits zehn Uhr morgens war.

Ich zuckte erschrocken zusammen, als plötzlich die Zimmertür aufgerissen wurde.

Es war Daniel. Er wirkte gut gelaunt und ausgeschlafen.

»Schon wach, mein kleines Murmeltier?«, erkundigte er sich und lächelte schelmisch. »Du hast ja wirklich einen gesunden Schlaf.«

Doch dann wurde sein Gesicht wieder ernst, und er setzte sich neben mich auf die Bettkante. Mit dem prüfenden Blick eines Arztes sah er mich an.

»Du hast ungewöhnlich lange geschlafen«, sagte er und strich mir mit den Fingern durchs Haar. »Ich mache mir Sorgen um dich.«

Ich schaute an Daniel vorbei auf den Stuhl, wo ich meine Sachen nach dem mitternächtlichen Ausflug achtlos hingeworfen hatte.

Die Hose wies Dreckspuren auf. Laub klebte an der Jacke.

Ich seufzte. Für einen Augenblick hatte ich gehofft, dass mein unheimliches Erlebnis auf der nebligen Waldlichtung doch nur ein böser Traum gewesen sei.

Aber diese Hoffnung hatte sich nun zerschlagen.

»Ich war heute Nacht noch einmal draußen«, offenbarte ich Daniel und sah zu ihm auf.

Daniel zog verwundert eine Augenbraue in die Höhe.

Ich setzte mich auf und schmiegte mich an seine breite Brust. Wie wohltuend Daniels Nähe doch war. Ich spürte, dass ich ihm vertrauen konnte.

»Daniel«, sagte ich. »In Whitham gehen sonderbare Dinge vor sich. Ich glaube, der neue Pastor ist ein Hochstapler und verfolgt dubiose, undurchsichtige Ziele.«

»Was redest du da?«

Ich lehnte mich in die Kissen zurück. Und dann erzählte ich Daniel alles von Anfang an, und ich ließ nichts dabei aus.

»Du musst geträumt haben«, meinte Daniel nachdenklich, nachdem ich mit meiner Erzählung geendet hatte. Er war Neurologe und ging nicht leichtfertig mit solchen Vermutungen um. Aber in diesem Fall konnte ich seiner Diagnose nicht zustimmen.

»Was macht dich so sicher, dass es sich nicht so zugetragen haben kann, wie ich es dir erzählte?«

»Wie, sagtest du, lautete der Name des Mannes, der dir beim Maisfeld und im Wald begegnete?«

»Conrad Daumier!«

Daniel schüttelte finster den Kopf.

»Ich kannte Conrad«, sagte er mit rauer Stimme. »Er war mein Freund. Aber er ist seit Jahren tot!«

16

»Genauso hat er ausgesehen«, erklärte ich. »Nur ein wenig älter und reifer.«

Daniel und ich saßen im Kaminzimmer auf einer gemütlichen Couch. Vor uns aufgeschlagen, lag ein in Leder gebundenes Fotoalbum. Im Kamin prasselte ein anheimelndes Feuer. Auf dem Sims standen etliche Pokale, in denen sich der graue Himmel spiegelte.

Draußen hatte eine Gewitterfront den Himmel wieder verdüstert. Kühler Wind war aufgekommen. Es regnete heftig, in der Ferne zuckten Blitze nieder. Das dumpfe Grollen des Donners mischte sich unter das gemütliche Knistern des Kaminfeuers.

»Es besteht kein Zweifel«, bekräftigte ich noch einmal und tippte mit dem Finger auf eine Fotografie, die Daniel als Achtzehnjährigen zeigte. Neben ihm stand ein gleichaltriger Junge mit schwarzem Haar. »Das ist der Mann, der mir begegnet ist, Conrad Daumier.«

Daniel kniff die Lippen zusammen und schüttelte nachdenklich den Kopf.

»Das ist unmöglich«, sagte er rau. »Was du da siehst, ist das letzte Foto, das aufgenommen wurde, bevor Conrad starb.«

»Bist du sicher, dass er wirklich tot ist?«

Daniel nickte kaum merklich.

»Ich muss es wissen. Schließlich war ich auch an seinem Tod schuldig.«

Erschrocken legte ich Daniel eine Hand auf den Unterarm.

»Du hast mir nie von diesem Conrad Daumier erzählt«, sagte ich leise.

»Ich hatte dieses dunkle Kapitel meiner Vergangenheit jahrelang verdrängt und irgendwann tatsächlich vergessen«, erwiderte Daniel. »Doch jetzt sieht es so aus, als würde die Vergangenheit mit aller Macht in mein Leben zurückdrängen.«

Er lächelte dünn und hauchte mir einen Kuss auf die Stirn. »Ich wünschte nur, es würde nicht gerade jetzt geschehen. Denn nun fällt ein Schatten auf unsere Hochzeit.«

Ich sah ihn nachdenklich an. »Aber wenn Conrad tot ist, warum fährt er dann mit einem Traktor durch Whitham, und warum spaziert er nachts durch den Wald?«

»Du erinnerst dich doch noch an die Zettel, die sich auf dem Kruzifix und dem Stein befunden haben.«

Ich nickte. Natürlich erinnerte ich mich noch daran.

»Zunächst habe ich diesen Botschaften keine Bedeutung beigemessen. Doch als ich bemerkte, dass dich die Zettel beunruhigten, habe ich mir den Zettel im Handschuhfach meines Wagens noch einmal angesehen. Ich glaube, dass sich jemand mit uns einen üblen Scherz erlaubt, indem er die Sache mit Conrad Daumier wieder aufwärmt. Aber bisher bin ich noch nicht dahintergekommen, wer für diesen geschmacklosen Streich verantwortlich ist.«

»Vielleicht ist das Ganze gar kein Scherz«, gab ich zu bedenken. »Die unheimlichen Gestalten in den Kutten und Jerome Pranga machten nicht den Eindruck, als würden sie sich bloß einen Jux erlauben.«

»Ich bin mir sicher, dass du die Vorkommnisse im Wald nur geträumt hast«, sagte er mit der ruhigen Stimme des Arztes. »Es könnten die Nachwirkungen deines Unfalls in London sein, die für deine Halluzinationen verantwortlich sind. Die Zettel haben deine Phantasie angeregt, und nun gaukelt dir dein Gehirn eine Verschwörung vor.«

Daniel spielte auf meinen Unfall in London an, der uns damals zusammengebracht hatte. Doch das stand auf einem ganz anderen Blatt.

»All die Dinge, die ich in Whitham erlebt habe, sollen nur meinem Kopf entsprungen sein, weil ich vor Monaten an Gedächtnisverlust litt?«

Der gespenstische Anblick des mysteriösen Skapuliers, den Jerome Pranga unter dem Talar getragen hatte, stand mir bei diesen Worten sehr deutlich vor Augen.

Daniel nickte. »Es ist zugegebenermaßen eine ziemlich heftige Halluzination. Aber wir sollten die Sache nicht auf die leichte Schulter nehmen. Du musst dich schonen.«

»Daniel«, sagte ich eindringlich. »Ich bin nicht überzeugt von dem, was du da sagst. Du hattest mir nie etwas über Conrad erzählt. Woher sollte ich also wissen, dass er überhaupt existiert und wie er aussieht?«

Daniel verzog nachdenklich die Stirn. »Conrad Daumier ist tot«, beharrte er. »Das ist ein Fakt. Du musst dich also getäuscht haben. Oder aber der Scherzbold, der die Zettel geschrieben hat, wollte seiner Geschmacklosigkeit noch die Krone aufsetzen, indem er sich vor dir als Conrad Daumier ausgab.«

»Was genau ist damals eigentlich vorgefallen?«, hakte ich nach.

Vor dem Fenster zuckte plötzlich ein Blitz. Wenige Augenblicke später, grollte ein fürchterlicher Donner über das Anwesen der Connors hinweg.

»Das ist eine lange Geschichte«, meinte Daniel. »Aber ich glaube, ich bin es dir schuldig, dir die Wahrheit zu erzählen.«

Daniel stand auf und warf ein paar Holzscheite in den Kamin. Als er sich wieder umdrehte, deutete er auf die vielen Pokale, die auf dem Sims standen. Über den Pokalen hingen eingerahmte Urkunden und Auszeichnungen, die alle Daniels Namen trugen.

»Conrad Daumier und ich standen in ständigem Konkurrenzkampf zueinander«, erklärte er. »Conrad war der Sohn eines reichen, angesehenen Bauern. Die Daumiers besitzen ein Anwesen, das dem der Connors in nichts nachsteht. Es liegt genau auf der gegenüberliegenden Seite von Whitham.«

Er nahm einen Pokal zur Hand. Der flackernde Feuerschein spiegelte sich auf der blankpolierten Fläche und warf einen matten Widerschein auf Daniels Gesicht.

»Conrad und ich waren die dicksten Freunde. Doch wenn es darum ging zu beweisen, wer der Bessere war, waren wir erbitterte Gegner.«

Ein Frösteln überkam mich. Wie oft hatte ich diese Bezeichnung der Bessere in letzter Zeit gehört! Und immer verbunden mit einem bitteren Beigeschmack.

»Grant Daumier, Conrads Vater, legte sehr viel Wert darauf, dass sein Sohn besser war als ich. Aber Conrad hatte ihn oft enttäuscht, denn häufig war ich es, der die besten Auszeichnungen mit nach Hause brachte, während Conrad sich mit dem zweiten Platz begnügen musste.«

Daniel stellte den Pokal zurück und setzte sich wieder an meine Seite.

Draußen an den Scheiben rann das Regenwasser in Sturzbächen herab. Die verschwommenen Umrisse der düsteren Eichen erinnerten mich auf unangenehme Weise an die seltsamen Gestalten in den grauen Kutten.

Da zuckte plötzlich ein Blitz auf. Für einen Moment waren tatsächlich die Umrisse eines Menschen zu sehen. Er stand direkt vor dem Sprossenfenster. Und er trug sehr sonderbare Kleidung!

Ein Kuttenträger!

Ich erschrak und wollte Daniel auf den Unheimlichen aufmerksam machen. Doch plötzlich huschte die Gestalt vom Fenster fort und verschwand im Regen.

Tief atmete ich durch.

Hatte uns der Kerl etwa durch das Fenster beobachtet?

»Geht es dir nicht gut?«, erkundigte sich Daniel fürsorglich, dem meine Unruhe nicht entgangen war.

»Es ist alles in Ordnung«, log ich und quälte mir ein Lächeln ab. Ich wusste, es hatte keinen Sinn zu versuchen, Daniel davon zu überzeugen, dass ich gerade wieder einen Kuttenträger gesehen hatte. Daniel hätte mir wahrscheinlich nicht geglaubt und sich nur unnötig Sorgen wegen meines geistigen Zustands gemacht.

Also schwieg ich lieber.

Daniel machte es sich unterdessen neben mir auf der Couch bequem und begann zu erzählen. Ich verdrängte mein Unbehagen und konzentrierte mich auf das, was Daniel über Conrad Daumier zu berichten hatte.

17

»Es geschah in einer verregneten Nacht vor ungefähr elf Jahren«, begann Daniel und legte einen Arm um meine Schultern. »Ein schreckliches Gewitter tobte sich über dem Tal von Whitham aus, der Sturm bog die Wipfel der Bäume.

Ich hatte Conrad vorgeschlagen, unseren kleinen Wettkampf auf eine andere Nacht zu verschieben, aber davon wollte mein Freund nichts wissen, und er fragte mich höhnisch, ob ich etwa Angst hätte.

Natürlich verneinte ich, obwohl ich tatsächlich ein mulmiges Gefühl bei der Sache hatte.

Im Wald hinter der alten Kirche gab es eine kleine Lichtung. Sie war bei den Kindern von Whitham verschrien, denn angeblich sollte es dort spuken. Conrad und ich waren damals knapp achtzehn Jahre alt, trotzdem empfanden wir eine tiefe Furcht vor der seltsamen Lichtung.

Im Allgemeinen wurde dieser unheimliche Platz auch von den Kindern gemieden. Niemand wäre auf die Idee gekommen, die Lichtung nachts oder im Dunkeln zu betreten. Jeder kannte eine Unmenge von Gruselgeschichten, die sich um diese Lichtung rankten, und sogar die Erwachsenen behaupteten, dass sich im finsteren Mittelalter die Hexen auf der Waldlichtung ein Stelldichein gegeben hätten.

Genau auf dieser verrufenen Waldlichtung wollten wir unseren Wettkampf austragen. Aber diesmal ging es nicht darum, wer der Stärkere oder Schnellere war; in dieser Nacht wollten wir unseren Mut auf die Probe stellen, denn wir hatten uns vorgenommen, eine ganze Nacht bis zum nächsten Morgen auf der Waldlichtung zu verharren. Wer es zuerst mit der Angst zu tun bekäme, der hätte verloren.«

Daniel lachte vergnügt in sich hinein. Aber mich beschlich ein beklemmendes Gefühl.

Sprach Daniel etwa von derselben Waldlichtung, auf der die Kuttenträger in der vergangenen Nacht ihre unheimliche Zeremonie abgehalten hatten?«

»Heute weiß ich, dass die Legenden, die sich um die Waldlichtung rankten, nur dem Aberglauben entsprangen. Aber damals hatte ich doch Herzklopfen, als wir uns in der Dunkelheit an der Kirche vorbeischlichen und in den Wald eindrangen.

Hätte ich geahnt, was sich auf der Lichtung zutragen würde, wäre ich bestimmt sofort umgekehrt und hätte Connors für dieses eine Mal die Genugtuung gegönnt, sich als Sieger zu fühlen.

Aber so kam alles ganz anders.«

18

»Je tiefer wir in den Wald drangen, desto dunkler wurde es. Zwar wurde der Regen von dem dichten Blätterdach aufgehalten, dafür aber schluckten die verfilzten Baumkronen auch den geringsten Lichtschimmer. Nur hin und wieder drang der schwache Widerschein eines Blitzes durch den Wald und ließ die tiefen Schatten zwischen den mächtigen Baumstämmen noch unheimlicher und gespenstischer aussehen.

Fast hätten wir uns in dieser Nacht im finsteren Wald verlaufen, aber dann stießen wir doch noch auf die Lichtung.

Als wir den Saum des Waldes erreichten, verhielten wir einen Augenblick im Schritt und sahen mit beklommenem Gefühl auf die freie Fläche hinaus, die sich vor uns erstreckte und nach wenigen Metern von der schwarzen, undurchdringlichen Wand des Waldes begrenzt wurde.

Dichter Nebel hatte sich auf der Lichtung gesammelt. Nebel, den selbst der niederprasselnde Regen nicht aufzulösen vermochte. Er schwebte wie ein weißes Tuch dicht über dem Boden und verhüllte alles, was sich darunter befand.

In der Mitte der unheimlichen Lichtung ragten einige Felsblöcke aus dem Nebel hervor, der Legende nach markierten sie den Tanzplatz der Hexen.«

Mit angehaltenem Atem sah ich Daniel an. Nun bestand kein Zweifel mehr, dass der Wettkampf zwischen Conrad und ihm auf derselben Waldlichtung stattgefunden hatte, zu der auch Jerome Pranga seine unheimlichen Jünger geführt hatte.

»Wie wir so am Rand der Lichtung standen und unschlüssig vor uns hin starrten, begriffen wir wohl beide, dass wir furchtbare Angst hatten.

Doch Conrad lachte plötzlich rau auf und schlug mir auf die Schulter. >Gehen wir zum Felsen hinüber<, schlug er vor. >Der Tanzplatz der Hexen erscheint mir genau der rechte Ort, um die Nacht dort zu verbringen!<

Er zog sich die Jacke über den Kopf und rannte durch den Regen und Nebel auf die Felsen zu.

Ich gab mir einen Ruck und folgte ihm. Der Nebel reichte mir bis zu den Hüften. Ich hatte das eigenartige Gefühl, als würde ich durch einen milchigen See waten, auf dessen Grund schreckliche Ungeheuer lauerten.

Wir kletterten auf den Felsen, kauerten dann Rücken an Rücken oben auf dem plateauartigen Felsbrocken und starrten Löcher in die Dunkelheit.

Ich weiß nicht, wie lange wir dort oben reglos dasaßen. Damals kam es mir wie eine halbe Ewigkeit vor. Der Regen hatte meine Jacke längst durchnässt, und ich fror erbärmlich.

Die Schatten der Bäume verwandelten sich unter meinen Blicken zu gruseligen Fabelwesen, die dort am Waldrand lauerten. Auch raschelte und knackte es im Unterholz, und ab und zu war der schaurige Ruf eines Nachtvogels zu vernehmen.

Ich stand große Ängste aus. Zu den Regentropfen, die über mein Gesicht rannen, gesellte sich so mancher Schweißtropfen. Aber so oft mir auch der Gedanke kam, einfach aufzustehen und in das warme, anheimelnde Anwesen meiner Eltern zurückzukehren, verwarf ich ihn wieder.

Auf keinen Fall wollte ich mir vor Conrad eine Blöße geben und als Angsthase dastehen!«

Daniel seufzte und schüttelte den Kopf.

»Ab und zu wechselten Conrad und ich ein paar belanglose Worte, die ungezwungen und heiter wirken sollten. Aber es wollte sich kein rechtes Gespräch zwischen uns entwickeln. Mir kam es so vor, als würde der Nebel jeden Laut verschlucken und uns die Worte von den Lippen reißen, ehe wir sie noch ausgesprochen hatten.

Also saßen wir am Ende nur stumm und zusammengesunken da und kämpften gegen den Impuls an, die schreckliche Lichtung so rasch wie möglich zu verlassen.«

Daniel starrte in die Flammen des Kamins. Sein Gesicht war angespannt, ich hatte den Eindruck, dass er die lang zurückliegenden Ereignisse noch einmal hautnah durchlebte.

»Da plötzlich vernahm ich ein seltsames Geräusch, das mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Conrad hatte es sicher auch gehört, aber er ließ sich nichts anmerken.

Ich richtete mich auf dem Felsbrocken auf und lauschte angestrengt in den Wald hinein.

Da war das Geräusch wieder! Ein verhaltenes Röcheln und Knurren drang hinter der schwarzen Wand aus Bäumen und Gestrüpp hervor. Äste brachen, Laub raschelte.

>Ich glaube, wir bekommen Besuch<, sagte ich und konnte das Zittern in meiner Stimme nicht unterdrücken.

Conrad zuckte nur mit den Schultern. >Es wird bloß ein Tier sein.<

Ein durchdringendes, röchelndes Heulen war zu hören.

>Welches Tier verursacht derartige Geräusche?<

>Was weiß ich? Machst du dir deswegen in die Hose?<

Der Klang von Conrads Stimme verriet mir, dass seine Gleichgültigkeit nur gespielt war.

Da brach plötzlich ein mächtiger Schatten aus dem Wald heraus und sprang auf die Lichtung.

Nebel wirbelte auf. Im Nu war die ganze Lichtung von schrecklichen Lauten und Klängen erfüllt.

Ich wäre vor Schreck fast vom Felsblock gefallen. Mit angstgeweiteten Augen starrte ich das schwarze Etwas an, das sich uns in drohender Haltung näherte.

Im nächsten Augenblick erkannte ich, dass es tatsächlich nur ein Tier war. Dadurch wurde der Anblick der Bestie allerdings auch nicht angenehmer. Das zottige, dunkle Fell war gesträubt und glänzte feucht. Die Augen in dem mächtigen, kantigen Schädel glühten blutunterlaufen. Zwischen den gelblichen Zähnen des weit aufgerissenen Mauls tropfte heller Schaum.

»Verdammt!< rief ich entsetzt, als ich das Tier im Näherkommen erkannte. >Es ist Brandons Hund!<«

Daniel wandte seinen Blick vom Kamin und sah mich an.

»Brandon ist ein Bauer aus Whitham«, erklärte er.

Ich nickte. Zwar hatte ich noch nicht die Bekanntschaft von Bauer Brandon gemacht. Aber ich war durch sein Maisfeld getrampelt, auf der Flucht vor dem unheimlichen Kuttenträger, der mich mit gezücktem Dolch bedrohte.

»Damals besaß Brandon einen kräftigen, gut trainierten Schäferhund«, fuhr Daniel fort. »Wir hatten alle großen Respekt vor diesem Köter, denn er war ein abgerichteter Wachhund und verstand überhaupt keinen Spaß.

Zwei Tage vor unserem Wettkampf auf der Lichtung war Brandons Hund plötzlich spurlos verschwunden. Brandon trommelte ein paar Leute zusammen und durchkämmte mit ihnen die Gegend.

Aber seinen Hund hatte er nicht wiedergefunden.

Brandon schimpfte damals lauthals und machte alle möglichen Leute für das Verschwinden seines Wachhundes verantwortlich. Aber das brachte ihm seinen Köter auch nicht wieder zurück.

Wir rätselten alle, was mit dem Hund geschehen sei, und ich hatte die Antwort plötzlich vor mir!

Brandons abgerichteter Wachhund hatte die Tollwut! Die Symptome waren eindeutig.«

Ich schüttelte mich. »Was hast du dann getan?«

»Ich schrie Conrad an, dass wir uns sofort in Sicherheit bringen müssten.

Aber Conrad wich nicht von der Stelle. In seinen Augen leuchtete ein gefährliches Feuer, als er mich anstarrte.

>Du kannst ja verschwinden, wenn du Angst hast!< rief er höhnisch. >Ich werde keinen Millimeter weichen. Diesmal werde ich unseren Wettkampf gewinnen. Koste es, was es wolle!<

Ich starrte Conrad entgeistert an. Sein zwanghafter Wille, mich zu besiegen, saß tiefer, als ich geahnt hatte.

Doch mir blieb keine Zeit, länger auf meinen Freund einzureden, denn Brandons Hund hatte sich unserem Felsen bis auf wenige Zentimeter genähert. Überdeutlich sah ich das Rot in seinen Augen und den Speichel, der ihm aus den Lefzen triefte.

Wie er so halb aus dem wallenden, dichten Nebel herausragte, hätte man ihn auch für einen Zerberus, einen Höllenhund, halten können.

Und genau das war er in jener Nacht auch für mich.

Ein Höllenhund!

Plötzlich duckte sich die Bestie zum Sprung.

Instinktiv griff ich nach einem Stein und umklammerte ihn krampfhaft mit den Fingern. Im selben Moment, in dem der tollwütige Köter auf mich zusprang, schleuderte ich den Stein.

Ich traf den Schäferhund genau zwischen den glühenden Augen.

Der Hund jaulte auf und stürzte zu Boden. Einen Moment lang verschluckte ihn der dichte Nebel. Doch dann sprang die Bestie umso wütender wieder auf die Beine.

>Conrad! Hau ab!< rief ich und kletterte vom Felsen hinab. Im selben Moment schoss der zottelige, schwarzpelzige Schäferhund an mir vorbei.

Hart schlug ich auf den grasbewachsenen Boden, und die wabernden Nebel schlossen sich über mir. Conrads entsetzter Schrei hallte schaurig über die nächtliche Lichtung. Doch das wilde Knurren der tollwütigen Bestie übertönte seine Schmerzensschreie fast.

Ich war wie gelähmt vor Angst und tastete wie ein Blinder mit zitternden, fahrigen Händen auf dem Boden herum, ohne genau zu wissen, wonach ich überhaupt suchte.

Da endlich bekam ich einen kopfgroßen, scharfkantigen Stein zu fassen. Seine kühle, raue Oberfläche flößte mir Ruhe ein und vertrieb die panische Angst.

Mühsam rappelte ich mich auf; tauchte aus dem Nebel hervor, die Arme mit den scharfkantigen Felsen hoch über mich gereckt.

>Hier bin ich, du räudiger Köter!< schrie ich, um die Aufmerksamkeit der tobenden Bestie auf mich zu lenken.

Und ich hatte Erfolg!

Brandons abgerichteter Hund ließ von Conrad ab und wirbelte zu mir herum. Dann sprang er mit einem Satz, der ihn wie ein Geschoss von dem Felsen schleuderte, direkt auf mich zu.

Mit einem wilden, panischen Aufschrei schmetterte ich den Felsen auf die heranspringende Bestie.

Trotz meiner Angst hatte ich gut getroffen.

Tot sackte der Hund vor mir zusammen und blieb reglos liegen.«

Daniel verstummte und kniff die Lippen zusammen.

Im Laufe seiner Erzählung war ich immer dichter an seine Seite gerückt und hatte mich an seinen Arm geklammert. Die schreckliche Szene auf der Waldlichtung stand mir so deutlich vor Augen, als hätte ich sie selbst erlebt.

Daniels Wangenmuskeln arbeiteten, in seinen Augen schimmerte es.

»Es ... es war das erste Mal, dass ich eine Kreatur getötet habe«, fuhr er mit rauer Stimme fort. »Und ich hoffe, dass ich nie wieder in eine Situation geraten werde, in der ich ein Lebewesen töten muss, um meine eigene Haut zu retten.«

Er sah mich an. Sein Blick war so eindringlich und tief, dass ich das Gefühl hatte, er würde bis auf den Grund meiner Seele schauen.

»Damals auf der Waldlichtung hatte ich keine Zeit, über meine Tat nachzudenken, denn Conrad, mein Freund war schwer verletzt.

Er regte sich nicht mehr und hatte das Bewusstsein verloren.

So gut meine Kenntnisse in erster Hilfe es mir erlaubten, versorgte ich seine Wunden. Mir war klar, dass Conrad sterben würde, wenn ich ihn nicht schnell in ein Krankenhaus schaffte.

Also lud ich ihn mir vorsichtig auf die Arme und trug ihn über die Lichtung in den stockdunklen Wald hinein.

Wie ich es damals schaffte, den schweren, kräftigen Conrad die ganze Strecke zu tragen, ist mir bis heute schleierhaft. Ich spürte meinen Körper nicht mehr. Der Regen rann in Sturzbächen an mir herab, ohne dass es mich störte. Selbst die Dunkelheit im Wald hatte all ihre Schrecken für mich verloren, denn ich war nur noch von dem Gedanken erfüllt, meinen sterbenden Freund zu retten.

Da ich wusste, dass Pastor Brown, der schon damals die Gemeinde leitete, nicht zu Hause war, schleppte ich mich bis zum Anwesen der Daumiers weiter.

Der große Daumier Hof lag nicht weit vom Pastorat entfernt. Dennoch kam es mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich endlich das Wohnhaus der Daumiers erreichte.

Da ich Conrad auf meinen Armen trug, musste ich mit den Füßen gegen die Eingangstür treten, um mich bemerkbar zu machen. Immer wieder hämmerte ich gegen das rustikale Holz. Meine Füße schmerzten bereits, als Grant Daumier endlich öffnete.

Er trug einen zerschlissenen Morgenmantel und sah verschlafen aus.

Doch als er uns erkannte, wurden seine Gesichtszüge hart und undurchschaubar. Stumm schaute er auf mich und den bewusstlosen Conrad in meinen Armen herab.

Dann nahm er mir seinen Sohn ab und trug ihn ins Haus.

>Ich werde mich um alles kümmern<, sagte er abweisend, als ich ihm folgte.

Rasch erklärte ich ihm, was passiert war, doch ich hatte das dumpfe Gefühl, dass Grant mir überhaupt nicht zuhörte.

>Verschwinde!<, blaffte er mich an. >Geh nach Hause. Du siehst selbst halbtot aus. Ich werde mich um meinen Sohn kümmern.<

Mit hängenden Schultern wandte ich mich ab und verließ das Anwesen. Schwer und drückend spürte ich die Last der Verantwortung auf meinen Schultern.

Am nächsten Tag erfuhr ich, dass Conrad auf dem Weg ins Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen war. Mein bester Freund war gestorben. Unsere eitlen Wettkämpfe hatten ihn ins Grab gebracht.«

Daniel sah mich an. Seine mir sonst so vertrauten Gesichtszüge wirkten hart und fremd.

»Verstehst du nun, warum ich mich für seinen Tod verantwortlich fühle? Hätte ich damals nachgegeben und Conrad den Sieg gegönnt, würde er heute noch am Leben sein.«

Ich umarmte Daniel und zog ihn sanft zu mir herab.

»Woher hättest du wissen sollen, dass der tollwütige Schäferhund im Wald auf euch lauerte?«, flüsterte ich. »Dich trifft keine Schuld. Im Gegenteil! Du hast großen Mut bewiesen, als du die Aufmerksamkeit der Bestie auf dich lenktest, um Conrad zu retten.«

Daniel zuckte mit den Schultern. »Trotzdem«, erwiderte er. »Wenn unsere dummen Wettkämpfe nicht gewesen wären ...«

Weiter kam Daniel nicht, denn ich verschloss ihm mit einem leidenschaftlichen Kuss die Lippen.

Daniel war ein aufopfernder, edelmütiger Mensch. Ich liebte ihn darum um so mehr.

19

Da plötzlich wurde die Tür zum Kaminzimmer geöffnet, und Lisa steckte den Kopf herein. Sie räusperte sich vernehmlich. Daniel und ich lösten uns zögernd voneinander.

»Brenda. Ich würde dir gern etwas zeigen«, verkündete sie, und in ihren Augen leuchtete es erwartungsvoll. »Aber Daniel darf auf keinen Fall dabei sein«, beeilte sie sich hinzuzufügen.

Daniel grinste wissend und bedeutete mir, dass ich seiner Mutter folgen solle.

Aber ich spürte noch seinen nachdenklichen Blick auf mir ruhen, als ich das Kaminzimmer verließ.

Ich war glücklich, dass Daniel mich in sein dunkles Geheimnis eingeweiht hatte. Bewies es doch, wie sehr er mir vertraute.

Lisa hatte sich unternehmungslustig bei mir untergehakt. Gemeinsam schritten wir den langen Korridor entlang, während ich ihren aufgeregten Worten nur schwer folgen konnte.

Als wir bei dem Portrait des alten Arthur Connors vorbeikamen, bedachte ich das düstere Gemälde mit einem scheuen Seitenblick.

In der Nacht hatte ich den Eindruck gehabt, als hätten die Augen des Porträtierten gespenstisch aufgeleuchtet.

Sollte es sich dabei auch nur um eine Halluzination gehandelt haben?

»Du wirst entzückt sein«, sagte Lisa in diesem Augenblick und lenkte meine grüblerischen Gedanken von dem Gemälde ab.

»Was willst du mir denn zeigen?«

»Dein Hochzeitskleid«, erwiderte Lisa stolz. »Ich habe es schon bei meiner Hochzeit getragen. Und davor Peters Mutter. Seit Generationen dient es den Frauen der Connors als Hochzeitskleid. Es wurde oft umgenäht und ausgebessert. Aber man sieht es dem guten Stück nicht an. Du wirst sehen: Das Hochzeitskleid ist einzigartig schön!«

Wir hatten die letzte Tür am Ende des Korridors erreicht. Lisa sperrte das Schloss auf und sah mich erwartungsvoll an. Dann drückte sie die Klinke und stieß die Tür weit auf.

»Da ist es«, sagte sie und sah mich vergnügt an.

Entsetzt riss ich die Augen auf. Ich konnte nicht glauben, was ich im Inneren des kleinen Zimmers sah.

Lisa blickte mich verstört an.

»Gefällt dir das Kleid etwa nicht?«, fragte sie verunsichert und wandte sich um.

Im nächsten Moment stieß sie einen durchdringenden Schrei aus.

Durch ein schmales Fenster drang etwas Licht herein und beleuchtete eine Schneiderpuppe, die der Tür unmittelbar gegenüberstand.

Über der Schneiderpuppe hing ein durchlöchertes weißes Kleid. Die kostbare Spitze war zerrissen, die dünnen Schleier lagen zerfetzt am Boden.

»Um Gottes willen!«, stieß Lisa hervor. »Wer mag das nur getan haben?«

20

Daniel erschien an meiner Seite. Er wirkte besorgt und kümmerte sich sofort um seine Mutter, die sehr bleich und mitgenommen aussah.

»Was ist geschehen?«, erkundigte er sich.

»Das ... das Hochzeitskleid«, stammelte Lisa und presste ihr Gesicht an Daniels Schulter.

Daniel sah zu der Schneiderpuppe hinüber. Auf seinem Gesicht machte sich Bestürzung breit.

»Ich werde meine Mutter auf ihr Zimmer bringen«, sagte er. »Ich bin gleich wieder zurück.«

Während Daniel sich mit seiner Mutter entfernte, zog es mich wie magisch zu der Schneiderpuppe hin.

Wer auch immer das Hochzeitskleid ruiniert hatte, war äußerst gründlich und brutal dabei vorgegangen. Es war nichts ganz geblieben; das Kleid war hoffnungslos zerstört.

Da spürte ich einen Luftzug und bemerkte, dass das Fenster nicht richtig geschlossen war.

Die Tür zur Kammer war abgesperrt gewesen. Also musste der Frevler durch das Fenster eingestiegen sein, um das Hochzeitskleid zu zerfetzen!

Tatsächlich war das Fenster nur angelehnt und ließ sich durch leichten Druck ganz öffnen. Kühle Luft und Regen schlugen mir entgegen.

Plötzlich wurde meine Aufmerksamkeit auf ein Stück Stoff gelenkt, das am Fensterhaken hängengeblieben war.

Der Stoff war grau und wirkte sehr grob.

Mit spitzen Fingern klaubte ich den Fetzen vom Haken und besah ihn mir genauer.

Aus demselben Stoff waren auch die Kutten der Unheimlichen gemacht!

Ich erschauerte und lehnte mich aus dem Fenster. Unten an der Hausmauer befand sich ein Rosenspalier, das bis zum Fenster reichte. Einige der Rosen waren zerdrückt und geknickt worden.

Es bestand kein Zweifel! Der Unbekannte, der das Hochzeitskleid ruiniert hatte, war über das Spalier in die Kleiderkammer eingedrungen. Und wie es aussah, hatte er eine graue Kutte getragen.

Ich erinnerte mich plötzlich, dass ich einen der Kuttenträger draußen im Regen vor dem Fenster des Kaminzimmers gesehen hatte.

War er am Ende für die Zerstörung des Brautkleides verantwortlich?

Plötzlich gewahrte ich eine schattenhafte Bewegung hinter meinem Rücken.

Mit einem unbehaglichen Gefühl wandte ich mich um und sah mich plötzlich Xenia gegenüber, die mit verschränkten Armen am Türpfosten lehnte und mich mit unbewegtem Gesicht betrachtete. Ihr rotes Haar war klatschnass.

»Xenia. Hast du mich erschreckt«, rief ich vorwurfsvoll.

Daniels Adoptivschwester zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Das hier ist auch mein Haus«, erwiderte sie schnippisch. »Ich kann mich aufhalten, wo und wann ich will.«

Der trotzige Unterton in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

War jetzt der richtige Zeitpunkt, mit Xenia ein klärendes Gespräch zu führen? Sie fühlte sich durch mich zurückgesetzt und machte kein Geheimnis aus ihrer Ablehnung.

Hatte sie das Hochzeitskleid zerrissen?

Die Szene im Wald stand mir plötzlich wieder vor Augen: Xenia, in einer grauen Kutte, die sich auf mich stürzt. Ihretwegen war ich ja auch in das Maisfeld eingedrungen.

Wenn ich doch nur Gewissheit hätte, ob sich diese Vorfälle wirklich ereignet hatten oder ob sie tatsächlich nur ein Produkt meiner Phantasie waren ...

»Was starrst du mich so an?«, fragte Xenia. »Du glaubst doch nicht etwa, dass ich dein Brautkleid zerrissen habe?«

Ich schüttelte den Kopf. Doch ich fürchtete, dass dies nicht sehr überzeugend wirkte.

»Nein«, bekräftigte ich daher. »Aber vielleicht hast du eine Ahnung, wer es gewesen sein könnte.«

Mit diesen Worten hielt ich ihr das graue Stück Stoff hin.

Xenia sah gleichmütig auf den Fetzen herab. Für einen Moment glaubte ich, ihre Stirn würde sich kräuseln.

Aber dieser Eindruck verging rasch wieder.

»Was soll das sein?«, erkundigte sie sich desinteressiert. »Sieht aus wie ein Stück von einem Lappen, wie Maria sie beim Hausputz verwendet.«

»Das ist kein Putzlappen«, beharrte ich. »Es ist ein Stück aus einer grauen Kutte!«

Jetzt war es heraus.

»Ich weiß nicht, wovon du redest.«

»Die Leute, die sich um Jerome Pranga scharen, tragen solche Kutten.«

»Ich komme gerade vom Gottesdienst. Pastor Pranga ist ein liebenswerter Mensch. Und die Leute, die sich in dem Pfarrhaus versammelten, sahen alle ganz gewöhnlich aus. Ich glaube, du fantasierst.«

Ich seufzte. Es hatte keinen Sinn, weiter in Xenia einzudringen. Entweder sagte sie die Wahrheit, oder aber sie verstand es hervorragend, sich zu verstellen.

»Du magst mich nicht, habe ich recht?«, fragte ich geradeheraus. »Ich will dir nichts wegnehmen. Aber ich liebe nun einmal deinen Bruder, und nichts wird mich abhalten, ihn zu heiraten.«

Xenia zuckte mit den Achseln. »Das steht hier nicht zur Debatte«, sagte sie in merkwürdigem Tonfall. »Wen du heiraten wirst, wird die Zukunft zeigen. Aber eines weiß ich jetzt schon: Es wird der Bessere sein, dem du dein Jawort geben musst.«

Mit diesen Worten kehrte sie sich ab und verschwand im Dunkel des Korridors.

Ich wollte ihr nacheilen und sie zur Rede stellen. Ich hatte die Nase voll von diesen seltsamen Anspielungen über den Besseren, wer immer das sein mochte.

Doch in diesem Moment trat Daniel auf den Korridor hinaus.

Details

Seiten
360
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903911
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334698
Schlagworte
romantic thriller trio drei romane

Autor

Zurück

Titel: Romantic Thriller Trio #2: Drei Romane