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Acht Morland Liebesromane für den Strand

2016 900 Seiten

Leseprobe

Acht Morland Liebesromane für den Strand

A. F. Morland

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Acht Morland Liebesromane für den Strand

von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 844 Taschenbuchseiten.

„Mister Right“ gesucht! Anja lernt durch Zufall den sympathischen Markus kennen. Aber andererseits ist da auch noch Richy. Die beiden Männer sind grundverschieden. Als Richy wegen seiner Geschäfte eine Weile fort ist, glaubt Anja bei Markus das zu finden, was ihr bei Richy fehlt...

Diese und andere Geschichten finden Sie in diesem Sammelband...

Dieses Buch enthält folgende acht Romane:

Ein Typ zum Anbeißen

Ein Schneemann zum Verlieben

Sie floh vor der Liebe

Die entscheidende Aussprache

Heiße Sonne und Liebe auf Umwegen

Inselglück mit Hindernissen

Der Fremde, der ihr Herz gewann

Haben Sie kein Herz, Dr. Ramberg?

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Ein Typ zum Anbeißen

von A. F. Morland

„Mister Right“ gesucht! Anja lernt durch Zufall den sympathischen Markus kennen. Aber andererseits ist da auch noch Richy. Die beiden Männer sind grundverschieden. Als Richy wegen seiner Geschäfte eine Weile fort ist, glaubt Anja bei Markus das zu finden, was ihr bei Richy fehlt...

1. Kapitel

Anja Burger ließ die Kupplung schleifen und ihren betagten weißen VW Polo langsam in die enge Parklücke rollen. Sie machte das sehr gewissenhaft, genau so, wie sie es in der Fahrschule gelernt hatte. Deshalb konnte sie auch nicht verstehen, dass es plötzlich schepperte. Es musste hinten doch noch fast ein halber Meter Platz sein. Oder etwa nicht? Sollte sie sich so sehr verschätzt haben?

»Oje!«, stöhnte sie gequält auf und stieg aus, um sich den Schaden zu besehen.

Passanten blieben stehen. Anja spürte, wie sie rot wurde. Jetzt hast du bestimmt einen Kopf wie eine reife Tomate, dachte sie schwitzend.

»Frau am Steuer«, hörte sie eine männliche Stimme geringschätzig sagen. »Na ja, man kennt das ja. Deshalb müssen die Versicherungen auch ständig die Prämien erhöhen.«

Anja war nahe daran, diesem Neunmalklugen zu empfehlen, sich dort hinzuscheren, wo der Pfeffer wächst. Sie hätte sich hinterher bestimmt besser gefühlt, wagte es aber nicht.

Der Mercedes, mit dem sie so unsanft Tuchfühlung aufgenommen hatte, schien vor hundert Jahren schon nicht mehr ganz neu gewesen zu sein. Jedenfalls machte er auf sie diesen Eindruck. Der Rost knabberte so intensiv an der Karosserie, dass nach Anjas Ansicht die Frage, wie dieses Vehikel durch den TÜV gekommen war, durchaus ihre Berechtigung hatte. Aber das gab natürlich noch niemandem das Recht, den alten Wagen herumzuschubsen.

»Gehört dieser Wagen einem von Ihnen?«, erkundigte sich Anja mit dünner Stimme.

Niemand meldete sich.

»Weiß jemand, wem der Wagen gehört?«, fragte Anja. Wieder erhielt sie keine Antwort.

»Was is’n hier los?«, wollte jemand wissen, der nicht mitbekommen hatte, was passiert war. Selbstverständlich wurde er sogleich ausführlichst – und falsch – informiert.

Ein junger Mann durchbrach mit gekonnter Ellenbogentechnik die Reihe der Glotzer.

»He! He! He! Nicht so stürmisch, ja?«, maulte einer, den der Rippenstoß besonders hart getroffen hatte.

Der junge Mann kümmerte sich nicht darum. »Kann ich dir helfen?«, fragte er Anja.

Endlich einer, der weiß, was sich gehört, dachte sie erleichtert. Sie fasste sofort Vertrauen zu ihm. Nicht nur deshalb, weil er umwerfend aussah. Er trug Jeans und eine Lederjacke, deren Ärmel er hochgeschoben hatte. Seine Unterarme waren imponierend braun. Er musste so um die einsfünfundachtzig groß sein, war ausgesprochen schlank und hatte das sympathischste Lächeln, das Anja je gesehen hatte. Sie schätzte, dass er zweiundzwanzig Jahre alt war. Höchstens dreiundzwanzig.

»Ich ... ich bin mit meinem Polo gegen diesen Mercedes gestoßen«, gestand sie verlegen.

»Das ist meiner.«

»Es tut mir aufrichtig leid«, beteuerte sie mit ernster Miene. »Die Parklücke war doch enger, als ich angenommen hatte. Ich habe mich einfach verschätzt.«

»Kann jedem mal passieren«, meinte der Besitzer des Mercedes beruhigend.

»Wollen Sie diese Dilettantin etwa ungeschoren davonkommen lassen?«, fragte einer der Umstehenden sichtlich enttäuscht.

»Das ist doch wohl meine Sache – oder sehen Sie das anders?«, fuhr der junge Mann den Zuschauer an.

Nichts Freundliches murmelnd, zog dieser ab. Andere schlossen sich ihm an.

»Ich gehöre bestimmt nicht zu den Autofahrerinnen, die täglich fremde Fahrzeuge beschädigen«, beteuerte Anja.

Der junge Mann lächelte. »Das glaube ich dir«, sagte er sanft, und streckte Anja die Hand entgegen. »Ich bin Markus. Markus Ratke.«

»Anja Burger«, murmelte sie leise und wagte es nicht, ihn anzusehen.

»He, alles halb so wild. Komm, sehen wir uns den Wagen gemeinsam an«, schlug Markus vor.

»Ich ... ich komme selbstverständlich für den Schaden auf.«

Markus warf einen kurzen Blick auf die beiden Fahrzeuge. »Nicht notwendig, alles in Ordnung«, stellte er nüchtern fest.

»Du hast ja kaum hingesehen.«

»Ist nicht nötig. Ich kenne meinen Wagen.«

»Das glaube ich nicht. Ich gebe dir am besten meine Anschrift und melde den Schadensfall noch heute meiner Versicherung«, schlug Anja vor.

»Wozu?«

»Das liegt doch auf der Hand: Damit du den Mercedes in die Werkstatt bringen kannst.«

»Und was soll er da?«, fragte Markus verwundert. »Hör mal, die Stoßstangen unserer Autos haben sich leicht berührt, das ist alles. Es gibt nicht mal einen Kratzer. Ich bin nicht der Typ, der aus so etwas Kapital schlägt und womöglich eine Rundum-Neulackierung herauszuschinden versucht.«

»Wir sollten trotzdem unsere Adressen austauschen.«

»Dagegen habe ich nichts. Aber nicht hier.«

»Wo sonst?«, fragte Anja.

Er sah sich kurz um. »Sagt dir das Bistro dort drüben zu?«

Sie nickte.

»Also, gehen wir.«

Anja holte ihre Handtasche aus dem Polo und schloss ihn ab. Dann überquerte sie neben Markus die Straße und betrat hinter ihm das kleine Lokal. Ein alter Song von Cher empfing sie. Markus deutete fragend auf einen Tisch neben der Tür.

Wenig später saßen sie vor den bestellten Milchkaffees, und Anja notierte auf einen Zettel ihre Anschrift, das Kennzeichen ihres Wagens, den Namen ihrer Versicherung und die Nummer der Versicherungspolice.

»Bist du telefonisch erreichbar?«, erkundigte sich Markus, nachdem er einen Blick auf den Zettel geworfen hatte.

»Ja. Soll ich dir die Nummer auch aufschreiben?«

»Das wäre nett.«

Zügig notierte Anja die Nummer.

»Wohnst du allein?«

»Nein«, gestand Anja lächelnd. »Ich wohne bei meinen Eltern.« Insgeheim wunderte sie sich über Markus’ Frage. Aber Markus war nett. Und sie vergab sich ja nichts. Weshalb also sollte sie seine Fragen nicht beantworten?

»Wie alt bist du?«

»Zwanzig.«

»Was machst du beruflich?«

»Ich besuche die Kunstakademie.«

»Möchtest du ein weiblicher Michelangelo werden?« Markus’ Fragen kamen wie aus der Pistole geschossen.

Anja hatte Mühe, nicht laut loszuprusten. »Sag mal, findest du nicht, dass du ein bisschen zu neugierig bist?«

»Wieso? Schließlich sollte man schon wissen, mit wem man es zu tun hat.«

»Deine Fragen hören sich eher nach Partner-Test an als nach einem Gespräch zwischen zwei –wie heißt das noch – Unfallgegnern.«

Jetzt war es an Markus, rot zu werden. »Na ja, ich finde dich sehr nett, wenn ich ehrlich bin. Und nette Leute interessieren mich eben.«

»Wenn das so ist ...« Anja lächelte. »Also ein weiblicher Michelangelo werde ich bestimmt nicht. Ich studiere Grafik-Design. Nach Abschluss meines Studiums werde ich in einer Werbeagentur arbeiten.«

»Das hört sich an, als hättest du deinen späteren Job schon in der Tasche.«

»In der Tasche nicht gerade, aber eine Freundin von mir hat versprochen, mich bei Dellmann & Meisel unterzubringen. Das ist eine der größten Agenturen hier im Umkreis – mit einem riesigen Etat und Superkunden.«

Markus nippte an seinem Milchkaffee. »Klingt interessant. Sag mal, wenn man so eine Kunstakademie besucht ... lernt man da auch Porträtzeichnen?«

»Wenn man will, sicher. Ich hab’ das schon mal in den Ferien gemacht, um meine Urlaubskasse aufzubessern.«

»Und?«

Anja lachte. »Man hat mir meine Werke nicht gerade aus den Händen gerissen. Aber angeblich waren sie nicht schlecht.«

Markus sah sie nachdenklich an. »Würdest du mich porträtieren?«

Anja musterte ihn aufmerksam. »Dreh mal den Kopf zur Seite. Mhm, du hast ein sehr interessantes Profil«, verkündete sie dann.

»Wann hast du Zeit?«

»Was ... wie?« Anjas Verblüffung war nicht gespielt. »Zeit? Wofür?«

»Um mich zu porträtieren.«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich das tun möchte.«

»Ich bezahle, was du verlangst«, versicherte Markus ihr eilig.

»Ich brauche kein Geld.«

»Ich verspreche auch, nicht zu meckern, egal wie das Porträt ausfällt.«

Anja schüttelte den Kopf. »Vergiss es. So etwas mache ich nicht.« Sie schob ihm den Zettel mit ihren Angaben zu und wies auf die freie untere Hälfte. »Würdest du mir jetzt deine Daten geben?«

»Mit dem größten Vergnügen.« Markus lächelte breit. »Also, ich heiße Markus Ratke, bin dreiundzwanzig Jahre alt, einssechsundachtzig groß, achtzig Kilo schwer, Single, solo, wohne allein, habe Schuhgröße vierundvierzig, meine Lieblingszahl ist die Dreizehn, meine Lieblingsfarbe Rot ... Ich liebe gute Musik, egal ob Klassik oder Pop, esse am liebsten Pizza, rauche nicht und habe eigentlich nur einen großen Fehler.«

Anja sah ihn amüsiert an. »So? Welchen?«

»Ich liebe Leopold.«

Für eine Sekunde raubte es Anja den Atem.

Sie senkte rasch den Blick. »Ach so.«

»Er macht mich sehr glücklich.«

Anja schluckte und rutschte nervös auf ihrem Stuhl hin und her. »Die Policenummer. Du hast deine Policenummer noch nicht aufgeschrieben«, sagte sie schließlich mit belegter Stimme, zu glücklich, das Thema wechseln zu können.

»Tut mir leid, ich hab’ sie nicht bei mir.«

»Aber das solltest du ...«

»Ich weiß. Ich rufe dich an und geb’ sie dir durch, okay?«

»Okay.«

»Du kannst mich auch anrufen, wenn du möchtest«, schlug Markus vor. Er schrieb zwei Nummern auf. »Das ist mein Privatanschluss. Und das ist die Nummer der Redaktion.«

»Arbeitest du bei einer Zeitung?«

»Ja«, antwortete Markus. »Ich bin Sportjournalist.« Er trank den Rest seines Kaffees aus. »Möchtest du Leopold näher kennenlernen?«

Anja wollte erwidern, dass sie keinen Wert darauf legte, doch Markus wartete ihre Antwort nicht ab.

»Ich hege und pflege ihn. Jede freie Minute widme ich ihm. Ihm ist es bestimmt noch bei niemandem so gutgegangen wie bei mir. Mit Sicherheit hat ihn auch noch nie jemand so sehr geliebt wie ich. Ich bin richtig vernarrt in ihn. Wir könnten zusammen eine kleine Spazierfahrt machen ...«

»Tut mir leid«, fiel ihm Anja ins Wort, »aber ich habe keine Zeit.«

Markus sah sie bedauernd an. »Hast du eine Verabredung?«

»Ja.«

»Lass sie sausen.«

»Das kann ich nicht.«

»Wie sieht’s morgen aus?«, fragte Markus.

»Genauso schlecht wie heute.«

Er zog die Augenbrauen zusammen. »Du möchtest dich nicht mit mir verabreden, hm?«

Anja nickte. »So ist es, Markus. Ich möchte mich nicht mit dir verabreden.« Die Enttäuschung stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Anja verstand es nicht. Er hatte doch Leopold, sein ein und alles! Sie faltete den Zettel, strich mit den Fingernägeln über den Falz, riss das Papier in der Mitte auseinander und schob Markus seinen Teil zu. »Darf ich dich was fragen, Markus?«

»Klar.«

»Wie alt ist dein Mercedes eigentlich?«

»Leopold?« Markus lächelte stolz. »Der alte Knabe ist fünfundzwanzig Jahre alt, und ich liebe jede einzelne rostige Schraube an ihm.«

»Das ist Leopold? Du meinst, dein Mercedes heißt Leopold?«

»Ja.«

»Wieso Leopold?«

»Wieso nicht? Ich finde, dieser Name passt zu ihm.«

»Du solltest nicht in aller Öffentlichkeit herausposaunen: Ich liebe Leopold!«

»Und warum nicht?«

»Weil man das leicht missverstehen kann.«

»Ach so.« Markus lachte. »Wolltest du dich deshalb nicht mit mir verabreden?«

Anja schüttelte den Kopf. »Das hat einen anderen Grund.«

»Ich sah Leopold – und musste ihn unbedingt haben. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich werde ihn nach und nach restaurieren. Ich sehe schon heute, wie Leopold aussehen wird, wenn ich mit ihm fertig bin: neue Lackierung, neue Sitze, neue Reifen ... das Lenkrad aus echtem Holz ... blitzendes Chrom ... Leopold wird das Herz jedes Oldie-Liebhabers höher schlagen lassen.«

»Ist das nicht ein ziemlich kostspieliges Hobby?«, fragte Anja.

»Nicht, wenn man selbst Hand anlegt. Ich bastle in einer Do-it-yourself-Autowerkstatt an Leopold herum. Man kann da gegen eine geringe Gebühr alle Werkzeuge und Einrichtungen benutzen und – wenn man will – unter fachlicher Anleitung lernen, alle Arbeiten am Auto selbst vorzunehmen. Was man sich nicht selbst zutraut, kann man natürlich auch machen lassen. Das haut wunderbar hin. Ich habe mir schon vieles zeigen lassen. Ich bin zwar noch lange nicht sattelfest, komme aber mit meiner Arbeit immer besser klar. Komm doch mal vorbei, wenn du in der Nähe bist.« Er nannte ihr die Adresse.

»Das mache ich vielleicht«, sagte Anja, ohne es wirklich ernsthaft vorzuhaben. Was sollte sie in einer Autowerkstatt?

»Ja, und wie verbleiben wir nun?«, fragte Markus schließlich. »Ich möchte auf keinen Fall, dass du eine Schadensmeldung an deine Versicherung schickst. Es gibt nämlich keinen Schaden.«

Anja gab nach. »Na schön. Falls du in dieser Do-it-yourself-Werkstatt aber doch noch eine Delle entdecken solltest, meldest du dich, okay?«

»Einverstanden.«

Sie sah kurz auf die Uhr, dann legte sie Geld für ihren Milchkaffee auf den Tisch.

»Das wollte ich übernehmen«, protestierte Markus leise.

»Das möchte ich nicht.«

Anja stand auf. »Ich muss los. Entschuldige nochmals, dass ich deinen Mercedes angerempelt habe.«

Markus lächelte sie an. »Das haben Leopold und ich dir schon längst verziehen. Wir sind nicht nachtragend. Schon gar nicht, wenn ein Mädchen so nett ist wie du.«

Anja vermied es, ihm in die Augen zu sehen, sonst wäre sie garantiert wieder rot geworden.

»Ja, also dann – mach’s gut.« Sie gab ihm die Hand.

»Augenblick noch!«, bat Markus hastig.

»Ja?«

»Was ist denn nun mit meinem Porträt?«

»Nichts.«

»Kann ich dich nicht dazu überreden?«

»Ich glaube nicht«, sagte Anja und verließ das Lokal.

2. Kapitel

Anjas Freundin Claudia Pesch wohnte in einer urgemütlichen, hellen Mansardenwohnung. Sie war beruflich sehr engagiert, war ungemein kreativ und hatte immer wieder verblüffend originelle Ideen. Ihr Privatleben jedoch glich einer Müllkippe. Mit schlafwandlerischer Sicherheit erwischte sie nämlich immer die falschen Boys.

Fetzige Musik dröhnte durch die weiße Tür mit den Messingbeschlägen, als Anja läutete. Als sich nichts tat, presste sie den Daumen auf den Klingelknopf und ließ ihn nicht mehr los.

Claudia hatte wieder mal ein seelisches Tief, deshalb hatte sie Anja angerufen und gebeten, zu ihr zu kommen. Sie brauchte jemanden, bei dem sie sich ausweinen konnte, und niemand konnte besser zuhören als Anja.

Erst als der Song zu Ende war, hörte Claudia die Türglocke. Sie hielt ein halbvolles Glas in der Hand, als sie öffnete, und sah ein wenig derangiert aus. Ihr langes blondes Haar war zerzaust, das knallgelbe T-Shirt steckte vorne in der Hose, hinten hing es heraus. Claudias Augen waren gerötet. Sie musste geweint haben.

»Anja – endlich!«, seufzte sie und umarmte die Freundin.

»Hallo, Claudia!«

»Wieso kommst du erst jetzt?«, wollte Claudia wissen.

»Ich wurde aufgehalten.«

»Von wem?«

»Ich bin mit dem Polo beim Einparken gegen einen Mercedes gestoßen«, berichtete Anja bereitwillig.

»Ach, du meine Güte! Ist der Schaden groß?«

»Glücklicherweise nicht. Es gibt überhaupt keinen Schaden, um genau zu sein.«

»Komm erst mal rein«, sagte Claudia und zog Anja in ihr Mini-Wohnzimmer. »Setz dich.« Sie drehte den CD-Player leiser. »Auch einen Drink?«

»Nein, danke«, lehnte Anja ab. Ihr war nicht nach Alkohol.

»Vielleicht einen Schluck Orangensaft?«

»Das wäre fein.« Anja steuerte auf Claudias Couch zu, zog die Schuhe aus und kuschelte sich mit untergeschlagenen Beinen in das Sitzmöbel.

Claudia brachte den Saft und ließ sich aufseufzend neben Anja auf die Couch fallen. »Und nun leg los!«

Anja erzählte von Markus und seinem alten Mercedes, den er in dieser Do-it-yourself-Werkstatt ganz toll herrichten wollte.

»Ist er Automechaniker?«

Anja schüttelte den Kopf. »Sportjournalist.« Sie kicherte. »Weißt du, wie er seinen Wagen nennt?«

»Nein. Wie?«

»Leopold.«

»Leopold?«, echote Claudia.

»Wir tauschten unsere Adressen in einem Lokal aus. Das war mir vielleicht unangenehm, sag’ ich dir.«

»Was? Das Austauschen eurer Anschriften?«

»Nein, das natürlich nicht. Aber sein Liebesgeständnis. Aus heiterem Himmel fing er an, dass er Leopold liebe, dass dieser ihn sehr glücklich mache und all so ’n Zeug.«

»Er meinte den Mercedes.«

Anja lachte. »Natürlich meinte er den Mercedes – aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.«

»Ach so.« Jetzt lachte auch Claudia.

»Ein Wagen, der Leopold heißt – darauf muss man erst mal kommen«, verteidigte sich Anja.

»Wie sieht dieser Markus denn aus?«

»Unheimlich dufte.« Anja beschrieb ihn ausführlich. »Stell dir vor: Er wollte sich mit mir verabreden ...«

Claudia wusste sofort, wie es weiterging. »Aber du hast ihm einen Korb gegeben.«

»Selbstverständlich. Schließlich bin ich nicht frei.«

»Hast du ihm von Richy erzählt?« Claudia sah in ihr Glas.

»Nein. Natürlich nicht.«

»Warum nicht?«

»Was geht ihn Richy an?« Anja zuckte die Schultern. »Es hat sich auch irgendwie nicht ergeben.«

Claudia seufzte. »Tja, die eine lernt laufend die nettesten Typen kennen – und die andere ... Du bist wirklich zu beneiden, Anja. Richy sieht nicht nur phantastisch aus, er ist auch ungemein sympathisch, hat ständig großartige Pläne und macht immer wieder etwas Neues. Sein Unternehmungsgeist imponiert mir. Sein sicheres Auftreten auch. Und treu scheint er obendrein zu sein, sonst wärst du wohl nicht schon seit gut eineinhalb Jahren fest mit ihm zusammen.«

Richy ... Anja wusste nicht, ob sie sich seiner wirklich absolut sicher sein konnte. Er kam bei Frauen gut an, denn er sah tatsächlich wahnsinnig gut aus. Was seinen imponierenden Unternehmungsgeist anging, so sah Anja das anders als Claudia. O ja, Richy schmiedete tagaus, tagein großartige Pläne und fing ständig etwas Neues an. Jedesmal war es die große, heiße, einmalige Sache. Der Hammer. Dass er, seit sie ihn kannte, schon ein halbes dutzendmal böse auf die Nase gefallen war, gab ihm leider nicht zu denken.

»Es ist nichts dran an diesen bescheuerten Sprüchen«, sagte Claudia unvermittelt und leerte ihr Glas.

»An welchen Sprüchen?« Manchmal war Claudia so sprunghaft, dass Anja ihr nicht folgen konnte.

»Pech in der Liebe, Glück im Spiel zum Beispiel. Wenn das nämlich wahr wäre, wäre ich bereits mehrfache Lottomillionärin.«

Anja sah die Freundin nachdenklich an. »Ist es aus mit Sven?«

»So aus, wie’s nur sein kann. Ach Anja, und dabei hatte ich diesmal so ein gutes Gefühl.«

Anja legte den Arm um Claudias Schultern. »Was ist denn passiert?«

»Wieso setze ich immer aufs falsche Pferd?«

»Was hat Sven denn so Schreckliches getan?«

»Betrogen hat er mich!« Claudias Augen füllten sich mit Tränen. »Ich heule schon den ganzen Nachmittag.«

»Bist du sicher, dass er dich betrogen hat?«

»Sicherer geht es überhaupt nicht mehr. Ich hab’ ihn nämlich in flagranti erwischt.«

»Mit wem?« Anja hatte Sven nie viel Sympathie entgegengebracht. Warum, wusste sie auch nicht. Sie wusste nur, dass sie ihn nicht mochte. Aber das hatte sie Claudia nie zu sagen gewagt. Schließlich schwebte die Freundin auf rosa Wolken, seit sie Sven vor zwei Monaten kennengelernt hatte.

»Mit der Schwester seines Freundes«, schluchzte Claudia. »Sie ist hinter allen Männern her ...«

»Dann wird sie auch Sven verführt haben.«

»Ich bin ziemlich sicher, dass die Initiative nicht von ihm ausging, aber das Ergebnis bleibt dasselbe. Wieso konnte er nicht nein sagen? Wieso hat er dieses Miststück nicht hinausgeworfen?« Claudia wischte sich die Tränen ab. »Ich ... ich hatte Sehnsucht nach ihm«, berichtete sie stockend. »Ich wollte ihn sehen und fuhr zu ihm. Ich hatte ja einen Schlüssel zu seiner Wohnung. Als ich die Tür öffnete, hörte ich Stimmen. Ein Mädchen kicherte. Ich dachte, Sven hätte im Schlafzimmer den Fernsehapparat laufen. So naiv bin ich. Als ich dann diese Geräusche hörte, dachte ich, Sven würde sich einen Videofilm ansehen ...«

Claudia holte sich noch einen Drink, während Bob Marleys Stimme durch den Raum hallte. Claudia lehnte sich zurück und drückte das Glas gegen ihre Wange. Ihre Augen starrten ins Leere.

»Die Schlafzimmertür war halb offen«, fuhr sie leise fort. »Ich dachte nicht im Traum daran, dass diese ... diese Geräusche live sein könnten. Deshalb fiel ich dann auch aus allen Wolken, als ich die Tür etwas weiter aufdrückte und Sven mit diesem Girl im Bett liegen sah – beide halb nackt! Ich war unfähig, mich zu rühren ... Es war grauenvoll. Irgendwann bemerkten sie mich. Ich warf Sven den Wohnungsschlüssel hin und beschimpfte ihn. Ich weiß nicht mehr, was ich ihm alles an den Kopf warf. Es war eine ganze Menge, und es war nichts Schmeichelhaftes. Dann bin ich gegangen. Er rief mir nach, ich solle warten. Lass dir erklären, Claudia!, rief er. Erklären!« Sie lachte bitter auf. »Als ob diese eindeutige Situation einer Erklärung bedurft hätte ... Tja, und nun leide ich wieder einmal unter einem ganz schrecklichen Katzenjammer.« Sie sah Anja zum ersten Mal wieder an. »Ich mache irgendetwas falsch. Wenn ich nur wüsste, was.«

*

Mit einem leisen »Hallo!« begrüßte Anja ihre Eltern, die im Wohnzimmer saßen. »Hat Richard angerufen?«

»Nein, mein Schatz.« Frau Burger stand auf und legte ihr Strickzeug aus der Hand. »Bist du hungrig? Möchtest du etwas essen?«

»Nein, danke. Ich möchte jetzt nichts«, antwortete Anja, ein wenig ärgerlich, weil Richy nichts von sich hatte hören lassen. Dass sie mit dem Polo einen betagten Mercedes namens Leopold angerempelt hatte, behielt sie wohlweislich für sich. Sie wollte sich auf keinerlei Diskussionen mit ihrer überängstlichen Mutter einlassen.

Anja nahm das Telefon und ging damit in ihr Zimmer. Sie setzte sich aufs Bett, stellte den Apparat auf ihre Knie und überlegte, ob sie Richy anrufen sollte. Doch was sollte sie sagen, wenn er abhob? Dass er sich ruhig ein bisschen mehr um sie kümmern könnte? Er würde ihr bestimmt wieder erzählen, dass er bis zum Hals in Arbeit stecke. Ein neues Projekt. Toller als alles bisher Dagewesene.

Schließlich wählte Anja doch seine Nummer.

Während sie dem Freizeichen lauschte, ließ sie den Blick durch ihr Refugium schweifen. Das Bücherregal quoll förmlich über vor Sach-, aber auch anderen Büchern. In dem Eckregal neben der Tür hockten ihre Elefantenkuscheltiere. Fast alles Geschenke von Richy.

Richy meldete sich nicht.

Anja legte enttäuscht auf und wollte den Apparat wieder in den Flur tragen, da schlug die Klingel unvermittelt an. Anja erschrak. Sie zuckte heftig zusammen, dass ihr das Telefon beinahe aus der Hand gefallen wäre.

»Ja?«, meldete sie sich und hoffte, dass es Richy war.

»Oh ... äh ... Markus hier. Markus Ratke«, stammelte eine Stimme am anderen Ende der Leitung. »Du erinnerst dich hoffentlich noch an mich.«

»Leopolds Adoptivvater«, bekräftigte Anja schmunzelnd.

»Genau.«

»Hast du doch noch eine Delle entdeckt?«

»Nein. Jedenfalls keine, für die du verantwortlich bist. Ich möchte dir nur die Policenummer durchgeben.«

»Warte, ich hole was zum Schreiben.« Anja griff nach dem Notizblock und dem Kugelschreiber. »So. Ich bin soweit.«

Er nannte die Nummer, die sie laut und deutlich wiederholte.

»Richtig«, sagte Markus. »Du brauchst sie zwar nicht, weil du ohnedies keine Meldung machen wirst – aber ich hab’ versprochen, dir die Nummer zu geben, und was ich verspreche, pflege ich zu halten.

»Du scheinst sehr zuverlässig zu sein.«

»O ja, das bin ich. Ich stehe immer zu dem, was ich zugesagt habe.« Er lachte leise. »Ich würde dir gerne Gelegenheit geben, mich näher kennenzulernen. Ich habe noch mehr Vorzüge.«

Sie lächelte amüsiert. »So? Welche denn?«

»Nun, ich bin ehrlich, hilfsbereit, tolerant, sparsam ... aber eigentlich wäre es besser, du würdest herausfinden, was ich noch alles bin. Wenn ich es sage, klingt das so, als wolle ich Reklame für mich machen.«

In diesem Moment wurde Anja klar, dass sie Markus von Richard erzählen sollte. Sie durfte ihm nicht verschweigen, dass sie sich in festen Händen befand. Nur für alle Fälle ... Damit Markus nicht auf komische Gedanken kam.

»Hör zu ...«, begann sie heiser.

»Hast du es dir inzwischen überlegt?« Markus ließ sie nicht zu Wort kommen.

»Was überlegt?«

»Wirst du mich porträtieren?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil ich keine Lust dazu habe.«

»Wirklich nicht? Wir hätten einen Grund, uns wiederzusehen.«

»Auch dazu habe ich keine Lust«, sagte Anja bewusst spröde. Er sollte merken, dass er keine Chancen bei ihr hatte.

Markus war einen Moment lang still.

»Ich bin wohl nicht dein Typ, wie?«, fragte er dann leise. Es klang traurig.

»Quatsch – nicht mein Typ!«, widersprach sie mit belegter Stimme.

»Es stimmt doch, oder?«

Sie wand sich. »Sieh mal, wir haben uns zufällig kennengelernt ...«

»Ich bin diesem Zufall sehr dankbar.«

»Lass mich ausreden. Was ich sagen wollte, ist ... Was wollte ich eigentlich sagen? Musstest du mir dreinreden?«, beschwerte sich Anja verstimmt. »Jetzt habe ich den Faden verloren.«

»In Öl.«

»Was?«

»Falls du dich doch entscheiden solltest, mich zu porträtieren, bin ich für Öl, weil das länger dauert und mehrere Sitzungen nötig sind.«

»Warum gibst du nicht endlich auf? Ich hab’ dir klipp und klar gesagt, dass ich dich nicht porträtiere. Weder in Öl noch sonstwie.«

»Gibt es eine andere Möglichkeit, dich wiederzusehen?«, erkundigte sich Markus.

»Nein.«

»Und . . . und warum nicht?«

»Weil ich einen Freund habe!« Anja atmete erleichtert auf. Endlich war es raus!

Jetzt musste Markus ja begreifen. Doch er war hartnäckiger als erwartet.

»Schon lange?«

»Seit anderthalb Jahren.«

»So lange schon!«

»Ja. So lange schon«, bekräftigte Anja. »Begreifst du nun, dass ich mich nicht mit dir treffen kann?«

»Bist du glücklich?«

»Ich wüsste nicht, was dich das angeht!«, herrschte sie ihn an.

»Du bist nicht glücklich.«

Anja wurde nun endgültig wütend. »Du bist wohl nicht ganz dicht! Wie kommst du dazu ...«

»Wenn du glücklich wärst, hättest du mit einem simplen, klaren Ja geantwortet. Das hast du nicht getan.«

»Weil ich finde, dass das meine Privatsache ist. Du hast kein Recht, mich so etwas zu fragen.«

»Entschuldige.«

»Ich bin dafür, dass wir dieses Gespräch beenden. Es führt zu nichts.«

Anjas Stimme klang jetzt eisig.

Doch auch das schien Markus nicht abzuschrecken.

»Nächstes Wochenende ist in Fürstenfeldbruck ein Leichtathletik-Meeting.«

»Ja und?«

»Ich könnte dir eine Freikarte besorgen ...«

»Ich hab’ schon was vor«, sagte Anja barsch und legte auf. Markus hatte nicht nur gute Eigenschaften. Diese Hartnäckigkeit zum Beispiel war eine schlechte. Eine sehr schlechte sogar. Es ärgerte Anja, dass er sich von nichts abhalten ließ. Nicht einmal von dem Hinweis, dass sie einen festen Freund hatte.

3. Kapitel

Als Richy kam, war Anja allein zu Hause. Sofort bekam er glänzende Augen.

»O nein, mein Lieber!«, wehrte Anja ab. »Meine Mutter wird jeden Moment zurückkommen. Also sei brav und beherrsche dich, ja?«

»Weißt du, was du da von mir verlangst?«, seufzte er enttäuscht.

»Du wirst es schon irgendwie durchstehen«, schmunzelte sie.

Richard sah wieder einmal toll aus in den schwarzen Jeans und dem lässigen grauen Langarm-Poloshirt. Anja liebte dieses Outfit – und sie liebte Richys männliche Züge, seine dichten, dunklen Locken, seine Ohren, das Grübchen in seinem energischen Kinn ... und vor allem liebte sie seine Zärtlichkeit.

Richy konnte unheimlich zärtlich sein. Wenn er sie mit seinen feingliedrigen Händen streichelte, schmolz sie jedesmal regelrecht dahin.

Schade, dass Mutti bald heimkommt, dachte Anja mit leisem Bedauern, als Richy sie zu küssen begann.

»Weißt du, wonach deine Küsse schmecken, Mäuschen?«, fragte er an ihrem Ohr. Seine Stimme klang seltsam rau. »Nach mehr ... nach viel mehr.«

Anja lächelte und überließ sich für einen Moment seinen Zärtlichkeiten. Dann schob sie Richy leicht von sich. »Ich hab’ dich gestern angerufen ...«

»Ich war nicht zu Hause.«

»Das habe ich gemerkt«, bestätigte Anja. »Darf ich fragen, wo du warst – oder ist das top-secret?«

»Ich hatte ein Vorgespräch mit sehr wichtigen Geschäftsleuten. Die wollen etwas ganz Tolles ins Rollen bringen, und sie legen großen Wert darauf, dass ich mitmache. Mehr möchte ich vorläufig noch nicht verraten. Ich bin ein wenig abergläubisch, wie du weißt, deshalb rede ich nicht gern über ungelegte Eier.« Richy strich sanft über ihren Rücken, was Anja ein wohliges Seufzen entlockte. »Darf ich dir ein Geheimnis anvertrauen, Mäuschen?«

»Was für ein Geheimnis?«

»Dass ich dich irrsinnig liebe.«

»Dieses Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben«, versicherte sie ihm schelmisch lächelnd, und dann küsste sie ihn.

»Was hältst du eigentlich von einem verlängerten Wochenende am See?«, erkundigte sich Richard wenig später.

»An welchem See?«

»Ammersee, Starnberger See, Chiemsee. Du hast die Wahl.«

»Chiemsee«, sagte Anja spontan.

»Na gut. Aber ich lade dich ein!«

Anja schüttelte den Kopf. »Kommt nicht in Frage! Halbe-halbe, oder die Sache fällt ins Wasser.«

»Du machst es einem wirklich nicht leicht, dir eine Freude zu machen«, seufzte Richard theatralisch.

Anja lachte. »Ich weiß, ich bin schwierig.«

»Aber auch sehr lieb.« Wieder gab er ihr einen Kuss.

Sie atmete seinen vertrauten Duft ein, und spürte genau, wie sich die Härchen an ihren Unterarmen aufrichteten und ein wohliger Schauer sie durchrieselte. »Das ist nicht fair, Richy!«, protestierte sie halbherzig.

»Was ist nicht fair?«

»Was du da tust. Du weißt, dass du mich damit wehrlos machst.«

Er lachte leise. »Vielleicht ist das meine Absicht.«

Seine Absicht wahr machen konnte er nicht, weil Anjas Mutter zurückkam.

Als sich Richy eine halbe Stunde später verabschiedete, raunte er Anja an der Wohnungstür zu: »Na warte! Am Chiemsee kommst du nicht ungeschoren davon.«

Sie schmunzelte. »Hab’ ich gesagt, dass ich das möchte?«

Sie hatten vereinbart, mit Richys Wagen zu fahren, doch der gab ausgerechnet am Donnerstagnachmittag den Geist auf und musste in die Autowerkstatt abgeschleppt werden. Also musste Anjas Polo herhalten.

Es war ein schöner, sonniger Tag. Anja trug unter ihrer kurzen Lederjacke einen enganliegenden Nickybody und Jeans, die ihre Figur gut zur Geltung brachten.

Richard war begeistert. »Du siehst toll aus, Mäuschen!«

»Vielen Dank.«

»Richtig sexy.«

Anja schmunzelte nur und machte Anstalten, seine und ihre Reisetasche in den Kofferraum zu stellen.

»Lass mich das lieber machen, Mäuschen«, sagte Richy.

»Hör mal, ich kann doch noch die beiden Taschen in den Kofferraum stellen.« Anja reagierte leicht verstimmt.

»Ich mach’ das schon.«

»Ich hab’ zwei linke Hände, wie?«

Richy ging nicht darauf ein, sondern stellte die Taschen genauso in den Kofferraum, wie Anja es auch getan hätte, klappte den Deckel zu, zog den Schlüssel ab und gab ihn nicht mehr her. »Steig ein!«, forderte er sie dann auf.

Als sie sich ans Steuer setzen wollte, erhob er Einspruch. »Steig auf der anderen Seite ein.«

»Fürchtest du dich, wenn ich fahre?«, fragte Anja spitz.

»Das nicht, aber willst du dich dieser Mühe unterziehen, wenn ich da bin?«

»Autofahren ist für mich keine Mühe. Ich fahre sehr gern.«

»Die Wetterfrösche haben ein wolkenloses Wochenende vorhergesagt«, lenkte er ab. Er schwang sich hinter das Steuer, und Anja blieb nichts anderes übrig, als auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen.

Anja fragte sich, wie lange sie sich Richards vordergründig besorgt-hilfreiche Art noch gefallen lassen sollte. In letzter Zeit legte er dieses Verhalten immer häufiger an den Tag. Nichts durfte sie selber machen. Am liebsten hätte er wahrscheinlich sogar für sie geatmet.

Richy schob den Zündschlüssel ins Schloss. »Würdest du bitte den Sicherheitsgurt anlegen, Mäuschen?«

Sie tat es, ärgerte sich aber maßlos. »Ich hätte es auch ohne Aufforderung getan.«

»Kein Grund, sauer zu sein, Mäuschen. Ich bin eben um dein Wohl besorgt«, versuchte Richy sie zu beschwichtigen.

»Ja, ja, schon gut. Fährst du jetzt endlich los ... oder verbringen wir das verlängerte Wochenende hier?«, giftete Anja ihn an.

»Ich liebe es, wenn du so finster dreinsiehst. Vor allem in diese tiefe Unmutsfalte über deiner Nasenwurzel bin ich ganz schrecklich verschossen.« Richy fuhr grinsend los.

Auf der Autobahn fragte Richard dann: »Na, hat sich deine Laune wieder gebessert?«

»Ich kann alles ebenso gut wie du!«, warf Anja ihm angriffslustig an den Kopf.

Doch Richy ließ sich nicht provozieren.

»Ja, ja, natürlich.« Seine Reaktion machte nur zu deutlich, dass er völlig anderer Meinung war. »Warum auch nicht?«

»Ich werde in Zukunft mehr selbst tun.«

»Aber ja, Mäuschen«, sagte Richy nachgiebig.

Sie verließen den Bereich des Rundfunksenders, auf den das Autoradio eingestellt war. Die Stereolautsprecher knisterten.

Anja wollte eine andere Frequenz suchen, doch Richys Hand war schneller am Knopf. »Lass nur, Mäuschen, ich mach’ das schon.«

Anja holte tief Luft. Es war zum Aus-der-Haut-Fahren.

Zwischen Seebruck und Gollenshausen fanden sie ein Apartment, direkt am See, mit Blick auf die Chiemgauer Berge und nur fünf Minuten von einem Supermarkt entfernt, in dem sie alles kaufen konnten, was sie zum Leben brauchten.

»Wir gehen einmal täglich essen«, verkündete Richy, als er ihr Gepäck aus dem Wagen in die Wohnung gebracht hatte. »Die anderen Mahlzeiten bereiten wir uns selbst zu.«

Anja war damit einverstanden. Schließlich musste sie mit ihrem Geld rechnen.

Sie wollte mit Richard einkaufen gehen, doch er war der Auffassung, das sei nicht nötig, sie solle inzwischen auspacken und es sich bis zu seiner Rückkehr gemütlich machen.

Per Fernbedienung schaltete er den Fernsehapparat für sie ein und wählte auch gleich den Sender für sie aus – jenen, der von früh bis spät Videoclips zeigte. Im Moment rappte Dr. Alban zu It’s My Life über den Schirm. Richy küsste Anja flüchtig und ging.

Anja trat auf den breiten Balkon, von dem man einen phantastischen Ausblick auf den See hatte. Das Panorama stimmte sie versöhnlich. Im Grunde genommen meinte es Richy nur gut, wenn er ihr jede Entscheidung und jede Tätigkeit abnahm. Sie durfte ihm das nicht übelnehmen. Anja nahm sich vor, aus diesem verlängerten Wochenende das Beste zu machen.

Richy kam schwer bepackt zurück. Eigenhändig räumte er die Vorräte in den Kühlschrank, und nachdem er seine Reisetasche ausgepackt hatte, begaben sie sich auf einen ersten Erkundungsrundgang.

»Schön hier, nicht wahr?«, sagte Richard und atmete tief ein. »Diese gute, saubere Luft – herrlich. Was veranlasst eigentlich so viele Menschen, in der Stadt zu leben? Das ist doch total ungesund – Stress, Hektik, Gestank ...«

Sie beobachteten einige glücklose Angler, die wie angewurzelt am Seeufer saßen und gespannt ihre Schwimmer fixierten.

»Ein Glück, dass sie nicht davon leben müssen, was ihnen Petrus an den Angelhaken hängt«, raunte Richard Anja amüsiert ins Ohr.

»Ich frage mich, wie man Angeln als Sport bezeichnen kann«, überlegte Anja, während sie weitergingen. »Diese Leute sitzen stundenlang da und rühren sich nicht. Ich habe von Sport eine andere Vorstellung.«

»Und wie ist es mit Schachsport?«

»Derselbe Witz«, schnaubte Anja.

»Ist dir etwa nach Sport, Mäuschen? Das kannst du haben. Wie wär’s mit einem kleinen Wettlauf, wer von uns beiden früher im Apartment ist?«

»Ist ja albern. Du wirst zuerst da sein. Weil du den Schlüssel hast.«

»Ziel ist die Apartmenttür. Gilt das? Nimmst du die Herausforderung an?«

»Okay.«

»Achtung! Fertig! Los!«, rief Richy und stürmte auf dem asphaltierten Weg davon. Anja hingegen rannte über die Grünflächen und war dadurch früher im Haus. Sie spurtete die Treppen hinauf und erreichte völlig außer Atem die Apartmenttür. Erfreut darüber, dass es ihr gelungen war, Richy ein Schnippchen zu schlagen, drehte sie sich um.

»Was bekommt der Sieger eigentlich?«, wollte sie wissen. Ihr Herz raste.

»Du hast diesen Wettlauf nicht gewonnen!«, schimpfte Richy keuchend.

»Klar habe ich!«

»Du bist disqualifiziert.«

Anja stemmte die Fäuste in die Seiten. »Und wieso?«

»Weil du durch die Anlage gelaufen bist.«

»Es war keine Strecke festgelegt. Es hieß lediglich: Ziel ist die Tür des Apartments. Und ich war als erste da. Oder willst du das bestreiten?«

»Für mich war klar, dass wir auf dem Gehweg bleiben. Ich habe nichts von einem Querfeldeinrennen gesagt.«

»Sieh an, sieh an! Richard Mallmann ist ein schlechter Verlierer«, neckte sie ihn. »Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mich auf diesen Wettlauf nicht eingelassen.« Sie legte die Arme um seinen Nacken und schmiegte sich an ihn. »Ist es so schlimm für dich, ehrenvoller Zweiter geworden zu sein?«

»Du hast mich nicht besiegt. Du hast gemogelt.«

»Hab’ ich nicht.« Sie kicherte. »Ich war bloß cleverer als du, und das wurmt dich. Also, was bekommt denn nun der Sieger zur Belohnung? Einen Kuss? Damit kannst du einverstanden sein, denn entweder küsse ich dich oder du mich. Geküsst wird auf jeden Fall. Ich mache einen salomonischen Vorschlag: Wir küssen uns gleichzeitig. Dann ist jeder Sieger.« Dieser Vorschlag entsprach offensichtlich genau Richys Vorstellungen.

»Wir sollten uns überlegen, was wir essen wollen«, schlug Anja vor, als ihr Magen sich am Abend zum zweitenmal laut bemerkbar machte. Sie ging in die Küche, gefolgt von Richy, und öffnete den Kühlschrank. »Mal sehen, was du alles eingekauft hast.«

»Heute stehen gefüllte Paprika auf dem Speisezettel«, klärte Richy sie auf.

»Klingt gut.« Anja griff nach zwei Konservendosen. Dann suchte sie den Dosenöffner.

Richy nahm ihn ihr aus der Hand. »Gib her, ich mach’ das schon, Mäuschen.«

»Denkst du, ich habe noch nie eine Konservendose geöffnet?«

»Du könntest dich verletzen.«

»O ja, das Leben ist verdammt lebensgefährlich.« Mit einemmal war Anja auf hundertachtzig. Sie war doch kein Baby!

»Was hab’ ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht?«, wollte Richy wissen. Er wirkte leicht betroffen.

»Nichts. Gar nichts. Du machst immer alles richtig. Du bist einfach perfekt.«

»Ich verstehe dich nicht, Mäuschen. Warum setzt du dich nicht hin und lässt dich von mir bedienen?«

»Du nimmst mir doch nur alles ab, weil du mir nichts zutraust. Und das ärgert mich. Kannst du das denn nicht begreifen? Lass mich dir doch einmal beweisen, dass ich aus dem Krabbelstuben-Alter raus bin!«, verlangte Anja leidenschaftlich.

Doch auch das beeindruckte Richy nicht. Er öffnete schweigend die Dosen und gab ihren Inhalt in eine Pfanne. Als er immer noch nicht reagierte, wandte Anja sich wütend ab und ging in den Wohn-Schlafraum. Dort sah sie fern. Was blieb ihr auch anderes übrig. Richy hatte ihr deutlich klargemacht, dass er nicht mit ihr streiten wollte.

Eine halbe Stunde später erfüllte ein herrlicher Duft das Apartment.

»Bitte zu Tisch!«, rief Richard, als er fertig war.

Der Tisch in der winzigen Küche war liebevoll gedeckt.

In einer kleinen Glasvase steckte eine Margerite. In langstieligen Gläsern funkelte Weißwein.

»Lass es dir schmecken, Mäuschen«, forderte Richy sie lächelnd auf.

Was ist mit Vorschneiden und Vorkauen?, dachte Anja zynisch, aber dann verdrängte sie ihren Ärger und griff nach dem Besteck. Nach wenigen Bissen musste sie eines einräumen: Sie hatte noch nie so gute Paprika gegessen. »Schmeckt hervorragend.«

Richy strahlte. »Wieder versöhnt?«

»Vergessen wir den ganzen Blödsinn«, schlug sie vor. »Du bist ein Fünf-Mützen-Koch.«

Er lachte. »Was soll ich mit fünf Kochmützen? Ich hab’ doch nur einen Kopf.«

»Ich verleihe dir nachher den Goldenen Kochlöffel.«

»Gerichte aus der Dose schmecken nur selten gut. Also muss man sie aufpeppen. Wenn ich zum Beispiel Ravioli mache, röste ich zuerst geräucherten Speck und eine gehackte Zwiebel an und gebe erst dann die Fleischtäschchen dazu.« Richy küsste seine Fingerspitzen. »Einfach köstlich, sage ich dir. Du wirst dich morgen oder übermorgen selbst davon überzeugen können.«

Anja schüttelte insgeheim den Kopf, hielt aber an ihren Vorsatz fest, sich nicht mehr zu ärgern. Auch dann, als Richy das Geschirr spülte und sie ihm wieder nicht helfen durfte. Statt dessen ließ sie sich aufs Bett fallen und sah sich irgendeinen alten Film an, der gerade lief.

4. Kapitel

Sonnenstrahlen kitzelten Anja wach. Sie streckte sich genüsslich, seufzte wohlig, schlug die Augen auf und wollte Richy einen wunderschönen guten Morgen wünschen. Aber er lag nicht mehr neben ihr, sondern stand im Pyjama auf dem Balkon und ließ den Blick über den See schweifen.

Er hatte nicht bemerkt, dass sie aufgewacht war. Leise stand sie auf, schlich in ihrem Sleepshirt zur offenen Balkontür und trat barfuß hinaus. Als sie ihre Arme von hinten um Richard schlang, zuckte er zusammen.

»Guten Morgen, du Frühaufsteher.« Sie schmiegte die Wange an seinen Rücken.

»Guten Morgen, Mäuschen.« Er drehte sich um, umschloss ihr Gesicht mit beiden Händen und küsste sie zärtlich auf den Mund. »Hast du gut geschlafen?«

»Sehr gut. Und du?«

»Ich auch.«

»Ich bin kein einziges Mal aufgewacht. Man liegt phantastisch in diesem Bett ...«

Er küsste sie noch einmal. »Es liebt sich auch phantastisch in diesem Bett.«

Sie nickte schmunzelnd. »Ja, das kann ich bestätigen.«

»An einem so wunderschönen Morgen kann ich einfach nicht im Bett bleiben, da muss ich unbedingt raus, da hab’ ich Termiten unterm Bettlaken.«

»Was unternehmen wir heute?«

»Wir mieten Fahrräder und umrunden den See. Aber zuerst wird ausgiebig gefrühstückt.«

»Und davor ausgiebig geduscht«, ergänzte Anja.

Sie duschten gemeinsam, und es blieb erwartungsgemäß nicht nur beim bloßen Duschen. Schließlich musste man sich noch gegenseitig einseifen, abduschen, trockenrubbeln ...

Anschließend kümmerte sich Richard um das Frühstück. Er machte zwischendurch auch das Bett. Anja brauchte nur im Sessel zu sitzen und Frühstücksfernsehen zu gucken.

Während des Frühstücks fiel Anja ein, dass Richard bis jetzt noch kein Wort über das Treffen mit diesen angeblich so wichtigen Geschäftsleuten verloren hatte.

Sie überlegte, ob sie ihn danach fragen sollte. Nein, beschloss sie dann, lieber nicht. Wenn er mit ihr darüber reden wollte, würde er es schon von sich aus tun.

»Woran denkst du?«, erkundigte sich Richy.

»An unsere Radtour«, schwindelte Anja. »Das wird sicher toll.«

»Bestimmt. Brechen wir gleich auf. Den Picknickkorb habe ich schon gepackt.«

»Okay.«

Sie fuhren zum Fahrradverleih. Es grenzte an ein Wunder, dass Richy Anja diesmal ans Steuer des Polo ließ. Aber kaum hatten sie die Drahtesel, wurde Anja gleich wieder von Richy entmündigt. Anja wollte ihren Vorderreifen aufpumpen, doch Richy kam ihr wieder mal zuvor. »Lass mich das lieber machen, Mäuschen!«

Sie konnte diesen Satz schon nicht mehr hören!

*

Sie ließen sich viel Zeit bei ihrer Fahrt um den See, machten immer wieder Rast, alberten herum, aßen auf, was Richy in den Korb gepackt hatte, und fuhren erst weiter, wenn ihnen danach war. Es wurde eine schöne, erlebnisreiche Fahrt.

Als sie abends müde in ihr Ferienapartment zurückkehrten, erkundigte sich Richy: »Na, Mäuschen, hat es dir gefallen?«

»Mir schon. Meinem Po weniger«, stöhnte Anja. »Er ist so weite Strecken nicht gewohnt.«

»Morgen darf er sich erholen.«

»Was steht denn auf dem Programm?«

»Wir mieten ein Ruderboot und verbringen den ganzen Tag auf dem See.« Richy schaltete das Fernsehgerät ein. »Und abends gehen wir in die Disco«, verkündete er dann, ohne den Bildschirm aus den Augen zu lassen.

Warum fragt er so selten, ob ich mit seinen Plänen einverstanden bin?, schoss es Anja durch den Kopf. Warum kommt er nie auf die Idee, mich irgendetwas mitbestimmen zu lassen? Aber das war typisch: Richy hatte den Samstag bereits restlos verplant, und wahrscheinlich stand für ihn auch schon fest, was sie am Sonntag tun würden. Einfach herrlich, wie unbekümmert sie neben ihm leben konnte! Sie verzog die Mundwinkel. Richy behandelte sie wirklich wie ein entmündigtes Wesen. Als ob sie nur zwei linke Hände und kein Hirn hätte. Plötzlich musste sie an Markus denken und sah jedes Detail seines Gesichts vor sich. Markus ... Er war sicher ganz anders.

Richy riss sie unsanft aus ihren Grübeleien, indem er mit einem Löffel auf den Boden eines leeren Kochtopfs schlug. »He, was fasziniert dich denn so sehr an diesem Film?«

Anja blinzelte.

»Du hättest dich jetzt sehen sollen«, neckte Richy sie grinsend.

»Wieso?«

»Wie du dagesessen hast.«

»Wie habe ich dagesessen?«

»Total gebannt hast du auf den Bildschirm gestarrt. Als wäre da dein ganz großer Schwarm zu sehen.« Richard lachte. »Komm, das Abendessen steht auf dem Tisch.«

Anja stand schnell auf.

Anja hatte ihr Haar mit flippigen Spangen hochgesteckt, damit die Sonne, die schon sehr hoch stand, auch ihren Nacken bräunte, und umklammerte mit beiden Armen ihre Knie. Natürlich ruderte Richy. Nicht nur, weil er Kavalier sein wollte, sondern bestimmt vor allem deshalb, weil er befürchtete, sie würden vom Holzsteg der Bootsvermietung nicht wegkommen, sondern immerzu im Kreis fahren, wenn er Anja die Ruder überließ.

Anja beobachtete ihn und das imponierende Spiel seiner Muskeln unter der glänzenden Haut interessiert. Richy sah wirklich gut aus – egal, ob er Jeans trug oder diese karierten Badeshorts, die sie ein bisschen albern fand.

»Traumhaft, dieses Wetter, was?«, rief Richard begeistert.

Anja blinzelte träge in die Sonne. »Mhm.«

»Ein richtiges Bilderbuch-Wochenende. Ein Tag schöner als der andere. Ich kann dir gar nicht sagen, wie super ich mich fühle. War das nicht eine tolle Idee von mir, diesen Mini-Urlaub vorzuschlagen?«

»Ja, mein Schatz«, antwortete Anja einsilbig. Ihr war nicht nach Reden zumute.

Plötzlich hörte Richy auf zu rudern und stand auf. Das Boot schwankte.

Anja hielt sich blitzschnell an der Bank fest, auf der sie saß. »Was hast du vor?«

Er grinste. »Ich komme zu dir.«

»Hast du genug vom Rudern?«

»Wir haben fast die Mitte des Sees erreicht.«

»Wolltest du dahin?«

Richard nickte. »Ich wollte mit dir allein sein.«

Das Boot hörte auf zu schaukeln, sobald Richy saß. Dann zog er Anja an sich und küsste sie. Ihre Lippen öffneten sich wie von selbst, und sie schloss die Augen.

Sekunden später riss sie sie wieder auf. Von Ruhe und Alleinsein auf dem See konnte keine Rede sein: Etwa hundert Meter von ihnen entfernt rauschte ein Katamaran mit knatternden Segeln vorbei. Die beiden Männer an Bord in ihren orangefarbenen Schwimmwesten beachteten Anja und Richard nicht. Sie hatten alle Hände voll zu tun, ihr Boot zu steuern.

»Muss ein irres Gefühl sein, so mit dem Wind zu kämpfen«, überlegte Anja laut.

»Das ist nichts für dich, Mäuschen.«

»Wieso nicht?«, fragte Anja mit leichtem Groll. Jetzt fing Richy schon wieder damit an.

»Viel zu anstrengend.«

»Ich bin nicht so schwach, wie du glaubst.«

»Außerdem erfordert es große Geschicklichkeit ...«

»Ich bin auch nicht so ungeschickt, wie du immer annimmst. Segeln kann man lernen – und alles andere auch.«

»Sicher, Mäuschen, sicher.« Richy gab ihr recht, um sie bei Laune zu halten, aber es hörte sich an, als würde er haargenau das Gegenteil meinen. Wieder einmal ging er jeder Diskussion aus dem Weg, indem er schnell das Thema wechselte. »Soll ich dir den Rücken einölen, Mäuschen?«, fragte er fürsorglich. »Die Sonne scheint ziemlich kräftig, und so ein Sonnenbrand ist eine nervende, manchmal sogar sehr schmerzhafte Angelegenheit.«

Anja legte sich ohne jeglichen Kommentar auf den Bauch. Zum Glück war genügend Platz im Boot, dass sie sich problemlos auf der mitgebrachten Decke ausstrecken konnte.

Richy griff nach der Sonnenölflasche, und Anja hakte den Verschluss ihres Bikinis auf. Die sanfte Berührung seiner Hand war ihr sehr angenehm. Sie schloss die Augen und genoss das behutsame Streicheln. Richy ölte nicht nur ihren Rücken ein, sondern auch den Nacken, die Oberarme, den Po, soweit er nicht von dem Bikinislip bedeckt war, die Oberschenkel und die Waden. Zuerst war es nur ein weiches, sanftes Streicheln, doch allmählich nahm es an Intensität zu und wurde nach und nach zur gefühlvollen Massage, die Anja wohlige Seufzer entlockte. Wenn Richy sie auf diese Weise berührte, konnte sie ihm nichts übelnehmen. Er hatte wundervolle Hände, mit denen er sie immer wieder aufs Neue verzauberte.

Anja drehte sich träge um. Der BH blieb liegen.

»Vorne auch einölen?«, erkundigte sich Richard heiser.

»Ja, bitte«, lächelte Anja. »Und bitte genauso gefühlvoll.«

Richy ließ sich das nicht zweimal sagen.

An diesem Abend gab es Richys Spezial-Ravioli, und sie schmeckten wirklich ganz ausgezeichnet.

Nach dem Essen machten sie sich discofein. Anja ging als letzte ins Bad. Dort ließ sie sich Zeit und badete in aller Ruhe. Sie brauchten sich nicht zu beeilen. Vor zweiundzwanzig Uhr war nichts los in der Diskothek.

Anschließend schlüpfte sie in einen schwarzen Catsuit, der zwar nicht mehr total up to date war, ihr aber immer noch gefiel. Wenn sie den Anzug trug, der sich wie eine zweite Haut an ihren Körper schmiegte, wirkten ihre Beine besonders lang. Richy mochte ihn vor allem deshalb. Dann trug sie Make-up auf, kämmte noch einmal ihre Haare und schlüpfte in den Chiffon-Parka, den sie im letzten Ausverkauf zu einem Spottpreis ergattert hatte.

Richy lag auf dem Bett und sah sich eine Sportübertragung an, als Anja aus dem Bad kam.

»Wow!«, entschlüpfte es ihm bei ihrem Anblick. »Ist diese steile Disco-Queen meine Anja?«

»Sie ist es«, bestätigte Anja schmunzelnd.

»Mäuschen, du siehst sensationell aus.« Richy verschlang sie mit den Augen. »Vielleicht sollten wir unser Programm kurzfristig ändern und zu Hause bleiben«, grinste er, stand aber auf.

Wenig später verließen sie das Apartment.

»Hallo!«

»Anja?«

»Wer spricht, bitte?«, fragte eine weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung.

»Mein Name ist Markus Ratke.«

»Ich bin Anjas Mutter.«

»Ich weiß nicht, ob Anja Ihnen von mir erzählt hat, Frau Burger ...«

»Nein, hat sie nicht.«

»Oh ...« Markus verstummte verunsichert.

»Was kann ich denn für Sie tun, Herr Ratke?«, erkundigte sich Frau Burger, und ihre Stimme klang sehr nett dabei.

»Ich möchte Anja sprechen.«

»Das ist leider nicht möglich.«

»Ist sie nicht zu Hause?«, fragte Markus. »Ist sie ausgegangen? Können Sie mir eventuell sagen, wohin? Es wäre sehr wichtig für mich, Anja zu sehen, Frau Burger.«

»Tja, da muss ich Sie leider enttäuschen. Anja ist weggefahren.«

»Weggefahren?«, wiederholte Markus verblüfft.

»Ja, sie verbringt mit ihrem Freund ein verlängertes Wochenende am Chiemsee.«

»Am Chiemsee«, echote Markus frustriert. »Wann ... wann kommt sie zurück?«

»Morgen Abend«, antwortete Anjas Mutter. »Soll ich Anja irgendetwas ausrichten?«

»Nnnein ... Oder ja. Sagen Sie ihr, dass ich angerufen habe ... Oder nein. Sagen Sie ihr lieber nichts. Ich versuch’s vielleicht am Montag wieder.«

»Wie Sie möchten.« Anjas Mutter legte auf.

Niedergeschlagen ließ Markus den Hörer sinken. »Nicht zu Hause«, murmelte er enttäuscht. »Nicht einmal in München! Am Chiemsee ist sie ... mit ihrem Freund. Mit ihrem Freund ... Verdammt auch, warum muss sie einen Freund haben?« Er schlug mit der Faust auf den Schreibtisch.

Außer ihm war niemand mehr in der Redaktion. Er hatte das Ende eines Boxkampfes abgewartet und seinen Bericht sofort in den Computer geschrieben, damit der Textchef nicht herummeckern konnte, weil der Artikel noch abgesetzt werden musste.

Jetzt schaltete er das Gerät aus. »Ist bestimmt sehr schön am Chiemsee«, dachte Markus laut. »Vor allem, wenn man nicht allein dort ist.« Er seufzte schwer. »Ich wollte, ich könnte mit ihrem Freund tauschen. Ach Anja, wir hätten es wunderschön!«

Er löschte achselzuckend die Lichter und verließ die Redaktion.

Sein Lieblingslokal war das Akzente, und genau dorthin zog es ihn jetzt. Sein Stammplatz am Tresen war von irgendwelchen Typen belagert, die irgendetwas feierten. Markus‘ Blick wanderte suchend durchs Lokal. Dann entdeckte er Peter Köhler, seinen rothaarigen, sommersprossigen Freund, der die Hand gehoben hatte, um auf sich aufmerksam zu machen.

Zielstrebig steuerte Markus auf seinen Tisch zu und ließ sich aufseufzend auf einen Stuhl fallen.

»Wo kommst’n du her?«, fragte Peter. Spöttisch grinsend richtete er sich die randlose, getönte Brille. »Sag bloß, du hast bis jetzt gearbeitet?«

»Hab’ ich.«

»Mensch, es ist Samstagabend!«

»Na und?«

»Da solltest du was Besseres zu tun haben, als zu arbeiten.«

»Was?«, fragte Markus. »Bier trinken?« Er zeigte auf Peters halbvolles Glas.

Peter nickte. »Zum Beispiel. Oder du könntest mit mir Schwabing unsicher machen. Hast du Lust?«

»Nee!«

»Wieso nicht?«

»Ich hab’ null Bock auf überhaupt nichts«, brummte Markus mürrisch.

Peter sah ihn überrascht an. »He, was ist denn mit dir los, Kumpel? So kenne ich dich ja gar nicht.«

Markus winkte ab. »Ach, ich Idiot habe mich ausgerechnet in ein Girl verliebt, das schon vergeben ist.«

»Und natürlich will sie nichts von dir wissen.«

»Du sagst es.«

»Wer ist die Kleine?«, wollte Peter wissen.

»Du kennst sie nicht.«

»Vielleicht doch. Wie heißt sie?«

»Anja Burger.«

»Aha. Weißt du auch, wo sie wohnt?«

Markus nannte ihm kopfschüttelnd Anjas Adresse. »Wusst’ ich’s doch!«, rief Peter triumphierend und schob seine Brille nach. »Sie fährt einen weißen Polo und ist Kunststudentin.«

Markus’ Augen wurden riesengroß. »Ja!«

»Ihr Freund heißt Richard Mallmann.«

»Woher weißt du ...?«

Peter grinste. »Die Welt ist ein Dorf.« Wieder fummelte an seiner Brille. »Wo hast du Anja kennengelernt?«

Markus erzählte bereitwillig, wie sein einziges Treffen mit Anja abgelaufen war. Die folgende Frage konnte er sich dann jedoch nicht verkneifen. »Wieso kennst du Anja?«

»Erinnerst du dich an Nora Schäfer?«

»Was hat sie mit Anja zu tun?«, wunderte sich Markus.

»Sehr viel«, antwortete Peter. »Sie besucht mit ihr die Kunstakademie. Nora hat mich ihr sogar vorgestellt. Dann tauchte dieser Richard Mallmann auf, und Anja war hin und weg.«

Markus massierte seine Nase. »Wie sieht dieser Typ denn aus?«

»Leider sehr gut.«

»Besser als ich?«

Peter wiegte den Kopf. »Schwer zu sagen  – ich bin ja keine Frau.«

»Und wie ist er so?«

»Sympathisch. Selbstsicher. Unternehmungslustig. Risikofreudig.«

Markus verzog das Gesicht, als hätte er Sodbrennen.

»Hast du denn keinen Minuspunkt für ihn?«

»Leider nein.«

»Liebt er Anja?«

»Das ist doch anzunehmen, wenn er seit anderthalb Jahren mit ihr zusammen ist.«

Markus machte eine wegwerfende Handbewegung. »Das ist für mich kein Beweis. Meinst du, er liebt Anja sehr?«

»Was möchtest du jetzt von mir hören?«

»Und sie? Liebt sie ihn auch?«

»Also ich kann nur sagen, ich hatte den Eindruck, dass diese Beziehung intakt ist. Tut mir leid, dass ich dir nichts Erfreulicheres sagen kann«, meinte Peter und rückte erneut seine randlose Brille zurecht. »Besser, du vergisst Anja.«

»Das kann ich nicht.«

»Unsinn! Natürlich kannst du. Du hast sie doch nur einmal gesehen.«

»Und da hat eben der Blitz eingeschlagen. Was soll ich machen? So etwas kommt vor. Du kannst nicht mitreden, wenn du so etwas noch nicht erlebt hast. Es hebt dich richtig aus den Schuhen ...« Markus geriet ins Schwärmen.

»Das merke ich«, fiel Peter ihm lachend ins Wort. »Was gedenkst du dagegen zu tun?«

Markus seufzte abgrundtief. »Wenn ich das bloß wüsste.«

»Du musst wieder festen Boden unter die Füße kriegen, Junge.«

»Denkst du, das weiß ich nicht?«

5. Kapitel

Den Sonntagmorgen verbrachten Anja und Richy im Bett: Erstens regnete es, und zweitens waren sie erst spät in die Federn gekommen. In der Disco, in der sie gewesen waren, hatte es ihnen gut gefallen. Sie dehnten das Frühstück aus, tauschten Zärtlichkeiten aus und sahen sich einen Zeichentrickfilm an.

Zu Mittag aßen sie in einem gemütlichen Seerestaurant, das sie bei ihrer Radtour durch Zufall entdeckt hatten. Doch obwohl das Essen sehr gut war, wollte bei beiden keine gute Stimmung aufkommen. Der Himmel war grau, und es hörte nicht auf zu regnen. Deshalb beschlossen Anja und Richy, früher nach München zurückzukehren als ursprünglich geplant. Ihre Reisetaschen befanden sich bereits im Polo. Sie brauchten nur noch abzufahren.

»Abgesehen vom heutigen Tag, war es ein großartiges Wochenende«, resümierte Richy beim Dessert.

Anja sah ihn lächelnd an. »Oh, ich möchte das, was wir heute Vormittag getan haben, aber auch nicht missen.«

»Ja, da hast du eigentlich recht«, schmunzelte Richy. »Noch einen Espresso, Mäuschen?«, fragte er.

Anja schüttelte den Kopf.

»Dann also nur einen Espresso.« Richy rief den Kellner und gab seine Bestellung auf.

Anja musterte Richy verstohlen. Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen. Er war plötzlich so anders – so still. »Du solltest mit mir darüber reden«, sagte sie schließlich.

»Reden?« Richy sah sie irritiert an. »Worüber denn, Mäuschen?«

»Denkst du, ich sehe nicht, dass dich irgendetwas beschäftigt?«

Er lehnte sich zurück und bemühte sich dabei, seinem Blick einen unbekümmerten Ausdruck zu verleihen. »Wir kennen uns schon so lange, dass du in meinem Gesicht liest wie in einem offenen Buch, nicht wahr?«

Anja lächelte. »Es wird dir von Jahr zu Jahr schwerer fallen, mir etwas zu verheimlichen.«

Richy gab sich einen Ruck. »Na schön ...«, begann er, sprach dann aber nicht weiter, sondern suchte nach Worten.

Anja wartete.

Er sah sie nicht an. »Mäuschen ...«

»Ja?«

»Ich habe dir dieses verlängerte Wochenende nicht ohne Grund vorgeschlagen.«

»Aha!«

»Ich ... ich wollte mit dir zusammen sein. Tag und Nacht. Weil ...«

»Weil?«, hakte Anja aufgeschreckt nach.

»Weil ...« Jetzt sah er sie an, und das fanatische Feuer, das sie so gut kannte, loderte wieder in seinen Augen. »Weil wir uns nun eine Zeitlang nicht sehen können.«

Anja hob verdutzt die Augenbrauen. »Sieh einer an ...« Mehr fiel ihr spontan nicht ein. Wollte Richy mit ihr Schluss machen, oder was sollte der Unsinn?

»Ich wollte es dir schon die ganze Zeit sagen, aber es ergab sich nie der richtige Augenblick.«

»Hier und jetzt ist der richtige Augenblick, wie?« Anja hatte Mühe, ruhig zu bleiben. »Hier kann ich nicht laut werden, nicht wahr? Der Ort ist ideal gewählt.«

»Du hast verlangt, dass ich mit dir darüber rede, was mich beschäftigt«, erinnerte er sie.

»Dann leg mal los!«, forderte sie ihn auf. »Ich bin gespannt wie ein Regenschirm.«

»Ich habe dir doch von diesen Geschäftsleuten erzählt.«

Anja holte tief Luft. Also darum ging es! »Ja – und?«

»Ich hatte Glück.«

»Was heißt das, du hattest Glück?«

»Ich konnte mich mit ihnen einigen«, verkündete Richy und strahlte mit einemmal über das ganze Gesicht.

»Worauf?« Anja hatte plötzlich ein ungutes Gefühl.

»Dass sie mich an ihrem großen Deal teilnehmen lassen«, verriet er ihr mit Hektikflecken auf den Wangen. Allmählich kam er in Fahrt. »Das wird das Geschäft meines Lebens, Mäuschen!«

Anja seufzte innerlich auf. Wie oft hatte sie das schon gehört! »Du wirst wieder auf die Nase fallen«, sagte sie nüchtern.

»Diesmal bestimmt nicht. Das ist eine todsichere Sache.«

»Muss ich dich daran erinnern, wie die letzte todsichere Sache ausging?«

»Aber Mäuschen! Das war Pech, eine Verkettung widriger Umstände.«

»Und die todsichere Sache davor?«

Richard sah sie gekränkt an. »Du solltest mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten haben, Mäuschen.«

»Was sind das für Leute, mit denen du diesen großen Deal durchziehen möchtest?«

»Es würde zu weit führen, dir zu erklären ...«

»Wo hast du sie kennengelernt? Wie bist du auf sie gestoßen? Oder haben sie dich angesprochen? Was für ein Supergeschäft ist das überhaupt? Darf ich Einzelheiten erfahren? Oder ist die Sache nicht ganz legal?«

»Selbstverständlich ist sie legal!« Richy war ehrlich entrüstet. »Was denkst du denn von mir? Dass ich mich auf krumme Geschäfte einlasse? Ich dachte, du kennst mich so gut! Wie kannst du mir da so etwas zutrauen?«

»Wofür brauchen dich diese Leute, Richard?«, hakte Anja unbeirrt nach.

Richy beugte sich vor, feuchtete mit der Zungenspitze aufgeregt die Lippen an und stützte die Ellenbogen auf den Tisch. Dann beugte er sich nach vorne und bildete eine Art Trichter, als sollte niemand mitbekommen, was er Anja nun anzuvertrauen gedachte. »Diese Sache ist heißer als ein Pizzaofen, Mäuschen. Natürlich muss ich mich da voll reinknien, aber Schwerarbeit hat mich noch nie abgeschreckt, das weißt du. Ich kann schuften wie ein Tier, wenn es sein muss – und wenn die Kasse stimmt. Und die wird diesmal in Ordnung sein, das schwöre ich dir.«

»Ach Richy ...«

»Ich weiß, was du sagen willst. Spar dir den Atem! Ich hatte noch nie ein so gutes Gefühl wie diesmal. Ich habe mit diesen Leuten das ganz große Los gezogen. Die akzeptieren nicht jeden als Partner. Die haben ziemlich stark gesiebt. Nur die Besten dürfen mit ihnen zusammenarbeiten. Dementsprechend hoch ist auch der Gewinn, den wir erzielen werden. Gute Partner kann man nicht mit einem Butterbrot abspeisen, das wissen die.«

Anja sah ihn ernst an. »Richy, du bist wie ein Politiker.«

»Wieso?«

»Du redest viel – und sagst eigentlich nichts. Worum geht es bei diesem Riesendeal denn nun? Kannst du mir das nicht sagen?«

»Natürlich kann ich.«

»Warum tust du’s dann nicht endlich?«, fragte Anja ungeduldig.

Richy rückte näher an den Tisch heran. »Ich steige ganz groß im Wilden Osten ein. Eine Superchance! Du hast ja keine Ahnung, was für ein Riesenmarkt das ist.«

»Ein Markt ohne Geld.«

»Quatsch! Die Menschen in den neuen Bundesländern haben schon Geld.«

»Woher?«

»Na, gespart«, meinte Richy kopfschüttelnd. »Die hatten doch all die Jahre vor der Wende keine Gelegenheit, welches auszugeben. Also stopften sie’s in ihren Sparstrumpf – und an den machen wir uns jetzt ran.«

»Wir?«

»Ich gehe mit einer Vertreterkolonne rüber und werde da in den nächsten Wochen ganz schön aktiv werden.«

»Was habt ihr den reichen Leuten in den neuen Bundesländern denn anzubieten?«

Richy Antwort klang triumphierend. »Das, was sie am dringendsten brauchen!«

Der Kloß in Anjas Hals wurde immer dicker. Sie musste zweimal schlucken, bis sie weiterreden konnte. »Und was ist das?«

»Haushaltsgeräte! Küchen-High-Tech. Bester West-Standard. Wir sind keine Lohnsklaven und keine Provisionsritter. Jeder von uns arbeitet völlig selbständig, kann seine Verkaufsstrategie nach eigenem Ermessen entwickeln und durchziehen. Wir haben total freie Hand und sind unsere eigenen Herren.«

»Hört sich ja großartig an.« Anjas Stimme klang spöttisch, doch Richy bekam in seiner Begeisterung mal wieder nichts mit.

»Es ist großartig.«

»Und wo ist der Haken?«

»Es gibt keinen Haken«, behauptete Richard im Brustton der Überzeugung. »Wie kommst du darauf, dass es einen Haken gibt?«

»Weil es bei deinen bisherigen Geschäften immer einen gegeben hat.«

Richy rümpfte unwillig die Nase. »Kannst du nicht vergessen, was war? Man muss nach vorn sehen, nicht zurück. Man muss positiv denken, Mäuschen. Ich werde in den neuen Bundesländern eine Menge Kohle machen.« Er schlug sich mit beiden Händen strahlend auf die Brust. »Vor dir sitzt ein reicher Mann.«

Anja war immer noch skeptisch. »Und wer trägt bei diesem Supergeschäft das Risiko?«

»Was für ein Risiko denn? Diese Geräte verkaufen sich praktisch von selbst. Wir brauchen sie den Menschen nur zu bringen. Sie brauchen sie. Sie wollen sie haben. Sie werden sie uns aus den Händen reißen.«

»Ich nehme an, man bezahlt dir kein Kilometergeld ...«

»Ich bin gewissermaßen meine eigene Handelsfirma.«

» ... und keine Tagegelder ...«

»Sobald ich die Geräte gekauft habe, gehören sie mir, und ich kann damit tun, was ich will. Dann habe ich mit meinen Geschäftspartnern so lange nichts mehr zu tun, bis ich Nachschub brauche.«

Anja nickte heftig. »Aha, jetzt ist es raus!«

»Was ist raus?«

»Das ist der Pferdefuß! Du musst die Haushaltsgeräte zuerst kaufen!«

»Ja, und dann kann ich sie an jeden verscherbeln, der sie haben will – zu einem Preis, den ich festsetze.«

»Und was machst du mit dem Gerümpel, wenn sich niemand dafür interessiert?«

Richy sah sie finster an. »Gerümpel! Ich hab’ dir doch gesagt ...«

»Nehmen wir an, die Menschen drüben mögen diese Geräte nicht.«

»Warum sollten sie sie nicht mögen?«

»Nehmen wir es nur mal an«, sagte Anja hartnäckig. »Was dann?«

»Darüber brauche ich mir wirklich keine Gedanken zu machen. Die Geräte werden weggehen wie warme Semmeln.«

»Und wenn nicht? Kannst du sie deinen Partnern dann zurückgeben?«

»Natürlich nicht.«

»Dann siehst du auch dein Geld nicht wieder.«

Richard winkte verdrossen ab. »Ich glaube, es hat keinen Sinn, mit dir weiter über dieses Thema zu reden. Du bist die geborene Schwarzseherin. Du hast keinen Unternehmungsgeist, und dir fehlt der nötige Weitblick, um erkennen zu können, dass das eine ganz tolle Sache ist.«

»Hast du schon Geld in diese tolle Sache gesteckt?«

»Ja.«

»Wieviel?«, wollte Anja wissen.

»Ein paar tausend Mark. Aber die hole ich in wenigen Wochen wieder raus und mache obendrein noch einen satten Gewinn.«

Anja konnte es nicht fassen: Richy glaubte das allen Ernstes!

Diese cleveren Geschäftsleute, an die er geraten war, hatten ihn großartig präpariert. Es mochte ja angehen, dass sie gründlich gesiebt hatten. Jedoch nicht, um die besten Verkaufsgenies zu finden, sondern um die leichtgläubigsten Typen zu ermitteln und ihnen dann ihren Küchenramsch, den sie vermutlich in keinem Kaufhaus unterbringen konnten, anzudrehen.

Die Sache stinkt!, schrie es in Anja. Sehr penetrant sogar. Aber Richy merkte es nicht einmal. Er wollte es nicht merken, und er war auch nicht bereit, auf sie zu hören, das war deutlich geworden. Sie hatte ja keine Ahnung von tollen Geschäften. Hatte sie auch nicht. Aber einen gesunden Menschenverstand – den hatte sie, das wusste sie. Richy ging er leider völlig ab.

Der Regen ließ nach.

»Gehen wir«, sagte Anja niedergeschlagen.

»Ich würde dich ja mitnehmen«, meinte Richard. »Aber ich werde da drüben ziemlich eingespannt sein ... Ein paar Wochen ohne mich ... Du wirst sie überleben. Und wenn ich zurückkomme, unternehmen wir wieder etwas wie dieses Wochenende, okay?« Er winkte dem Kellner und bat um die Rechnung. Kurz darauf verließen sie das Restaurant.

Anja durfte bis zur nächsten Tankstelle fahren. Leider hatte sie das Pech, dass der Tankdeckel klemmte. Mit einem breiten Lächeln stieg Richy aus.

»Lass mich das machen, Mäuschen!«, sagte er von oben herab, als wüsste er, dass sie ohne ihn in sämtlichen Lebenslagen aufgeschmissen war – und bei ihm hüpfte der Deckel dann tatsächlich fast von selbst vom Einfüllstutzen. Der Blick, den Richy ihr zuwarf, sprach Bände.

Anja ärgerte sich maßlos, schwieg aber verbissen – auch als der Tankwart auftauchte und sich erkundigte, ob sie Probleme mit dem Tankverschluss hätten.

Richard grinste. »Ich nicht.« Er bedachte Anja mit einem liebevoll-spöttischen Blick. »Frauen haben mit der Technik eben ihre liebe Not.«

Anja hätte ihn am liebsten in die Rippen geboxt. Der Tankwart grinste verständnisinnig. Männer! dachte Anja mit dumpfem Groll im Bauch.

»Sie versüßen uns das Leben«, sagte Richy großspurig zum Tankwart und sah sie dabei an. »Aber für praktische Dinge fehlt ihnen jegliches Verständnis. Wenn es hochkommt, wissen sie gerade noch, wie man eine Autotür öffnet und den Zündschlüssel ins Schloss steckt. Dann ist für sie aber auch schon Feierabend.«

Diese Äußerung machte Anja so wütend, dass sie sich schwor, Richy das Gegenteil zu beweisen.

6. Kapitel

»Na, wie war’s am Chiemsee?«, fragte Claudia. Sie und Anja saßen in ihrer gemütlichen Mansardenwohnung und tranken Eistee.

»Schön – alles in allem.«

Claudia horchte auf. »Das hört sich nicht sehr begeistert an. Hattest du Ärger mit Richy?«

»Erst am letzten Tag.«

»Hattet ihr Streit?«

»Richtig gestritten haben wir eigentlich noch nie«, meinte Anja nachdenklich und spielte mit dem Löffel in ihrem Glas.

Claudia schmunzelte. »Hat Richy dich genervt?«

»Ich hasse es, wenn er mich immer als das allerletzte Dummchen hinstellt, das über seine eigenen Füße stolpert, sobald er es nicht an der Hand führt. Alles, was Richy kann, traue ich mir auch zu, und vielleicht kann ich einiges sogar besser als er. Das werde ich ihm beweisen, damit diese blöde Bevormundung ein für allemal ein Ende hat«, sagte Anja leidenschaftlich.

Das Telefon läutete. Claudia stand auf, stellte den CD-Player leiser und nahm den linken Ohrclip ab, bevor sie nach dem Hörer griff und sich meldete.

Ihr freundlicher Gesichtsausdruck wurde im Handumdrehen abweisend. »Hör mal, was soll das?«, blaffte sie ungehalten in den Hörer. »Willst du mich mit ’nem hartnäckigen Telefonterror nerven? Wie oft soll ich dir noch sagen, du sollst mich nicht mehr anrufen?«

Anja sah die Freundin neugierig an.

»Das ist mir egal!«, wurde Claudia energisch. »Du interessierst mich nicht mehr! Ich bin mir dir fertig! Ich will von dir nichts mehr wissen!«

Der Anrufer sagte etwas.

»Ich will, dass du mich endlich in Ruhe lässt!«, herrschte Claudia ihn an und knallte den Hörer auf die Gabel. »Was bildet der sich eigentlich ein?«, fauchte sie.

»Wer?«

»Sven. Plötzlich liebt er mich wieder ganz schrecklich. Ich soll ihm seinen Fehltritt verzeihen. Es wird nicht wieder vorkommen – behauptet er. Schließlich sei einmal doch keinmal. Und ich könne doch nicht so grausam zu ihm sein ... Jeden Tag ruft er mich an – hier, in der Agentur. Ich sage ihm jedesmal, er soll mich in Ruhe lassen ... Du hast es gehört. Aber er will einfach nicht begreifen, dass es endgültig aus ist.«

»Er hofft wahrscheinlich, dass du irgendwann weich wirst.«

»Niemals. Lies es von meinen Lippen: N-i-e-m-a-l-s!«

»Setz dich«, schlug Anja beschwichtigend vor. »Und beruhige dich.«

»Der Typ macht mich fertig«, seufzte Claudia.

»Vergiss ihn!«

Claudia ließ sich auf die Couch fallen. »Wie kann ich das, wenn er ständig anruft?«

»Empfindest du wirklich nichts mehr für ihn?«

»Na, hör mal ...«

»Wenn er dir tatsächlich völlig egal wäre, würden dich seine Anrufe kaltlassen«, analysierte Anja Claudias Verhalten. »Du sagst zwar, es ist aus, aber so überzeugend klingt das für mich nicht. Und für Sven wohl auch nicht. Deshalb lässt er dir auch keine Ruhe!«

Claudia widersprach nicht. Für Anja war das ein Beweis dafür, dass sie den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Über kurz oder lang würden Sven und Claudia wieder zusammen sein. Vorausgesetzt, Sven übertrieb es jetzt nicht mit seinen Anrufen.

Um die Freundin abzulenken, erzählte Anja, was sie und Richy am Chiemsee unternommen hatten. Irgendwann kam sie natürlich auch auf Richys Pläne zu sprechen. »Ich fürchte, ihm steht bald wieder eine berufliche Bruchlandung bevor.« Sie zählte die letzten Misserfolge auf.

Claudia schüttelte verständnislos den Kopf. »Dass er nicht gescheiter wird.«

»Er ist diesmal an Leute geraten, die ihm eine Menge Geld abgeknöpft haben.«

»Wieviel?«

»Ein paar tausend Mark. Die genaue Summe hat Richy mir nicht verraten.«

»Ein paar tausend Mark? Wofür?«

Anja erzählte bereitwillig, was sie von Richards tollem Geschäft wusste.

»Liebe Güte, Anja, wie lange willst du dir das noch ansehen?«

»Du verblüffst mich, Claudia. Es ist noch nicht lange her, da hast du hier, in diesem Zimmer, gesagt, ich wäre um Richy zu beneiden. Er habe immerzu neue großartige Pläne, sein Unternehmungsgeist imponiere dir und und und ...«

»Ich hatte keine Ahnung, dass ihm schon so viel danebengegangen ist«, verteidigte sich Claudia.

»Ich hoffe für ihn, dass dieses große finanzielle Abenteuer gutgeht.«

»Konntest du ihn denn nicht davon abhalten?«

Anja seufzte schwer. »Wie denn? Er stellte mich doch vor vollendete Tatsachen. Außerdem habe ich – die kleine Kunststudentin, die noch nichts vom Leben weiß – seiner Meinung nach doch keinen blassen Schimmer von einem großen, profitträchtigen Geschäft. Er wäre doch verrückt, wenn er auf mich hören würde.«

»Er ist verrückt, weil er nicht auf dich hört«, sagte Claudia mit gefurchter Stirn. »Er wird also mit dem Gerümpel, das er gekauft hat, die neuen Bundesländer bereisen und krampfhaft versuchen, es an den Mann zu bringen. Und du?«

»Was – und ich?«

»Richy wird etliche Wochen unterwegs sein. Was wirst du in dieser Zeit machen?«

Anja hob die Schultern. »Was weiß ich. Einen schlechten Eindruck höchstwahrscheinlich.«

»Du möchtest doch, dass ich dich bei Dellmann & Meisel unterbringe, wenn du mit dem Studium fertig bist.«

»Das war deine Idee ...«

»Ich könnte dir jetzt schon zu ein paar Schnupperwochen in unserer Agentur verhelfen.«

»Wie das? Als ich dich vor zwei Monaten fragte, ob bei euch ein Ferienjob für mich drin wäre, hast du nein gesagt.«

Claudia schmunzelte. »Das Leben ist eben voller Überraschungen. Die Dinge ändern sich ständig. Und des einen Leid ist des anderen Freud.«

Anja schüttelte den Kopf. »Du sprichst in Rätseln.«

»Dann will ich deutlicher werden«, erwiderte Claudia. »Bei uns sind überraschend zwei Grafiker ausgefallen. Den einen hat eine ausgewachsene Sommergrippe erwischt, der andere kam im Freibad vom Zehnmeterturm schlecht ab und liegt nun mit schweren Prellungen im Krankenhaus. Hinzu kommt, dass einer unserer beiden Chefs zwei Großaufträge an Land gezogen hat und wir somit ganz dringend Hilfe benötigen.«

Anja war begeistert. »Das ist ja toll! Ich bin dabei.«

»Okay. Ich muss das nur noch mit meinem Chef abklären. Wann kannst du anfangen?«

»Jederzeit.«

»Na, dann am besten gestern«, schmunzelte Claudia. »Ich ruf dich morgen früh gleich an, ob das in Ordnung geht.«

Anja strahlte. »Du, Claudia, ich finde es super von dir, dass du an mich gedacht hast.«

»Na, hör mal, sind wir Freundinnen oder nicht?«

*

»Ich arbeite ab morgen bei Dellmann & Meisel!«, verkündete Anja zwei Tage später fröhlich, als sie nach Hause kam.

»Großartig«, freute sich ihre Mutter mit ihr.

»Dann sage ich Karl Meixner, meinem Kollegen, dass seine Tochter, die bis jetzt noch nichts gefunden hat, an deiner Stelle bei uns arbeiten kann«, sagte Anjas Vater. Er hatte in seiner Firma für sie einen Job als Aushilfstelefonistin ergattert.

»Ach, übrigens. Da war ein Anruf für dich«, erinnerte sich Frau Burger. »Ich hatte es ganz vergessen.«

»Für mich?«, wunderte sich Anja. »Wann denn?«

»Am Samstag.«

»Wer wollte mich sprechen?«

»Ein junger Mann.«

Anja musste sofort an Markus denken. »Hat er seinen Namen genannt?«

»Ja ... Latzke oder so.«

»Ratke?«

»Ratke. Richtig. Ja. Markus Ratke. Er meinte, es wäre sehr wichtig für ihn, dich zu sehen.«

Das kann ich mir vorstellen, dachte Anja und lächelte in sich hinein.

»Wer ist denn dieser Markus Ratke?«, fragte Frau Burger betont beiläufig. »Woher kennst du ihn? Du hast seinen Namen meines Wissens noch nie erwähnt.«

Anjas Vater war damit beschäftigt, einen Haarfön zu reparieren. Er hatte das Gerät völlig zerlegt und die Einzelteile fein säuberlich auf dem Wohnzimmertisch nebeneinandergelegt. Er war der geborene Bastler, und Anja bildete sich ein, dass auch in ihr ein wenig von dieser Begabung schlummerte.

»Och«, antwortete sie auf die Frage ihrer Mutter, »ich stieß mit meinem Wagen kürzlich beim Einparken gegen seinen Mercedes. So haben wir uns kennengelernt.«

Ferdinand Burger hielt mit seiner Pusselei inne. »Davon hast du uns ja gar nichts erzählt.«

»Es ist nichts passiert. Ich habe Leopold nicht beschädigt.«

»Leopold? Ich dachte, der Besitzer des Mercedes heißt Markus?«

Anja nickte. »Das stimmt.«

»Und wer ist Leopold?«

»Der Mercedes«, verriet Anja ihren Eltern lächelnd.

»Wenn Markus Ratke nun sagt, es wäre wichtig für ihn, dich zu sehen ....«, überlegte Anjas Mutter laut, »vielleicht hat er dann nachträglich einen Schaden an seinem Wagen entdeckt.«

»Das glaube ich nicht«, sagte Anja. »Markus möchte mich nur sehen, weil ich ihm gefalle.« Sie schmunzelte versonnen. »Es besteht sogar die Möglichkeit, dass er sich in mich verliebt hat.«

Anja stand schon um sechs Uhr früh auf, obwohl sie erst um acht Uhr in der Agentur sein musste. Aber sie wollte sich nicht abhetzen müssen.

Sie war nervös. Natürlich war sie nervös. Schließlich wollte sie den allerbesten Eindruck machen und sich womöglich jetzt schon für eine spätere Festanstellung qualifizieren. Man sollte sehen, dass sie Ideen und Talent hatte.

Anjas Mutter merkte nichts von der Nervosität ihrer Tochter, denn nach außen hin war Anja total cool, als würde sie schon seit Jahren bei Dellmann & Meisel arbeiten.

Ferdinand Burger kam gähnend aus dem Schlafzimmer. »Guten Morgen.«

»Guten Morgen, Paps«, erwiderte Anja.

»Was um alles in der Welt machst du denn schon auf?«

»Heute ist ein großer Tag für mich.«

»Du wirst wie eine Bombe einschlagen. Die werden dich gleich behalten wollen.«

»Keine Sorge, mein Studium mache ich auf jeden Fall fertig«, beruhigte Anja ihren Vater lächelnd. »Danach können sie mich aber gerne haben.«

Ferdinand Burger brummte etwas Undefinierbares und verschwand im Bad.

Nachdem sie alle drei gefrühstückt hatten, verabschiedete er sich von Anja mit den aufmunternden Worten: »Du packst das schon, da mache ich mir überhaupt keine Sorgen.«

Wenig später saß Anja in ihrem Polo und fuhr los.

*

Die Werbeagentur befand sich in einem modernen einstöckigen Neubau. Der Rasen davor war kurz geschnitten. Bizarre Feuerdornsträucher waren großzügig auf der Grünfläche verteilt.

Über einen Weg aus Natursteinplatten erreichte Anja den Firmeneingang, neben dem in großen weißen Buchstaben Werbeagentur Dellmann & Meisel prangte.

Anjas Herz klopfte heftig.

Claudia nahm sie an der Tür in Empfang. »Hallo! Ich habe dich kommen sehen. Na, aufgeregt?«

»Ziemlich«, gab Anja ehrlich zu.

»Niemand wird dir den Kopf abreißen«, machte ihr Claudia Mut. »Du bist nicht als Bittstellerin hier, sondern weil wir dich dringend brauchen. Also komm! Einer unserer beiden Chefs ist bereits im Haus.«

»Welcher?«

»Kurt Dellmann.«

»Wer ist netter? Er oder sein Partner?«

»Sie sind beide gleich nett«, antwortete Claudia. »Ich hab’ inzwischen mit Herrn Dellmann dein Gehalt ausgehandelt. Er wollte dir zwölfhundert Mark im Monat geben. Ich habe ihm einen Hunderter mehr entlockt. Ich hoffe, es ist dir recht.«

»Scherzkeks!« Anja strahlte.

In Kurt Dellmanns Vorzimmer saß eine elegant gekleidete Sekretärin, die einen sehr netten Eindruck machte. Sie war auch sehr nett, wie sich herausstellte.

»Ich bin Vera Ploner«, stellte sie sich vor. »Willkommen an Bord! Am besten duzen wir uns gleich, Anja. Das erleichtert den Umgang. Einverstanden?«

Anja konnte nur stumm nicken.

»Ihr könnt übrigens gleich reingehen«, sagte sie noch, dann beugte sie sich wieder über ihren Schreibtisch.

Kurt Dellmanns Büro war nicht groß, aber sehr gemütlich, obwohl der Raum leicht chaotisch aussah.

Anjas zukünftiger Chef erhob sich sofort, als Claudia eintrat, und kam hinter seinem breiten Ebenholzschreibtisch hervor.

»Hier ist sie, Herr Dellmann«, begann Claudia. »Das ist meine Freundin Anja Burger. Anja, dies ist Herr Dellmann, der reizendste, toleranteste, verständnisvollste und großzügigste Chef, den man sich wünschen kann.«

Kurt Dellmann – sehr drahtig, sehr distinguiert, sehr sympathisch – schmunzelte. »Wollen Sie etwa schon wieder mehr Geld, Frau Pesch? Wenn ich mich recht erinnere, liegt Ihre letzte Gehaltserhöhung höchstens vier Monate zurück.«

»Das ist richtig, Herr Dellmann, und ich bin mit meinem Gehalt auch recht zufrieden.«

Dellmann gab Anja die Hand. »Schön, dass Sie es mit uns wagen wollen. Aber setzen Sie sich doch!« Er wies auf eine schwarze Ledercouch.

Anja und Claudia setzten sich.

»Möchten Sie Kaffee? Tee? Einen Fruchtsaft?«, erkundigte sich Herr Dellmann freundlich, bevor er selbst Platz nahm.

Anja und Claudia schüttelten synchron den Kopf.

Es gab nicht mehr viel zu besprechen. Claudia hatte gute Vorarbeit geleistet. Und da Kurt Dellmann viel zu tun hatte, dauerte das Vorstellungsgespräch auch nur sieben Minuten.

Anja und Claudia standen auf, als das Telefon schrillte.

»Dann ist ja soweit alles klar«, bemerkte Claudia.

»Von mir aus ja«, gab Dellmann zurück. »Falls sich noch irgendwelche Fragen ergeben sollten, Frau Burger – ich bin für meine Mitarbeiter immer zu sprechen. Genauso hält es Herr Meisel, mein Partner. Frau Pesch wird Ihnen das bestätigen.« Das Schrillen des Telefons vermochte ihn nicht aus der Ruhe zu bringen.

»Was Anja sonst noch wissen muss, erfährt sie von mir«, sagte Claudia. »Und zudem gibt es ja noch Herrn Fuchs.«

Kurt Dellmann nickte zufrieden, dann hob er endlich ab und meldete sich mit ruhiger, freundlicher Stimme.

»Der hat die Ruhe weg, was?«, schmunzelte Claudia, als sie mit Anja vor Dellmanns Büro stand. »Es kann hier noch so hoch hergehen, er bleibt bedacht, gelassen und freundlich.«

Sie führte Anja durch die Abteilungen, um sie ihren Kollegen vorzustellen. Viele Namen kannte Anja bereits. Claudia erzählte ihr ja immer wieder, was in der Firma lief. Nun lernte Anja die Gesichter zu den Namen kennen.

Den Werbetexter Daniel Matt hatte sie sich anders vorgestellt. Vor ihm solle sie sich in acht nehmen, hatte Claudia ihr eindringlich geraten. Er sei der größte Schürzenjäger der Agentur. Dabei machte Daniel Matt auf Anja den Eindruck, als könne er nicht bis drei zählen. Er war weder besonders attraktiv noch besonders anziehend. Er war eher ein Durchschnittstyp: unauffällig, unscheinbar, schmächtig, nachlässig gekleidet.

Anja gab ihm die Hand.

»Echt stark, deine Freundin, Claudia«, stellte er beeindruckt fest.

»Aber nichts für dich«, gab Claudia zurück und drohte ihm mit dem Finger.

»Würd’ ich nicht sagen.«

»Anja hat bereits einen Freund.«

Daniel hob die Schultern. »Na und?«

Weder Claudia noch Anja reagierten darauf.

Thomas Fuchs, der Chefgrafiker der Agentur, war ein ernster Mann, dem nichts wichtiger zu sein schien als seine Arbeit. Die Skribbles, die Anja auf seinem Zeichentisch entdeckte, wiesen ihn zweifelsfrei als Könner aus. Claudia hatte recht, das musste Anja zugeben. Der Mann hatte echt was los.

Er brauchte keine Fragen mehr zu stellen, denn auch er war von Claudia hinlänglich über Anja informiert worden. Er zeigte ihr ihren Arbeitsplatz und deckte sie mit Layouts ein, von denen sie Reinzeichnungen anfertigen sollte.

Anjas anfängliche Skepsis und Nervosität legten sich bald. Sie wusste, was sie konnte, und fühlte sich keineswegs überfordert.

Die Stunden ihres ersten Arbeitstages rasten nur so dahin. Anja machte die Arbeit riesigen Spaß. Zwischendurch lernte sie auch den zweiten Chef der Agentur kennen. Eine Einladung von Daniel zum Mittagessen lehnte sie ab. Der Typ lässt wirklich nichts anbrennen, schoss es ihr dabei durch den Kopf.

Zu Mittag aß sie mit Claudia einen Hamburger an einen nahe gelegenen Imbissstand und ging anschließend mit ihr noch eine halbe Stunde spazieren. Wieder am Arbeitsplatz, stürzte sie sich kopfüber ins Vergnügen und machte mit Feuereifer weiter.

Anja sah erst wieder von ihrer Arbeit auf, als Claudia ihr die Hand auf die Schulter legte und »Feierabend!« rief.

*

»Und?«, erkundigte sich Roswitha Burger am Abend interessiert. »Wie war dein erster Arbeitstag?«

»Phantastisch!« Anjas Begeisterung war nicht gespielt. »Was ich zu tun hatte, war für mich keine Arbeit. Ich finde es toll, dass man mir für etwas, das mir Spaß macht, auch noch dreizehnhundert Mark zahlt.«

Frau Burger schmunzelte. »Lass das deine Chefs nicht hören.«

»Die sind in Ordnung.«

Anja verschwand in ihrem Zimmer und zog sich um. Sie war mit Richy verabredet. Es war ihr letzter gemeinsamer Abend für die nächste Zeit. Es wäre schön gewesen, wenn er hierbleiben würde, schoss es Anja durch den Kopf. Aber das konnte er nicht. Er hatte diese Geräte gekauft und musste sie nun irgendwie loswerden. Wenn er ihr doch nur mehr erzählt hätte, bevor er in dieses Supergeschäft eingestiegen war! Vielleicht wäre es ihr gelungen, ihm davon abzuraten. Versucht hätte sie’s.

Man müsste das Rad der Zeit zurückdrehen können, dachte Anja leise seufzend.

Als Richy kam, war sie noch im Bad und schminkte sich.

Frau Burger klopfte an die Tür. »Anja, Richard ist da!«

»Ich komme sofort!«

Anjas Eltern wussten noch nichts von Richards großem Deal im »Wilden Osten«. Es hatte sich noch keine Gelegenheit ergeben, darüber zu reden. Anja hatte begreiflicherweise auch keine große Lust dazu verspürt.

Als sie im Wohnzimmer erschien, erzählte Richy gerade begeistert von seinem Supercoup. Anja wäre es lieber gewesen, er hätte es nicht getan. Aber er war vom Erfolg dieser Sache so überzeugt, dass er alle an seiner großen Freude teilhaben lassen wollte.

Anja warf ihm einen missbilligenden Blick zu, den er jedoch ignorierte.

»Du hast uns nichts von diesem Geschäft in den neuen Bundesländern erzählt, Anja«, sagte Frau Burger. Ein leiser Vorwurf schwang in ihrer Stimme mit.

»Ich weiß es selber noch nicht lange«, verteidigte sich Anja.

Richy erhob sich. »Hallo, Mäuschen«, begrüßte er sie. Dann wandte er sich Anjas Mutter zu. »Sie haben eine sehr hübsche Tochter, Frau Burger.«

Bevor ihre Mutter etwas sagen konnte, fragte Anja schnell: »Gehen wir?« und zog Richard mit sich.

»Auf Wiedersehen, Frau Burger. Ich werde nun leider eine Weile durch Abwesenheit glänzen. Aber ich komme bestimmt wieder – mit den Taschen voller Geld.«

»Auf Wiedersehen, Richard!«, rief Anjas Mutter ihm hinterher. »Und viel Glück für deine großen Geschäfte!«

*

»Morgen geht es los«, schwärmte Richy auf dem Weg zu seinem Wagen. »Morgen beginnt der Ernst des Lebens.« Tatendurst glänzte in seinen Augen. »Es ist eine große Herausforderung. Ich werd’ das packen, Mäuschen. Ich habe ein großartiges Gefühl.«

»Musstest du unbedingt meiner Mutter davon erzählen?«

»Warum darf sie es nicht wissen? Ich tue nichts Verbotenes.«

Nein, dachte Anja verstimmt. Aber du tust etwas, das man verbieten sollte.

Richys Auto war wieder in Ordnung.

»Wohin fahren wir?«, wollte Anja wissen, als sie im Wagen saßen.

»Wir essen in der Alten Mühle. Ich habe einen Tisch bestellt.«

»In so einem teuren Lokal?«

»Das setz’ ich von der Steuer ab.« Richard grinste.

7. Kapitel

Die Alte Mühle war ein sehr vornehmes Lokal. Dicke Perserteppiche lagen auf dem Terrakottaboden, wohin man schaute, gab es Antiquitäten.

Anja war mit Richy schon einige Male hier gewesen, wenn es etwas zu feiern gegeben hatte: seinen Geburtstag, ihren Geburtstag oder eines von Richy abgeschlossenen kleinen Geschäften. Heute würde es eine Abschiedsfeier sein. Morgen würde Richy mit der Vertreterkolonne gen Osten ziehen, und es stand momentan noch in den Sternen, wann sie sich wiedersehen würden.

Der reservierte Tisch war hübsch gedeckt. Anja und Richard bestellten einen Aperitif und vertieften sich dann in die Speisekarte.

Richy entschied sich für die Lammmedaillons. »Die schmecken hier ganz ausgezeichnet. Hast du auch schon was gefunden?«

»Ich schwanke zwischen den Tournedos mit Mandelsplittern und dem indonesischen Curryfleisch.«

Richy hob die Schultern. »Da kann ich dir nicht helfen.«

»Ich werde die Tournedos nehmen.«

»Okay.«

Sie legten die Karten beiseite.

Sekunden später stand der Kellner an ihrem Tisch und nahm ihre Bestellung auf.

Richard nahm sich ein warmes Brötchen aus dem Körbchen, das ein Serviermädchen unauffällig gebracht hatte. »Iss auch eines«, forderte er Anja auf.

Sie schüttelte den Kopf. »Ich warte auf die Tournedos.«

»Wie du willst.« Richy sah sich um. »Ein schöner Rahmen für unseren letzten Abend.«

Anja wurde ernst.

Richard lächelte. »Nicht traurig sein, Mäuschen. Ich komme ja wieder.«

»Aber wann?«

»Vielleicht schon sehr bald. Sowie ich meine Ware an den Mann gebracht habe, sehen wir uns wieder. Und dann kommen wir wieder hierher, okay?«

Anja seufzte. »Ach Richy ...«

»Für ’nen großen Erfolg muss man bereit sein, Opfer zu bringen, Mäuschen.«

»Ich hoffe, es ist diesmal wirklich ein gutes Geschäft«, sagte Anja.

Er schaute ihr in die Augen. »Und ich hoffe, du wirst mich ein klein wenig vermissen.« Er nahm einen Schluck von seinem Aperitif. »Drückst du mir die Daumen, Mäuschen?«

»Natürlich«, antwortete sie. Aber ich fürchte, es wird nichts nützen, dachte sie. Sie hatte ihm bislang bei allen seinen Luftgeschäften erfolglos die Daumen gedrückt ...

Eine innere Stimme ermahnte sie: Sieh doch nicht immer so schwarz! Aber hatte sie nach Richards vielen Misserfolgen nicht allen Grund dazu?

Das Essen wurde serviert.

»Sieht lecker aus«, sagte Richard. »Und wie das duftet! Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Guten Appetit, Mäuschen.«

Anja griff nach ihrem Besteck. »Wünsche ich dir auch.«

»Phantastisch! Traumhaft!« Bei jedem Bissen, den er in den Mund schob, überschlug sich Richy vor Begeisterung. »Wie sind deine Tournedos?«

Anja schmunzelte. »Wenn ich sagte, sie wären ungenießbar, würde ich mächtig lügen.«

»Du hast mir noch nicht erzählt, wie dein erster Tag bei Dellmann & Meisel war.«

»Du hast mich noch nicht gefragt.«

»Dann tu’ ich’s jetzt: Wie war’s in der Agentur?«

»Bestens.«

»Fühlst du dich wohl dort?«

»Ja, sehr.«

»Wie ist die Arbeit?«

»Sie befriedigt mich«, antwortete Anja.

»Wieviel bezahlt man dir?«

»Dreizehnhundert.«

»Pro Woche?« Richard grinste.

»Spinner!« Anja warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

»Sind deine Kollegen nett zu dir?«

Anja musste unwillkürlich lächeln. »Ja. Besonders einer. Er hat bereits versucht, mich anzubaggern.«

Richy zog unwillig die Augenbrauen zusammen. »Sag ihm, er soll das gefälligst seinlassen! Sonst bekommt er eine Bombendrohung von mir.«

»Er soll laut Claudia ein großer Schürzenjäger sein«, berichtete Anja bereitwillig.

»Das gefällt mir aber gar nicht«, brummte Richy mürrisch.

»Mach dir keine Gedanken. Der Typ ist keine Gefahr«, versuchte Anja ihn zu beruhigen.

»Warum nicht?«

»Er gefällt mir nicht.«

»Da fällt mir aber ein großer Stein vom Herzen.« Richys Erleichterung war nicht zu überhören.

Ohne dass sie darüber gesprochen hatten, wusste Anja, dass Richy sie nach dem Essen sofort nach Hause bringen würde, und sie hatte auch nichts dagegen.

Es war immerhin ihr letzter gemeinsamer Abend – auf unbestimmte Zeit.

Sie bezahlten, verließen die Alte Mühle und stiegen in Richys Wagen.

»Spazieren wir noch ein Stück den Mühlbach entlang?«, fragte Richard leise.

»Gern«, antwortete Anja.

Richy fuhr los. Nach etwa einem Kilometer verließ er die Straße und bog in einen schmalen Waldweg ein. Zweige kratzten am Auto.

Sie erreichten eine Stelle, die sie vor einem halben Jahr zufällig entdeckt hatten. Hier waren sie völlig ungestört.

Richy stellte den Motor ab.

Anja lächelte. »Ich hab’ gewusst, dass du hierherfahren würdest.«

»Es ist sehr schön hier.«

»Ja«, stimmte Anja ihm zu. »Sehr schön.«

Richy stieg aus, ging um den Wagen herum und öffnete Anja die Tür. »Bin ich nicht ein Kavalier der alten Schule?«

Anja schmunzelte. »Ich hoffe, du küsst mir auch die Hand.«

»Ich küsse lieber deinen Mund.« Seine Lippen berührten kurz die ihren. Dann nahm er ihre Hand und schlenderte mit Anja den leise plätschernden Mühlbach entlang. Irgendwann blieb er stehen und wandte sich ihr zu. »Ich bin kein hoffnungsloser Romantiker – aber dieser Abend hat es in sich. Spürst du das, Mäuschen?«

»Irgendwie schon«, gab sie zu.

Über ihnen funkelten die Sterne – heute anscheinend heller als sonst. Der Mond war fast rund.

»Kaum zu glauben, dass dort oben schon Menschen rumgetrampelt sind«, überlegte Richy laut, nachdem sie eine Weile stumm nebeneinander her gegangen waren. »Kehren wir um?«

Anja nickte.

Als sie wieder im Auto saßen, meinte Richard: »Hat gutgetan, der kleine Verdauungsspaziergang.« Er schob eine Kassette ins Autoradio. Songs zum Träumen.

Er rückte näher zu Anja und begann sie behutsam zu streicheln.

Anja betrachtete stumm sein vertrautes Gesicht und lauschte in sich hinein.

Sie wusste, dass sie Richy liebte, auch wenn sie mit ihm nicht immer einer Meinung war.

Wenn er doch nur ein bisschen mehr Sinn für die Realität haben würde, dachte sie.

Er küsste sie ganz sanft, als würde er es zum erstenmal tun und wüsste noch nicht, ob sie das auch wollte. Er konnte so herrlich einfühlsam sein.

Jede Berührung seiner wundervoll zärtlich streichelnden Hände erregte sie.

»Ich wünschte, du wärst schon wieder zurück«, flüsterte Anja.

»Ich bin noch hier.«

»Ja, aber leider nicht mehr lange.«

»Denk jetzt nicht daran, Mäuschen. Du wirst keine Langeweile haben. Du hast diesen Job in der Agentur. Du wirst sehen, wie schnell die Zeit vergeht. Ich bin bald wieder bei dir.«

Anja sah das liebevolle Lächeln auf seinem Mund und seufzte leise. Es würde nicht einfach sein, auf Richys Zärtlichkeiten verzichten zu müssen.

Er streichelte sanft ihre Wange und schob eine widerspenstige Locke aus ihrer Stirn.

»Ich hatte ein paarmal Pech, aber damit ist es nun vorbei.« Er klang zuversichtlich. »Ich werde Geld scheffeln, und ich werde mir damit eine grundsolide Existenz aufbauen.«

Wenn ich das doch nur glauben könnte, dachte Anja.

»Anja ...« Richy flüsterte leise ihren Namen. Sie waren einander so nah, dass sie seinen Atem spürte. »Mäuschen ...«

Mit einemmal konnte Anja keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ihr Herz begann laut zu pochen, und ihr Atem wurde schneller, als Richys Mund sich ihren Lippen näherte. Er küsste sie zart und behutsam.

Sie schloss die Augen und gehorchte nur noch einem inneren Impuls. Ihre Lippen öffneten sich, zuerst nur ein wenig, dann immer mehr, als Richy ihr heißes Gesicht mit vielen zärtlichen Küssen bedeckte. Wohlige Schauer durchliefen sie.

Als Richard sich schließlich von ihr löste, waren sie beide ganz außer Atem.

»Bald«, flüsterte er. »Bald sind wir wieder so zusammen, Mäuschen.«

8. Kapitel

Anja hoffte, dass Richy sich am Morgen noch telefonisch von ihr verabschieden würde, aber er tat es nicht.

Vielleicht ist er sehr früh aufgestanden und wollte mich nicht wecken, dachte sie. Als sie aus dem Haus ging, sagte sie sich: Schön werden die kommenden Tage nicht. Aber da musste sie durch. Sie hatte keine andere Wahl.

»Anja!«, rief jemand, als sie ihren Wagen aufschließen wollte. Die Stimme kam ihr bekannt vor. Sie drehte sich um. Sven! Oje! Er trug einen zerknitterten Sommeranzug, darunter ein weißes T-Shirt.

»Hi, Anja!« Er rieb sich die Nase. »Mensch, heute juckt meine Nase wieder ganz entsetzlich. Ist ’ne Allergie. Bist du auch allergisch?«

»Ja, gegen Typen, die mich daran hindern, pünktlich am Arbeitsplatz zu erscheinen.«

»Nur eine Minute«, bat Sven sie eindringlich. »Warum bist du so unfreundlich zu mir?«

»Das weißt du.«

»Ich hab’ dir doch nichts getan.«

»Stimmt. Mir nicht. Aber Claudia.«

Sven machte ein zerknirschtes Gesicht. »Ich hab’ das nicht gewollt, ehrlich nicht. Es ... es ist irgendwie passiert.«

»So etwas passiert nicht einfach irgendwie!«

»Ich habe nichts dazu beigetragen ... Ich ... Mein Gott, jeder kann doch mal einen Fehler machen.«

»Warum kommst du damit zu mir? Erzähl es Claudia.«

»Die hört mir ja nicht zu«, jammerte Sven.

Anja sah auf die Uhr. »Die Minute ist um. Ich muss los.«

»Noch eine Sekunde, Anja. Bitte, kannst du nicht ein gutes Wort bei Claudia für mich einlegen?«

»Nein!« Anjas Antwort fiel sehr kühl aus.

»Ihr seid Freundinnen. Claudia hält große Stücke auf dich.«

»Ich sagte nein!«

»Aber warum denn nicht?«

»Weil ich nicht möchte, dass ihr wieder zusammenkommt.«

»Aber warum denn nicht?«, fragte Sven noch einmal.

»Weil ich nicht will, dass du Claudia noch mal so weh tust!«

»Das werde ich nicht. Ganz bestimmt nicht. Ich schwör’s bei allem, was mir heilig ist. Ich fühle mich echt beschissen, Anja. Bitte! Du musst mir helfen.«

»Ich muss fahren.« Sie schloss ihren Wagen auf.

Sven hielt sie am Arm fest. »Wirst du mir helfen? Sag Claudia, dass es mir wahnsinnig leid tut, dass ich so etwas nie wieder tun werde, dass ... dass ich sie liebe.«

Anja öffnete die Tür ihres Polo, setzte sich in den Wagen und fuhr los, ohne Sven noch einmal anzusehen.

*

Die Mittagspause verbrachten Anja und Claudia auf einer Bank im Schatten einer alten Eiche. In der Sonne wäre es zu heiß gewesen.

»Wann steigt Richys geschäftliches Abenteuer?«, wollte Claudia wissen.

»Es hat heute Morgen begonnen. Gestern Abend haben wir in der Alten Mühle Abschied gefeiert.«

Claudia wiegte den Kopf. »Nobel geht die Welt zugrunde.«

Anja ging nicht näher darauf ein. Sie streckte die Beine aus. »Hat sich Sven eigentlich mal wieder bei dir gemeldet?«

Claudia nickte böse. »Mindestens dreimal täglich ruft er mich an.«

»Und was sagt er?«

»Keine Ahnung. Ich leg’ immer gleich auf.«

»Heute Morgen hat er vor meinem Haus auf mich gewartet.«

»Ist nicht wahr!«, stieß Claudia ärgerlich hervor. »Was hat er gesagt?«

Anja schilderte ihr Gespräch mit Sven, so gut sie es in Erinnerung hatte.

Als sie geendet hatte, presste Claudia die Lippen zusammen und sah finster zu Boden. »Ich kann ihm nicht verzeihen. Ich sehe ihn immer mit dieser Tussi vor mir.«

Anja hob abwehrend die Hände. »Ich halt’ mich da raus, Claudia, das ist deine Sache.«

Claudia stand seufzend auf. »Du hast recht. Komm, lass uns gehen. Es ist Zeit, auf die Galeere zurückzukehren und weiterzurudern.«

»Mist!« Anja versetzte dem Vorderreifen ihres Polo einen ärgerlichen Tritt, der aber nicht dem Wagen weh tat, sondern ihr selbst. Ausgerechnet jetzt hatte sie einen Platten! Und diesmal war kein Richy da und sagte: »Lass mich das lieber machen, Mäuschen.« Diesmal durfte sie selbst Hand anlegen.

Sie hatte noch nie ein Rad gewechselt. Hoffentlich ist das Reserverad in Ordnung, dachte Anja, während sie das Werkzeug aus dem Kofferraum holte.

Soeben war ihr zweiter Arbeitstag zu Ende gegangen, und nun konnte sie nicht nach Hause fahren. Sie setzte das Radkreuz an und versuchte die Radmuttern zu lockern.

Liebe Güte, saßen die fest! Anja strengte sich gewaltig an, doch sie bekam die Muttern nicht auf.

»Da muss ein starker Männerarm ran«, sagte jemand unvermittelt. Daniel Matt stand hinter ihr.

»Hast du einen solchen Arm?«, fragte Anja.

»Selbstverständlich, und ich stelle ihn dir gerne zur Verfügung.«

»Dann zeig mal, wie stark Werbetexter sein können.« Anja machte Platz.

»Ich helfe dir das Rad zu wechseln, und du gehst mit mir dafür essen, okay?«

»Das könnte man als Erpressung auslegen.«

Daniel grinste. »Ist höchstens ’ne kleine, harmlose Nötigung, würde ich sagen. Im Übrigen sollte man die Hilfsbereitschaft seiner Mitmenschen immer umgehend belohnen, damit sie nicht die Lust daran verlieren, Gutes zu tun.«

Anja gab nach. »Na schön, ich gehe mit dir essen.«

»Dafür brauchst du dich auch überhaupt nicht mehr um den Reifen zu kümmern. Ich lasse ihn an meiner Tankstelle in Ordnung bringen, und du kriegst ihn morgen oder übermorgen wieder. Na, ist das ein Service?« Daniel krempelte die Ärmel hoch und setzte das Radkreuz an. Auch sein erster Versuch, die Muttern zu lockern, misslang. »Donnerwetter!«, ächzte er. »Wer hat die Dinger angezogen? Herkules?«

»Ich hab’s befürchtet«, seufzte Anja und verdrehte die Augen.

»Was?«

»Dass du eine große Klappe und butterweiche Muskeln hast.«

Das konnte Daniel natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Er strengte sich mehr an, und diesmal hatte er Erfolg. »Von wegen butterweiche Muskeln!«, murrte er. Er setzte den Wagenheber an und kurbelte den Polo hoch. »Hast du wirklich einen Freund?«

»Ja.«

»Schon lange?« Daniel nahm das Rad ab.

»Anderthalb Jahre.«

»Was macht dein Freund beruflich?«, erkundigte sich Daniel, während er das Reserverad aus dem Kofferraum hievte und neben den defekten Reifen rollte.

»Richy ist Geschäftsmann.«

»Macht wohl klotzig viel Kohle, wie?«

»Es geht.«

»In welcher Branche ist er tätig?«, fragte Daniel, während er das Reserverad montierte.

»Haushaltsgeräte«, antwortete Anja wahrheitsgemäß.

»Ist er älter als du?«

»Er ist vierundzwanzig.«

»Ich bin fünfundzwanzig.«

»Schön für dich.«

Daniel rollte den platten Reifen zu seinem Wagen und legte ihn in den Kofferraum. »Erledigt! Nun musst du dein Versprechen einlösen.«

Anja lächelte. »No Problem.«

*

»Hat es gemundet?«, fragte Daniel nach dem Essen. Sie saßen in einem gemütlichen griechischen Lokal, das erfüllt war von Busuki-Klängen.

»Sehr«, antwortete Anja.

»Wann darf ich wieder ein Rad an deinem Wagen wechseln?« »Ich geb’ dir Bescheid.«

Er grübelte einen Augenblick. »Ich wohne nicht weit von hier.« Sie lächelte. »Das hab’ ich mir beinahe gedacht.«

»Noch einen Ouzo zur Verdauung – in meiner Wohnung?« »Vielleicht ein andermal.«

Er sah sie treuherzig an. »Warum nicht heute?«

»Weil heute nicht ein andermal ist.«

»Ich hab’ ’ne ganz tolle Briefmarkensammlung.«

Anja sah ihn amüsiert an. »Als Werbetexter solltest du eigentlich einfallsreicher sein.«

»Die einfachste Methode ist meist die beste.«

»Tut mir leid. Bei mir zieht sie nicht.«

Er grinste. »Ich versuch’s bestimmt wieder.«

»Danke für die Warnung. Und vielen Dank für die Einladung. War wirklich ein netter Abend. Aber jetzt muss ich gehen.«

Anja konnte nicht einschlafen. Daniel ging ihr nicht aus dem Sinn.

Auf den ersten Blick merkte man es nicht, aber wenn man eine Zeitlang mit ihm zusammen war, spürte man, dass von ihm etwas rüberkam.

Er war witzig und unterhaltsam, und seine Unscheinbarkeit war für ihn überhaupt kein Problem. Im Gegenteil: Daniel verfügte sogar über ein leicht übersteigertes Selbstwertgefühl. Er ist sehr nett, dachte Anja. Aber er war keine Gefahr für sie. Sie könnte bei ihm nie den Kopf verlieren.

Sie drehte sich auf die andere Seite. Wo mochte Richy heute wohl schlafen? Er hatte ihr nicht gesagt, wo seine profitable Verkaufstour beginnen würde. Sie dachte so intensiv an ihn, dass sie seine Stimme zu hören glaubte.

»Lass mich das lieber machen, Mäuschen!«

Mit einemmal waren alle romantischen Gefühle verflogen und machten der Realität Platz. Stimmte ja. Sie hatte beschlossen, ihm zu beweisen, dass sie nicht das Dummchen war, für das er sie hielt! Prompt fiel ihr die Do-it-yourself-Autowerkstatt ein, von der Markus ihr erzählt hatte.

Markus ... Wieso rief er eigentlich nicht mehr an? Sie hatte ihn für ausdauernder und beharrlicher gehalten.

»Ist doch besser so«, murmelte sie, schon im Halbschlaf. »Was soll ich denn mit Markus? Ich hab’ doch Richy.«

Der Radiowecker schaltete sich ein, doch der Sprecher musste an diesem Morgen lange reden, bis Anja endlich mitbekam, was er sagte.

Sie stand nur zögernd auf. Am liebsten hätte sie das Bett mitgenommen, so müde war sie noch. Seufzend und gähnend torkelte sie ins Bad. Es war einer dieser Morgen, an denen sie höllisch aufpassen musste, dass sie nicht über ihre eigenen Füße stolperte.

Zum Glück ließen ihre Eltern sie beim Frühstück in Ruhe.

Vor der Agentur ging auf einmal Daniel an ihrer Seite. »Na, wie geht es uns heute Morgen?«, erkundigte er sich fröhlich.

»Keine Ahnung. Ich hab’ noch nicht darüber nachgedacht«, gab Anja immer noch müde zurück.

»Ich kriege heute Mittag deinen reparierten Reifen.«

»Großartig!«

»Heute Abend bekommst du ihn dann von mir.«

»Du bist der Beste.«

Daniel grinste. »Freut mich, dass du das so rasch gecheckt hast.« Sie betraten die Agenturräume.

Mit den Worten »Man sieht sich« verabschiedete Daniel sich und verschwand hinter einer der Türen.

Anja wartete nicht, bis es acht Uhr war. Sie begann sofort mit der Arbeit, und sie war froh, dass niemand sie störte.

In der Mittagspause meinte Claudia: »Heute bist du nicht besonders gut drauf, was?«

»Merkt man das?«, fragte Anja, der die Arbeit heute nicht richtig von der Hand gehen wollte.

»Du bist geistesabwesend und wortkarg.«

»Entschuldige.«

»Macht doch nichts! Hängt das etwa damit zusammen, dass du gestern mit Daniel essen warst?«

Anja sah Claudia überrascht an. »Woher weißt du ...?«

»So etwas spricht sich schnell herum.«

»Dann hat Daniel wohl nicht den Mund gehalten.«

»Nein, nein!« Claudia winkte ab. »Thommy Lobner, der Buchhalter hat euch gesehen.« Claudia musterte Anja eingehend. »Ich habe dich gewarnt. Man sieht es ihm nicht an, aber er ist ein Schlitzohr.«

»Worauf willst du hinaus?«

»Ist etwas vorgefallen, das dir leid tut?«

»Nein!«, antwortete Anja lebhaft. »Nein, ich war mit Daniel nur essen.«

»Hat er nicht versucht, dich irgendwie in seine Wohnung zu locken?«

»Doch, aber ich bin nicht mitgegangen.«

»Er wird es wieder versuchen.«

Anja lächelte. »Das hat er angekündigt. Aber er wird sich wieder einen Korb holen.«

»Womit hat er es geschafft, dich zu überreden, mit ihm auszugehen?«

Anja erzählte von der Reifenpanne. »Und nachdem er mir so brav geholfen hatte, konnte ich es ihm schwer abschlagen, mit ihm essen zu gehen.«

»Mädchen, ich kann dir nur raten, auf dich aufzupassen! Daniel ist clever. Er erkennt die kleinste Chance und nützt sie augenblicklich.«

Anja legte die Hand auf Claudias Arm. »Glaub mir, du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen. Selbst wenn ich jahrelang mit Daniel allein auf einer einsamen Insel leben müsste, würde nichts passieren.«

»Ich hab’s geahnt«, sagte Claudia zwei Stunden später zu Anja. »Ich war nicht sicher, deshalb habe ich den Mund gehalten. Aber nun weiß ich es definitiv.«

»Was weißt du?« Anja unterbrach ihre Arbeit und sah auf.

»Daniel hat dich reingelegt.«

»Wie denn?«, fragte Anja ungläubig.

»Du hattest überhaupt keinen Platten.«

Anja lachte. »Na, hör mal! Ich habe doch selbst gesehen, dass keine Luft im Reifen war!«

»Das bestreite ich nicht. Aber der Reifen war nicht defekt. Daniel hat die Luft rausgelassen.«

Anja schüttelte den Kopf. »Quatsch! Warum sollte er ...«

»Um dir hinterher seine Hilfe anbieten und das Rad für dich wechseln zu können. Damit du ihm zu Dank verpflichtet bist. Ich sagte doch, er ist ein Schlitzohr. Ein ganz ausgekochtes sogar.«

»Woher weißt du, dass er ...«

»Vera, Dellmanns Sekretärin, hat ihn dabei beobachtet. Sie hat es mir vorhin erzählt.«

Zorn funkelte mit einemmal in Anjas Augen. »So ein Mistkerl!«

Claudia lachte. »Nimm’s ihm nicht übel. Er kann nicht anders.«

Doch so schnell wollte Anja sich nicht beruhigen.

»Na warte!«, zischte sie mit schmalen Augen. »Das hast du nicht ungestraft getan, Daniel Matt!« Sie fieberte dem Feierabend entgegen.

»Mein Wagen steht gleich hinter deinem«, sagte Daniel, als sie zusammen aus dem Haus traten. »Dein Autoreifen ist wieder in Ordnung.«

»Vielen Dank für die Mühe.«

»Was ich für dich tue, ist keine Mühe, Anja.«

»Bist ein netter Typ.«

Daniel lächelte zufrieden. »Man hat eben so seine Qualitäten.«

Sie erreichten seinen Wagen. Er öffnete den Kofferraum, holte den »reparierten« Reifen heraus und trug ihn zu Anjas Polo. Nachdem er ihn verstaut hatte, meinte er: »Findest du nicht auch, dass soviel uneigennützige Hilfsbereitschaft belohnt gehört?«

»Aber ja«, antwortete Anja. »Selbstverständlich.«

Er trat näher. »An welche Art von Belohnung hast du gedacht?«

»Wenn du die Augen schließt, erfährst du es.«

Daniel ließ sich das nicht zweimal sagen. Er schloss die Augen und spitzte leicht die Lippen. Im gleichen Moment holte Anja aus und gab ihm eine Ohrfeige.

Daniel riss entsetzt die Augen auf und starrte Anja entgeistert an. »Bist du verrückt? Was war das denn?«

»Das war die Ohrfeige, die du verdient hast«, ließ Anja ihn wissen.

»Hör mal, ich habe dir gestern geholfen, das Rad zu wechseln - und heute zerfranse ich mich für dich, indem ich in der Mittagspause zur Tankstelle fahre ...«

»Gib dir keine Mühe, den hilfreichen Samariter zu spielen, Daniel!« fiel Anja ihm barsch ins Wort. »Ich hätte keinen Platten gehabt, wenn du nicht die Luft aus dem Reifen gelassen hättest.«

»Das ist doch ...«, brauste Daniel auf.

Anja hob die Hand. »Du wurdest dabei beobachtet.«

»Von wem?«

»Man hat dich eben gesehen«, erklärte Anja kühl, ohne den Namen preiszugeben.

»Na schön«, brummte Daniel, »ich habe einen Trick angewandt, damit du mit mir essen gehst. Ist das so schlimm?«

»Für mich schon.«

»Und wieso?«

Anja sah ihn finster an. »Weil du mein Vertrauen missbraucht hast. Das kann ich nicht ausstehen.«

Er rieb sich die Wange, auf der sich Anjas Fingerabdruck deutlich abzeichnete. »Das habe ich gemerkt. Du hast eine ziemlich unangenehme Handschrift.«

»Nur, wenn man mich ärgert. Und wenn mich jemand für dumm verkaufen möchte, ärgert mich das ganz besonders.«

»Es wird nicht wieder vorkommen«, versprach Daniel zerknirscht. »Verzeihst du mir?«

Anja zuckte die Schultern. »Meinetwegen.«

»Beweist du mir, dass du nicht mehr böse auf mich bist?«

Sie musterte ihn mit einem fragenden Blick. »Wie soll ich es dir beweisen?«

»Indem du heute wieder mit mir essen gehst.«

Er kann es einfach nicht lassen, dachte Anja verdrossen. »Jetzt hör mir mal ganz genau zu«, sagte sie ernst. »Wir arbeiten in derselben Firma. Ich finde dich soweit ganz okay, aber nur, solange du mich in Ruhe lässt. Mir ist bekannt, dass du hinter jedem Rock her bist, und es mag auch sein, dass einige Frauen voll auf dich abfahren. Doch bei mir verfangen deine ach so raffinierten Tricks nicht. Du bist nicht mein Typ und wirst es auch nie sein. Außerdem habe ich einen Freund ...«

»Der sich nicht um dich kümmert.«

In diesem Augenblick bereute Anja es sehr, dass sie Daniel gestern einiges über Richy erzählt hatte. »Er ist beruflich verreist«, erwiderte sie spröde. »Er kommt wieder. Und bis dahin denke ich nicht im Traum daran, dich als Lückenfüller zu akzeptieren.«

Daniel seufzte. »Wie also muss ich mich verhalten, um von dir nicht wieder eine gescheuert zu kriegen?«

Sie schmunzelte. »Du brauchst dich nur von mir fernzuhalten, dann kann dir nichts geschehen.«

*

Auch die Szene mit der Ohrfeige war beobachtet worden und machte in der Agentur die Runde. Anja spürte, wie sie in der Achtung ihrer Kollegen stieg.

Daniel steckte die Schlappe erstaunlich cool weg. Aber er hielt sich an Anjas Rat und blieb von nun an auf Distanz.

Claudia wollte es ganz genau wissen. »Du hast Daniel eine geknallt? Erzähl«, drängte sie begeistert, »wie war das?«

»Es war ein befreiendes Gefühl.« Anja lächelte spitzbübisch. »Er schloss die Augen, weil er dachte, er bekäme einen Kuss von mir.«

Claudia lachte schadenfroh. »Und plötzlich – peng! Das finde ich super. Endlich geriet er mal an eine, die ihn in die Schranken wies.«

Anja war nicht stolz auf ihre Tat. »Ich hab’s, ehrlich gesagt, nicht gerne getan, aber ich kann es nicht haben, wenn jemand mich für dumm verkauft. Da werde ich sauer.«

»Du hast völlig richtig gehandelt«, beruhigte Claudia sie. »Vielleicht wird er sich jetzt ein wenig ändern. Wenn nicht, dann hast du wenigstens erreicht, dass er dich in Ruhe lässt.«

»Apropos belästigen. Hat Sven endlich aufgegeben?«

Ein Schatten legte sich über Claudias Augen. »Scheint so. Er lauert mir nirgendwo mehr auf und ruft auch nicht mehr an.«

Anja sah Claudia aufmerksam an.

»Das scheint dir aber auch nicht recht zu sein – oder täusche ich mich?«

Claudia erwiderte nichts. Sie seufzte nur, kehrte zu ihrem Schreibtisch zurück und vertiefte sich wieder in ihre Arbeit.

Als Anja aus ihrem Polo stieg, war Sven auf einmal wieder da. »Hast du mit Claudia gesprochen?«, fragte er unsicher.

»Ja, hab’ ich.«

»Hast du ihr gesagt, dass ich so etwas nie wieder tun werde?«

Anja nickte. »Hab’ ich.«

»Und hast du ihr gesagt, dass ich sie liebe?«

Sie nickte wieder.

»Auch das.«

»Und ... und was hat sie gesagt?« Svens Blick hing wie gebannt an ihren Lippen.

»Dass sie dir nicht verzeihen kann.«

Sven holte tief Luft. »Warum ist sie nur so schrecklich unversöhnlich?«

»Du hast ihr sehr weh getan.«

»Das weiß ich, aber ...«

Anja hob die Schultern. »Es genügt ihr eben nicht, dass du hinterher beteuerst, es tue dir leid.«

»Ja, was will sie denn sonst noch hören?«

»Von dir? Überhaupt nichts mehr«, antwortete Anja, aber sie war sich dessen nicht so sicher.

9. Kapitel

Markus hielt ein kleines Diktiergerät in der Hand und sprach hin und wieder hinein, während er das Rennen der Hürdenläufer verfolgte. Er würde noch heute in der Redaktion einen interessanten Bericht schneidern.

Er war so in Gedanken, dass er seinen Freund Peter erst bemerkte, als der ihm die Hand auf die Schulter legte.

»Seit wann interessierst du dich denn für Sport?«, fragte Markus überrascht.

»Wir kamen hierher, weil wir nichts Besseres vorhatten«, erklärte Peter und schob seine randlose Brille hoch.

»Wir?« Markus sah sich um, dann entdeckte er Moni, eine gemeinsame Bekannte. Er gab ihr die Hand.

»Hör mal«, sagte Peter. »Wenn der Sportrummel hier vorbei ist, könnten wir doch zusammen irgendetwas unternehmen. Was hältst du davon?«

Peters Vorschlag schien ganz in Monis Sinn zu sein. Sie sah Markus erwartungsvoll an.

»Bedaure, ich muss nachher in die Redaktion«, entgegnete Markus.

»Wie lange hast du da zu tun?«, wollte Peter wissen. »Doch bestimmt nicht länger als eine Stunde. Und was machst du danach?«

»Ich muss mich mal wieder um Leopold kümmern.«

Peter rümpfte die Nase. »In dieser Werkstatt, in der man alles selber machen kann – wenn man’s kann?«

»Ja.«

Peter schüttelte verständnislos den Kopf. »Was hast du bloß für einen Narren an diesem alten Vehikel gefressen?«

Markus hob warnend den Finger. »Sei vorsichtig! Keine abfälligen Äußerungen über Leopold, sonst walzt er dich bei der nächstbesten Gelegenheit auf der Straße platt.«

»Lass ihn«, sagte Moni zu Peter. »Wenn ihm der Mercedes wichtiger ist als wir beide, kann man eben nichts machen.«

»Komm!« Sie griff nach seinem Arm.

»Geh schon mal zum Wagen«, bat Peter sie. »Ich komm’ gleich nach. Hab’ Markus nur noch schnell etwas unter vier Augen zu sagen.«

»Männergeheimnisse?«, erkundigte sich Moni lächelnd.

»Genau.«

»Da würde ich zu gern mithören.«

»Ist aber nichts für Mädchenohren.«

Moni zuckte die Schultern und entfernte sich.

»Ich weiß etwas über Anja«, sagte Peter zu seinem Freund. »Interessiert es dich?«

Natürlich interessierte es Markus. Brennend sogar. Aber es fiel ihm schwer, das zuzugeben. Er nickte nur schwach.

»Sie hat einen Ferienjob bei Dellmann & Meisel bekommen«, erzählte Peter und griff mal wieder nach seiner Brille. »Und Richard Mallmann, ihr Freund, hat sich auf unbestimmte Zeit von ihr verabschiedet. Hat geschäftlich in den neuen Bundesländern zu tun. Vielleicht fühlt sich Anja jetzt einsam. Könnte doch sein, oder?« Er. hob die Hand. »Das war’s. Mach’s gut. Schade, dass du keine Zeit für uns hast.«

»Ich komme ein andermal mit.«

»In Ordnung.« Peter lief hinter Moni her, legte den Arm um sie, und verließ mit ihr den Sportplatz.

Anja ... Jetzt dachte Markus wieder unentwegt an sie. Er fuhr in die Redaktion – und dachte an Anja. Er schrieb seinen Bericht – und dachte an Anja. Er fuhr in die Autowerkstatt – und dachte an Anja ...

Er wusste noch haargenau, wie sie aussah. Er hätte sie ganz präzise beschreiben können. Jedes Detail ihres aparten Gesichtes hatte er sich gemerkt.

In der Do-it-yourself-Werkstatt bastelte Jochen Kaminski an seinem roten Sportflitzer herum. Er war sehr oft da. Und der motzte sein Fahrzeug jedesmal mehr auf.

Diesmal montierte Jochen einen Frontspoiler. »Damit der Kleine noch besser auf der Straße liegt«, erklärte er Markus, der in einen blauen Overall geschlüpft war. »Vor allem in der Kurve wird die Straßenlage in Zukunft optimal sein«, behauptete Jochen. »Und was hast du mit Leopold vor?«

»Ich muss ein tragendes Karosserieteil auswechseln«, antwortete Markus bereitwillig.

»Rost, hm?«

Markus nickte.

»Diesen verdammten Rost hat der Teufel erfunden, um uns Autofahrer zu ärgern«, knurrte Jochen. »Wenn ich dir helfen kann ... «

»Danke, ich schaff das schon allein.«

Markus bockte Leopold auf. Dann holte er das Schweißgerät und setzte die Schutzbrille auf. Die Arbeit ging ihm flott von der Hand. Vor einem Jahr hatte er noch keine Ahnung gehabt, wie man schweißte, und heute produzierte er Schweißnähte, die sich sehen lassen konnten. Und wenn man mal nicht weiterwusste, konnte man sich von den geschulten Kräften helfen lassen, selbst die Handlangerdienste erledigen und dem Fachmann dabei über die Schulter sehen, um beim nächstenmal schon wieder einen Schritt weiter zu sein.

Jemand stieß gegen Markus’ Schuhsohlen. Markus war gerade mit dem Arbeitspensum fertig geworden, das er sich für heute vorgenommen hatte.

Er drehte den Schweißbrenner ab. »Ja, was gibt’s?«, rief er unter dem Mercedes hervor.

»Da möchte dich jemand sprechen!«, rief Jochen.

Markus kam unter seinem Wagen hervor. Das erste, was er zu sehen bekam, waren hübsche Frauenbeine. Und im nächsten Moment riss er Augen und Mund auf.

»Klappe zu!«, grinste Jochen ihn an. »Sonst verwechselt sie noch jemand mit dem Abfalleimer.«

Markus sprang auf. Er glaubte zu träumen. Vor ihm stand Anja.

Jochen zog sich, immer noch grinsend, in seine Arbeitsbox zurück.

»Anja!«, stieß Markus begeistert hervor.

»Hallo, Markus.« Sie lächelte.

»Ich ... ich kann dir im Moment leider nicht die Hand geben«, kam es abgehackt über Markus’ Lippen. Er hielt Anja seine schmutzigen Finger entgegen. »Was führt dich hierher?«

Sie ließ den Blick schweifen. »Ich hatte in der Nähe zu tun und wollte mir das hier mal ansehen.«

»Und? Was sagst du dazu?«

»Ich bin zum erstenmal in einer solchen Do-it-yourself-Autowerkstatt.«

»Kleine Führung gefällig?«

Anja schüttelte den Kopf. »Ein andermal vielleicht. Wie geht es Leopold? Macht seine Verjüngungskur Fortschritte?«

»Es geht ihm nach jedem Besuch hier merklich besser«, verriet Markus lächelnd.

Anja hatte Richys stereotypen Ausspruch »Lass mich das lieber machen, Mäuschen!« im Ohr, als sie sagte: »Ich würde auch mal gern die eine oder andere kleine Reparatur an meinem Polo selbst vornehmen. Muss ein erhebendes Gefühl sein, wenn man etwas zuwege bringt, das einem keiner zugetraut hätte.«

Markus strahlte. »Ich finde eine solche Einstellung großartig. Vor allem bei einer Frau.«

Anja hob schmunzelnd die Hand. »Keine Diskriminierung, bitte!«

»Ich habe hier schon eine ganze Menge gelernt, und ich fände es super, wenn ich dir helfen bzw. dir einiges erklären dürfte. Wenn du möchtest, regle ich mit dem Besitzer der Werkstatt gleich alles für dich.«

Anja lachte. »Langsam, langsam! Das geht mir zu schnell. Ich wollte mich fürs erste nur mal umsehen.«

»Ich muss mit Leopold eine Probefahrt machen. Kommst du mit?«

Anja zögerte keine Sekunde. »Gerne.«

Hinter der Werkstatt gab es eine breite, kaum befahrene Straße, die allen Hobbymechanikern als Teststrecke diente. Markus fuhr sie einmal rauf und runter.

»Alles bestens!« Dann sah er Anja an. »Hat dein Polo irgendwelche Krankheiten?«

»Nicht dass ich wüsste!«

»Darf ich ihn mir mal ansehen?«, fragte Markus.

»Meinetwegen.«

»Ich hörte, du bist bei Dellmann & Meisel untergekommen.«

Anja staunte. »Von wem weißt du das?«

»Man hat so seine Quellen«, ließ Markus sie lächelnd wissen. Er hielt den Mercedes vor dem offenen Werkstattor an und stieg aus. »Gibst du mir die Poloschlüssel?«

Anja ließ sie in seine Hand fallen. Er fuhr den Polo in die Halle, testete die Bremsen, prüfte die Abgaswerte und das Kupplungsspiel, fuhr den Wagen auf die Hebebühne und besah sich den Auspuff ...

»Als Laie bin ich zu folgendem Prüfungsergebnis gekommen«, erklärte er anschließend. »Das linke Abblendlicht funktioniert nicht. Der Unterbodenschutz gehört erneuert. Der Auspuff ist stark angerostet und sollte ausgewechselt werden. Und die Bremsklötze würde ich auch austauschen. Du kannst gern einen Fachmann fragen, ob ich recht habe.«

»Für mich bist du ein Fachmann.«

Markus lachte. »O nein, nein!«, wehrte er ab. »Das ist zuviel der Ehre. Hin und wieder komme auch ich ohne die Hilfe eines Mechanikers nicht klar.«

»Meinst du, du könntest mir helfen, den Wagen in Ordnung zu bringen?« Aufkeimender Eifer rötete Anjas Wangen. »Ich will beweisen, dass sich mein Verständnis für praktische Dinge nicht darin erschöpft, dass ich weiß, wo bei einem Auto die Hupe ist.«

»Wem willst du das beweisen?«, hakte Markus nach.

»Gewissen Leuten«, antwortete Anja ausweichend.

»Dann bist du hier richtig«, behauptete Markus. »Hier kannst du sehr viel lernen und dich auf eine Menge Erfolgserlebnisse freuen.«

Anja zögerte nicht länger. »Gut, ich versuch’s mal«, entschied sie, und Markus hätte sie vor Freude am liebsten umarmt. Er tat es nur deshalb nicht, weil er noch den schmutzigen Overall anhatte.

Anja kam nach Hause und erkundigte sich beiläufig, ob sich Richy gemeldet hatte. Hatte er natürlich nicht. Anja ärgerte sich ein wenig, denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass Richy so eingespannt war, dass er nicht einmal Zeit für einen kurzen Anruf fand.

Sie wechselte sofort das Thema. »Habt ihr schon mal von ’ner Do-it-yourself-Autowerkstatt gehört?«, fragte sie ihre Eltern.

Roswitha Burger schüttelte den Kopf. Doch Ferdinand Burger nickte. »Wie ich gehört habe, kann man gegen eine geringe Gebühr alle Werkzeuge und Einrichtungen benutzen und, wenn man will, unter fachlicher Anleitung lernen, alle Arbeiten am Auto selbst vorzunehmen«, erzählte er. »Kein Wunder, dass diese Werkstätten immer beliebter werden – wenn man überlegt, was heute eine Automechanikerstunde kostet ...«

»Ich habe vor, mit meinem Polo eine solche Werkstatt aufzusuchen«, erklärte Anja.

Ihre Mutter sah sie überrascht an. »Ist das dein Ernst?«

»Warum nicht?«

»Na ja – du bist ein Mädchen ...«

»Na und? Wo steht geschrieben, dass Mädchen ihre Autos nicht selber reparieren dürfen?« Anjas Stimme klang herausfordernd.

»Aber du kannst das doch gar nicht!«

»Deshalb möchte ich es ja lernen.«

»Und wenn du etwas falsch machst?« Anjas Mutter war wieder einmal überängstlich. »Ein Auto ist kein Spielzeug. Wenn du einen gravierenden Fehler machst ... An die Folgen wage ich gar nicht zu denken.«

»Man wird mir über die Schulter gucken, Mutti. Und von heiklen Dingen werde ich die Finger lassen«, versprach Anja.

»Also ich finde es gut, dass sich unsere Tochter auch dafür interessiert, Roswitha«, sagte Ferdinand Burger zu seiner Frau. »Sie wird sich dabei sicher nicht ungeschickt anstellen.«

Anja gab ihrem Vater spontan einen Kuss. auf die Wange. »Danke für dein Vertrauen, Paps.«

*

Richy rief mitten in der Nacht an.

Anja schreckte hoch, als ihre Mutter an die Tür klopfte. »Anja, Telefon! Es ist Richard.«

Anja wurde blass. »Ist etwas passiert?« Sie sprang aus dem Bett und lief zur Tür.

»Ich weiß nicht. Er hat nichts gesagt.«

»Habt ihr schon geschlafen? Hat er euch geweckt?«

»Nein. Vati und ich waren noch auf.«

»Wie spät ist es eigentlich?«, wollte Anja wissen.

»Kurz vor eins.«

»Wenn er keinen triftigen Grund hat, um diese Zeit anzurufen, kriegt er was von mir zu hören, das schwör’ ich dir!« Anja schlüpfte in ihren Bademantel und tapste barfuß zum Telefon. »Der Tag hat vierundzwanzig Stunden! Wieso musste du ausgerechnet in der ersten Stunde anrufen?«, blaffte sie unfreundlich in den Hörer.

Richard lachte am anderen Ende. »He, du bist doch nicht etwa ärgerlich?«

»Ich habe geschlafen! Meine Mutter musste mich wecken!«

»Dafür hörst du nun die Stimme deines lieben Richard.«

»Du bist betrunken!«, sagte sie ihm auf den Kopf zu.

»Aber nein, Mäuschen.«

»Ich merk’ das doch!«, erwiderte Anja scharf.

»Na ja, wir haben ein bisschen gefeiert«, gab er schließlich zu.

Zorn stieg in ihr hoch. »Bist du noch zu retten ...«

»So beruhige dich doch, Mäuschen!«

»Ich finde eure Späße überhaupt nicht lustig!«, herrschte Anja ihn an.

»Freust du dich denn nicht, von mir zu hören?«, fragte Richy mit schwerer Zunge.

»Wenn du zu einer vernünftigeren Zeit angerufen hättest, hätte ich mich gefreut, aber jetzt ...« Sie unterbrach sich. »Mit wem feierst du eigentlich?«

»Mit zwei Kollegen.«

»Und was feiert ihr?«

»Unseren großen, durchschlagenden Erfolg. Du wolltest mir ja nicht glauben, dass das ein Super-Deal ist. Nun steht es fest. Dieses Geschäft hat eingeschlagen wie eine Granate. Heute sind wir unsere restlichen Waren losgeworden. Wir haben phantastische Umsätze gemacht, und morgen bin ich wieder bei dir. Na, ist das kein Grund, dich anzurufen, Mäuschen? Wir sehen uns morgen wieder! Jetzt freust du dich auch, nicht wahr? Wieso jubelst du nicht? Hat es dir die Sprache verschlagen, Mäuschen?«

Morgen, dachte Anja. Er kommt morgen zurück. Sie wusste nicht, wieso sie sich nicht freute.

»Bis morgen, Mäuschen«, tönte Richy und legte auf.

Anja ging wieder ins Bett. Was nun? Richy kam morgen, genauer gesagt, heute zurück, und sie hatte sich mit Markus in der Werkstatt verabredet.

Richy würde das mit Sicherheit nicht gefallen. Aber er würde sich damit abfinden müssen ...

Plötzlich plärrte Musik in ihre Ohren. Der Radiowecker. Sie hatte ihn zu laut gestellt. Sie fuhr hoch, ihr Herz raste – und sie begriff, dass es Zeit zum Aufstehen war. Und noch etwas begriff sie: dass sie Richys späten Anruf bloß geträumt hatte ...

Merkwürdig. Sie war irgendwie erleichtert.

*

In der Agentur lag Claudia förmlich über ihrem Zeichentisch. Sie schien die ganze Nacht kein Auge zugetan zu haben.

»Du siehst furchtbar aus«, stellte Anja nüchtern fest.

»Du bist heute mal wieder von entwaffnender Liebenswürdigkeit«, giftete Claudia.

»Ich bin bloß ehrlich«, erwiderte Anja. »Fühlst du dich nicht gut?«

Claudia seufzte schwer. »Ich fühle mich wie ausgekotzt.«

»Und wieso? Hast du schlecht geschlafen?«

»Ich habe fast überhaupt nicht geschlafen«, gestand Claudia.

»Und warum nicht? War Vollmond heute Nacht?«, erkundigte sich Anja.

Claudia sagte nur ein Wort: »Sven.«

»Oh ... Hat er dich wieder belästigt?«

»Er hat mich rumgekriegt.«

Anja riss die Augen auf. »Er hat was?«

Claudia nickte verlegen. »Ja, du hast richtig gehört: Sven hat mich wieder rumgekriegt.«

»Aber ...«

Claudia winkte ab. »Ich weiß, Anja. Ich weiß, was ich alles gesagt habe. Er muss mich irgendwie auf dem linken Bein erwischt haben – und da ist es eben passiert. Hinterher hatte ich so schreckliche Gewissensbisse, dass an Schlaf natürlich nicht zu denken war.« Sie seufzte wieder. »Ich bin rückfällig geworden wie eine Süchtige. Dabei war ich so sicher, dass ich Sven überwunden habe.«

Ich nicht, dachte Anja. »Und was nun? Seid ihr wieder zusammen?«

Claudia rollte die Augen. »Ach Anja, ich weiß nicht, ob ich das möchte. Obwohl ich wieder mit Sven geschlafen habe. Es war sehr schön, aber hinterher hatte ich ein Gefühl ... ein Gefühl, das ich einfach nicht beschreiben kann. Ich bin innerlich total zerrissen. Ich weiß nicht mehr, was ich will. Einerseits möchte ich vergessen, was Sven getan hat. Andererseits habe ich Angst, dass er mir so was noch mal antut. Er schwört zwar Stein und Bein, dass es ein einmaliger Ausrutscher war, der sich ganz bestimmt nie mehr wiederholen wird, aber Männer versprechen immer sehr viel, wenn sie dich überzeugen wollen – und meistens halten sie hinterher sehr wenig davon.« Claudia ließ wieder einen langen Seufzer hören.

»Sieh mich nicht so an«, sagte Anja. »Du erwartest einen Rat von mir, aber ich kann dir keinen geben. Wenn du meinst, dass du ohne Sven nicht leben kannst ...«

»Wenn ich in der Zwischenzeit einen anderen kennengelernt hätte, wäre das wahrscheinlich nicht passiert.«

Anja wiegte den Kopf. »Du tust so, als wäre es eine Katastrophe.«

»Für mich ist es eine.«

»Blödsinn!«, widersprach Anja. »Du könntest jederzeit sagen, dass die vergangene Nacht ein Fehler war.«

Claudia schüttelte den Kopf. »Ich glaube, ich komme nicht mehr von ihm los, Anja. Ich bin ganz schön bescheuert, wie?«

»Aber nein.«

»Sag’s ruhig. Ich nehme es dir nicht übel. Ich kann ja wirklich nicht alle Tassen im Schrank haben, wenn ich wieder etwas mit Sven anfange.«

»Wer weiß, wie ich in deiner Situation gehandelt hätte«, überlegte Anja. »Vielleicht genauso.«

»Wir werden sehen, wie lange es diesmal gutgeht ...«

In der Mittagspause suchten Claudia und Anja ein kleines Bistro auf. Anja erzählte ihrer Freundin, dass sie Markus wiedergesehen hatte.

Claudia machte ein überraschtes Gesicht. »Du bist zu ihm gegangen?«

»In diese Werkstatt, ja.«

Claudia zog die Nase kraus. »Ich weiß nicht, ob das richtig war.«

Anja sah sie verwundert an. »Warum denn nicht?«

»Naja, wegen Richy ... Er ist nicht da, und du ... Bitte versteh mich nicht falsch. Ich bin bei Gott kein Moralapostel. Aber mir kommt es vor, als versuchtest du da etwas anzubahnen ...«

»Unsinn!«, wehrte Anja entschieden ab. »Ich habe nicht vor. Richy zu betrügen.«

»Warum läufst du Markus dann nach?«

»Ich laufe ihm doch nicht nach!« Anja schüttelte den Kopf. »Wie sich das anhört. Also wirklich, Claudia ...«

»Ich sage, wie ich es sehe.«

»Ich laufe Markus nicht nach!« Es war Anja wichtig, das noch einmal festzustellen.

»Du suchst bloß seine Nähe«, schwächte Claudia ab.

»Ja, weil ich möchte, dass er mir hilft.«

Claudia hob eine Augenbraue. »Wobei?«

»Ich habe Richys ewige Bevormundung allmählich satt«, brach es aus Anja hervor. »Immer kriege ich zu hören: Lass mich das lieber machen, Mäuschen! Er ist davon überzeugt, dass ich überhaupt nichts kann. Und er macht sich bei anderen lustig über mich. Das muss ich ihm abgewöhnen. Ich will ihm beweisen, dass ich ihm in vielen Dingen ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen bin, und Markus ist bereit, mir dabei zu helfen. Ich wäre dumm, wenn ich diese einmalige Gelegenheit nicht beim Schopf packen würde.«

Claudia schmunzelte. »Ich glaube gern, dass Markus dir einiges beibringen kann. Aber ich bezweifle, dass er sich auf rein technische Dinge beschränken wird.«

»Dazu gehören immer noch zwei.«

»Ihr seid zwei«, lächelte Claudia.

»Gehen wir!«, brummte Anja unwirsch. »Die Mittagspause ist um.«

10. Kapitel

Als erstes zeigte Markus Anja, wie man ein Scheinwerferlämpchen auswechselte. Es ging viel einfacher, als sie sich das vorgestellt hatte.

Anja hatte angenommen, man müsse vorne das Glas abmontieren, dabei nahm man den Glühbirneneinsatz hinten heraus, und es waren nur wenige Handgriffe dazu erforderlich. Sie hatte sich auch einen Overall gekauft. Richtig zünftig sah sie aus. Sogar mit Schmutzflecken an den Wangen. Ein Beweis dafür, dass sie erstens gearbeitet hatte und zweitens kein gestörtes Verhältnis zu Schmutz hatte.

»Wann hast du das Öl wechseln lassen?«, erkundigte sich Markus.

Anja zuckte die Achseln. »Ist schon eine Weile her.«

»Das Öl sollte alle zehntausend Kilometer raus.« Markus war in seinem Element. »Vor allem bei älteren Fahrzeugen.«

»Und warum?«

»Weil die Kolbenringe nicht mehr ganz dicht sind«, erklärte er ihr geduldig. »Dadurch rinnt Treibstoff an den Zylinderwänden runter, verdünnt das Öl und vermindert seine Schmierfähigkeit.«

»Ich verstehe.«

»Dann müsstest du auch wissen, was das zur Folge haben kann.«

Anjas Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. »Kolbenfresser!«

»Sehr gut«, lobte Markus. »Woher weißt du das?«

Anja lachte leise. »Einem Kollegen meines Vaters ist das mal passiert. Den Motor seines Wagens konnte er danach wegwerfen.«

»Deshalb ist es wichtig, alle zehntausend Kilometer einen Ölwechsel vorzunehmen. Hast du schon mal zugesehen? Weißt du, wie das geht?«

»Ungefähr.«

»Dann machen wir das heute gemeinsam. Einverstanden?«

Anja nickte. »Aber ja!«

Markus manövrierte den Polo auf die Hebebühne, fuhr sie nach oben und zeigte Anja die Ölablassschraube.

»Darf ich sie öffnen?«, fragte Anja.

Markus nickte lächelnd. »Bitte.« Ihm gefiel Anjas Eifer. »Es ist ja dein Wagen. Aber sei vorsichtig, sonst rinnt dir das Öl in dein hübsches Gesicht.« Er rollte den Altöl-Auffangbehälter unter das Fahrzeug und brachte den Trichter in die richtige Position. Dann reichte er Anja einen Schraubenschlüssel. »Dann mal los!«

Die Schraube saß ziemlich fest, aber Anja bekam sie auf. Dunkles, zähes Öl rann ihr über die Finger, und die Schraube fiel in den Trichter.

»Verdammt!«

»Das macht nichts«, beruhigte Markus sie schnell. »Im Trichter ist ein Sieb. Du kannst die Schraube herausnehmen, sobald das Öl durchgeronnen ist.«

Während sie unter Markus’ Anleitung zum erstenmal selber einen Ölwechsel an ihrem Wagen vornahm, musste sie an Richy denken. Wenn sie ihm das erzählte, würde er ihr nicht glauben, dachte sie triumphierend. Er würde noch Augen machen ...

Als sie anschließend gründlich ihre Hände sauberschrubbten, erkundigte sich Markus: »Na, hat’s Spaß gemacht?«

Anja nickte begeistert. »Großen sogar.«

»Wenn du möchtest, besorge ich einen Auspuff für deinen Polo«, bot Markus ihr an. »Ich hab’ eine Quelle, da kriege ich ihn billiger.«

»Einverstanden.«

Markus trocknete seine Hände ab. »Sobald ich ihn habe, rufe ich dich an, okay?«

»Okay. Und ... danke.«

Markus lächelte sie an. »Mach’ ich gern für dich.«

»Ich hoffe, ich kann mich mal revanchieren«, sagte Anja und hoffte es wirklich. Markus war ihr irrsinnig sympathisch.

»Da wird uns schon etwas einfallen!«

»Vielleicht kann ich dir helfen, wenn du dir wieder Leopold vornimmst«, schlug sie lächelnd vor. »Dann muss ich auch kein schlechtes Gewissen mehr haben.«

Markus sah sie erstaunt an. »Weswegen denn?«

»Na ja, du vernachlässigst meinetwegen deinen Mercedes.«

Markus winkte ab. »Leopold ist fünfundzwanzig Jahre alt, wie du weißt. Für den spielt Zeit keine so große Rolle mehr. Ob ich mich heute seiner annehme oder erst in einem Monat, das ist ihm ziemlich egal. Deshalb gibt er nicht gleich den Geist auf.«

Als sie kurz darauf die Werkstatt verließen, hoffte Anja insgeheim, dass Richy nicht so bald zurückkam. Sie wollte noch möglichst viel lernen. Aber war das wirklich der einzige Grund?

»Na, wie war’s in der Do-it-yourself-Werkstatt?«, fragte Ferdinand Burger gespannt, als Anja nach Hause kam.

»Einfach toll!«, antwortete Anja restlos begeistert. »Man hat da einfach alles, was man braucht. Ich habe heute zum erstenmal ein Bilux-Lämpchen ausgetauscht.«

»Bravo!«

»Bisher wusste ich nicht einmal genau, was das ist«, lachte Anja mit neu erwachtem Selbstbewusstsein.

»Unsere Tochter, Roswitha!«, rief Ferdinand Burger stolz. »Künstlerin und Automechanikerin in einer Person – ein Multitalent!«

»Einen Ölwechsel habe ich auch selbst vorgenommen.«

»Ist ja großartig!«, rief ihr Vater staunend.

»Und demnächst montiere ich einen neuen Auspuff«, kündigte Anja an. »Ist angeblich überhaupt keine Hexerei.«

»Ist es auch nicht«, stimmte ihr Vater ihr zu. »Man muss es sich nur zutrauen.«

»Das tu’ ich. Und Markus hilft mir dabei.«

Roswitha Burger horchte auf. »Markus Ratke?«

Anja nickte. »Der mit dem Mercedes.«

»Aha«, sagte Frau Burger. Sonst nichts.

Richy war nun schon eine Woche »drüben«, hatte aber immer noch kein Lebenszeichen von sich gegeben: keinen Anruf, keinen Brief, keine Postkarte, nichts.

Anja fand das zunächst befremdend und mit der Zeit immer ärgerlicher. Richy konnte unmöglich so viel zu tun haben, dass er sie darüber völlig vergaß. Vielleicht rief er nicht an, weil das Geschäft miserabel ging, überlegte sie. Vielleicht schämte er sich. Vielleicht wollte er nicht zugeben, dass sie mit ihrer Prognose von einer Bruchlandung recht hatte.

Diesmal war’s schlimmer als all die anderen Male. Richy war immer mit großem Enthusiasmus ins Fiasko gerannt, aber das hatte ihn wenigstens kein Geld gekostet.

Daniel riss Anja aus ihren Grübeleien. Er hatte ihre Ohrfeige inzwischen vergessen und unternahm einen neuerlichen Vorstoß. »Heute Abend steigt ein super Open-air-Konzert«, begann er und malte mit dem Zeigefinger Kreise auf ihre Arbeitsunterlage. »Du hast sicher die Plakate gesehen.«

Anja nickte. »Hab’ ich.«

»Alles, was in der deutschen Rock- und Popszene Rang und Namen hat, wird vertreten sein. Das verspricht ein ganz irres Fest zu werden.«

»Und?«, fragte Anja gelassen.

Es funkelte hoffnungsvoll in Daniels Augen. »Ich hab’ zwei Karten. Möchtest du mitkommen?«

»Nein.«

Er sah sie verdutzt an. »Du weißt nicht, was du ausschlägst.«

Anja lächelte kühl. »Doch, das weiß ich sogar sehr genau.«

»Ich werde bestimmt ganz artig sein«, versprach er.

Sie hob gleichgültig die Schultern. »Da ich nicht dabei sein werde, kannst du tun und lassen, was du willst.«

»Hast du für heute Abend schon was vor?«, fragte Daniel fast hilflos.

Es gefiel ihr, dass sie ihn so sehr verunsichert hatte. »Erraten!«, antwortete sie, obwohl es nicht stimmte.

»Ist dein Freund zurückgekommen?«

Ihr Blick verdunkelte sich. »Nein.«

»Dann verstehe ich nicht ...«

Anja sah ihn kühl an. »Ich gehe nicht mehr mit dir aus, Daniel.«

»Aber warum denn nicht?«

»Weil es mir zu gefährlich ist«, antwortete sie. »Und weil ich meinen guten Ruf nicht verlieren möchte.«

»Ach, wenn eine Frau mit mir ausgeht, verliert sie ihren guten Ruf!«

»Sie setzt ihn zumindest leichtfertig aufs Spiel«, erwiderte Anja schnippisch, stand auf und verließ das Atelier.

Ihre Laune besserte sich schlagartig, als Markus am Nachmittag anrief.

»Ich hab’ den Auspuff«, verkündete er.

»Wunderbar! Danke.« Anja freute sich.

»Wenn du möchtest, können wir ihn heute noch montieren.«

»Heute ... Das passt mir schlecht. Ich hab noch so viel zu tun. Der Arbeitsberg wird sich ohne Überstunden nicht bewältigen lassen.«

»Wie lange, schätzt du, musst du in der Agentur bleiben?«, erkundigte sich Markus.

»Halb sieben wird es schon werden.«

»Und  –danach ...?«

»Bin ich bestimmt nicht mehr fähig, einen Schraubenschlüssel in die Hand zu nehmen«, seufzte sie.

»Und wie sieht es mit Messer und Gabel aus?«, forschte Markus.

»Wie bitte?«

»Nach soviel Arbeit wirst du bestimmt hungrig sein. Gehst du mit mir essen?«

Anja überlegte nicht lange. Sie sagte einfach ja.

Das Kalbsschnitzel zerging förmlich auf der Zunge, und die Sahnesoße hätte man nicht vortrefflicher würzen können. Anja war zwar müde, aber sie fühlte sich dennoch sehr wohl in Markus’ Gesellschaft.

Er erzählte ihr von seinem Beruf, weil sie ihn darum gebeten hatte.

»Du machst das sehr gern, nicht wahr?«

Markus nickte. »Ich bin mit Begeisterung Journalist.«

»Du schreibst gern, hm?«

»Sehr gern.«

»Hast du schon mal daran gedacht, ein Buch zu schreiben?«, erkundigte sich Anja.

»Gedacht schon ...«

»Aber?«

Markus hob die Schultern und lächelte. »Noch nicht versucht.«

»Würde in deinem Hinterkopf denn eine Idee schlummern?«, erkundigte sich Anja lebhaft.

Er wiegte den Kopf. »Ich hätte vielleicht eine Story für ein Kinderbuch.«

Anjas Interesse war nicht gespielt.

»Lass doch mal hören.«

Er schmunzelte. »Die Geschichte, wie aus dem kleinen, verträumten Schaukel-Gaukel, den niemand ernst nimmt und über den alle lachen, nach einigen Abenteuern, die ihn reifen lassen, ein wunderschöner, allseits angesehener Schmetterling wird.«

Anja war begeistert. »Hört sich super an!«

»Du bist die erste, mit der ich darüber rede«, vertraute Markus ihr an.

»Du solltest diese Geschichte schreiben.«

Er lächelte. »Würdest du sie illustrieren?«

»Sehr gerne, wenn du das möchtest. Und dann packen wir unser gemeinsames Kunstwerk in eine große Versandtasche, schicken es an einen Verlag und sehen, was daraus wird«, spann Anja Markus’ Idee weiter, und ihre Augen blitzten.

Markus griff nach ihrer Hand und sah sie an. »Als wir uns kennenlernten, fragte ich dich, ob du mich mal porträtieren würdest. Du hast abgelehnt. Sagst du jetzt, da wir uns schon ein wenig besser kennen, immer noch nein?«

Wärme durchrieselte sie. »Warum möchtest du unbedingt, dass ich dich porträtiere?«

»Ich möchte so viele Stunden wie nur irgend möglich mit dir zusammen sein«, antwortete er leise. Er hielt noch immer ihre Hand.

Anja dachte an Richy. Wenn er jetzt zur Tür hereinkommen und mich hier so mit Markus sitzen sehen würde ..., dachte sie. Was würde er denken?

Sie entzog Markus behutsam ihre Hand. Aber wusste sie denn, was Richy in diesem Augenblick »drüben« machte? Vielleicht war er auch nicht allein. Wer weiß, wen er kennengelernt hatte. Das würde auch erklären, wieso er schon so lange nichts von sich hören ließ.

Anja gab sich einen Ruck.

»Na schön, ich werde dich porträtieren ...«

»Wirklich?« Markus strahlte.

»Nachdem du das Kinderbuch geschrieben hast«, fuhr Anja unbeirrt fort.

Markus wiegte den Kopf. »Das kann dauern.«

»Was drängt uns?«, fragte Anja schmunzelnd.

»Nichts«, gab Markus widerstrebend zu.

»Eben!« Anja lächelte.

Markus wechselte geschickt das Thema. »Magst du eigentlich Blues?«

»Magst du ihn?«

»Ich weiß, wo der bluesigste Blues gespielt wird! Wollen wir ihn uns anhören? Nur dasitzen, ein Glas Wein trinken und zuhören?«

»Hört sich gut an.«

»Wenn du aber lieber heimgehen möchtest, weil du heute schon zu müde bist, heben wir uns diesen Musikgenuss für ein andermal auf«, meinte Markus verständnisvoll.

»Wenn der Blues wirklich gut ist ...«

»Allererste Sahne.«

Wieder musste Anja lächeln. » ... dann fallen mir ganz bestimmt nicht die Augen zu.«

Das Lokal war zum Bersten voll. Auf einer kleinen Bühne spielten vier weiße und ein farbiger Musiker. Könner.

»Hör dir an, wie die Band die Synkopen verschleppt!«, rief Markus schon bei den ersten Tönen begeistert.

Auch Anja war bald von dem gefühlvollen Rhythmus gepackt und spürte, wie ihr die Musik ins Blut ging und ihre Müdigkeit verscheuchte.

Markus kämpfte sich zum Tresen durch und reichte Anja wenig später ein Glas Wein, um mit ihr anzustoßen. »Super, dass du mitgekommen bist! Das rechne ich dir hoch an.«

Sie suchten sich ein ruhigeres Plätzchen. Wenig später lehnten sie an einer glatten Steinsäule und sogen den trägen Rhythmus in sich auf. Markus musterte Anjas Profil, während sie zur Bühne schaute.

Hübsch war sie, sehr hübsch. Und wahnsinnig nett. Und so unkompliziert. In diesem Moment weigerte er sich, daran zu denken, dass Anja einen Freund hatte. Er freute sich nur, dass sie mit ihm hier war.

Anja schloss die Augen, und Markus konnte der Versuchung, sie blitzschnell zu küssen, kaum widerstehen.

»Immer noch müde?«, fragte er heiser.

Sie schüttelte den Kopf, ohne die Augen zu öffnen. »War ein prima Vorschlag, hierherzugehen«, sagte sie. »Die Jungs sind wirklich großartig.«

»Wenn wir Glück haben, tritt heute wieder Tammy Cochran auf. Sie kommt aus New Orleans und hat eine Wahnsinnsstimme. Sie gehört nicht zur Band, ist hier auch nicht engagiert. Manchmal schneit sie ganz unvermittelt mit ein paar Freunden rein, gibt ein paar Songs zum besten und verschwindet wieder.«

Anja öffnete die Augen. »Ist sie hier?«

Markus sah sich kurz um, dann schüttelte er den Kopf. »Im Moment nicht.« Für ihn war es, das wusste er schon jetzt, auch ohne Tammy Cochrans Auftritt ein großartiger Abend. Wieder genoss er den Anblick von Anjas hübschem Profil.

Anja spürte seinen Blick und sah ihn an. »Ist was?«

»Nein ... nein. Nichts«, stammelte er überrumpelt, konnte aber auch nicht wegsehen.

»Warum siehst du mich immerzu an?«, fragte Anja.

Markus kam näher. »Stört es dich?«

»Nein«, antwortete Anja leise. In diesem Augenblick hatte sie das Gefühl, mit Markus allein zu sein. Die Musik und die Geräusche um sie herum nahm sie einfach nicht mehr wahr.

»Ich bin noch keinem Mädchen begegnet, das hübscher war als du, Anja«, flüsterte Markus mit rauer Stimme und kam dabei immer näher.

Wahrscheinlich hätte er sie geküsst, wenn Anja nicht ihr Glas gehoben und daran genippt hätte. Sie warf ihm noch einen schnellen Blick zu, dann konzentrierte sie sich wieder auf das Geschehen auf der Bühne.

Sie hatten leider nicht das Glück, dass Tammy Cochran aus New Orleans für sie sang. Aber für Anja war es trotzdem einer der schönsten Abende, seit langem, und dafür dankte sie Markus mit einem schnellen Kuss, als sie vor ihrer Haustür standen.

Markus berührte seine Lippen. »Weißt du, was du gerade getan hast?«

Anja lächelte. »Natürlich. Ich bin schließlich nicht betrunken. Ich habe nicht einmal einen Schwips.«

»Du ... du hast mich geküsst.«

»Stimmt.«

»Warum?«

Sie zuckte die Schultern. »Mir war auf einmal danach.«

Bevor Markus auf dumme Gedanken kommen konnte, flüsterte sie hastig: »Gute Nacht, Markus.« Dann huschte sie ins Haus.

11. Kapitel

Sie hatte ihn geküsst! Anja hatte ihn geküsst, weil ihr auf einmal danach gewesen war. Markus wäre am liebsten laut singend nach Hause getanzt, so himmlisch fühlte er sich. Er fuhr heim, zog sich aus, ging ins Bad und betrachtete sich im Spiegel. »Sie hat mich geküsst! Ist das nicht wunderbar?«

Er hielt sein heißes Gesicht unters kalte Wasser, doch die Hitze blieb. In seinem Kopf hämmerte fortwährend der Name dieses großartigen Mädchens – Anja, Anja, Anja ...

»Ich liebe dich, Anja«, flüsterte er und sprühte in einem Anfall von Übermut mit Rasierschaum ein großes weißes Herz auf den Spiegel.

Das Läuten des Telefons ernüchterte ihn. Hoffentlich war es niemand von der Zeitung. Er wollte jetzt seine Ruhe haben. Er hatte nur noch den Wunsch, sich ins Bett zu legen und von Anja zu träumen.

Markus griff lustlos nach dem Hörer. »Hallo!«

»Oh, ich fürchte, ich habe die falsche Nummer gewählt«, sagte Anja am anderen Ende.

»Nein!«, schrie Markus auf und musste sich zweimal räuspern, bis er weiterreden konnte. »Wieso denn?«

»Der Boy, mit dem ich heute Abend aus war und der so freundlich gewesen ist, mich nach diesen unvergesslichen Stunden heimzubringen, war nett und liebenswürdig – nicht so bärbeißig und unwirsch wie Sie. Bitte entschuldigen Sie die Störung ...«

»Mach keinen Quatsch, Anja!«, rief Markus entsetzt. »Leg nicht auf! Ich freue mich riesig, deine Stimme zu hören. Wenn du nicht bei deinen Eltern, sondern allein wohnen würdest, hätte ganz bestimmt ich dich angerufen.«

Sie schwieg.

Er hörte sie atmen. »Weshalb rufst du an?«, fragte er leise.

»Bist du gut nach Hause gekommen?«

»Ja.«

»Ich wollte noch einmal mit dir reden, bevor ich zu Bett gehe.«

Markus war versucht, ihr zu sagen, was er für sie empfand. Aber brauchte er ihr das noch zu sagen? Wusste sie das nicht schon längst?

»Was möchtest du mir sagen?«, forschte er sanft nach.

»Es ... es war vielleicht nicht richtig, dich zu küssen ...« Anjas Stimme wurde immer leiser.

»Oh, ich fand das ganz in Ordnung«, beteuerte er schnell. »Es hat mir gefallen.«

»Ja, das glaube ich dir. Aber ich wollte mit diesem Kuss keine falschen Hoffnungen bei dir wecken, verstehst du? Du bist irrsinnig nett, und der Abend mit dir war wirklich sehr, sehr schön. Deshalb habe ich dich geküsst, Ich wollte dir danken, und ich fand, dass Worte allein nicht reichen würden. Doch du darfst jetzt nicht denken ...«

Er nickte traurig, und er war froh, dass sie sein Gesicht nicht sehen konnte. »Schon gut, Anja, ich denke nicht ...«

»Ich betrachte dich als meinen besten Freund, Markus, aber ...«

»Richy. Ich weiß.«

»Ja. Ich bin schrecklich gern mit dir zusammen. Du bist sehr nett. Du weißt soviel. Du kannst mir in der Werkstatt so viel beibringen ...«

»Das werde ich«, sagte er mit belegter Stimme.

»Du wirst auch dann mein Freund bleiben, wenn Richy zurückkommt«, versicherte Anja ihm eindringlich.

»Ich bin sehr stolz darauf, dein Freund zu sein«, erwiderte Markus deprimiert und mit hängenden Schultern. Er wäre so gern sehr viel mehr als nur ihr Freund gewesen.

»Sehen wir uns morgen in der Werkstatt?«, fragte Anja.

Er antwortete nicht sofort. »Ja«, sagte er schließlich.

»Wenn du schon etwas anderes vorhast ...«

»Nein, nein!«, beeilte er sich zu erwidern. »Ich habe nichts vor. Nichts, was auch nur annähernd so wichtig wäre, wie dir zu helfen.«

»Dann also – bis morgen.«

»Ja, bis morgen. Ich freu’ mich drauf.«

»Gute Nacht, Markus.«

»Gute Nacht, Anja.«

Sie legte auf.

»Scheiße!«, stieß er verzweifelt hervor, als sie ihn nicht mehr hören konnte.

Anjas Gesichtsausdruck hätte Richy zu denken gegeben, und er hätte ihm bestimmt nicht gefallen. Geistesabwesend ging sie in ihr Zimmer.

Sie musste sich vorsehen. Wenn sie den Dingen einfach freien Lauf ließ, würden sie ihr sehr schnell entgleiten. Und das durfte nicht geschehen! Auch wenn Markus wahnsinnig nett war – schließlich war sie mit Richy zusammen.

Anja setzte sich aufs Bett und fuhr sich mit gespreizten Fingern ins Haar. Wie konnte sie Markus auf Distanz halten, ohne ihn zu verlieren? Denn das wollte sie auf keinen Fall.

Ganz einfach: Ich darf ihn nie wieder küssen!, sagte sich Anja streng. Und zu nahe kommen darf er mir auch nicht mehr! Das war sie Richy schuldig, auch wenn er seit Tagen nichts von sich hatte hören lassen.

Sie ließ sich zurückfallen, lag quer über dem Bett und wusste nicht, wie sie mit diesem Dilemma, das so überraschend aufgetreten war, fertig werden sollte. Auch wenn es ihr schwerfiel, es sich selbst einzugestehen: Sie mochte Markus. Mehr, als ihrer Beziehung zu Richy guttat. Hätte sie sich in diesem Augenblick zwischen ihm und Markus entscheiden müssen ... Sie wagte den Gedanken nicht zu Ende zu denken.

Anja kroch unter die Bettdecke. Erst mal darüber schlafen! befahl sie sich energisch. Vielleicht sah die Welt morgen schon wieder anders aus.

Aber insgeheim ahnte sie schon, dass das nicht der Fall sein würde.

*

»Du hast gestern echt was versäumt!«, brüllte Daniel ihr am nächsten Morgen schon auf dem Flur entgegen. »Das war das tollste Open-air-Konzert, das ich je erlebt habe.«

Anja musste unwillkürlich lachen. »Das würdest du garantiert auch sagen, wenn es stinklangweilig gewesen wäre, damit ich mich ärgere.«

»Es war ein super Konzert. Du kannst es in allen Zeitungen nachlesen«, behauptete Daniel.

»Warst du allein da?«

Daniel schüttelte den Kopf. »Ich habe einen Freund mitgenommen.«

Anja spielte die Überraschte. »Du hast Freunde? Das hätte ich dir nicht zugetraut.«

»Ach, und warum nicht?«

»Ich hätte eher angenommen, dass du jedem gleich bei der erstbesten Gelegenheit die Freundin auszuspannen versuchst. Und wem gefällt das schon?«

Daniel schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. »Eine Meinung hast du von mir! Ich muss mich schon sehr wundern.«

Sie wurden bei ihrer Auseinandersetzung unterbrochen, als Vera Ploner Thomas Fuchs, den Chefgrafiker, und Daniel zu einer Besprechung in den Konferenzraum holte.

Während der Kaffeepause sagte Claudia: »Heute bist du mit deinen Gedanken sehr weit weg.«

»Merkt man das meiner Arbeit an?«, fragte Anja betroffen.

Claudia schüttelte den Kopf. »Deine Reinzeichnungen sind in Ordnung.«

»Aber?«

»Du durchwanderst den Tag wie in Trance«, behauptete Claudia. »Siehst nichts, hörst nichts ...«

Anja seufzte.

»Du vermisst Richy, nicht wahr?«, erkundigte sich Claudia mitfühlend.

»Nein!«, antwortete Anja wie aus der Pistole geschossen. »Nein«, wiederholte sie etwas zurückhaltender.

Claudia lächelte, als wüsste sie es besser. »Es ist keine Schande, sich nach dem Mann, den man liebt, zu sehnen.«

»Aber das tu’ ich nicht.«

Jetzt sah sie Anja befremdet an. »Du vermisst Richy nicht?«

»Naja. Vielleicht ... ein bisschen ...«

»Ihr seid seit anderthalb Jahren zusammen ...«

»Es war seine Entscheidung, sich in dieses dubiose Abenteuer zu stürzen«, fiel Anja ihr ins Wort.

»Bist du deswegen nun sauer auf ihn?«

»Überhaupt nicht.«

»Aber du hast doch was!« Claudia ließ nicht locker. »Hat er sich noch immer nicht gemeldet?«

»Ich scheine ihm nicht einmal einen kurzen Anruf wert zu sein«, sagte Anja bitter.

»Das ist also der springende Punkt.«

»Soll ich jemanden, der in einer ganzen Woche nicht bereit ist, mir fünf Minuten seiner kostbaren Zeit zu widmen, vermissen?« Anja machte eine Handbewegung, als wollte sie Schmutz vom Tisch fegen.

»Das ist wirklich nicht in Ordnung«, stimmte Claudia ihr zu. »Was denkt er sich eigentlich dabei?«

»Wahrscheinlich nichts.«

»Er muss doch wissen, dass du dir Sorgen machst, wenn er so lange nichts von sich hören lässt.«

»Das Geschäft kommt für ihn immer zuerst«, meinte Anja und verzog das Gesicht, als hätte sie Zahnschmerzen. »Ich habe keine Lust mehr, über Richy zu reden, Claudia. Erzähl mir, wie es nun mit Sven und dir läuft.«

Claudia strahlte. »Er ist wie ausgewechselt.«

»Dann hat es sich gelohnt, ihm eine zweite Chance zu geben.«

»Ich glaube, ja. Er frisst mir buchstäblich aus der Hand. Er ist wahnsinnig lieb zu mir und beteuert andauernd, wie froh er ist, mich wiederzuhaben, aber ...«

Anja sah Claudia abwartend an.

»Es ... es fällt mir so schrecklich schwer zu vergessen, was er getan hat, Anja. Ich lebe in der ständigen Angst, er könnte so etwas wieder tun.«

»Versuch, positiv zu denken«, riet Anja ihr. »Sag dir, es war wirklich nur ein einmaliger Ausrutscher, der nie wieder vorkommen wird.«

Claudia nickte heftig. »Genau das versuche ich mir ja auch einzureden.«

Irgendwann redete Anja auf einmal von Markus. Dabei hatte sie das gar nicht vorgehabt. Viel lieber hätte sie alles, was Markus betraf, für sich behalten. Warum, wusste sie nicht.

Claudia hörte mit großen Augen und gespitzten Ohren zu. »Dieser Markus scheint dir in den paar Tagen ja ganz erstaunlich ans Herz gewachsen zu sein«, stellte sie fest, als Anja eine Pause machte.

»Wir sind Freunde geworden«, erklärte Anja.

»Verdammt gute Freunde, wie?«

»Was soll das heißen?«, fragte Anja angriffslustig.

»Ich fürchte, du wirst es nicht gerne hören, wenn ich deutlicher werde.«

»Heraus damit!«

»Also ich denke – und ich glaube nicht, dass ich mich irre – dass du dich in Markus verliebt hast ...«

»In Markus?« Anja lachte auf. Selbst in ihren Ohren klang es unecht. »Bist du übergeschnappt?«

»Und du bist dir dessen noch nicht einmal bewusst«, vervollständigte Claudia ihre Analyse.

»Verliebt! Ich! In Markus! Etwas Hirnrissigeres habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört!«

Als Markus anrief, flog Anja förmlich zum Telefon.

Aber Claudia sagte nichts. Sie lächelte nur wissend. Wenn das kein Beweis war ...

»Ja, hallo!« Wie atemlos und erwartungsvoll ihre Stimme klang, war Anja nicht bewusst. Doch Claudia entging nichts. Stumm lächelte sie in sich hinein.

»Hast du heute wieder soviel zu tun?«, erkundigte sich Markus.

»Nein, heute zum Glück nicht.«

»Dann brauchst du wohl keine Überstunden zu machen.«

»Keine einzige«, ließ Anja ihn mit einem entrückten Lächeln wissen.

Claudia beugte sich tiefer über ihr Layout.

»Wann kannst du frühestens in der Werkstatt sein?«, fragte Markus.

»Frühestens?« Anja überlegte kurz. »Um siebzehn Uhr.«

»Bestens. Dein Polo wird sich über den neuen Auspuff freuen.«

»Ich bin gespannt, ob der Einbau wirklich so einfach ist, wie du gesagt hast.«

»Hör mal, ein Automechaniker benötigt dafür nicht einmal fünfzehn Minuten.«

Anja lachte. »Du hast es mit einem Azubi zu tun, vergiss das bitte nicht.«

»Mach dir keine Sorgen!«, beruhigte er sie. »Wir werden das Kind schon schaukeln. Ich erwarte dich also in der Werkstatt.«

»Ich sehe zu, dass ich pünktlich wegkomme«, versprach Anja und legte auf. Als sie Claudias breites Grinsen sah, konnte sie nicht verhindern, dass sie rot wurde.

»Ich brauche einen Fotografen«, sagte Markus zu Edi Blinsdorf. »Kommst du mit?«

»Zum Damenbrustkraulen?«, fragte Edi und lachte meckernd.

»Eine Auswahl der besten Judokas von München bereitet sich derzeit auf einen Wettkampf mit den Stars aus Dresden vor«, informierte Markus den Fotografen. »Wir sehen uns das Abschlusstraining an, und du machst ein paar schöne Fotos.«

»Okay«, sagte Edi. »Ich hole meine Kamera.«

Sie verließen die Zeitungsredaktion, und Leopold, der Gutmütige, brachte sie nach Großhadern. Der Judo-Kader trainierte im Freien auf einem großen Sportplatz. Markus begrüßte den Trainer, einen Flünen, der aussah wie Dolph Lundgren, und begann sofort mit seinem Interview, während Edi die Sportler durch die Fotolinse beobachtete.

Zum Glück hatte der Mann nichts dagegen, dass Markus sein Tonband laufen ließ, was ihm die Arbeit sehr erleichterte. Nachdem er noch die drei besten Judokas vor sein Mikrofon geholt hatte, kehrten er und Edi mit genügend Bild- und Tonmaterial in die Redaktion zurück.

Markus schaute nervös auf seine Armbanduhr. Wenn er pünktlich in der Werkstatt sein wollte, musste er sich ranhalten.

Edi verschwand in der Dunkelkammer, um die Abzüge zu machen. Markus setzte sich an den PC und schrieb einen Bericht. Die Zeit drängte.

Er wollte Anja nicht warten lassen, deshalb arbeitete er mit Hochdruck – genau wie Edi. Der legte nach einer Stunde die Fotos vor. »Schneller ging’s leider nicht.«

Markus wählte die drei aussagestärksten Aufnahmen aus, baute sie in seine Story ein – und wenig später war die Sportseite von seiner Seite aus fertig.

Markus klopfte Edi auf die Schulter. »Dank’ dir.«

»Du haust schon ab?«, staunte Edi. »Wartest du nicht auf den Korrekturabzug?«

»Geht leider nicht. Ich hab’ was vor.«

»Muss ja was ganz Wichtiges sein, wenn du nicht mal die paar Minuten warten kannst.«

»Etwas Wichtigeres gibt es für mich nicht!«, rief Markus und stürmte lachend davon.

Markus sagte Anja, welche Schrauben und Klemmen zu lösen waren. Machen musste sie es selbst. Sie war mit großem Eifer bei der Sache.

Und ihm war es ein unbeschreibliches Vergnügen, sie dabei zu beobachten.

Jetzt ächzte und stöhnte sie. »So ein Mist!«

»Was ist?«

»Ich kriege diese Schraube nicht auf.«

»Soll ich mal?« Aber auch Markus vermochte die Schraube nicht aus dem Blech herauszudrehen.

»Was nun?«, fragte Anja ratlos. Sie stand ganz nah bei Markus. Ihre Körper berührten sich, und Anja hatte das Gefühl, sie stünde unter Strom. Zumindest fühlte es sich in ihrem Bauch so an.

»Da muss Kriechöl dran«, entschied Markus. Seine Stimme klang heiser. Auch ihn ließ Anjas körperliche Nähe nicht kalt. Er holte das Spray und sprühte das dünnflüssige Öl auf die hartnäckige Schraube. »Das müsste genügen. Wir lassen es kurz einwirken, dann kriegen wir die Schraube auf.«

Anja nickte voller Bewunderung. »Gewusst, wie.«

»Schluck Kaffee in der Zwischenzeit?«

»Keine schlechte Idee.«

»Er kommt zwar nur aus dem Automaten, aber er ist einigermaßen genießbar.«

Markus verschwand und drückte Anja wenig später einen Becher in die Hand.

Als sie beide ausgetrunken hatten, versuchte Anja sich abermals an der Schraube, und diesmal bekam sie sie auf.

»Na, was habe ich dir versprochen«, neckte Markus sie.

»Ein Erfolgserlebnis jagt das andere.«

Sie entfernten gemeinsam den alten Auspuff und montierten den neuen. Mit den fünfzehn Minuten eines Profis konnten sie allerdings nicht konkurrieren. Sie brauchten fast eine Stunde dazu, aber das konnte Anjas Begeisterung nicht schmälern.

»Ich hab’s geschafft! Ich hab’s geschafft!«, jubelte sie, als der Auspuff dran war, packte Markus um die Taille und hüpfte vor Freude um ihn herum.

Er lachte mit ihr. Aber dann hörten sie plötzlich auf. Sie standen da, einer hielt den anderen fest, und schauten einander in die Augen ...

Anja kam als erste zu sich. Sie blinzelte verlegen, ließ Markus abrupt los und trat rasch zurück. »Entschuldige«, sagte sie mit belegter Stimme. »Mich hat die Freude übermannt ...«

»Kann ich verstehen«, gab Markus leise zurück. »Das war die erste größere Reparatur, die du so gut wie allein an deinem Polo vorgenommen hast. Das versetzt einen in Jubelstimmung.«

»Ich hoffe, ich werde nicht nach jeder gelungenen Reparatur so ausflippen.«

»Mich stört das nicht«, versicherte ihr Markus ruhig. »Im Gegenteil. Es gefällt mir, dass du dich so begeistern kannst.«

Es ist trotzdem besser, wenn ich mich nicht noch mal so gehenlasse, sagte sich Anja und begann das Werkzeug wegzuräumen.

12. Kapitel

Anja brachte ihren VW Polo mit Markus’ Hilfe großartig in Schuss. Als es an ihrem Wagen nichts mehr zu reparieren gab, revanchierte sie sich, indem sie Markus tatkräftig zur Hand ging, als dieser sich wieder seinen betagten Leopold vornahm.

Der Mercedes wuchs ihr bald ebenso ans Herz wie Markus. Leopold war für sie beide fast so etwas wie ein Lebewesen. Auf jeden Fall aber sahen sie in ihm einen guten, zuverlässigen Freund.

Vier Wochen war Richy nun schon fort, und es knisterte zwischen Anja und Markus manchmal gewaltig. In der ganzen Zeit hatte Richy nur ein einziges Mal angerufen, und da war Anja nicht zu Hause gewesen. Er hatte nur mit ihrer Mutter gesprochen und gebeten, Anja Grüße zu bestellen. Er würde sich bald wieder melden.

Getan hatte er es nicht.

Anja traf sich regelmäßig mit Markus – fast jeden Tag. Und sie fand ihn von Mal zu Mal sympathischer.

Wo wird das noch hinführen?, fragte sie sich hin und wieder, obwohl sie es eigentlich längst wusste ...

Eines Sonntagabends holte Markus sie wieder ab.

Anja stieg in den Mercedes und gab Markus einen freundschaftlichen Begrüßungskuss auf die Wange.

»Ich hab’ tolle Neuigkeiten«, sprudelte er los. »Heute Abend tritt Tammy auf.«

»Woher weißt du das?«, fragte Anja.

»Von einem Typ, der mit Tammy befreundet ist. Vorher sollten wir uns aber stärken, einverstanden?«

»Stärken?«

»Ich dachte, wir könnten beim Italiener eine Kleinigkeit essen.«

»Das ist eine gute Idee.«

*

Tammy Cochran hatte wirklich den Rhythmus im Blut. Die schwarze Sängerin hatte eine rauchige Altstimme, die keinen der Gäste in dem gutbesuchten Blues-Club kaltließ. Während des Vortrages schien sie in ihrer eigenen Musikwelt zu leben. Sie hatte die meiste Zeit die Augen geschlossen und öffnete sie erst, wenn der Song zu Ende war. Dankbar lächelnd nahm sie den frenetischen Applaus des Publikums entgegen.

Auch Anja klatschte begeistert ihre Hände heiß.

Markus hatte nicht übertrieben: Die Frau aus New Orleans war wirklich super.

Als Tammy die Bühne verlassen wollte, schrien die Gäste lauthals: »Zu-ga-be! Zu-ga-be! Zu-ga-be!«

Und die Künstlerin ließ sich erweichen. Sie besprach sich kurz mit der Band und sang dann noch zwei weitere großartige Nummern.

»Das hat es, glaube ich, noch nie gegeben!«, schrie Markus, als das Publikum nach dem zweiten Song wie verrückt losbrüllte.

»Sie ist phantastisch!« Auch Anja war völlig aus dem Häuschen vor Begeisterung.

Markus lächelte breit. »Hab’ ich doch gesagt!«

»Ich könnte ihr noch stundenlang zuhören.«

»Ich habe zu Hause zwei LPs von ihr«, erzählte Markus.

»Die möchte ich hören«, entschlüpfte es Anja.

»Möchtest du das wirklich?« Markus’ Stimme vibrierte.

»Ja«, antwortete Anja, ohne zu überlegen.

»Dann komm.« Markus griff nach ihrer Hand und verließ mit ihr das Lokal.

Er konnte sein Glück nicht fassen. Bislang hatte er nicht gewagt, Anja einzuladen, weil er befürchtet hatte, sie würde ihm einen Korb geben. Sie hätte ihn damit sehr verletzt, und das wollte er sich ersparen.

Doch nun ... In diesem Augenblick liebte er Tammy gleich noch viel mehr. Hatte er ihr doch zu verdanken, dass Anja mit ihm kam.

Anja dachte überhaupt nicht darüber nach, was sie mit ihrer spontanen Zusage möglicherweise heraufbeschwor.

Sie wollte auch nicht darüber nachdenken. Sie vertraute Markus – grenzenlos.

Als er zwanzig Minuten später die Tür zu seiner Wohnung aufschloss, zitterte seine Hand.

»Ich ... ich war auf deinen Besuch nicht vorbereitet«, entschuldigte er sich leise, als er Anja behutsam ins Wohnzimmer schob und Licht machte. Hastig sammelte er herumliegende Sportzeitschriften und Sportbücher ein, um sie wahllos auf seinem Schreibtisch zu stapeln.

»Macht doch nichts.« Anja sah sich interessiert in dem hohen Raum um. Er gefiel ihr. Das Zimmer war vollgestopft mit Regalen, einer Musikanlage, die nicht billig gewesen sein konnte, und einer gemütlichen Sitzgruppe, die nach Möbeln von Oma oder Erbtante aussah.

Markus rieb seine Hände nervös an seinen Jeans ab. »Setz dich! Setz dich doch, Anja! Wohin du möchtest. Fühl dich wie zu Hause ... Ich ... ich muss irgendwo noch eine Flasche Rotwein haben ... Augenblick.« Er lief aus dem Zimmer und kam wenig später mit einer Flasche, zwei Gläsern und einem Korkenzieher wieder. Er entkorkte die Flasche bedächtig, füllte genauso bedächtig die beiden Gläser und reichte Anja eines davon. »Willkommen bei mir!«

Anja hatte nur kurz an dem Weinglas genippt, als Markus schon wieder aufsprang. »Wir wollten ja Tammy Cochran hören!«

Er brauchte nicht lange nach den beiden LPs zu suchen. Wenig später erfüllte Tammys rauchige Altstimme den Raum.

Anja schloss entzückt die Augen. Sie fühlte sich wohl – sehr wohl sogar. Und das lag nicht nur an der Musik.

»Man kann dazu auch tanzen«, sagte Markus unvermittelt. »Möchtest du?«

Anja nickte nur stumm und erhob sich. Ohne Zögern ließ sie es zu, dass Markus sie an sich zog. Sie wusste nicht, wie es dazu kam, doch plötzlich berührte ihre Wange sein Hemd. Jetzt hätte sie wieder auf Distanz gehen müssen, doch irgendetwas hielt sie davon ab. Es war schön, mit Markus zu tanzen. Und er tanzte genau so, wie sie es sich unbewusst vorgestellt hatte – einfühlsam und rhythmisch.

Anja schmiegte sich an ihn. Sie und Markus verband sehr viel. Und vor allem glaubte er an sie.

Von ihm hatte sie noch kein einziges Mal Sätze zu hören bekommen wie: »Du kannst das nicht. Mäuschen! Lass mich das lieber machen, Mäuschen!«

Er hatte sie noch nie bevormundet oder mitleidig belächelt. Und er reagierte nicht spöttisch und überheblich, wenn sie mal nicht weiterwusste, sondern half ihr, wenn sie es wollte.

»Tammy Cochran«, sagte Markus leise. »Hat sie nicht eine großartige Stimme?«

»Sie singt wunderbar.« Anjas Gedanken waren nicht bei der Sängerin, sondern bei Markus. Allmählich wurde ihr klar, worauf sie sich eingelassen hatte, aber sie hatte nicht die Kraft zu gehen. Zu schön war es in Markus’ Armen.

Ihr Herz begann schneller zu klopfen, und ihre Knie drohten nachzugeben, als Markus behutsam und zärtlich über ihren Rücken strich.

»Es ist für mich wie ein Traum«, flüsterte er dabei an ihrem Ohr.

Anja konnte nicht verhindern, dass ihr ein leiser Schauer über den Rücken lief.

»Ein wunderschöner Traum«, murmelte Markus ergriffen. »Du bist bei mir ... Ich hätte nie zu hoffen gewagt, dass du heute ...«

Schnell legte Anja ihren Finger auf seinen Mund. »Scht! Sag nichts. Markus!«

»Aber ich muss!«, protestierte er leise und mit rauer Stimme. »Ich kann es nicht länger für mich behalten. Ich muss es dir endlich sagen ...«

»Was sagen?« Anja wusste, was jetzt kommen würde. Sie hätte es verhindern können. Doch etwas in ihr schrie danach, Markus’ Geständnis zu hören.

»Ich liebe dich. Ich liebe dich, seit du mit deinem Polo gegen meinen Leopold gestoßen bist!«, kam es atemlos über Markus’ Lippen. »Ich habe mich dagegen gewehrt. Ich wollte mich von dir fernhalten. Ich hab’s ehrlich versucht, aber es hat nichts genützt, und inzwischen sind meine Gefühle für dich so stark geworden, dass sie sich einfach nicht länger unterdrücken lassen.«

Anja konnte nichts erwidern. Sie konnte Markus nur ansehen.

Ganz, ganz langsam näherten sich seine Lippen ihrem Mund, als wollte er ihr noch Gelegenheit geben, ihn daran zu hindern, sie zu küssen.

Doch sie schloss nur die Augen und ließ es geschehen. Sein Kuss raubte ihr nicht nur den Atem, sondern auch den Verstand. Anja begriff nur noch, dass von diesem Augenblick an nichts mehr wie früher war.

Als Anja in dieser Nacht in ihrem eigenen Bett lag, war an Schlaf nicht zu denken. Immer wieder sah sie sich in Markus’ Wohnung, in seinen Armen, und sie glaubte jetzt noch, seine Lippen auf ihrem Mund zu spüren und seine Hände, die so unbeschreiblich sanft und zärtlich sein konnten. Sie vermochte auch noch einen Hauch seines würzigen After shaves zu riechen, das wie für ihn geschaffen schien.

Nie zuvor hatte sie so viel Zärtlichkeit, so viel Leidenschaft erlebt. Und nie zuvor hatte sie das Zusammensein mit einem Mann so sehr genossen.

Doch je länger sie über sich und Markus nachdachte, desto unsicherer wurde sie. Nicht, weil sie Markus nicht liebte oder er sie nicht. Nein, darüber hatten sie noch ausführlich gesprochen, bevor sie sich getrennt hatten. Anjas größtes Problem war, wie sie sich Richy gegenüber verhalten sollte. Denn irgendwann kam er zurück. Und dann musste er die Wahrheit erfahren. Und einfach hinnehmen würde er es nicht, dass sie ihn betrogen hatte.

13. Kapitel

Die Gewissensbisse meldeten sich auch am nächsten Tag wieder. Anja war überzeugt, jeder könne ihr ansehen, dass sie mit einem anderen Mann als Richy geschlafen hatte, und sie wagte es nicht einmal, Claudia, ihrer besten Freundin, in die Augen zu sehen. Sie ging ihr aus dem Weg, so gut dies in der Agentur möglich war, und ließ sich vom Chefgrafiker mit Arbeit eindecken.

»Mir ist heute nach einem Hamburger«, sagte Claudia um die Mittagszeit. »Kommst du mit zur Imbissbude?«

»Ich kann unmöglich weg«, murmelte Anja unverständlich. »Zuviel zu tun. Bring mir einen Cheeseburger mit.«

»In Ordnung.«

Als Claudia weg war, ließ Anja ihren Gedanken freien Lauf. Sie dachte an Richy. Wie hatte sie ihm das antun können! Sicher hatte sie ihn nicht vorsätzlich betrogen, aber es war passiert, und nun hatte sie ein furchtbar schlechtes Gewissen und drohte daran zu ersticken.

Richy hatte sie vor seinem großen Abenteuer im »Wilden Osten« ganz schön genervt. Und er hatte vier, fast fünf Wochen lang nichts von sich hören lassen. Aber das war doch noch lange kein Grund, ihn so zu hintergehen! Das war nicht fair, auch wenn sie genau wusste, dass sie Markus liebte.

Es hätte nicht geschehen dürfen, dachte Anja unglücklich. Nicht hinter Richys Rücken! Sie hätte es nicht zulassen dürfen. Warum war sie nur mit zu Markus gegangen? Sie hätte sich doch denken können, was passieren würde. Schließlich hatte es schon seit Tagen zwischen ihnen geknistert. Markus konnte nichts dafür. Sie war schuld daran – nur sie ...

Claudia stand plötzlich vor ihrem Tisch und streckte ihr den bestellten Cheeseburger entgegen.

»Kannst ihn haben«, sagte Anja kleinlaut.

Claudia sah sie verwundert an. »He, was ist denn los mit dir?«

»Hab’ keinen Appetit.«

»Und weshalb nicht?«, bohrte Claudia.

»Iss den Cheeseburger und lass mich in Ruhe, okay?«

»Mit dir stimmt doch was nicht«, sagte Claudia argwöhnisch. »Du kommst mir heute schon die ganze Zeit so merkwürdig vor. Dich bedrückt etwas. Was ist es? Heraus damit!«

»Siehst du nicht, dass ich zu tun habe?«, brummte Anja unwirsch.

Doch Claudia ließ sich nicht verscheuchen. »Ich sehe, dass du dich hinter der Arbeit zu verstecken versuchst, aber damit kommst du bei mir nicht durch. Wir sind Freundinnen, und wenn wir ein Problem haben, reden wir darüber. Das haben wir in der Vergangenheit so gehalten, und davon werden wir auch in Zukunft nicht abweichen.«

Claudia redete so lange auf Anja ein, bis diese ihr ihr Herz ausschüttete.

»Für mich ist das keine allzu große Überraschung«, stellte Claudia nach Anjas Beichte nüchtern fest. »Mir war schon lange klar, dass es früher oder später dazu kommen würde. In meinen Augen war das eigentlich nur eine Frage der Zeit ... Jetzt wär’s dir wahrscheinlich am liebsten, wenn Richy im Osten bleiben würde, nicht wahr? Aber so leicht wird er es dir wohl kaum machen.«

Mit dieser Prophezeiung hatte Claudia leider recht: Zwei Tage nach diesem Gespräch meldete sich Richy zurück ...

*

Auf Anjas Wunsch trafen sie sich im Englischen Garten. Sie wollte jetzt nicht mit Richy allein sein. Nicht, solange die Dinge noch ungeklärt waren.

Markus hatte sie noch nicht erzählt, dass Richy zurück war. Sie wollte erst alles hinter sich bringen, bevor sie ihn wiedersah. Zum Glück hatte sie Markus auch nicht anlügen müssen. Er war an diesem Abend für seine Zeitung unterwegs.

Bei Richys Anblick erschrak Anja. Richy hatte ziemlich abgenommen. Richtig dünn war er geworden, und es schien ihm überhaupt nicht gutzugehen. Das machte für Anja alles nur noch schlimmer.

»Du hattest recht, Anja«, gab er kleinlaut zu, bevor sie sich überhaupt etwas sagen oder fragen konnten. »Das Geschäft ging voll in die Hose. Ich hab’ so gut wie nichts verkauft. Ich bin auf dem ganzen Gerümpel sitzengeblieben.«

»Warum hast du nur ein einziges Mal angerufen?«, fragte sie anklagend.

»Ich habe bis zum Umfallen gerackert.«

»Jeden Tag?«, fragte Anja zweifelnd.

»Jeden Tag. Von früh bis spät, Samstag, Sonntag – immer. Ich wollte den Erfolg erzwingen. Ich konnte einfach nicht glauben, dass die mich so schwer reingelegt hatten. Und dann ... « Er senkte den Kopf. »Dann habe ich auch noch angefangen, mich vor dir zu schämen«, gestand er, am Boden zerstört.

Anjas Herz krampfte sich zusammen. Ihre Schuldgefühle drohten ihr die Luft zu nehmen.

Richy sah sie voller Verzweiflung an. »Ich bin ganz übel gescheitert, Mäuschen.«

»Warum hast du mir nicht rechtzeitig von diesem Supergeschäft erzählt?«, fragte Anja vorwurfsvoll.

»Ich wollte nicht, dass du es madig machst ... Mir wäre viel erspart geblieben, wenn ich dich eingeweiht und auf dich gehört hätte, das muss ich im Nachhinein leider zugeben.« Er seufzte gequält. »Ich habe alles versucht, um das Geld, das ich in die Sache reingesteckt hatte, wiederzubekommen. Selbst mit der Hälfte der investierten Summe wäre ich noch zufrieden gewesen. Aber stattdessen ging es mit mir finanziell immer rascher bergab, und nun ... Ich habe keinen Pfennig mehr, Anja. Und nicht nur das. Um das Steuer vielleicht doch noch herumreißen zu können, habe ich mich auch noch auf Schulden eingelassen.«

»Richy ...«

Er schaute auf seine abgewetzten Sportschuhe. »Ich weiß, Mäuschen, ich bin ein elender Versager.«

Anja brachte es nicht übers Herz, ihm in dieser Situation auch noch von Markus zu erzählen. Natürlich war ihr klar, dass sie es ihm nicht verschweigen durfte, aber dies war der denkbar ungünstigste Zeitpunkt für ein solches Geständnis.

Sie umarmte ihn voller Mitleid. »Ach Richy ...«

Er sah sie mit großen, traurigen Augen an. »Wirst du mir helfen, Mäuschen?«

»Helfen?«, echote Anja. Sie wusste nicht, worauf Richy hinauswollte. Sicher würde sie ihm helfen. Aber was erwartete er von ihr?

»Ich schäme mich, dich um Geld zu bitten, aber ich weiß nicht, zu wem ich sonst gehen könnte«, sagte Richy zerknirscht.

Anja kaute auf ihrer Unterlippe und überlegte kurz.

»Ich habe zweihundert Mark bei mir. Die kannst du haben.«

Sie gab ihm das Geld. Wenigstens etwas, das sie in diesem Augenblick für ihn tun konnte.

»Ich lasse in Zukunft die Finger von diesen ach so tollen Geschäften. Nie wieder kriegt man mich dran, das schwöre ich dir«, beteuerte Richy ernsthaft. »Ich bin kuriert. Ein für allemal.« Er sah Anja dankbar an. »Ich bin froh, dass wenigstens du noch zu mir hältst.«

Sie biß sich so fest auf die Lippe, dass es blutete.

»Wenn ich dich nicht hätte ...«

»Richy!« Sie fiel ihm hastig ins Wort. »Ich ... ich hab’ dir auch etwas zu sagen ...!« Irgendwie war Anja erleichtert, dass sie jetzt gar nicht mehr anders konnte, als ihm alles zu sagen.

Richy sah sie abwartend an.

»Richy ... du darfst nicht glauben, dass ich das von Anfang an vorgehabt habe«, begann sie mit belegter Stimme. »Als du diese Geschäftsreise angetreten hast, dachte ich im Traum nicht daran ...«

»Mäuschen ...«

Anja hob abwehrend beide Hände. »Bitte, unterbrich mich nicht!«

»Aber Mäuschen, ich verstehe kein Wort von dem, was du sagst.«

»Hör mir trotzdem zu, ja? Und sag bitte nichts. Es ist irrsinnig schwierig für mich, die richtigen Worte zu finden ...« Sie schloss kurz die Augen, atmete tief durch und versuchte sich zu sammeln. »Wir waren eineinhalb Jahre zusammen ... Es war eine schöne Zeit, mal abgesehen davon, dass du geschäftlich ein halbes dutzendmal auf die Nase gefallen bist ...«

»Ich ...«

»Bitte, sei still, Richard!«

Er nickte niedergeschlagen.

»Ich habe dich geliebt«, fuhr Anja heiser fort, »und ich habe geglaubt, dass sich meine Gefühle für dich nie ändern würden ...«

Richy konnte einfach nicht still sein. »Mäuschen«, sagte er betroffen, »das hört sich so an, als würdest du mich nun nicht mehr lieben.«

Anja hatte mit einemmal einen dicken Kloß im Hals. Sie brachte kein weiteres Wort mehr heraus. Schuldbewusst nickte sie.

Richy sah sie entgeistert an. »Willst du dich von mir trennen, weil ich beruflich gescheitert bin? Hast du Angst davor, meine Schulden mit mir tragen zu müssen? Anja! Das darf doch nicht wahr sein! Was ist eine Liebe wert, die an so was gleich zerbricht?«

»Es geht mir nicht ums Geld, Richy.«

»In meiner Situation fällt es mir schwer, dir das zu glauben, Anja.«

»Es geht mir nicht ums Geld«, wiederholte Anja heftig.

Richy verzog das Gesicht. »Du gibst mir den Laufpass, weil du befürchtest, meine Gläubiger könnten sich an dir schadlos halten.«

»Das ist überhaupt nicht wahr!« Sie wurde zornig. »Willst du mir nicht endlich zuhören, anstatt so hirnrissige Behauptungen aufzustellen? Außerdem ist das Unsinn, was du da sagst. Von mir kann keiner was wollen. Schließlich waren wir nicht verheiratet.«

Richy presste trotzig die Lippen zusammen.

Anja wäre am liebsten aufgesprungen und weggelaufen. Aber Flucht war keine Lösung.

Sie musste es sagen. Jetzt! Sie holte noch einmal tief Luft.

»Es ... es gibt einen anderen, Richard. Es tut mir leid ...«

Richy sah sie wie vom Donner gerührt an. Mit allem schien er gerechnet zu haben, nur damit nicht.

»Einen anderen?«, fragte er unsicher. »Du meinst, du hast einen neuen Freund?«

»Ja.«

Richard stöhnte. »Meine Güte, diesmal kommt’s aber knüppeldick für mich.«

Anja litt Höllenqualen. »Es ... es tut mir ehrlich leid, Richy ...«

»Wer ist der Kerl?«

»Er ist kein Kerl!«, wies Anja ihn energisch zurecht.

»Wie sehr bist du mit ihm befreundet? Schläfst du mit ihm?«

Sie konnte ihn nicht ansehen, als sie ihm antwortete. »Ja, Richy, ich habe mit ihm geschlafen.«

Er lachte spöttisch. »Wunderbar! Großartig! Am Chiemsee, da war zwischen uns doch noch alles in Ordnung. Und kaum muss ich geschäftlich verreisen, gehst du schon mit ’nem anderen ins Bett.«

»So war das nicht.« Anja wurde laut.

»Ach! Wie war es denn dann?« Richards Stimme war voller Zynismus.

»Du ... du warst nicht da, hast in all den Wochen nur ein einziges Mal angerufen. Ich habe nichts gewusst, nicht, wie es dir geht, wie du vorankommst ...«

»Ich hab’ dir die Situation doch erklärt.«

»Das ist noch lange kein Grund, sich überhaupt nicht zu melden. Zwei Minuten Zeit für ein Telefongespräch sind doch nicht die Welt!«

»Und deshalb bist du auf diesen Typ abgefahren? Nur weil ich nicht angerufen habe?«

»So war es nicht. Markus hat sich um mich gekümmert«, verteidigte sich Anja heftig.

»Völlig uneigennützig, nicht wahr?«

»Ja! Auch wenn du es nicht glauben wirst. Er ist ganz anders als du. Er bevormundet mich nicht ständig, und er hat Vertrauen in mich. Er glaubt an mich. Ich habe in den vergangenen Wochen sehr viel von ihm gelernt.«

»Das kann ich mir vorstellen.« Richards Stimme triefte vor Sarkasmus. Dann wurde seine Miene vorwurfsvoll. »Du hast mich bitter enttäuscht, Mäuschen. Wir waren ein ... ein Team. Ein Herz und eine Seele waren wir. Wie konntest du mir das nur antun! Ich komme zurück, mir geht’s zugegebenermaßen beschissen, und du gibst mir zweihundert Mark, um dein Gewissen zu beruhigen. Mehr bin ich dir nach diesen eineinhalb Jahren nicht wert ... Ich hatte auf deine Hilfe gehofft. Ich hab’ ja nur dich. Und du ... Kaum habe ich dir den Rücken zugewandt, findest du einen anderen und willst nichts mehr von mir wissen ...«

»Nun hör aber auf!«, sagte Anja schneidend. »Ich werde dir selbstverständlich helfen. Ich lass’ dich nicht im Stich. Ich hab’ fast zweitausend Mark auf meinem Sparbuch. Die kannst du haben.«

»Du möchtest dich freikaufen, wie?«

»Helfen will ich dir, damit du wieder auf die Beine kommst.«

Richy atmete sichtlich erleichtert auf. »Wann kann ich das Geld haben? Morgen? Treffen wir uns wieder hier? Um dieselbe Zeit?«

Anja nickte.

»Du ... du kriegst das Geld selbstverständlich wieder, sobald ich flüssig bin«, versicherte er ihr.

Sie winkte ab. »Hat keine Eile.«

Als sie sich von Richy verabschiedete, war sie insgeheim erleichtert darüber, wie ihr Gespräch verlaufen war. Sie hatte Schlimmeres befürchtet. Doch je länger sie über Richys Verhalten nachdachte, umso mehr Ungereimtheiten fielen ihr auf.

Erstaunlich, wie schnell Richy sich damit abgefunden hatte, dass er in ihrem Leben keine Rolle mehr spielte. Keine Sekunde lang hatte er sie zurückzugewinnen versucht. Und das, obwohl er sie angeblich so sehr liebte. Mit jedem Schritt, den sie sich weiter von ihm entfernte, wurde ihr klar: Mit der theatralischen Show, die er vor ihr abgezogen hatte, hatte er wohl nur eines bezweckt – mehr als bloß zweihundert Mark von ihr zu kriegen.

*

»Hallo, Liebes!« Überrascht sah Anja auf. Mit allem hatte sie gerechnet, nur nicht damit, dass Markus sie abholen würde.

Er gab ihr einen zärtlichen Kuss. »Liebst du mich noch?«

»Natürlich!« Sie sah ihn mit großen Augen an. »Zweifelst du etwa daran?«

»Nein, mein Schatz. Ich habe nur gehört, dass Richy wieder zurück ist. Ich nehme an, er hat sich bereits bei dir gemeldet. Und das Gespräch kann für dich nicht einfach gewesen sein.«

Sie sah ihn perplex an. »Woher weißt du denn das?«

Markus lächelte nur. »Du weißt doch: Man hat so seine Quellen.«

Anja konnte sich nur noch wundern. Wie konnte Markus nur so vergnügt sein? Schließlich war sein Rivale wieder im Lande. War er sich ihrer so sicher?

»Ich hab’ mich gestern mit ihm im Englischen Garten getroffen«, erzählte Anja leise. »Es geht ihm nicht gut. Finanziell, meine ich.«

Markus zog sie an sich. »Hast du ihm von uns erzählt?«

Sie nickte. »Ja.«

Er schob ihr mitfühlend eine Locke aus der Stirn. »Wie hat er es aufgenommen?«

Anja zuckte die Schultern. »Freudensprünge machte er nicht gerade.«

»Aber er ist vor Schmerz auch nicht gerade zusammengebrochen.«

»Nein. Das nicht ...«

Markus lächelte hintergründig und drückte ihr einen schnellen Kuss auf den Mund.

»Dazu hatte er auch keinen Grund, mein Schatz.«

»Ich verstehe dich nicht, Markus. Du sprichst in Rätseln.«

»Hat Richard dir erzählt, dass er eine Neue hat?«

Anja starrte Markus ungläubig an. »Wie bitte?«

»Du kannst mir glauben. Richard hat bei seiner Tour ein Mädchen kennengelernt. Sie hat ihn begleitet, und nun wohnt sie bei ihm.«

Anja brauchte ein paar Sekunden, bis sie begriff. »Das darf doch nicht wahr sein! Dieser Mistkerl! Und ich hatte solche Schuldgefühle wegen uns ... Ich fass’ es nicht! Du hättest die Szene im Park miterleben sollen. Die Show, die er abgezogen hat, war bühnenreif. Und alles nur, um mir Geld aus der Tasche zu ziehen! Komm mit!«

»Was hast du denn vor, Liebes?«

»Ich will diesem miesen Kerl die Meinung sagen. Ich hasse es, wenn man mich für eine Weihnachtsgans hält, die man ausnehmen und schröpfen kann.«

Markus hielt sie am Arm fest. »Hältst du das für richtig?«

»Markus, bitte, versuch mich zu verstehen! Das kann ich einfach nicht auf mir sitzen lassen. Du weißt nicht, wie entsetzlich ich mich gefühlt habe, als Richy vor mir stand. Und der feine Herr nimmt mich auf den Arm. Mein Gott, wie muss er sich innerlich amüsiert haben! Und ich Idiot verspreche auch noch, ihn finanziell zu unterstützen.«

Markus gab nach, weil er einsah, wie wichtig es für Anja war, die Sache mit Richy ein für allemal zu einem Ende zu bringen.

Zehn Minuten später standen sie vor Richys Tür.

Als Richy öffnete, war Anja nicht mehr zu bremsen.

»Das ist Markus!«, fauchte sie und wies auf Markus. »Und wer die da ist«, sie zeigte auf das rothaarige Mädchen, das neben Richy stand, »interessiert mich nicht. Ich bin nur hier, um dir zu sagen, dass du morgen vergeblich auf mich und mein Geld warten wirst. Ich wünsch’ euch beiden eine schöne Zeit. Ich werde sie allerdings nicht finanzieren, das musst du einsehen.«

Anja fühlte sich großartig, geradezu befreit, als sie mit Markus wieder auf der Straße stand.

»Wohin nun, mein bezaubernder Racheengel?«, erkundigte sich Markus und sah sie mit einem verschmitzten Lächeln an.

Anja musste unwillkürlich lachen. Sie wusste, was in Markus’ Kopf vorging, ganz genau sogar. »Das kannst du dir doch denken, oder? Wir fahren natürlich zu dir. Schließlich haben wir etwas zu feiern.«

Er wurde eine ganz besondere Feier. Und irgendwann in der Nacht, als Anja sich wohlig entspannt an Markus kuschelte, fragte er: »Wann wirst du mich porträtieren?«

Sie lächelte, und ihre Augen blitzten vor Glück. »Wann wirst du dein Kinderbuch schreiben?«

»Bald.«

ENDE

Ein Schneemann zum Verlieben

von A. F. Morland

Ein Hauptgewinn mit einem Wermutstropfen! Und plötzlich findet sich Anke zwischen zwei Männern wieder – mitten im Wintersportort Zell am See. Gibt es für sie ein Happy End?

1.Kapitel

Anke machte große Toilette, denn sie wollte auf der Party ihrer Freundin Bea hübsch aussehen. Bevor sie das Bad verließ, bürstete sie ihr mittellanges Haar so lange, bis es glänzte. Im Schlafzimmer streifte sie ihren weißen Frotteemantel von den Schultern, trat nackt vor den Schrank, öffnete ihn und überlegte, welches Kleid sie anziehen sollte. Das rote natürlich, gar keine Frage, raunte ihr eine innere Stimme zu. Der weiche Strickstoff schmiegt sich großartig an deinen Körper. Du siehst darin wahnsinnig sexy aus, das weißt du doch.

»Okay«, murmelte sie lächelnd. »Das rote Strickkleid also.«

Sie nahm es aus dem Schrank und legte es aufs Bett.

»Damit kannst du jeden Stier reizen«, überlegte sie laut, während sie in ihre Unterwäsche schlüpfte. Vorsichtig streifte sie das Kleid über ihren Kopf und strich es an den Hüften glatt. Noch der schwarze Gürtel dazu – fertig!

Im Wohnzimmer warf sie einen Blick auf die leise tickende Pendeluhr. Halb fünf. Um fünf sollte die Party beginnen. An und für sich war das zu früh, aber es war schließlich Sonntag, und morgen mussten alle wieder einigermaßen fit an ihrem Arbeitsplatz erscheinen. Natürlich wusste Bea Rademann, dass der Sonntag nicht gerade der beste Tag war, um eine Fete steigen zu lassen, aber ihre Eltern hatten das Haus nicht früher »geräumt«.

Auf der Straße hupte jemand dreimal kurz. Das war Ulrich, Ankes Freund. Sie lief zum Fenster, schob den Vorhang zur Seite und nickte hinunter. Ulrich war ausgestiegen. Groß, schlank und attraktiv lehnte er an seinem Wagen und schaute zu ihr hoch. Mit einer knappen Geste fragte er, ob er raufkommen solle. Sie schüttelte den Kopf. Nicht nötig. Sie war fertig, brauchte nur noch in Mantel und Schuhe zu schlüpfen.

Als sie aus dem Haus trat, kam Ulrich lächelnd auf sie zu und zog sie an sich. »Du siehst bezaubernd aus«, stellte er fest.

Er war dreiundzwanzig, und Anke passte altersmäßig mit ihren zwanzig Jahren gut zu ihm. Die beiden gaben überhaupt ein schönes Paar ab.

»Freust du dich auf die Party?«, fragte Ulrich.

Sie nickte. »Und du?«

Er grinste. »Ich kann es kaum noch erwarten. Bea hat für uns bestimmt wieder ihr weltberühmtes kaltes Büfett bestellt. Da werde ich kräftig zuschlagen. Ich habe extra deswegen das Mittagessen ausfallen lassen.«

Anke lachte. »Wie kann man nur so verfressen sein!«

»Ich habe eben einen gesegneten Appetit«, erwiderte er, »und setze zum Glück kein Fett an. Oder hast du an meiner Figur irgendetwas auszusetzen?«

»Nicht das geringste«, schmunzelte sie.

»Na also«, meinte er zufrieden, öffnete den Wagenschlag und ließ sie einsteigen.

*

Sie waren nicht die ersten. Das große Haus der Rademanns war von Musik durchdröhnt. Bea Rademann empfing ihre Gäste an der Tür. Diejenigen, die sie besonders mochte, empfing sie mit Küsschen, zu den anderen sagte sie: »Hi, schön, dass ihr da seid!«

Anke und Ulrich wurden natürlich geküsst. Ulrich deshalb, weil er zu Anke gehörte. Und Anke, weil sie Beas beste Freundin war.

»Ist das Büfett reichhaltig wie immer?«, erkundigte sich Ulrich grinsend.

Anke stieß ihm ihren Ellenbogen in die Seite. »Ich muss mich echt wegen dir schämen!«, wies sie ihn zurecht.

»Warum denn?«, entgegnete er. »Hunger ist eine absolut menschliche Regung. Und das Büfett auf Beas Feten konnte sich bisher immer sehen lassen.«

Bea seufzte bedauernd. »Diesmal gibt es leider kein Büfett, Ulrich.«

Er sah sie enttäuscht an. »Kein Büfett? Mädchen, das kannst du mir nicht antun, mir hängt der Magen bereits in den Kniekehlen.«

»Ich werde sehen, ob ich noch irgendwo ein Stück altes Brot für dich auftreiben kann«, sagte Bea.

»Altes Brot!« Es klang panisch.

»Frisches Brot ruft ohnehin nur Blähungen hervor«, erklärte Bea. Aber dann konnte sie nicht länger ernst bleiben. Sie lachte und sagte, natürlich gebe es das gleiche tolle Büfett wie immer. »Ich hoffe, ihr amüsiert euch gut«, meinte sie dann, immer noch kichernd, und schob die beiden ins Wohnzimmer.

»Genau das haben wir vor«, erwiderte Ulrich, dem ein Stein vom Herzen gefallen war, und rieb sich die Hände. »Wir werden Stimmung in die Bude bringen – gleich nachdem ich mich ordentlich gestärkt habe.«

»Da musst du dich aber ranhalten«, lachte Bea.

»Wieso?«, fragte Ulrich argwöhnisch.

»Weil ich vorhin gesehen habe, wie sich Schwabbel einen Teller geholt hat«, antwortete Bea amüsiert. »Und du weißt ja, was der verdrücken kann.«

»Warum hast du diesen Müllschlucker eingeladen?«, fragte Ulrich vorwurfsvoll.

»Weil er eine Stimmungskanone ist«, rechtfertigte sich Bea.

»Er ist schlimmer als ein Schwarm Heuschrecken«, ächzte Ulrich.

Anke verdrehte die Augen. »Er wird dir schon etwas übriglassen – großer Gott!«

*

Schwabbel hieß eigentlich Frank Mertens, doch niemand nannte ihn so. Er aß gern und bewegte sich wenig, und das sah man ihm auch an. Während sich andere mit Diäten quälten, stand er zu seiner Leibesfülle und war nicht bereit, auch nur das geringste dagegen zu unternehmen. Er hielt nichts von Jogging, Schwimmen oder Radfahren, pflegte lieber seine angeborene Faulheit und die vielen Pfunde, die .er sich im Laufe der Jahre angeschlemmt hatte. Bei Erdbeertörtchen mit Sahne wurde er immer besonders schwach, aber auch anderes hatte keine Chance, zu verderben, wenn er in der Nähe war.

Gerade schaufelte er mehrere Pasteten auf seinen Teller.

»Hallo, Schwabbel«, sagte Ulrich.

Frank Mertens sah kurz auf. »Oh, Ulrich, auch da?«

»Wie du siehst«, gab Ulrich zurück. »Somit gehört dir nur noch das halbe Büfett.«

Frank grinste. »Für dich schränke ich mich gern ein, mein Freund. Hast du schon den Lachs probiert?«

»Bin eben erst gekommen!«

»Hol dir mal ’ne Scheibe«, empfahl ihm Schwabbel. »Schmeckt phantastisch.« Er küsste seine Fingerspitzen. »Ich hab’ nur eines zu beanstanden: Die Teller sind viel zu klein. Man kriegt ja kaum was drauf.«

»Musst du dich eben öfter ans Büfett bemühen«, meinte Ulrich.

»Das werde ich tun, darauf kannst du dich verlassen.« Frank lachte. »Ich hab’ ein paar tolle Witze mitgebracht. Auch zwei ziemlich gepfefferte. Die erzähle ich aber erst, wenn ich merke, dass die Zeit dafür reif ist.« Er war bekannt für seine guten Witze, die er hervorragend zu bringen verstand. So gekonnt wie er setzte niemand die Pointen. Das war mit ein Grund dafür, dass er so beliebt war und zu jeder Party eingeladen wurde.

»Sag mal, wo treibst du bloß immer die neuesten Witze auf?«, fragte Ulrich, während er seinen Teller füllte.

Schwabbel warf sich in die dicke Brust. »Ich erfinde sie selbst.«

»Blödsinn!«

»Tatsache«, behauptete Frank.

»Du willst mir deine Quelle nicht verraten«, brummte Ulrich.

Schwabbel grinste. »Du hast es erfasst, mein Junge.« Er ging auf eine große Couch zu und setzte sich.

Neben Ulrich flötete jemand: »Hallo, Ulrich! Schön, dich zu sehen.«

Ulrich drehte den Kopf und schaute direkt in Dotti Hesterbergs große braune Augen. »Hi, Dotti«, lächelte er. Sein Blick fiel auf ihr offenherziges Dekolleté. »Donnerwetter!«

Sie atmete tief ein, und ihr üppiger Busen hob sich. »Ich denke, ich kann mich sehen lassen«, meinte sie, auf ein Kompliment aus.

»Unbedingt!«, bestätigte er. »Ich sehe absolut nichts, was du verstecken müsstest.«

»Tanzt du später mal mit mir?«, fragte das blonde Girl mit einem verführerischen Augenaufschlag.

»Keine zehn Pferde könnten mich davon abhalten«, antwortete er. »Aber zunächst muss ich mich stärken.«

Sie kicherte. »Ich habe eine Schwäche für starke Männer.«

Anke hatte zwei »beste Freundinnen«. Die eine war Bea Rademann, die andere hieß Stefanie Trenz. Es gab immer viel zu lachen, wenn sie mit den beiden zusammen war. Und sie hatten stets eine Menge zu bequatschen. Geheimnisse hatten sie voreinander noch nie gehabt. Man wusste so gut wie alles voneinander und half sich gegenseitig mit Rat und Tat, wenn es nötig war.

Eigentlich passte das Thema Arbeit nicht hierher. Dennoch hatte Stefanie es seufzend angeschnitten.

»Wir haben in der Firma so viel zu tun, dass ich mir den diesjährigen Winterurlaub abschminken kann«, hatte sie geklagt. »Das hat mich mein Chef letzten Freitag wissen lassen. Er wird mir eine ansehnliche Prämie zahlen, wenn ich nicht krank werde und mich voll einsetze.«

»Warum stellt er nicht jemanden ein, der dich entlastet?«, fragte Anke.

»Hat er versucht«, antwortete Stefanie. »Mindestens fünfzig Bewerberinnen haben sich auf seine Annonce gemeldet, aber keine einzige war zu gebrauchen.«

»Das gibt es doch nicht!«, sagte Anke ungläubig. »Das hört sich ja so an, als wäre nur Schrott auf dem Arbeitsmarkt.«

Stefanie zuckte die Achseln. »Für uns war jedenfalls nicht die richtige Kraft dabei.«

Die Party lief inzwischen auf vollen Touren. Alle Gäste, die Bea eingeladen hatte, waren eingetroffen, und die Gastgeberin brauchte sich um nichts mehr zu kümmern. Es gab jemanden, der für Musik sorgte, und einen anderen, der die Getränke ausschenkte. Das Büfett war inzwischen recht unansehnlich geworden. Die Gäste hatten ordentlich darin gewütet.

Nun waren alle satt und zufrieden. Auch Schwabbel. Er war zur Hochform aufgelaufen, erzählte Witze und organisierte Gesellschaftsspiele.

Die drei Freundinnen ließen sich von der Hektik um sie herum nicht beeindrucken. Einmal beim Thema Urlaub angekommen, vergaßen sie die Fete für eine Weile.

Auch Bea klagte über Stress im Büro. Sie sah ebenfalls keine Möglichkeit, in diesem Winter Ferien zu machen. »Manchmal beneide ich diese Aussteiger«, sagte sie. »Sie schmeißen den ganzen Kram hin, schnüren ihren Ranzen und ziehen einfach in die Welt hinaus.«

Anke schüttelte den Kopf. »Das würde dir nicht wirklich gefallen.«

»Wieso nicht?« fragte Bea trotzig.

»Weil du dafür nicht geschaffen bist«, behauptete Anke.

»Woher willst du das wissen?«

»Ich kenne dich doch«, erklärte Anke. »Du würdest deinen Rucksack schon bald verfluchen – und wenig später würdest du umkehren.«

Bea wiegte den Kopf. »Da bin ich nicht so sicher. Wenn ich morgens aus dem Fenster sehe und ein eisiger Wind die blattlosen Bäume schüttelt, sehne ich mich ganz enorm nach wärmeren Gefilden. Auf der anderen Seite unserer Erdkugel haben sie jetzt Sommer. Man kann es sich kaum vorstellen. Die Menschen liegen in der Sonne, baden im Meer, reiten auf Surfbrettern über die Wellen, während hier das große Zähneklappern angesagt ist.«

»Ein Urlaub in den schneebedeckten Alpen würde mich mehr reizen«, erwiderte Anke verträumt. »Dicke Eiszapfen vor den Fenstern, Eisblumen an den Scheiben, Schlittenfahrten, Spaziergänge in verschneiten Wäldern. Leise rieselt der Schnee vom Himmel und knirscht unter den warmen Moonboots. Ski laufen ...«

»Das kannst du ja gar nicht«, warf Bea ein.

»Ich könnte es lernen«, entgegnete Anke.

»Auf ’nem Idiotenhügel rauf- und runterrutschen«, meinte Bea nüchtern. »Stürzen, sich die Beine verdrehen, vielleicht sogar brechen.«

Stefanie lachte. »Lass sie, Anke! Sie hat mal wieder ihre destruktive Phase. Ich würde sofort mit dir in die Berge fahren, wenn mein Chef mich wegließe.«

»Ich würde Ulrich gern mal dazu überreden«, sagte Anke. »Aber Eis und Schnee sind ihm ein Gräuel. Er hat bereits durchblicken lassen, dass er den Winter gern wieder auf den Kanaren abkürzen würde, und bisher hat er seinen Willen jedesmal durchgesetzt. Ich kann nicht sagen, dass es mir auf den Kanarischen Inseln nicht gefällt, aber ich finde, man kann einmal auch etwas anderes unternehmen.«

Stefanie schnippte mit den Fingern. »Sag mal, hast du nicht an diesem Schokolade-Preisausschreiben teilgenommen?«

Anke nickte.

»Ist der erste Preis nicht eine zweiwöchige Reise in einen tollen Wintersportort?«, fragte Stefanie.

Wieder nickte Anke.

Stefanie schmunzelte. »Vielleicht gewinnst du sie.«

Bea winkte ab. »So etwas gibt es doch nur im Kino.«

Stefanie war anderer Meinung. »Irgendjemand muss den Preis doch gewinnen.«

»Das schon, aber warum ausgerechnet Anke?«, erwiderte Bea.

»Warum nicht Anke?«, fragte Stefanie.

Bea schüttelte den Kopf. »Weißt du, wie viele Menschen an so einem Preisausschreiben teilnehmen? Tausende. Vielleicht sogar Hunderttausende. Ich kenne niemanden, der bei einer solchen Veranstaltung schon mal gewonnen hat.«

»Ich schon«, hielt Stefanie dagegen. »Mein Cousin hat ein Heimwerkerbuch gewonnen, eine Bekannte meiner Eltern Schlittschuhe, und ein weitläufiger Verwandter von mir ein Essen für zwei Personen in einem vornehmen Restaurant.« Sie wandte sich an Anke. »Wann ist die Ziehung?«

Die Gefragte hob die Schultern. »Keine Ahnung. Vielleicht war sie schon. Ich habe die Karte nur so zum Spaß eingesandt. Nie würde ich ernsthaft damit rechnen, bei so etwas wirklich mal zu gewinnen. Nicht mal den Trostpreis.«

»Das wären in diesem Fall hundert Tafeln Schokolade.« Stefanie rollte die Augen. »Ich hoffe, du denkst an deine Freundinnen, wenn Fortuna ihr Füllhorn über dich ausschüttet.«

Anke nickte. »Der Trostpreis wird selbstverständlich gedrittelt.«

»Gewinne ihn erst einmal«, sagte Bea schmunzelnd. »Dann können wir immer noch übers Aufteilen reden.«

Einer der Jungs holte Bea zum Tanzen. Stefanie organisierte zwei Gin Fizz für Anke und sich. »Bea ist ein nettes Mädchen«, meinte sie, »aber manchmal ist sie schrecklich nüchtern.«

»Sie kann sich eben nicht vorstellen, dass ich oder sonst jemand, den sie kennt, bei einem Preisausschreiben gewinnt«, nahm Anke die Freundin in Schutz.

Stefanie lachte. »Mensch, würde die Augen machen, wenn du tatsächlich gewinnen würdest!«

Anke lachte ebenfalls. »Ich aber auch.« Sie ließ ihren Blick schweifen, suchte Ulrich, konnte ihn aber nirgendwo sehen.

2. Kapitel

Dotti Hesterberg hatte die Sache raffiniert eingefädelt: Sie hatte mehrere Mädchen gebeten, mit Ulrich zu trinken, und als er ein wenig angesäuselt war, machte sie sich an ihn heran.

»Ich habe dich beobachtet«, sagte sie schmollend. »Du hast mit allen möglichen Girls getrunken, nur mit mir nicht.«

Ulrich grinste. »Nur kein Neid, Süße! Wenn du möchtest, stoße ich selbstverständlich auch sehr gern und jederzeit mit dir an.«

Sie zauberte sogleich zwei Bacardis herbei, und nachdem sie ihre Gläser geleert hatten, erinnerte Dotti ihn daran, dass er versprochen hatte, mit ihr zu tanzen.

»Tu’ ich«, erwiderte er.

Auf ihr Zeichen verdunkelte der DJ die Beleuchtung und spielte einen Schmusesong. Dotti schmiegte sich eng an Ulrich und legte ihren Kopf an seine Schulter. Er hätte aus Stein sein müssen, wenn ihn das kalt gelassen hätte. Sie wusste genau, wie sie vorgehen musste. Während sie sich unmissverständlich an ihm rieb, kraulte sie seinen Nacken und seufzte sehnsüchtig.

»Du tanzt großartig«, sagte er leise. Ein trübes Alkoholnebelgespinst hatte sich über seinen Geist gebreitet.

»Du führst hervorragend«, erwiderte sie lächelnd. »Ich weiß immer sofort, was du willst.«

Er grinste. »Weißt du das wirklich?« Im Augenblick war Anke völlig vergessen.

»Aber klar doch«, antwortete sie schmunzelnd.

»Und was will ich?«

»Du würdest ganz gern ein bisschen mit mir schlimm sein.« Dotti lachte kehlig.

»Vielleicht hast du recht«, gab er zu, »aber bestimmt nicht vor allen Leuten.«

»Ich weiß, wo wir ungestört sind«, flüsterte sie ihm ins Ohr.

»Wo?«

Sie griff nach seiner Hand und hauchte: »Komm, ich zeig’s dir.«

*

»Wie läuft’s mit Bobby Ewing?«, erkundigte sich Anke. Stefanies Neuer hieß Robert Ewirth. Alle nannten ihn Bobby. Irgendwann hatte Bea mal Bobby Ewing gesagt, und dabei war man geblieben. Er gehörte seit langem zur Clique. Zwischen Stefanie und ihm hatte es aber erst vor kurzem gefunkt.

Stefanie nickte zufrieden. »Sehr gut. Wir verstehen uns blendend. Er kann irrsinnig komisch sein. Ich muss manchmal lachen, dass mir die Tränen kommen.«

»Wieso ist er heute nicht hier?«, wollte Anke wissen.

»Er hat Dienst«, antwortete Stefanie.

Bobby war Sanitäter. Anke hatte ihn mal von seinen Einsätzen erzählen hören. Ihr war schlecht geworden.

»Für diesen Job braucht man einen guten Magen und ein widerstandsfähiges Nervenkostüm«, meinte sie.

»Man gewöhnt sich wahrscheinlich daran«, nahm Stefanie an.

»Kann ich mir in meinem Fall nicht vorstellen«, erwiderte Anke. Sie dachte an einige Erlebnisse, die Bobby so plastisch geschildert hatte, dass es ihr immer wieder kalt über den Rücken gelaufen war. »Aber ich finde es gut, dass nicht jeder so zart besaitet ist wie ich. Bobby ist genau der richtige Mann für diesen Beruf. Wenn ein Mensch Hilfe braucht, darf man nicht die Nerven verlieren, sondern muss einen kühlen Kopf bewahren.«

»Ich finde ihn wahnsinnig nett.« Stefanie lächelte verklärt.

»Liebst du ihn?«

Stefanie nickte. »Ja, das tu’ ich. Sehr sogar.«

Anke neigte sich ein wenig vor. »Hast du schon mit ihm geschlafen?«

Stefanie schüttelte den Kopf. »Dazu war noch keine Gelegenheit.«

»Würdest du es tun, wenn er dich darum bäte?«, fragte Anke.

»Jederzeit«, hauchte Stefanie so selig, als hätte es ihr Bobby soeben vorgeschlagen.

Bea gesellte sich wieder zu ihnen. »Hör mal, Stefanie, wieso siehst du plötzlich so verzückt aus?«, fragte sie.

Anke erzählte ihr, worüber sie gerade gesprochen hatten.

Bea lachte. »Dann ist alles klar. Kann ich irgendetwas für euch tun, oder seid ihr wunschlos glücklich?«

»Wir sind wunschlos glücklich«, antwortete Anke.

»Ich möchte dein Glück nicht trüben, Anke«, sagte Bea, »aber als deine beste Freundin darf ich dir hoffentlich einen gutgemeinten Rat geben: Kümmere dich ein wenig um Ulrich. Mir kam nämlich zu Ohren, dass es Dotti auf ihn abgesehen hat, und du weißt ja, wie die vorgeht, wenn sie sich einen Typ in den Kopf gesetzt hat.«

Stefanie zog die Augenbrauen zusammen. »Da geht sie glatt über Leichen. Ich verstehe nicht, warum du diese mannstolle Sexbombe immer wieder einlädst, Bea.«

»Ich möchte meinen männlichen Gästen eben etwas bieten«, erklärte Bea.

Anke war unruhig geworden. Eigentlich traurig, dass ich mir meines Freundes nicht ganz sicher sein kann, ging es ihr durch den Kopf. Ulrich wirft gern mal ein Auge auf ein anderes Mädchen, und wenn es so toll gebaut ist wie Dotti Hesterberg, ist höchste Wachsamkeit geboten.

*

Dorothea »Dotti« Hesterberg lehnte neben der Küchentür an der Wand. Ihr Atem ging schnell, und sie genoss das herrliche Gefühl, das Ulrichs streichelnde Hände in ihr auslösten.

Der Druck ihrer Brüste ließ ihn erschauern. Er küsste sie ungestüm. Der Alkohol hatte es ihm leicht gemacht, seine Hemmschwelle zu überschreiten und seiner Leidenschaft ungehinderten Lauf zu lassen. Er stammelte wirre Worte und presste seine heißen Lippen immer wieder auf Dottis Wangen, auf ihren Mund, auf den Hals. Durch den Schleier seiner Ekstase vernahm er die Laute ihrer Erregung, und das stachelte ihn noch mehr an.

Dotti nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände und erwiderte seine wilden Küsse mit derselben Intensität. Ulrich roch den betörenden Duft, den sie verströmte, und stöhnte leise auf. Er hätte sich nicht so weit vergessen, wenn er nüchtern gewesen wäre, das wusste Dotti, deshalb hatte sie ihrem Glück ein wenig nachgeholfen. Und sie war mit dem Ergebnis zufrieden. Keuchend vergrub er sein heißes Gesicht in ihrem Ausschnitt. Er dachte keinen Augenblick daran, wie peinlich es für sie werden konnte, wenn plötzlich jemand die Küche betrat. Aber Dotti dachte daran. Sie dachte an alles. Und sie fand, dass sie ihn inzwischen genügend aufgeheizt hatte, um ihm vorschlagen zu können, nach oben zu gehen ...

*

Laut dröhnte der Disco-Sound aus den großen Stereoboxen. Anke hatte Ulrich noch nicht gefunden. Sie ging von einem Raum in den anderen. Überall waren Gäste, unterhielten sich, tranken, scherzten, lachten.

Schwabbel nahm Kurs auf sie. »He, Schwester, was sollen denn die Kummerfalten auf deiner Stirn? Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?«

Ankes Stirn glättete sich. »Nein.«

»Irgendein Problem?«, erkundigte sich Frank Mertens.

»Ich suche bloß Ulrich«, antwortete Anke. »Hast du ihn gesehen?«

Er schüttelte den Kopf. »Mir fiel nur auf, dass er einiges gebechert hat. Vielleicht ist ihm jetzt schlecht. Soll ich dir helfen, ihn zu suchen?«

»Ist nicht nötig«, wehrte sie ab.

»Ist ein großes Haus.«

»So groß nun auch wieder nicht«, gab sie lächelnd zurück. »Wenn Ulrich sich nicht in Luft aufgelöst hat, werde ich ihn finden.«

»Alles Gute!«, wünschte ihr Schwabbel und nahm in einem Sessel Platz.

Im Arbeitszimmer von Beas Vater lagen Tanja und Udo auf der Ledercouch. Tanja, halbentkleidet, stieß einen erschrockenen Schrei aus. Ihre Wangen waren feuerrot.

»Entschuldigt«, sagte Anke bedauernd und schloss die Tür schnell wieder.

»Ich habe gehört, du suchst Ulrich«, sagte jemand hinter ihr.

Sie drehte sich um. Das Licht spiegelte sich so sehr in Jochen Grünwalds dicken Brillengläsern wider, dass Anke seine Augen nicht sehen konnte. Er liebte es, Gerüchte in Umlauf zu setzen. Seine Augen waren nicht die besten, aber mit seinen scharfen Ohren hörte er angeblich das Laub fallen.

»Ja«, antwortete Anke. »Hast du ihn gesehen?«

»Ich würd’s mal in der Küche versuchen«, riet er ihr. »Aber ich glaube, er ist nicht allein.«

*

Dotti setzte alles ein, was sie zu bieten hatte – und das war nicht wenig –, um Ulrich völlig verrückt zu machen. »Lass uns nach oben gehen«, flüsterte sie. »Ich möchte mehr von dir. Ich möchte alles, Ulrich. Komm, wir stehlen uns die Treppe hinauf und schließen uns in einem der Gästezimmer ein, damit wir ungestört sind.« Sie griff nach seiner Hand und drückte sie auf ihre Brust. »Fühle, wie ich brenne. Lass uns das Feuer der Leidenschaft gemeinsam löschen. O Ulrich, Uli, du bist ein wunderbarer Mann! Ich halte es nicht mehr aus.«

Es gab wohl kaum einen Mann, der ihren Verführungskünsten widerstanden hätte. Bei ihr war noch jeder schwach geworden, den sie aufs Korn genommen hatte. Und nun war Ulrich Kaminski dran. Dass er einer anderen gehörte, kümmerte sie nicht. Um solche Kleinigkeiten hatte sie sich noch nie geschert. Für Dotti war nur maßgebend, was sie wollte.

Plötzlich öffnete sich die Küchentür, und Anke erschien. Ihr blieb das Herz stehen, als sie sah, wie sehr Ulrich mit Dotti beschäftigt war. Es verschlug ihr die Sprache, und ihr war für einen Moment, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie schwankte kurz. Ulrich hatte sie noch nicht bemerkt, aber Dotti wusste, dass sie da war, und sie schaute ihr ungeniert und triumphierend in die Augen.

Irgendwann bemerkte Ulrich, dass sie nicht mehr allein waren. Er ließ von Dotti ab und drehte sich um. Schweiß perlte auf seiner Stirn, und seine Augen glänzten wie im Fieber. Er war wie vom Donner gerührt.

Anke starrte ihn enttäuscht und wutentbrannt an. »Lass dich nicht stören«, sagte sie frostig, nachdem sie ihre Stimme wiedergefunden hatte. »Mach ruhig weiter! Viel Spaß!« Sie trat zurück und knallte die Tür zu.

Endlich kam Ulrich zu sich. »Anke!«, rief er betroffen. »Anke!«

»Lass sie doch«, sagte Dotti und versuchte ihn festzuhalten, doch er befreite sich aus ihrem Griff.

»Hör auf!«, stieß er heiser hervor. »Ich muss mich um Anke kümmern!«

Dotti schmunzelte. »Ich fürchte, die will nun nichts mehr von dir wissen, mein Lieber.«

Dotti interessierte ihn trotzdem nicht mehr. Er hatte begriffen, dass er einen Fehler gemacht hatte, und wollte sich bei Anke entschuldigen.

»Anke!« Er riss die Tür auf.

Dotti zog enttäuscht und verärgert die Mundwinkel nach unten. »Schlappschwanz!«, sagte sie verächtlich, doch das hörte er nicht mehr. Er hatte die Küche verlassen und lief hinter Anke her.

»Anke; warte! So warte doch!«

Sie verließ das Haus, ohne ihren Mantel zu holen. Draußen war es bitterkalt, doch das spürte sie nicht. Tränen rannen ihr über die Wangen. Sie versteckte sich hinter einem großen Busch. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis Ulrich aus dem Haus kam. Jeder Atemzug bildete ein helles Wölkchen. Er lief an dem Busch vorbei, hinter dem Anke geduckt verharrte, erreichte die menschenleere Straße und wusste nicht, welche Richtung er einschlagen sollte. Aufs Geratewohl ging er mit langen Schritten die Straße hinunter. Nun hatte Anke Gelegenheit, sich ihren Mantel zu holen. Bevor sie ins Haus zurückkehrte, wischte sie die Tränen ab und versuchte sich zu sammeln.

Als sie ihren Mantel anzog, sprach Schwabbel sie an. »Du gehst schon?«

»Ja, mir reicht es«, gab sie mit belegter Stimme zurück.

»Scheint so, als hättest du Ulrich gefunden. Jochen hat mir da was Unschönes erzählt.«

Wieder drohten sich ihre Augen mit Tränen zu füllen. »Gute Nacht!« Sie drehte sich rasch um und eilte davon.

»Ich frage jemanden, ob er dich heimbringt!«, rief ihr Schwabbel, der selbst keinen Führerschein hatte, nach.

»Nicht nötig«, entgegnete sie. »Ich verlaufe mich schon nicht.«

Und dann war sie draußen. Ihr Kopf war heiß, und ihr Herz trommelte wild gegen die Rippen. Sie wählte ihren Heimweg so, dass Ulrich ihr mit Sicherheit nicht begegnen würde. Wahrscheinlich würde er umkehren, in seinen Wagen steigen und sämtliche in Frage kommenden Straßen abfahren. Jedesmal, wenn sie ein Auto hörte, versteckte sie sich.

Zu Hause machte sie kein Licht, stellte sich ans Fenster und wartete. Zwanzig Minuten vergingen, dann bog Ulrichs Wagen um die Ecke. Obwohl sie sicher sein konnte, dass Ulrich sie nicht sah, trat sie einen Schritt zurück. Das Fahrzeug hielt an, und Ulrich stieg aus.

Anke ballte die Hände zu Fäusten. »Mistkerl!«, zischte sie. »Ihr Männer seid alle gleich! Man kann euch nicht trauen!«

Es klingelte. Anke zuckte zusammen, rührte sich jedoch nicht von der Stelle. Ulrich drückte unten wieder auf den Knopf. Wenn du glaubst, ich würde dich reinlassen, bist du auf dem Holzweg! dachte sie trotzig. Sie ging in die Diele und stellte die Klingel ab. Herrlich, diese Ruhe! Ob Ulrich noch immer den Knopf bearbeitete, wusste sie nicht. Irgendwann hörte sie ihn – gedämpft durch das Verbundglas – rufen. Uninteressant. Sie setzte sich und verschränkte die Arme. Irgendwo wurde ein Fenster geöffnet, und dann schimpfte jemand mit Ulrich. Bravo!

Anke stand auf und schlich zum Fenster. Ulrich stieg in seinen Wagen und fuhr weg. Zehn Minuten später läutete das Telefon. Anke schaute den Apparat unschlüssig an. War das Ulrich? Sollte sie rangehen? Sie wartete, aber das nervtötende Läuten hörte nicht auf. So entschied sie, abzuheben und sich zu melden – und wenn es Ulrich sein sollte, würde sie sofort wieder auflegen. Zaghaft griff sie nach dem Hörer. »Hallo!«

Am anderen Ende war Bea Rademann. »Ich wusste, dass du zu Hause bist, deshalb habe ich es so lange läuten lassen. Schwabbel hat mir erzählt, wie sehr sich Ulrich danebenbenommen hat. Tut mir leid, dass das ausgerechnet auf meiner Party passieren musste.«

»Dich trifft keine Schuld«, erwiderte Anke mit enger Kehle. »Dazu hätte es auf jeder Fete kommen können. Diese Dotti Hesterberg ist eine echte Plage.«

»Da muss ich dir leider recht geben«, seufzte Bea. »Ich werde sie von nun an nicht mehr einladen. Sie stiftet zuviel Unfrieden. War Ulrich schon bei dir?«

»Ja«, antwortete Anke. »Ich habe ihn nicht reingelassen.«

»Machst du etwa Schluss mit ihm?«

»Verdient hätte er’s!«, fauchte Anke. »Ich weiß noch nicht, wie’s weitergehen wird – ob es überhaupt weitergeht ...«

»Überstürze nichts«, riet Bea der Freundin. »Schlaf erst mal drüber. Morgen sieht vielleicht alles anders aus.«

3. Kapitel

Anke arbeitete in der Buchhaltung einer Großdruckerei. Ihr liebster Arbeitskollege hieß Chris Weber, ein gutaussehender Mann, verantwortungsbewusst, zuverlässig und intelligent. Und zudem ein guter Freund.

Gemeinsam verließen sie das Büro des Direktors. Chris überließ seiner schönen Kollegin galant den Vortritt. »Du hast vorhin ziemlich geistesabwesend dagesessen«, stellte er fest, während sie zum Aufzug gingen. »Hängt dir die Fete noch nach? War kein guter Einfall, sie an einem Sonntag steigen zu lassen.«

»Samstag waren Beas Eltern noch zu Hause«, erwiderte Anke.

Chris winkte ab. »Geht mich im Grunde auch nichts an. Für dich scheint es auf jeden Fall eine ziemlich wilde Fete gewesen zu sein.«

Sie erreichten den Lift, und Chris drückte auf den Rufknopf.

»Ich war um neun Uhr zu Hause«, erklärte Anke.

»Kann ich fast nicht glauben«, lächelte Chris.

»Ist aber wahr.«

»Und wann hat sich Ulrich Kaminski von dir verabschiedet?«, erkundigte sich Chris.

Anke senkte den Blick. Die Fahrstuhltüren öffneten sich, und sie betraten die Kabine. Als Chris Ulrichs Namen erwähnt hatte, hatte es ihr unwillkürlich einen Stich gegeben.

Chris drückte auf den zweiten Etagenknopf. »Was ist vorgefallen?«, wollte er wissen.

»Nichts«, antwortete sie, ohne ihn anzusehen.

Der Lift setzte sich in Bewegung.

»Mir kannst du nichts vormachen«, sagte Chris. »Du bist eine lausige Lügnerin, und ich bin verdammt neugierig, wie du weißt. Also warum erzählst du mir nicht, was passiert ist?«

Leise begann sie zu erzählen.

Er hörte aufmerksam zu. Nachdem sie den Fahrstuhl wieder verlassen hatten, bemerkte er trocken: »Ulrich ist ein Idiot.« Sie gingen in ihr gemeinsames Büro hinüber. Anke setzte sich an ihren Schreibtisch, Chris nahm ihr gegenüber Platz.

»In letzter Zeit hat es bei euch öfter gekriselt«, stellte er sachlich fest.

Sie seufzte. »Vielleicht sind wir schon zu lange zusammen.«

»Unsinn!«, widersprach er. »Andere vertragen sich immer besser, je länger ihre Beziehung dauert.«

»Vielleicht haben wir den falschen Weg eingeschlagen«, meinte sie deprimiert. »Vielleicht kann ich Ulrich auch nicht mehr genug geben.«

»Einen größeren Schwachsinn hab’ ich im Leben noch nicht gehört!«, sagte er streng.

»Irgendeinen Grund muss es geben, dass Ulrich sich von Dotti so leicht herumkriegen ließ.«

»Daran bist mit Sicherheit nicht du schuld. Du bist schwer in Ordnung. Ulrich sollte dem Himmel dafür danken, dass er dich bekommen hat. Der Blödmann weiß das nicht zu schätzen, Ich werde ihm mal gehörig ins Gewissen reden ...«

»Das wirst du nicht tun!«, fiel sie ihm energisch ins Wort. »Ich kann das allein regeln. Dazu brauche ich deine Hilfe nicht.«

»Auf gut Deutsch heißt das, ich soll meine Nase gefälligst nicht in deine Angelegenheiten stecken.«

»So hart wollte ich es nicht formulieren, weil ich dich gern habe, aber – ja, darauf läuft es hinaus«, gab sie ihm recht.

Chris seufzte, dann warf er einen Blick auf seine Armbanduhr. »Darf ich dich groß zu ’ner Currywurst einladen?«

»Kannst du dir das auch wirklich leisten?«, fragte sie schmunzelnd.

»Eigentlich nicht, aber ich hab’ am Kiosk Kredit.«

*

Man stand beim Verzehren seiner Wurst nicht im Freien, sondern in einem kleinen, geheizten, mit Fichtenholz verschalten Raum, an dessen Wänden sogar kleine gerahmte Bilder hingen. Es gab in der ganzen Stadt keine bessere Currywurst, und da Anke und Chris große Curryfans waren, kamen sie öfter hierher. Auf dem Kühlschrank stand ein kleiner Farbfemsehapparat. Das Gerät war eingeschaltet. Gerade wurde ein Abfahrtsrennen übertragen.

»Der reinste Selbstmord, wie die da runtersausen«, stellte Anke schaudernd fest.

»Alles eine Sache des Könnens, des Willens und des Mutes«, erklärte Chris.

»Würdest du so etwas tun?«

Er lächelte. »Hab’ ich schon.«

Sie sah ihn überrascht an, denn sie hatte geglaubt, alles über ihn zu wissen. Dass er auch Ski laufen konnte, hörte sie heute zum erstenmal.

»Ich fahre zwar nicht so exzellent wie diese Asse«, schränkte er ein, »aber ich komme überall runter, so steil kann die Piste gar nicht sein.«

Einem der Rennläufer riss es die Skier auseinander, doch er stürzte nicht. Mit einem sehenswerten Kraftakt zwang er seine »Bretteln« wieder zusammen und erreichte sogar noch einen Platz unter den ersten zehn.

»Das sind Akrobaten«, befand Chris. »So gut bin ich natürlich nicht, aber für einen Städter kann ich’s ganz gut. Ich habe bei einigen Gästeskirennen sogar schon Pokale gewonnen.«

»Alle Achtung!«, sagte sie beeindruckt und spießte mit ihrer Plastikgabel ein weiteres Stück Currywurst auf.

»Solltest du mal den Wunsch haben, diesen schönen Sport zu lernen, wäre es mir ein Vergnügen, dir die Grundbegriffe beizubringen.«

Sie tippte sich an die Stirn. »Ist schon gespeichert, Herr Skilehrer.«

Sie machten einen kleinen Spaziergang und kehrten dann ins Büro zurück. Den ganzen Tag über fürchtete Anke, Ulrich würde anrufen, doch er meldete sich nicht. Als sie jedoch nach Feierabend durch die automatische Glastür trat, stand er direkt vor ihr und schaute wie ein geprügelter Hund drein.

»Hallo, Anke!«, sagte er mit belegter Stimme.

Sie hatte ihn noch nie so nervös gesehen. Er nagte an der Unterlippe, hielt einen Strauß dunkelroter langstieliger Rosen in der Hand und schien nicht den Mut zu haben, ihn ihr zu geben. Vielleicht befürchtete er, sie würde ihm die wunderschönen Blumen um die Ohren schlagen.

»Hallo!«, erwiderte sie mit spröder Stimme. Sie war froh, dass Chris noch zu tun hatte, denn wenn er das Büro mit ihr verlassen hätte, hätte er sich wahrscheinlich nicht beherrschen können und Ulrich den Kopf gewaschen.

»Hier«, sagte er und streckte ihr die Rosen linkisch entgegen. »Die sind für dich.«

Sie zögerte, die Blumen anzunehmen.

Er sah sie flehend an. »Was – was ich gestern getan habe, ist unverzeihlich«, stammelte er verzweifelt. »Dennoch bin ich hier, um dich zu bitten, mir zu vergeben, Anke. Ich – ich wollte das nicht tun, ehrlich nicht. Ich meine, ich ging nicht mit der Absicht zu dieser Party, dich zu – zu betrügen, verstehst du? Es hat sich ergeben, ohne dass ich nur das geringste dazu beitrug. Meine Güte, das hört sich alles so idiotisch an, aber ich weiß nicht, wie ich mich sonst rechtfertigen soll. Ich hab’ das ganz bestimmt nicht geplant oder so. Es ist mir passiert, weil ich zuviel getrunken habe.«

Sie nahm den Strauß. Eine Kollegin ging an ihnen vorbei, grüßte und fragte, ohne stehenzubleiben: »Hast du Geburtstag, Anke?«

»Wieso?«

»Wann sonst schenkt einem ein Mann so prachtvolle Rosen?«

Wenn er ein verflucht schlechtes Gewissen hat, dachte Anke.

»Herzlichen Glückwunsch!«, rief die Kollegin und eilte davon, um den Bus zu erreichen, der sich gerade der Haltestelle näherte.

»Dotti ist ein raffiniertes Luder«, behauptete Ulrich. Es klang wie eine bittere Beschwerde. »Sie hat das Ganze verdammt clever eingefädelt, wie ich hinterher erfuhr. Einige Mädchen mussten mich zum Trinken animieren. Erst als ich reif war, schmiss sie sich an mich ran. Ich verspreche dir, dass so etwas nie wieder vorkommen wird. Jeden heiligen Eid schwöre ich, wenn du willst.«

Sie ließ ihn zappeln, antwortete nicht.

»Tschüs, Anke!«, rief die Sekretärin des Generaldirektors.

»Tschüs!«, gab Anke zurück. »Wir stehen hier sehr ungünstig«, meinte sie dann.

»Mach einen Vorschlag!«, forderte Ulrich sie sofort auf. »Ich gehe mit dir überall hin.«

»Ich habe keine Lust, mit dir irgendwohin zu gehen«, erwiderte sie kühl.

Er zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen. »Ich habe Prügel verdient«, knirschte er schuldbewusst, »aber du solltest berücksichtigen, dass ich aus ganzem Herzen bereue, was ich getan habe, und du kannst dich darauf verlassen, dass es sich nicht wiederholen wird. Ich habe aus diesem Fehler meine Lehre gezogen. Bitte verzeih mir, Anke! Ich liebe dich. Nur dich. Ich möchte dich nicht verlieren.«

Sie sah durch ihn hindurch. Er litt darunter. Das war nur gerecht. Sie hatte gestern auch gelitten. »Ich möchte nach Hause gehen«, sagte sie so unpersönlich, dass sein Gesicht lang und fahl wurde.

»Ist das das Ende unserer Beziehung?«, fragte er mit belegter Stimme.

»Vielleicht«, antwortete sie tonlos.

»Du brauchst Zeit«, sagte er hastig. »Ich hätte heute noch nicht kommen dürfen, aber ich hab’s einfach nicht ausgehalten. Ich musste dich sehen, mit dir reden. Bitte denk über uns nach, Anke. In letzter Zeit hat’s ein bisschen gekriselt, aber so etwas kommt in jeder Beziehung mal vor. Deshalb geht man nicht sofort auseinander. Darf ich dich morgen anrufen? Bitte\«

»Meinetwegen«, erwiderte sie. »Aber heute möchte ich meine Ruhe haben.«

Ulrich hob die Hände. »Alles klar. Das geht in Ordnung. Ich bin schon weg. Ich möchte nur noch einmal betonen, dass ich den gestrigen Abend zutiefst bedaure und alles tun würde, um ihn ungeschehen zu machen, wenn das möglich wäre.« Er machte ein paar Schritte rückwärts. »Ich wünsch’ dir einen schönen Abend.« Beinahe beschwörend fügte er hinzu: »Ich ruf dich also morgen an.«

4. Kapitel

Ulrich rief an, als Chris gerade nicht im Büro war. Das traf sich gut. Anke hatte zwar keine Geheimnisse vor Chris, aber heute war es ihr doch lieber, wenn er nicht hörte, wie sie mit Ulrich sprach. So konnte sie freier und ungezwungener reden.

»Wie geht es dir?«, erkundigte sich Ulrich vorsichtig.

»Ganz gut – und dir?«

»Sagen wir, es geht«, antwortete er kleinlaut. »Wie hast du den Abend verbracht?«

»Ich habe mir einen Videofilm angesehen.«

»Guter Film?«, fragte er.

»Ich hab’ vor Lachen Bauchschmerzen gekriegt.«

»Stehen meine – Aktien heute schon ein wenig besser?«, fragte er vorsichtig.

Sie lächelte. »Ein wenig.«

Es war förmlich zu hören, wie ihm ein Stein vom Herzen fiel. Er lebte auf. »Darf ich dich abholen? Unternehmen wir was? Am Ludwigsplatz hat ein neues Bierlokal aufgemacht. Es nennt sich Die schaukelnde Pyramide. Soll ganz toll eingerichtet sein. Wollen wir uns das mal ansehen? Es gibt da mehr als hundert verschiedene Biersorten.«

Sie lachte. »Ich hoffe, du hast nicht vor, sie alle heute durchzuprobieren.«

»Natürlich nicht. Aber zwei oder drei werde ich mir schon zu Gemüte führen.«

»Okay, hol mich zu Hause ab. Ich möchte vorher noch duschen und mich umziehen«, erklärte sie.

»Einverstanden. Aber iss nichts. In der Schaukelnden Pyramide gibt es eine deftige Hausmannskost zu sehr vernünftigen Preisen. Da müssen wir uns unbedingt kräftig den Wanst vollschlagen.«

»Am Abend. Welch eine Ernährungssünde!«, rügte sie ihn.

»Einmal ist doch keinmal«, schwächte er ab.

»Es heißt: Iss dein Frühstück allein, teile dein Mittagsmahl mit einem Freund – und schenke dein Abendessen einem Feind«, belehrte sie ihn, aber er wusste, dass sie das in Wirklichkeit nicht so eng sah.

Pünktlich zur vereinbarten Zeit traf Ulrich ein. Gel glänzte in seinem Haar und ließ es dunkler erscheinen, als es tatsächlich war. Anke begrüßte ihn mit einem versöhnlichen Kuss, und er strahlte vor Glück. Alles vergeben und vergessen! Er atmete erleichtert auf. Noch mal würde er nicht so dumm sein und seine Beziehung wegen eines Mädchens wie Dotti Hesterberg aufs Spiel setzen. Dotti war bloß eine wunderschöne, verführerische Verpackung – mit einem langweiligen Inhalt.

Die Schaukelnde Pyramide war in der Tat sehenswert. Über dem Eingang stand eine Neonpyramide auf der Spitze und bewegte sich einmal nach links und dann wieder nach rechts. Das Lokal war hypermodern und dennoch gemütlich eingerichtet. Hier musste ein Architekt am Werk gewesen sein, der sehr viel von seinem Job verstand.

Anke und Ulrich probierten ein Kaiser-Franz-Joseph-Jubiläums-Bier, ein Pilsner Urquell, ein Budweiser vom Faß und ein süßliches Whiskybier. Und sie aßen eine würzige Komposition aus Teigwaren, Schinkenstreifen und Schimmelkäse.

Zwei Stunden später feierten sie in Ulrichs Junggesellenbude große Versöhnung. Er hatte eine CD mit sanften Melodien eingeschoben. Der Zufallsgenerator wählte die Reihenfolge der einzelnen Nummern aus. Sie tanzten eng umschlungen und schmusten zärtlich miteinander. Anke fühlte sich auf eine herrliche Weise schwach und verführbar. Sie bebte innerlich und genoss das gefühlvolle Streicheln seiner Hände. Sein Atem streifte ihre Stirn. Er küsste ihre Augen, die Nase, die Wangen, und als sich seine warmen Lippen auf ihren Mund legten, empfing sie seine forschende Zunge und umschmeichelte deren Spitze mit der ihren. Ulrichs männliche und sinnliche Ausstrahlung zog sie – wie schon so oft – in ihren Bann. Sie hätte ihm jetzt nicht mehr böse sein können, selbst wenn sie gewollt hätte.

Ulrich zog sie zu seinem Bett. »Ich bin froh, dass zwischen uns wieder alles in Ordnung ist«, flüsterte er.

»Ich auch«, gab sie leise zurück, während sie spürte, wie seine Hände über die Innenseite ihres Schenkels glitten ...

*

Als Anke einige Tage später das Büro betrat, strahlten ihre schönen Augen wie Lampen.

Chris schaute sie gespielt streng an. »Ihr feiert wohl seit Tagen nichts als Versöhnung, was?«

»Falsch«, kicherte sie.

»Dann hat dir Ulrich einen Heiratsantrag gemacht «

»Noch falscher.« Sie war so aufgedreht wie nie.

»Oder du hast um seine Hand angehalten – und er hat ja gesagt.«

»Ganz falsch«, erwiderte sie, sprühend vor Glück.

Er hob die Schultern. »Dann muss ich passen.«

»Ich habe gewonnen! Zum erstenmal im Leben habe ich etwas gewonnen!«, jubelte sie.

»Im Lotto?«

»Bei diesem Preisausschreiben – erinnerst du dich?«

»Von der Schokoladenfirma?«, fragte er.

»Genau«, bestätigte sie.

Er stand auf und umarmte sie. »Gratuliere! Was hast du denn gewonnen?«

»Du wirst es nicht glauben. Ich kann es selbst kaum fassen. Chris, ich – ich habe den ersten Preis gewonnen.«

»Ist nicht wahr!«, stieß er perplex hervor.

»Doch. Den ersten Preis!«, lachte sie. »Als ich gestern Abend nach Hause kam, fand ich das in meinem Briefkasten.« Sie gab ihm den Brief zu lesen.

»Du kriegst die Tür nicht zu!«, sagte er, fast genauso begeistert wie sie. »Das is’n Hammer. Zwei Wochen in ’nem Superhotel in Zell am See – für zwei Personen. Ich nehme an, du fährst mit Ulrich da hin.«

»Klar.« Anke nickte.

»Soviel ich weiß, ist Ulrich kein Freund von Kälte, Eis, Schnee und Bergen.«

»Das stimmt«, gab sie zu, »aber wenn er keinen Pfennig zu bezahlen braucht, wird er sich über diesen Urlaub genauso freuen, wie ich es tue.«

»Weiß er schon von seinem Glück?«, erkundigte sich Chris.

Sie schüttelte den Kopf. »Ich hatte noch keine Gelegenheit, es ihm zu sagen.«

»Er wird vor Freude an die Decke springen.«

»Lass den Sarkasmus«, wies sie ihn zurecht. »Natürlich wird er sich freuen.«

»Ulrich als Reserve-Yeti. Das kann ich mir nicht vorstellen. Muss ein Bild für die Götter sein.«

Ihre Miene verfinsterte sich. »War wohl ein Fehler, dich an meiner Freude teilhaben lassen zu wollen.«

»Quatsch!«, lenkte er ein. »Vergiss, was ich gesagt habe. Ruf Ulrich an und informiere ihn, damit er genügend Zeit hat, sich seelisch auf Zell am See vorzubereiten. Wenn er sich erst einmal an den Gedanken gewöhnt hat, wird er sich bestimmt auf diesen herrlichen Winterurlaub freuen.«

Anke setzte sich und wählte die Nummer von Ulrichs Firma. »Hast du heute Abend Zeit?«, fragte sie, mühsam ihre Erregung unterdrückend.

»Für dich habe ich immer Zeit«, antwortete er.

»Ich habe dir etwas sehr Wichtiges zu erzählen.«

Er lachte. »So? Was denn?«

»Nicht am Telefon«, erklärte sie. »Ich möchte dich dabei ansehen.«

»Liebe Güte, was hast du vor?«

»Wird noch nicht verraten!«

»Ich werde den ganzen Tag leiden. Die Neugier wird mich bei lebendigem Leib auffressen«, stöhnte er. »Willst du mir das antun?«

»Ja, das will ich.«

»Du bist grausam«, ächzte er.

»Wenn du dich voll in die Arbeit stürzt, wirst du keine Zeit haben, über irgendetwas nachzudenken. Und obendrein wird es dir dein Chef danken.«

Sie schlug vor, wann und wo sie sich treffen konnten. Er war einverstanden, dann legten sie gleichzeitig auf.

Nach dem Mittagessen erreichte sie Bea. »Stell dir vor, was passiert ist«, sagte sie, noch genauso aufgekratzt wie am Morgen. »Ich habe bei diesem Schokolade-Preisausschreiben gewonnen!«

»Den Trostpreis?«, fragte Bea. Selbst das war für sie schon eine ganze Menge.

»Den Hauptpreis«, entgegnete Anke. »Wennschon, dennschon! Mit halben Sachen gebe ich mich nicht ab.«

»Du nimmst mich auf den Arm.«

»Es ist wahr«, lachte Anke. »Zwei Wochen Zell am See! Die Nachricht liegt hier vor mir auf dem Schreibtisch. Es ist kein Scherz, wirklich nicht.«

»Meine Freundin gewinnt bei diesem Preisausschreiben den ersten Preis! Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt. Tausende und aber Tausende Einsendungen gibt es, und deine Karte wird gezogen. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Ich bin echt sprachlos.«

Anke lachte wieder. »Das war ich auch, als ich den Brief las.«

»Kann ich mir lebhaft vorstellen«, meinte Bea. »Ist der Urlaub für zwei Personen?«

»Logo.«

»Na, dann kriegst du Ulrich ja endlich in die Berge.«

»Es wird ihm nichts anderes übrigbleiben«, erwiderte Anke. »Gibt es einen genauen Urlaubstermin?«

»Den darf ich mir aussuchen.«

»Wie großzügig!«, sagte Bea.

*

»Was? Gewonnen? Du!«, rief Stefanie begeistert aus. »Ich krieg’ die Motten! Siehst du, hab’ ich nicht gesagt, irgend jemand muss bei diesem Preisausschreiben gewinnen – und warum nicht du? Hast du’s Bea schon erzählt?«

»Ich hab’ sie vor einer halben Stunde angerufen.«

»Und? Was hat sie gesagt? Sie war von den Socken, was?«

»Völlig von der Rolle war sie«, lachte Anke.

»Ich freu’ mich mit dir«, sagte Stefanie. »Zell am See ist traumhaft im Winter. Warst du schon mal da?«

»Nein«, antwortete Anke heiter. »Ich hatte noch nicht das Vergnügen.«

»Ich hab’ da schon einen Sommer- und einen Winterurlaub verbracht. War beide Male schwer begeistert«, erzählte Stefanie. »Trotzdem bin ich froh, dass ich diese Reise nicht gewonnen habe.«

»Wieso bist du froh?«, fragte Anke erstaunt.

»Na ja, du weißt doch, wie’s hier bei uns zugeht«, sagte Stefanie. »Ich würde mich grün und blau ärgern, wenn mein Chef mich diesen phantastischen Preis nicht einlösen ließe. So gesehen hat die richtige Teilnehmerin gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!«

»Danke!«

*

»Warum hast du Ulrich gegenüber nicht einmal eine Andeutung gemacht, was du ihm heute Abend an den Kopf zu knallen gedenkst?«, fragte Chris.

»Das hast du doch gehört«, erwiderte sie. »Ich möchte ihn dabei ansehen, will erleben, was für ein Gesicht er macht, wenn ich ihm von dieser Sensation erzähle.«

»Also ich hätte ihn schonend darauf vorbereitet.«

»Das ist nicht nötig«, behauptete sie.

»Es könnte ihn umhauen.«

Sie schmunzelte. »Das hoffe ich. Mich hat es ja auch beinahe umgeschmissen. Warum soll es ihm anders ergehen? Mach dir keine Sorgen, Ulrich wird nicht liegen bleiben. Er wird aufstehen, sobald er den Schrecken verdaut hat, und sich mit mir freuen – und dann werden wir gemeinsam überlegen, wann wir am besten fahren sollen.«

»Je eher du fährst, desto besser«, meinte Chris. »Zur Zeit ist reichlich Schnee in den österreichischen Alpen, aber den kann ein kräftiger Fön ziemlich schnell wegfressen.«

Sie nickte. »Das werde ich Ulrich sagen.«

Als sie heimging, fielen vereinzelt daunenweiche Schneeflocken vom Himmel. In der Stadt blieb der Schnee nicht lange schön. Er verlor sein leuchtendes Weiß bereits nach kurzer Zeit, wurde graubraun, wässrig, matschig. Aber in den Bergen und auf den Skipisten behielt er seine Reinheit den ganzen Winter über. Chris hatte gesagt, dass das Panorama in Zell am See, auf der Schmittenhöhe, besonders prachtvoll sei. Wie aus Zuckerguss geformt sähen die umliegenden Dreitausender aus - Großglockner, Kitzsteinhorn, Großvenediger ...

Anke freute sich riesig auf diesen geschenkten Urlaub, und sie war ganz sicher, dass auch Ulrich eine Menge Spaß in Zell am See haben würde.

5. Kapitel

Die Pizzeria war recht voll. Wenn Ulrich nicht mit einem der Kellner befreundet gewesen wäre, hätten sie keinen Platz bekommen. Doch Ulrichs Freund machte das Unmögliche möglich. Er verschaffte ihnen einen Tisch für zwei Personen, gab ihnen zwei riesige Karten und ließ sie allein.

Anke bewahrte den wertvollen Brief immer noch in ihrer Handtasche auf; sie wartete noch mit dem Vorzeigen. Seltsamerweise drängte Ulrich sie nicht mehr. Wusste er bereits, was sie ihm erzählen wollte? Hatte etwa eine ihrer Freundinnen nicht dichtgehalten?

An Ulrichs Stuhllehne hing eine schwarze Adidas-Segeltuchtasche mit vielen Fächern und Reißverschlüssen. Anke wusste nicht, warum, aber sie hatte den Eindruck, dass sich etwas darin befand, das er ihr zeigen wollte.

Nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatten, beugte Ulrich sich vor und griff nach Ankes Händen.

»Bevor du mit deiner Neuigkeit rüberkommst ...«, begann er, doch sie fiel ihm ins Wort.

»Du weißt es schon, nicht wahr?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß lediglich, dass du mir eine ganz wichtige Mitteilung zu machen hast.«

»Mehr nicht?«, fragte sie zweifelnd.

»Mehr nicht«, bestätigte er. »Woher sollte ich auch mehr wissen?«

»Du hast nicht zufällig mit Stefanie oder Bea telefoniert?«

»Nein.«

»Oder eine der beiden getroffen?«

»Nein«, sagte er noch einmal. »Wieso wissen deine Freundinnen eigentlich mehr als ich? Ich finde das nicht in Ordnung. An erster Stelle sollte ich stehen. Aber ehe du den dicken Hund von der Leine lässt, lass mich dir noch ganz schnell erzählen, was ich heute gemacht habe.« Er griff nach der Adidas-Tasche und zog einen der Reißverschlüsse auf. »Ich war im Reisebüro und habe mich mit neuem Prospektmaterial eingedeckt.« Er holte die bunte Pracht heraus und legte sie auf den Tisch.

Anke wurde sogleich unruhig.

»Es wird wieder einmal Zeit, dem Winter den Rücken zu kehren«, erklärte Ulrich lächelnd. »Ich hasse diese verdammte Kälte. Anderswo lassen sie sich die Sonne auf den Bauch scheinen, und wir laufen mit dicken Wintermänteln, Pelzschuhen, Ohrenschützern, Schals und Handschuhen herum. Das muss nicht sein.« Er schob die Prospekte auseinander, damit sie alle sehen konnte.

»Du willst schon wieder auf die Kanaren?«

»Weißt du was Besseres?«, erwiderte er. »Sie sind preiswert und schön – und es ist nicht so saukalt wie hier.«

»Aber wir waren doch schon zweimal da.«

»Soweit ich mich erinnere, hat es dir sehr gut gefallen«, lächelte er. »Wir haben Fuerteventura und Gran Canaria gesehen. Und nun nehmen wir uns Teneriffa vor, die Insel des ewigen Frühlings. Hm? Was meinst du dazu?« Er kramte den Teneriffaprospekt nach oben, drehte ihn um, damit die Bilder für sie nicht auf dem Kopf standen, und begann zu blättern. »Sieh dir das an. Ist das nicht eine Traumgegend? Der majestätische Vulkan Teide. Schwarzer Lavasand vor Playa de las Americas und Los Christianos. Goldgelber Saharasand am Strand von Teresitas. Riesige, uralte Drachenbäume. Malerische Dörfer. Einsame Buchten. Und ein Klima, das die Seele aufblühen lässt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dir das nicht gefällt. Zudem sind die Preise durchaus erschwinglich. Der Mann im Reisebüro sprach von einem sensationellen Sonderangebot, das wir uns nicht entgehen lassen sollten.«

Der Kellner kam mit zwei großen Tellern. Ulrich schob die Prospekte beiseite, um Platz zu schaffen.

»Werden hier Urlaubspläne geschmiedet?«, fragte Ulrichs Freund.

Ulrich grinste. »Und wie.«

»Sommerurlaub?«

Ulrich schüttelte den Kopf.

»Das sind aber keine Winterprospekte«, sagte der Kellner.

»Doch«, entgegnete Ulrich.

»Ich sehe keinen Schnee.«

Ulrich tippte sich an die Stirn. »Schnee. Wir sind doch nicht so bescheuert und schnattern uns hier einen ab. Wir fliegen der Sonne entgegen. Dorthin, wo alles blüht und grün ist und nicht so trostlos aussieht wie hier. Teneriffa ist angesagt, Kleiner. Das solltest du dir auch mal gönnen. Die Kanaren sind echt stark, sag’ ich dir.«

Ankes Kehle wurde eng. Sie ärgerte sich ein wenig darüber, dass der Teneriffa-Urlaub für Ulrich bereits beschlossene Sache war. Er fragte sie nur noch der Form halber. Im Grunde genommen stellte er sie vor eine vollendete Tatsache: Wir fliegen nach Teneriffa!

Aber das wollte sie nicht, konnte sie auch nicht.

Der Kellner wurde an einen anderen Tisch gerufen, und Ulrich schnitt seine Pizza an. »Ich – und Schnee.« Er schüttelte den Kopf, als gäbe es keinen größeren Schwachsinn. »Keine zehn Pferde bringen mich in die Berge.«

»Warum nicht?«, fragte Anke.

»Was soll ich denn da?«, fragte Ulrich beinahe gereizt.

»Man kann in so einem Winterurlaub vieles tun«, entgegnete sie.

Er schüttelte wieder unwillig den Kopf. »Das ist etwas für Spinner, da mache ich nicht mit!«

»Weißt du, wie viele Leute Urlaub in den Alpen machen?«

»Die haben alle einen Dachschaden!«, behauptete Ulrich. »Oder hat das was mit Intelligenz zu tun: kilometerlange Autokolonnen, Warteschlangen an den Liften, überfüllte Pisten, Temperaturen, die weit unter dem Gefrierpunkt liegen, Unfälle am laufenden Band, komplizierte Drehbrüche, Schneestürme, dass man die Hand nicht vor Augen sieht, Lawinen ... Bitte sag mir, was daran schön ist. Worin liegt da der Reiz?«

»Man kann es auch anders sehen«, entgegnete Anke mit gesteigerter Pulsfrequenz. »Beschauliche Spaziergänge in einer weißen Märchenlandschaft, blauer Himmel, Sonnenschein, Schlittenfahrten, Langlauf ...«

»Ich habe einen Kollegen, der kommt aus so einem Urlaub gestresster zurück, als er ihn begonnen hat«, unterbrach er sie barsch.

»Das liegt an ihm, nicht am Winterurlaub.« Anke schob ihren Teller zur Seite. Der Appetit war ihr gründlich vergangen. Sie schäumte vor Wut. Wie konnte Ulrich sich anmaßen, alle als Idioten zu bezeichnen, die ihren Urlaub in den winterlichen Bergen genießen wollten! Wer glaubte er, wer er war?

»Darf ich fragen, was das soll, Anke?«, fragte er mit zusammengekniffenen Augen und argwöhnischem Blick. »Warum machst du dich auf einmal so stark für einen Winterurlaub? Da stimmt doch irgendetwas nicht. Wir waren zweimal auf den Kanarischen Inseln und haben dort beide Male eine herrliche Zeit verbracht, das kannst du nicht bestreiten.«

»Das tu’ ich auch nicht, aber ...«

»Als wir von Gran Canaria abreisten, waren wir uns einig, im nächsten Jahr auf diese oder eine der anderen Inseln zurückzukommen, oder stimmt das etwa nicht?«

»Doch, aber ...«

»Und nun, da die Zeit gekommen ist, unseren Urlaub zu buchen ...«

»Darf ich endlich auch mal etwas sagen?«, unterbrach nun sie ihn, und zwar so energisch, dass er verärgert die Schultern hob.

»Bitte!«

»Wo steht eigentlich geschrieben, dass ich immer das tun muss, was du willst?«, fragte sie angriffslustig. »Wieso bestimmst jedesmal du, wo wir Urlaub machen?«

»Hör mal, das ist doch überhaupt nicht wahr!«, verteidigte er sich. »Fühlst du dich etwa übergangen?«

»Jawohl!«

»Ich verstehe dich nicht«, sagte er befremdet. »Habe ich nicht das gesamte Prospektmaterial mitgebracht, damit wir gemeinsam ...«

»Prospekte von den Kanaren, nur von den Kanaren!«

»Wohin willst du denn dem Winter entfliehen?«, fragte er verständnislos.

»Will ich ja gar nicht«, erwiderte sie schneidend. »Du hasst die Berge, den Schnee, das Eis – den Winter. Du, nicht ich. Ich habe zweimal so Urlaub gemacht, wie du es wolltest. Aber du denkst nicht im Traum daran, mit mir mal in die Alpen zu fahren. Du bist ja nicht so bescheuert wie all die anderen, die das tun, nicht wahr? Weißt du, was du bist, Ulrich Kaminski? Ein riesengroßer Egoist bist du!«

»Nun krieg dich langsam wieder ein, ja?«, fauchte er sie an.

»Verdammt noch mal, was ist denn in letzter Zeit mit dir los? Du gehst wegen jeder Kleinigkeit hoch wie ’ne Silvesterrakete. Kann man denn kein vernünftiges Wort mehr mit dir reden?«

Sie lachte blechern. »Das musst ausgerechnet du sagen! Wo für dich alle blöd und ausgemachte Trottel sind, die nicht in den Süden abhauen, sobald es kalt wird. Nennst du das vernünftig reden?«

Ulrich säbelte zornig an seiner Pizza herum, aber er aß nicht weiter. Wütend starrte er sie an. »Verdammt noch mal, würdest du mir bitte erklären, was dieses lächerliche Theater soll, Anke? Was bezweckst du mit diesem kindischen Aufstand?«

Sie spürte Tränen aufsteigen. »Ich habe bei einem Preisausschreiben eine zweiwöchige Reise für zwei Personen nach Zell am See gewonnen, und ich war so hirnverbrannt, zu glauben, du würdest dich ebenfalls darüber freuen und diesen Gratisurlaub mit mir genießen. Aber dich kriegen ja keine zehn Pferde in die Berge.«

»Tun sie auch nicht«, bestätigte er, »aber ist das ein Grund, dass wir uns schon wieder zanken?« Seine Stimme war nun etwas weniger aggressiv. »Du hast wirklich einen Winterurlaub gewonnen?«

Anke holte den Brief aus ihrer Handtasche und klatschte ihn neben seinem Teller auf den Tisch. Er las die Nachricht aufmerksam. Kein Muskel zuckte in seinem Gesicht.

»Sie hat tatsächlich eine Reise nach Zell am See gewonnen«, sagte er und lehnte sich zurück.

»So etwas wiederholt sich ganz bestimmt nicht«, meinte sie und holte sich ihren Brief wieder. Sorgfältig verstaute sie ihn in ihrer Tasche.

»Eine Reise in die Kälte«, murmelte er und schüttelte sich, als ob er fröstle.

»Man kann sich warm anziehen.«

»Aber die Nase friert einem trotzdem ab«, erwiderte er beharrlich.

»Kannst du dich nicht doch überwinden ...«

»Nein!«, sagte er sofort. »Das ist nichts für mich!«

»Aber ich möchte es so gern. Nur dieses eine Mal«, bettelte sie. »Und nächstes Jahr fliegen wir wieder auf die Kanaren, okay?«

Ulrich schüttelte entschieden den Kopf. »Kommt nicht in Frage!«

»Mein Gott, was bist du für ein starrsinniger Kerl!« Der Zorn wallte wieder in ihr auf.

»Ich bin starrsinnig? Ich?«

»Ich vielleicht?«

»Warum gibst du denn nicht nach?«, fragte er. »Wenn ich sehe, dass du etwas partout nicht magst, passe ich eben oder versuche dir wenigstens irgendwie entgegenzukommen. Aber du beharrst auf deinem Standpunkt und zeigst dich kein bisschen kompromissbereit.«

Anke wurde die Sache langsam zu dumm. »Wie soll ich dir denn entgegenkommen? Du kennst doch die Sachlage: Ich habe eine Reise für zwei Personen gewonnen. Da gibt es keinen Kompromiss. Ich kann den Gewinn einlösen oder sausenlassen – und zu letzterem bin ich auf gar keinen Fall bereit.«

»Mit gutem Willen lassen sich fast alle Probleme lösen«, behauptete Ulrich.

»Dieses nicht!«, erklärte sie hart.

»Du könntest dir die Reise auszahlen lassen«, sagte er.

»Das ist nicht möglich«, erwiderte sie. »Das stand bereits auf dem Teilnahmeschein.«

»Du könntest sie umtauschen.«

»Geht auch nicht.«

»Du hast es ja noch nicht einmal versucht«, sagte er heftig. Mit gedämpfter Stimme fuhr er fort: »Du könntest die Reise auch verkaufen.«

»Wem denn? Denkst du, ich geh’ damit hausieren?«

Er sah sie vorwurfsvoll an. »Kannst du nicht sachlich bleiben? Es wird sich doch jemand in deinem Freundes- oder Bekanntenkreis finden, der dir die Reise zu einem vernünftigen Preis abkauft.«

»Diesmal geschieht nicht, was du sagst«, fauchte Anke, nun wieder auf hundert. »Ich bestehe darauf, dass du einmal meine Wünsche berücksichtigst.«

Ihm riss die Geduld. »Ich muss vom wilden Affen gebissen gewesen sein, als ich mich wieder mit dir versöhnte!«

Sie stand auf, kippte ihm seine Pizza in den Schoß, sagte eisig: »Guten Hunger! Du kannst meine Pizza auch noch essen!« und ging.

*

»Weiber!«, sagte der Kellner mit geballter Verachtung, während er Ulrich im Waschraum half, seine Kleidung wenigstens einigermaßen zu säubern. »Sie sind alle verrückt. Jede auf eine andere Art, aber ’nen Hau haben sie ausnahmslos. Ich möchte wissen, woran das liegt. Die meisten haben einen IQ wie mein Meerschweinchen, bilden sich auf ihre Dummheit aber ’nen Haufen ein und tragen die Nase – wenn sie hübsch sind – so hoch, dass es ihnen reinregnet. Manchmal denke ich, mit meiner Mutter ist die letzte kluge Frau von dieser Welt gegangen. Nachgekommen sind Puppen mit schön bemalten Holzköpfen. Wie konnte dir Anke die Pizza in den Schoß kippen?«

»Ich hab’ sie geärgert«, murmelte Ulrich.

»Na und? Wenn sie normal wäre, hätte sie dir eine geknallt. Was sie getan hat, ist behämmert.«

»Tu mir einen Gefallen: Halt die Klappe!«, brummte Ulrich mürrisch.

»Die Hose kannst du wegschmeißen. Ich glaube nicht, dass es eine chemische Reinigung gibt, die diesen Fleck rauskriegt. Der lässt sich nur noch mit ’ner Schere entfernen.«

Ulrich zog den Pullover so weit wie möglich über seine Hose. Sein Freund verzog das Gesicht.

»Warum grinst du so blöd?«, fragte Ulrich ärgerlich.

»Wenn draußen jemand deine nasse Hose sieht, denkt er bestimmt, du hättest es nicht mehr bis zur Muschel geschafft.«

»Ist mir doch egal.« Ulrich schaute in den großen Spiegel und glaubte, einen Verlierer zu sehen. Er hasste Verlierer, und er hasste sich in diesem Moment selbst. Warum hatte er dieses eine Mal nicht nachgegeben? So grauenvoll konnte ein Winterurlaub in den Alpen doch nicht sein. Er hatte zu hoch gereizt und – wie es schien – alles verloren. »Soll ich dir was verraten?«, sagte er zu seinem Freund. »Ich glaube, ich hab’ noch nicht mal den IQ deines Meerschweinchens.«

6. Kapitel

»Tja, und nun bin ich auf der Suche nach jemandem, der mit mir nach Zell am See fährt«, erklärte Anke, nachdem sie ihrer Freundin Stefanie von dem Streit mit Ulrich erzählt hatte.

Sie waren in Stefanies kleiner Dachwohnung. Draußen heulte der Wind, und es schneite. Stefanie trug ein knöchellanges Kaminkleid aus mitternachtsblauem Samt. Sie sah darin sehr damenhaft aus. Auf dem Plattenteller drehte sich die neueste Scheibe von Queen.

»Ich würde dich wahnsinnig gern begleiten«, sagte Stefanie, »aber du weißt ja – ich brauche gar nicht erst zu fragen, ob mir mein Chef in dieser Ausnahmesituation frei gibt, denn ich kenne die Antwort. Sie lautet: NEIN!«

»Was macht er denn, wenn du krank wirst?«, fragte Anke.

»Das ist höhere Gewalt.«

»Ein Gewinn in einem Preisausschreiben auch«, sagte Anke. »Verdammt, ich will nicht, dass dieses Glück für mich zu einer Art Strafe wird! Da gewinnt man einmal im Leben eine Reise, und es findet sich niemand, der mitkommt.«

Stefanie hob bedauernd die Schultern und meinte seufzend: »Ich kann dir leider nicht helfen. Warst du schon bei Bea?«

Anke schüttelte den Kopf. »Ich wollte zuerst dich fragen, weil du nicht so bemittelt bist wie sie.«

»Danke für den guten Willen«, erwiderte Stefanie.

Die Platte endete, und es war plötzlich so still, dass man das Atmen der Mädchen hören konnte. Stefanie sah auf ihre Armbanduhr.

»Erwartest du jemanden?«, fragte Anke.

»Bobby kommt auf einen Sprung vorbei«, antwortete Stefanie.

»Bin schon eine Wolke«, sagte Anke und stand auf.

»Ich bitte dich, deswegen brauchst du doch nicht die Flucht zu ergreifen.«

»Ich muss sowieso gehen«, erklärte Anke und zog ihren Mantel an.

»Wie geht’s denn jetzt mit dir und Ulrich weiter?«, fragte Stefanie.

Anke fingerte an der verdeckten Knopfleiste herum. »Frag mich was Leichteres.«

»Richtig Schluss gemacht habt ihr nicht, oder?«

»Ach, Stefanie, ich hab’s irgendwie satt, mich immerzu mit ihm zu streiten. Irgendwann kommt der Punkt, wo du nicht mehr bereit bist nachzugeben, verstehst du? Du lässt es eiskalt auf eine Zerreißprobe ankommen, und es ist dir ziemlich egal, wie sie ausgeht.« Ein trauriges Lächeln zuckte um ihre Lippen. »Das hat mit Liebe nicht mehr allzuviel zu tun.« Sie legte der Freundin die Hand auf die Schulter. »Hoffentlich bleibt dir und Bobby das erspart. Es ist nicht sehr lustig, das kannst du mir glauben.«

Ulrich hatte die Schultern hochgezogen und den Kragen seiner Daunenjacke aufgestellt. Er sah aus, als hätte er keinen Hals. Auf dem Kopf trug er eine dunkelblaue Strickmütze. Der Wind schleuderte ihm kleine Schneeflocken ins gerötete Gesicht. Missmutig starrte er vor sich auf den Boden. Man muss geistesgestört sein, wenn man das freiwillig auf sich nimmt und auch noch seinen Spaß daran hat, dachte er.

Er hatte seine Hose aus der Reinigung holen wollen. Versprochen hatte man sie ihm für heute, aber der hässliche Kerl, dem das Unternehmen gehörte, hielt nicht viel von Zuverlässigkeit und zufriedenen Kunden. Er hatte ihn auf den nächsten Tag vertröstet.

Als Ulrich nun mit gesenktem Kopf, die Hände tief in die Taschen geschoben, um die Ecke bog, stieß er mit jemandem zusammen.

»Verdammt!«, grollte der andere. »Mann, hast du keine Augen im Schädel? Du kannst mich doch nicht einfach über den Haufen rennen!« Doch plötzlich schlug seine Unfreundlichkeit in Freude um. »Ulrich!«

Ulrich sah ihn an. »Schwabbel!«

Frank Mertens verzog sein feistes Gesicht zu einem breiten Grinsen. »Bist wie’n Panzer unterwegs. Walzt alles platt, was dir im Weg ist, was?«

Ulrich griff nach Franks Ärmel und suchte mit ihm Schutz im Windschatten eines Hauses, denn an der Ecke zog es wie in einem Vogelkäfig. »Ich kann diesen verfluchten Winter nicht ausstehen.«

»Anderswo haben sie Regenzeiten.«

»Die sind mir allemal lieber«, behauptete Ulrich.

»Und Orkane«, sagte Frank.

»Alles besser als diese lausige Kälte. Findest du nicht?«

Der füllige Frank Mertens zeigte auf ein kleines Bistro. »Trinken wir ’nen Kaffee?«

»Gute Idee.«

Im Lokal hängte Ulrich seine Daunenjacke an den Garderobenständer, schüttelte sich und rieb sich die klammen Hände.

»Von wegen die Erde erwärmt sich«, knurrte er und setzte sich. »Sie kühlt ab. Wir gehen einer neuen Eiszeit entgegen.«

»Sieht fast so aus«, gab ihm Frank recht und setzte sich zu ihm.

Sie bestellten zwei Kännchen Kaffee und für Schwabbel – wie konnte es anders sein – ein riesiges Stück Torte mit Schlagsahne. Nachdem sie das Gewünschte bekommen hatten, erzählte Ulrich von Ankes Gewinn.

Schwabbel machte große Augen. »Ist ja irre! Finde ich echt toll.«

Ulrich teilte seine Begeisterung nicht. »Was ist denn daran toll?«

»Na hör mal, so eine Reise für zwei Personen ist nicht billig. Die lassen sich da bestimmt nicht lumpen. Erstklassiger Service in einem Haus der Kategorie A – mit allem Schnickschnack, der dazugehört. Room Service, Obst auf dem Zimmer, Gratisbenutzung der gesamten Hoteleinrichtung wie Sauna, Hallenbad und so weiter ...«

»Mal ehrlich«, sagte Ulrich. »Würdest du da hinwollen?«

»Ich doch nicht.« Frank grinste. »Sieh mich an. Sehe ich aus wie ein Wintersportler?«

»Du siehst überhaupt nicht aus wie ein Sportler.«

Frank nickte. »Eben. Also was sollte ich um diese Jahreszeit in Zell am See?«

»Angenommen, du hättest diese Reise gewonnen?«, sagte Ulrich. »Was würdest du tun?«

»Ich hab’ in meinem ganzen Leben noch nie was gewonnen.«

»Nehmen wir es nur mal an«, erwiderte Ulrich. »Würdest du dich nach jemandem umsehen, der mit dir nach Zell am See fährt?«

»Niemals«, erklärte Frank bestimmt.

»Umtauschen kann man den Gewinn nicht. Auszahlen lassen geht auch nicht. Würdest du die Reise einfach verfallen lassen?«

»Das natürlich nicht«, antwortete Frank.

»Verschenken?«

»Sehe ich so blöd aus? Schwabbel hat nichts zu verschenken«, machte Frank seinem Freund unmissverständlich klar. »Ich würde Dieter Paulus anrufen.«

»Wer ist Dieter Paulus?«

»Du kennst ihn nicht?«

»Würde ich sonst fragen?«

Frank schob sich ein großes Stück Sachertorte in den Mund. »Schmeckt herrlich, zergeht auf der Zunge. Möchtest du mal probieren?«

»Ich mag jetzt nichts Süßes«, erwiderte Ulrich.

Frank grinste. »Später ist nichts mehr da.«

»Selbst essen macht dick.«

Frank klopfte mit beiden Händen lachend auf seinen Bauch und sagte: »Oja.«

»Du hast mir noch nicht verraten, wer Dieter Paulus ist«, bohrte Ulrich.

»Ein Schlitzohr. Dieter übt eigentlich keinen richtigen Beruf aus. Ich würde ihn im weitesten Sinne als Geschäftsmann bezeichnen. Er kauft und verkauft so ziemlich alles, legt mal diesen, mal jenen rein, kassiert illegale Provisionen – wenn man den Gerüchten, die herumschwirren, glauben darf. Ihn würde ich anrufen und sagen: Ich hab’ ’nen Winterurlaub gewonnen. Du kannst ihn haben, wenn du einen vernünftigen Preis dafür bezahlst.«

»Würde er die Reise kaufen?«, fragte Ulrich mit einer ganz bestimmten Idee im Hinterkopf.

»Garantiert«, antwortete Frank.

»Hör mal, würdest du dich für uns mit Dieter Paulus in Verbindung setzen?«

Frank nickte. »Könnte ich machen.«

»Ich bin alles andere als ein Bergfan – und von Schnee und Kälte halte ich schon gar nichts. Ich würde mit Anke viel lieber auf die Kanaren fliegen und mich irgendwo am Strand auf die faule Haut legen.«

»Du sprichst mir aus der Seele«, grinste Frank.

»Wenn sich jemand fände, der Anke ein faires Angebot für ihren Gewinn macht, würde sie ihn mit Sicherheit verkaufen und mich nach Teneriffa begleiten.«

»Ich werde mit Dieter reden«, versprach Frank.

»Du bist ein wahrer Freund, Schwabbel«, sagte Ulrich dankbar. »Dein Kaffee und die Torte gehen auf meine Rechnung.«

*

Anke wusch ihr Haar und fönte sich anschließend eine tolle Frisur. Sie war mit Bea und Stefanie im Kinocenter verabredet. Bobby wollte auch kommen, aber das stand noch nicht fest. Als Sanitäter machte er viele Überstunden.

In Höschen und BH ging Anke ins Schlafzimmer hinüber, zog einen angenehm weichen, dicken Rollkragenpullover über den Kopf und schlüpfte in knallenge Stretchjeans, die ihre super Figur hervorragend zur Geltung brachten. Während sie sich schminkte, klingelte es. Sie drehte den Lippenstift in die Kapsel und eilte in die Diele.

Es läutete wieder.

»Ja, ja, ich komm’ ja schon!«, rief Anke und öffnete die Wohnungstür. Im Hausflur stand ein fremder Mann, Mitte Zwanzig, gutgekleidet, mittelgroß, einen Hut in der Hand. »Sie wünschen?«, fragte sie abweisend. Wenn der Typ ein Vertreter war, würde sie ihn schnell abfertigen und die Tür sofort wieder schließen. Es ärgerte sie ein wenig, dass sie die Kette nicht vorgelegt hatte.

»Ich bin ein Freund von Schwabbel«, erklärte der junge Mann. »Mein Name ist Dieter Paulus. Darf ich einen Augenblick reinkommen?«

Sie begriff nicht, warum sie ihn in die Diele ließ. Eigentlich wollte sie das gar nicht. »Ich hab’ nicht viel Zeit«, informierte sie ihn.

Er lächelte mit blitzweißen, regelmäßigen Zähnen. Alles in allem machte er einen sehr gepflegten Eindruck.

»Ich werde mich kurz fassen«, versprach er. »Frank erzählte mir, Sie hätten einen tollen Preis bei einem Preisausschreiben gewonnen.«

»Ja, das stimmt«, bestätigte sie.

»Ich würde Ihren Gewinn gern kaufen«, erklärte Dieter Paulus. »Sagen wir – zum halben Wert? Ich hab’ das Geld bei mir.«

Anke glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Sie sah ihn verdattert an. »Wie kommen Sie auf die Idee, dass ich die Reise verkaufen möchte?«

»Wollen Sie mit Ihrem Freund nicht auf die Kanaren fliegen?«

»Neinl« Ärger funkelte in ihren Augen. »Hat Schwabbel das gesagt?«

»Er sprach von Teneriffa«, antwortete Dieter Paulus.

»Dem werd’ ich was erzählen!«, fauchte sie.

»Wenn Ihnen mein Preis zu niedrig ist, bin ich bereit, ihn geringfügig zu erhöhen«, meinte der geschäftstüchtige junge Mann.

»Ihr Angebot interessiert mich nicht!«, zischte Anke. »Ich würde Ihnen meinen Gewinn nicht einmal für das doppelte Geld überlassen!«

Er lächelte. »Sieht so aus, als würden wir nicht ins Geschäft kommen.«

»Sie haben es erfasst!«, bestätigte sie gereizt. »Würden Sie bitte gehen?«

»Ich wollte Sie nicht verärgern.«

Sie riss die Tür weit auf. »Raus!«

Er setzte seinen Hut auf. »Sie würden sich keine Verzierung abbrechen, wenn Sie ein wenig freundlicher wären.«

Sie schleuderte ihm die Tür beinahe ins Kreuz und rief sofort Schwabbel an. »Sag mal, bist du von allen guten Geistern verlassen?«, brüllte sie in die Sprechmuschel. »Wie kommst du dazu, mir einen wildfremden Menschen in die Wohnung zu schicken?«

Schwabbel lachte verlegen und sehr gekünstelt. »Oh! Ach, du bist es, Anke. Ich wusste für einen kurzen Moment nicht, wen ich an der Strippe habe.«

»Was fällt dir ein, zu behaupten, ich wäre bereit, meinen Gewinn zu verkaufen?«

Sie hörte ihn schlucken.

»Bist du’s etwa nicht?«, fragte er zurück.

»Du hast mit Ulrich gesprochen, was?«

»Ich ... äh ... Na ja, wir waren zusammen auf einen Kaffee, und dabei war natürlich auch die Rede von deinem Supergewinn. Ulrich sagte ... Vielleicht habe ich ihn auch falsch verstanden ... Ich hatte jedenfalls den Eindruck, ihr würdet lieber zusammen nach Teneriffa fliegen, und da wollte ich euch helfen. Du darfst mir deswegen nicht böse sein, Anke ... Verdammt, immer wenn ich Gutes tun will, geht’s in die Hose! Ich werde mich in Zukunft wohl besser nur noch um meinen eigenen Kram kümmern.«

»Daran würdest du gut tun«, pflichtete Anke ihm bei und legte auf.

*

Frank Mertens öffnete in Unterhosen.

»Ein Anblick für die Götter«, grinste Ulrich.

»Ich wollte es mir eben mit ’ner Tüte Popcorn und ’ner Dose Bier vor dem Fernsehapparat gemütlich machen«, erklärte Schwabbel. »Komm rein.«

»Außer dir niemand zu Hause?«, erkundigte sich Ulrich.

»Meine Eltern sind in Frankfurt. Sie kommen erst Freitag wieder.«

»Dann hast du ’ne sturmfreie Bude«, stellte Ulrich fest.

Frank lachte. »Das ja, aber keine Gelegenheit, sie entsprechend zu nutzen.«

»Vielleicht solltest du doch mal ein paar Pfund abspecken.«

»Kommt nicht in Frage!«, wehrte Frank ab. »Ich kasteie mich nicht.« Er führte Ulrich ins Wohnzimmer. »Auch ein Bier?«

Ulrich nickte und legte ab.

»Setz dich. Ich bin gleich wieder hier«, sagte Frank.

Angezogen und mit einer beschlagenen Dose Bier kam er wenig später zurück und setzte sich neben Ulrich auf die Couch. Der Fernseher war eingeschaltet. Es lief ein Kulturfilm über einen verschwundenen Fluss in Afrika. Flirrende Hitze, flimmernde Luft, dürstende Elefanten, Flusspferde, die in kleinen Schlammlöchern eng aneinandergedrängt zu überleben versuchten. Hyänen, Löwen, Krokodile ...

»Ich liebe solche Sendungen«, sagte Frank und reichte seinem Freund die Bierdose. Dann riss er die Popcorntüte auf und schüttete ihren Inhalt in eine Holzschale, die er in Reichweite auf den Couchtisch stellte. »Bedien dich.«

»Nur, wenn ich dir nichts wegesse.«

»Blödsinn! Ich hab’ noch zwei Tüten im Schrank - und Zigeunerräder und Salzstäbchen und Kartoffelchips und Pizzaröllchen ... Ich bin besser sortiert als ’n Tante-Emma-Laden.« Frank riss seine Bierdose auf. »Brauchst du ’n Glas?«

Ulrich schüttelte den Kopf. »Ich trinke aus der Dose.«

Im Fernsehen landeten Aasgeier auf einem Elefantenkadaver, während Frank anfing, Popcorn in sich hineinzuschaufeln.

Ulrich trank einen Schluck Bier. »Hast du schon mit Dieter Paulus gesprochen?«

Frank sah ihn verwundert an. »Die Sache ist längst gelaufen.«

»Paulus war schon bei Anke?«

»Weißt du das nicht?«, fragte Frank erstaunt.

»Nein. Erzähl.«

»Sie hat ihn rausgeschmissen! Sie war so wütend, dass sie ihn beinahe mit der Tür erschlagen hätte, und dann rief sie mich an und stauchte mich gehörig zusammen.«

»Was hast du ihr erzählt?«, wollte Ulrich wissen. »Hast du gesagt, dass ich dich gebeten habe, mit Paulus zu reden?«

»Ich bin zwar nicht gerade der Hellste unter der Sonne, aber so doof bin ich nun auch wieder nicht«, antwortete Frank. »Sie durfte alles auf meinem Buckel abladen. Breit genug ist er ja. Nun hoffe ich, dass ihr Zorn verraucht ist, wenn ich ihr wieder mal über den Weg laufe.«

»Aber ja«, beruhigte ihn Ulrich. »Anke ist nicht nachtragend. Das ist einer ihrer besonderen Vorzüge: Sie vergisst schnell.«

Frank trank Bier, rülpste und entschuldigte sich.

7. Kapitel

Chris kam zur Tür herein, zeigte auf Ankes gefurchte Stirn und fragte lächelnd: »Wieder mal Probleme?«

»Du hast dich verspätet«, knurrte Anke statt einer Antwort.

»Zum erstenmal in diesem Jahr«, erwiderte er und setzte sich an seinen Schreibtisch. »Man wird es mir auf Grund der Tatsache, dass ich eine unentbehrliche Kraft bin, nachsehen.«

»So, so.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Und was für eine Entschuldigung hast du anzubieten?«

»Eine ziemlich profane: Ich habe ganz einfach verschlafen.«

»Wie kann einem pflichtbewussten Menschen so etwas passieren? Soviel mir bekannt ist, stehen in deinem Schlafzimmer zwei Wecker. Wenn der eine ausfällt, muss immer noch der andere Alarm schlagen.«

Er grinste zu ihr hinüber. »Woher weißt du denn, wie es in meinem Schlafzimmer aussieht? Warst du denn schon mal da? Das wäre meiner Aufmerksamkeit doch unmöglich entgangen.«

»Du hast mir von den beiden Weckern erzählt.«

»Ich gebe Schlafzimmergeheimnisse preis? Das ist unverzeihlich«, erwiderte er und zog seine dicke Strickjacke aus.

»Es ist recht unwahrscheinlich, dass zwei Wecker in derselben Nacht den Geist aufgeben«, meinte sie nüchtern.

»Willst du die Wahrheit hören? Kim Basinger kam völlig unverhofft zu Besuch, und ich musste sie heute Morgen noch schnell zum Flugplatz bringen.«

»Wenn das die Wahrheit ist, möchte ich nicht hören, wie du lügst«, sagte Anke.

»Also gut«, brummte er. »Ich lag im Bett, las ein spannendes Buch, es war weit nach Mitternacht, als ich das Licht ausmachte – und dabei habe ich vergessen, die Wecker zu stellen. Zufrieden?«

»Ja, das hört sich glaubhaft an«, schmunzelte sie.

Den ersten Anruf an diesem Morgen übernahm sie, den zweiten überließ sie ihm. Nach zwei Stunden intensiven Arbeitens machten sie eine Kaffeepause.

»Hast du endlich einen Begleiter für deine Reise gefunden?«, erkundigte sich Chris.

Anke schüttelte den Kopf und seufzte. »Es ist wie verhext. Alle, die ich gern mitnehmen würde, können nicht weg.«

»Bist du die Reihe schon ganz durch?«, fragte er.

»Ich wüsste nicht, wen ich noch fragen könnte«, erwiderte sie.

»Mich!«

»Dich.« Sie winkte ab. »Mach keine Scherze mit mir. Auf den Arm nehmen kann ich mich selbst.«

»Es ist mein Ernst«, behauptete er. »Ich würde dich nach Zell am See begleiten, aber ich scheine für dich nicht in Frage zu kommen, sonst hättest du schon mal bei mir angeklopft.«

Sie musterte ihn verwirrt. »Woher hätte ich denn wissen sollen ... Du, wenn du dich über mich lustig machst ...«

»Das würde ich mir nie erlauben«, entgegnete er amüsiert. »Wozu in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah«, deklamierte er.

»Du würdest mit mir ...«

Er grinste. »Wenn du mit mir würdest. Ich bin ein prima Notnagel.«

Sie war völlig durcheinander, ihre Gedanken fuhren Karussell. Wieso hatte sie an das Nächstliegende nicht gedacht?

Und wieso, um alles in der Welt, sagte sie jetzt: »Nein, Chris, es ist zwar sehr nett, dass du einspringen möchtest, aber es geht nicht.«

Auch er verstand diese Antwort nicht. »Wieso nicht?«

»Weil – weil ....« Sie wusste keine vernünftige Erklärung.

»Du suchst einen Urlaubspartner.« Er zeigte auf sich. »Hier ist einer. Ich bin gern bereit, in Zell am See auf dich aufzupassen, und da ich, wie du weißt, kein schlechter Skifahrer bin, könnte ich dir auf der Piste Unterricht geben.«

Sie schwitzte. »Das hört sich verlockend an, aber ...«

Er lachte. »Dir wird heiß, wenn du an das Doppelzimmer denkst, das man für dich bereithält – und an das Doppelbett, das darin steht.«

Sie errötete. »Du musst das verstehen, Chris. Du bist ein guter Kollege, ein wunderbarer Freund, aber ...«

»Aber in einem Bett möchtest du nicht mit mir schlafen.«

»Du – du darfst das nicht persönlich nehmen«, stammelte sie verlegen.

»Ich habe damit gerechnet, dass du so auf mein Angebot reagieren würdest ...«

»Chris?«

»Ja?«

»Hältst du mich deswegen für verklemmt?«, fragte sie heiser.

»Die meisten Frauen würden so reagieren«, antwortete er verständnisvoll. »Da ich das voraussah, habe ich mir etwas überlegt: Du rufst das Hotel an und fragst, ob du statt des Doppelzimmers zwei Einzelzimmer haben kannst. Den Aufschlag übernehme selbstverständlich ich.«

Ist das nicht ein wahrer Freund?, sprach eine innere Stimme zu Anke.

»Glaubst du, dass du meinen Vorschlag akzeptieren kannst?«, erkundigte sich Chris.

»O ja! Ja, natürlich kann ich das«, antwortete sie verwirrt.

Er zeigte auf das Telefon. »Dann würde ich mich jetzt gleich mit dem Hotel in Verbindung setzen. Je eher du ihnen deine Sonderwünsche mitteilst, desto besser.«

»Wann – wann würden wir denn fahren?«, fragte sie und strich den Brief auf dem Schreibtisch glatt.

Er hob die Schultern. »Kommenden Samstag. Nächste Woche. Wann du willst. Wir können hier jederzeit weg. Das kann ich mit unserem Chef regeln.«

»Dann würde ich gleich kommenden Samstag fahren wollen.«

Er nickte. »Okay.«

»Vorausgesetzt, das Hotel ist mit diesem Termin einverstanden.«

»Das wirst du ja gleich hören«, erwiderte er, und Anke wählte die Vorwahl von Österreich.

Eine junge Frauenstimme meldete sich. Die Verbindung war hervorragend. Sobald die Frau am anderen Ende ungefähr wusste, worum es ging, verband sie Anke mit dem Direktor. Tasso Wegenstein war sein Name.

»Hier spricht Anke Sonnhaus, die Gewinnerin des Preisausschreibens ...«

»Ja, natürlich, gnädige Frau«, sagte Wegenstein freundlich. »Herzlichen Glückwunsch!«

»Danke.«

»Sie möchten mir sicher mitteilen, wann Sie zu uns kommen möchten«, meinte der Direktor.

»Ja, das auch«, erklärte Anke. »Aber zuvor hätte ich noch eine Bitte ...« Es wäre ihr lieb gewesen, wenn Chris hinausgegangen wäre, aber er saß ihr gegenüber und hörte aufmerksam zu. Kein Wort entging ihm.

»Stets zu Diensten«, sagte Wegenstein zuvorkommend.

»Ich habe diese Reise – nun, sie ist für zwei Personen, nicht wahr?«

»Ganz recht, Frau Sonnhaus«, bestätigte Wegenstein. »Mit Vollpension und umfangreichem Sportpaket. Wir werden bemüht sein, Sie und Ihre Begleitung voll zufriedenzustellen. Sie sind für uns ein VIP-Gast, wenn ich das mal so sagen darf.«

Sie lachte verlegen. »Ich weiß nicht, ob ich mich in dieser Rolle wohl fühlen werde, Herr Wegenstein.«

»Ich bin sicher, es wird Ihnen zusagen.«

»Ja, also was – was nun meinen Sonderwunsch betrifft ...« Röte stieg ihr in die Wangen, und sie vermied es, Chris anzusehen. Muss er nicht mal aufs Klo?, dachte sie nervös. »Es geht um das Klo – um das Doppelzimmer, wollte ich sagen.« Ihr Herz klopfte so laut gegen die Rippen, dass Chris es hören musste. »Um das Zimmer für zwei Personen ...« Großer Gott, konnte sie sich denn überhaupt nicht mehr klar ausdrücken?

»Ja?«, fragte Direktor Wegenstein abwartend.

»Mein Kollege – Herr Chris Weber – wäre bereit, mich nach Zell am See zu begleiten«, erklärte Anke. »Wir sind zwar zwei Personen, aber wir sind nicht ...« Sie nahm einen neuen Anlauf. »Herr Weber ist ein sehr lieber, sympathischer Freund. Wir sitzen seit Jahr und Tag im selben Büro und verstehen uns ausgezeichnet. Aber ich kann nicht mit ihm im selben Zimmer – im selben Bett ... Wissen Sie, was ich meine?«

Drüben grinste Chris. Der Schuft!

Anke nahm sich zusammen. »Was ich Sie fragen möchte, ist, ob es möglich wäre, an Stelle des Doppelzimmers zwei Einzelzimmer für uns zu reservieren.« Endlich war es heraus. »Ich meine, das müsste doch möglich sein.«

»Ist es auch«, antwortete Tasso Wegenstein freundlich.

»Den Aufschlag ...«

»Ich bitte Sie, Frau Sonnhaus. In Ihrem Fall gibt es für die Einzelzimmer doch keinen Aufschlag.«

»Nicht?«

»Sie haben diesen Aufenthalt für zwei Personen gewonnen. Wir wollen an Ihnen doch nicht verdienen«, erklärte der Direktor. »Wenn Sie mir das Datum Ihrer Ankunft nennen, halten wir für Sie und Herrn Weber zwei Einzelzimmer bereit. Das ist überhaupt kein Problem.«

*

Anke legte auf und sah Chris an.

Er grinste wieder. »Vielen Dank für den sehr lieben, sympathischen Freund.«

»Du hättest für die Dauer dieses Gesprächs ruhig hinausgehen können«, rügte sie ihn. »Mir war es schrecklich peinlich, dem Direktor in deiner Anwesenheit klarzumachen, wie wir zueinander stehen.«

Er lachte. »Warum denn so gehemmt, Mädchen?«

»Ich habe deinetwegen wie eine Idiotin herumgestammelt. Direktor Wegenstein hält mich jetzt wahrscheinlich für geistig minderbemittelt.«

»Wir werden diesen Irrtum aufklären, sobald wir da sind«, beschwichtigte er sie lächelnd. »Ich hab’ nicht alles mitbekommen. Geht das mit den Einzelzimmern klar?«

»Ja, und es kostet keinen Pfennig mehr, weil ich ein VIP-Gast bin.«

»Ist ja großartig.« Er stand auf. »Dann gehe ich jetzt gleich mal zu unserem Chef und teile ihm mit, von wann bis wann er auf unsere geschätzte Mitarbeit verzichten muss.«

»Ich finde, wir hätten das vorher machen sollen. Es ist nicht richtig, ihn vor vollendete Tatsachen zu stellen.«

»Null Problemo, Kleines!«, erwiderte er und ging zur Tür.

»Soll ich nicht lieber mitkommen?«

Chris schüttelte den Kopf. »Nicht nötig. Lass mich nur machen. Du hältst hier die Stellung.«

Er ging, und zehn Minuten später kam er mit einer Leichenbittermiene zurück.

»Siehst du«, sagte sie. »Ich hätte doch mitkommen und dir helfen sollen, ihn zu bearbeiten.«

Da schaltete Chris auf breites Grinsen um und machte das Victory-Zeichen. »Hör mal, mir kann man doch nichts abschlagen. Unser Urlaub ist selbstverständlich bewilligt.«

Sie drohte ihm mit dem Finger. »Du, ich warne dich! Nimm mich nicht zu oft auf den Arm, sonst suche ich mir flugs einen anderen Urlaubspartner.«

Er lachte. »Erst mal finden – und noch dazu so ein Prachtexemplar wie mich.»

Bea fand es großartig, dass Chris mit Anke in die Berge fahren würde. Sie war zu Besuch in Ankes Wohnung. Die Mädchen tranken herrlich duftenden Früchtetee und aßen Aachener Printen, die Bea mitgebracht hatte.

»Weißt du schon das Neueste?«, fragte Bea mit großen Augen. »Dotti Hesterberg ist schwanger.«

»Das musste ja mal kommen, bei dem Eifer, den sie immerzu an den Tag legte. Von wem weißt du es?«

»Von einem Mädchen, dem sie’s im Vertrauen erzählt hat – Susi Peters. Du kennst sie nicht. Die gute Susi kann nichts für sich behalten. Sie würde glatt daran ersticken, das hat Dotti wohl nicht bedacht. Susi hatte nichts Eiligeres zu tun, als das Geheimnis sofort in alle Himmelsrichtungen hinauszuposaunen.«

»Dotti bekommt ein Kind«, sagte Anke geistesabwesend. »Weiß man, wer der Vater ist?«

Bea zuckte die Achseln. »Da bin ich leider überfragt. Dotti wird es ja wohl hoffentlich wissen.«

»Das ist bei ihrem Lebenswandel nicht so sicher.«

Sie schwiegen eine Weile, jede hing ihren eigenen Gedanken nach. Es hatte wieder ein bisschen geschneit. Die Dächer waren weiß, und auch in den Parks lag Schnee. In den Straßen der Stadt konnte er sich jedoch nicht halten.

»Dein erster Urlaub ohne Ulrich steht vor der Tür«, sagte Bea und zupfte an ihrem Kleid herum.

»Ich war auch früher ohne ihn weg«, erwiderte Anke.

»Ja«, gab Bea ihr recht, »aber das war doch etwas anderes. Damals hast du ihn noch nicht gekannt. Ich wollte sagen, es ist der erste Urlaub ohne ihn, seit du mit ihm zusammen bist.«

»Es ist nicht meine Schuld.« Anke setzte sich gerade. Ihre Haltung wirkte trotzig. »Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich hab’ wirklich alles versucht, ihn zu diesem Urlaub zu überreden. Wenn er nicht will, soll er’s bleibenlassen. Ich kann und will ihn nicht zwingen mitzukommen. Außerdem ist das nun sowieso nicht mehr möglich.«

Bea seufzte und machte ein bedenkliches Gesicht. »Weiß er, dass du nicht allein fahren wirst?«

»Ich hab’ ihn seit unserem Streit in der Pizzeria nicht mehr gesehen.«

»Es wird ihm nicht gefallen, dass Chris dich begleiten wird.«

»Ich habe alle anderen Möglichkeiten auszuschöpfen versucht, wie du weißt«, entgegnete Anke. »Es hat ja niemand Zeit. Weder du noch Stefanie. Ich hab’ sogar meine Mutter angerufen, aber sie kann auch nicht. Ich bin froh, dass Chris mitkommt.«

Be^ schlug die Beine übereinander. »Eine Gewissensfrage: Wie stehst du zu Chris?«

»Ich hab’ ihn sehr gern – aber nur wie einen Bruder«, antwortete Anke.

Bea musterte sie zweifelnd. »Bist du sicher? Könnte er dir in gewissen Stunden nicht gefährlich werden?«

»Wir kennen uns schon so lange ...«

»Das ist keine befriedigende Antwort auf meine Frage.«

»Wir sind jeden Tag zusammen«, sagte Anke.

»Hat es zwischen euch noch nie geknistert?«, forschte Bea weiter.

»Nein!«, antwortete Anke bestimmt. »Wir mögen uns, finden einander sympathisch, aber mehr ist da nicht.« Sie lächelte. »Ich habe nur einen Urlaub gewonnen. Der Haupttreffer heißt nicht Liebe.«

8. Kapitel

Der Ausverkauf hatte bereits begonnen, und die Geschäfte hatten die Preise rigoros heruntergesetzt, um ihre Winterware loszuwerden. Das traf sich gut, denn so konnte Anke einen hübschen Ski-Overall und farblich dazu passende warme Handschuhe zum halben Preis erstehen. Die Skischuhe, für die sie sich entschied, waren gar um sechzig Prozent billiger. Ihr neuerworbenes Skiset bestand aus einem Kästle-Auslaufmodell, einer Tyrolia-Sicherheitsbindung und aus Stöcken, die auf ihre Größe abgestimmt waren.

Chris beriet sie fachmännisch, damit sie nichts Minderwertiges, eigens für den Ausverkauf Produziertes erwarb. Dafür lud sie ihn in eine Konditorei ein.

»Du warst mir eine große Hilfe«, sagte sie dankbar.

Er lächelte. »Hab’ ich doch gern getan.«

»Ich werde zünftig aussehen«, schmunzelte sie.

»Ein hübsches Skihäschen wirst du sein.«

»Guckt euch die an, werden die Leute sagen. Wer so toll gekleidet ist, muss phantastisch auf den Brettern stehen.« Sie lachte. »Dabei weiß ich noch nicht einmal genau, wo bei diesen Dingern vorn und hinten ist.«

»Jetzt übertreibst du aber.«

»Na schön, das aufgebogene Ende ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorn. Man nennt es wohl Schaufel

»Bravo!«, grinste Chris.

»Aber ich bin trotz dieses verblüffend umfassenden Wissens eine blutige Anfängerin«, sagte sie amüsiert. »Lass dich nicht blenden.«

»Nach diesem Urlaub wirst du keine blutige Anfängerin mehr sein«, versprach er.

»Du willst dich wirklich mit mir abquälen?«

»Warum nicht?«

»Ich kann mir einen Lehrer nehmen«, meinte Anke.

»Du hast einen.«

»Wenn du dich immerzu um mich kümmerst, kommst du selbst nicht zum Skilaufen«, gab Anke zu bedenken.

»Keine Sorge, ich komm’ schon auf meine Kosten. Wenn ich einmal am Tag allein eine Abfahrt mache, reicht mir das. Die restliche Zeit widme ich dir gern.«

Sie schmunzelte. »Ich hab’ schon ein bisschen Angst.«

»Brauchst du nicht zu haben.«

»Ich hab’ noch nie – nie auf solchen Brettern gestanden. Ich werde mehr liegen als stehen.

»Wart’s erst mal ab«, riet er ihr. »Vielleicht verbirgt sich in dir ein geheimes Naturtalent.«

Sie lachte. »Das glaube ich nicht. Du wirst viel Geduld aufbringen müssen.«

»Wir werden zwei unvergessliche Wochen erleben«, versprach er ihr.

»Hoffentlich bist du hinterher noch bereit, mit mir im selben Büro zu arbeiten«, sagte sie. »Es heißt: Wenn du einen Menschen richtig kennenlernen willst, mach mit ihm Urlaub.«

»Wir werden keine Probleme miteinander haben«, erwiderte er zuversichtlich. »Ich bin pflegeleicht, du bist es auch – was sollte da schiefgehen?«

*

Jochen Grünwald, der Typ mit den dicken Brillengläsern, der so gern Gerüchte in die Welt setzte, begegnete Ulrich in der Fußgängerpassage am Karlsplatz.

»Ich hab’ ’ne tolle Neuigkeit für dich«, sagte Jochen breit grinsend. »Dotti Hesterberg bekommt ein Kind!«

»Von wem?«, wollte Ulrich wissen.

Jochen machte ein pfiffiges Gesicht. »Dreimal darfst du raten.«

»Ich weiß nur, wer ganz bestimmt nicht als Vater in Frage kommt: ich.«

»Und ich«, sagte Jochen. »Und natürlich Schwabbel.«

»Nachdem wir uns drei ausgeklammert haben – wer bleibt da noch übrig?«

Jochen lachte. »Der Rest der Welt. Dotti war noch nie ein Kind von Traurigkeit. Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis die tickende Bombe hochgeht.«

Ulrich dachte an Beas Party. Dotti hatte sich ganz schön an ihn rangeschmissen. Wenn Anke nicht dazwischengefunkt hätte, hätte Dotti auch seinen Namen auf ihre »Abschussliste« setzen können. Im Falle einer Schwangerschaft pflegten Mädchen wie Dotti diese Liste zur Hand zu nehmen und sich einen der aufgeführten »Kandidaten« auszusuchen. Ihm wurde heiß, und gleichzeitig rieselte es ihm eiskalt über den Rücken.

»Wer ist denn nun der Vater von Dottis Kind?«, fragte Ulrich ungeduldig. »Weißt du’s?«

Jochen warf sich stolz in die Brust. »Was kann man vor mir schon verbergen? Ich hab’ verdammt gute Ohren. Man munkelt, Dotti habe ein ziemlich heftiges Verhältnis mit ihrem Chef gehabt.«

»Der Mann ist fast sechzig.«

»Na und?«

»Und mehrfacher Großvater«, sagte Ulrich ungläubig.

»Er ist noch immer ein sehr attraktiver Mann, und er hat Geld. So etwas zieht Dotti an wie das Licht die Motte.«

»Du lässt wohl an niemandem ein gutes Haar, was?«

Jochen hob die Schultern. »Warum sollte ich die Dinge beschönigen?« Er wechselte das Thema. »Sag mal, stimmt es, dass Anke bei einem Preisausschreiben eine Reise für zwei Personen nach Zell am See gewonnen hat?«

Ulrich wurde nicht gern daran erinnert. Über seiner Nasenwurzel bildete sich eine Falte. »Ja, das ist richtig.«

»So ein Glücksmädchen!«, sagte Jochen. »Ist es auch wahr, dass du sie nicht nach Zell begleiten wirst?«

»Ich hab’ dort nichts verloren«, brummte Ulrich.

»Sie fährt ohne dich?«

»So ist es«, bestätigte Ulrich. Jochens Neugier behagte ihm nicht.

»Sie fährt doch nicht etwa allein, hm?«

»Ich habe keine Ahnung«, knurrte Ulrich unwillig.

»Ich bin sicher, dass jemand sie begleiten wird. Wäre doch schade um den zweiten Gratisplatz. Außerdem – was soll Anke denn allein in Zell am See?« Jochen kratzte sich hinterm Ohr. »Wer mag wohl ihr Ersatzpartner sein? Bea und Stefanie kriegen nicht frei, das weiß ich zufällig ganz genau. Wer könnte dich sonst in ’nem Doppelzimmer vertreten?«

»Frag Anke, wenn es dich so brennend interessiert.«

»Interessiert es dich etwa nicht?«, fragte Jochen erstaunt.

»Nicht im geringsten.«

Jochen wiegte bedeutungsvoll den Kopf. »Das hört sich für mich nach einem schweren Zerwürfnis an, mein Junge.«

*

Anke hielt kurz inne. Du solltest beim Kofferpacken wirklich ein bisschen mehr denken! ermahnte sie sich, während sie die zarten Spitzendessous betrachtete, die sie geistesabwesend in den Koffer gelegt hatte. Was willst du denn damit in Zell am See? Du hast doch nicht etwa vor, Chris zu verführen? Er wird dich nie in Unterwäsche sehen! Also zurück damit in den Schrank! Sei vernünftig und pack lieber warme Sachen ein!

Doch irgendetwas sträubte sich in ihr, die hübsche Wäsche zu Hause zu lassen. Sie fühlte sich unheimlich wohl darin, und schließlich hatte sie die Dessous in erster Linie für sich gekauft und nicht, um Ulrich oder irgendeinen anderen Mann damit verrückt zu machen. Also ließ sie sie im Koffer.

Als sie sich wieder dem Schrank zuwandte, klingelte es. »Ich komme!«, rief sie und eilte in die Diele.

Augenblicke später stand Ulrich vor ihr. Sie spürte, wie sich ihr Körper spannte, und ihr Blut kühlte merklich ab. Wie ein Blitz flammte die Erinnerung an jene unschöne Szene in der Pizzeria in ihr auf. Sie sah vor ihrem geistigen Auge noch einmal, wie sie ihm seine Pizza in den Schoß kippte. Das war irgendwie ein Schlusspunkt gewesen. Sie hatten sich seither nicht mehr gesehen und auch nicht miteinander telefoniert. Jeder hatte wohl vom anderen erwartet, dass er einlenkte, doch beide hatten es nicht getan – weil sie fand, dass er den ersten Schritt tun musste, und weil er der Ansicht war, dass sie ... Auf jeden Fall stand Ulrich jetzt vor ihr, und sie war völlig durcheinander.

Automatisch wich sie zur Seite, und er trat ein.

Sie agierten wie in einem Stummfilm. Keiner sagte etwas. Blicke flogen hin und her. Anke hatte das Gefühl, ihre Stimmbänder seien gerissen. Warum reagierte sie so sonderbar auf Ulrichs Erscheinen? Hatte sie etwa ein schlechtes Gewissen? Musste er das nicht eher haben? Klar hatte er das, sonst wäre er nicht zu ihr gekommen.

Sie erholte sich langsam.

»Störe ich dich?«, fragte er heiser.

»Ich bin beim Packen«, antwortete sie mit einer Stimme, die ihr fremd war.

»Beim Packen«, echote er. »Hm. Na ja.« Er sah ihren offenen Koffer im Schlafzimmer liegen. »Lass dich nicht stören.«

»Ich hab’s nicht eilig«, erwiderte sie. »Kann ich dir irgendetwas anbieten?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, danke, ich möchte nichts. Wann fährst du?«

»Morgen.«

»Ich hoffte, du würdest auf Zell am See verzichten.«

»Und ich hoffte, du würdest dich doch noch entschließen mitzukommen«, gab sie zurück.

Er lächelte schief. »Wir haben Granitschädel. Keiner will nachgeben.«

»Ich hab’ nicht auf stur geschaltet, das warst du«, erklärte sie.

»Fährst du allein?«, wollte er wissen.

Sie schluckte und wich seinem Blick aus. »Nein.«

»Wer begleitet dich an meiner Stelle?«

»Ist das denn wichtig?«, fragte sie zurück.

»Für mich schon«, entgegnete er. »Bea und Stefanie haben keine Zeit. Wen hast du als Ersatzpartner aufgetrieben?«

Sie fand, dass es keinen Sinn hatte, ihn zu belügen. Früher oder später würde er die Wahrheit ja doch erfahren. Außerdem war alles ganz harmlos. Sie brauchte nichts vor Ulrich zu verbergen.

»Chris Weber wird mich begleiten«, erklärte sie mit belegter Stimme.

Es zuckte kurz in seinem Gesicht, und dann zwang er sich zu einem Lächeln. »Sieh einer an – der gute Chris Weber hilft aus. Ist ja hochinteressant.«

»Nicht diesen sarkastischen Ton, Ulrich!«

»Was erwartest du von mir?«, erwiderte er heftig. »Dass ich mich auch noch freue, wenn Chris Weber meinen Platz einnimmt?«

»Er nimmt nicht deinen Platz ein! Er fährt nur mit!«

»Ach komm, das kannst du mir doch nicht weismachen! Für wie bescheuert hältst du mich eigentlich, he? Denkst du, ich lebe hinter dem Mond?«

»Du hast eine völlig falsche Vorstellung ...«

»Das behauptest du doch nur, weil du nicht den Mut hast, mir die Wahrheit ins Gesicht zu sagen! Du und Chris in einem Zimmer – da kann man sich doch an den Knöpfen abzählen, wann es passieren wird!«

»Wir sind doch nicht ...«

»Verdammt noch mal, ich bin erwachsen! Also hör gefälligst auf, mir Märchen zu erzählen!«, schrie er sie an. Mit wenigen Schritten war er bei ihrem Koffer und griff nach den Dessous. Er hielt das ganze zartseidene Spitzenbündel wie eine Trophäe hoch. »Für Chris, nicht wahr? Natürlich für ihn – für wen denn sonst? Du möchtest sexy aussehen, wenn du halbnackt vor seinen glasigen Stielaugen durchs Zimmer läufst. Aber ich hab’ ja eine völlig falsche Vorstellung vom Ablauf deines wunderschönen Winterurlaubs. Gott, was hab’ ich bloß für eine schmutzige Phantasie!«

»Die hast du in der Tat!«, schrie Anke mit zornrotem Gesicht.

»Na klar. Ich bin ja blind und blöd!«

»Sehr richtig!«

»Mir kann man alles erzählen. Ich bin ja so was von einfältig.« Er schleuderte die Dessous in den Koffer. »Viel Spaß wünsche ich!«

»Du – gemeiner – Kerl!«, zischte sie mit tränennassen Augen.

»Wenn du mit Chris Weber nach Zell am See fährst, ist es aus zwischen uns!«

»Ich dachte, das wär’s schon.«

»Dann hast du dich aber verdammt schnell getröstet!«, schnauzte er, stürmte wutentbrannt aus dem Schlafzimmer und warf die Wohnungstür kräftig hinter sich zu.

Aufschluchzend ließ Anke sich neben dem Koffer aufs Bett fallen. Sie schlug zornig mit den Fäusten auf das Kissen ein, als wäre es Ulrich, und weinte haltlos.

*

»’n Bier und ’nen Korn!«, verlangte Ulrich in der nächsten Kneipe.

Neben ihm lehnte ein Typ mittleren Alters am Tresen. »Hast dich mächtig geärgert, Junge, was? Ärgerst dich noch immer. Kannst bei mir Dampf ablassen. Ich bin ein guter Zuhörer.«

»Was willst du trinken?«, fragt Ulrich.

Der andere grinste erfreut. »Das gleiche wie du.«

Ulrich hob den Zeigefinger, und der Wirt nickte.

»Hast du schon mal erlebt, dass sich Glück komplett umdreht und zum Unglück wird?«, fragte Ulrich.

Sie tranken. Zuerst den Schnaps, dann einen Schluck Bier.

»Wem ist das denn passiert, Kumpel?«, fragte der andere. »Dir? Ich heiße übrigens Achim – und du?«

»Ulrich.«

Achim legte ihm den Arm um die Schultern. »Dann erzähl mal, Ulrich. Was ist geschehen?«

»Es begann damit, dass meine Freundin bei einem Preisausschreiben eine Reise für zwei Personen nach Zell am See gewann«, schüttete ihm Ulrich sein Herz aus.

»Donnerwetter!«, sagte Achim beeindruckt. »So viel Schwein hätte ich auch gern einmal.«

»So? Dann hör mal weiter ...«

9. Kapitel

Anke verbrachte eine unruhige Nacht. War das Reisefieber daran schuld oder der Ärger mit Ulrich? Sie wusste es nicht. Vermutlich beides. Der neuerliche Streit hatte ihre Freude auf den Urlaub stark gedämpft. Ulrich hatte gesagt, es sei aus zwischen ihnen, wenn sie nach Zell am See fahren würde. Aber sie würde trotzdem fahren, denn sie war nicht gewillt, sich weiter Vorschriften machen zu lassen.

Sie hatte versucht, ihm zu erklären, dass sie und Chris in Einzelzimmern wohnen würden, aber er hatte sie ja wieder einmal nicht ausreden lassen. Traurig, dass er so wenig Vertrauen zu ihr hatte! Sie war schließlich nicht wie Dotti Hesterberg.

Aber war das jetzt noch von Bedeutung? Es war ja ohnedies alles aus und vorbei. Die Beziehung mit Ulrich Kaminski gehörte der Vergangenheit an. Sie war zerplatzt wie – wie eine Seifenblase. Nein, eigentlich nicht wie eine Seifenblase – denn die zerplatzen lautlos –, sondern wie eine Papiertüte, mit einem schrecklich lauten Knall!

Es war noch stockdunkel, als Anke aus einem hässlichen Traum, in dem Ulrich der Böse war, erwachte. Sie warf einen Blick auf die Digitalanzeige des Radioweckers. Halb sechs. Nachdem sie sich noch zehn Minuten lang im Bett herumgewälzt hatte, stand sie auf.

Ohne Licht zu machen, wankte sie in die Küche. Erst dort drückte sie auf den Kippschalter. Sie kochte den Kaffee diesmal stärker als sonst, um ihre Lebensgeister in Schwung zu bringen. Zum Essen musste sie sich zwingen. So früh am Morgen hatte sie noch keinen Appetit. Während sie lustlos ihr Käsebrot kaute, hörte sie den Wetterbericht im Radio. Kälte und Schnee würden die nächsten Tage bestimmen.

Die Zeit schleppte sich dahin wie ein greiser Dickhäuter auf dem Weg zum Elefantenfriedhof.

Chris wollte sie um neun Uhr abholen. Das waren noch fast drei Stunden Langeweile ...

*

Chris’ Nacht war erholsam. Ausgeruht und guter Dinge stand er um halb acht auf und duschte ausgiebig. Mit einem Handtuch um die Hüften trat er dann vor den Spiegel, um sich zu betrachten. Er hatte kein Gramm Fett an den Rippen. Spaßeshalber spannte er seinen Bizeps an.

»Nur Arnold Schwarzenegger hat mehr«, stellte er grinsend fest.

Er seifte sein Gesicht ein und rasierte sich nass. Die Doppelklinge schabte ihm fast porentief die harten Bartstoppeln von den Wangen. Er besaß auch einen Elektrorasierer, aber den verwendete er nur selten. Richtig glatt wurde sein Gesicht nur, wenn er sich mit der Klinge rasierte.

Er war schon gespannt auf das tolle Fünf-Sterne-Hotel in Zell. In einem solchen Superschuppen hatte er noch nie gewohnt. Er würde es richtig genießen.

Nach dem Rasieren klatschte er sich eine herb duftende After-Shave-Lotion ins Gesicht, kehrte ins Schlafzimmer zurück und holte frische Unterwäsche aus dem Schrank. Pfeifend stieg er in seine bunten Boxershorts. Manche Mädchen fanden sie nicht besonders sexy, doch er war der Ansicht, dass es immer darauf ankam, wer sie trug. Er zum Beispiel, so dachte er grinsend, sah darin sehr passabel aus.

Um halb neun trug er seine Sachen zum Wagen. Fünf Minuten vor neun betrat er das Haus, in dem Anke wohnte.

Sie öffnete die Tür, als er läutete.

»Guten Morgen«, grüßte er.

»Guten Morgen«, gab sie matt zurück. Ihr Koffer stand mitten in der Diele. Die Skier lehnten an der Wand.

»Kann es losgehen?«, erkundigte er sich.

»Ich bin bereit«, antwortete sie.

»Hast nicht gut geschlafen, wie?«

»Nein«, gab sie zu.

»Du kannst im Wagen dösen«, sagte er und nahm ihren Koffer. Sie schnappte sich ihre Skier, dann verließen sie die Wohnung.

Zwanzig Minuten später befanden sie sich auf der Autobahn und fuhren mit hundertdreißig Sachen Richtung Süden. Der Verkehrsfunk meldete eine Wartezeit von fünfzehn Minuten an der deutsch-österreichischen Grenze.

»Das ist nicht schlimm«, meinte Chris.

Anke war sehr einsilbig. Chris ließ sie in Ruhe. Irgendwann erzählte sie ihm dann von Ulrichs Besuch, und hinterher ging es ihr ein bisschen besser.

In einem Rasthaus aßen sie gegrillte Hähnchen mit Kartoffelsalat, und da Chris auf Reisen für 0,0 Promille war, trank er dazu, wie Anke, ein Glas Apfelsaft.

An der Grenze gab es erfreulicherweise überhaupt keine Wartezeit. Die Zollbeamten winkten sie durch, und Chris konnte die Reisegeschwindigkeit bald wieder erhöhen.

Die Bundesstraße schlängelte sich an schneebedeckten Hängen und vereisten Felswänden vorbei, und die weißen Bergrücken hoben sich konturenscharf vom stahlblauen Himmel ab.

»Ein Traumwetter!«, stellte Anke fasziniert fest.

Chris grinste. »Tja, wenn Engel reisen ... Ist fast kitschig, diese Landschaft, was?«

»Ich find’ sie herrlich.« Anke streckte sich und räkelte sich wohlig. Je länger die Fahrt dauerte, je weiter sie sich von zu Hause entfernten, desto besser fühlte sie sich, und sie nahm sich ganz fest vor, diesen gewonnenen Urlaub voll auszukosten.

*

Schon die Ankunft war ein Erlebnis. Es gab einen riesigen Blumenstrauß für Anke und ein klares Begrüßungsschnäpschen. Geräuschvoll holte Anke Luft.

»Meine Güte, der hat es aber ganz schön in sich«, keuchte sie.

Tasso Wegenstein, der Direktor, lächelte. »Der Vogelbeerschnaps dieser Region ist weithin bekannt.«

»Und wohl auch gefürchtet«, stöhnte Anke.

Wegenstein hätte gut in die Kaiserzeit gepasst. Er strahlte die vornehme Eleganz eines Adeligen der alten Schule aus. Wenn er einer Frau die Hand küsste, so wirkte das absolut nicht lächerlich, sondern beispiellos galant. Seine Schläfen waren leicht angegraut, sein Scheitel wirkte wie mit dem Lineal gezogen. Er trug seinen schlichten Trachtenanzug wie hineingeboren.

Nachdem er sie zu ihren Zimmern geführt hatte, bat er sie sich nicht zu scheuen, mit all ihren Wünschen zu ihm zu kommen.

»Denn«, so sagte er abschließend, »wir möchten Sie zu unseren zufriedensten Gästen machen.« Dann zog er sich zurück.

Anke schloss die Tür, nahm sich eine große blaue Weintraube aus der Obstschale und schaute sich glücklich um. Der Raum war groß und hell. In dem riesigen Bett wäre auch reichlich Platz für zwei Personen gewesen. An den Wänden hingen hübsche Bilder, die Möbel waren so hell wie der versiegelte Parkettboden, und auf beiden Seiten des Bettes lag ein vermutlich handgewebter Hirtenteppich. In der gekühlten Zimmerbar befand sich eine Menge Getränke – vom Fruchtsaft bis zum Sekt.

Nach dieser ersten Besichtigung ging Anke nach nebenan. Sie klopfte.

»Ja?«, kam Chris’ Stimme durch die Tür.

Sie trat ein.

Chris war bereits dabei, seine Sachen im Schrank unterzubringen.

»Wie lautet dein Urteil?«, erkundigte sie sich.

»Großartig, einmalig, phantastisch ... All diese Adjektive reichen nicht aus, um zu beschreiben, wie hervorragend es mir hier gefällt.«

Sie lachte. »Ich hätte nichts dagegen, jedes Jahr so einen Urlaub zu gewinnen.«

»Das glaube ich dir aufs Wort«, sagte er. »Aber damit es nicht nach Schiebung aussieht, solltest du nächstes Jahr mich gewinnen lassen.«

»Einverstanden«, schmunzelte sie. »Aber nur, wenn ich dich dann begleiten darf.«

»Ehrensache, dass ich mich revanchiere.«

»Und im darauffolgenden Jahr bin dann wieder ich am Zug.«

Sie lachten. Chris legte seine Hände um ihre Taille und zog sie zu sich. »Ach, Anke, wenn das nur wirklich so leicht wäre mit dem Gewinnen!«

Sie lachte noch immer. »Du hast doch gesehen, wie einfach es ist. Man schreibt seinen Namen auf eine Teilnahmekarte, sendet sie ein, und schon ist man glücklicher Gewinner.«

»Hat dein Zimmer auch einen Balkon?«

»Natürlich, aber ich war noch nicht draußen.«

»Wollen wir rausgehen und die Aussicht genießen?«, fragte Chris.

»Okay.«

Er öffnete die Tür, und sie hatten die große weiße Fläche des zugefrorenen Sees unmittelbar vor sich. Menschen gingen darauf spazieren.

»Wenn das Eis dick genug ist, landen sogar Flugzeuge auf dem See«, erklärte Chris.

»Wir müssen unbedingt auch einmal auf dem See herumspazieren«, sagte Anke tatendurstig.

»Na klar, das lassen wir uns nicht nehmen«, pflichtete er ihr bei.

Sie fröstelte kurz.

Er legte seinen Arm um sie. »Komm wieder rein, sonst erkältest du dich.«

»In keinem anderen Urlaub wäre das so schlimm wie in diesem«, schmunzelte sie.

»Kannst du laut sagen.«

Sie kehrten in sein Zimmer zurück. Er schloss die Tür, richtete penibel den Vorhang und fragte dann, auf die Bar zeigend: »Darf ich dir irgendetwas anbieten?«

Sie lächelte verschmitzt. »Der Anlass wäre ein Gläschen Sekt wert, finde ich. Oder bist du anderer Meinung?«

»Durchaus nicht«, erwiderte sie und holte den Sekt aus dem Kühlschrank. Wenig später klirrten ihre Gläser.

»Auf diesen unvergesslichen Urlaub!«, sagte Chris.

Sie lachte. »Er hat noch nicht mal richtig angefangen.«

»Das stimmt«, gab er ihr recht. »Aber für mich ist er trotzdem bereits jetzt unvergesslich.« Er schaute ihr tief in die Augen. »Wenn du erlaubst, trinke ich auch auf dich.«

»Und ich auf dich«, entgegnete sie und senkte ein wenig verlegen den Blick.

*

Etwa zur gleichen Zeit sah Ulrich Dotti Hesterberg, ihre Schlittschuhe über der Schulter, mit einer Freundin durch den Stadtpark gehen. Er rief sie. Sie blieb stehen, drehte sich um, sagte etwas zu ihrer Freundin, die daraufhin langsam weiterging, und wartete auf ihn.

»Hallo, Dotti«, sagte er.

»Hallo.«

Sein Blick tastete sie ab. Noch nichts zu sehen, dachte er. Natürlich nicht. Man wird noch lange nicht sehen, dass sie schwanger ist.

»Wie geht’s?«, erkundigte er sich.

»Gut«, antwortete sie. »Und wie geht es dir?«

»Auch gut – soweit ...«

»Eigentlich sollte ich kein Wort mehr mit dir reden«, sagte sie. »Du warst auf Beas Party nicht besonders nett zu mir, hast mich einfach in der Küche vergessen.«

»Ich war ziemlich durcheinander, als ich Anke plötzlich in der Tür stehen sah«, rechtfertigte er sich.

»Apropos Anke – ich habe gehört, sie hat eine zweiwöchige Urlaubsreise gewonnen und ist ohne dich gefahren.«

Er zog unwillig die Augenbrauen zusammen. »Ich habe mich geweigert mitzufahren.«

»Da hat sie kurzerhand ihren lieben Kollegen Chris Weber mitgenommen. Die ganz große Liebe scheint mir das bei euch nicht mehr zu sein, wenn du mich fragst.«

»Ich frag’ dich aber nicht«, brummte Ulrich.

»Befürchtest du nicht, Chris könnte die Gelegenheit nutzen, dir Anke auszuspannen?«, stichelte Dotti.

»Zwischen den beiden wird nie etwas laufen – die sind wie Bruder und Schwester.«

Dotti lächelte, als wüsste sie über diese Dinge besser Bescheid. »Gelegenheit macht Diebe, sagt man.«

»Hör mal, die sitzen den ganzen Tag im selben Büro«, erwiderte Ulrich. »Glaubst du, da wäre nicht schon längst ein Funke übergesprungen, wenn es einen gäbe?«\

»Der Himmel erhalte dir dein unerschütterliches Vertrauen!«

»Das braucht er nicht«, gab Ulrich zurück. »Ich hab’ nämlich mit Anke Schluss gemacht.«

In Dottis Augen erschien sofort ein interessierter Ausdruck. »Was du nicht sagst. Endlich mal eine erfreuliche Neuigkeit. Jetzt fühlst du dich wahrscheinlich ziemlich einsam.«

Er schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf. »Würde ich nicht behaupten.«

»Ruf mich an, wenn dich der große Katzenjammer überkommt und du Trost brauchst. Ich hab’ immer für dich Zeit«, sagte sie.

»Gehst du eislaufen?«

»Ja, mit Sandra«, antwortete Dotti. »Komm doch nach, wenn du Lust hast.«

»Solltest du das Eisläufen nicht lieber sein lassen? In deinem ...«

»In meinem was?«, fragte sie.

»Zustand«, sagte er.

Sie lachte. »Scheint so, als wüsste diese Stadt alles über uns beide. Doch glücklicherweise ist nicht alles, was von Mund zu Mund geht, wahr.«

»Willst du damit sagen, du bist–  nicht schwanger?«

»Genau. Zuerst dachte ich’s, und ich war deswegen ziemlich aus dem Häuschen, doch mittlerweile hat sich herausgestellt, dass es falscher Alarm war. Meine Tage haben sich verschoben. Jedenfalls ist alles wieder bestens im Lot.«

»Freut mich für dich«, sagte er.

Sie lachte wieder. »Was glaubst du, wie ich mich gefreut habe! Ich hätte am liebsten Purzelbäume geschlagen. Kannst du dir mich als Mutter vorstellen?«

Er schüttelte den Kopf. »Ehrlich gesagt, nein.«

»Ich auch nicht«, gab sie offen zu. »Mir fehlt da wohl noch die innere Reife. Ich möchte mein Leben noch genießen. Mit einem Baby ist das doch alles vorbei. Na ja, vielleicht nicht alles, aber vieles, worauf ich heute noch nicht verzichten möchte.« Sie warf einen Blick über die Schulter. »Ich muss gehen, sonst ist Sandra sauer auf mich. Ich warte auf deinen Anruf. Tschüs.« Sie drehte sich um, und der Wind zerzauste ihr blondes Haar, als sie durch den winterlichen Park lief.

»Vielleicht«, murmelte Ulrich, »vielleicht rufe ich dich an. Ich bin ja jetzt nicht mehr gebunden, nachdem Anke sich für Österreich entschieden hat.«

*

Sie machten Arm in Arm einen ersten Spaziergang durch die kleine Stadt, entdeckten verborgene Plätze, malerische Gässchen, hübsche Andenkenläden und urgemütliche Lokale. Anke verliebte sich auf Anhieb in den hübschen Ort, und es stand für sie fest, dass sie nicht zum letzten Mal hier war.

Den Abend verbrachten sie in der Hotel-Disco, und Chris sagte erstaunt: »Der DJ hat ein großartiges Händchen. Er legt genau die Scheiben auf, die ich mag.«

»Mir gefallen sie auch«, erwiderte Anke.

»Ist doch klar.« Er drückte sie innig an sich. »Wir sind schließlich ein Herz und eine Seele. Wusstest du das nicht?«

Er war noch viel netter als im Büro.

Anke tanzte gern mit ihm, und sie genoss es, wenn seine Hände behutsam über ihren Rücken strichen. An diesem ersten Abend in Zell am See begriff sie, dass sie sich sehr leicht in Chris verlieben könnte. Sie brauchte ihren Gefühlen nur freien Lauf zu lassen. Aber sollte sie das tun? Vielleicht war Chris nur deshalb so nett zu ihr, weil sie mit Ulrich Schluss gemacht hatte und weil er glaubte, sie nun trösten zu müssen. Möglicherweise fühlte er sich ihr auch verpflichtet, weil sie ihm diesen Urlaub geschenkt hatte. War es Mitleid, dass er so lieb zu ihr war? War es Dankbarkeit?

In jeder Bewegung, jeder Berührung von ihm war unendlich viel Zärtlichkeit. Sie tanzten eng aneinandergeschmiegt, und köstliche Schauer rannen durch Ankes Körper. Sie vergaßen, was ringsherum war, und hatten das Gefühl, auf einer wunderbar weichen Klangwolke zu schweben.

»Von mir aus könnte dieser Abend ewig dauern«, flüsterte Chris ihr ins Ohr.

Sie lächelte versonnen. »Ich hätte auch nichts dagegen«, gestand sie leise und schmiegte sich noch enger an ihn.

Sie fühlten beide, dass sie nicht mehr wie Bruder und Schwester waren.

10. Kapitel

Das Frühstücksbüfett war so reichhaltig und sah so verlockend aus, dass Anke das Wasser im Mund zusammenlief. »Sieh dir all diese Köstlichkeiten an, Chris«, sagte sie überwältigt. »Ich würde am liebsten von allem nehmen.«

»Dann tu’s doch«, empfahl er schmunzelnd. »Deine Figur ist astrein. Du kannst es dir erlauben.«

»Und am Ende dieses Urlaubs passe ich nicht mehr in meine Klamotten!«

»Du musst das so sehen: Du hast die ganze Nacht nichts gegessen. Also darfst du nun wieder tüchtig reinhauen.«

»Ich befolge deine schlauen Tipps lieber nicht«, wehrte sie lachend ab.

»Das ist aber nicht sehr vernünftig«, erklärte er, »denn dort draußen erwartet dich ein harter, anstrengender Tag. Ja, ja, sieh mich nicht so erstaunt an. Heute beginnt der Ernst des Lebens. Ich habe vor, dir die Grundbegriffe des Skilaufens beizubringen.«

»Ach, du meine Güte! Heute schon?«

»Worauf willst du warten?«

»Ich weiß nicht«, antwortete sie zaghaft. »Ich dachte – wo wir doch zwei Wochen hier sind, könnten wir es ganz langsam angehen.«

»Sieh mal, wenn du irgendwann in der zweiten Woche von der zweitausend Meter hohen Schmittenhöhe ins Tal fahren möchtest, müssen wir beizeiten mit dem Unterricht beginnen.«

»Wer sagt denn, dass ich so etwas möchte?«, fragte sie fast erschrocken. »Ich hab’ diesen Ehrgeiz überhaupt nicht.«

Er lächelte. »Das sagst du heute, aber schon bald wirst du anders reden.«

»Vielleicht sollten wir eines grundsätzlich klarstellen: Ich bin nicht nach Zell am See gekommen, um mir hier den Hals – oder sonstwas – zu brechen.«

»Sei unbesorgt«, beruhigte er sie. »Du machst die Abfahrt natürlich erst, nachdem ich dich optimal darauf vorbereitet habe, und keinen Tag früher. Wenn du auf dem Berg dann hinter mir herfährst und haargenau das tust, was ich dir vormache, wird dir nichts passieren können. Du wirst es genießen und stolz darauf sein, eine solche Leistung vollbracht zu haben.«

»Weil wir gerade von Abfahrt reden«, sagte Anke. »Wolltest du nicht vor dem Unterricht mal eben auf den Berg?«

Er lachte. »Du versuchst eine Galgenfrist herauszuschinden. Ich fahre vielleicht morgen mit einer der ersten Gondeln rauf – mal sehen.«

»Du brauchst dich meinetwegen nicht zu beeilen«, erklärte sie. »Wenn du zurück bist, bist du zurück. Ich möchte nicht, dass du wegen mir wie verrückt ins Tal rast und dich verletzt.«

Er stieß sie mit dem Ellenbogen an. »Je länger ich fortbleibe, desto länger dauert deine Schonzeit. So siehst du das doch, oder?«

Sie schmunzelte. »Ich kann nicht leugnen, dass es einen solchen Hintergedanken gibt, aber in erster Linie möchte ich, dass du vorsichtig fährst.«

Er nickte. »Versprochen! So, und nun schlagen wir uns mal tüchtig den Bauch voll.«

Chris war zwar normalerweise sehr hilfsbereit und ein echter Kavalier, aber Ankes Skier trug er nicht. »Sein Sportgerät muss jeder selbst tragen«, meinte er. »Das ist Regel Nummer eins.«

»Aha«, erwiderte sie. »Und wie viele Regeln gibt es insgesamt?«

»Soviel mir einfallen«, grinste er.

Sie waren mit dem Skibus zur Talstation der beiden Seilbahnen hochgefahren. Die eine führte auf die Schmittenhöhe, die andere auf die Sonnenalm. Vor den Gebäuden standen lange Menschenschlangen.

»So viele Leute!«, seufzte Anke. »Und alle können es schon – das Skilaufen, meine ich.«

»Du wirst es auch bald können«, tröstete Chris sie. »Es ist keine Hexerei.«

Sie lächelte. »Schlangestehen könnte ich schon. Gondelfahren auch.«

»Und der Rest ist rasch erlernt«, behauptete er.

Sie gingen an den Stationsgebäuden vorbei und erreichten bald die große Übungswiese.

»Idiotenhügel nennt man das wohl«, murmelte Anke trocken.

»Die Bezeichnung Übungshang gefällt mir besser«, entgegnete er. »Man ist kein Idiot, wenn man etwas lernen möchte, sondern ein Anfänger.«

Kinder rasten lachend und schreiend an ihnen vorbei. Sie hatten eine Menge Spaß. Manchmal stürzten sie, standen aber sofort wieder auf und fuhren weiter. Es gab einen kleinen Schlepplift, aber Chris sagte, den würden sie heute noch nicht benutzen. Sie stapften den Hang hinauf. Oben angekommen, forderte Chris seine Schülerin auf, ihre Skier quer zur Falllinie auf den Schnee zu legen. Sie gehorchte.

»So«, sagte er, »und nun steigst du in die Bindung.«

Sie tat es, auf ihre Stöcke gestützt. Klickend rastete die Sicherheitsbindung ein, wobei sich durch den Druck nach unten die Krallen der Stopper hoben und die Skier freigaben.

»Sehr gut«, lobte Chris.

»War schon eine tolle Leistung«, schmunzelte Anke.

Der Schnee war pulverig-glatt. Es gab zum Glück keine Eisflächen auf dem Übungshang. Wenn Anke stürzte, würde sie relativ weich fallen. Welch großer Trost!

Sobald Chris seine Bretter ebenfalls an den Füßen hatte, musterte er Anke angetan und stellte fest: »Sehr zünftig siehst du aus.«

»Gleich wird es mich zum erstenmal zünftig hinhauen«, gab sie zurück. »Ich werde an diesem wunderschönen Vormittag wahrscheinlich mehr liegen als stehen.«

»Es ist sehr wichtig, dass du keine Angst vor dem Fallen hast«, erklärte er. »Sei nicht verkrampft, sondern locker. Verhindere einen Sturz nicht um jeden Preis. Wenn du merkst, dass du stürzt, lass es einfach geschehen, es ist nichts dabei.«

»Sollte ich einen Knoten in die Beine kriegen, will ich ihn selbst lösen, verstanden?«

»Das ist ein Wort.«

»So!«, sagte sie mit gespieltem Tatendrang. »Und womit beginnen wir nun? Mit einer Vorwärts- oder einer Rückwärtsrolle?«

»Skisport ist ein Kniesport«, erklärte er. »Also geh mal ein bisschen in die Knie. Auf diese Weise fängt man die Stöße von unten ab und gleicht die Unebenheiten der Piste aus.«

Sie machte ein besorgtes Gesicht und nickte. »Die Unebenheiten. Ich verstehe.«

»Die Piste kann niemals glatt sein wie ein gespanntes Laken.«

»Ist mir völlig klar.«

»Deshalb übernehmen unsere Beine – respektive die Knie – die Rolle von Stoßdämpfern. Fährst du aufrecht wie eine Kerze, schlagen die Stöße bis zur Schädeldecke durch«, sagte Chris und forderte sie auf, ein wenig in den Knien zu wippen. »Ja, genau so«, nickte er. »Du machst das wunderbar.«

»Bitte nicht so viel Lob«, wehrte sie ab. »Ich weiß, dass ich großartig bin.«

»Na, dann lass die Skier mal ein bisschen rutschen.«

In ihren Augen erschien ein panischer Ausdruck. »Jetzt schon? Wir wollen es lieber nicht übertreiben. Sollten wir es mit dieser ersten Lektion für heute nicht genug sein lassen?«

Er grinste. »Du bist doch nicht etwa feige?«

»Ich? Feige? Keine Spur!«

»Dann lass mal sehen, wieviel Gefühl du fürs Skilaufen mitbringst.«

»Ist es erlaubt, die Füße in den Schuhen zu Fäusten zu ballen?«, erkundigte sie sich. »Niemand würde es sehen.«

»Aber du wärst verkrampft, und die Verkrampfung ließe keine lockere, geschmeidige Fahrt zu.«

Anke blieb ihm eine Antwort schuldig, denn in diesem Moment fuhr ein großer Mann quer über den Weg, die Augen weit aufgerissen. Er war völlig hilflos. Seine Skier führten ein gefährliches Eigenleben. Sie machten mit ihm, was sie wollten. Sein Gesicht wirkte wie eine Schreckensmaske, als er begriff, dass er mit zunehmender Geschwindigkeit auf einen Baum zuraste.

»Kees!«, riefen seine Freunde, so laut sie konnten. »Lass dich fallen! Fallen lassen, Kees!«

Doch Kees schien sie nicht zu hören. Jedenfalls reagierte er nicht.

»Ach, du Schreck!«, stieß Anke aufgeregt hervor. »Warum zieht er nicht endlich die Textilbremse? Der arme Mann erschlägt sich. Ich kann gar nicht hinsehen.«

Zwei Meter vor dem Baum zwang Kees seinen Skiern plötzlich seinen Willen auf. Mit einem sehenswerten Gewaltakt riss er die Bretter herum – und stand.

»Siehst du«, sagte Chris lächelnd, »so – in etwa – macht man das.«

»Aber nicht ohne Herztropfen«, ächzte Anke. »Da wird einem ja schon beim Zuschauen schlecht.«

»Wir werden Kees zeigen, dass es auch ein wenig eleganter geht«, meinte Chris, und Anke begann ganz vorsichtig zu rutschen.

Nach einer Stunde war ihr Gefühl für die Bretter schon viel besser, und Chris erklärte ihr: »Wenn du den Schneepflug kannst, kommst du zur Not fast überall runter.«

»Wie geht der?«, fragte Anke interessiert.

»Beine grätschen, Skispitzen zusammen, Innenkanten so fest wie möglich einsetzen. Auf diese simple Weise kann man das Tempo bestens kontrollieren. Möchtest du schneller fahren, setzt du die Kanten weniger ein, willst du die Geschwindigkeit reduzieren, kantest du einfach mehr.« Er machte es ihr vor, und sie musste es nachmachen. Dabei stellte sie sich äußerst geschickt an.

»Du hast Talent«, bescheinigte ihr Chris. »Das ist kein Scherz.«

Sie lächelte dankbar. »Dein Lob baut mich unheimlich auf.« Plötzlich rutschten die Skier ganz von selbst unter ihr weg, sie quietschte erschrocken und fiel auf den Po, aber sie tat sich zum Glück nicht weh. »Effektvoll stürzen kann ich also auch schon«, lachte sie. Ächzend wollte sie aufstehen, doch die Skier fingen immer wieder an zu rutschen.

»Die Bretter zuerst quer zum Hang«, sagte Chris. »Sonst wird das nie was. Immer zuerst die Skier quer zum Hang bringen – merk dir das.«

Sie befolgte seinen Rat und stand im nächsten Augenblick wieder auf den Füßen.

Am Nachmittag brachte er ihr »Ausstemmen – Beiziehen« bei. Er fuhr vor ihr den Hang hinunter, führte die Skier zunächst parallel, um sie dann zum Schneepflug auszustemmen und wieder zusammenzuziehen. Das machte er von oben bis unten immer wieder mit schöner Regelmäßigkeit, und Anke bemühte sich gewissenhaft und ehrgeizig, es ihm gleichzutun. Und sie war mächtig stolz darauf, dass sie dabei kein einziges Mal in den Schnee biss. Chris gab sich große Mühe mit ihr. Er war ein hervorragender Lehrer, denn er konnte nicht nur super erklären, sondern auch alles ausgezeichnet vormachen.

Nachdem sie mehrmals den Übungshang hinuntergefahren waren, sagte Chris: »So, und nun widmen wir uns dem Stemmbogen.«

»Muss das sein?«, ächzte Anke. »Reicht das denn noch nicht? Ich fange an, müde zu werden.«

Er ging auf ihren Einwand nicht ein. »Die Ausgangsposition beim Stemmbogen ist wieder der Schneepflug. Durch Verlagerung des Körpergewichts erreichen wir ganz leicht eine Richtungsänderung. Wollen wir nach links, belasten wir den rechten Ski, wollen wir nach rechts, muss unser Gewicht auf den linken Ski drücken.«

»Und wo muss ich drauf drücken, wenn ich nach Hause will?«, fragte Anke.

»Wir fahren heim, wenn du getan hast, was ich gesagt habe«, erklärte Chris autoritär.

»Weißt du, wonach ich mich sehne? Nach einer warmen Dusche, nach Hinlegen und Relaxen. Einfach nach schön Faulsein.«

»Das musst du dir erst verdienen«, erwiderte er lächelnd.

»Hab’ ich denn noch nicht genug getan?«, schmollte sie. »Heute ist der erste Tag! Soll ich mich am Ende dieses Urlaubs etwa für die deutsche Nationalmannschaft qualifizieren?«

»Stemmbogen!«, sagte Chris unerbittlich und zeigte ihr, wie’s ging. Weiter unten blieb er stehen, sah zu ihr hoch und rief: »Jetzt du!«

Sie fuhr los.

»Gewicht nach links!« rief er. »Ja! Talski belasten! Bergski entlasten! Auf dem Talski bleiben! Theoretisch müsstest du den Bergski hochheben können! Das versuchen wir aber erst morgen! – Jetzt Gewicht nach rechts! Wunderbar! Genau so macht man das! Du fährst phantastisch! Du holst dir in ein paar Tagen beim Gästeskirennen noch den ersten Preis!«

»Übertreib nicht so maßlos!« gab sie zurück, war dabei einen Moment unkonzentriert und stürzte. Diesmal tat sie sich weh, aber sie ließ es sich nicht anmerken, biss die Zähne zusammen, stellte die Ski quer zum Hang und stand gelenkig auf.

»Genug für heute!«, entschied Chris. »Du warst großartig. Ich bin sehr zufrieden mit dir. Ich hatte noch nie eine so tolle Schülerin.«

»Hattest du überhaupt schon mal eine?«, wollte sie wissen.

Er grinste. »Nein.«

»Mensch, bin ich froh, aus den Skischuhen raus zu sein«, seufzte Anke erleichtert. »Ich hab’ das Gefühl zu schweben.«

»Möchtest du jetzt wirklich duschen und dich aufs Bett schmeißen?«, erkundigte sich Chris.

»Hast du einen besseren Vorschlag?«

»Einen gesünderen«, erwiderte er. »Deinen Muskeln würde es unheimlich guttun, wenn du jetzt ein paar Längen schwimmen würdest. Damit würdest du die Milchsäure abbauen, die sich durch die Belastung auf der Piste in ihnen gebildet hat, und einem Muskelkater entgegenwirken.«

»Meine Güte, du sprichst ja wie ein echter Profi. Hörst dich an wie ein Sportmediziner.« Sie kicherte.

»In zwanzig Minuten im Hallenbad?«, fragte er.

»Weißt du, was das Schöne an ’nem Aktivurlaub ist? Die Gewissheit, dass er nicht ewig dauert!« stöhnte sie. »Na schön, gehen wir auch noch schwimmen, aber dann ist für heute Schluss mit dem Sport.«

Er war schon im Wasser, als sie das Hallenbad betrat. Anke legte ihren Frotteemantel ab und winkte ihm zu. Chris starrte sie einen Moment lang entgeistert an. Sie trug einen winzigen Bikini und sah unheimlich sexy aus. Zwar kannte er Anke schon lange, aber er hatte sie noch nie so nackt gesehen. Ihm stockte direkt der Atem.

Mit einem gekonnten Sprung hechtete sie ins Wasser und schwamm auf ihn zu. »Warum hast du mich so seltsam angesehen?«, fragte sie, nachdem sie bei ihm angelangt war.

»Ich dich?« Er senkte verlegen die Augen. »Ist mir nicht aufgefallen. Entschuldige, wenn du dich durch meine Blicke belästigt gefühlt haben solltest.«

»Belästigt. So ein Quatsch! Es macht mir nichts aus, wenn du mich ansiehst. Ich dachte nur, es wär’ irgendwas.«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, es ist nichts. Überhaupt nichts.«

»Gut«, erwiderte sie. »Dann lass uns was gegen die Milchsäure in unseren Muskeln tun.«

11. Kapitel

Am nächsten Morgen frühstückte Anke allein. Chris machte seine Abfahrt. Vielleicht sogar zweimal, wenn im Tal noch nicht zu viele Leute auf die Gondel warteten.

Sie war gerade mit Umziehen fertig, als es an ihre Tür klopfte. Sie öffnete.

»Bist du soweit?« fragte Chris. »Können wir gehen?«

»Wie war’s auf dem Berg?«, erkundigte sie sich.

»Traumhaft!«, schwärmte er. »Kaum Leute auf der Piste, ein super griffiger Schnee. Ich hab’s ganz schön schießen lassen und bin noch mal hoch.«

»Wenn du mehr Zeit für dich haben möchtest, geht das in Ordnung«, sagte sie. »Ich möchte nicht, dass du meinetwegen irgend etwas versäumst.«

»Dieses Opfer bringe ich doch gern«, erwiderte er. »Es gibt mir Berge, wenn ich sehe, wie du annimmst und umsetzt, was ich dir beibringe.«

Sie sah ihn dankbar an. »Ist sehr lieb von dir, dass du dich meiner so sehr annimmst.«

Er lachte rau. »Na hör mal. Das ist doch selbstverständlich. Wie fühlst du dich?«

»Gut.«

»Muskelkater?«

»Kaum«, antwortete sie. »Das Schwimmen hat mir tatsächlich gutgetan. So richtig hab’ ich das erst hinterher gemerkt.«

Er lachte. »Verlass dich auf mich. Ich weiß, was für dich das Beste ist. Können wir aufbrechen?«

»Darf ich erfahren, was heute auf dem Programm steht? Ich möchte rechtzeitig wissen, wovor ich mich fürchten muss.«

»Es gibt überhaupt nichts zu fürchten«, beruhigte er sie. »Wir wiederholen zunächst, was wir gestern gemacht haben, dann bringe ich dir das Schleppliftfahren bei und zeige dir den ersten Schritt zum Parallelschwung.«

»Und wann lerne ich wedeln?«, fragte sie scherzhaft.

»Sobald du den Parallelschwung beherrschst«, antwortete er.

»Mann, du hast vielleicht ein Tempo drauf.«

Er ergriff ihre Hand. »Keine Sorge, ich überfordere dich schon nicht.«

*

Es passte einfach alles – das Superhotel, das Wetter, der Schnee. Es war ein Traumurlaub, und Anke fühlte sich hervorragend. So schön wäre es auf Teneriffa bestimmt nicht gewesen, davon war sie überzeugt. Ihre Stimmung war großartig, und sie war von Zell am See – von seiner verträumten Lage und der angenehmen Atmosphäre – geradezu hingerissen.

Wie man mit dem Schlepplift fuhr, begriff sie sehr schnell. Bei der ersten Fahrt war sie noch verkrampft, doch sie merkte bald, dass das überhaupt nicht nötig war. Chris fuhr mit ihr, hielt sie fest, stützte sie, gab ihr Halt und sagte ihr, worauf sie achten müsse. Beim zweitenmal ging es schon viel besser, und beim drittenmal erklärte Chris zufrieden: »Nun hast du den Bogen raus.«

Unermüdlich fuhr sie den Übungshang hinter ihm hinunter.

Bei jedem Stemmbogen musste sie jetzt schon den entlasteten Bergski heranziehen. Immer rascher musste sie das tun. Umsteigschwung, sagte Chris dazu.

Am Nachmittag erinnerte sie ihn daran, dass sie sich einen Spaziergang auf dem zugefrorenen See vorgenommen hatten.

Er nickte. »Machen wir. In einer halben Stunde, okay? Bis dahin kannst du noch viele Umsteigschwünge machen.«

Sie »baute« ein paar harmlose Stürze, die ihren Spaß am Skilaufen jedoch nicht im mindesten zu schmälern vermochten. Das Aufstehen bereitete ihr absolut keine Schwierigkeiten mehr. So schnell, wie sie fiel, war sie auch wieder auf den Beinen – nicht gewillt, sich unterkriegen zu lassen.

Die raschen Fortschritte, die sie machte, erstaunten Chris. »Ich habe dich nie für ein Antitalent gehalten«, sagte er. »Aber dass du alles so schnell annehmen würdest, hätte ich nicht gedacht. Mädchen, wir fahren nicht erst nächste Woche auf die Schmittenhöhe, sondern noch in dieser!«

»Wenn ich schon auf den Berg muss, möchte ich lieber mit der Sonnenalm anfangen«, schränkte sie ein. »Die ist nicht so hoch.« »Einverstanden«, erwiderte Chris.

*

»Ist ein komisches Gefühl, über den See zu gehen«, sagte Anke. »Wenn man bedenkt, dass er an manchen Stellen beinahe achtzig Meter tief ist, und wir spazieren einfach auf seiner Oberfläche herum. Ist schon toll. Im Sommer fahren hier alle möglichen Boote, und Windsurfer flitzen übers Wasser ...« Sie drehte sich um und blickte zum Kitzsteinhorn hinüber, dessen Gletscher im Schatten lag.

»Wir können da auch mal rauffahren«, meinte Chris.

»Ist es nicht gefährlich, auf dem Gletscher Ski zu laufen?«

»Überhaupt nicht. Manchen macht bloß die dünne Luft dort oben ein wenig zu schaffen.«

»Ich stell’s mir auf dem Gletscher ziemlich kalt vor.«

»Nun, kälter als auf der Schmittenhöhe ist es auf jeden Fall, aber wenn man sich warm anzieht und sich tüchtig bewegt, ist das kein Problem.«

»Ich geh’ da in diesem Jahr lieber noch nicht hinauf«, erklärte Anke.

»Ich werde dich nicht zu etwas überreden, das du nicht möchtest«, versprach er.

Schnee bedeckte das Eis, auf dem sie standen.

»Man könnte den ganzen See überqueren«, stellte Anke fest.

»Natürlich«, pflichtete ihr Chris bei.

»Tun wir’s?«, fragte sie unternehmungslustig.

»Und was machen wir drüben?«

»Wir sehen uns Thumersbach an und kehren danach nach Zell zurück.«

»Ist aber weit«, warnte er.

»Ach, komm, mach mir die Freude. Ich möchte unbedingt einmal den Zeller See überqueren.«

»Na schön«, gab er schmunzelnd nach. »Wenn du das unbedingt möchtest.«

Sie marschierten los. Obwohl die gerippten Sohlen ihrer warmen Moonboots recht griffig waren, rutschten sie doch hin und wieder aus. Zumeist hatte Chris die bessere Standfestigkeit und verhinderte mit reaktionsschnellem Griff Ankes Sturz, aber einige Male konnte sie sich auch revanchieren. Zell am See schrumpfte allmählich hinter ihnen, während vor ihnen Thumersbach langsam größer wurde.

»Thumersbach – Mekka der Verletzten!«, scherzte Chris. »Die gesamte Europa-Skiregion beliefert das Krankenhaus in Thumersbach.«

»Hoffentlich bleibt uns der Weg dorthin erspart«, sagte Anke. »Das wäre nicht gerade das, was ich mir von diesem Urlaub wünsche.«

Sie rutschte abermals aus. Chris versuchte sie festzuhalten, rutschte dabei aber diesmal selbst aus, und sie stürzten beide. Für Anke war’s ein Spaß, denn sie fiel auf Chris und lachte vergnügt.

»Wenn sich der Esel wohl fühlt, geht er aufs Eis tanzen«, sagte sie» »Eine Schande, dass wir in unserem Alter noch nicht einmal richtig gehen können.« Sie richtete sich auf und erschrak, als sie Chris’ schmerzverzerrtes Gesicht sah. »Chris, um Himmels willen, was hast du?« Ihr Herz klopfte aufgeregt.

Chris stöhnte und hielt sich die linke Hand.

»Du hast dir weh getan, nicht wahr?«, presste Anke heiser hervor. »Lass mal sehen.«

Er setzte sich auf. Sie kniete vor ihm und griff nach seiner Hand, die er rasch zurückzog. »Lass, Anke, lass.«

»Ich bin ganz vorsichtig«, versprach sie und zog ihm den Handschuh aus. Sein kleiner Finger war entweder geprellt, verstaucht oder gebrochen. Er begann anzuschwellen. »Versuch den Finger zu bewegen«, sagte sie atemlos.

»Es tut höllisch weh«, stöhnte er.

»Ich bin draufgefallen«, sagte sie schuldbewusst.

»Das konntest du nicht verhindern.«

»Hätte ich doch bloß nicht diesen Spaziergang auf dem See vorgeschlagen.«

»Bitte, Anke, hör auf damit.«

»Es wäre nicht passiert, wenn wir etwas anderes unternommen hätten. O Chris, es tut mir ja so leid!«

Er stand ohne Hilfe auf. Sie erhob sich ebenfalls.

»Was machen wir denn jetzt?«, fragte sie.

»Wir kehren um.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Chris, wir gehen ins Krankenhaus! Es ist nicht mehr weit. Zurück fahren wir mit dem Taxi. Du musst deinen Finger röntgen lassen.«

»Ich glaube nicht, dass er gebrochen ist.«

»Aber du weißt es nicht sicher«, sagte sie. »Wir müssen Gewissheit haben. Wenn der Finger gebrochen ist, muss er geschient und gegipst werden. Komm, häng dich bei mir ein. Mich muss der Teufel geritten haben, als ich diese Eiswanderung vorschlug.«

*

Im Krankenhaus von Thumersbach herrschte Hochbetrieb. Ankes Magen krampfte sich zusammen, als sie die vielen Verletzten sah. Manche boten wirklich keinen schönen Anblick. Soweit es möglich war, blieb sie bei Chris, und sie fühlte den Schmerz fast genauso wie er. Die Wartezeiten waren zermürbend. Endlos lange geschah nichts. Die dringenden Fälle wurden selbstverständlich zuerst behandelt. Manche Verletzte, die mit dem Rettungswagen gebracht wurden, bekam man im Wartesaal erst gar nicht zu sehen. Endlich kam Chris an die Reihe.

»Ich drück’ dir die Daumen«, sagte Anke, als er aufstand.

Details

Seiten
900
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903850
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334492
Schlagworte
acht morland liebesromane strand

Autor

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Titel: Acht Morland Liebesromane für den Strand