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Circle C-Ranch #6: Ein Grab für Cliff Copper

2016 140 Seiten

Zusammenfassung

Sie ist eine junge Witwe und wunderschön. Seit sich Sandra Birmingham zu Gast auf der Circle C-Ranch aufhält, hat sie es auf Cliff Copper abgesehen. Denn er soll ihr helfen, einen wilden Hengst einzufangen. Aber daraus wird nichts, denn Cliff und Sandra geraten in einen Hinterhalt von Verbrechern, die auf der Lohnliste eines skrupellosen Geschäftsmannes aus Tucson stehen. Sandra und vor allem Cliff müssen zum Schweigen gebracht werden. Aber der Plan der Banditen funktioniert nicht. Denn selbst in ausweglosen Situationen gibt ein Mann wie Cliff Copper nicht so schnell auf...

Leseprobe

CIRCLE C-RANCH

Band 6

Ein Grab für Cliff Copper

Ein Western von Glenn Stirling

––––––––

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von H.W.Dunton mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Sie ist eine junge Witwe und wunderschön. Seit sich Sandra Birmingham zu Gast auf der Circle C-Ranch aufhält, hat sie es auf Cliff Copper abgesehen. Denn er soll ihr helfen, einen wilden Hengst einzufangen. Aber daraus wird nichts, denn Cliff und Sandra geraten in einen Hinterhalt von Verbrechern, die auf der Lohnliste eines skrupellosen Geschäftsmannes aus Tucson stehen. Sandra und vor allem Cliff müssen zum Schweigen gebracht werden. Aber der Plan der Banditen funktioniert nicht. Denn selbst in ausweglosen Situationen gibt ein Mann wie Cliff Copper nicht so schnell auf...

Roman

„Da ist er!“, sagte Cliff Copper leise und deutete ins Tal hinab.

Sandra Birmingham hielt schirmend die Hand über die Augen und blickte in die Tiefe. Ein weites Tal mit saftiggrünem Grund, und inmitten wahllos verteilter Büsche stand die Herde. Pferde aller Schattierungen. Eines aber befand sich abseits auf einer Erhöhung. Schwarz wie Ebenholz und glänzend das Fell wie poliert, so stand der Hengst oberhalb seiner Herde. Wie ein Standbild überragte er die Remuda mit gerecktem Kopf. Er fraß nicht wie die anderen. Er wachte, und seine Ohren waren das einzige, das sich immerzu bewegte.

„Herrlich, einfach hinreißend!“, sagte Sandra mit dunkler Stimme. „Mr. Copper, ich möchte ihn, oh, ich möchte ihn unbedingt!“

Cliff sah sie von der Seite her an. Ihm erschien diese Frau noch viel begehrenswerter als dieser Leithengst, den er vor Wochen entdeckt hatte. Er vergaß ihn jetzt völlig und hatte nur Augen für diese rassige Frau. Ihr Haar war so dunkel wie das Fell des prächtigen Rappens. Ihre Haut wirkte weich wie ein weißes Rosenblütenblatt. Und ihre Figur! Er hatte bisher keine Frau mit solch vollendeter Figur gesehen.

Sie wandte den Blick, bemerkte wohl, wie er sie anstarrte, und sagte kühl: „Bin ich die erste Frau, der Sie begegnet sind, Mr. Copper?“

Cliff wurde verlegen, grinste und meinte: „Also der Hengst gefällt Ihnen?“ Er sagte das, weil ihm nichts anderes einfiel, um sie abzulenken.

„So eine Frage! Was verlangen Sie, wenn Sie ihn für mich einfangen?“ Ihre Stimme klang geschäftsmäßig, sachlich und bestimmt. Auf Cliff wirkte das wie Eiswasser.

„Man sollte solche Leithengste nicht einfangen. Besser wäre es, die jungen Hengste herauszuholen. Leithengste werden selten brauchbar für die Menschen.“

Sie musterte ihn verächtlich. „Angst?“

Er atmete tief durch, als wollte er damit eine vorschnelle böse Antwort verhindern. Dann sagte er gepresst: „Sind Sie mitgekommen, um mich zu beleidigen? Ich weiß genau, was ich sage. Mit Angst hat das nichts zu tun. Gefährlich ist es trotzdem. Was wollen Sie mit einem Hengst, der nie mehr ganz zahm wird?“

Sie sah hinunter ins Tal, dann wandte sie sich wieder Cliff zu, und ihre Blicke kreuzten sich. Er war groß, blond, schlank und hart, das hatte sie schon vor drei Tagen bemerkt, als sie ihm zum ersten Mal auf der Circle C-Ranch begegnet war.

Eigentlich sollte ich zufrieden sein, dachte sie. Die Empfehlung von dieser Hotelbesitzerin, dieser Mrs. Radstone, war gut. Auf der Circle C-Ranch bin ich gut und herzlich empfangen worden. Und der Rancher ist zwar ein brummiger Mann, kann aber auch sehr hilfsbereit sein. Und die Söhne? Nun ja, dieser Jimmy Copper ist um mich herumgebalzt wie ein Gockel, Cliff Copper hingegen hat immer etwas reservierter getan. Vielleicht wirke ich nicht so auf ihn. Dabei gefällt er mir. O ja, er gefällt mir sogar großartig, aber das werde ich ihm nicht auf die Nase binden. Erst muss er mir den Hengst einfangen. Das muss er!

„Ich möchte, dass Sie den Hengst fangen, Cliff!“ Sie sah ihn plötzlich auf eine Weise an, dass Cliff schwül wurde. Aber er wusste von sich, dass er auf Frauen eine gewisse Wirkung hatte. Die. Mädchen mochten ihn, und an Freundinnen hatte es nie bei ihm gemangelt. So lächelte er herablassend und sagte:

„Vielleicht tut es ein anderer für Sie, Sandra.“ Er sprach sie nun auch mit dem Vornamen an, und sie quittierte das mit einem Stirnrunzeln.

„Natürlich tut es ein anderer, wenn Sie den Mut nicht haben, Mr. Copper. Als ich auf die Ranch Ihres Vaters kam, da dachte ich noch, Sie würden das für mich tun. Mir nur den Hengst zu zeigen, das hätte ein kleiner Junge gekonnt.“

„Wirklich?“ Cliff lächelte. Jetzt hatte er seine Selbstsicherheit wieder. Sie war reich, spleenig dazu und wollte - wie ein kleines Kind - ihren Willen haben. Im Moment hatte sie es sich in den Kopf gesetzt, diesen schwarzen Hengst zu besitzen, von dem Cliff schon wusste, dass er ein Teufel in Pferdegestalt war.

Trotzig sah sie ihn an. Sie wollte nicht nur den Hengst. Sie wollte auch Cliff. Ihrer Meinung nach war dieser große, blonde Mann um die sechsundzwanzig Jahre, also ein Jahr älter etwa als sie selbst. Nun, sie war keine jungfräuliche Knospe mehr, und das wusste auch Cliff Copper. Sie hatte mit siebzehn geheiratet, einen zwanzig Jahre älteren Mann übrigens, der vor einem Jahr auf ganz banale Weise die Treppe hinuntergestürzt war und sich das Genick gebrochen hatte. Und das mitten auf einer Party zwischen drei Dutzend Gästen.

Immerhin hinterließ er Sandra ein Paket Eisenbahnaktien der UPRR, ein riesiges Haus in Santa Fé und die Anteile von einer ganzen Reihe kleiner und großer Industriebetriebe in St. Louis. Von der Rendite konnte Sandra wie eine Prinzessin leben, ohne nur einen Schlag dafür tun zu müssen. Seit einem halben Jahr züchtete sie Pferde. Der Erfolg war bisher nicht abzusehen, aber das Gestüt in Santa Fé funktionierte bereits. Nach Sandras eigener Idee kreuzte sie teuer importierte englische und spanische Vollblutstuten mit in Arizona eingefangenen Wildpferdhengsten. Ihre Idee, weil sie daran glaubte, dass Wildpferde das Blut der sensiblen Vollblüter noch verbessern konnten.

Cliff musste daran denken, dass sein Vater ihr zu dieser Idee noch Beifall gezollt hatte. Cliff selbst hielt das alles für den Spleen einer überreizten, leicht hysterischen Frau, die vor Geld und Übermut nicht mehr wusste, was sie tun sollte. Auch ihr Einfall, selbst dabei zu sein, wenn der Hengst gefangen wurde, den sie zudem unbedingt und entgegen Tom Coppers Rat haben wollte, erschien Cliff als ein Klaps, eine Sucht nach Nervenkitzel.

„Hören Sie, Mrs. Birmingham“, sagte Cliff eindringlich, „einen Leithengst zu fangen, das ist schon eine Sache. Wenn Sie ihn dann bloß zur Zucht haben wollen, ginge es noch. Aber Sie haben gesagt, Sie wollen ihn auch reiten.“

„Ich habe auf allen Hengsten gesessen, die in meinem Gestüt sind.“

Cliff nickte. „Ich habe mir das ja vorigen Monat angesehen. Was Sie an Hengsten dort haben, das sind Blindschleichen, verglichen mit diesem Pulverfass dort unten. Haben Sie vergessen, was Ihnen mein Vater gesagt hat?“

„Ihr Vater ist nicht mehr so jung, dass er ein Risiko leichtherzig eingeht.“

Cliff lachte wild auf. „Haben Sie eine Ahnung, Madam! Nun gut, Sie stehen zu Ihrem Angebot, fürs Einfangen fünfhundert Dollar zu zahlen?“

Sie nickte. „Natürlich. Ich wechsle meine Ansichten nicht wie die Wäsche.“

„Hm.“ Cliff sah sie lächelnd an und dachte daran, wie sie wohl ohne dieses Kattunhemd und die Lewishose aussehen würde. Wie sie im Kleid aussah, wusste er. So war sie auf der Ranch angekommen. Ganz Dame. In Hosen wirkte sie aufreizend, und Cliff war nicht kühl genug, um das einfach zu übersehen. Andererseits durchschaute er Sandra. Sie war es gewohnt, Männer mit Hilfe ihrer körperlichen Reize gefügig zu machen. Eine Nonne war sie bestimmt nicht.

„Also fünfhundert, in Ordnung. Hier unten ist Geld knapper als Wasser.“ Cliff lachte. „Die Summe gilt nur fürs Einfangen allein.“

Sie nickte und lächelte ihn wie zur Belohnung für seine Zusage verführerisch an, aber er tat, als bemerke er das nicht und deutete ins Tal hinunter. „Ich muss es mir genauer ansehen. Außerdem gefällt mir der Himmel nicht.“

Sein Blick wanderte zum westlichen Horizont, wo sich dunkle Wolken aufgetürmt hatten. Regen würden die nicht bringen, dachte Cliff. Aber Sturm und vielleicht auch ein paar Donnerschläge. Regen wäre gut, sehr gut, doch es wäre zu schön, um wahr zu sein.

„Ein Gewitter, nicht wahr?“, fragte Sandra.

Er nickte. „Aber ganz selten regnet es. Meist gibt es nur ein paar Blitze und einen anschließenden Sandsturm. Regen hätten wir bitter nötig. Kommen Sie, ich will sehen, wie man den Canyon unten abriegeln kann, um den schwarzen Satan zu fangen.“

„Wollen Sie ihn allein fangen?“, fragte Sandra.

Er lachte spöttisch. „Danke, dass Sie mir das zutrauen, aber ich bin kein Übermensch. Dazu braucht man wenigstens drei Mann, und jeder muss für zwei aufpassen. Dort drüben ist ein Abstieg, kommen Sie!“

*

Der dicke Prewitt Westham ließ sich schnaufend in den Sessel sinken, blinzelte gegen den grellen Himmel und wandte sich dann dem großen, breitschultrigen Mann zu, der vor ihm stand. Staub bedeckte die Reiterkleidung des großen Mannes vom Hut bis zu den Stiefeln, und seine großen Durangosporen schepperten leise, als er die Füße bewegte. Schwer und drohend hing ein Peacemaker Colt in der Halfter, glänzend, glatt und ölig wie eine ständig arbeitende Maschine.

Prewitt Westham mochte wie ein Schwamm aussehen, manche nannten ihn auch eine Blutblase. Aber der Fremde, der vor ihm stand, war das glatte Gegenteil. Alles an ihm war Härte, und wer den Namen Tim Pargo jemals gehört hatte, wusste, dass dieser Mann nicht nur hart, sondern vor allem skrupellos kaltblütig war. Es gab ein paar hundert Steckbriefe, auf denen der Name Tim Pargo mit dem eines mehrfachen Mörders identisch war.

„Ihr habt Gus heraus?“, fragte Prewitt Westham, biss sich die Spitze der Zigarre ab, steckte sich die Tabakrolle an und musterte über den sich kringelnden Rauch hinweg den großem Mann in der staubbedeckten dunklen Kleidung.

„Wir haben ihn erwischt, als sie ihn nach Yuma bringen wollten. Hat ihm gefallen. Er ist bei Howard draußen.“

„Sicherer Platz?“, erkundigte sich Prewitt Westham. „Nicht, dass euch der Marshal noch entdeckt!“

„O’Hagan ist nicht in der Stadt. Heute Morgen ist er nach Süden geritten.“

Prewitt Westham nickte. „Er ist wohl zur Circle C-Ranch geritten. Mit den Coppers ist er dicke Freund. Also meidet Streit mit O’Hagan. Der Bursche ist gefährlicher, als er aussieht. Meidet auch Streit mit den Coppers. Ich will Morrison aufs Kreuz legen, basta. Dieser Bursche steckt es mir etwas zu oft.“

„Bis jetzt bist du aber ganz gut mit ihm gefahren“, meinte Pargo und grinste. „Du bist fett und faul dabei geworden. Er hat sein Geld in deinen Saftladen gesteckt, und du hast deinen fetten Hintern nicht zu strapazieren brauchen.“

Prewitt Westham sah Pargo an, aber der merkte nicht, wie es nur flüchtig in Westhams Augen aufblitzte, wie sich kaum wahrnehmbar Hass und Rachsucht zeigten. Pargo übersah das, und vielleicht tat er das, weil er Prewitt verachtete. Das war seiner Meinung nach kein Mann.

„Also gut, wie stellst du es dir weiter vor?“, fragte Pargo.

Westham paffte an seiner Zigarre, blickte in eine imaginäre Ferne und sagte dann halblaut: „Morrison und die Coppers sind einander nicht grün. Morrison versucht die Coppers ’reinzulegen, wo er kann. Aber bis heute hat er sich immer nur blaue Augen geholt. Was ihr anpackt, muss so aussehen, als hätten es die Coppers von der RRR getan. Alles, verstehst du? Und niemand darf merken, wer ihr seid. Wenn sie dahinterkommen, dass ihr gesucht werdet, ist es aus. Und noch etwas: Ich zahle euch die Prämie von fünftausend nur, wenn es euch gelingt, Morrison auf den Bauch zu legen. Ich zahle sie auch nur, wenn niemand erfährt, dass ich euch das Geld gebe. Wenn was schiefgeht, Jungs, habe ich euch nie im Leben zuvor gesehen. Ist das klar?“

„Du redest ganz schön für deinen vollgefressenen Wanst“, meinte Pargo geringschätzig. „Und vor allem redest du, als wären ich und Gus Babeck und Howard Price drei Armleuchter, die genau tun, was du aus deinem stinkenden Hals herausposaunst. All right, wir legen Morrison auf den Bauch, und mehr geht dich nichts an. Du zahlst jetzt zwei Mille voraus, den Rest, wenn Morrison seine Wagenrad unter die Leute bringen muss. Klar?“

Wieder war dieses kurze Aufleuchten in den Schweinsäuglein des Dicken, und wieder übersah es Pargo.

„Nun gut“, meinte Westham. „Komm mit ’rein, ich gebe dir die Anzahlung. Dann verschwindest du besser aus der Stadt. Seid ihr in Morrisons Gebiet?“

„Nein, wir sind in einem Canyon, der in ein Tal mündet. Dort sind Wildpferde. Das ist ein so sicheres Versteck, dass wohl kaum einer hinkommt. Auch du solltest das nie tun, Prewitt!“

„Ha, ich bin doch nicht verrückt und reite bei dieser Hitze herum.“ Er blickte zum Himmel. „Gewitter, und vielleicht gibt es sogar mal Regen. Komm ’rein, Tim!“

*

„Ich habe das dumpfe Gefühl, dass Tim in Tucson eine Familie gründet“, brummte Gus Babeck missgelaunt. Er lehnte am Rande der Höhle und spähte ins Tal hinaus, in das der Canyon mündete.

Hinten in der Höhle scharrten die Pferde mit den Hufen. Vor ihnen hockte der schwarzhaarige Howard Price auf dem Felsboden und reinigte seine Winchester 73. Das Gewehr war nicht nur funkelnagelneu, es war die modernste Waffe Amerikas. Das einzig Unschöne an diesem Gewehr waren die eingebrannten Insignien auf dem Kolben: WFB Wells Fargo Bank. Das Gewehr hatte Price einem Transportbegleiter der Wells Fargo abgenommen. Aber darüber sprach Price nicht gern.

Price war groß, wenn man das ihm jetzt auch nicht so ansah, wo er auf dem Boden hockte. Er war auch das, was Mädchen einen „Mann mit Schlag“ nannten. Er sah gut, sah männlich aus, hatte hellblaue Augen, die zum dunklen Haar in deutlichem Gegensatz standen. Und er gab sich so lässig, so selbstsicher und überlegen, und das mochten die Mädchen auch. Die waren überhaupt sein Problem. Auch jetzt dachte er verbissen daran, dass hier weit und breit kein Mädchen war. Das traf ihn hart.

Gus Babeck nahm solche Sachen gelassener, obgleich er, weiß Gott, kein Kostverächter war. Doch Yuma war schlimmer als ein paar Tage oder Wochen ohne Mädchen. Und Yuma, das kannte er. Das hieß so viel wie dunkle, nach Urin stinkende Steinlöcher mit Gittern, das hieß verschimmeltes Essen, das hieß zusammen mit Kakerlaken, Wanzen, Skorpionen, Spinnen und anderem Viehzeug schlafen. Das hieß in sengender Hitze mit Ketten an den Beinen und schweren Kugeln daran zu schuften. Yuma, das war nicht nur Hölle. Yuma war eine Ausgeburt davon, und es war von Menschen erdacht. Gus Babeck hatte den Spruch geprägt: Kein Teufel hat so viel Phantasie als die Hundesöhne, die Yuma erfunden haben.

Er war ausgebrochen gewesen, aber sie hatten ihn wieder geschnappt und zurückschaffen wollen. Da kamen Price und Prago. Seitdem war er wieder frei. Und seitdem würde man ihn töfen müssen, wenn man Price oder Prago an den Kragen wollte.

Gus Babeck hatte die Figur eines Preisringers und das Gesicht eines Boxers. Nichts darin war noch ursprünglich, wirkte heil. Unzählige Kämpfe hatten diesen Mann gezeichnet. Narben bedeckten seinen Körper von oben bis unten. Sein Konto lautete: neun nachgewiesene Morde, zwei kamen hinzu, die er selbst angab, da es darauf auch nicht mehr ankam. Ein Militärarzt hatte ihm mangelnde Zurechnungsfähigkeit bescheinigt, sonst wäre er schon längst aufgehängt worden. Er lebte also, und vom Tier unterschied er sich nur noch dadurch, dass gewisse Formen menschlichen Benehmens von früher in ihm haftengeblieben waren. Es waren wenige genug.

Gus Babeck wandte sich wieder dem Tal zu, blickte zu der Pferdeherde hinüber, deren Nähe die Reittiere in der Höhle beunruhigte. Ein riesiger Rapphengst stand abseits der bunten Herde. Seit Tagen kamen sie in dieses Tal, und seit Tagen beobachtete Gus diese Wildpferdherde. Einen besseren Wächter konnten sie sich hier gar nicht wünschen.

Als er gerade darüber nachdachte, wieherte der Rapphengst schrill, und sofort kam hektisches Leben in die Herde der Wildpferde. Der Rappe warf sich jetzt herum und stob nach Norden. Die gesamte Herde jagte ihm nach. Staub wogte gen Himmel, und das Donnern von ein paar hundert Hufen scholl von den Felswänden zurück.

Gus Babeck nahm das alte Armeefernglas, das an einem Felsvorsprung hing, und spähte damit zu den Hängen des Tales hinüber. Da sah er die beiden Reiter.

„Howard, stell dich auf deine Beine, da kommen zwei!“, sagte er, ohne die fernen Reiter aus den Augen zu lassen.

„Zwei? Was für welche?“, erkundigte sich Price und erhob sich. Mit wenigen Handgriffen hatte er die neue Winchester zusammengesetzt, repetierte probehalber durch und kam zu Gus heran.

„Ein Mann und ein Junge. Vielleicht auch eine Frau.“

„Frau?“, fragte Price, unruhig geworden, und wollte Gus das Glas aus der Hand nehmen. Der bullige Bandit sah Price nur kurz an. „Mann, bei dir schäumt es ja schon über! Es kann auch ein Junge sein. Menschenskind, denkst du den ganzen Tag nur ans Bett?“

„Nicht jeder ist zum Eunuchen geboren“, knurrte Price.

„Idiot!“, gab Gus zurück, dann sagte er schärfer: „Sie kommen herunter. Und zwar in unserer Richtung. Howard, mit denen bekommen wir Ärger.“

Price spähte zum Himmel. Dicke Wolken waren übers Tal gezogen. Wind kam auf. Große dicke Tropfen klatschten in den pulvertrockenen Sand vor der Höhle.

„Ich werde verrückt, aber es regnet“, meinte Price.

Gus schien gar nicht hingehört zu haben. „Eine Frau und ein Mann. Der Mann groß, schlank, blond. Mehr ist noch nicht zu erkennen. Sein Pferd sieht gut aus. Ein Palomino, der sein Geld wert ist. Das andere ist eine Frau. Jung noch, wie mir scheint. Sehr schlank, zierlich. Der Fuchs, den sie reitet, ist auch gut. Howard, tritt zurück, sonst sehen sie uns!“

„Und wenn sie uns sehen? Sie kommen sowieso hierher. Sie sehen uns in ein paar Minuten.“

Gus wusste darauf keine Antwort. Probleme hatte bislang immer Tim Pargo für ihn gelöst. Howard Price dachte nur an sich selbst, plante für sich, handelte für sich. Eigentlich erkannte auch er nur Tim Pargo an. Aber der war in Tucson.

„Wenn Tim hier wäre ... Sollen wir diese beiden nun einfach abknallen oder...?“

„Rindvieh!“, fuhr ihn Price an. „Abknallen! Weiter kannst du nichts! Es ist doch ein Mädchen dabei, wie?“

„Zucker, die Kleine!“

„Blödmann! Wenn sie dich sieht, dreht sie durch. Also, niemand wird abgeknallt. Vielleicht geht das auch anders. Und die Kleine lasse ich mir doch nicht entgehen. Gib mal das Glas her!“

Gus gab es ihm, und dann sah Price das Mädchen. Er leckte sich wie im Vorgeschmack auf ein gutes Essen über die Lippen, stöhnte genussvoll und sagte dann: „Gus, stell du dich ganz hinten in die Höhle und nimm das Gewehr in die Hand. Ich empfange sie. Wenn der Kerl Ärger macht, knallst du ihm ein paar blaue Bohnen in den Kürbis. Aber triff nur nicht das Mädchen. Hölle, Gus, wenn du die erwischst!“

Gus grinste schief. „Werd’ ich schon nicht.“ Dann nahm er Prices Gewehr und marschierte nach hinten.

Draußen goss plötzlich und ohne jeden Übergang der Regen wie aus Kannen auf das seit vierzehn Monaten absolut regenlose Land.

Es geschah nichts halb-, nichts mittelmäßig in diesem Land, auch kein Regen. Entweder schüttete es, dass binnen Minuten überall Wasser stand, weil es einfach im knochentrockenen Boden so schnell nicht versickern konnte, oder es regnete eben monate-, ja sogar jahrelang nicht. Jetzt aber regnete es, und gleichzeitig zuckten Blitze, krachten Donner, alles kam so schnell, so sehr ohne Übergang, dass selbst erfahrene Kenner des Landes überrascht wurden, weil nur ganz selten ein Gewitter auch Regen bedeutete.

Howard Price zog sich weiter in die Höhle zurück, denn der Regen spülte förmlich herab. Vor der Höhle im Canyon und im Tal war der Boden bereits mit Wasser bedeckt, durch das die beiden Reiter jetzt herankamen. Offenbar suchten sie einen Unterschlupf, und der Mann schien die Höhle zu kennen, denn er hielt darauf zu.

Im dichten, wie eine Wand schüttenden Regen waren für Price die beiden Ankommenden kaum noch zu sehen. In Anbetracht der veränderten Lage dachte sich Price etwas anderes aus und verzog sich in eine Nische des Höhleneingangs. Hier wartete er. Jeden Augenblick mussten die beiden Reiter vor der Höhle sein und absitzen.

Da hörte er die Stimme des Mannes, dann die der Frau, aber er verstand nicht, was sie einander im rauschenden Regen zuriefen.

Wasser kam, zuerst in Rinnsalen, dann in ganzen Bächen von draußen in die Höhle gelaufen. Da sie hinten etwas erhöht war, sammelte sich das Nass zu einer großen Pfütze, die ständig anstieg und nun schon bis an Prices Knöchel reichte.

Price fragte sich gerade, ob die Höhle nicht am Ende ein Wassergrab werden würde, als er sah, wie der Mann mit seinem Pferd am Zügel in sein Blickfeld geriet.

Infolge des Regens und des von dem Pferd etwas eingeengten Höhleneingangs war es an dieser Stelle, an der sich Price befand, ziemlich düster. So bemerkte ihn der Fremde erst, als Price schon neben ihm stand und ihm den Revolver in die Hüfte stieß.

„Stopp! Und die Hände hoch!“, fuhr ihn Price an. Er sah nicht allzu viel vom Gesicht des Überrumpelten, doch er erkannte, dass er nun die Hände hob.

Gus kam von hinten, das Gewehr an der Hüfte. „Ich habe ihn vor dem Lauf, Howard, nimm ihm die Kanone ab!“

„Was, zum Teufel, wollt ihr?“, fragte der große Blonde.

„An die Wand, Bruder! An die Wand! He, das Mädchen! Gus! Zieh sie an Land!“

Gus ging ein paar Schritte weiter. Price trieb das Pferd des Blonden weiter in die Höhle hinein und richtete seinen Colt auf den Mann, dessen Revolver er aus der Halfter gezogen und in seinen eigenen Gürtel gesteckt hatte.

Indessen war Gus vor der Frau angelangt, die viel zu sehr mit sich und ihrer völlig durchnässten Kleidung beschäftigt gewesen war, um zu begreifen, was da vorging. Nun, da sie es merkte, war es zu spät.

„Laßss den Gaul los, Schätzchen!“, sagte Gus. „Geh zu deinem Freund hinüber!“

„Was... was fällt Ihnen ein?“, fuhr sie ihn an.

Gus grinste nur mitleidig. „Quake nicht, Schätzchen, tu, was ich sage! Ich bin kein Piepmatz mehr.“

„Gus!“, fauchte Price. „Lass diesen Ton!“

Die schöne Frau quittierte das mit einem dankbaren Blick auf Price, den sie damit bemerkt hatte.

„Übernimm du den Kerl, Gus!“, befahl Price.

Gus hätte einem anderen für so einen Befehl die Zähne in den Hals geschlagen, aber Price hatte ihn vor einem zweiten Yuma bewahrt. Deshalb nickte Gus und ging auf den großen Blonden zu, der an der Wand stand, die Hände bis in Schulterhöhe erhoben, und über die linke Schulter auf Gus blickte.

„Sieh die Wand an, Mister!“, kommandierte Gus. „Dein Pech, dass du mit ihr hereingekommen bist.“

*

Es ist wirklich Pech, dachte Cliff, als er in Gus Babecks Boxergesicht blickte. Mit einer solchen Falle habe ich nicht gerechnet, überlegte er weiter. Und alles nur wegen des Rapphengstes.

Price kam jetzt, tastete Cliffs Kleidung ab, fand im Stiefelschaft das Bowiemesser und zog es heraus. Dann sagte er: „Du kannst dich jetzt umdrehen und hinsetzen!“

Cliff tat es und sah die beiden Banditen an. „Warum macht ihr das alles?“

„Tu nicht, als wüsstest du nicht, wer wir sind!“, fuhr ihn Price an.

Cliff hatte keine Ahnung. Er zuckte die Schultern, wandte sich Sandra zu, die ihn aber ebenso ratlos ansah wie er sie.

„Ihr kennt uns nicht?“, fragte Price zweifelnd.

„Nicht die Bohne“, erwiderte Cliff. „Dann ...“

Gus unterbrach seinen Gefährten: „Laß dir das nicht verkaufen, Howard! Die wissen genau, dass ich Gus Babeck bin. Und dass du Howard Price...“

„Idiot!“, fuhr ihn Price an. „Sie wussten einen Dreck!“

„Aber jetzt wissen wir es“, sagte Cliff trocken. „Das tut mir ziemlich leid. Wirklich.“

Price nickte, sah auf die Frau, dann auf Cliff und erklärte: „Zum Teufel, das kann dir wirklich leid tun. Gus, du bist der größte Idiot, der frei herumläuft! Sie haben nichts gewusst.“

Gus grinste nur, hob die Winchester und richtete sie auf Cliff. „Wenn ich abdrücke, vergisst er’s wieder".“

„Wer seid ihr?“, fragte Price.

„Keine lohnende Beute für euch“, erwiderte Cliff. „Ich bin Cliff Copper von der Circle C-Ranch.“

„Und sie?“ Price deutete auf die Frau und sah Cliff erwartungsvoll an.

Sandra antwortete selbst. „Ich heiße Birmingham, und eine ganze Menge Leute werden Sie und Ihren Freund in die Hölle schicken, dafür, dass Sie mich nur angerührt haben.“

„Ist der Präsident der USA Ihr Liebhaber?“, fragte Gus Babeck ironisch.

Sie sah ihn verächtlich an. „In Ihrer Fantasie tut sich wohl ziemlich viel, was? Sie sehen genau wie die Sorte Männer aus, die immerzu von Träumen geplagt wird. Schade für Sie, dass sich die nie richtig erfüllen, nicht wahr?“

Sie lächelte ihn auf eine Weise an, die ihm zeigte, dass sie ihn nicht für einen Mann hielt, der ihr etwas bedeuten konnte.

Gus verzog das Gesicht. Jetzt zeigte sich wilde Gier in seinem Blick. Aber er schwieg. Und vielleicht erschien das Cliff am gefährlichsten an diesem Mann.

„Haben Sie mir auch etwas zu sagen, Madam?“, fragte Price nun und lächelte souverän.

Sie lächelte zurück, spitzte den Mund und erklärte mit dunkler Stimme: „Nein, ich glaube, das darf ich mir schenken.“

Price deutete es als Anerkennung und nickte selbstgefällig. „Wir werden uns hier ein paar schöne Tage machen. Bald muss ein Freund von uns kommen, und der wird entscheiden, was mit euch beiden geschieht. Bis dahin seid ihr unsere Gäste. Gut, was?“

Er lachte, als hätte er einen einmaligen Witz gerissen, aber weder Cliff noch Sandra lachten mit. Draußen goss es immer noch in Strömen, und das Rauschen des Regens war das einzige Geräusch, was Prices Lachen folgte.

Gus stand reglos. Sein Blick tastete Sandra ab, und sie spürte das fast mehr als eine direkte körperliche Berührung. Mit dem feinen Instinkt der Frau erriet sie seine Gedanken, die durch ihre Kleidung drangen und Erwartungen züchteten, die einen Mann wie Gus zum Tier werden lassen konnten.

Cliff taxierte die beiden Banditen jetzt mit etwas mehr Ruhe ein. Price, das war offensichtlich, gefiel sich in der Rolle des Gentleman. Dennoch war er im Grunde gefährlicher als der bullige Gus Babeck, dessen gieriger Blick auf Sandra so gut wie alles verriet, was hinter seiner Stirn vorging.

Etwas skeptischer beobachtete Cliff seine Gefährtin. Die vom Leben verwöhnte Sandra verlor auch jetzt nicht die Nerven und hatte sich blitzartig der neuen Lage angepasst. Es verblüffte Cliff, wie gelassen sie war, und im Grunde bewunderte er diese schöne Frau deshalb. Hatte sie vorhin, als sie noch so versessen auf den Hengst gewesen war, sein Interesse nur halb wecken können, so schien sie jetzt etwas in ihm geweckt zu haben, das er selbst nicht wahrhaben wollte. Er begehrte sie plötzlich ebenso heftig, wie Price und Babeck das auf ihre Weise taten.

Im Augenblick hatten Babeck und Price die besseren Karten, doch es tröstete Cliff, dass sie seit Sandras Auftauchen im Grunde Rivalen und keine Partner geworden waren. Price zeigte es nicht, aber Babeck warf jetzt schon eifersüchtige Blicke auf seinen Kumpan.

Cliff begriff aber gleichzeitig, dass diese Tatsache ihm möglicherweise kaum Vorteile bringen würde. Denn in ihm sahen sie ganz bestimmt einen Gegner und Nebenbuhler, den sie zu allererst ausschalten würden.

Price sagte es dann auch ganz unverblümt: „Ja, Copper, du hast ziemliches Pech heute. Wenn Tim kommt, wird er dir ganz bestimmt ein feines Grab zuteilen. Wir brauchen nämlich keine Mitwisser.“

„Warum erst auf Tim warten?“, knurrte Babeck. „Erledigt ist erledigt.“

„Tim gibt die Kommandos, nicht du“, erwiderte Price. Er wandte sich wieder an Cliff. „Was wolltet ihr nun wirklich, ihr beiden?“

„Ich will einen Hengst von ihm und seinen Männern einfangen lassen“, sagte Sandra und sah Price lächelnd an. Die Art, wie sie das tat, ließ Price ein paar Sekunden lang alles vergessen, was um ihn war. Er ging einen Schritt auf sie zu, aber da knurrte Babeck wie ein gereizter Wolf und riss Price damit wieder in die Wirklichkeit zurück.

Cliff nutzte die Ablenkung der beiden, sah Price an, der hasserfüllt auf den bulligen Gus blickte, was der wiederum mit einem niederträchtigen Grinsen quittierte.

Mit einem Satz sprang Cliff Price an, stieß ihn auf Gus zu und rammte ihm das Knie in die Nierengegend. Price schrie auf, knallte mit der Stirn gegen Gus Babecks Nase, bekam Babecks Fäuste in die Magengrube und sank um Luft ringend zusammen.

Babeck hatte zuerst angenommen. Price wäre auf ihn losgegangen. Jetzt aber wusste er, wie es sich zusammenreimte. Ohne nur die geringste Spur einer Wirkung hatte Babeck den Nasenstüber verdaut. Und nun schossen seine Fäuste vor.

Cliff sprang zur Seite, entkam einem Schwinger, mit dessen Wucht Babeck einen Stier hätte fällen können, sprang selbst vor und hatte Babeck plötzlich an den Haaren, riss ihm den Kopf nach vorn und stieß auch ihm das Knie in den Körper. Aber Babeck verriet auch jetzt nicht die geringste Wirkung. Er umschlang Cliff mit den Armen und presste ihn so fest zusammen, dass Cliff glaubte, in einer Schraubzwinge zu stecken. Mit der Kraft eines Orang Utans versuchte Babeck Cliff die Oberarme zu brechen. Vergeblich versuchte Cliff sein Knie hochzureißen, um es Babeck gegen die empfindlichsten Teile seines Körpers zu stoßen. Der Druck, den Babeck mit seinen unheimlichen Kräften ausübte, zwängte Cliff so fest an Babeck heran, dass er das Knie gar nicht hochbekommen konnte.

Aber er hatte die eine Hand dicht genug an Babecks Revolver. Es gelang ihm, die Waffe aus Babecks Halfter zu ziehen. Aber da hatte Price wieder Luft genug. Er sah, wie Cliff den Revolver anhob, sprang auf, taumelte auf die beiden Ringenden zu und wollte Cliff die Waffe aus der Hand schlagen.

Cliff entdeckte Prices Kopf neben dem von Gus, raffte alle Kräfte zusammen und konnte seine Hand mit dem Revolver anheben. Aber da schrie Price:

„Gus, er hat deinen Colt!“

Gus lockerte den Griff, stieß mit der Stirn nach Cliffs Kopf, und Cliff drückte instinktiv ab. Der Schuss fuhr Gus in die Wade.

Sofort löste sich die Klammer von Gus’ Armen um Cliff. Mit einem Ruck war Cliff frei, und als Price mit dem Revolver in der Hand auf Cliff zusprang, taumelte der angeschossene Gus direkt vor Howard Prices Mündung. Doch Price schoss nicht.

Hinter ihm aber rief Sandra mit dunkler Stimme: „Ich habe ein Gewehr. Und ich weiß, wie man es abdrückt, Gentlemen. Lassen Sie den Revolver los!“

Price stand wie erstarrt. Seine vorgestreckte Hand mit dem Revolver sank langsam nach unten, und Gus, der von dem allen kaum etwas wahrzunehmen schien, wollte auf Cliff losgehen. Aber Cliff schlug mit dem Revolverlauf zu. Er traf den bulligen Mann quer über die Stirn, und das war auch für einen Gus Babeck zu viel. Der kippte um wie ein gefällter Baum.

Price wollte noch einmal das Blatt wenden, aber jetzt war Cliff auf der Hut. „Gib es auf und lass die Kanone los, Bruderherz!“, sagte Cliff ruhig. Dabei musste er sich zu dieser Ruhe ungeheuer zwingen, denn ihm war von Babecks Umklammerung der Brustkorb so gequetscht worden, dass er meinte, alle Rippen zu spüren. Seine Hand zitterte, aber das schien Price nicht zu sehen.

„Ja, geben Sie auf!“, rief Sandra.

Price ließ den Revolver zu Boden klirren, und Cliff stieß ihn mit der Fußspitze beiseite. Dann näherte er sich Price, der die Hände leicht hob, von schräg hinten und tastete ihn nach weiteren Waffen ab. Er fand aber nur sein eigenes Bowiemesser in Prices Stiefelschaft.

*

„Ich glaube, ich war gut, wie?“, meinte Sandra.

Cliff sah flüchtig zu ihr hin. Ihr Gesicht war gerötet, aber sie lächelte triumphierend.

„Ja, ziemlich gut sogar“, bestätigte Cliff. Er steckte sich den Revolver von Price ein, blickte auf den noch bewusstlosen Gus und sagte: „Sobald das Wasser draußen versickert ist, reiten wir.“ Er sah Price an. „Ihr. seid Narren! Wir hatten nichts gegen euch, und ein Marshal bin ich auch nicht. Aber ich war es über drei Jahre. Fast hätte ich es vergessen gehabt. Ich bringe euch nach Tucson zu Rip O’Hagan.“

„Das wird dir aber leid tun, Bruder!“ Price gewann seine Sicherheit wieder, sah nun Sandra an und erklärte: „Gus ist ein Idiot. Ich wollte erst sehen, ob ihr ihn erkennt oder nicht. Nun, ihr habt gar nicht gewusst, wer er ist. Aber er spielt trotzdem den wilden Mann. Aber mitschleppen, nein. Mitschleppen lassen wir uns nicht. Copper, du hast unseren Partner vergessen.“

„Nein, aber es kümmert mich nicht.“

„Cliff, lassen Sie doch die beiden. Wenn wir es Rip O’Hagan sagen, genügt es doch. Wir nehmen die Waffen einfach mit“, meinte Sandra. „Was wollen die dann noch tun?“

Cliff nickte. „Gut, die Waffen und die Pferde.“

„Bist du verrückt, Cowboy? Ohne Pferde sind wir hier aufgeschmissen“, rief Price.

„Man wird sich bald um euch kümmern, Freund“, erwiderte Cliff lächelnd. Er wandte sich Sandra zu. „Holen Sie das Lasso von meinem Pferd, bitte!“

Als sie damit kam, fesselte er Price, der es sich gefallen lassen musste. Dann tat Cliff dasselbe mit Gus, der gerade die ersten Bewegungen machte und unartikulierte Laute von sich gab. Sandra stand dabei und sah Price an, der am Boden hockte und hasserfüllt auf Cliff starrte.

„Es ist anders ausgegangen, als Sie dachten, nicht wahr?“, fragte sie.

Price blickte zu ihr auf. „Sie sind ein hübsches Mädchen und sollten sich aus der Geschichte heraushalten. Er hat uns schachmatt gesetzt, aber Tim Pargo hat er nicht. Und das ist genau so, als hätte er zwei junge Tiger gefangen, aber der alte Tiger läuft noch herum. Ihr kennt Tim nicht. Er reißt euch in Stücke. Und vor allem: Es ist ihm gleich, ob Sie eine Frau sind. Er macht es mit Ihnen nur anders.“

Sandra lächelte wissend. „Sie hatten das doch auch vor. Sie und der dort, dem es dabei auf ein paar Höflichkeitsformen nicht angekommen wäre.“ Sie deutete auf Gus, der nun wieder aufgewacht war und wie ein gefesselter Bulle mit rollenden Augen um sich starrte.

„Sie spielen mit Pulver, Kleines“, meinte Price.

Cliff führte zwei der Pferde nach vorn. Als er bei den Gefesselten und Sandra vorbeikam, brüllte Gus Babeck mit uriger Stimme: „Dich zerreiße ich, du verlauster Cowpuncher! Dich fetze ich in Stücke und gebe dir deine Ohren zu fressen!“

„Er ist und bleibt ein Lord, nicht wahr?“, spottete Cliff und brachte die Pferde nach draußen. Dort hatte es aufgehört zu gießen. Als wäre nichts geschehen, schien die Sonne ins Tal.

Cliff holte die anderen Pferde heraus, und Price quittierte das mit wilden Flüchen. Gus Babeck schwieg jetzt, was besagte, dass er im Augenblick so gefährlich war wie ein angeschossener Wolf.

Als Cliff zurückkam, sagte er zu Sandra: „Gehen Sie zu den Pferden, ich will dem Burschen hier noch das Bein verbinden. Es wird ungefähr zwei Stunden dauern, bis sie sich von den Fesseln befreit haben. Nehmen Sie das Gewehr mit und hängen Sie es an mein Sattelhorn.“

Sandra nickte und ging. Cliff blieb vor den beiden stehen, die ihn mit glühenden Blicken maßen. „Was habt ihr vorgehabt? Was wollt ihr hier wirklich im County?“ \

„Dir das Fell über den Hintern ziehen!“, knurrte Gus.

„Ich stehe mich besser, wenn ich einfach schieße, zweimal, versteht ihr? Keine Verfolger, keine Probleme! Die Fesseln könnte ich euch danach lösen. Niemand wird sich den Kopf zerbrechen, wie es passiert ist.“ Er zog seinen Revolver, den er wieder an sich genommen hatte und richtete ihn auf Gus Babeck. „Fairness kann sich bitter rächen, wenn es sich um Vögel wie euch handelt. Also rede besser, sonst ist mir alles gleich. Wo steckt dieser Tim Pargo?“

„In Tucson, und er wird schon unterwegs sein.“ Price gab die Antwort, und Babeck knurrte wütend.

„Bei wem in Tucson?“

„Warum sollen wir den Mund halten, Gus?“ fragte Price. „Er kann es wissen. Er ist doch sowieso schon so gut wie tot. Auch wenn er das nicht begreift... noch nicht.“

„Was du nicht sagst!“, meinte Cliff mit kaltem Lächeln. „Rede weiter!"

„Wir werden Morrison auf den Bauch legen. Mehr wissen wir auch nicht. Aber wir tun das für seinen besten Freund Westham. Gegen Geld natürlich. Weil wir Geld brauchen, wenn wir eine Zeit in Mexiko leben wollen. Nun weißt du schon alles, und mit dir von deiner Circle C-Ranch hat das nichts zu tun.“

Gus stemmte sich ein wenig auf und raunzte Price an: „Es hat verdammt mit ihm zu tun, seit jetzt.“

Cliff überlegte, ob er die beiden nicht doch mitnehmen sollte. Und obgleich vieles dagegen sprach, entschloss er sich plötzlich dazu. Dieser Gus Babeck war ein mit allen Wassern und Laugen gekochter Bursche, den man nicht wieder loslassen durfte, wenn man ihn schon einmal hatte.

Cliff schnitt Babeck die Fußfesseln durch. „Steh auf, Bursche, und raus mit dir!“

Verblüfft sahen ihn die beiden an. „Was denn?“

„Ich nehme euch doch mit. Besser ist besser. Vorwärts, steh auf!“

Die Mündung des Revolvers machte auf Babeck mehr Eindruck als Cliffs Befehl. Er stand auf.

Details

Seiten
140
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738903805
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
circle c-ranch grab cliff copper

Autor

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Titel: Circle C-Ranch #6: Ein Grab für Cliff Copper