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Texas Wolf #20: Betty Marlowes falsches Spiel

2016 130 Seiten

Leseprobe

Texas Wolf #20: Betty Marlowes falsches Spiel

Glenn Stirling

Published by BEKKERpublishing, 2016.

TEXAS WOLF

Band 20

Betty Marlowes falsches Spiel

Ein Western von Glenn Stirling

––––––––

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Der neueste Auftrag, den Texas Ranger Tom Cadburn erhalten hat, ist alles andere als Routine. Diesmal ist eine Regimentskasse geraubt worden, und von dem Dieb fehlt jede Spur. Erste Hinweise führen zur Ranch von Cass und Betty Marlowe. Cadburns Partner Old Joe lässt sich dort anheuern, um mehr herauszufinden.

Betty Marlowe scheint tiefer in die Sache verstrickt zu sein als er zunächst vermutet hat. Denn ein gewisser Leutnant Dee Tarrington hat sich mit ihr gegen Bettys Mann verbündet. Tarrington glaubt, leichtes Spiel mit Betty zu haben. Aber er ahnt nicht, dass die Pläne der hübschen, aber kaltherzigen Frau nur zu ihrem eigenen Vorteil sind.  Als Old Joe dieses Komplott aufdeckt, gerät er selbst in Gefahr. Aber Tom Cadburn und sein Schwarztimber Sam greifen noch rechtzeitig ein!

Roman

Der Wind heulte wie ein durstiger Kojote nach Wasser. Blau und leer überspannte der Himmel die Prärie. Wie von Gott aus Staub, Stein und Hitze geschaffen, ragten die Felsen aus der Ebene heraus.

Auf einem dieser Felsen lag der Mann.

Sein tiefgebräuntes, bronzehäutiges Gesicht wirkte wie aus Erz gehauen. Er lag da, der Blick seiner blauen Augen war starr auf den Punkt in der Ferne gerichtet. Und dieser Punkt näherte sich. Langsam, wie es schien, aber stetig.

Der Mann hatte den Lauf seines Gewehres mit einem Tuch abgedeckt, damit das glänzende Metall die Sonnenstrahlen nicht reflektieren konnte.

Die sehnige, knochige Hand des Mannes fasste an den Unterhebel seines Winchestergewehres, dann repetierte er. Das Knacken, dieses metallische Geräusch, klang im Wind unwirklich verzerrt. Der Mann achtete nicht darauf. Reglos lag er da oben. Immer noch ganz auf den sich nähernden Punkt konzentriert, den er nicht aus den Augen ließ. Und es schien rein mechanisch zu sein, dass er das Gewehr etwas anhob, mit dem Lauf auf die Erhöhung legte, die er da vorn für diesen Zweck angelegt hatte. Er schien zu zielen. Aber das Tuch lag über der Kimme und machte ein Zielen unmöglich.

Er wartete. Was eben noch wie ein Punkt ausgesehen hatte und eine Staubwolke hinter sich aufwirbelte, zeigte sich jetzt als Reiter, der ziemlich scharf ritt und genau auf die Felsen zuhielt.

Der Mann oben nahm einen kleinen Taschenspiegel und blickte mit dessen Hilfe nach hinten, ohne den Kopf wenden zu müssen. Er entdeckte sein Pferd im Schatten eines der zurückliegenden Felsen, nickte zufrieden und ließ den Spiegel wieder in der Tasche verschwinden. Dann spähte er dem Reiter entgegen.

Er hat keine Verfolger, dachte er. Aber er ist zu schnell. Dieses Tempo würde er niemals durchstehen, jedenfalls sein Pferd nicht. Ein Narr! Es wird Zeit, dass ich es jetzt beende mit ihm. Wieviel wird er haben? Wieviel? Die Burschen sind nicht gerade reich. Aber es sammelt sich an, es läppert sich zusammen. Dreitausend, viertausend! Mein Gott, ich müsste das Doppelte, das Dreifache haben, wenn ich alles in Ordnung bringen will. Vielleicht ist es mehr. Es sollte wirklich mehr sein. Betty würde dankbar sein, wenn es mehr ist.

Der Reiter kam näher. So nahe, dass man erkennen konnte, welche Kleidung er trug, was für ein Pferd er ritt. Er sah aus wie ein Cowboy. Sein Pferd war ein Falbe. Mit schwarzer Mähne und schwarzem Schweif. Aber das Tier schwitzte, die Flanken waren dunkel von Schweiß. Schaumflocken hingen an seiner Brust. Der Galopp war unsauber und zeugte von Erschöpfung des Tieres, von der Härte des Mannes, der es ritt, der es antrieb und sich offensichtlich keinen Deut um das Tier kümmerte.

Es fällt mir leicht, da so ein Kerl darauf reitet, dachte der Mann auf dem Felsen. Ein Tierschinder! Ein Bankräuber und ein Tierschinder. Vielleicht tue ich eine gute Tat, zumindestens für all die Pferde, die er geritten hat und die er vielleicht noch jemals reiten würde, läge ich nicht auf dem Felsen. Das ist weit genug, jetzt ist es weit genug!

Vorsichtig zog der Mann das Tuch vom Lauf des Gewehres herunter und zugleich zielte er. Kimme und Korn. Er hatte den Burschen genau im Visier. Und als habe der es geahnt, blickte er plötzlich empor, sah hinauf zu seinem Scharfrichter, wollte das Pferd noch zügeln, aber da drückte der Mann oben ab.

Der Reiter unten sah das Aufblitzen und spürte zugleich den Schlag, und erst dann hörte er den Knall und sah die Rauchwolke, die über der Abschussstelle aufstieg. Sein Pferd raste weiter, der Mann meinte im Sattel zu schweben, alles begann plötzlich um ihn herum zu kreisen, und plötzlich verlor er das Gleichgewicht, aber er empfand es gar nicht. Er hatte das Gefühl, als würde er schweben, würde fliegen, würde auf Daunen dahingleiten. Bis der harte, unvermittelte Schlag erfolgte, der zugleich seine Besinnung auslöschte.

Der andere Mann kam vom Felsen herunter, trat neben den Reglosen und wälzte ihn auf den Rücken. Das Pferd war weitergelaufen, stand aber jetzt und blickte auf die Szene zurück.

Der Schütze holte wieder jenen Spiegel aus der Tasche, beugte sich über den Reglosen und hielt ihm den Spiegel vor den Mund. Als er nicht beschlug, steckte er den Spiegel wieder weg und betrachtete das Gesicht des Toten. Ein hässliches Gesicht, das er kannte. Er musste etwa fünfunddreißig Jahre alt sein. Und in diesem Gesicht, das auch jetzt noch verzerrt wirkte, spiegelte sich all die Drangsal, die den Toten schon zu Lebzeiten gekennzeichnet hatte.

Harry Bloom, dachte der Mann, als er auf den Toten blickte. Sie werden mir für deinen Skalp eine Menge zahlen. Bankräuber und Mörder! Natürlich, den Mord hast du damals nicht gewollt vor drei Jahren. Aber der hat alles ausgelöst. Immerhin, jetzt ist dein Trail zu Ende.

Er durchsuchte die Taschen, fand aber nichts Wesentliches. Dann ging er zu dem Pferd, das ruhig stehenblieb, als er sanft auf das Tier einredete. Er konnte die Zügel fassen und führte das Pferd zurück zu dem Toten. Es schnaubte nervös, ließ es sich aber gefallen, dass er ihm den Toten quer in den Sattel legte und mit einem Lasso festband. Jetzt erst löste er die Schnalle mit den Satteltaschen, öffnete die Taschen und warf einen Blick hinein. Er nickte zufrieden, als er die Geldbündel entdeckte, blätterte etwas darin herum und kam zu dem Schluss, dass es fast zehntausend Dollar sein mussten.

Das reicht, murmelte er. Da bin ich wieder flott! Und er, er wird mir auch noch eine Stange einbringen.

Er führte das Tier bis hinter die Felsen zu seinem eigenen Pferd und band die Zügel des Falben am Sattelhorn seines Braunen fest. Der Braune war ein Wallach, der Falbe eine Stute. Die beiden beschnupperten sich, blieben aber ruhig.

Der Mann nahm die Satteltaschen, die er gefunden hatte und hängte sie seinem Pferd vor den Widerrist über den Nacken. Dann holte er aus seinen eigenen Satteltaschen Wundfett heraus und salbte die aufgerissenen Flanken des Falben damit ein. Zunächst tänzelte das Tier nervös, doch als er spürte, dass diese Salbe eine Wohltat war, ließ es den Mann gewähren, beugte noch den Kopf zu ihm und stupste ihm mit den Nüstern in den Rücken.

Der Mann quittierte das mit einem freundschaftlichen Tätscheln des Halses, verstaute die Salbe wieder, zog den Gurt seines eigenen Sattels stramm und saß auf. Langsam ritt er weiter. Er drehte sich noch einmal um und stellte mit Befriedigung fest, dass der stetige, heftige Wind den Sand in die Spuren trieb und sie damit zuwehte. In einer Stunde, sagte er sich, wird niemand mehr etwas davon sehen.

Er ritt noch ein Stück in der Richtung weiter, die der Tote eingeschlagen hatte. Und das dauerte ungefähr eine halbe Stunde, bis er jene flache Senke erreicht hatte, die man erst wahrnahm, wenn man sich unmittelbar davor befand. Sie war nicht tief, aber als der Reiter mit den beiden Pferden und der toten Last die tiefste Stelle erreicht hatte, konnte er nur noch bis zum Rand dieser Senke blicken.

Er saß an einer Buschgruppe, die hier unten im Windschutz gedeihen konnte, von seinem Pferd ab, nahm die fremden Satteltaschen mit dem Geld und ging zum mittelsten der drei größeren Büsche. Er ließ die Taschen achtlos fallen, kehrte zu seinem Pferd zurück, schnallte einen Handspaten ab und entnahm seiner Satteltasche Ölleinwand. In diese Ölleinwand wickelte er die Satteltaschen ein, verschnürte sie dann mit einem Rohlederriemen und ließ das Paket liegen.

Dann grub er. Das Loch, das er ausschachtete, wurde ungefähr drei Fuß tief. Er legte das Paket hinein, sammelte ein paar Steinbrocken zusammen, packte sie obenauf, dann brach er einen dickeren Ast ab und steckte ihn so in das Loch, dass er oben etwas herausragte. Schließlich füllte er das Loch mit Erde auf, trat es fest und setzte zuletzt fein säuberlich die Grasballen wieder ein, die er vorher abgestochen hatte. Schließlich sah man nur noch dieses Stück Ast herausragen und musste glauben, dass es sich um einen Ablegertrieb handelte, der hier aus der Erde sprießte.

Der Mann betrachtete sein Werk, nickte befriedigt und saß wieder auf. Dann ritt er gegen den Wind zurück. Nur eine Zeitlang konnte er seine eigenen Spuren verfolgen. Schließlich fand er sie gar nicht mehr, denn der Wind hatte sie zugeweht. Das erfüllte ihn mit Beruhigung. Er hielt jetzt geradewegs auf die Ortschaft Alraun zu, jene Stadt, aus der Harry Bloom dieses Geld geraubt hatte.

Als er bei den Felsen ankam, wo Harry Bloom aus dem Sattel geschossen worden war, hielt er abermals an, saß ab und begann zwischen den Felsen mit dem Handspaten des Toten zu graben. Es geschah ohne Ziel und System. Er trampelte die Erde etwas fest, schlug auch schon mal mit dem Spaten gegen die Felswand, so dass es helle Kratzer gab. Dann schnallte er den Spaten wieder am Sattel des Toten fest, ohne ihn zu säubern. Er saß auf und ritt weiter.

*

Als es an die Tür klopfte wurde Sheriff Roscoe munter. Er kraulte sich seinen Bart, rieb sich die Augen und ächzte schläfrig, schwang die Beine aus der Hängematte und erhob sich knurrend. Er war ein Mann um die Fünfzig. Seine große Zeit lag hinter ihm. Die Zeit, als die Banditen zitterten, wenn sie seinen Namen hörten. Das interessierte ihn nicht mehr. Er wollte seine Ruhe haben, seine Pflicht tun, aber keinen Deut darüber. Diese Stadt war ruhig geworden. Dank seiner Härte, seiner Entschlossenheit, die er vor Jahren an den Tag gelegt hatte. Und an dieser Ruhe sollte sich möglichst nichts ändern.

Er schlurfte zur Tür. „Wer ist draußen?“, rief er mürrisch.

„Ich bin es. Tarrington!"

„Ach Sie, Leutnant!“

Roscoe schob den Riegel zurück und öffnete die Tür.

Draußen stand ein großer blonder Mann..Breitschultrig. Gekleidet wie ein Rinderhirt, aber er war keiner, und Roscoe wusste das.

„Kommen Sie nur herein“, sagte Roscoe und drehte den Docht der Lampe höher.

Tarrington blieb stehen. „Ich habe eine Überraschung mitgebracht. Die kann ich nicht hereinbringen.“ Roscoe hob die Augenbrauen hoch und blickte Tarrington verblüfft an. „Eine Überraschung?“

„Kommen Sie nur!“ Tarrington wandte sich um und verschwand in der Dunkelheit.

Roscoe nahm die Lampe und schlurfte nach draußen. Der laue Wind empfing ihn.und ließ die Lampe über dem Docht flackern und blaken.

Als Roscoe besser sehen konnte, entdeckte er die beiden Pferde und die Last auf dem einen.

„Wer ist das?“ Er trat näher an den Toten heran, der da quer im Sattel eines Falben lag. Aber schon als er das Pferd näher sah, wusste er Bescheid. „Ist das der Kerl, der heute die Bank ausgenommen hat?“

„Er ist es!“, erwiderte Tarrington. „Ich habe ihn geschnappt.“

„Wo?“, fragte der Sheriff sofort.

„Vierzehn Meilen von hier im Norden.“

Der Sheriff überlegte. Er sah Tarrington aus schmalen Augen an. „Vierzehn Meilen? Das muss ungefähr bei dem Felsen sein.“

„Es ist bei dem Felsen“, bestätigte Tarrington.

Der Sheriff überlegte. „Wenn es bei dem Felsen war, dann begreife ich nicht, wie er geritten ist.“

„Ich bin ihm gefolgt“, behauptete Tarrington. „Er hat offensichtlich einen großen Bogen geschlagen und ist Ihrem Aufgebot entkommen. Und dann ist er direkt nach Norden geritten. Praktisch war seine Flucht nichts weiter, als im Bogen um die Stadt zu reiten und dann, nahezu wieder vom Ortsausgang aus, wieder nach Norden zu fliehen.“

„Und Sie haben die Spuren gefunden?“, meinte der Sheriff zweifelnd.

„Wie Sie sehen! Sonst hätte ich ihn ja nicht geschnappt!“

„In Ordnung. Und die Satteltaschen?“

„Da waren keine Satteltaschen. Er wollte auf den Felsen hinauf, um eine bessere Schuss- und Verteidigungsposition zu finden. Aber soweit ist es gar nicht gekommen.“

Der Sheriff blickte erst auf den Toten, dann wieder auf Tarrington. „Ganz verstehe ich’s nicht. Der muss doch irgendwo die Satteltaschen gehabt haben. Hatten Sie ihn immer im Blickfeld?“

„Nein, nicht immer. Er hat getan, was er konnte, um seinen Vorsprung zu vergrößern, und zunächst ist ihm das gelungen. Er hat rücksichtslos den Falben angetrieben. Sehen Sie sich das Tier an! Sehen Sie mal auf die Flanken, Sheriff! Die sind völlig aufgerissen. So was von Brutalität habe ich lange nicht gesehen. Ich habe Salbe draufgeschmiert, damit es dem Tier nicht allzu weh tut. Aber es wird Wochen dauern, bis es richtig verheilt ist.“

„Wenn sich’s nicht entzündet, stimmt das“, meinte der Sheriff. Er wandte sich wieder dem Toten zu. „In seinen Taschen hatte er auch nichts?“, fragte er.

„Nur das Übliche. Nichts von Belang. Ich habe alles so gelassen, wie’s ist.“ Er lachte. „Natürlich wollte ich zuerst das Geld finden. Darauf kam’s ja an. Aber nichts!“

„Und was haben Sie gedacht?“

„Ich habe gedacht, dass er es verloren hat, oder dass er an die Beute gar nicht rangekommen ist. Ich habe ja den Überfall nicht miterlebt.“

„Sie haben ihn nicht miterlebt. Stimmt ja! Sie waren ja gar nicht in der Stadt.“

„Ich war nicht in der Stadt, aber mir ist jemand begegnet, der mir davon erzählt hat.“

„Kennen Sie ihn?“, fragte der Sheriff.

„Keine Ahnung! Ein Bursche um die Zwanzig. Cowboy oder so was. Er sagte mir, die Bank ist überfallen worden und hat mir den Burschen hier so in etwa beschrieben.“

„Ja, ja“, meinte der Sheriff, „Harry Bloom. Er ist nie das geworden, was er immer gerne werden wollte. So einer wie seine Brüder und sein Vater. Und da hat er es so versucht. Die kleinen Sachen. Diesmal war’s sogar eine größere. Er musste einen Partner gehabt haben. Er muss hundertprozentig einen Partner gehabt haben. Er kann es nicht allein getan haben. Woher sollte er wissen, dass ausgerechnet an diesem Tag soviel Geld da ist? Und dann, sein Eindringen in die Bank, alles das und die Tatsache, dass sie in dem großen Tresor, diesem alten Kasten, den ein kleines Kind öffnen kann, gar kein Geld aufbewahren. Das konnte er nicht wissen. Er konnte doch nicht ahnen, einfach so, dass sie das Geld in eine Kiste tun. Dass eine richtige Bank das Geld in einer Kiste aufbewahrt statt in einem Tresor, der dasteht und in Wirklichkeit nichts als eine Attrappe ist. Eben weil er nicht sicher sein kann. Mit seinem miserablen Schloss. Sie tun das Geld in eine Kiste in den Keller und dort haben sie ein massives Verlies dafür gebaut, eine Art Tresor oder Safe. Jedenfalls dort ist es nicht so einfach, das Geld wegzunehmen. Aber er hat es gewusst. Er wusste von dieser Kiste. Er hat sofort nach der Kiste verlangt und hat das Geld aus der Kiste rausnehmen lassen. Wer wäre sonst daraufgekommen, wenn er es nicht gewusst hätte?“

„Ich kenne die Zusammenhänge nicht. Ich weiß nur eines, Sheriff“, sagte Tarrington, „dass meine Männer und ich seit Monaten diesem Mann auf der Spur sind, seit er die Regimentskasse der 5. Pioniere beim Brückenbau gestohlen hat. Zieht sich eine Uniform an und stiehlt die gesamte Kasse eines Regimentes. Das war ein Husarenstück! Er hat sich damit einen Gegner zugezogen, der nie lockerlässt. Sie sehen, es hat ihn das Leben gekostet. Kein Mann der Armee wäre für ihn aus dem Tor geritten, nur wegen dieser Sache, die hier passiert ist. Obgleich hier möglicherweise mehr Geld gestohlen worden ist, als sich je in der Kasse des Regimentes befunden hat.“

„Es müssen, wie mir Mr. Snider gesagt hat, um die zehntausend Dollar gewesen sein. Geld, ha, soviel habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Zehntausend Dollar! Stellen Sie sich vor, wenn wir hier einem Mexikaner einen Dollar geben, da arbeitet der eine ganze Woche wie besessen und hält sich für ’nen reichen Mann. Und ich bekomme hier sechzig Dollar und ein Prozent von den Steuern, die ich eintreibe, das ist schon eine ganze Menge. Wenn ich daran denke, was die Weidereiter kriegen oder sonstwer, der hier lebt, da bin ich noch ein feiner Mann. Aber zehntausend Dollar, die könnte ich im Leben nicht sparen.“

„Vielleicht finden wir mal ’ne Goldader, Sheriff!“, meinte Tarrington lachend. „Wie ist es eigentlich mit der Belohnung? Ich habe gehört, eine zivile Belohnung sei ausgesetzt.“

„Das ist richtig“, erwiderte der Sheriff. „Eine Belohnung schon, aber da müsste ihn eine Privatperson gefasst haben. Und ich glaube, Sie sind ja im Dienst. Das gehörte ja zu Ihrem Auftrag, ihn zu fassen.“

„Für die Armee“, erwiderte Tarrington. „Aber ich habe ihn ja ganz am Rande auch für Sie gefasst! Etwa nicht? Stimmt es womöglich gar nicht, was mir der junge Bursche erzählt hat? Dass Sie mit einem gewaltigen Aufgebot losgeritten sein sollen?“

Der Sheriff machte eine bittere Miene. „Natürlich stimmt das. Triumphieren Sie nur. Nur in einem muss ich Sie verdammt enttäuschen. Ich glaube nicht, dass man Ihnen die Belohnung auszahlen wird. Ich habe ja nichts dagegen, wenn Ihnen Bankier Snider das Geld gibt. Aber soviel ich weiß, haben Sie darauf keinen Anspruch. Ich hätte ja auch keinen, wenn es mir gelungen wäre, ihn zu fassen. War es eigentlich“, fuhr er nachdenklich fort, „notwendig, ihn zu erschießen?“

„Sollte ich mir von ihm eine Kugel in den Pelz brennen lassen?“

„Na ja, es ist schon gut. Er war immerhin kein Mann, den man gehängt hätte.“

„Soviel ich weiß, war er ein Mörder“, erwiderte Tarrington.

„Es war Totschlag, und es soll sogar Notwehr gewesen sein. Er war bereits auf dem guten Weg. Im Gegensatz zu seinen Brüdern und seinem Vater. Aber dann ist er in diese Sache hineingeschlittert, und ich fürchte bald, man hat ihn provoziert und wollte ihn auf dieselbe Strecke schicken wie seine Geschwister, wie sein Vater. Das ist ja auch gelungen. Obgleich sein Vater und seine Brüder nie etwas von ihm wissen wollten. Für sie war er ein Pfuscher, war er ein Dilettant, ein Laie, der ihnen das Geschäft vermasselte. Sie stießen ihn aus. Sie wollten ihre großen Dinge alleine drehen. Haben sie auch immer ohne ihn gemacht. Er war allein, für sich. Aber der Ehrgeiz hat ihn angetrieben, auch so zu sein wie sie. Erfolg zu haben, den Häschern zu trotzen, sie zu verlachen, sie zu verhöhnen, sie zum Gespött zu machen. Das ist ihm eine Zeitlang gelungen, wenn auch nicht mit so großem Erfolg wie seinen Brüdern, die Eisenbahnzüge stoppen und dergleichen. Die Beute, die Harry gemacht hat, ist immer klein gewesen. Sehen Sie, Leutnant, und jetzt hatte er mal einen ganz dicken Fisch. Der war eigentlich zu groß für ihn. Und ich weiß, dass Harry sich an so ganz große Sachen nie herangewagt hat. All die Jahre nicht. Deswegen, glaube ich, muss da noch einer gewesen sein. Zum mindesten einer, von dem er den Tipp bekam.“

Tarrington zuckte die Schultern. „Ist mir gleich. Jedenfalls hier ist er.“

„Mir ist das noch nicht so gleich“, meinte Sheriff Roscoe. „Wir haben ihn zwar, aber das ist unwichtig, jedenfalls für mich. Das Wichtigste ist die Beute. Es handelt sich um Geld, was die Leute hier gespart haben. Viele sind vollkommen erledigt, wenn sie das Geld nicht zurückbekommen. Aus diesem Grunde, Leutnant, müssen wir noch einmal ganz genau über alles sprechen. Über jede geringste Einzelheit, die Sie wissen und die ich erfahren muss. Denn das Geld, Leutnant, dieses Geld, das kommt wieder. Da lasse ich nicht locker.“

„Ja, ich hab’s nicht, das tut mir sehr leid.“

Roscoe lachte. „So ist das doch nicht gemeint!“

Tarrington winkte ab. „Ich weiß schon, wie Sie’s meinen. Jedenfalls geh’ ich jetzt in das Hotel. Vorausgesetzt, dass da noch jemand auf ist, und ich ein Zimmer bekomme.“

„Das Hotel ist so verwanzt, Leutnant, dass Sie besser im Freien schlafen und sich mit dem Himmel zudecken, da haben Sie wenigstens Ihre Ruhe.“

„Auch das noch! Da kann ich ja gleich zu meinen Leuten zurückreiten. Die müssen geglaubt haben, ich wäre verloren gegangen.“

„Ich hatte nicht den Eindruck, dass die sehr traurig waren. Der Sergeant war mit vier Mann da. Im Rosebud Saloon habe ich ihn gesehen. Sie tranken, sie spielten Karten und gingen sehr fröhlich wieder aus der Stadt zu ihrem kleinen Lager hin.“

„Wenn die Katze nicht im Hause ist, dann tanzen die Mäuse auf dem Tisch.“

„Ja dann, Leutnant, spielen Sie mal wieder Katze, damit die Mäuse vom Tisch kommen. Ich kümmere mich hier um alles. Aber morgen würde ich noch mal ganz gern mit Ihnen sprechen.“

„Ist gemacht, Sheriff“, erwiderte Tarrington, und er dachte: Das ist genau das, was mir noch fehlt. Großartige Diskussionen. Such dein verdammtes Geld selbst!

Er löste den Zügel des Falben und warf dem Sheriff den Zügel zu, saß auf und ritt auf seinem Braunen nach Süden zu aus der Stadt.

Der Sheriff sah ihm einen Augenblick nach und murmelte: „Wir rennen uns die Hacken ab, und dieser Kerl hat soviel Glück und erwischt Bloom. Aber ob das ein Glück ist, da bin ich noch nicht mal so sicher. Man müsste genau wissen, was Harrys Brüder tun. Ich kann mir nicht vorstellen, so wie ich die Blooms kenne, dass es ihnen gleichgültig ist, was mit Harry passiert. Sie wollten ihn nicht bei sich haben, das ist richtig. Aber ich bin sicher, sie werden sich bei dem revanchieren, der Harry umgelegt hat. Und vielleicht bin ich da ganz gut dran. Na, Nelly, dann wollen wir uns mal um dich und deinen toten Chef kümmern“, meinte er und tätschelte dem Falben den Hals.

*

July Snider öffnete die Zigarrenkiste, entnahm ihr eine Zigarre, schnupperte daran, biss die Spitze ab und steckte sie sich in den Mund. Dann erst blickte er auf sein Gegenüber, jenen hageren, blonden Mann mit dem tiefgebräunten Gesicht und den wachsamen, hellen Augen. Und auch auf diesen schwarzen Wolf, der neben seinem Herrn lag, als könnte er kein Wässerchen trüben, und der doch unheimlich gefährlich sein musste, wenn ihm sogar die wildesten und frechsten der Dorfköter auswichen und Reißaus nahmen. Denn das hatte Snider vorhin beobachtet.

Der Mann vor ihm trug ein Abzeichen, es war silbern: Texas State Police und die Nummer 41. Ein Texas Ranger, der nicht nur mit dem Namen, sondern auch mit dieser Nummer berühmt geworden war. Tom Cadburn mit seinem Wolfsblut Sam, die beide schon oft genug von sich reden gemacht hatten.

Tom Cadburn selbst musterte den großen schwergewichtigen Mann, diesen Falstaff von Bankier, kahlhäuptig, mit rotblondem Schnurrbart, kleinen Schweinsäuglein und einem Kinn, das mehr war als ein Doppelkinn. Die Speckfalten quollen wie ein Kragen um den Hals herum. Ein gewaltiger Bauch wölbte sich vor Snider. Massige fleischige Wurstfinger trommelten auf der Platte des kostbaren Schreibtisches herum. Dieser Gigant von Mann hatte Nerven.

„Ich habe einen Grund, warum ich Sie gebeten habe, zu kommen, und das ist der Grund“, sagte Snider, öffnete eine Schublade seines Schreibtisches und brachte zwei Zwanzigdollarscheine heraus. Er schnippte sie, als wären sie nichts weiter als wertloses Papier, über die Platte hinweg in Cadburns Richtung. „Sehen Sie sich’s an, es ist nicht nur neues Geld, dieses Geld hat auch, wie alle Noten, die gedruckt werden von der Staatsdruckerei, Nummern. Sie werden etwas feststellen bei diesen Nummern. Die beiden Anfangszahlen sind die gleichen.“

Tom Cadburn nahm die beiden Geldnoten, betrachtete sie, aber er fand nichts Merkwürdiges daran. Solche Zwanzigdollarnoten hatte er schon öfters im Leben in der Hand gehalten. Tatsächlich, die Nummerierung ähnelte sich, zum mindesten bei den ersten beiden Zahlen.

„Und weiter?“, fragte Cadburn.

Snider lachte. So gigantisch wie sein Äußeres war, so gewaltig war auch sein Lachen. Das Zimmer dröhnte bei diesem Gelächter. Und die Tasse auf seinem Tisch begann zu klirren. Denn er trank den Whisky aus Tassen. Das war eine Eigenart von ihm.

„Diese Noten“, sagte er und war plötzlich ernst, „stammen aus dem Raub. Und wissen Sie, woher ich sie habe? Rosebud-Bill hat das Geld eingezahlt. Rosebud-Bill ist der Besitzer des Saloons, des Rosebud-Saloons. Natürlich hat er das Geld nicht gestohlen, das ist mir klar. Aber es wurde bei ihm ausgegeben.“

„Das folgern Sie aus den beiden Anfangszahlen?“

Snider nickte. „Genau so ist es. Die Anfangszahlen sind nur bei diesen Paketen gleich. Nur ich habe diese Pakete. Jedenfalls hier im Westen. Diese ganze Sendung ist ein Block gewesen. Ich habe großes Geld und ein Guthaben, das ich im Osten hatte, dafür eingetauscht, und zwar deshalb, weil die Leute hier mit großem Geld nichts anfangen können. Niemand kann wechseln. Das ist ein Problem für sich. Und das ist die Spur! Verstehen Sie? Die Sache war doch so: Bloom hat den Raub gemacht. Verblüffend war, dass er sofort wusste, wo wir das Geld aufbewahren. Nicht in diesem Tresor dort, sondern in einer Kiste, die wir abends immer in den Keller schaffen. Sie steht hier unter dem Tresen. Er hat es sofort gewusst. Also gut. Er ist mit dem Geld weg. Ein Aufgebot hat ihn verfolgt, aber es ist ihm gelungen, die Spur zu verwischen, das Aufgebot abzuschütteln. Trotzdem hatte er Pech. Jener Leutnant Tarrington, der mit ein paar Männern unterwegs ist und ohnehin Bloom verfolgt hat, konnte ihn fassen, bei dem Felsen, der ist von der Stadt so etwa fünfzehn Meilen entfernt, ich kann das nicht genau sagen. Dort stellt er seinen Mann. Das heißt, der will seinen Verfolger, wie Tarrington jedenfalls erzählt, abschütteln, will ihn loswerden, feuert auf ihn, oder will auf ihn feuern. Jedenfalls hat Tarrington ihn umgelegt. Aber das Geld war weg.“

„Wollen Sie damit sagen, dass Tarrington es noch haben könnte?“, fragte Cadburn.

„Wenn ich jetzt laut in dieser Stadt sagen würde, dass ich das denke, kämen die Leute mit Stöcken, um mich zu erschlagen. Tarrington war der Held und ist es noch. Gegen ihn etwas zu sagen, wäre eine Todsünde. Und ich glaube das auch nicht. Ich vermute, Bloom hat uns einen Streich gespielt. Den letzten seines Lebens zwar, aber es war ein Streich. Er muss irgendwo das Geld verscharrt haben. Der Sheriff war draußen bei dem Felsen, selbstverständlich, das lag auf der Hand, dort zuerst zu suchen. Sie fanden eine aufgewühlte Stelle und haben gegraben. Ich glaube nicht, dass es irgendeinen Fußbreit Boden in der Gegend des Felsens gibt, der nicht umgeschaufelt worden ist. Nur das Geld haben wir nicht gefunden. Ich vermute also: entweder hat Bloom das Geld vergraben oder aber, das ist meine Version, die auch der Sheriff unterstützt, ich denke nämlich, er hat einen Helfer. Und dieser Helfer hat das Geld. Zum mindesten einen Teil des Geldes. Vielleicht gelang es Bloom, etwas von dem Geld zu vergraben, zu verstecken. Vielleicht aber hat der zweite Mann nicht nur die Hälfte oder einen Anteil, sondern alles, Denn er muss etwas haben. Es muss jemand sein, der hier das Geld auch ausgibt. Und nun waren wir uns einig, Roscoe und ich. Wir haben gesagt, wir reden mit niemand darüber. Die Armee wird sich einen Teufel drum kümmern. Tarrington stolziert wie ein Pfau durch die Stadt. Also fordern wir einen Ranger an. Und da sind Sie nun.“

„Ich bin bei Roscoe gewesen“, sagte Cadburn, „der hat mir einen anderen Grund genannt, warum er einen Ranger angefordert hat.“

Snider nickte. Sein breites Gesicht wurde beim Lächeln noch breiter. Und die Stirn, eben noch in Falten, glättete sich. Seine kleinen Schweinsäuglein funkelten, als er sagte: „Natürlich, es ist die Angst um Tarrington. Bloom hat zwei Brüder. Der alte Bloom soll ja tot sein, aber Max und Jerry Bloom, das ist fast eine Kompanie. Jedenfalls sind die Ihnen ein Begriff, möchte ich annehmen.“

„Das sind sie mir. Auf der anderen Seite weiß ich, dass keiner von beiden sinnlos mordet. Es muss also etwas dahinterstecken.“

„Glauben Sie nicht, dass der Tod des Bruders ein Argument ist? Und Motiv genug, die beiden hierher zu bringen?“, fragte Snider.

„Wenn sie hierher kämen“, erwiderte Cadburn, „dann brauchte ich vor den beiden lediglich Tarrington zu schützen, sonst niemanden.“

„Das reicht ja“, erklärte der Bankier.

Tom Cadburn schüttelte den Kopf.

„Das reicht nicht. Die Texas-Ranger sind nicht dazu da, irgendwelche Leute der Armee zu schützen. Vor allen Dingen dann, wenn das die Armee selbst vermag. Tarrington braucht nur mit seinen Männern in die Garnison zurückzukehren, dann hat er den Schutz, den er braucht. Soviel Gewehre, soviel Munition und andere Waffen habe ich gar nicht zu bieten.“

Snider zündete sich die Zigarre an und fragte: „Hat Ihnen Roscoe erzählt, was als dritter Grund Ihres Hierseins in Frage kommt?“

„So, wie Sie das sagen, muss es wohl der schwerwiegendste aller Gründe sein. Schießen Sie los! Ich kenne keinen dritten Grund.“

Snider lächelte, und jetzt hatte er eine verteufelte Ähnlichkeit mit einem Walross. „Vielleicht wollte er es mir überlassen“, meinte er und fuhr fort: „Ich habe einen Kunden, der ist ziemlich hoch verschuldet. Marlowe ist sein Name. Marlowe besitzt hier einiges. Aber in letzter Zeit glücken ihm viele Geschäfte nicht mehr. Ganz besonderes Pech hat er mit den Rindern. Nachdem er vor vier Jahren eine Seuche überstanden hat, beziehungsweise sein Vieh, muss er sich wohl im letzten Jahr verkalkuliert haben, was die Verkaufspreise angeht. Früher beschäftigte er mal über dreißig Cowboys. Es sind nur noch acht. Und da ist noch seine Frau. Sie sieht sehr gut aus, und sie weiß es. Sie wird von vielen Männern geliebt. Unter anderem auch von ihrem eigenen. Betty Marlowe selbst liebt nur Betty Marlowe, sonst keinen Menschen auf der Welt. Sie gehört zu dem Typ Frau, der mit einem kleinen Portemonnaie mehr aus dem Haus schafft, als der Mann mit vier großen Wagen einfahren könnte. Ich vermute hier den Grund für die Schulden. Es ist ganz sicher, dass Marlowe in der letzten Zeit keine vorteilhaften Geschäfte gemacht hat. Ich müsste davon wissen. Trotzdem sind von ihm Schulden bezahlt worden. Es ist nicht umwerfend viel, aber für Marlowes Verhältnisse eine Menge. Ich nehme an, für Sie wäre das auch ein ganz schöner Betrag. Es sind nämlich fast viertausend Dollar. Und diese viertausend Dollar hat er mit einem Mal eingezahlt.“

„Auch wieder mit den Nummern?“, fragte Cadburn.

„Nein“, widersprach Snider, „es waren größere Scheine. Dann wäre ja alles sehr einfach gewesen, hätte er mit demselben Geld bezahlt, was wir hier eingetragen haben. Wir haben ja die Nummern alle notiert. Aber das war anderes Geld. Er könnte es getauscht haben, irgendwo.“

„Wieviele Tage waren verstrichen zwischen dem Raub und der Einzahlung?“

„Vier“, erwiderte Snider.

Tom Cadburn erhob sich, und sofort sprang auch Sam auf die Füße. „Also gut, Mr. Snider. Und von jetzt an kennen Sie mich nicht und wissen nicht, weshalb ich hier bin. Sie haben keine Ahnung. Ich bin extra im Dunkeln gekommen, damit mich niemand in Ihr Haus gehen sieht. Und ich bitte darum, dass das alles unter uns bleibt. Weiß sonst jemand von dem, was Sie mir erzählt haben?“

„Ja, wie ich schon sagte: Roscoe. Aber er ist ein Mann, Mr. Cadburn, mit dem kann man nicht nur Pferde stehlen, der gehört zu den ganz wenigen, dem ich meine Frau anvertrauen würde. Und dabei sicher sein könnte, dass er es nicht ausnutzt, wenn er es mir versprochen hat.“

„Spricht das jetzt für oder gegen ihn?“, fragte Tom Cadburn lächelnd.

„So, wie ich es meine, spricht es für ihn.“

„Nun denn, wollen wir sehen, dass wir Ihr Geld finden. Versichert war es nicht?“

Snider schüttelte den Kopf. „Wer versichert eine Bank? Die Prämien kann kein Mensch bezahlen. Aber da ist noch etwas, was mir gerade einfällt. Vielleicht können Sie was damit anfangen. Es gibt hier einen Mann, der heißt Babe Derrick. Das ist ein junger Bursche, aber er ist nicht ganz so jung, wie er aussieht. Er hat so ein Babygesicht, daher der Name Babe. Wie sein richtiger Vorname ist, weiß kein Mensch, außer vielleicht ihm selbst. Diesen Jungen sollten Sie sich mal etwas genauer ansehen.“

„Sie müssen schon deutlicher werden, Mr. Snider, wenn ich etwas damit anfangen soll.“

„Dieser Junge“, sagte Snider, „hat noch vor einigen Tagen gebettelt, jeden angehauen, der in die Nähe des Saloons kam, um von ihm wenigstens ein paar Cents zu bekommen, Meist erfolglos. Er saß da rum und wenn’s nun gar nicht mehr ging, versuchte er es mit Arbeit. Aber das war eine Methode, an Geld zu kommen, die ihm nicht schmeckte. Immerhin, er spaltete da mal Holz, dort half er irgendeinen Schuppen zu errichten, und manchmal begnügte er sich einfach damit, anderen Leuten die Pferde abzureiben und zu füttern. Hauptsache, es fielen ein paar Cents für einen Drink für ihn ab. Der Saloon war seine Heimat. Und alles andere war bösartige Fremde für ihn. Jetzt ist alles anders geworden, seit ein paar Tagen. Er ist im Saloon, Tag und Nacht. Er bettelt nicht mehr, er streunt nicht herum. Er kommt aus dem Saloon überhaupt nicht mehr heraus. Nur wenn sie drin putzen, in den Vormittagsstunden, dann setzt er sich hinten in den Hof in den Schatten und lässt sich einen Drink im Freien servieren. Aber er hat Geld. Ich habe natürlich darauf geachtet, es sind Münzen. Der Teufel weiß, wo er es her hat. Roscoe hat ihn gefragt. Er behauptet, ein Pferd eingefangen und verkauft zu haben. Tatsächlich hat er ein Pferd gefunden und hat es auch verkauft. Es war ein abgetriebener Schinder, der irgendwem weggelaufen ist, aber kein Brandzeichen besaß. Der Verkauf brachte vierzig Dollar. Die Hälfte davon musste Babe sofort an Rosebud-Bill bezahlen, denn dort hatte er Schulden. Und es ist unmöglich, dass er die ganze Zeit von zwanzig Dollar gelebt hat. Aber Rosebud-Bill behauptet, er würde immer bezahlen, wenn auch mit kleinen Münzen. Doch er würde bezahlen.“

„Und dieser Rosebud-Bill weiß nicht, woher die Zwanzigdollarnoten kommen?“

„Ich habe ihn noch nie danach gefragt. Noch nie. Das ist Ihre Sache, Ranger. Denn eines weiß ich genau, hier steckt mehr dahinter als ein einzelner Mann. Zehntausend Dollar. Das ist sogar mehr als das. Das ist hierzulande so viel Geld, da kann man sonstwas damit anfangen. Und dafür, um das Geld zu behalten, würde der, der es hat, auch einen oder mehrere Menschen umbringen, da bin ich ganz sicher. Und ich möchte nicht dazugehören.“ Er lachte. „Zumal ich so ein sicheres Ziel darstelle.“

Cadburn lächelte. „Ja, das ist sogar richtig. Einen Mann wie Sie zu treffen, ist kein Kunststück. Ich will tun, was ich kann.“

„Sind Sie allein hier?“, fragte Snider.

Tom Cadburn nickte. „Wir zwei, er und ich“, erwiderte er und deutete auf Sam.

„Wenn die Bloom-Brüder kommen, ist das ein biddchen wenig“, meinte Snider.

„Machen Sie sich keine Sorgen um mich. Bis jetzt habe ich ganz gut auf mich aufgepasst. Aber wenn ich es nicht getan habe, hat er es für mich getan.“

Er warf Sam einen freundschaftlichen Blick zu. Sam sah zu ihm auf und legte den Kopf schief, als wollte er sagen: Ja, wenn du mich nicht hättest!

*

Die Sichel des Mondes stand wie eine Wiege am Himmel. Fahles Licht fiel auf den Vorplatz der Ranch. Die beiden Tamariskenbäume zeichneten sich vor dem Nachthimmel ab wie Scherenschnitte. Tarrington glitt lautlos aus dem Sattel, band den Braunen an einem stärkeren Zweig des Gebüschs fest und stand zunächst reglos. Als er sicher war, dass die Männer im Bunkhouse schliefen, oder gar nicht in ihm weilten, sondern draußen auf den Weiden bei ihren Herden zu sein schienen, da bewegte er sich auf die Gebäude zu. Er ging vorsichtig, um nur keinen Laut zu erzeugen. Und in seiner Rechten befand sich das Paket mit dem Fleisch, das den Braunen vorher schon in Unruhe versetzt hatte. Es war blutiges, frisches Fleisch. Und der, der es bekommen sollte, fegte schon heran. Er bellte nicht, kam lautlos, wie es seine Art war.

Ein großer Hund, langhaarig, bullig und klug. So klug, dass er auf das Bellen verzichtete und lieber sofort angriff. Aber jetzt griff er nicht an. Den Besuch, der da kam, den kannte er. Und da ihm nie jemand beigebracht hatte, von anderen die Annahme des Futters zu verweigern, freute er sich. Schwanzwedelnd trabte er heran. Er blieb vor Tarrington stehen, der ihm das Päckchen mit dem Fleisch entgegenschleuderte, dass der Hund es geschickt auffangen konnte. Kaum hatte er das Fleisch, trollte sich der große, dunkelhaarige Hund, lief in seine Hütte, um die Spende zu vertilgen, die da wieder einmal unerwartet und reichlich über ihn hereingebrochen war.

Tarrington ging weiter. Es war still, bis auf den Wind, der in den Firsten der Gebäude säuselte.

Als Tarrington den Giebel des Wohnhauses erreicht hatte, zog er sich an einem Fenster empor, stieg völlig lautlos noch ein Stück höher, dabei war es ihm eine gute Hilfe, dass außen zum Ranken von wildem Wein Staketen angebracht waren. Aber der Wein hatte dieses Gerüst verschmäht, er mochte hier überhaupt nicht wachsen. So befanden sich diese Latten völlig sinnlos an der Giebelwand, sinnlos bis zu diesem Augenblick, da Tarrington auf ihnen emporkletterte, mühelos das nächste Fenster erreichte, sich am Sims emporzog und ins Innere blickte.

Das Fenster war geöffnet. Er entdeckte das Bett, dessen Decke im Mondlicht schimmerte. Davor standen ein Paar Schuhe, zierlich und klein. Der letzte Beweis, dass sich nichts an dem geändert hatte, seit Tarrington das letzte Mal hiergewesen war. Er zog sich hinein, und in dem Augenblick wachte die Schläferin auf, sie richtete sich auf, aber Tarrington konnte ihr Gesicht nicht sehen. Er hörte nur, wie sie heftig atmete und dann keuchte: „Um Himmels willen, bist du wahnsinnig? Cass ist im Haus!“

„Ich konnte mir’s denken“, erwiderte Tarrington leise. „Kein Grund zur Aufregung. Wenn ihr schon nicht zusammen schlaft, warum sollst du da nicht Besuch empfangen?“

„Ach, hör doch auf mit diesem Quatsch, Dee! Du weißt genau, was passiert, wenn er dazukommt.“

„Er schläft fest. Er hat den ganzen Tag schwer gearbeitet. Das macht müde. Dieser Narr!“ erwiderte Tarrington verächtlich.

„Er ist kein Narr. Er ist mein Mann! Immer noch!“

Tarrington lachte leise auf, sagte aber nichts. Er setzte sich auf den Bettrand und streckte die Arme nach Betty Marlowe aus. Jetzt hatte er sich an das Dunkel gewöhnt, er konnte sie deutlicher sehen. Ihr langes blondes Haar hing über das Nachtgewand herab. Es schimmerte wie Kupfer im diffusen Mondlicht.

„Lass uns nicht reden. Küss mich!“, sagte Tarrington.

„Du bist verrückt, hierherzukommen“, erwiderte sie und wehrte seine Versuche, sie zu küssen, ab. „Es ist Irrsinn, musst du denn alles aufs Spiel setzen?“

„Was willst du denn mehr? Ich habe ihm Geld gegeben, damit er seine Schulden bezahlen kann.“

„Du bist gut. Du hast mir mein Geld zurückgegeben, was ich dir geliehen hatte. So ist es doch.“

„Na ja, so ist es. Aber er hat davon die Schulden bezahlt, von deinem Geld. Und ohne mich hätte er es nie bekommen.“

„Du bist ein Narr“, sagte sie. „Du setzt alles aufs Spiel. Wenn er dahinterkommt, woher das Geld stammt, was glaubst du, was er tut?“, fragte sie.

„Er wird nicht viel tun, so verrückt kann er gar nicht sein. Er spielt mit seinem Leben, wenn er das nur denkt.“

„Ach nein! Willst du ihn etwa erschießen?“

„Wenn ich dich bekäme, täte ich es. Du brauchst nur mit dem Finger zu schnippen, dann ist er erledigt.“

„Du bist wirklich ein Narr“, sagte sie. „Und anschließend wirst du gehängt. Ist dir das klar? Einfach umbringen, für nichts und wieder nichts. Nur weil er mein Mann ist? Hör mal, er ist mein Mann, er bleibt mein Mann.“

„Er ist gar nicht dein Mann“, widersprach er. „Er ist es nur dem Namen nach. Jedenfalls seit diesem Unfall.“

„Er war mal mein Mann und das in jeder Beziehung. Wenn der Unfall mit dem Stier nicht passiert wäre, hätte sich daran überhaupt nichts geändert. Er kann nichts dafür. Und ich halte zu ihm. Auf der anderen Seite kann er es mir nicht verübeln, dass ich mir eine Freude mache. Nun ja, immerhin bin ich eine Frau, und ich bin gesund, ich habe keinen Unfall gehabt wie er.“

„Aber du traust es dich nicht, ihm zu sagen. Oder weiß er es?“, wollte Tarrington wissen.

„Natürlich weiß er nichts. Das würde seine Eitelkeit unheimlich kränken. Das kann ich ihm nicht sagen. Ich liebe dich, Dee. Hör auf davon! Ich liebe dich, aber er ist mein Mann, und ich muss ihm die Treue halten. Gerade jetzt braucht er mich mehr als irgendwen anderen.“

„Ich wollte, er wäre damals umgekommen bei diesem Unfall. Wo ist das denn passiert? Wie konnte das überhaupt passieren?“, fragte er.

„Du kommst mitten in der Nacht hierher, um mich das zu fragen. Hast du sonst nichts auf dem Herzen?“

Sie wehrte ihn abermals ab, als er versuchte, sie zu küssen. Sie wandte den Kopf beiseite und sagte: „Hör auf! Du willst mich bloß ärgern. Du quälst mich und bringst mich noch in die größten Schwierigkeiten. Warum bist du überhaupt gekommen?“

„Um dich zu lieben!“, sagte er.

„Ich bin müde. Ich habe auch gearbeitet.“

Er lachte. „Was hast du denn getan? Ich habe gesehen, dass sie dich mit einem Wagen in die Stadt gefahren haben, dort hast du ein paar Einkäufe gemacht und bist zur Ranch zurückgekehrt.“

„Ist das keine Arbeit?“, fragte sie herausfordernd.

„Kann Geldausgeben eine Arbeit sein?“

„Ich verstehe nicht, was du willst“, sagte sie scharf. „Bist du nun gekommen, um mich zu lieben oder um mich zu ärgern und mich zu quälen?“

„Warum streiten wir uns eigentlich? Wir reden zuviel. Küss mich! Betty, komm her!“

Sie wehrte ihn wieder ab. „Du hast mir versprochen, uns zu helfen. Am Anfang, da wolltest du alles für Cass tun. Und jetzt jetzt möchtest du ihn am liebsten töten. Das ist gemein von dir. Du hast mir das zurückgegeben, was du mir schuldetest. Auf den Cent genau. Ich weiß, dass du mehr hast. Ich glaube dir nicht, dass es stimmt, was du sagst. Dieser Kerl hat mehr in seiner Satteltasche gehabt als viertausendfünfhundert Dollar. Es muss weit mehr gewesen sein. Ich habe da irgendwas gehört. Leider haben sie die Summe nie genannt, die geraubt wurde. Aber die Belohnung, verstehst du, die Belohnung ist so hoch, dass es mehr gewesen sein muss. So eine Belohnung haben sie ganz selten ausgesetzt. Tausend Dollar!“

„Nun, angenommen, es ist mehr. Was folgerst du daraus?“

Betty lehnte sich zurück. „Was ich daraus folgere? Dass ein Mann, der mich liebt, mir auch helfen würde. Und ich brauche Hilfe. Wir haben ziemliche Schwierigkeiten. Ein Mann, der mich liebt, ist doch bereit, der Frau Freude zu machen, die er liebt. Mir Freude zu machen, verstehst du? Dee, ich brauche Geld! Ich brauche Geld, ich brauche sehr viel mehr Geld, als du mir gegeben hast.“

„Ich verstehe das nicht. Wenn du Geld an mich verleihen konntest, so könnt ihr doch nicht arm sein.“

„Du irrst dich. Was ich dir geliehen habe, war abermals geliehenes Geld. Wir müssen es zurückzahlen. Und nicht nur das. Es ist viel mehr.“

Er richtete sich etwas auf. Seine eben noch lodernde Leidenschaft war merklich abgekühlt. „Betty, ich bin doch nicht hier, um mit dir ein Geschäft zu machen. Du bist doch keine verdammte Hure, die man bezahlt, wenn man mit ihr schläft.“

„Ich weiß es nicht, was ich bin. Manchmal komme ich mir so vor.“

Er sah die Lichtreflexe des Mondes in ihren Augen. „Betty, warum kommst du nicht einfach mit? Warum dem schlechten Geld noch ein gutes nachwerfen? Er ist dein Mann, du kannst mit ihm nichts anfangen, du klammerst dich an ihn, obwohl du dazu gar nicht verpflichtet bist. Was geht dich der Unfall an, den er gehabt hat? Vielleicht war er unachtsam. Und noch etwas, Betty. Angenommen, ich habe noch Geld, warum kommst du nicht einfach mit? Dann haben wir es ganz für uns. Diese Ranch hier, das wird doch nie etwas. Für eine Frau wie dich ist das doch nichts. Du gehörst in eine Stadt, nicht auf diese Klitsche hier.“

Betty lachte leise. „Du hast zwar recht. Aber ich kann ihn doch nicht einfach zurücklassen. Ich kann ihn doch nicht sich selbst überlassen. Er braucht mich doch!“

„Ich brauche dich“, widersprach Tarrington. „Und weißt du was? Ich hatte recht. Man sollte ihn irgendwo ins Messer laufen lassen.“

„Ich weiß nicht“, erwiderte sie. „Wie lange bist du denn noch hier?“

„Wir haben jetzt ein Camp hier in der Nähe. Ich leite den Vermessungstrupp. Die andere Geschichte ist ja erledigt. Ich bin kein Kavallerist, verstehst du? Wir legen Landkarten an. Das haben wir schon einmal getan, weiter nördlich. Jetzt sind wir in dieser Gegend. Und weil ich nun gerade mal hier war, hat man mich dazu bestimmt. Wir haben das ja alles in West Point gelernt. Nun machen wir’s eben.“

„Sehr gut“, sagte sie, „aber ewig werdet ihr das Land ja nicht vermessen. Es kommt der Tag, wo sie dich sonstwohin versetzen. Vielleicht nach Nebraska, Montana, was weiß ich. Und ich muss mitziehen. Oder willst du deinen Abschied nehmen?“

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903775
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334405
Schlagworte
texas wolf betty marlowes spiel

Autor

Zurück

Titel: Texas Wolf #20: Betty Marlowes falsches Spiel