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Ponca-Ehre

2016 130 Seiten

Zusammenfassung

Montana, 1875. Major MacDonald ist Befehlshaber des unbedeutenden Grenzpostens Fort Star. Von unbändigem Hass getrieben, ist ihm jedes Mittel gegen die Indianer recht. Um die in Frieden lebenden Ponca unter Druck setzen und in die Reservationen Oklahomas zwingen zu können, lässt er die Häuptlingstochter Wenola in Gewahrsam nehmen. Bald darauf ereignet sich ein Überfall auf einer nahegelegenen Farm. Da alle Spuren auf die Ponca hindeuten, hat MacDonald endlich seine Rechtfertigung gefunden, um erbarmungslos gegen sie losschlagen zu können. Armeescout Brady setzt sich für sie ein und glaubt an ihre Unschuld. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn der Major ist besessen davon, die Ponca zu vernichten…

Der Einstand des jungen Debütanten J.F.Keagan, der zeigt, dass auch in der 2.Dekade des 21.Jahrhunderts furiose Abenteuer aus der Zeit des Wilden Westens geschrieben werden können.

Leseprobe

PONCA - EHRE

Ein Western von J.F. Keagan

––––––––

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von F.M.Russell mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Montana, 1875. Major MacDonald ist Befehlshaber des unbedeutenden Grenzpostens Fort Star. Von unbändigem Hass getrieben, ist ihm jedes Mittel gegen die Indianer recht. Um die in Frieden lebenden Ponca unter Druck setzen und in die Reservationen Oklahomas zwingen zu können, lässt er die Häuptlingstochter Wenola in Gewahrsam nehmen. Bald darauf ereignet sich ein Überfall auf einer nahegelegenen Farm. Da alle Spuren auf die Ponca hindeuten, hat MacDonald endlich seine Rechtfertigung gefunden, um erbarmungslos gegen sie losschlagen zu können. Armeescout Brady setzt sich für sie ein und glaubt an ihre Unschuld. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn der Major ist besessen davon, die Ponca zu vernichten...

Der Einstand des jungen Debütanten J.F.Keagan, der zeigt, das auch in der 2.Dekade des 21.Jahrhunderts furiose Abenteuer aus der Zeit des Wilden Westens geschrieben werden können.

Roman

Die Sonne stand schon tief. Lange nicht mehr, vielleicht noch zwei Stunden, dann würde sie glutrot am Horizont versinken und der hereinbrechenden Nacht weichen. Die Männer bedauerten dies nicht, denn die erbarmungslose Augustsonne hatte ihnen übel zugesetzt. Brady wandte sich im Sattel um und sah in sonnenverbrannte, zermürbte Gesichter. Die zehn Reiter der kleinen Patrouille waren etwas hinter ihm und Sergeant Drew zurückgeblieben.

Er begleitete die Männer als Scout. Seit acht Tagen befanden sie sich auf einem Erkundungsritt im westlichen Montana, mit dem Befehl, nach Spuren aufrührerischer Dakota-Sioux zu suchen. Sie waren nicht die erste Patrouille, die Major MacDonald entsandt hatte und die nicht wiedergekehrt war. Die Sioux mieden die offene Konfrontation und zeigten sich immer wieder nur in kleinen Scharen und traten besonders durch Plünderungen und Überfälle in Erscheinung. Doch von ihren Häuptlingen geschickt geführt, entzogen sie sich immer wieder vom Zugriff der Armee.

Die langen Tage, die hinter der Patrouille lagen, hatten die Männer bis aufs Letzte ausgehöhlt und - weil sie keinerlei nennenswerte Spuren fanden - auch demoralisiert.

Als Scout war Brady im Grunde sein eigener Herr und doch in vielerlei Hinsicht den Bestimmungen des Militärs unterworfen. Er arbeitete seit vielen Jahren für die Armee, doch an Tagen wie diesen, da hasste er sie. Denn war er einmal mit einer Patrouille ausgerückt, so gab es kein Zurück mehr. Dann stand auch er unter Kriegsrecht. Und er hasste es besonders, wenn er einem Zugführer zugeteilt war, den er für unfähig hielt.

Vor ihnen lag der Muddy Canyon, ein unwegsamer Gebirgszug, der sich in der Mitte teilte und sich wie der Schlund eines Raubtieres öffnete. Sie befanden sich auf dem Rückweg und noch einen guten Tagesritt von Fort Star entfernt, als sich auf den Höhen der Hügelketten plötzlich zu beiden Seiten einige Reiter zeigten.

Der Sergeant, ein bulliger und altgedienter Soldat, senkte den Feldstecher und rieb sich mit dem Handrücken über die geröteten Augen.

„Pah! Brady, hier haben Sie Ihre roten Hunde. Dafür wäre kein Scout mit Adlerblick nötig gewesen.“ Er lachte verächtlich auf.

Brady blickte ihn fest und ausdruckslos an. Ein leichtes Zucken in den Mundwinkeln verriet seine Abneigung gegenüber dem Unteroffizier.

„Also, Pfadfinder“, fuhr der Sergeant fort, „dann werden wir das verlauste Gesindel mal zu Paaren treiben!“

Bradys Miene war noch immer noch ausdrucklos. In den Augen des Sergeants flackerte es herausfordernd.

„Sergeant, ich sage Ihnen, umreiten Sie das Gebirge. Das dort oben sind zwar Sioux, aber sie zeigen sich uns ganz bewusst. Was das bedeutet, dürfte klar sein.“

„So? Und was genau? Ich werde Ihnen sagen: Sie haben die Hosen voll und wollen lieber einen Umweg von 40 Meilen in Kauf nehmen! Flucht vor dem Feind! Dass ich nicht lache!“

Brady kannte Typen wie Sergeant Drew. Sie waren im Grunde alle gleich. Gewiss, sie waren nicht furchtlos, aber verbittert darüber, dass ihr Sold kaum ausreichte, eine Frau, geschweige denn eine Familie zu ernähren. Die meisten von ihnen waren ewige Junggesellen, die immer noch glaubten, durch irgendein tollkühnes Hervortun doch noch das Offizierspatent zu erhalten. Sich beweisen, nach oben buckeln und nach unten treten. Mehr gab es für sie nicht. Und da man es mit dem Sold ohnehin zu nichts brachte, ging er meist vollständig für Whisky drauf.

„Ich sage es Ihnen noch einmal, Sergeant“, erwiderte Brady bestimmter als vorher, „wenn wir da hinauf reiten, wird Ihr Skalp gewaltig zu jucken anfangen.“

Drew blickte verstohlen nach links und nach rechts. Er wollte einfach nicht hören. Brady sah es ihm an.

„Jetzt hören Sie mir nochmal gut zu, Lederstrumpf. Das Kommando hier führe ich. Und der Befehl lautet, den Feind aufzuspüren, seiner Spur zu folgen und auf Konfrontation zu gehen...“

Sergeant Drew sprach noch weiter, doch Brady ignorierte das, ließ sein Pferd zurückfallen und kam schon bald auf Höhe mit der Patrouille. Er ritt nun neben dem jungen strohblonden Corporal Fibers, der noch fast wie ein Kind wirkte.

„Was zum Teufel hat er vor, Sir?“, fragte er. Brady wusste, dass es keinen Sinn hatte, den Jungs etwas vorzumachen. Was sollte er tun? Ihnen raten, ein Stoßgebet zum Himmel zu schicken? Wäre er gläubig gewesen, hätte er das vielleicht getan.

„Der Dreiwinkel-Soldat möchte geradewegs in die Hölle reiten, scheint mir“, kommentierte er das missfällig. In den Blicken der Soldaten, die ihren Sergeant beobachten, lag mehr als Unbehagen. Es war Abneigung, vielleicht sogar Hass.

Die Stentorstimme des Sergeants ertönte. „Männer, da oben seht ihr die Schufte! Wir werden Sie niederschießen und der Armee alle Ehre machen!“ Er zog das Gewehr und schwenkte es über dem Kopf. „Anreiten und vorwärts! Johooo!“

Die Männer folgten widerwillig und fluchend.

*

Die Indianer saßen stoisch auf ihren Pferden und schienen von den heranpreschenden Soldaten vollkommen unbeeindruckt. Selbst Sergeant Drew verunsicherte das. Er verlangsamte das Tempo seines Pferdes, je näher sie dem Eingang des Canyons kamen, dessen Rot an manchen Stellen durch das saftige Grün von Bäumen und Büschen durchbrochen wurde. Sie waren nun so nahe herangekommen, dass sie fast die stolzen, kantigen Gesichter der Krieger erkennen konnten. Der Sergeant begriff, dass es tatsächlich nur eine Falle sein konnte, doch da war es bereits zu spät.

Noch ehe der erste Schuss abgegeben wurde, verschwanden die Reiter plötzlich hinter den Hügeln. Die Soldaten zügelten ihre schnaubenden Tiere und spähten nervös nach oben. Sie glaubten, über sich schattenhafte Bewegungen auszumachen, doch die tiefstehende Sonne blendete sie.

Brady saß ab. Der Sergeant riss sein Pferd zu ihm herum. In den tiefen Runzeln seiner verbrannten Stirn glitzerten Schweißperlen.

„Brady, verdammt! Ich habe nichts von Absitzen gesagt!“

Ein helles surrendes Geräusch mischte sich unter das Gebrüll des Sergeants und brachte ihn zum Schweigen. Der Pfeil hatte sich in seine rechte Schulter gebohrt. Er hielt sich im Sattel, riss die Augen auf und blickte den Scout fast hilfesuchend an. Denn jetzt wusste er, welchen fatalen Fehler er begangen hatte. Nur kam die Einsicht viel zu spät!

Überall zwischen Geröll und Felsen blitzten Gewehrläufe auf. Geschosse pfiffen durch die Luft. Unter den Männern brach Panik aus. Sie eröffneten das Feuer und schossen nach oben, ohne ein Ziel erkennen zu können. Von den Felsen hallte das schreckliche, triumphierende Geheul der Sioux.

Brady ging hinter einem Felsbrocken in Deckung, der dicht an den Ausläufern des Gebirgsmassivs lag. Er sah Myers vom Pferd fallen. Landrys Pferd war gestürzt und hatte ihn unter sich eingeklemmt. Der Oberkörper des Soldaten bot eine regelrechte Zielscheibe. Als sich der erste Pfeil in seinen linken Unterarm bohrte, nahm er in seiner Verzweiflung die Mündung der Pistole in den Mund und drückte Sekunden später ab. Landrys Sterben ging im Kampfeslärm unter.

Der Sergeant wollte vom Pferd steigen, doch die Verwundung verlangsamte seine Bewegungen. Ein weiterer Pfeil bohrte sich in den breiten Rücken. Seine Hände krampften sich in der Mähne des Pferdes fest – aber vergeblich. Er fiel nach hinten und blieb dabei mit einem Fuß im Steigbügel hängen.

Corporal Fibers wollte zu ihm eilen, doch Brady schnitt ihm den Weg ab und zerrte ihn zu sich in die Deckung.

„Sie können Ihrem Sergeant nicht mehr helfen, Fibers“, sagte er ernüchternd. Der Corporal war in Schockstarre verfallen. Bradys kräftige Hände mussten ihn kräftig schütteln, bis sich sein entsetzter Blick wieder von Sergeant Drew löste, dessen Pferd ihn immer tiefer in den Canyon schleifte.

„Um Himmels Willen, wir sind alle verloren, Brady!“, kreischte er.

„Ja, vielleicht sind wir das, mein Junge. Dennoch sollten wir versuchen, unsere Skalps so teuer wie möglich zu verkaufen“, knurrte der Scout.

Brady wusste, dass es nur noch eine Chance für sie gab. Sie mussten heraus aus diesem Canyon, sonst würde diese Schlucht für sie zum Grab werden.

„Lassen Sie aufsitzen, Fibers. Reiten sie im schärfsten Galopp quer durch den Canyon und schießen sie auf alles, was Sie für einen Indianer halten. Reiten Sie. Drehen Sie nicht um, egal was passiert - und sehen Sie zu, dass Sie davonkommen.“

Der Corporal schien immer noch große Mühe zu haben, einen klaren Gedanken zu fassen.

„Und was wird aus Ihnen, Brady?“, fragte er.

„Zum Teufel, kümmern Sie sich nicht um mich. Ich werde nachkommen. Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren! Los jetzt!“, spornte er ihn an.

Brady hatte die letzten Worte mit solchem Nachdruck ausgestoßen, dass der Corporal den Ernst der Lage verstand. Ein Ruck ging durch seinen Körper. Mit einem Satz war er bei seinem Pferd, das aufgescheucht im Canyon hin und her tänzelte, ergriff die Zügel und saß auf. Dabei schoss er auf die Gegner, als wolle er den Sioux zu verstehen geben, dass der Widerstand noch nicht gebrochen war. Er saß aufrecht im Sattel und obwohl ihn Kugeln und Pfeile umschwirrten, zeigte er keine Angst.

„Männer!“, schrie er mit gefestigter Stimme, „auf die Pferde und mir nach!“

Seiner Aufforderung kam zunächst niemand nach. Dort im staubigen Grund lagen sie, der Stolz der US-Armee, eine fast vollständig aufgeriebene Patrouille der 2. Kavallerie, in einen Hinterhalt geführt von einem Sergeanten, der sich gnadenlos überschätzt hatte.

Ein älterer Soldat, der am Boden lag, hob den Arm. Blut, Staub und Dreck bedeckten sein Gesicht. Der junge Corporal beugte sich hinunter zu ihm und zog ihn zu sich aufs Pferd. Ein zweiter Soldat, ein riesenhafter Hüne, der unverletzt schien, jedoch seine gesamte Ausrüstung verloren hatte, kam ebenfalls in sein Blickfeld geritten. Corporal Fibers warf einen letzten Blick auf diesen Ort des Schreckens, gab dem Pferd die Sporen und preschte mit dem Hünen an seiner Seite durch den Pass. Der Verwunderte klammerte sich verzweifelt mit blutigen Fingern an ihm fest - aus Angst, er könne jeden Moment vom Pferd stürzen.

Aus der Deckung beobachtete Brady, wie die Staubwolke der Fliehenden immer kleiner wurde. Der Kampfeslärm war zum Erliegen gekommen, die Roten schossen nicht auf die drei flüchtenden Männer. Es verwunderte Brady nicht. Die Sioux waren sich ihrer Sache sicher. Sie waren überzeugt davon, dass es für die drei Soldaten kein Entkommen gab. Es war für die Sioux nun zu einem Katz- und Maus-Spiel geworden, dessen Ausgang sie bewusst noch hinauszögerten.

Er konzentrierte sich jetzt auf sein eigenes Überleben – und das war alles andere als sicher. Selbst mit einer zielsicheren Henry-Rifle nicht!

Während die US-Armee mit Springfield-Karabinern ausgerüstet war, besaß Brady seine eigenen Waffen. Darunter war auch die Henry-Rife mit einem Magazin von 15 Schuss. Als er die ersten fünf Schüsse kurz hintereinander abgefeuert hatte, schienen die Roten verwirrt und begannen das Feuer zu erwidern.

Brady wollte seine Gegner durch das Gewehrfeuer noch eine Zeit lang im Canyon beschäftigen, um dem Corporal einen guten Vorsprung zu verschaffen. Tatsächlich ging sein Plan auf. Als er die ersten fünf Schüsse kurz hintereinander abgegeben hatte, schienen die Roten verwirrt und begannen das Feuer zu erwidern.

Hinter den Geröllbrocken war Brady im Moment noch sicher, aber es blieb ihm nicht viel Zeit. Die Indianer würden schon bald herausfinden, dass nur ein einziger Mann zurückgeblieben war. Und wenn das geschah, dann hatte er keine Chance mehr. Er wusste auch, dass sie es auf die Pferde abgesehen hatten. Sein eigenes Tier, ein zäher Brauner, stand kaum 40 Yards von seiner Deckung entfernt.

Auf der gegenüberliegenden Seite tauchte ein pechschwarzer Haarschopf auf. Wenige Augenblicke später sah Brady den glänzenden Lauf eines Gewehres zwischen den Felsen. Während er seine Deckung verließ, schoss er auf diesen Gegner. Er rannte auf sein Pferd zu, das ihm, nachdem es ihn gewittert hatte, entgegenkam.

Während er sich auf den Rücken des Braunen schwang, fühlte er einen brennenden Schmerz in der Hüfte, vergeudete aber keinen Gedanken daran. Er musste weg von hier – und zwar schnell!

Die Sioux hatten mittlerweile erkannt, dass sie von einem einzelnen Mann getäuscht worden waren. Sie antworteten mit starkem Gewehrfeuer. Mehr als einmal spürte Brady, wie das heiße Blei dicht an ihm vorbeipfiff. Eine weitere Kugel streifte seine Wange und riss ihm die Haut auf. Er ignorierte den einsetzenden Schmerz und duckte sich tief im Sattel, während er das Ende des Passes vor sich erblickte.

Obwohl er sich nicht umschaute, ahnte er, dass man ihn nicht verfolgte. Die Indianer, die sich hinter den Hängen verborgen hatten, verloren Zeit, weil sie ihre Mustangs erst auf unwegsamen Wegen hinunter führen mussten. Das hielt sie auf – und diese Verzögerung musste Brady nutzen. Dass er ihnen jetzt entwischt war, hieß noch lange nicht, dass er seinen Skalp behalten würde. Auch als er die Mündung des Canyons erreichte, gönnte er sich keine Verschnaufpause. Er musste so schnell wie möglich Corporal Fibers und die anderen beiden Männer finden. Nur wenn sie zusammenblieben, hatten sie vielleicht eine Chance.

*

Das Gelände wurde ebenmäßiger. Wo das satte Grün nur sporadisch zwischen Geröll aus unfruchtbarem Boden gesprossen war, so breitete es sich nun überall aus. Ein Anblick des Friedens, der darüber hinwegtäuschte, welche Katastrophe sich vor kurzer Zeit noch unweit entfernt abgespielt hatte.

Die Schusswunde in Bradys Hüfte blutete noch, die Kugel war aber nicht steckengeblieben. Noch immer hielt er nicht an, um seine Wunde zu versorgen. Dieses Risiko durfte er nicht eingehen.

Er war ein zäher Bursche, der nicht so schnell aufgab. Trotz seiner fünfzig Jahre war sein Haar noch voll und dunkel. Seine Haut unterschied sich durch die vielen Sommer kaum noch von seiner ledernen Kleidung. Doch die vergangenen acht Tage hatten auch ihm alles abverlangt. Seine Wangen waren eingefallen und zwischen seinen Bartstoppeln saß der Dreck als stummer Zeuge tage- und nächtelanger Ritte.

Er dachte an den Corporal und dessen Männer, von denen er nicht wusste, ob sie überhaupt noch lebten. Er hoffte, dass sie den Weg in Richtung des Forts eingeschlagen hatten. Nur so würde er sie rasch einholen können.

Die Sonne schickte ihre letzten Strahlen vom Horizont herab und tauchte die malerische Umgebung in ein gespenstisches Zwielicht. Brady war in ein herrliches Tal mit Nadelbäumen und Espen gekommen, das von einem kleinen Creek durchwunden wurde. Eine dünne Stimme durchschnitt die Stille der hereinbrechenden Dämmerung.

„Gott sei Dank! Brady! Um Haaresbreite hätte ich auf Sie geschossen!“ Es war Corporal Fibers. „Sie haben es geschafft...“

„Wir sind aber noch nicht in Sicherheit“, erwiderte Brady, während er vom Pferd stieg. Er blickte sich an der Stelle um, wo die Soldaten ihr Lager aufgeschlagen hatten. Wenigstens hatten sie kein Feuer entfacht. Denn das wäre in dieser Situation bodenloser Leichtsinn gewesen. Auch der Hüne, der den Namen Davis trug, war bei dem Corporal. Den Mann mit der Kopfwunde sah er aber nicht.

Corporal Fibers schien Bradys Gedanken zu erraten. „Wir haben ihn vor einer halben Stunde begraben“, sagte er.

Brady nickte nur und nahm seinem Pferd den Sattel ab. Er spürte jetzt seine eigene Müdigkeit, denn der Blutverlust machte ihm zu schaffen, und er spürte eine bleierne Schwere der Erschöpfung.

„Von den Sioux haben wir nichts mehr gesehen oder gehört“, sagte jetzt Davis.

„Das heißt rein gar nichts. Sie sind immer dann am nächsten, wenn man nicht mehr mit ihnen rechnet“, erwiderte Brady nebensächlich, während er nach seiner Wunde schaute und sie notdürftig verband.

„Ich glaube nicht, dass sie uns in der Nacht angreifen“, fuhr er fort. „Sie haben es auch überhaupt nicht eilig. Warum auch? Sie wollen uns mürbe machen und unseren Willen brechen. Und dann werden sie zuschlagen. Es spielt für sie keine Rolle, ob das heute, morgen oder übermorgen ist.“

Die beiden Soldaten blickten betreten zu Boden. Der Corporal schien einem Nervenzusammenbruch nahe.

„Diese Schweine, diese elenden roten Schweine!“, schluchzte er. Brady fuhr zu ihm herum.

„Hör mal gut zu, mein Junge“, zischte er ihn an. „Euer Sergeant trägt die Verantwortung dafür, was passiert ist. Er ist auf den Trick der Indianer reingefallen.“

Fibers wusste, dass Brady die Wahrheit sprach, aber die erste wirkliche Konfrontation mit dem Tod, die er heute erlebt hatte, war zu viel für den jungen Mann

„Der Sergeant hätte uns nie in den Canyon führen dürfen. Aber das rechtfertigt noch lange nicht das Vorgehen der Roten“, sagte er.

Brady schwieg eine Weile, als wolle er seine Antwort gut überlegen.

„Töten ist niemals gerechtfertigt. Und doch geschieht es. Von beiden Seiten. Die Armee tötet und kann sich für alles rechtfertigen. Und die Indianer? Ja, auch sie töten, und das manchmal auf grausame Art und Weise. Ihre Rasse ist dem Untergang geweiht, doch was sollen sie tun? Tatenlos zusehen, wie ihnen ihr Land genommen, ihre Kultur zerstört und ihre Familien ausgerottet werden?“

Weder Fibers noch Davis gaben Antwort, doch ihre Blicke verrieten, dass Brady sie mit seinen Worten aufgewühlt hatte.

Die Nacht kam mit einer strengen Kühle, die bereits den nahenden Herbst verkündete. Die Kälte der Nacht kroch nun in alle Glieder. Sie hüllten sich in ihre Decken, hielten nacheinander Wache und schliefen abwechselnd.

Brady war der letzte, der sich zum Schlafen niedergelegt hatte. Als Corporal Fibers ihn schließlich ablöste, fand er dennoch kaum Schlaf. Der Morgentau durchnässte seine Kleider, erfrischte aber auch seinen Geist. Er stand auf und trat zu Fibers, der zwischen einer Baumgruppe von Espen in die Dunkelheit stierte.

„Wann glauben Sie, dass sie kommen werden, Brady?“, flüsterte Fibers.

„Das weiß man nie genau“, antwortete er, doch im Grunde war ihm klar, dass sie sich bemerkbar machen würden, sobald die Morgendämmerung einsetzte.

„Wissen Sie was, Brady? Sollten wir jemals lebend zum Fort zurückkehren, dann überlege ich, ob ich den Abschied von der Armee nehme.“

Brady zog die Augenbrauen hoch. „Warten Sie mal ab. Sobald Sie in den schützenden Schoß der Armee zurückgekehrt sind, dann sieht die Sache wieder anders aus.“ In seiner Stimme schwang Verachtung mit.

„Sie täuschen sich in mir“, erwiderte der Corporal. „Für mich gibt es wichtigere Dinge im Leben als die Armee.“

„Wichtiger als die Armee? Das kann nur eine Frau sein“, sagte Brady.

„So ist es. Sarah und ich wollen heiraten. Aber solange ich Corporal bin, werde ich kaum eine Familie ernähren können.“

Brady blickte dem Corporal fest in die Augen. „Sarah sagten Sie? Meinen Sie Sarah Svenson? Die Tochter des ehemaligen Proviantmeisters Lars Svenson?“

„Ja, ganz genau so ist es. Sie kennen sie?“

Brady schluckte. „Ja, ich kenne sie und ihren Vater schon viele Jahre. Ich war für einen Moment nur etwas überrrascht, weil Sarah in meiner Vorstellung noch ein kleines Kind war.“

„Sarah ist 21“, gab Fibers schmunzelnd zur Antwort.

Sie kamen nicht dazu, ihre Unterhaltung weiter fortzuführen. Auf einmal tauchten die Verfolger zu beiden Seiten des Lagers auf und stimmten ein Geheul an, dass es durch Mark und Bein ging. Man hätte glauben können, dass alle Teufel der Hölle losgelassen worden wären.

Brady riss seine Henry-Rifle hoch und schoss auf die Sioux die am nahesten herangekommen waren. Davis und Fibers feuerten zur anderen Seite, zuerst mit den Karabinern, dann mit den Revolvern.

Brady hatte allein vier von sieben Reitern aus dem Sattel gefegt, und auf der anderen Seite waren drei Indianer durch die Kugeln der Soldaten gestorben. Doch Davis hatte es erwischt. Sein Baumwollhemd war von Blut durchtränkt. Brady und Fibers tauschten einen kurzen Blick. Sie wussten beide, dass Davis mit einem solchen schweren Bauchschuss nicht mehr reiten konnte. Mehr noch, ihnen war klar, dass er das Ende des Tages nicht erleben würde.

Noch sieben Indianer waren übrig. Die Männer beobachten, wie sie sich etwa 100 Yards östlich vom Lager sammelten. Sie waren nun zu wenige, um einen Angriff von beiden Seiten zu wagen. Das war die Chance, doch was sollte mit Brady geschehen? Der Blick des großen Mannes entband seine Kameraden von der Pflicht. Mühsam setzte er sich auf und nahm den Colt in die Hand.

„Macht schon, dass ihr wegkommt“, ächzte er. „Der alte Davis wird diesen roten Hunden eine ordentliche Ladung Blei verpassen.“

Zeit zum Überlegen blieb nicht. Fibers warf Davis eine Handvoll Patronen hin. Dies war alles, was sie noch für ihn tun konnten. Sie hatten gerade die Pferde erreicht, als sie hörten, wie die Sioux erneut heranpreschten.

Die beiden Männer drehten sich nicht um. Vor sich sahen sie die freie Ebene, und hinter sich hörten sie Gewehrsalven und Revolverschüsse, die sich deutlich voneinander unterschieden. Dann folgte noch ein einzelner Schuss. Es war der eines Revolvers.

„Wer weiß, wie viele von ihnen der gute Davis noch mit in den Tod gerissen hat“, sagte Corporal Fibers, während er sich im Sattel umdrehte.

„In jedem Fall hat er es richtig gemacht. Er hat die letzte Kugel für sich selbst aufgespart“, antwortete Brady. „Los weiter jetzt!“

*

Sie ritten den gesamten Tag hindurch und machten nur ein einziges Mal für eine Stunde Rast, als sie in der Nähe von Lone Hill auf einen kleinen Creek stießen. Sie füllten ihre Feldflaschen, tränkten ihre Pferde und rieben sie ab. Dann saßen sie wieder in den Sätteln. Noch zweimal schien es Brady, als würden sie beobachtet, als wittere er die Anwesenheit der Indianer. Doch sie zeigten sich nicht mehr. Und das bedeutete, dass Brady und Fibers in Sicherheit waren und ohne weitere Probleme Fort Star erreichen konnten.

Auch den Sioux war es nicht verborgen geblieben, dass Fort Star nur noch halbherzig von der Armee gehalten wurde. Das Fort war einst in der süd-östlichsten Ecke des Montana-Territoriums errichtet worden. Im Westen her floss der Powder River vorbei und von Süden blickten in der Ferne die Black Hills auf den Grenzposten herab. Immer größere Teile der Besatzung waren über die vergangenen Monate abgezogen worden, die Palisadenumzäumung war teilweise morsch und mehrere Gebäude, die ehemals Stores beherbergt hatten, standen leer. Es war ein offenes Geheimnis, dass es nur eine Frage der Zeit war, wann die Regierung das Fort aufgab. Für die Armee stand längst fest, dass ein entscheidender Schlag gegen die Sioux geführt werden musste, und alles sprach dafür, dass dies bald geschehen würde.

Auch Major MacDonald war sich dessen bewusst. Doch er, der Mann, der in Fort Star den Oberbefehl führte, weigerte sich, diesen Umstand hinzunehmen. Schon vor dem Bürgerkrieg war er zum Major aufgestiegen und hatte seinen Rang auch nach dem Sieg über die Konföderierten behalten. Nach dem Krieg kämpfte er im Süden gegen die Apachen und die Kiowas, wo er sich besonders durch seine Grausamkeiten einen Namen gemacht hatte. Als er 1871 nahezu einen ganzen Apachenstamm auslöschte, in dem er die Indianer in eine Falle von Flatterminen lockte, schritt die Regierung ein. Der Indianertöter, wie man ihn hinter vorgehaltener Hand nannte, sollte an einen unbedeutenden Grenzposten versetzt werden. Im Grunde genommen war es ein großes Zugeständnis, dass seine Gräueltaten weder mit Degradierung noch mit Kriegsgericht geahndet wurden und man ihm Gelegenheit gab, bis zu seiner nahenden Pensionierung im Majorsrang weiter Dienst zu tun. Er aber empfand es als ungeheure Schmach, fühlte sich verraten und verkauft.

MacDonald war, von Größenwahn und Geltungssucht getrieben, überzeugt, dass er im Krieg mit den Sioux die entscheidende Wendung herbeiführen und seinen Ruf wiederherstellen könne. Früher war es allein seine Rassenideologie gewesen, die seinen Indianerhass geschürt hatte. Doch dieser Hass war längst zu einem unbändigen Selbstläufer geworden. Ein Hass, der die rote Rasse für alle Schlechtigkeit dieser Welt, besonders aber für sein eigenes Scheitern verantwortlich machte und ihn unberechenbar werden ließ.

Hier in Fort Star war er unangefochten und seine Autorität wurde nicht infrage gestellt. Von einer Besatzung von ehemals zwei Schwadronen der zweiten Kavallerie waren lediglich noch 95 Mann im Fort verblieben. Erst vor einigen Monaten hatte der Major bereits eine Patrouille verloren, die er ohne ausreichend Proviant in Richtung der Black Hills aufbrechen ließ, um die Hauptlager der Sioux ausfindig zu machen. Es dauerte Wochen, bis eine Gruppe von Arikara-Scouts die Nachricht überbrachte, dass die Patrouille vollständig durch die Sioux vernichtet worden war, noch bevor sie die Black Hills überhaupt erreichen konnte. Unter den 26 gefallen Männern befanden sich allein zwei Lieutenants und vier Unteroffiziere.

Die Armee dachte aber gar nicht daran, weitere Offiziere nach Fort Star abzukommandieren, und so gehörte mittlerweile außer Major MacDonald nur noch ein weiterer Mann der Besatzung von Fort Star dem Offiziersrang an. Captain Leenham kannte den Major bereits seit dem Bürgerkrieg, war ambitionslos und obwohl ihm der Führungsstil von MacDonald missfiel, unternahm er nichts dagegen und billigte ihn.

Die beiden Offiziere wirkten wie graue Wölfe, als sie aus der Kommandantur traten. Voran schritt MacDonald, ein schlanker, hochgewachsener Mann mit eisgrauem, streng gescheiteltem Haar und Augen, die durchdringend und kalt waren. Sein Gang war entschlossen und strotzte von überheblicher Selbstgefälligkeit. Ihm folgte Captain Leenham, ein fast greisenhafter Alter, mit einem leicht gebückten Gang, der nur wenig Militärisches an sich hatte. Seine wässrigen Augen wirkten müde, gaben ihm aber insgesamt eine Erscheinung von Milde.

„Auf das Tor für Corporal, Fibers!“, rief einer der Wachsoldaten vom windschiefen Turm des Forts herab.

Major MacDonald eilte auf das geöffnete Tor zu, Captain Leenham hatte Mühe, dem Kommandanten zu folgen.

MacDonald musterte die beiden erschöpften Reiter, abschätzig, die sich nur mit Mühe in den Sätteln halten konnten.

Der Corporal saß ab, zwang sich zu militärischer Haltung, salutierte und wollte Meldung machen. Doch MacDonald ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen.

„Corporal Fibers, ich erwarte Sie in zehn Minuten in der Kommandantur! Wegtreten!“

Nun stieg auch Brady vom Pferd, der bislang stiller Beobachter gewesen war.

„Auf ein Wort, Major“ sagte er mit einer Stimme, die weder Respekt noch Verachtung erahnen ließ.

Captain Leenham wandte sich als erster um. Der Major schob ihn zur Seite.

„Was haben Sie zu sagen, Scout?“, zischte er.

„Eine ganze Menge, Major. Doch dazu ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Nur soviel: wir sind um unser Leben geritten, und der Junge hier ist vollkommen fertig. Ihren Bericht werden Sie auch in ein paar Stunden noch bekommen, darauf können Sie sich verlassen.“

Captain Leenham schien bei diesen Worten des altgedienten Armeescouts sogar unmerklich zu nicken, doch Major MacDonald schäumte vor Wut.

„Was erlauben Sie sich, Scout? Noch so eine Unverschämtheit von Ihnen und ich lasse Sie in Kerkerhaft nehmen!“

Brady schenkte dem Major keinen weiteren Blick. Er tippte sich auf den alten staubigen Feldhut und nickte Fibers zu. „Tut mir Leid, mein Junge, ich hab’s zumindest versucht. Wir sehen uns später.“

Als Brady bei seinem Quartier ankam, das bei den Lagerstätten der Arikara-Scouts lag, fühlte er sich leer, ausgebrannt und alt. Seine Glieder waren steif und schmerzten. Vielleicht war es an der Zeit, den Westen zu verlassen und in eine der großen Städte des Ostens zu gehen. Das waren seine Gedanken, bevor er in einen tiefen und traumlosen Schlaf fiel.

Er mochte gerade eine Stunde geschlafen haben, als es an seine Tür klopfte. Halb benommen öffnete er und sah Corporal Fibers vor sich.

„Es tut mir leid, Sie zu stören, aber der Major will Sie sehen.“

Brady sah dem Corporal an, dass er seit ihrer Rückkehr noch keine ruhige Minute gehabt hatte.

Als sie über den Exerzierplatz zur Kommandantur schritten, bemerkte er, dass Fibers Blick unsicher und nervös wirkte.

„Dann wollen wir mal hören, was der sture Major sich nun wieder einfallen lassen hat“, sprach Brady mehr zu sich selbst.

Der Corporal schluckte. „Brady, ich...“

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738903768
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Februar)
Schlagworte
ponca-ehre

Autor

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Titel: Ponca-Ehre