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Gunfighter Trail #2: Revolver-Ruhm

2016 130 Seiten

Leseprobe

Gunfighter Trail

Band 2

Revolver-Ruhm

Ein Western von Aylin Carrington

––––––––

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin, Schottland, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Johnny Ringo, mittlerweile ein gefürchteter Gunfighter, findet einen verletzten Soldaten, den einzigen Überlebenden eines Kampfes gegen die Indianer. Im schützenden Fort angelangt greifen die Indianer erneut an. Rettung naht in Colonel Jenkins und seinen Truppen. Doch dieser Colonel ist ein Freund von Ringos Vater - und in dem festen Glauben, dass die ganze Familie Bradford vor  Jahren in den Flammen umgekommen ist. Die Vergangenheit holt Johnny ein ...

Roman

Es war ein stürmischer Tag. Regenwolken verdunkelten den Himmel. Donner grollte und Blitze zuckten. Die Tiere verkrochen sich angesichts des nahenden Unwetters in ihre Verstecke.

Der Reiter schob seinen Hut ein Stück weiter in die Stirn und zügelte seinen Rappen. Er nahm seine Wasserflasche vom Sattelhorn und trank einen Schluck.

In der Ferne entdeckte er die Umrisse einer Stadt. Das musste Dodge City sein. Eine junge, wilde, aber aufstrebende Stadt, in der Gesetz und Ordnung noch nicht Einzug gehalten hatten. Die Zeitungen berichteten von Mördern und Banditen, die sich hier eingenistet hatten. Schießereien waren an der Tagesordnung. Einen Town-Marshal gab es nicht und jeder Richter machte einen Bogen um die Stadt. Genau der richtige Ort also, um eine Weile unterzutauchen.

Der Fremde drückte seinem Pferd die Sporen in die Flanke und ließ es in den Jiggle fallen. Er wollte noch vor dem Regen ankommen.

*

Eine Stunde später ritt er die Main Street hinauf. Im aufkommenden Wind wehte sein langer Mantel. Darunter trug er ein schwarzes, fein gewebtes Leinenhemd, das in einer ebenfalls schwarzen Hose steckte. Das Ganze wurde von einem reich verzierten Gürtel gehalten. Auf dem Kopf trug er einen dunklen Stetson, den ein Silberband zierte. Der Revolver an seiner rechten Seite hing tief, der Griff war aus Perlmutt gefertigt.

Seine hellblauen Augen wanderten stetig aufmerksam umher und schienen jedes Detail zu registrieren. Bereit, jederzeit zum Gegenschlag auszuholen, sollte ihn jemand angreifen.

Sein Gesicht, noch jungenhaft, aber äußerst markant, war glatt rasiert und braungebrannt. Es war geprägt von einigen Linien, die von harten Erfahrungen zeugten.

Er lenkte sein Pferd mit der Linken, während seine Rechte über dem Revolverkolben schwebte, der Kolben genau zwischen Handgelenk und Ellenbogen.

Kaum ein Mensch war auf der Straße. Doch die, die den Fremden in Dodge City ankamen sahen, blieben auf dem Sidewalk stehen. Offen starrten sie ihn an und machten aus ihrer Verachtung keinen Hehl. Selbst hier schienen Männer wie er nicht gern gesehen zu sein.

Eine junge Frau bekreuzigte sich bei seinem Anblick und das Kind auf ihrem Arm begann zu weinen.

Vor dem Mietstall glitt der Reiter aus dem Sattel. Sofort kam ihm ein übereifriger Junge entgegen gelaufen.

„Soll ich Ihr Pferd versorgen, Mister?“, fragte er.

Der Mann grinste, nahm seine Satteltaschen und das Scabbard ab und warf dem Jungen ein Geldstück zu, das dieser geschickt auffing.

„Gern. Kannst du mir auch sagen, wo ich hier ein gutes Hotel finde?“, seine Stimme war leise aber fest und sicher.

„Natürlich, Mister! Etwa 200 Meter die Main Street herunter, das Madison Hotel.“

„Danke, Kleiner!“

Der Junge strahlte, als ihm die Zügel des Pferdes in die Hand gedrückt wurden.

Der Reiter wandte sich um und ging zum Hotel. Während er sich ins Gästebuch eintrug, prasselten die ersten Regentropfen gegen die Scheiben des Gebäudes. Als er die knarrende Treppe hochstieg, fiel der Blick des Hotelmanagers auf den Revolver des Fremden. Er schluckte, als er den auf dem Revolverkolben eingravierten Namen las: J. Ringo!

Johnny Ringo legte seine Sachen auf die kleine Kommode und zündete die Lampe an. Es regnete jetzt in Strömen, die Tropfen schlugen laut gegen das Fenster und es war so dunkel geworden, dass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte.

Bedächtig füllte er Wasser aus der Karaffe in die Schüssel, setzte seinen Hut ab und wusch sich. Er spürte die Müdigkeit in seinen Knochen, als er sich auf das Bett fallen ließ. Seit Wochen hatte er nicht mehr auf einer weichen Matratze geschlafen.

Er streckte sich aus, schloss die Augen und fragte sich, wann der erste Gunfighter auftauchen würde, um ihn herauszufordern.

*

Es war früher Abend, als Ringo wieder aufwachte. Er hatte fast den ganzen Nachmittag verschlafen.

Nachdem er ein Bad genommen hatte, zog er sich ein paar neue Sachen an und ging hinunter zum Essen. Anschließend rannte er durch den Regen hinüber zum Saloon. Es war Samstagabend, aber noch einigermaßen früh. Mit einem Glas und einer Whiskeyflasche zog er sich an den letzten freien Tisch zurück. Unbewusst rückte er den Stuhl so zurecht, dass er mit dem Rücken zur Wand saß und die Schwingtüren im Blick hatte. Eine Weile beobachtete er das Pokerspiel am Nebentisch. Als einer der Spieler die Runde verließ, gesellte er sich dazu.

Während des Winters in Ramirez‘ Lager hatte Steve Braxton ihm das Pokerspielen beigebracht. Schaudernd erinnerte sich Johnny daran, wie man Braxton vor ein paar Monaten wegen Falschspielens gelyncht hatte.

Er hatte Braxton nie gemocht, auch wenn er eine Weile mit ihm und Wyatt Fletcher geritten war. Aber so ein Ende hatte selbst er nicht verdient.

Nachdem Ringo sich von Wyatt Fletcher getrennt hatte, war er ziellos von Stadt zu Stadt gezogen. Noch immer wusste er nicht, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Nun, zunächst gedachte er ein paar Tage hier zu bleiben.

Auf der einen Seite mochte er sein unstetes Leben, er war unabhängig und frei. Andererseits fühlte er sich nirgendwo zu Hause.

Seine Gedanken schweiften ab und er wurde immer unkonzentrierter, wodurch er einige Spiele verlor. Dann jedoch wandte er seine ganze Aufmerksamkeit wieder den Karten zu und im Laufe des Abends gewann er ein paar hundert Dollar. Es ging bereits auf Mitternacht zu, als er den Saloon wieder verließ  und auf sein Zimmer ging.

*

Drei Tage später hatte der Regen endlich aufgehört. Die Main Street war aufgeweicht und glich mehr einem Schlammbett als einer Straße.

Ringo kaufte sich eine Zeitung, um auf dem Laufenden zu bleiben. An den politischen Geschehnissen war er nicht interessiert. Vielmehr erwartete er etwas über Wyatt Fletcher zu lesen. Aber anscheinend war keine von Fletchers letzten Aktivitäten erwähnenswert.

Ringo seufzte, legte die Zeitung weg und trat an das Fenster. Er schob die Gardine zur Seite und sah hinaus. Schließlich ging er zurück zum Tisch und begann seine Waffe auseinander zu nehmen und zu reinigen. Er tat dies sehr sorgfältig und konzentriert, schließlich hing sein Leben von diesem Revolver ab.

Er presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Obwohl er erst 19 war, wusste er, was es bedeutete das Leben eines Gunfighters zu führen. Dieses Leben hatte bereits seine Spuren hinterlassen. Er war ernster und zielstrebiger, als es Jungen in seinem Alter eigentlich waren.

Seine Handlungen waren von Entschlossenheit geprägt, sein Auftreten war selbstbewusst und sicher. Und er hatte eine zynische Ader bekommen.

Davon abgesehen hatte er bereits einige Menschenleben auf dem Gewissen.

Ruhig schob er die letzte Kugel in die Trommel und ließ den Peacemaker ins Holster gleiten. Dann stand er auf und trat wieder an das Fenster. Er war nicht nervös, aber von einer inneren Unruhe ergriffen. Und als er diesmal auf die Straße blickte, sah er seine Befürchtungen bestätigt.

Ein Reiter kam gerade in die Stadt. Er ritt auf einem Schecken und trug die beiden Revolver ziemlich tief. Unverkennbar, zu welcher Sorte Männer er gehörte.

Ringo seufzte. Es hatte also nicht lange gedauert, bis es sich herumgesprochen hatte, dass er hier war. Und so wandte er sich wieder ab und begann seine Sachen zusammen zu packen. Er hoffte verschwinden zu können, ehe der Gunfighter ihn herausforderte.

Eine halbe Stunde später hatte er ausgecheckt und gerade das Hotel verlassen, als er eine Stimme hinter sich vernahm.

„Ich hätte nicht gedacht, dass der berühmte Johnny Ringo so ein Feigling ist!“

Langsam drehte Johnny sich um. In seinen Augen lag Zorn. „Ich bin kein Feigling!“, antwortete er. Natürlich war es der Fremde, den er von seinem Zimmer aus beobachtet hatte. Johnny schätze ihn auf etwa 30. So, wie er sprach, schien er aus dem Süden zu kommen. Er war gut gekleidet und die beiden Revolver, die er trug, waren blank poliert.

„So? Und warum habe ich den Eindruck, dass du dich gerade aus dem Staub machen willst?“, fragte er spöttisch und deutete auf Johnnys volle Satteltaschen.

„Ich habe keine Lust, mich mit dir zu schießen, das ist alles!“, antwortete Ringo bestimmt.

Noch ehe er das letzte Wort ausgesprochen hatte, zupfte eine Kugel an seinem linken Hosenbein. Ringo ballte seine Rechte zur Faust. Das war eindeutig. Wie ein Federhandschuh, der geworfen wurde. Jetzt konnte er nicht mehr so einfach aus der Stadt ohne sein Gesicht zu verlieren.

Und so nickte er schließlich, auch wenn alles in ihm sich dagegen sträubte. „In Ordnung! Wir treffen uns in einer halben Stunde auf der Main Street!“

Der Fremde grinste und nickte schließlich.

Johnny ging hinüber zum Mietstall und sattelte sein Pferd. Einen Moment war er versucht zu verschwinden. Aber es war nicht seine Art wegzulaufen, das war es noch nie gewesen und würde es auch niemals sein. Und so stand er kurz darauf auf der Main Street, seine Stiefel steckten bis zu den Knöcheln im Schlamm. Den Hut hatte er tief in die Stirn geschoben. Er war angespannt, verspürte aber keine Angst.

Die Bewohner von Dodge City verschwanden vom Sidewalk. Ringo beobachtete, wie einige von ihnen hinter den Fenstern standen und auf den Beginn des Kampfes warteten.

Endlich trat der Fremde auf die Straße.

Keine Minute später fielen zwei Schüsse.

Johnnys Gegner stürzte zu Boden, Dreck spritzte auf und besudelte einige Fässer und einen morschen Schaukelstuhl.

Ruhig lud Johnny seine Waffe nach und ließ sie zurück ins Holster gleiten. Dann ging er hinüber zu dem Fremden, kniete sich nieder und drehte ihn auf den Rücken.

Der Mann war tot; so tot, wie man mit einer 45er in der Brust sein konnte.

Kaum hatte er sich wieder erhoben, kam der Leichenbestatter angerannt. Johnny nahm ein paar Dollarscheine aus seiner Hemdtasche und gab sie ihm. „Sorgen Sie dafür, dass er anständig begraben wird, ja?“

„Natürlich, Mister!“

Es schien, als wollte Ringo noch etwas sagen, doch schließlich wandte er sich ab und ging hinüber zum Mietstall. Als er auf sein Pferd stieg, dachte er darüber nach, dass er noch nicht einmal den Namen des Mannes wusste, den er eben erschossen hatte.

*

Ein paar Wochen später ritt er Richtung Greenwood. Gary Bates hatte ihm den Namen eines Ranchers  genannt, bei dem er Arbeit finden konnte. Auf dem Weg dorthin musste er durch Indianergebiet reiten.

Die Sonne brannte und Hitzeflimmer tanzten über der Erde. Kaum ein Tier wagte sich bei dieser Hitze hervor. Nur ab und zu erspähte Ringo eine Klapperschlange oder eine Echse.

Umso mehr verwunderte es ihn, als er gegen Mittag am Himmel Aasgeier kreisen sah. Er wusste, was sie bedeuteten, nämlich, dass irgendwo ein totes Tier lag und verweste. Dennoch trieb ihn seine Neugier dorthin. Je näher er kam, desto intensiver wurde der Gestank. Kaltes Entsetzen packte ihn, als er die Ursache entdeckte.

Er zählte mindestens ein Dutzend tote Pferde und weitaus mehr dahingemetzelte Soldaten. An den Pfeilen und Speeren erkannte er, dass Indianer dafür verantwortlich waren.

Ein paar Geier, die sich bereits niedergelassen hatten und Fleischstücke aus den aufgedunsenen Pferdekadavern hackten, stoben auf, als er sich näherte. Bedächtig glitt er aus dem Sattel und schritt über das Schlachtfeld.

Der Geruch nach Blut und Tod ließ ihn würgen.

Ein Tod, Auge in Auge mit dem Feind, wie ihm sein Vater nicht vergönnt gewesen war.

Doch bei diesem Anblick begann Johnny zu begreifen, weshalb er zu dem Mann geworden war, den er gekannt hatte; gewalttätig, verbittert, hasserfüllt. Ein Mann, der im Suff seine Frau totgeschlagen hatte.

Obwohl Johnnys Vater erst seit seiner Entlassung aus der Armee getrunken hatte ahnte Ringo, dass das, was er erlebt hatte, furchtbar gewesen sein musste. In jeder Schlacht um sich herum Tote und Verletzte, die Schreie der Sterbenden, Pfeile und Gewehrschüsse, und Blut, überall Blut ...

Dennoch, Johnnys Vater war immer der Überzeugung gewesen, etwas ausrichten zu können. Er war aus Überzeugung in der Armee gewesen, er hatte seinem Vaterland dienen wollen. Und als man ihn entlassen hatte, war eine Welt für ihn zusammengebrochen. Er hatte begonnen sich nutzlos zu fühlen, wertlos und verraten.

Aus den Augenwinkeln nahm er plötzlich eine Bewegung wahr. Vorsichtshalber zog er den Revolver.

Ein leises Stöhnen.

Es dauerte eine Weile, bis er den noch lebenden Soldaten gefunden hatte. Er ließ den Revolver wieder verschwinden und kniete sich nieder. Der Mann war kaum älter als er selber und starrte ihn mit schreckensgeweiteten Augen an. In seiner rechten Schulter steckte ein Pfeil, die linke Seite der Uniform war zerfetzt und der Rest blutdurchtränkt und an der Schläfe hatte er eine tiefe Platzwunde.

„Es hat Sie ganz schön erwischt, Mister“, sagte Ringo sanft.

„Helfen Sie mir!“, flehte der Soldat.

Johnny nickte, obwohl er am liebsten sofort wieder kehrtgemacht hätte. Aber schließlich war er ein Mensch, der Mitleid mit diesem Verletzten hatte und ihn nicht einfach so seinem Schicksal überlassen konnte. „Wie ist Ihr Name?“

„Jim, Lieutenant Jim Hammond.“

Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Gunfighters. „Natürlich, Jim. Ich hole meine Wasserflasche und bin gleich wieder da!“

Als er wiederkam setzte er dem Lieutenant die Flasche an die Lippen und half ihm beim Trinken. „Langsam“, mahnte er.

„Danke, Mister!“ Fahrig wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund. „Was ist mit den anderen? Ich bin erst wieder zu mir gekommen, als ich Sie gehört habe.“

Seufzend schüttelte Ringo bedauernd den Kopf und schob seinen Hut ein Stück weiter in die Stirn. „Ich fürchte, von denen ist niemand mehr am Leben!“

Hammond schluckte. Er war fassungslos. Alle Mitglieder seiner Einheit sollten tot sein?

„Wie ... wie spät ist es?“

„Etwa ein Uhr. Wieso?“

„Dann muss ich hier schon seit ... seit gestern liegen.“

Wortlos nahm Ringo sein Messer aus dem Stiefel und schnitt dem Verletzten das Hemd auf. Die Wunde in der Seite war tief, hatte aber bereits aufgehört zu bluten. Ringo schüttete etwas Whiskey auf sein Halstuch, reinigte sie damit vorsichtig und verband sie anschließend.

„Sie haben Glück, Jim, der Pfeil in Ihrer Schulter ist auf der anderen Seite wieder ausgetreten. Ich werde jetzt den Schaft abschneiden und den Pfeil herausziehen, okay?“

Der Soldat nickte und biss die Zähne zusammen. Es dauerte keine zwei Minuten, dann war der Pfeil draußen.

Ringo verband auch diese Wunde und die am Kopf.

„Auch wenn ich mich wiederhole, danke, Mister!“

„Schon gut. Wie weit ist Ihr Fort entfernt, in dem Sie stationiert sind?“

„Etwa drei Tagesritte.“

Der Gunfighter dachte angestrengt nach. „Nun, in Ihrem Zustand werden wir wohl länger brauchen. Können Sie reiten oder wollen wir bis morgen früh warten?“

„Nein, lassen Sie uns aufbrechen.“ Anscheinend wollte der Soldat so schnell wie möglich weg von dem Schlachtfeld. Johnny konnte es ihm nicht verdenken.

Er gab ihm noch ein Hemd von sich und ließ ihn dann vor sich auf das Pferd steigen.

„Wir hätten sie begraben sollen“, murmelte Hammond nach einer Weile.

„Glauben Sie, wenn ich es gekonnt hätte, hätte ich es getan. Aber wir sollten uns beeilen, von hier wegzukommen!“

„Warum?“

Ringo zögerte mit seiner Antwort. „Ich bin mir nicht sicher, aber ich vermute, dass wir beobachtet werden.“

„Von Indianern?“

„Vermutlich.“

Der Soldat schluckte. „Sie haben mir noch gar nicht Ihren Namen genannt.“

„Ja, das stimmt. Ich heiße Ringo. Johnny Ringo!“

Hammond sagte der Name nichts. Er war einfach nur dankbar, dass dieser Mann ihn gefunden und gerettet hatte.

Gegen Abend schlugen sie ihr Lager auf. Ringo teilte seine mageren Vorräte mit seinem Begleiter.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte er besorgt. Hammond war blass und hatte seit zwei Stunden kein Wort mehr gesagt.

„Besser, danke.“ Das Lächeln, das über sein eingefallenes Gesicht huschte, war ehrlich, aber müde.

Johnny reichte ihm eine Tasse mit Whiskey. „Versuchen Sie ein wenig zu schlafen.“

„Und Sie?“

„Ich werde Wache halten.“

„Was ist mit den Indianern?“

„Ich denke, dass sie noch in der Nähe sind. Doch wenn sie uns hätten töten wollen, hätten sie es längst getan!“

„Sie haben uns überrascht“, begann der Soldat zu erzählen. „Wir waren auf Patrouille. Der Trupp bestand aus jungen, unerfahrenen Rekruten. Irgendeiner von ihnen verlor die Nerven und schoss, als er die Indianer sah. Sie waren in der Überzahl, wir haben uns so gut verteidigt, wie wir konnten, aber wir waren machtlos.“ Er starrte einen Augenblick in die Tasse, dann trank er einen Schluck. „Sowas hätte nie passieren dürfen.“

„Das ist jetzt nicht mehr zu ändern.“ Er stand auf, nahm sein Gewehr, das an einem Baum lehnte und trat aus dem Schein des Feuers. „Schlafen Sie, Jim, das ist das Beste, was Sie jetzt tun können!“

*

Fünf Tage später erreichten sie das Fort. Viel länger hätte das Pferd es auch nicht mehr durchgehalten zwei Reiter zu tragen.

Zwischendurch war Ringo bereits ein paar Mal abgestiegen und hatte nur den verletzten Soldaten reiten lassen, aber mittlerweile hatte er davon Blasen an den Füßen, denn Stiefel gaben zwar in den Steigbügel einen guten Halt, zum Laufen waren sie jedoch völlig ungeeignet.

Als er das Fort erblickte, blieb er stehen. Er warf einen Blick auf Jim, der zusammengesunken im Sattel saß, und anschließend wieder auf das Fort. Tief in seinem Innern hasste er die Uniform, die Hammond trug, und alles, wofür sie stand. Er hasste die Armee und das, was sie aus seinem Vater gemacht hatte. Nein, er würde keine Minute länger als nötig hierbleiben.

Seufzend schwang er sich hinter Hammond auf seinen Rappen und ritt langsam in Richtung Fort.

Als sich das große Tor hinter ihm schloss, waren Dutzende von Gewehren auf ihn gerichtet. Ringo wurde nervös. Erleichtert atmete er aus, als er sah, wie der Kommandant aus seinem Büro gerannt kam. Mit dröhnender Stimme befahl er den Männern, dem verletzten Soldaten zu helfen. Sofort kamen zwei Soldaten angerannt und brachten Hammond ins Lazarett.

„Mein Name ist Major Morris. Willkommen in Fort Jefferson!“

Johnny nickte. Noch immer waren die Waffen auf ihn gerichtet.

„Steigen Sie ab, Mister! Ich würde gerne hören, was passiert ist.“

Dieser Befehlston gefiel Ringo überhaupt nicht. „Das müssen Sie schon Jim Hammond fragen. Ich habe ihn und das, was von seiner Einheit übrig geblieben ist, lediglich gefunden.“

Der Major nickte seinen Leuten zu und diese ließen endlich ihre Waffen sinken.

Widerwillig stieg Ringo aus dem Sattel und übergab die Zügel seines Pferdes an einen jungen Corporal. Dann folgte er Morris in dessen Büro.

„Möchten Sie einen Whiskey?“

Johnny nickte. „Danke!“ Er klopfte sich den Staub aus der Kleidung und ließ sich mit dem Glas in der Hand auf einen Stuhl sinken. Langsam begann er die Müdigkeit, die in seinen Knochen steckte, zu spüren. Er sehnte sich danach, aus den Stiefeln herauszukommen und auf ein Bett fallen zu können.

Der Major beugte sich vor. Seine Haare waren bereits ergraut und licht. „Ich bin Ihnen natürlich sehr verbunden dafür, dass Sie Lieutenant Hammond hierher gebracht haben. Haben Sie die Indianer gesehen, die meine Männer getötet haben?“

„Nein.“ Und darum war Johnny mehr als froh.

Der Major seufzte. „Sie sind selbstverständlich eingeladen so lange hier zu bleiben, wie Sie möchten. Ich wäre sehr erfreut, wenn Sie heute mit mir und meinen Offizieren zu Abend essen würden.“

Widerstrebend nickte Ringo und erhob sich. Es wäre unhöflich gewesen, diese Einladung auszuschlagen, auch wenn er absolut keine Lust dazu hatte.

Er brauchte unbedingt ein paar Tage Ruhe und vor allem unbedingt neue Vorräte.

„Sergeant!“

Johnny zuckte kaum merklich zusammen.

Der gerufene Sergeant kam herein und brachte ihn zum Gästequartier, wo bereits jemand seine Satteltaschen hingestellt hatte. Dann salutierte er vor Johnny und schloss hinter sich die Tür.

Ringo sah sich um. Das Zimmer war klein und beinhaltete ein Bett, eine kleine Kommode, einen Nachttisch, einen Tisch und zwei Stühle. Es war sauber, wenn auch alles wirkte, als wäre es schon länger unbenutzt.

Nun gut, er war also hier und würde das Beste daraus machen müssen.

*

Am nächsten Morgen wurde er durch den Klang einer Trompete geweckt.

Genervt schlug er die Augen auf und wünschte sich, er hätte es nicht getan. Ein fürchterlicher Kater machte sich bemerkbar. Er hatte am vorigen Abend mehr getrunken, als ihm gut getan hatte, aber anders hätte er die Gesellschaft der Offiziere nicht ausgehalten.

Zu genau wusste er, wie das tägliche Leben eines Soldaten ablief. Nach dem Weckruf blieben kaum zehn Minuten Zeit, um sich anzuziehen. Dann erklang auch schon das Signal zum Morgenappell. Alle Soldaten versammelten sich auf dem großen Platz und sahen dem Hissen der Flagge zu. Danach wurde jeder Soldat aufgerufen. Der Aufgerufene trat vor, nannte seinen Namen und kehrte dann in die Formation zurück. Wenn der Appell schließlich beendet war, hatten die Männer Zeit sich zu waschen und zu rasieren.

Seufzend stand Ringo auf. Er würde noch den ganzen Tag dem Trompeter zuhören dürfen.

Pünktlich um 10:00 Uhr begann der tägliche Drill. Dabei wurde der Umgang mit Gewehr, Revolver und Bajonett trainiert und Marschformationen geübt, die sich nach den entsprechenden Ausbildungsvorschriften der Infanterie, Kavallerie und Artillerie richteten. Zwei Stunden später gab es Mittagessen, und von 13:00 Uhr bis 15:30 Uhr war wieder Drill angesagt. Nach dem Abendessen fand der Abendappell statt, bei dem noch einmal die Anwesenheit aller Soldaten festgestellt wurde und bereits um 21:15 Uhr musste alle in ihren Betten liegen und das Licht gelöscht haben.

Wie Johnny diese starren Regeln gehasst hatte! Und er hasste sie noch immer. Zwar hatte sein Vater, als er bei der Armee gewesen war, noch nicht getrunken, aber geschlagen hatte er ihn schon damals. Seit seiner Geburt hatte er seinen Sohn auf einer der besten Militärakademien gesehen. Doch Johnny hatte sich geweigert. Wo er nur konnte hatte er sich gegen seinen Vater aufgebäumt und jedes Mal dafür den Gürtel oder die Peitsche zu spüren bekommen. Aber mit jedem Schlag war sein Widerstand größer geworden und irgendwann hatte der Alte eingesehen, dass sein einziger Sohn nicht zum Militärdienst taugte. An diesem Tag war für ihn eine Welt untergegangen und der Junge für ihn gestorben.

Ringo kräuselte die Stirn, als er daran dachte.

Es klopfte und ein Sergeant brachte ihm sein Frühstück.

Nachdem er ein ausgiebiges Bad, das erste seit mindestens zwei Wochen, genommen hatten, schlenderte er hinaus in den Hof des Forts. Er lehnte sich gegen einen Balken des Vorbaus und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Guten Morgen!“

Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Gunfighters, als Jim Hammond neben ihn trat. „Guten Morgen, Jim.“ Er musterte ihn. „Sollten Sie nicht im Bett liegen?“

„Oh, mir geht es schon besser. Nochmals danke, dass Sie mir das Leben gerettet haben.“

„Mmh, nun, ich hätte Sie da ja wohl kaum liegen lassen können.“ Ihm ging diese Dankerei so langsam auf die Nerven.

„Was treibt Sie eigentlich in diese Gegend?“, fragte Hammond interessiert.

„Nichts Bestimmtes“, wich Ringo aus. „Mich hält es einfach nicht lange an einem Ort.“

Gerade als Hammond etwas erwidern wollte, meldeten die Wachen Indianer.

Ringo stieß sich vom Balken ab. Er wollte ungern in diesem Fort festsitzen, während die Indianer es angriffen und es vielleicht sogar in Brand steckten.

Er hörte Major Morris fluchen und sah ihn aus seinem Office stürmen.

„Verdammt! Ausgerechnet jetzt! Hätten diese verdammten Rothäute nicht noch zwei Monate bis zu meiner Versetzung warten können?“

Ringo warf Hammond einen fragenden Blick zu.

„Nun, der Einzige, der halbwegs indianisch sprechen konnte, war Glenn Jeffries, und der war der Erste, der von den Indianern getötet wurde“, erklärte der Lieutenant.

Johnny beobachtete, wie das große Tor geöffnet wurde und man die Delegation von fünf Indianern hereinließ. Blackfoot-Indianer, um genau zu sein. Einer von ihnen, offensichtlich der Anführer der kleinen Gruppe, redete auf den Major ein. Der schüttelte bedauernd den Kopf und hob beschwichtigend die Hände.

„Er will mit Ihnen verhandeln!“, sagte Ringo und stellte sich neben ihm.

„Sprechen Sie die Sprache dieser Indianer?“, fragte er erstaunt. Offenbar traute er seinem jungen Gegenüber nicht besonders viel zu.

„Ein wenig“, antwortete er. Es wäre ihm lieber gewesen, meilenweit weg von diesem Fort zu sein.

Morris schien erleichtert. „Was will er genau?“

„Er sagt, dass er zehn Armeepferde und fünf Männer von Ihnen hat. Und dass er 30 Gewehre, Munition, Decken und Whiskey von Ihnen haben will, wenn Sie Ihre Männer je lebend wieder sehen wollen! Die Pferde behält er natürlich.“

Morris sah Ringo wütend an. „Woher soll ich wissen, dass meine Männer noch am Leben sind?”

Ringo gab die Frage weiter. Er sprach die Sprache der Blackfoot nicht besonders gut, aber ausreichend, um sich zu verständigen.

„Er sagt, wenn Sie sich überzeugen wollen, dann sollen Sie in sein Dorf kommen und mit Häuptling Howahkan verhandeln.“

Der Major seufzte. „In Ordnung. Fragen Sie ihn, wie weit sein Dorf entfernt ist.“

„Akecheta sagt, dass es etwa vier Tagesritte von hier sind.“

„Akecheta?“ Morris kräuselte die Stirn.

Johnny nickte. „Das ist sein Name. Er ist der Sohn des Häuptling.“

„Der Sohn des Häuptling, soso.“ Morris grübelte.

Ringo hoffte, dass er nicht auf die Idee kommen würde, Akecheta gefangen zu nehmen. Das würde unweigerlich ein Blutbad auslösen. Zum Glück schien das auch der Major zu wissen.

„Also gut. Sagen Sie ihm, dass wir genau heute in einer Woche da sein werden.“

Ringo übersetzte. Der Indianer nickte und kurz darauf war die ganze Gruppe verschwunden.

„Danke, Mister Ringo!“

Johnny war erleichtert. „Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!“

„Ich möchte Ihnen ein Angebot machen, Mister Ringo!“

Der Gunfighter schob seinen Hut ein Stück tiefer in die Stirn. „Was für ein Angebot?“, fragte er misstrauisch.

„Nun, diese verdammten Rothäute haben meinen Apachen-Scout erschossen und somit den Einzigen, der mit ihnen halbwegs verhandeln konnte. Ich brauche einen neuen Übersetzer und Sie scheinen mir genau der Richtige zu sein! Ich biete Ihnen 50 Dollar pro Monat sowie freie Unterkunft und Verpflegung!“ Er grinste und schien von seinem Angebot sehr überzeugt zu sein.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903720
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v324380
Schlagworte
gunfighter trail revolver-ruhm

Autor

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Titel: Gunfighter Trail #2: Revolver-Ruhm