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Romantic Thriller Trio #1

Drei Romane

2016 360 Seiten

Leseprobe

Romantic Thriller Trio #1: Drei Romane

Jan Gardemann

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Romantic Thriller Trio #1 - Drei Romane

von Jan Gardemann

Eine Liebe die dem Grauen widersteht, eine junge Frau, die dem Übernatürlichen begegnet und um ihre Liebe kämpft.

Der Umfang dieses Buchs entspricht 296 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Wiedergeburt des Bösen – Das magischen Amulett Band 1

Die schwarze Witwe – Das magischen Amulett Band 2

Von Geisterrittern entführt – Das magischen Amulett Band 3

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Wiedergeburt des Bösen

Das magische Amulett  Band 1

Roman von Jan Gardemann

Brenda Logan erwacht in einem Krankenhausbett und leidet an Amnesie, nachdem man sie mit einem Schädeltrauma aus der Themse gefischt hat.

In ihren Träumen wird sie von sonderbaren, sehr real erscheinenden Erinnerungen an ein junges Mädchen namens Mathilda verfolgt, die zur Zeit der Kreuzzüge auf der Burg der McLilians lebte ... Im Krankenhaus erscheint der zwielichtige John Mordok und behauptet, ihr Ehemann zu sein. Obwohl Brenda eine Abneigung gegen den Mann verspürt, folgt sie ihm auf seine Burg und erkennt diese aus ihren Träumen wieder. Offensichtlich gibt es eine mysteriöse Verbindung zwischen Mathilda und ihr, zumal Mordok auf der Suche nach einem machtvollen Zauber-Amulett ist, das Brenda auch im Traum bei dem Mädchen sah. Das Amulett könnte Brenda und dem sympathischen Arzt Dr. Daniel Connors zum Verhängnis werden ...

1

Mathilda erreichte den Innenhof. Der Regen prasselte auf das Pflaster. Tiefe Pfützen hatten sich gebildet, in denen sich der Widerschein der Blitze flackernd spiegelte. Mathilda wollte gerade aus dem Kreuzgang hinaustreten, als ihr plötzlich eine schattenhafte Bewegung im Hof auffiel. Sofort drückte sie sich tiefer in die Dunkelheit des Ganges, dessen Dach von reichverzierten Holzsäulen getragen wurde. Bei der Gestalt im Hof handelte es sich um eine Nonne. Ihr Ordensgewand flatterte im stürmischen Wind. In der Mitte des Hofs befand sich ein Ziehbrunnen, auf den die Nonne direkt zuhielt. Als sie den Brunnen erreicht hatte, blieb sie einen Moment stehen und sah sich nach allen Seiten um. Erst dann schwang sie ein Bein über den Brunnenrand und kletterte in den Schacht hinein. Mathilda war verwundert. Noch verwunderter aber war sie, als ein Blitz die Dunkelheit zerriss und für einen kurzen Augenblick das Gesicht der mysteriösen Nonne erhellte. Es war Anglesey! Was mochte sie im Brunnen verloren haben? Und warum kletterte sie ausgerechnet nachts bei diesem Unwetter hinein?

Düster lag der lange Korridor vor ihr. Durch die schmalen Fenster, die in den zahlreichen Nischen auf der linken Seite des Ganges eingebettet waren, fielen dünne Streifen silbernen Mondlichts, das fahle Rechtecke auf die grauen Steine und die großen Ölgemälde der gegenüberliegenden Wand warf. Ein kalter Windhauch wehte durch die Fensteröffnungen herein und ließ das Mädchen frösteln. Sie zog die Seidenjacke enger um ihren Körper und raffte den knöchellangen, weit fallenden Rock zusammen, der sie beim Gehen behinderte. Wieder einmal hatte das Mädchen keinen Schlaf finden können. Quälende Gedanken hatten sie wachgehalten und den Wunsch in ihr erweckt, das Bildnis ihres Vaters zu betrachten.

Rasch schritt sie die Reihe der Gemälde ab, die in dem weitläufigen Korridor hingen. Das Echo ihrer eiligen Tritte hallte schaurig und hohl in dem Gemäuer wider, und das zuckende Licht ihrer Fackel warf gespenstische Schatten an die Wände.

Bei den Bildern handelte es sich überwiegend um Porträts. Sie zeigten die zahlreichen Ahnen der McLilians, die diese Burg erbaut hatten und Herrscher über die Ländereien westlich von London waren. Gemälde von grimmig dreinschauenden Rittern in glitzernden Kettenhemden hingen neben denen von zierlichen Frauen mit bunten Schleierhauben und aufwendigen Kleidern.

Das Mädchen kannte all die Namen, die zu den abgebildeten Menschen gehörten; und sie kannte die Geschichten und Legenden, die sich um sie rankten. Ihr Vater hatte immer viel Zeit darauf verwendet, ihr von den Ahnen und ihrem Leben zu erzählen.

Am Ende der Galerie hing ein ganz frisches Gemälde. Es wurde direkt von einem Mondstrahl getroffen, sodass es aussah, als wäre es von einer mystischen Aura umgeben. Es verströmte den Geruch von Ölfarbe und Firnis.

Als das Mädchen dieses Bildnis erreichte, steckte sie die Fackel in eine Halterung in der Wand und versank in den Anblick, den das frische Gemälde ihr bot.

Es zeigte einen stattlich aussehenden Mann. Ein kurzer Bart zierte sein markantes, männliches Kinn. Seine blauen Augen schauten stolz und würdevoll auf den Betrachter hinab. Er trug ein fein gearbeitetes Kettenhemd, das seinen ganzen Körper bedeckte. An seinem Arm lehnte ein großes Schild, das die Form eines Blütenblattes hatte. Der weiße Stoffkittel, den der Ritter über dem Kettenhemd trug, und das Schild wiesen das gleiche Symbol auf: ein rotes Kreuz auf weißem Grund. Das Zeichen der Kreuzritter!

Das Mädchen seufzte auf. Sie konnte ihren Blick nicht von dem Bildnis abwenden, das der Maler erst kurz vor der Abreise ihres Vaters angefertigt hatte. Sinnierend starrte sie dem Mann ins Gesicht und schien ihre Umgebung völlig vergessen zu haben.

»Wenn ich einmal groß bin, werde ich auch so ein mutiger Ritter wie dein Vater sein«, erklang plötzlich die helle Stimme eines Jungen hinter ihr.

Das Mädchen zuckte zusammen und wirbelte herum. Ein Junge in einem langen, wollenen Wams stand hinter ihr. Sein blondes, lockiges Haar wirkte unordentlich. Verwegen grinste er das Mädchen an.

»Habe ich dich etwa erschreckt, Mathilda?«, fragte er schadenfroh. »Du musst zugeben, dass ich mich meisterhaft anschleichen kann.«

Mathilda funkelte ihn wütend an. »Mein Vater sollte seinem Knappen aber auch beigebracht haben, höflich zu einer jungen Dame zu sein«, versetzte sie schnippisch. »Oder hast du seine Lehren schon wieder vergessen, Phillip?«

Der Seitenhieb saß.

Der Junge wurde rot und senkte beschämt den Blick. Mathilda wusste, wie sehr Phillip ihren Vater verehrte. Und sie wusste auch, wie sehr es Phillip schmerzte, dass er seinem Herrn nicht auf den Kreuzzug nach Palästina hatte folgen dürfen. Phillip war noch zu jung. Er zählte erst sechzehn Jahre. Mathildas Vater hatte ihn erst vor zwei Jahren in seine Dienste aufgenommen. Phillip war eine Waise, deren Eltern ums Leben kamen, als das kleine Dorf, in dem die Familie lebte, von Räubern überfallen wurde.

»Ich hätte alles dafür gegeben, wenn dein Vater mich als Knappen mit nach Jerusalem genommen hätte«, sagte Phillip traurig. »Aber er ließ mich zurück. Und wie stehe ich jetzt da? Alle werden mich für genauso feige halten wie deinen Onkel John.«

Als Mathilda sah, welche Wirkung ihre Worte auf Phillip ausübten, bereute sie ihre harte Bemerkung.

»Ich weiß, dass du kein Feigling bist«, erklärte sie ruhig. »Du bist für manche Dinge nur noch zu jung. So wie ich.«

Phillip schaute mit einem scheuen Blick zu ihr auf. Als Mathilda ihn anlächelte, errötete er wieder. Mathilda war es nicht entgangen, dass Phillip ihr häufig verstohlen nachschaute, wenn sie sich in der Burg begegneten. Er war der Erste, bei dem ihr aufgefallen war, welche Wirkung ihr erblühender Körper auf ein männliches Wesen ausüben konnte.

Verlegen schaute sie zur Seite.

»Du solltest nicht so schlecht über Onkel John reden«, sagte sie rasch, um das Thema zu wechseln. »Als die Ritter sich auf den langen, beschwerlichen Weg nach Palästina machten, war Onkel John schwer krank.«

»Pah!«, stieß Phillip verächtlich aus. »Jetzt macht er aber einen ganz munteren Eindruck. Er hat sich wie eine Made in der Burg eingenistet und spielt sich auf, als wäre er der Herr des Hauses. Wenn dein Vater hier wäre, würde er seinen schmarotzenden Bruder zum Tor hinauswerfen.«

»Phillip!«, stieß Mathilda tadelnd aus.

Aber der junge Knappe sah ihr fest in die Augen.

»Dein Onkel demütigt die Leute, wo er nur kann, und schielt den Frauen in der Küche nach. Und sein merkwürdiger Freund, den er mit angeschleppt hat, ist allen unheimlich. Man munkelt, Roderik wäre ein Zauberer und würde Unheil über die Burg bringen.«

Mathilda runzelte die Stirn. Auch ihr waren schon ähnlich lautende Gerüchte über den geheimnisvollen Begleiter ihres Onkels zu Ohren gekommen. Bisher hatte sie das für abergläubisches Gewäsch gehalten, mit dem das Gesinde sich die Zeit vertrieb. Dass nun auch Phillip ganz offen von diesen Dingen sprach, machte sie stutzig.

»Dieser Roderik und dein Onkel führen irgendetwas Böses im Schilde«, fuhr Phillip fort. »Dein Vater hat mir beigebracht, Menschen einzuschätzen. Und bei Roderik habe ich ein ganz merkwürdiges Gefühl. Außerdem treiben sich die beiden nachts im Kellergewölbe herum und verbieten jedem anderen, sich dort aufzuhalten.«

»Dir steht es nicht zu, über die Gäste unserer Burg zu richten«, wies Mathilda den Jungen zurecht. In Gedanken aber stimmte sie dem Knappen zu. Auch ihr war Roderik unheimlich. Und die unverfrorene Art, mit der Onkel John sie anstarrte, behagte ihr ganz und gar nicht.

»Warum erzählst du mir das alles?«, fragte Mathilda. »Und was hast du zu dieser späten Stunde überhaupt im Haupthaus der Burg verloren?«

Phillip schaute einen Moment verlegen zur Seite. Doch dann straffte sich seine Körperhaltung, und er richtete sich stolz auf.

»Dein Vater hat mir den Auftrag erteilt, dich während seiner Abwesenheit zu beschützen«, sagte er in würdevollem Tonfall. »Und seit dein Onkel und sein unheimlicher Begleiter in dieser Burg weilen, habe ich das unbestimmte Gefühl, dass du in Gefahr schwebst. Irgendetwas hecken die beiden im Keller aus. Ich wüsste nur zu gerne, was sie dort treiben.«

Mathilda konnte ein Kichern nur mühsam unterdrücken. Der Ernst, mit dem Phillip gesprochen hatte, wollte so gar nicht zu seinem Erscheinungsbild passen. Das struwwelige blonde Haar und die braunen Augen, in denen der Schalk blitzte, ließen ihn doch eher wie einen frechen, aber mutigen Jungen erscheinen als einen edlen Beschützer junger Damen.

Trotzdem musste Mathilda sich eingestehen, dass ihr die Worte des Knappen schmeichelten. Sie mochte Phillip, auch wenn er manchmal zu kindischen Streichen neigte. Er war ein aufrichtiger, aufmerksamer Junge. Mathilda wusste, dass sie gut daran tat, auf seine mahnenden Worte zu hören.

Sie glaubte allerdings nicht, dass sie auf seinen Schutz angewiesen sei, denn ihr Vater hatte sie heimlich in einigen Kampftechniken unterwiesen.

»Wenn du glaubst, dass Onkel John und Roderik im Kellergewölbe etwas Schlimmes vorbereiten, warum schauen wir dann nicht einfach nach?«

Phillip sah Mathilda erschrocken an. »Ich habe das bereits versucht«, sagte er aufgeregt. »Aber Roderik hätte mich beinahe erwischt. Obwohl ich völlig leise gewesen bin. Ich glaube, er hat meine Anwesenheit gespürt.«

»Vielleicht bist du die Sache nur noch nicht richtig angegangen«, sagte Mathilda überlegen und genoss den verärgerten Ausdruck, der sich auf Phillips Gesicht breitmachte.

»Was weißt du schon vom Anschleichen und Spionieren?«, stieß er wichtigtuerisch hervor.

»Vielleicht mehr als du denkst«, erwiderte Mathilda, wandte sich ab und rannte den dunklen Korridor entlang. Dann huschte sie in eine kleine, finstere Nische. Dort betätigte sie einen versteckten Hebel und verschwand kurz darauf in dem Geheimgang, der sich lautlos vor ihr auftat.

Vorsichtig drückte sie die Geheimtür zu und lauschte.

»Mathilda! Wo bist du?«, hörte sie Phillips gedämpfte Rufe und musste wieder ein Kichern unterdrücken. Phillip hatte keine Ahnung, dass die Burg mit einem komplizierten System aus Geheimgängen versehen war. Ihr Vater hatte sie mit dieser Besonderheit vertraut gemacht, weil er der Meinung war, dass es für Mathilda hilfreich sein könnte, als einzige Tochter und Erbin der Burg und der Ländereien über einige Trümpfe zu verfügen.

Mathilda ließ Phillip einige Minuten zappeln. Dann erst öffnete sie geräuschlos die Geheimtür und stand plötzlich hinter dem jungen Knappen im Korridor.

»Wenn ich einmal groß bin, werde ich die Herrin dieser Burg sein«, äffte sie Phillips Tonfall nach. »Und es wird in diesen Gemäuern kein Geheimnis geben, über das ich nicht Bescheid weiß.«

Phillip fuhr mit einem überraschten Aufschrei herum. Die Fackel, die er von der Wand genommen hatte, fiel ihm dabei fast aus der Hand.

Verdattert starrte er Mathilda an.

»Wie hast du das gemacht?«, fragte er eingeschüchtert. »Kannst du etwa auch hexen, so wie dieser Roderik?«

Mathilda lachte und schüttelte vergnügt den Kopf.

Doch dann wurde sie wieder ernst. Sie schaute Phillip fest in die Augen. »Du musst mir dein Ritterehrenwort geben, dass du niemand von dem erzählen wirst, was ich dir jetzt zeige.«

Phillip nickte verwirrt und starrte Mathilda misstrauisch an. »Ich verspreche es«, sagte er und machte ein Zeichen mit der Hand.

Mathilda nahm ihn beim Arm und führte ihn zur Nische. Die geheime Tür stand noch offen.

»Ein Geheimgang«, stieß Phillip beeindruckt hervor. »Das ist also das Geheimnis deines Verschwindens.«

Mathilda nickte. »Und jetzt werden wir Onkel John und Roderik mal auf den Zahn fühlen. Komm mit!«

2

Der Widerschein der Fackel geisterte gespenstisch durch die engen Gänge. Die Luft roch muffig und nach Fäulnis. Mathilda war froh, sich dazu entschlossen zu haben, Phillip in ihr Geheimnis einzuweihen und ihn mitzunehmen. Die Geheimgänge waren ihr stets unheimlich gewesen. Selbst jemand, der sich in dem System aus Stollen, Treppen und Gängen gut auskannte, lief Gefahr, sich hoffnungslos darin zu verlaufen, wenn er auch nur einen Augenblick unkonzentriert war und die falsche Abzweigung nahm.

Aber auch Phillip schien sich nicht besonders wohl in seiner Haut zu fühlen. Er sagte kein Wort und schaute sich immer wieder um, wenn ihn das Echo ihrer Schritte narrte oder eine huschende Ratte ihren Weg kreuzte.

Nach einer Weile gelangten sie an eine enge, steile Treppe, die in die Dunkelheit hinabführte.

»Wenn wir diese Treppe hinuntergehen, kommen wir zu dem Kellergewölbe, das du mir beschrieben hast«, flüsterte Mathilda. »Wir müssen uns ruhig verhalten und dürfen nicht sprechen. John und Roderik könnten sonst misstrauisch werden.«

Phillip nickte tapfer und wischte sich Spinnweben von der Schulter, die sich im rauen Stoff seines Wamses verfangen hatten.

Dann begannen sie den Abstieg. Die Wände glänzten feucht. Moose und Flechten hatten sich in den Ritzen der Felsquader angesiedelt.

Als sie das Ende der Treppe erreicht hatten, hörten sie Stimmengemurmel. Mathilda führte Phillip zu einer Nische. Sie tastete mit den Fingern über das kalte, feuchte Gestein. Dann hatte sie die kleine Klappe gefunden und schob sie vorsichtig auf.

Gelbes Licht drang durch die beiden daumennagelgroßen Löcher. Mathilda blinzelte und schob ihr Auge vor eine der Öffnungen. Kurz darauf spürte sie Phillips Kopf an ihrer Seite, der durch das andere Loch spähte. Seine Nähe übte eine beruhigende Wirkung auf sie aus.

Mathilda konzentrierte sich auf das, was sie durch das Loch sehen konnte.

Unwillkürlich hielt sie die Luft an. Das Gewölbe, das sich vor ihr erstreckte, hatte sie vorher noch nicht oft betreten. Der Schmied aus dem Dorf benutzte es, wenn er Schwerter oder Rüstungen für die Ritter anfertigen sollte. Jetzt aber hielten sich John und sein unheimlicher Begleiter Roderik in der Schmiede auf.

An der gegenüberliegenden Wand befand sich eine Feuerstelle mit einem Rauchabzug. Ein großer Tiegel hing über dem Feuer.

Was machen die beiden da bloß?, fragte sich Mathilda und stellte sich auf Zehenspitzen, um ihren Onkel besser beobachten zu können. Er hatte schulterlanges braunes Haar, war kräftig gebaut und hatte ein einprägsames Profil mit Adlernase.

Vor John auf dem Tisch lagen Goldmünzen und andere Schmuckstücke aus Gold. Mit einem Brecheisen und einer Zange entfernte er die Edelsteine aus dem Geschmeide.

Beinahe hätte Mathilda vor Empörung aufgeschrien. Sie hatte einige Schmuckstücke wiedererkannt. Sie gehörten ihrer Mutter und stammten aus der Schatzkammer der Burg.

Wie war John in ihren Besitz gekommen? Und was hatte er mit dem Gold vor?

»Beeil dich!«, fuhr Roderik John ungehalten an. Er trug einen braunen, sackähnlichen Umhang, ohne den Mathilda ihn noch nie gesehen hatte. Die Kapuze war über den Kopf gezogen, sodass von seinem Gesicht nicht viel zu erkennen war.

»Wir müssen die günstige Konstellation der Sterne und des Vollmondes ausnutzen«, fuhr Roderik mit seiner rauen Stimme fort. »Wenn wir es vermasseln, bekommen wir erst wieder in dreizehn Jahren eine Chance, die magischen Amulette zu schmieden.«

»Ich tue, was ich kann«, erwiderte John barsch und brach einen großen blutroten Rubin aus einer goldenen Halskette. »Es war gar nicht so einfach, den Schatzmeister zur Zusammenarbeit zu überreden. Ich musste ihm versprechen, dass er eines der magischen Amulette bekommt, wenn wir fertig sind.«

»Du Narr!«, wetterte Roderik und riss John die Kette aus der Hand. Dann schleuderte er das aufwendig gearbeitete Schmuckstück in den Tiegel über dem Feuer. »Wenn du so weitermachst, weiß bald die ganze Burg von unserem Vorhaben.«

»Und wenn schon«, entgegnete John und winkte verächtlich ab. »Wer sollte uns Schwierigkeiten bereiten. Außer Frauen, Greisen und Kindern ist doch niemand mehr in der Burg, der uns gefährlich werden könnte. Wir haben freie Hand.«

Mathilda spürte, wie Phillip neben ihr vor Zorn bebte. Rasch legte sie ihm eine Hand auf die Schulter, worauf er sich wieder etwas beruhigte.

Roderik stemmte seine Hände in die Seite. »Dein Leichtsinn gibt mir zu denken«, sagte er gefährlich leise. »Du bist hitzig und handelst unüberlegt. Ich frage mich, ob du überhaupt würdig bist, ein Amulett-Träger zu sein.«

John baute sich vor Roderik auf. Er schien keine Angst vor dem unheimlichen Mann zu haben.

»Ohne mich wärst du nur ein kleiner, unbedeutender Sterndeuter geblieben«, grollte er. »Nur mir hast du es zu verdanken, dass du deine Pläne in die Tat umsetzen kannst.«

»Überschätze deine Rolle nicht«, erwiderte Roderik kalt. »Das Gold ist nur ein unbedeutendes Beiwerk. Worauf es ankommt, ist der Meteorit und die Beschwörungsformel, die nur ich kenne!«

Roderik zog einen Gegenstand aus einer Falte seines Umhangs hervor. Es war ein kopfgroßer, hässlicher Stein, der metallisch glänzte und eine sonderbare Oberflächenstruktur aufwies. Der Widerschein des Feuers, das sich in dem sonderbaren Stein brach, zauberte irisierende Lichtreflexe an die Wände und die Decke des Kellergewölbes. Sogar bis unter die Kapuze von Roderiks Umhang drang etwas von dem flirrenden Licht und beleuchtete seine kalten blauen Augen und sein bleiches, hageres Gesicht.

»Erst die Kraft, die in diesem Sternensplitter steckt, wird den Amuletten ihre übersinnliche Macht verleihen«, sagte Roderik andächtig. »Mächte, die dann den Trägern der Amulette dienstbar sind. Aber die Träger müssen würdig sein. Sonst wird der Zauber gestört, und alle Arbeit und Mühen waren umsonst.«

Roderik trat mit dem sonderbaren Stein an den Tiegel heran. Er hob ihn hoch über seinen Kopf und murmelte kaum verständliche Beschwörungsformeln. Dann ließ er den Meteorit in den Tiegel fallen.

Es gab einen lauten Knall, und eine grüne Feuerlohe schoss aus dem Tiegel hervor.

John wich erschrocken zurück. Aber Roderik ließ sich nicht beirren. Mit ausgebreiteten Armen stand er vor dem Tiegel und stieß seine Beschwörungen aus.

Das grüne Feuer flackerte und erlosch schließlich ganz. Ein stechender Gestank machte sich in der Schmiede breit, den sogar Mathilda durch das kleine Guckloch hindurch wahrnehmen konnte.

Roderik drehte sich zu John um und winkte ihn herrisch herbei.

»Bring mir die Gussformen!«, fuhr er ihn an.

John kam mit dem Gewünschten herbei. Dann gossen die beiden Männer das geschmolzene Metallgemisch in die Formen für die Amulette.

Als sie mit der Arbeit fertig waren, wandte sich Roderik wieder an John.

»Du hast einen Fehler gemacht, als du dem Schatzmeister von den magischen Amuletten erzähltest«, sagte Roderik kalt. »Wir müssen verhindern, dass er jemand davon berichten kann. Darum wirst du ihn noch heute Nacht töten!«

John nickte grimmig und zog mit entschlossener Miene sein Schwert. Ein gemeines Grinsen lag auf seinen Lippen. »Du hast recht«, erwiderte er. »Es wäre Verschwendung, dem alten Schatzmeister eines der wunderbaren Amulette zu geben.«

Mathilda stieß einen unterdrückten Schrei aus und wich entsetzt einen Schritt zurück. Sie konnte nicht fassen, was sie da gehört hatte. John wollte den alten Schatzmeister kaltblütig ermorden und schreckte auch nicht davor zurück, das Gold seines Bruders zu stehlen!

Phillip wirbelte zu ihr herum und drückte ihr rasch die Hand auf den Mund. Dann trat er mit den Füßen die Fackel aus und hielt den Atem an.

»Was war das für ein Geräusch?«, hörten sie die raue Stimme von Roderik rufen. »Ich spüre, dass jemand in der Nähe ist. John, sieh sofort nach, ob sich jemand im Keller aufhält!«

Sie hörten eine Tür schlagen und hastige Schritte. Dann verdunkelten sich plötzlich die beiden Löcher, durch die Mathilda und Phillip die Schmiede beobachtet hatten.

Die kalten blauen Augen von Roderik erschienen in der Öffnung. Mathilda hatte das schreckliche Gefühl, der Zauberer starre sie an.

Sie riss sich von Phillip los und rannte blindlings davon.

Doch ihre Augen hatten sich noch nicht an die Finsternis in dem geheimen Labyrinth gewöhnt. Sie lief auf die Treppe zu, übersah dabei jedoch einen Vorsprung im Boden und stolperte.

Einen spitzen Schrei ausstoßend, stürzte sie der Länge nach hin.

Etwas streifte ihren Kopf, und ein rasender Schmerz betäubte ihre Sinne. Das letzte, was sie wahrnahm, war Phillip, der sich mit besorgtem Gesichtsausdruck über sie beugte und sie in seine Arme schloss.

Dann fiel sie in ein bodenloses schwarzes Loch ...

3

Ein Schrei zerriss die Stille, und ich erwachte.

Ich fuhr hoch. Doch der Schmerz, der augenblicklich durch meinen Kopf jagte, ließ mich gequält aufstöhnen. Grelles Licht blendete mich. Ich blinzelte und spürte, wie mich jemand sanft in die Kissen zurückdrückte.

Wo war ich?

Ich hatte das vage Gefühl, dass ich mich eigentlich in einem finsteren Gang befinden müsste.

Nur langsam gewöhnten sich die Augen an die Helligkeit. Um mich herum sah ich weiße Wände. Durch ein großes Fenster fiel pralles Sonnenlicht. Dahinter wogten die Wipfel von Platanen im seichten Wind.

Neben meinem Bett bemerkte ich eine Gestalt. Phillip, schoss mir plötzlich ein Name durch den Kopf. Doch dann sah ich, dass es ein fremder Mann war. Er trug einen weißen Kittel, und er hatte ein freundliches, sympathisches Gesicht, umrahmt von blonden Locken.

Hatte er den Schrei ausgestoßen?

Doch dann dämmerte mir plötzlich, wo ich mich befand.

Ich lag in einem Krankenzimmer. Und der Mann neben mir war ein Arzt.

Das Bett, in dem ich lag, war das einzige im Raum. Schläuche und Kabel waren an meinem Körper angebracht und verbanden mich mit den medizinischen Überwachungsgeräten an der Wand. Die Geräte gaben ein leises Piepen von sich und zeichneten zackige Kurven auf einen Papierstreifen.

In diesem Moment begriff ich, dass ich es gewesen sein musste, die den Schrei ausstieß. Irgendetwas war mit mir geschehen.

Ich legte die Stirn in Falten und versuchte mich zu erinnern. Doch ich brachte nur das düstere Bild einer Burg zustande. Leute in altertümlicher Kleidung lebten darin ...

»Ich freue mich, dass Sie endlich aufgewacht sind.«

Es war der Arzt, der diese Worte gesprochen hatte. Seine Stimme, klang angenehm weich und männlich. Und sie brachte mich wieder in die Realität zurück.

Ich wandte den Kopf, damit ich dem Mann ins Gesicht sehen konnte. Er hatte blaue Augen, die mich aufmerksam musterten. Seine Gesichtszüge waren markant, der Hauch eines Lächelns umspielte seine Lippen.

»Wo bin ich?«, fragte ich. Meine Stimme klang erschreckend rau und brüchig.

»Im St. Thomas Hospital.«

In London also, dachte ich und freute mich über diesen Gedanken. Bewies er doch, dass ich mich außer an düstere Burgen und Geheimgänge noch an andere Dinge erinnern konnte.

Ich räusperte mich.

»Was ist mit mir geschehen? Meine Gedanken sind so verwirrend und ergeben keinen Sinn.«

»Können Sie sich nicht erinnern?«

Ich schüttelte den Kopf. Bereute es aber im selben Moment, weil ich das Gefühl hatte, mir würde eine glühende Nadel in die Schläfen gestochen. Ich stöhnte auf.

»Man hat Sie vergangene Nacht am Ufer der Themse gefunden«, erklärte der Arzt und legte mir seine Hand auf die Stirn. Ich empfand die Berührung als angenehm. Die Kopfschmerzen verebbten augenblicklich.

»Sie trugen ein leichtes Sommerkleid«, fuhr er fort. »Zum Glück hatte es sich in einem Haken in der Kaimauer verfangen, sodass Ihr Kopf über dem Wasser herausragte. Sonst wären Sie jetzt tot.«

Er brach ab, nahm die Hand von meiner Stirn und bedachte mich mit einem aufmerksamen Blick.

Ich ahnte, was ihm durch den Kopf ging. »Ich bin keine Selbstmörderin, wenn Sie das glauben«, sagte ich rasch. »Ich weiß zwar nicht, wie ich in die Themse gekommen bin. Aber irgendwie bin ich froh, dass ich lebe. Ich empfinde kein Bedauern deswegen.«

Der Arzt lächelte.

»Können Sie sich denn an Ihren Namen erinnern?«, hakte er nach. »Sie hatten keine Papiere bei sich, als man Sie fand. Auch trugen Sie keinen Schmuck mit eingravierten Namen.«

Ich versuchte, mich zu konzentrieren. Das Gesicht eines Mädchens tauchte plötzlich vor meinem inneren Auge auf. Ihre Züge waren feingeschnitten und verrieten eine gewisse Reife. Sie gehörte zu den Leuten in den altertümlichen Klamotten, die in der Burg wohnten.

»Mathilda«, rief ich, als mir der Name des Mädchens wieder einfiel. »Es ist der einzige Name, an den ich mich erinnern kann. Ob es meiner ist, weiß ich aber nicht genau.«

Der Arzt kräuselte die Stirn. »Ein recht altmodischer Name«, meinte er nachdenklich. »Und weiter: Wie steht es mit Ihrem Nachnamen?«

Ich zuckte bedauernd mit den Schultern. »Da muss ich leider passen«, erwiderte ich und versuchte zu lächeln, was mir allerdings misslang.

Der Arzt spürte wohl, dass mich seine Fragen überforderten, denn er wechselte augenblicklich das Thema.

»Wie fühlen Sie sich jetzt?«, wollte er wissen.

Ich rekelte mich versuchsweise, wobei mir die Kabel und Schläuche der medizinischen Geräte etwas hinderlich waren. Aber sonst fühlte sich mein Körper unversehrt an. »Bis auf die Kopfschmerzen scheint alles in Ordnung zu sein«, erklärte ich.

Mein Gegenüber nickte bedächtig. »Das hat auch unsere Untersuchung ergeben«, stellte er fest. »Sie haben einen harten Schlag gegen den Kopf bekommen. Aber es ist nichts gebrochen. Sie scheinen allerdings unter Amnesie zu leiden. Das passiert bei Kopfverletzungen nicht selten.«

Seine gelassene Art sollte wohl beruhigend auf mich wirken. Dennoch wuchs mein Unbehagen mit jedem Wort.

»Sie wollen andeuten, dass ich mein Gedächtnis verloren habe?«, fragte ich ängstlich.

Der Arzt verzog bedauernd sein Gesicht und nickte. »Das sollte Sie aber nicht weiter beunruhigen. Sie leiden ja nicht unter totalem Gedächtnisverlust. Ihre Erinnerung wird sich schon irgendwann wieder einstellen. Wichtig ist, dass Sie sich jetzt ausruhen und Ihrem Kopf Zeit lassen, sich an alles zu erinnern.«

»Wie lange wird das dauern?« Ich konnte mein Unbehagen nicht unterdrücken. In meinem Kopf spukten irgendwelche altertümlichen Erinnerungen herum, bei denen es sich unmöglich um mein eigenes Leben handeln konnte. Ich fühlte, wie meine Hände zu zittern begannen.

»Das liegt von Fall zu Fall verschieden«, sagte der Arzt gedehnt. »Es könnte bei der Regeneration Ihres Gedächtnisses jedoch von Nutzen sein, wenn Sie einem Bekannten gegenübergestellt werden.«

Der Arzt erhob sich. »Nur leider liegt der Polizei keine Vermisstenanzeige vor, deren Beschreibung auf Sie zutrifft. Scotland Yard hat in ganz England und sogar in Europa Erkundigungen eingezogen. Aber niemand scheint Sie zu vermissen, so unerklärlich das auch ist.«

»Das heißt, dass es auch keine Bekannten gibt, die meinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen könnten«, resümierte ich trocken.

»Wir sollten erst einmal abwarten«, entgegnete der junge Arzt. »Als Sie ins Krankenhaus eingeliefert wurden, lauerte schon eine Meute Journalisten draußen vor der Tür. Wir konnten nicht verhindern, dass Fotos von Ihnen geschossen wurden, als Sie auf der Trage ins Hospital gebracht wurden.

Eine gute Seite hat das aber doch. Auf diese Weise wurde in der heutigen Morgenausgabe einiger Tageszeitungen ein Bild von Ihnen gebracht. Vielleicht erkennt Sie ja jemand und meldet sich bei der Polizei oder hier im Krankenhaus.«

Er reichte mir die Hand. »Ich muss mich jetzt um meine anderen Patienten kümmern«, sagte er mit leichtem Bedauern in der Stimme. »Wenn Ihnen noch irgendetwas einfällt, lassen Sie es mich wissen. Mein Name ist Doktor Daniel Connors. Die Stationsschwester wird nach mir rufen lassen, wenn Sie es wünschen.«

Ich lächelte ihn dankbar an.

Dann wandte er sich ab und ging auf die Tür zu. Doch bevor er sie hinter sich ins Schloss zog, drehte er sich noch einmal zu mir um.

»Wir werden Ihr Gedächtnis schon wieder auf Vordermann bringen«, sagte er voller Zuversicht und schenkte mir ein charmantes Lächeln.

Dann war er verschwunden. Ich lag allein im Zimmer.

Wer war ich? Und was war mit mir geschehen?

Die Fragen hämmerten im Gleichtakt zu den dumpfen Schmerzen in meinem Gehirn.

Aber so sehr ich mir auch den Kopf zerbrach, ich konnte keine Antwort auf diese Fragen finden.

Ich sah nur immer das Gesicht des Mädchens vor mir, von dem ich wusste, dass es Mathilda hieß.

Ich kam zu dem Schluss, dass es sich bei den merkwürdigen Bildern, die in meinem Kopf herumspukten, nur um die Erinnerungen an einen Traum handeln konnte, den ich während des Komas geträumt hatte.

Es war merkwürdig. Wenn ich mich konzentrierte, konnte ich mir jede Einzelheit aus diesem Traum in Erinnerung rufen. Das Mädchen namens Mathilda war mir auf beängstigende Weise vertraut. Ich konnte die Burg vor meinem geistigen Auge erstehen lassen und wusste, wo sich die Geheimgänge befanden ...

Ich seufzte auf. Wenn ich doch über mein eigenes Leben genauso gut Bescheid gewusst hätte, wie über das der Menschen aus meinem Traum.

Oder gehörten dieser Traum und mein Leben zusammen?

Gequält schloss ich die Augen, versuchte mich zu entspannen.

Dr. Daniel Connors hatte recht. Es hatte keinen Sinn, sich den Kopf zu zermartern. Ich musste warten, bis sich mein Gedächtnis von allein wieder einstellen würde.

4

Die Tür ging auf, und eine rundliche, gutmütig aussehende Krankenschwester betrat mein Zimmer. Kurzes schwarzes Haar quoll unter ihrer Haube hervor. Ihr Gesicht wirkte talgig und aufgedunsen. Aber ihre braunen Augen, die hinter den Fettpölsterchen fast verschwanden, schauten mich freundlich an.

»Dann wollen wir Sie mal von den Kabeln und Schläuchen befreien«, sagte sie und machte sich an den medizinischen Geräten zu schaffen. Sie löste die Elektroden von meiner Schläfe und zog mir die Kanülen aus den Armbeugen.

»Der Doktor hat gesagt, dass Sie aufstehen können, wenn Sie es wünschen«, sagte sie, als sie mit ihrer Arbeit fertig war.

Ich nickte eifrig. Sicher war es gut, wenn ich etwas herumging. Vielleicht würden dann auch die seltsamen Traumbilder aus meinem Kopf verschwinden und endlich der Erinnerung weichen, die mich wieder zu einem normalen Menschen machen würde.

Die Schwester half mir aus dem Bett, hüllte mich in einen flauschigen Morgenmantel, der den gleichen blassen Blauton aufwies wie mein Nachthemd und mir um mindestens eine Nummer zu groß war.

Als Erstes trat ich ans Fenster und schaute in den strahlenden Sommertag hinaus. Unten schob sich die Themse träge durch ihr Flussbett. Auf ihrer gekräuselten Oberfläche brach sich glitzernd das Sonnenlicht.

Am gegenüberliegenden Ufer schob sich die riesige Fassadenfront des House of Parliament. Der Anblick der spitzen Türmchen und des imposanten Glockenturms von Big Ben war mir durchaus vertraut.

Ich atmete auf. Mein Gedächtnis war also wirklich teilweise intakt.

Als Nächstes ging ich zu dem schmalen Kleiderschrank hinüber, der neben der Tür stand. Als ich ihn öffnete, fand ich darin ein rotes Sommerkleid. Es war zerrissen und ruiniert. Ich würde es nie wieder anziehen können.

Ich suchte in den Taschen, die jedoch leer waren. Dann wanderten meine Finger wie von selbst zu einer versteckten Tasche im breiten Gürtel des Kleides. Wenig später lag ein kleiner, unauffälliger Schlüssel in meiner Hand.

Als ich ihn betrachtete, fühlte ich Erleichterung, ohne jedoch sagen zu können, worüber.

Lange starrte ich den Schlüssel an und wartete auf die einsetzende Erinnerung. Aber in meinem Kopf blieb es so still wie in einem Grab.

Resigniert wollte ich mich abwenden und starrte direkt in das Gesicht von Mathilda!

Ich stieß einen spitzen Schrei aus und taumelte zurück.

Die Krankenschwester, die mich die ganze Zeit über beobachtet hatte, war sofort neben mir. Ihre kräftigen Hände umspannten meine Arme.

»Was haben Sie?«, fragte sie besorgt und sah mich eindringlich an.

In diesem Moment begriff ich, dass es mein eigenes Spiegelbild gewesen war, das mich so erschreckt hatte.

»Es geht schon wieder«, sagte ich verlegen und löste mich aus dem festen Griff der korpulenten Frau. Dann trat ich an den Spiegel, der sich in der Innenseite der Schranktür befand und den ich erst bemerkt hatte, als ich mich von dem Kleid weggedreht hatte.

Stumm starrte ich mein Spiegelbild an. Eine junge Frau schaute mir daraus entgegen, die allerdings nur auf den ersten Blick Ähnlichkeit mit der Mathilda aus meinem Traum hatte. Ich hatte weizenblondes, schulterlanges Haar und grüne Augen. Mathildas Haar war brünett gewesen, ihre Augen blau. Aber meine Gesichtszüge wiesen deutliche Ähnlichkeit mit denen Mathildas auf. Nur wirkte mein Gesicht etwas fraulicher und reifer.

Kopfschüttelnd wandte ich mich vom Spiegel ab. Ich fühlte mich plötzlich müde und erschöpft. Auch der Schmerz in meinem Kopf war wieder stärker geworden.

»Sie sollten sich jetzt besser hinlegen«, sprach die Krankenschwester meine Gedanken aus. »Sie sind ja ganz bleich geworden.«

Wenige Minuten später lag ich wieder in meinem Bett. Die Schwester hatte die Jalousien zugezogen und den Raum verlassen, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass mit mir alles in Ordnung war.

Ich lag mit geschlossenen Augen da und dämmerte langsam in den Schlaf hinüber. Den geheimnisvollen Schlüssel hatte ich in meiner Faust. Ich umklammerte ihn, als würde es sich um einen Strohhalm handeln, der mich vor dem Ertrinken retten sollte.

5

Ich musste eingeschlafen sein, denn als ich die Augen wieder öffnete, begann es draußen bereits zu dunkeln. Die untergehende Sonne hatte den Himmel über London rot eingefärbt. Warme rötliche Lichtstreifen fielen durch die Lamellen der Jalousien und zeichneten rosa Streifen auf mein Bett.

Jemand klopfte an die Tür. Dr. Daniel Connors betrat kurz darauf mein Krankenzimmer. Er lächelte mich warm und freundlich an und trat an mein Bett heran.

»Wie geht es Ihnen?«, fragte er.

Ich blinzelte mir den Schlaf aus den Augen und horchte in mich hinein. Aber in meinem Innern war es noch immer gespenstisch still. Auch als ich den Schlüssel, den ich immer noch in meiner Hand hielt, anschaute, regte sich keine Erinnerung.

»Wenn Sie damit meinen, ob ich mein Gedächtnis zurückerlangt habe, muss ich Sie leider enttäuschen«, sagte ich. »Ich kann mich an nichts erinnern.«

»Sie sollten mehr Geduld mit sich haben«, versetzte Dr. Connors. »Einen kleinen Fortschritt können Sie doch bereits verzeichnen.« Er deutete mit einem Kopfnicken auf den Schlüssel in meiner Hand. »Die Polizei hat Ihre Kleidung durchsucht, ohne etwas finden zu können. Sie aber wussten sehr genau, wo der Schlüssel versteckt war.«

Ich nickte und starrte wieder den Schlüssel an. »Nur sagt mir dieser Schlüssel leider überhaupt nichts«, erwiderte ich. »Für mich ist er ein lebloses Stück Metall ohne Erinnerungen.«

Ich sah Dr. Connors in die Augen.

Sein aufmerksamer Blick wurde noch durchdringender, als er mich jetzt musterte.

»Die Stationsschwester hat mir berichtet, dass Sie sich vor Ihrem eigenen Spiegelbild erschreckt haben?«

Verlegen zuckte ich die Schultern. »Das hat nichts zu bedeuten«, meinte ich. »Als ich das Spiegelbild sah, hatte ich es nur mit jemandem verwechselt, von dem ich zuvor geträumt hatte.«

»Sie haben geträumt?«, hakte Dr. Connors nach. »Wovon haben Sie geträumt?«

»Von einer alten Ritterburg«, antwortete ich vage. »Es war ein seltsam realistischer Traum. Aber ich glaube kaum, dass er mir bei meinem Problem weiterhelfen kann, denn er spielte zur Zeit der Kreuzzüge.«

Mein Gegenüber kräuselte die Stirn. »Sie sollten keine voreiligen Schlüsse ziehen. Vielleicht will Ihr Unterbewusstsein Ihnen mit diesem Traum eine Botschaft zukommen lassen.«

»Wollen Sie etwa andeuten, ich wäre aus der Vergangenheit in der Zukunft gestrandet«, versuchte ich zu scherzen.

Dr. Connors lachte. »Das weniger«, erwiderte er schmunzelnd. »Aber vielleicht hat eine Burg in Ihrem Leben eine große Rolle gespielt.«

Nachdenklich schüttelte ich den Kopf. »Der Traum hat keine Erinnerungen in mir geweckt«, sagte ich. »Ich kam auch gar nicht darin vor. Nur ein kleines Mädchen, das mir entfernt ähnlich sieht. Sie heißt Mathilda.«

»Das war doch auch der Name, den Sie mir nannten, als Sie aus dem Koma erwachten«, erinnerte sich der Arzt.

Er ergriff meine Hand. »Wollen Sie mir den Traum nicht schildern?«, fragte er. »Vielleicht kann ein Außenstehender darin mehr erkennen als Sie.«

»Meinetwegen«, erwiderte ich. »Wenn Sie glauben, es könnte mir weiterhelfen, erzähle ich Ihnen den Traum gern.«

In den nächsten zwanzig Minuten saß Dr. Connors ruhig auf meiner Bettkante und hörte mir aufmerksam zu. Ich genoss seine Nähe und die ruhige Ausstrahlung, die von dem jungen Arzt ausging. Trotzdem beschlich mich ein unbehagliches Gefühl, als ich mich wieder in den Traum zurückversetzte. Die Furcht und das Grauen, das Mathilda empfunden hatte, als sie ihren Onkel und seinen unheimlichen Freund beobachtete, konnte ich ihr gut nachfühlen.

»Ein bemerkenswerter Traum«, meinte Dr. Connors nachdenklich, als ich geendet hatte. »Sie scheinen ein fundiertes Wissen über die heiligen Kreuzzüge zu besitzen. Vielleicht haben Sie sich beruflich mit dieser Zeit auseinandergesetzt?«

»Möglich wäre es«, gab ich zu. »Das würde auch erklären, warum mir der Traum so realistisch erscheint. Ich kenne jeden Winkel dieser Burg. Der Ritter, der sie erbauen ließ, hieß McLilian. Vielleicht lohnt es sich, einmal im Telefonbuch nachzuschauen, ob es eine Familie mit diesem Namen heute noch gibt.«

Er grinste mich an. »Sie sind eine bemerkenswert kluge und charmante Frau«, sagte er. »Ich verstehe einfach nicht, dass niemand Sie als vermisst gemeldet hat. Wenn Sie zu meinem Bekanntenkreis gehören und spurlos verschwinden würden, würde ich nichts unversucht lassen, um Sie wieder aufzuspüren.«

Ich lächelte geschmeichelt und fühlte, wie ich leicht errötete. Dr. Connors war ein sehr sympathischer Mann, der es verstand, mit Frauen umzugehen. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass ich mein Gedächtnis verloren hatte und mir folglich keine diesbezüglichen Urteile erlauben konnte, hätte ich ohne Umschweife behauptet, dass Dr. Daniel Connors zu der Sorte von Männern gehörte, in die ich mich Hals über Kopf verlieben konnte.

Bei diesem Gedanken musste ich unwillkürlich lächeln.

»Was belustigt Sie?«, erkundigte sich Dr. Connors.

»Ich habe gerade bemerkt, dass ich nicht unbedingt ein Gedächtnis benötige, um beurteilen zu können, ob mir ein Mensch sympathisch ist oder nicht.«

Dr. Connors nickte und wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, als es an der Tür klopfte.

»Herein«, rief der junge Arzt und erhob sich von meiner Bettkante.

Die korpulente Stationsschwester steckte ihren Kopf in die Türöffnung. Ihre Stirn war umwölkt.

»Da ist ein Mann, der behauptet, unsere Patientin zu kennen«, sagte sie. »Er besteht darauf, sie sofort zu sehen.«

Die Frau verschwand, und die Tür wurde ganz aufgestoßen. Ein kräftig gebauter Mann in beigefarbenem Anzug betrat das Zimmer.

Der Kerl war mir auf den ersten Blick unsympathisch. Er hatte kurzes braunes Haar, das er zurückgekämmt trug. Die hohe Stirn und die gebogene Nase verliehen seinem Gesicht ein aristokratisches Aussehen. Die Mundwinkel waren spöttisch herabgezogen, was den Ausdruck von Arroganz, der in seinen blauen Augen lag, noch verstärkte.

Eine gewisse Ähnlichkeit mit Onkel John aus meinem Traum war nicht zu leugnen. Sein Alter war jedoch schwer zu schätzen. Es interessierte mich auch gar nicht. Ich wünschte nur, dass dieser Kerl genauso schnell wieder aus meinem Leben verschwinden würde, wie er eingedrungen war.

Aber dies schien nicht in seiner Absicht zu liegen.

»Brenda!«, rief er und breitete seine Arme aus. Er trat auf mein Bett zu. Doch bevor er mich erreichen konnte, streckte ich ihm abwehrend die Hand entgegen.

»Wer sind Sie? Und was wollen Sie von mir?«, fuhr ich den Mann unhöflich an.

Der Fremde verharrte sichtlich überrascht und sah mich ungläubig an.

»Erkennst du denn deinen eigenen Mann nicht mehr?«, fragte er und lachte unsicher.

Ich sah ihn entsetzt an und warf Dr. Connors einen hilfesuchenden Blick zu. Der Arzt trat auf den Fremden zu und richtete das Wort an ihn.

»Sie kennen diese Frau?«, fragte er in sachlichem Tonfall.

Der Fremde nickte. »Mein Name ist Mordok. John Mordok. Und diese Frau dort ist Brenda Mordok, geborene Logan. Meine Ehefrau!«

Mir wurde schwindlig. Die Vorstellung, die Frau dieses Mannes zu sein, behagte mir überhaupt nicht. Ich verspürte tiefe Abneigung und ein wachsendes beklemmendes Gefühl.

»Sie werden verstehen, dass ich mich davon überzeugen muss, ob Sie die Wahrheit sagen«, merkte Dr. Connors an.

Er wandte sich an mich. »Können Sie sich an diesen Mann erinnern?«

Ich schüttelte heftig den Kopf. »Ich kenne diesen Kerl nicht«, sagte ich trotzig.

Das war eine Lüge. Der Mann trug nicht nur den gleichen Vornamen wie der böse Onkel aus meinem Traum. Er sah ihm auch noch verblüffend ähnlich.

Diesen komplizierten und verwirrenden Sachverhalt wollte ich vor dem Fremden jedoch nicht erörtern.

»Typisch Brenda«, mischte sich der Mann wieder ins Gespräch. »Sie ist hitzig und aufbrausend.«

Er nickte Dr. Connors zu. »Wir hatten uns gestritten«, erklärte er und machte ein bedauerndes Gesicht. »Es fielen ein paar unschöne Worte. Brenda warf mir den Ehering vor die Füße und verließ wutentbrannt die Burg.«

»Burg?«, hakte Dr. Connors nach.

John Mordok nickte, und mein Unbehagen wurde immer größer.

»Wir wohnen in einer alten Burg, westlich von London«, erklärte er. »Dahin werde ich Brenda jetzt auch zurückbringen. Es ist unnötig, dass meine Frau länger im Krankenhaus liegt.«

»Darüber entscheide ich allein«, unterbrach ihn Dr. Connors barsch. »Solange Sie Ihre Behauptungen nicht eindeutig beweisen können, bin ich weiterhin für die Patientin verantwortlich.«

John Mordok funkelte den jungen Arzt wütend an. Dann wandte er sich abrupt ab und verließ das Krankenzimmer mit forschen Schritten.

In der Tür drehte er sich noch einmal um.

»Ich werde in wenigen Stunden mit den erforderlichen Dokumenten zurück sein«, verkündete er. »Brenda kann sich schon mal anziehen.«

»Mein Kleid ist ruiniert«, versetzte sie. »So werde ich mich nicht auf die Straße begeben!«

»Ich werde dir ein neues aus deinem Schrank mitbringen«, sagte er und lächelte kalt. Dann war er aus der Türöffnung verschwunden.

Ich sah Dr. Connors verzweifelt an und seufzte. »Ich kann es nicht fassen, dass ich mit diesem Mann verheiratet sein soll«, sagte ich kopfschüttelnd.

Dr. Connors zuckte hilflos mit den Schultern. »Wenn er die erforderlichen Papiere vorweisen kann, muss ich Sie leider aus dem Krankenhaus entlassen. Sie sind körperlich gesund. Ich kann Sie nicht gegen den Willen Ihres Mannes im Krankenhaus behalten.«

»Er ist nicht mein Mann!«, rief ich verzweifelt.

6

Zwei Stunden später saß ich im abgeteilten Fond einer schwarzen Limousine. Ich trug ein blaues, tief ausgeschnittenes Kleid, in dem ich mich unwohl fühlte. Der Mann, der sich John Mordok nannte und behauptete, mein Ehemann zu sein, saß neben mir und betrachtete mich selbstgefällig.

Von der Fahrerkabine trennte uns eine Glasscheibe. Den Kerl hinterm Steuer hatte ich nur kurz zu Gesicht bekommen. Er war ein grobschlächtiger, muskelbepackter Mann von gedrungener Statur. Der schwarze Anzug und der Hut, den er tief in die Stirn gezogen hatte, ließen ihn finster und abweisend erscheinen.

»Du erinnerst dich an nichts?« Er schaute mich sonderbar an, als würde er mir nicht glauben.

Ich nickte und umklammerte den kleinen Schlüssel, den ich in die Tasche des neuen Kleides gesteckt hatte. John Mordok war tatsächlich mit den Dokumenten, die unsere Hochzeit bescheinigten, in der Klinik aufgelaufen. Ich konnte mich noch immer nicht mit dem Gedanken anfreunden, mit John Mordok verheiratet zu sein, und hatte beschlossen, dies so lange abzulehnen, bis ich mich wirklich an alles erinnerte.

John Mordok legte besitzergreifend einen Arm um meine Schultern.

»Wenn du dich wirklich an nichts mehr erinnerst, können wir mit unserer Beziehung ja ganz von vom beginnen«, sagte er und grinste mich an. »Wir haben uns in letzter Zeit nicht gut verstanden. Vielleicht ändert sich das ja jetzt.«

»Geben Sie sich keine Mühe«, erwiderte ich kühl und befreite mich von seinem Arm. »Die Tatsachen mögen für Sie sprechen. Aber meine Gefühle sagen mir etwas ganz anderes. Und solange ich mich nicht an Sie erinnern kann, ziehe ich es vor, auf meine Gefühle zu hören. Denn die haben mich im Gegensatz zu meinem Gedächtnis nicht im Stich gelassen.«

John schaute mich wütend an. »Dein Verhalten ist verletzend«, erwiderte er und rückte wieder ein Stück von mir ab. Doch dann grinste er schief und sah mich durchdringend an.

»Wenn wir erst in der Burg sind, wird sich deine Erinnerung von selbst wieder einstellen. Da bin ich mir ziemlich sicher.«

Wir fuhren eine Weile durch das nächtliche London. Die illuminierten Straßen der Innenstadt lagen längst hinter uns. Die Limousine schob sich durch die tristen Straßen der westlichen Vorstädte. Fabriken und Lagerhäuser verdrängten nach und nach die Wohnhäuser. Und dann lag die offene Landschaft aus Feldern, Wiesen und kleinen Knicks vor uns.

Am nächtlichen Sommerhimmel stand der Vollmond und beleuchtete die seichten Hügel und die kleinen Wälder mit seinem gespenstisch anmutenden Licht. Der Chauffeur lenkte den Wagen von der Hauptstraße und folgte einer holprigen, schlecht ausgebauten Straße. Wir tauchten in einen Wald ein. Und für eine Weile waren die Scheinwerfer die einzige Lichtquelle, die das undurchdringliche Dunkel hinter den Scheiben erhellte.

Dann trat der Wald plötzlich zurück. Vor uns erstreckte sich ein kleiner Hügel, auf dem eine gedrungene Burg stand. Die Silhouette aus Türmen, Erkern, spitzen Giebeln und gezackten Zinnen hob sich düster von dem sternenübersäten Himmel ab.

Ich hatte das vage Gefühl, dass mir dieser Anblick vertraut sei. Trotzdem war mir unbehaglich zumute. Das Gemäuer machte einen unheimlichen Eindruck. Keines der Fenster war erleuchtet.

»Die Burg der McLilians«, erklärte John Mordok bedeutungsschwer. »Dein Zuhause.«

Ich zuckte bei den Worten kaum merklich zusammen. Unwillkürlich musste ich an meinen Traum denken und rieb mir fröstelnd die bloßen Arme.

Wir fuhren eine schmale Serpentinenstraße hinauf, die vor den Toren der alten Burg endete. Der Chauffeur stieg aus und wuchtete die schweren, eisenbeschlagenen Flügeltüren auf.

Das Quietschen der Angeln war bis in die Limousine hinein zu hören. Der Chauffeur stieg wieder ein und fuhr den Wagen auf den mit Kopfstein gepflasterten Hof.

»Wohnen wir in dieser Burg etwa ganz allein?«, erkundigte ich mich.

John nickte knapp und bedeutete mir, dass ich aussteigen solle.

Als ich den Wagen verlassen hatte, sah ich mich unbehaglich um. Die dunklen Felsquader und Steine, aus denen die Burg erbaut worden war, wirkten verwittert. Überall wucherten Flechten und Moos zwischen den Ritzen. Efeuranken hatten die Hälfte einer Mauer fast vollständig verschlungen.

Die Anlage machte einen ungepflegten und verwahrlosten Eindruck. Was war aus dieser Burg geworden? In meinem Traum war sie belebt gewesen, und die Gebäude sahen schön und gepflegt aus.

Das liegt ja auch schon lange zurück, sagte eine innere Stimme.

Ich schüttelte mich. Das alles war so verwirrend für mich. Ich bekam einfach keinen Anhaltspunkt, an den ich mich klammern konnte. Was für ein Leben hatte ich an der Seite dieses unheimlichen Mannes geführt? Und wie hatte ich es nur in dieser gespenstischen Burg ausgehalten?

Ich sehnte mich plötzlich in mein Krankenzimmer im St. Thomas Hospital zurück und zu Dr. Daniel Connors.

Warum konnte ich nicht mit einem Mann wie ihn verheiratet sein?

John fasste mich am Arm und führte mich zum Palas. Seine kalten blauen Augen ruhten auf mir.

»Erinnerst du dich?«, wollte er wissen.

Ich schüttelte müde den Kopf.

»Irgendetwas muss dieser Anblick in dir doch hervorrufen«, sagte er unwirsch.

»Tut er aber nicht«, erwiderte ich trotzig. Von meinem Traum und den seltsamen Gedanken, die sich in meinem Kopf jagten, wollte ich John nichts erzählen.

John schnaufte ungehalten und zog mich in die Eingangshalle des Palas. Der Chauffeur ging voran und sorgte für Beleuchtung.

Ein Kronleuchter flammte auf und tauchte die Halle in ein angenehmes, warmes Licht. Antike Ritterrüstungen standen an den Wänden. Der Boden war mit einem einfachen, aber geschmackvollen Mosaik bedeckt. Am Ende der Vorhalle führte eine breite Freitreppe in die oberen Etagen. An den Wänden hingen dicke, handgewebte Wandteppiche, auf denen altertümliche Jagdszenen dargestellt waren.

Ich war erstaunt, wie stilvoll und aufwendig die Burg eingerichtet war. Nach dem äußeren Erscheinungsbild der Burg hätte ich eher mit schäbigem, heruntergekommenem Mobiliar gerechnet.

»Brian, geh in die Küche und mach uns etwas zu essen«, sagte John an seinen Chauffeur gewandt, der sich daraufhin missmutig brummelnd entfernte.

John hakte sich bei mir unter und führte mich durch die Räumlichkeiten der Burg. Er zeigte sich redselig und plauderte von belanglosen Dingen. Aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass er mich genau beobachtete.

Ich versuchte, mir von meinen Gedanken jedoch nichts anmerken zu lassen, obwohl ich aus dem Staunen nicht wieder herauskam. Der Salon, der Speisesaal und all die anderen Zimmer, die John mir zeigte, waren mit kostbaren alten Möbeln eingerichtet. Ich erkannte auf den ersten Blick, dass es sich um Originalmöbel aus dem Mittelalter handelte. Viele der Zimmer waren so eingerichtet, dass sie dem Geschmack und den Bedürfnissen der damaligen Zeit entsprachen.

Ich scheine wirklich etwas von geschichtlichen Dingen zu verstehen, dachte ich erfreut.

Aber meine anfängliche Freude wurde bald getrübt. Denn während ich meinen Blick durch die Zimmer schweifen ließ, erkannte ich Nischen und Vorsprünge, von denen ich wusste, dass sich dahinter Geheimtüren befanden.

Ich kannte diese Burg! Aber war es möglich, von einem Gebäude, in dem man nie gewesen war, so detailliert zu träumen, dass man sich fast darin zu Hause fühlte, wenn man es zum ersten Mal betrat?

Ich zweifelte daran, und ich fragte mich, ob ich diese Burg vielleicht deshalb so genau kannte, weil ich in ihr seit Jahren lebte als Ehefrau von John Mordok!

Ein Schauer fuhr mir bei diesem Gedanken über den Rücken.

»Was hältst du nun von unserer Burg?«, wollte John wissen, als wir im Speisesaal an der langen Tafel aus Eichenholz saßen. Der Stuhl, auf dem ich Platz genommen hatte, wies komplizierte Schnitzereien auf. Er knarrte ein wenig.

»Ich bin überrascht«, gab ich ehrlich zu. »Man könnte glauben, wir hielten uns in einem Museum auf.«

»Es war dein eigener Wunsch, die Burg so einzurichten. Du hast dich sehr für das Rittertum interessiert.«

John zuckte mit den Achseln. »Es hat mich eine Menge Geld gekostet, all diese antiken Möbel zu kaufen. Aber für meine Frau habe ich es gern getan.«

Er sah mich durchdringend an.

Verlegen schlug ich die Augen nieder. Brian kam mit dem Essen herein und servierte es uns mit unbeholfenen Bewegungen.

Wieder keimten Zweifel in mir auf. Sollte John wirklich mein Mann sein?

Ich nahm mir vor, mich in Zukunft etwas umgänglicher zu geben. Denn auch für John musste es ein schwerer Schicksalsschlag sein, dass seine Frau plötzlich ihr Gedächtnis verloren hatte.

Nach dem Essen begleitete John mich ins Schlafgemach. Es war schon sehr spät, und ich fühlte mich furchtbar müde. Trotzdem wurde mir bei dem Gedanken, die Nacht mit John in einem Bett zu verbringen, ziemlich mulmig zumute.

John stieß die Flügeltüren zum Schlafgemach auf und deutete auf das große, protzige Himmelbett. Ein roter Baldachin spannte sich über die breite Liegefläche, die mit weichen Kissen und dicken Decken ausgelegt war. Über dem Kopfende prangte ein großes Porträt.

Ich zuckte erschrocken zusammen, als ich erkannte, wer da abgebildet war. Das aristokratische Gesicht mit der Adlernase, umrahmt von braunem, langem Haar, erkannte ich sofort wieder. Es handelte sich um Onkel John aus meinen Träumen. Die Ähnlichkeit mit John Mordok war verblüffend.

»Was ist mit dir, Liebling?«, fragte John und strich mir über den Rücken.

Ich bekam eine Gänsehaut.

»Bist du das auf diesem Bild?«, fragte ich und ärgerte mich, wie brüchig und unsicher meine Stimme plötzlich klang.

John lachte laut auf.

»Der Mann, den du dort auf dem Gemälde siehst, ist John McLilian«, erwiderte er belustigt. »Er ist ein Urahne von mir. Ich bin nur über mehrere Ecken mit ihm verwandt. Eine gewisse Ähnlichkeit lässt sich jedoch nicht leugnen.«

John schaute mich grinsend an. »Darum liebe ich dieses Bild auch so sehr«, fuhr er fort. »John McLilian war ein unerschrockener Ritter und ein gerechter Herrscher über die Burg und die Ländereien.«

Ich spürte, wie ich vor Empörung errötete.

John McLilian war ein Feigling, wollte ich ausrufen. Nicht er herrschte über diese Burg, sondern mein Vater!

Aber ich riss mich zusammen und schwieg.

John sah mich an. »Kannst du dich wirklich an nichts erinnern?«, fragte er lauernd. Anscheinend war er misstrauisch geworden. »Oder spielst du mir die ganze Zeit was vor?«

Ich schüttelte den Kopf und sah ihn gefasst an.

Doch John packte mich an den Handgelenken und zog mich dicht an sich heran. »Sobald du dich an irgendetwas erinnerst, musst du es mir sagen!«, forderte er unwirsch.

Diesmal nickte ich.

»Du tust mir weh!«, sagte ich.

John sah mich noch einen Moment stumm und verbissen an. Dann ließ er meine Handgelenke los und stieß mich von sich.

Einen Augenblick herrschte unheilvolle Stille. »Ich möchte heute Nacht lieber allein schlafen«, erklärte ich schließlich und rieb mir die schmerzenden Gelenke. »Wenn ich Ruhe habe, kann ich mich sicher auch besser an alles erinnern.«

John schien einen Augenblick zu überlegen. Dann nickte er. »Du kannst in einem der Gästezimmer schlafen«, sagte er und wollte mir einen Gutenachtkuss auf die Wange drücken. Aber ich wandte mich rasch um und stürzte aus dem Zimmer.

Den Weg zum Gästezimmer fand ich allein. Als ich mich noch einmal umdrehte, stand John im Korridor und starrte mir mit grimmiger, verschlossener Miene nach.

7

Das Gästezimmer war einfach und schlicht eingerichtet. Eine große Holztruhe, in der ich ein Nachthemd und einen Morgenmantel fand, ein kastenförmiges Holzbett und ein zierlicher Schminktisch waren alles, was sich an Möbeln darin befand.

Ich hatte die Tür abgeschlossen und lag wach auf dem Bett. In meinem Kopf jagten sich die Gedanken.

Ich hatte die Hoffnung, dass mein Gedächtnis irgendwann wieder einwandfrei funktionieren würde, fast schon aufgegeben. Immer mehr Rätsel und Unklarheiten taten sich vor mir auf. Mein Leben schien immer komplizierter und unübersichtlicher zu werden.

Und John Mordok setzte allem noch die Krone auf.

Ein unangenehmer Schauer rieselte mir über den Körper. John Mordok war mir irgendwie unheimlich. Ich hatte das Gefühl, dass er etwas vor mir verheimlichte. Und dann dieser zwielichtige Typ namens Brian. Er sah aus wie der Handlanger eines Ganoven, nicht wie ein Butler. Und kochen konnte er schon gar nicht.

Ich drehte mich auf die Seite und versuchte zu schlafen. Ich fühlte mich unbehaglich und sehnte mich mehr denn je nach einem Menschen, dem ich vertrauen konnte.

Unwillkürlich musste ich an Dr. Daniel Connors denken. Seine freundliche, sympathische Art hatte mir sofort Vertrauen eingeflößt.

Ich stellte mir seine ausdrucksstarken blauen Augen vor und sein warmherziges Lächeln.

Wie es wohl wäre, diese Lippen zu küssen?, dachte ich und lächelte versonnen, bevor ich in den Schlaf hinüberdämmerte.

8

Die Tür wurde aufgerissen, und Phillip stürmte herein. Entschlossen trat er auf das einfache Holzbett zu und rüttelte Mathilda sanft an der Schulter.

»Mathilda, du musst aufwachen. Es sind schreckliche Dinge geschehen!«

Das Mädchen öffnete verschlafen die Augen. Sie fuhr sich mit der Hand an den Kopf, der mit einem schneeweißen Verband umwickelt war.

»Phillip, bist du das?«, fragte sie verwundert. »Was erlaubst du dir, so einfach in mein Schlafzimmer einzudringen?«

Der junge Knappe überhörte den Vorwurf in Mathildas Stimme. Kurz entschlossen trat er an die Truhe heran und holte Kleider für Mathilda hervor, die er dem Mädchen auf das Bett warf.

»Zieh das an«, befahl er. »Ich drehe mich solange um.«

Mathilda wollte aufbrausen. Doch dann gewahrte sie den hektischen Lärm, der vom Korridor zu ihnen hereindrang, und auch, dass Phillip, der ihr den Rücken zugekehrt hatte, ein Kurzschwert in seinem Gürtel trug.

»Was ist denn geschehen?«, fragte Mathilda und schlüpfte aus dem Bett.

Sie wollte sich das Nachthemd ausziehen, aber der Kopfverband war ihr dabei hinderlich. Ungeduldig riss sie den Verband ab. Nur ungern erinnerte sie sich daran, wie sie im Geheimgang gestürzt war und das Bewusstsein verloren hatte. Phillip hatte sie auf seinen Armen in ihr Zimmer getragen und den Doktor, einen alten, gebrechlichen Mann, aus dem Schlaf geholt. Phillip erzählte, dass er Mathilda auf dem Korridor gefunden hätte. Sie hatte eine Gehirnerschütterung und erwachte erst am Mittag des nächsten Tages. Das lag nun schon zwei Tage zurück. Der Doktor hatte ihr Bettruhe verschrieben, und Theresa, ihre Mutter, hatte darauf bestanden, dass Mathilda den Ratschlägen des Doktors auch folgte.

Seitdem hatte Mathilda Phillip nicht wiedergesehen. Dass er jetzt so einfach in ihr Schlafzimmer platzte, musste schon einen triftigen Grund haben.

»Heute Morgen ist ein Bote eingetroffen«, beantwortete Phillip ihre Frage. Seine Stimme klang aufgeregt. »Er brachte Kunde aus Palästina ...«

Phillip stockte, und Mathilda, die soeben ihr Kleid übergestreift hatte, rief ungehalten: »Nun fahr schon fort!«

»Dein Vater«, sagte Phillip mit brüchig klingender Stimme. »Er ... er ist bei einer Schlacht vor Jerusalem gefallen!«

Mathilda begann zu taumeln.

Phillip fing Mathilda auf, die aber gleich wieder zu sich kam und Phillip von sich wegstieß.

»Das ist nicht wahr!«, schrie sie den Jungen an. »Du lügst. Du sagst das nur, weil du mich verletzen willst!«

Sie stürmte auf Phillip los und trommelte mit ihren Fäusten auf seine Brust. Phillip sah traurig zu ihr hinab und ließ sie gewähren. Als ihr Trommeln immer schwächer wurde, schloss er Mathilda einfach in seine Arme. Das Mädchen begann zu schluchzen und hing kraftlos in Phillips Armen. Tränen rannen ihr über das Gesicht und netzten den Wams des jungen Knappen. Nach einer Weile trat Phillip einen Schritt zurück und umfasste Mathildas Schultern.

Fest sah er ihr in die Augen.

»Du musst jetzt sehr stark sein«, sagte er. »Nachdem der Tod deines Vaters in der Burg die Runde gemacht hatte, erhob John sofort Ansprüche auf die Besitztümer seines Bruders. Er verlangt von deiner Mutter, dass sie ihn statt deines Vaters zum Mann nimmt. Aber sie weigerte sich und schloss sich im Arbeitszimmer deines Vaters ein. Die Tür ist mit Eisen beschlagen und sehr robust. John versucht seit Stunden, Theresa dazu zu bewegen, die Tür zu öffnen. Aber sie weigert sich beharrlich. Jetzt geht er mit roher Gewalt vor und versucht, die Tür aufzubrechen!«

»Dieses Scheusal!«, schrie Mathilda außer sich. »Ich werde ihm mit meinen eigenen Händen die Augen auskratzen.«

»Du wirst gar nicht an ihn herankommen«, erwiderte Phillip sachlich. »Die meisten Bediensteten haben erkannt, was die Stunde geschlagen hat. Sie haben John bereits Gehorsam geschworen und stehen auf seiner Seite.«

Mathilda schüttelte fassungslos den Kopf. Mit großen Augen sah sie zu Phillip auf. »Was sollen wir jetzt tun?«, fragte sie verzweifelt.

»Du musst dich sofort in Sicherheit bringen«, erklärte Phillip. »In der Burg herrscht ein großes Durcheinander. John ist voll und ganz damit beschäftigt, das Arbeitszimmer deines Vaters zu stürmen. Aber es wird nicht mehr lange dauern, bis er sich an dich erinnert. Mit Sicherheit wird er versuchen, dich in seine Gewalt zu bringen, um Theresa gefügig zu stimmen.«

Wie um die Worte des Knappen zu bestätigen, rüttelte es plötzlich an der Tür. Vorausschauend hatte Phillip den Riegel vorgeschoben.

»Mathilda, öffnet die Tür!«, rief eine raue Männerstimme. »Ritter John wünscht Euch zu sprechen. Sofort.«

Mathilda schnappte empört nach Luft. Sie wollte dem dreisten Mann eine Erwiderung entgegenschleudern. Aber Phillip legte ihr einen Finger auf die Lippen.

»Wenn die Männer die Tür aufgebrochen haben, sind wir verloren«, raunte er ihr zu. »Gibt es in diesem Zimmer einen Zugang zum geheimen Labyrinth?«

Mathilda brauchte nicht lange zu überlegen. »Hinter der Truhe«, sagte sie leise.

Phillip machte sich sofort daran, die Truhe beiseite zu schieben.

Schwere Schläge an der Tür verrieten, dass die Männer unterdessen versuchten, sie gewaltsam zu öffnen. Die Angeln verbogen, lange Späne splitterten vom Riegel ab. Es war ersichtlich, dass die Tür dem Ansturm nicht lange standhalten würde.

Doch da hatten es die beiden geschafft. Die Truhe war beiseite geschoben, dahinter kam ein ganz gewöhnlicher Felsquader zum Vorschein.

Phillip stieß enttäuscht die Luft aus. Aber Mathilda machte sich mit geübten Handgriffen an der Fuge zu schaffen. Kurz darauf schwang der schwere Stein wie von selbst nach innen weg.

Eine dunkle Öffnung gähnte vor ihnen. Sie war so klein, dass Mathilda und Phillip hindurchkriechen mussten.

Gerade waren sie hindurchgeschlüpft und der Quader mit einem vernehmlichen Klacken an seine ursprüngliche Position zurückgeschwenkt, als die Zimmertür auch schon splitternd nachgab.

Die beiden verharrten mit angehaltenem Atem in dem düsteren Geheimgang. Aufgebrachte Stimmen und das Tappen von Schritten waren hinter der Mauer zu vernehmen. Flüche wurden ausgestoßen, Möbel hin und her gerückt.

Mathilda nahm Phillip bei der Hand und führte ihn in der Dunkelheit durch die Geheimgänge. Tastend streckte sie die freie Hand vor sich, um keine Abzweigung und Gabelung zu verpassen. Ihre Finger fuhren durch Spinnweben. Käfer krabbelten ihr den bloßen Arm hinauf.

Aber sie achtete nicht darauf, sondern konzentrierte sich auf den Gang, der in Finsternis vor ihr lag.

»Wo bringst du uns hin?«, wollte Phillip nach einer Weile wissen.

»Zum Arbeitszimmer meines Vaters«, antwortete Mathilda.

Sie nahmen eine Gangbiegung und ein paar Stufen. Dann hielt Mathilda plötzlich an. Es dauerte eine Weile, bis sie den geheimen Mechanismus in der Wand gefunden hatte. Doch schließlich schob sich ein Teil der Mauer zur Seite. Helles Licht flutete in den finsteren Gang. Die beiden schlossen geblendet die Augen.

Dann stürzte Mathilda in das große Arbeitszimmer ihres Vaters und sah sich rasch um.

Dumpfes Hämmern und aufgebrachte Stimmen waren hinter der Zimmertür zu hören. Die robuste, eisenbeschlagene Tür wies bereits etliche Beulen auf. Aber noch hielt sie stand und vereitelte Johns Bemühungen, gewaltsam einzudringen.

An den Wänden des Raumes befanden sich hohe Regale, in denen sich Pergamentrollen und Dokumente stapelten. Auf dem wuchtigen Schreibtisch stand neben den Siegelwachsblöcken, dem Tintenfass und den Schreibfedern eine Kristallkaraffe.

Theresa saß in sich zusammengesunken auf einem reichverzierten Lehnstuhl neben dem Schreibtisch. In ihrer kraftlosen Hand hielt sie einen gläsernen Kelch. Das lange braune Haar fiel ihr weich und seidig über die schmalen Schultern. Sie trug ein weites schwarzes Kleid und einen Schleier, den sie am Hinterkopf mit Haarspangen befestigt hatte.

Theresas Teint war bleich und fahl. Schatten lagen unter ihren Augen.

»Mathilda!«, presste Theresa mühsam hervor. »Bist du es wirklich, oder träume ich schon ...«

»Mutter, was ist mit dir?«, fragte Mathilda ängstlich und berührte sie vorsichtig an der Schulter.

In diesem Moment entglitt ihrer Mutter der Glaskelch, der klirrend zu Boden fiel.

»Sie hat Gift getrunken«, erklärte Phillip bestürzt. Er war an den Schreibtisch getreten und hatte an der Karaffe gerochen.

Theresa richtete mühsam ihren Kopf auf und sah die beiden mit fiebrig glänzenden Augen an. »Mein geliebter Mann ist gestorben«, hauchte sie mit versagender Stimme. »Er war ein guter und liebevoller Mann ... Nicht so wie John, sein Bruder. John wird nun sein Erbe antreten. Ich will nicht Johns Frau werden und an seiner Seite mit ansehen müssen, wie er all das zunichte macht, was sein Bruder in mühevoller Arbeit errichtete ...«

»Mutter, so darfst du nicht denken«, rief Mathilda eindringlich. »Wir können von hier fliehen!«

Theresa schüttelte matt den Kopf. »Für mich gibt es keine Zukunft mehr«, erklärte sie. Dann sah sie Phillip mit verschleiertem Blick an.

»Bring ... meine Tochter in Sicherheit«, sagte sie mit brüchiger Stimme. »Ein Tagesritt von hier entfernt ... gibt es ein Kloster. Dort ... bring sie hin.«

Ihr Kopf sackte nach vorn, und sie hörte auf zu atmen. Das lange seidige Haar fiel wie ein Schleier vor ihr Gesicht.

Mathilda schossen Tränen in die Augen. Sie wollte sich auf ihre Mutter werfen. Aber Phillip hielt sie zurück.

»Wir müssen fort von hier«, sagte er eindringlich. »Die Tür wird jeden Moment nachgeben.«

Mathilda wandte sich benommen um und starrte die Tür an. Eine Angel war bereits aus der Wand gebrochen. Der blitzende Stahl einer scharfen Axt erschien in der Öffnung, mit der auf die andere Angel eingedroschen wurde.

Aber Mathilda fühlte sich unfähig sich zu regen. Der Tod ihrer Mutter hatte sie so sehr schockiert, dass sie alles nur wie durch einen Schleier wahrnahm.

Phillip, der Mathildas Zustand erkannte, lud sich das Mädchen kurzerhand auf die Arme und rannte mit seiner kostbaren Last auf die Geheimtür zu.

Im selben Moment barst die Eingangstür. John, gefolgt von einigen Männern, stürmte in das Zimmer.

Mathildas Onkel blickte sich rasch um. Er sah die leblose Theresa und entdeckte auch Phillip mit dem Mädchen auf dem Arm, der verzweifelt nach dem Mechanismus suchte, der die Geheimtür wieder schließen würde. Da riss John sein Schwert empor und stürmte auf die beiden los.

Phillip blieb gerade noch Zeit, Mathilda sanft auf dem Boden abzulegen und sein Kurzschwert aus dem Gürtel zu reißen.

Er parierte den Hieb des Mannes und versetzte ihm einen heftigen Tritt gegen das Schienbein. John heulte wütend auf und holte zu einem neuen Schlag aus. Doch Phillip war schneller. Sein leichtes Kurzschwert zuckte empor und bohrte sich in die rechte Schulter seines Widersachers.

Johns Augen weiteten sich ungläubig, und er taumelte einen Schritt zurück. Doch im nächsten Augenblick schlug er Phillip das Kurzschwert aus der Hand, das im hohen Bogen durch das Arbeitszimmer schwirrte und klirrend auf dem Boden landete. Entsetzt sah Phillip auf seine nun leere Hand herab. Ein schmerzverzerrtes Grinsen huschte über Johns Gesicht. Dann stürzte er sich auf den Jungen.

Doch bevor der tödliche Stahl den erstarrten Phillip erreichen konnte, schob sich plötzlich die Geheimtür zu.

John, der die Wucht des Hiebes nicht mehr bremsen konnte, prallte gegen die geschlossene Mauer.

Dunkelheit umfing Phillip und Mathilda im Geheimgang.

Er spürte ihre Hand auf seiner Schulter und wandte sich zu ihm um. Unbemerkt hatte sie sich auf gerappelt und die Geheimtür geschlossen.

»Das war Rettung in letzter Sekunde«, stöhnte Phillip. »Ich glaubte schon meinem Tod gegenüberzustehen.«

»Wir müssen die Burg so schnell wie möglich verlassen«, erwiderte Mathilda mit zitternder Stimme. »John weiß jetzt, dass es einen Geheimgang gibt. Er wird seine Männer nach draußen schicken, damit sie uns abfangen können. Ich kenne aber einen Gang, der erst in den Wäldern endet.«

Phillip legte Mathilda einen Arm um die Schultern. Dann drückte er ihr einen flachen, handtellergroßen Gegenstand in die Hand. Er war aus Metall und fühlte sich warm an.

»Was ist das?«, wollte Mathilda wissen.

»Ein Amulett«, erklärte Phillip. »Ich habe mich vergangene Nacht heimlich in die Schmiede geschlichen. Dir war ja Bettruhe verordnet, daher musste ich die Sache mit John und Roderik allein weiterverfolgen.«

»Du hast eines der magischen Amulette gestohlen?«, wunderte sich Mathilda. »Es war kein Diebstahl«, verteidigte sich Phillip. »Das Gold gehörte schließlich deinem Vater. Du hast weit mehr von dem Vermögen deiner Familie verdient als nur diesen lausigen Anhänger.«

Mathilda musste unwillkürlich lachen. Doch dann trübten sich ihre Gedanken wieder. Der Schock über den Tod ihrer Eltern saß noch sehr tief.

Sie ließ es sich gefallen, dass Phillip ihr das Amulett um den Hals legte. Dann setzten sie ihren Weg durch die Dunkelheit fort.

Was mag uns in den Wäldern erwarten?, dachte Mathilda ängstlich.

9

Als ich erwachte, waren meine Wangen von Tränen feucht. Ich fühlte eine sonderbare Traurigkeit, die ich mir im ersten Augenblick nicht erklären konnte.

Doch dann erinnerte ich mich an den Traum.

»Mathilda«, flüsterte ich den Namen des Mädchens, dessen Schicksal ich so intensiv miterlebt hatte. Ihre Gefühle und ihr Denken waren mir auf erschreckende Weise vertraut. So sehr vertraut, dass ich noch immer eine dumpfe Trauer über den Tod ihrer Eltern empfand.

Schlaftrunken richtete ich mich in dem Bett auf und wischte mir die Tränen fort. Draußen dämmerte bereits der Morgen. Wolken waren in der Nacht heraufgezogen und verdüsterten den Himmel. Ein leichter Nieselregen ging nieder, der die unberührte Naturlandschaft mit einem geisterhaften grauen Schleier bedeckte.

Gedankenversunken sah ich mich in dem Raum um, war aber plötzlich hellwach, als ich bemerkte, dass das Zimmer, in dem ich geschlafen hatte, Mathildas Schlafgemach auf erschreckende Weise glich. Sogar die schwere Truhe war vorhanden.

Ich stand auf, warf mir den dicken flauschigen Morgenmantel über, den ich in der Truhe gefunden hatte, und schloss die Zimmertür auf.

Der Korridor lag im Halbdunkel. Ich verließ den Raum und wollte mich nach einem Badezimmer umschauen.

Da trat plötzlich eine gedrungene Gestalt aus einer Nische und stellte sich mir in den Weg.

Erschrocken fuhr ich zusammen.

»Brian!«, rief ich vorwurfsvoll, als ich Johns sonderbaren Chauffeur erkannte. »Warum lauern Sie mir auf?«

»Ich lauere Ihnen nicht auf«, erwiderte Brian gleichmütig. »Ich habe lediglich den Auftrag dafür zu sorgen, dass Sie die Burg nicht verlassen. Der Boss ist zurzeit nicht da. Er geht seinen Geschäften nach.«

Ich sah Brian misstrauisch an. Die Art, wie er von John sprach, erschien mir doch sehr sonderbar. Außerdem gefiel es mir gar nicht, dass John mir verbieten wollte, die Burg zu verlassen.

Ich versuchte, mir von meiner Unsicherheit nichts anmerken zu lassen. »Wo befindet sich das Badezimmer?«, fragte ich.

Brian deutete stumm auf eine Tür.

Er ließ mich passieren. Kurz darauf befand ich mich im Badezimmer. Es war nicht sehr komfortabel eingerichtet und wirkte in dieser Burg eher wie ein Fremdkörper. Ich schloss die Tür ab und stellte mich nackt unter die Dusche.

Als ich mit meiner Morgentoilette fertig war und in meinen Bademantel gehüllt in mein Zimmer zurückkehrte, stand Brian noch immer in der schattigen Nische. In seinem Mundwinkel glomm eine Zigarette und warf einen rötlichen Schimmer auf seine groben Gesichtszüge.

Ich beeilte mich, in mein Zimmer zu kommen. Während ich mich anzog, dachte ich nach.

Warum war mein Leben nur so undurchschaubar? Die Burg erschien mir vertraut, dennoch konnte ich mich nicht besinnen, wo das Badezimmer lag. Auch an gemeinsame Stunden mit John fehlte mir die Erinnerung. Und seinen finsteren Begleiter Brian konnte ich schon gar nicht einordnen.

Es wurde Zeit, dass ich auf eigene Faust Erkundigungen anstellte. Wer waren meine Eltern? Hatte ich Geschwister? Freunde?

All diese Fragen harrten ihrer Beantwortung.

Doch dafür musste ich die Burg verlassen. Brian hatte mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er mich am Verlassen der Burg hindern würde. John behandelte mich wie seine Gefangene!

Ich sah mich im Zimmer um und überlegte, was Mathilda an meiner Stelle getan hätte.

Mein Blick fiel unwillkürlich auf die schwere Truhe. Wenn ich meinem Traum Glauben schenken durfte, befand sich dahinter ein versteckter Zugang zum geheimen Labyrinth.

Ich trat vor die Truhe und überlegte. Ich musste das schwere Möbelstück irgendwie verrücken, ohne dass Brian etwas merkte.

Ich hatte auch schon eine Idee.

Ich breitete den Morgenmantel auf dem Steinfußboden aus, hob die Truhe erst auf der einen Seite, dann auf der anderen Seite an und schob den Stoff unter die handgeschnitzten Beine. Jetzt konnte ich die Truhe lautlos zur Seite schieben, da sie auf dem rutschigen Stoff ruhte.

Ich war ganz schön aus der Puste, als ich mit der Arbeit fertig war.

Die Mauer aus Felsquadern, die ich freigelegt hatte, sah robust und stabil aus. Es schien völlig unmöglich, dass sich in der festen Mauer eine Geheimtür befinden sollte.

Dennoch kniete ich mich nieder und fuhr mit den Fingerspitzen an den Fugen des großen Quaders entlang, genauso, wie es Mathilda in meinem Traum getan hatte. Als ich auf eine kleine Erhebung stieß, drückte ich sie nieder.

Es gab ein vernehmliches Klacken. Aber sonst geschah nichts.

Besorgt horchte ich, ob sich Schritte vom Korridor näherten. Aber nichts war zu hören!

Ich atmete erleichtert auf und stemmte mich gegen den Stein. Knirschend und schabend schwang er ein Stück nach hinten weg. Ein schwarzer Spalt tat sich auf, aus dem mir ein feuchtmodrig riechender Lufthauch entgegenschlug.

Mein Herzschlag beschleunigte sich. Es befand sich tatsächlich eine geheime Tür an dieser Stelle. Genau wie in meinem Traum! Aber der Zugang schien lange nicht mehr benutzt worden zu sein. Der Stein ließ sich nur mühsam von seinem Platz wegdrücken.

Mit einem unbehaglichen Gefühl starrte ich in die dunkle Öffnung. Ich hatte keine Taschenlampe, um mich in dem finsteren Labyrinth zu orientieren. Wenn ich den Geheimgang betrat, war ich ganz auf meine zweifelhaften Erinnerungen angewiesen. Erinnerungen, die nicht einmal meine eigenen waren, sondern von einem Mädchen mit Namen Mathilda stammten.

Ich atmete einmal tief durch und nahm all meinen Mut zusammen. Dann bückte ich mich und kroch durch die enge Öffnung. Als ich den Felsquader hinter mir wieder an seine ursprüngliche Position zurückdrückte, umfing mich undurchdringliche Finsternis.

10

Ich versuchte, meine Gedanken auszuschalten und die Führung über mein Denken und Handeln Mathilda zu überlassen.

Das war gar nicht so einfach, denn die Gänge waren über und über mit Spinnweben verhangen, die sich in meinem Haar und meiner Kleidung verfingen. Zu meinen Füßen huschten Ratten und anderes Ungeziefer. Immer wieder schreckte ich zusammen und ertappte mich bei dem Gedanken, einfach Hals über Kopf wegzurennen.

Mehr als einmal bereute ich meinen Entschluss, das Labyrinth betreten zu haben.

Aber ich zwang mich zur Besonnenheit, biss die Zähne zusammen und setzte widerwillig einen Fuß vor den anderen.

Nach kurzer Zeit kam ich an eine Treppe, die in die Tiefe führte. Ich wäre die Stufen beinahe hinuntergestürzt, weil ich den Treppenabsatz zu spät bemerkte.

Tappend und tastend stieg ich die Stufen hinunter. Es war eine lange Treppe, und ich befürchtete schon, dass sie gar kein Ende nehmen würde, als ich plötzlich unten angelangt war.

Erschöpft verharrte ich einen Augenblick und erstarrte.

Hinter mir waren schwere, schlurfende Schritte zu hören!

Gehetzt schaute ich mich um.

Undeutlich zeichnete sich ein schwarzer Schemen auf den Stufen ab. Wankend und in gebeugter Haltung kam er Schritt für Schritt auf mich zu.

Ich glaubte, vor Angst wahnsinnig zu werden und zitterte am ganzen Körper. Wer war diese gespenstische Erscheinung? Um Brian konnte es sich unmöglich handeln. Dafür war der Schemen viel zu groß. Die gespenstische Erscheinung trug einen weiten Umhang, der auf den Stufen schleifte. Ich glaubte, ein unterdrücktes, hohles Röcheln zu hören, das sich unheimlich mit dem Schlurfen der Schritte vermischte.

Du musst wegrennen!, hämmerte es in meinem Kopf.

Dann rannte ich los, so schnell meine Beine mich trugen.

Ich achtete nicht mehr darauf, wohin meine Schritte mich lenkten. Abzweigungen und Gabelungen huschten an mir vorüber.

Ich blickte über meine Schulter. Der unheimliche Schemen hatte seine Schritte ebenfalls beschleunigt. Mit grotesk wirkendem schwankendem Gang humpelte er hinter mir her.

Voller Panik lief ich weiter.

Ich befand mich in einem niedrigen Gang und musste den Kopf einziehen, um mich nicht zu stoßen. Der Boden war mit Pfützen bedeckt, in denen übelriechendes, brackiges Wasser stand. Es spritzte nach allen Seiten weg, als ich hindurchrannte.

Da ragte plötzlich eine schwarze Wand vor mir auf.

Der Gang war jäh zu Ende.

Gehetzt schaute ich mich um.

Aber an dieser Stelle gab es keinen weiteren Gang, der von dem niedrigen Tunnel abzweigte.

Ich war in einer Sackgasse gefangen!

Die schlurfenden Schritte kamen unaufhaltsam näher. Das Plätschern von Wasser mischte sich unter die gespenstischen Geräusche, die der Unheimliche von sich gab. Er füllte den niedrigen Tunnel fast vollständig aus. Der lange Umhang schleifte durch die Pfützen und verursachte ein ekelhaftes, schmatzendes Geräusch.

Eine Gänsehaut jagte mir über den Körper. Ich wich entsetzt zur Wand zurück, bis ich mit dem Rücken dagegenstieß.

Die Mauer fühlte sich rau und rissig an. Unwillkürlich wanderten meine Hände über das kalte Gestein, während ich mit schreckgeweiteten Augen dem Unheimlichen entgegenstarrte.

Ein raues, kehliges Lachen war zu hören. Immer näher kam der Unheimliche an mich heran. Klauenartige, dürre Hände streckten sich nach mir aus.

Als uns nur noch wenige Schritte trennten, hatten meine Finger einen glatten, flachen Stein ertastet, der einige Zentimeter aus der Wand hervorschaute.

Ohne zu überlegen, presste ich die Handfläche dagegen.

Augenblicklich gab die Felswand hinter mir nach. Wie eine Tür schwenkte sie nach hinten weg. Ich stolperte rückwärts, während helles Tageslicht in den Tunnel flutete.

Rittlings fiel ich zu Boden und starrte mit schreckgeweiteten Augen auf die Gestalt, die für einen Moment lang genau im breiten Lichtstrahl stand.

Ein altes, ergrautes Gesicht, umgeben von schütterem dünnem Haar, schaute unter dem Umhang hervor. Die Haut war runzlig und faltig wie die einer Mumie.

Doch im nächsten Augenblick riss der Unheimliche einen Arm in die Höhe und bedeckte sein Gesicht mit dem zerfledderten schwarzen Umhang.

Dann tauchte er in den schwarzen Schatten des Labyrinths. Die Geheimtür fiel mit einem lauten Krachen zu.

Vor mir ragte eine massive, fugenlose Felswand empor. Nichts wies mehr darauf hin, dass sich an dieser Stelle ein versteckter Zugang zum geheimen Labyrinth der Burg befand.

Ich legte den Kopf in den Nacken und sah hoch oben die düsteren Burgmauern, die drohend und unheimlich in den wolkenverhangenen Himmel ragten.

Erst jetzt begriff ich, wo ich mich befand. Ich saß auf dem nassen Asphalt der Serpentinenstraße, die zur Burg hinaufführte.

Mit zittrigen Gliedern richtete ich mich auf. Regen prasselte auf mich nieder und durchnässte mein schulterlanges Haar und das tief ausgeschnittene Kleid.

Aber ich achtete nicht weiter darauf. Ich war froh, dass mir die Flucht aus der Burg gelungen war. Mein Herzschlag raste noch immer, und ich fragte mich, was in Gottes Namen mich in dem geheimen Labyrinth verfolgt hatte.

Ich kam jedoch nicht dazu, mir über diese Frage länger den Kopf zu zerbrechen. Hinter mir ertönte eine Autohupe.

Erschrocken wirbelte ich herum.

Ich sah einen alten blauen Rover, der die Serpentinenstraße heraufgefahren kam. Hinter der Windschutzscheibe zeichnete sich ein vertrautes Gesicht ab.

»Doktor Connors«, rief ich erfreut.

Der Arzt stoppte den Wagen neben mir und stieß die Beifahrertür auf.

»Brenda, was machen Sie denn bei diesem Wetter hier draußen?«, fragte er. »Ich wollte Ihnen gerade einen Besuch abstatten.«

Ich ließ mich in den Beifahrersitz fallen und strich mir das nasse Haar aus dem Gesicht.

»Wenden Sie«, sagte ich mit bebender Stimme. »Und bringen Sie mich weg von diesem schrecklichen Ort.«

Daniel zögerte keinen Augenblick. Er musste sofort erkannt haben, in welchem Zustand ich mich befand, und verzichtete auf überflüssige Fragen.

Nachdem er den Wagen auf der schmalen Straße gewendet hatte, fuhr er den Hügel wieder hinunter.

»Sie sehen sehr mitgenommen aus«, stellte er nach einer Weile fest. Wir hatten den Hügel bereits hinter uns gelassen. Der rasche Seitenblick, den der junge Arzt mir zuwarf, war von Sorge gezeichnet.

Was sollte ich ihm erzählen? Dass ich von einem Geist durch ein geheimes Labyrinth gejagt worden war? Einem Labyrinth, von dem ich nur Kenntnis hatte, weil die Erinnerungen eines Mädchens namens Mathilda in meinem Kopf herumspukten?

Dr. Connors hätte allen Grund gehabt, mich zur nächstgelegenen Irrenanstalt zu bringen.

Ich kniff die Lippen zusammen und sagte vorerst gar nichts.

Daniel sah erneut zu mir herüber. Sein Blick war voller Wärme und Zuneigung.

»Ich kann Ihre Verwirrung gut verstehen«, meinte er. »Mir geht es nicht anders. Ich hatte ein ungutes Gefühl, als ich Sie gestern Abend mit diesem John Mordok von dannen ziehen ließ. Aber die Papiere und Dokumente hatten mich überzeugt. Ich hatte keine Befugnis, Sie im Krankenhaus zu behalten, so sehr ich es mir auch gewünscht hätte.«

Verwundert sah ich den jungen Arzt an. Er gabelte eine unter Schock stehende Frau von der Straße auf, die nichts als ein durchnässtes Sommerkleid auf der Haut trug, und stellte ihr nicht einmal Fragen! Er schien an der Situation nichts Ungewöhnliches zu finden. Im Gegenteil. Er brachte sogar noch Verständnis auf!

Ich schüttelte den Kopf.

»Sie werden sich wahrscheinlich wundern, warum ich so plötzlich bei Ihnen auftauche«, bemerkte er und grinste schief. »Es gehört durchaus nicht zu meiner Praxis, ehemaligen Patientinnen nachzuspionieren. Ich finde Sie äußerst sympathisch. Und als Sie gestern das Hospital verließen, zwang ich mich, Sie aus meinem Gedächtnis zu streichen.«

Er sah mich wieder mit seinen vergnügten blauen Augen an.

»Ich muss zugeben, dass es mir sehr schwergefallen ist. Ich stürzte mich in Arbeit, um Sie schneller vergessen zu können. Doch heute Morgen erhielt ich einen sonderbaren Anruf, der all meinen Zweifeln neue Nahrung gab.«

Er legte eine Pause ein und steuerte den Wagen von der schlecht bebauten Nebenstraße auf die Landstraße, die Richtung London führte.

»Was war das für ein Anruf?«, hakte ich nach.

»Ein gewisser Professor Ramstone war am Apparat«, fuhr Dr. Connors fort und musterte mich aufmerksam. »Er behauptete, Sie zu kennen. Seine Angaben deckten sich allerdings nur in einem einzigen Punkt mit denen von John Mordok. Auch er sagte, dass Ihr Name Brenda Logan lautet. Der Professor erzählte aber, Sie seien Archäologin und im British Museum als seine Assistentin angestellt.«

Daniel hielt inne, um die Worte auf mich einwirken zu lassen.

»Erzählen Sie weiter«, forderte ich den jungen Arzt ungeduldig auf.

»Professor Ramstone nannte mir die Adresse Ihrer Wohnung. Er vermisst Sie seit zwei Tagen. Er scheint ziemlich zerstreut zu sein. Die Tageszeitung von gestern hat er erst heute Morgen gelesen, darin Ihr Foto entdeckt und sofort im St. Thomas Hospital angerufen. Nachdem ich mit dem Professor gesprochen hatte, beschloss ich, mich sofort mit Ihnen in Verbindung zu setzen. Da ich die Nummer von John Mordok im Telefonbuch nicht finden konnte, schaute ich auf die Landkarte und suchte nach einer Burg am westlichen Rand von London. Auf der Straße dorthin habe ich Sie dann gefunden.«

Nachdenklich schüttelte ich den Kopf.

»Was soll ich jetzt tun?«, fragte ich ratlos.

»Wir werden in Ihre Londoner Wohnung fahren«, erklärte Daniel und lächelte mich aufmunternd an. »Dann sehen wir weiter.«

11

Zur Mittagszeit erreichten wir die Page Street. Vor einem dunkelroten Backsteingebäude stoppte Dr. Connors seinen Wagen.

»Hier ist es«, erklärte er.

Wir stiegen aus. Ich blieb einen Augenblick unschlüssig vor dem vierstöckigen Gebäude stehen. Die Fassade wirkte unansehnlich und schmuddelig. Auf den Verzierungen der Fassade kauerten Tauben und gurrten träge vor sich hin.

Dr. Connors nahm mich bei der Hand und führte mich zur Haustür, die offenstand. Rasch überflog ich die Namensschilder neben den Klingelknöpfen. Ganz oben entdeckte ich meinen Namen.

Das Apartment befand sich im obersten Stockwerk.

»Kommt Ihnen irgendetwas bekannt vor?«, fragte Daniel Connors.

Ich zuckte vage mit den Schultern. »Das Haus sieht ganz gewöhnlich aus«, erwiderte ich.

»Lassen Sie uns hochgehen«, schlug der junge Arzt vor.

Gemeinsam stiegen wir die Stufen empor.

Im Treppenhaus roch es muffig. Die ausgetretenen Stufen knarrten.

Oben angekommen, standen wir vor der Haustür, auf der ein einfaches Pappschild mit dem Namen Brenda Logan angebracht war.

»Ich habe gar keinen Schlüssel«, sagte ich hilflos. Die Situation kam mir grotesk vor. Mich hätte es nicht gewundert, wenn plötzlich die wahre Brenda Logan aus der Wohnungstür herausspaziert wäre und uns verwundert angestarrt hätte. Aber nichts dergleichen geschah.

»Einen Schlüssel brauchen wir vielleicht gar nicht«, meinte Dr. Connors. Er hatte seine Stirn in Falten gezogen und die Tür genauer in Augenschein genommen. Jetzt streckte er seine Hand aus und gab der Tür einen sanften, aber bestimmten Stoß.

Zu meiner Überraschung schwang die Wohnungstür auf.

Das Schloss war aufgebrochen. Ich entdeckte Kratzspuren im Holz, die darauf hindeuteten, dass jemand gewaltsam in die Wohnung eingedrungen war. Mit angehaltenem Atem betraten wir die Wohnung. In den Räumen herrschte das reinste Tohuwabohu. Alle Möbel waren umgekippt, ihr Inhalt auf dem Boden zerstreut. Sogar die Bilder waren von den Wänden gerissen worden. Jemand hatte sie aus ihren Rahmen gefetzt und achtlos hingeworfen. Erschüttert schaute ich mich in der verwüsteten Wohnung um. Es war sinnlos, in diesem Chaos nach Anhaltspunkten zu suchen, die meine Erinnerung wieder auffrischen könnten. Es war alles zerstört.

Ich drehte mich zu Daniel um, der mich nicht aus den Augen gelassen hatte. »Es ist wie verhext«, sagte ich mit belegter Stimme. »In meinem Leben scheint nichts normal gelaufen zu sein. Wo ich auch hinkomme, stoße ich auf Rätsel. Das Einzige, auf das ich mich verlassen kann, sind anscheinend meine Träume.«

Dr. Connors trat auf mich zu und strich mir zärtlich durchs Haar. Er wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen. Doch plötzlich hörten wir ein Geräusch.

Alarmiert wirbelten wir herum.

In der Eingangstür stand eine hagere Frau, die über ihr einfaches Kleid eine karierte Schürze trug. Ihr ergrautes Haar hatte sie zu einem Knoten im Nacken zusammengebunden. Mit großen Augen sah sie sich um. »Oh, mein Gott«, stieß sie aufgeregt hervor. »Was ist denn hier geschehen?«

»Wer sind Sie?«, fragte ich die Frau.

Entrüstet sah sie mich an. »Kennen Sie mich denn nicht mehr!«, wunderte sie sich und verzog beleidigt das Gesicht.

»Ich bin momentan etwas durcheinander«, erklärte ich und zwang mir ein Lächeln ab.

»Wir sind doch Nachbarn«, erklärte die Frau nachhaltig. »Ich heiße Miss Plumkin. Ich wohne direkt neben Ihnen.«

Sie sah sich wieder kopfschüttelnd im Zimmer um. »Wer mag das nur getan haben?«, fragte sie rau. Sie sah mich entschlossen an. »Ich werde sofort die Polizei verständigen. Das hätte ich schon tun sollen, als ich diese merkwürdigen Geräusche in Ihrer Wohnung vernommen habe.«

»Lassen Sie nur«, beeilte ich mich zu sagen. »Ich werde mich selbst um die Sache kümmern. Erzählen Sie mir nur, was Ihnen aufgefallen ist.«

Miss Plumkin sah mich blasiert an. Wahrscheinlich schätzte sie es nicht, wenn man ihre Hilfe ablehnte. Wahrscheinlich gehörte sie zu der Sorte von Menschen, die ihre Nasen gern in die Angelegenheiten anderer Leute stecken.

»Es war vor zwei Nächten«, erklärte sie. »Ich hörte seltsame Geräusche aus Ihrer Wohnung. Da ich aber wusste, dass Sie einen ungewöhnlichen Lebensstil haben, habe ich mir nicht viel dabei gedacht.« Sie wandte sich an Dr. Connors. »Miss Logan kann nämlich sehr ungehalten werden, wenn man zu große Anteilnahme an ihrem Leben nimmt«, erklärte sie.

Doch dann schüttelte sie wichtigtuerisch den Kopf. »Wäre ich meiner ersten Eingebung doch nur gefolgt und zu Ihnen rübergegangen«, sagte sie verärgert. »Dann hätte ich den Dieb auf frischer Tat ertappt.«

Ich lächelte dünn. Den Worten von Miss Plumkin war zu entnehmen, dass es für sie auch nicht ganz einfach war, mich als Nachbarin zu haben.

»Sie haben mir trotzdem geholfen«, sagte ich daher versöhnlich. »Wenn diese Geschichte hier überstanden ist, werde ich Sie zum Kaffee einladen«, versprach ich.

»Tee«, korrigierte sie mich. »Sie wissen doch, dass ich nur Tee trinke. Oder haben Sie das etwa auch vergessen?«

Kopfschüttelnd wandte sie sich ab und verließ das Apartment.

Daniel und ich konnten uns ein Grinsen nicht verkneifen.

12

»Viel hat der Besuch in meiner angeblichen Wohnung nicht gebracht«, sagte ich nachdenklich, als wir in Daniels Wagen saßen und zum British Museum fuhren. Ich hatte mich im Badezimmer ein wenig frisch gemacht und mir ein trockenes Kleid angezogen, das ich unter einem Berg von Büchern und Zeitschriften entdeckt hatte.

»Da bin ich anderer Meinung«, erwiderte Dr. Connors. »Ihre Nachbarin hat Sie doch eindeutig wiedererkannt. Demzufolge handelt es sich wirklich um Ihre Wohnung.«

Er sah kurz zu mir herüber. »Und noch einen wichtigen Hinweis hat sie uns geliefert.«

Ich sah ihn verwundert an. »Welchen?«, wollte ich wissen.

»Ihre Nachbarin hat Sie mit Miss angeredet. Also sind Sie wahrscheinlich gar nicht verheiratet.«

Täuschte ich mich, oder klang Dr. Connors’ Stimme bei dieser Feststellung wirklich um eine Spur vergnügter?

»Aber John Mordok hat doch behauptet, ich sei seine Frau«, entgegnete ich.

Daniel nickte. »Über diesen Punkt müssen wir noch Klarheit erlangen«, meinte er. »Vielleicht waren Sie ja mal mit John verheiratet und leben jetzt in Scheidung?«

»Sie sprechen die ganze Zeit von >wir<«, stellte ich lächelnd fest. »Sie fahren mit einer wildfremden, verwirrten Frau durch London. Ihre Wohnung und ihre Erinnerungen sind zerstört ... Machen Sie so etwas öfter?«

Daniel schüttelte den Kopf. »Sie sind eine Ausnahme«, sagte er. »Normalerweise interessiere ich mich nur für meine Patienten, solange sie krank sind. Wenn sie gesund entlassen werden, vergesse ich sie nach einer Weile wieder, weil andere Patienten an ihre Stelle treten, die dringend meine Hilfe benötigen. Bei Ihnen ist das etwas ganz anderes. Ich bin von Ihnen fasziniert. Außerdem habe ich nicht das Gefühl, dass Sie mir fremd sind.«

Ich seufzte auf und schaute nach draußen. Ein trüber, wolkenverhangener Himmel hing über der Stadt. Die Sonne zeichnete sich als blasse, helle Scheibe irgendwo hinter der Wolkendecke ab.

Dr. Connors ist genau wie die Sonne, dachte ich. Er erhellt mein undurchsichtiges, düsteres Leben und vermittelt mir ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit ...

Ich lächelte versonnen. Doch dann erreichten wir das Museum. Das große, von griechischen Säulen getragene Portal sah sehr eindrucksvoll aus.

Daniel stellte den Wagen ab, und wir betraten das Museum durch das Haupttor. An der Kasse erkundigte sich Dr. Connors nach Professor Ramstone.

Der Kassierer, ein Mann indischer Abstammung mit dunkler Haut und dichtem schwarzem Haar, sah mich mit seinen leuchtenden, dunklen Augen erfreut an.

»Brenda!«, rief er aus. »Ich habe dich lange nicht gesehen.«

Ich lächelte unsicher. Der Mann schien mich recht gut zu kennen, was ich von ihm nicht behaupten konnte.

»Wo finde ich den Professor?«, fragte ich so unverfänglich wie möglich.

Der Inder sah mich einen Moment erstaunt an. »Er hält sich natürlich im Basement auf«, erklärte er. »Du weißt doch, wie er ist. Kommt nie aus seinem Kellerloch heraus.«

Ich nickte dankend, und der Kassierer ließ uns passieren.

Der Weg zum unteren Geschoss des Museums war gut ausgeschildert. In den unteren Räumen befand sich die griechische und römische Abteilung. Marmorstatuen und bemalte Vasen standen in großen, mannshohen Vitrinen herum. Altäre und alte Wandmalereien auf zerbrochenen Steinplatten säumten die Gänge.

Ohne zu zögern, trat ich zwischen ein paar abgebrochene Säulen, die vor einer Wand in einem abgelegenen Raum standen. Dahinter befand sich eine schmale Tür, die die Aufschrift nur für Personal trug.

Einer inneren Eingebung folgend, öffnete ich die Tür und folgte dem langen Gang, der wiederum vor einer Tür endete. Als ich auch diese öffnete, blieb ich einen Moment lang überwältigt stehen.

Eine große, schlecht beleuchtete Halle tat sich vor mir auf. In der Mitte befand sich ein großer eckiger Tisch, der über und über mit Pergamenten, Schriftrollen und Kisten mit alten Tonscherben und beschädigten kleineren Statuen bedeckt war. Neben Pinseln, Spachtel und Zentimetermaßen standen Kaffeebecher und Thermoskannen.

Auch in den Regalen herrschte ein ähnliches Durcheinander wie auf dem großen Arbeitstisch. Professor Ramstone musste ein Genie sein, wenn er sich in dieser Unordnung zurechtfand.

Da bemerkte ich die Gestalt und schrak zusammen.

Im ersten Augenblick dachte ich, dem Unheimlichen aus dem Labyrinth der alten Burg gegenüberzustehen.

Der Mann, der da gebeugt an einer Statue herumhantierte, die weder Kopf noch Arme hatte, trug einen weiten Arbeitskittel, der fast bis zu den Knöcheln hinabreichte und unangenehme Erinnerungen an den wallenden Umhang der gespenstischen Erscheinung aus der Burg weckte.

Doch dann gewahrte ich, dass der Mann viel kleiner und von schmächtiger Statur war. Er hatte uns den Rücken zugekehrt. Das lange schlohweiße Haar hing ihm in dünnen Strähnen bis auf die Schultern herab.

Als er bemerkte, dass jemand die Halle betreten hatte, wandte er sich langsam um und trat aus dem Halbdunkel ins Licht. Ich schaute ihm ins Gesicht, das oval und langgezogen wirkte. Seine Gesichtszüge waren hager. Buschige weiße Augenbrauen überschatteten seine kalten blauen Augen, die mich unverhohlen anstarrten. Seine Nase war gebogen, die Lippen schmal.

Ich konnte mir nicht helfen. Irgendwie machte der Professor einen unheimlichen Eindruck auf mich.

Doch plötzlich huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Und mein unbehagliches Gefühl verflog.

»Brenda!«, rief er erfreut. »Schön, dass du wieder hierher gefunden hast.« Er machte eine hilflose Geste und deutete auf das Chaos in der Halle. »Ohne dich finde ich mich hier fast nicht mehr zurecht«, gestand er. »Du bist für mich in den Jahren unentbehrlich geworden.«

Er legte das Werkzeug, das er in der Hand gehalten hatte, achtlos zu den anderen Dingen auf den Tisch und trat mit ausgebreiteten Armen auf mich zu.

Er umfasste mit seinen schmalen Händen meine Schultern und sah mich an.

»Ich hoffe doch, dass du wiederhergestellt bist?«, fragte er besorgt.

»Miss Logan leidet immer noch unter partieller Amnesie«, ließ Dr. Connors sich vernehmen, der sich im Hintergrund gehalten hatte.

Ramstone wandte sich dem jungen Arzt zu.

»Soll das etwa heißen, dass sie sich auch an mich und an all das hier nicht erinnern kann?«

Er machte eine ausholende Bewegung, die die ganze Halle mit einschloss.

»Ich fürchte, ja«, beantwortete ich seine Frage. »Ich muss Sie enttäuschen. Ich werde keine große Hilfe für Sie sein, solange ich mein Gedächtnis nicht zurückerlangt habe.«

Professor Ramstone sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. »Das wird Ihre Arbeit um Jahre zurückwerfen«, sagte er bedauernd.

Verständnislos sah ich ihn an. »Von welcher Arbeit sprechen Sie?«, fragte ich.

»Von Ihren privaten Forschungen«, erklärte Ramstone. »Sie haben sich intensiv mit der Zeit der Kreuzzüge befasst und darüber auch Ihre Diplomarbeit geschrieben. Besonderes Augenmerk hatten Sie dabei auf die Geschichte der Frauen gelegt. Sie blieben allein in England zurück, während ihre Männer in den heiligen Krieg zogen.«

Daniel warf mir einen vielsagenden Blick zu. Wahrscheinlich musste auch er in diesem Moment an meinen Traum denken, der ja diese Thematik enthielt.

Mein Interesse war geweckt.

Vielleicht lag in meinen Aufzeichnungen und Materialsammlungen der Schlüssel zu meinen sonderbaren Träumen!

»Wo befinden sich meine Forschungsunterlagen?«, fragte ich den Professor.

Doch der zuckte nur mit den Schultern.

»Darüber weiß ich leider auch nichts«, gestand er. »Ich muss zugeben, dass mich meine Arbeit hier im Museum zeitlich sehr beansprucht, sodass ich kaum Gelegenheit finde, mich für andere Dinge zu interessieren. Aber ich weiß, dass Sie Ihre Arbeit sehr ernst genommen haben und kurz vor dem Durchbruch standen.«

Ich ließ die Schultern hängen und konnte meine Enttäuschung kaum verbergen. Warum erhielt mein Gedächtnis nicht endlich den entscheidenden Schub, sodass die Erinnerungen sich wieder einstellten? Mein Leben kam mir wie ein Labyrinth vor, in dem ich blind und orientierungslos umherirrte.

»Kopf hoch«, meinte Professor Ramstone aufmunternd. »Mit der Zeit wird sich Ihr Gedächtnis schon wieder einstellen. Davon bin ich fest überzeugt.«

Er fasste mir unters Kinn und sah mir in die Augen. »Gibt es denn wirklich nichts, woran Sie sich erinnern?«, fragte er eindringlich. »Vielleicht sind es ja gerade die unscheinbaren Dinge, die Ihrer Erinnerung wieder auf die Sprünge helfen.«

Hilflos zuckte ich mit den Schultern. »Ich habe seltsame Träume, die zur Zeit der Kreuzritter spielen«, erwiderte ich matt. »Aber ich kann diese Träume nicht richtig einordnen.«

Der Professor legte seine hohe Stirn in Falten. »Sie müssen versuchen, Ihre Aufzeichnungen wiederzufinden«, sagte er. »Sie waren mit einem wahren Feuereifer bei der Arbeit. Und auch jetzt scheint sich Ihr Unterbewusstsein mit diesem Thema zu beschäftigen. Ich bin sicher, wenn Sie die Unterlagen finden, wird sich auch Ihr Gedächtnis wieder einstellen.«

Er nickte überzeugt und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

»Ich gebe Ihnen frei, bis Sie Ihr Gedächtnis wiedererlangt haben«, erklärte er. »Aber lassen Sie es mich wissen, wenn Sie Fortschritte gemacht haben.«

»Das werde ich tun!«, beteuerte ich. Dann verließen Daniel und ich das Museum.

13

Wir waren noch einmal in die Page Street zurückgekehrt, um in der verwüsteten Wohnung nach meinen Forschungsunterlagen zu suchen. Aber wir fanden nichts.

»Vielleicht hatte der Einbrecher es ja auch auf diese Unterlagen abgesehen?«, mutmaßte Daniel, als wir eingesehen hatten, dass die Suche sinnlos war.

Ich zuckte müde mit den Schultern. Ich hatte resigniert und sehnte mich nach einem Ort, an dem ich mich heimisch fühlen konnte und ich sehnte mich nach einem Menschen, der meine Nöte verstand und mir Geborgenheit und Wärme spendete.

Unwillkürlich sah ich Daniel an. Ein warmes Gefühl breitete sich in mir aus.

Es war mir unerklärlich. Daniel schien sich wirklich für mein Schicksal zu interessieren. Ich war froh, ihn an meiner Seite zu haben.

Der junge Arzt schien, meine Gedanken gespürt zu haben, denn er sah plötzlich zu mir auf und lächelte.

»Schließen Sie einmal die Augen«, meinte er. »Und dann nennen Sie mir irgendein nettes Restaurant hier in der Nähe, wo wir beide ungestört etwas essen können.«

Ich tat, was er mir sagte, und nannte, ohne lange zu überlegen, den Namen eines italienischen Restaurants.

»Das Restaurant liegt auf der anderen Seite der Themse«, erklärte ich, indem ich die Augen wieder öffnete. Ich freute mich über diese Erinnerung, zu der mir Daniels unverfängliche Frage verholfen hatte.

»Das Garibaldi ist ein sehr romantisches Lokal«, fuhr ich fort. »Ich liebe es. Aber bisher war ich nur allein dort.«

Daniel grinste.

»Sie machen ja wirklich beachtliche Fortschritte«, bemerkte er schmunzelnd. »Dann lassen Sie uns Ihr Lieblingsrestaurant doch einmal aufsuchen. Ich lade Sie ein!«

Für einen Augenblick vergaß ich meine Niedergeschlagenheit und hakte mich glücklich lächelnd bei Daniel unter.

14

Um ans andere Ufer der Themse zu gelangen, mussten wir die Lambeth Bridge überqueren. Die alte Brücke hatte eine steinerne, verschnörkelte Brüstung. Man konnte den Morton Tower mit seinen zinnenförmigen Giebeln und eckigen Gebäuden am anderen Ufer sehen.

Plötzlich blieb ich mitten auf der Brücke stehen. Daniel verharrte neben mir und sah mich aufmerksam an.

»Was haben Sie?«, fragte er. »Sie sind ja ganz bleich!«

»Ich ... ich erinnere mich«, stammelte ich. »Auf dieser Brücke ist mir John das erste Mal begegnet.«

»Wann war das?«, hakte Daniel nach.

Ich sah den jungen Arzt verwundert an. »Vor zwei Nächten«, antwortete ich verstört.

Daniel kräuselte die Stirn. »Also in derselben Nacht, in der man Sie aus der Themse fischte.«

Er fasste mich am Arm und führte mich nahe an die Brüstung heran.

»Schließen Sie jetzt Ihre Augen, und erzählen Sie mir genau, was Sie sehen«, befahl er mit sanfter, aber eindringlicher Stimme.

»Es ist Nacht«, begann ich, nachdem ich die Augen geschlossen hatte. Die Geschehnisse rollten wie in einem Kino vor meinem inneren Auge ab.

»Ich habe noch bis spät gearbeitet und wollte zu meinem Lieblingsrestaurant, um etwas zu essen. Ich musste mich beeilen, weil das Restaurant in einer Stunde schließen würde.

Als ich über die Brücke gehe, tritt mir plötzlich ein Fremder entgegen. Es ist John Mordok. Aber damals kannte ich ihn noch nicht. Außer uns befand sich niemand auf der Brücke.

>Mathilda<, sagt John zu mir und starrt mich herrisch an.

Ich erkläre ihm, dass er mich mit jemandem verwechseln müsse, und nenne ihm meinen richtigen Namen.

>Es ist egal, wie du dich jetzt nennst<, fauchte er mich an. >Ich will wissen, wo das Amulett ist!<

Er kommt drohend auf mich zu. Ich weiche zur Brüstung zurück.

>Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen<, erwidere ich verängstigt. >Lassen Sie mich vorbei. Ich kenne Sie überhaupt nicht.<

>Mich kannst du nicht täuschen<, schreit er mich an. >Ich will das Amulett. Und ich werde es bekommen.<

Er packt mich und rüttelt mich durch. Dabei schreit er immer wieder, dass ich ihm verraten solle, wo ich das Amulett versteckt habe.

Ich bin außer mir vor Angst. Der Kerl muss verrückt sein, denke ich und schaue mich gehetzt um. Aber noch immer sind wir allein auf der Brücke.

Ich will mich abwenden und fliehen.

Doch John stürzt sich auf mich. Ich verliere das Gleichgewicht und stürze über die Brüstung.

Alles dreht sich um mich.

Dann schlage ich mit dem Kopf an einen Mauervorsprung der Brücke. Das Letzte, was ich sehe, ist die dunkle Wasseroberfläche, die in rasender Geschwindigkeit auf mich zuschießt. Es ist alles schwarz um mich herum ...«

Ich spürte Daniels Hand auf meiner Schulter und beruhigte mich sofort wieder.

Daniel strich mir durchs Haar und küsste mir die Tränen fort.

»Jetzt mach die Augen wieder auf«, sagte er sanft. Der vertrauliche Tonfall, in dem er sprach, jagte wohlige Schauer durch meinen Körper.

»Du hast es geschafft«, erklärte er. »Die Barriere ist gebrochen, deine Erinnerung zurückgekehrt.«

Ich fiel ihm um den Hals und presste mich an ihn, während mir Tränen der Erleichterung über die Wangen rannen ...

15

Ich konnte mich nicht erinnern, im Garibaldi je so romantisch und gut gegessen zu haben.

Daniel war sehr charmant und neugierig, etwas über mich zu erfahren.

Ich erzählte ihm alles. Und es machte mir Freude, aus meinem Leben zu berichten. Zumal ich meinen aufmerksamen Zuhörer sehr sympathisch und anziehend fand.

Ich erzählte Daniel, dass ich in London geboren wurde und dort eine glückliche Kindheit verlebte. Als ich sechzehn war, starben meine Eltern bei einem Busunglück. Ich wuchs bei meiner Großmutter auf, die meine Neigungen mit wachsamen Auge verfolgte und unterstützte. Oft ging sie mit mir in Museen oder besuchte mit mir gemeinsam Vorträge von Archäologen, die über ihre Ausgrabungen berichteten. Als ich mit der Schule fertig war, ermöglichte meine Großmutter mir ein Studium der Archäologie. Dort lernte ich auch Professor Ramstone kennen. Ihm habe ich mein Wissen über die Zeit der Kreuzzüge zu verdanken. Er war wie ein Mentor für mich.

Dann kam das Jahr, in dem ich mein Studium abschloss und Diplomarchäologin wurde. Es war ein hartes Jahr, denn im Winter verstarb meine Großmutter. Mit ihr verlor ich das letzte Mitglied meiner Familie. Fortan stand ich allein in der Welt.

Aber Professor Ramstone verstand es, mich mit Arbeit von meinen privaten Problemen abzulenken. Er verschaffte mir eine Stellung im British Museum, wo ich an seiner Seite assistieren durfte. Professor Ramstone war ein bemerkenswerter Mann, der über ein enormes Wissen verfügte, mit dem er mich immer wieder in Erstaunen versetzte. Zwar war er mir manchmal auch etwas unheimlich. Aber diesen Umstand nahm ich in Kauf für all das, was er mir beibrachte und ermöglichte. Er unterstützte sogar meine Privatstudien und verschaffte mir Zugang zu allen möglichen Archiven und Sammlungen.

Während ich Daniel all dies erzählte, lauschte ich meinen eigenen Worten und durchlebte die verschiedenen Stationen meines Lebens noch einmal vor meinem geistigen Auge.

Als ich geendet hatte, ruhte Daniels Blick auf mir. Er machte ein nachdenkliches Gesicht.

»Also warst du nie mit diesem John Mordok verheiratet«, resümierte er. »Die Dokumente, die er dem Krankenhaus vorlegte, können demnach nur Fälschungen gewesen sein.«

Ich nickte gedankenverloren. »Männer haben in meinem Leben bisher keine große Rolle gespielt«, erklärte ich. »Entweder hat mir meine Arbeit keine Zeit dafür gelassen, oder die Männer, die sich für mich interessierten, waren mir zu einfältig.«

Ich sah Daniel in die Augen, der mich lächelnd anschaute. »Wahrscheinlich warte ich die ganze Zeit auf meinen Märchenprinz«, sagte ich, und ein warmes Gefühl durchströmte meinen Körper, als mein Blick in dem von Daniel versank.

Daniels Lächeln vertiefte sich noch. Er ergriff meine Hand und drückte sie zärtlich.

»Mir ist es bisher ähnlich ergangen«, gestand er. »Doch als ich dich das erste Mal sah, wie du auf der Trage ins Krankenhaus gebracht wurdest, hatte ich das unbestimmte Gefühl, endlich die Frau gefunden zu haben, nach der ich so lange gesucht habe.«

Ich spürte, dass ich leicht errötete. Daniel sprach mir aus dem Herzen. Er war mir so vertraut, als würde ich ihn schon ein ganzes Leben lang kennen.

Ohne weiter zu überlegen, beugte ich mich über den Tisch und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.

16

Nach dem Essen fuhren wir zum Gebäude von Scotland Yard, das in der Nähe des House of Parliament lag. Zehn Minuten später saßen wir in einem verrauchten Büro. Trübes Tageslicht fiel in schrägen Balken durch die Jalousien vor den Fenstern. Der Mann hinter dem unordentlichen, überladenen Schreibtisch war ein untersetzter, zur Fettleibigkeit neigender Mann. Er trug einen beigefarbenen, zerknitterten Anzug und stellte sich uns als Inspektor Portman vor.

»Sie hatten also Ärger mit John Mordok«, kam er gleich zur Sache. Er ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen.

»Mordok ist für den Yard ein alter Bekannter«, stellte er fest und paffte an seiner Zigarette. Blauer Dunst breitete sich in dem dämmrigen Raum aus und tanzte in den hereinfallenden Lichtstrahlen. »Wir sind ihm schon lange auf den Fersen. Aber bisher konnte er uns immer wieder entwischen. Er gilt als begabter Fälscher und ist in mehrere illegale Geschäfte verwickelt. Wo er seinen Unterschlupf hat, ist uns unbekannt. Wir wissen nur, dass er die Nacht liebt und nur zu diesem Zeitpunkt aktiv wird.«

Der Inspektor wühlte in einer Schublade und legte eine Fotografie auf den Tisch.

Es war ein Foto von John Mordok. Sein aristokratisches Profil mit der Adlernase war unverkennbar.

»Ja, das ist der Mann«, sagte ich. »Er hat mich auf der Lambeth Bridge angegriffen und in die Themse geworfen. Dann legte er dem Krankenhauspersonal falsche Papiere vor und brachte mich in eine alte Burg westlich von London.«

Der Inspektor nickte. »Tätlicher Angriff und Entführung also«, merkte er knapp an. »Das verlängert Mordoks Verbrechensliste um zwei Delikte. Geben Sie mir eine genaue Wegbeschreibung. Ich werde ein paar Kollegen zur Burg schicken. Ich glaube zwar nicht, dass wir Mordok dort noch antreffen werden. Aber man soll ja nichts unversucht lassen.«

Er grinste schief und drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus.

»Mehr kann ich momentan leider nicht für Sie tun«, meinte er, erhob sich und reichte mir demonstrativ die Hand. »Aber wir werden Sie auf dem Laufenden halten.«

Draußen fassten Daniel und ich uns bei der Hand und schlenderten zum Parkplatz.

»Ich verstehe nicht, was ein professioneller Gangster wie Mordok von dir wollte?«, fragte Daniel.

»Ein Amulett«, erwiderte ich. »Das hat er auf der Brücke zu mir gesagt.«

»Hat er dieses Amulett noch einmal erwähnt, als du mit ihm zusammen auf der Burg warst?«

»Nein. Aber er schien sehr darauf erpicht, dass ich mich an etwas Bestimmtes erinnern sollte.«

»Und?«

Ich wurde unsicher. Sollte ich Daniel wirklich von dem Unheimlichen erzählen, das sich auf der Burg zugetragen hatte? Sollte ich ihm von dem seltsamen Traum erzählen, in dem tatsächlich ein Amulett vorgekommen war?

Wir hatten den Wagen erreicht und stiegen ein. Daniel ließ mir Zeit. Er schien zu spüren, dass ich um eine Entscheidung rang.

Schließlich fasste ich den Entschluss, Daniel ins Vertrauen zu ziehen.

Daniel hörte mir aufmerksam zu, ohne mich bei meinem Bericht ein einziges Mal zu unterbrechen.

»Ich weiß nicht, was es mit diesen Träumen und dem Amulett auf sich hat«, schloss ich. »Ich kenne jeden Winkel der Burg mit Ausnahme der Neuerungen, die mit der Zeit dort vorgenommen wurden. Es ist gespenstisch dort!«

Ich sah Daniel an, der ein nachdenkliches Gesicht machte.

Details

Seiten
360
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903690
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v324239
Schlagworte
romantic thriller trio drei romane

Autor

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Titel: Romantic Thriller Trio #1