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Keine Gnade für Ryan

2016 140 Seiten

Leseprobe

Keine Gnade für Ryan

Larry Lash

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Keine Gnade für Ryan

Eine Stadt kämpft erbittert für die Freiheit

Western von Larry Lash

Der Umfang dieses Buchs entspricht 137 Taschenbuchseiten.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover: Motiv W.H.Dunton  mit Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Ernest Black hörte einen der Reiter beim Anblick der Hütte sagen: »Halten wir doch an und schauen nach, ob Jan Sterling, das verteufelte Halbblut, bereits die lange Reise angetreten hat.« – Gelächter klang auf. Zwei Reiter lösten sich von dem Trupp, und während die anderen am Weg ihre Pferde anhielten, kamen die beiden Reiter auf die Hütte zugeritten. Zwei hagere Männer, die nur bis auf eine Distanz von zwanzig Yard herankamen, denn in diesem Augenblick hörten sie Ernests Stimme.

»Das ist weit genug!«

Die Überraschung der beiden Reiter war sehr groß. Sie zügelten sofort ihre Pferde und hoben sich in den Sätteln, als hätte ihnen jemand einen glühenden Brand auf die Satteldecken gelegt. Die übrigen Reiter im Hintergrund am Weg bewegten sich sogleich unruhig, und jemand schrie:

»He, was ist das? Was soll das?«

»Es sieht so aus, als hätte Jan einen Krankenwärter gefunden, der ihn davor bewahrte, ins Jenseits zu gelangen. Er hat aber Jan einen schlechten Dienst erwiesen... Komm heraus, Fremder, und zeig dich uns!«

Ernest wußte sogleich, daß er es mit einem hartgesottenen Rudel zu tun hatte. Raubrancher stellten solche Reiter ein, gewalttätige Burschen, denen es nicht gefiel, daß das Land an der Bahn von der Union Pacific längst schon vergeben worden war.

»Kehrt um und verschwindet!« rief Ernest den Reitern aus seiner Deckung heraus zu. »Euer Besuch ist nicht erwünscht.«

Die beiden Reiter vor der Hütte sahen sich mit seltsamen Blicken an. Die Reiter im Hintergrund glaubten, nicht recht gehört zu haben. Einer der Reiter antwortete rauh:

»Komm lieber heraus, bevor wir dir zeigen, wer in diesem Land etwas zu sagen hat und auf welchem Gelände die Hütte steht...«

Weiter kam er nicht. Es blitzte in der Hütte am Fenster auf, und eine Kugel schlug dem Sprecher den Stetson vom Kopf.

»Eine kleine Warnung!« hörten die Reiter die Stimme des ihnen Unbekannten. »Wer mit mir spricht, lüftet erst seinen Stetson, und dann kann er weiterverhandeln. Doch bevor ihr reitet, sollt ihr genau wissen, was ich von eurer Meute halte: In meinen Augen seid ihr ausgemachte Schufte! Denn wer auch immer einen Menschen so angekratzt und hilflos wie Jan Sterling liegenläßt, ohne sich seiner zu erbarmen, ist ein Schuft, ein ganz schäbiger Schuft!«

Ernests Vorgehen hatte etwas Imponierendes an sich, was diese Reiter nicht gewöhnt waren.

Sie sahen sich bereits vorsichtig um, denn wenn jemand so sprach, konnte er es nur tun, wenn ihm die nötige Übermacht zur Verfügung stand. Seine drohende Haltung machte die Kerle irgendwie unsicher, nahmen sie doch als sicher an, daß versteckt lauernde Schützen ringsum in den Schwarznußbüschen bereits die Waffen auf sie angelegt hatten.

Es fiel ihnen nicht im Traum ein zu glauben, daß ein einziger Mann es wagen würde, vierzehn ausgekochte Kerle anzuhalten und ihnen einfach zu befehlen: »Verschwindet, denn ihr seid ein schäbiger übler Haufen, den ich in meiner Nähe nicht dulden kann!«

»Joe Banner ist bei ihnen«, hörte Ernest vom Lager her die Stimme seines wiedererwachten Patienten, »ein schlimmer, übler Bursche – der Reiter mit den roten Haaren.«

»Etwa der, dem ich soeben den Stetson vom Kopf geschossen habe? Nun, er ist jetzt sehr kleinlaut und schaut sich wie wirr um. Nur keine Sorge, Jan Sterling. Sie werden mich, Ernest Black, schon noch kennenlernen. – Wer sind die Kerle?«

»Reiter der Leiter-Ranch. Ihr Boß heißt Ed Wever. Er ist ein schlimmer Patron, der schon einige Siedler mit seinem Rudel aus ihren Heimstätten vertrieben hat. Die Kerle bezichtigen die Siedler einfach des Pferde- und Rinderdiebstahls, und dann halten sie auf ihre schreckliche Art Gericht. Was dabei herauskommt? Nun, Tote, rauchende Siedlerhäuser und viel Kummer und Leid. Wever hat hartgesottene Burschen eingestellt, ganz schlimme Schufte, die den Revolver sehr locker tragen und keine Hemmungen kennen. Er ist dabei, sich ein Riesenrinderreich zu erobern. Die Gebiete längs der Bahn, die schönsten und ertragreichsten Ländereien, die von der Union Pacific an ehemalige Bahnarbeiter vergeben wurden, stechen ihm ganz besonders in die Augen.«

Jan Sterling sprach sehr schnell und erregt. Er kam mit der Wahrheit heraus, ohne groß gefragt zu werden. Nach der Behandlung seiner Wunden und dem tiefen Schlaf danach, schien er sich merklich erholt zu haben. Doch die Angst setzte ihm noch zu.

Wiederum schoß Ernest, und ein Kugelregen klatschte gegen die Hauswand.

Ein Reiter, der sein Pferd waghalsig auf die Hütte zutreiben wollte, hatte erleben müssen, daß die Kugel des Meisterschützen aus der Hütte die Flanke seines Pferdes so aufriß, daß das Tier mit seinem Reiter zur Seite ausbrach, als hätte es die Hölle gespürt.

Daß dabei der Reiter in hohem Bogen abgeworfen und ins Gras geschleudert wurde, war wohl nur deshalb möglich, weil er nicht auf den Ausbruchsversuch seines Pferdes gefaßt gewesen war. Er rollte durch das Gras und schoß zurück, doch die Kugel aus seinem Revolver blieb in dem Lehmgeflecht der alten Hütte stecken.

Vier Kerle hatten ihren nervös stampfenden Pferden die Sporen angesetzt, um die Hütte zu stürmen, doch jetzt zeigte es sich, daß Ernest Black sich für alle Fälle vorbereitet hatte. Eine Dynamitstange mit heraushängender, kurzer Zündschnur diente ihm als Wurfgeschoß. Die kurze Lunte, die er angesteckt hatte, ließ das Wurfgeschoß knapp über dem Boden explodieren.

Ein weißer Feuerball blitzte auf, ließ die Pferde steigen und entsetzt in Panik herumwirbeln, daß die Reiter Mühe hatten, in den Sätteln zu bleiben.

Bisher war der hartgesottenen Mannschschaft, außer daß sie einige Streifschüsse erhielt, nicht schlimm mitgespielt worden. Jetzt aber, da die Dynamitladung krachte, jetzt,da Ernest Black entschlossen war, das Leben seines Patienten und sein eigenes so teuer wie möglich zu verkaufen, zeigte es sich, daß nicht die Kugeln diese Mannschaft in die Flucht trieben, sondern das höllische Dynamit. Die Nerven dieser Kerle gerieten völlig durcheinander, als der weißglühende Feuerball vor ihren Augen in gleißender Helle zerbarst und der ohrenbetäubende Krach ihnen

schier das Trommelfell zu zerreißen drohte.

Jetzt, da diese hemmungslose Mannschaft erkannt hatte, daß ihrem Gegner nicht nur Blei zur Verfügung stand, jetzt jagten sie davon, als hätte der Teufel ihren Pferden die Reitpeitsche übergezogen. Keiner von ihnen hatte den unsichtbaren, harten Gegner zu sehen,  um so mehr aber die Wirksamkeit seiner Verteidigung zu kosten bekommen.

Verblüffend war, daß vom Erscheinen der Meute bis zu deren haltloser Flucht kaum einige Minuten verstrichen waren.

Kaum hatten sich die Gegner zur Flucht gewandt, als Ernest seine kleine Axt aus dem Gepäck holte und hinausging. Er fällte zwei Bäume, die als Schleppschlitten nach Indianerart zu verwenden waren. Einige Äste fanden als Querhölzer für den Schlitten Verwendung. Nach einer knappen Vierstelstunde hatte Ernest den Indianerschleppschlitten fertiggestellt.

Als er ihn seinem Rappen angespannt hatte und wieder in die Hütte trat, sagte er zu Sterling:

»Man hat mich zwar vor Wever und seiner Meute gewarnt, doch jetzt weiß ich genau über sie Bescheid. Sie werden wiederkommen, aber das Nest leer finden. Für dich wird es jetzt hart, Jan Sterling, aber es geht nicht anders. Wir müssen hier heraus, bevor es völlig Nacht wird. In der Dunkelheit sind wir ihnen ausgeliefert, doch die gleiche Nacht schützt uns, wenn wir jetzt aufbrechen. Ich werde langsam reiten und hinter uns die Fährte verlöschen. Es wird für uns beide schwer, Sterling, aber du mußt die Zähne aufeinanderbeißen.«

»Du wirst dich nicht zu beklagen haben, Ernest«, erwiderte der Verwundete. »Noch nie war ein Mann wie du in unserem Land. Was trieb dich denn hierher?«

»Die Sorge um meine Schwester«, antwortete Ernest. »Seit Monaten habe ich keine Nachricht mehr von ihr erhalten. Früher schrieb sie regelmäßig, dann brach die Verbindung ab, und meine Briefe kamen zurück. Ich machte mich auf, um meine Schwester zu besuchen. Sie ist mit einem früheren Ingenieur der Union Pacific verheiratet und hat drei Kinder. Ich will mich selbst davon überzeugen, was aus meiner Schwester und ihrer Familie wurde, doch wir können später noch darüber reden... Wo kann ich dich hinschaffen?«

»Nirgends, denn wo immer wir auch sind, sie finden uns doch. Es hat keinen Sinn, zu fliehen. Hoffentlich findest du deine Schwester bald.«

»Sie ist mit einem Mann namens Leight verheiratet«, erwiderte Ernest darauf.

»Etwa Tom Leight?« fragte der Verwundete überrascht, und seine Augen öffneten sich weit, als Ernest ihm zunickte. Er schluckte schwer, kalter Schweiß trat auf seine Stirn, und sein Blick wurde trübe. Ernest, dem das nicht entging, fragte ihn erstaunt:

»Stimmt etwas nicht?«

»Nein«, wurde ihm mit kehliger Stimme geantwortet. »Nichts stimmt in diesem Land... Ich habe deine Schwester gekannt...«

»Gekannt?« unterbrach ihn Ernest, hellhörig geworden. »Was soll das heißen?«

»Daß du sie nicht mehr lebend antreffen wirst, sondern nur noch ihr Grab besuchen kannst, Freund«, erwiderte der Schwerverwundete mit sichtbarer Aufregung. »Sie war eine gute Frau, eine gute Mutter, und ihrem Mann eine treue Gefährtin, bis das Schicksal zuschlug. Keiner der Familie kam mit dem Leben davon. Ein Unfall, sagen gewisse Leute, doch die Siedler sind anderer Meinung. Sie behaupten, daß der Unfall gestellt wurde, denn die Pferde des Wagens, der einen Abhang hinuntergerollt und in einer Schlucht liegengeblieben war, hatten Kugelwunden. Tom Leight war unser Nachbar, und ich war selbst mit einigen anderen in der Schlucht, um noch eventuell Lebende zu bergen. Doch vergeblich, alle waren sie tot.

Als wir jedoch nach der Ursache des Unfalls suchen wollten, tauchten Wevers falkengesichtige Reiter auf. Sie behaupteten, den Unfall gesehen zu haben, und sie verhinderten, daß wir nach Spuren suchen konnten. Ich tat es dennoch, fand auch einige Hinweise, und weil man es ahnte, mußte ich daran glauben. Der alte Trick von gestohlenen Rindern schien für mich gerade gut genug zu sein. Dabei habe ich noch nie in meinem Leben fremde Rinder von den Weiden geholt. Doch glaubt jemand einem Halbblut?« Er brach jäh ab. Nicht etwa, weil er nicht mehr weiterberichten wollte, sondern weil er erschreckt war über das bleiche Aussehen von Ernest Black.

Dieser stand über die Lehne des klobigen Stuhles gebeugt und hielt mit seinen Händen die Stuhllehne so fest umspannt, daß die Fingerknöchel weiß unter der Haut schimmerten...

2

Ernest hatte sich als Verwundeter zurechtgemacht, bevor er den Saloon betrat.

Die Augen aller Anwesenden richteten sich auf ihn.

Ein Fremder, ohne daß man den Hufschlag seines Pferdes gehört hatte, das kam einer Sensation gleich.

Ernest sah sich suchend um und fragte dann den hinter der Theke stehenden Keeper:

»Buddy, ich brauche die Hilfe eines Docs. Man sagte mir, daß ich ihn hier finden könnte. Wo ist der Doc?«

Seine nachtschwarzen Augen wanderten in die Runde. Er sah in grinsende Gesichter, die sich jedoch merklich änderten, als ihre Besitzer den tiefgeschnallten 45er Colt an Ernests Hüfte sahen.

Besonders Rancher Wever kannte keine Hemmungen. Er musterte Ernest so gründlich, daß dieser seinem Unbehagen deutlich Luft machte und rauh sagte:

»Falls Sie der Doc sind, kann ich Ihr Interesse verstehen, Freund. Wollen Sie mir helfen? Bei einem kleinen Unfall vor dieser freundlichen Stadt hat etwas Blei meine Haut geritzt. Man scheint hier besonders scharf darauf zu sein, aus alten Hütten heraus auf lebende Ziele zu schießen. Irgendein Amokläufer hat sich auf dem Berg dort im Osten festgesetzt und hat mich bei meinem Herritt beschossen. Aber ich hole mir den Burschen, ob es jemandem paßt oder nicht. Wer etwas dagegen hat, der soll sich gleich melden. Im übrigen schieße ich mit der Linken vielleicht noch eine Idee schneller als mit der Rechten. Meine beiden Hände sind Revolverhände... Nun, hat mir einer etwas zu sagen?«

Ernest war sich genau darüber im klaren, daß er in ein Wespennest hineingestochen hatte und leicht gestochen werden konnte.

Er sah, wie die Spannung im Raum wuchs, wie einige der Kerle ihn grimmig anblickten. Doch bevor sie sich Luft machen konnten, erhob sich Wever aus seinem bequemen Sessel und wischte sich mit der Serviette das Fett eines Brathähnchens aus den Mundwinkeln.

»Ich bin zwar nicht der Doc, doch dafür interessiere ich mich um so mehr für Sie, Fremder«, sagte er trocken und wies auf Ernests Colt. »Jeder Mann, der sein Eisen so wie Sie auf die richtige Länge geschnallt hat, erregt meine Aufmerksamkeit, und nicht Ihre Verwundung. Diese Stadt, Freund, gehört mir, und das Land ringsum ebenfalls. Ich bin der Boß, und hin und wieder läuft jemand Sturm gegen mich. Ich habe dann für Ordnung zu sorgen. Das ist ein Geschäft, das ich gern von mir abwälzen möchte. Wenn Ihre Verwundung nicht sehr schlimm ist, dann nehmen Sie doch bitte Platz. Der Doc kann später nachsehen.«

»Freund, ich habe nur einen Streifschuß abbekommen und bin nicht zimperlich«, sagte Ernest trocken. »Ich reite auf langer Fährte, und hin und wieder nehme ich auch eine mir passende Arbeit an. Wenn Sie vielleicht etwas Besonderes für mich haben?«

»Nur für einen Beidhandschützen, Fremder«, entgegnete Wever, der Ernest nicht aus den Augen ließ. »Nur für einen Mann, der schneller ist als der Schnellste aus meiner Crew. Wenn Sie glauben, daß Sie...«

»Holen Sie mir den Mann«, unterbrach Ernest, ohne ihn ausreden zu lassen. »Ich mache keine langen Umschweife, Mister...?«

»Mein Name ist Wever!«

»Meinen Namen habe ich vergessen, Mr.  Wever«, sagte Ernest, und damit löste er ein befreiendes Grinsen bei den Wevermännern an der Theke aus, denn diese Art sich zu geben war etwas, was sie anerkannten. Ernests festes Auftreten löste sogar eine gewisse Bewunderung in ihnen aus.

Nur der Himmel mochte wissen, was der Boß vorhatte.

Auch der Doc, der tatsächlich anwesend war, betrachtete den Fremden interessiert und dachte:

Wenn Sterling jemanden gefunden hat, der ihn beschützt, dann hat er noch einen zweiten Mann mit sich ins Grab gezogen. Er blickte auf den verbundenen Arm des Verwundeten, den dieser in einer Schlinge trug. Die frischen Blutspuren auf dem Verband waren nur geringfügig, aber das hatte nicht allzuviel zu besagen.

Was hatte Wever mit dem Fremden vor? Wenn er nur nicht diesen unheimlichen Fremden mit den nachtschwarzen Augen gegen Sterlings Retter ansetzte!

Der Doc beugte sich ein wenig vor, um ja kein Wort der Unterhaltung zwischen Wever und dem Fremden zu verlieren. Er hörte den Fremden mit klirrender Stimme eben sagen:

»Also gut, wenn Ihr Joe Banner so gut mit dem Schießeisen ist, dann wollen wir es ausschießen... Ich liebe acht Schritte Abstand.«

»So ist es nicht gemeint«, unterbrach ihn Wever hastig. »Ich habe an ein Wettschießen gedacht. Gute und schnelle Revolvermänner sind so dünn gesät, daß man sie mit der Lupe suchen muß.«

»Wever, es wäre besser, wenn Sie mir keinen Dunst vormachten. Sie brauchen nur...«

»Mann Gottes, wir wollen nur hoffen, daß du hältst, was du so großmäulig versprichst, Fremder.«

»Versuche es doch! jetzt... und draußen!« gab ihm Ernest Black mit einem so kalten Grinsen zur Antwort, das Ryan, einer der Schießer Wevers, glaubte, eine kalte Hand hätte seinen Rücken berührt. In Ernests nachtdunklen Augen war ein gelbes Licht zu sehen.

Wever gefiel das sehr. Er winkte Ryan und den anderen zu, sich ruhig zu verhalten, und sagte dann:

»Holt Joe, und wenn dieser Fremde ohne Namen schneller ist als Joe Banner, dann wird er mir wohl nicht abschlagen, den Posten als Nachtmarshal in dieser Stadt anzunehmen. Fremder, in dieser Stadt und in diesem Land werden meine Gegner nur des Nachts lebendig. Am Tag wagen sie es nicht, aber nachts kommen sie aus ihren Verstecken heraus... Wäre das nicht ein Posten für Sie?«

»Ich habe davon gehört, daß es Leute geben soll, die einen Bock zum Gärtner machten, Wever«, erwiderte Ernest undurchsichtig. »Wollen Sie etwa auch dazu gehören?«

Wever grinste geschmeichelt. »Wir verstehen uns recht gut, und wir werden uns bald noch viel besser verstehen, denn auch Sie haben bereits festgestellt, daß hier besonders nachts der Teufel tanzt... Wollen Sie jetzt den Doc, Mister...?«

Wever war jetzt offensichtlich darauf aus, Ernests Namen zu erfahren. Er sah in ein undurchdringliches Gesicht.

»Nennen Sie mich Green«, sagte Ernest. »Sie können mich auch Texas oder Blackjack nennen oder mir sonst einen Namen geben. Ich werde ihn mir schon merken. Ich sagte bereits, daß ich meinen eigenen Namen vergessen habe, und er soll vergessen bleiben für unbestimmte Zeit. Die Gents hier werden das sicherlich verstehen, oder...?« Wieder sah er sich drohend in der Runde um, und seine Linke schob sich zum Coltkolben hinunter.

»Freund«, sagte jetzt Gavin, ein anderer Schießer, mit aufsässigem Grinsen, »wenn der Boß nicht hier wäre, würde ich es mit dir versuchen. Du hast etwas an dir, das mir absolut nicht gefällt.«

»Das muß wohl auf Gegenseitigkeit beruhen. – Wann kommt Joe Banner?« wandte er sich an Wever, ohne Gavin noch einen Blick zu gönnen.

»Man wird ihn aus dem Stadtquartier holen«, antwortete Wever und sah zu seinem Ärger, daß die Ladys an seinem Tisch den Fremden schier mit den Augen verschlangen.

War es nicht so, daß gerade Frauen schnell begriffen, wenn ein wirklich Tod und Teufel verachtender Mann in ihre Nähe kam?

Ernest hatte bereits gesehen, daß einer der Kerle einen Verband trug und ihn besonders böse betrachtet. Ernest wußte nur zu gut, daß er sich auf einem Vulkan bewegte, der jeden Augenblick ausbrechen konnte. Zwar nahm er die Einladung Wevers an, sich an dessen Tisch niederzulassen, doch atmete er auf, als die Schwingtür aufflog und der schnellste Mann der Rauhreitermannschaft eintrat – Joe Banner.

3

Die eintretende Stille im Cheyenne Saloon hätte jeder Respektsperson zur Ehre gereicht. Man hätte glauben können, ein ganz großer, erfolgreicher Mann beträte den Raum oder ein besonders verdienstvoller Bürger der Stadt. Doch herein kam ein bleicher, nur mittelgroßer Mann, sehr hager, sehr faltig und mit engstehenden grauen Augen. Seine Nase war wie ein Geierschnabel gebogen und sehr groß. Dünne Lippen, die blutleer wirkten, und ein stark vorgeschobenes, mit Bartstoppeln bedecktes Kinn waren an ihm zu sehen, doch sonst nichts Besonderes. Seine Kleidung war verwaschen, sehr schlecht und vernachlässigt. Auffällig war der tiefgeschnallte Revolver. Doch weder das Äußere des Mannes noch seine so prahlerisch zur Schau gestellte Waffe konnten Ernest imponieren.

Wever winkte Banner an den Tisch heran und sagte zu ihm, als er vor dem Boß stehen blieb:

»Du weißt, um was es geht, Joe? – Gut, dann gehen wir jetzt hinaus und prüfen wir unseren Nachtmarshalkandidaten. Alle meine schnellen Männer sollen anwesend sein, wenn ein Neuer seine Schießkunst unter Beweis stellt. Ich will, daß ihr ihn alle schießen seht... Oder ist es dir unangenehm, Green?«

»Keineswegs, Rancher«, erwiderte Ernest, »solange ich mir nicht selbst auf neun Schritte Abstand gegenüberstehe.«

Ernest hatte durch diese Antwort die Lacher auf seiner Seite. Es war unverkennbar, daß diese Art hartgesottenen Humors auf die Rauhreiter Eindruck machte.

Wever grinste in sich hinein. Er forderte auch die beiden grellgeschminkten Ladys auf, mit der Crew ins Freie zu kommen, wo man auf dem freien Platz vor dem Cheyenne Saloon einige Pechfackeln angezündet hatte.

Augenscheinlich hatte sich bereits herumgesprochen, daß etwas im Gange war. In einer Stadt wie Bobsroad hatten Neuigkeiten Flügel. Sensationen waren etwas Seltenes, und schon ein Faustkampf wurde mit Begeisterung aufgenommen.

Noch aufregender aber war es, wenn zwei schnelle Männer ihr Eisen zogen, um von ihrer Kunst einiges zu zeigen.

Kein Wunder, daß bereits Passanten herbeigeströmt kamen, schlichte Männer der Stadt, Handwerker, wie der Schmied und der Barbier, der Händler und Frachtwagenfahrer. Ja, sie kamen, doch ohne ihre Frauen und Töchter.

Ernest beobachtete die Blicke, die versteckt Wever und seiner hartgesottenen Mannschaft zugeworfen wurden. So schaute man nur Unterdrücker an, Leute, die Böses getan hatten und vor denen man Angst hatte. Leute, die sich gnadenlos, rücksichtslos und gewaltätig alles nahmen, was ihnen gefiel.

Die Feindseligkeit der Getretenen, Geschlagenen, der Gestoßenen und auch Entehrten, war ganz offensichtlich spürbar. Sie kam wie ein dunkles Drohen aus dem Schweigen der Leute heraus.

Wever hatte seine dicken Arme um die Schulter zweier grellgeschminkter Ladys gelegt und sagte lachend:

»Sie zünden jetzt zehn Kerzen an. Wer von euch will zuerst schießen?«

»Ich lasse meinem Rivalen gern den Vortritt«, erklärte Ernest Black und sah dabei Joe Banner an. Der hagere Rothaarige schaute zu dem Mann hin, der in etwa dreißig Schritte Entfernung zehn Kerzen auf einem Brett befestigte, indem er sie auf durchgeschlagene Nägel steckte. Das Brett mit den Kerzen stellte er auf einen räderlosen, an einem Schuppen aufgestellten Wagen und zündete sie an. Dann machte er kehrt und glitt in die Dunkelheit zurück, in der sich auch die Zuschauer befanden.

Dreißig Schritte Entfernung, das war ein beachtlicher Abstand zu den unruhig flackernden, kleinen Kerzenflammen.

Joe Banner sagte trocken:

»Ich glaube dich zu verstehen,

Green. Du hast jetzt Angst bekommen und wirst auf einmal sehr kleinlaut. Wenn ich meine Schüsse abgefeuert habe, wirst du nicht mehr zum Colt greifen und es aufgeben... Jetzt gib acht!«

Und er zog. Wahrhaftig, er war schnell, sehr schnell. Ziehen, Schwingen und Schießen, das alles kam aus einer glatten, gekonnten Bewegung heraus, die jahrelanges, hartes Training verriet.

Sechs Schüsse rasten aus seinem Eisen. Dann hieß es, die leeren Hülsen ausstoßen, neu laden, erneut schießen, um die letzten vier Kerzen auszulöschen.

Daß er die erste Kerze ganz links nicht getroffen hatte, bedeutete nicht viel, denn dafür hatte er die zweite, rechts danebenstehende Kerze halbiert und die dritte völlig vom Nagel gerissen. Von der vierten und fünften Kerze hatten seine Kugeln eine gehörige Portion Wachs herausgerissen, ohne sie jedoch vom Nagel zu reißen oder die Flammen zu löschen. Die sechste Kerze spritzte durch einen Volltreffer auseinander, dann kam die kleine Pause, in der Banner den Revolver wieder auflud. Bei den letzten vier Schüssen wurden zwei Kerzen zur Hälfte von den Kugeln abgerissen und die letzten beiden völlig zerschlagen.

Das alles aus einer Entfernung von dreißig Schritten, bei sehr schlechten Sichtverhältnissen, beim Fackellicht und den kaum erkennbaren Kerzenstümpfen.

Nach dem letzten Schuß stand Joe Banner noch breitbeinig vorgeneigt und blickte mit flammenden Augen zum Ziel hin, hob dabei automatisch die Waffe hoch und blies in die rauchende Mündung hinein, wobei er ein leises, krächzendes Lachen hören ließ.

»Das, Freund, machst du Banner nicht nach«, hörte Ernest die heisere Stimme des Schießers Gavin hinter sich.

»Stellt neue Kerzen auf!« rief Wever, dem man schon jetzt den Triumph von den Augen ablesen konnte, und zu Ernest gewandt sagte der Raubrancher: »Fremder, wir in Bobsroad sind auch keine Greenhorns. Jetzt sind Sie dran.«

Auch ihm gab Ernest keine Antwort. Er erwiderte zwar den ein wenig herausfordernden Blick des Raubranchers, ohne sich jedoch von diesem aus der Ruhe bringen zu lassen.

Fast mitleidig sahen einige der Leibgardisten Wevers auf seinen in der Schlinge hängenden Arm.

»Gib doch zu, daß du dir zuviel zugemutet hast«, forderte Revebak, ein drahtig aussehender Mann, Ernest auf. »Noch kannst du dich mit einem blauen  Auge aus dieser Affäre ziehen. Gib es doch zu, daß du es nicht schaffst.«

»Die Kerzen stehen«, erwiderte Ernest, den Blick auf den Mann gerichtet, der die Kerzen bereits ausgewechselt hatte.

»Und sie werden auch stehen bleiben«, sagte Revebak böse. »Mann, wenn du besser als Banner bist, dann hast du dir einen Todfeind geschaffen, wenn du aber schlechter bist als er, wird er dir bald zeigen, wer Wevers rechte Hand ist. Unterwirf dich, und alles renkt sich ein. Wever kommt es in Wirklichkeit nur darauf an, seine Mannschaft zu vergrößern, und wir leben nicht schlecht bei ihm. Auch als Nachtmarshal bist du dann in Wirklichkeit nur ein Mitglied unserer Mannschaft.« Er hatte das so leise gesagt, daß außer Ernest niemand seine Worte verstehen konnte.

Die Tatsache, daß ihn Wever jetzt vor allen Zeugen als den zukünftigen Nachtmarshal vorstellte, ließ die bedrückt stehenden Zuschauer im Hintergrund noch aufmerksamer werden.

»Wever«, sagte er zu dem Raubrancher, »in ihre Mannschaft würden Sie mich nicht bekommen. Ich habe etwas gegen zu schnelles, nächtliches Reiten. Der Posten als Nachtmarshal aber scheint mir dagegen sehr vielversprechend zu sein.«

»Sie bekommen ihn, wenn Sie auch nur eine Kerze treffen«, versprach Wever gönnerhaft.

4

Nur zwei Worte sagte Ernest: »Es gilt!«

Und dann geschah etwas, was in dieser Stadt noch nicht dagewesen war, denn wie von Zauberhand gezogen zuckte sein Colt hoch, feuerte Ernest mit der Linken sechs Schüsse so rasend schnell heraus, daß die einzelnen Detonationen ineinander verschmolzen und sich in einem Kettendonnergrollen Luft machten.

Wie von Geisterhand wurden von links nach rechts sechs kleine Flammen ausgeschlagen, doch alle Kerzen standen noch. Keine war gestreift, beschädigt oder abgerissen worden.

Es war, als wäre eine Bombe mitten unter den Menschen geplatzt.

In das wie drohend anwachsende Schweigen hinein schrie Gavin mit kreischender Stimme:

»Schiebung! Ein Luftzug löschte sechs der Kerzen aus. Schauen wir alle nach. By gosh, Fremder, wenn das ein Luftzug war...«

»Dann wären alle Lichter verloschen«, unterbrach ihn Ernest. »Zündet die Kerzen wieder an, Freunde, und ich werde diesmal von rechts nach links sechs von ihnen mit meinen Kugeln ausblasen.«

Doch er kam nicht mehr dazu. Wever trat dicht an Ernest heran und schaute ihn mit bleichem Gesicht an. Dann tastete er nach seinen Schultern, krallte seine Hände darin fest und stand so nahe, daß sein nach Whisky duftender Atem Ernest in widerlicher Art die Gesichtshaut streifte.

»Lassen Sie sich genau unter die Hutkrempe schauen, Green«, sagte Wever. »Ihren Kriegsnamen haben Sie wohl an den Nagel gehängt, um sich mit uns einen Spaß zu erlauben, wie?« Ein trockenes Lachen kam von seinen rissigen Lippen. »Ich habe nur einmal in meinem Leben das Kerzenschießen in so vollendeter Art gesehen, nämlich hier, vor wenigen Augenblicken... Wer sind Sie wirklich, Green?«

»Der neue Nachtmarshal, Wever. Sie stehen zu Ihrem Wort?«

»Fremder, diese Stadt hatte bisher drei Nachtmarshals. Zwei von ihnen sind geflohen, und der dritte wurde mit den Stiefeln voraus zu den Stiefelhügeln gefahren. Alle drei waren nicht ganz mit meinen Methoden einverstanden.« Die letzten Worte hatte er leiser, dafür aber um so eindringlicher gesprochen, wobei sich in seinen Augen ein gelbes Licht zeigte. Noch leiser fügte er dann hinzu: »Wir haben uns genau verstanden?«

»Genau, Wever«, erwiderte Ernest, »und jetzt möchte ich vom Doc behandelt werden.«

»Der gute Doc ist bereits zu seiner Wohnung gegangen«, sagte Wever. »Hat das nicht noch Zeit?«

»Ich habe es schon zu lange verschoben. Die Wunde pocht. Ich gehe zum Doc und suche mir dann ein Quartier. Morgen kann ich Sie ja aufsuchen, Wever, und Sie können mich dann in mein Amt einweisen. Das ist alles, oder wollen Sie von mir noch weitere Beweise mit dem Schießeisen?«

»Ich verzichte«, antwortete der Raubrancher. »Also bis morgen dann. Um neun Uhr vormittags erwarte ich Sie im Marshal Office.«

Ernest nickte und löste sich von den auf seinen Schultern ruhenden Händen Wevers.

Der Blick Banners verriet eisige Feindschaft. Die anderen Rauhreiter traten schweigend auseinander, um ihm Platz zu machen. Gavin schien merklich grün im Gesicht zu sein, doch er sah ihn eigenartig drohend an.

Von einem der Männer ließ sich Ernest genau beschreiben, wo der Doc wohnte.

»Dieser Doc scheint wenig Wert auf neue Patienten zu legen«, sagte Ernest zu einem der scheu dastehenden Bürger der Stadt.

Dieser antwortete prompt:

»Aus gutem Grund, denn bevor er jemanden behandelt, muß dieser die Erlaubnis Wevers eingeholt haben. Haben Sie eine Behandlungserlaubnis von Wever, Fremder?«

»Wenn ich einen Doc brauche, dann behandelt er mich auch ohne Erlaubnis«, erwiderte Ernest, wobei er die leeren Patronen aus den Kammern seines Colts stieß und sie durch neue Patronen ersetzte, eine Arbeit, die er ganz mit der linken Hand ausführen mußte. Das hielt ihn etwas auf, und als er von dieser Arbeit aufblickte, sah er, daß Wever und sein Anhang sich wieder in den Saloon begeben hatten.

»Wenn das wahr ist, daß Sie der neue Nachtmarshal sein sollen, Fremder«, sagte einer der Bürger mit rauher Stimme, »dann sollten Sie uns lieber gleich eine Frage beantworten. Werden Sie der Handlanger Wevers sein?«

»Nein!« entgegnete Ernest ruhig und fest. »Wenn er es sich auch einbildet, ich kann es nicht ändern, doch ich werde meinen eigenen Weg gehen.«

»Dann wäre es besser, Sie würden sich gleich beim Totengräber und nicht beim Doc melden«, mischte sich ein anderer Mann ein. »Fremder, Sie sind verteufelt offen, doch das schätzt man hier nicht sehr.«

»Ich werde nach Recht und Ordnung sehen und die bestrafen, die sich dagegen auflehnen«, erwiderte ihm Ernest und wandte sich zum Gehen. Hinter seinem Rücken lachte jemand schrill und häßlich auf. Als das Lachen abbrach, sagte eine tiefe Männerstimme:

»Recht und Ordnung...! Himmel, beides gab es noch nie hier im Lande, und jetzt, da es um das fette Siedlerland geht, sind das Schlösser, die im Monde liegen. He, Fremder, du kommst doch nicht etwa vom Mond?«

»Vielleicht doch«, antwortete Ernest dem unbekannten Sprecher über die Schulter und ging weiter, wie ein einsamer Mann wirkend, der sich zuviel schwere Lasten auf seine Schultern geladen hatte.

Er war noch nicht zehn Schritte gegangen, als jemand neben ihm auftauchte und auf ihn einredete.

»Fremder, reite lieber gleich weiter und verlaß die Stadt. Ich bin der Mietstallbesitzer. Das heißt, ich war es, bis Wever kam und ich an ihn für ein Spottgeld verkaufen mußte. Man verkauft gern, wenn man in einen Revolver hineinsehen muß. Jetzt bin ich Stallwärter in meinem eigenen Mietstall. Doch ich will nicht klagen, denn allen Bürgern der Stadt, die hier eine Schlüsselposition besaßen, erging es sehr ähnlich. Jemand mußte sein großes Haus räumen, das jetzt Wever und seinen Hartgesottenen als Stadtwohnung dient. Ein anderer überschrieb diesem Kerl sein ganzes Vermögen und starb eine Woche später. Dabei wäre er noch kerngesund, wenn ihn nicht eine Kugel getroffen hätte. Ich könnte Ihnen, Fremder, noch vieles mehr erzählen. Ich könnte...«

»Sie können sich mit Ihren Reden noch ins Grab bringen«, unterbrach ihn Ernest, doch der andere parierte sofort und entgegnete:

»Was macht das schon aus? Ich bin von einem freien Mann zum Sklaven herabgesunken, und jedem ergeht es so, der Wever die Stirn zeigt. Eine ganze Familie hat er ausrotten lassen, die Leightsippe, den Mann, die Frau und die Kinder.«

»Harte Anklagen...!«

»Die einem Marshal genügen müßten, um die ganze Rauhreiterbande mit ihrem Boß an den Galgen zu bringen. Daß ausgerechnet dieser Wever einen Marshal einsetzen will, ist ein Hohn auf alle Gesetze und alle Menschlichkeit... Mann, ich habe Sie schießen sehen und Vertrauen zu Ihnen gefaßt. Es ist mir gleich, ob dieses Vertrauen mir Kummer bringen wird oder nicht, ich muß es Ihnen sagen. Ihre Schnelligkeit wird Ihnen im Kampf gegen das Gesindel wenig nützen.«

»Danke, doch ich werde achtgeben...«

»Dann ist Ihnen weder zu helfen, noch zu raten. Ich habe jedenfalls meine Pflicht getan.«

»Bevor Sie sich zurückziehen, Sir, gibt es hier jemand, der zu den Sterlings hinausreiten kann?«

Überrascht hob der Mietstallbesitzer den Kopf.

»Was ist mit Sterling?« fragte er heiser.

Ernest antwortete vorsichtig:

»Er wurde von einer Reitergruppe des Rinderdiebstahls angeklagt...«

»Sterling stiehlt nicht!« unterbrach ihn sein Begleiter. »Nein, Sterling rührt kein fremdes Eigentum an. Er ist ein ehrlicher Mann, hat eine prächtige Frau und gute Kinder, aber er wußte zuviel. Er hat nämlich herausgebracht, daß es bei dem Unglück der Leights kein Unfall war, wie man es hatte uns glauben machen wollen... Doch wer sind Sie wirklich, Sir? Ich dachte, daß...«

»Daß mich Wever angeworben hat? Das ist ein Irrtum! Ich brauche jetzt einen Mann, der zu den Sterlings reitet und ihnen berichtet, daß Jan einen Unfall hatte.«

»Einen Unfall...?«

»Ja, er bekam das Blei seiner Gegner zu spüren«, antwortete Ernest dem Mann neben sich. »Jemand hat ihm aber geholfen, die Meute in die Flucht zu schlagen und hat dafür gesorgt, daß sich Sterling vorerst in Sicherheit befindet. Man soll sich nicht allzugroße Sorgen um ihn machen.«

»Keine allzugroße Sorgen machen, das ist... das ist doch...« Die Stimme des Begleiters erstickte vor Erregung. Er sah Ernest betroffen von der Seite her an. »Ich werde selbst zu den Sterlings hinausreiten«, sagte er nach einer Weile, in der sie schweigend nebeneinander hergegangen waren.

»Die Familie hat in der letzten Zeit viel durchgemacht. Sterlings Sohn wurde vor vierzehn Tagen angeschossen, und seine hübsche Tochter hat man zu entführen versucht. Sie konnte sich jedoch von den Schuften losreißen und entfliehen. Wie toll muß es eigentlich noch kommen, bis man hier gewissen Leuten das Handwerk legen wird?«

»Jemand ist bereits dabei, ihnen das Handwerk zu legen«, erwiderte Ernest. »Wenn Sie gute Freunde haben, auf die Sie sich verlassen können und die dichthalten werden, können Sie es ihnen anvertrauen.«

»Es wäre eine zu schöne Hoffnung, doch keiner weiß hier vom anderen, wie weit er zu gehen hat und ob er überhaupt noch jemandem trauen kann. Ich begreife aber langsam und werde versuchen, mein Wissen weiterzugeben. Unter diesen Umständen könnten Sie vielleicht Hilfe bekommen, doch ich kann nichts versprechen. Wir alle haben uns schon zu sehr daran gewöhnt, daß es keinen echten Mann mehr gibt, der hier Ordnung schaffen könnte. Ich glaube, wir haben uns gründlich geirrt... Alles Gute, Fremder, Mr. Green...«

Der Mietstallbesitzer verließ Ernest, der jetzt die Fahrbahnseite wechselte und in eine Gasse zur linken Hand einbog. Dort standen die Häuser so eng nebeneinander, als müßten sie sich gegenseitig stützen. Hier in der Gasse brannte kein Licht. Sie lag dunkel drohend, wie verlassen da. Abweisend und verdrossen sahen die Häuser aus.

Ernest passierte gerade einen abgestellten Wagen, als er ein leises Geräusch hinter sich hörte. Instinktiv fühlte er die Gefahr, und schnellte herum und wandte sich gegen den Kerl, der mit einem Messer bewaffnet gegen ihn ansprang.

Jetzt hatte Ernest seine Rechte nicht mehr in der Binde. Sie war daraus so schnell hervorgeflogen, wie es nur einer vollständig gesunden Hand in der Gefahr möglich sein konnte. Ernest schlug die geballte Faust gegen den Angreifer, und hinter dem Schlag steckte Ernests ganzes Körpergewicht. Der Schlag war so hart, daß er den Sprung des Gegners augenblicklich abstoppte, als hielte diesen eine Riesenhand mitten in der Bewegung auf. Ernests freie Linke sauste kurz angesetzt hinterher und traf voll in das Gesicht des hinterhältigen Kerls. Diesem wurde das Messer aus der Hand geschlagen und weit in die Gasse geschleudert. Der heimtückische Angreifer taumelte auf unsicheren Beinen noch einige Male hin und her und fiel dann ohnmächtig in den Straßenstaub.

Als Ernest sich über den Kerl beugte, sah er in das häßliche Gesicht Gavins.

Mit einem Ruck riß er den Kerl wieder auf die Beine, drückte ihn gegen eine Hauswand und hielt ihn dort aufrecht fest, bis dieser aus der Ohnmacht erwachte. Dann stieß Ernest den Taumelnden weiter in die Gasse hinein und fuhr ihn hart an:

»Vorwärts, du heimtückischer Messerheld! So eine feige Tat paßt wirklich zu dir.«

»Es war ein Irrtum, Green«, jammerte Gavin ängstlich. »Ich hielt dich für einen anderen.«

»Das scheint in diesem County die gebräuchlichste und billigste Ausrede zu sein. Für wie dumm hältst du mich eigentlich, Gavin?«

»Ich spreche die Wahrheit. Mein Anschlag galt nicht dir.«

»Sondern?«

»Einem Spieler, der mir mein Geld abgenommen hat«, erwiderte Gavin, der jetzt in seinem Rücken die Mündung von Ernests Colt mit bedeutungsvollem Druck zu spüren bekam.

»Green, vergiß den Irrtum, und alles ist in Ordnung.«

Kalter Schweiß stand Gavin auf der Stirn. Jetzt, da seine heimtückische Absicht vereitelt worden war, hatte er Angst, furchtbare Angst vor Ernest. Zwar ging er willig vorwärts, doch so steifbeinig und wankend, als hätte er zuviel Brandy getrunken.

In seiner Angst versuchte er, Ernest zu überreden: »Wir könnten Freunde werden, der zukünftige Marshal dieser Stadt und ich. Es würde für uns beide ein lohnendes Geschäft, wenn wir uns gegenseitig unterstützen würden. Auf diese Weise könnten wir etwas für unsere Zukunft tun, ohne daß Wever etwas davon weiß. Eines Tages wird uns Wever alle entlassen und dann den großen Rinderbaron spielen. Leute unserer Art werden sich dann wieder irgendwo nach einer neuen rauhen Arbeit umsehen müssen. Wenn wir nicht Sondergeschäfte machen und dafür sorgen, daß eine Menge dabei für uns herauskommt, wird uns eines Tages eine Kugel oder der Strick erwischen...

Green, es ist dir nichts Ernstliches passiert. Überlege dir meinen Vorschlag.«

»In Wevers Revolvermannschaft scheint der Wurm zu sein«, erwiderte ihm Ernest.

»Das sagst du, der du uns alle getäuscht hast? Du bist ja gar nicht verwundet. Zum Teufel, was willst du denn beim Doc?«

Gavin hatte jetzt erst entdeckt, daß sein Gegner die Rechte nicht mehr in der Schlinge trug und den Verband abgestreift hatte. Mit weit offenen Augen und hämisch verzogenem Gesicht blickte er auf Ernests Hand, an der nicht die geringste Verwundung zu sehen war. Dann kam ihm plötzlich die Erkenntnis, daß Ernest, den Wever zum Nachtmarshal machen wollte, in Wirklichkeit der Mann war, der so zielsicher Sterling von Wevers Reitertruppe losgekämpft hatte.

Nur so ein Meisterschütze konnte das fertigbringen.

Jetzt wußte Gavin aber auch, daß seine Überredungsversuche zur kollegialen Zusammenarbeit an den falschen Mann gekommen waren und er selbst nicht mehr die Chance hatte sein Wissen an Wever weiterzugeben. »Was wirst du jetzt mit mir machen?« fragte er Ernest mit kehliger Stimme, dessen Revolver sich tief in Gavins Rücken bohrte.

»Das, was du tun würdest, Gavin, um einen Mann, der zuviel weiß, zum Schweigen zu bringen, einen Mann der aus dem Hinterhalt mordet, der weder Frauen noch Kinder schont.«

»Ich habe die Leights nicht umgebracht, und ich...«

»Leight...?« unterbrach ihn Ernest erregt. »Wer schoß auf Leights Pferde?«

Anstatt Ernests Fragte zu beantworten, wollte Gavin wissen:

»Green, wer schickt dich?«

»Das Gesetz!« sagte Ernest hart, wobei er seinen Rockaufschlag zurückbog und das Abzeichen eines US Marshals sichtbar wurde. »Es traf sich gut, daß ich für diese Gegend hier angefordert wurde, in der ich meine Schwester besuchen wollte. Meine Schwester war mit dem Ingenieur Leight verheiratet.«

Der kalte Schweißausbruch auf der Stirn Gavins wurde stärker. Leichenblässe bedeckte sein Gesicht. Heiser stieß er hervor:

»Dann hat Wever wirklich den Bock zum Gärtner machen wollen.«

Ein Hoffnungsschimmer leuchtete plötzlich in den Augen des hinterhältigen Mannes auf. »Green, als US Marshal kannst du nicht unsere Methoden anwenden und mich dazu zwingen, gegen dich zu ziehen. Du mußt mich vor ein ordentliches Gericht schaffen, und es wird dir schwerfallen, Zeugen zu bringen, die gegen mich aussagen. Noch schwerer wird es aber für dich sein, mich von hier unbemerkt fortzubringen, und das weißt du genau.«

»Freund, dein Name steht auf einer besonderen Liste, und ich bringe dich noch in dieser Nacht an einen besonderen Ort«, erwiderte Ernest. »Wenn du aber klug bist, wirst du das Angebot, hier den Kronzeugen zu machen, nicht abschlagen.«

»Green, auch du bist nicht groß genug, um das Spiel hier zu ändern.«

»Wir werden sehen, Gavin«, kam die trockene Erwiderung von Ernests Lippen. »Wenn dich Wever geschickt hat, so setzte er zuviel Vertrauen auf deine hinterhältige Taktik und dein Messer und hat damit eine schlechte Karte ins Spiel gebracht.«

»Das wird sich bald ändern, Green, denn wenn Wever erst weiß, daß ich verschwunden bin, wirst du bald am Ende sein, und dann ›so long‹, US Marshal!«

5

Wenig später klopfte Ernest bei dem Doc an der Haustür. Dieser schlief noch nicht, öffnete gleich darauf die Klappe in der Tür und schaute Ernest fragend an.

»Sie?«

»Haben Sie mich nicht mehr erwartet, Doc?«

Der Doc richtete seinen Blick auf Gavin und fragte unwirsch:

»Und was ist mit dem da? Braucht er etwa auch meine Hilfe?«

»Weder er noch ich, Doc, aber jemand anders braucht Sie. Sie müssen mit mir kommen! Holen Sie Ihre Instrumententasche. Inzwischen werde ich Ihr Pferd satteln.«

»Fremder, soll das etwa heißen, daß ich einen Ritt aus der Stadt machen soll? Ich habe bereits genug Schwierigkeiten mit Ihrem Boß Wever.«

Der Doc wollte die Klappe an der Tür zuschlagen, doch sah er in diesem Augenblick in die auf ihn gerichtete Coltmündung hinein, die ihm Ernest entgegenhielt.

Ernest hatte nicht einen Augenblick gezögert, um mit dem Revolver einen Druck auf den Doc auszuüben. Jetzt hätte Gavin an seiner Seite die Gelegenheit ausnützen und irgend etwas zu seiner Befreiung unternehmen können, doch Gavin tat nichts. Er ließ die für ihn kostbaren Sekunden verstreichen, in denen er den Revolver nicht mehr in seinem Rücken fühlte. Sicherlich hatte ihn Ernests Schießkunst so beeindruckt, daß er nichts tat, um sich aus seiner argen Klemme zu befreien.

Der Doc lächelte grimmig. »Unter diesen Umständen werde ich nicht nein sagen«, erwiderte er. »Sie führen sich als Nachtmarshal so ein, wie ich es von Ihnen erwartet habe, Green, als Handlanger Wevers mit dem Colt in der Hand, wie die Rauhreiter des Raubranchers. Wever kann jetzt offen triumphieren. Jetzt hat er seine Schießgarde vollzählig. Kerle von Ihrer Sorte kenne ich. Ich habe Ihren Auftritt mit angesehen, und Sie waren ganz so, wie sich Wever seinen Nachtmarshal wünschte. Jetzt wird er dem langgehegten Wunsch der Bevölkerung Bobsroads durch die Einsetzung eines Nachtmarshals offiziell nachgeben. In Wirklichkeit aber hat er sie jetzt alle doppelt und dreifach in der Hand, und Sie kauften sich in ein verteufeltes Spiel ein, Nachtmarshal.«

Er unterbach sich, denn Gavin hatte seine Augen ganz enggezogen und lachte ein trockenes, böses Lachen. Dann stieß er heiser durch die Zähne hinaus:

»Wenn Green Nachtmarshal wird, Doc, dann hat Wever sich selbst einen Stein anstatt eine Nuß zwischen die Zähne geschoben und wird daran herumknacken. Ich glaube aber, daß er auch mit einem US Marshal fertig wird. In diesem Land hat das Gesetz kurze Arme und einen zu flachen Atem.«

Erstaunen zeigte sich in den Augen des Docs. Er machte die Tür weit auf und blickte Ernest Black so verwundert an, als hätte er eine Erscheinung. Seine Hände streckten sich aus, berührten Ernests Schultern, und heiser fragte er:

»Stimmt es, was dieser Mann gesagt hat, Green? Stimmt es wirklich, daß endlich ein Mann gekommen ist, der gegen Willkür, Erbarmungslosigkeit, Mord und Schlimmeres mehr Sturm laufen wird...? Ich kann die traurige Situation hier im Lande besonders gut beurteilen, denn ich habe meine Augen immer weit offen gehabt und viele schlimme Dinge gesehen. Ich habe dabei nicht immer helfen können, weil es mir Wever nicht gestattete... Gern komme ich jetzt mit!«

»Bereiten Sie sich auf einen längeren Aufenthalt vor, Doc«, sagte Ernest zu ihm. »Sie werden Ihren Beruf ausüben müssen, doch nebenher noch Gefangenenwärter sein.«

»Green, ich mach das alles«, antwortete der Doc, »wenn es nur einige Schluck Whisky dabei gibt. Wever hat allen Storebesitzern verboten, Brandy an mich zu verkaufen. Geld, um einen von ihnen durch Bestechung auf meine Seite zu bekommen, habe ich auch keines. Meine Patienten können meist nicht zahlen. Das Leben in so einer Stadt, in der die Menschen von eiserner Gesundheit sind, ist für einen Arzt nur dann sinnvoll, wenn sie sich halb totschießen. Aber auch dann hapert es mit der Honorierung... Ich versäume wirklich nichts, wenn ich einige Zeit verschwinde und aus dem engeren Wirkungsbereich von Wever komme. Doch wem soll geholfen werden?«

»Jan Sterling...«

»Dem guten Jan?« fragte der Doc überrascht. »Also war es Jan Sterling, dem die Meute so übel mitspielte, und Sie sind wohl der Mann, den Wever und seine Mannschaft wie wild sucht. Die ganze Gegend hat die Rauhreitermannschaft abgesucht und dennoch Ihre Fährte verloren. Sie haben der hartgesottenen Bande die ersten beunruhigenden Rätsel aufgegeben, und ausgerechnet Sie kamen hierher und...«

Er lachte ein befreiendes, leises Lachen. »Daß Wever Sie zum Nachtmarshal machen will, ist wohl der größte Witz, Freund Green. Wie ich sehe, haben Sie die Neunmalklugen durch eine Scheinverwundung genarrt. Es ist einfach nicht zu fassen, nicht zu glauben, denn bisher haben Wever und seine Anhänger keine Fehler gemacht. Daß sie auf so einen billigen Trick hereinfielen...«

Wieder lachte der Doc trocken in sich hinein, als hätte er den schönsten Witz seines Lebens gehört. Doch er wurde gleich wieder ernst.

»Green, dennoch sollten Sie bedenken, daß Wever nicht allein ist, daß er Hintermänner hat, und daß an dem Union-Pacific-Schienenstrang an vielen Orten Ähnliches gegen die ehemaligen Bahnarbeiter und Neusiedler im Gange ist. Weil die Leute hier wissen, daß Wever nicht allein steht und es gleich ihm noch üble Verbrecher gibt, die durch rauhe Methoden an gutes Land kommen wollen, haben sie Furcht und wagen nichts zu unternehmen. Wenn der Staat Sie allein hergeschickt hat, hätten Sie sich lieber gleich selbst eine Kugel aufbrennen können. Allein werden Sie hier nicht durchkommen.«

Jetzt lachte Gavin ein hohnvoll spöttisches Lachen, das jedoch jäh verstummte, als er den unheimlichen Druck des Eisens wieder in seinem Rücken verspürte.

»Warten wir es ab«, antwortete Ernest gleichmütig. Er verstärkte den Druck in Gavins Rücken. Rauh fuhr er ihn an: »Gehen wir zum Stall, Gavin. Ein klein wenig Beschäftigung kann dir nicht schaden.«

Gavin gehorchte sofort. Es war erstaunlich, daß dieser Hartgesottene immer noch nicht versucht hatte, durch einen gewagten Trick einen Ausbruchsversuch zu starten. Er widersprach auch nicht, als er im Stall die Aufforderung erhielt, die beiden dem Doc gehörenden Pferde aufzuzäumen und zu satteln.

Er war noch nicht ganz mit seiner Arbeit fertig, als der Doc mit seiner Medikamententasche und einem kleinen Reisekoffer auftauchte.

Er wandte sich an Ernest, der den Gefangenen scharf bewachte und ihn nicht aus den Augen ließ.

»Ich bin bereit, die kleine Erholungs- und Genesungsreise anzutreten. Ich habe erkannt, daß mir ein Wechsel der Gegend nicht schaden kann. Meine Nerven haben in der Tat etwas Entspannung nötig. Wenn Sie, Green, lange genug hier sind, werden Sie wissen, was ich meine.«

»Eine Reise ohne Whisky, Doc...?«

»Es ist schlimm, aber ich werde mich wohl des Brandys enthalten müssen.«

»In diesem Falle teile ich Wevers Ansicht, Doc.«

»Was wissen Sie schon davon, warum ich immer nach der Flasche greife, he?« fuhr der Doc mürrisch auf.

»Ich weiß mehr davon, als Sie ahnen, Slade... Ich kenne Ihre ganze Geschichte, bevor Sie in den Westen flüchteten.«

Einen Augenblick lang stand der hagere, schwer vom Schicksal gezeichnete Doc wie zur Bildsäule erstarrt. Dann hob er die Rechte, die wie bei einem Kranken zitterte. Fahrig wischte er sich mit dem Handrücken über die mit kaltem Schweiß bedeckte Stirn.

»Sie haben sich Informationen eingeholt, Marshal?« stieß er keuchend hervor.

»Sehr gute sogar, Doc! Die beste aber ist, daß Ihr Vetter Louis auf dem Sterbebett gestanden hat, daß er den eigenen Onkel vergiftete und ein gewisser Tom Slade zu Unrecht verfolgt, geächtet wurde und fliehen mußte. Ist Ihnen nicht wohl, Doc?«

Es schien so, denn der Doc lehnte sich bleich geworden gegen die Box. Die Knie zitterten ihm, und sein hageres Gesicht zuckte. Die Nachricht, daß er kein Geächteter mehr war und nicht mehr eines hinterhältigen, unheimlichen Mordes bezichtigt wurde, setzte ihm so zu, daß ihm die Knie einzuknicken drohten, und er sich nur mühsam aufrechthalten konnte.

»Es kann doch nicht wahr sein, daß ich...«

Details

Seiten
140
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903683
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v324186
Schlagworte
keine gnade ryan

Autor

Zurück

Titel: Keine Gnade für Ryan