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Zwei Kerben im Holz

2016 130 Seiten

Leseprobe

Zwei Kerben im Holz

Larry Lash

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Zwei Kerben im Holz

Wie lang kann er sie alle täuschen?

Western von Larry Lash

Der Umfang dieses Buchs entspricht 141 Taschenbuchseiten.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author Cover: N-C-WYETH mit Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Seit Tagen trieb der Wind graue Wolken vor sich her. Sie ballten sich zuhauf, um dann gleich schweren Seglern, über die Wipfel der Bäume hinwegzugleiten. Weiter fort wallten sie, über Hügel und Täler, über die Weite der Prärie, um sich im brodelnden Wirrwarr vor den gewaltigen Felsen der Zuni-Mountains zu entladen. Mit dem Regen kam ein kalter Hauch des kommenden Winters. Der Wind pfiff in den herbstbunten Baumkronen, in dem braunen Gras und im Schilf und Rohr.

Dies alles war ein lebendiges Bild für den einsamen Reiter, der sein Pferd gezügelt hatte und weit ins Land sah. Der Regen und Wind bogen die Krempe seines grauen Stetsons herunter, und wie aus einer Rinne rann ihm das Naß auf die breiten Schultern herab. Kein Faden an dem schwarzen Baumwollhemd war mehr trocken. Die Feuchtigkeit hatte das Fell seines Grauschimmels fast schwarz gefärbt.

Rod Slatter war ein Mann, der sich in alles schickte, ein festes Ziel vor Augen hatte und immer weitertrailen würde. In seinem kräftigen Gesicht standen zwei helle wachsame Augen. Eine bleiche Narbe durchzog seine Stirn, verlief über die linke Wange und endete im Nacken.

Eine gut zu deutende Narbe war es, von der jeder Kenner sagen konnte, daß ein Grisly sie in die Haut geschrieben hatte, aus der sie zeitlebens nicht mehr zu verwischen war. Sie hob das linke Augenlid ein wenig an, so daß sein Blick immer etwas spöttisch wirkte. Kein Wunder also, daß er den Namen »der Spötter« erhalten hatte. Kein Wunder, daß er diesen Namen nicht gern hörte, ihn weit von sich wies, und daß man ihn in seiner Gegenwart niemals laut aussprach.

Rod blickte über das Land, und seine Brust hob und senkte sich unter einem tiefen Atemzug. Seine Rechte tastete hinter sich, wo sein Packen hinter dem Sattel aufgeschnallt war. Yeah, dort befanden sich ganze Habseligkeiten, in Pergamenthaut eingewickelt. Es war nicht viel, nur das Notwendigste, was ein Mann in seiner Lage brauchte: Rasiermesser, Seife, ein Ersatzhemd, Lederriemen, eine Decke, ein wenig Proviant und andere Kleinigkeiten mehr. Dazu hatte er einige Päckchen 45er Coltpatronen sehr sorgsam im Packen verstaut, Futter für seine Eisen, die er tief an den Hüften trug.

Yeah, gleich zwei Eisen waren seine Begleiter. Die Coltkolben waren unansehnlich. In jeden Kolben war eine Kerbe eingeritzt. Zwei Kerben im Holz, und jede bedeutete den Tod eines Mannes, der durch Rod auf den langen Trail gebracht worden war.

Mit den Schenkeln trieb er sein Pferd herum, wieder auf den Gebirgspfad zu, ritt vorsichtig abwärts. Ein gefährliches Reiten war es, denn die Hufe konnten ihren Halt jederzeit verlieren. Links, keine vier Yards von ihm entfernt, drohte die steilabfallende Bergflanke, rechts die Emporschießende Wand aus grauem Granitstein, in deren Spalten und Rissen sich Moos und Flechten ausdehnten.

Zwei Fichten lagen entwurzelt am Boden. Ihr Gestrüpp und Astwerk zwangen Rod, einen Umweg zu machen. Er wollte schon umkehren, als er einen neuen Redmenpfad entdeckte. In der Hoffnung, daß dieser Pfad ihn zu dem alten zurückführen würde, ließ er sein Pferd weiterschreiten.

Die Sicht wurde immer schlechter, zwang ihn aus dem Sattel. Er führte nun den Grauschimmel hinter sich her und war froh, als die Fichten- und Tannenzweige dicht über ihm zusammenschlugen und ihn somit vor Regen und Wind schützten. Andererseits aber hatte es auch einen Nachteil, denn es wurde immer dunkler, und es war, als bewege er sich durch einen Tunnel hindurch, der kein Ende nehmen wollte.

Als er aus dem Baumschatten heraus plötzlich vor einer Geröllhalde stand, erschrak er zutiefst, erkannte, daß er sich nun endgültig verirrt hatte. Die Nacht war hereingebrochen, und er konnte nicht mehr umkehren. In dieser Nacht würde er somit keine trockene Unterkunft und noch viel weniger ein warmes Essen erhalten. Auch seinem Grauschimmel konnte er kein Heu in die Futterkrippe werfen. Das Tier mußte wohl angehobbelt werden und mit dem saftigen Berggras vorlieb nehmen.

Doch das alles war kein Grund zur Aufregung für Rod. Unannehmlichkeiten hatten ihm nie viel bedeutet. Er war es gewöhnt, unter freiem Himmel zu schlafen, die Sterne als Dach über sich zu wissen, und den Wind stöhnen zu hören.

Seit drei Tagen klebte ihm das Zeug auf der Haut, stand ihm das Wasser in den Stiefeln, und Schlaf hatte seine müden Augen kaum erquickt.

Nun, ein Mann, der sich vor einem Rudel in Sicherheit bringen mußte, der seine Sinne geschärft haben mußte, konnte es sich nicht leisten, im Sattel zu schlafen, noch viel weniger, eine Lagerstatt zu errichten. Ein bitteres Lächeln fraß sich in seine Mundwinkel ein. Yeah, er hatte die Verfolger abgeschüttelt, hatte von Carlsbad her den reißenden, Hochwasser führenden Pecos River mit dem Grauschimmel durchschwommen, während am Ufer die Männer gestanden und ihre Winchester auf ihn gerichtet hatten. Er war weitergeritten durch Cavners National Park, durch die unwegsamen Sacramento Mountains, weiter gen Osten über dürres, unwegsames Land zu den San-Andreas-Hügeln, wo er einen Tag später den Rio Grande überquerte.

Dort hatte er die beiden zähesten Burschen von sich abgeschüttelt. Ausgepumpt und mit einem völlig erschöpften Pferd hatte er eine verlassene Goldgräberhütte erreicht, in der die verrostete Axt in der Tür ihm sagte, daß er von ihr Besitz ergreifen konnte.

In der Hütte waren noch brauchbare Konserven vorhanden. Er fand verschiedene Dinge, um sich eine richtige Mahlzeit bereiten zu können. Heißhungrig hatte er gegessen, das Herdfeuer gleich wieder gelöscht und sich einem totenähnlichen Schlaf ergeben.

Vogelgezwitscher und helles Morgenlicht hatten ihn dann geweckt. Als er vor die Tür trat, war sein Grauschimmel schnaubend zu ihm gekommen, hatte seinen Kopf an seiner Schulter gerieben. Das Tier hatte sich allem Anschein nach besser von den Strapazen erholt als er.

Von der Geröllhalde herüber wehte ganz schwach, kaum vernehmbar, Holzfeuergeruch. Er kitzelte Reiter und Pferd gleichermaßen in der Nase, und beide schnupperten. Rods Absicht, sich einen trockenen Platz unter den Tannen zu suchen, schrumpfte zusammen. Er dachte nicht mehr daran, auszuruhen. Ein Mann, der sich den Rücken freihalten mußte, konnte sich keinen Fehler erlauben. Einen Augenblick nur stand er neben seinem Pferd, dann zog er das Tier weiter, ohne Hast. Rod Slatter kannte dieses Wort nicht. Heute und morgen war für ihn eins. Hast war ein Zeichen von Nervosität und konnte einem Mann mehr schaden als nützen.

Niemand erwartete ihn. Ein Fremder würde er sein und bleiben, wohin er auch kam, und seine Colts waren es, die ihn immer wieder in den Sattel und auf den Trail brachten. Er hatte erfahren müssen, daß zwei Kerben im Holz, die ihm den Ruhm berüchtigter Schießer einbrachten, gefährlicher waren als sein Kampf gegen Billy the Kid und dessen Genossen Sam Gregger und Tom Mitschell. Gegen sie war er gezogen, als sein Partner und Sattelkamerad von ihnen aus dem Sattel geschossen wurde und tot zu seinen Füßen niedersank. Billy the Kid hatte ihn von Carlsbad her mit einem Rudel Hartgesottener verfolgt. Fast wäre es den üblen Banditen gelungen, ihn zu stellen.

Auf seiner Flucht von Carlsbad hierher hatte er es erfahren müssen, was es heißt, zwei Kerben in den Eisen zu haben. In den Geisterstädten der Golddiggers hat man ihn verlangend betrachtet. In den Schlafcamps, in denen er übernachtet hatte, hatte man ihn scheu gemustert und in den Siedlungen, an denen er vorbeigekommen war, hatte man einen weiten Bogen um ihn gemacht. Oh, yeah, es fraß und zerrte an ihm. Zwei Kerben im Holz waren eine grausame Last.

Hastig atmete er aus, zog dabei die Witterung des Feuers tiefer ein. Der Rauchgeruch wurde stärker, als er die Geröllhalde hinter sich gelassen hatte und mit seinem Tier in der Deckung mannshoher Felsen stehenblieb und zurückblickte.

Der Geruch der Weite und Wildnis, der nassen Erde und der scharfe Dunst von Rindern schlugen ihm entgegen, waren etwas, was er lange vermißt und endlich wiedergefunden hatte.

2

Zweihundert Yards tiefer, in einer Senke, bewegte sich Rod langsamer, blieb schließlich stehen, ließ sein Pferd mit verhängten Zügeln hinter sich zurück. Der Grauschimmel hob sich kaum von dem dunklen Gehölz im Hintergrund ab.

Kaum jedoch hatte sich Rod drei Schritte von seinem Tier entfernt, als eine scharfe Stimme aus dem Gebüsch vor ihm aufklang: »Nimm deinen Gaul gleich mit, Stranger!«

Wie ein Schlag aus heiterem Himmel traf es Rod und ließ ihn zusammenfahren. In diesem Augenblick hörte sein Ohr das feine Rascheln im Gebüsch, das Knacken eines Zweiges hinter einem Felsblock.

Ich bin umstellt, durchzuckte es ihn. Seine Augen wurden schmal. Sein Blick hetzte in die Runde. Dabei hoben sich seine Hände leicht in die Höhe.

»Also, es ist soweit«, sagte er und wunderte sich, daß seine Stimme nicht bebte, daß sie fest, yeah, geradezu sanft klang, als er fortfuhr: »Kommt nur heraus!«

Aus dem Gebüsch drang abgehacktes, dröhnendes Gelächter. Dann erwiderte der Mann, der vermutlich der Anführer der Burschen war: »Bill, er könnte es sein!«

Sogleich entgegnete der Mann, der hinter dem mannshohen Felsen Deckung gefunden hatte und dessen Winchester Rod nun erkennen konnte: »Der Boß wollte uns eine ganz besonders schnelle Kanone schicken. Ich sehe zwei Eisen, die verdammt tief hängen. Hm, er könnte es sein! Freund, laß nur die Hände oben, wenn dir auch diese Art der Begrüßung nicht sonderlich gefallen wird, so laß sie ruhig oben, bis wir unter deinen Stetsonrand geschaut haben. Jonny, los denn!«

Nun, so übel war der Empfang wiederum auch nicht, denn er stellte offen heraus, daß die drei, die in den Verstecken lauerten, auf irgend jemanden gewartet hatten. Andererseits jedoch konnte es auch genauso ein gemeiner Trick von Billys Leuten sein, um ihn zu quälen, um seinen Tod hinauszuzögern.

Vor ihm schob sich nun ein Mann aus dem Gebüsch. Gleichzeitig bewegte sich derjenige, der rechts im Gebüsch hockte, aus der Deckung, und der, der Bill genannt worden war, kam hinter den Steinen hervor. Auf letzteren richtete sich Rods Augenmerk besonders, und dann atmete er erleichtert auf. Der Mann, der sich Bill nannte, war zwar so groß wie Billy the Kid, aber viel breiter in den Schultern, älter und mit einem verhältnismäßig kleinen Kopf auf einem Silbernacken.

Yeah, drei Männer kamen von drei Seiten mit tiefangeschlagenen Waffen langsam auf ihn zu. Die beiden aus dem Busch mit Revolvern bewaffnet und Bill mit einer Winchester, die er tief an der Hüfte im Anschlag hielt.

Da war also Bill Mone, der Mann mit der Winchester. Er schien der Wortführer und im Moment sogar der Mann zu sein, der die Befehle erteilte. Sein kleiner Kopf mit der breiten Nase, den buschigen Augenbrauen und den hin und her gleitenden Augen, saß fast auf den Schultern.

Er grinste nun über den Lauf seiner Winchester hinweg, musterte Rod scharf.

Dann war Jonny da, wie Rod ein wenig später erfuhr. Jonny Nanstaff, hager und knochig und unwillkürlich an einen Wolf erinnernd, der einen harten Winter hinter sich hatte und noch struppig ausgedörrt und hungrig auf der Jagd nach neuer Beute war. Er trug einen sandfarbenen Schnurrbart, hatte blasse, verwaschene Blauaugen und viele Sommersprossen im bleichen Gesicht. In Strähnen hing ihm das rote Haar bis auf die Schultern herab.

Der dritte im Bunde war Jube Sitter. Er hatte bereits weißes Haar, das ihm spärlich unter dem Stetsonrand in den Nacken fiel. Er war genauso unrasiert wie die beiden anderen, war gut genährt und hatte ein glattes Gesicht, in dem zwei kugelrunde Fischaugen standen, eine fleischige Nase und ein mürrischer Mund. Auch er trug die Tracht der Cowboys, wie sie hierzulande üblich war, hochhackige Stiefel, Leinenhosen mit Ledereinsätzen und ein kariertes Baumwollhemd; dazu Halstuch und Revolver. Die Art jedoch, wie sie alle die Revolver trugen, unterschied sich von den Cowpunchern.

»Ich denke, daß du uns einige Fragen beantworten wirst, Freund«, sagte Bill unvermittelt nach der stummen Musterung. »Es kommt mir nicht in den Sinn, dich herauszufordern. Der Boß schickt dich wohl, wie?«

Yeah, es war nun eindeutig, daß eine Verwechslung vorlag. Nun, Rod konnte es nur recht sein. Er lachte scharf auf, ließ die Hände sinken, ohne dazu aufgefordert zu werden. Das war ein Experiment, das auf der Stelle hätte bitterböse Folgen haben können. Ein Experiment, das er aber machen mußte, wenn er sich nicht gleich rettungslos in die Ecke drücken lassen wollte.

»Mich schickt niemand«, stieß er heiser hervor. »Ich komme, wann es mir paßt, und gehe, wenn ich es für richtig halte.«

»Hölle, er hat ein verdammt großes Maul, Bill!« zischte Jonny Nanstaff bissig.

»Nur Ruhe, Jonny, der Boß sagte gleich, daß wir es mit einem stolzen Mann zu tun bekommen würden, sozusagen mit einer Dynamitladung, an der bereits die Lunte brennt. Nur Ruhe, Jonny«, sagte Bill nochmals und hob den Lauf höher, wandte sich dann an Rod: »Damit du klarsiehst, der Boß hat dich angeworben, nicht wir! Es wird sich also noch herausstellen müssen, ob du wirklich so gut bist, wie du tust.«

»Der Boß wird es noch erleben«, entgegnete Rod, der sogleich begriff, daß diese Männer den zu Erwartenden nicht kannten, nur eine ungenaue Beschreibung von ihm erhalten hatten und daß sie dem Neuen von vornherein Widerstand bieten wollten. Yeah, so war es immer, wenn eine Mannschaft ein Neuer vor die Nase gesetzt werden sollte. Er mußte immer erst beweisen, daß er wirklich besser war, ehe man ihn anerkannte. Und in einer solchen Höllencrew wie der, der diese drei angehörten, mußte ein Mann bereit sein, selbst mit dem Teufel den Tanz aufzunehmen.

Rods Bemerkung hatte mitten ins Schwarze getroffen. Die drei sahen sich böse an, tauschten Blicke aus und verschlangen ihn schier mit den Augen, schauten immer wieder ihn und seinen Grauschimmel an.

»Dein Name, Fellow?« entgegnete Bill, als er endlich die Antwort verdaut hatte. »Sag deinen Namen!«

»Ich habe ihn des öfteren gewechselt, Freunde, und Namen sind ohnehin Schall und Rauch. Man bedient sich ihrer und läßt sie im richtigen Moment wieder fallen.«

Jetzt grinsten alle drei, und der dicke Jube Sitter meinte voller Genugtuung: »Er ist der Rechte, er gehört zu uns. Er hat deine Fragen so beantwortet, wie sie nur ein Langreiter beantworten konnte, und das genügt mir vollauf.«

Er trat näher heran, sah sich die Streifschußwunde am Fell des Grauschimmels an, nickte befriedigt, ließ seinen Colt in das Futteral gleiten und dehnte:

»Ich möchte nicht gleich mit einem so schnellen Mann auf dem Kriegsfuß stehen, Bill. Gehen wir zum Camp und machen wir weiter. Haben nun einen Arbeiter mehr.«

So war Jube, kurz angebunden und in der Lage, einem Mann anzusehen, ob er schnell mit den Eisen war. Er war jederzeit bereit, neue Freundschaften zu schließen, sozusagen das Eisen zu schmieden, solange es noch heiß war. Daß er zuerst seinen Colt fortstreckte, schien jedoch den anderen noch lange kein Beweis dafür zu sein, daß seine Auffassung die richtige war. Sicher, auch sie waren nicht blind und konnten sich allerlei zusammenreimen. Auch ihnen paßte es nicht, noch länger klitschnaß im strömenden Regen zu stehen, aber das ihnen angeborene Mißtrauen hielt sie noch davon ab, dem Beispiel Jubes zu folgen.

»Nur eine Frage noch«, kam es zäh und knapp von Bills Lippen. »Du kennst doch den Boß?«

Ein Lauern war in dieser Frage, ein Tasten, das nicht zu überhören war. Rod ahnte, daß er jetzt ganz besonders vorsichtig sein mußte. Mit einer falschen Antwort konnte er sich alles verderben.

»Ich hatte nicht das Vergnügen«, sagte er bereit, einen Ausfall zu wagen.

Doch zu seiner Verwunderung grinsten alle drei ihn fast leutselig an, und Jonny kicherte: »Das Vergnügen hat noch niemand gehabt, Freund, und wird wohl auch niemand haben, oder es müßte schon mit dem Teufel zugehen. Hoffentlich jedoch hat er dir wenigstens geschrieben, weshalb er dich haben will?«

»Nun, er will einen schnellen Mann.«

»Ganz recht, wir alle sind ihm noch zu langsam. Hoffentlich entsprichst du seinen Erwartungen. Er wird dich bald auf die Probe stellen, und wenn du sie bestehst, bist du aufgenommen und kannst bei uns reich werden.«

Dünn kicherte er vor sich hin und ließ nun ebenfalls seinen Colt verschwinden. Sogleich schloß sich ihm Bill mit einem kurzen Knurren an, schulterte die Winchester und meinte fast mürrisch:

»Niemand kennt den Boß, und es tut auch nichts zur Sache. Auch du wirst es so hinnehmen müssen, wie es ist. Vielleicht ist er ein großer Mann in Damsow oder aber irgendein unscheinbarer Bürger der kleinen Stadt.«

»Jedenfalls ist er vorsichtig genug, sich im Hintergrund zu halten, und das ist schließlich ausschlaggebend«, erwiderte Rod ruhig.

»Yeah, solange er uns gut entlohnt, und wir reich werden können, habe ich nichts dagegen einzuwenden. Doch jetzt komm, Mister...?«

»Slatter – Rod Slatter!«

»Slatter?« murmelte Jonny. »Ausgerechnet Slatter mußt du dich nennen? Nun, mich geht’s ja nichts an, ’s ist deine Sache! Aber an dem Namen hängt verdammt viel Verdruß.«

»So?«

Jonny Nanstaff runzelte die Stirn, dachte wohl scharf nach, jedoch vergebens, sagte: Warum kann ich dir nicht erklären, denn ich habe mal irgend etwas im Zusammenhang mit diesem Namen gehört. Was, kann ich im Moment nicht sagen, aber vielleicht komme ich noch darauf. Mein Name ist Jonny Nanstaff, der Dicke dort ist Jube Sitter, und der große Mann in unserem Verein ist Bill Mone. Vielleicht kommen wir miteinander aus.«

Das war der zweite Mann, der von vornherein einen Kampf und eine Auseinandersetzung mit Rod ablehnte. Sicherlich hatte auch er nachgedacht und etwas in dem wie spöttisch verzogenen Gesicht des Neuen entdeckt, was ihn zu dieser Handlung veranlaßte.

Er ging noch weiter als Sitter, streckte Rod die Rechte hin. Rod nahm sie. Was blieb ihm auch anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen! Das Schicksal hatte ihn hierher gebracht und es war gleichgültig, ob er heute, morgen oder in ein paar Tagen weitertrailte. Die Neugier hatte ihn gepackt.

Er schüttelte die Hand und auch Sitter und Mone kamen hinzu, es Jonny nachzutun. Dann gingen sie. Doch bei weitem nicht so, wie man mit einem guten Freund oder Bekannten ging, sondern sie nahmen ihn in ihre Mitte. Rod zog den Grauschimmel hinter sich her, durch die Büsche hindurch, bis sie plötzlich das Muhen und Blöken von Rindern hörten. Es stank nach versengten Häuten und verbrannten Fellen, nach Schweiß und Arbeit.

Es regnete zwar noch, aber die Nacht wurde von einem gewaltigen Feuer erleuchtet, in dem Brenneisen steckten. Männer waren dabei, mit ihrem Lasso Rinder einzufangen, sie zu Boden zu werfen und zu brennen. Nur einmal brauchte Rod hinzuschauen, dann wußte er, was hier getrieben wurde. Rinder wurden umgebrannt, ihre Brandzeichen gefälscht.

Wie in einem richtigen Cowboylager stand der Küchenwagen im Hintergrund, war ein Zelt zum Schutz gegen Regen aufgeschlagen, standen viele Broncos im Seilkorral. Für jeden Reiter waren vier bis fünf Pferde vorhanden. Ein Koch hantierte im Küchenwagen am Herd, ließ plötzlich die Arbeit liegen und starrte neugierig herüber wie die anderen, die ebenfalls ihre Arbeit niederlegten.

Zusammen mit Rods drei Begleitern waren es zehn Mann, die hier das Brandzeichen des Halbmondes in ein Kreisbrandzeichen verwandelten, die den prächtigen Herefordstieren ein neues Besitzerzeichen in die Haut gruben.

Ihre verschwitzten und vom Feuer rot angestrahlten Gesichter wandten sich ihm neugierig zu. Einen nach dem anderen sah er an, und was er sah, brachte ihn zu der Überzeugung, daß er hier Cowboys vor sich hatte, die eine leichte Ader dazu getrieben hatte, auf diese Weise ihr Geld zu verdienen, denn die Arbeit unterschied sich nicht viel von der eines richtigen Cowboys, lediglich die Bezahlung.

Bill Mone sagte in das allgemeine Schweigen hinein: »Boys, der große Mann mit den schnellen Eisen ist angekommen! Er nennt sich Rod Slatter, und vielleicht ist er zu fein, um seine Hände durch harte Arbeit ungelenk zu machen. Sicherlich wünscht so etwas auch der Boß nicht. Hat jemand etwas dazu zu sagen?«

»Zum Teufel, Mone, nur ein Fresser mehr im Camp, wo Arbeit mehr als genug vorhanden ist!« dröhnte die Baßstimme eines gewaltigen Muskelprotzes vom Campfeuer her. »Arbeit hat noch niemandem geschadet, und wenn er essen will, soll er auch sein Teil dazutun, gleich, ob es dem Boß paßt oder nicht, aber daß es Arbeit gibt, die wir kaum bewältigen können, das wissen wir alle, und das ist das Ausschlaggebende.«

Der Riese stand mit halbentblößtem Oberkörper am brennenden Feuer. Seine Arme zeigten unheimliche Muskelwülste, und seine gewaltigen Pranken hielten ein Brenneisen.

»Heh, Revolvermann, komm und pack mit an!«

Das war eine offene Herausforderung. Niemand hatte gewagt, Larry Staub zu widersprechen, außer natürlich Mone. Man wußte, daß die beiden Freunde waren und Hand in Hand arbeiteten, zwei Männer, die sich die Führung des Camps teilten und eifersüchtig darüber wachten, daß niemand sie ihnen streitig machte. Alle jedoch waren sich in einem einig, und zwar darin, das Vieh anderer Leute ohne Geld zu kassieren.

Vielerlei Gedanken beschäftigten Rod, als er seinen Grauschimmel weiterführte, er tat, als hätte er die Aufforderung überhört. Er wollte keinen Streit und wußte im gleichen Augenblick, daß er ihm nicht aus dem Weg gehen konnte. Der Riese legte es darauf an, ihm von vornherein klarzumachen, wer hier das große Wort führte und die Befehle erteilte. Mone zeigte ein eigenartiges Grinsen, während Nanstaffs Gesicht versteinerte und Sitter blaß wurde, die anderen Männer aber wie auf ein geheimes Kommando aus dem Lichtkreis des Feuers wichen.

»Komm her und pack an!« wiederholte der Riese grollend, als Rod keine Anstalten machte, seinem Befehl nachzukommen, sondern blitzschnell das rechte Eisen lüftete und dem Riesen den verbeulten Stetson mit einem Schuß vom Kopf fegte.

Es war, als hätte der Teufel selbst eine Bombe geworfen, so still und verwirrt standen die Kerle da, angespannt und mit angehaltenem Atem. Der Riese aber strich mit spitzen Fingern über seine krausen Haare, sah sich nicht einmal zu seinem Stetson um. Nur seine Augen weiteten sich, und er schien noch größer zu werden, als er sich langsam reckte und die Brust wölbte.

»Laß dich nicht in einen Faustkampf ein«, murmelte Sitter zu Rod hin. »Larry hat mit einem einzigen Faustschlag schon einen Mann getötet, und er kann einen Bullen ohne Hilfe zu Boden bringen. Gib acht, laß dich in nichts ein!«

»Leg deinen Gurt ab und komm her!« fauchte der Riese. »Der Boß wird nichts dagegen haben, wenn du gleich erfährst, in welchen Händen die Trümpfe liegen. Oder bist du auch dazu zu fein, mit den Fäusten zu kämpfen?«

»Ich habe immer den Revolver vorgezogen, Mister«, erwiderte Rod ruhig. »Und ich gehe nicht gern davon ab, denn es ist wesentlich bequemer und handlicher, erspart einem außerdem viele Schmerzen und lange Nachbehandlungen. Hol also deinen Colt, Goliath, und dann werden wir weitersehen.«

Nein, so hatte mit Larry Staub noch niemand gesprochen, so nicht! Das war neu und kam so unerwartet, daß er wahrhaftig erst kräftig schlucken mußte, ehe er seine Stimme wieder in der Gewalt hatte. Das Gelächter der Crew im Hintergrund verriet ihm, daß er abermals die Partie verloren hatte.

»Du willst also nicht arbeiten?« schnaubte er.

»Das überlasse ich dir, Bully«, erklärte Rod gelassen. »Manche müssen soviel Arbeit vorgesetzt bekommen, sonst wissen sie nicht mit ihrer Kraft wohin.«

»Slatter«, fauchte Mone leise zu ihm hin, »du bist jetzt entschieden zu weit gegangen! Du hast Staub als Narr hingestellt, und das wird er niemals schlucken, das nicht! Der Boß hat dich sicherlich nicht im unklaren darüber gelassen, daß es hier bestimmte Hindernisse gibt, über die auch er nicht hinweg kann.«

»Der Boß braucht einen schnellen Mann, wozu, weiß ich nicht, aber sicherlich hat er seine Gründe. Gewiß will er mich irgendwo einsetzen, wo er weder dich noch Staub verwenden kann. Das, Freund, solltest du nicht übersehen!«

Rod war stehengeblieben, und sein Grauschimmel schnaubte ihm ins Ohr.

Larry Staub legte die Brenneisen beiseite. Er kam näher, als zögen ihn unsichtbare Fäden heran. Nur fünf Yards vor Rod blieb er stehen, und sein Blick glitt über Rod hin, musterte den Gegner von oben bis unten, so, als wolle er jede Einzelheit in sich hineinsaugen.

Rod erwiderte den flackernden Blick mit steinerner Gelassenheit. Hölle und Teufel auch, das Spiel gefiel ihm geradezu! Mochte man ihn ruhig für einen Revolvermann halten, den der Boß schickte. Niemand kannte ihn, nicht einmal der Boß selbst, denn es war durchaus vorstellbar, daß er an irgendeinen Revolverschwinger geschrieben hatte, ohne den Mann persönlich zu kennen. Yeah, wenn das so war, dann kam Rod die Rolle gerade recht. Er würde sie spielen, und wenn er genug davon hatte, auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Nein, er dachte nicht daran, für die Rancher, die sich ihr Vieh hatten stehlen lassen, zum Helden zu werden. Einmal hatte er sich hinreißen lassen, damals in Carlsbad, als der Freund aus dem Sattel sank, und der Verdruß war so schnell über ihn gekommen, daß nur die Flucht ihn hatte retten können.

»Eines Tages werde ich mit dir abrechnen, Slatter«, knirschte Staub außer sich. »Ich kann warten, werde den richtigen Augenblick erwischen, um dich zurechtzustutzen.«

»Ich schlafe mit den Eisen«, murmelte Rod und grinste breit.

»Etwas anderes habe ich bei dir nicht erwartet«, kam es rauh von den Lippen Staubs. »By Gosh, laß dir nicht einfallen, den großen Mann zu spielen. Mag der Boß dir auch Sonderlohn versprochen haben, in diesem Camp hat sich jeder nützlich zu machen.«

»Gut, dann werde ich es auf meine Weise tun«, entgegnete Rod. »Ich werde dem Koch helfen und euren Speisezettel bereichern. Vielleicht schieße ich dann und wann Raubzeug von den Beinen und werde somit mein Essen verdienen, Staub. Alles andere laß meine Sorge sein. Und jetzt verschwindest du wohl besser, denn meine Geduld ist langsam zu Ende. Mit störrischen Bullen habe ich meine eigene Methode. Merke dir das! Ich hoffe, du hast mich verstanden?«

Das war mehr, als Staub schlucken konnte. Es sah aus, als wolle er alle Vorsicht außer acht lassen, sich auf seinen Widersacher stürzen und ihn mit Faustschlägen vernichten. Aber irgend etwas an Rods Haltung zwang ihn, seine Wut niederzudrücken, zwang ihn, sich zurückzuhalten.

Staub stieß fast schnaubend den Atem aus, wandte sich jäh und drehte sich auf den hochhackigen Stiefelabsätzen herum.

So schwer er auch sein mochte, seine Bewegungen verrieten, daß er sehr wendig und schnell sein konnte. Er schritt mit düsterem Gesichtsausdruck zum Campfeuer zurück, gab dort einige Befehle, und sogleich nahmen die Männer ihre Arbeit wieder auf.

»Du hast dir den besten Mann aus der Crew vergrämt«, sagte Mone kehlig. »Und damit du es nicht erst von Sitter und Nanstaff zu erfahren brauchst, Staub ist mein bester Freund!«

»Mone, du kannst gleich und sofort an seine Stelle treten und es versuchen«, entgegnete Rod böse von der Seite her. »In diesem Camp ist man wohl schwer auf Verdruß aus. Ich wollte keinen und habe auch nicht die Absicht, dir oder Staub in den Weg zu treten. Was ich wünsche, wäre ein gutes, warmes Essen für mich, eine Handvoll Mais für meinen Grauschimmel und etwas Ruhe.«

»Ruhe? Die kannst du haben und auch etwas zu essen sowie Futter für dein Pferd. Vielleicht kommt der Boß noch heute heraus, um dich zu sprechen.«

»Ah, ich denke, niemand hat ihn bisher gesehen?«

»Das stimmt, niemand sah sein Gesicht«, erwiderte Mone mit einem abwegigen Grinsen, schweifte dann mit seinen Gedanken ab und meinte: »Du und ich, wir werden uns nie verstehen, genauso, wie du dich niemals mit Staub verstehen wirst, denn es ist wohl so, daß wir dich nicht riechen können.«

»Das beruht wohl auf Gegenseitigkeit, Mone.« Rod ließ ihn einfach stehen, zog sein Pferd quer durch das Camp hindurch weiter. Hinter ihm tuschelten Nanstaff und Mone, Sitter jedoch blieb an seiner Seite und knurrte leise: »Ein Höllenverein ist das hier!«

»Ah, warum sagst du das ausgerechnet mir? Du mußtest es doch wissen, als du dich anwerben ließest?«

»Nun, ich war stellenlos.«

»Um diese Zeit?«

»Ich weiß, was du sagen willst, nämlich, daß es im Moment Arbeit genug und alle Hände voll zu tun gibt. Yeah, ich hätte auch Arbeit bekommen, wenn ich aus diesem Land geritten wäre, aber...«

»Zum Teufel, ich an deiner Stelle hätte es getan!«

»Well, ich aber nicht, denn ich liebe dieses Land und kann nicht von hier fort. Als die Ranch, auf der ich arbeitete, zum Teufel ging, trat ich dem Verein bei, der sie ruiniert hatte, aber ich gehöre ebenso wenig hierher wie du, Slatter!«

»Woraus willst du schließen, daß ich...?«

»Ein übler Revolverschwinger hätte wahrscheinlich für immer Staubs großes Mundwerk gestopft. Du hast zuviel Gefühl, und damit wirst du hier nicht alt, mein Junge. Dieses Rudel besteht aus sehr bissigen Wölfen, und nur wenige sind verträglich und wie ich aus Not hier.«

»Ich verstehe das nicht, Sitter. Du bist einem Verein beigetreten, der schuld am Untergang deiner Ranch war?«

»Yeah, der Rancher gab auf, als er alles Vieh verloren hatte. Er kämpfte nicht, zog davon, wollte nicht auf uns Cowboys hören, hatte Angst, auch noch sein Leben zu verlieren. Ich aber wollte wissen, welche Art von Kerlen das Land in Atem halten, über die Herden kommen und immer mächtiger werden.«

»Sei lieber vorsichtig, Buddy, und vermeide weitere Geständnisse«, warnte Rod leise. »Mit einem Verräter macht man hier sicher keine größten Umstände.«

Sitters Gesicht verzog sich zur starren Maske, und er stieß rauh hervor: »Wenn ich das gewollt hätte, so habe ich die Gelegenheit dazu bereits versäumt, denn für mich gibt es keinen Weg mehr zurück. Ein Mann, der zwischen die Mühlsteine kommt, wird zermalmt und mitgeschwemmt. By Gosh, es geht mich nichts an, was der Boß von dir will und was für Revolverlohn er dir zahlt, aber denken kann ich ziemlich scharf.«

»Und was denkst du?«

»Daß er dich gegen zwei schnelle Männer einsetzen will, die ihm hinderlich sind. Zwei Männer, die verteufelt rechtschaffen sind und wild um sich beißen werden, bevor auch sie ihre Ranch und ihre Herden verlieren. Es geht dem Boß zu langsam, sie zu ruinieren, er will immer seine Pläne schnellstens ausführen, um das größte Rinderland an sich zu bringen. Aber nun komm zur Futterkiste und versorge dein Pferd, Slatter. Ich werde dir einen Blechteller und eine Tasse holen. Der Koch erwartet dich bereits.«

3

Rod öffnete seine Augen ein wenig. Es regnete immer noch. Pfützen und Schlamm bedeckten den zerwühlten Boden.

Er selbst hatte sein Lager auf niedrigen Kisten unter dem Küchenwagen aufgeschlagen und hörte über sich im Wagen das monotone Schnarchen des Kochs.

Rod wälzte sich auf die Seite, schlug die Regenhaut, die seine Decken und ihn schützte, ein wenig zurück und schaute zu seinem Packen hin. Die Sachen waren zu seiner Beruhigung trocken geblieben, und auch seine Colts lagen noch am richtigen Platz. Weder Mone noch Staub hatten ihn im Schlaf gestört. Ein wahres Wunder, dachte er.

Er hatte es abgelehnt, mit den anderen im Zelt zu übernachten. Mone hatte sein Gesicht verzogen, Sitter jedoch hatte ihm bedeutungsvoll zugenickt.

Nun, das war alles gewesen, und niemand hatte etwas dagegen gesagt, daß er sich absonderte.

Die Morgendämmerung zog nun sichtbar herauf.

Vom Zelt her kam durch die Regenschleier Jube Sitter. Seine kalten Augen hefteten sich nun fest auf Rod, dessen Hand unwillkürlich den Kolben seiner Waffe ergriff. »Die ganze Nacht über habe ich deinetwegen nicht geschlafen, Slatter«, eröffnete er das Gespräch. »By Gosh, noch nie wurde in diesem Camp ein Mann so gehaßt wie du, und das ist doch verteufelt merkwürdig. Du bist doch ein Langreiter, ein Mann, der durch die Täler reitet und sich den Rücken dabei immer freizuhalten versucht. Im allgemeinen haben die Ausgestoßenen guten Kontakt miteinander und werden kurz über lang ihrer gleichen Auffassung wegen Freunde. By Gosh, Slatter, bei dir ist das absolut nicht der Fall, und du mußt doch spüren, daß man jederzeit bereit ist, über dich herzufallen, daß die Meute nur darauf wartet, dich zu zerreißen.«

»Yeah, aber noch lebe ich«, entgegnete Rod ruhig und schob bei diesen Worten seine Colts hervor. »Und solange ich meine Colts noch an meiner Seite fühle, ist ja alles in Ordnung. Sie sind es, die für mich die Entscheidung treffen. Was danach kommt, daran denke ich noch nicht.«

»Eine verdammt komische Auffassung«, erwiderte Sitter, wobei er seinen Tabaksbeutel hervorzog und sichganz  gemütlich auf seine Kiste hockte, eilig zwei Zigaretten rollte und dabei sagte: »Aber sie paßt nicht zu dir, diese Auffassung.«

»So? Nun, wenn du geglaubt hast, ich sei ein Wanderprediger oder so etwas Ähnliches, so irrst du dich, Sitter, und es wäre besser, dieses Thema abzubrechen. Ich kann dir nur sagen, daß ich genauso am Leben hänge wie du und daß ich eben meine Eisen einsetze, wenn ich es als erforderlich ansehe.«

Bewußt sprach er diese Worte, der Rolle gemäß, die man ihm sozusagen aufgezwungen hatte.

»Man forderte mich an, gut, ich kam und erhalte meinen Lohn. Eines Tages verschwinde ich wieder, oder aber ich bekomme das, was man bei diesen Geschäften an Risiko eingeht, ausbezahlt, nämlich einige Unzen Blei unter die Haut, und ein anderer wird die Angelegenheit weiterführen. Es gibt genügend Männer, die an meine Stelle treten werden.«

»Yeah, die wie Tiger durch das Land schleichen, bis sie auf den schnelleren Mann stoßen«, dehnte Sitter. »Ein anderer wird sich eine Kerbe ins Holz schneiden, ein anderer seine Colts für dreckige Dollars ausleihen. By Gosh, Slatter, das ist ein so verdammt dreckiges Geschäft, und du bist noch nicht zu alt, um auszusteigen!«

Rod richtete sich vollends auf, packte den anderen heftig an den Schultern, sah ihm fest in die Augen, fragte: »Hat man dir den Auftrag gegeben, mich auszuhorchen? Hat man dich geschickt, um festzustellen, wo meine empfindliche Stelle ist? By Gosh, du solltest verschwinden, ehe mir der Geduldsfaden reißt, Sitter! Versuch es auf diese Art nie wieder!«

Seine Hände hatten sich bei diesen Worten immer tiefer in Sitters Schultern eingegraben, waren wie Schraubstöcke, unter deren Druck Sitters fahles Gesicht noch grauer wurde. Aber er zwinkerte nicht, hielt Rods Blick stand, schüttelte abwehrend den Kopf, erklärte rauh:

»Meine Sympathie für dich wird mir hier noch den Hals brechen. Jeder wird hier von jedem beobachtet und genau unter die Lupe genommen, denn hier traut keiner dem anderen, obwohl es bei flüchtiger Betrachtung anders erscheinen mag. Zum Teufel auch, wie soll man Vertrauen erwarten, wenn der Boß selbst voller Mißtrauen steckt und keine Verbindung zu seiner Crew hat? Wie soll es eine Kameradschaft geben, wo doch jeder nur hier ist, um möglichst viel in seine eigene Tasche zu stopfen? Yeah, das hier ist eine Gemeinschaft von Aasgeiern und Kojoten, und sie werden nur aus reiner Zweckmäßigkeit zusammengehalten.«

Rod nahm die Hände von Sitters Schultern, sagte dann höhnisch: »Suchst du eigentlich nur wegen meiner Eisen meine Freundschaft, oder glaubst du, daß ich dir das wiedergeben kann, was du auf deiner Ranch verloren hast? Oder aber hast du hier einen Feind, der es auf dich abgesehen hat? Was sonst versprichst du dir davon? By Gosh, alles hat seine bestimmte Ursache und seinen Preis, Sitter. Du kannst mir nichts vormachen, denn ich habe zu lange auf dem Boden gestanden und betrachte nicht alles vom Sattel aus.«

»Yeah, es ist richtig, ich habe nach einem Partner Ausschau gehalten, um von hier wegzukommen«, flüsterte Sitter. »Ich kann es einfach nicht mehr ertragen. Zu spät habe ich festgestellt, daß ich mein Leben verpfusche, und nun möchte ich noch retten, was daran zu retten ist, ehe es ganz zu spät ist.«

»Ich staune, mein Freund! Ein reuiger Sünder, der wieder in einem sauberen Sattel sitzen möchte?« höhnte Rod. »Ein Mann mit Gewissensbissen? Folglich warst du also nicht ganz ohne Schuld, wie?«

Zu seiner Überraschung gestand Sitter nun ohne Umschweife: »Nein, war nicht ohne Schuld am Untergang der Doppel-X. Ich ließ mich damals mit Mone ein und...«

»Ah, ein Geständnis?«

»Warum nicht, Slatter?« sagte Sitter erregt. »Ich bin nicht der Mann, der etwas in sich verschließen kann. Ich gebe zu, daß ich zum Verräter an der Doppel-X wurde, daß ich schwach und leichtsinnig war und daß Mone mich auspressen konnte wie eine Zitrone. Yeah, daß ich absichtlich log und daß es meine Schuld war, daß...«

»Nur keine Einzelheiten, Freund! Warum nur hast du das alles getan?«

»Die Doppel-X gehörte meinem Bruder, und die Hälfte der Ranch sollte an mich fallen, sobald ich das fünfundzwanzigste Lebensjahr erreicht hätte, so bestimmte es unser Vater. Damals begriff ich nicht, warum er das tat. Heute jedoch weiß ich, daß er meinen Leichtsinn einen Dämpfer geben wollte, daß er vorbeugen wollte und wußte, daß mein Anteil bei meiner damaligen Einstellung schnell vor die Hunde gehen würde. Heute begreife ich auch, warum mein Bruder mich so hart behandelte, mich schuften ließ und mich duckte, wo sich die Gelegenheit dazu bot. Yeah, damals jedoch war ich verbittert und voller Zorn, trug geradezu einen unheimlichen Haß in mir, der sich nicht abreagieren ließ. Dieser Haß wurde schier unerträglich, als Dorothy Renour, die Schwester des Ranchers von der Halbmond, lachend meinen Antrag zurückwies.

Niemand nahm mich für voll, niemand für wichtig, und ich führte es natürlich darauf zurück, daß das Testament meines Vaters und die Behandlung meines Bruders daran schuld seien. Überall wußte man, wie mein Bruder mich hielt, daß ich kleiner war als der geringste Cowboy auf der Doppel-X, und somit vergrößerte sich mit jedem Tag mein Haß.

Der Korb Dorothys war dann wohl der Punkt, der auf dem i fehlte, und mein Haß erstreckte sich nun auch auf die Halbmond-Ranch. By Gosh, ich wäre wohl an diesem aufgespeicherten Haß eines Tages erstickt,wenn mir nicht gerade in Damsow Mone über den Weg gelaufen wäre. Mone war einst Schmied gewesen dieser Stadt, aber er betrieb damals kaum noch sein Gewerbe und war trotzdem besser gekleidet als die meisten und konnte auch mehr Geld ausgeben als mancher wohlhabende Mann in der Stadt. Nun, er lud mich zum Pokern ein, und ich hatte Glück im Spiel.«

»Die übliche Art, um ein Greenhorn einzuseifen«, unterbrach Rod die Erzählung der anderen. »Doch schon nach kurzer Zeit hattest du selbstverständlich eine Pechsträhne nach der anderen, und da du dein Glück zwingen wolltest, gerietest du in schwere Schulden. Mone jedoch war so freundlich, dir lächelnd Kredit zu gewähren.«

»Yeah, genauso war es«, bestätigte Sitter, überrascht und erschrocken zugleich.

»Mone schlug dir dann vor, wann ihr euch wieder treffen könntet, und gab dir Geld, immer wieder, sagte so beiläufig, ich bekomm’s schon zur rechten Zeit zurück, die Hälfte der Doppel-X gehört dir doch, oder...?«

»Herr im Himmel, genauso sprach er«, staunte Sitter verdutzt. »Yeah, er lieh mir Geld, bis meine Schuldverschreibungen so hoch waren, daß...«

»Ah, ich kann mir alles weitere an den Fingern abzählen«, unterbrach ihn Rod schnell. »Dann kamen Drohungen, die einschüchtern sollten und die auch wirklich ans Mark und an die Nerven gingen, denn alles drohte zu platzen, eine Welt war kurz vorm Untergang. Yeah, du bekamst es mit der Angst, und dann schlug dir Mone vor, dir doch dein Teil zu nehmen, und zwar in ganz anderer Form, nämlich daß du dafür Sorge tragen solltest, daß seine Meute ungestört die Rinder von der Weide treiben konnte. Eine ganz einfache und harmlose Sache! So war es doch?«

»Heilige Mavericks!« stöhnte Sitter. »Du bist wahrhaftig ein Hellseher!«

»Keinesfalls, nur ein erfahrener Mann, denn das, was dir geschah, ist zu oft geschehen, als daß man es aus seinem Gedächtnis verlieren könnte. Einmal in Schuld verstrickt, ging es dann rasend schnell bergab. Herde um Herde verschwand, und dein Bruder mußte in der Stadt Gelder aufnehmen, bis man schließlich auch die verweigerte. Dann mußte er seine Weiden für einen Spottpreis verschleudern und konnte noch froh sein, daß sich einer fand, der die Weide überhaupt nahm.«

»Er suchte überall nach einem Käufer, und wenn der Friedensrichter, Rick Largo, sich nicht erbarmt hätte, dann...«

»Und Rick Largo, der Friedensrichter, zahlte genau das, was dein Bruder brauchte, um seine Schulden zu decken und um aus dem Land zu kommen, zahlte einen Schandpreis für eine gute, große Weide«, unterbrach ihn Rod abermals. »Yeah, sein Amt als Friedensrichter hinderte ihn nicht daran, ein verteufelt schmutziges Geschäft zu tätigen, und gerade er hatte das nötige Geld flüssig. Ich muß schon sagen, sehr seltsam.«

»Rick Largo ist ein achtbarer Mann, Rod Slatter, und in diesem Falle irrst du«, entgegnete Sitter fest. »Wenn ich ihn persönlich auch nicht leiden kann und er ein Auge auf Dorothy geworfen hat, so muß ich doch zugeben, daß, wenn einer auf dieser Weide eine weiße Weste trägt, er es ist! Hinzu kommt noch, daß er kränklich ist, viel hustet und gebeugt am Stock geht, als leide er unter einer Hüftlähmung. Yeah, er ist ein bedauernswerter Mann, aber kein Lump. Er wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, die Ranch zu kaufen, willigte dann schließlich doch ein, um meinem Bruder zu helfen.«

»Wohnt er jetzt dort?«

»Kein Gedanke, Rod! Nicht einmal neues Vieh hat er sich kommen lassen, was allerdings auch gerade in der jetzigen Situation katastrophal wäre, jetzt, wo die Halbmond und die kleine Gitter-Ranch, die Sheriff Jonen gehört, verzweifelt um ihren Besitz kämpfen.«

»Das heißt also, daß Jonens Aufgebot nicht herausbringen konnte, wo die verschwundenen Herden hinkamen?«

»Nein, denn in dieses Tal kommt niemand hinein. Es gibt nur zwei Zugänge, und die werden scharf bewacht. Kein Wunder also, daß Mone in der Nacht zu den Posten ritt und sie verteufelt zurechtstutzte, daß sie dich passieren ließen. Mone ist der festen Überzeugung, daß einer der Burschen geschlafen hat.«

»Es kam ihm nicht in den Sinn, daß es vielleicht noch einen unbewachten dritten Zugang zu diesem Tal geben könnte?«

»Zum Teufel, nein, und auch ich glaube es nicht! Ringsum ist die Gegend öde und steinig, das Tal so gut versteckt, daß es viele Tausend Rinder aufnehmen kann. Du wirst sie noch sehen, Buddy. Weißt du, ich frage mich nur, für welchen Mann all diese Rinder, die umgebrannt werden mußten, bereitstehen.«

»Nun, doch gewiß für den Mann, der das neue Brandzeichen bereits eintragen ließ«, sagte Rod herb. »Er wird schlau genug sein, sein Brandzeichen in einer großen Stadt eintragen zu lassen, so daß man ihm nicht in die Karten sehen kann. Eines jedoch ist sicher, der große Boß steckt in der Stadt – oder direkt auf der Weide. Sicherlich ist er Mone und Staub auch nicht so unbekannt wie sie vorgeben. Jetzt aber möchte ich wissen, weshalb du in der Nacht kein Auge zugetan hast, Buddy?«

»Weil du geruhtest, ausgerechnet auf Dynamitkisten dein Nachtlager aufzuschlagen«, erklärte Sitter. »Ein einziger Schuß dort hinein hätte dich mitsamt den Kisten und dem Küchenwagen in die Luft geblasen. Staub strich mehrmals um dein Lager herum, und auch Mone kam, nachdem er die Wachposten inspiziert hatte, schaute unter den Wagen und schüttelte den Kopf, pfiff durch die Zähne und ging davon. Yeah, ich habe wirklich kein Auge zugetan, Slatter. Aber noch eines muß ich dir sagen: Ich war nicht froh, als die Doppel-X vor die Hunde ging, hatte wahrhaftig kein Triumphgefühl in mir, als ich hier Hunderte von Rindern mit dem Brandzeichen unserer Ranch sah. Yeah, ich schämte mich von Tag zu Tag mehr, ich...«

Seine Stimme erstickte tief in der Kehle. Man sah ihm an, wie er litt, erkannte, daß es keine leeren Worte waren, die er gesprochen hatte. Er war ein Mann, der sein Leben selbst in den Dreck geworfen hatte und sich nun verzweifelt nach einem Strohhalm umsah, um sich daran festzuklammern. Yeah, mehr als ein Strohhalm konnte doch ein Revolvermann, den der Boß selbst gerufen hatte, für ihn nicht sein!

»Heh, Slatter, wenn du ausgeschlafen hast, mach dich reitfertig! Der Boß war in der Nacht hier, und jetzt kannst du beweisen, ob du dein Geld wert bist!« dröhnte Mones Stimme vom Zelt her.

»Und du, Sitter, weck den Koch! – Heh, kommt hoch, Boys, hoch, ihr Langschläfer, schält euch aus euren Decken! Wer Geld verdienen will, muß arbeiten. Larry, mach den Kerlen Beine, schürt das Feuer, bevor ihr zum Frühstück kommt, und macht die Eisen heiß!«

Ein wildes Fluchen erhob sich im Zelt. Larry Staub trat heraus, blickte düster herüber, schritt mit nacktem Oberkörper zum nahen Bach hin, wo er bald in den Wellen verschwand.

»In der Stadt ist es Mones Gehilfe in der Schmiede«, erklärte Sitter leise. »Fast jeder zweite aus diesem Rudel hat noch irgendeine Beschäftigung in der Stadt und kann sich unter die Bürger mischen, ohne schief angesehen zu werden. Das erschwert Sheriff Jonen die Arbeit ungemein, denn man erfährt alles, was er zu tun beabsichtigt, sofort.«

»Eine Art, die wirklich augenfällig ist«, sagte Rod verdrossen. »Vielleicht ist Jonen daran interessiert, und...«

»Slatter, was soll das heißen?«

»Daß er recht gut der große Boß sein könnte, genauso gut wie der Friedensrichter oder der Halbmond-Rancher, obwohl dessen Rinder hier umgebrannt werden, genauso wie die des Sheriffs und der Doppel-X. Es kann natürlich auch ein anderer sein.«

»Jonen ist sauber.«

»Bist du dessen so sicher? Das gleiche hast du auch vom Friedensrichter behauptet, Sitter.«

»Ich tippe auf Red McGreen. Ihm gehören fast alle Saloons in Damsow, und er hat schon immer begehrlich nach der Weide geschielt, der widerliche Kerl! Yeah, er könnte es wirklich sein«, sagte Sitter erregt. »By Gosh, am liebsten möchte ich mit dir reiten!«

»Der Boß hat befohlen...«

»Yeah, er kommt wie ein Schemen in der Nacht und verschwindet wieder. Einmal habe ich seine Gestalt gesehen, und sie hat eine verteufelte Ähnlichkeit mit der McGreens. Daß er dich jedoch nicht persönlich sprechen wollte, begreife ich nicht, denn bisher hat er sich durch seine Maske alle seine Leute sehr genau angesehen. Nun, du machst eben in allem eine Ausnahme. So long, und Glück für dich, Slatter.«

Er warf die halbgerauchte Zigarette zu Boden, trat sie aus und ging fort, um den Koch zu wecken.

Rod aber packte sorgsam seine Sachen, prüfte gewissenhaft seine Eisen und verließ dann sein Lager.

Er ließ sich sein Frühstück geben, nachdem er sich am Bach gewaschen, rasiert und seinen Grauschimmel versorgt hatte. Nach dem Frühstück ging er zu Mone, der abseits stand und zusah, wie Staub die Männer zur Arbeit einteilte.

Mone grinste, als Rod vor ihm stehenblieb und sagte: »Ich frage mich schon die ganze Zeit, wie es möglich war, daß du unbemerkt an den Posten vorbeigekommen bist, Slatter.«

»Vielleicht flog ich in das Tal ein.«

»Dann paß nur auf, daß du bei der nächsten Landung nicht zu tief auf die Nase fällst«, gab Mone schlagfertig zurück. »So etwas wird sich selbstverständlich nicht wiederholen, ich habe die Wachtposten verstärken lassen, und vielleicht versuchst du es nochmals, ohne Lösungswort hier einzudringen!«

»Ich brauche kein Lösungswort, Mone, behalte es ruhig für dich! Ich werde es dir noch beweisen.«

»By Gosh, du bist noch überheblicher, als ich dachte«, zischte Mone. »Aber ich nehme dich beim Wort, denn nach Erledigung deiner Aufgabe wirst du einen sicheren Zufluchtsort verteufelt nötig haben, oder aber die Hölle selbst greift nach dir.«

»Laß das nur meine Sorge sein. Was also habe ich zu tun?«

»Du gehst verteufelt gerade auf dein Ziel los, Slatter«, sagte Mone höhnisch, und sein verschrobener Kopf schien noch tiefer in die Schultern einzusinken. »Gewiß hast du dich von Sitter bereits informieren lassen, was hier im Tal gespielt wird. Wenn wir mit dem Brennen fertig sind, werden wir Hütten bauen, denn schließlich hat sich hier die größte Herde zusammengefunden, die jemals eine Weide abgraste.«

Seine Worte waren von Stolz erfüllt, und er beobachtete Rod unter den Lidern hervor. Rod jedoch schien dies völlig gleichmütig hinzunehmen.

»Sitter ist ein Narr! Vielleicht hast du das inzwischen herausgefunden. Er spricht zu viel und träumt zu oft, kann sich mit der Wirklichkeit nicht recht anfreunden. Dabei wäre es für ihn höchste Zeit, endlich aufzuwachen. Er hat bisher nichts hinzugelernt, und man muß ihn auf alle Fälle scharf im Auge behalten.«

»Das heißt also, daß man nicht wünscht, daß er und ich...«

»Ganz recht, Slatter! Ich habe auch noch niemals einen Tiger und ein Schaf friedlich zusammen in einem Korral stehen gesehen. Eines Tages zerreißt so ein Tiger unweigerlich das Schaf, weil sein Hunger ihn dazu treibt.«

Er lachte bei diesen Worten, als habe er einen besonders guten Witz gemacht, schaute fast taxierend auf die beiden Eisen in Rods Halfter nieder, fuhr dann fort:

»Anders ist es allerdings, wenn ein ausgewachsener Grisly mit einem Tiger zusammentrifft. Niemand kann dann sagen, wer von beiden der Überlebende sein wird.«

»Ah, das war wohl eine deutliche Warnung vor Staub, wie?«

»Mit dem Denken hast du wohl nie besonders Last gehabt, Slatter? Nun, um so besser, es wird dir deine Aufgabe erleichtern, denn du wirst auf zwei schnelle Kerle angesetzt.«

»Keine großen Reden, Mone, heraus mit den Namen!« unterbrach ihn Rod fast mürrisch.

Mone wich nochmals vom Thema ab und sagte: »Der Boß ist überzeugt, daß du es schaffen könntest, Tom Gregger!«

Sein Blick bohrte sich bei diesem Namen fest in Rods Augen, doch mit keinem Wimpernzucken verriet Rod, daß der Name ihn wie ein Blitzstrahl traf. Er brachte es sogar fertig, zu lächeln und zu antworten: »Bleiben wir doch bei Slatter, Mone.«

»Wie du willst, Slatter«, gab Mone zur Antwort. »Deinen wirklichen Namen gab mir heute nacht der Boß preis und dazu auch deine Aufgabe. Sie erfordert verdammt schnelle Hände!«

»Nun, um Rinderfelle zu brennen, kam ich gewiß nicht hierher, Mone. Was also liegt an?«

Mone beobachtete ihn noch immer. Er konnte nicht wissen, daß Tom Gregger ein Bruder jenes Mannes war, dessen Kerbe in Rods Kolben eingeritzt war, konnte nicht wissen, daß Tom zu Billy the Kids üblem Verein gehörte, einer von den Kerlen war, deren berüchtigte Revolvernamen auf gewisse Leute einen besonderen Reiz ausübten. Yeah, ein unheimlicher, aalglatter Schießer. War es Zufall, daß gerade dieser Mann mit ihm verwechselt werden sollte? Zufall, daß Tom Gregger irgendwo aufgehalten wurde? Doch wie lange aufgehalten, fragte sich Rod im stillen. Wann kam der Kerl, der damals in Carlsbad mit dabei war, als man seinen Freund aus dem Sattel holte?

Ein Lachen flog Rod an, ein unheimliches, schreckliches Lachen, das ihn schier zu ersticken drohte, unbedingt herauswollte. Doch er brachte es fertig, sich zu beherrschen. »Wie also sind die Namen, Fellow? Sag sie, damit ich reiten kann!«

»Bevor ich sie dir sage, muß ich noch erwähnen, daß man dich beobachten wird. Wiege dich also nicht in dem Glauben, daß der Boß dich dein eigenes Spiel machen läßt. Du hast nur deine Aufgabe zu erfüllen, weiter nichts! Dann bekommst du deinen Lohn und kannst das Land wieder verlassen. Ist das klar?«

Rod gab sich zufrieden. In Wirklichkeit jedoch hätte er diesem Burschen am liebsten ins Gesicht geschrien, daß er seine Eisen nicht trage, um Blutgeld zu kassieren. Doch er schwieg, sah nachdenklich vor sich hin, fragte dann:

»Bekomme ich Unterstützung?«

»Unterstützung?«

»Yeah, von McGreen oder irgendeinem anderen?«

»Zum Teufel, nein! Du wirst bezahlt und du hast bei deiner Zusage gewußt, daß du deine Haut zum Markte tragen würdest. McGreen laß aus dem Spiel«, fuhr ihn Mone giftig an. »Es ist ganz allein deine Sache, wie du den Rancher der Halbmond, Jeff Renour, aus den Stiefeln bringst und Sheriff Jonen zwingst, gegen dich die Eisen zu lüften.«

»Ich begreife! Ein wilder Mann taucht auf, hebt die dem Boß unbequemen Leute aus dem Sattel und kann dann gehen, wohin er will. Vielleicht gehetzt und verfolgt von Aufgeboten, die ihn dann zum Schweigen bringen und um den Lohn prellen. By Gosh, wer auch immer der Boß sein mag, er rechnet in diesem Falle falsch!«

Mone grinste, griff in seine Westentasche und zog ein Bündel Dollarnoten hervor, hielt sie herausfordernd Rod entgegen, sagte: »Der Boß hat auch daran gedacht, dir dieses hier zu hinterlassen. Es ist die Anzahlung, Mister Slatter. Der Rest ist fällig, wenn die Arbeit getan ist. Der Boß setzt also auf dich, und er ist sogar bereit, dir nach Erledigung deiner Aufgabe für einige Zeit im Tal Asyl zu gewähren. Das ist mehr, als er dir brieflich versprach.«

»Den Eintritt in dieses Tal werde ich erzwingen müssen, so willst du es doch haben, nicht wahr? Dann jedoch wird Staub eine Gelegenheit sehen, seine Rechnung zu begleichen. Wahrlich, herrliche Aussichten für mich, Mone! Man könnte lachen und weinen zugleich, wenn man keine Eisen hätte«, sagte Rod eisig, wobei er fest gegen die 45er Colts schlug.

Sein Blick wurde eiskalt und stach tief in Mones Augen hinein. Dann nahm er das Dollarbündel an sich, steckte es, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen, in sein offenstehendes Hemd hinein, fragte:

»Und was ist, wenn ich vor Erledigung meiner Aufgabe noch einmal zurückkomme?«

Mone verzog sein Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. »Auch das ist einkalkuliert worden, Slatter. Eine Woche Zeit gibt man dir. In einer Woche könnte es doch möglich sein, oder...?«

»Ich bin nicht so sicher, Mone, und wenn du ehrlich zu dir selbst bist, wirst du mir recht geben müssen. Gordon Jonen ist ein weit über seinen Distrikt hinaus bekannter und berühmter Sheriff. Er war in Tombstone dabei, als die Stadt von unsauberen Elementen gereinigt wurde, und man sagt ihm nach, daß er sein Ziel stets trifft. Außerdem soll eine kleine Crew hinter ihm und seiner Gitter-Ranch stehen.«

»Du bist bestens informiert, aber das wundert mich nicht weiter. Ein Mann, der seine Revolver verkauft, muß immer auf dem laufenden sein und seine Chancen abwägen. Aber bedenke auch, was für einen Preis dir der Boß zahlt. Er will keinen Heckenschützen. Es muß klar ersichtlich sein, wer wem die Kugel gab!«

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903676
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v324167
Schlagworte
zwei kerben holz

Autor

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Titel: Zwei Kerben im Holz