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Circle C-Ranch #5: Yuma-Hölle

2016 130 Seiten

Leseprobe

Circle C-Ranch #5: Yuma-Hölle

Horst Weymar Hübner

Published by BEKKERpublishing, 2016.

CIRCLE C-RANCH

Band 5

YUMA-HÖLLE

Horst Weymar Hübner

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild:Nach einem Motiv von N.C.Wyeth, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Pike Leverty wird für ein Verbrechen verurteilt, das er nicht begangen hat. Aber niemand glaubt ihm. Das Gericht verurteilt ihn wegen Mordes und schweren Raubes zu lebenslanger Haft im berüchtigten Yuma-Gefängnis. Trotzdem gibt Pike nicht auf, auch wenn er fast sechs Jahre lang dort die Hölle erlebt. Aber er hofft, eines Tages wieder freizukommen und seine Unschuld beweisen zu können. Das kann er aber nur schaffen, wenn er Hilfe von außen bekommt. Jemand, der ihm seine Unschuld auch glaubt und zwischenzeitlich alles unternimmt, um die Behörden umzustimmen. Und dieser Mann ist US-Marshal Cliff Copper...

Ein bemerkenswerter Roman von Horst Weymar Hübner über das Leben der Sträflinge im berüchtigten Zuchthaus von Yuma.

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image

Roman

Dass Pike Leverty ein besonders zahmer Bursche sei, hatte nie jemand behauptet, am wenigsten er selber.

Seine Pechsträhne begann an dem Tag, als Mr. Arbuckle, einer der reichsten Männer von Tucson, zu ihm kam und sagte: „Pike, nimm deinen Revolver, ich habe eine Arbeit für dich!“

Pike wurde bockig, weil er glaubte, er solle jemanden erschießen. Es ging aber bloß darum, den neuen Geldschrank von Arbuckle zu bewachen. Dieser Job gefiel Pike, er übernahm ihn, und größere Aufregungen waren nicht zu befürchten. Das änderte sich an dem Tag, als Kate Bloomer in der Stadt auftauchte, ein Frauenzimmer mit höchst fragwürdigem Ruf und Anführerin einer Bande, die mit Dynamit arbeitete.

Pike hatte gleich ein ungutes Gefühl, denn mit der schlimmen Kate erschienen auch drei Männer, die man niemals zuvor in Tucson gesehen hatte. Und wirklich ging diese Bande auf Mr. Arbuckles Geldschrank los.

Aber Pike hatte vorgesorgt und den Geldschrank zuvor leergeräumt. Als die Bande den Eisenkasten sprengte, ging etwas schief. Alle drei Banditen wurden zerrissen, und Kate Bloomer verlor bei der Sache Daumen und Zeigefinger der linken Hand und hieß fortan Drei-Finger-Kate. Geschickt täuschte sie einen Unfall mit einem Buggy vor und lenkte allen Verdacht von sich. Nur Pike kannte die Wahrheit.

Als Drei-Finger-Kate wenige Tage später die Stadt mit der Postkutsche nach Kalifornien verließ, wurde sie von einem scharfäugigen Mann verabschiedet. „Bis bald dann, Blue!“, rief sie ihm zu.

Die Wells Fargo-Company heuerte Pike für ein riskantes Unternehmen an. Es galt, einen wichtigen und höchst wertvollen Transport nach Tombstone zu bringen. Nach der mörderischen Explosion bei Mr. Arbuckle war Pike der richtige Mann für diesen Auftrag.

Weil Raker, der Agent der Wells Fargo, einen Überfall fürchtete und offensichtlich gewisse Hinweise erhalten hatte, schickte er drei Wagen gleichzeitig los. In drei verschiedene Himmelsrichtungen. Pike wurde einem der Wagen zugeteilt und stieß erst später zum richtigen Transport nach Tombstone. Eine reine Sicherheitsmaßnahme.

Er staunte nicht schlecht, als er dort jenen Blue traf, der Drei-Finger-Kate zur Postkutsche gebracht hatte, und machte sich Gedanken, wieso ein bewaffneter Begleitreiter der Wells Fargo Freundschaft mit einem liederlichen Weib wie Kate pflegte. Überhaupt hatte Raker eine eigenartige Mannschaft zusammengestellt, denn da war noch der junge Ambrose Casey, der ein Jahr zuvor ein Viehtreiben nach Kansas mitgemacht und dort droben einen Sheriff erschossen hatte. Deswegen war in Kansas sein Steckbrief in Umlauf. Der dritte Mann hieß Hatch Walker und war ein Dreckfink; er stank fünf Meilen gegen den Wind. Ünd der Fahrer des Wagens war ein Ire und hörte auf den Namen Josh Mclntire. Pike machte sich auf einiges gefasst.

Was er nicht wusste - diese vier Männer vermuteten Geld auf dem Wagen und wollten es sich unter den Nagel reißen. Wurde denn nicht immer Pike Leverty geholt, wenn es viel Geld zu transportieren galt?

In einem mörderischen Unwetter lockte Cannon Blue mit einem Trick Pike vom Transport weg und fiel mit seinen Freunden über die Ladung her. Statt einer Geldsendung fanden sie etwas viel Besseres - echtes, pures Gold, in acht Kisten verpackt. In aller Eile drehten sie den Transport um. Das Unwetter würde die Radfurchen und die Fährte der Pferde zuschwemmen, und Pike würde sie nie im Leben finden.

Doch am Verduga-Pass ereilte das Schicksal die Männer. Vom Regen unterspült, rutschte ein Hang ab und begrub Männer, Pferde, den Wagen und das Gold darauf. Mannshoch bedeckte der Schlamm dieses,goldene Grab.

Außer sich vor Zorn kehrte Pike um, als er merkte, dass er von Blue an der Nase herumgeführt worden war. Verzweifelt suchte er die Männer und den Wagen. Er fand keine Spuren, nur Wasser, das vom Himmel rauschte.

Noch nie hatte Pike einen Transport verloren. Verbissen suchte er die Männer, Erst in der schrecklichen Llano-Wüste, bis er selber fast vor die Hunde ging, dann im Pecos-Tal. Nach Wochen kehrte er nach Tucson zurück - abgemagert bis auf die Knochen, enttäuscht und mutlos. Seine letzte Hoffnung zerschlug sich, die Männer seien vielleicht bloß vor dem Unwetter geflüchtet und inzwischen irgendwo aufgetaucht.

Raker als verantwortlicher Agent wurde von der Wells Fargo fristlos gefeuert und Pike vor Gericht gestellt. Brad Siringo, Beauftragter der Wells Fargo, erhob schwere Anklage gegen ihn - heimtückisch habe er die vier Männer beseitigt und die Ladung des Wagens an sich gebracht und irgendwo in der Wildnis versteckt. Pike beteuerte seine Unschuld, benannte Zeugen, berichtete von seiner Beobachtung und äußerte den Verdacht, dass vielleicht Cannon Blue und Drei-Finger-Kate das Verschwinden des Transportes eingefädelt haben könnten.

Das war ein schwerer Fehler, denn jetzt waren die Geschworenen gegen Pike eingenommen.

Die Geschworenen wollten Pike zwar nicht des Mordes an den vier Männern für schuldig erkennen - und sie bewahrten ihn damit vor dem Galgen - aber dass er die Ladung des Transportes im Wert von hunderttausend Dollar beiseite geschafft hatte, glaubten sie schon.

Und weil Pike seinen Revolver dabeigehabt hatte, war es bewaffneter Raub. Der Richter verurteilte Pike darum zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe, abzuleisten im Höllenzuchthaus von Yuma.

Das kam einem Todesurteil gleich. Denn aus den Steinbrüchen von Yuma war noch kein Lebenslänglicher zurückgekommen.

„Sie müssen mir helfen, Copper!“, rief Pike noch einmal dem jungen Marshal von Tucson zu, bevor ihn zwei Gerichtsdiener aus dem Raum brachten. „Ich bin unschuldig. Verdammt noch mal, ich bin unschuldig!. Sie kennen mich doch – ich habe das nicht getan!“

Das Letzte, was er von Cliff Copper sah, war dessen skeptischer Blick. Aber Pike Leverty wusste nicht, ob der Marshal ihm glaubte.

*

Mit einem niederträchtigen Ruck fuhr der Gefängniswagen an.

Pike war an Händen und Füßen angekettet und konnte sich nirgends festhalten. Der Ruck warf ihn in die kurzgeketteten Eisenfesseln.

Irrsinnige Schmerzen zuckten durch seinen Körper und ließen ihn aufbrüllen. Er fürchtete, Arme und Beine seien gebrochen.

Eine rohe Stimme lachte in der Dunkelheit, und ein Marin sagte dann: „Das passiert dir nur einmal, du lernst es nämlich verdammt schnell, jede Bewegung unserer Luxuskutsche mitzumachen. He, bist du der Bursche, den sie nach Yuma bringen?“

Ächzend lehnte sich Pike zurück und suchte die bequemste Sitzhaltung, die die Fesselung zuließ. „Noch bin ich nicht dort!“, stieß er rau hervor.

Höhnisches Lachen aus mehreren Kehlen drang an seine Ohren. Dann sagte der Mann, der ihn schon angesprochen hatte, wieder: „Schon wieder einer, dem die großen Pflaumen im Schädel wachsen! Mann, verschwende lieber erst gar keinen Gedanken an Flucht, denn sie haben uns Nolan mitgegeben. Das ist der Lump, der dich angekettet hat, und die größte Sau, die unter der Sonne gewachsen ist. Nolan, verstehst du? Das ist der wandelnde Tod!“

„Ich wurde vor ihm gewarnt“, sagte Pike heiser. „Er schießt gern.“

„Dann weißt du hoffentlich Bescheid“, kam die Stimme aus der Dunkelheit. „Als der Klapperkasten vor, einer Woche in Fort Ringgold losrollte, waren wir zu siebt. Jetzt stimmt die Zahl gerade wieder.“

Trotz der Hitze und des Miefs im Wagen fror Pike. „Wirklich Nolan?“, fragte er.

Ein gotteslästerlicher Fluch erklang.

Dann wieder die rohe Stimme: „Vor zwei Tagen hat er den kleinen Duffee umgelegt. Mit drei Schüssen in den Rücken. Sagte, es sei ein Fluchtversuch gewesen. Aber wir alle haben gesehen, dass er ihm ein Bein stellte und gleichzeitig einen Stoß versetzte. Duffee wollte nicht hinfliegen und rannte torkelnd, um das Gleichgewicht zu behalten. Ist gar nicht so leicht mit der Eisenkette zwischen den Füßen. Die Sau hat hämisch gelacht und Duffee aus weniger als fünf Schritten in Fetzen geschossen. Wir mussten den Kleinen an Ort und Stelle begraben.“ Einen Augenblick herrschte Stille, dann fügte der Mann hinzu: „War besser so für Duffee.“

Das verstand Pike nicht. „Besser?“

Der Mann lachte gehässig. „In Phoenix ist der Galgen für ihn aufgebaut. Er hätte hängen müssen. So hat er immerhin tausend glotzäugige Leute um das Schauspiel der Hinrichtung beschissen. Ein fabelhafter Spaß, wenn ich mir das richtig überlege. Tausend Leute oder mehr strömen von nah und fern zusammen, stehen sich stundenlang die Füße platt und wollen sehen, wie sich einer am Seil zu Tode zappelt oder sofort das Genick bricht - und dann passiert nichts! Ist doch wirklich ein großartiger Spaß. Vielleicht mache ich’s wie Duffee.“

„Sollst du auch hängen?“, fragte Pike betroffen.

Wieder lachte der Mann. „Wir sind alles Galgenvögel. Mit Ausnahme von Swoke. Der wird erschossen. Stimmt’s, Swoke? Er ist nämlich Soldat, und aus der Armee wird er erst ausgestoßen, wenn sie ihn an die Wand stellen. Das wird ein Fest. Mit Trommeln und Pfeifen und allem Drumherum. Man kann direkt neidisch werden. Und wenn’s soweit ist, geht es verdammt schnell. Die Burschen, die das Los gezogen haben, legen auf dich an, ein Offizier kommandiert, und schon bist du hin. Wenigstens ist das ’ne saubere Sache. Dran glauben müssen wir alle mal, das ist nicht weiter schlimm. Was einem beim Häingen so zusetzt, ist die verfluchte Ungewissheit, ob’s gut ausgeht. Auf den Henker kommt es an, verstehst du? Ob er gut ist oder ein Pfuscher. Ich hab mal ’ner Hängeparty beigewohnt, da ist erst der Strick gerissen, und der arme Teufel sauste runter und brach sich ein Bein. Er brüllte jämmerlich. Sie haben ihn wieder raufgeschleppt aufs Gerüst und festgeknüpft. Klappe auf - was soll ich dir sagen? Jetzt brach der Arm vom Galgen ab und stürzte hinter ihm her. Das Kinn zerschmettert, ein Schlüsselbein hin und fast alle Rippen gebrochen, so haben sie ihn unterm Gerüst hervorgezogen. Schließlich haben sie ihn an der Fassade vom Saloon aufgeknüpft, weil das Haus zwei Stockwerke hatte und er immer ein fröhlicher Trinker gewesen sein soll. Da hat’s dann endlich geklappt. Nach fast einer halben Stunde! Stell dir das bloß mal vor! Bei Nolan ist’s eine Sache von einem Augenblick.“ Ein tiefer Atemzug drang durch das Wageninnere. „Ich denke, ich gebe ihm eine Chance.“

„Ich nicht!“, erwiderte Pike wild und trotzig.

„Solltest du aber“, redete der Mann weiter. „Gerade du! Yuma - das sind alle sieben Höllen zusammen. An dir gemessen sind wir richtige Glückspilze. Wir sterben bloß einmal, du stirbst jeden Tag. Ein ganzes Leben lang.“

„Vielleicht kommt der Wagen ohne mich in Yuma an - und ohne dass ihr unterwegs für mich ein Loch habt graben müssen.“

„Du bist ein hoffnungsloser Idiot! Die Bewachung ist lückenlos, du hast keine Chance zum Abhauen. Selbst wenn sie dich zum Scheißen rauslassen, begleiten dich zwei Wächter und zielen mit dem Gewehr auf deine Birne. Du wirst es erleben, wart’s nur ab.“

Verbissen entgegnete Pike: „Und wenn schon! Auch wenn sie mich in Yuma abliefern - ich schwöre, ich werde die Steinbrüche überleben und irgendwann dort abhauen.“

„Abhauen? Aus dem Höllenzuchthaus?“ Der Mann lachte dröhnend. „Nur tot kommst du aus Yuma raus, du Hornochse!“

„Halt jetzt das Maul, Humble!“, knurrte aus irgendeiner Ecke ein Mann. „Der Neue ist gerissen, vielleicht legt er auch die Wächter von Yuma rein wie die Geschworenen und seinen Richter in Tucson.“

„Ich halte das Maul, wann es mir passt und nicht dir, klar?“, knurrte dieser Humble. Er war also der Kerl, der ständig das Wort führte. Möglich, dass er sich gerne reden hörte.

Durch ein winziges vergittertes Fenster hoch oben in der Seitenwand des Gefängniswagens fiel für einen Moment Lichtschein. Pike seufzte. Eines der letzten Lichter von Tucson! Ob er die Stadt je wiedersah?

Jemand scharrte mit Stiefeln über den Holzboden. Eine Eisenkette klirrte.

„He, du, wie heißt du eigentlich?“, fragte Humble. „Der Fahrer von unserer noblen Kutsche hat ein wenig über dich gesprochen. Das macht er, wenn er gute Laune hat. Kommt bloß nicht häufig vor. Hat über deinen Prozess berichtet. Die Kerle wissen immer verdammt genau Bescheid. Aber deinen Namen hat er nicht genannt. Also, wie sieht’s damit aus?“

Pike zögerte. Was ging den Kerl sein Name an? Andererseits - all diese Gefangenen waren zu ihrem Galgen unterwegs, wenn er Humble richtig verstand, und Swoke wurde erschossen - warum sollte er ihnen nicht eine kleine Freude machen?

„Leverty ist der Name - Pike Leverty“, brummte er widerstrebend in die muffige Dunkelheit.

Humble lachte. Er schien seine letzte Gratisfahrt überhaupt sehr spaßig zu finden. „Klingt irgendwie solide und nicht so, als ob du dir den Namen selber gegeben hättest“, lobte er. „Du hast vier Männer umgelegt, nicht wahr? Aber du hast die Leichen verschwinden lassen, deswegen haben sie dich nicht an den Galgen sprechen können. Und hunderttausend Dollar hast du dir obendrein in den Sack gesteckt! Schlau, Pike - schlau und gerissen, mit allem Respekt! Du hast Schmalz im Hirn. So ein Schatz von hunderttausend Dollar kann eine echte Lebensversicherung sein...“

„Zum Teufel, ich habe niemanden umgelegt, und ich habe keine Leichen versteckt, und einen Schatz gibt es nicht!“, knurrte Pike giftig. „Eine Ladung ist verschwunden, alles andere hat dieser Siringo von der Wells Fargo aus dem hohlen Bauch gelogen!“

„Schon gut, schon gut!“, dämpfte Humble seinen Unmut. „Aber uns brauchst du ja nichts vorzumachen, wir sind keine Geschworenen, uns kannst du sagen, wie es wirklich war.“

„Wie ich’s gesagt habe!“

„Von mir aus. Auf vier Männer mehr oder weniger kommt’s ja wohl auch nicht an. Den Schatz - hast du ihn gut versteckt?“

„Verdammt, müsste ich sonst nach Yuma? Eine Ladung für hunderttausend Dollar ist weg, und nur der Teufel weiß, wo sie geblieben ist. Lass mich in Ruhe, ich will nichts mehr davon hören!“

Doch Humble dachte nicht daran, das Maul zu halten. „Stimmt schon, was der Fahrer gesagt hat - dass du nämlich ein ganz hartgesottener Sünder bist und verstockt wie ein uraltes Maultier. Hoffentlich hast du Freunde!“

Humbles Worte hatten einen eigenartigen Klang, der Pike aufhorchen ließ. Irgend etwas ging im Schädel des Mannes vor.

„Wozu Freunde? Vor kurzem dachte ich noch, ich hätte viele. In Wirklichkeit ist’s nur einer, und das ist Cliff Copper, der Marshal von Tucson. Ich hoffe, dass er in der Zwischenzeit alles unternimmt, um meine Unschuld zu beweisen.“

„Wäre aber dumm, wenn’s nur dieser eine wäre“, sinnierte Humble unbeirrt. „Ein paar müssten schon zusammenkommen. Und Mumm in den Knochen müssten sie haben und eine Menge Eisen mit sich herumschleppen. So wär’s zu machen.“ Den Worten folgte eine beklemmende Stille. Bis jemand scharf ächzte.

„Was heißt das?“, fragte Pike schnappend.

„Dass deine Freunde dich aus diesem rollenden Käfig herausholen und du ihnen dafür den Schatz überlässt. Ganz einfach. Heutzutage kriegt man ja nichts mehr umsonst. Wir würden alle von der Sache profitieren. Es gäbe nämlich eine Mordsschießerei, deine Freunde müssten die ganze Mannschaft umlegen und zuerst die Obersau Nolan. Und wir könnten dann in aller Ruhe abhauen, deine Freunde brauchten uns nicht auch noch mitzunehmen. Genug Gäule für uns wären da. - Mann, Pike, gebe der Himmel, dass sich deine Freunde beeilen!“

Das also trieb Humble um! Darum kreisten seine Gedanken! Raus aus dem entsetzlichen Gefängniskasten auf Rädern wollte er. Und nicht hängen! Klar, das war ein verständlicher Wunsch. Pike wollte ja auch nicht nach Yuma.

Aber die Wirklichkeit sah anders aus. Viel trostloser.

„Hirngespinste!“, erwiderte darum Pike. „Ich wäre auch lieber ein freier Mann. Aber solche Freunde, wie du sie erwartest, gibt es nicht.“

„Abwarten!“, kam es aus Humbles Mund, aber eine ganze Tonlage schriller als zuvor. „Oder bist du so ein Scheißkerl und lässt dich von deinen Kumpels erst kurz vor Yuma aus dem Kasten holen, wenn wir schon alle zur Hölle gefahren sind? Verreck dafür!“

Pike schwieg. Dieser Humble musste eine Macke im Gehirn haben. Und keine kleine. Vielleicht hatte er sie schon mitgebracht. Oder er hatte sie jetzt bekommen. Auf dieser letzten Fahrt. Auf Grund der ausweglosen Situation. Und unter Nolans Fuchtel.

Der Wagen rumpelte über eine Unebenheit auf der Poststraße. Der Gefängnisaufbau schwankte und knarrte, und die Eisenkette der Gefangenen klirrten im Rhythmus der Stöße.

*

Pike wurde wach, weil der Wagen hielt.

Er konnte nicht sagen, ob er geschlafen hatte oder ob er wegen der miesen verbrauchten Luft über Stunden ohnmächtig gewesen war. Vielleicht traf beides zu. Jedenfalls sickerte Tageshelle durch das winzige vergitterte Fenster in den Gefangenenkasten.

Kommandos ertönten. Der schwere Riegel wurde von der Tür entfernt. Jemand zog die Tür auf. Nolan!

Breit und massig stand er, vom Sonnenlicht umflossen, in der Öffnung, stemmte die Fäuste auf die Hüften, schnupperte und sagte angewidert: „Ihr stinkt wieder wie eine Kiste voll verreckter Affen! Ist heute Nacht einer abgekratzt? Nicht? Na schön, fertigmachen!“

Der Türeinstieg verdunkelte sich, Nolan stieg in den Wagen.

„Füße her!“, verlangte er. Und mit einem höhnischen Grinsen an Pike gewandt fuhr er fort: „Du bist heute fürs Holz zuständig.“

„Was für Holz?“ Pike hatte keinen blassen Schimmer, was Nolan meinte.

„Fürs Feuer, du blöder Hund! Denkst du, wir klauben auch noch Holz auf und kochen euch das Milchsüppchen? Einer kümmert sich also ums Holz, zwei kochen, und die anderen dürfen den Mist auffressen, haha! Yuma, du gehst zuerst raus!“

Es dauerte- zwei Sekunden, bis Pike begriff, dass Nolan ihn damit meinte. Der Bursche schien zu faul, sich die Namen der Gefangenen zu merken. Und das war genau zwei Sekunden zu lange.

Mit einem hinterlistigen Tritt stellte Nolan mit aller Wucht den linken Fuß auf die Eisenkette. Pike riss es die Füße zusammen, dass er alle Engel im Himmel jubilieren hörte.

Er biss die Zähne zusammen, bis sie knirschten.

Lauernd beugte sich Nolan vor; Sein Gesicht war nur unterarmlang von Pikes Kopf entfernt, sein Atem stieß dem Gefangenen ins Gesicht. .

Schnaps! Nolan roch nach Schnaps! Er hatte getrunken! Auf nüchternen Magen. Oder er hatte in der Nacht schon mit dem Saufen begonnen!

„Na, Yuma – begriffen?“, fragte Nolan höhnisch. „Ihr Lumpen seid nichts, ihr seid ein Dreck, aber ich will wenigstens willigen Dreck, der mir keine Arbeit macht.“

„Ja!“, sagte Pike keuchend und erstickte fast an seiner Wut. Gehorsam streckte er die Beine aus, als Nolan den Fuß von der Eisenkette nahm und mit dem Schlüssel hantierte.

Pike glaubte nichts anderes, als dass er die Fußfesseln los wurde. Er erlebte eine herbe Enttäuschung. Nolan schloss nur einen Eisenbügel auf, der im Fußboden unter dem schmalen harten Holzsitz befestigt war.

„So ist’s brav!“, spottete Nolan. „Und jetzt die Flossen her, Yuma! Halte die Hände schön ruhig, auch wenn du sie mir liebend gern um den Hals legen möchtest. Raus kämst du in keinem Fall. Noch in der Tür würden dich meine Leute mit Kugeln vollpumpen, dass aus dir die beste Bleimine der ganzen Gegend wird. So, und jetzt hinaus mit dir - schön langsam! Stell dich draußen auf!“

Wenigstens die Spangen und die Kette an den Armen fielen. Es juckte Pike in den Fingern, Nolan zu packen und ihm die Schurkenseele aus dem Leib zu quetschen.

Gewonnen war damit überhaupt nichts. Nolan hatte keine Waffe mitgebracht, nur den Schlüssel und sein verfluchtes Schandmaul. Draußen warteten die Wächter, schwer bewaffnet und mit allen Vorteilen auf ihrer Seite.

Nichts zu machen, begriff Pike. Dieser Satan hat alles bedacht! Er lässt keinem von uns eine Chance!

Steif stand Pike auf und schlurfte zur Tür. Er war gezwungen, sehr kleine Schritte zu tun, um nicht auf die Nase zu fliegen oder kopfüber aus der rückwärtigen Tür zu purzeln.

„Yuma kommt!“, brüllte Nolan hinter Pike her. „Der nächste Galgenvogel - los schon!“

Pike blinzelte geblendet ins grelle Sonnenlicht, als er die Stufen aus dem Gefangenenkasten hinabstieg.

Dann zuckte er zusammen, als er die Wächter sah. Sie hatten gute Positionen eingenommen, und jeder hielt ein Gewehr an der Hüfte. Keiner behinderte den anderen.

Pike starrte auf die dunklen Mündungslöcher und ließ sich zur Seite dirigieren.

Einer der Männer räusperte sich und spuckte nach der Seite. „Mach dir nichts draus, Leverty - Nolan nennt jeden nach dem Ziel seiner Reise, und da bist du eben für ihn Yuma.“

Eine so freundliche Ansprache hatte Pike niemals erwartet. Er betrachtete den Mann. „Sie müssen der Fahrer dieses elenden Wagens sein.“

Ein winziges Lächeln huschte über den Mund des Mannes. „Stimmt auffallend. Persönlich habe ich nichts gegen euch Burschen. Ich mache den Job, weil er gut bezahlt wird.“

„Flanders eins!“, schrie Nolan im Wagen.

Aus der Tür kam einer der bärtigen Männer. Er bewegte sich wie ein Wiesel. Genau so guckte er auch. Er wurde auf die andere Seite gewiesen.

„Flanders zwei!“, kündigte Nolan an.

Humble trat ins Sonnenlicht. Düster starrte er auf die Gewehre. Dann hob er die Achseln, als ginge ihn dies alles gar nichts an.

Nacheinander kamen die restlichen Männer heraus, Swoke zuletzt. Den bezeichnete Nolan als Pecos.

Pike wusste jetzt Bescheid. Anhand der Namen wusste er nun, wie die Route war, die der Gefängniswagen fuhr. Über Lordsburg über den gefürchteten Apachenpass in den westlichen Teil des New-Mexico-Territoriums - durch die noch mehr gefürchtete Gila-Wüste, an deren äußerstem Zipfel das verdammte Yuma mit seinem grauenhaften Zuchthaus lag.

Wie es aussah, war er der einzige Gefangene für Yuma. Wenigstens hatte er bis Lordsburg noch einen Begleiter, einen Mann mit einer Gestalt wie ein Bär und wohl ebensolchem Gemüt, denn der Kerl brummte fortwährend.

Nolan kam zuletzt aus dem Wagen. Er warf die Tür zu. „Ein Gestank ist das! Wartet, ihr Hunde, ihr sollt was davon haben!“ Er stapfte herbei und bestimmte Humble und den Bärenmann als Kochkommando.

Der Fahrer neben Pike raunte: „Wenn Nolan fort ist, lüften wir den Kasten schon, keine Sorge. Wir wollen ja möglichst viele von euch lebend ans Ziel bringen.“

Der Mann meinte das sicher ehrlich, in Pikes Ohren klang das jedoch mächtig makaber. Und noch etwas lernte er daraus - die Männer hatten Angst vor Nolan. Selbst das Lüften des Gefangenenkastens mussten sie heimlich bewerkstelligen!

Nolan hatte sein Gewehr neben der Tür an den Wagen gelehnt. Er packte es, legte es in die Armbeuge und kam auf Pike zu. Bis die Mündung das Hemd berührte.

Pike zog es den Magen zusammen.

Aber er wich keine Daumenbreite zurück. Er hatte Furcht, aber diesem ausgekochten Scheusal wollte er sie nicht zeigen.

Nolan belauerte ihn. Plötzlich nickte er. „Kein Wunder, dass sie sich an dir die Zähne ausgebissen haben. Bist ’ne harte Nummer. Aber ich bin härter. Auf, beweg die Knochen! Da hinüber - zwischen den Felsen liegt genug Holz!“

Pike ließ sich nicht zweimal auffordern. Er trottete in die Richtung, in die Nolan mit dem Gewehr zeigte.

Die Gegend kannte er. Selbst wenn er keine Eisenfesseln an den Beinen gehabt hätte, wäre er hier nicht weggekommen. Die Felsen waren flach und boten kaum Schutz, ein Versteck aber in keinem Fall.

Auf einem Felsbuckel wuchsen ein paar Schwarzeichen. Dürre Äste waren vom Sturm herabgerissen worden. Er sammelte einen Armvoll auf. Nolan blieb ständig in seiner Nähe. Die Gewehrmündung war nie weiter als zwei volle Armlängen entfernt.

Plötzlich sagte Nolan mit katzenfreundlicher und mächtig gedämpfter Stimme: „Man hört so allerhand über dich, Yuma. Du hast ja ’nen mächtigen Sack voll Geld auf die Seite gebracht.“

„Wäre schön, wenn’s stimmen würde; Der Richter brummte mir einen Dollar Strafe wegen vorlauten Mundwerks auf, und den musste Marshal Copper für mich bezahlen ...“

Pike konnte gar nicht so schnell schauen, wie der Gewehrlauf herabsauste. Nolan haute ihm die Waffe an den Schädel.

Benommen und blutend fand sich Pike am Boden wieder, blinzelte mit einem Auge zu Nolan hinauf, weil ins andere Auge Blut lief, und hörte durch das Rauschen in seinen Ohren den Wächter giftig sagen: „Die Geschworenen und den Richter hast du verarschen können, aber lass das bei mir bleiben, klar? Ich sagte, du hast ’nen Sack voll Geld auf die Seite gebracht, und ich sage jetzt, dass ich dir die Reise angenehm mache, wenn du mir was aus dem Sack abgibst. Es müsste natürlich unter uns bleiben.“

Verdammt, dachte Pike, was habe ich bloß getan, dass ich dies alles erleiden muss? Alle wollen sie von mir einen Schatz, Geld - und ich habe keine Ahnung, wo der Kies geblieben ist!

„Sicher müsste es das“, stieß Pike keuchend hervor, „aber ich habe nichts. Keinen Cent. Mein Grundstück mit dem halbfertigen Haus in Tucson hat der Advokat eingesteckt.“

„Überleg’s dir, aber warte nicht zu lange damit!“, drohte Nolan und bedeutete mit einer Bewegung des Gewehres, dass Pike aufstehen sollte. Er sammelte das heruntergefallene Holz zusammen und trug es zum Gefängniswagen zurück.

Aus einem Wasserfass, das an der Außenseite auf einem Brett mitgeführt wurde, hatten Humble und der Bärenmann bereits einen schmutzigen Eisenkessel gefüllt. Außerdem waren mit Steinen zwei Feuerstellen vorbereitet.

Pike wollte das Holz an der größeren niederwerfen.

„Nichts da!“, bestimmte Nolan. „Das ist unser Holz. Für euch wirst du nochmal gehen. Oder bildest du dir ein, wir würden uns mit euch Pack an ein Feuer setzen?“

Zähneknirschend sah sich Pike gezwungen, noch eine Ladung Holz zu holen.

Die Gefangenen und die Wächter sahen natürlich, dass sein eines Auge mit Blut verklebt war und dass er eine frische Wunde am Schädel hatte. Niemand stellte deswegen eine Frage. Der Fall war ja klar - er war mit Nolan abseits gewesen, und Nolans Methoden wären hinlänglich bekannt.

Nolan selber glaubte, eine Erklärung abgeben zu müssen. „Zu blöd zum Holzholen ist der Kerl! Haut sich die Birne an! Und sowas mutet man uns zu!“

*

Am Spätnachmittag kamen sie in einer Postkutschenstation der Butterfield Overland Line an. Nolan kommandierte herum und verbot, den Gefangenen Wasser zu reichen oder mit ihnen zu sprechen.

Es gab ein neues Gespann, und das Wasserfass wurde gefüllt. Immerhin.

Dabei war ein Streit zu hören, den Nolan mit dem Leiter der Station führte.

„Den Galgen könnt ihr verbrennen. Oder hängt doch einen anderen Burschen dran auf, wenn ihr gerade einen passend zur Hand habt!“, riet Nolan zynisch. „Mit Duffee ist’s jedenfalls Essig, der ist schon an dem Ort, der ihm vom Herrn vorherbestimmt war.“

„Als ich hörte, dass du dabei bist, dachte ich mir schon so etwas!“ erwiderte eine . reibende Männerstimme. „Ich habe die Nase voll von deinen Methoden! Ich werde einen Bericht an den Obersten Gerichtshof von Texas abfassen, und er wird so sein, dass man dich zum Teufel jagt!“

„Sag bloß, du kannst auch schreiben?“, spottete Nolan. „Dann nimm in deinen Bericht hinein, dass Duffee einen Fluchtversuch unternommen hat.“

„Ja, die Fluchtversuche. Eigenartig, dass gerade bei dir alle Gefangenen immer abzuhauen versuchen! Verschwinde, und hoffentlich kriege ich deine Visage nie mehr zu Gesicht!“

„Denselben Wunsch verspüre ich, wenn ich dich sehe!“, meinte Nolan und lachte wie über einen guten Witz.

Fünf Minuten später rollte der Gefängniswagen wieder.

Die Nächte und die Tage reihten sich aneinander. Sie liefen immer nach dem-selben Schema ab.

Pike beobachtete an sich, wie er abstumpfte, wie er Instinkten folgte wie ein Tier. Er fürchtete, bald selber ein Tier zu sein wie Nolan.

Sein Äußeres verkam. Marshal Copper hatte ihm immerhin noch jeden Tag das Rasierzeug gegeben. Jetzt wuchs ein Bart auf Kinn und Wangen, und der Bart wurde schmutzig, und Pike störte es kaum noch.

Seine Kleidung stank nach Schweiß und war schmierig - es berührte ihn kaum. Er. trachtete nur danach, beim Essen die größte Portion zu erwischen und eine zusätzliche Wasserration. Wie alle anderen.

Zum festen Tagesablauf gehörten die Prügel, Tritte und sonstigen Gemeinheiten von Nolan wie die Hitze der Sonne. Niemand stoppte diesen Satansbraten. Bestimmt war Nolan sogar dem Teufel zu schlecht, sonst hätte der den Kerl längst geholt.

Irgendwann, an irgendeinem Tag der entsetzlichen Fahrt, sagte Humble morgens mit einem völlig irren Ausdruck in den Augen, aber ganz ruhiger und klarer Stimme zu Pike: „Deine Freunde sind miese Säcke, das kannst du ihnen bestellen. Sie sind nicht gekommen - na gut!“ Und damit wandte er sich um und ging mit kleinen Schritten vor Nolans Gewehr her zu einer kleiner Senke neben dem Weg. Die Eisenkette zwischen seinen Beinen klirrte und spannte sich.

„Du hast ihn schwer enttäuscht, Yuma!“, raunte der Bärenmann. Die Gefangenen hatten die Namensgebungen von Nolan zum Teil übernommen. „Er hat bis vorhin fest darauf vertraut, dass deine Leute aufkreuzen, das Wächterpack zusammenknallen und...“

„Von Anfang an habe ich ihm gesagt, dass es keine Freunde gibt!“, zischte Pike. „Und folglich auch keine Hoffnung.“

Mitleidig blickte ihn der Bärenmann an. „Mir kannst du’s doch sagen - wir hängen doch alle im selben Dreck drin! Du hast ’n starkes Ding mit ’ner irrsinnigen Beute gedreht - so was schafft man nur mit guten Freunden.“

„Nichts habe ich gedreht.“

Der Bärenmann schüttelte den Kopf. „Du bist das ausgekochteste Stück Fleisch, das ich im ganzen Leben gesehen habe!“ Er machte eine knappe Kopfbewegung zu der Senke hin. „Flanders zwei hat sich jedenfalls von uns verabschiedet. Er will nicht hängen. Es hat alles nur an dir und deinen Leuten gelegen.“

Ein gellender Schrei drang im selben Augenblick von der Senke her. Nach Humble klang das nicht, eher nach Nolan!

Die Wächter sprangen auf.

In der Senke krachte jetzt hart und trocken ein Schuss. Noch einer.

Ein Mann begann in grässlichen Tönen zu schreien. Voller Schmerz und Qual und Not.

Das war nicht Nolan.

Ein dritter Schuss fiel.

Und nach wenigen Augenblicken ein vierter.

Die entsetzlichen Schreie verstärkten sich. Die beiden Wächter begannen zu rennen und verschwanden in der Senke.

Nach kurzer Zeit erschien einer von ihnen wieder, er stützte Nolan, dessen Gesicht blutüberströmt war und der sein Gewehr wie einen Stock benützte.

Dann krachte in der Senke noch ein Schuss. Das grauenhafte Schreien brach ab.

Wie ein Besessener wirbelte Nolan herum und stieß dabei den helfenden Wächter an seiner Seite weg. Der Mann stürzte, Aber noch im Liegen richtete er das Gewehr auf Nolan, der seinerseits sein Gewehr an die Hüfte presste und in die Senke zielte.

„Mach das nie wieder!“, hörten sie alle beim Gefängniswagen den Wächter scharf und keuchend rufen. „Nie wieder, Nolan! Oder ich lege dich um! Du bist ja wahnsinnig! Runter mit dem Gewehr!“

Nolan stand nicht sehr sicher. Jetzt schwankte er auch noch. In der Senke war etwas Schreckliches geschehen, und er hatte sein Teil abgekriegt. Er schätzte seine Möglichkeiten richtig ein und nahm das Gewehr herunter.

Der Wächter erhob sich, hielt aber die Waffe fortwährend in die richtige Richtung.

Nolan hob die Achseln, wandte sich um und torkelte heran.

Drüben tauchte der zweite Wächter aus der Senke auf. Er kam mit seinem Kollegen herüber. Es war kein Zufall, dass sie beide das Gewehr oben hatten und dass sie höllisch scharf auf Nolan aufpassten.

Aber der hatte anscheinend genug und nichts mit ihnen im Sinn. Er hockte sich abseits in den Schatten seines Pferdes und rollte sich eine Zigarette.

„Was war los?“, fragte einer der am Feuer gebliebenen Wächter.

Der Mann, der zuletzt aus der Senke gekommen war, hatte eine graue Gesichtsfarbe und sah aus, als sei er dem Teufel begegnet.

„Viermal hat er ihn in den Bauch geschossen!“, stieß er hervor. „Ich habe ihm den Gnadenschuss gegeben.“

Sein Kumpan zerrte gerade eine Spitzhacke aus dem Werkzeugkasten des Gefängniswagens und ging zur Senke hinüber. Den Gefangenen blieb es erspart, Humble begraben zu müssen.

*

Der Zwischenfall vergiftete das Verhältnis unter den Wächtern, Niemand redete mit Nolan, und wenn er etwas sagte, antwortete ihm eisiges Schweigen.

„Waschlappen!“, sagte Nolan dann. „Ihr habt nichts in den Knochen, ihr seid keine Männer.“

Aber wohl war ihm selber nicht. Das äußerte sich in einer Stinklaune, Und die ließ er an den Gefangenen aus. Er prügelte die Männer wahllos ohne Anlass.

Auch unter den Gefangenen war die Stimmung ungut. Pike wurde dafür verantwortlich gemacht, er bekam es oft genug zu hören. Die Leute glaubten immer noch an eine Bande oder zumindest ein paar beherzte Freunde, die nun endlich auf der Bildfläche erscheinen müssten.

Pike gab es auf, ihnen zu erklären, dass sie sich an einen Strohhalm klammerten, den es überhaupt nicht gab. Bei der Essensverteilung wurde er benachteiligt, und beim Zumessen der Wasserrationen bekam er nur eine halbe Schöpfkelle Wasser.

Zwei Tage nach Humbles Ermordung schlug er deshalb den Bärenmann nieder. Mit einem einzigen Hieb, Aber in dem steckte seine ganze Wut, Verbissenheit und Verbitterung.

Daß er sich gerade den kräftigsten Mann vorgenommen hatte, machte die Männer augenblicklich vorsichtiger, aber ihn nicht beliebter. Aber wenigstens wurde er bei der Essenausgabe und beim Verteilen des Wassers nicht mehr betrogen.

Am Tag darauf langte der Transport in Flanders an. Marshal Tiffit holte die Gefangenen ab und verfluchte Nolan bis in den tiefsten Abgrund der Hölle, als ihm nur ein Gefangener ausgehändigt wurde.

Pike kannte Tiffit, er hörte ihn draußen wettern, aber er bekam ihn nicht zu Gesicht und konnte sich ihm auch nicht bemerkbar machen.

Nach einstündigem Aufenthalt und mit einem frischen Gespann verließ der Gefängniswagen die Stadt.

Am folgenden Morgen schaffte es Pike, mit dem Fahrer ein paar Worte zu wechseln. Der Mann war die mitleidigste Seele im gesamten Transport. Er liebte die Gefangenen nicht, aber er drangsalierte und quälte sie auch nicht.

„Hat Tiffit zufällig von vier Männern gesprochen?“, fragte Pike voll banger Erwartung. „Vier Männer, die meinen Fall ausmachen und die samt einem Transport spurlos verschwunden sind?“

Der Mann schaute Pike überlegend an. Dann schüttelte er den Kopf.

„Wenn du dir da nur nichts vormachst, Mann! Nein, er hat nichts gesagt.“

„Könnten Sie für mich die Ohren aufsperren?“, bat Pike. „Könnte doch sein, dass die vier Männer doch in dieser Richtung aus der Llano-Wüste rausgekommen sind. Mein Fall müsste dann neu verhandelt werden, meine Unschuld wäre bewiesen.“

Der Fahrer blieb skeptisch, „Ihr Burschen kommt vielleicht auf Gedanken! Ihr bildet euch etwas ein und glaubt zum Schluss so fest daran, als sei es die Wahrheit. Und jedes Mal ist’s ’ne neue Masche. Na schön, schaden wird es ja nicht, ich horche mal so herum. Manchmal soll’s ja Wunder geben.“

Doch vergebens wartete Pike auf eine gute Nachricht.

Wenn sie eine Siedlung im Tal durchquert hatten und wenn er am folgenden Morgen den Fahrer anblickte, schüttelte der den Kopf,

Pikes Seele verhärtete sich. Verschwunden, verschollen - dröhnte es in seinem Schädel! Ich spüre es, Cannon Blue hat mich reingelegt! Ich halte den Kopf hin, und der Drecksack hockt wahrscheinlich längst in Kalifornien bei Drei-Finger-Kate und lacht sich halb krank!

In einem Wutanfall riss er an den eisernen Fußfesseln. Nolan bemerkte das und schlug ihn mit dem Gewehrkolben zusammen, dass sie ihn hinterher in den Wagen heben mussten, weil er aus eigener Kraft nicht hereinkam.

*

Eine Woche lang fuhr der Wagen das Tal hinauf.

Die Landschaft wurde abweisend und feindlich, Felsklippen und steile Abbrüche engten das Tal ein. Der Weg wand sich schließlich durch einen Hang, wo die Felsen auf der einen Seite bis in den Himmel zu ragen schienen und wo es auf der anderen Seite in eine schier bodenlose Tiefe ging.

Die Gespannpferde scheuten immer wieder. Es wurde Abend, bis der Gefangenenwagen oben war.

Mit einem hässlichen Grinsen sagte Nolan zu Swoke: „In ein paar Stunden sind wir schon in Pecos City, und morgen um diese Zeit haben sie dich schon erschossen. Das sind doch erfreuliche Aussichten, oder meinst du nicht? Los, mach dich noch mal nützlich, hole Holz fürs Feuer, Pecos!“

Bei dem Rastplatz gab es nur karge Büsche. Swoke beguckte sich die Gegend und meinte fast heiter: „Es wird sich schon was finden lassen.“

Er setzte sich in Bewegung. Bei jedem Schritt spannte sich die Eisenkette zwischen seinen Beinen. Er las ein paar Äste auf, wies zur linken Seite des Weges, wo es in die unendliche Tiefe der Schlucht ging, und sagte: „Dort ist bestimmt mehr.“

Ohne Nolans Zustimmung abzuwarten, trottete er los.

Eine fürchterliche Ahnung überkam Pike.

Nein, tu’s nicht!, wollte er schreien. Doch er hielt den Mund. Swoke hatte das Recht, selber für sich zu entscheiden.

Nolan schien mit den Gedanken woanders zu sein. Er schaute in der Gegend herum, während Swoke Äste auflas.

Aber plötzlich schnellte Swoke wie eine losgelassene Feder in die Höhe, machte zwei, drei kleine, aber ungemein schnelle Schritte und kippte über die Kante.

Vom einen zum anderen Augenblick verschwand er.

Pike stöhnte auf.

Nolan brüllte wie von Sinnen, lief nach vorn zum Abbruch in das Tal hinab und versuchte, sein Gewehr ins Ziel zu bringen.

Ohne einen Schuss abgefeuert zu haben, ließ er schließlich die Waffe sinken und reckte den Kopf vor. Seine heisere Stimme verstummte.

Die Wächter und die Gefangenen verharrten wie versteinert. Die Sekunden schienen Ewigkeiten zu währen, und die Ewigkeiten reihten sich aneinander.

Irgendwann drang ein dumpfes Geräusch aus der Tiefe herauf, gefolgt vom Rollen einiger Steine.

Und geisterhaft wurden diese Geräusche von der jenseitigen Talwand zurückgeworfen.

„Gott sei seiner Seele gnädig!“, sagte der Bärenmann. „Er hat nicht einmal geschrien.“

*

In Pecos City erwartete ein Offizier mit einem fünfköpfigen Kommando den Gefängniswagen.

Nolan musste erklären, warum Swoke nicht mehr bei den Gefangenen war.

Mit messerscharfer Stimme sagte der Offizier: „Jetzt ist das Maß voll! Ihre Methoden sind bekannt. Ich werde in Fort Stockton Meldung machen und dafür sorgen, dass man Ihnen das Handwerk legt! Aufsitzen!“

„Hören Sie doch, der Bursche ist aus freien Stücken runtergesprungen!“, rief Nolan beschwörend, aber der Offizier hörte ihm schon nicht mehr zu. Das Geräusch einer abrückenden Reitertruppe drang in den stickigen Wagen, und oben zu dem winzigen vergitterten Fenster trieb Staub herein.'

„Dieser Affe, was bildet der sich ein?“, schimpfte Nolan. „Der Teufel soll ihn holen!“

Nach einer kurzen Rast und mit frischen Pferden rollte der Wagen weiter.

Pike war schon ziemlich abgestumpft. Er registrierte zwar an den heftigen Stößen des Kastens, an dem Gebrüll der Wächter und am harten Arbeiten der Pferde, dass es durch die Apachen-Berge ging, aber es berührte ihn nicht.

Einmal schlug der Wagen fast um, und auf einem abschüssigen Stück prallte er derart heftig gegen eine in den Weg ragende Felsnase, dass der gesamte Aufbau verschoben wurde. Die Gefangenen beutelte es böse herum, und jedem lief hinterher das Blut unter den eisernen Armspangen hervor.

Pike nahm den Schmerz gar nicht richtig wahr. Mehr instinktiv leckte er das Blut auf. Dass man im Tal keine Kunde von den bewussten vier Männern und von dem Transport erlangt hatte und dass Swoke in die Tiefe gesprungen war, beschäftigte ihn innerlich viel mehr als äußere Ereignisse. Wenn der Gefängniswagen in einer der Spitzkehren des Weges im Abgrund zerschellt wäre, wäre ihm dies auch recht gewesen.

Vier Tage dauerte die Höllenfahrt durch die Berge. In Sierra Blanca, der nächsten Siedlung, wurde ein Gefangener aus dem Wagen geholt. Dafür kamen zwei neue hinein. Mit dem Ziel Lordsburg. Genau wie der Bärenmann.

Verurteilt waren sie indes noch nicht. Sie wurden zu ihrer Verhandlung gebracht.

Etwas Gutes erwarteten sie sich nicht davon, das bekannten sie gleich am ersten Abend freimütig. In der Nacht erzählten sie stundenlang von ihren Schandtaten. Die schlimmste war, dass sie eine Ranch angezündet hatten, um ungehindert an die Pferde heranzukommen, die man dort züchtete.

Bei dem Feuer war die ganze Familie verbrannt. Sieben Menschen. Deswegen mussten sie in Lordsburg vor Gericht stehen.

In Lordsburg war für alle außer Pike Endstation.

Der Bärenmann wandte sich in der Tür um. Sein Blick war stumpf und flach. „Alles Schlechte für dich, Yuma!“, knurrte er. Dann kehrte er dem Wagen den Rücken.

Der Ausblick wurde frei, und Pike sah in einer Lücke zwischen zwei Häusern den Galgen aufragen, den man für den Bärenmann bereits errichtet hatte.

Nolan schmetterte die Tür zu und legte wieder den Riegel vor.

Pike atmete befreit auf. Ein Großteil des Gestankes war entwichen. Mit seinem eigenen könnte er fertig werden. Er. lehnte sich zurück und döste.

In sein Unterbewusstsein drangen Geräusche, die ihm verrieten, dass das Wasserfass gefüllt wurde, dass frische Pferde gebracht wurden und dass die Wächtermannschaft Proviant übernahm.

Als der Wagen losrollte, war es dunkel.

Ob die nicht alle besser dran sind, die es schon hinter sich haben oder morgen um diese Zeit im Wind baumeln?, sinnierte Pike. Vielleicht kommt der Tag, an dem ich sie beneide!

Ach was, sagte er sich nach einer Weile, schlimmer als diese Reise kann Yuma nicht sein! Wenn ich die überstehe, packe ich auch das Höllenzuchthaus!

*

Zwei Tagesstrecken hinter Lordsburg fing Nolan beim morgendlichen Holzsammeln wieder von seinem Lieblingsthema an. Obwohl Pike der einzige Gefangene war, bestand Nolan auf getrennten Feuer- und Kochstellen.

„Viel Zeit hast du aber nicht mehr, um es dir noch anders zu überlegen“, brummte der Wächter.

„Es gibt nichts zu überlegen“, erwiderte Pike rau.

Er erwartete Schläge mit dem Gewehrkolben. Doch Nolan kratzte sich am Kinn und bohrte dann in der Nase, ohne dort nennenswerte Dinge zu finden.

„Ich könnte mein Angebot erweitern“, fing er wieder an. „Ein großherziges Angebot. Ich habe es noch keinem vor dir gemacht, Yuma.“

„So?“ Pike horchte auf. Nolan sprach anders als sonst.

„Du machst mich zum Teilhaber, einverstanden?“

„Teilhaber wovon?“ Pike dachte sich schon das Richtige, aber er wollte es hören.

„Hornochse! Von deiner Beute natürlich! Für fünfzigtausend Dollar muss ich hundert Jahre lang Gefangene herumkarren - ungefähr. Es gibt bei Gott schönere Beschäftigungen.“

„Sicher“, sagte Pike vorsichtig, „sicher, ich kann mir das auch vorstellen.“

„Aha!“ In Nolans Augen blitzte es auf. „So gefällst du mir schon bedeutend besser. Ich habe gleich gespürt, dass du aus einem ganz besonderen Holz gemacht bist, Yuma. Halbe-halbe, das ist also abgemacht. Wir hauen ab, bevor wir die Gila-Wüste erreichen, ich drehe das schon und beschaffe dir auch einen erstklassigen Gaul. Lass dir ja nicht einfallen, mit einem anderen von den Präriezwergen zu reden! Deswegen nämlich!“

Mit einem höhnischen Grinsen hielt Nolan den Schlüssel hoch, mit dem er die Fußkette zu lösen pflegte und mit dem er die Armfesselung abnahm.

„Es gibt nur einen, und den habe ich. Wir zwei sind aufeinander angewiesen. Du kennst das Versteck der Beute, und ich habe den Schlüssel. Und jetzt packst du dir eine Ladung Holz auf. Ich will in dieser Gegend keine Wurzeln schlagen, so schön ist sie nämlich nicht.“

In den nächsten Stunden ging es wiederholt steil bergauf und bergab. Pike sah ja nichts, aber er spürte, wohin ihn die Schwerkraft jeweils zog.

Irgendwann entstand draußen Unruhe. Der Fahrer fluchte, Nolan gab scharfe Befehle, und dann hielt der Gefängniswagen, und Waffen wurden durchgeladen.

Unbeschlagene Hufe pochten näher. Dann verstummte das Geräusch, und eine gutturale Apachenstimme bettelte: „Du Tabak? Viel Tabak?“

Nolan lachte bösartig. „Als ich euch drei stinkende Hunde auf dem Kamm gesehen habe, ahnte ich gleich, dass es heute noch was zu schießen gibt..

„Lass es bleiben, Nolan!“, rief ein Wächter scharf dazwischen. „Du bringst uns in Teufels Küche!“

„Halt’s Maul! - Tabak gibt’s nicht für euch, aber jede Menge schöne heiße Kugeln!“ Mit dem letzten Wort krachte ein Gewehr los.

Nur eines. Aber dieses immer wieder. Nolan befand sich wieder im Tötungsrausch.

Und dennoch wollte es Pike so scheinen, als sei ein Apache davongekommen. Er hörte nämlich rasendes Pochen auf dem felsigen Weg und hörte Nolan wüste Flüche ausstoßen.

Dann bestätigte Nolan auch tatsächlich seine Vermutung: „Ihr Flaschen, ihr Scheißkerle, warum hat ihn denn keiner vom Pferd geputzt und den Rest besorgt? Muss ich denn alles selber machen?“

„Sie wollten nur Tabak!“

„Spionieren wollten sie!“, brüllte Nolan jähzornig. „Indianer spionieren immer, und wenn sie genug wissen, schneiden sie dir den Hals ab. Los - schmeißt die zwei den Hang hinunter!“

„Mach’s selber!“, erhielt Nolan zur Antwort.

Pike hörte ihn auch sofort draußen keuchen und hantieren. Zwei Körper schlugen in der Nähe auf den Boden, Geröll rutschte klirrend ab.

„Erledigt!“, meldete Nolan. „Schade, dass die Gäule abgehauen sind. Diese Indianerponies sollen gar nicht schlecht sein, besonders die von Apachen. Ich hätte es gerne herausgefunden.“

Pike hatte einen Verdacht, wofür Nolan die Indianerpferde hätte gebrauchen können. Für die Flucht! Als Ersatzpferde!

Der blutrünstige Kerl betrieb also seinen Plan ganz ernsthaft.

„Das gibt Ärger!“, orakelte der Fahrer düster und ahnungsvoll. „Wenn der Rote lebend das Lager erreicht, haben wir seinen ganzen Stamm auf dem Hals!“

„Umso besser!“, tönte Nolan. „Dann räumen wir eben unter dem roten Pack auf. Wenn du dein Gewehr in die Hand nehmen und dich beteiligen würdest, wäre das ziemlich hilfreich. Oder gedenkst du wieder auf dem Bock zu hocken und den Kugeln nachzulauschen?“

Der Fahrer schlug mit der Peitsche auf die Pferde ein. Den Ruck des Anfahrens konnte Pike gerade noch abfangen.

Ein ganzer Apachenstamm?, dachte Pike. Das fehlte gerade noch! Ich bin wirklich vom Pech verfolgt! Und Nolan lässt keine Gelegenheit aus, um einen Streit vom Zaun zu brechen! Er legt sich mit allen Leuten an. Am Ende auch mit mir?

Diese Frage beunruhigte Pike sehr. Je länger er nachdachte, desto sicherer wurde er, dass Nolan ihm eine Kugel zugedacht hatte, um alles behalten zu können. Eine Beute, die es nicht gab!

Wenn ich’s nicht ausbaden müsste, könnte ich mich totlachen!, dachte Pike. Angeschmiert bleibe ich dennoch, egal, wie die Sache ausgeht. Entweder lande ich in Yuma. Oder die Apachen kriegen mich in die Finger. Oder ich habe es mit diesem verrückten Mörder zu tun! Es ist alles gleich schlecht!

Gegen Abend ging es steil bergauf. Bei Sonnenuntergang hielt der Wagen.

Als Pike hinausgelassen wurde, sah er mit einem Blick, dass der Platz schlecht war. Offen nach allen Seiten und mit vielen Rinnen. Doppelt schlecht, weil ein halbtoter Apache mit den Pferden seiner getöteten Stammesbrüder hatte entkommen können.

Aber die Wachmannschaft hatte nun mal beschlossen, hier die Nacht zu verbringen. Der Weg zum Pass hinauf war schmal und schlecht, wie Pike den Worten der Männer entnahm, und in der Dunkelheit ein wahres Himmelfahrtskommando.

Holz gab’s keines zu sammeln, am Apachen-Pass wuchsen keine Büsche und keine Bäume. Die Wächter aßen kalten Proviant, und Pike musste sich das Maisschrot mit Wasser anrühren und das Zeug so hinunterschlingen.

Als Nolan ihn später im Wagen wieder ankettete, raunte der Kerl: „In drei oder vier Tagen ist es soweit, richte dich darauf ein, Yuma.“

Pike brummte, Nolan konnte das als Zustimmung auffassen oder auch nicht.

Nach der stickigen Hitze der zurückliegenden zwei Wochen tat die kühle Bergluft wohl. Sie war durch die Tür in den Wagen gedrungen, und sie sickerte noch immer durch das kleine vergitterte Fenster. Pike lehnte sich zurück; er hatte gelernt, im Sitzen zu schlafen.

Irgendwann schreckte er hoch.

Draußen brüllten Männer. Schüsse fielen, Pferde wieherten angstvoll.

Pike zog es die Haut zwischen den Schulterblättern zusammen. Mit einem ersten wahnsinnigen Hoffnungsgedanken rechnete er auf einen Überfall durch Banditen, die den Gefängniswagen nicht erkannt hatten.

Dann vernahm er kehlige Stimmen und Trillerrufe.

Ihm wurde heiß und kalt. Hatte sich was mit Wegelagerern und Straßenräubern! Dieser miserable Rastplatz hatte die Apachen zu einem Überfall förmlich eingeladen. Und natürlich Nolans blindwütiges Morden.

Zwei, drei harte Einschläge wummerten gegen den gepanzerten Kasten und ließen ihn dröhnen. Eine Kugel knallte gegen einen Eisenstab im kleinen Fenster. Böse sirrend sprang sie als Querschläger ab. Zum Glück kam sie nicht herein. Das eigenartige Quarren verebbte draußen und wurde von weiteren Schüssen übertönt.

Pike konnte den typischen patschenden Knall von Gewehren heraushören, wie sie von Indianern benützt wurden. Es waren einschüssige Waffen mit glattem Lauf, aber die Kugeln rissen Löcher, dass eine Faust hineinpasste.

„Reißt das Feuer auseinander!“, schrie ein Mann japsend. Und ein anderer brüllte: „Haltet die Gäule fest, um Gottes willen, haltet die Gäule zusammen!“

Dann hämmerten Revolverschüsse. Etwas Schweres prallte gegen den Wagen und ließ ihn heftig schwanken.

Ganz deutlich hörte Pike das Röcheln eines verendenden Pferdes.

Immer mehr Revolver beteiligten sich am Kampf. Das hieß, dass die Apachen mitten im Lager waren und die schwerer zu handhabenden Gewehre nicht mehr eingesetzt werden konnten.

Unbeschlagene Hufe trappelten hart am Wagen vorbei. Etwas streifte auf dem Blech entlang.

Wieder knallten Kugeln gegen den Aufbau.

Pike konnte sich nur anhand des vielfältigen Lärms ein ungefähres Bild der Lage draußen machen. Die Wächter hatten sich überraschen lassen, sie waren zu sorglos gewesen.

Das dumpfe Rumoren unbeschlagener Hufe entfernte sich. Mit einem Schlag brach die Schießerei ab.

*

Die nachfolgende Stille wirkte geradezu unnatürlich und unheilvoll.

In dieses absolute Schweigen hinein röchelte ein Mann zum Gotterbarmen. Er musste hinter dem Gefängniswagen liegen, nah bei der Tür.

Stolpernde Schritte näherten sich jetzt. Sie verstummten, und ein Mann fragte heiser: „Wer ist das? Sind wir noch alle zusammen? Nolan - bist du das?“

„Manly“, krächzte es hinter der Tür. „Ich verblute - großer Gott, ich sterbe!“ Jetzt wurde es draußen wieder laut. Pike unterschied drei Stimmen. Ein Wächter las die Reste des Feuers zusammen und entzündete es neu. Flackernde Helligkeit drang zum kleinen Fenster in den Gefängniswagen herein.

„Hier liegt Slater!“, meldete eine angsterfüllte Stimme. „Er ist durch und durch geschossen und mausetot!“

Und eine andere Stimme brüllte: „Wo ist Nolan? Er ist nirgends zu finden. He, Nolan?“

Der Leuteschinder und Mörder meldete sich nicht.

Pike blieb schier das Herz stehen vor Schreck. In Gedanken hatte er sich schon auf der Flucht mit Nolan gesehen. Damit, dass der Idiot zwei bettelnde Apachen erschossen und einen dritten schwer angekratzt hatte, war die Flucht gefährdet. Denn Pike zweifelte keinen Augenblick daran, dass Apachen das Wächtercamp überfallen hatten und durch das Lager gerast waren. Als Antwort darauf, dass Nolan am Mittag einfach losgeballert hatte.

„Nolan?“, rief draußen wieder eine besorgte Stimme. „Melde dich doch, zum Teufel!“

Der Fahrer des Gefängniswagens - Pike erkannte ihn an der Stimme - antwortete heiser: „Es hat jetzt keinen Zweck, dass wir durchdrehen. Sehen wir erst einmal nach, was alles passiert ist. Dann wissen wir, wo wir stehen.“

Pike spitzte die Ohren. Jede Information war wichtig und hilfreich.

Ein Mann begann schrecklich zu fluchen. Aus einiger Entfernung meldete er dann. „Es sind nur noch zwei Reitpferde da.“

„Aber wir haben das Gespann!“, antwortete der Fahrer jenseits der Tür. „Nimm ihn bei den Füßen - langsam - und jetzt rüber zum Feuer.“

Stolpernde Schritte entfernten sich, dazwischen hinein hustete ein Mann hohl und rasselnd.

Pike sah das Bild vor sich - zu zweit trugen sie diesen Manly zum Feuer.

Wenn er sich nicht verzählt hatte, waren sie derzeit draußen zu dritt. Einer namens Salter war tot, und Manly zählte nicht. Zusammen waren das fünf. Jetzt fehlte noch Nolan. Denn zu sechst waren sie gewesen.

Eine heiße Hoffnung schoss wie eine Flamme in Pike hoch. Sollte Nolan das Durcheinander während des plötzlichen Apachenüberfalls genützt haben und mit drei Reitpferden erst mal in der Dunkelheit verschwunden sein?

Komm endlich, Nolan, dachte er. Es sind nur noch drei Männer da, die stellen für dich doch kein Hindernis dar!

Plötzlich zuckte er schreckhaft zusammen, und draußen ertönte ein verstörter Ruf. Irgendwo aus der Nacht erklang ein grauenhafter Schrei, der die ganze Tonleiter des Entsetzens hinaufkletterte und in einem grässlichen Wimmern endete.

Dann war Stille. Für ein paar Atemzüge.

Bis das furchtbare Schreien von vorn begann.

Nolan, schoss es Pike durch den Kopf. Sie haben Nolan, und jetzt quälen sie ihn auf Apachenart zu Tode! Sie werden ihn viele Stunden lang sterben lassen! Ganz langsam! So bestrafen sie ihn für den Mord an ihren Kriegern! Jetzt rettet mich nichts mehr vor Yuma! Meine letzte Chance ist vertan!

Wieder hob das furchtbare Schreien an und endete in einem wimmernden Kreischen. Von einer Bergflanke kehrte es als schwaches Echo zurück.

Pike wollte sich die Ohren zuhalten. Die Armfesseln gestatteten es nicht. In dumpfer Ergebenheit hockte er auf seinem Holzsitz. Er hätte eher auf Nolans Angebot eingehen müssen, viel früher, und den Mann zur gemeinsamen Flucht überreden sollen.

Jetzt starb Nolan dort draußen qualvoll, und seine entsetzlichen Schreie sollten die Wächter weichkriegen und hinauslocken.

Stunde um Stunde brüllte Nolan. Manchmal waren es nur spitze gellende Schreie, dann wieder dumpfe furchtbare Laute.

Erst als der Morgen nahte, wurden sie leiser. Mit menschenähnlichen Lauten hatten sie nichts mehr gemeinsam.

Und dann war es vorbei.

Die Bergwelt, die in dieser Nacht das Grauen gehört hatte, schwieg.

Pike schreckte hoch. Er war in einen Halbschlaf gesunken und merkte, dass er schweißgebadet war.

Draußen wurde angespannt. Die Wächter sahen zu, dass sie mit dem Gefängniswagen fortkamen. Zum Pass hinauf und weiter. Sie hätten Nolan nicht helfen können, und es war vernünftig gewesen, dass sie es auch gar nicht versucht hatten.

Denn sonst wären sie jetzt auch tot.

*

Die nächste Ansiedlung war Camp Lowell. Das war ein trauriges, dreckiges, heißes Nest, das im Schutze eines Armeepostens entstanden war. Die Bewohner waren wie ihr Ort - mürrisch und abweisend und zu nichts zu gebrauchen.

Der Fahrer verhandelte zwei Stunden wegen frischer Pferde und bekam sie nicht.

Gegen Mitternacht, als die Hitze nachließ, brach der Gefängniswagen mit dem alten Gespann auf. Am.Morgen rollte er schon im trockenen Bett des Santa Cruz-River entlang. Hier floss meist nur für ein paar Wochen im Jahr Wasser - wenn es oben in den Catalinas geschüttet hatte wie aus Kübeln.

Danach ging es in die Gila-Wüste hinein.

Die Eintönigkeit des Landes, die Hitze, der Staub und der schlechte Weg verstärkten die schlechte Stimmung, die seit der Nacht unter dem Apachenpass herrschte. Zweimal wurde Pike grundlos von einem der Begleitreiter zusammengeschlagen.

Der Kerl konnte von Glück reden, dass sein Partner mit dem Gewehr in der Nähe war. Denn Pike drehte fast durch und war jetzt soweit, dem Quälgeist den Hals zuzudrücken.

Solche Vorfälle vergifteten die Stimmung noch mehr. Und je näher der Wagen Yuma kam, desto krampfhafter sann Pike auf eine Möglichkeit zur Flucht.

Er ertrug die Hitze, den Staub, den Durst und die rüttelnden Stöße und merkte kaum, dass die Wüste in gerade sechs Tagen durchquert wurde.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903669
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v324163
Schlagworte
circle c-ranch yuma-hölle

Autor

Zurück

Titel: Circle C-Ranch #5: Yuma-Hölle