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Horror-Koffer #1: Zehn Gruselromane

von Alfred Bekker (Autor) A. F. Morland (Autor) Jo Zybell (Autor) Steve Salomo (Autor)
2016 1400 Seiten

Leseprobe

Horror-Koffer #1: Zehn Gruselromane

von Alfred Bekker, A. F. Morland, Steve Salomo & Jo Zybell

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1212 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Alfred Bekker: Mystic High School - Zeit der Werwölfe

A. F. Morland: Die Höllenbrut – Tony Ballard Band 1

A. F. Morland: Frisches Blut für den Vampir – Tony Ballard Band 2

A. F. Morland: Vögel des Todes – Tony Ballard Band 3

Steve Salomo: Dämonentöter – Reverend Pain Band 1

Steve Salomo: Schrei, wenn dich der Werwolf holt – Reverend Pain Band 2

Steve Salomo: Das Totenreich der Orks – Reverend Pain Band 3

Jo Zybell: Tom Percival und das Geheimnis von St. Josephs  Band 1

Jo Zybell: Tom Percival und der Clan der Raben  Band 2

Jo Zybell: Tom Percival und die Priester des Baal  Band 3

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors/ Titelbild: Michael Sagenhorn

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Mystic High School - Zeit der Werwölfe

von Alfred Bekker

Die High School Saint Morn in Massachusetts wird von den Rittern des Heiligen Lichts geführt. Sie beschäftigen sich auch im Geheimen mit übernatürlichen Bedrohungen. Sie suchen gezielt nach übersinnlich begabten Jugendlichen, die dazu ausgebildet werden, das Böse mit übersinnlichen Mitteln zu bekämpfen. Um Saint Morn hat es seit Menschengedenken keine Wölfe mehr gegeben. Das ist nun aber anders. Schnell kommen die High-School-Schüler einem Werwolf-Clan auf die Spur. 

1.

Eine Lichtung mitten im dichtesten Wald.

Fahles Mondlicht schien vom Himmel.

Ein Wolf heulte auf.

Äste knackten, ein Mann stolperte vorwärts und hielt inne, als er die Lichtung erreichte. Der Mann wirkte gehetzt. Er sah sich um, atmete schnell und schnüffelte dabei wie ein Tier, das gerade Witterung aufgenommen hatte. Seine Nasenflügel bebten.

Der Mann war blass und breitschultrig. Sein Alter war schwer zu schätzen. Der lange Ledermantel reichte ihm bis zu den Knöcheln. Das Haar war lang und grau. Der Backenbart und die eher buschigen, leicht nach oben gerichteten Augenbrauen gaben ihm etwas Wildes, Ungebärdiges. In seinen wolfsgrauen Augen spiegelte sich das Mondlicht.

Immer wieder wandte er den Kopf, ließ den Blick schweifen und blähte die Nasenflügel.

Erneut ertönte der ferne Ruf eines Wolfs...

Und nun antwortete der Mann.

Er formte aus seinen Lippen einen Trichter und stieß dann ein Heulen heulen aus, das von dem Laut eines Wolfs nicht zu unterscheiden war.

Es knackte nun auf der anderen Seite der Lichtung im Unterholz. Vögel stoben auseinander. Die schwarzen Schwingen einer Eule hoben sich dunkel gegen das fahle Mondlicht ab.

Ein hechelnder Atem drang an die Ohren des Mannes im Ledermantel. Aus dem Schatten der knorrigen Bäume kam dann ein Wolf hervor. Er war ungewöhnlich groß, die Schultern sehr viel breiter als dies normalerweise der Fall war und sein Fell war vollkommen schwarz.

Der riesenhafte Wolf näherte sich. Er senkte den Kopf und blieb etwa fünf Schritte von dem Mann im schwarzen Ledermantel stehen.

Die Blicke beider begegneten sich, aber schon einen kurzen Moment später sah der Wolf zur Seite.

Er beugte sich nieder, legte sich auf die Vorderpfoten.

Der Mann stieß derweil ein tiefes Knurren aus, er sank auf die Knie, kippte nach vorn und stützte sich mit den Händen auf. Sein Mund wurde größer, verwandelte sich innerhalb eines Herzschlags zu einer langgezogenen Wolfsschnauze. Die Haare wucherten plötzlich bis unter die Augen und bildeten ein Fell. Die Ohren stachen spitz hervor. Auch der Rest seines Körpers und seiner Kleidung veränderte sich. Sein Mantel wurde zu dichtem, grauschwarzem Fell und die Lederstiefel, die er trug, verschmolzen mit seinen Füßen zu den Hinterläufen eines Wolfs.

Dieser zweite Wolf war noch größer als der erste, der sich auf der Lichtung niedergelegt hatte. Sein Fell war von grauen Strähnen durchzogen, die an die Haarfarbe des Mannes mit dem Ledermantel erinnerte.

Das Monstrum riss das Mal weit auf, wandte den Kopf zum Mond hinauf und stieß ein lautes Heulen aus.

Alle sollten ihn hören – den Ruf der Werwölfe!

2.

„Hey? Alles in Ordnung?“

Brian Hunter hörte die Stimme wie aus weiter Ferne. Gerade noch hatte er einen Mann mit langem Mantel vor seinem inneren Auge gesehen, der sich bei Vollmond in einen Werwolf verwandelt hatte. Eine Vision... Sie war so beeindruckend gewesen, dass er für einen Moment sogar geglaubt hatte, selbst mitten in der Nacht auf dieser Lichtung zu sein, irgendwo in einem wild wuchernden Wald mit eigenartig verwachsenen Bäumen zu sein. Aber jetzt kehrte sein Bewusstsein in die Wirklichkeit zurück.

„Hallo? Jemand zu Hause bei dir hinter der Stirn? Oder ist dir nicht gut.“ Es war die Stimme von Smith, dem Hausmeister des High School Internats Saint Morn, auf das Brian Hunter von nun an gehen würde. Smith hatte Brian vom Bahnhof in Boston abgeholt. Jetzt fuhren sie schon eine ganze Weile auf etwas einsameren Straßen herum, um nach Saint Morn zu gelangen.

„Es ist alles in Ordnung“, versicherte Brian.

„Du hast ganz blass ausgesehen!“, hakte Mister Smith nach. „Also um ein Haar wäre ich angehalten, um...“

„Es ist wirklich alles in Ordnung“, versicherte Brian noch einmal und diesmal ziemlich gereizt.

Meine Güte, was macht der für einen Aufstand!, ging es ihm dabei etwas ärgerlich durch den Kopf. Sollte er nicht extra auf die Mystic High School von Saint Morn gehen, weil man dort etwas mehr Verständnis dafür hatte, dass er eben anders war? Brian hatte diese Visionen des öfteren. Meistens zeigten sie ihm etwas, was in näherer oder fernerer Zukunft geschah. Nicht immer traf das, was er dann schlaglichtartig vor den Augen hatte, auch tatsächlich genau so ein. Manchmal hatte er nur einen kurzen Ausschnitt des Geschehens erkennen können und es stellte sich hinterher heraus, dass er den Zusammenhang völlig falsch beurteilt hatte.

Dinge, die ihm bedeutend erschienen, stellten sich später als völlig unwichtig heraus und umgekehrt. Aber was den Werwolf anging, da war er sich vollkommen sicher. Es war von Bedeutung, was er gesehen hatte, und es hatte irgend etwas mit dem Ort zu tun, zu dem er jetzt unterwegs war.

Brian konnte eine ganze Weile an gar nichts anderes mehr denken, während der Kombi von Mister Smith die Straße an der Küste entlang fuhr. Aber dann bog er ab und von da an wurde die Straße immer kleiner und gewundener. Sie führte durch einen Wald.

„Hör mal, ich wollte dir nicht auf die Nerven gehen, Brian“, sagte Mister Smith. „Aber wenn du nach Saint Morn kommst, dann solltest du lernen, etwas offener damit umzugehen, dass du ein paar besondere Talente hast.“

„Ja sicher“, gab Brian wenig interessiert zurück. Seine übersinnliche Begabung... Das war der Grund dafür, dass er an der Saint Morn High School angenommen worden war. Und dazu gehörten nicht nur seine Visionen von der Zukunft, sondern noch ein paar andere Dinge, die ihm schon manchmal ziemlich großen Ärger eingebracht hatten... In so fern war die neue Schule für Brian auch ein neuer Anfang.

Brian sah aus dem Fenster. Mister Smith bog mit dem Wagen ab. Das Meer und die Steilküste waren jetzt nicht mehr zu sehen, dafür war rechts und links der Straße dichter Wald.

„Sieht das hier überall so aus“, fragte Brian.

„Du findest in Saint Morn alles, was du brauchst: Eine Schule, eine kleine Stadt, in der es alles gibt und landschaftlich sehr schön gelegen ist. Du kannst Wassersport  machen oder...“

„Ich sehr ziemlich viel Wald und sehr wenig Stadt“, stellte Brian fest. „Meine Güte, sieht wohl so aus als würden sich hier Fuchs und Hase gute Nacht sagen...“

„Woher kommst du denn?“, fragte Mister Smith.

„New York City.“

„Naja, mit einer Acht-Millionenstadt und den Wolkenkratzern von Manhattan ist das hier natürlich nicht zu vergleichen. Aber ich kann dir sagen, dass die meisten sich wohlfühlen.“

„Wir werden sehen...“

„Aber eins solltest dir merken.“

„Und das wäre?“

„Du bist hier nichts Besonderes. Hier haben alle irgendwelche besonderen Fähigkeiten – und nur deswegen bist du hier. Also brauchst du dir nichts darauf einzubilden und du solltest auch nicht auf die Idee kommen, darin den Grund zu sehen, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie sollten!“

Brian atmete tief durch. „Das hört sich ja ganz so an, wie die Predigten, die ich mir zu Hause immer anhören musste.“

„Manche Dinge sind überall gleich, Brian.“

„Ja, nur gehörte das auf meiner alten Schulte nicht zu den Aufgaben des Hausmeisters.“

Mister Smith lachte rau. „Kann sein. Aber in Saint Morn sind alle eine Gemeinschaft. Wir haben alle eine gemeinsame Aufgabe, von der sich niemand ausschließen kann – auch der Hausmeister nicht!“

„Gemeinsame Aufgabe? Das klingt ja fast so bedeutungsvoll wie geheime Mission oder so was... Meine Güte, ich dachte, es ginge nur darum, was zu lernen.“

„Du wirst es schon begreifen, wie hier der Hase läuft.“

„Nochmal eine andere Frage...“

Mister Smith hob die Augenbrauen. „Bitte, nur raus damit!“

„Gibt es hier eigentlich Wölfe in der Gegend?“

Mister Smith war überrascht. „Wie kommst du jetzt auf Wölfe?“

„Nur so...“, sagte Brian.

Mister Smith zuckte mit den breiten Schultern. „Keine Ahnung. Ich bin schon dreizehn Jahre hier – aber von Wölfen in der Gegend habe ich noch nie etwas gehört.“

3.

Ein Van stand schräg auf der Straße. Dahinter war eine Bremsspur zu sehen. Die Frontscheibe war zerschlagen und überall war Blut.

Die Fahrertür war förmlich aus ihren Halterungen herausgerissen worden und lag ein Stück entfernt auf dem Boden.

Etwa zehn Meter vor dem Van parkte am Straßenrand ein Polizeiwagen. Diese Fahrertür stand offen, von dem Polizisten war nirgends etwas zu sehen.

Mister Smith hielt an. „Hier ist was passiert“, stellte er nur fest. Er griff zum Handy. „Bin ich da mit dem Büro des County Sheriffs verbinden? Hallo? Ja, es gab hier einen Unfall auf der Coast Road, etwa fünf Meilen von Saint Morn entfernt... Ein Einsatzfahrzeug ist hier, aber... Ah, ja...“ Mister Smith beendete das Gespräch. „Einsatzkräfte des Sheriffs sind unterwegs“, erklärte er Brian. Aber den schien das nur am Rand zu interessieren. Er stieg aus. Wieder sah er für einen Augenblick die Fratze eines Wolfsgesichts vor sich.  Er spürte, dass seine Vision, irgend etwas mit dem zu tun hatte, was hier geschehen war. Dann sah er die Spuren auf dem Asphalt.

Wolfsspuren...

Das Tier hatte sich entweder verletzt oder war durch eine Blutlache gelaufen. Die Spuren selbst waren ungewöhnlich groß – und das war selbst für Brian sofort ersichtlich, der in seinem bisherigen Leben nicht allzu viel Kontakt mit der Natur gehabt hatte.

„Brian, warte!“, hörte er Mister Smith rufen. Aber Brian ließ sich davon nicht beirren. Wenn er ich etwas genau ansah, dann bekam er manchmal eine Vision, die ihm mehr darüber verriet. Entweder was damit in Zukunft geschehen würde oder was in der Vergangenheit damit geschehen war... Er warf einen kurzen Blick in den Polizeiwagen. Der Zündschlüssel steckte.

Auf dem Beifahrersitz lag eine Jacke.

'Deputy Sheriff R. Meyers' stand dort aufgenäht. Das musste der Name des Beamten sein.

Mister Smith sah inzwischen in das Innere des Vans, wohl um sich zu überzeugen, dass dort wirklich niemand mehr drin war. Auch auf den Rücksitzen nicht.

„Der Deputy Sheriff muss sofort ausgestiegen sein“, stellte Brian fest. „Selbst sein Hut liegt nicht auf dem Rücksitz. Ich nehme an, dass er zum Van gegangen ist und...“

„Da ist niemand. Nur Blut!“

Brian ging nun ebenfalls zum Van und sah sich alles genau an. Die Sitze waren zum Teil aufgerissen worden.

„Tritt nirgendwo hinein, das sieht nach einem Verbrechen aus und wir wollen es der Polizei ja nicht schwerer machen, als es ohnehin schon ist!“, sagte Mister Smith, der ganz blass aussah.

Brian blickte auf den Boden, sah sich die Blutlache an. Vor seinem inneren Auge sah er für einen kurzen Moment erneut  einen riesenhaften Wolf, der irgend etwas davonschleifte.

Oder jemanden!, ging es Brian schaudernd durch den Kopf.

Dann waren plötzlich mehrere Schüsse zu hören.

Und dann drang ein durchdringendes Heulen aus dem Wald heraus.

Brian drehte sich zu Mister Smith um und eine tiefe Furche war auf seiner Stirn  zu sehen. „Haben Sie nicht gesagt, es gäbe hier keine Wölfe?“

Mister Smiths Gesicht hatte jegliche Farbe verloren. „Bis jetzt hatte ich das auch angenommen!“, murmelte er.

4.

Brian lief kurz entschlossen los. Er setzte zu einem Spurt an, noch ehe Mister Smith ihn davon hätte abhalten können. Es ging geradewegs in den Wald hinein. Er sah genau vor sich, wohin er sich wenden musste.

Und ebenso wusste er, dass er sich beeilen musste, wenn er noch etwas ausrichten wollte.

„Warte doch!“, rief Mister Smith. „Was soll das denn? Die Polizei ist doch gleich hier!“

Etwas unbeholfen hetzte der Hausmeister der High School von Saint Morn dann hinter dem neuen Schüler her, den er eigentlich nur vom Bahnhof hatte abholen und nicht auf einen Waldlauf hatte begleiten wollen.

Brian rannte so schnell er konnte, sprang über einen umgestürzten Baum, kämpfte sich durch dichtes Gestrüpp und  erreichte dann ein paar Augenblicke später eine Lichtung.

Das ist es!, durchfuhr es ihn.

Auch wenn seine Vision eine nächtliche Szenerie gezeigt hatte, war er sich doch vollkommen sicher – dies war die Lichtung, die Waldlichtung, auf der sich der Mann mit dem Ledermantel in einen Wolf verwandelt hatte...

An einen Baumstumpf gelehnt, bemerkte Brian den Deputy Sheriff. Er saß am Boden und lud seinen Revolver nach. Sein Hemd war an der Schulter blutig. Offenbar war er schwer verletzt.

„Verschwinde!“, ächzte er Brian entgegen. „Hau ab! Sofort!“

Brian blieb unschlüssig stehen.

Aus der Ferne hörte er Mister Smith rufen, der einfach nicht mit seinem Lauftempo hatte mithalten können.

Dann war ein Knurren zu hören. 

Am Waldrand war das Gras sehr hoch. Brian sah, wie es sich bewegte. Dann sprang einer jener riesenhaften Wölfe daraus hervor, wie Brian sie in seiner Vision gesehen hatte.

Es war jener Wolf, dessen Fell graue Strähne hatte... Die Zeichnung stimmte exakt überein!

Deputy Sheriff Meyers schoss seinen Revolver ab. Alle sechs Patronen feuerte er kurz hintereinander auf den Wolf. Die Kugeln trafen das Monstrum. Die Wucht der Geschosse riss den Wolf zurück. Er wand sich am Boden und jaulte laut auf.

Dann schleppte er sich ein Stück davon, knurrte dabei wütend. Die Schusswunden waren deutlich zu sehen. Blut quoll aus ihnen heraus, aber es dauerte nur ein paar Augenblicke, bis die Wunden sich wieder schlossen. Der Wolf streckte sich, leckte mit der langen Zunge das Blut aus dem Fell und schien dann erneut angreifen zu wollen.

Die Kugeln aus dem Revolver schienen ihm nichts anhaben zu können.

Der Deputy lud erneut voller Hektik die Waffe nach. Aber es gab keine Grund anzunehmen, warum die Kugeln diesmal irgendeine Wirkung haben sollten. Der Wolf hatte sich wieder aufgerappelt. Am Waldrand erschien derweil ein zweiter. Etwas kleiner und mit einem vollkommen schwarzen Fell.

Der kleinere Wolf schien abzuwarten.

Der größere fletschte die Zähne.

Brian lief ihm entgegen.

„Bist du wahnsinnig?“, rief Mister Smith, der inzwischen auch die Lichtung erreicht hatte. Damit lenkte er allerdings die Aufmerksamkeit beider Wölfe auf sich.

Wie auf ein geheimes Zeichen hin griffen beide im selben Moment an. Sie schnellten auf Brian zu. Die Mäuler waren weit aufgerissen. Knurrend stürzten sich beide Bestien auf Brian.

Dieser hob die Hände und stieß einen lauten Schrei aus.

Mitten im Sprung wurden die beiden zähnefletschenden Bestien gestoppt. Der erste von ihnen kam noch an Brians Arm, und er spürte für den Bruchteil einer Sekunde eine kalte Schnauze. Der zweite wurde schon früher fortgerissen. Es war, als würden die Bestien plötzlich gegen eine unsichtbare Wand aus Glas prallen. Eine schier übermächtige Kraft erfasste sie und warf sie fast zwei Meter zurück. Sie rollten sich am Boden ab, kamen wieder auf die Beine und probierten es gleich noch einmal. Wieder stieß Brian einen durchdringenden Schrei aus.

Die unheimliche Kraft packte sie erneut und schleuderte sie noch einmal ein ganzes Stück zurück. Jaulend rappelten sie sich wieder auf.

Mister Smith öffnete den Mund, als er das sah und vergaß, ihn wieder zu schließen. Der verletzte Deputy starrte Brian auf eine Weise an, die verriet, wie fassungslos er war.

Brian ging mit langsamen Schritten auf die beiden Werwölfe zu. Sie schienen noch nicht entschieden zu haben, ob sie noch einen weiteren Angriff wagen sollten. Ihre Köpfe waren gesenkt. Sie fletschten die Zähne und knurrten Brian drohend an

Dieser hob den linken Arm.

Du musst dich jetzt sehr konzentrieren... Sammle alle Kraft!, ging es ihm durch den Kopf. Er schloss die Augen, aber trotzdem sah er mit seinem inneren Auge alles, was um ihn herum geschah. Sein Gesicht wirkte angestrengt, so als würde er etwas sehr Schweres heben.

Dann krümmte er seine Finger, so als würde er etwas umfassen und riss anschließend den linke Arm ruckartig zurück.

An einem der Bäume, die am Waldrand standen, brach daraufhin ein Ast ab. Wie ein Peitschenschlag fuhr dieser auf die beide Wölfe herab, die daraufhin jaulend davonstoben.

Augenblicke später war der Spuk vorbei.

Es war nichts mehr von den Bestien zu sehen.

5.

„Jetzt weiß ich, was deine besondere Begabung ist!“, murmelte Mister Smith. Und der Hausmeister von Saint Morn war erfahren genug, um sich gut vorstellen zu können, dass Brian Hunter sich mit diesen Kräften in der Vergangenheit nicht unbedingt nur Freunde gemacht hatte...

Mister Smith kümmerte sich zuerst um den verletzten Deputy. Dessen Schulter sah übel aus. Trotzdem war er erleichtert. „Ihre Kollegen sind gleich hier!“, versicherte Smith.

Deputy Meyers atmete tief durch.

„Ich hole den Erste Hilfe Kasten aus dem Wagen!“, kündigte Smith an.

„Nein, nein, das sieht schlimmer aus, als es ist!“, widersprach Deputy Meyers. Er versuchte aufzustehen und schaffte es schließlich. Schwankend stand er da und steckte den Revolver ein. Dann betastete er seine Schulter.

„Wo ist der Fahrer des Van?“, fragte Brian.

Deputy Meyers lachte heiser auf. „Diese Bestien... Ich fand den Van mitten auf der Straße – leer. Als ich ausstieg, hörte ich Schreie und bin sofort losgelaufen. Ich habe noch nicht einmal im Büro des Sheriffs Bescheid sagen können...“ Er schluckte. „Bis hierher bin ich gekommen, dann wurde ich angegriffen und habe versucht, mich zu verteidigen. Aber diese Biester scheinen mir extrem widerstandsfähig zu sein.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich verstehe das nicht. Wie kann das sein, dass die Kugeln sie nicht töten? Das sind Teilmantelgeschosse, die müssten sie eigentlich zerfetzen!“

„Vielleicht haben Sie ja nicht richtig getroffen“, meinte Mister Smith. Er zuckte die breiten Schultern, als Deputy Meyers ihn darauf hin verständnislos ansah. „Naja, kann doch sein! Also ich würde in so einer Situation nicht einmal einen Elefanten treffen, wenn er zwei Meter entfernt wäre!“

„Aber Sie sind auch kein Polizist und trainieren regelmäßig auf dem Schießstand!“, erwiderte er ziemlich aufgebracht. Dann wandte er sich an Brian. „Was hast du gerade eigentlich gemacht?“, fragte er.

Brian schluckte.

Je weniger Menschen von seinen besonderen Fähigkeiten wussten, desto besser. Diese Erfahrung hatte er bereits gemacht. Und das galt sowohl für seine Visionen, als auch für die anderen Kräfte, die er einsetzen konnte. Brian hatte sich darüber informiert. Telekinese nannte man das, was er konnte, wohl. Dinge durch seinen puren Willen bewegen – darauf lief es letztlich hinaus. Allerdings war es umstritten, ob es telekinetische Fähigkeiten überhaupt gab.

Für Brian war das natürlich keine Frage. Er wusste, dass es so war, denn schließlich hatte er seit frühester Kindheit lernen müssen, mit diesen Kräften umzugehen. Mit der Zeit waren sie immer stärker geworden. Ganz zu Anfang, als er noch sehr klein war, hatte er sie nur benutzt, um kleine Spielzeugautos von selbst fahren zu lassen.

„Ich kann einfach nur gut mit Hunden umgehen“, sagte Brian und hoffte, dass Deputy Meyers ihn dann in Ruhe ließ.

„Ich nehme an, Sie brauchen jetzt etwas Ruhe“, mischte sich Mister Smith ein. „Wenn man so etwas erlebt hat, dann kann es schon sein, dass man an den Dingen zweifelt, die...“

„Ich weiß, was ich gesehen habe!“, unterbrach ihn der Deputy. „Man erzählt sich alles Mögliche an seltsamen Geschichten über die Jugendlichen in dem Internat, in dem Sie tätig sind, Mister Smith.“

„Alles Vorurteile!“, erwiderte Smith.

Deputy Meyers atmete tief durch. „Teufel, da kann man schonmal den Verstand verlieren, was?“

„Ich würde diesen Namen nicht zu laut aussprechen, Deputy“, murmelte Smith.

6.

Erstaunlich schnell trafen weitere Einsatzwagen des örtlichen County Sherrifs ein. Außerdem ein Rettungswagen. Von Mister Smith erfuhr Brian Hunter, dass sich die Zentrale des County Sheriffs ganz in der Nähe befand. „Saint Morn ist nicht groß, aber wir haben hier alles, was man braucht – und vor allem kann man alles zu Fuß erreichen“, meinte Smith.

Brian verdrehte die Augen.

„Das hört sich fast wie die Werbesprüche an, die meine Eltern für dieses Internat abgelassen haben.“

„Es ist die Wahrheit, Brian! Und auch wenn dieses Ereignis hier wohl deinen ersten Tag in Saint Morn überschatten wird – du wirst dich über kurz oder lang wohlfühlen. Das ist ziemlich sicher!“

Brian zuckte mit den Schultern. „Wir werden sehen, ob eine Gegend mit Wölfen was für mich ist!“, meinte er. „Eigentlich haben mir schon die giftigen Terrier gereicht, die die  feinen Ladys in Manhattan von Hundeausführern durch den Central Park führen lassen.“

Brian holte ein Kaugummi aus der Hosentasche. Das war der Augenblick, als er den roten, leicht blutenden Striemen bemerkte, der sich quer über seine linke Hand zog.

Ist sicher ein Ast gewesen!, dachte Brian.

Mister Smith reichte ihm ohne Worte ein Papiertaschentuch.

„Können Sie Gedanken lesen oder so was?“, fragte Brian. „Ich dachte, Sie wären ein Normalo – also ohne besondere Fähigkeiten.“

„Manchmal reicht gesunder Menschenverstand völlig aus“, gab Mister Smith zurück.

Sheriff Clancy kam in diesem Moment auf Smith zu und begrüßte ihn. Die beiden kannten sich offenbar. So fasste der Hausmeister die Geschehnisse für den etwas korpulenten Leiter der örtlichen Polizeibehörde des County Sheriffs, die für das gesamte Umland zuständig war, zusammen.

„Und du hast diese Wölfe dann in die Flucht geschlagen?“, erkundigte sich Clancy anschließend bei Brian.

„So ist es, Sir.“

„Du wirst noch in unser Büro kommen müssen, damit wir deine Aussage zu dieser Sache aufnehmen können.“

„Kein Problem.“

Einer der anderen Beamten des Sheriffs rief nach seinem Chef. „Ich muss da mal hin!“, sagte Clancy. Einer der  Deputies wirkte bleich wie eine Wand. „So was haben Sie auch noch nicht gesehen“, stammelte er. „Wir habe vermutlich die sterblichen Überreste des Van-Fahrers gefunden... Sir, das ist so furchtbar.“ 

7. 

„Du musst nicht denken, dass es hier jeden Tag so zu geht, Brian. Eigentlich ist das ein ganz gemütlicher Ort“, sagte Mister Smith, als sie weder im Wagen saßen und weiter fuhren.

„Genau das befürchte ich“, meinte er. „Ich meine, wo gibt es denn einen Sheriff? Nur in winzigen Nestern, die zu klein sind, um eine eigene Polizei zu unterhalten!“ Er schüttelte den Kopf. „Das meine Eltern mir das antun mussten...“

„Jeder, der nach Saint Morn kommt, ist auserwählt, Brian. Daran solltest du immer denken...“

„Na großartig. Das klingt ja fast, als wäre das hier eine Sekte oder sowas...“

„Unser Schulleiter wird es dir gleich erklären.“

Eigentlich wäre Brian noch gerne auf der Lichtung zurückgeblieben, um mitzubekommen, was bei den weiteren Ermittlungen von Sheriff Clancy und seinen Leuten herauskam. Aber Mister Smith war dagegen gewesen. Der Grund dafür leuchtete ein. Sie waren schon sehr spät dran. Und Mister Galway, der Leiter von Saint Morn, hasste Unpünktlichkeit, wie Brian durch den Hausmeister erfuhr. „Dass wir eine gute Ausrede hätten, spielt bei ihm leider keine so große Rolle.“

Es dauerte nicht lange und der Wagen erreichte ein von Wald umgebenes Herrenhaus aus grauem Stein, zu dem noch ein paar Nebengebäude gehörten.

Die hohen Giebel waren von wildem Wein überwuchert, der sich am Maurwerk emporrankte.

Einige der Bäume, die in der Nähe standen, wirkten seltsam verwachsen und man hatte den Eindruck, als würden sich fratzenhafte Gesichter auf der Rinde abzeichnen. Diese Bäume schienen ebenso alt zu ein, wie das ganze Anwesen. In so manchen dieser verformten oder gespaltenen Stämme musste irgendwann einmal der Blitz hineingefahren sein.

„Oh Mann, das sieht ja aus wie ein Postkartenmotiv aus der Gruft!“, stieß Brian hervor. „Das ist ja alles uralt. Als ob die Pilgerväter hier noch selbst die Steine aufeinander geschichtet hätten!“

„Ungefähr 350 Jahre ist die Schule von Saint Morn alt“, erklärte Mister Smith. „Das Haupthaus war eines der ersten Steingebäude von ganz Massachusetts.“

„Man hätte hier ein Gruselschloss als Kulisse für Horror-Filme einrichten sollen – aber nichts, wo man wirklich leben soll! Das verstößt ja gegen die Menschenwürde!“

„Es hat seinen eigenen Charme, Brian. Und hol deine Sachen aus dem Kofferraum. Das ist zwar ein hochherrschaftliches Haus, aber seit es ein Internat ist, hat man hier keine Dienerschaft mehr – wenn du verstehst, was ich meine!“

„Vollkommen“, murmelte Brian.

8.

Brian hatte nur eine kleine Sporttasche mitgenommen. Leichtes Gepäck. Er ging irgendwie stillschweigend davon aus, dass es sowieso bald wieder Ärger geben würde und er auch Saint Morn vorzeitig verlassen musste. So war das auch an den High Schools gewesen, die er zuvor besucht hatte.

Zusammen mit Mister Smith ging er die Stufen des Portals hinauf. Die Tür aus dunklem Ebenholz war mit Schnitzereien verziert. Fratzenhafte Geistergesichter vor allem, die Brian an die Totempfähle mancher Indianerstämme erinnerten.

Über der Tür waren drei messingfarbene Ringe, die ineinanderfassten, in den Stein eingelassen.

Darunter war ein Spruch eingraviert. Die Buchstaben waren etwas verschnörkelt, so dass man genau hinsehen musste, um die drei Worte lesen zu können.

Übles dem Übel, stand dort.

„Oh mein Gott! Kluge Sprüche für jeden Neuling, oder was soll das?“

„Es ist der Leitspruch unserer Schule“, sagte Mister Smith.

„Und was sollen die drei Ringe da oben? Olympia für Arme? Hat man dem Handwerker nicht genug Geld für fünf Ringe gegeben?“

„Die drei ineinander fassenden Ringe sind ein uraltes Zeichen“, erklärte Mister Smith. „Mister Galway kann dazu gewiss sehr viel mehr sagen, aber soweit ich weiß, ist es das Symbol des Polyversums!“

„Was soll das denn sein?“

„Die Gesamtheit aller möglichen Universen und Welten. Es ist das Zeichen unseres Internats.“

„Klingt abgefahren“, meinte Brian. „Übles dem Übel... Da könnte man jetzt noch ergänzen: Jeden Tag eine gute Tat, wie bei den Pfadfindern!“

„Es gibt Dinge, über die sollte man sich nicht lustig machen, Brian“, erwiderte Mister Smith sehr ernst.

Smith öffnete die Tür mit eine durchdringenden Knarren. „Das Gespensterschloss lässt grüßen“, witzelte Brian noch. Sie traten in die hohe Eingangshalle.

Ein Mädchen in Brians Alter saß dort auf ihren Sachen. Mindestens fünf Taschen hatte sie dabei. Sie hatte langes, dunkles Haar und meergrüne Augen. Was ihre Klamotten betraf, schien sie nur eine einzige Farbe zu kennen – schwarz.

Offenbar war sie auch gerade erst angekommen und nun saß sie hier wie bestellt und nicht abgeholt.

Als sie Brian bemerkte, sah sie zu ihm hinüber und grinste ihn an.

Brian grinste zurück.

Aber schon in nächsten Moment wurde seine Aufmerksamkeit durch schwere Schritte abgelenkt. Ein hochgewachsener sehr hagerer, grauhaariger Mann im dunklen Anzug kam die Treppe herab. Er trug ein in Leder gebundenes Buch unter dem Arm. Fast hätte man denken können, dass es ein Gebetbuch war, wenn auf dem Ledereinband nicht ein Pentagramm zu sehen gewesen wäre.

Das Gesicht des Grauhaarigen wirkte mumienhaft, die graue Haut wie Pergament.

Er blieb stehen und hob das Kinn.

Sein Blick traf zunächst das Mädchen in Schwarz und dann Brian. Ein Blick, der Brian sehr abschätzig vorkam.

„Mister Smith, sind das die neuen?“

„Ja, also...“, stammelte Mister Smith, der plötzlich selber wie ein Schuljunge wirkte.

„Dann bringen Sie die beiden sofort zu Mister Galway.“

„Jawohl, Mister Van Ray“, versicherte der Hausmeister.

Van Ray wandte sich der Dunkelhaarigen zu. „Du musst Rebecca McKee sein, nicht wahr.“

Sie nickte und erhob sich.

„Bin ich!“

„Neben der Beherrschung deiner Fähigkeiten wirst du hier sicherlich noch lernen, wie man sich benimmt, Rebecca – und nicht wie ein nasser Sack auf seinem Gepäck sitzen bleibt, wenn man seinem zukünftigen Lehrer begegnet.“

„Tut mir Leid, Sir“, sagte Rebecca sichtlich irritiert.

Mister Van Ray nickte abschätzig und sah auf eine Weise auf Rebecca herab, die ihn nicht gerade sympathisch erscheinen ließ. Wenn das einer der Lehrer hier ist – na dann gute Nacht!, ging es Brian durch den Kopf. Wahrscheinlich brauche ich dann meine Sachen gar nicht erst auszupacken, so schnell fliege ich in Saint Morn heraus!

Van Ray wandte sich nun Brian zu, näherte sich mit zwei Schritten und musterte ihn stirnrunzelnd.

„Und du musst Brian Hunter sein...“

„Ja, Sir.“

„Ich habe deine Akte gelesen. Da steht nicht viel Gutes drin, Brian. Wirklich nicht viel Gutes...“

Brian bemerkte, wie sich der Kronleuchter, der an langen Ketten von der Decke hing bewegte. Er schwang zur Seite, sodass er genau über Mister Van Rays Kopf schwebte.

Aber anstatt zurückzuschwingen, blieb der Leuchter so und es sah nun aus, als ob über Mister Van Ray ein Heiligenschein schweben würde.

Es sah aus, als hätte eine unsichtbare Hand den Leuchter bewegt.

Brian warf einen kurzen Blick zu Rebecca McKee hinüber, die alles nur Mögliche tat, um ihr Grinsen zu unterdrücken und dabei trotzdem gleichzeitig ein möglichst ernsthaftes Gesicht zu machen – passend zu Mister Van Rays Leichenbittermiene. Aha, dachte Brian. Du hast also ein Talent, das meinem sehr ähnlich ist...

Nur Rebecca kam schließlich für die Bewegung des Leuchters infrage – denn Brian selbst war das nicht und Mister Smith bezeichnete sich selbst ja als völlig untalentiert.

„Ich will sehr hoffen, dass du auch noch so ein fröhliches Gesicht machst, wenn du einige Zeit hier auf Saint Morn warst und wir dich zurechtgebogen haben! Unruhestifter dulden wir hier jedenfalls nicht! Das solltest du von Anfang an wissen!“

„An mir soll es nicht liegen“, meinte Brian.

„Natürlich nicht. Wahrscheinlich liegt es immer an den anderen! Wie üblich“, erwiderte Van Ray.

Brian konzentrierte sich auf die Haare seines Gegenübers.  Na los, kommt schon..., dachte er. Manche Dinge ließen sich besser beeinflussen als andere. Woran das jeweils lag, davon hatte Brian keine Ahnung. Aber vielleicht würde er das hier ja lernen... Zwei Haarsträhnen richteten sich an Van Rays Kopf auf, ohne dass dieser etwas davon bemerkte. Brian zwirbelte sie mit seinen Kräften etwas, so dass sie an die Antennen eines Außerirdischen erinnerten.

Rebecca konnte kam noch an sich halten und es war reine Glücksache, dass Van Ray sich nicht ausgerechnet in diesem Augenblick zu ihr umdrehte.

Das wäre wirklich kein gelungener Einstand in Saint Morn gewesen.

„Also dann. Seid fleißig und gelehrsam“, sagte Van Ray mit einem Tonfall, der so streng und scharf war, dass sowohl Rebecca als auch Brian sofort jeder Gedanke an ein unziemliches Grinsen verging. „Und bedenkt eines: Das Motto unserer Schule heißt Übles dem Übel. Falls einer von euch dem Übel zuzurechnen ist, wird es ihm hier nicht gut gehen!“

„Daran zweifle ich nicht, Sir“, gab Brian zurück.

„Dann ist es ja gut“, sagte Van Ray und ging dann davon.

Er hatte den Eingang zum Flur in den Westflügel schon fast erreicht, da drehte er sich noch einmal um – genau in dem Moment, in dem Rebecca die Konzentration ihrer Kräfte offenbar nicht mehr aufrecht erhalten konnte, sodass der Kronleuchter nun zurückschwang und ein paarmal ziemlich heftig hin und her pendelte.

Mister Van Ray streckte einen der dürren Finger seiner rechten Hand aus und deutete auf den hin und her schwingenden Kronleuchter.

„Man sollte seine Talente niemals für so einen Unsinn verschwenden!“, erklärte er streng, bevor er im nächsten Moment in den Flur zum Westflügel entschwand.

9.

„Puh, wer war das denn? Das Schlossgespenst?“, fragte Brian, als Mister Van Rays Schritte verhallt waren.

„Ich dachte, solche Lehrer gab es schon nicht mehr als mein Großvater zur Schule hing!“, ergänzte Rebecca.

„Also wenn ich euch einen kleinen Tipp geben darf: Mit Mister Van Ray sollte man sich besser nicht anlegen“, mischte sich Smith ein. „Mit dem ist nicht zu spaßen!“

„Das haben wir gemerkt!“, meinte Brian.

„Aber dafür hatten wir unseren Spaß“, meinte Rebecca. Sie lächelte Brian an. „Das mit den Haaren war cool!“

„Wir haben offensichtlich ein ähnliches Talent.“

„Auf jeden Fall schön zu wissen, dass man hier nicht allein damit ist... Brian!“

„Ja, finde ich auch“, nickte Brian.

Das Gepäck ließen sie in dieser Zeit in der Eingangshalle. „Hier stiehlt niemand etwas“, versprach Mister Smith, als er bemerkte, dass sowohl Rebecca als auch Brian zögerten, ihre Sachen zurückzulassen. „Das ist wirklich die Wahrheit“, fügte Mister Smith hinzu. „Dies ist keine High School, wie ihr sie ansonsten kennen mögt. Wir haben hier nur wenige Schüler – und davon abgesehen ist hier jeder Teil einer Gemeinschaft und würde sich nicht an den Sachen eines anderen vergreifen.“

„Also in New York City...“, begann Brian, aber das wollte Mister Smith nicht gelten lassen und schnitt ihm sofort das Wort ab.

„In einer High School in New York City würdest du wahrscheinlich auffallen, wenn du deine Sachen irgendwo liegen lässt – hier fällst du auf, wenn du das nicht tust.“

„Auf Ihre Verantwortung, Mister Smith“, meinte Brian.

„Nein – die nimmt dir hier niemand ab, Brian. Aber falls es euch ein Trost ist: Wir haben hier an der Schule sowohl unter den Schülern als auch unter den Lehrern die unterschiedlichsten übersinnlichen Talente versammelt. Falls doch jemand sich an euren Sachen zu schaffen machen sollte, würde man das sehr schnell aufklären können...“

„Na, dann brauchen wir uns ja wohl um nichts Sorgen zu machen!“, meinte Rebecca McKee schulterzuckend.

10.

Smith führte sie die Treppe hinauf zum Büro des Schulleiters.

James Galway, Direktor – so stand es an der Tür aus dunklem Ebenholz, in die dasselbe Zeichen eingelassen worden war, das auch schon am Eingang zu finden war: Drei messingfarbene Ringe, die ineinander fassten.

Mister Smith hob die Hand zum Klopfen, aber noch bevor sie die Tür überhaupt berührt hatte, war von der anderen Seite ein kräftiges „Herein!“ zu hören.

Der Hausmeister hob die Augenbrauen.

„Tja, Mister Galway hat ein äußerst empfindliches Gehör. Ich bin sicher, dass er uns bereits kommen hörte, als wir die Treppe hinauf gingen.“

„Wollen Sie uns auf den Arm nehmen?“, fragte Rebecca.

Smith schüttelte den Kopf. „Nein, aber wie ich schon erwähnte, hier haben fast alle ein paar außergewöhnliche Fähigkeiten – von mir mal abgesehen. Ich bin völlig durchschnittlich.“

Smith öffnete die Tür und sie traten ein.

Das Büro des Schuleiters war ein sehr hoher Raum, dessen Wände mit Bücherregalen bedeckt waren. Dicke, in Leder gebundene Bände reihten sich da aneinander. Ein paar eigenartige Titel fielen Brian auf. „Absonderliche Kulte“ oder „Zeichen der Geheimen Macht“ und „Meta-Magisches Lehrbuch für fortgeschrittene Schüler übersinnlicher Künste“ hießen einige von ihnen.

Wirklich seltsam war allerdings die dicke Schicht Schaumstoff, die die Tür abdämpfte. Wie in einem Tonstudio!, dachte Brian. Eigentlich hätte der lärmempfindliche Mister Galway keinen Ton mehr aus den Fluren hören können - geschweige denn von der Treppe oder gar aus der Eingangshalle!

Entweder da will mich der Hausmeister auf den Arm nehmen oder Mister Galway hat ein so empfindliches Gehör, dass er damit ins Guinness Buch der Rekorde kommen könnte!, ging es Brian immer noch fassungslos durch den Kopf.

Mister Galway war ein freundlich wirkender Mann in einem dreiteiligen Anzug. Sein Alter war schwer zu schätzen, das Haar dunkel, aber von grauen Strähnen durchwirkt. Aber wenigstens wirkte er nett. Brian war jedenfalls schon mal sehr froh darüber, dass es unter der Lehrerschaft der High School von Saint Morn auch sympathischere Personen als Mister Van Ray gab, der ja bereits eine anschauliche Kostprobe seiner schlechten Laune gegeben hatte.

Mister Galway kam hinter seinem Schreibtisch hervor und klappte die Lesebrille zusammen. „Sie können dann gehen, Mister Smith“, sagte er an den Hausmeister gewandt. „Über die Sache mit den Wölfen haben wir ja bereits gesprochen...“

„Ja, Sir“, nickte Mister Smith.

Brian runzelte verwundert die Stirn. Wann sollten die beiden miteinander gesprochen haben? Davon hatte er nichts mitbekommen. Aber vielleicht hatte Mister Smith per Handy mit dem Schulleiter telefoniert, während er auf der Lichtung auf andere Dinge geachtet hatte. So musste es wohl gewesen sein.

„Und wenn Sie zufällig in den Heizungskeller kommen, dann wäre es schön, wenn Sie mal überprüfen würden, was da in den Leitungen so gurgelt“, fuhr Galway dann noch fort. „Diese Geräusche sind ja kaum erträglich!“

„In Ordnung, ich werde mich gleich darum kümmern“, versprach Mister Smith und verließ dann den Raum.

11.

„Ihr seid neu hier“, sagte Mister Galway, als die Tür hinter dem Hausmeister ins Schloss gefallen war. „Und dies ist der Moment, ein paar grundsätzliche Dinge klarzustellen, die das Leben in Saint Morn betreffen. Die Regeln unterscheiden sich nicht großartig von anderen High Schools, die als Internat geführt werden. Ich will euch also jetzt nichts über das Aufräumen eurer Zimmer, den Umgang mit euren Mitschülern, den Fleiß im Unterricht und all die anderen Dingen erzählen, die hier von euch erwartet werden. Das werdet ihr alles schon mit der Zeit mitbekommen.“

„Ich werde mir alle Mühe geben, keinen Ärger zu machen“, versprach Brian.

„Davon bin ich überzeugt“, erklärt Mister Galway. „Vielleicht habt ihr bisher den Eindruck, dass ihr hier seid, weil ihr anderswo nicht zurecht gekommen seid. Das gilt nicht für alle, die hier unterrichtet werden, aber für viele. Aber das ist eine falsche Sichtweise. In Wahrheit seid ihr auserwählt worden. Es gibt eine Vereinigung, die sich Ritter des Heiligen Lichts nennt und die eure Stipendien bezahlt. Das geschieht nur dann, wenn diese Vereinigung absolut davon überzeugt ist, dass das Potenzial an übersinnlichen oder sagen wir mal einfach besonderen Fähigkeiten ausreichend ist, um gefördert und ausgebildet zu werden. Bislang hattet ihr vielleicht Schwierigkeiten dadurch, dass ihr anders wart – hier in Saint Morn ist es die Voraussetzung dafür, dass ihr überhaupt hier sein dürft.“

„Darf ich fragen, woher Sie von unseren Fähigkeiten überhaupt so genau Bescheid wissen?“, fragte Rebecca. „Das klingt ja fast, als hätten diese Ritter vom Heiligen Licht uns beobachtet...“

Mister Galway nickte. „Genau so war es auch. Wir sind ständig auf der Suche nach Talenten...“

„Uh, das klingt ja nach einer Sekte oder Geheimgesellschaft oder so was“, meinte Brian. „Ehrlich gesagt gefällt mir das nicht so besonders.“

„Wir sind weder eine Sekte noch geheim“, erklärte Galway. „Die Ritter des Heilgen Lichts haben sich dem Kampf gegen die Mächte des Bösen verschrieben. Und dafür suche wir gezielt Jugendliche mit einem übersinnlichen Talent aus. Deshalb seid ihr hier – denn ihr werdet gebraucht. Die Welt ist bedroht durch Kräfte, von deren Existenz die meisten Menschen nichts ahnen und diejenigen, die es eigentlich besser wissen müssen, wollen die Bedrohung nicht zur Kenntnis nehmen...“

Brian wusste im ersten Augenblick nicht so recht, was er dazu sagen sollte. Dass es Dinge gab, die durch die herkömmliche Wissenschaft wahrscheinlich noch nicht so richtig zu erklären waren, hatte er am eigenen Leib erfahren. Daran zweifelte er nicht. Und was die Bedrohung durch die Mächte der Finsternis anging... Der Kerl spricht ja nicht zufällig von mordlustigen Werwölfen?, ging es Brian durch den Kopf.

„Ihr seid hier jedenfalls nichts Besonderes“, stellte Mister Galway fest. „Jeder der hier her kommt, hat ein übersinnliches Talent. Das mag bei den einzelnen Schülern unterschiedlich ausgeprägt sein und äußert sich auch nicht immer in denselben Fähigkeiten. Aber es ist dieselbe Kraft, die all dem zu Grunde liegt. Man kann sie Magie nennen oder Psi-Kraft. Es gibt unterschiedliche Namen dafür. Wir werden euch hier beizubringen versuchen, wie man diese Kräfte kontrolliert, wie man sie verantwortlich einsetzt, ohne dass man anderen schadet. Ihr werdet hier in Weißer Magie ausgebildet, damit ihr den übersinnlichen Bedrohungen, die unsere Welt bedrohen begegnen könnt. Alles weitere werdet ihr mit der Zeit schon mitbekommen... Gibt es von eurer Seite irgendwelche Fragen?“

„Das klingt ja fast, als würde da im Verborgenen eine Art Krieg gegen irgendwelche finsteren Mächte ablaufen...“

„Es sind nicht irgendwelche Mächte“, widersprach Galway. „Es ist immer wieder dieselbe Macht: Das Böse.“

„Existiert so etwas überhaupt?“

„Ja, es existiert“, sagte Rebecca McKee mit großer Bestimmtheit. „Es ist sehr stark und kann von jedem Besitz ergreifen.“

„Das klingt nach Erfahrung“, meinte Brian.

„Ich kann es spüren“ behauptete Rebecca.

„Wie bitte?“

„Ich kann die Anwesenheit des Böen spüren, Brian. Das hängt mit meinem Talent zusammen.“

„Wenn das so ist, fällt es dir vermutlich etwas leichter, zu akzeptieren, was ich euch gesagt habe“ mischte sich Mister Galway ein. „Aber die Fähigkeit, das Böse sehen oder spüren zu können, ist durchaus nichts Außergewöhnliches!“

Brian schien da etwas skeptischer zu sein. „Hat das, was Sie da gerade gesagt haben, auch etwas mit den Wölfen zu tun, die...“

„Mister Smith hat mir von eurem Erlebnis am Telefon erzählt“, unterbrach ihn der Schulleiter. „Und genau darüber möchte ich jetzt als nächstes sprechen. Ich möchte alles darüber wissen.“

Brian zuckte mit den Achseln. „So viel weiß ich gar nicht darüber...“

„Du weißt mehr als du glaubst“, sagte er.

„Ich hatte eine Vision von einem Mann, der sich auf einer Waldlichtung in einen Wolf verwandelt hat. Es war Vollmond. Und dann haben wir den Van auf der Straße stehen sehen und es war klar, dass da irgend etwas geschehen sein musste.“

Brian berichtete, was sich zugetragen hatte und Mister Galway hörte interessiert zu. Sein Gesicht veränderte sich. Die Falten auf seiner Stirn wurden immer tiefer und schließlich nickte er wissend. „Es hat hier schon sehr lange keine Wölfe gegeben“, sagte er. „Und natürlich auch keine Werwölfe... Dass sie wieder aufgetaucht sind, ist kein gutes Zeichen!“

„Und was gedenken Sie gegen diese Kreaturen zu unternehmen?“, fragte Brian.

„Jedenfalls werde ich nicht die Hände in den Schoß legen und tatenlos zusehen, wie sie weitere Menschen ermorden. Vergesst alles, was ihr über Werwölfe gehört habe mögt. Silberkugeln und Vollmond, das ist nur eine Erfindung von Hollywood. Aber sie töten Menschen – und wenn sie jemanden nicht töten, dann nur deshalb, um ihn zu einem der ihren zu machen... Ich werde eure Hilfe brauchen. Vor allem deine, Brian, denn du hast sie in deiner Vision gesehen...“

Eigentlich hatte Mister Galway wohl noch etwas sagen wollen. Er öffnete halb den Mund, aber kein einziges Wort kam über seine Lippen. Stattdessen verzog er das Gesicht, so als würde er einen starken Schmerz verspüren. Er presste sich dabei die Hände auf die Ohren! „Ah, muss das denn sein!“, rief er, kam hinter seinem Schreibtisch hervor und lief geradewegs auf die Tür zu. Er riss sie förmlich auf. „So ein Krach ist doch nicht auszuhalten!“, rief er, während er auf den Flur hinauslief.

„Ein Geist!“, schrie jemand. „Was hat der hier zu suchen?“

Brian überlegte, ebenfalls hinauszueilen, denn er war ziemlich neugierig, was da draußen auf dem Flur wohl für ein Theater war.

Rebeccas Blick fiel auf die Stelle an Brians Hand, wo er sich verletzt hatte. Ehe er sich versah hatte, hatte sie seine Hand genommen. Ein eigenartiges Kribbeln durchlief ihn. Er war verblüfft.

„Was...?“

„Ist gleich vorbei!“, sagte sie.

Brian blickte auf seine Hand. Die blutigen Striemen bildeten sich vor seinen Augen zurück.

„Gehört zu meinem Talent“, erklärte sie lapidar.

„Ganz schön praktisch!“

„Kann manchmal den Arzt ersparen!“

„Ich sag's ja! Ganz schön cool, solche Heilkräfte!“

„Funktioniert leider nicht bei jedem.“ Rebecca zuckte mit den Schultern. „Und bei mir selbst leider überhaupt nicht!“ 

„Wieso das denn nicht?“

„Ist einfach so. Ich habe es oft genug ausprobiert, aber es geht nur bei anderen.“

12.

Mehr als ein Dutzend Stimmen redeten draußen auf dem Flur plötzlich durcheinander. Eine Klassentür schlug auf, wieder zu und Mister Galways Stimme stellte innerhalb eines Augenblicks die Ordnung mit den Worten her: „Geht das nicht auch leise? Ich kann ja in meinem Büro mein eigenes Wort nicht verstehen!“

Brian stand auf und ging ebenfalls auf den Flur. Rebecca folgte ihm.

Vor eine der Klassenräume war ein kleiner Menschenauflauf entstanden. Die Schüler und ihrer Lehrerin bildeten einen Halbkreis. Mister Galway stand auch in der Nähe. Seine pure Anwesenheit reichte normalerweise aus, um die Ordnung herzustellen. Aber das galt offenbar nicht für den dunkelhaarigen Kerl mit den leicht gelockten Haaren, der völlig außer sich zu sein schien. Er deutete auf eine Marmorsäule. „Da ist er! Was hat dieser Totengeist dort zu suchen? Achtet denn hier niemand darauf, dass die Mächte der Finsternis hier keinen Zutritt haben?“

Brian blickte angestrengt zu der Marmorsäule, in der der Wahlspruch der Schule eingemeißelt war: Übles dem Übel.

„Bin ich blind, oder wieso sehe ich da nichts?“, fragte Brian.

„Jetzt beruhige dich bitte, Rick!“, sagte Mister Galway. „Vor allem ist das alles kein Grund für so ein Geschrei!“

„Dann ist es in Ordnung, dass Geister hier durch das Haus spazieren, sich in den Unterricht setzen und sich über uns lustig machen? Seht ihn euch an, den Kerl mit dem großen Hut! Er tut jetzt genau dasselbe!“

Mister Galway wechselte einen Blick mit der Lehrerin, einer Frau in den mittleren Jahren mit sehr dicken Brillengläsern und einem mondförmigen Gesicht. „Sie können nichts feststellen, Mrs. Monroe?“, fragte Galway.

Die mondgesichtige Frau schüttelte den Kopf. „Tut mir leid! Aber um ehrlich zu sein, ist Totenbeschwörung auch nicht unbedingt meine Stärke. Ich bin hier als Lehrerin für die Geschichte der Weißen Magie und nicht...“

„Schon gut, Mrs. Monroe“, unterbrach Galway sie.

Der dunkelhaarige Rick trat unterdessen einen Schritt auf die Säule zu und sprach mit dem Geist, den außer ihm niemand sah. „Na, los, du könntet auch mal was dazu sagen! Macht es dir Spaß, dich über uns lustig zu machen oder hast du einfach nur nicht damit gerechnet, dass dich jemand sieht, so wie ich? Ist zugegebenermaßen auch keine alltägliche Fähigkeit... Aber an einem Ort wie diesem sollte man als Geist schon damit rechnen!“ Rick wirkte so, als würde er angestrengt zuhören.  „Das sind doch alles nur Ausreden! Verschwinde hier! Du hast hier nichts zu suchen.“ Eine weitere Pause entstand. „Wie bitte? Ich habe hier nichts zu suchen und soll mich nicht so aufspielen? Umgekehrt wird ja wohl ein Schuh daraus.“

„Rick!“, sagte Mister Galway jetzt streng.

Rick drehte sich zu Mister Galway um und zuckte mit den Schultern. Sein Blick wirkte verständnislos. „Er sagt, ich soll verschwinden und er hätte die älteren Rechte hier!“

Mister Galway seufzte. „Eigentlich dachte ich, dass wir dieses Problem gelöst hätten... Wie sieht der Geist aus, den du siehst? Du sprachst von einem großen Hut...“

„Ja, und einen weißen Kragen hat er, dazu einen dunklen Anzug. Außerdem einen Spitzbart. Und er trägt einen Krückstock mit einem silbernen Griff, der wie ein Totenschädel geformt ist.“

„Das ist der Geist von Oliver Grant. Er hat dieses Haus errichten lassen und starb im Jahr 1699... Und um entsprechende Fragen gleich zu beantworten: Nein, er gehört nicht zu den Mächten der Finsternis und ist etwas lästig, aber harmlos!“ Mister Galway sah sich suchend um. „Rick? Wo ist er jetzt?“

„Hinter Ihnen, Mister Galway. Er macht Ihnen gerade Hasenohren!“, gab Rick Auskunft.

Mister Galway drehte sich blitzschnell um und hob die Hand. Ein grellweißer Lichtball entstand in seiner Hand. Mister Galway warf ihn dorthin, wo er den Geist vermutete und rechnete wohl dabei mit ein, dass er sich von ihm fortbewegte.

Der Lichtball prallte auf etwas Unsichtbarem auf. Es gab einen Lichtblitz. Und dann sah man eine Gestalt mit einem großen Hut und einem Stock, wie Rick ihn beschrieben hatte. Die Gestalt wirkte geisterhaft, war durchscheinend und leuchtete. „Mister Grant, Sie sind entlarvt!“, sagte Galway. „Sie haben die Erlaubnis in Ihrem Mausoleum im Garten zu spuken, aber nicht hier im Schulhaus!“

„Ja, Sir, ich weiß“, sagte der Geist von Oliver Grant, der  ein paar Augenblicke brauchte, um zu begreifen, dass er im Moment gegen seinen Willen für alle sichtbar war.

„Ich möchte ungern mit weißmagischen Mitteln gegen Sie vorgehen müssen, Mister Grant. Also halten Sie sich in Zukunft vom Schulgebäude fern.“

„Ja, Sir.“

„Ihre Verdienste um diese Schule sind unbestritten. Schließlich haben Sie damals Ihr Erbe den Rittern vom Heiligen Licht vermacht. Aber meine Geduld ist nun zu Ende. Wenn Sie den Unterricht stören, muss ich Maßnahmen ergreifen!“

Der Geist verbeugte sich und stolperte davon. „Die schreckliche Langeweile! Ihr müsst mich verstehen...“

„Nein, dass verstehe ich keineswegs“, widersprach Galway. „Schließlich machen wir das alles hier nicht zum Spaß, sondern um den Mächten der Finsternis zu widerstehen. Das sollten Sie doch verstehen können, Mister Grant! Oder haben Sie nicht Ihren einzigen Sohn damals bei der schlimmen Werwolf-Plage von 1685 verloren?“

Der Geist lief auf die Wand zu und verschwand dann darin. Er lief einfach weiter und man sah für ein paar Augenblicke noch den Stein in eigenartiger Weise schimmern. „Lebt wohl!“, rief eine Stimme, von der sich Brian nicht ganz sicher war, ob er sie tatsächlich hörte oder diese Worte nur in seinem Kopf gesprochen wurden.

Mister Galway wandte sich nun zu den Schülern.

„Wie ihr seht, ist alles in Ordnung. Kein Grund zur Panik.  Jeder, der diese Schule besucht, sollte in den ersten Tagen  schon gelernt haben, dass hier nicht alles so ist, wie er es vielleicht von zu Hause her erwarten würde...“ Galway machte eine weit ausholende Armbewegung, die offenbar Rebecca und Brian galt. „Es spricht nichts dagegen, den Unterricht jetzt fortzusetzen, aber zuvor möchte ich noch Rebecca McKee und Brian Hunter vorstellen, zwei neue Schüler an der Mystic High School von Saint Morn!“

„Hi“, sagte Rebecca etwas schüchtern.

Brian nickte nur knapp.

Der dunkelhaarige Rick trat einen Schritt vor und deutete in seine Richtung. „Ist das vielleicht der Typ, der auf mein Zimmer kommen soll?“

„Ganz genau“, nickte Mister Galway. „Wir hatten ja darüber gesprochen.“ Der Schulleiter wandte sich an Brian und sagte: „Dies ist Rick Sabano aus Los Angeles.“

„Freut mich“, meinte Brian etwas verhalten.

„Ich hoffe, ihr kommt miteinander klar“, fügte Mister Galway in einem Tonfall hinzu, der deutlich machte, dass ohnehin nichts anderes duldete und in so fern keiner der Beteiligten irgendeine Wahl hatte.

„Ich bin sehr tolerant und komme mit jedem gut klar“, behauptete Rick. „Allerdings kann ich Leute nicht leiden, die ihre tote Verwandtschaft andauernd in Form von nervigen Geistern im Schlepptau hat.“

Brian zuckte mit den Schultern. „Kein Problem. Ich pflege keinen Kontakt zur Geisterwelt und halte auch nichts von Seancen und solchen Dingen.“

Rick seufzte. „Das sind meistens die Schlimmsten.“

„Wieso?“

„Weil die Totengeister hinter denen am meisten hinterher sind, die sie missachten. Da bilden sich dann manchmal regelrechte Geister-Aufläufe, und das liegt dann nur daran, weil der Betreffende einfach nicht mit den armen Toten sprechen will...“

„Ach, ja?“

„Naja, ich hoffe es werden bei dir nicht noch mehr als im Moment...“

„Noch mehr als im Moment?“ Brian runzelte die Stirn. „Was soll das denn heißen?“ Unwillkürlich drehte sich Brian um und schalt sich dann einen Narren. Der will mich doch nur auf den Arm nehmen!, ging es ihm durch den Kopf.

„Naja, da sind ein paar Geister, die dich andauernd verfolgen, aber ich hoffe, dass du den Rest deines Anhangs in New York gelassen hast...“

„Ich wusste gar nicht, dass ich dir erzählt habe, dass ich aus New York komme“, runzelte Brian die Stirn. Er fühlte sich jetzt doch ein wenig unbehaglich.

„Nein, hast du auch nicht. Das hat einer der Geister getan, die immer in deiner Nähe herumhängen. Sorry, ich sollte dir das bei Gelegenheit vielleicht mal etwas genauer erklären...“

„Aber nicht jetzt!“, schritt jetzt die mondgesichtige Mrs. Monroe ein. „Durch diese Störung durch den Geist von Oliver Grant haben wir wertvolle Unterrichtszeit verloren, die wir bis zum Ende des Schuljahres dann irgendwie wieder aufholen müssen...“

Die Schüler gingen etwas widerstrebend in die Klasse zurück.

Am Rande hatte Brian mitbekommen, wie Mister Galway Rebecca auch ihrer Zimmerpartnerin vorgestellt hatte. Sie hieß Nora Baily, war rotblond und trug ein verschlungenes Zeichen mitten auf der Stirn. Jedenfalls glaubte Brian das im ersten Moment. Als er dann noch einmal flüchtig zu ihr hinübersah, war das Zeichen anscheinend nicht mehr da und Brian glaubte einen Augenblick lang, dass er sich getäuscht hätte.

„Du hast dich nicht getäuscht“, erklärte sie, fast so als hätte sie seine Gedanken gelesen.

Es war nicht möglich, weiter darüber zu sprechen, denn nun zeigte sich die mondgesichtige Mrs. Monroe von ihrer energischen Seite. „Schluss jetzt! Keine Endlos-Gespräche mehr auf dem Flur! Der Unterricht geht weiter und ich schlage vor, die beiden Neuen nehmen an dieser Stunde gleich teil! Es geht nämlich um ein sehr wichtiges Thema!“

„Das sagt sie von jedem Thema“, meinte Rick Sabano und begab sich nun ebenfalls in den Klassenraum.

„Wir müssen erst noch unsere Sachen...“, begann Rebecca, aber Mister Galway schnitt ihr sogleich das Wort ab. „Los, geht nur! Eure Zimmer könnt ihr auch noch nachher beziehen und was eure Sachen angeht, so sind die im Flur gut aufgehoben, wie ich euch ja bereits gesagt habe...“

„Tja, Pech gehabt, da gibt's wohl keinen Aufschub mehr“, grinste Brian Rebecca an.

„Einen Versuch war es wert“, meinte sie.

13.

Im Klassenraum mussten sich die Neuen auf die freien Plätze setzen. „Eure Mitschüler werdet ihr sicher im Laufe der Zeit näher kennen lernen, aber das braucht nicht hier im Unterricht zu geschehen“, erklärte Mrs. Monroe. „Wie ich ja schon mal gesagt habe, ist die Zeit, in denen ich euch die Grundlage der Geschichte der Weißen Magie nahebringen kann, einfach zu wertvoll, um sie mit irgend etwas anderem zu verbringen als mit dem was vom Stoffplan her vorgesehen ist, Und dieser Plan ist - wie soll ich mich da angemessen ausdrücken, ohne hochnäsig zu wirken? - durchaus anspruchsvoll, wenn ihr versteht, was ich damit meine.“

Ein Seufzen ging durch die Klasse.

Offenbar konnten sich alle Anwesenden außer vielleicht Rebecca und Brian sehr gut vorstellen, was Mrs. Monroe damit meinte.

Der Zufall wollte es, dass Brian neben einem Jungen mit dicker Brille saß, der auch während Mrs. Monroes ermahnender Worte sich nicht davon abhalten ließ, in einem dicken Buch zu lesen. Brian warf einen Blick auf die Seiten, die mit eigenartigen Zeichen nur so gespickt waren. Magischen Zeichen, so schien es.

Wahrscheinlich ein ätzender Streber!, dachte Brian.

Er war sich noch nicht einmal sicher, ob er den Kerl eigentlich draußen auf dem Flur gesehen hatte, als sich Rick Sabano so heftig über den Spuk eines Geistes aufgeregt hatte, der angeblich die Seele von Oliver Grant war, der hier vor über dreihundert Jahren gelebt hatte.

„Wie heißt du?“, flüsterte Brian.

Der Brillenträger gab ihm erst keine Antwort, schien Brian auch gar nicht weiter zu bemerken, sondern stattdessen vollkommen in seine Lektüre vertieft zu sein. Dabei murmelte er ein paar Worte, die ziemlich seltsam klangen. Wie Zauberformeln oder etwas Vergleichbares. Vielleicht aber auch nur einfach irgendein ganz banaler Satz in einer fremden Sprache, die Brian nicht kannte. Naja, Spanisch ist das jedenfalls nicht!, ging es ihm nachdenklich durch den Kopf.

Er stieß seinen Nachbarn an und wiederholte seine Frage.

Jetzt endlich schien der Kerl mit der dicken Brille ihn  überhaupt erst zur Kenntnis zu nehmen.

Ein Ruck ging durch seinen Körper, fast so als hätte man ihn bei irgend etwas Verbotenem erwischt. „Alec Murphy heiße ich - was willst du denn?“, flüsterte er.

Mrs. Monroe hatte inzwischen Brian und den Jungen mit der dicken Brille als Quelle von aufkommender Unruhe ausgemacht. „Es wäre freundlich, wenn ich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller hier im Raum hätte“, sagte er sie und dabei betonte sie das Wort aller auf eine Weise, wie Brian das auch von Lehrerinnen an anderen Schulen kannte, auf die er schon gegangen war.

Alec Murphy begann leise vor sich hinzumurmeln. Er flüsterte beinahe, schaute aber jetzt nicht in das Buch. Seine Augen veränderten sich dabei. Es blitzte plötzlich ein Licht darin auf.

Mrs. Monroe hatte sich bereits zur Tafel umgedreht. „Du solltest nicht versuchen, dein Gehör magisch abzudämpfen, damit du meine Stimme nicht mehr hörst und ich dich weniger beim Lesen störe, Alec!“, sagte Mrs. Monroe, ohne sich dabei umzudrehen.

Alec war sichtlich verdutzt. Das Leuchten in seinen Augen verschwand. Mrs. Monroe begann damit, etwas an die Tafel zu schreiben. „Um deine Frage gleich zu beantworten, Alec: Nein, ich höre nicht so gut wie Mister Galway...“

„Aber...“

„...da du es immer wieder versuchst, ist es nicht schwer, vorauszusehen, was du als Nächstes versuchst. Abgesehen davon hast du doch schon mindestens die Hälfte der Bücher in unserer Bibliothek ausgelesen – du solltest dir vielleicht noch etwas für das nächste Schuljahr übrig lassen...“

Mrs. Monroe schrieb dann an die Tafel:

Franz von Borsody, geboren in Budapest 1814, gestorben in Wien 1913.

„Dieser Mann hat ein sehr wichtiges Buch geschrieben...“

„'Zeichen der geheimen Macht'!“, murmelte Alec Murphy vor sich hin und es war wohl zu vermuten, dass er es von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen hatte.

„Alec wird uns scher etwas darüber sagen können“, meinte Mrs. Monroe.

„Es enthält magische Kraftzeichen, mit denen man sich vor allen möglichen Kreaturen schützen kann. Aber man sollte sich nicht auf die erste Auflage verlassen, denn es enthält einige Fehler, die in der zweiten ausgemerzt wurden...“

„So, so...“ sagte Mrs. Monroe stirnrunzelnd.

Brian dachte im ersten Moment: Typisch! Lehrerinnen können es meistens schlecht leiden, wenn ein Schüler mehr weiß als sie selbst. Aber der Grund von Mrs. Monroes Stirnrunzeln hatte noch einen anderen Grund, den er erst später erfahren sollte...

„Ihr mögt vieles über so genannte Schwarze oder Weiße Magie gehört haben. Vergesst am besten das meiste davon. Weiße Magie wurde im Sinn einer gezielten Anwendung von übersinnlichen Kräften von dem österreichisch-ungarischen Geisterseher und Okkultisten Franz von Borsody erfunden, um ein Wesen zu bekämpfen, das er einen Dämon nannte. Ein gehörntes, namenloses Wesen, das immer wieder versucht in unserer Welt zu erscheinen und und die Herrschaft zu ergreifen. Dazu beeinflusst es Menschen, Tiere und Wesen, von denen viele gar nicht ahnen, dass es sie auf der Welt gibt... Häufig beginnen diejenigen, die unter dem Einfluss des Gehörnten stehen, sich zu verändern. Manchmal wechseln sie zeitweise sogar die Gestalt...“

„So wie Werwölfe?“, fragte Brian.

Mrs. Monroe nickte etwas überrascht.

„Ja, das trifft zu. Viele Legenden über Werwölfe haben wahrscheinlich diesen Hintergrund“, bestätigte sie.

14.

Nach dem Unterricht traf Brian erneut mit Rebecca zusammen, die sich im Schlepptau von Nora Baily befand. Wieder sah Brian das Zeichen auf Noras Stirn – und diesmal verschwand es auch nicht so schnell, wie bei ihrer ersten Begegnung.

„Das ist ein Druidenzeichen“, sagte Nora, noch bevor Brian sie danach fragen konnte. „Ich komme aus Irland. Dass du dieses Zeichen sehen kannst, hängt damit zusammen, dass du offenbar ein starkes übersinnliches Talent besitzt...“

„Ach so...“, murmelte Brian. „Und – welchen Zweck hat dieses Zeichen?“

„In Irland wurden immer schon übersinnlich Talentierte mit einem solchen Zeichen gezeichnet, damit sie sich untereinander erkennen konnten. Am besten, du störst dich nicht weiter daran. Und wenn du nicht allzu konzentrierst hinsiehst, ist es auch verschwunden – nur für den Fall, dass du es hässlich findest.“

„Nein, nein, es sieht cool aus.“

Rebecca und Nora gingen davon, um Rebeccas Sachen aufs Zimmer zu bringen.

Brian bekam durch die offene Tür noch mit, wie Mrs. Monroe  den Bücherwurm Alec Murphy zur Rede stellte.

„Woher weißt du von der zweite Auflage von Borsodys 'Zeichen der geheimen Macht`?“, fragte Mrs. Monroe. „Das einzige Exemplar, dass wir davon haben, steht im Geheimbereich der Bibliothek, zu die die Schüler gar keinen Zutritt haben.“

„Ach, wirklich?“

„Ja, wirklich!“

„Daran habe ich gerade wohl nicht gedacht“, meinte Alec kleinlaut. „Vielleicht habe ich ich auch einfach nur vertan oder Sie haben die zweite Auflage mal erwähnt...“

„Nein, ich ganz gewiss nicht!“

„Oder Mister Galway?“

„Das würde mich schon sehr wundern, denn er hat ja angeordnet, dass unser Exemplar der zweiten Auflage zunächst mal im geheimen Teil der Bibliothek bleibt, bis wir genauer untersucht haben, ob es nicht eine Fälschung ist!“

„Upss!“, meinte Alec.

„Weißt du, was ich glaube?“, fragte Mrs. Monroe. „Du hast dein magisches Wissen dazu benutzt, um irgendwie in den Geheimbereich der Bibliothek zu gelangen und da herumzustöbern!“

„Aber Mrs. Monroe, so was denken Sie von mir?“

„Ohne weiteres!“, gab die mondgesichtige Lehrerin im Fach Geschichte der Weißen Magie unumwunden zurück. „Ich möchte das ungern mit Mister Galway besprechen müssen – wenn der nicht inzwischen schon irgend etwas gehört hat. Und ich kann dir nur den guten Rat geben, dich vom geheimen Teil der Bibliothek fernzuhalten! Klar?“

Alec atmete tief durch.

„Klar!“, sagte er, aber selbst für Brian klang das alles andere als überzeugend. Vermutlich dachte der Junge mit der dicken Brille nicht im Traum daran, sich an die Anweisungen von Mrs. Monroe zu halten.

Dazu war er wohl einfach zu wissbegierig.

Und wer schon in aller Seelenruhe im Klassenzimmer sitzen blieb und sein Buch weiterlas, während ein unruhiger Totengeist herumspukte und den Unterricht ganz erheblich störte, der ließ sich wohl auch nicht von ein paar gut gemeinten Ratschlägen davon abhalten, im geheimen Teil der Bibliothek von Saint Morn herumzustöbern.

Einem Bereich, der wahrscheinlich sowieso der viel interessantere Teil war!, ging es Brian durch den Kopf.

Was danach zwischen Alec und Mrs. Monroe besprochen wurde, konnte er leider nicht mehr verstehen, denn jetzt knuffte ihm jemand in die Seite. Es war Rick Sabano.

„Na los, Mister Galway erwartet von mir, dass ich dich etwas herumführe und dir das Zimmer zeige, dass wir uns in nächster Zeit teilen werden. Und jetzt hätte ich etwas Zeit... Bevor wir zum essen gehen müssen...“

„In Ordnung“, antwortete Brian.

„Wo sind deine Sachen? Lass mich raten: Unten im Flur!“

„Genau.“

„Da braucht man kein übersinnliches Talent dazu, um das zu wissen. Mister Galway ändert sich eben nicht...“

„Und bei dir war es genauso?“

„Ja.“

„Wie lange bist du schon hier?“

„Ein paar Wochen. Die meisten Neuen kommen hier ja nicht zum Schuljahresbeginn, sondern irgendwann zwischendurch, sobald mit ihrem Stipendium, alles klar ist und diese ominösen Ritter des Heiligen Lichts zu dem Schluss kommen, dass dein Talent eben stark genug ist, um hier mithalten zu können...“

„Ja, so war es bei mir auch. Es hieß dann, ich sollte keine weitere Zeit verlieren und so schnell wie möglich nach Saint Morn wechseln.“

Sie gingen die Treppe hinunter.

Brians Tasche stand tatsächlich immer noch im Flur und Brian sah zuerst einmal kurz hinein, ob irgend etwas fehlte.

„Das ist Mister Galways erster Test: Hast du genug Vertrauen, um deine Tasche hier stehen zu lassen“, war Rick Sabano überzeugt. „Hier geht das – in Los Angeles wäre sie an jeder öffentlichen Schule längst weg gewesen.“

Brian nahm die Tasche über die Schulter. Dann brachte Rick ihn in den Westflügel, wo sich das Zimmer befand, das sie sich in Zukunft teilen mussten.

Die Einrichtung war einfach, aber zweckmäßig.

Für jeden ein Bett und ein Arbeitsplatz inklusive Laptop. „Alles, was man so braucht, um ein richtiger Streber zu werden!“, meinte Rick. „Aber ganz im ernst, es ist schon ganz in Ordnung hier. Bis auf das Wetter... Ich komme aus Los Angeles und das Surfen an der Westküste, die Sonne und so weiter. Das vermisse ich hier natürlich schon. Und außerdem habe ich das Gefühl, dass selbst die Totengeister hier eine schlechtere Laune haben, als in Kalifornien...“

„Du kannst sie wirklich sehen?“, fragte Brian, der das noch immer nicht so wirklich fassen konnte.

„Klar. Die Seelen ruheloser Toter umgeben uns andauernd. Sie sind überall. Manche sind sehr aufdringlich und man muss ihnen gegenüber ziemlich deutlich werden, um sie zu vertreiben und sich ein bisschen Privatsphäre zu bewahren...“

„Da bin ich aber wirklich froh, dass ich diese Fähigkeit nicht habe!“, gab Brian zurück.

Rick machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach, es gibt Schlimmeres! Glaub mir! Mein Talent ist ja noch nicht mal besonders außergewöhnlich, wenn ich mir so ansehe, womit an dieser Schule andere geschlagen sind...“

„Wen meinst du zum Beispiel? Dieses Mädchen mit dem Zeichen auf der Stirn?“

„Die hätte auf einer normalen Schule bleiben sollen, dann würde das hässliche Ding ja niemand sehen“, glaubte Rick. „Naja, das muss ja jeder selbst wissen. Für mich ist diese Schule hier wahrscheinlich die letzte Rettung...“

„Bei dir auch?“, echote Brian.

„Weißt du, das mit der Geisterseherei hört sich für manche Leute ja recht witzig an, aber das ist es nicht, wie ich dir versichern kann. Allerdings hat es einen Vorteil: Man kann von den Toten eine Menge erfahren, wenn man weiß, wie man sie fragen muss, damit sie auch mit einem sprechen und sich nicht beleidigt abwenden! Und genau das ist mir beinahe zu Verhängnis geworden...“

Brian zuckte mit den Schultern, öffnete seine Tasche und fing damit an, seine wenigen Sachen in den freien Schrank zu räumen.

„Ganz einfach: In L.A. bin ich in eine Gang geraten, die mit Drogen gedealt hat. Und meine Aufgabe war es, immer herauszufinden, wann die Polizei gerade jemanden beobachtet und eine Razzia plant... Du glaubst ja gar nicht, wie viele Totengeister im Hauptgebäude des Police Departments herumlaufen! Naja, aber aus der Nummer bin ich raus...“

„Hast du schon einmal was über Werwölfe hier in der Gegend gehört?“, fragte Brian plötzlich.

„Meinst du das, was die Toten flüstern – oder etwas, was einem die Lehrer erzählen, von denen der eine oder andere auch schon gewisse Ähnlichkeiten mit einer Mumie hat?“

„Egal.“

Rick Sabanos Augen wurden schmal. „Das Thema hat dich vorhin im Unterricht schon besonders interessiert, nicht wahr?“

„Nachdem ich auf dem Weg hier her einen Werwolf-Angriff überstehen musste, ist das doch vielleicht verständlich, oder?“

Rick Sabano sah Brian ziemlich fassungslos an. „Ist das jetzt dein Ernst, oder wolltest du nur mal sehen, wie ich dumm aus der Wäsche schaue“, fragte er dann.

„Es ist mein Ernst.“

„Dann wird uns Mister Galway mit Sicherheit in Kürze eine kleine Ansprache halten und uns dazu auffordern, die Augen offen zu halten, falls wir irgend etwas Ungewöhnliches bemerken sollten.“ Rick zuckte mit den Schultern. „So läuft das hier eben. Unsere Lehrer sind überwiegend Angehörige dieser so genannten Ritter des Heiligen Lichts und erwarten von uns ja wohl auch mehr oder weniger stillschweigend, dass wir unsere Talente dazu benutzen, den Mächten der Finsternis entgegenzutreten!“

Brian grinste. „Übles dem Übel“, zitierte er das Schulmotto.

„Genau!“, nickte Rick.

„Naja, dann hast du schon eine ganz beachtliche Karriere hinter dir – vom Mitglied einer Drogengang in Los Angeles zu einem Kämpfer für die Mächte des Lichts! Alle Achtung. Das muss ich dir erstmal nachmachen...“

Rick sah auf die Uhr.

„Wir müssen jetzt in den Speisesaal und vor dem Essen soll ich dich eigentlich noch ein bisschen herumgeführt haben, damit du dich hier einigermaßen auskennst...“

Brian hatte soeben das Laptop geöffnet und hochfahren lassen. Vielleicht war es ja gut genug, um damit nicht nur arbeiten, sondern auch spielen zu können. Es wählte sich jedenfalls automatisch in das W-Lan-Netz von Saint Morn ein, sodass man sofort im Netz war, wenn man wollte.

Plötzlich ging ein Ruck durch Brian.

Er hörte die Stimme seines Zimmerpartners wie aus weiter Ferne. Stattdessen drängten sich ihm plötzlich Bilder auf, die er vor seinem inneren Auge sah, ohne dass er sich dagegen wehren konnte.

Eine Vision!, war ihm sofort klar.

Er sah Deputy Sheriff Meyers, der von dem Wolfsangriff auf der Lichtung verletzt worden war. Allerdings trug er nicht seine Uniform, sondern eine normale Jeans und ein T-Shirt und befand sich offenbar in seinen eigenen vier Wänden. Vorsichtig betastete er den Brustkorb, wo er verletzt worden war. Am Hals schaute der Verband etwas hervor, den man ihm offenbar angelegt hatte. Das Telefon klingelte.

„Hallo? Nein, nein, Chief, klar komme ich wieder zum Dienst. Es ist halb so schlimm. Und der Arzt wird jetzt noch eine Blutuntersuchung oder so etwas machen, um auszuschließen, dass mir dieses Biest irgendeine Krankheit übertragen hat. Tollwut oder so etwas in der Richtung.“ Er sagte dann ein paar Augenblicke nichts, sondern hörte nur zu. „Okay, dann bis morgen“, sagte er und beendete er das Gespräch.“ Er ging ins Bad, zog sich das T-Shirt aus. Mit einem Knurren riss er sich den Verband von der Haut herunter.

Die Wunden, die er durch den Wolf davongetragen hatte, waren vollkommen verheilt.

Stattdessen wucherte dort jetzt ein dichtes Wolfsfell...

Brian spürte einen Schlag auf seiner Schulter.

„Heh, was ist los mit dir?“, fragte ihn Rick eindringlich. „Du wirkst ja richtig weggetreten!“

„Tut mir leid.“

„Ist dir nicht gut oder was?“

Brian schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er. „Das ist etwas, was mit meiner Begabung zu tun hat...“ 

15.

Ricks Vorhersage, was eine Ansprache von Mister Galway betraf, traf schon ein, kurz nachdem Brian und Rick den Speisesaal von Saint Morn erreicht hatten.

Brian entdeckte Rebecca und Nora und wollte sich zu ihnen setzen, aber Rick hielt ihn zurück.

„Ich würde mich von Nora fernhalten“, meinte er.

„Wieso das denn?“, wunderte sich Brian.

„Weil sie manchmal Gedanken liest.“

„Oh...“

„Es sei denn, du schaffst es irgendwie, dich dagegen abzuschirmen. Keine Ahnung, wie ausgeprägt deine Begabung ist, aber eigentlich müsstest du das hinbekommen.“

Sie setzten sich dann trotzdem zu Rebecca und Nora, denn Mister Galway drängte darauf anzufangen, sodass innerhalb weniger Augenblicke auch gar nicht mehr viele Plätze frei waren.

Brian bemerkte am Nachtbartisch auch Alec Murphy, der unter dem Tisch in einem Buch blätterte und wie üblich ziemlich in sich versunken wirkte.

„Mal wieder typisch!“, meinte Rick. „Aber auch wenn er etwas verschroben wirkt, er ist ein netter Kerl. Und er kennt wirklich einen guten Zauberspruch gegen Kopfschmerzen. Wenn du also mal mit einem schweren Kopf aufwachst, ist er die richtige Adresse...“

Sie setzten sich.

Mister Galway räusperte sich.

Brian bemerkte, dass er Ohrenstöpsel trug.

„Wir haben höchstwahrscheinlich Werwölfe in der Gegend“, erklärte er. „Ein Mann wurde von ihnen getötet und ich fürchte, es wird noch weitere Opfer geben. Diejenigen unter euch, die schon länger hier sind, haben vielleicht schon im Unterricht von den Werwolf-Plagen gehört, die es immer wieder in dieser Gegend gegeben hat. Ich habe alle Lehrer angewiesen, dieses Thema im Unterricht vorrangig zu behandeln. Glücklicherweise lassen sich Werwölfe mit Hilfe eurer Talente häufig erkennen und manchmal sogar abwehren. Ich kann euch nur den Rat geben, nicht nur die Augen auf zu machen, sondern auch diejenigen Sinne zu nutzen, derentwegen ihr hier in Saint Morn seid... Gibt es noch irgendwelche drängenden Fragen?“

„Ja, ich hätte eine Frage“, meldete sich Brian.

„Bitte“, sagte Mister Galway.

„Was ist, wenn jemand von einem Werwolf verletzt wird? Ist es möglich, dass er sich dann selbst in eine solche Bestie verwandelt?“

Mister Galway nickte langsam.

„Ja, das ist durchaus möglich. Es liegt allerdings an jedem selbst, das zu verhindern.“

„Wie soll man diese Verwandlung verhindern?“, hakte Brian sofort nach.

„Durch Willenskraft. Anders geht es nicht. Nur jemand, der innerlich zu schwach ist, sich gegen die Verwandlung zu wehren, wird am Ende tatsächlich auch zum Werwolf, wobei das durchaus nicht immer geschieht. Es gibt so viele verschiedene Stämme von Werwölfen, dass es fast keine allgemeingültigen Regeln gibt.“ Mister Galway ließ den Blick durch den Raum schweifen. „Sollte jemand von sich glauben, dass er persönlich von dem Problem betroffen ist, dann soll er sich bitte sofort bei mir melden... Und ansonsten werdet ihr im Unterricht lernen, wie ihr eure Kräfte gegen einen Werwolf-Angriff einsetzen könnt. Allerdings gibt es da wohl auch keine allgemeingültigen Regeln. Schließlich ist bei jedem von euch die Begabung sehr unterschiedlich – sowohl in der Stärke, als auch in der Ausprägung. Letztlich wird also jeder selbst herausfinden müssen, was mit seinen speziellen Fähigkeiten funktioniert und was nicht...“

Brian ertappte sich dabei, wie er sich an der Hand und am Unterarm rieb, weil ihn dort plötzlich etwas juckte. Seit Rebecca ihre Heilfähigkeiten eingesetzt hatte, war von den Schrammen nichts mehr zu sehen, die er sich während des Aufenthalts im Wald geholt hatte.

Allerdings begann er sich jetzt zu fragen, ob er sich diese Schrammen tatsächlich durch Äste und Gestrüpp geholt hatte, oder nicht vielmehr doch beim Kampf mit dem Werwolf. Kann ja sein, dass ich es im Eifer des Gefechts gar nicht gemerkt habe!, ging es ihm durch den Kopf und ein ziemlich mulmiges Gefühl machte sich daraufhin in seiner Magengegend bemerkbar.

„Sir, ich habe noch eine weitere Frage“, sagte Brian.

„Bitte! Aber nur,wenn sie in allgemeinen Interesse ist. Alles andere besprecht ihr bitte im jeweiligen Klassenverband mit euren Lehrern!“

„Es geht um Deputy Sheriff Meyers. Als Mister Smith und ich ihn auf der Lichtung fanden, wo wir den Werwölfen begegneten, da war Meyers schwer verletzt worden und...“

„Und du glaubst, dass er sich in einen Werwolf verwandeln könnte?“, schloss Mister Galway.

„Ich weiß es“, antwortete Brian. Er schluckte, als er das sagte und dabei die Aufmerksamkeit aller auf sich gerichtet fühlte. „Meine Güte, ich will mich hier nicht wichtig machen oder so, aber ich weiß es einfach, dass er sich entweder schon verwandelt hat oder dies in Kürze tun wird. Solche Dinge sehe ich nunmal und man sollte seine Kollegen warnen!“

Gemurmel erfüllte nun den Raum, bis Mister Galway schließlich wieder die Ruhe herstellte. Seltsamerweise brauchte er dazu nicht einmal zu schreien, wie Brian es von anderen Lehrern in solchen Situationen eigentlich eher gewohnt war. Ja, er sagte nicht einmal ein Wort, sondern machte einfach nur ein Handzeichen. Dazu ein Blick ließ keinen Zweifel an dem, was er wollte. „Wenn ihr die Güte hättet, erst Lärm zu machen, wenn ich meine Ohrstöpsel wieder hineingesteckt habe“, sagte er dann mit einem leicht gequälten Gesichtsausdruck. „Da wäre ich euch wirklich ausgesprochen dankbar. Und nun zu deiner Frage, Brian. Mister Smith hat mich darüber auch schon informiert. Auch wenn er frei von einem übersinnlichen Talent ist, hat er in den letzten Jahren hier in Saint Morn doch genug über diese Dinge mitbekommen, um zu wissen, was Werwolf-Verletzungen anrichten können. Nun ist es so, dass die Lykanthropie, also der Drang sich in einen Wolf zu verwandeln, nicht bei jeder Verletzung übertragen wird, sondern nur dann, wenn Blut oder Speichel so übertragen werden, das sie in die Blutbahn des Opfers gelangen. Das ist längst nicht immer der Fall. Allerdings... habe ich dem Sheriff Bescheid gegeben und ihn gewarnt. Und einige von euch, die heute bei Mister Van Ray Unterricht gehabt hätten, werden sich vielleicht darüber gewundert haben, dass die Stunde ausgefallen ist.“

Hier und da grinste jemand.

Es wurden sich ein paar Bemerkungen zugeflüstert.

Nur geflüstert, aber wenn Mister Galway im Raum war, war auch das schon zu laut.

„Das ist nicht nett, was du da gerade gesagt hast, Nora Baily und ich hoffe, dass niemand so etwas Ähnliches über dich sagt!“, erklärte Galway.

Nora Baily wurde puterrot.

„Jetzt hätte ich aber auch zu gern gewusst, was du gesagt hast!“, grinste Rick Sabano.

Nora verzog das Gesicht und das Zeichen auf ihrer Stirn trat jetzt – zumindest für Brians Augen – noch sehr viel deutlicher hervor, als sonst. „Ich erzähl es dir später!“, murmelte sie.

„Nein, ganz bestimmt wirst du das nicht tun!“, fuhr Mister Galway dazwischen. „Sondern du wirst es für dich behalten und hoffen, dass schon die erste Version möglichst niemand gehört hat.“ Mister Galway machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: „Mister Van Ray kennt sich mit Bannsprüchen und dergleichen aus, wie ihr aus seinem Unterricht wisst – und darüber hinaus ist er auch ein Experte für die Werwolf-Plagen, die es hier in der Vergangenheit schon gegeben hat. Er wollte überprüfen, ob von Meyers eine Gefahr ausgeht – aber der war schon nicht mehr auffindbar... Wir müssen also damit rechnen, dass er bereits zur anderen Seite gehört!“

16.

In den nächsten Unterrichtsstunden, die nach dem Essen noch folgten, war das vorherrschende Thema die Abwehr eines Werwolf-Angriffs. Brian stand dabei natürlich im Mittelpunkt, denn schließlich hatte er es geschafft, sogar zwei der Bestien gleichzeitig abzuwehren.

„Ich kann nicht wirklich etwas darüber sagen, wie ich das gemacht habe“, sagte er. „Ich habe einfach meine Gabe eingesetzt. So wie jemand, der ins Wasser geworfen wird, mit den Armen strampelt, damit er nicht ertrinkt. Anders kann ich es nicht erklären.“

„Genau deswegen bist du hier – um deine Kräfte mit der Zeit immer bewusster einzusetzen und nicht nur nach dem Zufallsprinzip“, sagte daraufhin Mister Fletcher, ein freundlicher alter Mann mit sehr buschigen Augenbrauen und einem krummen Rücken. Angeblich war er bereits mehr als hundertdreißig Jahre alt und hatte ein ganzes Jahr in einem tibetischen Tempel verbracht, ohne zu essen oder zu trinken. „Seht mich an“, sagte Mister Fletcher. „Ich habe das Talent, meinen Stoffwechsel vollkommen zu beherrschen. Notfalls kann ich meine Körperfunktionen so stark herunterfahren, wie es im tiefgefrorenem Zustand der Fall wäre. Anfangs war das durchaus problematisch. Ich hatte ein Zimmer in New York gemietet. Das muss noch vor dem ersten Weltkrieg gewesen sein. Ich fiel in eine Art Starre und als meine Miete zwei Monate überfällig war, hat jemand nach mir gesehen. Man hat mich erst für tot gehalten und ich kann von Glück sagen, dass ich nicht unter der Erde gelandet bin. Wenn ich nicht zufällig aus meinem Zustand erwacht wäre, als ich schon in der Leichenhalle lag, würde ich jetzt wohl nicht vor euch stehen! Also habe ich mir gesagt: So etwas wird dir nicht nochmal passieren. Ob man scheintot oder lebendig ist, überlässt man nicht einfach dem Zufall, sondern das muss man selbst beherrschen, dann vermeidet man solche Schwierigkeiten. Naja, und ihr seht ja: Ich bin immer noch da!“

„Und was würdet Ihr dann gegen einen Werwolf-Angriff machen, Muster Fletcher?“, fragte Alec Murphy. „Ich habe in der magischen Literatur unserer Bibliothek hunderte von Methoden dazu gefunden, aber irgendwie ist die Wirksamkeit bei mindestens neunzig Prozent davon zweifelhaft.“

„Hm“, knurrte Mister Fletcher. „Als fest seht, dass ihr es nicht einfach Brian nachmachen könnt, wenn euer jeweiliges Talent nicht auch so ähnlich ausgeprägt ist. Aber jeder von euch hat besondere Fähigkeiten und Kräfte, und die muss er dann ganz gezielt einsetzen.“

„Ich meinte durchaus Sie ganz persönlich, Mister Fletcher. Was würden Sie tun, wen Ihnen eine solche Bestie begegnen würde?“

„Die Geister fragen“, murmelte Rick Sabano vor sich hin – und da es in diesem Moment gerade ziemlich ruhig im Klassenraum war, hörte man seine Worte laut und deutlich, was er offenbar gar nicht beabsichtigt hatte.

„Keine schlechte Idee“, lobte Mister Fletcher. „Aber da Alec mich danach gefragt hat, was ich ganz persönlich tun würde, will ich der Frage nicht ausweichen: Ich würde es spüren, wenn Werwolf-Blut oder -speichel in meinem Körper wäre. Sofort! Ich spüre schon die ersten Krankheitserreger einer beginnenden Erkältung und kann meine Immunabwehr bewusst darauf konzentrieren, sodass ich gar nicht erst krank werde. Bei dem, was für den Ausbruch der Lykanthropie verantwortlich ist, ist das etwas schwieriger. Aber eine einfache Methode wäre es, dieses Gift schnell durch die Haut herausbluten zu lassen. Es gibt keine Wunde dabei. Ich habe das schon in einem anderen Fall mal durchgeführt...“

„Dann sind Sie ja in der persönlich sehr beneidenswerten Lage, vor Werwölfen sicher zu sein“, meinte Rebecca McKee.

„Nur davor, verwandelt zu werden“, erwiderte Fletcher. „Leider nicht davor, dass mich eine dieser Bestien einfach zerreißt und einen Teil davon zum Abendbrot verspeist. Darum ist auch mein wichtigster Rat: Geht ihnen aus dem Weg!“ Fletcher wandte sich nochmal Rick Sabano zu. „Und ich würde mit dir wetten, Rick, dass dir die Geister der Toten in diesem Punkt zustimmen würden!“

Rick nickte.

„Exakt so ist es“, nickte er.

„Man könne ja fast meinen, du und Mister Fletcher, ihr hättet mit denselben Geistern gesprochen!“, grinste Nora Baily.

17.

Am späten Nachmittag fuhr Sheriff Clancy mit seinem Dienstwagen auf dem Gelände des Internats vor.

Er wollte mit Brian sprechen und eine Aussage aufnehmen. Dazu ließ er ein Aufnahmegerät laufen.

Stirnrunzelnd ließ Clancy sich die Geschehnisse von Anfang an schildern.

„Ist übrigens Depuity Meyers schon wieder aufgetaucht?“, fragte Brian schließlich, nachdem er alles zu Protokoll gegeben hatte.

„Brian...“

„Sir, er hat sich bereits in einen Werwolf verwandelt und wird es wieder tun. Wenn er Ihnen begegnet, müssen Sie auf der Hut sein. Diese Wölfe sind sehr schwer zu töten. Denken Sie nur daran, wie viele Kugeln Meyers auf diese Ungeheuer abgefeuert hat, ohne dass er sie damit auch nur fortjagen konnte!“

„Hör mal, ich bin ja einiges gewohnt von den Schülern, die auf die Mystic High School in Saint Morn gehen. Und für die Lehrer gilt dasselbe! Eine solche Häufung eigenartiger Fälle, wie sie sich in meinem County in den letzten Jahren  zugetragen hat, dürfte es nirgendwo sonst in den Vereinigten Staaten oder sonstwo auf der Welt geben, abgesehen vielleicht von den verschwundenen Schiffen im Bermuda-Dreieck! Aber das heißt nicht, dass ich sofort jede Legende glaube, die irgendwer über ein paar offenbar sehr große Wölfe erzählt! Wir wissen noch nicht einmal mit Sicherheit, ob es Werwölfe sind. Niemand hat sie bei ihrer Verwandlung gesehen. Und so sehr ich auch deinen Lehrern glauben schenken möchte, weil in der Vergangenheit schon des öfteren Fälle gab, in denen...“

„Ich habe die Verwandlung gesehen“, behauptete Brian.

Sheriff Clancy stutzte. „Wann und wo?“

„Es war... in einer Vision! Aber ich weiß, dass es geschehen ist, so als wäre ich selbst dabei gewesen!“

„Soll ich das in mein Protokoll schreiben“, fragte Clancy und schaltete das Aufnahmegerät ab. „Hör zu. Ich weiß, das dies keine Schule wie jede andere ist und Mister Galway hat mich, was meinen Deputy angeht auch gewarnt. Aber ich kann da nichts tun!“

„Doch! Fahren Sie mit mir zu ihm nach Hause. Manchmal kann ich dann mehr erspüren, wenn ich an dem Ort bin, an dem etwas geschehen ist.“

Clancy runzelte die Stirn.

„Meinst du, du kannst herausfinden, wo Meyers ist?“

„Möglich. Garantieren kann ich es nicht. „

„Als gut. Ich werde mit deinem Schulleiter reden, aber ich nehme an, dass er nichts dagegen hat.“

„Noch etwas“, sagte Brian. „Ich möchte, dass noch jemand mitkommt.

„Wer?“, fragte Clancy.

„Kann ich Ihnen sagen, wenn ich sie überredet habe.“

18.

Brian fand Rebecca McKee zusammen mit Nora Baily in einem der Aufenthaltsräume, die es in der Mystic High School von Saint Morn gab. Ein paar Billardtische standen dort – und ein Hinweisschild, dass das Spielen nur ohne Anwendung übersinnlicher Kräfte erlaubt sei.

„Schade!“, murmelte Brian, nachdem er das Schild gelesen hatte. Telekinese war schließlich wie geschaffen für das Billardspiel. Brian hatte sogar schon mal ein kleineres Turnier auf diese Weise gewonnen und ein gutes Preisgeld eingestrichen. Allerdings hatte es hinterher ziemlich viel Ärger und eine ausgewachsene Schlägerei gegeben, weil Brian etwas zu dreist gewesen war und die Kugeln in einer sehr stark geschwungenen Bahn über den Tisch hatte ziehen lassen. Eine Bahn, die durch physikalische Kräfte nicht zu erklären war! Seitdem ließ Brian von solche Sachen lieber die Finger.

„Ich glaube, es hat da ein paar üble Unfälle von ein paar Unterstufenschülern gegeben, sie ihre Kräfte nicht richtig kontrollieren konnten und dann mit den Kugeln die Fenster immer wieder zertrümmert haben, sodass die Glaser von Saint Morn quasi Dauergäste in der High School waren“, meinte Nora Baily. „Seitdem ist diesen Schild hier!“

„Naja, hier ist es wohl wie überall – alles, was wirklich Spaß macht, ist verboten!“

„Na, es gibt doch noch andere Möglichkeiten, seine Zeit zu verbringen, als nur ein paar Kugeln über einen Tisch zu schieben!“, meinte sie mit einem gekonnten Augenaufschlag.

Brian wandte sich an Rebecca. „Können wir mal kurz reden?“

„Ja sicher.“

„Ja, wenn das so privat ist, will ich natürlich nicht stören!“, meinte Nora und rauschte davon. „Ich werde dann mal zu Alec gehen, der wird sicher ein paar interessante Literatur-Tipps für mein Referat in Geschichte der magischen Beeinflussung haben...“

„Was ist denn los, Brian? Du machst es ja ziemlich dramatisch“, fand Rebecca.

„Es geht um die Werwölfe. Der Sheriff will mit mir zum Haus eines Deputies fahren. Vielleicht bekommen wir heraus, wo er geblieben ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich auch dann mit Deputy Meyers fertig werde, wenn er sich in einen Wolf verwandelt hat und wir ihm begegnen – aber niemand kann natürlich garantieren, dass nicht doch jemand verletzt wird. Aber du hast ja diese heilenden Hände oder wie immer du das mit meinen Kratzern hingekriegt hast!“

Sie sah ihn an. Dann lächelte sie.

„Ich komme gerne mit“ sagte sie.

19.

Rebecca und Brian setzten sich auf die Rückbank von Sheriff Clancys Einsatzwagen, einem Chevrolet.

Mit Mister Galway hatte Clancy alles geregelt.

„Lohnt sich eigentlich kaum, sich in den Wagen zu setzen, wenn man in den Ort will!“, meinte Rebecca. „Das ist weniger, als ich früher bis zur nächsten U-Bahnstation laufen musste!“

„Meyers wohnt ein paar Meilen weiter draußen“, meinte Clancy. „Er hat das Haus geerbt.“

„Wann haben Sie übrigens mit ihm telefoniert?“, fragte Brian.

„Wie bitte?“

„Sie haben ihn doch angerufen und er meinte, dass er morgen wieder zum Dienst kommen kann.“

„Wie kannst du das wissen?“

„Ich weiß es eben... So wie ich auch weiß, dass Meyers sich in einen Werwolf verwandelt!“

„Das ist gegen Mittag gewesen.“

Auf dem Weg zu Meyer Haus fuhren sie durch den direkt an der Küste gelegenen Ort Saint Morn mit seinem beschaulichen Hafen, der verwitterten Kirche und den wenigen Geschäften und der malerische Küstenpromenade.

„Ein Ort, an dem alte Leute angeln gehen“, seufzte Rebecca.

„Naja, das pralle Leben dürft ihr hier nicht erwarten“, meinte Clancy. „Aber Ruhe und Frieden leider auch nicht. Glaubt mir, ich bin seit viele Jahren der County Sheriff und weiß was hier los ist...“

Rebecca blies sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und verdrehte die Augen. „Ob das hier wirklich das Richtige für mich ist, muss ich noch sehen“, meinte sie.

„Wenigstens gibt es hier ein Kino!“, stellte Brian überrascht fest.

Als sie dann die Küstenstraße weiter entlang fuhren, fiel ihm auf einem Parkplatz mehrere Motorradfahrer auf. Sie hatten ihre Maschinen abgestellt. Von dem Parkplatz aus hatte man einen weiträumigen Blick über das Meer und die Klippen.

Einer der Motorradfahrer fiel Brian sofort ins Auge: Groß, mit langem, über die Schultern fallenden grauem Haar und einem bis zum Boden reichenden Ledermantel. Als der Kerl sich umdrehte, waren die ausgesprochen buschigen Augenbrauen und der dichte Backenbart zu sehen, der seinem Gesicht etwas Tierhaftes gab.

Der Kerl aus meiner Vision!, durchfuhr es Brian. Er war sich absolut sicher: Dies war der Mann, der sich in den Werwolf mit den grauen Strähnen verwandelt hatte – jenes Ungeheuer, das ihm zusammen mit einer weiteren Bestie auch auf der Lichtung im Wald begegnet war.

Schon war Sheriff Clancy an dem Parkplatz vorbeigefahren. Brian drehte sich um.

Der Mann mit dem Ledermantel sah ihnen nach. Ein schiefes Grinsen spielte um seinen schmallippigen Mund. Und für einen kurzen Moment glaubte Brian, ein rötliches Leuchten in seinen Augen aufblitzen zu sehen.

„Anhalten!“, konnte Brian nur herausbringen.

„Was ist denn los mit dir?“, fragte Rebecca. „Du wirkst ja plötzlich wie von der Tarantel gestochen!“

„Sheriff, halten Sie an und drehen Sie um!“, verlangte Brian noch einmal nachdrücklich.

Der Parkplatz war unterdessen bereits hinter der nächsten Kurve verschwunden. Die Straße machte jetzt eine Biegung und führte wieder mehr ins Landesinnere.

„Wenn du mir einen guten Grund dafür nennen kannst, mache ich gerne alles, was du sagst! Aber weshalb um alles in der Welt soll ich jetzt umdrehen. Wir wollen doch zu Meyers' Haus!“

„Da können wir immer noch hin!“

„Ist das plötzlich nicht mehr so wichtig für dich? Ich muss gestehen, du bist mir ein wenig arg sprunghaft!“

„Sheriff! Haben Sie die Motorradfahrer gerade gesehen?“

„Natürlich. Das ist eine landschaftlich schöne Gegend hier, da kommen die in Scharen, um hier mit ihren Harleys die Straßen unsicher zu machen. Gerade die Straße an der Küste ist sehr beliebt. Leider kann nicht jeder von diesen Freizeit-Rockern mit seiner Maschine auch wirklich gut genug umgehen, um sie richtig zu beherrschen und so haben wir bei gutem Wetter immer eine Menge mit Unfällen zu tun, in die diese Biker verwickelt sind. Was glaubst du, wie viele sich schon an den Klippen zu Tode gestürzt haben, weil sie die Kurve nicht richtig gekriegt haben!“

„Einer der Typen da vorne ist ein Werwolf!“, behauptete Brian. „Bitte drehen Sie um.“

„Du willst mich nicht etwa auf den Arm nehmen, oder?“

„Ich weiß es einfach.“

„So wie du wusstest, was mir Meyers am Telefon gesagt hat?“

„Genau!“

Sheriff Clancy bremste und hielt an. Er atmete tief durch. „Als ich hier her kam und zum ersten Mal zum Sheriff gewählt wurde, dachte ich, es bestenfalls mit ein paar Geschwindigkeitsübertretungen zu tun zu haben. Nichtmal Kaufhausdiebe kann es hier geben, weil es ja kein Kaufhaus gibt... Ich habe mich anscheinend gründlich getäuscht.“ Er drehte den Wagen auf der Straße und fuhr zurück, wie Brian es  gesagt hatte. „Und was machen wir mit dem Kerl? Ich kann ihm ja wohl schlecht sagen, dass ich ihn verhafte, weil ein Schüler der hiesigen High School ihn für einen Werwolf hält!“

„Er und der zweite, schwarzhaarige Wolf, der bei ihm war, haben den Fahrer des Van getötet!“, erinnerte ihn Brian. „Wenn das kein Grund ist, um etwas zu unternehmen, dann weiß ich es auch nicht...“

Wenig später erreichten sie den Parkplatz.

Von den Motorradfahrern war nichts mehr zu sehen.

„Scheint, als kämen wir leider zu spät“, meinte Sheriff Clancy.

„Trotzdem, fahren Sie auf den Parkplatz. Vielleicht kann ich doch noch etwas herausfinden...“, beharrte Brian.

„Glaubst du wirklich, dass das zu was führt?“, mischte sich nun Rebecca skeptisch ein.

„Vertrau mir.“

20.

Clancy fuhr den Chevrolet auf den Parkplatz. Brian wartete kaum ab, bis der Wagen stand und öffnete bereits die Tür. Er blickte sich suchend um. Ein paar Bremsspuren von Motorrädern waren auf dem Asphalt zu sehen. Das nahe Meer rauschte und die Wellen schlugen unablässig gegen die Klippen.

Brian sah die Gruppe der Motorradfahrer noch einmal vor sich – den Grauhaarigen mit dem Ledermantel, der still in sich hineinlachte. Neben ihm ein Mann mit schwarzem, sehr dichtem Haarschopf, der eine Lederjacke mit einem aufgenähten Totenkopf trug. Der Schwarzhaarige blähte die Nasenflügel und schnüffelte wie ein Tier, das Witterung aufnahm. Brian hörte sogar ihre Stimmen.

„Der Plan des Gehörnten tritt nun in seine entscheidende Phase“, sagte der Grauhaarige. „Aber die Ritter des Heiligen Lichts mit ihrer Schule stehen uns im Weg... Nehmt euch vor ihren Kräften in Acht!“

„Einer von ihnen wird uns helfen...“, sagte der Schwarzhaarige. „Es dauert nur noch ein bisschen, dann...“

Den Rest konnte Brian nicht verstehen. Die Vision war zu Ende und so sehr er sich auch darum bemühte, mehr zu sehen, so wusste er doch aus Erfahrung, dass sich das nicht erzwingen ließ.

Wenn Mister Fletcher davon sprach, die Kräfte bewusst einzusetzen, dann hörte sich das alles sehr leicht an. Aber die Wirklichkeit sah leider anders aus und Brian ahnte, dass da wohl noch ein weiter Weg vor ihm lag, ehe er seine Fähigkeiten so kontrollieren konnte, wie es Mister Fletcher  vorschwebte.

Die Worte des Schwarzhaarigen klangen immer wieder in Brians Kopf wieder. „Einer von ihnen wird uns helfen...“ Wer konnte damit gemeint sein? Brian dachte sofort an die Kratzer, die er nach seinen Erlebnissen auf der Lichtung davongetragen hatte. Bin ich gemeint? Rechnen diese Bestien damit, dass ich mich in Kürze verwandeln werde?, durchfuhr es ihn.

Brian zuckte regelrecht zusammen, als ihn etwas an der Schulter berührte.

Erst einen Moment später begriff er, dass es nur Rebeccas Hand war.

„Hey, was ist los mit dir?“, fragte sie.

„Alles in Ordnung.“

„Sieht mir aber nicht so aus. Du siehst bleich wie die Wand aus.“

„Es ist alles in Ordnung“, beharrte er nochmal. „Leider kann ich im Moment nichts erkennen.“ Er wandte sich an den Sheriff. „Diese Type würde ich an Ihrer Stelle im Auge behalten!“

„Ehrlich gesagt hoffe ich, dass die inzwischen über alle Berge sind und wir hier in Saint Morn keinen Ärger mehr mit ihnen bekommen“, meinte Clancy.

Aber das würde nicht geschehen.

Da war Brian sich vollkommen sicher.

21.

Sie erreichten schließlich doch noch Meyers Haus. Sheriff Clancy stieg aus, Rebecca und Brian folgten seinem Beispiel. Das Haus lag am Waldrand. Ein alter Ford stand vor dem Haus.  Und außerdem noch sein Dienstfahrzeug. Den Ford benutzte er wohl privat, aber er hatte schon einiges an Rost angesetzt. Brian vermutete, dass Meyers wohl überwiegend seinen Dienstwagen auch privat benutzte.

Eigentlich sprach alles dafür, dass er nicht weit weg sein konnte.

Clancy machte sich gar nicht erst die Mühe, zur Haustür zu gehen. „Die Klingel funktioniert nicht mehr und die Haustür benutzt er sowieso nicht“, meinte der Sheriff. „Bei ihm geht es immer hinten über die Veranda rein und raus.“

Die Tür, die auf die Veranda hinausführte, war nicht abgeschlossen.

Aber das schien Clancy nicht im mindesten zu verwundern.

„Ist das normal, dass man hier seine Tür nicht abschließt?“, wunderte sich Brian.

„Das machen viele Leute hier“, sagte Clancy. „Hier kennt doch jeder jeden. Und davon abgesehen liegt dieses Haus ohnehin so einsam, dass ein Einbrecher alle Zeit der Welt hätte, die Tür aufzubrechen, wenn er das wollte. Und dann hat man zusätzlich zum geraubten Eigentum auch noch eine kaputte Tür als Schaden!“

„Na, fassungslos über die Sitten der hinterweltlerischen Eingeborenen?“, lachte Rebecca.

„Also auf jeden Fall ist Deputy Meyers der Erste, den ich kenne, bei dem es offenbar die Polizei nicht wundert, dass seine Tür nicht abgeschlossen ist“, bekannte Brian.

Das Innere des Hauses sah genau so aus wie Brian es in seiner Vision gesehen hatte. Die Bilder kamen ihm nochmal wieder vor Augen.

„Da sind Haare auf der Couch“, stellte Rebecca fest. Mit Daumen und Zeigefinger nahm sie die Haare und hielt sie ins Licht. „Ich kann es spüren...“, murmelte sie dann.

„Was?“, fragte Brian.

„Die Aura des Bösen“, sagte sie.

„Dann sind das die Haare eines Werwolfs!“

„Ja, das wäre gut möglich.“

Clancy hatte derweil die anderen Räume betreten und sich überall umgesehen. „Also er ist definitiv nicht hier“, sagte  er, nachdem er ins Wohnzimmer zurückgekehrt war. „In der Küche liegt Meyers Katze – oder besser gesagt das, was von ihr übrig geblieben ist!“

„Lassen Sie mich mal sehen“, verlangte Brian.

„Die Tür im Flur rechts. Tritt nicht in das Blut...“

Brian ging an Sheriff Clancy vorbei, Rebecca folgte ihm.

In der Küche sahen sie das, was von der Katze übrig geblieben war. Im Wesentlichen war das der Kopf und ein Teil vom Fell. Überall war Blut. Die Bestie hatte die Katze regelrecht zerfetzt.

Spuren waren zu sehen, die eindeutig nach den Wolfspfoten aussahen. Das verwandelte Ungeheuer war offenbar mehrfach durch das Blut gelaufen.

Ein Fenster stand offen.

An den Spuren konnte man sehen, dass der Wolf zuerst auf die Ablage neben der Spüle gesprungen und dann gleich weiter durch das Fenster hinausgehechtet war. Für Sekundenbruchteile sah Brian den Kampf, der sich hier abgespielt hatte vor sich. Die Katze hatte keine Chance gehabt, dieser riesenhaften und sehr schnellen Bestie zu entkommen.

Ein einziger Schlag mit der Vorderpfote hatte sie bereits betäubt. Von dem, was dann geschehen war, hatte sie wohl schon nicht mehr gespürt.

Clancy tauchte hinter Brian und Rebecca auf. „Keinen Schritt weiter, ich werde gleich ein paar Fotos davon machen. Für die Akte...“ Clancy schüttelte den Kopf. „Meyers hat sehr an seiner Katze gehangen...“

„Aber er war es“, stellte Brian fest. „Das steht für mich so fest, wie das Amen in der Kirche.“

22.

Ein Geräusch ließ sie alle zusammenzucken. Jemand kam durch die Verandatür.

Rebecca und Brian wechselten einen kurzen Blick.

Das konnte eigentlich nur Meyers sein.

Ein knurrender Laut war einen Moment später zu hören - und sehr heftiges Atmen, das eher an ein Tier, als an einen Menschen erinnerte. Die Schritte hingegen schienen menschlich zu sein.

„Meyers, sind Sie das?“, fragte Clancy.

Keine Antwort.

Stattdessen war nur ein Schnüffeln zu hören.

Clancy zog seinen Dienstrevolver, aber ehe der Sheriff sich versah, drängte Brian sich an ihm vorbei. Schließlich hatte er ja erlebt, wie wenig Schusswaffen gegen einen Werwolf letztlich auszurichten vermochten. Brian hingegen glaubte zu wissen, was er tun musste.

Als er das Wohnzimmer erreichte, stand Deputy Meyers dort. Er sog auf eine sehr seltsame Weise die Luft durch die Nase und fletschte die Zähne. Als er Brian sah, hörte das abrupt auf. Meyers hatte keineswegs eine Werwolf-Gestalt angenommen. Vielleicht hat er sich gerade zurückverwandelt!, ging es Brian durch den Kopf. Auf jeden Fall war seine Sheriff-Uniform ziemlich schmutzig. So als wäre er auf allen Vieren durch die Büsche gekrochen!, dachte Brian.

Die Haare waren wirr, die Augen weit aufgerissen.

„Meyers!“, rief Clancy, als im nächsten Moment auch der Sheriff und Rebecca ins Wohnzimmer zurückkehrten. „Was ist los mit Ihnen? Sie wurden schon gesucht!“

Meyers gab keine Antwort. Stattdessen bewegte er sich taumelnd einen Schritt nach vorn. Er schwitzte wie jemand, der einen Marathonlauf hinter sich hatte und rang förmlich nach Atem. Dann ließ er sich auf die Couch fallen und begann etwas zu hecheln, wie man es eigentlich eher von Hunden gewohnt war.

Clancy steckte seine Waffe ein.

Meyers trug seinen Revolver nicht. Er trug nur das leere Holster am Gürtel. „Wo ist Ihre Waffe, Meyers?“, fragte Clancy.

Meyers versuchte zu antworteten, brachte aber zunächst nichts weiter als einen Grunzlaut hervor. „Ich... weiß es ... nicht!“, sagte er schließlich schleppend. Er bewegte ruckartig den Kopf, sah zuerst Clancy an, dann Brian und schließlich Rebecca. „Was machen sie alle hier in meinem Haus?“, fragte er dann. Wieder bebten seine Nasenflügel dabei auf eine sonderbare Weise, und er sog erneut die Luft so ein, als würde er einem bestimmten Geruch nachspüren. Dann wischte er sich mit der Hand über das Gesicht, strich sich das Haar zurück. „Was soll dieser Volksauflauf hier?“ Er wandte sich Rebecca zu. „Kennen wir uns überhaupt, junge Lady? Ich kann mich nicht daran erinnern, dich überhaupt schon einmal gesehen zu haben!“

„Wir haben Sie gesucht und uns alle große Sorgen um Sie gemacht“, sagte Clancy.

„Na, dann ist ja alles in Ordnung und sie können alle wieder gehen und mich in Frieden lassen. Morgen bin ich wieder im Dienst, Sir. Das hatte ich Ihnen ja zugesagt und dabei bleibt es auch.“

„Er hat sie!“, stellte Rebecca fest. „Ich kann sie  deutlich erkennen – die Aura des Bösen!“

„Was ist mit der zerfetzten Katze in der Küche?“, fragte Clancy.

Meyers schluckte. „Was soll damit sein?“ Er betastete seinen Oberkörper. „Jedenfalls sind meine Wunden nicht mehr zu sehen... Ich bin vollständig wiederhergestellt.“

„Sie brauchen Hilfe, Meyers“, sagte Clancy.

„Die Katze...“, murmelte Meyers. „Verdammt, ich... ich... Hunger!“

Sein Gesicht bekam einen irren Ausdruck.

„Meyers, lassen Sie sich helfen!“

„Durch die Verletzungen, die Ihnen die Werwölfe auf der Lichtung beigebracht haben, muss Blut oder Speichel in Ihren Blutkreislauf gelangt sein. Deswegen verwandeln Sie sich!“, mischte sich Brian ein. „Aber vielleicht ist es noch nicht zu spät, den Einfluss dieser Kräfte zurückzudrängen... Sie müssen dagegen ankämpfen, sonst...“

Aber für Brians Worte hatte Meyers jetzt kein Ohr.

Er stieß einen Schrei aus. Einen Schrei, der nichts Menschliches mehr an sich hatte. Dann sprang er auf und während er dies tat, vollzog sich eine unheimliche Verwandlung. Haare sprossen mitten in seinem Gesicht hervor, selbst dort wo es keinen Bartwuchs gab. Seine Zähne verlängerten sich innerhalb eines einzigen Moments zu wölfischen Raubtierreißern. Die Mundpartie wurde zu einem Maul und auch seine Kleidung veränderte sich. Sie schien mit der Haut darunter zunächst zu verschmelzen und bildete dann ein dichtes Fell.

Die Verwandlung war lediglich zur Hälfte abgeschlossen, als er sich auf Rebecca stürzte.

Beine und Unterkörper waren noch menschlich, aber Oberkörper, Schultern und Kopf hatten sich bereits in eine jener Wolfsbestien verwandelt, wie jene, gegen die Brian auf der Lichtung angekämpft hatte.

Clancy zog seinen Revolver und schoss mehrfach hintereinander.

Rebecca hob ihre Hände und sammelte offenbar ihre inneren Kräfte. Brian half ihr dabei. Der Halbwolf prallte gegen eine unsichtbare Wand, die in diesem Moment bläulich aufleuchtete. Dann wurde er durch die Wucht der Revolvergeschosse zurück auf die Couch geworfen.

Das Wesen schrie auf – eine Mischung aus dem Schrei eines Menschen und dem Heulen eines Wolfs.

Es rollte sich von der Couch, verwandelte sich dabei zu Ende und gleichzeitig verschwanden die Schusswunden innerhalb von Sekunden.

Knurrend kauerte der Werwolf am Boden. Jeder Muskel, jede Sehne seines Körpers war angespannt, so als wollte er jeden Moment einen zweiten Sprung wagen.

Clancy hielt den Revolver in Richtung des Monstrums.

Vier Schuss hatte er noch in der Trommel.

Aber nach dem, was Brian auf der Lichtung erlebt hatte, reichte das bei weitem nicht, um eine solche Kreatur überhaupt zu stoppen – selbst wenn es nur für den Moment war.

Die Bestie fletschte die Zähne.

Die Augen waren blutunterlaufen. Ein tiefes Knurren drang aus der Kehle des Wolfs. Brian konzentrierte derweil seine Kräfte, um beim nächsten Angriff besser vorbereitet zu sein. Und Rebecca tat dasselbe.

Gleichzeitig versuchte er die Gedanken zu unterdrücken, die ihm in diesem Augenblick durch den Kopf rasten.

Warum hatte die Bestie Rebecca zuerst angegriffen und nicht ihn, wo er es doch gewesen war, der ihr zunächst entgegen trat.

Spürt ein Werwolf, wenn er einem anderen begegnet? Womöglich auch einem, dessen Verwandlungsprozess gerade erst begonnen hat? Ist das der Grund? Ein eisiger Schauder überkam Brian. Vielleicht war es da beste, Rebecca bei Gelegenheit mal zu fragen, ob sie vielleicht schon in der Lage war, an ihm die Aura des Bösen zu spüren, die sich für den Fall, dass sein schrecklicher Verdacht zutraf, früher oder später ja für sie wahrnehmbar sein musste.

Brian versuchte, diese Gedanken für den Moment beiseite zu schieben. Jetzt ging es erstmal darum, sich auf den Moment  zu konzentrieren und einem weiteren Angriff des Werwolfs zu begegnen.

Wenn es nur ein Mittel gegen die Verwandlung gäbe!, ging es Brian durch den Kopf. Ein Mittel, das die Verwandlung stoppt!

Damit wäre Meyers geholfen gewesen – aber vielleicht auch genauso sehr Brian.

Die Bestie senkte den Kopf, knurrte noch einmal, dann, drehte sie sich blitzschnell herum. Mit einem gewaltigen Sprung, der keinem normalen Wolf möglich gewesen wäre, flog er durch die Luft, durchschlug eine Fensterscheibe und landete draußen auf der Veranda. Mit einem weiteren Sprung hatte er dann die Veranda verlassen und schnellte davon in Richtung Waldrand.

„Ihm nach!“, rief Brian.

23.

Brian stürzte zur Tür hinaus.

„Warte doch, Junge!“, rief Sheriff Clancy. Aber Brian dachte gar nicht daran. Er wusste einfach nur, dass er dem Werwolf jetzt folgen musste. Vielleicht war es ein innerer Instinkt, der ihm das sagte, vielleicht auch ein Drang, der bereits durch seine vielleicht bevorstehende Verwandlung ausgelöst worden war.

Selbst darüber dachte Brian im Moment nicht nach.

Er rannte zum Waldrand ohne darauf zu achten, ob ihm Rebecca und der Sheriff noch folgten.

Irgendwo zwischen dem dichten Gestrüpp des Unterholzes musste der fliehende Wolf sich befinden.

Brian hörte noch die Schritte, das Knacken der Äste, das Rascheln zwischen den Blättern.

Er lief geradewegs hinterher, ruderte mit seinen Armen das Gestrüpp zur Seite. Erst nachdem er schon ein paar Peitschenschläge durch Äste und Sträucher abbekommen hatte, ging er dazu über, seine telekinetischen Kräfte einzusetzen. Das Gestrüpp bog sich jetzt vor ihm zur Seite und bildete eine Gasse, sodass er schneller vorankam.

„Brian!“, hörte er hinter sich Rebecca rufen.

Er nahm undeutlich die Schritte von Rebecca und dem Sheriff irgendwo hinter sich wahr. Und vor allem hörte er den keuchenden Atem des Sheriffs, der wohl nicht besonders gut im Training war. Aber all das bemerkte Brian nur ganz am Rande, wie etwas das fast ausgeblendet war.

Unbeirrt setzte er seinen Weg fort, hetzte voran und dachte keine Sekunde darüber nach, wohin er zu laufen hatte.

Was ist das? Meine Gabe? Oder ein erwachender Wolfsinstinkt, der mich an ein geheimes Ziel führt, das all diesen Kreaturen eingegeben ist?, durchzuckte es ihn.

Ein Gedanke, den er sofort wieder zur Seite schob.

Brian stoppte erst, als er einen verwachsenen Baum erreichte, der aussah, als wäre er in der Vergangenheit mehrfach vom Blitz getroffen worden.

Einer dieser Blitze musste ihn genau in der Mitte ziemlich tief gespalten haben.

Er war oberhalb des Spalts in zwei verschiedene Richtungen gewachsen. Die Rinde hatte zahllose Ausbuchtungen und runzelartige Verwachsungen.

Brian atmete tief durch und rang einen Moment lag nach Atem. Von dem Werwolf war nirgends etwas zu sehen. Brian lauschte, aber da war auch kein Geräusch, das irgendwie auf ihn hindeutete. Er versuchte, seine Kräfte zu konzentrieren und sich das Bild der Bestie noch einmal ins Gedächtnis zurückzurufen. Was war nur geschehen? Es hatte ihn auf einmal der Instinkt verlassen, der ihn hier her geführt hatte? Hatte er sich am Ende gar getäuscht? War es nur Einbildung gewesen, dass er genau zu wissen glaubte, wohin der Wolf sich wenden würde?

Wie üblich... Wenn man eine Vision braucht, kommt sie nicht!, dachte er ärgerlich. Und wenn sie kommt, dann garantiert im falschen Moment...

Ganz kurz glaubte er, in dem verwachsenen Baum ein paar Augen erkennen zu können, die ihn ansahen und in aller Ruhe beobachteten.

Brian schreckte zusammen.

Dann hörte er Clancy und Rebecca hinter sich.

Brian starrte die Stelle auf der Rinde noch einmal an, aber da war in Wirklichkeit nichts, außer einer ziemlich eigenartigen Baumrinde, deren Oberfläche wohl die Fantasie eine jeden Betrachters beflügelte.

Mit Visionen hatte das wohl nichts zu tun, so glaubte Brian.

24.

„Da bist du ja!“, stieß Rebecca hervor. „Was ist los, hast du seine Spur verloren?“

Brian nickte. „Aber ich bin mir sicher, dass er hier war“, murmelte er dann. Dabei ließ er den Blick suchend in der Umgebung kreisen, in der Hoffnung, dass er vielleicht irgendwo eine Spur entdeckte, die ihn vielleicht weiterbrachte – oder im günstigsten Fall eine Vision  auslöste.

Aber da war nichts, so sehr er sich auch anstrengte, etwas zu finden.

„Du spürst nichts mehr?“, vergewisserte sich Rebecca.

Brian schüttelte den Kopf. „Nein, es ist plötzlich vorbei. Ich wusste erst genau, wohin ich ihm folgen musste, und dann war es auf einmal weg!“

„So als ob dir plötzlich jemand ein schwarzes Tuch über den Kopf wirft und du nichts mehr sehen kannst!“

Er sah sie an.

„Ja!“, stieß er hervor. Sie schien das genau zu verstehen. Aber eigentlich war das auch nicht weiter verwunderlich, schließlich hatte sie eine ganz ähnliche Begabung und damit sicherlich auch schon die eine oder andere Erfahrung gemacht.

Clancy lud seinen Revolver nach, den er bisher in der Hand gehalten hatte und steckte ihn dann ins Holster. Bisher war zum Nachladen der Waffe wohl keine Gelegenheit gewesen.

Dann griff er zum Handy, um sich mit seinen Leute in Verbindung zu setzen. „Was ich gesehen habe, habe ich gesehen“, meinte er an Rebecca und Brian gerichtet. „Ich bin weiß Gott nicht leichtgläubig, aber mein Deputy hat sich offenbar in der Tat in eine gefährliche Bestie verwandelt...“ Er hielt dabei das Handy noch immer ans Ohr, hatte aber bislang wohl noch keinen Kontakt zu seinen Kollegen bekommen. „Hallo? Hallo? Hören Sie mich?“ Allein schon die Frage war ein sicheres Zeichen dafür, dass ihn im Moment wohl tatsächlich niemand hörte.

Der Sheriff sah aufs Display. „Akku leer. Seltsam, den habe ich doch gerade erst aufgeladen....“

Einer plötzlichen Eingebung folgend griff Brian in seine Hosentasche, um sein eigenes Handy hervorzuholen. „Bei mir auch!“, stellte er überrascht fest - und das, obwohl er eigentlich immer peinlich genau darauf achtete, dass genug Energie im Gerät war. Kein Schultag ohne Handy! In New York hatten ihn die sms mit Freunden und die Auswahl von Spielen, die man im Menue finden konnte, immerhin mehr schlecht als recht über so manche langweilige Schulstunde hinweggerettet.

Auf der Mystic High School von Saint Morn ging das natürlich nicht. Schon deshalb, weil den Lehrern ein paar zusätzliche Möglichkeiten zur Verfügung standen, um so etwas sofort zu bemerken.

Mister Galway mit seinem empfindlichen Gehör zum Beispiel hätte vermutlich schon den einfachen Druck auf eine Handytaste als Lärmbelästigung empfunden.

„Was ist mit deinem Handy?“, fragte Brian an Rebecca gewandt.

Sie nahm es hervor, warf einen flüchtigen Blick darauf und sagte dann: „Dasselbe wie bei dir!“ Sie wandte suchend den Kopf, dann sah sie Brian einen Augenblick lang an und fügte hinzu: „Ich spüre es...“

„Was?“

„Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, aber ich denke, es ist die Aura.“

„Die Aura des Bösen?“

Sie nickte.

Brian musste schluckte. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe er die entscheidende Frage zu stellen wagte. „Ist sie in mir?“

„Quatsch, wieso das dann?“, fuhr sie ihn an.

Im nächsten Moment veränderte sich der verwachsene Baum. Aus den beiden Ästen formten sich Hörner und die Augen, von denen Brian schon einmal geglaubt hatte, dass sie ihn anstarren würden, waren jetzt sehr deutlich zu sehen.

Ein Mund bildete sich, murmelte Worte in einer unbekannten Sprache und verzog sich dann zu einem höhnischen Lachen.

Der Gehörnte!, durchfuhr es Brian. Dies musste das Wesen sein, von dem Mister Galway gesprochen hatte. Jene Macht, der die Werwölfe dienten.

Die Äste des Baumes senkten sich plötzlich nieder, schlugen wie gewaltige Peitschen herab.

Clancy wich zurück. Brian ließ den Ast gegen eine unsichtbare Schutzwand prallen und bog ihn dann zurück, bis es krachte. Das Holz splitterte. Der Baum, der schon vom Blitz gespalten worden war, erlitt dasselbe Schicksal jetzt noch einmal – diesmal allerdings durch die Kräfte der Telekinese. Der Baum brach in der Mitte durch.

Eine durchscheinende Gestalt löste sich aus dem Baum und schwebte empor.

Diese Gestalt hatte einen sehr menschenähnlichen Körper, der allerdings in einem sehr altertümlichen Gewand steckte, wie es die ersten Siedler in Massachusetts getragen hatten. Ein schwarzer Rock, weiße Kragen und ein hoher Hut mit breiter Krempe.

Brian fühlte sich etwas an jenen Moment erinnert, als der Totengeist von Oliver Grant sichtbar geworden war. Die Kleidung entsprach derselben Epoche.

Das Gesicht allerdings sah aus wie die Fratze eines gehörnten Teufels. Ein Dämonengesicht, das höhnisch grinste...

Und dann hörte Brian eine Gedankenstimme, die zu ihm sprach – deutlich, klar und mit absoluter Gewissheit. „Sei willkommen! Nicht mehr lange und du gehörst dazu!“

Dann stieg die Gestalt zu den Baumkronen empor und verflüchtigte sich dort. Zwei Sekunden später war nichts mehr von dem Gehörnten zu sehen.

25.

Mister Galway machte ein sehr ernstes Gesicht, als Brian und Rebecca später in seinem Büro saßen, nachdem Sheriff Clancy sie zurückgebracht hatte.

„Wir haben von Deputy Meyers, beziehungsweise dem Werwolf, in den er sich verwandelt hatte, keine Spur mehr gefunden“, erklärte Brian. „Und dabei war ich mir vorher so absolut sicher, ihm auf den Fersen zu sein. Ich verstehe das nicht.“

„Nun, falls es wirklich der Gehörnte selbst oder eine seiner zahlreichen Erscheinungsformen war, dem ihr begegnet seid, dann kann es durchaus sein, dass er sein Geschöpf vor eurer Verfolgung schützen wollte und es abgeschirmt hat. Oder er hat seine Kräfte einfach dazu eingesetzt, um eure Sinne zu verwirren, was ihm scheinbar ja auch vortrefflich gelungen ist.“

Er blickte zuerst Rebecca und dann Brian durchdringend an und fügte anschließend noch in einem veränderten Tonfall hinzu: „Hat dieses Wesen noch irgend etwas anderes geäußert? Es muss nicht unbedingt eine Botschaft gewesen sein, die in klare Gedanken gefasst wurde! Vielleicht waren es nur Bilder oder eine plötzliche Eingebung. Denkt nach.“

„Nein, da war nichts“, behauptete Brian schnell.

„Ich kann mich auch an nichts erinnern, was noch erwähnenswert gewesen wäre“, stimmte Rebecca zu.

Mister Galway runzelte die Stirn und zog seine Augenbrauen auf eine Weise zusammen, die deutlich machte, dass er in diesem Punkt nicht restlos überzeugt war. Aber Galway bohrte nicht weiter nach.

Brian war erleichtert darüber.

Die Worte, die der Gehörnte ganz allein an ihn gerichtet hatte, behielt er für sich.

„Gut, dann gibt es heute nichts mehr zu besprechen“, meinte Mister Galway schließlich und erhob sich von seinem Platz hinter dem Schreibtisch. „Ihr seid neu hier und vielleicht ist es euch jetzt erst wirklich klar geworden, was es bedeutet, auf Saint Morn unterrichtet zu werden. Mag sein, dass ihr bisher ahnungslos gewesen seid und von den Mächten, die uns alle bedrohen, nichts gewusst habt. Aber jetzt seid ihr es jedenfalls nicht mehr. Und ich hoffe, dass dies dazu führt, dass ihr dadurch dieselbe Verpflichtung fühlt, eure Talente zum Wohle aller einzusetzen, wie es auch die Ritter vom Heiligen Licht tun, die diese Schule begründet haben.“

„Wie kommt man in diesen erlauchten Kreis der Ritter vom Heiligen Licht?“, fragte Brian.

„Das ist ein sehr langwieriger Prozess mit ungezählten Prüfungen. Ihr beide steht erst ganz am Anfang.“ Mister Galway lächelte nachsichtig. „Es lohnt nicht sich über den letzten Schritt Gedanken zu machen, wenn man noch nicht einmal den ersten hinter sich gebracht hat“, fand er.

Und mit diesen Worten bat er Brian und Rebecca dann freundlich aber bestimmt hinaus. „Ich habe heute Abend noch viel zu tun“, erklärte er auf eine Art und Weise, die jedem sofort klarmachte, dass es vollkommen sinnlos war, darüber genauere Auskünfte bekommen zu wollen.

26.

Rebecca und Brian wagten es erst, sich zu unterhalten, als sie bereits den Westflügel erreicht hatten, wo die Unterkünfte der Schüler waren.

„Man hat bei Mister Galway immer das Gefühl, dass er alles hört, was in der Schule vor sich geht“, meinte Rebecca.

Brian grinste. „Wer weiß, vielleicht hört er uns ja auch jetzt gerade zu!“

„Das will ich nicht hoffen!“

„Privatsphäre scheint hier wohl sowieso ein Fremdwort zu sein, Rebecca. Ich meine, Mister Galway mit seinen Superohren ist ja wohl noch gar nicht einmal der Schlimmste...“

„Ach nein?“

„Nora soll zum Beispiel Gedanken lesen.“

„Oh!“, entfuhr es Rebecca. Ein Laut, der echte Überraschung signalisierte.

„Sag bloß, deine Zimmernachbarin hat dir das bisher nicht offenbart!“, gab Brian zurück.

Rebecca schüttelte den Kopf. „Nein, hat sie nicht. Ansonsten hat sie sehr freimütig und ausführlich über ihre Talente gesprochen, aber nicht darüber. Woher weißt du denn davon?“

„Sagen wir so: Ich habe davon gehört.“

„Verstehe. Also nur ein Gerücht.“

„Aber wenn Rick Sabano das behauptet, wird was dran sein“, hielt Brian ihr entgegen. Er grinste. „Rick meinte, ich sollte mich vor Nora in Acht nehmen.“

„Das solltest du vielleicht tatsächlich“, erwiderte Rebecca. „Aber aus anderen Gründen...“

27.

Für das Abendbrot waren sie zu spät dran. Also bekamen sie etwas von dem, was übrig geblieben war. Brian hatte sowie kaum Hunger.

In einer Ecke des Speisesaals saß Alec Murphy, wie immer vertieft in ein dickes Buch.

„Der ist wohl nach dem Essen einfach hier sitzen geblieben und hat nicht mitbekommen, dass die anderen schon längst weg sind!“, meinte Rebecca hinter vorgehaltener Hand. „Was glaubst du?“

„Schon möglich.“

„Ich fand es übrigens cool, heute mit dir unterwegs zu sein. Unsere Fähigkeiten scheinen sich gut zu ergänzen.“

„Ja, das Gefühl hatte ich auch“, murmelte Brian.

„Du bist irgendwie abwesend. So als wärst in Gedanken irgendwo in anderen Sphären und gar nicht richtig hier auf der Erde! Was ist los?“

„Ich habe eine Frage an dich, Rebecca.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Bitte: Frag!“

„Angenommen, jemand wäre dabei, sich in einen Werwolf zu verwandeln und dieser jemand würde neben dir sitzen. Würdest du das mit deinem Talent spüren?“

„Ja, sicher“, gab sie wie aus der Pistole geschossen und voller Überzeugung zurück. „Naja, denke ich jedenfalls. Genau kann man das erst wissen, wenn es passiert ist.“

„Sicher, aber...“

„Also bei diesem Deputy Meyers habe ich es sofort gespürt. Es war diese Aura, die ich dann sofort wahrnehme. Allerdings würde man das in seinem Fall wohl nicht als einen wissenschaftlich einwandfreien Beweis akzeptieren, denn schließlich hatten wir ja erwartet, dass mit Meyers etwas nicht stimmt, und es ist ja bekannt, dass man manchmal auch nur einfach das wahrnimmt, was man erwartet...“

„Spürst du diese Aura des Bösen auch, wenn du sie nicht erwartest?“

Rebecca sah ihn überrascht an und runzelte die Stirn. „Du bist aber ein hartnäckiger Fragesteller. Hast du schon einmal überlegt, Talkshow-Moderator zu werden oder vielleicht sogar noch besser Verhörspezialist beim FBI?“

„Das ist eine ernsthafte Frage, Rebecca.“

Sie atmete tief durch, kaute den letzten Bissen ihres Sandwiches zu Ende und meinte dann: „Also eins kann ich dir jedenfalls versprechen: Falls ich mal etwas von dieser üblen Aura spüren sollte, wenn ich in deiner Nähe sitze, werde ich es dir sofort sagen!“

„Dafür wäre ich dir sehr dankbar!“, murmelte Brian.

„Aber ich muss dich warnen: Ein spezielles Deo gibt es gegen die Aura des Bösen leider nicht!“

Sie lachten beide. Brian etwas verhaltener, aber er begann sich schon zu fragen, ob er sich vielleicht vollkommen umsonst Sorgen gemacht hatte und die Kratzer wirklich nur von irgendwelchen Ästen stammten.

„Mach die Tür zu!“, sagte Rick Sabano, nachdem Brian die Tür ihres gemeinsamen Zimmers geöffnet hatte und stehengeblieben war. „Auf dem Flur laufen immer ein paar Geister herum und wenn man nicht aufpasst, komme sie herein und machen sich breit!“

„Sorry!“, gab Brian zurück.

„Konntest du ja nicht wissen. Aber im Moment habe ich einfach keine Lust auf Geistergesellschaft.“

„Können die nicht durch Türen gehen?“, fragte Brian. Rick sah ihn erstaunt an und Brian zuckte mit den Schultern. „Ich gebe ja zu, dass ich von diesem Thema nicht viel Ahnung habe!“

„Das merkt man!“

„Ist ja nur eine Frage gewesen!“

„Die ich dir auch beantworten kann. Es ist ganz einfach: Was Geister können, ist höchst unterschiedlich. Das liegt ganz daran, wie sehr sie noch mit dem Leben verbunden sind beziehungsweise in wie fern es ihnen bereits gelungen ist, sich davon zu verabschieden. Manche sind noch so stofflich, dass man ihnen die Tür vor der Nase zuschlagen kann und man hört dann anschließend einen dumpfen Schlag. Für andere ist es wiederum kein Problem, durch die dicksten Wände zu marschieren, andere können das nur bei bestimmten Materialien. Ich habe Geister erlebt, die kein Problem damit hatten, eine dicke Steinmauer zu durchdringen, es aber nicht schafften, durch eine Holzwand zu gehen, die sogar deutlich sichtbare Astlöcher und Ritzen hatte! Da sind die Geister so individuell wie die Menschen, als die sie einst gelebt haben.“

„Du sprichst von ihnen, wie von...“

„Guten Bekannten?“

„Ja!“

Rick Sabano lachte. „Ja, so kann man es bezeichnen. Es sind gute Bekannte. Und manche davon können etwas lästig werden. Aber das ist ja auch in der Welt der Lebenden nicht anders.“

Rick war intensiv mit seinem Computer beschäftigt. Er recherchierte irgend etwas im Internet. Ob für den Unterricht oder aus privatem Interesse wusste Brian nicht.

„Erzähl von den Werwölfen“ sagte er dabei, ohne aufzublicken. „Ich habe gehört, du warst heute mit Rebecca und dem Sheriff unterwegs um diesen Deputy Meyers zu suchen.“

„Willst du die Lang- oder die Kurzversion?“

„Oh, ich wohne hier, schon vergessen? Also habe ich Zeit für die Langversion. Vier Stunden Schlaf brauche ich allerdings, sonst schlafe ich morgen bei Mister Fletcher im Unterricht ein – und diese Blamage möchte ich dann doch gerne sowohl ihm als auch mir ersparen!“

Brian wählte trotzdem die Kurzversion und fasste Rick die Geschehnisse so knapp und präzise wie möglich zusammen. Ihm war heiß. Er ertappte sich dabei, die Zunge heraushängen zu lassen.

„Ey, du siehst aus wie ein Hund!“, meinte Rick. „Fehlt nur noch, dass du hechelst.“

„Sehr witzig!“, maulte Brian. Er zog sich den Pullover aus. Darunter trug er ein T-Shirt, dass die Arme freiließ.

Das erste, was Brian seltsam vorkam, war Rick Sabanos Blick. Dem Latino aus L.A. fielen fast die Augen aus dem Kopf. Er starrte Brians Arme an, als wären es die Fühler eines Alien gewesen.

Dann erst bemerkte auch Brian, was mit seinen nicht stimmte.

Sie waren über und über mit Haaren bedeckt. Nicht der dünne, dunkle Flaum, der da hingehörte und seine Arme von Mädchen-Armen unterschied, sondern ein dichtes Fell, durch das man bis zur Schulter keinen einzigen freien Flecken Haut mehr sehen konnte!

Also doch!, dachte er. Er war auf dem Weg, sich zu verwandeln. Die Kratzer waren keineswegs so harmlos gewesen, wie sie ausgesehen hatten! Er dachte an die Worte von Mister Galway, wonach es eigentlich nur eine Methode gab, um die Verwandlung zu verhindern.

Den eigenen Willen!

Er versuchte alles, was an Kräften in ihm steckte, zu mobilisieren. Gleichgültig, ob es nun übersinnliche oder ganz natürliche Energien waren. So einfach wollte er sich nicht verwandeln lassen!

Er konzentrierte sich auf eine ganz ähnliche Weise, wie er es tat, wenn er die Telekinese anwendete und Gegenstände mit der reinen Kraft seines Willens bewegte.

Und siehe da, die ungewöhnlich starke Behaarung ging wieder zurück. Innerhalb von Augenblicken war das Fell so vollständig verschwunden, dass nichts mehr zu sehen war. Nichts, außer dem Flaum, der dort auch hingehörte. Ungläubig strich Brian sich mit der rechten Hand über den linken Arm und anschließend mit der linken Hand über den rechten Arm.

„Was zum Teufel machst du da?“, fragte Rick Sabano.

Brian schluckte.

„Ich fürchte, ich habe ein Problem“, gestand er.

„Das glaube ich allerdings auch“, nickte Rick. „Und jetzt bitte von Anfang an und der Reihe nach! Und dann sehen wir, was wir machen können!“

„Einer der Werwölfe hat mich offenbar doch während des Kampfes verletzt“, meinte Brian, während er bereits das Gefühl hatte, sich einen Knoten in die Zunge geredet zu haben. Auf der anderen Seite tat es gut, dass es endlich raus war und es jemanden gab, mit dem er darüber reden konnte. So war es kein Wunder, dass die Worte nur so aus Brian heraussprudelten. Rick Sabano hörte die meiste Zeit nur zu.

„Hast du nicht mit Mister Galway darüber gesprochen?“, fragte Rick.

„Natürlich nicht!“

„Wenn jemand eine Lösung weiß, dann ist er es!“

„Und worin sollte die bestehen? Wenn ich erst ein Werwolf geworden sein sollte, und als reißende Bestie durch Saint Morn gezogen bin, dann gibt es kein Zurück mehr. Und auch keine Lösung, wie du das nennst! Dann kann man nur noch im Interesse der restlichen Menschheit hoffen, dass es irgendwie gelingt, mich zu vernichten!“ Brian atmete tief durch. „Ich muss selbst damit fertig werden.“

„Das schafft doch niemand!“

„Bist jetzt hat es ja geklappt, Rick! Vielleicht liegt es an meinem übersinnlichen Talent, dass die Verwandlung sich bisher nicht richtig vollziehen konnte und ich sogar dafür sorgen konnte, dass sie sich zurückgebildet hat...“ Mit gemischten Gefühlen sah Brian auf seine Unterarme, so als befürchtete er jeden Moment, dass sich dort erneut ein Haarpelz bildete. Vorsichtig betastete er dann seine Zähne. Waren die Eckzähne nicht reichlich spitz und etwas länger als sonst? War das auch schon ein Schritt in der Verwandlung? Oder schlicht und ergreifend Einbildung? Das konnte wohl nur sein Zahnarzt genau sagen und der praktizierte in New York City und stand im Moment nicht zur Verfügung, um dazu seine fachlich fundierte Meinung abzugeben. „Jetzt weiß ich, was der Gehörnte meinte, als er mir in diesem Baum erschien... Der lacht sich ins Fäustchen und denkt, dass ich schon bald auf seiner Seite stehe!“

„Genau das ist doch wohl das Ziel des Gehörnten, wenn ich Mister Galway richtig verstanden habe“, meinte Rick. „Diese High School und natürlich die Ritter vom Heiligen Licht sind ihm ein Dorn im Auge!“

„Ich dachte schon, dass alles in Ordnung wäre, als Rebecca in meiner Gegenwart keine böse Aura spürte.“

„Kann es sein, dass Rebecca in deiner Gegenwart was ganz anderes spürt und ihr Urteilsvermögen etwas – wie soll ich sagen? - hormonell eingetrübt ist?“, meinte Rick. „Ist ja nur eine Vermutung von mir, aber ich verstehe ansonsten nicht, wieso sie sich so täuschen kann, wenn sie doch angeblich die Gabe hat, das Böse sicher zu erkennen.“

„Vielleicht war es da noch nicht so stark.“

„Was würdest du an meiner Stelle tun?“, fragte Brian.

„Mich an Mister Galway wenden. Aber das scheidet für dich ja wohl aus.“

„Nächste Möglichkeit.“

„Frag Alec um irgendeinen Zauberspruch, der die Werwolf-Verwandlung sicher verhindert.“

„Gute Idee!“

„Ich glaube nur, dass er an diesem Problem - mit gewissen Unterbrechungen – schon ein paar Jahre arbeitet und bisher noch nichts gefunden hat, was praktikabel ist. Also Alec fällt sicher was ein. Aber ich fürchte, du brauchst eine Lösung auf die Schnelle, habe ich recht!“

„Mir graut vor der nächsten Nacht“, meinte Brian. „Wenn ich schlafe, kann ich weder meinen Willen noch sonst irgend etwas gegen die Verwandlung mobilisieren und wenn ich dann am Morgen aufwache, dann bin ich vielleicht schon eine reißende Bestie, die nichts Besseres zu tun hat, als dir die Kehle zu zerfetzen!“

„Klingt nicht gerade nach jemandem, mit dem man gerne das Zimmer teilt“, meinte Rick. „Okay, und das ist vielleicht auch nicht gerade der richtige Zeitpunkt, um Witze zu machen! Aber das liegt nur daran, weil ich genauso ratlos bin wie du!“

„Was ist mit den Toten? Könnten die etwas wissen, das uns weiterbringt? Du hast doch die besten Beziehungen zu ihnen!“

„Also um ganz ehrlich zu sein, Brian: Die meisten der Totengeister hassen mich, weil ich sie oft verscheuche! Und die, zu denen ich gute Beziehungen hatte, waren erschossene Drogendealer in L.A. - und diese Bekanntschaften würde ich ungern wieder auffrischen.“

„Was ist mit diesem Oliver Grant, der den Unterricht von Mrs. Monroe aufgemischt hat? Hat der nicht die Werwolf-Plage 1685 erlebt – und wohl auch überlebt? Schließlich starb er doch erst 1699!“

Rick Sabano kratzte sich am Hinterkopf und klappte sein Laptop zu. „Du hast anscheinend ein gutes Gedächtnis für Zahlen“, sagte er. „Wir könnten Mister Grant fragen – aber ich weiß nicht, ob er auch bereit wäre, uns zu helfen. Auf mich dürfte er ja sowieso nicht gut zu sprechen sein, schließlich habe ich ihn ja nach allen Regeln der Kunst bloßgestellt und das können auch Geister nicht leiden. Und davon abgesehen tobt ja wohl schon seit längerer Zeit eine Auseinandersetzung zwischen Mister Galway und dem Geist von Oliver Grant.“

„Wir müssen aber etwas unternehmen!“, meinte Brian. „Grant wird wissen, wie man einer Werwolf-Plage Herr wird.“

„Soll ich dich zu ihm führen?“, fragte Rick.

„Das wäre gut.“

„Ich nehme an, dass er in seinem Mausoleum herumspukt.“

„Dann nichts wie hin!“

„Augenblick! Dir ist hoffentlich klar, dass du dir damit den Ärger von Mister Galway zuziehst. Und ich mir natürlich auch.“

„Lässt sich wohl nicht vermeiden“, murmelte Brian, der sich unterdessen den Pullover wieder überstreifte.

„Dann lass uns wenigstens noch abwarten, bis es hier etwas ruhiger geworden ist. Und sich Mister Galway in sein schalldichtes Schlafzimmer zurückgezogen hat.“

„Meinetwegen!“

28.

Sie warteten bis nach Mitternacht. Dann schlichen sie aus dem Zimmer, gingen möglichst lautlos über die Flure und erreichten schließlich den Hintereingang des Westflügels, der eigentlich nur von Mister Smith benutzt wurde. Das Gute war, dass der Schlüssel gleich neben der Tür hing und es deshalb keine Schwierigkeit war, hinauszukommen.

„Du machst zu viel Krach!“, meinte Brian. „Schließlich hat Mister Galway ein Gehör, das noch eine Stecknadel im Nebengebäude fallen hören kann – oder zumindest so ähnlich.“

„Mister Galway ist aber auch ein Mann mit einem sehr regelmäßigen Lebenswandel, Brian. Wenn du schon länger hier wärst, dann würdest du seine Gewohnheiten auch besser kennen. Um Punkt Mitternacht liegt er mit zwei dicken Ohrstöpseln im Bett, hat vorher sein Gehör mit einem besonderen magischen Konzentrationsritual für ein paar Stunden abgedämpft und außerdem noch die schalldichte Isolierung auf eine nicht näher bekannte übersinnliche Weise in ihrer ohnehin schon jeden Laut erstickenden Wirkung verstärkt. Außerdem nimmt er noch ein Schlafmittel. Also derjenige, um den du dir im Moment am wenigsten Sorgen zu machen brauchst, ist Mister Galway!“

„Tja, bis in diese Einzelheiten wusste ich das nicht“, gestand Brian.

„Eine Garantie, dass unser Schulleiter uns nicht hört, ist das natürlich trotz allem nicht!“, grinste Rick.

Rick schloss die Tür auf und hängte den Schlüssel wieder an seinen Ort. Dann gingen sie hinaus in die Dunkelheit.

Ein Schatten wartete dort auf sie, sodass sie unwillkürlich zusammenschreckten. Die nur als Umriss sichtbare Gestalt trat dann aus der Dunkelheit heraus. Das fahle Licht des hochstehenden Mondes spiegelte sich in zwei blitzenden Augen und auf der Stirn war vage ein Zeichen erkennbar.

„Nora“, stieß Brian überrascht hervor. „Was machst du denn hier?“

Nora Baily atmete tief durch. „Ich hatte schon die Befürchtung, dass ihr zwei gar nicht mehr auftaucht!“

„Aber...“

„Na los, auf zum Grab von Oliver Grant, diesem Stinkstiefel und Unterrichtstörer, der es einfach nicht lassen kann, unseren Lehrern immer wieder den letzten Nerv zu rauben!“

„Nur zur Information, Brian: Sie hat deine Gedanken gelesen!“, stellte Rick fest. „Ich hatte dich vor ihr gewarnt.“

„Du bist ein verfluchter Spielverderber, Rick!“, erwiderte Nora. „Die meisten hier schirmen ihre Gedanken ab und wenn man mal was Interessantes erfahren will, ist man halt auf die Neulinge angewiesen.“

„Schade, dass Mister Galway dich jetzt nicht so reden hört“, meinte Rick. „Wahrscheinlich würde er dich dann achtkantig von dieser Schule werfen!“

„Du kannst mich ja gerne verraten, Rick, aber dann solltest du vielleicht auch irgendeine halbwegs plausible Erklärung dafür haben, was du hier machst. Und zwar eine, die vielleicht ein bisschen unverfänglicher klingt als: Ich helfe meinem Zimmernachbarn dabei, sich ein paar Ratschläge beim alten Grant zu holen, damit er nicht heute Nacht schon ein Werwolf wird. Habe ich das Problem zumindest so ungefähr zutreffend wiedergeben?“

Rick wandte sich an Brian. „Das ist so ihre Art. Sie drängt sich überall dazwischen.“

„Ich bin doch nur hier, um euch zu helfen“, behauptete sie.

„So nennt sie das dann“, meinte Rick. „Weißt du, wenn jemand bei der Zusammenstellung der Zimmerpartner zunächst übrig bleibt, dann kann das daran liegen, dass derjenige eigentlich lieber allein wäre, wie bei mir. Das kann aber auch daran liegen, dass niemand mit dem Betreffenden auf einem Zimmer liegen will – und genau das ist bei Nora der Fall.“

„Ach komm, nun übertreibe mal nicht so!“, wehrte Nora ab. „Nur, weil ich hin und wieder mal etwas verbotene Gedankenleserei betreibe...“

„...und deinen Zimmerpartnerinnen die Ideen für Referate  klaust und die Freunde ausspannst“, ergänzte Rick. „Aber wahrscheinlich bist du der Meinung, dass man darüber großzügig hinwegsehen sollte!“

Jetzt wurde es Brian langsam zu bunt. „Okay, ihr mögt euch nicht. Das ist jetzt deutlich geworden. Aber ich habe ein  ziemlich drängendes Problem und ehrlich gesagt, ist es mir mittlerweile auch ziemlich egal, wer mir dabei hilft!“

„Dann schlage ich vor, dass wir keine weitere Zeit verlieren“, meinte Nora. „Also auf zum alten Grant!“

29.

Das Mausoleum des Oliver Grant lag in einem abgelegenen Teil des parkähnlichen Geländes, in dessen Mittelpunkt das Hauptgebäude der Mystic High School von Saint Morn stand.

Nora und Rick hätten dort wahrscheinlich sogar blind hingefunden. Aber für Brian war das alles neu.

Als er dann das Mausoleum hinter einer Hecke und hohen Büschen auftauchen sah, war er ziemlich überrascht, denn das Mausoleum, das sich Oliver Grant für die Totenruhe hatte bauen lassen, war größer als mancher Bungalow.

Es gab ein großes Säulenportal, über dem der Spruch Übles dem Übel eingraviert war.

Der Wahlspruch der Mystic High School schien bereits das Motto von Oliver Grant gewesen zu sein.

Darunter standen seine Lebensdaten: Oliver Grant, geboren am 1. August 1638 in Bristol, England – gestorben am 30. Januar 1699 in Saint Morn, Massachusetts.

Im Inneren des Gebäudes war ein Licht zu sehen.

Rick ging als erster hinein. Die anderen folgten ihm. „Keine Sorge, dieses Geblinke hat nichts mit irgendwelchen übersinnlichen Kräften zu tun.“ Er seufzte hörbar. „Wenn man auf eine Schule wie diese geht, dann ist man schon ziemlich auf die tägliche Arbeit konzentriert“, gestand er zu. „Da vermutete man dann hinter allem gleich irgendein übernatürliches Phänomen und kann sich kaum noch vorstellen, dass es auch Dinge gibt, die sich auf ganz herkömmliche Weise erklären lassen.“

„Ja, ist bei so betriebsblinden Bücherwürmern wie Alec Murphy vielleicht so“, meinte Nora etwas spitz. „Aber auf mich trifft das nicht zu.“

Brian mischte sich in das Gespräch zwischen den beiden nicht ein. Der Dauer-Zoff, der zwischen Nora und Rick herrschte, schien so etwas wie eine Konstante an der Mystic High School zu sein. Auf jeden Fall nahm er sich vor, sich in Zukunft darum zu kümmern, dass er sich besser gegen unliebsames Gedankenlesen abschirmen konnte.

Durch eine Öffnung in der Decke fiel das Mondlicht herein und traf auf den steinernen Sarkophag in der Mitte des Raumes, auf den noch einmal der Name von Oliver Grant mit seinen Lebensdaten eingraviert war.

Davon abgesehen gab es am Kopfende einen Hohlspiegel, der  das einfallende Mondlicht im Raum verteilte. Er leuchtete heller, als die meisten Lampen.

„Coole Konstruktion“, meinte Brian anerkennend.

„Oliver Grant glaubte immer an den wohltuenden Einfluss des Mondes“, erläuterte Rick Sabano. „Er soll angeblich auch ein paar Abhandlungen über Mondgötter und deren Verehrung im Laufe der Geschichte verfasst haben – naja, soweit man damals schon darüber bescheid wusste.“

„Du kannst ja Alec mal fragen, was er davon hält“, meinte Nora etwas spöttisch. „So wie ich ihn kenne, wird er sie gelesen haben...“

„Wieso liest du nicht einfach seine Gedanken, um das zu erfahren?“, gab Rick etwas spitz zurück. „Oder weiß er dagegen ein paar wirksame magische Mittel?“ Rick wandte sich an Brian. „Bei Gelegenheit solltest du dich mal vertrauensvoll in dieser Angelegenheit an Alec wenden, damit er dir zeigt, wie man sich gegen diese zudringliche Person zur Wehr setzt!“

„Willst du unserem neuen Mitschüler noch unbedingt klarmachen, was für eine dumme Tussi ich bin, bevor er sich  dann in einen Werwolf verwandelt oder wollen wir ihm jetzt helfen?“, giftete Nora zurück.

Ein durchringender, stöhnender Laut beendete den Dauerstreit zwischen den beiden erstmal. „Ich soll euch in Ruhe lassen und darf mir noch nicht einmal den Spaß erlauben, euren Unterricht etwas Interessanter zu gestalten, aber umgekehrt darf jeder dahergelaufene Kerl meine Totenruhe stören!“

Rick Sabano blickte sehr angestrengt auf den Sarkophag, aber für Brian und Nora war da nichts zu sehen. „Mister Grant, ich würde vorschlagen, dass Sie sich sichtbar machen, das erleichtert für uns alle etwas die Unterhaltung, Sir.“

„Und wer sagt euch, dass ich mich überhaupt mit euch unterhalten will?“, antwortete die Stimme.

Brian versuchte schon die ganze Zeit, deren Ursprung zu finden, aber das schien unmöglich zu sein – schon deswegen, weil das Mausoleum eine ganz besondere Akustik hatte, in der jedes Wort mehrfach nachhallte.

„Mister Grant... Ich kann Sie doch sowieso sehen! Also, was soll dieses Versteckspiel? Wenn Sie schon Ihre Stimme für alle hörbar machen, dann können Sie doch auch...“

Rick sprach nicht weiter.

In diesem Moment wurde eine Gestalt sichtbar, die mit übereinander geschlagenen Beinen auf dem Sarkophag platz genommen hatte. Es war unverkennbar der Geist von Oliver Grant, so sie Brian ihn bei seinem letzten Erscheinen gesehen hatte. Grant spielte mit dem silbernen Griff seines Stocks herum und sein Gesicht wirkte ziemlich missmutig.

Er streckte einen seiner dürren Finger in Ricks Richtung aus und meinte dann: „Heute Morgen hast du noch nichts über mich gewusst, als du deine Geistersehergabe dazu missbraucht hast, einen harmlosen Geist wie mich an den gegenwärtigen Schulleiter zu verraten. Und jetzt posaunst du hier bestens informiert alle möglichen Einzelheiten über mein Leben heraus!“, gab sich Grant mit einer Mischung aus Empörung und Verwunderung.

„Ein paar Klicks im Internet und ich wusste über Sie Bescheid, Mister Grant.“

„Was bitte?“

„Sowas Ähnliches wie eine Bibliothek, nur... Ach, was soll's, das erkläre ich Ihnen ein anderes Mal. Wir haben hier ein drängendes Problem, dessentwegen wir Sie ansprechen.“

„Und ausgerechnet ich soll dabei helfen?“

„Ja, denn Sie haben doch während der Werwolf-Plage von 1685 so ihre Erfahrungen gemacht und...“

„Erstens ist das eine sehr persönliche Sache, über die ich ausgesprochen ungern spreche und zweitens: Wie kommst ausgerechnet du Geisterstörenfried darauf, dass ich bereit wäre, dir zu helfen! Jahrhundertelang konnte ich hier ungestört herumspuken und hin und wieder meinen Spaß mit den Lehrern haben, die so im Laufe der Zeit hier ihr Unwesen getrieben haben und dann kommt jemand wie du daher, vor dem sich Geister anscheinend nur sehr schwer verbergen können, und schlägt gleich Krach, wenn man sich mal ein bisschen die Zeit vertreibt!“

„Sir, das tut mit leid – aber andererseits ist es auch eine Unverschämtheit von Ihnen gewesen, aus dem Verborgenen heraus Schabernack mit den Lebenden zu treiben! Und was die Werwolf-Plage angeht: Ich weiß, dass Sie damals Ihren Sohn verloren haben und Sie deswegen persönlich von dieser Sache sehr angegriffen sind. Aber jetzt haben wir hier in Saint Morn ein ähnliches Problem. Brian ist von Werwölfen verletzt worden und beginnt sich zu verwandeln. Und jetzt suchen wir eine Möglichkeit, diesen Prozess aufzuhalten.“

„Sie müssen uns mit Ihrem Wissen helfen, Mister Grant!“, mischte sich nun Nora Baily ein. „Ich mag diesen eingebildeten Typen, der sie vor dem Schulleiter bloßgestellt hat auch nicht, aber er versucht auch nur Brian zu helfen – und damit uns allen...“

Mister Grant rutschte vom Sarkophag herunter. Seine Gestalt wirkte etwas durchscheinend. Man konnte den Strahl des Mondlichts, der durch die Decke in den Hohlspiegel auf den Sarkophag traf, durch ihn hindurch schimmern sehen.

„Das war eine schlimme Zeit damals, im Jahre des Herren 1685... Massachusetts war noch nie ein Gebiet, das bei Wölfen besonders beliebt war, aber in jenem Winter kamen sie zu Dutzenden. Riesenhafte Bestien, deren Augen manchmal aufglühten. Und wen sie in ihre Fänge bekamen, den zerrissen sie, sodass nichts mehr von ihm übrig blieb, als ein paar blutige Lumpen und eine Gürtelschnalle oder ein paar Sporen, an denen wohl selbst sie sich die Zähne ausgebissen haben... Ja, aber noch schlimmer war es bei denen, die sie dazu auserkoren hatten, sich zu verwandeln und welche von ihnen zu werden... So manch einer musste hilflos mit ansehen, wie  geliebte Menschen zu reißenden Bestien wurden...“

„Und es gibt kein Mittel dagegen?“, fragte Brian. „Ist es unabwendbar?“

„In den meisten Fällen schon“, sagte der Geist von Oliver Grant. „Die Willenskraft der meisten Menschen ist einfach zu schwach, um sich gegen diesen Einfluss zu wehren. Manchen gelingt es eine Weile und manchmal gelingt es auch, die Verwandlung mit übersinnlichen Mitteln etwas hinauszuzögern... Aber unter normalen Umständen hat der Betreffende keine Möglichkeit, seinem Schicksal zu entgehen. Man kann einen Werwolf nur töten, dann erlöst man den Betreffenden und er verwandelt sich zurück. Aber das ist sehr schwer... Im Grunde geht das nur, indem man ihm Wunden beibringt, die nicht so schnell verheilen können. Wenn du zielsicher genug bist, schlag ihn mit einem Säbel den Kopf ab! Aber dabei kann man natürlich selbst draufgehen. Wenn hundert Kugeln aus hundert Gewehren ihn gleichzeitig treffen, vielleicht würde das ausreichen! Aber ein einzelner Pistolen- oder Musketenschütze kann gegen einen Wolf nichts ausrichten.“

„Aber es kann ja wohl nicht die Lösung sein, ein Erschießungskommando für unseren Freund hier zu bestellen!“, meinte Nora empört. „Fällt Ihnen nicht irgend etwas anderes ein?“

„Es hängt alles von seiner Willenskraft ab“, sagte Oliver Grant. „Es gibt Einzelne, die sich zurückverwandelt haben, und dann Zeit ihres Lebens nicht zum Wolf geworden sind. Aber das ist nicht jedem gegeben. Wie heißt du?“

„Brian Hunter.“

„Du bist arm dran. Und davon abgesehen, siehst du auch noch meinem Sohn ähnlich. Es tut mir in der Seele weh, wenn ich daran denke, was dir bevorsteht. Deinen Mitmenschen kann man eigentlich guten Gewissens nur raten, dich zu töten, bevor du sie tötest!“ 

„Und wie ist es Ihnen persönlich gelungen, diese Plage zu überleben?“, fragte Brian.

„Ich hatte einfach Glück. Anders als mein Sohn.“ Der Geist von Oliver Grant wurde etwas verschwommen. Brian sah Tränen in seinen Augen glitzern. „Kommt mal mit“, sagte er dann.

Sie folgten der durchscheinenden Gestalt von Oliver Grant aus dem Mausoleum. „Ich kenne die Gewohnheiten des gegenwärtigen Schulleiters einigermaßen und daher werde ich im Moment wohl relativ sicher sein können, ihm nicht zu begegnen“, brummte er vor sich hin. „Ach, es ist schon ein Kreuz, dass man über Dinge, die man vererbt hat, einfach nicht mehr verfügen kann und dass der Respekt vor den Toten meistens mit der dritten oder spätestens der vierten Generation nachlässt, weil sich dann niemand mehr an sie erinnert und sie mehr oder minder vergessen werden.“

„Durch Auftritte wie den gestern sorgen Sie ja dafür, dass man sie nicht vergisst“, meinte Brian.

„Daran liegt mir nichts mehr“, meinte er.

„Und warum sind Sie noch nicht...“

„Richtig tot? Wolltest du das sagen, Brian.“

Brian war etwas verlegen. „So habe ich es nicht gemeint.“

„Doch, du hast und es ist auch völlig in Ordnung, dass du danach fragst. Da bist du sicher nicht der Einzige, für den das ein Rätsel ist.“ Er tickte die durchscheinenden Schultern und stocherte mit seinem Geisterstock etwas in dem Kies herum, der den Weg bedeckte, der zum Mausoleum führte. Der Stock versank dabei im Boden, ohne eines der kleinen Steinchen dabei zu bewegen. „Seht ihr, das ist das Schicksal aller Totengeister: Nichts mehr bewirken können! Und davon abgesehen kann man nichts von dem ungeschehen machen, was geschehen ist, was noch schlimmer ist. Du hast mich gefragt, warum ich nicht richtig tot bin und meinen Platz im Jenseits gefunden habe. Anscheinend hält mich noch irgend etwas sehr stark hier. So stark, dass ich nicht gehen kann.“

Sie gingen noch ein Stück den Weg entlang und dann blieb Oliver Grant stehen und deutete mit seinem Silberstock zum Ostflügel des Hauptgebäudes.

„Seht ihr das Stück Zaun dort?“

Ein fünf Meter langes Stück aus gusseisernem Zaun stand dort scheinbar völlig sinnlos in der Gegend herum. Eisenspitzen ragten empor.

„Ehrlich gesagt, habe ich mich immer schon gefragt, welcher Bekloppte dafür verantwortlich ist, dass da ein Zaun steht, der nichts einzäunt und auch sonst für nichts gut ist!“, meinte Nora.

„Ich bin dieser Bekloppte, wie du dich sehr wenig damenhaft ausgedrückt hast!“

„Oh, entschuldigen Sie, ich hätte das nicht sagen sollen... Ihr Sohn, nicht wahr? Es ist wegen Ihrem Sohn, deshalb steht der Zaun noch dort....“

„Du hättest das durchaus sagen sollen, aber in einem muss ich dem Schulleiter recht geben: Es ist ungehörig, die Gedanken anderer zu lesen. Auch wenn sie nicht mehr leben!“

„Vielleicht könnte uns Nicht-Telepathen auch mal jemand aufklären“, meinte Brian.

„Mein Sohn und ich, wir waren da oben im zweiten Stock, als  sein Wille sich gegen die Verwandlung zu wehren zusammenbrach. Bisher hatte er nur Haare an den Armen und im Gesicht bekommen, die zum Teil wieder verschwanden. Seine Zähne schienen zwischenzeitlich zu wachsen und er fing an zu hecheln wie ein Hund. Aber nun konnte er sich nicht mehr gegen den Drang, ein Wolf zu werden wehren. Und so verwandelte er sich vor meinen Augen und wollte sich auf mich stürzen. Ich hätte nicht den Hauch einer Chance gehabt, diesen Angriff zu überleben. Er war ein so großer Wolf geworden, dass die Jagdhunde unserer nächsten Nachbarn dagegen wie kleine Welpen gewirkt hätten. Im letzten Moment konnte ich ihn abwehren und habe ihn dabei schwer verwundet. Aber dadurch war sein Verstand für einen Moment wieder klar. Ein einziger Augenblick, in dem er zwar äußerlich ein Wolf war, aber in dem sein Verstand wieder normal arbeitete und er wieder Herr seiner selbst zu sein schien. Und noch während die Wunde, die ich ihm beigebracht hatte, verheilte, entschied er sich für einem Sprung durch das Fenster – anstatt sich nochmal auf mich zu stürzen und mich zu zerfleischen oder gar zu einem von ihnen zu machen. Er landete genau auf den gusseisernen Spitzen, die ihn durchbohrten. Dabei verwandelte er sich dann zurück.“

„Oh mein Gott, das ist ja schrecklich!“, meinte Nora.

„Er hat es so gewollt“, sagte Oliver Grant. „Da bin ich mir sicher. Er hat es vorgezogen, sich selbst zu töten, anstatt mich zu töten und dann als mordgierige Bestie durch das Land zu ziehen.“

„Und deswegen steht der Zaun noch hier?“, fragte Brian.

„Das habe ich verfügt. Ursprünglich war die Gartenanlage mal kleiner und der Zaun begrenzte das Anwesen. Aber dieses Stück musste stehen gelassen werden, das habe ich testamentarisch verfügt und auch die Ritter vom Heiligen Licht sind an diese Weisung gebunden...“

Jetzt ist mir klar, weshalb der Geist von Oliver Grant noch hier bleiben muss!, ging es Brian durch den Kopf. Es musste dieses Erlebnis sein, dass Grant wohl nie verwunden hatte.

Einige Augenblicke des Schweigens folgten, ehe sich Brian noch einmal an Grant wandte. „Eine Frage, Sir...“

„Bitte!“

„Sie sprachen davon, den Werwolf verletzt zu haben.“

„Richtig.“

„Wie haben Sie das geschafft?“

„Oh, Entschuldigung, ich war so in die Gedanken an die Vergangenheit vertieft, dass ich es beinahe vergessen hätte. Als Geist hat man soviel Zeit, weil man die Hast der Lebenden nicht mehr kennt...“ Grant knöpfte seinen dunklen Rock ein Stück auf und holte etwas darunter hervor. Es war eine ziemlich altertümliche Pistole – allerdings ebenso durchscheinend wie seine ganze restliche Gestalt. „Womit ich den Werwolf, zu dem mein Sohn wurde, verletzt habe, willst du wissen? Hiermit!“

„Ich nehme an, aus diesem Grund tragen Sie die Waffe auch bei sich – ich meine, über Ihr eigentliches Leben hinaus“, vermutete Rick Sabano. „Das ist oft bei Geistern so. Dinge, die ihnen im Leben besonders wichtig waren, werden zu einem Teil ihrer Geistererscheinung – so wie es offenbar bei Ihrer Pistole der Fall ist!“

„Ja, das ist richtig. Und vielleicht kann ich deinem Freund doch helfen... Allerdings nicht endgültig. Es wäre nur ein Aufschub und ich weiß nicht, ob es überhaupt funktioniert. Schließlich ist es nur eine Geisterwaffe. Das Original wurde leider irgendwann im Laufe der Zeit entwendet und ist nicht mehr auffindbar.“

Plötzlich griff Oliver Grant in seine Tasche und holte eine Silberkugel hervor. Er spuckte zweimal auf sie. „Das bringt Glück“, war er felsenfest überzeugt.

„Mister Galway sagt, die Dinger wirken nicht!“, stellte Brian fest.

„Da hat er auch recht, sofern er Kugeln aus reinem Silber meint. Das ist Aberglaube. Das Silber dient bei dieser Kugel allerdings nur als Umhüllung für eine Substanz, die ich zusammen mit dem Alchemisten Reginald Gordon entwickelt. Sie hemmt jegliche Verwandlungsprozesse und muss eigentlich eingenommen werden. Allerdings werdet ihr sicher verstehen, dass es relativ schwierig ist, einen Werwolf dazu zu überreden, das Zeug zu sich zu nehmen....“ Er stopfte die Kugel in den Lauf der altertümlichen Pistole. Aus einer der seiner Taschen holte er eine Portion in Papier eingewickeltes Pulver hervor, mit der er die Waffe lud. „Alles sorgfältig abgewogen. Ich habe das seit dem Tod meines Sohnes stets bei mir getragen, ohne es je noch einmal anwenden zu können. Die Werwölfe zogen sich damals plötzlich zurück...“

„Der Grund dafür würde uns sehr interessieren“, sagte Brian. „Vielleicht...“

„Einen Moment!“, unterbrach Oliver Grant ihn.

Er machte einen Schritt zurück und richtete die Waffe auf Brian. Ehe dieser sich versah, drückte er ab.

Der Knall war ohrenbetäubend und obwohl die Waffe so geisterhaft war wie ihr Besitzer, roch es nach Pulverdampf.

Brian spürte, wie ihn etwas zurückriss. Die Geisterkugel war in seine Brust gedrungen und blieb dort stecken. Für Augenblicke klaffte dort eine Wunde, die von bläulichen Blutspuren umflort wurde.

Dann allerdings schloss sie sich wieder. Alls, was blieb, war ein Loch im Pullover und T-Shirt. Ungläubig betastete Brian die Stelle. „Das... das ist doch nicht möglich!“

„Oh, oh, das sieht nicht gut aus!“, meinte Oliver Grant.

„Was meinen Sie damit?“, wollte Rick wissen.

„Und was ist das überhaupt für eine grobe Rustikalbehandlung, mit der Sie vorgehen!“, empörte sich Nora.

„Also die Substanz in der Silberkugel wird den Verwandlungsprozess für eine Weile anhalten“, sagte Grant. „Aber nur für eine Weile. Niemand kann sagen, wie lange es noch gut gehen wird und dieser junge Mann nicht einen seiner Freunde nach dem anderen zerreißt! Er hat zweifellos einen starken Willen, was an sich eine gute Voraussetzung ist. Aber andererseits...“

Oliver Grant machte ein sehr bedenkliches Gesicht.

„Andererseits, was?“, bohrte Brian nach, dem der Schrecken noch in den Gliedern saß.

„Deine Wunde hat sich sehr schnell geschlossen. Das ist kein gutes Zeichen, denn es bedeutet, dass bei dir die Verwandlung schon weiter fortgeschritten ist, als man es dir vielleicht äußerlich anzusehen vermag. Kann sein, dass deine starke Willenskraft dafür verantwortlich ist, dass dieser Unterschied besteht. Möglich, dass auch dein Talent etwas damit zu tun hat, das kann ich nicht genau sagen.“

„Würden Sie an meiner Stelle noch mit ihm in einem Zimmer schlafen?“, fragte Rick.

„Für diese Nacht könnte es gut gehen. Danach würde ich es nicht riskieren.“ Er warf einen Blick in den Lauf der Pistole und kniff dabei ein Auge zu.

„Sage Sie uns das Rezept der Substanz!“, verlangte Brian.

„Das kann ich nicht! Reginald Gordon wollte mir das Geheimnis immer verraten, aber er starb, bevor er es aufgeschrieben hatte... Die letzte Portion dieses Stoffes ist jetzt in deinem Körper und entfaltetet dort hoffentlich seine Wirkung. Eigentlich dachte ich immer, dass ich noch irgendwo etwas davon gut versteckt habe, aber das ist so lange her...“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß, es ist nur ein Aufschub. Aber mehr kann ich leider nicht für euch tun. Und jetzt muss ich mich schleunigst davonmachen.“

„Aber Mister Grant!“

Er drehte sich um und ging davon. Noch während er die ersten Schritte hinter sich brachte, verblasste er und war im nächsten Augenblick nicht mehr zu sehen.

30.

Schritte ließen Brian, Nora und Rick zusammenzucken. Eine dunkle, hochgewachsene Gestalt tauchte hinter einem der Büsche auf und kam rasch näher.

Dann blieb sie stehen. Das fahle Mondlicht fiel in ein hageres, bleiches Gesicht, das in dieser Beleuchtung noch mehr nach einem Totenschädel aussah, als sonst schon.

„Mister Van Ray!“, stieß Brian hervor.

„Ja, Mister Van Ray! Das war ein ziemlich lauter Knall gerade und ich frage mich, was ihr hier um diese Nachtzeit zu suchen habt!“ Mister Van Ray musterte die drei nacheinander streng.

„Tja, das haben wir uns auch gefragt, deswegen sind wir ja nach draußen gegangen“, meinte Nora schlagfertig. „Hörte sich fast so an, als hätte da jemand einen Feuerwerkskörper gezündet!“

„Oder der gute alte Oliver Grant spukt mal wieder über die Anlage und denkt, dass unser Schulleiter um diese Zeit nichts davon mitbekommt“, ergänzte Rick.

Mister Van Ray runzelte die Stirn.

„Das klingt alles sehr nach Ausreden“, meinte er. „Ich würde darüber vielleicht sogar noch hinwegsehen, wenn wir nicht derzeit dieses Problem mit der Werwolf-Plage hätten und wir darauf angewiesen sind, dass sich alle genauestens an unsere Vorsichtsmaßnahmen halten.“

„Wir haben Ihre Vorsichtsmaßnahmen nicht in Frage gesellt!“, meinte Brian.

„Es gab ein Fenster, das nicht richtig geschlossen war...“

„Dafür bin ich verantwortlich“, meinte Nora. „Tja, ich bin dort hinausgeklettert.“

„Wolltest du die Werwölfe etwa zu euch einladen?“

„Nein, Sir, natürlich nicht“, erwiderte Nora überraschend kleinlaut.

„Und versuch nicht wieder meine Gedanken zu lesen, Nora. Das ist sinnlos. Das solltest du inzwischen begriffen haben.“

„Ja, Sir.“

„Andernfalls hätte ich euch wohl kaum noch hier überraschen können, wie ich annehme.“ Mister Van Ray atmete tief durch. „Ich schlage vor, ihr geht jetzt wieder auf eure Zimmer und morgen früh meldet ihr euch alle drei bei Mister Galway.“

„In Ordnung, Sir!“, sagten alle drei wie aus einem Mund.

Als sie dann gehen wollten, hielt Mister Van Rays Stimme sie schon nach wenigen Schritten noch einmal auf. „Einen Moment noch!“

„Was ist noch?“, fragte Rick.

„Rick und Nora – ihr könnt gehen. Mit Brian Hunter habe ich noch etwas zu besprechen.“

Brian hatte plötzlich ein ziemlich mulmiges Gefühl in der Magengegend. Was mochte Van Ray wohl von ihm wollen? Dass er als Experte für Werwolf-Fragen an der Schule galt, hatte Brian ja inzwischen mitbekommen.

Hatte der hagere Mann mit den eisgrauen, falkenhaften Augen vielleicht schon irgend etwas bemerkt? Gab es vielleicht Anzeichen einer bevorstehenden Verwandlung in einen Werwolf, die nicht so offensichtlich war, aber von einem Mann mit Van Rays Erfahrung durchaus erkannt werden konnten.

„Geht schon“, sagte Brian an Nora und Rick gewandt. „Ich komme gleich nach.“

Die beiden zögerten, gingen dann aber tatsächlich.

Mister Von Ray sagte kein Wort, bis Rick und Nora hinter einer Hecke verschwunden waren.

„Komm etwas näher!“, forderte Van Ray.

Brian gehorchte. Wenn es einen Preis für den unangenehmsten Lehrer der Schule gegeben hätte, dann wäre Mister Van Ray ganz sicher der heißeste Kandidat dafür gewesen!

Brian ärgerte sich bereits, als sich dieser Gedanke in seinem Hirn geformt hatte. Schließlich wusste er ja nicht so genau Bescheid darüber, ob Van Ray vielleicht genau wie Nora Gedanken zu lesen vermochte.

„Was ist noch?“, fragte Brian etwas irritiert darüber, dass sein Gegenüber noch immer kein einziges Wort gesprochen hatte.

Aber darauf bekam Brian keine Antwort.

Van Ray hob seine linke Hand, in der sich ein rötlich schimmerndes Licht bildete. Die Hand wirkte jetzt durchscheinend und das Licht fiel in Brians Gesicht.

Brian fühlte sich an einen wärmenden Infrarot-Strahler erinnert, mit dem er mal beim Arzt behandelt worden war, als er als kleiner Junge eine Mittelohrentzündung gehabt hatte. Nur fühlte sich das Licht, das von Mister Van Rays Hand abgestrahlt wurde, eiskalt an.

Als Van Ray dann die Hand senkte, verlosch das Licht innerhalb von ein oder zwei Sekunden wieder. „Ist schon gut, Brian. Das war es schon“, meinte er, ohne es für nötig zu halten, noch irgendeine Erklärung zu dem abzugeben, was er gerade getan hatte.

„Das war's? Sir...“

„Geh jetzt schlafen.“

„Was war das, Mister Van Ray?“

„Ich habe nur überprüft, ob mit dir alles in Ordung ist.“

„Und?“

Van Ray hatte sich bereits halb umgedreht, so als wollte er noch ein Stück in den Park gehen, der das Internat umgab. Doch nun drehte er sich noch einmal um. Das Mondlicht fiel so, dass sein Gesicht bis auf das spitze Kinn vollkommen im Schatten lag und man seine Gesichtszüge nicht sehen konnte.

„Alles in Ordnung mit dir“, sagte Van Ray. „Geh jetzt zu den anderen.“

31.

Während Brian zum Hauptgebäude zurückging, konnte er regelrecht spüren, wie Mister Van Ray ihm nach sah. Schließlich drehte er sich noch einmal um, aber da war Van Ray schon verschwunden. Ein wirklich seltsamer Kerl!, dachte er.

Er wusste nicht, ob er froh darüber sein konnte, dass Van Ray offenbar von seiner beginnenden Werwolf-Verwandlung nichts bemerkt hatte oder ob ihn das eher bedenklich stimmen sollte.

Schließlich galt Van Ray doch als der Werwolf-Experte in Saint Morn.

Brian strich sich mit den Fingern der rechten Hand über den linken Unterarm, so als wollte er sich noch einmal vergewissern, dass dort im Moment auch wirklich kein Fell wuchs. Vielleicht waren die Anzeichen einfach noch zu schwach, als dass selbst jemand wie Van Ray sie bemerken konnte. Verdacht hatte er ja wohl immerhin geschöpft, denn anders war sein seltsames Verhalten und die übersinnliche Überprüfung, der Brian gerade eben unterzogen worden war, ja wohl nicht zu erklären.

32.

Unterdessen erreichte Link Von Ray das Ostende des Schulgeländes, wo der Park an den nahen Wald angrenzte.

Er sah sich suchend um.

„Wo bist du, Meister?“

„Ich bin hier!“, raunte eine Stimme. Dann sah Van Ray, wie einer der knorrigen Bäume am Waldrand sich zu verändern begann. Es bildeten sich Augen und ein Mund. Die Hauptäste wirkten plötzlich wie Hörner.

„Es ist gut, dich auf meiner Seite zu wissen, Link Van Ray“, sagte die Stimme. „Sehr gut...“

33.

Als Brian zu seinem Zimmer zurückkehrte, war Rick bereits dort. Aber er war nicht allein dort. Nora war auch mitgekommen und außerdem war noch Alec Murphy mit auf dem Zimmer. Er hatte ein paar Bücher, die voll von seltsamen Zeichen waren, auf den Boden ausgebreitet und blätterte etwas hektisch darin herum, während er sich zwischendurch andauernd die dicke Brille wieder die Nase hochschob.

„Hey, was ist das denn, eine Volksversammlung?“, meinte Brian. „Oder traust du dich nur nicht, die Nacht mit mir allein auf dem Zimmer zu verbringen, Rick!“

„Quatsch!“, wehrte Rick ab. „Wir kümmern uns darum, dass du keine Bestie wirst...“

„Und davon abgesehen würde ich sicherlich als erster bemerken, wenn du im Begriff bist, dich zu verwandeln und alle zu Hundefutter zu verarbeiten“, meinte Nora. „Vorausgesetzt, du gestattest mir, fortlaufend deine Gedanken zu lesen und schwärzt mich deswegen nicht am Ende noch bei Mister Galway an.“

Rick zuckte die Achseln. „Naja, falls es wirklich ernst werden sollte und Mister Grants Wundersubstanz nichts nützt, dann hätten wir anderen vielleicht gerade noch Gelegenheit, rechtzeitig zu flüchten.“

Brian runzelte die Stirn.

„Das ist doch nicht zu glauben!“, meinte er empört. „Ihr beiden Streithähne seid euch etwa mal einig?“

„Sag du es ihm, Rick“, forderte Nora und verschränkte dabei die Arme vor der Brust. „Dann kommt es vielleicht irgendwie etwas glaubwürdiger rüber!“

Rick kratzte sich etwas verlegen am Kinn. „Ich bin zwar eigentlich grundsätzlich gegen das Gedankenlesen und kann Mister Galway im Prinzip in allem zustimmen, was er über die Achtung der Privatsphäre und so weiter immer gesagt hat, aber in diesem speziellen Fall, würde ich sagen, ist Noras Vorschlag eigentlich keine schlechte Idee. Und davon abgesehen...“

Er sprach zunächst nicht weiter, sondern sah nur kurz zu Nora hinüber, die Ricks Blick auswich.

„Ja?“, fragte Brian.

„Brian, ich glaube, sie tut es sowieso. Ganz gleich, ob du es ihr nun erlaubst oder nicht. Und da du dich noch nicht so richtig perfekt dagegen abschirmen kannst, ist das schon eine gute Lösung so.“

Jetzt meldete sich Alec zu Wort, der von seinen Büchern aufsah. „Vielleicht könnten wir uns mal wieder auf das eigentliche Problem konzentrieren“, meinte Alec.

„Ich nehme mal an, dass du in alles eingeweiht bist“, vergewisserte sich Brian.

Alec nickte und schob sich zum wiederholten Mal die Brille die Nase hoch. „Für den Notfall habe ich mir ein paar magische Rituale herausgesucht, die man gegen Werwölfe in der Verwandlungsphase anwenden kann. Allerdings sind die alle nicht erprobt und es gibt in der mir zugänglichen Literatur auch leider keine Belege dafür, dass sie tatsächlich auch wirksam sind.“

„So ein Pech aber auch“, murmelte Brian.

„Da ich schon deine Gedanken lese, war ich auch mal an deinem Computer“, eröffnete Nora.

Brian seufzte. „Der Schrecken nimmt wirklich kein Ende!“

„Ich habe im Internet mal einiges über diesen Alchemisten herausgesucht, den Oliver Grant erwähnte. Sein Name ist ja wohl Reginald Gordon. War ein Puritaner, der England auf Grund seines Glaubens verlassen musste und hier in Massachusetts ein neues Leben anfing. Er wurde später übrigens verhaftet.“

„Weswegen?“, fragte Brian.

„Wegen Betruges. Er gab vor, Arzt zu sein und vertrieb ein Mittel, dass gegen die Verwandlung in Werwölfe, Magenbeschwerden und Kopfschmerzen helfen sollte und von dem vermutet wird, dass es gegen keines dieser Leiden wirklich half.“

„Oh“, entfuhr es Brian. „Das klingt nicht gerade besonders verheißungsvoll.“

Brian setzte sich auf sein Bett, weil sonst kein Platz mehr frei war. Er fühlte sich nicht gut. Ihm war, als würde jemand ihm ganz langsam die Luftzufuhr abschnüren.

„Also nach allem, was ich bisher über den Verlauf früherer Werwolf-Plagen herausgefunden habe, hingen sie alle mehr oder weniger mit diesem Wesen zusammen, das der Gehörnte genannt wird“, erklärte Alec und klappte jetzt mit einer entschiedenen Bewegung eines der dicken Bücher zu, in die er zuvor noch intensiv seine Nase gesteckt hatte. „Und auch Mister Galway hat diesen Zusammenhang ja schon erwähnt...“

„Ja und was bringt uns diese Erkenntnis nun?“

„Es könnte sein, dass wir nur weiterkommen, wenn wir gegen den Gehörnten etwas unternehmen – und dass dann auch der Drang zur Verwandlung gestoppt werden könnte. Ich habe einen Hinweis auf eine Werwolf-Plage gefunden, die sich um 1890 in Buenos Aires ereignete, wo es einem offenbar übersinnlich begabten Priester gelungen ist, den Gehörnten zu bannen, als dieser gerade seine Geschöpfe um sich scharrte.“ Alec seufzte. „Aber die Hinweise, die ich hier habe, sind einfach zu dürftig...“

„Wir brauchen etwas, was wir jetzt anwenden können“, meinte Nora. „Nicht erst nach zweihundert Jahren intensiver Forschungsarbeit oder so...“ Ihre Finger glitten über die Computertastatur. „Über eine Werwolf-Plage in Buenos Aires scheint es hier nichts zu geben.“

„Wundert dich das?“, fragte Alec. „Natürlich wurde das alles möglichst geheim gehalten. Und davon abgesehen wird der Gehörnte schon Mittel und Wege haben, um dafür zu sorgen, dass nicht ausgerechnet seine Niederlagen publik werden. Schließlich könnte ihm das ja gefährlich werden, wenn andere das nachmachen...“

„Was wollte übrigens Mister Van Ray noch von dir?“, fragte jetzt Rick.

Alle Augen waren nun auf Brian gerichtet. „Ein Extra-Date mit dem Ekel-Paket unserer Schule – das muss einen besonderen Grund gehabt haben“, meinte sie.

„Ich dachte, du liest meine Gedanken“, erwiderte Brian spitz.

„Tu ich auch, aber die ergeben keinen Sinn!“

„Also es wäre nett, wenn ihr uns uneingeweihte Nicht-Teilnehmer an diesem Treffen und Nicht-Gedankenlesern auch mal einweiht!“, verlangte Rick.

„Van Ray hat ihn einer Art übersinnlichen Prüfung oder so etwas unterzogen“, meinte Nora, noch bevor Brian das Ereignis selbst schildern konnte. „Er wird wohl aus irgendeinem Grund Verdacht geschöpft haben... Aber er hat nichts festgestellt!“

„Unser Werwolf-Experte?“, mischte sich Alec ein. „Das ist ungewöhnlich.“

„Leider kann ich Mister Van Rays Gedanken nicht lesen“, sagte Nora. „Aber wenn er in Wahrheit auf der Seite übler Mächte stünde, würde mich das nicht wundern. Ja, seht mich nicht so an, das war ein Witz, Leute!“

„Jedenfalls bräuchte Mister Van Ray sich nicht erst in einen Werwolf zu verwandeln, um zu einer reißenden Bestie zu werden“, ergänzte Rick. „Das ist er auch schon in Menschengestalt! Seltsam, bei ihm habe ich nie herausbekommen, woraus seine eigenen übersinnlichen Fähigkeiten genau bestehen.“

„Aber es gibt jemanden, der meine beginnende Verwandlung eigentlich hätte bemerken müssen!“, stellte Brian plötzlich fest.

„Wer?“, fragte Nora.

„Rebecca! Sie kann die Aura des Bösen erkennen. Und bei mir hat sie nichts gesehen... Oder sie wollte nichts sehen!“

„Aber sie war doch gar nicht bei deinem Kampf mir den Werwölfen dabei!“, meinte Rick.

„Aber die hat Brians Schrammen geheilt“, stellte Nora fest. „Ja. Sorry, das war in deinen Gedanken – und Rebeccas auch. Da hätte ich eigentlich schon daran denken müssen...“

„Ein Heiler nimmt unter Umständen einen Teil des Übels in sich auf, das er heilt!“, stellte Alec fest. „Das ist nun wirklich eine okkulte Binsenweisheit! Die findet man in allen eingängigen Schriften.“

„Oh nein“, stieß Rick hervor. „Sag, dass das nicht wahr ist: Wir haben einen zweiten Fall von Wolfsverwandlung?“

„Beginnende Verwandlung“, korrigierte Alec. „Es dürfte bei ihr noch nicht so weit fortgeschritten sein. Außerdem geht es bei ihr vermutlich langsamer vor sich, weil sie ja nicht selbst durch den Wolf verletzt worden ist!“

„Dann sollte ihr jemand Bescheid sagen!“, meinte Rick.

„Und abgesehen davon, sollten wir uns in den geheimen Teil der Bibliothek begeben, wenn wir noch etwas mehr herausfinden wollen!“, erklärte Alec. „Und dazu brauche ich eure Hilfe.“

„Den geheimen Teil der Bibliothek? Ich dachte, der ist magisch versiegelt und hinter Schloss und Riegel!“, stieß Nora erstaunt hervor.

„Habe ich alles geknackt!“, erklärte Alec.

In diesem Moment ertönte von draußen aus der Ferne das Heulen eines Wolfs. 

34.

Vor Brians innerem Auge formten sich plötzlich Bilder. Er sah wieder die Lichtung im Wald, wo seine erste Begegnung mit den Werwölfen stattgefunden hatte. Der Mond schien fahl und bleich wie eh und je vom Himmel herab. Aber diesmal beleuchtete er auf eine ganz seltsame Weise jene Stelle, die sich genau in der Mitte der Lichtung befand. Feuer loderten dort auf und eine achteckige Steinplatte wurde sichtbar. Auf ihr waren Zeichen zu sehen. Eine Gestalt wuchs aus dieser Platte hervor – größer als ein Baum. Die Gestalt war nur als ein Schattenriss zu erkennen, aber dennoch hoben sich sehr deutlich die Hörner ab.

„Kommt her, meine Diener... und sammelt euch... verwandelt euch und empfangt meine Weisungen... Nehmt meine Kraft, auf dass ihr unbesiegbar bleibt, denn nur durch meine Kraft seid ihr unverwundbar...“

Und dann stoben aus dem Unterholz des Waldrandes Dutzende von riesenhaften Wölfen hervor. Manche grau, manche vollkommen schwarz und alle mit blutunterlaufenen Augen und gefletschten Zähnen, so als hätte die Tollwut sie getroffen.

Dann war die Vision zu Ende.

Brian wusste vom ersten Moment an, dass es sich um ein Ereignis handelte, das zwar noch nicht geschehen war, aber in Kürze bevorstand.

„Was hast du?“, fragte Brian.

„Er hatte eine Vision“, stellte Nora fest. „Aber ich konnte sie nicht richtig erkennen... Übst du dich gerade in geistiger Verschließung? Das ist vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt dafür, Brian.“

„Rick und ich gehen schon einmal in die Bibliothek“, kündigte Alec an.

„Sie werden sich heute Nacht noch treffen“, murmelte Brian. „Der Gehörnte und die Werwölfe.“

„Erzähl mehr davon!“, forderte Alec, der plötzlich aufsprang. „Spielt da eine achteckige Steinplatte eine Rolle?“

„Liest du jetzt auch schon Gedanken?“, fragte Brian.

„Und ein Lichtstrahl, der geradewegs aus dem Mond herauszuschießen scheint?“

„Ja!“

Alec nickte. „Ich habe mal darüber gelesen, dass der Gehörnte seine Geschöpfe zu solchen Ritualen versammelt.“

„Dann ist es in dieser Nacht wieder soweit“, stellte Brian  fest.

„Dann sollten wir dort auch auftauchen!“, schlug Alec vor. „Ich wüsste sogar schon etwas, was man da anwenden könnte, um den Gehörnten zu vertreiben. Ob das klappt, weiß ich nicht und das Ritual, das ich im Auge habe, ist eigentlich gegen eine ganz spezielle Sorte von Dämonen erfunden worden... Aber wir könnten es versuchen, denn die Ähnlichkeiten erscheinen mir groß genug!“

„Na, dann nichts wie in die Bibliothek!“, sagte Rick. „Und dann treffen wir uns draußen, damit wir keine Zeit verlieren...“

„Diese Lichtung ist aber ein ziemlich weites Stück entfernt. Wäre nicht schlecht, wenn wir einen Wagen hätten“, gab Brian zu bedenken.

„Ich kann den Wagen vom Hausmeister kurzschließen“, schlug Rick vor. „Ihr wisst doch, wo der steht. Und wenn Alec das magische Schloss an der Ausfahrt knackt, sind wir weg, ehe selbst der misstrauische Mister Von Ray etwas gemerkt hat.“

„Treffpunkt ist der Wagen vom Hausmeister“, bestimmte Rick.

Wenige Augenblicke später flackerte die Vision noch einmal kurz vor Brians innerem Auge auf. Die Wölfe, die achteckige Steinplatte, das Mondlicht... und der Gehörnte! Diesmal waren die Eindrücke sogar noch intensiver als beim ersten Mal.

Ein starker Drang machte sich bemerkbar.

Ich muss dort hin!, dachte Brian. Aber ihm selbst war in diesem Moment nicht ganz klar, welchen Grund dieser plötzliche und sehr drängende Wunsch wirklich hatte. Willst du am Ende gar die Weisungen deines neuen Gebieters nicht verpassen? ging es ihm durch den Kopf und eisige Schauder erfassten ihn.

Als er Noras Blick sah, wusste er, dass sie wusste, was in ihm vor sich ging.

35.

Während Alec und Rick sich zum geheimen Teil der Bibliothek aufmachten, suchten Nora und Brian nach Rebecca. Eigentlich wollte Brian ihr allein sagen, was mit ihr vermutlich los war. Aber Nora war dagegen. „Besser ich lasse euch beide auf keinen Fall allein“, meinte sie dazu. „Wer weiß, wozu zwei angehende Diener des Bösen so fähig sind und wer dann wen zu was verführt.“

„Wir sprechen hier aber immer noch über eine Werwolf-Verwandlung, oder?“, vergewisserte sich Brian, während sie den Flur entlang gingen, an dem das Zimmer lag, das Nora und Rebecca zusammen bewohnten.

„Also wirklich, du solltest deinen Gedanken nicht so freien Lauf lassen, wenn du weißt, dass jemand mithört!“, erwiderte Nora. „Das ist ja schon richtig peinlich.“

Brian blieb plötzlich stehen. Noch bevor sie die letzten zwanzig Meter zurückgelegt hatten, die sie noch von der Zimmertür trennten, sagte er: „Sie ist nicht hier!“

„Aber...“

„Versuch doch mal, ihre anstatt meine Gedanken zu lesen, dann wüsstest du es!“

Eine kurze Vision war vor Brians innerem Auge aufgeflackert. Er sah Rebecca draußen im Park. Sie hatte den Waldrand schon fast erreicht. Ihre Augen waren weit aufgerissen und die Haare wirr.

„Es geht nicht!“, murmelte Nora. „Sie ist...“

„Zu weit weg?“

Nora schluckte. „Möglich.“

„Ich hoffe nur, dass Mister van Ray da draußen nicht mehr herumspukt... Aber ich glaube, der wäre harmlos gegenüber anderen Dingen.“

Nora und Brian gingen noch einmal hinaus. Diesmal benutzten sie einen anderen Ausgang als beim letzten Mal. Schließlich war Mister Van Ray durchaus zuzutrauen, dass er irgendwelche unliebsame magischen Überraschungen in Form eines Bannspruchs oder dergleichen mehr an jenen Ausgängen angewendet hatte, die üblicherweise für nächtliche Ausflüge von Schülern der Mystic High School in Frage kamen.

Aber Nora kannte glücklicherweise noch ein paar andere Möglichkeiten. „Habe ich in den Gedanken des Hausmeisters gelesen!“, meinte sie, während sie etwas später durch ein Kellerfenster hinausstiegen, dessen Gitter ziemlich locker saß und sich leicht herausnehmen ließ. „Der wollte das längst repariert haben, ist aber noch nicht dazu gekommen!“

„Du hättest vielleicht auch Alec und Rick von diesem Weg nach draußen erzählen sollen“, meinte Brian.

Aber Nora machte eine wegwerfende Handbewegung, nachdem sie sich den Staub von der Hose gewischt hatte.

„Ach, was! Alec knackt nun wirklich jede magische Sicherung, weil er sie sowieso kennt. Da mache ich mir nun wirklich keine Sorgen.“

Sie gingen in die Nacht hinaus. Wieder ertönte in der Ferne das Heulen eines Wolfs. Und ein paar andere antworteten darauf.

Außerdem kam ein eisiger Wind auf, der den Atem zu Kondenswolken gefrieren ließ.

„Das klingt ja richtig gruselig!“, meinte Nora und rieb sich die Hände. „Fühlt sich nach einem Kälteeinbruch an, obwohl der gar nicht in die Jahreszeit passt!“

„Die Wölfe beginnen sich zu sammeln!“, murmelte Brian. Schlaglichtartig sah er eine Kolonne von Motorradfahrern über die Landstraße an der Küste entlang brettern. An ihrer Spitze fuhr der grauhaarige Mann im langen Ledermantel. Und als in der Ferne abermals ein Wolf heulte, stieß er ebenfalls einen solchen Laut aus.

„Hey, was geht dir für wirres Zeug durch den Kopf. Das solltest du verhindern. Ich glaube, da versucht jemand Einfluss auf dich zu gewinnen!“, vermutete Nora.

„Und ich glaube, dass uns das auf die richtige Spur bringt.“

„Ach, wirklich?“

„Ich weiß es...“

„Dann weißt du zufällig auch, wo jetzt Rebecca ist?“

„Zuletzt habe ich sie am Waldrand gesehen. Komm!“

Brian spurtete los und Nora musste zusehen, wie sie hinterher kam. „Hey, warte! Ich habe Leichtathletik immer vermieden!“

„Das merkt man!“

„Es läuft halt nicht jeder so leichtfüßig wie...“

Ein Wolf, dachte Brian, der sich selbst bereits über die federnde, leichtfüßige Art gewundert hatte, mit der er lief.

„Das hast du gedacht, Brian!“, rief Nora ihm hinterher.

36.

Brian erreichte als erster die Stelle, wo der Waldrand an den Park grenzte. Nora war ziemlich außer Atem.

„Ich habe möglichst gefehlt, wenn ich so eine Quälerei in  den Gedanken meiner Sportlehrerin als Planung für den kommenden Tag entdeckte!“, keuchte Nora ziemlich außer Atem.  „Leider bekamen wir dann einen Typ, der sich immer erst in letzter Sekunde entschieden hat, was er in seinem Unterricht macht! Da war es dann zu spät für eine vorgetäuschte Krankheit!“

Brian schien sich für ihre Worte nicht im mindesten zu interessieren. Er hielt seine Nase hoch, als würde er Witterung aufnehmen.

„Und dir geht’s wirklich gut?“, fragte sie. Dann schüttelte sie fassungslos den Kopf. „Das gibt’s nicht! Du schnüffelst sie!“

„Sie ist hier her gelaufen!“, sagte Brian mit Bestimmtheit. „Und woher ich das weiß, ist doch wohl egal.“

„Du nimmst immer mehr Wolfseigenschaften an, ist dir das eigentlich klar?“

„Ist es. Und wahrscheinlich geht das Rebecca genauso. Deswegen müssen wir zusehen, dass wir sie einholen.“

„Wo will sie denn hin, verflucht nochmal?“

„Zu der Lichtung“, stellte Brian fest. Dann blieb er plötzlich stehen. „Wenn man hier weiter läuft, kommt man auch dorthin, nur ist es ein ziemlich unbequemer Weg... Aber die Spur...“ Wieder ertönte ein Wolfsgeheul in der Ferne.

„Ich hoffe nicht, dass sie das ist und die Verwandlung bei ihr schon etwas schneller vor sich gegangen ist, als wir eigentlich gedacht haben!“

„Ne, das ist sie nicht“, sagte Brian.

„Woher willst du das wissen?“

Brian drehte sich zu ihr um. Das Mondlicht spiegelte sich in seinen Augen. „Instinkt“, sagte er. „Vielleicht ein erwachender Wolfsinstinkt, das mag sein. Aber ich weiß es eben, so wie ich weiß, wenn ein Pullover kratzt oder einem Hamburger das Ketchup fehlt! Also frag mich nicht, was du sowieso in meine Gedanken lesen könntest!“

„Ist ja gut! Man muss ja nicht gleich so bissig werden!“

„Geh zu den anderen und sag ihnen, sie sollen zur Lichtung kommen. Und wenn ich dir noch einen Rat geben darf: Schau genau in meinen Gedanken nach, wo diese Lichtung ist und wie man da hinkommt, denn Rick und Alec können das nicht wissen!“

„Und du folgst Rebecca?“

„Wir werden uns alle dort treffen... Hoffe ich! Und nun muss ich weiter. Sonst ist Rebecca über alle Berge...“

37.

Brian lief allein weiter. Sein Atem war ruhig dabei, allerdings ertappte er sich manchmal dabei, die Zunge aus dem Mund hängen zu lassen. Eigentlich war er ganz froh darüber, dass er in dieser Umgebung nirgendwo mit einem Spiegel rechnen musste, der ihm vielleicht gezeigt hätte, dass auch sein Äußeres sich bereits wieder zu verändern begann...

Dass seine Fingernägel offenbar außergewöhnlich schnell gewachsen waren, hatte er bereits gemerkt und sich damit schon in die Handinnenfläche geschnitten. Und seine Zähne hatten anscheinend auch eine leicht veränderte Kauleiste, wie sein Zahnarzt dazu immer sagte.

Auch nachdem er schon eine längere Zeit in gleichbleibend hoher Geschwindigkeit durch den Wald gelaufen war, fühlte er keinerlei Anzeichen von Erschöpfung.

Die Spur von Rebecca zu verfolgen war leicht.  Aber er bemerkte nun plötzlich auch noch so viele andere Geruchsspuren. Als jemand, der in New York City aufgewachsen war, konnte er nun wirklich nicht von sich behaupten, ein Naturbursche zu sein und sich im Wald besonders gut auszukennen. Aber je weiter er lief, desto bekannter kam ihm das alles vor. Die Gerüche von Tieren, Bäumen, Pflanzen...

In der Vergangenheit hatte er den Geruchssinn eigentlich kaum beachtet – allenfalls dann, wenn die eine oder andere Lehrerin mal ein so aufdringliches Deo benutzte, dass man einen mittelschweren Niesanfall davon bekam.

Eine völlig neue Welt, dachte Brian – fasziniert von diesen  neuen Eindrücken.

Und dann vernahm er eine Gedankenstimme.

„Komm her! Komm und empfange deine Weisungen und ich gebe dir Stärke, auf dass du unverwundbar wirst...“

Der Gehörnte!, erkannte Brian sofort.

Er hielt inne.

Tue ich wirklich noch das Richtige?, fragte er sich. Oder war es ein Fehler, allein weiterzulaufen? In diesem Moment wünschte er sich Mister Oliver Grant mit seiner Geisterpistole herbei, dessen mit einer alchemistischen Mixtur gefüllte Silberkugel ihm ja vielleicht noch einmal etwas Aufschub gewähren konnte.

Er sah sich um.

Ein Erdhörnchen huschte zwischen zwei knorrigen Wurzeln her und verschwand in einem finsteren Loch. Brian fühlte den absurden Drang, hinterherzujagen.

Aber konnte sich gerade noch bremsen.

Daran, dass er vielleicht schon bald auf menschliches Wild Jagd machte, wagte er gar nicht weiter zu denken.

Brian lief weiter. Dann erreichte er einen Bach, an dem eine Gestalt niederkniete und schlürfend trank.

Er brauchte sich gar nicht weiter zu nähern, um zu erkennen, dass es sich um Rebecca handelte.

Sie schnellte hoch. Ihr Gesicht wirkte gehetzt, die Augen genauso weit aufgerissen, wie Brian es in der Vision gesehen hatte.

Brian wollte ihren Namen sagen und stellte fest, dass es ihm schwer fiel. So als würde ihm ein Kloß im Hals sitzen und eine Zunge auf eigenartige Weise gelähmt sein. Etwas hinderte ihn daran zu sprechen.

Erst im zweiten Anlauf brachte er ihren Namen heraus.

„Rebecca!“

Sie wollte davonlaufen.

„Warte!“, rief er und sie blieb wie erstarrt stehen, offenbar unsicher darüber, was sie nun tun sollte. Das Mondlicht fiel zwischen den Bäumen hindurch in ihr Gesicht.  Die Nasenflügel bebten, so als würde sie Witterung aufnehmen.

„Rebecca, es ist noch nicht zu spät!“, sagte er. „Für uns beide nicht!“

Sie schüttelte den Kopf. Ein Ausdruck der Verzweiflung stand in ihrem Gesicht. Auch sie schien Mühe damit zu haben, Worte zu finden, obwohl sie doch ansonsten nie darum verlegen gewesen war.

„Du willst zur Lichtung, nicht wahr, Rebecca?“

In der Ferne heulten gleich mehrere Wölfe.

„Ja!“, murmelte sie kaum hörbar.

„Wir haben denselben Weg.“

„Wirklich?“

Sie sah ihn an. Ihr Gesicht verzog sich.

„Du hast die Aura des Bösen bei mir längst bemerkt, nicht wahr? Du musst sie bemerkt haben, ansonsten wäre dein Talent nicht das Papier wert, auf dem du dich in Saint Morn eingeschrieben hast!“

„Ja, du hast recht“, flüsterte sie mit kaum hörbarer Stimme. „Aber ich konnte es nicht sagen. Irgend etwas hat mich daran gehindert... Vielleicht wollte ich es auch einfach nur nicht wahrhaben, denn zuvor hatte ich dieselbe Aura auch schon bei mir entdeckt! Ich habe in den Spiegel geschaut und sie gesehen. Auch wenn sie für niemanden sonst sichtbar zu sein schien, so war sie doch da...“ Sie atmete tief durch. „Brian, es ist so furchtbar! Wir werden Monster, die in Kürze jeden, der ihnen über den Weg läuft, zerfleischen!“

Brian näherte sich ihr. Dann berührte er sie leicht an der Schulter.

„Es ist noch nicht verloren, Rebecca!“

„Es ist unumkehrbar! Jeder sagt das!“

„Wir treffen die anderen auf der Lichtung...“

„Dort, wo....“

Sie sprach es nicht aus. Brian nickte entschieden. „Dort, wohin der Gehörnte uns alle gerufen hat. Aber er ist noch nicht dort. Nora, Alec und Rick werden dort sein...“

„Wie konntest du sie alle so in Gefahr bringen? Sie haben keine Chance, sich zu wehren, wenn die Bestien auftauchen!“

„Und genau das ist einer der Gründe, weshalb wir uns beeilen sollten ...“, erklärte Brian. „Alles weitere erkläre ich dir unterwegs.“ Ein mattes Lächeln flog über sein Gesicht. „Einer der Vorteile der Wolfsverwandlung ist ja anscheinend, dass man beim laufen nicht mehr so außer Atem gerät. Ich nehme an, dass hast du auch schon bemerkt...“

38.

Als Rebecca und Brian die Lichtung erreichten war noch niemand dort. Aber von allen Seiten waren jetzt immer wieder die heulenden Rufe von Wölfen zu hören.

„Ich nehme an, unsere Freunde haben es sich anders überlegt“, meinte Rebecca. „Ich könnte es jedenfalls gut verstehen.“

„Warum immer das Schlechteste annehmen?“, meinte Brian.

„Ich halte mehr davon, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken“, meinte sie.

Ein paar Äste knackten. „Na bitte“, meinte Brian, als eine schattenhafte Gestalt aus dem Dunkel des Unterholzes herauskam.

Aber dann erstarrten sie beide, als sie sahen, wer da vor ihnen stand.

Es war niemand anderes als Deputy Meyer.

Seine Kleidung war ziemlich zerzaust und dreckig. Er begann zu knurren und einen Wolfsruf auszustoßen, als er Brian erblickte. Dann verwandelte er sich. Der Kopf vergrößerte sich, das Maul trat hervor und es bildeten sich innerhalb weniger Herzschläge die Raubtierfänge eines Wolfs.

Dann machte der Wolf, zu dem Meyers geworden war, einen Satz in Brians Richtung. Mit zwei weiteren, ausholenden Sprüngen kam das Monstrum auf Brian zu und griff an.

Brian reagierte. Er nahm alle seine Kräfte zusammen. Mit Hilfe seiner Telekinese-Fähigkeit hatte er schließlich schon einmal zwei Werwölfe abwehren können. Aber diesmal spürte er, dass etwas anders war. Er konnte seine Kräfte nicht so einsetzen, wie er das gewohnt war. Irgend etwas hinderte ihn daran. Eine Schrecksekunde verging und dann war es auch schon zu spät. Der Wolf stürzte sich auf ihn, warf ihn zu Boden und Brian sah das offene Maul der Bestie dicht vor seinen Augen. Doch genau in diesem Augenblick verwandelte sich auch Brian.  Innerhalb von einer Sekunde wurde auch aus ihm ein  mindestens gleichstarker Wolf. Beide Monstren rollten übereinander, verbissen sich ineinander, bevor sie sich schließlich wieder lösten.

Knurrend standen sie sich gegenüber.

Genau, als der Werwolf, in den sich Meyers verwandelt hatte, erneut zum Sprung ansetzte, ertönte ein Knall. Der Wolf wurde zu Boden geschleudert, drehte sich um die eigene Achse und blieb dann im Gras liegen.

Brian drehte sich in seinem Wolfskörper irritiert um. Er sah, dass Rebecca sich ebenfalls teilweise verwandelt hatte und er roch, dass sie genauso verwirrt war wie er.

Niemand war zu sehen.

Meyers verwandelte sich unterdessen zurück. Es war eine Silberkugel, die ihn getroffen hatte – genau von der Sorte, wie der Geist von Oliver Grant sie verwendete.

Meyers erhob sich und starrte auf Rebecca und Brian – zwei riesenhafte Wölfe, die ihm zähnefletschend gegenüberstanden.

Ein weiterer Schuss kam aus dem Nichts und traf Brian. Die Kugel fuhr in seinen Körper, leuchtete dort auf und gleichzeitig verwandelte er sich zurück.

„Mister Grant beeilen Sie sich mit dem Nachladen!“, forderte eine Stimme.

Der Wolf, zu dem Rebecca geworden war, spitzte aufmerksam die Ohren, so als würde die Bestie die Stimme wiedererkennen.

Rick...

„Was für eine schnelllebige Zeit, in der selbst Geister gehetzt werden!“, krächzte eine Stimme aus dem Nichts.

Drei Gestalten tauchten aus Unterholz am Waldrand hervor. Alec, Rick und Nora.

Rebecca verwandelte sich unterdessen halb zurück. Der Kopf war bereits menschlich, ebenso die Beine und Arme. Nur der Körper war noch der eines Wolfs.

„Wann sind Sie soweit, Mister Grant?“, sagte Rick. „Wenn sie erst auf und davongerannt ist, wird es schwierig, noch etwas für sie zu tun!“

Rebecca kauerte im Gras und schien sich nicht entscheiden zu können, ob sie Wolf bleiben oder wieder Mensch werden sollte.

Der zurzeit unsichtbare Geist von Mister Grant nahm ihr die Entscheidung ab. Die Silberkugel traf Rebecca am Rücken, weil sie sich gerade abwendete und bereits im Begriff war, davonzuspringen.

„Mister Grant, Sie sollten jetzt für alle sichtbar werden“,  meinte Rick. „Das erleichtert für alle, die des Geistersehens nicht mächtig sind, die Kommunikation!“

„Wie du meinst“, gab Oliver Grant zurück und im nächsten Moment erschien eine durchscheinende Gestalt.

39.

Brian betastete seine Schulter, wo ihn diesmal die Silberkugel getroffen hatte. Sein Pullover und T-Shirt, die er seit dem ersten Schuss noch nicht gewechselt hatte, waren jetzt wirklich hinüber. Nur noch Fetzen. Aber das war halb so schlimm. Von der Kugel blieb jedenfalls wie beim ersten Mal keine Wunde.

Deputy Meyers war natürlich noch verwunderter – ebenso wie Rebecca.

Rick, Alec und Nora kamen zu ihnen gelaufen, während sich der Geist von Oliver Grant etwas abseits hielt.

„Wie ihr seht, haben wir Mister Grant als Verstärkung mitgebracht“, erklärte Rick. „Und das hat sich wohl ja auch schon gelohnt.“

„Glücklicherweise hat Mister Grant sich daran erinnert, dass er noch ein paar Kugeln in seinem Sarkophag aufbewahrt hatte, die zwar genauso vergeistert waren, wie er selbst und seine Pistole, aber offenbar noch verwendbar gewesen sind.“

„Nach so vielen Jahren kann man ja auch mal etwas vergessen. Aber wir hatten Glück, dass bei allen drei getroffenen Wölfen die Verwandlung noch nicht endgültig abgeschlossen war. Die Wirkung wird allerdings nicht lange anhalten!“, sagte Grant. „Und davon abgesehen, habe ich jetzt nur noch eine einzige Kugel! Gegen die Armee von Werwölfen, die hier unterwegs ist, werde ich damit wohl keine Chance haben!“ Der kauzige Geist zuckte mit den Schultern. „Ich bin ja schon tot, aber wenn es sich jemand von euch noch anders überlegen und von hier verschwinden will, sollte er das jetzt besser tun...“

„Was für eine Armee von Werwölfen?“, fragte Brian.

„Auf einem Parkplatz, hier ganz in der Nähe, versammeln sich mindestens zwanzig Motorradfahrer, angeführt von einem Mann mit grauen Haaren und langem Ledermantel“, stellte Nora fest. „Wir sind an ihnen vorbeigefahren. Offenbar warten die noch auf ein paar Mitglieder ihres exklusiven Clubs... Tja, und in deinen Gedanken hast du eigentlich nie daran gezweifelt, dass das alles Werwölfe sind, Brian!“

„Wäre schön, wenn er sich in diesem Punkt irren würde!“, meinte Rick.

„Und ich fände es schön, wenn hier jetzt alle mithelfen! Wir haben nicht mehr viel Zeit...“ Alec hatte eines seiner Bücher dabei. Er klemmte es jetzt unter den Arm und ging mit langen Schritten über die Lichtung. Als er den ungefähren Mittelpunkt erreicht hatte, blieb er stehen. „Irgendwo muss hier der achteckige Stein zu finden sein. Seht bitte auch mal nach!“ Die anderen folgten ihm und hielten ebenfalls Ausschau.

Brian versuchte sich zu erinnern, wo genau er den Stein in seiner Vision gesehen hatte.

„Könnte es vielleicht sein, dass das gute Stück durch irgendeine Illusionsmagie oder so was nicht zu sehen ist?“, maulte Nora.

„Nein, das ist ziemlich ausgeschlossen“, erklärte Alec Murphy. „Nach allem, was über den Gehörnten bekannt ist, lässt er solche Steine an bestimmten, genau vermessenen Plätzen bringen – und zwar von seinen niedersten Knechten – und die sind selten übersinnlich talentiert.“

„Du sprichst von den Wölfen?“, fragte Brian.

„Nein. Ich meine irgendwelche Leute aus der Gegend, die seinen Einflüsterungen folgen und sich später nicht mehr daran erinnern. Ich habe da Dutzende von Fällen gefunden... Und wahrscheinlich gibt es zahllose solcher Steine auf der ganzen Welt. Über Sie gelangt der Gehörnte zu uns und kann dann in einem gewissen Umkreis agieren. Manchmal ist es auch so...“

„Hier ist er!“, unterbrach ihn Brian.

Er deutete auf eine bestimmte stelle auf dem Boden.

„Da ist nur Gras!“, stellte Rick fest. „Aber die Aura des Bösen... Sie ist dort sehr deutlich zu sehen!“

Brian bückte sich und rupfte das Gras fort. Darunter war eine dünne Schicht Mutterboden und darunter – der Stein.

Die anderen halfen mit, ihn freizulegen.

„Wir sollten mit einer so herkömmlichen Methode, einen Stein zu verstecken auch rechnen!“, seufzte Rick.

Schließlich lag der achteckige Stein frei vor ihnen.

Er war mit Zeichen bedeckt, die einer unbekannten Schrift angehörten. „Das sind magische Zeichen, die auch Franz von Borsody in seinem Buch 'Zeichen der geheimen Macht' überliefert hat“, murmelte Alec Murphy mit einer Mischung aus Ergriffenheit und Faszination. „Diese Zeichen ermöglichen erst den Übertritt des Gehörnte in unsere Welt...“

„Aber ich habe ihn schon gesehen!“, stellte Brian fest. „Er erschien in einem knorrigen Baum und die Äste...“

„Das war nur eine Erscheinung, Brian. Ein Ebenbild. Ich spreche davon, dass er tatsächlich die Welt betritt – wenn auch nur für kurze Momente – und seine Kräfte an seine Dienerwesen weiter gibt!“ Alec schnippste mit den Fingern. „Den Meißel, Rick!“

Brian hatte sich schon die ganze Zeit gewundert, was Rick eigentlich in der Tasche hatte, die er um die Schultern trug. Jetzt wurde es offenbar. Er reichte Brian einen Hammer und einen Meißel.

„War gar nicht so leicht, das aufzutreiben, aber unser Hausmeister hat einen gut sortierten Werkzeugkasten“, sagte Rick.

„Mann, das ist ein Holzmeißel!“, seufzte Alec genervt und schob sich erstmal die Brille zurecht. „Für Stein ungeeignet. Aber da wir nur ein einziges Zeichen ändern müssen, wird es gehen. Der Meißel ist dann hinterher allerdings stumpf und unbrauchbar!“

„Mister Smith wird dir das verzeihen!“, glaubte Rebecca.

„Da kennt ihr Mister Smith schlecht“, murmelte Alec und begann sein Werk. Mit gezielten Schlägen veränderte er ein ganz bestimmtes Zeichen. Nora musste derweil das Buch aufschlagen, dass Alec mitgebracht hatte.

Rick leuchtete mit einer Taschenlampe.

„Fertig“, sagte er schließlich.

„Wird auch Zeit, glaube ich“, sagte Nora. „Ich spüre sehr viele, sehr seltsame Gedanken, die irgend etwas mit Gerüchen und blutigem Fleisch zu tun haben...“

Sie drehte sich um und auch die anderen folgten ihrem Beispiel. Von allen Seiten waren jetzt Geräusche im Unterholz zu hören. Mehr als zwei Dutzend Wölfe kamen auf die Lichtung und tauchten in das fahle Mondlicht. Manche stießen heulende Rufe aus.

„Wir sind eingekreist!“, stellte Brian fest.

Er spürte bereits wieder den Drang, die Rufe seiner Wolfsbrüder zu erwidern. Ihr Geruch stieg ihm in die Nase.

„Der einzige, dem jetzt nichts passieren kann, ist Mister Grant“, murmelte Rick.

„Jetzt müssen wir darauf vertrauen, dass wir alles richtig gemacht haben!“, sagte Alec und hatte dabei noch die Seelenruhe, sich die Brille mit dem Taschentuch zu putzen.

Die Wölfe näherten sich mit einer gewissen, fast ehrfürchtigen Scheu. Brian erkannte das Monstrum mit der  grauen Strähne und den sehr dunklen Wolf wieder, denen er bereits im Kampf begegnet war.

Die beiden erkannten ihn auch sofort wieder und richteten schnüffelnd ihre Schnauze in Brians Richtung. Dann fletschten sie die Zähne...

„Willkommensgrüße stelle ich mir anders vor!“, meinte Rebecca.

Deputy Meyers ging auf die Knie und stützte sich mit den Händen auf, als wollte er in Zukunft auf allen vieren laufen und sich so schnell wie möglich zurück in einen Wolf verwandeln.

„Tun Sie es nicht, Deputy! Kämpfen Sie dagegen an!“, beschwor Brian ihn.

„Ich kann nicht!“, murmelte er und seine Worte gingen bereits in einen Laut über, der mehr einem wölfischem Knurren, als einem klar artikulierten Wort ähnelte.

„Es ist jetzt in wenigen Sekunden genau drei Uhr und dreiunddreißig Minuten“, stellte Alec nach einem Blick auf seine Armbanduhr fest. Und dann zählte er die letzten Sekunden den Countdowns eines Raketenstarts rückwärts.

Als er bei der Null angekommen war, blieben die sich bis dahin beständig nähernden Wölfe stehen. Wie auf ein geheimes Zeichen hin setzten sie sich und begannen gleichzeitig ihr wölfisches Heulen auszustoßen. Ein vielstimmiger, schauriger Chor erhob sich.

Deputy Myers hatte sich bereits wieder fast völlig ein einen Wolf verwandelt und auch Rebecca und Brian spürten jetzt den Drang dazu. Die Fingernägel wuchsen, das Haar wucherte innerhalb von Augenblicken bis unter die Augen... Es schien nichts zu geben, was diesen Prozess stoppen konnte.

„Soll ich die letzte Kugel noch einsetzen?“, frage Oliver Grant.

„Nein, tut das nicht!“, erwiderte Alec Murphy sehr bestimmt. „Was geschieht, ist richtig so. Genauso soll es sein!“

40.

Feuer loderte empor, Flammen schlugen aus dem achteckigen Stein. Eine Gestalt wuchs baumhoch daraus hervor. Ein schattenhaftes Ebenbild des Gehörnten.

Er streckte die Arme aus – den Wölfen entgegen, die nur darauf warteten, auf ihn zuzustürzen.

„Ihr habt mich gerufen!“, rief die Stimme des Gehörnten. „Kommt her, meine Diener... und sammelt euch... verwandelt euch und empfangt meine Weisungen... Nehmt meine Kraft, auf dass ihr unbesiegbar bleibt, denn nur durch meine Kraft seid ihr unverwundbar...“

Strahlen schossen aus den Schattenarmen des Gehörnten heraus. Wie grelle Blitze zuckten sie durch die Nacht und  trafen die Wölfe einen nach dem anderen, woraufhin jeweils eine flimmernde Lichtaura entstand.

Mit Brian, Rebecca und Deputy Meyers geschah dasselbe. Auch sie wurden von den Blitzen getroffen. Der halb verwundete Brian spürte, wie ihn eine grelle Lichtaura umfing, die ihn blendete und für ein paar Augenblicke jeden anderen Eindruck auslöschte.

Die Stimmte des Gehörnten war wieder zu hören.

„Empfangt meine Kraft... nein... etwas... etwas ist nicht...richtig...“

Einer der Wölfe nach dem anderen sank nun in sich zusammen, schrumpfte und begann sich zurückzuverwandeln. Feuerstrahlen schossen aus den reglos daliegenden Körpern heraus auf den Gehörnten. Dessen Gestalt leuchtete nun grell auf und wurde zu einer Flammensäule, die einen Augenblick später explosionsartig auseinanderplatzte.

Für einen Augenblick war es taghell.

Alec warf sich zu Boden. Das Buch wurde ihm aus der Hand geschleudert. Nora und Rick hatten sich ebenfalls ins Gras geworfen und Mister Grant hatte sich vorsichtshalber unsichtbar gemacht, obwohl ihm das eigentlich weder schaden noch nutzen konnte.

Was mit Brian, Rebecca und Deputy Meyers geschah, konnte niemand von ihnen sehen.

Ihre Körper glühten auf, bis die Feuerstrahlen verebbten. Mit einem lauten, aufstöhnenden Schrei sank die Gestalt des Gehörnten in sich zusammen und verschwand im Stein, durch den nun ein Riss ging.

41.

„Hy, alles in Ordnung?“, fragte Nora.

Brian betastete ungläubig sein Gesicht und seine Hände. Ihm schien nichts passiert zu sein. Und das wichtigste: Er hatte Menschengestalt. „Ich denke schon“, sagte er.

„Liest du seine Gedanken nicht mehr?“, fragte Rick.

„Ich dachte, das tut man nicht“, gab sie zurück.

Rebecca und Deputy Meyers waren ebenfalls unversehrt.

Alec fluchte laut, weil das Buch ins Gras gefallen war und jetzt Flecke hatte.

Brian stand auf. Er ging zu Rebecca, nahm ihre Hand und half ihr ebenfalls auf die Beine. „Habe ich es nicht gesagt – es gab noch Hoffnung!“

„Ja“, murmelte sie.

„Was ist denn mit den Wölfen?“, fragte Rick.

Sie hatten sich zurückverwandelt in die Menschen, die sie gewesen waren, aber danach waren sie sogleich in feine Asche zerfallen, die der Wind bereits fortzutragen begann.

„Träume ich, oder bin ich verrückt geworden?“, murmelte Deputy Meyer.

„Sie, Brian und Rebecca hatten großes Glück, dass die Verwandlung noch nicht abgeschlossen war“, erklärte Alec Murphy. Er streckte die Hand aus und deutete auf die Asche. „Andernfalls...“

Deputy Meyers schluckte.

„Ich glaube, ich verstehe“, murmelte er.

„Das eine Zeichen, das wir geändert haben, hat alles ins Gegenteil verkehrt“, sagte Alec. „Die Kraft, die durch Ritual erneuert und gestärkt werden sollte, wurde ihnen stattdessen entzogen. Die Energien des Gehörnten habe auf ihn selbst zurückgeschlagen.“

Brian deutete auf den Stein. „Diesen Zugang zu unserer Welt wird er wohl nicht mehr benutzen können.“

„Das braucht er auch nicht“, gab Alec zurück. „Auf diesen Stein ist er nun wirklich nicht angewiesen. Es gibt so viele andere Tore für ihn ...“

42.

Am nächsten Morgen saßen Brian, Rebecca, Nora, Rick und Alec in Mister Galways Büro und erstatten ihm ausführlich Bericht. 

Sie mussten in der Tat einiges erklären. Die Explosion hatte man viele Meilen weit gesehen. Sie hatte in der ganzen Gegend für einige Augenblicke die Nacht zum Tag gemacht.

Galway hörte in Ruhe zu, runzelte manchmal die Stirn und hob ab und zu die rechte Augenbraue. Ansonsten zeigte er zunächst keine Reaktion.

„Was ihr getan habt, war gefährlicher, als ihr vielleicht ahnen konntet“, sagte er schließlich. „Aber im großen und ganzen bin ich zufrieden damit, wie ihr gehandelt habt. Allerdings, ist es weder notwendig, einen Wagen kurzzuschließen, noch im Geheimen zu operieren. Ihr hättet euch ruhig an mich wenden können...“

„Einige von uns waren im Begriff zu Dienern der Finsternis zu werden“, stellte Rebecca fest. „Wie hätten wir uns da an die Ritter vom Heiligen Licht wenden können?“

„Jeder von uns ist jederzeit in Gefahr ein Diener der Finsternis zu werden“, sagte Mister Galway leise und bestimmt. „Wenn du denkst, dass ihr da eine Ausnahme seid, dann irrt ihr gewaltig!“

Plötzlich blickte Mister Galway abrupt auf.

„Herein!“, sagte er, obwohl niemand ein Klopfen gehört hatte. Da die Wand ja sehr stark gedämmt war, konnte man ein Klopfen eigentlich auch nicht hören.

Mister Van Ray trat ein.

„Sir, ich sollte Sie daran erinnern, dass Sie die Kollegen noch an die Konferenz erinnern!“

„Danke, Mister Van Ray.“

Brian und Rebecca drehten sich fast gleichzeitig um und begegneten dann dem Blick von Mister Van Rays eisgrauen Augen.

Für einen ganz kurzen Moment nur glaubte Rebecca schon, eine Aura zu sehen. Aber das war vermutlich nur ein Schatten.

„Ich hoffe, Ihr seid trotz den Ereignissen der letzten Nacht ausgeruht genug, um meinem Unterricht zu folgen!“, sagte Mister Van Ray mit einem angestrengten Lächeln. 

ENDE

Die Höllenbrut

Tony Ballard Band 1

von A. F. Morland

1

»Henker, walte deines Amtes!«, rief der Inquisitor mit kräftiger Stimme.

Dicht gedrängt standen die Dorfbewohner vor dem alten Holzkarren. Mit flammenden Augen und gespannten Zügen verfolgten sie die Handgriffe, die der Henker, der Anthony Ballard hieß, nun verrichtete. Alles, was laufen konnte, war gekommen, um die sieben Hexen hängen zu sehen. Sieben Hexen! Junge Mädchen. Eines so bildhübsch wie das andere.

Und doch hatte man sie der Hexerei überführt. Unzucht mit dem Teufel hatten sie getrieben. Die Nachbarn hatten sie auf glühenden Besen durch das Dorf reiten sehen. Beim Hexensabbat hatten sie die schrecklichsten Dinge getan.

Nun sollten sie für allen Frevel, für alles, was sie getrieben hatten, bestraft werden. Kaum einer der Dorfbewohner hatte Mitleid mit ihnen, denn man wusste, dass diese Mädchen nur nach außen hin schön waren. Innerlich waren sie verkommen, böse. Wahre Bestien waren sie, die den Leuten Angst gemacht, Unheil über sie gebracht und Krankheit und Tod verbreitet hatten.

Damit sollte es nun ein für alle Mal vorbei sein. Die Hexen sollten hängen.

Am Galgenbaum.

Es war ein mächtiger, knorriger Baum, an dem schon viele Räuber, Diebe und Schinder aufgeknüpft worden waren.

Mit dicken, bizarren Ästen stellte er ein Furcht einflößendes Mahnmal der Gerechtigkeit dar.

An diesem Baum sollten die sieben Hexen hängen. Alle sieben gleichzeitig. Es war genügend Platz für sie da. Und die Schlingen waren ebenfalls vorhanden.

Anthony Ballard, der gewichtige Henker, ging von einem Mädchen zum anderen. Er schaute ihnen nicht in die Augen, denn er hatte Angst vor ihrem bösen Blick. Mit schnellen Bewegungen streifte er ihnen die Hanfschlinge über den Kopf. Als er bei der siebenten Hexe angelangt war, hielt die Menge unwillkürlich den Atem an.

Er streifte auch ihr die Schlinge über den Kopf und zog sie um ihren weißen schlanken Hals zusammen.

Da begann das Mädchen grell zu lachen. Den Zuschauern stockte das Blut in den Adern, so furchtbar klang das Lachen. Die meisten Leute verspürten in diesem schaurigen Moment eine Gänsehaut über den Rücken laufen.

Giftgrüne Augen hatte das schöne Mädchen. Einen verlockenden Mund, der viele Männer in diesem Dorf schon geküsst hatte. Und einen Körper hatte die Hexe, den viele Männer dieses Dorfes schon besessen hatten.

Noch einmal lachte sie grell.

Anthony Ballard wich unwillkürlich vor ihr zurück. Obwohl sie, wie alle anderen, an Armen und Beinen gefesselt war, hatte der Henker eine seltsame Angst vor ihr.

»Ihr Verrückten!«, schrie die Hexe mit schriller Stimme. »Hängen wollt ihr uns! Da kann ich nur lachen. Wisst ihr denn nicht, dass man uns nicht töten kann? Hexen sind wir! Jawohl! Keinen Augenblick lang haben wir es geleugnet, denn wir sind stolz darauf, Bräute des Satans zu sein. Will es euch denn nicht in den Kopf gehen, dass man uns nichts anhaben kann? Wenn ihr uns jetzt hinrichtet, werden wir vor euren Augen sterben. Aber täuscht euch nicht, denn wir werden nicht wirklich tot sein. Wir werden weiterleben bis in alle Ewigkeit. Und wir werden wiederkommen. Immer wieder. Wir werden in eurem verfluchten Dorf Angst und Schrecken verbreiten. Wir werden eure Kinder und Kindeskinder für eure Tat bestrafen. Kein Glück wird diesem Dorf mehr beschieden sein. Verdammt werdet ihr sein – für alle Zeiten!«

Die Leute bekreuzigten sich entsetzt.

Ein Murren und Raunen ging durch die Menge.

Schließlich fand einer den Mut, zu rufen: »Aufhängen! Henker, mach doch endlich Schluss mit diesen verfluchten Bestien!«

»Ja, Schluss machen!«

»Aufhängen!«

»Bring sie um, Ballard!«, schrien die Leute hysterisch.

Der Henker sprang vom Karren.

Er griff nach der Peitsche, sah sich nicht nach den verfluchten Hexen um, hob die Peitsche und drosch sie dem schnaubenden Pferd auf die schimmernde Kruppe. Wiehernd sauste das Tier nach vorn, riss den Karren mit.

Ein Stöhnen ging durch die Menge.

Die sieben Hexen rutschten vom Karren. Eine nach der anderen.

Sie zappelten mit den Beinen, als sich die Schlingen um ihre Hälse zusammenzogen. Ihr Todeskampf währte nur wenige Augenblicke.

Plötzlich schrie jemand in der vordersten Reihe der Zuschauer mit schreckgeweiteten Augen: »Seht doch! Seht!«

Zitternd wies er auf die hin und her baumelnden Hexen. Ihre jungen Gesichter begannen zu altern. Sie wurden grau, wurden faltig, fielen ein – und dann gingen sie plötzlich in Verwesung über...

Dies alles geschah im Jahr 1674.

2

Hundert Jahre später

Dicke Rauchschwaden hingen in der Dorfkneipe. Um den Stammtisch neben dem Eingang saßen vier Männer. Sie hatten einiges über den Durst getrunken und zechten kräftig weiter.

Mit jeder Runde wurden sie übermütiger. Die verrücktesten Geschichten erzählten sie sich. Und so kamen sie auch auf die sieben Hexen zu sprechen, die vor hundert Jahren gehenkt worden waren.

»Mann«, sagte Glenn Farr grinsend.

»Damals wär ich gern dabei gewesen. Die Mädchen sollen verdammt hübsch gewesen sein, sagt man. Sollen es mit jedem getrieben haben, der ihnen über den Weg lief.«

John Holt kicherte.

»Das wäre dir sehr gelegen gekommen, was?«

»Warum denn nicht?«, gab Farr zurück. Er war ein behäbiger Mann mit den Augen eines Bluthundes, wenig Haaren auf dem birnenförmigen Kopf und schlechten, gelben Zähnen. Er hatte wegen seines Aussehens nicht viel Glück bei hübschen Mädchen, deshalb träumte er manchmal von den schönen Hexen, die es mit jedem getrieben hatten, der ihnen über den Weg lief. Bei denen hätte er auch Chancen gehabt.

John Holt trank genießerisch seinen Whisky. Er war schmalbrüstig, hatte das Gesicht eines Raubvogels und stechende Augen. Trotzdem war er eine Seele von einem Menschen.

Nun stellte er das geleerte Glas vor sich auf den Tisch. Der Whisky umnebelte seinen Geist. Er sprach mit schwerer Zunge.

»Habt ihr eine Ahnung, wie alt der Galgenbaum eigentlich schon ist?«

Die anderen schüttelten den Kopf.

»Verdammt alt«, meinte Farr.

»Uralt«, sagte Tom Kollo, ein Mann mittleren Alters mit Stirnglatze.

»Wie alt kann so ein Baum denn eigentlich werden, hm?«, fragte Holt.

»Mensch du stellst vielleicht dämliche Fragen«, warf Delmer Jones grinsend ein. Er war schwarzhaarig, groß, hatte männliche Züge und dichte, buschige Augenbrauen. »Wen kümmert es schon, wie alt so ein Baum wird?«

»Mich kümmert es!«, sagte Holt beleidigt.

»Und warum?«

»Weil ich glaube, dass mit diesem Baum seit jener Hinrichtung irgendetwas nicht stimmt.«

»Blödsinn!«, sagte Jones.

»Blödsinn, sagst du? Dann erklär mir doch mal, wieso der Baum nicht altert?«

»Vielleicht tut er es. Ich kann das nicht beurteilen. Ich bin kein Botaniker. Und du auch nicht.«

»Ich sage dir, der Baum hat sich seit hundert Jahren nicht verändert.«

»Sieh mal an, ich wusste nicht, dass du schon so alt bist.«

Holt winkte ärgerlich ab.

»Du bist ein blöder Kerl. Mit dir kann man nicht reden.«

»Fangt jetzt bloß nicht zu streiten an!«, rief Glenn Farr lachend dazwischen.

»Trinken wir lieber noch ‘nen Schluck.«

»Ich mache euch einen Vorschlag!«, ließ sich Tom Kollo nun vernehmen. »Wir trinken jetzt noch einen Schluck, wie Glenn vorgeschlagen hat, und dann brechen wir auf...«

»Wohin denn?«, fiel ihm Holt ins Wort.

»Wir gehen alle vier zum Galgenbaum, okay?«

»Und was machen wir da?«, fragte Delmer Jones missmutig. Er wäre lieber in der Kneipe geblieben.

»Wir sehen uns den Baum mal an«, sagte Kollo.

»Auch schon was«, maulte Jones.

»Hast du vielleicht Angst, mitten in der Nacht dorthin zu gehen?«, fragte Tom Kollo grinsend.

»Angst? Ich und Angst! Junge, da kennst du mich aber schlecht. Wenn du willst, gehe ich jetzt gleich auf den Friedhof und buddle dort jeden Toten aus, den du haben willst. Angst habe ich nicht. Ich finde es nur kindisch, mitten in der Nacht zum Galgenbaum zu rennen, um zu sehen, ob er wirklich seit hundert Jahren nicht älter geworden ist.«

Holt winkte den Wirt an den Tisch und bestellte die nächste Runde.

Als sie den Whisky erhalten hatten, meinte John Holt mit gepresster Stimme: »Man sagt, dass die Hexen in dem Baum wohnen. Leute, die als mutig und furchtlos bekannt sind, haben die Hexen schreien und kichern gehört.«

»Mensch, hör doch endlich mit dem Geisterquatsch auf!«, sagte Delmer Jones ärgerlich. »Nichts von dem ist doch wahr!«

»Ich weiß nicht!«, sagte Holt unsicher.

»Junge, ich hab gleich die Hosen voll, wenn du so weiterredest!«, sagte Glenn Farr grinsend.

Sie tranken den Whisky aus. Jeder beglich beim Wirt seine Rechnung. Dann verließen sie zu viert die Kneipe. Sie gingen mit unsicheren Schritten durch das Dorf. Sie kicherten und lachten, versuchten einander Angst zu machen, erfanden selbst Geschichten über die verfluchten Hexen, die auch jetzt noch auf ihren glühenden Besen durch das Dorf ritten. Man musste nur die Augen offen halten, dann konnte man sie sehen.

Lachend kamen sie am stillen kleinen Friedhof vorbei. Die Grabsteine schimmerten matt im silbrigen Mondlicht.

Vom nahen Kirchturm ertönten zwölf Glockenschläge.

»Mitternacht!«, sagte Delmer Jones, der Furchtlose. Er schaute seine Freunde grinsend an. »Geisterstunde! Wollt ihr weitergehen oder lieber umkehren?«

»Wir gehen weiter!«, sagte John Holt bestimmt. Schon lange hatte er nachts mal zum Galgenbaum gehen wollen.

Allein hätte er aber nie den Mut dazu aufgebracht.

»Und wenn euch die Hexen dort nun den Hals umdrehen?«, fragte Jones grinsend.

»Dann drehen sie ihn dir genauso um!«, gab Glenn Farr zurück. Er ließ sich nicht anmerken, dass ihm schon ein bisschen flau im Magen war. Er lachte lauter als die anderen, gab sich unbekümmert und furchtlos. Doch innerlich begannen seine Knie immer heftiger zu schlottern. Es war bestimmt keine gute Idee gewesen, gerade um Mitternacht zum Galgenbaum zu gehen.

Kneifen kam für ihn natürlich nicht in Frage. Das Gespött der Freunde hätte ihn für alle Zeiten als Feigling gebrandmarkt und im ganzen Dorf unmöglich gemacht.

Nein, kneifen kam für ihn nicht in Frage.

Zum Glück merkten die anderen nicht, wie sehr ihn die Angst bereits quälte.

Die letzten Häuser des Dorfes blieben hinter ihnen.

Die vier betrunkenen Männer stapften durch das hohe Gras einer feuchten Wiese. Vom nahe gelegenen Moor stiegen bizarr geformte Nebelschleier auf, die ihre Gestalt ständig veränderten, wodurch sie den Anschein erweckten, als würden sie leben.

Schaudernd fuhr sich Tom Kollo über die zusammengepressten Lippen. Sie waren gleich da. Kollo hatte das Gefühl, eine eiskalte Hand würde ihm über den Rücken fahren. Beinahe hätte er den Vorschlag gemacht, umzukehren. Doch dann biss er sich schnell auf die Zungenspitze und hielt den Mund. Er achtete darauf, nicht als Letzter zu gehen, und er warf stets einen ängstlichen Blick zurück, als befürchtete und erwartete er einen schrecklichen Angriff von irgendwelchen Gespenstern.

Der uralte Galgenbaum stand auf einem kleinen Hügel.

Man konnte ihn schon von weitem sehen. Wie ein schreckliches Untier stand er da, reckte seine dicken Äste wie kräftige Arme nach allen Seiten und zum schwarzen Himmel hinauf.

Je näher die vier Männer diesem Baum kamen, desto zögernder setzten sie ihre Schritte.

Etwas Unheimliches schien von diesem Baum auszugehen. Keiner wollte ihn als Erster erreichen.

Plötzlich blieb Glenn Farr mit entsetzt aufgerissenen Augen wie angewurzelt stehen.

»Da!«, schrie er schrill.

Die anderen blieben ebenfalls sofort stehen.

»Um Himmels willen!«, stieß John Holt mit bebenden Lippen hervor.

»Gott erbarme sich unserer Seelen!«, presste Tom Kollo zitternd hervor.

»Das gibt’s doch nicht!«, sagte Delmer Jones und schüttelte unwillig den Kopf. Er wollte nicht glauben, was er sah – genauso sah wie seine Freunde. Er tat es als Sinnestäuschung ab. Er schob es dem vielen Alkohol zu, den er getrunken hatte. Aber konnten sich vier erwachsene Männer – selbst wenn sie betrunken waren – so schrecklich täuschen?

Entsetzt starrten die vier Männer auf den schwarzen Galgenbaum.

Die sieben Hexen baumelten an dem dicken Ast, an dem sie vor hundert Jahren aufgehängt worden waren. Ihre Körper schienen zu fluoreszieren.

Etwas Grauenvolleres hatten die vier Männer noch nicht erlebt...

3

Ein Wind kam auf. Er wurde heftiger.

Kam aus dem Nichts, denn der Himmel war klar, und es war kein Unwetter zu erwarten.

Die leuchtenden Körper der gehenkten Hexen begannen im Wind zu schaukeln.

Die vier Männer drängten sich dicht aneinander. Nun hatte auch Delmer Jones Angst. Farr starrte ihn mit teigigem Gesicht an.

»Was sagst du dazu, Delmer?«

»Ich begreife das einfach nicht«, stieß Jones kopfschüttelnd hervor.

»Hauen wir ab!«, riet John Holt.

Sie wandten sich um, doch keiner begann zu laufen. Sie konnten sich nicht vom Fleck bewegen. Die furchtbaren Hexen hatten sie bereits in ihren Bann geschlagen.

Mit hämmernden Herzen und schweißnassen Gesichtern starrten sie wieder zum Galgenbaum.

Der Wind wurde zum Sturm. Er heulte schaurig in den Zweigen des Galgenbaumes. Die leuchtenden Körper der toten Hexen schaukelten wild hin und her.

Die Männer hatten den Eindruck, die sieben Körper würden zum Leben erwachen.

Ein siebenstimmiges schreckliches Kichern ließ die Männer jäh zusammenfahren.

»Die leben!«, stöhnte Glenn Farr, zutiefst entsetzt.

In diesem Moment stimmten die Hexen ein irres, bösartiges Gelächter an.

»Wir müssen schnellstens von hier weg!«, keuchte Tom Kollo. »Ins Dorf zurück!«

Verzweiflung und Angst verzerrten ihre Züge. Sie wussten, dass sie von hier nicht weg konnten. Das peitschte ihnen eine panische Angst in die kalten Knochen.

Der Sturm fuhr ihnen in die heißen Gesichter und nahm ihnen den Atem. Gleichzeitig schleuderte er ihnen das furchterregende Gelächter der Hexen entgegen.

Mehr und mehr baumelten die leuchtenden Leiber hin und her. Höher, immer höher schwangen die gehenkten Körper.

Und plötzlich lösten sich alle sieben Hexen vom Galgenbaum.

Aus den Stricken, die die Hexen um den Hals trugen, wurden mit einem Mal glühende Besen. Die Männer trauten ihren Augen nicht. Delmer Jones glaubte sogar, seinen Verstand verloren zu haben.

Verdattert beobachteten sie, wie sich die scheußlich lachenden Hexen auf ihre Besen schwangen. Der Sturm wurde noch heftiger. Und die Hexen kamen auf die entsetzten Männer zugeflogen.

Es war eine wilde, kreischende Jagd, die sich auf die Männer stürzte. Vom schwarzen Himmel kamen sie herunter.

Ihre Augen funkelten Furcht erregend.

Ihre gefletschten Zähne blitzten gefährlich. Sie schwebten über den erstarrten Männern und schlugen mit ihren glühenden Besen auf sie ein. Unbarmherzig. Immer wieder.

Sie droschen die Männer gnadenlos zusammen, während sie wild und blutrünstig kreischten und schrien. Sie schlugen mit ihren Besen so lange auf die Männer ein, bis diese, aus unzähligen schrecklichen Wunden blutend, zusammenbrachen.

Doch selbst dann ließen sie von ihren Opfern noch nicht ab. Sie warfen nun ihre Besen fort und stürzten sich mit ihren langen, spitzen glühenden Krallen auf die Bedauernswerten, um sie zu zerfleischen...

Man fand ihre grauenvoll verstümmelten Leichen am nächsten Tag.

Sie blieben leider nicht die letzten Opfer der grausamen Hexen...

4

Das Rad der Zeit drehte sich um weitere hundert Jahre.

Das Dorf war größer geworden. Die Dorfkneipe existierte immer noch. Und obwohl andere Menschen in diesem englischen Dorf wohnten, erzählten sie sich immer noch dieselben unheimlichen Geschichten.

In der Kneipe war im Laufe der Zeit vieles geändert worden. So zum Beispiel stand der Stammtisch nicht mehr neben der Tür, sondern rechts neben der Theke. An den Wänden klebten Tapeten, man trank aus neu angeschafften Krügen und Gläsern.

Wie gesagt – nur die schaurigen Geschichten, die man sich erzählte, waren immer noch dieselben.

Es war kurz nach Mitternacht, und der Wirt überlegte bereits, ob er die letzte Gäste, die ja doch kaum noch etwas verzehrten, vor die Tür setzten sollte. Er gähnte mehrmals demonstrativ, damit die Leute sahen, wie müde er schon war und wie gern er nun ins Bett kriechen wollte.

Zwei Männer erhoben sich, grüßten kurz und verließen die Kneipe.

Die letzten drei blieben, bis der Wirt missmutig »Sperrstunde!« rief. Dann erhoben sie sich mit ärgerlichen Blicken und machten sich schließlich ohne Eile auf den Weg.

Der Wirt schloss hinter ihnen sofort die Tür ab, damit keiner der Trunkenbolde auf die Idee kommen konnte, noch mal umzukehren.

Dann schlurfte er mit müden Schritten durch das rauchgeschwängerte Lokal.

Als er die Tür erreicht hatte, die in die Küche und in die angrenzende Wohnung führte, hämmerte jemand laut und ungestüm an die geschlossene Kneipentür.

Jeder Schlag dröhnte durch die leere Gaststube, hallte durch das ganze Haus.

Missmutig drehte sich der Wirt um.

»Nix da!«, knurrte er. »Es ist geschlossen.«

Fäuste hämmerten in scheinbar wilder Verzweiflung an die Tür.

»Verdammt noch mal, irgendwann habe auch ich ein Recht auf Ruhe!«, sagte der Wirt ärgerlich, und er war nicht gewillt, die Tür noch einmal aufzuschließen. »Morgen ist auch noch ein Tag. Der Whisky kostet morgen dasselbe Geld. Also, geht jetzt nach Hause und kommt morgen wieder!«

Die Schläge wurden verzweifelter.

Ein Gurgeln erschreckte den Wirt plötzlich. Er kniff die Augen zusammen.

Hört sich verdammt danach an, als ob jemand Hilfe braucht, überlegte der Mann.

Er schüttelte unwillig den Kopf.

»Nix da! Ich mache nicht mehr auf. Das gibt bestimmt Ärger, und wenn es etwas Ernstes ist, komme ich womöglich überhaupt nicht mehr ins Bett in dieser Nacht.«

Die Schläge wurden mühsamer.

Ein Stöhnen drang durch die Tür. Ein Röcheln folgte. Dann glaubte der Wirt zu hören, wie dort draußen jemand umfiel.

»Mist!«, ärgerte er sich. Aber er war schon auf dem Weg zur Tür. Immerhin war er kein Unmensch. Und wenn dort draußen jemand war, der seine Hilfe brauchte, dann war es seine Pflicht, zu helfen. Das wusste der Wirt, und er handelte danach, wenn er auch schimpfte.

Mit schnellen Schritten durchquerte er den Gastraum. Er fasste nach dem Schlüssel. Draußen röchelte und stöhnte jemand nun ganz deutlich.

»H-ilfe! H-ilfe!«

Bestürzt drehte der Wirt den Schlüssel herum. Er zog auch den schweren Eisenriegel zur Seite, den er im vergangenen Jahr sicherheitshalber hatte anbringen lassen, denn es war im Dorf verschiedentlich eingebrochen worden.

Schnell riss er nun die Tür nach innen auf.

Da lag etwas auf dem Boden.

Ein blutgetränktes Fetzenbündel. Ein blutgetränktes menschliches Fetzenbündel!

Menschlich war eigentlich kaum noch die richtige Bezeichnung. Was da vor der Kneipentür auf dem Boden lag, hatte kaum noch Ähnlichkeit mit einem Menschen. Die Person war nicht mehr zu identifizieren, und es grenzte an ein Wunder, dass es dieser Mensch geschafft hatte, sich bis hierher zuschleppen, egal, woher er kam.

Zuckend lag der fürchterlich zugerichtete Körper vor den Füßen des ratlosen Wirtes. Er wusste nicht, wie er helfen sollte. Jeder helfende Griff konnte den Tod dieses Mannes zur Folge haben.

Schrecklich sah der Bedauernswerte aus. Er blutete aus unzähligen tiefen Wunden, die ihm die Krallen vieler Raubtiere zugefügt zu haben schienen.

Der Mann hob das verstümmelte Gesicht.

Er wollte mit seinen aufgerissenen, zerfetzten Lippen etwas sagen.

Der Wirt beugte sich zu dem Sterbenden hinunter, der ihm mit letzter Kraft noch etwas anvertrauen wollte.

»Ruhig! Ruhig!«, keuchte der Wirt voller Mitleid.

Ein Zittern durchlief den Körper des gefolterten Mannes.

»Hexen!«

»Wie?«

»Hexen!«

»Hexen?«

»Ja. Galgenbaum... Sie sind ... über ... mich hergefallen ... Wilde ... Jagd! ...«

Kaum zu verstehen waren die Worte, die die zerfleischten Lippen bildeten.

Trotzdem begriff der Wirt sofort, was diesem Mann beim Galgenbaum widerfahren war.

Es war ihm genauso ergangen wie Farr, Holt, Kollo und Jones. Der Wirt kannte die Geschichte, die man sich von diesen Unglücklichen erzählte.

Nun hatten die verfluchten Hexen wieder zugeschlagen.

Nach hundert Jahren.

Noch einmal versuchte sich der schwer gepeinigte Mann noch aufzurichten. Ein entsetzlicher Seufzer entrang sich seiner Brust, deren Rippen gebrochen waren.

Dann sackte er zusammen. Er hatte ausgelitten.

5

Es schien, als würden die Hexen vom Galgenbaum alle hundert Jahre wiederkommen, um das kleine englische Dorf heimzusuchen und die Nachfahren jener Leute, die im Jahre 1674 ihrer Hinrichtung beigewohnt hatten, in Angst und Schrecken zu versetzen, zu peinigen oder sogar zu töten. Genauso, wie es die siebente Hexe kurz vor ihrem Tod durch den Strang verkündet hatte.

Damals hatte der Henker Anthony Ballard geheißen.

Heute hieß der Polizeiinspektor Tony Ballard.

Er war noch jung, und es war verwunderlich, dass er es in relativ kurzer Zeit zum Polizeiinspektor gebracht hatte.

Tony war im Dorf beliebt. Er hatte einen großen Freundeskreis, und seine Kollegen behaupteten von ihm, dass niemand seinen Dienst gewissenhafter versah als der Inspektor selbst.

Inspektor Ballard war knapp dreißig.

Er hatte hellblaue Augen, buschige Brauen und blondes Haar. Sein Gesicht war markant, die Nase saß messerscharf über einem empfindsamen Mund. Breite Schultern, eine respektable Größe und sportgestählte Schultern verliehen ihm das Aussehen eines Hünen.

Ähnlich wie Tony Ballard hatte vor nunmehr dreihundert Jahren der Henker ausgesehen, der den sieben Hexen den Strick um den schlanken Hals gelegt hatte.

Dreihundert Jahre waren seitdem vergangen.

6

Man schrieb bereits das Jahr 1974.

Inspektor Ballard befand sich im Haus des Weinhändlers Van Hall.

Hall war habgierig, geizig, dick und hatte ein tomatenrotes Gesicht. Er war kurzatmig und japste heftig nach Luft, wenn er aufgeregt war.

Im Augenblick glühte er geradezu vor Aufregung.

»Zwei Fässer hat man mir gestohlen, Inspektor Ballard. Vom besten Wein seit vielen Jahren. Ich verlange, dass Sie die Diebe fassen.«

Tony Ballard schlug lächelnd die Beine übereinander.

»Es ist Ihr gutes Recht, das zu verlangen, Mr. Hall. Aber es steht auf einem anderen Blatt, ob ich Ihren Wunsch auch tatsächlich zu erfüllen in der Lage bin.«

»Na, hören Sie!«, brauste Van Hall ärgerlich auf. »Sie sind dazu da...«

»Aber ja. Ich bin für alle Leute im Dorf da, Mr. Hall. Ich habe ja auch nicht gesagt, dass ich nichts für Sie tun will. Es fragt sich nur, ob ich auch wirklich etwas für Sie tun kann.«

»Lassen Sie doch die Wortspielereien, Inspektor. Ich kann nicht, heißt, ich will nicht.«

»Da muss ich Ihnen leider widersprechen. Wir haben keinerlei Anhaltspunkte...«

»Ich habe Ihnen doch den Keller gezeigt.«

»Und was habe ich da gesehen?«

»Dass die beiden Fässer fehlen.«

»Ich habe in Ihrem Keller lediglich einen leeren Fleck gesehen, wo Fässer in der Größe, wie Sie sie beschrieben haben, Platz hätten. Das ist ein großer Unterschied, Mr. Hall.«

»Was wollen Sie damit sagen, Inspektor Ballard?«

Tony grinste.

»Ich will damit lediglich sagen, dass ich die Fässer nie gesehen habe. Ich muss Ihnen glauben, dass sie da gestanden haben...«

»Also, ich weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll, Inspektor. Sie reden so, als glaubten Sie, ich würde Sie belügen.«

Tony Ballard zuckte die Achseln.

»Ich habe nichts dergleichen behauptet.«

»Man kann es zwischen den Worten hören.«

»Die Fässer waren doch bestimmt versichert, nicht wahr, Mr. Hall?«

»Klar. Heutzutage darf man kein Risiko eingehen.«

»Wenn Sie wollen, dass die Versicherung das Geld rausrückt, müssen Sie also Anzeige erstatten.«

»Das habe ich getan.«

»Damit ist aber nicht bewiesen, dass die Fässer auch tatsächlich gestohlen wurden.«

Hall explodierte beinahe vor Zorn.

»Unterstellen Sie mir etwa, dass ich die Fässer beiseite geschafft habe, um die Versicherung zur Kasse zu bitten, Inspektor Ballard?«

»Das unterstelle ich Ihnen selbstverständlich nicht, Mr. Hall. Das wäre nämlich glatter Betrug, und für einen Betrüger halte ich Sie keinesfalls.«

»Was soll das Gerede also?«

»Ich wollte Ihnen nur beweisen, dass ich mir über diese Sache so meine Gedanken mache, Mr. Hall. Falls die Fässer irgendwann mal auftauchen sollten, rufen Sie mich an, damit ich die Ermittlungen stoppen kann, ja?«

»Falls die Fässer auftauchen sollten, werde ich anrufen, Inspektor Ballard!«, knurrte Van Hall mit zusammengekniffenen Augen. »Ich würde Ihnen aber nicht empfehlen, die Hände in den Schoß zu legen und auf diesen Anruf zu warten.«

»Sondern?«

»Ich würde Ihnen empfehlen, Ihre Pflicht zu tun, Inspektor. Sonst werde ich Mittel und Wege finden, Sie zu zwingen, dass Sie diesem Diebstahl nachgehen. Ich hoffe, ich habe mich klar genug ausgedrückt, Inspektor Ballard.«

Tony nickte gleichmütig.

»O ja. Das haben Sie. Darf ich einer Hoffnung Ausdruck geben, Sir? Ich hoffe, Sie denken nicht, Sie hätten mir jetzt Angst gemacht, denn da befänden Sie sich gewaltig auf dem Holzweg. Guten Tag.«

Tony Ballard verließ das Haus des Weinhändlers. Er hatte den Mann noch nie gemocht. Nun, da er aufsässig wurde, wurde er ihm richtiggehend widerlich.

Für Ballard war klar, dass Van Hall hier einen raffinierten Versicherungsbetrug abwickelte. Der Weinhändler hatte schon mal solche Drehs gemacht. Mit Erfolg. Deshalb versuchte er es nun erneut, obwohl ihm die versicherten Weinfässer kaum viel Geld einbringen konnten. Es war eben namenlose Gier und der penetrante Geiz, die Van Hall zu solchen Machenschaften verleiteten.

Als Tony die Haustür hinter sich zugeknallt hatte, sprang Van Hall auf und lief zum Fenster.

Er schaute dem Inspektor nach.

Ballard ging die Dorfstraße entlang, grüßte einige Leute, sprach mit einer alten Frau und verschwand dann hinter einem Haus.

Van Hall grinste.

»Es wird klappen. Klar wird es klappen. Er wittert zwar etwas, aber er kann nichts beweisen. Er muss mir glauben, was ich sage. Die Versicherung muss es mir auch glauben, und muss den Zaster ausspucken.«

Kichernd rieb sich Hall die fleischigen Hände. Er fuhr sich über das rote Gesicht, wandte sich vom Fenster ab und begab sich in seinen Weinkeller.

Schwerfällig stieg er die Steinstufen hinunter. Er machte Licht. Links und rechts bildeten große und kleine Weinfässer ein Spalier. Dazwischen waren Zweiliterflaschen zu einem wahren Berg aufgeschichtet.

Ein Vermögen lagerte in diesem Keller.

Stolz stapfte Van Hall durch sein Reich. Ganz hinten, am Ende des Kellers, war Platz für zwei Fässer. Für die gestohlenen Fässer. Grinsend ging Van Hall darauf zu.

Ein schriller Pfiff ließ ihn erschrocken zusammenzucken.

Was war das gewesen?

Es hatte sich angehört wie der Pfiff einer Ratte. Doch konnten Ratten so laut und so schrill pfeifen?

Hall schüttelte unwillig den Kopf.

Blödsinn. In seinem Weinkeller gab es keine Ratten, dafür hatte er gesorgt. Er hasste diese Tiere. Deshalb hatte er alle Rattenlöcher ausgeräuchert, hatte sie mit Beton zugegossen, hatte zusätzlich Rattenfallen aufgestellt und überall Rattengift ausgelegt.

Hier konnte es keine Ratten geben.

Er ging weiter.

Wieder ein schriller Pfiff. Unwillkürlich fuhr Van Hall herum. Er kniff die Augen zusammen und lauschte angestrengt, während er den Atem anhielt.

Nichts.

Was waren das für Pfiffe? Wer stieß sie aus? Tiere? Menschen?

»Ist da jemand?«, fragte Hall nervös.

Ängstlich stand er da. Unschlüssig. Er wusste nicht, ob er weitergehen oder lieber umkehren und den Keller verlassen sollte.

Es war ihm hier unten auf einmal nicht geheuer.

»Ist da jemand?«

Er bekam keine Antwort.

Aufgeregt ließ er seine rosige Zunge über die trockenen Lippen huschen. Sein rotes Gesicht wurde dunkler. Angst schlich sich in seine Brust und krallte sich mit eiskalten Fingern um sein Herz.

»Ist da... jemand?«

Sein Blick fiel auf eine Eisenstange. Er griff sofort nach ihr. Solcherart bewaffnet, fasste er wieder einigen Mut.

Furchtsam ging er weiter.

Da entdeckte er sie. Ein furchtbarer Schreck fuhr ihm in die Glieder. Angewidert verzog er das Gesicht. Würgender Ekel zwängte sich in seinen Hals.

Sieben fette Ratten saßen da, wo die beiden Fässer gestanden hatten.

Ratten, die viel größer waren als gewöhnliche Nager. Ihre Augen funkelten feindselig. Sie reckten Hall ihre spitzen Schnauzen entgegen und bleckten die langen, ekelhaft gelben Zähne, während sich ihr Fell zu sträuben begann.

Van Hall starrte angewidert auf die Nagetiere, deren Krallen messerscharf waren.

Zorn packte Van Hall.

Ratten in seinem Weinkeller. Das durfte es nicht geben. Noch dazu solche Brocken.

Mit einem wütenden Schrei lief er auf die hässlichen Tiere zu. Er schwang die Eisenstange über dem Kopf. Es hätte ihm zu denken geben müssen, dass die Tiere vor ihm keinen Zoll zurückwichen.

Ihr dunkelgraues, fast schwarzes Fell sträubte sich mehr und mehr. Sie schienen in dieser Sekunde noch größer zu werden. Ihre Nagezähne zuckten nervös, und ihre Augen waren starr auf den anstürmenden Mann gerichtet.

Als Van Hall sie erreicht hatte, schlug er zu.

Die schwere Eisenstange sauste auf eines der Tiere herab.

Die riesige Ratte machte einen wilden Sprung nach vorn und hackte ihre langen Zähne blitzschnell in Halls Bein.

Der Mann stieß einen heiseren Schmerzensschrei aus.

Pfeifend und quietschend sprangen ihn nun die anderen Ratten an. Sie sprangen ihm ins Gesicht, bissen ihn in die Arme, verbissen sich an seinem Hals, schnellten an ihm hoch und schlugen ihm immer wieder kraftvoll die langen hässlichen Zähne ins Fleisch.

Schon nach dem zweiten Biss hatte Van Hall die Eisenstange fallen lassen.

Brüllend tanzte er jetzt wild um die eigene Achse, schlug angewidert mit den Armen um sich, strampelte mit den Beinen und versuchte die schrecklichen Biester wild abzuschütteln. Verzweifelt wehrte er ihre ungestümen Angriffe ab.

Er blutete bereits aus unzähligen Wunden. Die Tiere sprangen ihn immer wieder von neuem an. Sie kletterten auf die umstehenden Weinfässer und sprangen ihm von da mitten ins Gesicht. Sie zerkratzten ihm mit ihren scharfen Krallen die Wangen, die Stirn, bissen ihn in die Nase.

Heulend drehte sich Van Hall verzweifelt im Kreis. Plötzlich begann er zu rennen.

Zwei Ratten hatten sich in seinem fetten Bauch verbissen. Er schlug schreiend nach ihnen. Die eine fiel herab.

Er packte den Leib der anderen. Abscheuliche Übelkeit würgte ihn, als er das scheußliche Fell des Tieres berührte. Er packte die Ratte und riss sie von sich weg.

Ein heftiger Schmerz durchraste seine Körpermitte. Er hatte sich mit dem Tier ein Stück Fleisch aus dem Bauch gerissen.

Entsetzt schleuderte er den Nager gegen die Wand. Dann keuchte er die Kellertreppe hoch. Die Ratten verfolgten ihn quietschend und pfeifend. Sie bissen ihn in die Füße, bissen ihn in die Waden, sprangen ihm in den Rücken.

Er schüttelte sich, stürmte die Treppe schnaufend hoch, rannte schreiend aus dem Haus, durch den Garten, sprang über den niedrigen Zaun, der sein Grundstück von dem des Nachbarn trennte. Er glitt auf dem Rasen aus und fiel hin.

Schon waren die schrecklichen Ratten über ihm. Sie fielen über ihn her, bissen immer wieder zu. Kreischend schlug er um sich. Er wälzte sich auf dem Boden hin und her, schrie, schrie, schrie!

Blutüberströmt und halb blind vor Angst gelang es ihm, noch einmal auf die Beine zu kommen. Röchelnd rannte er auf die Terrasse des Nachbarhauses zu.

Eben trat Peter Young, der Nachbar, aus dem Gebäude.

»Hilfe!«, schrie Van Hall in höchster Bedrängnis. »Hilfe, Peter!«

Young handelte schnell.

Er erfasste die Situation zum Glück mit einem einzigen Blick.

Der schwere Van Hall kam angeschnauft und fiel ihm erschöpft und erledigt in die Arme.

Young fing ihn auf und schleppte ihn in rasender Eile in sein Haus. Er schleuderte die Terrassentür zu und sperrte die sieben Riesenratten damit aus.

»Peter...«

»Schon gut, Van!«

»Peter...«

»Du bist in Sicherheit, Van!«

»Die Ratten...«

»Sie können dir nichts mehr anhaben, Van!«

»Erschieße sie, Peter! Erschieße sie!«

Young holte eine schwere handgearbeitete Flinte aus dem Gewehrständer. Er lud die beiden Läufe mit Schrotpatronen.

Die Ratten hockten frech auf den kalten Steinen der Terrasse und starrten mit gefährlich funkelnden Augen auf die geschlossene Tür. Ihre spitzen Schnauzen waren mit Blut besudelt. Ihr Fell war ebenfalls mit Van Halls Blut verklebt.

Einen Augenblick lang zögerte Peter Young.

Er war ein hagerer Mann mit knorrigen Armen. Sein Gesicht war das eines Asketen. Sein Haar war schwarz. Silberne Fäden durchzogen es.

Er griff nach der Türklinke.

Seine Backenmuskeln spannten sich.

Er empfand furchtbaren Ekel vor diesen Tieren, die so groß waren, dass man sie fürchten musste. Young hätte es nicht für möglich gehalten, dass es so große Ratten gab.

Entschlossen hob er die Schrotflinte.

Knapp hintereinander feuerte er zweimal auf die Biester. Die Schüsse kamen brüllend aus dem Gewehr. Zweimal kurz hintereinander verspürte Peter Young den kraftvollen Rückschlag der Waffe.

Pulverdampf legte sich ätzend auf die Schleimhäute.

Da drohte Peter Young ein furchtbarer Schrecken umzuwerfen. Die sieben hässlichen Ratten waren verschwunden.

Deutlich war zu sehen, wo die Schrotladungen eingeschlagen hatten. Doch keines der Tiere war verletzt worden. Sie schienen sich in Luft aufgelöst zu haben.

Plötzlich hörte Young über sich ein wildes Brausen.

Und dann schien ihn ein vielstimmiges fürchterliches Gelächter zu verhöhnen und zu verspotten.

Entsetzt ließ er das Gewehr sinken. Er wusste, was das zu bedeuten hatte.

Die sieben Hexen vom Galgenbaum.

Sie waren in das Dorf zurückgekehrt.

7

Sie schoben die Trage vorsichtig in den Ambulanzwagen.

»Wird er durchkommen, Doktor?«, fragte Peter Young besorgt.

Der Arzt, ein netter Mann mit dunkler Brille, zuckte die schmalen Schultern, während er sich mit den feingliedrigen Fingern das Kinn rieb. Er schaute auf den Bewusstlosen, den die Ratten furchtbar zugerichtet hatten.

»Ich bin kein Prophet, Mr. Young.«

»Keine Hoffnung?«

»Ich kann wirklich nichts sagen, Mr. Young. Er hat viel Blut verloren...«

Die Türen klappten zu. Der Arzt stieg ein. Der Ambulanzwagen fuhr davon.

Young schaute dem Wagen nachdenklich nach. Er schüttelte den Kopf. Komisch. Er hätte nicht gedacht, dass er sich jemals um Van Hall Sorgen machen könnte. Und doch war es nun so. Er machte sich große Sorgen um den Nachbarn.

Schnell ging er ins Haus zurück. Er nahm den Hörer von der Gabel. Vor einer halben Stunde hatte er von hier aus den Ambulanzwagen verlangt. Nun wählte er die Telefonnummer der Police Station.

Eine mürrische Stimme meldete sich.

»Inspektor Ballard, bitte«, verlangte Peter Young.

»Einen Moment«, sagte die mürrische Stimme.

Dann war eine halbe Minute lang Stille in der Leitung.

Dann: »Hallo? Hallo, sind Sie noch dran?«

»Ja«, sagte Young.

»Ich kann Inspektor Ballard nirgendwo auftreiben. Soll ich Sie mit jemand anderem verbinden?«

Young zögerte kurz, sagte aber dann, dass er lieber später noch einmal anrufen wolle. Dann legte er den Hörer auf die Gabel, denn mit jemand anderem wollte er über das schreckliche Erlebnis nicht reden. Er befürchtete, dass man ihn auslachte. Bei Tony Ballard war er sicher, dass dies nicht geschehen würde...

8

Ballard war auf dem Weg zum Rathaus, um Vicky Bonney von der Leihbücherei abzuholen. Das Mädchen arbeitete da.

Tony betrat das Gebäude, das sich an das Rathaus anschloss, ging den breiten Marmorgang entlang und erreichte die weiße Tür mit der Aufschrift »Leihbücherei«.

Man schloss hier um siebzehn Uhr.

Es fehlten noch fünf Minuten.

Der Inspektor öffnete die Tür und trat ein. Ein großer Saal beherbergte wahre Regalstraßen, auf denen sich Bücher aus aller Herren Länder und in vielen Sprachen türmten. Alle Wissensgebiete wurden behandelt. Natürlich überwogen die Romane.

Vor einem breiten Pult stand ein alter weißhaariger Mann.

Professor Edgar Davies. Er war groß und drahtig. Sein weißer Schnurrbart war sorgfältig gepflegt. Trotz seines hohen Alters von knapp siebzig Jahren war dieser Mann bewundernswert gelenkig.

Und er war geistig reger als so mancher Student. Seine Wangen wiesen ein frisches, gesundes Rot auf. Seine Gestalt war straff und gerade.

Eben war Professor Davies dabei, einige uralte Bücher in seine mitgebrachte Reisetasche zu stopfen.

Als die Tür aufklappte, hob er den Kopf und erblickte Tony Ballard. Seine Augen hellten sich erfreut auf. Er lächelte.

»Guten Tag, Inspektor.«

»Na, Professor Davies? Wie geht’s denn? Immer noch bestrebt, das Rätsel der sieben Hexen vom Galgenbaum zu lösen?«

Edgar Davies zog die weißen Augenbrauen zusammen. Eine Falte kerbte sich in seine Stirn.

»Ich weiß nicht, wie Sie zu dieser Sache stehen, Inspektor. Aber ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass unser Dorf auf einem Pulverfass sitzt.«

»Auf einem Pulverfass?«

Der Professor nickte eifrig.

»Es kann als sicher angenommen werden, dass diese verfluchten Hexen unser Dorf alle hundert Jahre heimsuchen. Das geht aus vielen Aufzeichnungen hervor. Wir schreiben 1974, Inspektor. Das heißt, dass ein Besuch dieser verdammten Bestien wieder einmal fällig wäre.«

Tony musterte den alten Mann nachdenklich.

»Glauben Sie wirklich, dass Sie kommen werden?«

»Ich bin fast versucht zu sagen, ich weiß es, Inspektor.«

»Wir leben in einer durch und durch technisierten Welt, Professor. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Hexen, falls sie wirklich alle hundert Jahre auftauchen, uns heute noch heimsuchen. Vor allem glaube ich, dass das ihr sicheres Ende wäre.«

Der alte Mann lachte.

»Ach, Sie denken, Sie könnten die Hexen mit einem automatischen Gewehr oder mit irgendwelchen wirksamen Waffen bekämpfen?«

Tony Ballard nickte.

»Falls sie überhaupt kommen, was ich natürlich bezweifle.«

Professor Davies kniff die Augen zusammen und wiegte besorgt den Kopf.

»Sie werden kommen, Inspektor. In der Beziehung kann man sich auf die Bestien verlassen. Sie werden ganz bestimmt kommen. Und zwar bald. Glauben Sie ja nicht, Sie könnten diese Gespenster mit irgendwelchen raffinierten Waffen zur Strecke bringen. Das klappt ganz gewiss nicht.«

Edgar Davies wies auf seine voll gestopfte Reisetasche.

»Vielleicht komme ich der Lösung einen Schritt näher, wenn ich diese Werke durchgearbeitet habe. Es sind durchweg alte Aufzeichnungen, die sich alle in irgendeiner Form mit den furchtbaren Ereignissen der Vergangenheit befassen. Meiner Meinung nach liegt der Schlüssel zum streng gehüteten Geheimnis dieser Hexen in der Vergangenheit. Wenn wir diesen Schlüssel gefunden haben, können wir die Bestien vernichten.«

»Und wenn nicht?«, fragte Tony Ballard – immer noch ziemlich ungläubig.

»Wenn nicht, dann werden in unserem Dorf wieder schlimme Dinge geschehen.« Der Professor senkte die Stimme.

»Vielleicht wird es dann in hundert Jahren einem anderen Mann vergönnt sein, fertig zu bringen, was ich nicht schaffen konnte.«

Davies griff nach der Tasche.

Er verabschiedete sich und verließ die Leihbücherei. Aus der angrenzenden Garderobe kam Vicky Bonney. Sie hatte den weißen Arbeitsmantel, den sie tagsüber trug, ausgezogen und lächelte, als sie Tony vor dem Pult stehen sah.

»Du bist schon hier?«

»Besser zu früh als zu spät«, gab Ballard grinsend zurück.

»Entschuldige, dass ich dich warten ließ. Wenn ich gewusst hätte, dass du bereits da bist, hätte ich mich mehr beeilt.«

Tony Ballard winkte lächelnd ab.

»Ich habe mich inzwischen ein bisschen mit Professor Davies unterhalten.«

Vicky wurde ernst. Sorge schlich sich in ihre Augen.

»Ein sonderbarer Mann«, sagte sie.

»Er macht mir richtig Angst, wenn er von diesen Hexen spricht. Nahezu alle Bücher hat er schon gelesen, die sich mit diesem makabren Thema befassen. Heute hat er sich den Rest geholt.«

»Hoffentlich macht er mit seinen Vorahnungen nicht das ganze Dorf verrückt«, sagte Tony schmunzelnd.

»Was hältst du privat davon, Tony? Müssen wir uns Sorgen machen? Werden die Hexen kommen?«

»Unsinn«, sagte Ballard schnell und schüttelte heftig den Kopf. »Glaubst du an Ufos?«

»Nein.«

»Warum glaubst du dann an Hexen?«

»Vielleicht, weil sie erdnaher sind.«

»Meiner Meinung nach gibt es keine Hexen.«

»Aber man hat sie doch 1674 an dem Galgenbaum gehängt, Tony.«

»Man hat sieben Mädchen aufgehängt, ja. Das glaube ich. Aber ich weigere mich, zu glauben, dass diese Mädchen Hexen waren. Früher mal haben die Leute hinter jedem Gegenstand den Teufel gesehen. Sie waren ängstlich, und wenn eine Frau rotes Haar hatte, wurde sie schon auf den Scheiterhaufen gestellt und verbrannt oder aufgehängt, weil Frauen mit rotem Haar eben Hexen sein mussten. Heute färben sich viele Frauen das Haar rot, und niemand findet etwas dabei. Ich bin dafür, wir vergessen diese alten Schauergeschichten, die ja doch bar jeder vernünftigen Grundlage sind. Die Menschen von damals haben sie in ihrer Angst erfunden.«

Vicky Bonney lehnte sich an das Pult.

Sie schüttelte den Kopf und warf ein: »Und die schrecklichen Ereignisse, die alle hundert Jahre in unserem Dorf passieren, Tony, wie erklärst du die?«

»Sie haben sicherlich ganz und gar klar erklärbare Hintergründe. Und es passierten in diesem Dorf nicht nur alle hundert Jahre irgendwelche Blutverbrechen, sondern leider auch dazwischen. Von denen wird allerdings weit weniger Aufhebens gemacht, weil sie nämlich nicht zu den Geschichten passen, die man sich erzählt.«

Vicky kam hinter dem Pult hervor.

Sie sah hinreißend aus in ihrem weißen Kleidchen, in dessen dezentem Dekolleté ein ansehnlicher Busen wogte. Die wasserblauen Augen versprühten jugendlichen Elan. Der Mund leuchtete rot, war voll und sinnlich. Sie hatte die schönsten, längsten und makellosesten Beine, die Tony Ballard jemals gesehen hatte.

»Wir können gehen«, sagte sie mit einem reizenden Lächeln.

»Okay.«

Sie verließen die Leihbücherei.

Vicky schloss sorgfältig ab und steckte den Schlüssel in ihre weiße Handtasche.

Morgen um acht würde sie hier wieder aufschließen. Bis dahin wollte sie die Bücherei und die viele damit verbundene Arbeit an Tonys Seite vergessen.

Gemeinsam traten sie aus dem Gebäude.

Da kam Peter Young mit kalkweißem Gesicht auf sie zugelaufen.

»Inspektor! Inspektor! Etwas sehr Schreckliches ist passiert!«

9

»Sieben Ratten waren es. Ich sage Ihnen, so große Viecher haben Sie noch nie gesehen. Sie haben Van Hall schrecklich zugerichtet. Trotz allem hatte er noch unverschämtes Glück.«

Tony und Vicky befanden sich in Youngs Haus. Young hatte ihnen etwas zu trinken gegeben. Er selbst trank keinen Tropfen. Die Aufregung vermengt mit Alkohol, hätte ihn aus den Schuhen geworfen.

Er stand an der Terrassentür.

Das Glas in der Rechten, stand Tony Ballard neben ihm, und hörte sich seine schaurige Geschichte an, die aus ihm nur so hervorsprudelte. Schon zum vierten Mal. Er kannte Young sehr gut und hatte den Mann noch nie so schrecklich aufgeregt gesehen. Vicky saß in einem Sessel. Sie hörte sich schaudernd an, was Young erzählte und schien sich an ihrem Drink festzuhalten.

Tony Ballard schaute sich die Löcher an, die Young mit seiner Schrotflinte geballert hatte.

»Ich konnte keine einzige Ratte treffen!«, sagte Young benommen.

Wahrscheinlich waren gar keine Ratten da, dachte Ballard. Vermutlich hatte Peter Young eine Halluzination gehabt. Wie aber war Van Hall zu seinen schweren Verletzungen gekommen?

»Ich sage Ihnen, die sieben Hexen sind wieder in unserem Dorf, Inspektor Ballard«, sagte Peter Young eindringlich.

»Wieso glauben Sie, dass es sich ausgerechnet um die sieben Hexen handelt?«

»Erstens, weil es sieben Ratten waren.«

»Das besagt gar nichts.«

»Zweitens, weil die Ratten siebenmal größer waren als alle Ratten, die ich jemals gesehen habe.«

»Vielleicht hat sie Ihre Angst größer erscheinen lassen.«

Peter Young schüttelte mit zusammengepressten Zähnen den Kopf.

»Ich hab noch was auf Lager, Inspektor!«

»Lassen Sie hören!«

»Ich sagte doch, dass ich auf die ekelhaften Tiere geschossen habe, nicht wahr?«

»Ja.«

»Passen Sie auf, Ballard! Ich konnte keine einzige Ratte verletzen, obwohl ich mit Schrot gefeuert hatte. Das allein würde natürlich immer noch nichts besagen, ich weiß. Aber es geht noch weiter. Die Tiere waren mit einem Mal verschwunden. Nicht einfach davongehuscht. Sie hatten sich in Luft aufgelöst. Aber das ist immer noch nicht alles, Inspektor Ballard. Ich weiß, dass man einem berufsmäßigen Zweifler wie Ihnen noch mehr bieten muss. Und ich kann Ihnen noch mehr bieten. Gleich nachdem ich die zwei Schüsse abgegeben hatte, setzte ein wildes Brausen in der Luft ein. Und dann verhöhnte und verspottete mich ein vielstimmiges Gelächter. Sie können jetzt sagen, was Sie wollen, Ballard. Ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass die sieben Hexen wiedergekommen sind. Und Sie täten gut daran, sich allmählich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass schon in naher Zukunft schreckliche Dinge passieren werden. Sehen Sie sich Van Hall im Krankenhaus an. Danach werden Sie sicherlich anders über die Sache denken, dessen bin ich ganz sicher.«

10

Als Tony und Vicky im Thunderbird des Inspektors saßen, fragte das blonde Mädchen: »Bist du immer noch der Meinung, dass man die Hexengeschichten mit den Geschichten vergleichen kann, die man sich über die Ufos erzählt, Tony?«

Ballard zuckte die Achseln.

»Ich weiß nicht, was ich von der ganzen Sache halten soll. Sieh mal, der Mensch neigt dazu, hysterisch zu sein. Wenn er große Angst hat, spielen ihm seine Sinne oft einen furchtbaren Streich, und er sieht dann Dinge, die es in Wirklichkeit gar nicht zu sehen gibt.«

»Aber Van Hall...«

»Van Hall?«

»Ja. Er ist doch wirklich schwer verletzt.«

Tony Ballard fuhr los.

»Dass er verletzt ist, ist eine Tatsache«, meinte der Inspektor nickend. »Ich bin sogar bereit, anzunehmen, dass er von Ratten angefallen wurde. Aber was Young sonst noch alles zum Besten gegeben hat, möchte ich doch lieber streichen. Das sind sicherlich Hirngespinste. Du wirst sehen, es wird keine weiteren unheimlichen Vorkommnisse mehr geben.«

»Wirst du etwas unternehmen, Tony?«

»Vorerst bringe ich dich nach Hause.«

»Ich dachte, wir wollten heute ins Kino...?«

»Das verschieben wir auf morgen, okay?«

»Wie du meinst. Und was geschieht heute?«

»Ich muss ins Hospital fahren und mir Van Hall ansehen.«

»Darf ich mitkommen?«

»Besser, du siehst so etwas nicht«, erwiderte Tony Ballard kopfschüttelnd. Er steuerte den Thunderbird durch eine schmale Straße und hielt vor einem Haus.

»Möchtest du nicht noch auf eine Tasse Tee...?«

Ballard schüttelte grinsend den Kopf.

»Lieber nicht, Vicky. Ich kenne mich, und ich weiß, dass es nicht beim Tee bleiben würde, wenn ich jetzt mit dir hineinginge.« Er kniff ein Auge zu. »Wir holen morgen nach, was wir heute versäumen, ja?«

Vicky Bonney rutschte zu ihm, küsste ihn auf den Mund und stieg dann aus dem Wagen. Er fuhr weiter. Sie winkte ihm nach.

Zehn Minuten später betrat er das Krankenhaus.

Man führte ihn zu Van Hall.

Und als man ihm erklärte, dass Van Hall immer noch mit dem Tod rang, als man ihm die furchtbaren Verletzungen schilderte, die dem Mann durch die Ratten zugefügt worden waren, begann Tony Ballard allmählich dran zu zweifeln, ob wirklich nichts an den Geschichten dran war, die man sich über die Hexen vom Galgenbaum erzählte.

11

Der Abend brach herein.

Der Mond schien mit seinem silbrigen Licht auf das kleine Dorf herab. Noch hatten die Bewohner keine Ahnung, was auf sie zukam. Man lachte unbeschwert in der Dorfkneipe, man gab sich seinen allabendlichen Beschäftigungen hin, war sorglos und unbekümmert.

Doch das Unheil hatte bereits seinen Lauf genommen. Es hatte bereits ein Opfer gefordert; den Weinhändler Van Hall.

Und viele Opfer sollten diesem ersten nach dem Willen der grausamen Hexen noch folgen.

Ein wenig außerhalb des Dorfes lag das Sägewerk von Ross Kane. Mächtige Bretterstapel türmten sich auf dem riesigen Lagerplatz auf.

Ross Kane wohnte hier draußen. Sein Haus stand am Rande des Lagerplatzes.

Ein wenig einsam und abgeschieden. Nur fünf Minuten waren zu gehen, wenn man den Friedhof aufsuchen wollte. Kane machte die Nähe des Friedhofs nichts aus. Er war ein Mensch, der gern zurückgezogen lebte. Mit Leuten hatte er nur beruflich, aber nicht privat zu tun. Er lud niemals jemanden in sein Haus ein und kapselte sich von allem ab, was nicht untrennbar mit seinem Geschäft verbunden war.

Kane saß in seinem geräumigen Wohnzimmer.

Die walnussgetäfelten Wände waren mit Fotografien von Bäumen und Wäldern behängt.

Kane war ein grober Klotz, der über Bärenkräfte verfügte. Seine Bewegungen wirkten schwerfällig und linkisch. Er war überdurchschnittlich groß, hatte kalte Augen und einen brutal geformten Mund.

Nun erhob er sich, um ans Fenster zu gehen.

Er schlug den Vorhang zur Seite. Das Mondlicht wirkte kalt. Er fröstelte und ärgerte sich darüber. Grimmig zog er an seiner Zigarette.

Da fiel ihm auf, dass in der Sägehalle noch Licht brannte. Er schüttelte verständnislos den Kopf.

Wieso brannte dort drüben Licht? Er hatte doch selbst alle Lampen ausgeschaltet. Hatte er einen Schalter übersehen? Hätte ihm die brennende Lampe nicht auffallen müssen?

Ärgerlich verließ er das Haus.

Der Abend war kühl. Er legte sich wie ein kalter Ring um den Hals des Sägewerksbesitzers. Ross Kane hob die Schultern hoch und zog den Kopf ein, während er die Fäuste in die Taschen stemmte.

So marschierte er durch die Holzstapelstraßen auf den lang gezogenen Bau der Sägehalle zu. Seine Schuhe erzeugten knirschende Geräusche.

Irgendwo bellte ein Hund. Ein zweiter begann jämmerlich zu jaulen. Ein Wispern, Flüstern und Raunen geisterte über den finsteren Lagerplatz.

Ross Kane schritt furchtlos durch die Dunkelheit. Er erreichte die Tür der Halle. Sie war abgeschlossen. Kane holte den Schlüsselbund hervor, den er immer bei sich trug, und schloss auf.

Verwundert trat er in eine finstere Halle.

»Na, so was!«, sagte er zu sich selbst.

Wieso brannte plötzlich kein Licht mehr? Er hatte das Licht doch vom Fenster seines Hauses aus gesehen. Es hatte gebrannt, bis er die Tür erreicht hatte. Und nun? Wer hatte es abgedreht?

»He! Ist da jemand?«, schrie Ross Kane mit kräftiger Stimme in die Halle hinein.

»... mand ... mand«, kam das Echo zurück.

Kane machte Licht. Er ballte die Fäuste. Eigentlich kam ihm nicht der Gedanke an einen Einbrecher, denn in der Sägehalle gab es kaum etwas zu stehlen. Die schwere Maschinen konnte keiner fortschleppen. Und Holz befand sich auf dem Lagerplatz wesentlich mehr als hier drinnen.

Nein, Einbrecher kamen nicht hierher. Vielleicht hatte ein Penner irgendwo eine Scheibe eingeschlagen, um die Nacht hier drinnen zu verbringen.

Ross Kane presste die Zähne zornig zusammen. Dem Knaben würde er es zeigen.

Der Sägewerksbesitzer begann seinen Rundgang. Er kontrollierte jedes einzelne Fenster.

Als er schon fast das Ende der Halle erreicht hatte, hörte er einen schrillen Pfiff, der einem durch Mark und Bein ging.

Ein Alarmsignal?

Kane wandte sich augenblicklich in die Richtung, aus der der Pfiff gekommen war. Seine Backenmuskeln spannten sich. Seine Lippen wurden schmal wie Messerklingen.

»Na, warte!«, knurrte Kane. Dann stampfte er mit schnellen Schritten auf den Holzstapel zu, hinter dem sich seiner Meinung nach die Person befand, die diesen schrillen Pfiff ausgestoßen hatte.

Plötzlich blieb er verwirrt stehen.

Er hörte, wie jemand am Holz nagte.

Laut. Knirschend.

Ratten?

Ärgerlich ging Ross Kane weiter. Das hätte ihm gerade noch gefehlt, dass ihm die Ratten das ganze Holz anfraßen.

Wild kam er um den Stapel herum. Da sah er sie. Sieben Ratten, von einer Größe, die unglaublich war. Alle sieben Tiere hatten ihm die spitzen Schnauzen zugewandt und schauten ihn mit ihren furchterregenden Augen an. Ihre langen Nagezähne schienen nach seinem Fleisch zu lechzen.

»Haut ab, ihr verdammten Biester!«, knurrte Ross Kane wütend.

Als die Nager auf ihren Plätzen verharrten, klatschte Kane laut in die Hände und machte »Gscht! Gscht! Gscht!«

Doch die Tiere ließen sich nicht verjagen.

Im Gegenteil. Sie näherten sich ihm nun. Lauernd wie es schien.

Kane suchte nach einem Gegenstand, mit dem er die Tiere vertreiben konnte.

Bevor er jedoch nach der Latte greifen konnte, die ihm dafür geeignet schien, sprang ihn die erste Ratte quietschend an.

Sie kam heran geflogen. Ihre scharfen Nagezähne blitzten im Licht. Sie hatte das hässliche Maul aufgerissen und wollte die Zähne in Kanes Körper schlagen.

Der Sägewerksbesitzer federte zurück, fing das Tier mit den Händen ab und schleuderte es keuchend durch den Saal.

Die Ratte überschlug sich mehrmals, als sie auf den Boden krachte, wirbelte herum und kam mit weiten Sätzen zurückgesprungen.

Die nächste Ratte biss Kane ins Bein.

Er presste die Zähne aufeinander und schüttelte das bissige Biest blitzschnell ab. Zwei Nager kickte er kraftvoll zur Seite. Ihre großen Leiber klatschten gegen die Wand, fielen zu Boden, zeigten aber keinerlei Verletzungen. Sie schienen unverwundbar zu sein, diese dunkelgrauen, fast schwarzen Bestien.

Quietschend und pfeifend fielen sie nun von allen Seiten über Kane her. Er schlug mit den Fäusten nach ihnen, trat aus, packte die schwere Latte und drosch damit auf die ekelhaften Tierleiber ein, die immer wieder zurückkamen. Kane hatte das Gefühl, nicht mit sieben, sondern mit siebzig Ratten zu kämpfen, so schnell griffen sie an.

Ihre Bisse waren schmerzhaft. Immer wilder wurden ihre Angriffe. Ihre Schnauzen waren voll Blut. Sie versuchten, Kane an den Hals zu springen. Sie wollten ihm die Halsschlagader durchbeißen. Während sie ihn zu sechst von vorne angriffen, schnellte die siebente Ratte hinten an ihm hoch und schlug ihm ihre langen Zähne in den Nacken.

Kane stieß einen wahnsinnigen Schrei aus. Ein irrer Schmerz durchraste sein Rückgrat. Dazu kam ein lähmender Schock.

Verzweifelt und angeekelt fasste Ross Kane nach hinten. Er erwischte den zuckenden Tierleib und wollte sich von ihm befreien, doch das Nagetier hatte sich tief in seinen Nacken verbissen, ließ sich weder fortreißen noch abschütteln.

Bestürzt wirbelte Kane nun herum.

Schnaufend hetzte er durch die Halle.

Die Ratten sprangen mit federnden Sätzen hinter ihm her. Immer wieder quietschten und pfiffen sie schrill. In panischer Angst stürmte der Sägewerksbesitzer aus der Halle.

Die Ratte, die sich in seinem Nacken verbissen hatte, baumelte hin und her.

Der Schmerz machte Kane fast wahnsinnig.

Fürchterliche Angst trieb ihn zu seinem Haus zurück. Die Nagetiere bissen ihn immer wieder in die Beine. Er begann zu humpeln, blieb aber nicht stehen, denn er spürte instinktiv, dass das den sicheren Tod bedeutet hätte.

Atemlos erreichte er sein Haus.

Er stürmte hinein, schleuderte die Tür hinter sich zu und drehte blitzschnell den Schlüssel herum. Damit waren die Verfolger ausgesperrt.

Keuchend lief Kane zum Spiegel, der in der Diele an der Wand hing. Entsetzt starrte er auf das blutbesudelte Tier, das seine scharfen Zähne in seinen Nacken geschlagen hatte. Wieder fasste er danach. Er zerrte es hin und her, drehte es herum.

Die Zähne lösten sich.

Blut schoss aus der tiefen Wunde. Bestürzt schleuderte Kane das Nagetier zu Boden. Er trampelte schweißüberströmt darauf herum, bis es sich nicht mehr rührte.

Inzwischen schnellten draußen die sechs anderen Ratten an der Tür hoch.

Kane hörte sie das Holz annagen. Es war offensichtlich, was sie vorhatten. Sie wollten ein Loch in die Tür reißen und in das Haus eindringen.

Er wusste, dass er dann verloren war.

Schnell lief er ins Wohnzimmer. Die Aufregung machte ihn schwindlig. Um ihn herum drehte sich alles. Seine Kleider waren von seinem Blut voll durchtränkt. Wohin er sah, gab es Verletzungen an seinem Körper.

Die siebente Ratte griff ihn nun erneut an. Er war darüber zu Tode entsetzt, denn er hatte geglaubt, sie getötet zu haben. Er konnte nicht begreifen, dass sie immer noch lebte.

Sie biss ihn in den Arm und sprang ihm ins Gesicht. Bestürzt schüttelte er sie ab.

Er hastete zum Telefon. Hilfe! Er brauchte dringend Hilfe. Wenn die anderen bissigen Bestien erst mal die Tür durchgenagt hatten, war er erledigt.

Zitternd wählte er die einzige Nummer, die ihm in diesem furchtbaren Augenblick in den Sinn kam.

Es war die Nummer des Bürgermeisters.

12

Carter Rayser hieß der Bürgermeister.

Er war ein schwerer Mann mit einem ansehnlichen Bauch, mit einem gewaltigen Doppelkinn und einer mächtigen Knollennase. Im Dorf gingen die Meinungen über ihn stark auseinander. Während die einen ihn schätzten und verehrten, konnten die anderen ihn nicht riechen und verachteten ihn.

Doch Carter Raysers Haut war dick genug, um ihn über solche Kleinigkeiten einfach hinweggehen zu lassen. Er gab sich so, als wäre er überall gleich gern gesehen, behandelte Freund und Feind mit derselben überschwänglichen Höflichkeit, hinter der jedoch nicht die geringste Herzlichkeit steckte. Rayser war ein schlampiger, oberflächlicher Mann, der viel von Essen und Trinken hielt, dem die Arbeit jedoch nur ein lästiges, aber leider notwendiges Übel zu sein schien und der für seine Wähler nur dann da war, wenn ihm das garantiert die Wiederwahl sicherte.

Er war zu Hause, saß in seinem Arbeitszimmer an seinem klobigen Schreibtisch und hatte das Telefon abgeschaltet, um sich seinem Besuch besser widmen zu können. Wenn Anrufe kommen sollten, würde sie Raysers Frau Dawn draußen im Wohnzimmer entgegennehmen.

»Sieh mal, Vincent, ich kann dir wirklich nicht helfen«, sagte Rayser in diesem Augenblick. Er legte die kurzen Hände auf den dicken Bauch und gab sich den Anschein, als wäre er so etwas wie ein Heiliger.

Vincent Walsh, ein dünner Mann mit fahlen, eingefallenen Wangen, seufzte.

»Hör mal, Carter, die Gemeinde kann doch nicht einfach von mir verlangen, dass ich mein Haus wieder niederreiße. Jetzt, wo ich endlich damit fertig bin. Hast du schon mal ein Haus gebaut?«

»Nein.«

»Na eben.«

»Was – na eben?«

»Mensch, weißt du, was das für eine Hundsschufterei ist? Zehn Jahre von meinem Leben hat mich der Bau dieses Hauses gekostet.«

»Niemand hat dich gezwungen, zu bauen, Vincent. Du hättest in deiner Wohnung bleiben können.«

»Ja. Das sieht dir ähnlich, Carter. Du selbst sitzt in einem schicken, großen Haus. Aber unsereiner soll in einem kleinen, miesen feuchten Loch wohnen, wie?«

»Bleib sachlich, Vincent!«, knurrte der Bürgermeister und blickte verstohlen auf seine Uhr. Zehn Minuten wollte er sich den Quatsch noch anhören. Dann wollte er Vincent Walsh mit ein paar Phrasen hinauskomplimentieren.

»Ich bin sachlich, verdammt noch mal. Ich habe jede freie Minute an meinem Haus gebaut, und nun, wo es fertig ist, kommt ihr mir damit, dass der Bau nicht den gesetzlichen Bestimmungen entspricht.«

»Du hättest dir einen Architekten nehmen sollen.«

»Konnte ich mir doch nicht leisten.«

»Wer es sich nicht leisten kann, soll nicht bauen.«

»Ich war mit den Plänen bei euch. Da war alles in Ordnung.«

»Verdammt noch mal, ich habe die Pläne nicht begutachtet. Außerdem hast du dich nicht an die Pläne gehalten, vergiss das nicht, Vincent. Glaube mir, wir alle wollen nur dein Bestes. Das Haus würde dir eines Tages auf den Kopf fallen, wenn wir dich darin wohnen lassen würden. Das wollen wir verständlicherweise nicht. Wir sind dazu da, die Leute vor solchen Missgeschicken zu bewahren.«

»Ich habe den Eindruck, ihr seid nur dazu da, um die Leute zu ruinieren!«, schrie Vincent Walsh aufgeregt.

»Jetzt reicht es aber, Vincent!«, schrie der Bürgermeister zurück. »Das Haus entspricht nicht den Vorschriften, und damit basta!«

Es klopfte an der Tür.

»Ja!«, schrie Carter Rayser gereizt.

Die Tür öffnete sich. Der grauhaarige Kopf von Raysers Frau erschien.

»Was ist denn? Ich habe doch ausdrücklich gesagt, dass ich nicht gestört werden will!«

Dawn Rayser trat mit einem hilflosen Achselzucken ein.

»Da ist ein Anruf für dich.«

»Wer?«

»Ross Kane.«

»Was will er?«

»Er ist völlig verstört. Ich konnte nicht verstehen, was er sagt. Ich glaube, es ist sehr dringend.«

Der fette Bürgermeister schüttelte unwillig den Kopf.

»Ich bin jetzt in einer wichtigen Besprechung. Er soll morgen noch mal anrufen, sag ihm das. Und jetzt mach die Tür wieder von draußen zu, ja?«

Dawn Rayser nickte ergeben, wandte sich um und verließ das Arbeitszimmer ihres Mannes schnell wieder. Die Tür schloss sie lautlos, um ihren Mann nicht noch mehr zu verärgern. Türen, die zugeschlagen wurden, reizten ihn entsetzlich.

Sie begab sich zum Telefon.

»Hallo, Mr. Kane!«

Nichts.

»Mr. Kane!«

Ross Kane meldete sich nicht. »Na, so etwas!«, sagte Dawn Rayser kopfschüttelnd und legte auf.

13

Die Ratten hatten sich durch die Tür genagt. Wie dunkelgraue Gummibälle hüpften sie durch das Haus, auf Ross Kane zu.

Er hatte den Hörer vor Schreck auf die Gabel fallen lassen. Nun wirbelte er herum und hetzte zu seiner Kommode, in der er einen sechsschüssigen Trommelrevolver aufbewahrte.

Schnell riss er die Schublade auf. Zitternd fasste er nach der Waffe.

Zwei Ratten bissen ihn ins Bein. Er schnell herum und wollte schießen. Da schlug eine Ratte ihre scharfen Zähne in das Gelenk seiner Schusshand. Ein irrer Schmerz ließ seine Finger aufschnappen.

Er riss den Mund auf und stieß einen wahnsinnigen Schrei aus. Da spürte er die suchende Schnauze eines ekelhaften, mordgierigen Nagers an seiner Kehle.

Schon biss das Tier zu.

Ross Kane kreiselte brüllend herum.

Er fiel. Und nun war er nicht mehr zu retten. Die Nagetiere stürzten sich quietschend auf ihn und fraßen sich gierig in ihn hinein.

14

»Ich schwöre dir, so wahr ich Vincent Walsh heiße, ich werde in meinem Haus wohnen! Keine zehn Pferde werden mich davon abhalten können, Carter.«

»Nimm doch Vernunft an, Vincent.«

Walsh grinste verzweifelt.

»Vernunft? Ich soll Vernunft annehmen? Warum tust du es denn nicht?«

»Ich habe dir gesagt, dass ich dir nicht helfen kann!«

»Du könntest, Carter. Du könntest. Aber du willst nicht. Ich bin für dich nicht interessant genug. Für jemand anders würdest du dich sicherlich zerreißen. Du würdest eine Möglichkeit finden, sein Haus zu retten. Es muss doch irgendeine Möglichkeit geben.«

»Die gibt es leider nicht, Vincent.« Der Bürgermeister erhob sich. »Ich glaube, jedes weitere Wort ist überflüssig. Einig werden wir uns sowieso nicht. Du vertrittst hartnäckig deinen Standpunkt – den ich menschlich sogar verstehen kann, aber als Bürgermeister, der an Gesetze und Vorschriften gebunden ist, nicht befürworten kann –, und ich vertrete den Standpunkt der Baupolizei.«

»Ich werde in meinem Haus wohnen!«, fauchte Walsh kampflustig.

»Das bringt dir Schwierigkeiten mit der Polizei, Vincent.«

»Ist mir egal. Mir ist alles egal.«

Mir auch, dachte Carter Rayser.

Walsh hatte sich ebenfalls erhoben. Rayser kam um den Schreibtisch herum und legte dem Mann in einer jovialen Geste die Hand auf die Schulter.

»Geh jetzt nach Hause und überschlafe die Geschichte erst mal, Vincent. Du wirst sehen, morgen sieht die Sache schon wieder ganz anders aus. Ich werde sehen, ob ich nicht doch noch irgendetwas...«

»Wenn du das tust, Carter, würde ich mich natürlich erkenntlich zeigen. Ich meine, ich verdiene zwar nicht gerade sehr viel, aber ich würde mich... Verdammt noch mal, das würde ich mich etwas kosten lassen!«

Der fette Bürgermeister nickte grinsend. Es war ein offenes Geheimnis, dass man ihn bestechen konnte.

Er brachte Walsh zur Tür, wünschte ihm einen guten Heimweg und begab sich dann ins Wohnzimmer, wo seine Frau saß.

»Ein idiotischer Quengler ist das!«, knurrte er und nahm, sich einen Scotch.

»Ist es nicht ungerecht...«, begann seine Frau.

»Tu mir den Gefallen und halt die Klappe, ja? Misch dich nicht in meine Angelegenheiten. Schließlich bin ich der Bürgermeister dieses Dorfes. Nicht du, Dawn!«

Er trank den Scotch mit einem Schluck aus.

Dann setzte er sich.

»Was war mit Ross Kane? Jahrelang hört man nichts von diesem Dreckskerl. Und plötzlich ruft er an und hat die Frechheit, auch noch zu behaupten, dass die Sache dringend sei.«

»Er machte einen schrecklich verstörten Eindruck, Carter.«

»Ach was.«

»Ich mache mir Sorgen um ihn.«

Rayser schaute seine Frau kopfschüttelnd an.

»Sag mal, warum kümmerst du dich bloß immer so sehr um anderer Leute Angelegenheiten? Hast du mit dir selbst nicht genug zu tun? Was, zum Teufel, kümmern dich die anderen? Kane wird morgen wieder anrufen. Oder er wird hierher kommen. Oder in mein Büro. Und wenn nicht, dann war es eben gar nicht so dringend, wie er getan hat.«

»Du hast seine Stimme nicht gehört, Carter.«

»Na, Gott sei Dank, kann ich darauf nur sagen.«

»Er war fürchterlich verstört.«

»Quatsch. Weshalb sollte er schon verstört gewesen sein?«

»Er redete von Ratten.«

»Vielleicht war er besoffen.«

»Ich glaube, er sagte, sieben Ratten würden ihn angreifen. Sie wollten ihn töten.«

»Das hat er gesagt?«, fragte der Bürgermeister grinsend.

»Ja.«

»Dann war er ganz sicher besoffen.«

15

Jo Miller fand tags darauf Ross Kane.

Miller war so etwas wie ein Vorarbeiter im Sägewerk. Eher hätte die Bezeichnung »Mädchen für alles« auf ihn gepasst, denn er kümmerte sich, sehr zum Wohle der Firma, nicht nur um die ihm zustehenden Aufgaben, sondern auch um viele andere Dinge, die eigentlich nicht in seinen Arbeitsbereich gehörten.

Zu seinen Gewohnheiten gehörte es auch, als Erster im Sägewerk zu sein. Er holte dann immer die Schlüssel von Kane, um die Halle aufzuschließen.

Auch heute war es nicht anders.

Als Jo Miller, ein junger Mann mit abstehenden Ohren, die Haustür offen fand, stutzte er.

Als er das Loch in der Tür bemerkte, wurde er unruhig. Schnell trat er durch die Tür ein, die die sieben Hexen nach dem Verlassen des Hauses offen gelassen hatten.

»Mr. Kane?«

Stille.

»Mr. Kane!« Miller ging weiter. Er sah Blutspuren auf dem Boden und befürchtete ein furchtbares Verbrechen, dem Kane zum Opfer gefallen war. Aufgeregt lief er den Spuren nach. Süßlicher Geruch wehte ihm entgegen, bevor er die Leiche entdeckte.

Als er Kane dann gefunden hatte, drehte sich ihm der Magen um.

Der Sägewerksbesitzer war nicht wieder zu erkennen...

16

»Sie haben ihn gefunden?«, fragte Tony Ballard.

»Ja«, sagte Jo Miller und nickte.

Die Polizeibeamten waren im Wohnzimmer an der Arbeit. Miller und der Inspektor standen draußen auf der Terrasse. Miller, der normalerweise kaum fünf Zigaretten am Tag rauchte, war zum Kettenraucher geworden.

Tony Ballard konnte das verstehen.

Der Mann tat ihm Leid. Er hatte einen gewaltigen Schock erlitten. Miller zitterte immer noch, obwohl seit dem Leichenfund bereits eine volle Stunde verstrichen war.

»Was für einen Eindruck haben Sie von der Sache, Mr. Miller?«, fragte der Inspektor.

Miller zog nervös an der Zigarette, während er einen unruhigen Blick nach hinten warf.

»Soll ich offen und ehrlich sein, Inspektor?«

»Ich bitte darum.«

»Also, wenn Sie mich fragen, die Sache kommt mir nicht geheuer vor. Verstehen Sie, was ich damit sagen will?«

Ballard verstand. Trotzdem schüttelte er den Kopf und erwiderte: »Ich fürchte, nein.«

»Dann muss ich wohl deutlicher werden.«

»Das wäre mir lieb«, sagte Tony und nickte.

»Was für ein Datum haben wir, Inspektor?«

»Den 13. Mai. Warum?«

»Ich meine das Jahr.«

»1974. Warum?«

»Wie lange sind Sie schon in diesem Dorf?«

»Ich bin hier geboren.«

»Dann müssen Sie die Story doch kennen...«

»Die von den Hexen?«

Jo Miller nickte hastig, während seine Augen ungeheure Angst widerspiegelten.

»Die Story meine ich, Inspektor. Alle hundert Jahre kommen sie zurück. Von irgendwoher. Und sie bringen Leute auf eine bestialische Weise um. Ross Kane können Sie getrost auf ihr Konto setzen. Da tippen Sie bestimmt nicht daneben.«

Tony Ballard spürte, dass er sich allmählich mit dieser Tatsache abzufinden hatte. Etwas Schreckliches kam auf das Dorf zu.

Van Hall war von sieben großen Ratten angefallen worden. Er hatte Glück gehabt. Die Ärzte waren mittlerweile zuversichtlich. Er würde durchkommen.

Aber er würde für sein restliches Leben entstellt sein. Man würde ihn meiden, Kinder würden sich vor ihm fürchten und vor ihm fliehen.

Ross Kane hatte dieses Glück nicht gehabt. Ihn hatten die Ratten erwischt und auf bestialische Weise getötet.

Tony Ballard brauchte kein Prophet zu sein, um zu ahnen, dass dies erst der Anfang war.

Viel schlimmere Dinge würden folgen. Und er hatte keine Ahnung, wie er diesem grausamen Treiben Einhalt gebieten sollte.

17

»Die Hexen hassen das ganze Dorf!«, behauptete Professor Edgar Davies. »So viel ist gewiss. Doch noch viel mehr hassen die Hexen Sie, Inspektor Ballard.«

Tony erschrak ein wenig.

»Mich?«

Vicky fuhr sich erschrocken an die Lippen und griff dann schnell nach Tonys Hand, als wollte sie ihm dadurch Mut machen.

Der große, drahtige Mann ging in seinem Wohnzimmer auf und ab. An den Wänden standen reichlich voll gestopfte Bücherregale. Auf Tischen standen oder lagen Bücher und Zeitschriften. Reproduktionen alter Meister hingen da an den Wänden, wo noch Platz dafür war.

Davies strich sich über den weißen Bart.

»Ich sage das nicht, um Ihnen Angst zu machen, Inspektor.«

»Sondern?«

»Um Sie zu warnen!«

»Ist denn wirklich etwas dran?«, fragte Tony Ballard zweifelnd.

»Ich kann es Ihnen anhand von Büchern beweisen.«

Tony schüttelte den Kopf.

»Das würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen, Professor. Ich will Ihnen gern auch ohne einen historischen Beleg glauben, was Sie mir erzählen. Immerhin gelten Sie als seriöser Wissenschaftler.«

»Ist Tony in Gefahr, Professor Davies?«, fragte Vicky mit bleichen Wangen.

Edgar Davies schaute sie unschlüssig an. Sollte er mit der ganzen Wahrheit herausrücken? Schonungslos? Würde das Mädchen die Wahrheit vertragen? Es hatte wohl keinen Sinn, die Zukunft allzu rosig zu malen.

Deshalb sagte Davies: »Ich glaube, Sie sollten sich auf harte Zeiten gefasst machen, Inspektor Ballard.«

»Wie hart?«

»Sehr hart.«

»Wegen der Hexen?«

»Ja.«

»Haben Sie etwa eine Ahnung, was geschehen wird, Professor?«

»Das kann natürlich niemand voraussagen«, meinte Edgar Davies verlegen lächelnd. »Diese verfluchten Bestien sind unberechenbar. Doch auf eines können wir uns – glaube ich – verlassen.«

»Auf was?«, fragte Tony gespannt.

»Sie sind ein direkter Nachfahre des legendären Henkers Anthony Ballard. Also jenes Mannes, der die sieben Hexen damals gehenkt hat. Die sieben Hexen sind alle hundert Jahre in dieses Dorf gekommen, haben hier gebrandschatzt und gemordet. Willkürlich – so schien es. Doch ein Name war stets unter ihren bedauernswerten Opfern zu finden. Der Name Ballard.«

»Nein!«, schrie Vicky bestürzt auf.

»Nein! Das darf nicht passieren!«

»Vicky!«, sagte Tony Ballard eindringlich. »Vicky, bitte!«

Er drückte ihre Hand, um sie zu beruhigen. Dabei war er selbst bis in die Knochen erschrocken, als ihm der Professor diese Überlegung eröffnete.

»Ich kann es Ihnen beweisen!«, sagte Davies ernst.

»Ich will es nicht bewiesen haben«, sagte Tony, und er ärgerte sich darüber, dass seine Stimme heiser geworden war. Aufregung schwang in seinen Worten mit.

Der Professor fuhr fort: »Den Henker haben die Hexen noch im selben Monat gevierteilt. Hundert Jahre später wurde Horace Ballard von ihnen mit glühenden Steinen gepeinigt. Weitere hundert Jahre später zerfleischten sie in der Gestalt von riesigen Ratten Paul Ballard.«

Davies sprach nicht weiter.

Er ging ruhelos auf und ab. Die Hände hatte er auf dem Rücken verschränkt.

Unvermittelt blieb er vor Tony Ballard stehen.

»Wieder sind hundert Jahre um, Inspektor. Verstehen Sie, was ich sagen will? Was immer die Hexen anderen Menschen in unserem Dorf antun werden, sie werden vermutlich über all diesen bösen Taten nicht vergessen, sich an einem direkten Nachfahren des von ihnen zutiefst gehassten Anthony Ballard zu rächen. Und zwar mit aller Grausamkeit und Boshaftigkeit, deren sie fähig sind. Deshalb kann ich Ihnen nur den dringenden Rat geben, sich vorzusehen. Ich bin sicher, dass die Hexen es vor allem auf Sie abgesehen haben. Was sie sonst noch alles im Dorf anstellen, ist nur Beiwerk.«

Vicky Bonney starrte den Professor fassungslos an.

»Ist das wirklich wahr, Professor?«

»Ich beziehe dieses Wissen aus alten Büchern, Miss Bonney.«

»Alle Nachfahren des Henkers haben den Besuch dieser unheimlichen Bestien nicht überlebt, nicht wahr?«

»So ist es«

»Dann ist doch auch Tony verloren.«

»Das weiß ich nicht.«

»Was nützt es, wenn Sie ihm raten, sich vorzusehen?«, ereiferte sich das entsetzte Mädchen. »Was nützt es, zu sagen: Pass auf, die Hexen haben es auf dich abgesehen? Sagen Sie ihm lieber, wie er sich gegen diese Ungeheuer schützen kann. Das ist viel wichtiger, als eine Warnung, mit der Sie Tony nur erschrecken.«

Professor Davies zuckte die Achseln.

»Ich wollte, ich könnte ihm einen Rat geben, wie er sich wirkungsvoll vor den Hexen schützen kann. Aber ich weiß keinen solchen Rat. Ich habe in all den Büchern keine Lösung gefunden.«

»Dann soll Tony unser Dorf verlassen!«, sagte Vicky Bonney hastig.

Edgar Davies nahm ihr jegliche Hoffnung, als er den Kopf schüttelte.

»Zu spät, Miss Bonney. Die Hexen sind bereits da. Wenn sie merken, dass Inspektor Ballard vor ihnen fliehen will, werden sie das verhindern.« Der Professor wandte sich an Tony. »Tut mir Leid, Ihnen nichts Erfreulicheres sagen zu können. Vielleicht wird es auch gar nicht so schlimm, wie ich es sehe. Vielleicht verschonen Sie die Hexen.«

Tony Ballard lächelte benommen.

»Geben Sie sich keine Mühe, Professor Davies. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mir die Augen geöffnet haben. Jetzt weiß ich wenigstens, woran ich bin.«

Davies hob die Hand.

»Noch dürfen Sie nicht alle Hoffnung fahren lassen, Inspektor. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es eine Möglichkeit gibt, die Hexen zu vernichten. Ich bin immer noch beim Auswerten alter Schriften. Vielleicht finde ich die verwundbare Stelle dieser Bestien...«

Tony nickte.

»Wenn Sie sie gefunden haben, lassen Sie es mich wissen, ja?«

»Selbstverständlich.«

»Hoffentlich kommen Sie früher darauf, als die Hexen dahinter kommen, wo ich wohne.«

Davies strich sich wieder einmal über den weißen Bart.

»Das, Inspektor Ballard, wissen diese Teufelsbräute längst!«

18

Neal Usting wählte die Abkürzung, die am Moor vorbeiführte, um schneller zu Hause zu sein. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt. Ein unangenehm kühler Wind strich vom Moor her über die Landschaft. Gespenstische Nebelschwaden stiegen aus dem nassen Erdreich und schwebten dem Mann bizarr geformt entgegen. Wie schreckliche Ungeheuer sahen sie manchmal aus, und ab und zu fuhr Usting erschrocken zusammen, wenn es den Anschein hatte, als würden diese durchsichtigen Nebelgestalten mit kalten milchigweißen Händen nach ihm greifen.

Usting hatte seine Tochter im Nachbardorf besucht. Sie war da mit einem Kerl verheiratet, der brutal war und sie des Öfteren schlug. Heute hatte Neal Usting dem Schwiegersohn mal gründlich die Meinung gesagt. Ob es geholfen hatte, würde die Zukunft erweisen.

Nun war der Mann auf dem Heimweg.

Seine Frau wartete sicherlich schon mit dem Abendessen auf ihn.

Neal Usting ging schnell. Er schwitzte und schnaufte, blickte sich manchmal beinahe gehetzt um und ging dann schnell weiter.

Normalerweise mied er diese Gegend.

Der Anblick des Moores war schon unheimlich genug. Die Geschichten, die man sich darüber erzählte, waren noch zehnmal unheimlicher.

Der schmale Pfad führte direkt auf den Sumpf zu. Die Gräser waren hoch und bogen sich im Wind, der über sie hinweg strich.

Ein gespenstisches Raunen lag über dem Gelände. Es schien vom Sumpf her zu kommen, klang irgendwie nach menschlichen Stimmen. Doch Neal Usting war sicher, dass sich zu dieser Stunde niemand mehr in dieser schaurigen Gegend herumtrieb.

Der Weg machte vor dem Moor einen scharfen Knick nach rechts und führte nun in einigen Windungen zum Dorf.

Dunkel lag das Moor da. Wie viele mochte es schon verschlungen haben?

Zahlreiche Menschen aus dem Dorf waren hier schon wegen ihrer Sorglosigkeit und Unachtsamkeit versunken. Niemand hatte sie jemals wieder gesehen.

Neal Usting blickte ängstlich nach der breiigen, schmutzigen Oberfläche des tödlichen Sumpfes. Luftbläschen stiegen hoch und platzten fast lautlos. Usting blieb verwirrt stehen. Hatte sich der Sumpf nicht eben bewegt? So als wäre jemand vor wenigen Augenblicken erst darin versunken.

Wieder platzten Bläschen. Diesmal mehrere zugleich. Und nun sah Usting ganz deutlich, dass sich die Oberfläche des Moors bewegte. Die breiige Masse warf Wellen, wurde unruhig, begann zu schaukeln.

Neal Usting schluckte benommen, während sich seine Augen erschrocken weiteten. Was sollte er davon halten?

War wirklich ein Lebewesen in den Sumpf gefallen? Ein Lebewesen, das sich nun verzweifelt herauszustrampeln versuchte und doch nur noch tiefer hineinsinken würde?

Die Nebelschwaden wurden zu hässlichen Geistern mit grinsenden Fratzen.

Usting wollte weitergehen, doch irgendetwas hielt ihn zurück. Irgendetwas zwang ihn, auf die Stelle zu schauen, die unaufhörlich und immer schneller Blasen aufwarf.

Er dachte an seine Frau, dachte daran, dass er hier nicht bleiben durfte. Der Wind fuhr ihm ins heiße Gesicht und machte ihm noch mehr Angst.

Immer heftiger bewegte sich die Mooroberfläche.

Und plötzlich glaubte Neal Usting, den Verstand verloren zu haben.

Eine Hand tauchte aus dem Moor auf.

Eine weiße dünne Hand. Noch eine.

Noch eine. Viele Hände. Vierzehn Hände zählte er schließlich. Lange Krallen verjüngten sich an den zuckenden Fingern.

Mehr und mehr wuchsen die Hände aus dem Moor. Arme folgten. Schultern.

Dann folgten Köpfe. Sieben Köpfe. Und schließlich kamen sieben Körper zum Vorschein. Mädchenkörper.

Das Moor klebte an ihren Gestalten.

Ihre Gesichter waren bildhübsch. Meergrüne Augen funkelten Neal Usting böse an.

Der Mann schüttelte benommen den Kopf und wich ächzend vor den schrecklichen Erscheinungen zurück. Sie stanken nach Verwesung, obwohl sie jugendliche Gesichter hatten.

Wahnsinn! Es war wahnsinnig, was Usting da mit eigenen Augen sah.

Die sieben Hexen stiegen aus dem Moor. Der Schlamm fiel von ihnen ab. Sie kamen auf den entsetzten Mann zu, ohne dass ihre Füße den Boden berührten. Sie schwebten. Höhnisch grinsten sie ihn an.

Er wollte fortlaufen, doch sie hatten ihn mit ihrem Bann belegt. Seine Beine gehorchten ihm nicht mehr.

Die Hexen umringten ihn.

Ihr schrecklicher Modergeruch drehte ihm den Magen um. Er war nahe daran, sich zu übergeben, so penetrant stanken die Hexen nach Verwesung.

Sie schlossen den Ring immer enger um ihn. Usting starrte sie verzweifelt an.

Er wusste, dass er verloren war.

»Gnade!«, jammerte er händeringend, während der kalte Angstschweiß in Bächen über sein Gesicht floss. »Habt Mitleid mit mir!«

»Mitleid!«, kicherten die Hexen. »Mitleid? Was ist das? Wir kennen dieses Wort nicht!«

»Habt Erbarmen?«

»Erbarmen? Was heißt erbarmen?«

»Ich flehe euch an...«

»Du willst nicht sterben, wie?«, fragten die Hexen höhnisch.

»Nein! Nein! Lasst mich leben! Ich habe euch nichts getan!«

»Du wohnst in diesem Dorf!« Es klang wie eine schreckliche Anklage.

Usting fiel vor den Gespenstern auf die Knie und flehte, heulte und bettelte um sein Leben. Sein Gesicht war von grenzenloser Verzweiflung verzerrt. Klatschnass klebte das Haar an seinem Kopf.

»Leben! Ich will leben!«

»Er will leben!«, schrien die Hexen schrill durcheinander und kicherten amüsiert. Sie weideten sich an der Angst ihres Opfers.

Sie streckten ihm geifernd ihre Krallen entgegen. Schreiend wich er vor ihnen zurück, doch die Bestien standen auch hinter ihm. Als ihn mehrere Hexenhände berührten, glaubte er, einen elektrischen Schlag bekommen zu haben.

»Gnade!«, wimmerte er verzweifelt.

»Du willst nicht sterben!«, schrien die Hexen aufgeregt.

Er schaute in panischer Angst zu ihnen auf und schüttelte verzweifelt den Kopf.

»Du weißt, dass du verloren bist, nicht wahr?«

»Gnade! Gnade!«, winselte Usting.

»Wir schenken dir dein schäbiges Leben, wenn du uns einen Dienst erweist!«

»Einen Dienst?«, fragte Neal Usting schnell. Das war die Rettung. »Ja! Ja!«, schrie er. »Jeden Dienst. Ich erweise euch jeden Dienst, wenn ihr mich leben lasst!«

»Gut!«, kicherten die stinkenden Hexen.

»Was soll ich tun?«

»Du gehst jetzt ins Dorf...«

»Ja.«

»Du gehst zu Tony Ballard.«

»Ja.«

»Du gehst zu ihm und bringst ihn hierher, verstanden?«

»Ja! Ja! Ja!«

»Wenn du bis Mitternacht immer noch nicht zurückgekehrt bist, kommen wir in dein Haus, um dich zu töten.«

»Ich werde zurückkommen. Ganz bestimmt. Ja, ich werde zurückkommen! Ihr könnt euch auf mich verlassen!«

»Du musst mit Tony Ballard hier herkommen! Wenn du ohne ihn kommst stirbst du ebenfalls!«

»Ich werde mit ihm kommen«, nickte Neal Usting aufgeregt. »Habt Dank für die Gnade! Dank! Dank!«

Die Hexen traten zurück. Neal Usting sprang hastig auf die Beine. Durfte er nun gehen? Würden sie ihn ziehen lassen, ohne ihn zu behelligen? Er wagte nicht den ersten Schritt zu machen.

»Geh jetzt!«, sagten die Hexen scharf.

Er begann zu rennen, schaute sich nicht um, rannte mit brennenden Lungen so lange, bis er das Dorf erreicht hatte.

19

»Mord!«, keuchte Neal Usting mit glühendheißen Wangen. »Mord! Sie müssen sofort kommen, Inspektor Ballard. Ich habe eine Leiche entdeckt!«

»Mann, beruhigen Sie sich erst mal, sonst trifft Sie noch der Schlag!«, sagte Tony Ballard.

»Mord!«

»Sie haben also eine Leiche entdeckt, Usting?«, sagte Tony. Er saß in seinem Büro an seinem Schreibtisch. Man hatte ihn gebeten, einen Kollegen zu vertreten.

»Ja, Inspektor Ballard!«, keuchte der schweißüberströmte Mann nervös.

Komm schon! Komm schon! dachte er aufgeregt.

»Ist es eine männliche oder eine weibliche Leiche?«, fragte Ballard und nahm einen Bleistift zur Hand, um sich Notizen zu machen.

»Eine – eine männliche.«

»Wo?«

»Was?«

»Wo haben Sie die Leiche entdeckt?«

»Beim Moor. Kommen Sie. Ich zeige Ihnen die Stelle.«

»Wieso wissen Sie, dass der Mann, der beim Moor liegt, ermordet wurde, Usting?«

»Weil ein Messer in seinem Rücken steckt.«

»Ich nehme an, Sie kennen den Toten nicht?«

Usting schüttelte schnell den Kopf.

»Nie gesehen, Inspektor Ballard. Kommen Sie! Ich zeige Ihnen die Stelle.«

Tony musterte Neal Usting nachdenklich. Der Mann war ihm bekannt. Einer von jenen Typen, die sich immer nach dem Wind drehten. Immer freundlich ins Gesicht und allzeit bereit, einem hinterrücks das Messer ins Kreuz zu rammen. Das war Neal Usting. Sicherlich war ein Leichenfund eine aufregende Sache, die einem Mann wie Usting hart an die Nieren gehen konnte, aber rechtfertigte der Schock diese Panik?

Tony verließ mit dem Mann das Polizeigebäude. Wenn etwas an dem Leichenfund dran war, würde er hinterher seine Männer zum Moor schicken.

Sie setzten sich in Ballards kaffeebraunen Thunderbird. Ballard fuhr aus dem Dorf.

Da zum Moor kein befahrbarer Weg führte, mussten sie den Wagen bald verlassen und zu Fuß weitergehen.

Je näher sie dem Moor kamen, desto nervöser wurde Neal Usting.

»Was haben Sie denn?«, fragte Tony den Mann.

»Nichts«, gab Usting schrill zurück.

»Sie werden den Mann doch nicht umgebracht haben?«, sagte Tony Ballard.

»Um Gottes willen, nein! Wäre ich sonst zu Ihnen gekommen, um Meldung zu machen?«

»Eben. Weshalb sind Sie dann so furchtbar aufgeregt?«

»Ich bin es eben. Kann nichts dafür.«

Sie gingen schweigend weiter. Wie im Fieber glänzten Ustings Augen. Das gefiel Tony Ballard nicht. Er hatte plötzlich das Gefühl, dass hier etwas faul war. Professor Davies’ Worte fielen ihm ein. Und mit einem Mal befürchtete er, dass dieser Usting ihn in eine Falle locken würde.

Sie hatten das Moor schon fast erreicht. Der Wind strich kalt auf sie zu.

Ein unheimliches Heulen füllte die Dunkelheit.

Da rissen plötzlich Ustings Nerven.

»Fliehen Sie, Ballard!«, brüllte er aus Leibeskräften und floh selbst als Erster.

Mit weiten Sätzen keuchte er zum Dorf zurück. Leider steckte nicht mehr allzu viel Kraft in seinem ausgepumpten Körper. Er musste bald langsamer laufen, und schließlich wankte er nur noch zwischen Büschen hindurch, stolperte über Grasnarben und glitt auf dem lehmigen Boden aus.

Sein Herz hämmerte wie verrückt in seiner Brust. Der Pulsschlag raste. Noch nie in seinem Leben hatte Neal Usting solche Angst gehabt.

Weiter keuchte er. Immer weiter. Bis er nicht mehr konnte, bis er wieder einmal ausglitt und sich nicht mehr aufrichten konnte. Erschöpft rollte er sich hinter einen Busch. Hier wollte er verweilen und neue Kräfte sammeln. Eine große schwarze Ratte war hinter ihm hergehuscht. Er hatte sie nicht gesehen. Sie raschelte nun im Gras und erschreckte ihn mit einem durch Mark und Bein gehenden Pfiff.

Er fuhr wie von der Tarantel gestochen herum und sah das furchtbar große Nagetier.

Als die Ratte zum Sprung ansetzte, stieß er einen grellen Entsetzensschrei aus. Er streckte gleichzeitig die Arme abwehrend von sich und wollte sich zur Seite werfen.

Wie eine geballte Ladung von Gefahr und Mordgier flog ihm das hässliche Tier an die Kehle. Er spürte den wahnsinnigen Schmerz und fiel nach hinten.

Die Ratte biss noch einmal zu und immer wieder.

Bis Neal Usting tot war.

20

Eine Falle also, dachte Tony Ballard, als Usting davonrannte. Er sah den Kerl zwischen den Büschen verschwinden – und nun hörte er seinen grellen Schrei, ohne zu wissen, was diesen Mann so sehr entsetzte.

Schnell wirbelte Tony herum.

Es war ratsam, schleunigst ins Dorf zurückzueilen. Kaum hatte er sich umgedreht, da stockte ihm der Atem. Was er sah, überstieg sein menschliches Begriffsvermögen.

Er sah sich vierzehn Hexen gegenüber.

Sie schienen sich zu spiegeln, denn eigentlich sollten es ja nur sieben Hexen sein. Doch in diesem Fall handelte es sich um vierzehn Satansbräute, die ihm mit hasserfüllten Augen und grausam verzerrten Gesichtern entgegenstarrten.

Sie bildeten eine schmale Gasse.

»Tony Ballard!«, riefen sie ihm aufgeregt zu. »Fein, dass du gekommen bist, Anthony Ballard.«

Der Inspektor bebte innerlich vor Aufregung. Es stand schlimm um ihn.

Jede der Hexen hielt eine glühende Rute in der Hand. Er ahnte, was das zu bedeuten hatte, sträubte sich aber noch verzweifelt dagegen, es als wahr und unabwendbar anzusehen.

»Anthony Ballard!«, fauchten die Hexen und zeigten ihm ihre scharfen Zähne. »Sterben wirst du, Nachfahre des Henkers! Deinetwegen kommen wir in dieses Dorf!«

Die Klemme, in der Tony steckte, begann ihm entsetzliche Angst zu machen.

Er war an und für sich ein unerschrockener, furchtloser Mann. Doch das hier war ihm entschieden zu viel. Außerdem wusste er, dass noch kein Ballard die Begegnung mit diesen Schauergestalten überlebt hatte.

»Wir werden dich umbringen!«, zischten die Hexen begeistert. Einige lachten.

Ihr Gegenüber lachte und warf den Kopf genauso zurück wie sie. Weil sie sich in der Luft spiegelten.

Es gab kaum einen Ausweg aus dieser gefährlichen Situation.

Hinter Tony war das Moor. Jeder Schritt in diese Richtung hätte ihm zum Verhängnis werden können.

Vor ihm standen die sieben Hexen, die sich auf eine unheimliche Weise verdoppelt hatten. Sie wippten mit ihren glühenden Ruten und warteten darauf, dass er zu ihnen kam.

Es bestand lediglich die Möglichkeit, nach links oder rechts davonzurennen.

Doch Tony Ballard kannte die Geschichten, die man sich über diese grausamen Hexen erzählte. Bisher hatte er sie belächelt und nicht geglaubt. Nun aber, wo er diesen Bestien gegenüberstand, wurde ihm auf eine schreckliche Art bewusst, dass alle diese Geschichten stimmten. Man erzählte sich von den Hexen die Wahrheit. Sie waren grausam und mächtig. Niemand konnte vor ihnen fliehen. Sie waren schnell und flogen wie eine wilde Jagd hinter ihren Opfern her.

Usting war bestimmt einer von ihnen zum Opfer gefallen.

»Komm her, Anthony Ballard!«, fauchten die Ungeheuer ungeduldig.

»Was wollt ihr von mir?«, stieß der Inspektor gepresst hervor. Dicke kalte Schweißperlen standen jetzt auf seiner Stirn.

»Du wirst es sehen. Komm her!«

»Nein!«

»Du musst kommen!«

»Keinen Schritt werde ich euch entgegengehen. Wenn ihr mich umbringen wollt, müsst ihr zu mir kommen!«

Das bereitete den Hexen sicherlich keine Schwierigkeiten, sie wollten Tony aber demonstrieren, wie machtlos er ihnen gegenüber war. Sie wollten ihm beweisen, dass sie in der Lage waren, ihm ihren bösen Willen aufzuzwingen. Gnadenlos.

»Komm her, Anthony Ballard!«, befahlen sie scharf.

»Nein!«

Sie stießen ein höhnisches Gelächter aus. Im silbrigen Mondlicht blitzten ihre weißen Zähne. Der kalte Wind blies mehr und mehr Nebelschwaden auf sie zu, die sie wie weiter Talare umhüllten.

Das gefährlichste an diesen Bestien waren die glühenden Ruten.

Tony starrte sie ängstlich an. Jeder Mann – selbst der tapferste – hätte in diesem schaurigen Moment heillose Angst gehabt. Tony war kein Übermensch. Er reagierte völlig normal.

Gegen weltliche Gegner konnte man sich wehren. Aber gegen Hexen und Dämonen kämpfte ein Mensch auf verlorenem Posten.

»Nun komm schon, Anthony Ballard!«, kreischten die Hexen. Sie begannen mit den Füßen ungeduldig den Boden aufzuscharren.

Tony schüttelte verzweifelt den Kopf.

Er starrte die glühenden Ruten entsetzt an und stellte bestürzt fest, dass er sich ihnen bereits – ohne es zu wollen – Schritt um Schritt näherte.

Tatsächlich, er ging auf die Gasse zu, die die furchtbaren Hexen gebildet hatten. Sie grinsten ihm triumphierend entgegen. Sie zwangen ihn, sich ihnen zu nähern, und er hatte nicht die Kraft, sich ihrem Willen zu widersetzen.

Er merkte ja kaum, dass er ging.

Näher kam er den grauenvollen Schauergestalten. Immer näher. Jede Faser in seinem Körper vibrierte und zuckte. Er war atemlos, obwohl er nicht gelaufen war. Er war schweißüberströmt und hatte furchtbare Angst vor den Scheusalen, die ihn mit ihren glühenden Ruten erwarteten.

Er wollte stehen bleiben, ging aber weiter.

Das, was diese Teufelsbräute für ihn vorbereitet hatten, nannte man einen Spießrutenlauf. Er musste durch ihre Gasse gehen, und jede einzelne Hexe würde mit ihrer glühenden Rute nach ihm schlagen.

Falls er das Ende dieser grausamen Gasse erreichen sollte, ohne an den schweren Verletzungen zugrunde gegangen zu sein, würde er umkehren müssen.

Bestimmt würden sie ihn so lange durch die Gasse gehen lassen, bis er tot war.

Als er nur noch einen Schritt von der Gasse entfernt war, durfte er stehen bleiben.

Verzweifelt starrte er in die bildhübschen Hexengesichter, die ihn feindselig anstarrten. Er roch den Verwesungsgeruch, der von ihnen ausging, und dachte an den Tod, der auch ihn nun bald ereilen würde.

Zwei Hexen kamen grinsend auf ihn zu.

Er wollte vor ihnen zurückweichen, aber er war nicht in der Lage, einen Schritt zu machen.

Etwas umklammerte ihn, drückte seine Arme nach unten, zwang ihn zu verharren.

Mit hohntriefenden Gesichtern packten die Hexen mit ihren scharfen Krallen seine Kleider. Sie schlitzten sie auf, rissen sie ihm vom Leib.

Sie fetzten alles herunter. Bis er splitternackt war.

»Oh!«, höhnten die anderen. »Ein schöner Mann.«

Er schämte sich und wäre am liebsten im Boden versunken.

Mit den Händen bedeckte er seine Blöße. Der eiskalte Wind fuhr ihm über den schweißnassen Rücken und ließ ihn schaudern.

»Los jetzt, Anthony Ballard!«, schrien die Hexen ungeduldig.

Und seine Beine begannen wieder zu gehen. Sie erwarteten ihn mit ihren glühenden Ruten. Er betrat die Gasse. Da zischten und fauchten schon die ersten Ruten durch die Luft, landeten klatschend auf seinem nackten Rücken. Ein wahnsinniger Schmerz durchraste Tony Ballard. Er presste die Zähne zusammen.

Da schlugen schon die nächsten Hexen zu. Dieser Schmerz war noch schrecklicher, kaum zu verkraften. Ihm wurde übel. Er spürte, wie die Haut an seinem Rücken aufplatzte, wie die glühenden Ruten sein Fleisch verbrannten, wie Blut über seinen Rücken floss.

Er musste weitergehen. Sie zwangen ihn dazu.

Klatsch!

Klatsch!

Klatsch!

Es war schlimmer als die Hölle. Taumelnd, von wahnsinnigen Schmerzen gepeinigt, wankte Tony Ballard ächzend durch die schreckliche Hexengasse.

Fürchterlich fauchten die Ruten durch die Luft. Die Gasse schien kein Ende zu nehmen. Immer wieder trafen ihn die glühenden Ruten. Er brach nieder.

»Aufstehen!«, kreischten die Hexen.

»Aufstehen, du Schlappschwanz! Wir sind mit dir noch nicht fertig! Steh auf!«

Er musste aufstehen, obwohl er kaum noch die Kraft dazu hatte. Sie zwangen ihn, aufzustehen. Sie hätten selbst einen Toten dazu zwingen können. Ihre Macht war ungeheuer groß. Was konnte ein Mensch gegen sie ausrichten? Nichts.

Überhaupt nichts.

Als er stand, trafen ihn wieder ihre entsetzlich schmerzenden Ruten. Er wankte weiter. Die Hexengasse wurde immer länger. Es schien, als würden sich immer neue blutgierige Hexen hinzugesellen. Ihre Hiebe waren kräftig, gnadenlos. Sie kicherten, lachten begeistert und kreischten still vor Vergnügen, denn es war für sie das größte Erlebnis, die tiefste Befriedigung, einen Menschen quälen zu können.

Klatsch!

Klatsch!

Klatsch!

Um Tony Ballard drehte sich die ganze Welt. Von überallher flogen glühende Ruten auf ihn zu. Sie landeten nun nicht mehr ausschließlich auf seinem Rücken, sondern auch in seinem Gesicht, an seinen Beinen, auf seinem Bauch, auf seiner Brust.

Er drehte sich selbst im Kreise herum.

Überall standen die kichernden, lachenden, kreischenden Hexen. Überall waren diese verfluchten glühenden Ruten zu sehen. Sie schlugen ihn auf den Kopf, auf den Hals, in den Nacken.

Total zerschlagen brach er erneut zusammen.

Das Ende war nahe. Er fühlte es.

Entsetzt, in furchtbarer Todesangst, starrte er zu den geifernden Bestien hinauf, die über ihm standen. Sie lachten schrill und bespuckten ihn. Ihr Speichel schien aus einem Schwefelgemisch zu bestehen, denn er brannte höllisch in seinen tiefen Verletzungen.

»Nun, Anthony Ballard!«, schrien sie begeistert. »Wie gefällt dir das?«

In seinem Kopf rumorte es. Er hatte das Gefühl, dass eine tiefe Ohnmacht ihren schwarzen Mantel über ihn breiten wollte, doch die Hexen hielten diese wohltuende Ohnmacht, die ihn seine Schmerzen hätte vergessen lassen, von ihm fern.

Sein ganzer Körper war eine einzige große Wunde.

»Warum seid ihr nur so schrecklich grausam?«, keuchte Tony Ballard.

»Töten werden wir dich!«, schrien die Hexen wütend. »Ja! Töten! Aber nicht jetzt. Nicht auf einmal. Das wäre ein zu schneller Tod für einen Ballard. Nein, wir werden dich langsam zu Tode quälen. Ganz langsam. Du musst um den Tod winseln, Anthony Ballard. So, wie sie alle um ihren Tod gewinselt haben, die Ballard hießen und Nachfahren des Henkers waren!«

Wieder stießen sie ein furchtbares Lachen aus. Dann traten sie zurück, ließen von ihm ab.

Die Ohnmacht kam, und mit ihr kam eine frostige Kälte, die sich in Tonys Körper schlich. Er glaubte, das wäre der Tod.

Doch er war kein bisschen entsetzt darüber.

Jetzt nicht mehr...

21

Als der Tag anbrach, schlug Tony Ballard die Augen auf. Grenzenloses Erstaunen legte sich in seine Züge. Erstaunen darüber, dass er noch lebte. Erstaunen aber auch darüber, dass er nicht draußen im Moor, sondern in Vicky Bonneys Schlafzimmer lag.

Ein schmerzendes Brummen lähmte immer noch einen Teil seines Verstandes.

Sein ganzer Körper schmerzte schrecklich. Er hatte wahnsinnigen Durst, und seine Zunge klebte förmlich am Gaumen.

Ächzend richtete er sich im Bett auf.

Er trug seine weiße Unterwäsche.

Verdattert stellte er fest, dass sein Körper keine einzige Schramme aufwies. Wie war das möglich? Er konnte sich ganz deutlich an jenes schreckliche Erlebnis erinnern. Die Hexen hatten ihn mit ihren glühenden Ruten so lange geschlagen, bis er zusammengebrochen und ohnmächtig geworden war. Die wahnsinnigen Schmerzen steckten immer noch in seinen Gliedern. Aber äußerlich wies sein Körper keine einzige Verletzung auf. Niemand würde ihm wohl glauben, wenn er erzählte, was ihm dort draußen widerfahren war. Er konnte es mit nichts beweisen.

Die Tür öffnete sich.

Tony warf noch schnell einen Blick auf den Stuhl, der neben dem Bett stand.

Hier hatte Vicky seine Kleider sorgfältig über die Lehne gelegt. Das Hemd, die Jacke, die Hose, alles war unversehrt, so als hätten die Hexen niemals seine Kleider mit ihren scharfen Krallen aufgeschlitzt und ihm vom Leib gerissen.

War er verrückt? Hatte er sich das alles nur eingebildet? Woher kamen aber dann die furchtbaren Schmerzen, die ihn peinigten?

Vicky trat ein, um nach ihm zu sehen.

Als sie sah, dass er wach war, kam sie mit besorgtem Blick auf ihn zu.

»Du machst vielleicht Sachen, Tony!«

»Wieso?«

Vicky setzte sich auf die Bettkante und streichelte gefühlvoll sein Gesicht. Tränen schimmerten in ihren Augen.

»Weißt du nicht mehr, was passiert ist, Tony?«

»Nein«, log er, um zu erfahren, was nach seiner Ohnmacht geschehen war.

»Du kennst doch Bill Warren...«

»Ja.«

»Der Köhler hat dich im Moor gefunden. Bewusstlos. Was hattest du dort zu suchen? Wieso warst du ohnmächtig, Tony? Bist du nicht ganz gesund? Gibt es irgendetwas, das du mir bisher verheimlicht hast?«

Ballard schaute sein Mädchen nachdenklich an. Er überlegte, ob er ihr erzählen sollte, was er erlebt hatte.

Würde sie ihm glauben?

Würde sie ihn verstehen können? Wohl kaum.

»Wieso warst du in der Nacht im Moor, Tony?«, fragte Vicky besorgt.

»Neal Usting hat mich in eine Falle gelockt.«

Vicky erschrak.

»Was hat Usting mit dir zu schaffen, Tony? Warum hat er dich in eine Falle gelockt? In was für eine Falle?«

Ballard begann stockend zu erzählen.

Er berichtete in chronologischer Reihenfolge, ließ nichts aus, erzählte sachlich, mit ernstem Gesicht und versuchte die unglaubliche Geschichte so vorzubringen, dass Vicky sie glauben konnte.

Sie glaubte ihm nicht.

Er sah es an ihrem zweifelnden Blick.

Sie schaute ihn besorgt an, strich ihm das Haar aus dem Gesicht und bat ihn, sich zu beruhigen, obwohl er sich nicht aufgeregt hatte. Sie schien zu befürchten, dass sich sein Geist verwirrt hatte.

Mit salbungsvollen Worten redete sie auf ihn ein.

»Hör auf, mich wie einen Verrückten zu behandeln!«, fuhr Tony sie gereizt an.

Vicky zuckte erschrocken zurück.

»Dr. Williams war heute Nacht hier, Tony. Er hat dich untersucht. Ich habe ihn hierher gebeten, nachdem dich der Köhler zu mir gebracht hatte. Ich war so unglücklich, so besorgt, so ratlos.«

»Der Arzt hat mich untersucht?«

»Ja.«

»Was hat er festgestellt?«

»Eine schwere Erschöpfung.«

»Sonst nichts?«

»Nein, Tony. Sonst nichts.«

»Was hat er weiter getan?«

»Er hat dir eine Spritze gegeben.«

»Und?«

»Er wird im Laufe des Vormittags wieder nach dir sehen.«

Tony zog ärgerlich die Mundwinkel nach unten.

»Den Weg kann er sich sparen.«

Vicky schaute ihn erschrocken an.

»Willst du etwa aufstehen, Tony?«

»Natürlich.«

»Nach dieser tiefen Ohnmacht? Nach dieser schweren Erschöpfung? Du musst dich schonen. Du musst zumindest noch vierundzwanzig Stunden im Bett bleiben.«

»Kommt nicht in Frage!«, knurrte Tony Ballard eigensinnig. Er warf die Decke zurück, ließ die Beine aus dem Bett rutschen, stand auf... und brach stöhnend zusammen.

»Tony!«, rief Vicky bestürzt. Sie schnellte von der Bettkante hoch und half ihm beim Aufstehen. Sie stützte ihn und half ihm, wieder ins Bett zu kommen.

»Warum bist du nur immer so schrecklich eigensinnig?«, fragte sie vorwurfsvoll. »Du kannst in deinem Zustand keine Bäume ausreißen. Finde dich damit ab. Denkst du, Dr. Williams gibt seine Anordnungen zum Scherz?«

»Okay, okay. Ich bleibe im Bett!«, keuchte Tony wütend. Seine Wut richtete sich nicht gegen Vicky. Ihr war er dankbar, dass sie sich um ihn kümmerte, dass sie ihn pflegte, dass sie sich um ihn sorgte. Er war wütend auf den kraftlosen Zustand, auf die Schmerzen, die unter seiner Haut brannten und schuld an seiner Entkräftung waren.

Vicky machte ihm ein leichtes Frühstück. Dann verabschiedete sie sich. Sie musste in die Bibliothek gehen.

Tony ließ sich von ihr noch das Telefon bringen und auf den Nachttisch stellen.

Als sie gegangen war, rief er die Polizeistation an und schickte einige Männer zum Moor hinaus. Sie sollten Neal Ustings Leichnam dort draußen suchen und ihm später Meldung machen.

Dr. Williams kam, wie angekündigt.

Der Mann stand kurz vor der Pensionierung, sprühte aber trotzdem vor Tatendurst, Vitalität, Humor und Nächstenliebe. Für ihn war das Arztsein kein Beruf, sondern eine Berufung.

Williams befragte Tony nach dem Grund für seine Erschöpfung. Ballard belog ihn. Was hätte er dem Arzt sagen sollen? Die Wahrheit? Die hätte er nicht verstanden. Deshalb sprach der junge Inspektor von Überarbeitung, von zu vielen Aufgaben, die auf seinen Schultern lasteten... Er erzählte den Quatsch, den jeder in einem solchen Fall erzählt hätte und den jeder Mensch verstehen konnte.

Kein Wort von Usting. Kein Wort von den Hexen. Von denen schon gar nicht.

Dr. Williams ließ Tony verschiedene Tabletten da. Er sagte ihm genau, wie und wie oft und wann er sie einnehmen sollte, kündigte seinen nächsten Besuch für den nächsten Vormittag an und verließ dann Vicky Bonneys Haus.

Tony nahm die Tabletten. Wenn sie nichts nützten – schaden konnten sie keinesfalls.

Da ihm jede Bewegung wehtat, drehte er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Seite und versuchte zu schlafen.

Das Schrillen des Telefons ließ ihn erschrocken hochfahren. Mit zusammengepressten Zähnen griff er nach dem Hörer.

»Ja?«

»Wir waren draußen beim Moor, Sir, wie Sie es angeordnet haben«, sagte Sergeant Goody. »Wir hatten die Hunde dabei.«

»Und?«

»Nichts Sir.«

»Keine Spur von Neal Usting?«

»Nein, Sir.«

»Wart ihr bei seiner Frau?«

»Ja, Sir. Sie sagt, ihr Mann hätte die Tochter im Nachbardorf besucht, sei von der Tochter so gegen Abend weggegangen, sei aber nicht nach Hause gekommen. Die Frau macht sich verständlicherweise Sorgen.«

»Sie wird ihren Mann nicht mehr wieder sehen« sagte Tony Ballard. Er sagte es leise. Die Worte waren eigentlich nur für ihn bestimmt.

»Wie bitte, Sir?«

»Ach, nichts«, sagte der Inspektor. »Ich kann mich doch darauf verlassen, dass ihr die Gegend gründlich abgesucht habt?«

»Aber natürlich, Sir. Wir haben hinter jeden Grashalm geguckt. Wie kommen Sie auf die Idee, dass Usting dort draußen...«

»Eine anonyme Information!«, log Ballard schon wieder. Er wusste im Augenblick keinen anderen Ausweg.

»Ach so«, meinte Sergeant Goody.

»Nun, man weiß ja aus Erfahrung, was von solchen anonymen Anrufen zu halten ist.«

»Nachgehen muss man ihnen trotzdem.«

»Das ist klar, Sir.«

Tony bedankte sich für den Anruf und wollte auflegen.

Da rief Sergeant Goody: »Sir!«

»Ja?«

»Sir...« Goody wusste nicht recht, wie er beginnen sollte.

»Was ist denn, Sergeant?«

»Na ja... Es ist doch bestimmt kein Wunder, wenn man in einem Dorf wie diesem abergläubisch ist ...«

»Ich verstehen nicht, Sergeant Goody!«

»Vorhin bin ich Mr. Bennett begegnet.«

»Meinen Sie den Tankstellenpächter?«

»Ja, Sir. Mr. Norton Bennett.«

»Was ist mit ihm?«

Sergeant Goody räusperte sich laut.

»Er hat mir eine recht seltsame Geschichte erzählt, Sir.«

»Was für eine Geschichte denn?«

»Mir fällt es selbstverständlich schwer, zu glauben, was Bennett sagt – andererseits... Wenn man bedenkt, was Van Hall und Ross Kane zugestoßen ist ...«

»Sagen Sie, Sergeant, können Sie nicht klar und deutlich sagen, was Bennett Ihnen erzählt hat?«, brauste Tony ungeduldig auf.

»Doch, Sir. Doch.«

»Warum, zum Henker, tun Sie es dann nicht?«

Wieder räusperte sich Goody geräuschvoll.

»Also, Bennett will sieben Hexen über das Dorf fliegen gesehen haben. Auf glühenden Besen. Ich sagte ihm, er müsse geträumt haben. Er sagte, er wäre hellwach gewesen. Darauf meinte ich, vielleicht hätte er zu tief ins Glas geguckt. Darauf er: Nein, das wäre nicht der Fall gewesen. Keinen Tropfen hätte er gestern Nacht getrunken. Sieben Hexen hat er gesehen, Sir. Doch damit nicht genug. Die Hexen, die mehrmals über seiner Tankstelle gekreist sein sollen, hatten einen Menschen bei sich. Einen Mann. Sir... Norton Bennett schwört Stein und Bein, dass dieser Mann Neal Usting gewesen ist!«

22

Vicky Bonney kam um achtzehn Uhr dreißig nach Hause. Auch sie hatte von Leuten gehört, dass Usting ein Opfer der Hexen geworden war. Die Bestien hätten über der Tankstelle von Norton Bennett einen Höllenspektakel aufgeführt. Angeblich hatten sie Usting in der Luft zerrissen und waren dann in den schwarzen Himmel aufgestiegen. Ihr Kichern, Kreischen und Lachen sei noch lange Zeit zu hören gewesen, ohne dass man sie noch einmal zu Gesicht bekommen hätte.

Die Hexen hatten Neal Usting für seine Dienste also nicht belohnt.

»Wie fühlst du dich?«, fragte Vicky mit sorgenvoller Miene.

»Besser.«

»Wirklich?«

»Ja. Soll ich es dir beweisen?«, fragte Tony grinsend. Er hob die Hand und streichelte sanft über den üppigen Busen seines Mädchens.

»Fühlst du dich wirklich schon so gut?«, fragte sie zweifelnd.

Tony lächelte zärtlich. Ganz langsam streifte er ihr Kleid ab. Er schälte sie aus allem, was sie am Leib trug. Sie schlüpfte unter die Decke zu ihm, und er bewies ihr zärtlich, wie sehr er sich bereits wieder erholt hatte...

23

Nun hantierte Vicky in der Küche.

Lächelnd lag Tony mit geschlossenen Augen in Vickys breitem Bett. Er lag auf dem Rücken und versuchte, all die Scheußlichkeiten, die ihm Angst machten, aus seinem Geist zu verdrängen.

Draußen vor dem Haus lag ein milder Abend. Wie geschaffen für Verliebte und Optimisten. Vielleicht kam es doch nicht gar so schlimm, wie Professor Davies es vorausgesagt hatte. Vielleicht gaben sich die Hexen nun zufrieden, nachdem sie ihn so gequält hatten.

Plötzlich erschrak er.

»Töten werden wir dich!«, hörte er die Hexen wütend schreien. »Ja! Töten! Aber nicht jetzt. Nicht auf einmal. Das wäre ein zu schneller Tod für einen Ballard. Nein, wir werden dich langsam zu Tode quälen. Ganz langsam. Du musst um den Tod winseln, Tony Ballard. So wie sie alle um ihren Tod gewinselt haben, die Ballard hießen und Nachfahren des Henkers waren!«

Die Stimmen der Hexen waren so deutlich zu hören gewesen, als befänden sie sich in diesem Zimmer.

Bestürzt riss Tony die Augen auf.

Niemand war da. Er befand sich allein in Vickys Schlafzimmer. Die Stimmen mussten aus seinem Innern gekommen sein. Seine Gedanken mussten sie in die Gegenwart gerufen haben.

Vicky klapperte in der Küche immer noch mit dem Geschirr. Immer noch roch es herrlich nach dem köstlichen Braten.

Doch plötzlich mischte sich ein anderer Geruch hinzu.

Der Geruch nach Verwesung.

Tony fuhr entsetzt hoch. Sie waren da.

Sie waren in diesem Raum. Er konnte sie zwar nicht sehen, aber er konnte sie riechen.

Seine fiebernden Augen schauten sich aufgeregt um. Die Schranktür öffnete sich, wie von Geisterhand bewegt. Sie klappte auf, nachdem jemand den Schlüssel herumgedreht hatte.

Tony Ballards Kleider fielen vom Stuhl. Gleichzeitig wurde der Stuhl hochgerissen. Er flog auf den Inspektor zu. Entsetzt warf er die Arme hoch, um sich zu schützen. Der Stuhl zerbrach mit einem harten Knall über ihm.

Schon im nächsten Moment fuhren die Schubladen aus der kleinen Kommode.

Ihr Inhalt flatterte zu Boden. Sieben Schubladen waren es. Sie schwebten auf Tony zu. Ein siebenfacher Schmerz durchraste ihn, als die Holzkästen auf ihn niederkrachten.

Bestürzt kroch er unter die Decke.

Hiebe prasselten auf ihn herab. Er rollte sich unter der Decke schwitzend zusammen. Er bekam kaum noch Luft, drohte zu ersticken.

Da wurde die Decke von ihm genommen. Er presste verzweifelt die Lider aufeinander. Sein Gesicht war verzerrt. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt. Mit stockendem Atem erwartete er die unbarmherzigen Schläge.

Sie blieben jedoch aus.

Stattdessen hörte er Vickys Stimme:

»Tony! Warum verkriechst du dich denn unter der Decke, als hättest du entsetzliche Angst?«

Er öffnete die Augen verdattert. Er schaute sich benommen um. Der Stuhl, der vorhin zersplittert war, stand neben dem Bett. Seine Kleider lagen darauf, als wären sie niemals von dort weggenommen worden. Die Schubladen steckten in der Kommode. Ihr Inhalt war nicht auf dem Boden verstreut.

Die verfluchten Hexen.

Sie wollten ihn nicht nur körperlich, sondern auch geistig fertig machen!

24

Dieser verdammte Vincent Walsh lag Carter Rayser, dem dicken Bürgermeister, schwer im Magen. Walsh war wesentlich härter, als Rayser angenommen hatte. Und er hatte es verstanden, viele Leute im Dorf für seine Sachen nicht nur zu interessieren, sondern auch zu gewinnen. Viele Leute standen nun auf Walsh’ Seite.

Viele Leute – das bedeutete für Carter Rayser viele Stimmen. Und da er nun mal Bürgermeister dieses Dorfes bleiben wollte, musste er Walsh wohl oder übel helfend unter die Arme greifen.

Aus diesem Grund war Rayser bei Vincent Walsh gewesen. Er hatte ihm einen Vorschlag unterbreitet, den dieser vermutlich annehmen würde.

Nun kehrte der kurzatmige, fettleibige Bürgermeister nach Hause zurück. Er steuerte seinen Bentley bis vor das Garagentor und kämpfte sich dann mühsam und laut ächzend aus dem Fahrzeug.

Er schloss das Tor auf und leckte sich über die trockenen Lippen. Dawn war noch nicht zu Bett gegangen. Im Wohnzimmer brannte noch Licht. Bestimmt guckte sie, wie nahezu jeden Abend, in die Röhre. Sie musste ihm etwas zu essen geben. Er hatte einen Mordshunger. Und Durst hatte er auch. Zum Teufel mit der schlanken Linie. Idioten waren es, die immer nur darauf achteten, niemals etwas aßen und tranken, und wenn, dann so wenig, dass nicht einmal ein Kind davon satt werden konnte.

Schnaufend setzte sich Rayser in den Bentley und fuhr ihn in die Garage hinein.

Er schloss das Tor, denn man konnte von hier durch eine Tür direkt ins Haus gelangen.

Am Ende der Garage stand eine Werkbank. Rayser arbeitete nicht selbst am Wagen. Wenn etwas defekt war, rief er bei Norton Bennett an. Der Mann von der Tankstelle war gelernter Automechaniker. Er kam für ein Spottgeld hierher, um den Bentley wieder flott zu machen. Es war ihm eine Ehre, am Wagen des Bürgermeisters arbeiten zu dürfen. Rayser fand es zwar lächerlich, wie ihm die Leute in den Hintern krochen, aber er hatte absolut nichts dagegen.

Neben zwei grobprofiligen Winterreifen, die an starken Haken an der Wand hingen, hing auch eine Harpune. Rayser hatte sie vor acht Jahren zum letzten Mal benutzt.

Mit schweren, watschelnden Schritten ging Carter Rayser um den Bentley herum.

Plötzlich sah er etwas an der Wand entlanghuschen. Es hatte ausgesehen wie ein dunkelgrauer, fast schwarzer Ball!

Er hörte ein Rascheln unter der Werkbank und ging schnaubend darauf zu.

Wütend funkelten seine Augen, während sein dickes rotes Gesicht einen angewiderten Ausdruck annahm.

Eine Ratte hockte unter der Werkbank und schaute ihn furchtlos an.

»Na, warte, du verdammtes Biest!«, fauchte Rayser. Er ging hin und versetzte dem riesigen Tier einen kräftigen Fußtritt. Der Nager quietschte, überschlug sich mehrmals und klatschte gegen die Wand, von der das Tier wie ein Gummiball wieder zurücksprang und nun auf den fetten Mann zugeflogen kam.

Die Ratte biss ihn blitzschnell ins rechte Bein. Es war jenes Bein, mit dem Rayser das Tier gegen die Wand gekickt hatte.

Der Bürgermeister stöhnte entsetzt auf. Die Ratte biss sofort wieder zu und versuchte an ihm hochzuklettern. Er spürte ihre ekelhaften scharfen Krallen durch den Stoff der Hose und versuchte sie wild abzuschütteln.

Als es ihm gelungen war, riss er die Harpune hastig vom Haken.

Das Tier kam auf ihn zugeflogen.

Er drückte ab.

Zischend sauste der schlanke Metallpfeil der Ratte entgegen und durchbohrte sie. Zuckend verendete das hässliche, außerordentlich große Tier.

Im Augenblick seines Todes setzte jedoch eine verblüffende, erschreckende Verwandlung ein. Das graue Fell sträubte sich. Es wurde seltsam hart, zerbrach, zerfiel, fiel vom Körper der Ratte ab, Carter Rayser traute seinen angstgeweiteten Augen nicht. Binnen kurzem hatte sich diese bissige Ratte in ein bleiches Skelett verwandelt. Doch die Verwandlung war damit noch nicht abgeschlossen.

Immer noch steckte der schlanke Harpunenpfeil zwischen den Knochen des Tierskeletts. Dieses bleiche Skelett verformte sich mit einem Mal vor den Augen des entsetzten Bürgermeisters. Die Knochen richteten sich auf, bildeten sich um.

Der Kopf des Nagetieres bildete sich zurück, wurde länglich, nahm immer mehr die Form eines Menschenschädels an.

Plötzlich lag vor dem verdatterten Mann ein menschliches Skelett – in Größe der Ratte. Doch das blieb nicht so.

Das Skelett wuchs. Es bildete sich im Bruchteil einer Sekunde zu einem normal großen Skelett. Zwischen den Rippen hing der Harpunenpfeil. Die Knochenhand bewegte sich. Ächzend wankte Carter Rayser davor zurück. Verdattert und bestürzt, nach Luft ringend, starrte er auf das menschliche Gerippe, das sich nun zu bewegen begonnen hatte. Die Knochenhand packte den Harpunenpfeil, zog ihn aus der Brust und schleuderte ihn beiseite.

Dann sprang das Skelett auf.

Carter Rayser ließ vor Schreck die Harpune fallen. Mit einem heiseren Schrei taumelte er vor dem schrecklichen Monster zurück.

Entsetzt starrte er den grinsenden Totenschädel an. Die furchtbare Erscheinung klapperte hart mit den Zähnen. Es waren junge, kräftige Zähne. Gesund.

Kein Zahn fehlte.

Es klapperte und knarrte, als sich das Monster auf den schlotternden Dicken zu bewegte. Mit weit aufgerissenen Augen, mit offenem Mund, schweißüberströmt und entsetzt nach Luft japsend, stand Rayser an der Wand.

Langsam näherte sich ihm das Gerippe.

Er presste sich verzweifelt gegen die kalte Wand, während er am ganzen Körper zitterte. Wie war das möglich?

Das Skelett streckte den bleichen Arm nach ihm aus.

»Nein!«, stöhnte er und schüttelte verzweifelt den Kopf. »Nein!«

Er wollte schreien, doch die Angst schnürte ihm die Kehle zu. Er bekam kaum noch Luft. Sein Herz hämmerte wild.

»Geh weg!«, ächzte Carter Rayser, Todesängste ausstehend. »Geh doch weg!«

Noch einen klappernden Schritt kam das Monster näher.

Die Knochenhand fuhr dem Bürgermeister an den Hals. Seine Augen drohten nun aus dem Kopf zu quellen. Eiskalt war die Hand des Skeletts. Seine Finger krallten sich in Raysers Hals. Unbarmherzig drückten sie seine Kehle zu.

Röchelnd schlug er um sich. Verzweifelt warf er sich hin und her. Doch das Gerippe ließ nicht mehr von ihm ab.

Nun drückte es mit beiden Knochenhänden gnadenlos zu. Rayser brach zusammen. Das Monster kniete sich auf seine Brust und würgte ihn so lange, bis er sich nicht mehr rührte.

25

»Wo Carter nur so lange bleibt?«, sagte Dawn Rayser kopfschüttelnd. »Bei Vincent Walsh ist er sicher nicht mehr.«

Sie redete oft mit sich selbst. Sie war oft allein. Da gewöhnt man sich so etwas leicht an. Was man im Fernsehen spielte, verfolgte sie mit wenig Interesse. Es war ein japanischer Streifen, der über den Schirm flimmerte.

»Ob ich bei Walsh anrufen soll?«, fragte sich die Frau. Nach zwanzig Jahren Martyrium in der Ehe, die alles andere als gut waren, machte sie sich immer noch Sorgen um ihren Mann. »Wird wohl auf der Heimfahrt jemanden getroffen haben, mit dem er etwas Wichtiges zu besprechen hat. Er hat ja immer etwas Wichtiges mit den Leuten zu besprechen.«

Kopfschüttelnd ging sie in die Küche, um sich etwas zu trinken zu holen.

Da hörte sie draußen die Tür klappern.

»Carter?«

Sie bekam keine Antwort.

»Carter, bist du es?«

Auch diesmal bekam sie keine Antwort. Sie hielt das Limonadenglas unter den Wasserhahn und ließ es vollaufen.

Danach rührte sie mit einem Mixlöffel kurz um und trank mit schnellen Zügen.

Als sie die Hälfte getrunken hatte, setzte sie das Glas ab.

»Carter?«

Sie verstand nicht, warum ihr Mann keine Antwort gab, wenn sie ihn rief.

Vermutlich war ihm wieder eine Laus über die Leber gelaufen, und sie musste es nun ausbaden.

Manchmal kam Dawn Rayser sich wie ein Blitzableiter vor.

Heute schien sie diese Funktion mal wieder erfüllen zu müssen.

Seufzend fügte sie sich in ihr Schicksal.

Mit dem noch halb vollen Limonadenglas kehrte sie ins Wohnzimmer zurück.

Da sprang sie ein furchtbarer Schrecken an. Sie sah sich einem bleichen Skelett gegenüber. Das raubte ihr den Verstand. Sie stieß einen gellenden Schrei aus. Das Limonadenglas entfiel ihren kraftlos gewordenen Fingern und zerschellte auf dem Boden. Die Limonade spritzte nach allen Seiten. Dawn Rayser spürte, wie sich ihre Haare sträubten. Sie fuhr sich an die zitternden Lippen und schrie unaufhörlich weiter.

Das Knochengestell lief klappernd und knarrend auf sie zu.

Die Frau konnte nicht zurückweichen.

Wie gelähmt stand sie da.

Das Gerippe warf sich auf sie.

Dawn Rayser spürte die harten Knochenhände an ihrem dürren Hals. Sie schrie so lange, bis sie dazu nicht mehr in der Lage war. Mit verzerrtem Gesicht starb sie.

Das gnadenlose, grausame Monster rannte schrill lachend zum Fenster. Es riss beide Flügel auf und stieß ein irres Gelächter aus. Es kletterte auf das Fensterbrett und schwebte langsam zum Nachthimmel hoch...

26

»Hast du dieses furchtbare Gelächter gehört, Ma?«, fragte Jack McCartney entsetzt.

Er hatte mit seiner Mutter Karten gespielt. Nun sprang er erregt auf. Jack konnte nicht älter als siebzehn sein. Er war ein magerer, gelenkiger Junge mit wachen Augen und Sommersprossen auf der etwas zu groß geratenen Nase.

Mrs. McCartney schaute ihren Sohn mit ängstlicher Miene an. Ihre grauen Augen zeigten einen furchtsamen Ausdruck.

»Bleib sitzen, Jack! Spiel weiter!«

Jack hastete zum Fenster. Bestürzt starrte er nach draußen. Es war ihm anerzogen worden, sich zu bekreuzigen, wenn seiner Seele Gefahr drohte. In diesem Moment schien das der Fall zu sein. Deshalb schlug er schnell drei Mal das Kreuz und starrte gebannt auf das Skelett, das fluoreszierend zum nachtschwarzen Himmel emporstieg, kleiner wurde und schließlich nicht mehr zu sehen war.

Kreidebleich wandte er sich um.

»Mein Gott, Junge, was hast du?«, stieß Mrs. McCartney erschrocken hervor, als sie das Gesicht ihres Sohnes sah.

»Ich habe ein Totengerippe gesehen, Ma.«

»Wo?«, fragte Mrs. McCartney schrill.

»Drüben. Es schien aus dem Haus des Bürgermeisters gekommen zu sein und schwebte zum Himmel hoch.«

Mrs. McCartney strich sich das graue Haar aus der Stirn. Dann schlug auch sie ein Kreuz und erhob sich mit weichen Knien.

»Da drüben muss etwas Schreckliches passiert sein, Ma.«

»Die Hexen«, sagte Mrs. McCartney heiser.

»Wir müssen nach Mr. Rayser und seiner Frau sehen, Ma.«

»Wir gehen nicht aus dem Haus, mein Junge!«, sagte die Frau energisch.

»Wir müssen hinübergehen, Ma!«

Mrs. McCartney schüttelte zornig den Kopf.

»Nein, Jack. Das kommt nicht in Frage.«

»Aber...«

»Ich dulde keine Widerrede, Jack!«

»Okay, Ma.«

Mrs. McCartney ließ es lediglich – und auch das nur sehr widerwillig – zu, dass Jack die Polizei von dem Vorfall unterrichtete. Und selbst als die Polizei beim Haus des Bürgermeisters eintraf, durfte Jack nicht nach draußen gehen.

27

Tags darauf fühlte sich Tony Ballard so weit wieder in Ordnung, um seinen Dienst antreten zu können. Sergeant Goody empfing ihn mit schaurigen Einzelheiten über den Tod des Bürgermeisters und dessen Frau.

Da der Polizeiapparat auch ohne Ballard klaglos arbeitete, trachtete der Inspektor, sein Büro so schnell wie möglich wieder zu verlassen.

Ihm war eine Idee gekommen.

Er wollte darüber mit Professor Edgar Davies sprechen. Da er gegen heimtückische, schier unverwundbar scheinende Hexen zu kämpfen hatte, konnte er mit seiner kriminalistischen Weisheit nicht allzu viel anfangen.

Nachdem er seine Befehle gegeben hatte, setzte er sich in seinen Thunderbird und fuhr zum Haus des Professors.

Es war ein kleines Gebäude mit kleinen Fenster und einer kleinen Eingangstür. Tony musste sich beim Eintreten bücken, um sich nicht den Kopf am Türpfosten zu stoßen.

»Inspektor Ballard!«, sagte der alte Mann erfreut. »Nett, dass Sie sich die Mühe machen, mich aufzusuchen.«

»Ich habe Kummer, Professor.«

»Sind die Hexen schon hinter Ihnen her?«

Tony nickte.

»Neal Usting war von ihnen beauftragt worden, mich in eine Falle zu locken.«

»Hat er es getan?«

»Ja. Danach haben ihn die Hexen umgebracht und in der Luft zerrissen.«

»Wie grässlich«, sagte der Professor schaudernd. Er führte Tony Ballard ins Wohnzimmer und bat ihn, Platz zu nehmen. »Und was haben die Hexen mit Ihnen gemacht, Inspektor?«

»Ich musste Spießruten laufen.« Er erzählte genau, wie es gewesen war.

»Das haben Sie überlebt?«, fragte Professor Davies erstaunt.

Tony klärte den Professor weiter auf.

Er sagte ihm, dass die Hexen ihn sozusagen auf Raten töten wollten.

Edgar Davies musterte Tony aufmerksam.

»Ich kann keine Verletzung sehen, Inspektor.«

»Die Verletzungen befinden sich unter meiner Haut. Anscheinend wollen die Hexen nicht, dass man sie sieht. Wahrscheinlich möchten sie, dass mir niemand meine Geschichte glaubt.«

»Weshalb kommen Sie nun zu mir, Inspektor?«

»Ich möchte Sie um Rat fragen.«

Davies nickte.

»Fragen Sie.«

»Zuerst hätte es mich noch interessiert, wie Sie mit Ihren Nachforschungen vorankommen.«

Davies seufzte und hob die Schultern.

»Erinnern Sie mich lieber nicht daran. Ich fürchte, ich bin an einem toten Punkt angelangt.«

»Schade«, sagte Tony mit ehrlichem Bedauern.

»Was ist mit Ihrer Frage, Inspektor?«

»Ja. Äh – ich glaube mich an eine Geschichte erinnern zu können, die man sich über die sieben verfluchten Hexen zählt. In dieser Geschichte heißt es, dass die Hexen im Galgenbaum wohnen. Stimmt das?«

Professor Davies ging auf und ab. Er strich sich nachdenklich den schneeweißen Bart.

»Ich kenne diese Geschichte, Inspektor«, sagte Davies, nachdem er eine Weile ruhelos hin und her gegangen war.

»Und ich weiß auch, worauf Sie nun hinauswollen.«

»Worauf, Professor?«

Edgar Davies schaute Tony durchdringend an.

»In der Geschichte heißt es, dass unser Dorf Ruhe finden würde, wenn einer von uns den Mut aufbringen würde, den Galgenbaum zu vernichten.«

Tony nickte aufgeregt.

»Ich, Professor! Ich bringe diesen Mut auf! Die Hexen haben genug gemordet. Ich werde ihrem verfluchten Treiben Einhalt gebieten.«

»Was wollen Sie unternehmen, Inspektor?«

Tony schob trotzig das Kinn vor.

»Ich werde den Galgenbaum sprengen.«

»Und was ist, wenn die Geschichte nicht wahr ist?«

»Glauben Sie denn, dass sie nicht wahr ist, Professor?«

Edgar Davies begann wieder auf und ab zu gehen.

»Ich kann Ihnen mindestens ein Dutzend ähnlicher Geschichten erzählen, Inspektor. Eine davon besagt, dass die Hexen im Moor wohnen, und wenn jemand den Mut aufbrächte, das Moor trockenzulegen, würden die Hexen auf eine abscheuliche Weise zugrunde gehen.«

»Es ist aber doch immerhin den Versuch wert, Professor!«

Edgar Davies nickte.

»Den Versuch ist es wert, Inspektor. Das auf jeden Fall! Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!«

28

Gegen Abend erreichte Tony Ballard den unheimlichen Galgenbaum. Der Wind pfiff durch die blattlosen Zweige, heulte gespenstisch zwischen den dicken Ästen.

Seltsame Geräusche waren zu hören, so als ob man Tony von seinem gefährlichen Vorhaben abbringen wollte.

Knapp über dem Erdboden war eine Öffnung im dicken hohlen Stamm.

Tony sah sich um. Der Wind zerzauste sein Haar. Er strich über die Landschaft und bewegte das hohe Gras auf gespenstische Weise. Weit und breit war niemand zu sehen. Kaum jemand wagte sich in die Nähe dieses Baumes. Auch Tony hatte sich erst Mut machen müssen, hatte sich krampfhaft überwinden müssen.

Doch bei ihm lag die Sache von Haus aus ein bisschen anders.

Während die anderen Dorfbewohner immer noch hoffen konnten, dass der Zorn der sieben Hexen sie verfehlte, war es für Tony Ballard eine schlimme Gewissheit, dass die Hexen ihn auf jeden Fall vernichten würden.

Deshalb war das, was er nun vorhatte, ein Verteidigungsakt. Er wollte den Hexen zuvorkommen, und er flehte den Himmel inständig an, dass ihm das gelingen möge.

Schwarze Gewitterwolken zogen am dämmrigen Himmel auf. Der Wind zerwühlte die Büsche und nahm an Heftigkeit zu. Er war die Vorhut des Gewitters, das im Anzug war.

Tony musste sich beeilen, wenn er nicht bis auf die Haut nass werden wollte.

Schnell entnahm er der Innentasche seines Jacketts vier Dynamitpatronen.

Sie reichte, um den uralten, fünfundzwanzig Meter hohen Riesen zu fällen.

Er band die Zündschnüre zusammen, knotete eine schwarze Lunte dazu und steckte diese mit seinem Feuerzeug in Brand. Dazu musste er sich mit dem Rücken zum Wind drehen. Und auch dann gelang es ihm nicht sofort, das Feuerzeug zu entzünden.

Endlich klappte es.

Die Lunte brannte.

Tony Ballard versenkte die Dynamitladung in der Höhlung des Galgenbaumes, wandte sich dann um und rannte vierzig Meter weit weg.

Da warf er sich flach auf den Bauch und wartete so die Explosion ab.

Sie ließ nicht mehr lange auf sich warten. Ein gewaltiges Beben erschütterte die Erde. Das Dynamit zerfetzte den dicken Stamm des Galgenbaumes knapp über den tief in den Boden reichenden Wurzeln. Nach allen Richtungen fauchte eine mächtige Feuerwolke davon. Ein brüllender Donner rollte gleichzeitig auf Tony zu. Er spürte einen gewaltigen Druck in den Ohren.

Dann fiel der mächtige Galgenbaum.

Er fiel endlos langsam.

Wie ein tödlich getroffener Saurier kippte er zur Seite. Zögernd brach er nieder, als wollte er sich noch ein letztes Mal gegen den unvermeidbaren Tod auflehnen. Krachend brachen und splitterten die Äste. Staub wirbelte hoch. Der Wind fuhr mitten in diese Staubwolke hinein und zerriss sie.

Der Galgenbaum war gefällt.

Tony kam zögernd hoch. Misstrauisch schaute er zu dem mächtigen Riesen hin.

Er traute dem Frieden nicht recht. War das wirklich alles? Waren die Hexen damit vernichtet? War es so einfach gewesen, sie zu vernichten?

Tony konnte es fast nicht glauben. Wenn es wirklich so einfach gewesen wäre, dann hätte sich in diesen dreihundert Jahren doch zumindest ein Mann finden müssen, der den Mut dazu aufgebracht hätte.

Die schwarzen Gewitterwolken flogen in stürmischer Eile heran. Plötzlich war es Tony Ballard egal, ob ihn der Regen erwischte und bis auf die Haut durchnässte. Alles war ihm egal. Er konnte jetzt nicht einfach ins Dorf gehen, ohne sich aus der Nähe angesehen zu haben, was er mit der Sprengung angerichtet hatte.

Mit langsamen Schritten ging er auf den geborstenen Galgenbaum zu.

Der Himmel verdunkelte sich. Es war nicht die Dämmerung allein. Es waren aber auch nicht nur die schwarzen Gewitterwolken.

Es war noch etwas. Etwas Unheimliches, das Tony weder ahnte noch fühlte.

Hämmernden Herzens ging er auf den Galgenbaum zu. Die Explosion war zwar gewaltig gewesen, aber sie hatte den Baum nicht zu entwurzeln vermochte.

Auch das sollte noch kommen. Morgen schon wollte Tony wieder mit Dynamit anrücken. Er wollte den ganzen Wurzelstock aus der Erde sprengen. Nichts, aber auch wirklich gar nichts sollte von dem unheimlichen Galgenbaum zurückbleiben. Er sollte in diesem Jahrhundert ausgelöscht werden, damit die Menschen im nächsten Jahrhundert von den Hexen nichts mehr zu befürchten hatten.

Ein Ächzen kam aus dem Galgenbaum.

Als wäre er ein Lebewesen. Es knackte im Geäst. Tony schaute auf sein Werk hinab.

Er fühlte sich befreit, erlöst, glaubte, wieder hoffen zu dürfen. Und er hoffte, die Hexen besiegt zu haben.

Doch das war nicht der Fall.

Die Welt versank plötzlich in einer noch nie dagewesenen Schwärze.

Der eiskalte Sturm wurde zum Orkan.

Er schien unsichtbare Hände zu haben.

Damit erfasste er Tony und schleuderte ihn kraftvoll zu Boden. Ächzend versuchte Ballard sich aufzurichten, doch der Orkan ließ es nicht zu. Heulend und brüllend fegte er über ihn hinweg, drückte ihn nieder und nahm ihm den Atem.

Als das Heulen und Brüllen am schlimmsten war, öffnete der Himmel seine Schleusen. Doch nicht Wasser stürzte sich auf Tony Ballard, sondern faustgroße Hagelkörner, die ihn zu erschlagen drohten. Schwer prasselten die Eiskörner auf ihn herab, schlugen auf seinen Schädel, auf seinen Körper, schlugen wie Fäuste an kräftigen unsichtbaren Armen gnadenlos auf ihn ein.

Entsetzt hielt Tony die Arme über den schmerzenden, blutenden Kopf. Aufgeregt kroch er unter den Stamm des Galgenbaumes. Doch die Hagelkörner trafen ihn auch dann noch. Als wenn es Steine wären, die irgendjemand nach ihm schleuderte.

Einer der Nachfahren des Henkers war von den Hexen gesteinigt worden. Mit glühenden Steinen, hatte Professor Davies gesagt. Sollte Tony Ballard nun ein ähnliches Schicksal beschieden sein?

Blitze zerfetzten mit grellem Schein die Schwärze des Abends. Mächtige Donner grollten ohrenbetäubend laut. Es hörte zu hageln auf. Zerschunden und zerschlagen kroch Tony unter dem Baum hervor. Überall da, wo ihn der schwere Hagel behämmert hatte, hatte er nun furchtbare Schmerzen. Am ganzen Körper. Halb taub vom Krachen des Donners, halb blind von Angst und Pein, wankte er vom Galgenbaum weg und dem Dorf entgegen.

Es begann zu regnen.

Eine wahre Sintflut ging auf das Dorf nieder. Tiefe Bäche schossen gurgelnd durch die Straßen, stürzten in die Keller der Häuser und ertränkten die Haustiere in den niedrig gelegenen Stallungen.

Tony fühlte sich wie mit Eimern übergossen. Er war klatschnass bis auf die Haut. Die Schmerzen ließen es nicht zu, dass er schneller ging. Er wankte halb ohnmächtig auf die ersten Häuser des Dorfes zu, doch er erreichte sie nicht.

Irgendwann nach dem vierten oder fünften Schritt glitt er auf dem nassen Gras aus. Klatschend fiel er nieder. Unaufhörlich goss der Himmel ihm Wasser ins Gesicht.

Und plötzlich begann ihn das nackte, eiskalte Grauen zu schütteln.

Aus dem kohlrabenschwarzen Himmel sanken sieben glühende Feuerbälle auf ihn herab. Sie schienen von weit her zu kommen, und je geringer die Entfernung zu ihm wurde, desto größer wurden die Bälle, die sich letztlich in Wolken verformten und sich mit Getöse und Gedröhne auf ihn stürzten.

Sein ganzer Körper schien mit einem Mal in Flammen zu stehen. Schreiend warf er sich hin und her. Die Wolken fügten ihm schreckliche Verbrennungen zu.

Als die Schmerzen am furchtbarsten waren, verlor er das Bewusstsein.

29

Drei Tage kam Tony Ballard nicht zu sich. Vicky kam jeden Tag ins Krankenhaus, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Es ging nur langsam mit ihm aufwärts. Man hatte nach seinem Spießrutenlauf zwar keine Verletzungen an seinem Körper feststellen können, das änderte jedoch nichts an der Tatsache, dass er diesen furchtbaren Lauf hatte durchstehen müssen. Er hatte ihm viel Substanz genommen, und eigentlich war Tony Ballard nur noch ein Schatten seiner selbst.

Am dritten Tag erwachte er.

Er fühlte sich furchtbar und wünschte sich zum ersten Mal den Tod. Kaum hatte er sich bei diesem furchtbaren Gedanken ertappt, erschrak er zutiefst. So weit war es schon mit ihm? Würde er wirklich noch mal um den Tod winseln?

Benommen richtete er sich auf.

Alle Glieder schmerzten ihm. Sämtliche Knochen in seinem Leib schienen gebrochen zu sein. Trotzdem war wieder keine äußere Verletzung zu entdecken.

Diese Bestien! Diese verfluchten Bestien!, dachte Tony verzweifelt. Es war für ihn nun gewiss, dass er sie nicht hatte besiegen können. Somit musste für ihn auch gewiss sein, dass ihn die Hexen schon sehr bald töten würden.

Als er all diese furchtbaren Gedanken zu Ende gedacht hatte, fühlte er sich nicht nur körperlich, sondern auch geistig furchtbar elend. Es ist schrecklich, zu wissen, dass man nur noch wenige Tage zu leben hat. Es war schlimm zu wissen, dass man auf eine bestialische Weise umgebracht werden würde, ohne sich verteidigen zu können.

Die Tür öffnete sich.

Tony erschrak.

Eine hübsche Krankenschwester trat mit einem freundlichen, warmen Lächeln ein. Sie hatte flammendrotes Haar und wundervolle Brüste, die sich deutlich unter dem weißen Mantel abzeichneten. Ihr Gesicht war von einem Künstler angefertigt. Es gab keine Unregelmäßigkeit darin. Ein lebensfrohes Flackern war in ihren bernsteinfarbenen Augen zu erkennen. Der Duft eines aufdringlichen Parfüms schwebte wie eine Wolke um ihren Körper und legte sich schwer auf Tonys Lungen.

»Ausgeschlafen, Mr. Ballard?«, fragte sie mit einer sanften, einschmeichelnden Stimme.

»Wie lange war ich...?«

»Drei Tage.«

»Drei Tage?«, staunte Tony.

»Hm.«

»Wie komme ich hierher?«

»Man hat Sie eingeliefert.«

»Was fehlt mir?«

»Wissen Sie es nicht?«

»Nein.«

»Sie haben schwerste Erschöpfungszustände. Aber nun, wo Sie in das Reich der Lebenden zurückgekehrt sind, werden Sie wohl bald wieder hochkommen. Sie sind noch jung. Sie haben bestimmt genügend Widerstandskraft.«

Die hatte ich mal, dachte Tony verzweifelt. Jetzt ist es damit nicht mehr weit her.

»Haben Sie irgendeinen Wunsch, Mr. Ballard? Dr. Weyner wird gleich nach Ihnen sehen.«

Tony schüttelte müde den Kopf.

»Nein. Vielen Dank. Ich habe keinen Wunsch.«

Die Krankenschwester kam näher.

Obwohl sie sehr schön war, hatte Tony in seinem Zustand verständlicherweise kein Interesse.

Ihr starkes Parfüm machte ihn schwindelig, betäubte ihn fast. Dass Krankenschwestern sich während des Dienstes so stark parfümieren durften, dachte er ärgerlich. Und plötzlich glaubte er zu wissen, weshalb sich dieses schöne Mädchen so stark parfümiert hatte.

Damit man den Verwesungsgeruch nicht roch, der von ihr wie von den anderen sechs Hexen ausging.

Da wusste er, dass er das Richtige gedacht hatte.

In diesem Moment öffnete das schöne Mädchen den Mund. Ein starkes Raubtiergebiss kam zum Vorschein. Ihr Gesicht bedeckte sich blitzschnell mit flammendroten Haaren. Ihre Hände wurden zu Krallen. Sie wurde zu einer fauchenden, knurrenden Wölfin, im selben Moment stürzte sich der Wolf schon auf den Kranken.

Tony stieß die Bestie entsetzt von sich.

Der Wolf schnappte nach seinem Arm und verfehlte ihn nur um wenige Millimeter.

Tony war zu schwach zum Kämpfen.

Deshalb brüllte er aus Leibeskräften um Hilfe. Die Krallen des Werwolfes fügten ihm tiefe, schmerzhafte, stark blutende Wunden zu. Die Bestie biss immer wieder wild zu, riss ihm ein Stück Fleisch aus der Schulter. Er schlug mit der Hand nach der nassen Tierschnauze. Hechelnd, knurrend versuchte das Biest erneut, seine dolchartigen Fangzähne in Tonys blutende Schulter zu schlagen.

Ballard hatte seine Finger in das gesträubte Fell des Tieres gekrallt und schrie in wahnsinniger Angst um Hilfe.

Die Tür wurde aufgerissen.

Schlagartig verwandelte sich der Wolf wieder in das trügerisch schöne Mädchen.

»Ruhig«, sagte sie eindringlich, und es klang immer noch wie ein Knurren.

»Ruhig.«

»Weg!«, schrie Ballard entsetzt. »Sie soll weggehen!«

Zwei Krankenträger waren in sein Zimmer gestürzt. Sie schauten den Patienten verdattert an und musterten dann die hübsche Krankenschwester verständnislos.

»Was hat er denn?«

Das Mädchen lächelte.

»Er hat den erlittenen Schock noch nicht überwunden.«

»Schafft sie fort! Sie ist ein Werwolf! Sie ist eine von den sieben Hexen!«, schrie Tony verzweifelt.

»Der hat sie wohl nicht alle, wie?«, grinste einer der beiden Träger.

»Sie müssen mir glauben, was ich Ihnen sage!«, schrie Tony bestürzt.

»Brauchen Sie Hilfe, Schwester?«, fragte ein Träger.

»Sie?«, brüllte Tony irr lachend. »Ob sie Hilfe braucht? Die da braucht keine Hilfe. Ich! Wenn hier jemand Hilfe braucht, dann bin ich das.«

»Sie müssen sich beruhigen, Mr. Ballard!«, sagte die Krankenschwester.

»Hört ihr das nicht? Hört euch ihre Stimme an. Es klingt wie ein Knurren, wenn sie spricht. Weil sie ein Werwolf ist!«, keuchte Tony.

Die Krankenträger winkten ab und drehten sich um.

»Lasst mich nicht allein mit dieser Hexe!«, brüllte Tony verzweifelt. Schweiß floss über sein Gesicht. »Ich flehe euch an! Geht nicht aus dem Zimmer. Sie wird mich umbringen!«

Einer der Wärter, ein Mann mit einem eingeschlagenen Nasenbein und einem kleinen Oberlippenbärtchen, kam zu Tony.

»Was ist denn bloß los mit Ihnen? Sie sind doch Polizeiinspektor, wenn ich richtig gehört habe. So ein großer, starker Mann wie Sie braucht sich doch nicht vor einer hübschen kleinen Krankenschwester zu fürchten.«

»Sie ist keine Krankenschwester. Sie ist eine Hexe.«

»Nun versuchen Sie sich doch mal zu beruhigen, Ballard. Die Schwester will Ihnen bestimmt nichts tun.«

»Da sind Sie aber gewaltig auf dem Holzweg!«

»Also, wenn Sie nicht still sind, wenn Sie das ganze Krankenhaus zusammenschreien wollen, muss ich mich über Sie beschweren, Mr. Ballard. So leid mir das täte.«

Schweiß tropfte in Tonys Augen. Sie brannten. Er rieb sie mit zitternden Händen. Dabei stellte er fest, dass seine Schulter nicht blutete. Dass man nicht sehen konnte, wo ihn die Krallen des Werwolfes verletzt hatten. Nur die Schmerzen – die furchtbaren Schmerzen, die ihm die mordlüsterne Bestie zugefügt hatte –, die waren noch da.

Verzweifelt presste Tony die Lippen aufeinander.

»Na, also«, sagte der Träger zufrieden.

Er tätschelte Tonys zitternde Hand. »Es wird schon wieder mit Ihnen werden, Ballard. Sie müssen nur Geduld haben und sich zusammenreißen.«

Die Männer grinsten sich gegenseitig an. Sie blinzelten der Krankenschwester amüsiert zu und verließen dann das Zimmer.

Tony starrte die Schwester entsetzt an.

Sie kicherte höhnisch.

»Du siehst, dass du nirgendwo vor uns sicher bist, Tony Ballard. Bald wird der Tag deines Todes kommen. Doch nicht eine von uns soll allein das Vergnügen haben, dich zu töten. Wir alle werden es gemeinsam tun. Und du wirst es nicht verhindern können.«

Da, wo das hübsche Mädchen stand, begann die Luft zu flimmern. Und in der nächsten Sekunde war die Hexe verschwunden.

Ihr Kichern geisterte noch eine Minute lang durch das Krankenzimmer.

Dann war unheimliche Stille.

30

Tony Ballard war nach diesem schrecklichen Erlebnis in einen erquickenden, tiefen Schlaf gefallen. Obwohl es Tag war, schlief er viele Stunden. Man weckte ihn nicht, denn er brauchte den Schlaf nötiger als die Nahrung.

Schließlich erwachte er gegen Abend.

Die Schmerzen in seinem Körper waren ein wenig abgeflaut. Aber sie pochten immer noch unter der Haut, die unberührt war, während die schrecklichen Verletzungen dicht darunter lagen, aber für niemanden sichtbar waren.

Jemand befand sich in Tonys Zimmer.

Als er dessen gewahr wurde, schreckte er hoch, denn das Erlebnis mit der Krankenschwester, die sich als Werwolf auf ihn gestürzt hatte, lag noch quälend und bleiern in seinen Knochen.

Vicky Bonney war da. Sie machte einen verzweifelten Eindruck. In den Nächten, die er hier verbracht hatte, hatte sie kein Auge zugetan. Ihre Wangen wirkten fahl.

Ihre Bewegungen wirkten matt. Ihr Lächeln verriet mit großer Deutlichkeit, wie müde und erschöpft sie war.

»Tony!«, sagte sie, und erhörte, wie sie die Tränen mühsam niederkämpfte.

»Mein Tony!«

Sie küsste ihn auf den Mund. Ihre Lippen waren heiß und bebten.

Noch jemand war da.

Professor Edgar Davies. Der Mann trat nun ebenfalls an Tonys Bett und reichte ihm ernst die Hand.

»Ich freue mich, dass Sie sich allem Anschein nach ein wenig erholt haben, Inspektor Ballard.«

Tony nickte schwach.

»Ja. Ich fühle mich ein bisschen besser.« Tony sagte das vor allem auch für Vicky, um sie zu beruhigen und ihr einen Teil von ihren Sorgen abzunehmen.

»Der Arzt hat uns erzählt, du hättest wegen einer Krankenschwester getobt«, sagte Vicky.

Tony schluckte erregt.

»Die Krankenschwester war eine Hexe. Sie hat sich in einen Werwolf verwandelt und ist über mich hergefallen.«

»Wie schrecklich!«, stöhnte Vicky.

Tony musste dem Professor genau erzählen, was vorgefallen war. Obwohl er sich nur ungern an dieses furchtbare Erlebnis erinnerte, berichtete er in allen Einzelheiten. Anschließend griff er drei Tage in die Vergangenheit zurück. Er musste dem Professor erzählen, was an jenem Tag geschehen war, nachdem er den Galgenbaum gesprengt hatte. Tony sprach von allem, woran er sich erinnern konnte, bis er an jenem Punkt anlangte, wo für ihn der Film abgerissen war.

Vicky hörte mit bleichem Gesicht zu.

Sie starrte Tony an, als wäre er verloren, als würde er schon nicht mehr leben.

»Noch ist nichts verloren«, sagte Ballard, um dem Mädchen und sich selbst Mut zu machen. »Ich lasse mich nicht unterkriegen. Ich werde bis zum letzten Atemzug um mein Leben kämpfen.«

Das hörte sich gut an. Aber gab es keine Waffe, die die Hexe besiegen konnte, die sie abwehren konnte, wenn sie angriffen?

Professor Davies machte einen unruhigen, geladenen und gespannten Eindruck auf Ballard. Der Mann trug irgendetwas Schwerwiegendes mit sich herum, wollte es sagen, schien aber nicht recht zu wissen, womit er beginnen sollte.

»Bedrückt Sie etwas, Professor?«, half Tony dem Mann.

Edgar Davies strich sich den schneeweißen Bart.

»Ich konnte den toten Punkt in meinen Nachforschungen wider Erwarten überwinden, Inspektor Ballard.«

Tony horchte gespannt auf.

»Sie sind weitergekommen?«

»Ja.«

»Was konnten Sie ermitteln Professor?«, fragte Tony Ballard neugierig und erregt.

»Ich glaube, ich bin der Lösung einen Schritt näher gekommen«, sagte Edgar Davies zögernd.

»Wirklich?«

Davies nickte.

»Natürlich kenne ich noch nicht das ganze Geheimnis, Inspektor. Sonst hätte ich bereits die nötigen Schritte unternommen. Aber es ist mir immerhin gelungen, eine uralte Schrift zu entziffern. Dieses Dokument ist äußerst wichtig. Es ist schwer beschädigt in meine Hände gelangt, und es kostete mich einige Mühe, die alten Aufzeichnungen halbwegs zu rekonstruieren. Leider habe ich noch nicht alles beisammen. Doch so viel ist gewiss: Die sieben Hexen besitzen einen Stein, den man den Stein des ewigen Lebens nennt. Solange er sich in ihrem Besitz befindet, kann man die Bestien nicht töten, und sie werden unser Dorf immer aufs Neue heimsuchen, Leute morden, quälen und brandschatzen.«

»Wo ist dieser Stein?«, fragte Tony aufgeregt dazwischen.

»Er befindet sich in irgendeinem unterirdischen Labyrinth.«

»Wo?«

»Das zu entziffern ist mir noch nicht gelungen«, erwiderte Professor Davies bedauernd. »Aber ich arbeite Tag und Nacht an der Lösung dieses letzten Rätsels.«

»Was ist das für ein Stein?«, fragte Vicky.

»Die Aufzeichnung sagt, dass der Teufel seinen Hexen diesen Stein zum Geschenk gemacht hat. Aber nur den Auserwählten, um sie vor dem Tod durch Menschenhand zu schützen. Es soll ein magischer Stein sein, der ein weißes Licht versprüht. Kalt wie Eis soll dieser Stein sein, obwohl er glüht. Und solange er leuchtet, leben die Hexen.«

Tony hörte aufgeregt zu.

Nun fragte er nervös: »Kann man dieses Glühen löschen?«

»Das kann man«, sagte der Professor.

»Wie?«, fragte Tony hastig.

»Indem man Menschenblut darauf tropfen lässt. Mit Menschenblut in die Glut zu löschen.«

»Und was passiert dann mit den Hexen?«, erkundigte sich Vicky.

»Die sind von diesem Moment an verloren. Sie müssen sterben und haben keine Möglichkeit mehr, in dieses Dorf zurückzukehren.«

Tony richtete sich mit schmerzverzerrtem Gesicht abrupt auf. Er biss die Zähne zusammen.

»Tony!«, rief Vicky besorgt aus. »Was ist mit dir?«

»Es geht schon wieder!«, ächzte Ballard.

Er schaute den Professor mit fanatisch funkelnden Augen an. »Finden Sie schnellstens heraus, wo die Hexen diesen Stein verborgen haben, Professor Davies!«

»Ich werde mir die größte Mühe geben«, versprach der alte Mann. »Aber glauben Sie ja nicht, dass wir den Kampf bereits gewonnen haben, wenn es mir gelingen sollte, dieses letzte Geheimnis aufzudecken. Die Hexen werden ihren Lebensstein mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen.«

»Finden Sie erst mal heraus, wo sich der Stein befindet!«, sagte Tony hart.

»Dann werden wir weitersehen. Ich bin jedenfalls bereit, mein Leben zu opfern, wenn ich unser Dorf dadurch von diesen schrecklichen Bestien befreien kann.«

Vicky schaute den alten Professor heimlich an.

Ein furchtbarer Gedanke war ihr gekommen, den sie lieber nicht in Worte fassen wollte.

Was war, wenn die Hexen dahinter kamen, dass Professor Edgar Davies an der Aufdeckung ihres schrecklichen Geheimnisses arbeitete? Keine Sekunde hätte er dann noch zu leben.

Vicky hoffte inständig, dass der alte Mann seine Arbeit zu Ende führen konnte. Zum Wohle des Dorfes und zum Schutze Tony Ballards, der andernfalls nicht mehr lange zu leben hatte.

31

Müde und ohne einen Funken Optimismus im Leib, kam Vicky Bonney nach Hause. Jeder Krankenhausbesuch deprimierte sie schwer. Selbst wenn sie Menschen besuchte, die sie kaum kannte. Bei Tony war es natürlich wesentlich schlimmer.

Abgespannt nahm sich das Mädchen einen Kognak. Nachdem sie das Glas leer getrunken hatte, stellte sie das Radio an, denn die Stille war ihr unerträglich.

Nachdenklich zog sie den Reißverschluss ihres saphirblauen Kleides nach unten. Sie streifte es ab, hängte es auf einen Plastikbügel und tat es in den Schrank. Danach beugte sie sich ein wenig vor, griff mit beiden Händen nach hinten und öffnete den Hakenverschluss ihres Büstenhalters. Langsam streifte sie ihn ab und ließ ihn auf den Stuhl fallen.

Sie betrachtete ihren makellosen Busen im Spiegel. Mechanisch schob sie die Daumen in das dünne Gummiband ihres zarten Höschens und streifte es mit einer geschmeidigen Bewegung ab. Sie legte das Höschen auf der Büstenhalter und begab sich nackt ins Badezimmer.

Die Dusche tat ihr gut und weckte ihre Lebensgeister. Plötzlich schien ihr die Welt nicht mehr ganz so grau zu sein. Es schien ihr, als würde das Wasser nicht nur ihren Körper reinigen, sondern gleichzeitig auch ihre bedrückte Seele.

Sie fasste wieder neuen Mut. Vielleicht zogen sich die Hexen wieder zurück. Sie blieben niemals lange. Wenn genug Blut geflossen war, verschwanden sie wieder. Und es war, bei Gott, schon genug Blut geflossen.

Nachdem Vicky geduscht hatte, zog sie ihren Bademantel an und begab sich ins Wohnzimmer. Da ließ sie sich in den Sessel fallen, schaute gedankenverloren auf die gegenüberliegende Wand und malte sich aus, wie es mit ihr und Tony sein würde, wenn es die Hexen nicht mehr gab.

An den Fenstern schleiften Zweige hin und her. Ein unheimliches Geräusch. Als ob Geisterhände darüberglitten. Unwillkürlich schauderte Vicky. Sie konnte plötzlich nicht mehr an Tony denken, konnte sich nicht auf die Klaviermusik konzentrieren, die aus dem Radio sickerte. Etwas belegte sie mit seinem Bann, ohne dass sie begriff, was es war.

Sie schaute zum Fenster. Ohne Absicht.

Und obwohl sie da zwei fahle Gesichter erblickte, erschrak sie nicht, denn die Gesichter waren ihr bestens bekannt. Es waren die Gesichter ihrer Eltern. Stumm standen sie am Fenster. Mit verschlossenen Mienen und schmalen Lippen. Ihre Augen schauten sie unverwandt an.

Vicky erhob sich.

Die Gesichter gingen nicht weg. Blass waren sie. Totenblass. Kein Wunder, Vickys Eltern lebten seit drei Jahren nicht mehr.

32

Nach der letzten Visite bekam Tony Ballard eine Traubenzuckerinfusion, damit er wieder zu Kräften kam. Er versuchte einzuschlafen, doch es war ihm nicht möglich. Er hatte am Tag zu viele Stunden geschlafen und war nun nicht richtig müde.

Zudem quälten ihn schreckliche Ahnung.

Er fühlte, dass Vicky in Gefahr war. Er konnte sich nicht einmal selbst erklären, wieso er das fühlte, wieso er so felsenfest davon überzeugt war.

Es war einfach in ihm, und er wusste, dass mit Vicky etwas Schlimmes passieren sollte. Vermutlich gehörte auch das zum schrecklichen Nervenkrieg der bestialischen Hexen. Sie ließen ihn wissen, was sie taten, damit er darunter litt.

Schweißüberströmt warf er sich hin und her. Atemlos versuchte er sich zu beruhigen. Er versuchte sich einzureden, mit Vicky wäre alles in Ordnung, er würde sich das nur einbilden.

Doch lauter und immer lauter schrie es in ihm: Vicky droht Gefahr! Vicky droht Gefahr! Und du kannst ihr nicht helfen!

Vicky ist verloren!

33

Es waren tote Augen, die Vicky anschauten. Trotzdem fürchtete sich das Mädchen nicht vor ihnen. Misstrauen und jegliches Gefühl für Vorsicht schienen in ihr abgestorben zu sein.

Furchtlos begab sich Vicky zum Fenster.

Sie öffnete es. Eine schreckliche Kälte ging von ihren Eltern aus.

»Ma!«, keuchte das Mädchen erstaunt und erfreut. »Pa!« Kein bisschen wunderte sie sich darüber, dass die beiden hier vor ihr standen, obwohl das nicht möglich sein durfte. »Warum kommt ihr nicht herein?«

»Wir dürfen dein Haus nicht betreten«, sagte Vickys Vater mit hohler Grabesstimme. Das Mädchen erschrak darüber nicht.

»Du musst zu uns herauskommen, mein Kind«, sagte nun Vickys Mutter.

Ebenso hohl, ebenso unwirklich klang die Stimme.

Der Mann und die Frau waren in ein weißes Totenhemd gekleidet. Es flatterte an ihrem Körper im Wind.

Vickys Mutter streckte nun die totenbleiche Hand nach dem Mädchen aus.

»Komm, mein Kind! Bitte, komm!«

»Ja, Ma!«, presste Vicky wie in tiefer Trance hervor. »Ja. Ich zieh mir nur schnell was an.«

»Nein, mein Kind. Dazu ist keine Zeit.«

»Wohin soll ich mit euch gehen?«, fragte das Mädchen leise.

»Du wirst es sehen«, sagte Vickys Vater mit seiner hohlen Stimme.

Schnell verließ Vicky das Haus. Barfuß ging sie auf die Eltern zu. Als sie noch zehn Schritte von ihnen entfernt war, spürte sie wieder die Kälte, die von den beiden ausging. Eine Gänsehaut spannte sich über ihren Körper, doch sie hatte keine Angst.

»Hier bin ich«, sagte sie ergeben zu ihren Eltern.

»Du bist ein braves Mädchen«, sagte Vickys Vater.

Sie trat zu ihm hin und wollte ihn anfassen, doch sie griff durch ihn hindurch.

Ebenso erging es ihr, als sie ihre Mutter berühren wollte.

»Komm jetzt«, sagte die Frau und wandte sich um.

Die beiden Toten nahmen das Mädchen in die Mitte. Sie fanden einen stillen, finsteren Weg, auf dem ihnen keine Menschenseele begegnete. Bald hatten sie ihr Ziel erreicht. Gemeinsam mit ihrer Tochter betraten die Toten den Friedhof. Sie gingen ohne Schrittgeräusche zwischen den stillen Grabreihen hindurch und auf ihr eigenes Grab zu.

Als sie dieses Grab – es war mit hellem Marmor eingefasst – erreicht hatten, sanken sie darauf nieder, und Vicky konnte beobachten, wie sie langsam in das Erdreich einsickerten.

Schließlich waren sie verschwunden.

Als sie nicht mehr zu sehen waren, kam das Mädchen zu sich. Benommen und verwirrt schaute sie sich um. Bestürzt stellte sie fest, dass sie sich auf dem Friedhof vor dem Grab ihrer Eltern befand.

Fröstelnd bemerkte sie, dass sie nur den Bademantel auf der nackten Haut trug.

Sie fragte sich entsetzt, wie sie hierher kam und wieso sie nichts davon gemerkt hatte.

Da erfüllte plötzlich ein ohrenbetäubendes Brausen die Luft. Vicky erschrak zutiefst. Ihr Kopf flog hoch. Sie starrte entgeistert zum schwarzen Himmel hinauf. Ein Tor schien sich da aufgetan zu haben. Sieben Hexen fegten aus dieser Öffnung heraus und flogen auf glühenden Besen zu ihr herab.

Vicky schnellte herum. Sie wollte fliehen und stieß einen krächzenden Schrei aus. Die Hexen kicherten und lachten schrill. Vier Schritte erlaubten sie dem Mädchen zu tun, dann stürzten sie sich blitzartig auf sie.

Obwohl es windstill geworden war, heulte auf dem Friedhof ein Sturm, der die Grabsteine umzuwerfen drohte.

Vicky war zutiefst entsetzt.

Sie fühlte sich gepackt und zu Boden geschleudert. Kreischend und schreiend quirlten die Hexenleiber über ihr. Die langen glühenden Krallen der grausamen Weiber zerrissen ihren Bademantel.

Sie fetzten selbst das letzte Stückchen Stoff von Vickys Körper. Als sie nackt auf dem Boden lag, packten die kreischenden Hexen sie, hoben sie hoch und rissen sie mit sich in die Lüfte.

Innerhalb weniger Augenblicke war der ganze Spuk vorbei.

Und Vicky Bonney war von diesem Zeitpunkt an verschwunden...

34

Als der Abend des nächsten Tages anbrach, kam Sergeant Goody zu Tony Ballard. Er ließ sein kugelrundes Gesicht freundlich lächeln, machte einen missglückten Scherz nach dem anderen und wollte es sich nicht anmerken lassen, wie viel Mitleid er mit seinem Vorgesetzten hatte.

»Meine Frau, Sir, sie lässt Sie ebenfalls herzlich grüßen. Und natürlich auch alle Kollegen. Wir haben beschlossen, dass Sie jeden Tag ein anderer besuchen wird.« Er lachte. »Sie dürfen nicht glauben, dass den Leuten das unangenehm ist. Im Gegenteil. Eine hitzige Debatte hat es gegeben. Jeder wollte der Erste sein. Schließlich habe ich das Rennen gemacht.«

Tony lächelte dankbar.

»Freut mich, dass Sie das sagen, Goody.«

Der Sergeant grinste.

»Sie sind ein sehr beliebter Mann, Sir. Wenn Sie wieder auf dem Damm sind, müssen Sie meiner Frau und mir die Ehre geben. Quatsch! Ich rede nicht immer so geschwollen. Ich will sagen, wenn Sie das Krankenhaus verlassen, müssen Sie uns mal zu Hause besuchen.«

Tony lächelte.

»Das werde ich tun, Goody.«

»Ich verlasse mich darauf, Sir.«

»Das können Sie...«

»Ist irgendetwas, Sir?«, fragte der Sergeant besorgt, als er Ballards verzweifelten Blick bemerkte.

Tony fuhr sich über die matten Augen.

»Vicky Bonney«, sagte er leise. »Ich mache mir Sorgen um sie. Sie hat mich jeden Tag besucht. Heute war sie noch nicht hier.«

»Vielleicht kommt sie noch.«

»So spät wird man sie nicht mehr vorlassen.«

»Soll ich auf dem Heimweg bei ihr vorbeischauen, Sir?«

»Das wäre sehr nett von Ihnen, Goody.«

»Mach ich doch gern für Sie, Sir.«

Details

Seiten
1400
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903645
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v324161
Schlagworte
horror-koffer zehn gruselromane

Autoren

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Titel: Horror-Koffer #1: Zehn Gruselromane