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Texas Wolf #19: Schüsse am Galgenhügel

2016 130 Seiten

Leseprobe

Texas Wolf #19: Schüsse am Galgenhügel

Horst Weymar Hübner

Published by BEKKERpublishing, 2016.

TEXAS WOLF

Band 19

SCHÜSSE AM GALGENHÜGEL

Horst Weymar Hübner

––––––––

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

In der Stadt Bluewater hat es ein geheimnisvoller Mörder auf die Bewohner abgesehen. Schon zwei Männer sind seinen Anschlägen zum Opfer gefallen, und es werden nicht die letzten sein. Als Texas Ranger Ton Cadburn, Old Joe und Sam in die Stadt kommen, wird schnell klar, dass diese Morde mit einem mexikanischen Frachtwagenzug zu tun haben, der vor vielen Jahren in einen Hinterhalt geriet. Gerüchte besagen, dass die Händler einen Schatz bei sich gehabt haben – und vieles spricht dafür, dass einige Bewohner der Stadt von dieser Legende wissen und sich diesen Schatz aneignen möchten. Wer ihnen dabei im Weg steht, der wird kaltblütig aus dem Weg geräumt.

Tom, Old Joe und Sam müssen diesmal gegen einen besonders heimtückischen Gegner kämpfen – denn er weilt mitten unter ihnen...

Roman

Ein seltsam klirrendes Geräusch riss den alten Bannion aus dem Schlaf.

Ächzend setzte er sich auf und lauschte.

Irgendwo knackte ein Brett. Vor dem verdreckten Fenster nahm der Himmel eine messinghelle Farbe an. Der Morgen nahte.

Da!

Wieder war das scharfe Klirren zu hören.

Das Geräusch erinnerte Sam Bannion an eine Spitzhacke, die in steiniges Erdreich fährt.

Aber wer sollte hier in Bluewater noch eine Spitzhacke schwingen? Und dann in der Nacht?

Bluewater war eine sterbende Stadt, und jeden Tag war sie ein bisschen mehr tot. Hier grub schon lange niemand mehr.

Die Minen gaben nichts mehr her, und die Wagenzüge, die danach noch ein paar Jahre lang über den San Saba Trail geknarrt waren, suchten sich weniger gefährliche Wege.

Nein, mit Bluewater war es aus und vorbei.

Voller Bitterkeit dachte Sam Bannion daran, dass er es versäumt hatte, mit den anderen wegzugehen, als der große Auszug eingesetzt hatte.

Mit ein paar anderen Männern hatte er die unsinnige Hoffnung gehegt, eines Tages würde es mit der Stadt schon wieder aufwärts gehen. Wenn man einen neuen Erzgang fand und noch einmal eine Mine eröffnete.

Es hatte sich nur als frommer Trugschluss herausgestellt.

Jetzt war es zu spät für ihn. Einen alten Baum riss man nicht mehr aus dem Boden und verpflanzte ihn in eine andere Gegend.

Gerade wollte sich Bannion hinlegen, als er erneut dieses scharfe Klirren vernahm.

Er schwang die Beine vom Lager und angelte nach den morschen Stiefeln.

Jetzt war jeder Zweifel ausgeschlossen. Da grub wirklich jemand!

Irgendeiner von dem Dutzend Männer, das zurückgeblieben war und auf ein Wunder wartete, egal, wie es aussah.

Das Geräusch kam von jenseits der Häuser, wie es schien.

Bannion streifte sich die Hosenträger über die Achseln, tappte durch den Raum und zog die abgewetzte Jacke an. Gegen Morgen war es immer unangenehm kühl, in seinem Alter konnte er sich keine Erkältung leisten.

Mit einem Griff stülpte er sich den Hut auf den Kopf und öffnete die Tür.

Sie knarrte jämmerlich an den brüchigen Lederangeln, wenn sie nicht angehoben wurde.

Bannion bekam sie ohne viel Lärm auf.

Die Morgenkälte schlug ihm ins Gesicht. Die Sterne hoch über den nackten trostlosen Felsbergen begannen zusehends zu verblassen.

Er schaute prüfend die Hauptstraße entlang. Nirgendwo war es hell hinter einem Fenster.

Das Klirren hörte er jetzt überdeutlich.

Es entstand aber nicht direkt jenseits der Holzhäuser an der Hauptstraße, wie er gemeint hatte. Da hatte er sich getäuscht. Es kam von weiter her. Der Wind brachte es mit.

Schnuppernd wie ein misstrauischer Präriehund steckte Sam Bannion die Nase in den kühlen Morgenwind.

Er konnte sich nicht helfen, es roch irgendwie ein wenig wie verbranntes Öl. Als hätte jemand eine Lampe angesteckt und ließe den Docht rußen.

Und das Klirren war jetzt viel besser zu hören. Der Bursche, der da geheimnisvoll grub, hackte emsig drauflos.

In der Nähe polterten Steinbrocken. Scheppernd fiel ein Brett um.

Sam Bannion zwinkerte verdutzt.

Es gab hier nur einen Hang, der bis an die Häuser rückwärts heranreichte und wo Steine herunterhüpfen und ein Brett umstoßen konnten. Das war die Flanke vom Galgenhügel.

Ganz früher, als das noch eine spanische Niederlassung war und ganz anders hieß, sollten die Bewohner da oben ihre Toten begraben haben.

Es waren aber nie irgendwelche Gräber gefunden worden.

In den wilden Jahren, als Bluewater eine brüllende tobende Minenstadt voller Gewalttätigkeit gewesen war, hatten dort oben die Hinrichtungen der erwischten Totschläger, Mörder und Halsabschneider stattgefunden.

Ein paar von den armen Tröpfen hatte man dort auch neben dem Galgen im kargen Boden verscharrt.

Aber dann hatte der Richter Anstoß daran genommen. So dicht bei der Stadt wollte er die Männer, die er an den Galgen gesprochen hatte, nicht liegen wissen.

Auf dem Galgenhügel waren ja nicht einmal die Opfer von Schießereien und anderer Gewalttaten bestattet worden. Die hatten einen Platz in einem Nebental gefunden.

Samt den Leuten, die ganz friedlich gestorben waren.

Deshalb empfand der alte Bannion ein Gruseln, als er ganz sicher war, dass der Lärm der Spitzhacke vom Galgenhügel kam und daß von dort auch die Steine heruntergepurzelt waren.

Er tappte zwischen den windschiefen Hütten und verlassenen Häusern hindurch und fiel um ein Haar über einen alten Abfallhaufen.

Tatsächlich kollerten Steine von oben den Hang herab!

Er strengte seine alten Augen an.

Vor dem hellen Himmel konnte er niemand sehen. Nur den Holzstumpf, der vom Galgen übriggeblieben war.

Neben diesem dunklen Stumpf bemerkte er plötzlich eine undeutliche Bewegung.

Er hielt’s für einen Kopf.

Aber dann begriff er, dass es ein kopfgroßer Steinbrocken war, den jemand aus einem Loch wuchtete und auf den Hang warf.

Sam Bannion sah nur zwei Hände, oder was er dafür hielt. Sie verschwanden, bevor er einen zweiten Blick hinaufwerfen konnte.

Bannion juckte mächtig das Fell, hinaufzuklettern und nachzusehen, wer sich an dem unheimlichen Ort die Zeit damit vertrieb, den felsigen Boden aufzuhacken.

Anderseits war ihm die ganze Sache nicht geheuer.

Über die ganze Gegend wurden ein paar düstere Geschichten erzählt. Und die Apachen, die sonst immer gern ihre Nase in anderer Leute Angelegenheiten steckten, mieden den Ort wie die Pest. Das wollte schon etwas heißen.

Sam Bannion kam sich ungenügend ausgerüstet für eine Erkundung vor.

Er kehrte humpelnd in seine Hütte zurück und angelte den Revolvergurt vom Wandhaken neben der Tür.

Als er ihn umlegte und die Schnalle zuzog, fühlte er sich wesentlich besser.

Bei Turnbull drüben, wo der einst prächtigste Saloon der Stadt dem Zerfall entgegendämmerte, stampfte ein Tier auf und drückte gegen eine morsche Bretterwand.

Als Antwort schnaubten zwei Pferde.

Das kam aus dem Stall hinter dem Saloon.

Und es waren die einzigen Laute in der Stadt. Gerade, als würde niemand die Spitzhacke auf dem Galgenhügel und das Poltern und Rumpeln der Steine hören.

Nirgendwo ging Licht an.

Wir sind ein feiner Haufen, dachte Bannion bitter. Wir sind nur noch alte zahnlose Kater mit stumpfen Krallen! Wir merken nicht einmal, wenn man uns das letzte Hemd unterm Hintern wegzieht!

Er legte die rechte Hand auf den Revolverkolben und fühlte sich gleich wesentlich besser.

Manchmal kamen hier falkenäugige Männer mit hageren Gesichtern durch, die nicht viel redeten. Meist waren ihre Pferde abgearbeitet; dafür waren die Waffen in bestem Zustand.

Das waren Hombres, mit denen man sich besser nicht näher befasste. Die suchten den kürzesten Weg zur Grenze.

Ob von denen am Ende einer...? Nachdenklich spähte Sam Bannion zur Hügelkuppe hinauf, die er immer besser sehen konnte.

Er hielt es für ausgeschlossen. Von jenen Kerlen hatte er noch nie einen was Rechtes arbeiten sehen.

Warum sollte so ein Bursche auch ausgerechnet damit anfangen, zu einer Zeit, wo rechtschaffene Menschen noch schliefen, zwischen ein paar Gräbern herumzuhacken?

Und wann war denn der Kerl überhaupt in die Stadt gekommen?

Sam hatte nichts gehört.

Er wich dem alten Abfallhaufen aus, zwängte sich durch kümmerliche Büsche und gelangte auf den steilen Weg, der auf den Hügel führte.

Im Osten über den Bergen zeigte sich ein honiggelber Streifen. Doch Sam Bannion hatte wenig Verwendung für den neuen Morgen.

Aus hervorquellenden Augen starrte er auf ein dunkles Loch, aus dem eben wieder ein Felsbrocken gewuchtet wurde.

Verschwommen sah Sam ein bleiches geisterhaftes Gesicht.

Es fehlte nicht viel, und er wäre Hals über Kopf den Hang hinabgesaust.

Rechtzeitig noch fiel ihm ein, dass Gespenster kaum mit einer Spitzhacke nächtlicherweise auf einem Galgenhügel herumgruben und Steine aus einem Loch herausschafften.

Er zog den Revolver aus dem Holster und nahm den Hammer unter den Daumen. Aus zehn Schritt Entfernung zielte er in das Loch.

„Komm mal raus, Mann! Und ich hoffe, du hast für das hier eine verdammt gute Erklärung!“, rief er. Seine Stimme klang nicht so sicher, wie sie eigentlich sollte.

Ein dumpfes Poltern drang aus dem Loch. Dann ein scharfer Atemzug, der von unterdrücktem Schmerz kündete. Als hätte sich der unheimliche Gräber einen Stein auf den Fuß fallen lassen.

Holz scharrte an Stein entlang, Stiefelsohlen glitten über loses Geröll.

In dem dunklen Loch tauchte wieder das bleiche Gesicht auf.

Verschwommen sah Sam Bannion eine blitzschnelle Bewegung. Bis er begriff, blitzte es schon auf, und eine Mündungsflamme stach zu ihm her.

Die Kugel packte ihn mitten auf den Rippen.

Der Schlag ließ ihn an den Huftritt eines Pferdes denken.

Es wunderte ihn, weshalb er stand.

Die linke Brust war wie taub.

Und von innen heraus strömte eine nie gekannte Wärme.

Endlich verstand Sam Bannion, dass es ihn erwischt hatte.

Aber er konnte sich noch auf seinen Füßen halten.

Er hob die Waffe und feuerte.

Der Rückstoß beutelte seinen rechten Arm und stieß bis ins Schultergelenk. Das Krachen kam ihm lauter vor als der Knall einer Kanone.

Jetzt kam das tosende Echo von der anderen Talseite zurück.

Bloß war es der Widerhall des Schusses, der ihn getroffen hatte.

Dann grollte und donnerte es wieder.

Das bleiche Gesicht in dem felsigen Loch war verschwunden.

Sam Bannion drückte noch einmal ab und hörte seine Kugel irgendwo aufschlagen. Es war ein satter Schlag.

Ein scharfer Atemzug aus dem Loch folgte sofort.

Um Sam Bannion begann sich die morgendliche Bergwelt zu drehen.

Er drückte wieder ab und hörte irgendwo, ganz weit weg, eine Tür klappen und raue Stimmen etwas rufen.

Das war drunten in der Stadt. Jetzt wachte Bluewater auf.

Aus dem Loch blitzte es, und Bannion spürte den harten Schlag mitten auf dem Leib über der Gurtschnalle.

Er schwankte.

Warum wurde ihm mit einem Mal so heiß?

Alles war so leicht, selbst der Revolver in der Hand.

Eine dunkle Gestalt kroch vor seinen Augen aus dem Felsenloch, sah zu ihm her und huschte in Richtung des Galgenstumpfes davon.

Bannion sah alles wie durch einen Schleier.

Er feuerte in die Richtung der Gestalt und des Stumpfes und sah die Gestalt der Länge nach hinfliegen.

Wieder kam ein Echo von drüben.

Sam Bannion wusste, dass er getroffen war. Schlimm getroffen sogar. Er hatte aber auch getroffen. Da lag der Kerl ja.

Er atmete tief und zufrieden. In seiner Brust rasselte es zum Gotterbarmen.

Die Stimmen aus dem Tal wurden lauter und vielfältiger.

Er zwang sich, nicht den Kopf zu wenden. Sie würden ihn schon da oben auf dem Galgenhügel stehen sehen.

Hinter dem Galgenstumpf rührte sich etwas.

Er gab noch einen Schuss darauf ab.

Der Rückstoß der Waffe beutelte ihn derart, dass er einen Hustenanfall bekam.

Danach war ihm heiß.

So heiß, wie er nicht einmal die Sonne je empfunden hatte, wenn sie senkrecht herunterbrannte und die Felsen in dieser Wildnis fast zum Glühen brachte.

Das Echo seines Schusses toste über das Tal und die Stadt.

Hinter dem alten Galgenholz ragte ein Stiefel hervor.

Sam Bannion lachte rau und krächzend. Dem verdammten Kerl hatte er es gegeben. Der lag da und rührte sich nicht mehr.

Torkelnd setzte sich der alte Mann in Bewegung. Einen Fuß stellte er vor den anderen.

Er hatte es immer im Leben so gehalten, dass er einen einmal eingeschlagenen Weg auch weiterging.

Feuer schien seine Brust zu versengen und sich in seinen Leib zu wühlen. Er merkte, wie sich Blut über seinem Hosenbund zu stauen begann.

Noch ein paar Schritte!, dachte er. Will doch sehen, wer es ist!

Er hatte keinen Zeitbegriff mehr. Irgendwann sah er jedenfalls den Stiefel genau vor sich.

Da war auch der verwitterte Holzstumpf.

Aber keine Gestalt.

Nichts.

In seinem brausenden Kopf formte sich der Gedanke, dass der Kerl ihn doch überlistet hatte. Der Bursche war aus einem Stiefel geschlüpft und hatte ihn so hingelegt, dass es aussah, als sei er getroffen und liege hinter den Galgenstumpf.

Vor seinen Augen begannen sich die fernen und nahen Berge zu drehen.

Der honiggelbe Streifen des Morgenlichtes am Horizont vermischte sich mit den letzten blassen Gestirnen. Und alles sauste in einem rasenden Wirbel herum.

Sam Bannion setzte sich hart.

Irrsinniger Schmerz zuckte durch seinen Körper. Er stierte auf den Revolver in seiner Hamd und verstand nicht, wozu er die Waffe herausgenommen hatte.

Er hörte nicht die leisen hastigen Schritte hinter sich und hörte nicht den sausenden Hieb.

Eine Spitzhacke zertrümmerte Sam Bannion den Schädel.

*

Sie fanden ihn auf der Seite liegend, den Revolver noch in der Hand.

Moses Turnbull bog ihm die Finger auf und nahm ihm die Waffe ab. „Lieber Himmel, wie ist denn das möglich?“, murmelte er erschüttert.

Hatch Phink, dem mal eine dicke Erzader gehört hatte, bevor er sie in zwei Tagen und zwei Nächten am Spieltisch verlor und danach an den Suff kam, schaute sich furchtsam um.

„Ich habe immer gesagt, hier geht’s nicht geheuer zu“, murmelte er. „Das sind die Geister der Toten. Brüder, das ist die Rache der...“

„Halt’s Maul, alter Saufkopf!“, schrie ihn Roscoe an. „Das war ’ne Spitzhacke, und Geister gehen nicht mit ’ner Spitzhacke um und schlagen friedliche alte Leute tot. Gib mal her!“

Er streckte die Hand aus und ließ sich von Moses Turnbull den Revolver geben. Neugierig schnupperte er an der Waffe und klappte die Trommel heraus.

„Hier, sieh es dir an!“ Er zeigte dem schlotternden Hatch Phink die Patronen. „Sam hat viermal geschossen. Wir haben aber sechs Schüsse gehört. Wäre ja noch schöner, wenn Geister auch noch herumballern? Sauf mal weniger und streng deinen restlichen Verstand mehr an! Und mach dich hier mal nützlich, zum Teufel! Irgendwo muss der Hundesohn doch stecken, der das besorgt hat.“

Alle hatten sie Sam Bannion oben auf der Hügelkuppe stehen und dann zu Boden gehen sehen. Sie hatten auch eine undeutliche Bewegung wahrgenommen. Wie von einer geduckten Gestalt.

Aber sie hatten niemand vom Hügel heruntereilen sehen.

Und soweit ihre Blicke auch reichten, sie entdeckten niemand. Die ausgedörrten sonnenverbrannten kleinen Nebentäler waren leer. Nicht einmal Schatten gab es da, geschweige denn eine davonrennende Gestalt.

„Irgendwo muss das Miststück ja hingekrochen sein!“, sagte Roscoe sehr richtig und strich über seinen wilden Bart.

„Seht euch mal um!“

Sie schwärmten aus und suchten nach Spuren.

Der Boden war hart und steinig, der hatte keine Spuren aufgenommen.

Hatch Phink beteiligte sich nicht. Er klapperte mit den Zähnen und schaute unverwandt auf den alten Bannion hinab.

Der hat es gut, fand Phink endlich, der hat es hinter sich! Die Geister werden uns auch noch holen!

Er fischte mühsam eine flache Blechflasche aus der Hosentasche und nahm von dem brühwarmen Fusel einen kräftigen Schluck.

Seine roten Säuferaugen nahmen einen Ausdruck furchtbaren Entsetzens an, als er in der Nähe das dunkle Loch im Boden entdeckte.

Das sah wie ein Grab aus!

Hatch Phink war nun restlos überzeugt, dass ein Gespenst den armen Sam Bannion umgebracht hatte. Und das Gespenst musste aus dem schwarzen Loch gekommen sein.

Er presste seine Fuselflasche an sich und stieß einen schaurigen Schrei aus.

Roscoe und Turnbull kamen herbeigehetzt.

Aus Phink brachten sie aber kein vernünftiges Wort heraus. Bis sie in die Richtung schauten, in die er immer wieder deutete.

Turnbull wurde es unheimlich unter der ärmellosen Weste.

„Heiliger Rauch, was ist denn das?“, würgte er heraus.

Roscoe kam ordentlich in Wut.

„Ich hätte gute Lust, euch alle beide zu verprügeln!“, knurrte er Turnbull und den versoffenen Phink an. „Das blöde Loch haben wir vor Wochen schon gefunden. Ist bloß ’n bisschen größer geworden, wie es mir vorkommt. Da muss sich im Untergrund was gesenkt haben, und dabei ist das Loch entstanden. Die ganze Gegend ist unterwühlt. Sogar die Spanier haben überall ihre Stollen reingetrieben. Wo genau, weiß man gar nicht mehr.“

Sie nickten, doch war er überzeugt, dass sie ihm kein Wort glaubten.

Also stieg er selber hinein.

Zugegeben, es roch schon etwas seltsam drin. Wie nach Pulverrauch und einem gelöschten Lampendocht.

Aber niemand verbarg sich hier.

Roscoe rieb ein Streichholz an der Stiefelsohle an.

Das Loch war so geräumig, dass sich ein Pferd darin umdrehen konnte.

Die Wände waren steil. Nur dort, wo er hereingeklettert war, verlief der Rand schräg nach innen. Wie bei einem zerdrückten Trichter.

Alles deutete darauf hin, dass sich hier wirklich der Untergrund gesenkt hatte. In den Wänden klafften Löcher unter übereinandergeschichteten Gesteinsplatten.

Das war alles auf ganz natürliche Weise entstanden.

Überhaupt war nur ein Loch groß genug, um einem Menschen Durchschlupf zu gewähren.

Wahrscheinlich hatte sich hier mal ein Tier für ein paar Nächte eine Schlafstelle geschaffen und war dann weitergezogen.

Bluewater und seine Umgebung wirkten nicht mal anziehend auf Tiere, das wusste Roscoe.

Er wollte dennoch nichts versäumen und leuchtete mit einem neuen brennenden Streichholz in die große Öffnung.

Genau so hatte er es sich gedacht. Am Rand sah er Schleifspuren, und in vierfacher Armtiefe war die Höhle schon zu Ende. Ein Stein verstopfte sie.

Oder das Tier, das sie gegraben hatte, war gerade bis zu diesem Stein vorgedrungen und hatte dann seine Bemühungen eingestellt.

Roscoe hörte das Ächzen von Phink ganz deutlich im Loch. Der Wind brachte die Laute mit und wehte sie herein.

Er nickte. Jetzt war ihm auch klar, wieso er hier drin Pulverrauch gerochen hatte. Der Wind hatte ihn von Sams Waffe fortgerissen und ins Loch geblasen.

An der Sache war überhaupt nichts gespenstisch oder geisterhaft.

Schnaufend stieg er aus dem Loch.

Turnbull hatte sich inzwischen rings um die Hügelkuppe umgesehen. Da gab es ein paar Vertiefungen und ein paar Erdwälle, und weiter hinten die paar flachen Erdhügel, von denen jeder Sturm wieder ein paar Hüte voll Staub wegwehte.

„Nichts“, brummte Turnbull. „Jemand hat geschossen und Sam erschlagen, aber er scheint sich in Luft aufgelöst zu haben.“

Hatch Phink hatte gerade wieder die Blechflasche angesetzt und genehmigte sich einen wackeren Schluck.

Je betrunkener er wurde, um so eigensinniger war er.

„Das war das alte Gespenst“, meinte er lallend. „Und es bringt Tod und Verderben über uns. Brüder, habe ich euch nicht gesagt, dass ich kürzlich drunten bei der alten Schmelze einen eisernen Mann gesehen habe? Ich will hängen, wenn’s gelogen ist! Und wie ich näher hingehe - hui, weg ist er!“

Roscoe machte eine wegwerfende Handbewegung.

Und auch Turnbull schaute nicht erbaut.

Die Geschichte kannten sie. Phink war ihnen damit tagelang auf die Nerven gegangen. Dauernd hatte er von seinem eisernen Mann gefaselt und sich jedes Mal einen Drink geschnorrt.

„Als ich deine hirnverbrannte Geschichte zuletzt hörte“, sagte Roscoe böse, „ist der eiserne Kerl noch durch die Lüfte davongeritten. Jetzt ist er einfach so verschwunden. Allmählich scheinst du mit der Wahrheit herauszurücken. In ein paar Wochen gibst du zu, dass du überhaupt nichts gesehen hast.“

Das hoffte er zumindest, aber die Chancen standen dafür nicht gut. Seit der krummbeinige Prediger nach Bluewater gekommen war und versuchte, eine kleine Gemeinde von reuigen Sündern zusammenzukriegen, hatte Phink seine Vorliebe für gespenstische und andere unerklärliche Dinge entdeckt.

Und Malley, der Satteltaschenprediger, bestärkte den Säufer auch noch in seinem Treiben. Und er hörte ihm immer sehr geduldig zu. Manchmal ermahnte er Phink zur Wahrheit, aber der blieb bei seinen Sprüchen und nahm nie ein Wort zurück.

Hatch Phink wurde jetzt auch ziemlich aufsässig. „Was ich gesehen habe, habe ich gesehen!“ Er setzte die Blechflasche an und trank den Rest des Fusels aus.

Vom Fuße des Hanges hörte Roscoe Stimmen.

White kam mit dem Prediger. Sie blieben hinter den Häusern und Hütten stehen und schauten herauf.

„Kommt gar nicht erst rauf!“, rief Roscoe. „Holt den Karren von Turnbull.“

„Was ist los?“, schrie der Prediger. „Ich habe Schüsse gehört.“

„Wir auch, guter Mann, wir auch!“, sagte Roscoe hitzig. Er konnte diesen Malley nicht ausstehen. Der Mann erinnerte ihn immer an einen Aasgeier mit seinem dunklen Rock mit den weiten Schößen. Und überhaupt machte der Prediger immer ein Gesicht wie ein Topf sauer gewordener Milch.

„Ist etwas passiert?“ Malley gab sich nicht zufrieden.

„Sam Bannion ist tot!“, rief Roscoe heiser.

Lionel White zog verstört den Hut vom Kopf. Dann wandte er sich um und ging in Richtung von Turnbulls ehemals so prächtigem Saloon.

Malley, der Prediger, ließ die Achseln hängen und folgte ihm. Unterwegs klopfte er sich Staub aus der schwarzen Kleidung.

Genau das richtige Gewand für unsere pulvertrockene Gegend, dachte Roscoe, und plötzlich erfüllte ihn Schadenfreude.

Hier war alles voller Staub. Wenn ein Pferd nur nieste, erhob sich eine Wolke, fast so hoch wie die Dächer der Häuser.

Jetzt tauchten unten auf der Hauptstraße die restlichen Bewohner der sterbenden Stadt auf.

Sie trafen mit White und dem Prediger zusammen.

Roscoe konnte nicht hören, was gesprochen wurde. Die Gesten aber verstand er.

„Wir können ihn doch gleich hier oben liegen lassen“, meinte Moses Turnbull. Er war unbemerkt hinter Roscoe getreten.

Der fuhr zusammen und hatte dennoch schon die Hand auf dem Revolver liegen.

„Mach’s nie wieder, wenn du noch ’n paar Jahre am Leben bleiben willst!“, warnte er Turnbull eindringlich, der ganz blass geworden war. „Sam wird dort begraben, wo die ehrlichen Leute liegen, verstanden?“

„Ich denke, das ist ihm doch jetzt ziemlich gleichgültig!“, versetzte Turnbull. Eine gefährliche Gereiztheit wich seinem Erschrecken über Roscoes schnellen Griff zum Revolver.

„Möchtest du hier oben liegen, wenn du mal an der Reihe bist?“, fragte Roscoe geschickt dagegen. „Dann könnte dir das auch herzlich gleichgültig sein.“

„Bist du verrückt, Dane? Es war ja auch bloß so ein Gedanke. In ’ner Stunde ist es so heiß hier wie in einem Backofen.“

„Wie jeden Tag“, meinte Roscoe ungerührt. „Wir begraben Sam ehrlich und auf anständige Art. Und drüben!“ Seine Hand wies auf den Friedhof von Bluewater in dem trockenen Seitental, wo hoch an den Hängen noch die Löcher der alten Stollengänge gähnten.

*

Sie brachten Sam Bannion mit Anstand unter die Erde.

Auf dem Rückweg knarrte der zweirädrige Karren mit dem steifbeinigen Esel von Turnbull vor den Menschen her.

Irgendwie kam ihnen das als schreckliches Symbol vor. Oder es ließ sie daran denken, dass sie irgendwann auch so hinausgefahren wurden, wenn sie in Bluewater blieben.

Phink hatte sich zum Begräbnis einen mordsmäßigen Rausch angetrunken und während der Andacht von Zachary Malley am offenen Grab Geräusche von sich gegeben, die sich sehr schwer unterscheiden ließen, ob sie ein Schluchzen darstellten oder nur der Schluckauf waren.

Jedenfalls war der Satteltaschenprediger zweimal genötigt gewesen, die Andacht zu unterbrechen und Hatch Phink freundlich zu ermahnen.

Und irgendwie schienen diese Worte nun bei Phink durchzudringen.

Er hielt sich an Moses Turnbull fest, um nicht lang auf den staubigen Weg hinzufallen.

„Es wird uns alle erwischen, wenn wir nicht dieses elende Nest verlassen“, lallte er. „Das ist der Fluch ...“

Turnbull packte ihn unsanft am Kragen. „Sei bloß still jetzt!“, sagte er zischend. „Noch ein Wort von deinem blöden eisernen Gespenst, und ich vergesse mich! Hau doch ab, wenn es dir hier zu mulmig wird!“

„Das mache ich!“ verkündete Hatch Phink lallend und so laut, dass sogar der schwerhörige Esel an der Spitze des kümmerlichen Zuges die Ohren spitzte. „Ich habe genug, ich verschwinde. Noch heute, damit ihr’s wisst!“

Der Satteltaschenprediger drehte sich um und machte beschwichtigende Gesten. „Bitte mehr Würde, Gentlemen!“, verlangte er. „Jetzt ist wahrhaftig nicht die Zeit, sich zu streiten.“

Turnbull gab ihm widerstrebend recht.

Von hinten schob sich Lionel White heran. Er fasste den torkelnden Phink unter und stützte ihn. „Ich verlasse auch die Stadt“, sagte er. „Wir warten jeden Tag auf ein Wunder, das nie kommt. Wir werden darüber alt und schimmelig, und wenn wir Pech haben, ergeht es uns wie Sam. Nein, ich bin fertig mit dieser Stadt. Sie stirbt, sie erholt sich nicht mehr. Ich gehe auch fort.“

„Recht so“, lallte Phink. Auf dem Ohr hörte er gut. „Wir satteln zusammen, Lionel. Ich kann dir auch eines von meinen Maultieren geben.“

Auf der Hauptstraße vor Turnbulls Saloon löste sich die kleine Trauergemeinde auf, nachdem zwei Männer verkündet hatten, sie würden nun auch Bluewater den Rücken kehren, und sie wollten mit Phink und White den Ritt unternehmen.

Roscoe spuckte heimlich aus.

Er wollte niemand beleidigen und einen Streit vom Zaun brechen. Außer Malley waren sie alles alte Präriekater, die ihre beste Zeit längst hinter sich hatten.

Die unsinnige Hoffnung auf einen Fund hatte sie immer noch in diesem Nest festgehalten. Deshalb waren sie alle auch immer jeden Tag draußen gewesen in den Steinschluchten, hatten an Felsen geklopft und Proben gesammelt und nie den Gedanken aufgegeben, das Glück müsste noch einmal zurückkehren.

Es ließ sich nicht mit Gewalt erzwingen, leider.

Und den Schatz, von dem man erzählt hatte, den gab es hier auch nicht. Bloß das Gerücht darum hielt sich hartnäckig. Ab und zu wärmte mal einer, der bei Turnbull ein oder drei Gläser zu viel erwischt hatte, die alte Geschichte auf. Dann begannen die Augen zu funkeln und die Blicke begehrlich zu werden.

Von Gold war die Rede, von viel Gold. Mexikanischem Gold. Man hatte es hier vergraben. Wo, wusste auch das Gerücht nicht.

Und über den Zeitpunkt gingen die ungenauen Angaben noch weiter auseinander.

Als die Spanier noch die Herren im Lande gewesen waren, besagte die eine Meinung.

Als die Texaner den dicken General Santa Ana samt seinen mexikanischen Elitetruppen über den Rio Grande zurückgejagt hatten, war eine andere Ansicht.

Aber gerade die war sehr unwahrscheinlich. Denn das wäre ja gerade dreißig Jahre hergewesen, und damals gab es Bluewater schon. Zwar als winziges Nest, aber die Minen waren immer in Betrieb geblieben. Seit der spanischen Zeit.

Und den Leuten, die immer hier gelebt hatten, hätte ja bekannt sein müssen, wann und wo mal ein Schatz vergraben worden war.

Roscoe gab nichts auf solches Geschwätz.

Mit dem Schatz waren die Minen mit ihrem reichen Erzgestein gemeint gewesen, nichts anderes. Die Leute hatten dann eine geheimnisvolle Geschichte daraus gemacht, weil jedermann gerne einer Schatzgeschichte zuhörte.

Was Dane Roscoe so sehr ärgerte, war die Gleichgültigkeit der Männer. Malley eingeschlossen.

Da war Sam Bannion schlimm zusammengeschossen und dann erschlagen worden, sozusagen unter ihren Augen und vor ihren Türen, aber niemand verlor mehr ein Wort darüber und noch weniger über den Hundesohn, der es getan hatte.

Geister! Gespenster! Phink hatte ja einen Vogel!

Hier trieb sich ein Mörder herum, soviel war sicher.

Roscoe hatte auf niemand einen Verdacht, und er fand es auch schäbig, daran zu denken, jemand aus der zusammengeschmolzenen Bürgerschaft hätte es getan haben können.

Er war ja mit Turnbull und Phink oben auf dem Hügel gewesen und hatte die Leute aus den Häusern kommen und auf der Hauptstraße zusammentreten sehen.

Von denen war’s keiner, das wollte er beschwören. Er konnte sich keine Methode vorstellen, mit der jemand so schnell und vor allem unentdeckt vom Hügel herunter hätte verschwinden und dann in einem Haus hätte unterkriechen können, um wenig später ganz harmlos aus der Tür zu kommen.

Vielleicht war es einer von diesen Burschen gewesen, die mit unstetem Blick und der Hand immer in der Nähe der Waffe zielstrebig durchs Land zogen und die Berge bevorzugten, weil es hier nur wenige Wege gab.

Was Sam Bannion aber in aller Herrgottsfrühe droben auf dem Galgenhügel zu suchen gehabt hatte, das blieb ihm schleierhaft.

Vielleicht hatte ihn was aufgeweckt. Und er hatte nachgesehen.

Oder der Kerl hatte versucht, bei Sam etwas zu stehlen, und Bannion war ihm nachgeklettert.

Roscoe kratzte sich am Schädel. Das waren alles Überlegungen ohne Hand und Fuß.

Erstens gab es bei Sam nichts zu stehlen. Der hatte nicht mal mehr eine Ausrüstung. Auch kein Reittier.

Und obendrein konnte der Bursche ja nicht fortgeflogen sein. Er musste mit einem Pferd in die Bergwildnis gekommen sein.

Aber Roscoe wollte sein Seelenheil darauf verwetten, dass er nirgendwo da oben die Spur eines Gaules gesehen hatte.

Gehört hatte er auch nichts.

Das Gelände war aber so steinig, dass der Hufschlag eines davonjagenden Gaules wie herunterprasselnde Steine hätte klingen müssen.

Es war eine mehr als seltsame Sache.

Kopfschüttelnd folgte er Turnbull in den Saloon. Ein paar andere gingen mit hinein. Sogar Malley schien das Bedürfnis zu haben, am frühen Morgen einen zu kippen.

Moses Turnbull schenkte von seinem Fusel aus, den er aus Kakteen selber brannte. Das Rezept hielt er geheim, wenn auch die Männer der Meinung waren, auf seinen Schnaps brauchte er sich nicht allzu viel einzubilden.

Wer das Zeug nämlich trinken wollte, brauchte fast eine kupferne Kehle und einen Magen aus Eisen. Und selbst dann fuhr einem noch der Dampf zu den Ohren heraus.

Lionel White kam in den Saloon gestolpert. Er nahm auch ein Glas von der mörderischen Brühe und teilte mit, dass Phink mittlerweile so blau sei, dass sie ihn zu Bett gebracht hätten und vor dem Abend nicht ans Wegreiten zu denken sei.

Malley nickte und versuchte, sein sauertöpfisches Gesicht mit ein paar milden Falten zu verschönern. „Auf diesem Land liegt ein Fluch, meine Freunde! Sam Bannions Tod ist ein schlimmes Zeichen. Wir sollten den Wink des Himmels gebührend beachten und diese unselige Stadt verlassen.“

Roscoe langte seine zerbissene Maiskolbenpfeife aus der Tasche und stopfte sie mit getrockneten Wildkräutern, weil’s schon lange keinen anständigen Tabak mehr gab.

„Machen Sie bloß nicht so viel Wind, bloß weil Sie gute Beziehungen zum Himmel haben, Prediger!“, knurrte er Malley an. „Sam hat man den Schädel eingeschlagen. Das ist kein Wink des Himmels, sondern ein astreiner Mord, und früher kam man dafür an den Galgen.“

Malley erwiderte nichts. Er ließ sich von Turnbull noch ein Glas Fusel einschenken und kippte es hinunter wie Wasser.

Roscoe zwinkerte ungläubig, als er’s sah. Dann grinste er. Malley schien in einer trockenen Gegend aufgewachsen zu sein und vertrug einen Stiefel.

*

Gegen Abend war Hatch Phink soweit nüchtern, dass er ohne fremde Hilfe auf einem Maultier von White sitzen konnte.

Die anderen waren auch bereit. Viel mitzunehmen war nicht, die Reittiere trugen leicht an dem wenigen Gepäck und den ausgemergelten Gestalten.

Lionel White machte keinen großen Abschied aus der Sache. Es waren auch nur Roscoe und Turnbull auf die Straße gekommen.

„Bis irgendwann!“ Er hob die Hand.

Phink ließ einen markerschütternden Rülpser los. Er packte in die Mähne des Maultieres, als White losritt und alle Tiere in Bewegung gerieten.

Roscoe und Turnbull standen mitten auf der Straße und wirkten seltsam verloren, wie sie dem kleinen Reitertrupp nachschauten.

Eine Weile wehte noch der feine weiße Staub durch den Schein der untergehenden Sonne und trieb gegen den östlichen Hang. Dann verlor sich die Staubfahne am Ende des Tales auf dem alten San Saba-Trail, der auch immer mehr verfiel. Genau wie Bluewater.

„Wir werden immer weniger“, meinte Roscoe wehmütig. „Wenn ich da draußen jemand hätte, von dem ich weiß, dass er auf mich wartet, dann würden mich keine zwanzig Maultiere hier halten.“

Turnbull wandte ihm das Gesicht zu. „Hast du keine Familie? Eigentlich hast du nie über deine Leute gesprochen.“

Roscoe wischte mit der Hand durch die Luft. „Es ist schon lange her.“

Aber Turnbull bohrte weiter. „Dann hast du also doch ’ne Familie?“

Roscoe schaute ihn zwingend an. „Pass auf, ich sag’s dir, und dann reden wir nie wieder darüber! Meine Frau und die Jungens sind auf der Kansas-Prärie verbrannt, als Kiowas das alte Wintergras dicht bei unseren Wagen angezündet haben. Das ist länger als dreißig Jahre her. Sie haben ihre Ruhe gefunden, also lass du sie ihnen auch.“

Moses Turnbull schwieg. Nebeneinander kehrten sie zum Saloon zurück. Erst dort sagte Turnbull: „Komm mit rein. Lass uns einen auf deine Leute trinken. Ich glaube, deine Söhne wären prächtige Burschen geworden.“

Als eine Lampe brannte und mildes Licht aus den staubigen Fenstern auf die Straße fiel, kamen ein paar Gäste.

Eine Unterhaltung entwickelte sich nicht. Roscoe hockte mit einem Glas am Fenster und schaute hinaus.

Heute waren es wieder ein paar Fenster mehr, hinter denen kein Licht mehr anging.

Irgendwann kam der Tag, da es überall finster blieb.

Er wusste nicht, wie lange er gesessen und gegrübelt hatte, als aus unendlich weiter Ferne dumpfes Grollen in die Stadt drang.

Es hörte sich wie nach Gewitter an. Aber dann brach das Grollen zu plötzlich ab. Und nach ein paar Atemzügen setzte es wieder ein.

Das war kein Gewittergrollen, das war Gewehr und Revolverfeuer!

Roscoe setzte das leere Glas hart auf den Tisch und trat in die schadhafte Tür, deren einer Flügel sich nicht mehr bewegen ließ.

Turnbull und zwei andere traten zu ihm. Sie lauschten.

„Kommt aus Richtung Süden“, sagte Turnbull heiser.

Roscoe nickte.

Lionel White, Phink und die zwei anderen waren in diese Richtung fortgeritten. Die Schüsse verhießen nichts Gutes.

Das Gefecht konnte zehn oder fünfzehn Meilen entfernt stattfinden, so genau ließ sich das nicht sagen. In der Bergwelt trug jeder Laut doppelt weit, und es kam auf den Wind an.

Das ferne Grollen endete jäh.

„Wir kämen doch zu spät“, sagte Roscoe heiser. „Vor Sonnenaufgang reiten wir los.“

*

In der Stadt gab es nur noch drei Maultiere und den steifbeinigen Esel. Ja, und den klapprigen Gaul von Malley. Aber der war für einen Ritt erst recht nicht zu gebrauchen. Außerdem stand das Tier in irgendeinem Seitental, wo es etwas Futter gab. Büsche, Hartgras und ein winziges Wasserloch.

Malley war auch gar nicht da, dass sie ihn hätten fragen können. Sicher kroch er wieder droben in den alten Minen herum.

Also brachen Roscoe und zwei Männer nur mit den Maultieren auf.

Am frühen Vormittag fanden sie den Ort des nächtlichen Kampfes.

Lionel White war zweimal in den Rücken geschossen worden. Er lag noch mitten auf dem Weg und hatte die Arme ausgebreitet.

Ein Stück weiter fanden sie die zwei Männer, die mit White und Phink die Stadt verlassen hatten. Auch sie waren tot.

Nur Phink fanden sie nicht. Dafür jede Menge Blut auf dem Weg nach Süden.

Vielleicht war Phink auf dem Hals des Maultieres eingenickt und hatte nur einen Streifschuss erhalten. Es hatte zumindest den Anschein, als sei er davongekommen.

Von den Maultieren war nicht mal mehr die Schwanzspitze zu sehen. Weil keine toten Tiere herumlagen, hegte Roscoe den Verdacht, dass man es auf die Maultiere abgesehen gehabt hatte.

„Apachenarbeit!“, sagte einer seiner Begleiter heiser; der Mann sah hundeelend aus.

Roscoe schüttelte den Kopf. „Die setzen sich nicht auf Maultiere.“

„Aber sie handeln damit!“

„Das ist richtig. Aber sie greifen niemals in der Nacht an. Und sie nehmen jeden Skalp mit, den sie kriegen können.“

White und die Männer waren nicht skalpiert.

„Begraben wir sie“, sagte Roscoe. „Dort drüben ist eine Felsspalte.“

Sie schafften die Toten hinüber, rollten sie in die Felsspalte hinab und häuften so viel Gestein auf sie, dass Wildtiere sie nicht ausgraben konnten.

Bedrückt ritten sie nach Bluewater zurück.

„Vielleicht ist doch etwas dran“, sagte Roscoe einmal.

„Woran?“

„Dass ein Fluch auf dieser Gegend liegt.“

„Man könnte es bald meinen“, stimmte der Mann neben Roscoe zu. „Vielleicht sind wir Narren, dass wir überhaupt noch zurückreiten. Wir sollten abhauen und unsere Haut retten.“

Roscoe fand, dass der Mann gar nicht so verkehrt dachte.

Sie ritten aber trotzdem den San SabaTrail nach Bluewater zurück.

*

Old Joe reckte angriffslustig den grauen Dachsbart in die heiße Mittagsluft und spähte zu der verwitterten Station in dieser gottverlassenen Gegend hinüber.

Seit der San SabaTrail nicht mehr befahren wurde, verrotteten die alten Pferdewechselstationen und Handelsposten.

Manchmal harrte ein Agent aus und trieb mit den Roten Tauschhandel. Oder er versuchte, auf eine andere Art am Leben zu bleiben.

Meist waren die Plätze aber aufgegeben, und nachts heulte der Chor der Kojoten um die grauen Holzhäuser.

„Nur mal langsam, Junge“, brummte Old Joe, als Tom Cadburn, der Texasranger, seinen Hengst antreiben und auf die Station losreiten wollte.

„Warum? Da drüben ist alles leer und verlassen.“

Old Joe deutete auf den Schwarztimber Sam, der sich auf dem heißen Boden niedergetan hatte und unverwandt die geduckten Hütten beobachtete, die die Station darstellten.

„Dein Wolf hat was in die Nase bekommen. Und ich auch. Und abgesehen davon hat Shorty Bates gesagt, wenn er mal von hier wegginge, dann nur mit den Füßen voran und in einer Holzkiste. Da hat er aber noch prima ausgesehen. Jetzt frage ich mich, wo der Bursche steckt.“

„Er ist fort, was sonst?“ Tom Cadburn schob den Hut aus der Stirn. „Und wann willst du denn in dieser Gegend gewesen sein?“

„Zuletzt vor sechs Jahren“, meinte Old Joe ernsthaft. „Shorty ist ’n Mann, der tut, was er sagt.“

„Sechs Jahre!“ In komischer Verzweiflung hob Tom die Hände. „Was in dieser Zeit alles passiert sein kann. Du machst mir aber Spaß!“

Old Joe grinste. „Dann bin ich ja beruhigt, wenn ich dir auch mit kleinen Sachen ’ne Freude machen kann. Drüben ist wer. Rauch treibt in der Luft. Wenn du nicht so ein fürchterliches Zeug in deine Zigaretten reinwickeln würdest, könntest du riechen, dass ein Holzfeuer brennt. Aber bestimmt hat es nicht Shorty angezündet. Der hätte längst mitbekommen, dass zwei Reiter im Anmarsch sind, und er würde drüben im Tor stehen.“

Tom fragte lieber nicht, was dieser Shorty noch alles konnte. Abgesehen davon gab es wirklich Leute, die irgendwie spürten, wenn Fremde in ihre Gegend kamen. Er kannte selber einige.

Und selbst wenn Shorty Bates nicht diesen ausgeprägten sechsten Sinn hatte, hätte der Mann wenigstens ihre Staubfahne sehen müssen. Seit wenigstens zwei Stunden schleppten sie sie hinter sich her - seit sie vom Triple-Bergrücken heruntergestiegen waren und diese pulvertrockene Hochprärie unter den Hufen hatten.

„Dann hat eben ein anderer als Bates das Feuer angezündet“, meinte Tom. Er taxierte die alte Station.

Der war höllisch schwer beizukommen.

Sie lag mitten im topfebenen Land, und von ihr ging der Blick bis zu den Bergen, die im blauen Dunst schwammen. Kein Strauch, kein Baum, keine Bodenwelle bot Deckung.

In der Nacht nur konnte man sich an sie heranpirschen. Und dann brauchte man wahrscheinlich noch einen Sack voll Glück.

Auf solchen Hochflächen gab es nämlich jede Menge Getier, vorwiegend Nachtgetier, das von Sonnenuntergang bis zum Morgen seine Stimme hören ließ.

Gab’s eine Störung, und jeder Reiter, jedes große Tier war eine, verstummte das Konzert.

Wer sich auf die Stimmen der Natur verstand, der wusste spätestens in diesem Moment Bescheid, dass da draußen etwas war.

Von einem Mann wie Shorty Bates, der offensichtlich schon seit vielen Jahren hier lebte, war das erst recht anzunehmen.

Oder von jedem anderen, der sich lange genug schon in der Wildnis aufhielt.

Old Joe beobachtete den Texasranger. Er schien genau zu wissen, welche Überlegungen Tom anstellte.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903638
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v324060
Schlagworte
texas wolf schüsse galgenhügel

Autor

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Titel: Texas Wolf #19: Schüsse am Galgenhügel