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Der Priester und die Sünderin: Heimat-Krimi

2016 180 Seiten

Leseprobe

A.F.Morland

Der Priester und die Sünderin

Heimat-Krimi

––––––––

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild:jpeter2/pixabay, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Klappe

Kitty Lorenz, das bildhübsche Mädchen vom Land, das in der Stadt seinen jungen Körper verkaufte, hatte die bittere Erfahrung gemacht, dass ihr reicher Kunde Carsten Siebert immer besonders einfallsreich war, wenn er gekokst hatte. Da kamen ihm jedes Mal die widerlichsten und schmerzreichsten Ideen. Sie schluckte nervös. Mädchen, mach dich auf was gefasst, dachte sie. Nachdem er sein Glas zum zweiten Mal geleert hatte, stellte er es auf den Tisch und ging zielstrebig ins Schlafzimmer. Er kannte sich in ihrer Wohnung fast genauso gut aus wie sie. Kitty folgte ihm, obwohl sie lieber die Flucht ergriffen hätte. Aber das hätte ihr Siebert verdammt übel genommen. Und die Folgen... An die wollte sie gar nicht denken. Diesmal wird es ein böses Ende nehmen, ging es ihr durch den Sinn. Das spüre ich...

Roman

Kitty Lorenz hatte sich das Leben in der Stadt wesentlich schöner vorgestellt. Glamouröser. Luxuriöser. Aufregender. In Geld schwimmen würde sie – hatte sie gedacht. Und sie war auch bereit gewesen, dafür das eine oder andere Opfer zu bringen. Zum Beispiel mit Männern für Geld ins Bett zu gehen.

Warum nicht? Sie war schließlich nicht prüde und hatte auch schon daheim, in St. Sebastian, diesem winzigen Fliegenschiss auf der Landkarte, mit den feschen Burschen eifrig rumgemacht. Hinterm Heuschober. Im Wald. In ihrer Kammer...

Und es hatte ihr jedes Mal so viel Spaß gemacht, dass sie sich gesagt hatte: Warum solltest du damit nicht auch mal schön Geld verdienen? Ist doch nichts Verwerfliches. Du hast, was Männer wollen, stellst es ihnen für einen bestimmten Betrag zur Verfügung – und hast obendrein auch noch selbst deinen Spaß daran... Du gehst für eine Weile in die große Stadt, tauchst in deren Anonymität unter und wenn du genug Kohle beisammen hast, kehrst du als wohlhabende Frau in dein Dorf zurück. Da werden sie Augen machen, die weltfremden Alm-Deppen.

Vielleicht wäre es tatsächlich so gekommen, wenn Kitty nicht Django in die Hände gefallen wäre. Er sah aus wie eine Mischung aus Elyas M'Barek und Matthias Schweighöfer. Nett, sympathisch, redegewandt. Ein Sonnenschein. Auf den ersten Blick. Aber auf den zweiten hielt er leider überhaupt nicht, was er versprach. Und er hieß auch nicht Django, sondern Gangolf Müller.

Doch so wollte er nicht genannt werden. Weil sich nach seiner Meinung Gangolf idiotisch anhörte und Müller zu gewöhnlich war. Django hingegen gefiel ihm. Der Name passte zu ihm. Deshalb nannten ihn auch alle nur so.

Er hatte versprochen, Kitty ganz groß rauszubringen, hatte einiges Geld in sie investiert, eine kleine Wohnung für sie gekauft und diese gemütlich eingerichtet, damit sie nicht auf der Straße anschaffen musste, sondern ihre betuchten Kunden zu Hause empfangen konnte. Halbe-halbe würden sie machen, hatte er gesagt, doch davon war inzwischen keine Rede mehr.

Er nahm sich, was er brauchte, um bei seinen Freunden gut dazustehen, und den – manchmal ziemlich kläglichen - Rest überließ er ihr großzügig.

Einmal hatte sie gewagt, von den üppigen Einnahmen heimlich etwas abzuzweigen. Er hatte es gemerkt und sie grün und blau geschlagen. Seitdem hatte sie nicht mehr den Mut, mal einen Hunderter an ihm vorbei zu schwindeln.

Selbst das Geld, das ihr gönnerhaft zugesteckt wurde, wenn sie einen Freier mal besonders gut abgefertigt hatte, legte sie brav in die Nachttischlade, denn keiner durfte Django ärgern, weil das immer große Schmerzen zur Folge hatte.

Es war ein kalter Aprilabend. Draußen tobte ein Wind mit einer Geschwindigkeit von mehr als 90 km/h. Er heulte, pfiff und rüttelte an den Fenstern.

Kitty hatte sich hübsch zurechtgemacht, ihre lange blonde Mähne sorgfältig gebürstet, sich sorgfältig geschminkt und teure Reizwäsche angezogen.

Kürzlich hatte sie ihren einundzwanzigsten Geburtstag gefeiert. Was sie von Django bekommen hatte? Hiebe. Weil sie ihm zu widersprechen gewagt hatte.

Weiber hatten seiner Ansicht nach gefälligst zu kuschen. Taten sie es nicht, gab es Dresche. Damit hatte er sich noch jede renitente Schlampe (seine Worte) gefügig gemacht. Deshalb ging er von diesem bewährten Erfolgsrezept auch nicht ab.

Kitty warf einen nervösen Blick auf die Wanduhr. Es gab angenehme und unangenehme Freier, und der, der in Kürze bei ihr Klingeln würde, gehörte zur zweiten Kategorie.

Er stand auf dem Standpunkt, dass er mit ihr alles anstellen dürfe, weil er dafür ja bezahlt habe. Schalen Blümchensex könne er auch von seiner langweiligen Frau kriegen.

Es waren immer die satten Reichen, die besonders über die Stränge schlugen. Und das war Herr Carsten Siebert – satt, reich, pervers und brutal...

*

Pfarrer Lackinger saß in seinem schwarzen Habit auf der Bank vor dem Pfarrhaus und rauchte seine geliebte Pfeife. Er genoss diese stillen, friedlichen Abende, während seine Haushälterin die letzten Handgriffe tat, bevor sie ihn zu Tisch rief. Diese Zeit der Ruhe und Entspannung war für ihn ein Geschenk des Himmels, das er dankbar und demütig annahm. Eine kleine Schwe¬befliege stand vor ihm in der Luft und sah ihn sich sehr genau an.

"Na, du", sagte der sechzigjährige Priester lächelnd. "Bist du zufrieden mit dem, was du siehst?"

Er zog wieder an seiner Pfeife. Der Rauch vertrieb das sympa¬thische Insekt. Fünf Minuten später rief Walpurga Gartner den Pfarrer ins Haus. Florian Lackinger erhob sich. Er ächzte dabei leise. Ihm taten die Knie weh. Er würde sie vor dem Zu-Bett-Gehen mit der übelrie¬chenden Tinktur einreiben, die Walpurga für ihn nach einem altbewähr¬ten Rezept zusammengebraut hatte, und von der er lieber nicht wis¬sen wollte, was da alles drin war. Hauptsache das Zeug half. Wenn es einen so intensiven Gestank verströmte, dass die Fliegen von der Wand fielen, war das kein Problem. Pfarrer Lackinger hatte sein Schlafzimmer ja für sich allein und brauchte auf niemandes Nase Rücksicht zu nehmen.

"Was gibt's denn heute Gutes?", erkundigte sich der Pfarrer.

"Blumenkohlauflauf", antwortete Walpurga Gartner. Man sah ihr ihre achtundfünfzig Jahre nicht an. Ihr braunes Haar, das sie stets locker hochgesteckt trug, war nur von wenigen grauen Strähnen durchzogen. "Verziehen Sie jetzt bloß nicht das Gesicht, Herr Pfarrer. Blumenkohl ist äußerst gesund."

"Ich habe nichts gesagt."

Walpurga Gartner musterte ihn argwöhnisch. "Da ist so ein Ausdruck in Ihren Au¬gen..."

"Ich bitte um Vergebung, wenn er dir nicht gefällt."

"Ich weiß, was Sie denken, schließlich bin ich seit einer Ewigkeit bei Ihnen im Dienst." Da Walpurga seit Anbe¬ginn Florian Lackinger den Pfarrhaushalt führte, erlaubte sie sich ihm gegenüber schon mal ein offenes Wort. "Man kann nicht immer nur Schnitzel essen."

"Habe ich gesagt, dass ich das möchte?"

"Die Woche besteht auch nicht nur aus Sonntagen", erklärte Walpurga Gartner, als habe Pfarrer Lackinger nichts erwidert. "Man muss gesundheitsbewusst leben."

"Ich bin ganz deiner Meinung."

Wenn Walpurga Gartner erst mal in Fahrt war, ließ sie sich nicht so leicht abstellen, deshalb fuhr sie leidenschaftlich fort: "Und wenn im eigenen Garten - völlig ungespritzt und ganz natürlich ge¬düngt - ein so prächtiger Blumenkohl wächst, wäre es eine Sünde, ihn nicht zu essen."

"Ich freue mich auf deinen Blumenkohlauflauf", behauptete Pfarrer Lackinger.

"Na - ich weiß nicht..."

"Heiliger Dingsbums...!", rutschte es ihm heraus.

Walpurga Gartner hob rügend den Zeigefinger. "Herr Pfarrer, Herr Pfarrer!"

"Entschuldige, aber du kannst einen manchmal ganz schön aus der Fassung bringen. Ich liebe alles, was du kochst, weil du die Speisen immer ganz hervorragend zubereitest - ob es sich nun um ein ganz einfaches Gericht oder um einen Festtagsbraten handelt. Bist du mit dieser Aussage zufrieden?"

Sie war es anscheinend, denn sie wechselte das Thema. "Wo nur unser Kaplan bleibt. Er weiß doch, wann bei uns Essenszeit ist."

Draußen näherte sich das Brummen eines Motorrades und verstummte.

"Da ist er schon", sagte der grauhaarige Pfarrer.

Kaplan Amadeus Birkfeld stieg von seiner Maschine. Euro für Euro hatte er gespart, um sie sich kaufen zu können, und er war sehr stolz auf sein chromblitzendes Prachtstück. Allmählich ge¬wöhnte sich Florian Lackinger daran, dass viele den dreißigjährigen Kaplan in seiner schwarzen Lederkluft und mit dem Sturzhelm eher für einen Rocker denn für einen Pfarrer hielten. Amadeus Birkfeld unterstützte ihn hervorragend, und wenn es mal galt, Hochwürden ein paar Tage zu vertreten, machte der junge blonde Mann seine Sa-che wirklich nicht schlecht. Dass er mit seinen unkonventionellen Methoden bei Dienstherren und Kirchengemeinderäten oft aneckte, schrieb Florian Lackinger der Jugend des Kaplans zu. Pfarrer Lackinger war zuversichtlich, dass Amadeus Birkfeld sich im Laufe der Jahre abschleifen und ein wertvoller Nachfolger sein würde.

Der Kaplan kam mit dem Sturzhelm unter dem Arm herein. "Grüß Gott."

Walpurga Gartner warf ihm einen strengen Blick zu.

"Ich weiß, ich bin ein bisschen spät dran", sagte er. "Aber ich habe eine Entschuldigung, die Sie gelten lassen müs¬sen", schmunzelte der junge Kaplan, dem die Haushälterin nie ernstlich böse sein konnte. "Ich wurde von Polizeihauptmeister Kaberl aufgehalten."

"Haben Sie eine Verkehrssünde begangen?", fragte Walpurga.

"Ich doch nicht. Ich fahre stets sehr diszipliniert. Wir haben uns über die Entschärfung einer gefährlichen Kurve zwischen St. Sebastian und Wacking unterhalten."

"Ich würde jetzt gern mal was in meinen leeren Magen kriegen", brummte Pfarrer Lackinger.

"Oh, Entschuldigung", sagte Kaplan Birkfeld. "Ich ziehe mich nur ganz schnell um. Was gibt's denn?"

"Blumenkohlauflauf", antwortete Florian Lackinger, "und Walpurga duldet keinen scheelen Blick."

*

Hin und wieder dachte Kitty Lorenz mit Wehmut an ihr kleines, beschauliches, idyllisches Dorf in den Bergen, und sie fragte sich, was wohl aus ihr geworden wäre, wenn sie in St. Sebastian geblieben wäre. Wie wäre ihr Leben dann verlaufen? Junge Männer waren genug hinter ihr her gewesen.

Sie hätte sich den hübschesten, stärksten und begehrtesten aussuchen können. Heirat. Kinder. Familie... Wie das halt so üblich ist. Aber sie hatte zu hoch hinaus wollen, und nun saß sie in der Falle, konnte weder vor noch zurück und musste sich mit reichen Sadisten wie Carsten Siebert abgeben.

Kaplan Birkfeld kam ihr in den Sinn. Amadeus Birkfeld. Ein kleines Lächeln umspielte ihre vollen Lippen. Sie hatte ihn sehr gemocht. Er war ihr ungemein sympathisch gewesen. Manchmal hatte sie ihn wegen seines nicht gerade alltäglichen Vornamens gehänselt.

Amadeus. Wolfgang Amadeus... Wie kann man so heißen und keinen blassen Dunst vom Komponieren haben? Aber das stimmte ja nicht. Den "Wolfgang" hatte sie ihm drangehängt. Der stand nicht in seinen Taufpapieren.

Wenn er der Kirche nicht so sehr zugetan gewesen wäre..., ging es ihr durch den Kopf. Wer weiß – vielleicht wär das was mit uns geworden. Ich hätte ganz sicher nichts dagegen gehabt. Aber er – er konnte sich leider nicht entscheiden... Es läutete. Das Schrillen der Glocke riss Kitty aus ihren angenehmen Gedanken. Sie zuckte erschrocken zusammen und landete wieder in der hässlichen Realität. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in ihrer Magengrube aus und Furcht und Abscheu ergriffen von ihr Besitz.

*

Nach dem Essen spendierte Pfarrer Lackinger jedem ein Gläschen von seinem selbst angesetzten, köstlichen Beerenwein. "Der Blumen¬kohlauflauf war ein Gedicht, Walpurga", lobte er seine Haushälterin.

"Schön weich", sagte Amadeus Birkfeld. "Man brauchte nicht zu beißen, konnte alles mit der Zunge zerdrücken. So richtig was für Leute mit dritten Zähnen."

Walpurga Gartner kniff die Augen zusammen. "Wenn das eine Kritik sein soll..."

"Aber nein, im Gegenteil. Sie wissen doch, dass ich Ihre leicht verdauliche, gesunde Kost sehr schätze. Man hat zwar nach einer Stunde schon wieder Kohldampf, aber dafür belastet das Essen weder Magen noch Kreislauf, und das finde ich prima."

Walpurga wusste nicht so recht, ob es der Kaplan ernst meinte oder ob er sie auf den Arm nahm. Sie stand auf und trug das Ge¬schirr in die Küche.

"Ich habe mir auf der Heimfahrt etwas überlegt, Hochwürden", sagte Amadeus Birkfeld.

Pfarrer Lackinger lehnte sich zurück. "Was denn?"

"Motorradfahren ist etwas Schönes."

Florian Lackinger zuckte die Achseln. "Wem's gefällt."

"Es werden immer mehr, die sich eine Maschine zulegen."

Der Priester lächelte. "Mich können Sie dafür nicht begei¬stern."

Walpurga Gartner setzte sich wieder zu ihnen.

"Auf so einem Motorrad erlebt man die totale Freiheit", schwärmte der Kaplan. "Man sitzt in keinem fahrbaren Käfig..."

"Autos sind fahrbare Käfige für Sie?", fragte Pfarrer Lackinger.

"Auf einem Motorrad gibt es nichts, was einen beengt", er¬klärte der junge Kaplan enthusiastisch. "Man spürt den Wind, ist der Natur und somit auch ihrem Schöpfer herrlich nahe, fühlt sich großartig."

Florian Lackinger lächelte schief. "Wenn Sie vorhaben, mich zum Kauf einer Maschine zu überreden..."

Kaplan Birkfeld schüttelte den Kopf. "Nein, Hochwürden, dar¬auf will ich nicht hinaus."

Der Pfarrer schmunzelte. "Es würde Ihnen auch nicht gelingen."

"Was ich mir überlegt habe, ist folgendes: Es bevölkern immer mehr Motorräder unsere Straßen - und auf diesen Maschinen sitzen Menschen..."

"Was denn sonst? Es würde wenig Sinn machen, wenn die Motorräder allein durch die Landschaft flitzen würden", meinte Florian Lackinger ironisch.

"Ich meine, auf den Maschinen sitzen Menschen, für die wir et¬was tun sollten, Hochwürden."

"Und was schwebt Ihnen da so vor?", fragte Pfarrer Lackinger vorsichtig. Amadeus Birkfeld lag mit seinen Ideen in den selten¬sten Fällen auf seiner Linie. Ein Generationsproblem.

"Wir könnten für diese Menschen eine Messe abhalten", sagte der Kaplan.

"Das tun wir. Sie brauchen nur zu kommen."

"Eine Bikermesse", sagte Amadeus Birkfeld.

Pfarrer Lackinger sah ihn nicht eben begeistert an. "Eine Bikermesse!" Er hielt den Vorschlag des Kaplans für eine Schnapsidee.

"Unter freiem Himmel", sagte Amadeus Birkfeld.

"Hier in St. Sebastian."

"Die Menschen würden von weither mit ihren Feuerstühlen zu uns kommen." Kaplan Birkfelds blaue Augen strahlten.

"Ja, das wäre zu befürchten."

"Wir dürfen die Motorradfahrer nicht länger ausgrenzen, Hoch¬würden."

Florian Lackinger zog die Augenbrauen zusammen. "Das tun wir nicht."

"Die Kirche hat für alle da zu sein."

"Sie brauchen mich nicht über die Aufgaben der Kirche zu be¬lehren", brummte der Priester unwillig.

"Entschuldigen Sie, das sollte keine Belehrung sein."

"Motorräder aus nah und fern in St. Sebastian." Florian Lackinger machte ein Gesicht, als hätte er Essig getrunken. "Stellen Sie sich das einmal vor. Gedröhne, Geknatter, Gestank. Die Bewohner von St. Sebastian würden nicht wissen, wie ihnen geschieht. Sie würden verängstigt in ihren Häusern bleiben - und wir hätten ihnen das angetan. Sie würden uns das nie verzeihen."

"Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen", sagte Amadeus Birkfeld trocken.

"Mein lieber Herr Kaplan, wenn die Kirche alle Zeitströmungen und Modetorheiten mitgemacht hätte, würde es sie schon lange nicht mehr geben. Sie kann sich nur halten und glaubwürdig bleiben, wenn sie stets den goldenen Mittelweg beschreitet. Mit einer solchen Messe würden wir St. Sebastian in zwei Lager spalten. Ich kann nicht glauben, dass Sie das wollen."

"Es wird immer Leute geben, die gegen alles sind", sagte Amadeus Birkfeld, "aber der Großteil der Menschen in unserer Gemeinde würde eine solche kirch¬liche Aktivität begrüßen."

"Das bezweifle ich", entgegnete Florian Lackinger.

"Darf ich mich umhören, Hochwürden?"

"Es wäre mir lieber, Sie würden Ihre Idee wieder vergessen", antwortete der Pfarrer.

"Wenn Sie wissen wollen, wie die Gemeinde darüber denkt, soll¬ten Sie einer Umfrage zustimmen", meldete sich Walpurga Gartner zu Wort.

Florian Lackinger warf ihr einen ärgerlichen Blick zu. Musste sie sich ausgerechnet jetzt einmischen? "Natürlich", schnaubte der Priester, "du fällst mir wieder einmal in den Rücken. Das bin ich ja schon gewöhnt." Er trank einen Schluck vom Beerenwein. "Man kann Umfragen so steuern, dass man genau das gewünschte Ergebnis bekommt. Man braucht nur die entsprechen¬den Leute zu fragen."

"Halten Sie mich für so wenig objektiv, Hochwürden?", fragte der junge Kaplan ein wenig gekränkt.

"Sie möchten etwas durchsetzen, das Ihnen am Herzen liegt."

"Aber nicht um jeden Preis und nicht mit unlauteren Methoden", verteidigte sich Amadeus Birkfeld.

"Also ich bin für eine Umfrage", ergriff die Haushälterin wie¬der einmal - wie schon so oft - für den jungen Kaplan Partei.

"Danke", sagte Amadeus Birkfeld. Er sah den Priester abwartend an.

"Also gut", knurrte Florian Lackinger, "machen Sie Ihre Umfrage. Aber wie ich mich letztlich entscheide, werden Sie danach trotzdem mir überlassen müssen."

*

Kitty Lorenz biss sich auf die Unterlippe. Vor ihrer Tür stand Carsten Siebert, und sie hatte Angst, ihn einzulassen, weil seine Abartigkeiten manchmal unerträglich waren.

Doch sie musste die Tür öffnen, weil Siebert ein Kunde war. Einer der Großzügigsten, den Django unbedingt behalten wollte. Weil bei Siebert Geld nicht die geringste Rolle spielte.

Es saß bei ihm angenehm locker. So jemanden vergrämt man nicht. Den hält man sich mit allen zu Gebote stehenden Mitteln warm. Von dem steckt man auch so manches ein und lässt sich mehr gefallen als von anderen Freiern.

Siebert läutete wieder. Sturm. Er nahm den Finger nicht mehr vom Klingelknopf, war bestimmt schon sauer, weil sie ihn so lange auf der Matte stehen ließ.

"Ja-ha!", rief sie und bemühte sich, aufgekratzt und fröhlich zu klingen. "Ich komme!"

Sie eilte zur Tür und machte sie auf. Vor ihr stand ein mittelgroßer, übergewichtiger Mann mit schütterem Haar und stechenden Augen. Maßanzug. Weißes Hemd. Krawatte. Stecktuch. Ein Sir, hätte man meinen können.

"Verdammt!", polterte er ungehalten. "Wieso hat das so lange gedauert."

"Tut mir leid, ich..."

Er stampfte unwirsch an ihr vorbei. "Ich bin es nicht gewohnt, dass man mich warten lässt."

"Ich mach's wieder gut. Versprochen", sagte Kitty. Und sie dachte: Das ist kein guter Start. Wahrlich nicht. Er wird seinen Ärger nachhaltig an mir auslassen, wird sich schmerzreich an mir abreagieren. Sie schloss die Tür.

Siebert stürmte ins Wohnzimmer. "Gib mir was zu trinken."

"Ja. Klar. Sofort."

"Scotch ohne Eis."

"Ist schon in Arbeit."

"Mit einem Schuss Soda."

"Wie immer." Ihre Hand zitterte, als sie ihm den Drink reichte.

Ihm fiel es auf. Er grinste. "Was ist denn? Was hast du denn?"

Sie wagte nicht, ihm in die Augen zu sehen. "Nichts. Gar nichts. Es ist alles bestens."

Er packte sie beim Handgelenk und drehte ihr den Arm um. Es tat höllisch weh. "Du weißt, ich mag es nicht, wenn man mich anlügt."

"Es – ist – wirklich alles in Ordnung", stöhnte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht, und sie flehte im Geist: Herr im Himmel, lass ihn bitte, bitte tot umfallen.

*

Kaplan Birkfeld gehörte zwar nicht dem FC St. Sebastian an, aber wenn er Lust hatte, konnte er jederzeit beim Training mitmachen und Kraft und Kondition tanken. Die Brüder Eustasius und Benjamin Veit galten als vielversprechende Talente, aber wenn sie einen Platz in der Kampfmannschaft haben wollten, mussten sie erst noch etwas här¬ter werden. Ihre Ballbehandlung war schon sehr gut, und sie hatten auch einen Bombenschuss, aber sie lagen noch zu oft auf dem Boden, wenn ein Gegner sie mal etwas ruppiger attackierte, und das musste sich noch ändern. Amadeus Birkfeld trug Eustasius Veit huckepack über das Fußballfeld und wurde von diesem zurückgetragen.

"Mann, das geht in die Beine", keuchte der achtzehnjährige Eustasius.

Sein Bruder war neunzehn. Sie sahen sich so ähnlich, dass man sie manchmal für Zwillinge hielt - hübsche, dunkelhaarige Burschen, die gerne lachten und für jeden Spaß zu haben waren.

"So, Kameraden, das reicht für heute!", rief der Trainer. "Lasst uns jetzt mal ein paar Freistoßtricks üben."

Da machte Kaplan Birkfeld nicht mehr mit. Er wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und ging sich umziehen. Nachdem er ausgiebig geduscht hatte, fühlte er sich großartig. Er holte sich ein alkoholfreies Bier aus der Kantine, setzte sich auf eine Bank und schaute den ehrgeizigen Sportlern beim Freisto߬schießen zu.

"Grüß Gott, Herr Kaplan." Eine helle Mädchenstimme.

Er drehte den Kopf. "Oh, grüß Gott, Irene", gab er freundlich zurück.

Irene Wasner war ein bildhübsches Mädchen mit kurzem blon¬dem Haar, langbeinig und gertenschlank. Sie trug Jeans und eine schwarze Lederweste mit vielen Reißverschlüssen und Chromnieten.

"Darf ich mich neben Sie setzen?", fragte die Siebzehnjährige.

"Klar."

Sie ließ sich auf die Bank nieder. "Haben Sie mit trainiert?"

Amadeus Birkfeld nickte. "Hab' ich."

"Ich bin mit Eustasius Veit verabredet."

"Vor wenigen Minuten haben wir uns noch gegenseitig über das Fußballfeld geschleppt", sagte der Kaplan. "Einen Schluck Bier."

"Danke, nein."

"Es ist alkoholfrei", sagte Kaplan Birkfeld.

"Trotzdem, danke. Ich bin nicht durstig."

"Ich schon." Er trank.

Eustasius Veit setzte einen Freistoß in den Kasten. Irene sprang auf, warf die Arme hoch und rief: "Bravo!"

Eustasius grinste stolz zu ihr herüber.

Sie setzte sich wieder. "Das hat er großartig gemacht, finden Sie nicht?"

"Doch. Aus Eustasius wird noch mal ein hervorragender Fußballer werden."

"Der Trainer sollte ihn endlich mal in die Kampfmannschaft stellen", sagte Irene Wasner.

"Das kommt noch, nur Geduld. Er ist ja noch jung. Es hätte keinen Sinn, ihn zu verheizen. Der Trainer weiß, wann die Zeit für Eustasius reif ist."

Eustasius schoss wieder aufs Tor - gefühlvoll und platziert, aber der Tormann stieß den Ball mit den Fäusten über die Querlatte.

"Ich habe mir Ihre Maschine angesehen", sagte Irene.

"Ja?"

"Schweres Gerät", befand Irene Wasner.

"Verstehst du etwas von Motorrädern?"

Sie nickte eifrig. "Eine ganze Menge. Irgendwann muss ich unbe¬dingt auch eine Maschine haben. Ich stehe ganz wahnsinnig auf heiße Öfen. Ich weiß nicht, wieso. Vielleicht bin ich verrückt. Ganz besonders hat es mir Eustasius' Kawasaki angetan. Wenn die losröhrt, bin ich jedes Mal total von der Rolle."

Kaplan Birkfeld schmunzelte. "Mir scheint, als hätte es dir nicht nur Eustasius' Kawasaki angetan."

Eine leichte Röte färbte Irenes Wangen, und sie senkte rasch den Blick. "Ihn kann ich auch recht gut leiden."

Birkfeld trank den Rest seines alkoholfreien Bieres.

"Ich kann Ihnen nicht sagen, wie irrsinnig gern ich auf so 'nem Bike sitze", gestand Irene. "Diese Power. Dieser Sound. Dieser Drive." Sie lachte. "Ich muss wirklich einen Zacken wegha¬ben."

"Aber warum denn? Ich sitze doch auch gerne auf einem Motor¬rad", sagte der Kaplan.

"Ja, aber bei mir ist das schon fast eine Sucht." Es flackerte kurz in ihren graugrünen Augen. "Würden Sie es unverschämt finden, wenn ich Sie bitten würde, eine kleine Runde mit mir zu drehen? Das Training dauert bestimmt noch eine halbe Stunde, und dann muss Eustasius erst duschen und sich umziehen."

"Hast du einen Sturzhelm?", erkundigte sich Amadeus Birkfeld.

"Selbstverständlich."

"Dann komm", sagte der Kaplan und stand auf.

*

Leider hörte der Herr Kitty Lorenz' Flehen nicht. Carsten Siebert fiel nicht tot um. Aber er ließ sie wenigstens los und trank seinen Scotch, während sie ihr schmerzendes Handgelenk massierte. Ich hasse dich, dachte Kitty, hoffend, dass er ihr das nicht ansah. Mein Gott, wenn du wüsstest, wie sehr ich dich, den erfolgverwöhnten, übersättigten Herrenmenschen, hasse. Alle müssen nach deiner Pfeife tanzen, weil Geld bedauerlicherweise die Welt regiert. Wenn das bloß nicht so wäre. Dann würden wir alle sehr viel friedlicher leben. Es gäbe keine Kriege, an denen die verbrecherische Rüstungsindustrie Milliarden verdient. Keine Regierung würde versuchen, uns mit schmutzigen Handelsabkommen über den Tisch zu ziehen...

"Noch einen!", schnappte Siebert in ihre Gedanken hinein. Er hielt ihr das leere Glas hin, und sie bediente ihn augenblicklich. Lächelnd reichte sie ihm das gefüllte Glas und sein Blick verriet ihr, dass er ziemlich zugekokst war.

Das ist nicht gut, dachte sie unglücklich. Das ist gar nicht gut.

*

Die Runde dauerte zwanzig Minuten, und Irene Wasner war hellauf begeistert. "Wow, ist das ein cooles Gerät!", jubelte sie, als den Sportplatz wieder erreichten. "Und Sie fahren hervorra¬gend, Herr Kaplan. Ich habe mich unheimlich sicher gefühlt."

"Rasen kann jeder Dummkopf. Es gehört nicht viel Intelligenz dazu, am Gashebel zu drehen."

"Da haben Sie recht." Irene nahm ihren Sturzhelm ab und kämmte ihr kurzes blondes Haar mit gespreizten Fingern. "So, wie Sie Ihre Maschine unter Kontrolle haben, kann nie was passieren."

Auch Birkfeld nahm seinen Helm ab. "Passieren kann immer was", widersprach er. "Niemand ist völlig vor einem Unfall gefeit, aber man kann das Risiko so niedrig wie möglich halten."

Das Training ging zu Ende. Die Kicker verschwanden in der Um-kleidekabine. Kaplan Birkfeld erzählte Irene von seiner Idee, eine Bikermesse unter freiem Himmel abzuhalten.

Klar, dass Irene Wasner davon sofort begeistert war. "Das wäre eine ganz tolle Sache", sagte sie. "Da wäre ich auf jeden Fall da¬bei. St. Sebastian - Mekka aller Feuerstühle. Da wäre endlich mal so richtig was los in unserem langweiligen Kaff."

"So langweilig finde ich es gar nicht in St. Sebastian."

"Eh nicht. Nur manchmal", schränkte Irene ein. Als wenig spä¬ter Eustasius und Benjamin Veit erschienen, sagte sie enthusiastisch: "Wisst ihr schon das Neueste? Es wird eine Bikermesse in St. Sebastian geben. Ist das nicht cool?"

Kaplan Birkfeld lachte. "Moment! Moment! Ich habe nicht ge¬sagt, dass es eine solche Messe geben wird! Es ist fürs erste nur eine Idee."

"Eine Superidee", tönte Irene. "Das müssen Sie unbedingt durchziehen."

"Die Verwirklichung meiner Idee hängt nicht allein von mir ab", sagte Kaplan Birkfeld.

Irene Wasner horchte auf. "Ist Pfarrer Lackinger etwa dage¬gen?"

"Sagen wir, er ist nicht richtig dagegen - aber auch nicht richtig dafür."

"Sollen wir Unterschriften sammeln, um ihn umzustimmen?", fragte Irene voller Eifer.

Der junge Kaplan schüttelte den Kopf. "Ihr braucht überhaupt nichts zu tun. Ich erledige das schon allein."

"Wenn Sie Hilfe brauchen", sagte Benjamin Veit, "auf Eustasius und mich können Sie jederzeit zählen."

"Und auf mich natürlich auch", beeilte sich Irene Wasner zu sagen. Beim Verlassen des Sportplatzes fiel ihr auf, dass Eustasius leicht hinkte. Sie sah ihn erschrocken an. "Bist du verletzt?"

Eustasius winkte ab und bemühte sich, normal zu gehen. "Nicht der Rede wert. Vinzenz hat den Ball verfehlt und meinen Knöchel getrof¬fen."

"Ach, herrje."

Eustasius zuckte die Achseln. "Kann vorkommen."

"Kannst du trotzdem Motorrad fahren?"

"Aber ja", antwortete Eustasius. "Der Knöchel ist ja nicht gebro¬chen."

"Bist du sicher?"

Eustasius lächelte. "Das würde mehr weh tun."

"Vinzenz ist ein Idiot", stieß Irene ärgerlich hervor.

"So was kann jedem passieren", verteidigte Eustasius den Sportsfreund. "Er hat es ja nicht mit Absicht getan."

"Wir wollten ein bisschen mit dem Motorrad spazieren fahren."

"Das werden wir, kein Problem", versicherte Eustasius ihr.

Kaplan Birkfeld ging zu seiner Maschine.

"Sollten wir etwas für Sie tun können", rief Eustasius Veit, be¬vor er sich den Sturzhelm mit dem getönten Visier aufsetzte, "lassen Sie es uns wissen."

"Ja, danke, mach' ich", gab Amadeus Birkfeld zurück und schwang sich auf sein Motorrad.

*

Kitty Lorenz hatte die bittere Erfahrung gemacht, dass Carsten Siebert immer besonders einfallsreich war, wenn er gekokst hatte. Da kamen ihm jedes Mal die widerlichsten und schmerzreichsten Ideen. Sie schluckte nervös.

Mädchen, mach dich auf was gefasst, dachte sie. Nachdem er sein Glas zum zweiten Mal geleert hatte, stellte er es auf den Tisch und ging zielstrebig ins Schlafzimmer.

Er kannte sich in ihrer Wohnung fast genauso gut aus wie sie. Kitty folgte ihm, obwohl sie lieber die Flucht ergriffen hätte. Aber das hätten ihr Siebert und Django verdammt übel genommen. Und die Folgen... An die wollte sie gar nicht denken.

Vielleicht lässt er sich irgendwie manipulieren, ablenken, auf ein weniger schmerzhaftes Gleis dirigieren. Er zog sich aus. Komplett. Einen schönen Anblick bot er nicht, und obwohl er das wusste, gab er sich ungemein selbstbewusst. Weil er sich einbildete, dass ihn das viele Geld, das er besaß, in höchstem Maße attraktiv machte.

Sie erkundigte sich nach seinen heutigen Wünschen. Er hatte jedes Mal andere. Und was er diesmal geboten bekommen wollte, gefiel Kitty zwar nicht, aber es war zum Glück nicht so schlimm wie das, was sie befürchtet hatte.

Aber leider blieb es nicht dabei. Carsten Siebert kam sehr schnell in Fahrt, und was er ihr dann antat, war schlimmer als alles, was sie bisher mit ihm erlebt und auszuhalten gehabt hatte.

*

"Eine Bikermesse?", fragte Sepp Kockinger, Bürgermeister, Bauun-ternehmer und Vorsitzender des Sportvereins von St. Sebastian.

Kaplan Birkfeld nickte.

"Hier bei uns?", fragte Kockinger. Sie befanden sich in seinem Büro.

Birkfeld nickte wieder.

"Keine schlechte Idee", sagte Kockinger und massierte sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger. "Da würden viele Menschen nach St. Sebastian kommen, und sie würden ein bisschen was von ihrem schönen Geld dalassen."

"Ich denke dabei nicht an Geld."

Der geschäftstüchtige Kockinger hörte bereits im Geist die Kasse klingeln. Er tat sehr viel für seine Gemeinde, vor allem dann, wenn es zu seinem Vorteil war. "Ich schon - natürlich nur zum Wohle von St. Sebastian", sagte er. "Sie und Pfarrer Lackinger kümmern sich um das Seelenheil der Biker - alles andere können Sie getrost mir überlassen. Überregionale Zeitungen, Radio, Fern¬sehen werden über unseren kleinen Ort berichten und ihn bekannt machen. Das wird die Zahl der Übernachtungen beträchtlich erhöhen. Sie waren in den letzten Jahren ohnedies stark rückläufig. Der Ge¬meinderat und ich zerbrechen uns seit Monaten den Kopf, wie wir unser Dorf attraktiver machen und neuen Schwung hineinbringen könnten. So eine Bikermesse würde uns endlich den langersehnten Aufschwung bringen. Viele Menschen essen viel und trinken viel, und wenn man klug ist und ihnen die Möglichkeit gibt, mit ihrem Geld ein wenig um sich zu schmeißen, tun sie's auch."

Kaplan Birkfeld machte kein sehr glückliches Gesicht. "Ich habe den Eindruck, wir reden aneinander vorbei, Bürgermeister. Ich spreche von einer Bikermesse, Sie von einer Volksbelustigung, die nur dem Zweck dient, den Menschen, die nach St. Sebastian kommen, so viel Geld wie möglich aus der Tasche zu ziehen."

"Was ist schlecht daran, wenn Menschen, denen es bei uns ge¬fällt, die sich bei uns wohlfühlen, ihr Geld hierlassen?", fragte Sepp Kockinger mit Unschuldsmiene.

"Wissen Sie noch, was Jesus mit den Händlern im Tempel gemacht hat?"

"Aber mein lieber Kaplan, Sie können uns doch nicht mit diesen üblen Geschäftemachern vergleichen", entgegnete Kockinger. "Der Fi¬nanzsäckel von St. Sebastian ist ziemlich leer. Dies soll gebaut, das muss repariert werden - jeden Tag bedrängt man mich mit neuen Forderungen. Mit zum Teil sehr berechtigten Forderungen, aber wo¬mit sollen all die anstehenden Arbeiten bezahlt werden?"

Amadeus Birkfeld war plötzlich nicht mehr so begeistert von seiner Idee. Hatte Pfarrer Lackinger irgendwie geahnt, welch un¬willkommene Kreise eine Bikermesse ziehen würde? Die Vision, die Sepp Kockinger ihm zeigte, gefiel auch ihm nicht. An allen Stra¬ßenecken Verkaufsstände. Zuckerwatte. Currygeruch. Frittierölge¬stank. Kitsch. Ramsch. Plunder. Weggeworfene Plastik¬becher. Zer¬brochene Glasflaschen. Weinende Kinder, die ihre Eltern verloren hatten...

Ganz St. Sebastian ein einiges großes lärmendes Volksfest. Und was war mit Gott?

"Wann soll das Fest - äh..., die Messe - denn steigen?", wollte der Bürgermeister wissen.

"Das Ganze ist über das Stadium einer Idee noch nicht hinaus", antwortete Amadeus Birkfeld zaghaft. "Bevor man die Vorbereitungen für eine so große Messe in Angriff nimmt, bedarf es reiflicher Überlegungen."

"Ich wette, die Bikermesse ist Ihnen eingefallen."

"Richtig."

"Und wie steht Pfarrer Lackinger dazu?", wollte der Bürgermei¬ster wissen.

"Nun ja..."

Sepp Kockinger nickte grimmig. "Er ist dagegen."

"Nun ja...", wiederholte sich der junge Kaplan.

"Pfarrer Lackinger ist ein alter, erzkonservativer, verstock¬ter Mann, ein Geistlicher alten Schlages. Das war so, ist so und muss immer so bleiben, lautet sein Dogma. Stimmt's oder hab' ich recht?"

"Die Kirche kann nicht jede Modetorheit mitmachen", erwiderte Kaplan Birkfeld.

"Aber sie muss sich nach den herrschenden Gegebenheiten orien¬tieren. Man reitet nun mal nicht mehr auf Eseln wie zu Jesu Zei¬ten. Man fährt heute auf Motorrädern. Vor allem die Jugend. Wenn Lackinger sie nicht verlieren will, muss er ihr was bieten: Jazz-, Rock-, Bikermessen. Das lockt die Jugend an. Das bringt ein volles Haus - äh..., eine volle Kirche, wollte ich sagen."

Amadeus Birkfeld erhob sich langsam. "Also ich wollte nur mal ganz grundsätzlich Ihre Meinung zu diesem Thema hören..."

Sepp Kockinger nickte heftig. "Ich bin dafür. Ich sage ja. Mit ei¬ner Bikermesse würde Pfarrer Lackinger unserem schmucken Ort einen ganz großen Gefallen erweisen. Sagen Sie ihm das. Sagen Sie ihm, er soll über seinen Schatten springen und einmal im Leben mo¬dern denken."

Das werde ich ihm nicht sagen, dachte der junge Kaplan. Warum soll ich mich mit ihm verfeinden? Er reichte dem Bürgermeister die Hand.

"Also dann", sagte er. "Auf Wiedersehen."

"Ich werde die Angelegenheit im Auge behalten. Sollte sich Hochwürden zu keiner positiven Entscheidung durchringen können, werde ich ihm ein wenig ins Gewissen reden. Ich hab' schon viele Dickschädel überzeugt."

*

Carsten Siebert nahm Kitty mit unvorstellbarer Kraft. Er schien sie zerstören, vernichten zu wollen, schwitzte, keuchte, fluchte, war völlig von Sinnen.

Das hatte nichts mit extravagantem Sex oder irgendwelchen ausgefallenen, überdrehten, schrillen, infantilen, verrückten oder bizarren Liebesspielchen zu tun.

Hier dominierten ausschließlich grausame Brutalität und rohe Gewalt. Der Freier liebte Kittys Körper nicht. Er hasste ihn. Hasste ihn so sehr, dass er ihn komplett verwüsten wollte.

Er tobte auf und in ihr. Sie hielt es schon fast nicht mehr aus, und als er auch noch anfing sie zu würgen, dachte sie, ihre letzte Stunde wäre gekommen.

Seine Hände lagen wie Stahlklammern um ihren Hals. Sie bekam keine Luft. Ihr Herz raste. Panik schoss in ihr hoch und explodierte in ihrem Kopf.

Sie war blind vor Todesangst und wusste nicht mehr, was sie tat, wehrte sich, schlug wie toll um sich, versuchte sich von den würgenden Händen zu befreien, schaffte es aber nicht.

Luft. Luft. Luft...

Es war entsetzlich, nicht atmen zu können. Kittys Lungenflügel brannten, als hingen sie in kochendem Öl. Die Schmerzen in ihrer Kehle konnten nicht furchtbarer sein.

Die Einundzwanzigjährige lehnte sich mit ersterbender Kraft verzweifelt gegen das unvermeidliche Ende auf, schien es aber trotz aller Bemühungen nicht verhindern zu können.

Plötzlich spürte sie etwas Hartes zwischen ihren Fingern. Schwer und klobig. Ein Marmoraschenbecher war es, der sich auf dem Nachttisch befunden hatte.

Ohne zu überlegen schlug sie damit zu. Einmal, zweimal, dreimal... Sie wusste nicht, wie oft. Auf jeden Fall so lange, bis sie endlich, endlich wieder Luft bekam...

*

Sie schlenderten, von Schmetterlingen umtanzt, von Bienen um¬summt, einen Feldweg entlang. Die Erde war trocken. Es hatte lange nicht geregnet. Zu ihrer Rechten befand sich ein unwegsamer Mischwald. Links reichte ein Maisfeld bis an die Landstraße, auf der sie hergekommen waren. Die Pflanzen waren noch sehr klein.

"Wie geht es deinem Knöchel?", fragte Irene Wasner.

"Tut kaum noch weh", antwortete Eustasius Veit, und er humpelte auch nicht mehr.

"Das ist schön."

Wie immer, wenn Eustasius mit ihr allein war, war er schrecklich schüchtern und gehemmt. Er wagte sie kaum anzusehen und schon gar nicht zu berühren. Wenn seine Hand mal ganz zufällig die ihre streifte, zuckte er zusammen, als hätte er sich verbrannt, und manchmal murmelte er eine verlegene Entschuldigung. Er hätte sich am liebsten kräftig geohrfeigt. Wieso war er bei Irene so ein großer Trau-mich-nicht? Bei anderen Mädchen war er zwar auch nicht gerade ein toller Draufgänger gewesen, aber die hatte er sich wenigstens mal zu küs¬sen getraut. Bei Irene war ihm das unvorstellbar. Er mochte sie sehr, und er wusste nicht, wie sie auf seinen Annäherungsversuch reagiert hätte. Er wollte sie nicht verschrecken, wollte sie nicht verlieren. Es knisterte zwischen ihnen zwar immer mächtig, aber es funkte nie - und das war seine Schuld. Er wusste es, doch er war nicht im¬stande, es zu ändern. Wenn Irene ihm doch nur mal ein unmissver¬ständliches Zeichen gegeben hätte. Manchmal glaubte er, sie akzep¬tierte seine Freundschaft nur, weil er eine Kawasaki hatte.

"Sie liebt dich", hatte kürzlich sein Bruder zu ihm gesagt.

"Glaubst du?", hatte er unsicher erwidert.

Benjamin hatte gelacht. "Hör mal, das sieht doch ein Blinder."

"Wieso sehe ich es dann nicht?", hatte Eustasius gefragt.

"Weil du noch blinder als blind bist. Nimm sie in die Arme und küsse sie."

"Dann knallt sie mir eine, und ich bin sie los", hatte Eustasius ängstlich erwidert.

"Blödsinn, die wartet doch nur darauf, von dir geküsst zu wer¬den. Ich habe für so etwas einen Blick."

"Und was ist, wenn du dich irrst?", hatte Eustasius bang gefragt.

"Ich irre mich ganz bestimmt nicht. Wenn du sie nie zu küssen versuchst, wird sie denken, du magst sie nicht besonders, und dann wird sie sich einem andern zuwenden."

Eustasius saß ganz schön in der Zwickmühle. Hatte sein Bruder recht? Wartete Irene wirklich darauf, dass er sie küsste?

"Wieso siehst du mich so merkwürdig an?", fragte Irene in die¬sem Augenblick.

Er erschrak. "Entschuldige."

Irene schmunzelte. "Hundert Euro für deine Gedanken."

"Hundert Euro? Wieso hun..."

"Woran hast du soeben gedacht?", fragte Irene.

Angst schnürte ihm die Kehle zu, und sein Herz raste wie ver¬rückt. Er hätte nie und nimmer die Wahrheit herausgebracht. "An die Bikermesse", log er mit krächzender Stimme. "Ich finde, das ist eine fantastische Idee. Was meinst du, was für geile Öfen wir zu sehen kriegen, wenn es tatsächlich zu einer solchen Messe kommt."

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass daraus etwas wird."

"Wieso nicht?", fragte Eustasius. Sein Herzschlag normalisierte sich allmählich wieder.

"Pfarrer Lackinger ist ein alter Mann", sagte Irene, während ihr Blick über das große Maisfeld wanderte.

"Na und? Wenn ganz St. Sebastian so eine Bikermesse haben will, wird er sie uns nicht verwehren."

"Ganz St. Sebastian." Irene sah Eustasius kopfschüttelnd an. "Die Läster-Schwestern sind bestimmt nicht damit einverstanden. Die sind ja immer gegen alles. Genau wie Antonia Brunnfeller. Und die alte Anastasia Moosbacher wird einer Bikermesse auch nicht zustimmen."

"Die alte Moosbacher hat keine eigene Meinung. Die sagt bloß das, was ihr spinnerter Sohn sagt."

Irene nickte. "Wenn also er gegen eine Bikermesse ist, ist sie's auch."

"Er wird nicht dagegen sein", sagte Eustasius überzeugt.

"Und wieso nicht?"

"Sigi Moosbacher hat eine Drogerie", erklärte Eustasius. "Er ist Ge-schäftsmann, kennt sich in vielen Mixturen aus, und die wird er zu einem guten Preis an die vielen Biker verscherbeln, die nach St. Sebastian kommen. Denkst du, der lässt sich ein solches Ge¬schäft entgehen?"

Sie blieben stehen. Jetzt nimm sie, zieh sie zu dir und gib ihr einen Kuss mitten auf den Mund!, forderte ihn eine innere Stimme auf, aber er getraute sich nicht.

"Kehren wir um?", fragte Irene.

"Wenn du möchtest."

"Ich denke an deinen Knöchel", sagte Irene sanft.

"Ach, kümmere dich nicht um den."

"Du musst ihn schonen", meinte Irene fürsorglich.

Er grinste verwegen. "Nur die Harten kommen durch."

"Warum müssen Männer immer Helden spielen?"

"Wir spielen sie nicht, wir sind sie", sagte er, und die ver¬flixte Stimme in ihm lachte ihn schallend aus. Während der Rück¬fahrt genoss er Irenes Nähe. Himmel, war das schön, wie sie ihn umklammerte, wie sie sich an ihn schmiegte. Er hätte schreien mö¬gen vor Glück.

*

Kitty Lorenz hustete, keuchte, ächzte, schluchzte und pumpte gierig Luft in sich hinein. Es war fürchterlich, nicht atmen zu können, ersticken zu müssen.

So etwas wollte sie nie wieder erleben. In ihrer Kehle brannte ein unvorstellbarer Schmerz. Sie ließ den Aschenbecher fallen. Ihren Retter in allerhöchster Not. Er polterte auf den Boden. Dann war es still. Totenstill.

Warum? Weil... Sie wagte den Gedanken kaum zuzulassen. Weil Carsten Siebert... Weil der tobsüchtige Freier nicht mehr lebte? Er lag auf ihr. Schwer wie ein gestürztes Pferd, das seinen Reiter unter sich begraben hat. Schwer, nackt und tot!

*

"Ein Bikertreffen? In St. Sebastian? Das lassen wir nicht zu, da gehen wir auf die Barrikaden!", sagte Ida Fellmann, die Beamten¬witwe mit guter Pension, bissig.

"Auf die Barrikaden! Sehr richtig!", nickte Ernestine Brixinger, ihre Schwester.

Wegen ihrer scharfen Zungen wurden sie die Läster-Schwestern ge¬nannt, und sie waren im ganzen Ort herzlich unbeliebt, weil sie in alles ihre Nase hineinsteckten und in jeder Suppe ein Haar fanden. Nichts passte ihnen, und wenn alle dafür waren - egal wofür -, waren sie dagegen. Aus Prinzip. Man konnte ihnen nachsagen, was man wollte - mit den Wölfen hatten sie noch nie geheult, und sie hielten mit ihrer Meinung auch niemals hinter dem Berg. Sie sag¬ten, was ihnen nicht gefiel (es war eine ganze Menge), ohne Rück¬sicht auf Verluste.

"Man wäre in St. Sebastian seines Lebens nicht mehr sicher", malte Ida Fellmann eine düstere Zukunftsvision.

"Vandalen und Rowdys würden in unseren schönen Ort einfal¬len", setzte Ernestine Brixinger noch eins drauf.

"Überall würden diese bärtigen, langhaarigen Ungeheuer herum¬lungern und uns auf Schritt und Tritt belästigen", zischte Ida Fellmann.

"St. Sebastian würde nicht mehr uns gehören", behauptete Ernestine Brixinger.

Ida Fellmann streckte die Faust hoch und rief kriegerisch: "St. Sebastian den St. Sebastianern!"

"Jawohl!", stimmte Ernestine Brixinger ihrer Schwester zu.

"Ich bin sicher, diese Bikermesse ist auf Kaplan Birkfelds Mist gewachsen."

"Auf wessen Mist denn sonst?", sagte Ernestine Brixinger.

"Wie hast du's eigentlich erfahren?", wollte Ida Fellmann wis¬sen.

"Ich war im Rathaus, wollte mich beim Bürgermeister beschwe¬ren, weil ich den Geruch, den die Pizzeria 'Don Dino' verbrei¬tet, als aufdringlich und belästigend empfinde..."

"Sehr richtig", stimmte Ida Fellmann der Schwester sofort zu, und es funkelte böse in ihren verschlagenen Augen. "Das machen die Dinos mit Absicht, um Gäste anzulocken." Ihre Miene verfin¬sterte sich. "Keiner schafft es, mit leerem Magen an dieser Pizze¬ria vorbeizugehen. Das Wasser läuft einem im Mund zusammen, und man wird vor Hunger fast ohnmächtig, wenn einem dieser penetrante Geruch in die Nase steigt. Ich habe das schon selbst erlebt. Warum hast du nichts gesagt? Ich wäre mit dir zum Bürgermeister gegan¬gen. Dann hätte deine Beschwerde doppeltes Gewicht gehabt."

"Wir reden mit Sepp Kockinger über dieses Problem, wenn er seine nächste Sprechstunde hat", erwiderte Ernestine Brixinger.

"Du wolltest also zum Bürgermeister..."

"Aber er hatte Besuch vom Kaplan", sagte Ernestine Brixinger.

"Und da hast du an der Tür gelauscht."

"Gelauscht kann man nicht sagen. Die beiden haben so laut ge¬sprochen, dass ich mein Ohr nicht einmal an die Tür zu legen brauchte, um jedes Wort zu verstehen. Ihr Gespräch hat sich mir förmlich aufgedrängt."

"Wie der Geruch der Pizzeria", sagte Ida Fellmann.

"Genau."

Ida Fellmanns Augen verengten sich. "Der Bürgermeister ist na¬türlich für die Bikermesse."

"Er war sofort Feuer und Flamme."

"Er wird das Ganze zu einem riesigen Jahrmarkt ausbauen", pro¬phezeite Ida Fellmann. "Ohne Rücksicht auf Verluste."

"Hauptsache der Rubel rollt." Ernestine Brixinger rümpfte die Nase, als würde etwas ganz entsetzlich stinken.

"Ja, vor allem in seine Tasche", sagte Ida Fellmann giftig.

"St. Sebastian wird in diesem fürchterlichen Rummel untergehen."

"Aber das ist unserem Herrn Bürgermeister schnurzpiepegal", wetterte Ida Fellmann hitzig.

"Man sollte sich bei der nächsten Wahl daran erinnern", sagte Ernestine Brixinger hart.

"Ich habe ihn sowieso nicht gewählt", erklärte Ida Fellmann.

"Ich auch nicht."

"Weil ein Mann wie Sepp Kockinger nicht wählbar ist", behauptete Ida Fellmann.

"Du sagst es."

"Hast du dir schon überlegt, was wir unternehmen könnten?", fragte Ida Fellmann ihre Schwester.

"Erst mal sollten wir in St. Sebastian Stimmung gegen die Bikermesse machen."

"Und dann?", fragte Ida Fellmann.

"Dann machen wir Pfarrer Lackinger die Hölle heiß", sagte Ernestine Brixinger, und es hätte wohl niemanden gewundert, wenn ihr Speichel ätzend wie Schwefelsäure gewesen wäre.

*

O mein Gott!, schrie es in Kitty Lorenz. Carsten Siebert ist tot. Ich habe ihn erschlagen, bin eine Mörderin. An meinen Händen klebt das Blut meines Freiers. Dass er total ausgerastet ist und mich in seiner pervertierten Rage umbringen wollte, nimmt die Schuld nicht von mir. Ich habe das Leben eines Menschen auf dem Gewissen. Egal, was er getan hat, ich habe ein Kapitalverbrechen verübt. Mord ist ein Kapitalverbrechen. Dafür kriege ich lebenslänglich.

"Notwehr", meldete sich eine Stimme in ihr. "Das war kein Mord, sondern Notwehr. Du hast nur um dein Leben gekämpft. Das darfst du. Das darf dir niemand verwehren. Jeder hat das Recht, sich zu verteidigen. Wenn es hoch kommt, wird der Ankläger auf Notwehrüberschreitung plädieren. Oder auf Notwehr mit Todesfolge. Dafür kommst du nicht ins Gefängnis."

Doch Kitty glaubte der Stimme nicht. Lebenslang hinter Gittern – so sah sie sich. Zentnerschwer lastete der unbekleidete Körper des reichen Freiers auf ihr.

Sie drückte ihn angewidert zur Seite, kämpfte sich mühsam unter ihm hervor und richtete sich auf. Blut. Sieberts Hinterkopf war voller Blut. Das Bettzeug auch.

Ich habe ihm den Schädel eingeschlagen, dachte Kitty. Einerseits sagte sie sich, dass er das mehr als verdient hatte, andererseits war sie unsäglich verzweifelt, weil sie es getan hatte und jetzt mit ganz schlimmen Konsequenzen zu rechnen hatte.

Als sie sah, dass auch ihre Hände blutig waren, ekelte sie sich vor sich selbst, rannte ins Bad und duschte eine gefühlte Ewigkeit lang. Am liebsten wäre sie überhaupt nicht mehr aus der Duschkabine herausgekommen.

Sie weinte, zitterte, war ratlos. "Was mache ich jetzt bloß?", jammerte sie. "Was soll ich tun? Die Polizei anrufen? Zuerst mit Django reden? Er wird mich ganz fürchterlich verprügeln, weil durch meine Schuld diese großartige Einnahmsquelle nicht mehr sprudelt. Ich habe sie zum Versiegen gebracht. Mit einem Marmoraschenbecher."

*

Irene Wasner stieg von der Kawasaki. "Danke."

"Wofür denn?", fragte Eustasius Veit. Er spürte noch ihre Umar¬mung, und wie sie sich an ihn geschmiegt hatte. Dieses Mädchen war etwas Besonderes. Wenn er doch bloß nicht so feige gewesen wäre. Sie hatte ihren Sturzhelm abgenommen. Er nahm seinen auch ab. War jetzt vielleicht ein flüchtiger Abschiedskuss drin? Vor dem Haus, in dem sie wohnte? Er stieg ebenfalls von der Maschine.

"Fürs Mitnehmen", sagte Irene.

"Hab' ich doch gern getan. Wenn du möchtest, fahre ich morgen wieder mit dir spazieren."

"Cool." Irene strahlte ihn begeistert an.

"Ich - ich bin gern mit dir zusammen, Irene."

"Ich mit dir auch, Eustasius", gab sie zu. "Und ich sitze irrsin¬nig gerne auf einem Motorrad. Das ist 'ne Riesenmacke, ich weiß, und das verrückteste daran ist, dass ich nicht einmal genau sagen kann, wieso ich auf Bikes so total abfahre. Es macht mir ein¬fach wahnsinnigen Spaß, auf einer Maschine durch die Gegend zu kurven."

Details

Seiten
180
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903621
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (September)
Schlagworte
priester sünderin heimat-krimi

Autor

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Titel: Der Priester und die Sünderin: Heimat-Krimi