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In den Dünen von Ho: Krimi

2016 150 Seiten

Leseprobe

HORST BIEBER

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In den Dünen von Ho

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Kriminalroman

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Pixabay mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Ulf Kamberg kommt von einer Dienstreise nach Hause, seine Frau Karin ist verschwunden, in ihrer Ehe kriselt es allerdings schon lange. Zur gleichen Zeit beginnen ihn Unbekannte aus unbekannten Gründen zu verfolgen, sie scheinen auf der Suche nach einer „Sache“ zu sein, die sie in Kambergs Besitz vermuten. Und sie wollen diese „Sache“ unbedingt haben...dass sie nicht ungefährlich sind und wenig Skrupel besitzen, wird sehr schnell allen Beteiligten klar.

Personen

Ulf Kamberg: Ingenieur

Albrecht Stehling: Kambergs Chef

Karin Kamberg, geborene Schünemann: Ulfs Frau

Helga Schünemann: Kambergs Schwägerin

Imke Schünemann: Kambergs Schwägerin

Ingrid Teufel: Kambergs Sekretärin

Sabine Mähl: Eine Bekannte Kambergs

Roland Weinrich: Kriminaloberkommissar

Gudrun Schwarzkopf: Apothekerin

Wolfgang Zöller: Psychotherapeut

Hans-Joachim Zöller: Wolfgangs Bruder

Djuna Kosyrew: Dolmetscherin

Christa Henseler: Haushaltsperle

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Alle Namen und Taten, Personen und Ereignisse, Geschäfte und Organisationen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Erstes Kapitel

Minutenlang schwebte er zwischen Wachen und Schlafen, ganz erfüllt von dem fernen Brausen, das mit seiner Gleichförmigkeit den immer noch Schlaftrunkenen einlullte. Er wusste nicht, wo er war, und es beunruhigte ihn nicht einmal. Dann begann alles ganz schwach zu zittern und zu schwanken, er schüttelte die Benommenheit ab und richtete sich vorsichtig auf. Die Kabine war dunkel, die anderen Passagiere schliefen noch. Die Maschine hatte die Turbulenz durchquert und lag wieder ruhig wie ein Brett. Ein Uhr, er rechnete, sechs Stunden Zeitunterschied. In knapp drei Stunden mussten sie in Frankfurt landen, und als er behutsam die Sonnenblende einen Spalt hochschob, drang ein blendend heller Strahl herein. Drei Stunden, das hieß Kanarische Inseln oder schon nördlich davon. Plötzlich hatte er es eilig, nach Hause zu kommen. Das war schon immer so gewesen, unangenehme Dinge brachte er gern rasch hinter sich, und manchmal sah es aus, als fiebere er Auseinandersetzungen förmlich entgegen.

Die Stewardess lächelte ihm zu, während sie das Frühstück servierte. Am Abend hatten sie sich unterhalten, sie war aus einer deutschstämmigen Familie und amüsierte sich über sein eingerostetes Portugiesisch, witzig und selbstbewusst, eine echte Brasilianerin. Ihr Deutsch war so perfekt, dass er ihr auf den Kopf zusagte, sie habe es irgendwo zwischen Köln und Düsseldorf gelernt oder aufgefrischt.

Beim Aussteigen hielt sie ihm die Hand hin: „Mehr üben! Das nächste Mal höre ich die unregelmäßigen Verben ab.“

„Vielen Dank. Das wird dann ein noch angenehmerer Flug.“

Passkontrolle, ein misstrauischer Blick auf sein Handgepäck, unfreundliches Winken: Oh ja, Deutschland hatte ihn wieder. Direkt hinter der Ticket-Kontrolle wartete sein Fahrer auf ihn, doch diesmal lachte er nicht breit, sondern machte ein ernstes, fast bedrücktes Gesicht.

„Guten Morgen, Krause.“

„Guten Tag, Herr Kamberg.“

„Was ist los? Sie sehen aus, als hätten Sie Zahnschmerzen.“

„Nein, nein, nur ... Sie sollen bitte sofort Frau Henseler anrufen, es ist wichtig.“

„Wie bitte?“ Christa Henseler machte dreimal die Woche in ihrem Haus im Taunus sauber, er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum er sie dringend anrufen sollte.

„Es ist ... es geht ... also, wegen Ihrer Frau.“

Krause war ein herzensguter Mensch, pünktlich, zuverlässig und immer gut gelaunt, aber manche Sachen musste man ihm zweimal ganz langsam erklären, und deswegen nickte Kamberg nur: „Mach' ich, danke.“

Sie holten das Gepäck vom Band, Krause pfiff schon wieder leise vor sich hin und legte auf der Autobahn los. Was sollte das heißen: Wegen Karin? Achselzuckend griff er nach den Zeitungen, die auf dem Nebensitz lagen, darunter schimmerte natürlich einer dieser verhassten grauen Aktendeckel mit rotem Rand hervor: Wichtig und eilig. Oh ja, auch die Firma hatte ihn wieder.

Seine Sekretärin, so verschlossen wie tüchtig, schien sich ehrlich zu freuen, dass er wieder im Lande war. Im letzten Moment hatte er daran gedacht, für sie etwas zu besorgen, die beiden Ketten waren nicht kostbar, aber lustig, aus bunten, glattpolierten Steinen und Halbedelsteinen. Für Teufelchen vielleicht eine Spur zu jugendlich; sie hieß Ingrid Teufel und konnte entzückend süßsauer grienen, wenn er sie Teufelchen nannte.

„Vielen Dank, Herr Kamberg.“

„Gern geschehen.“ Er wusste, dass sie Mühe hatte, Gefühle zu zeigen, und schmunzelte aufmunternd: „Irgendetwas Neues, das ich sofort wissen müsste?“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Nur Frau Henseler hat heute morgen angerufen, Sie möchten sich bitte sofort bei ihr melden.“

„Gibt es einen bestimmten Grund?“

„Mir hat sie nichts sagen wollen.“

Mühsam blieb er ernst; Teufelchen war beleidigt, weil er keine Geheimnisse vor ihr hatte, und nun meinte seine Putzhilfe, die rechte Bürohand dürfe nicht alles erfahren.

„Okay, dann rufe ich mal an.“

„Herr Stehling wartet auf Sie.“

„Dann muss ich ja wohl springen.“

Stehling hockte völlig erschöpft hinter seinem riesigen Schreibtisch, und als Kamberg die Tür hinter sich zuzog, hob sich eine Menge Papier sacht in die Höhe, zögerte und flatterte wieder zurück. In dem Aschenbecher verglühte eine riesige Havanna.

„Na, wie war's?“ wedelte er müde mit einer Hand.

„Beschissen. Nichts erfahren, keine präzisen Auskünfte, um so mehr Vertröstungen. Überall Krise. Außer Spesen nichts gewesen, ich seh' schwarz für uns.“

„Göhlen hat auch schon per Fax gejammert. Ich sitze seit einer Woche über diesem Schema, und es haut nicht hin. Am besten machen wir den ganzen Laden dicht.“

„Wo hängt Ihr schwarzer Anzug?“

„Schwarzer Anzug?“

„Wenn er Konkurs anmeldet, zieht der ordentliche Kaufmann einen schwarzen Anzug an.“

„Bloß keine Witze, das hat mir noch gefehlt.“

„Okay, wenn ich ausgeschlafen bin, fällt mir auch wieder was Besseres ein. Was soll das übrigens heißen, dass Samthaber gekündigt hat?“

„Geht zur schmutzigen Konkurrenz, zu Jaenisch. Mit Prokura.“

„Ja, das hab' ich schon gelesen. Aber warum?“

„Im Vertrauen: Er ist mit dem Herrgott zusammengerasselt. Wegen dieses Verfahrens in Penang. Kühn hatte mal wieder was läuten gehört, aber nicht vollständig, und hat Samthaber angetönt. Der reagierte sauer, zu Recht übrigens, und hat Jaenisch angerufen.“

„Prächtig. Und wer übernimmt nun Samthabers Job?“

„Kennen Sie niemanden in der Firma?“

„Ich bin kein Personalschieber. Wenn ich mich aber richtig erinnere, haben wir schon vor Monaten vorgeschlagen, einen Vertreter für Samthaber bereitzuhalten.“

„Weiß ich, weiß ich doch. Gott beschütze uns vor Vorstandsvorsitzenden, Aufsichtsräten und Aktionären. Übrigens scheint Samthaber schlauer gewesen zu sein, als wir dachten. Seit er gekündigt hat, will Courtland Chemical das Gegenstrom-Verfahren nicht mehr verkaufen.“

„Ach du meine Güte!“ Er setzte sich und starrte seinen Chef an, nicht wirklich aufgebracht, aber voll hilflosen Ärgers. Ein überheblicher, fast immer über den Wolken schwebender Vorsitzender hörte etwas, meinte, den großen Boss spielen zu müssen, und verbiesterte einen wichtigen Mann, der sie nun an einer schmerzhaften Stelle traf. Wenn Samthaber wirklich die Lizenz für Jaenisch sicherte! Was man jetzt erst einmal feststellen musste, und das hieß, dass er – verdammt, er war gerade aus Brasilien zurückgekommen, er hatte keine Lust, morgen nach Detroit zu fliegen, wofür hatten sie eine Abteilung „Lizenzen und Patente“, sollten diese Burschen doch endlich einmal was für ihre großen Gehälter tun.

Stehling schnaufte: „Schlafen Sie erst einmal aus.“

„Aber nicht im Flugzeug! Nicht nach Detroit! Das kann Petermann erledigen.“

„Petermann hat keine Zeit, er verhandelt mit der EU in Brüssel.“

„Immer noch? Will er dort sesshaft werden?“

„Sie kennen doch europäisches Tempo.“

„Sicher. Aber ich sehe nicht ein, dass ein Abteilungsleiter antichambriert und Memoranden verteilt, das kann unsere Brüsseler Vertretung besser und billiger.“

„Regen sie sich nicht auf! Petermann hat Angst vor Detroit und drückt sich mit aller Macht. Das ist die simple Wahrheit ...“

„... die hier bloß keiner aussprechen will.“

„Geschenkt!“ Stehling rieb sich die Augen. „Telefonieren Sie wenigstens mit Ihrem Freund bei Courtland Chemical, mit diesem Verrückten, der immer so schauerliche Witze erzählt, Sie wissen schon.“

„Ja, ja.“ Er seufzte, nicht empört, eher deprimiert. Feuerwehr – immer häufiger durften sie Feuerwehr spielen. Der Laden war zu groß geworden, als sie Reikender übernahmen, seit drei oder vier Jahren fehlte der alte, innere Zusammenhalt. Warum musste er, nur weil er zufällig drüben einen Mann ganz gut kannte, für eine andere Abteilung die Kastanien aus dem Feuer holen? Aber wehe, sie mischten sich bei anderen Sachen ein! Dann brach der große Aufstand los!

„Okay, ich rufe an. Aber der Petermann kriegt von mir was zu hören, das sich gewaschen hat.“

„Nutzt nichts, Ulf. Petermann beweist nur Peters Principle.“ Wenn Stehling besonders gut Laune hatte oder besonders niedergeschlagen und gereizt war, redete er seinen Stellvertreter mit Vornamen an, es war eine Art Signal, das man besser nicht überhörte. Und das mit dem Peters-Prinzip stimmte; Petermann war eine Stufe über seine Kompetenz und Fähigkeit hinaus befördert worden. Firmentreue zahlte sich aus, allerdings nicht immer für das Unternehmen.

„Ich bin jetzt zwölf Jahre in diesem Geschäft und habe immer noch nicht gelernt, wo die Grenzen verlaufen.“ Stehling lächelte dabei sehr melancholisch, aber Kamberg hatte die Warnung verstanden.

Jonathan Webster erzählte in der Tat gerne fürchterliche Witze, verzapfte dumme Sprüche am laufenden Meter und vermied peinlich, sich konkret über die Lizenz für das Gegenstrom-Verfahren zu äußern. Aber wer nicht auf seinen Ohren saß, musste mitbekommen, dass sie ein anderes Angebot vorliegen hatten oder mit einer anderen Firma verhandelten. Ganz beiläufig erwähnte Kamberg, dass es ihnen natürlich leid täte, wenn ihnen die Lizenz durch die Lappen gehen sollte, zumal sie ja einen ordentlichen Preis dafür zahlen wollten. Andererseits wäre es auch kein Beinbruch, weil sie eine Versuchsserie mit dem Hochdruck-Katalyse-Verfahren laufen hätten, und die ersten Ergebnisse seien recht ermutigend. Worauf Webster lachte und gemütlich vorschlug, ihre Erfahrungen auszutauschen.

„Eine gute Idee“, schlug Kamberg vor, hörbar gelangweilt. „Natürlich haben wir etwas Last mit den Verdichtern, aber dafür haben wir den Wärme-Rücktauscher hingekriegt, und aufheizen müsst ihr das Gas ja auch.“

„Gasfester Wärmeaustauscher? Was nehmt ihr? Reines Gold?“

„Platin“, konterte Kamberg trocken. „Und eine Spur Keramik.“ Webster prustete los, aber längst nicht mehr so fröhlich wie zu Anfang: „Wir sollten uns mal länger unterhalten.“

„Gerne, jederzeit. Wann kommst du mal wieder nach Europa?“

„Nach Europa?“ Am anderen Ende herrschte einen Moment Schweigen, und Kamberg hoffte, dass es Verblüffung war, Verblüffung darüber, dass Ulf Kamberg es gar nicht eilig hatte, wegen der Gegenstrom-Lizenz in die Vereinigten Staaten zu fliegen. „In der nächsten Woche, Ulf, doch, ja, in der nächsten Woche. Bis dann.“

Natürlich hatte Teufelchen längst von dem Ärger wegen Samthaber und der Lizenz gehört. Auf verschlungenen Wegen erfuhr sie immer mehr, als Kamberg sich vorstellen konnte, und nachdem er ihr den Aktenvermerk diktiert hatte, sah sie ihn mit glänzenden Augen an: „Stimmt das mit dem Wärmetauscher?“

„Offiziell wissen Sie von gar nichts, Teufelchen. Inoffiziell plagen wir uns mit diesem verdammten Verfahren schon seit zwei Jahren herum. Deswegen sind wir ja auch so scharf auf die Cortland-Lizenz.“

„Mit Ihnen möchte ich nicht pokern.“

„Das käme auf den Einsatz und den Spielort an.“

Ein undefinierbarer Blick streifte ihn, Teufelchen konnte aus großen, dunklen Augen neugierig und zugleich auffordernd dreinschauen, in der nächsten Sekunde war sie wieder ganz dienstlich:

„Ich habe leider auch eine unangenehme Nachricht für Sie.“

„Während Sie in Brasilien waren, hat mich ein Mann aus dem Bundeskriminalamt besucht und wollte von mir Informationen über Sie einholen.“

„Ach nee. Was habe ich ausgefressen?“

Er war sehr an Ihren Freundinnen interessiert. Vor allem an einer Djuna, einer Dolmetscherin.“

„Was wirft man ihr beziehungsweise mir denn vor?“

„Das habe ich nicht aus ihm herausbekommen.“ Es ärgerte sie hörbar. Teufelchen mochte es nicht, wenn man ihr etwas verschwieg. „Ich habe ihm gesagt, dass Sie ab heute wieder in der Firma seien, er solle noch einmal vorbeikommen und Sie selbst direkt fragen.Das hat ihm nicht gefallen. Ich sollte Ihnen bitte nichts von seinem Besuch erzählen.“

„So? Verrückt.“

„Wollen wir Brasilien gleich erledigen?“

„Am heiligen Freitagnachmittag?“

„Besser zu spät ins Wochenende als zu Wochenbeginn in Arbeit ertrinken.“

Während er den Misserfolg seiner zehntätigen Reise möglichst knapp und möglichst deutlich formulierte, überlegte er nicht zum ersten Mal, was Teufelchen wohl von ihm halten mochte. Auf ihre Loyalität konnte er sich verlassen, aber dass sie ihm immer ihre ehrliche Meinung sagen würde, wagte er zu bezweifeln. Djuna zum Beispiel gefielt ihr nicht. Aber das hatte sie nie offen ausgesprochen.

„Ach, eine Frage noch, Teufelchen: Sie haben doch Kersten gekannt?“

„Natürlich“, entgegnete sie erstaunt. „Ich habe sogar ein Jahr für ihn gearbeitet, bevor er verunglückt ist.“

„Weiß man eigentliches Genaueres über seinen Tod?“

„Genaueres – nein. Er ist mit so einem riesigen Schnellboot rausgefahren, und man vermutet, dass sich das Boot auf einer Welle überschlagen hat. Jedenfalls sind nur Trümmer gefunden worden.“

„Nur Trümmer?“

„Seine Leiche wurde später angeschwemmt. Kilometerweit vom Hafen entfernt. Und einen Kilometer von ihm entfernt die Leiche einer jungen Frau, die wohl mit ihm auf dem Boot war. So viel ich weiß, ist sie nie identifiziert worden.“ Sie klappte den Block zu und stand auf: „Sind Sie nicht müde?“

„Doch, ich fahr' gleich nach Hause.“

„Vergessen Sie nicht, vorher Frau Henseler anzurufen.“

„Na schön, dann verbinden Sie mich mal!“

Das Gespräch ließ auf sich warten; er fuhr geistesabwesend mit der Hand über den schon wieder knisternden Bart. Im Flugzeug hatte er sich nur flüchtig rasiert; er freute sich auf eine heiße Dusche.

„Guten Tag, Herr Kamberg, hier ist Christa Henseler.“

„Guten Tag, Frau Henseler.“

„Herr Kamberg, ich muss Sie unbedingt sprechen.“

„Ja, gerne.“

„Es geht um – um Ihre Frau.“

„Was ist mit Karin?“

„Als ich am Montag zum Putzen in Ihr Haus kam, habe ich einen Zettel von ihr gefunden. Sie wäre verreist und würde noch am Mittwoch, spätestens aber am Donnerstag zurückkommen. Mittwoch war sie nicht da, und als ich heute morgen in Ihr Haus kam, lag der Zettel noch immer da.“ Sie holte tief Luft. „Ich fange an, mir Sorgen zu machen, Herr Kamberg.“

„Ja, vielen Dank,“ sagte er müde. „Frau Henseler, ich fahre jetzt aus der Firma los.“

Krause hatte wieder sein fröhliches Alltagsgesicht aufgesetzt, summte vergnügt und ahnte auf der Schnellstraße jede Lücke, noch bevor sie sich auftat. Und auf den Steigungen in den Taunus hoch machten sich eben die vielen Pferde deutlich bemerkbar, die unter der Haube des Dienstwagens steckten.

Das Haus war verschlossen und leer, er stellte seine Koffer ab und las in der Diele den Zettel, den Karin für Christa Henseler hingelegt hatte. Am Telefon hatte er nicht sagen wollen, dass er ganz froh darüber war, seiner Frau nicht zu begegnen, und in den zwei Jahren, die sie hier wohnten, hatte sich Karin oft tagelang irgendwo herumgetrieben. Dass sie über mehrere Nächte wegblieb oder für einige Tage verschwand, war allerdings selten. Doch wenn er ehrlich war – es interessierte ihn so wenig wie es ihn beunruhigte.

Warum er schließlich doch in ihre Zimmer schaute, wusste er nicht. Sorge war es jedenfalls nicht, allenfalls Neugier, nachdem er kurz gerechnet hatte und zu dem Ergebnis gekommen war, dass er seit über zwölf Monaten Karins Räume nicht mehr betreten hatte.

Viel verändert hatte sich nicht. Sie liebte helles Holz und lichte Töne, nur die Bücher und Bilder stellten farbige Kontrastpunkte dar, mit viel Sorgfalt ausgewählt. Und sie achtete auf Ordnung; für ihn schwer vorstellbar, dass hier ein Mensch lebte. Allenfalls wohnte, doch noch mehr erinnerte es ihn an eine aufwendige Schaufensterdekoration eines Möbelhauses.

Erst nach einer ganzen Weile erkannte er, was ihn an diesem Bild demonstrativer Ordnung störte: Der Sekretär war nicht verschlossen, die Schreib-Platte war heruntergeklappt. Karin pflegte sie immer hochzuklappen, bevor sie aus dem Zimmer ging. Er setzte sich auf den Lehnstuhl und schluckte, bevor er die Schubladen aufzog. Okay, es gehörte sich nicht, und eine Woche Abwesenheit rechtfertigte nicht wirklich diese – diese Schnüffelei. Aber seit zwei Jahren, seit sie aus Hamburg fort- und in dieses Haus eingezogen waren, hatte sie Geheimnisse vor ihm, und eine solche Möglichkeit bot sich so schnell nicht wieder.

Ihre Bankauszüge erstaunten ihn nicht mehr. Nach wie vor gab sie ein irrsinniges Geld aus, nach den Abhebungen zu schließen, und bekam jeden Monat von der Firma ihres Vaters eine annähernd gleichgroße Summe überwiesen. In einer alten, abgewetzten Lederschatulle fand er Bargeld, dreißig Fünfhunderteuroscheine, mit einem Gummi zusammengehalten. Daneben lag ein Beutel, aus dem ihm wertvoller Schmuck entgegenfiel. Warum zum Teufel musste sie diese Wertsachen im Hause aufbewahren? Und dann in einem unverschlossenen Sekretär? Die Briefe blätterte er nur schnell durch, so groß war seine Neugier nicht. In einem Fach steckte eine kleine Ledermappe mit Fotografien, die er sich ansah. Karin mit ihren jüngeren Schwestern Helga und Imke. Allein mit den Eltern vor eine Gebirgskulisse.

Der Backfisch Karin balgte sich mit zwei großen Hunden. Karin mit einem jungen Mann, der etwas finster in die Kamera starrte, während sie ihn anhimmelte. Der Knabe schien einmal in ihrem Leben eine größere Rolle gespielt zu haben, es gab mehrere Aufnahme von ihm. Karin mit der Zuckertüte bei der Einschulung, umrahmt von zwei älteren, ernst dreinblickenden Ehepaaren – die Großeltern? Achselzuckend schob er alles wieder zurück und stand auf. Schmuck und Bargeld nahm er mit und verschloss sie in seinem Zimmer in dem kleinen Stahlschrank, in dem er manchmal vertrauliche Firmenakten aufbewahrte. Auf Christa Henselers Ehrlichkeit verließ er sich, aber so lange Karin durch die Weltgeschichte gondelte, stand das Haus tagsüber leer.

Zweites Kapitel

Gegen zwanzig Uhr rief er dann doch Schwägerin Helga in Hamburg an. Nach dem fünften Läuten hob ein Mann ab, der hörbar wütend brummte: „Ja?“

„Guten Abend“, sagte er erheitert, „hier ist Ulf Kamberg, Helgas Schwager. Kann ich Helga einmal sprechen?“

„Häh?“ Der andere schien einen Moment verwirrt, dann stieß er heraus: „Sie ruft zurück.“ Das Telefon knackte.

Zehn Minuten später klingelte tatsächlich das Telefon. „Ich stand gerade unter der Dusche.“

„So so.“

„Allein, lieber Ulf.“

„Wirklich? Wer hatte denn eben Telefondienst?“

„Eifersüchtig? Ein Bekannter. Du hast ihn vertrieben. Das mit dem Schwager hat er nicht geglaubt.“

„Den Trick werd' ich mir merken. Aber ich habe eine andere Frage. Weißt du, wo Karin ist?“

„Nein. Wieso?“

„Ich bin heute aus Brasilien zurückgekommen, und es sieht so aus, als sei Karin seit einer Woche verreist.“

„Oh!“

„Sie hat nur einen Zettel für unsere Zugehfrau hingelegt, danach wollte sie eigentlich gestern zurück sein.“

„Nein, ich hab' keine Ahnung, wo sie stecken könnte.“

„Na, dann nicht. Das war's schon, verehrte Schwägerin.“

„Soll ich mich umhören?“

„Wenn du meinst ... Tschüss.“

Drittes Kapitel

Gegen Mittag langweilte er sich und fuhr in die Stadt. Das Haus in der Nordstadt war groß, alt, rußschwarz und von deprimierender Hässlichkeit. Am Klingelbrett fehlten die meisten Schildchen, die Haustür knarrte, und das Fußblech schleifte mit einem widerlichen Geräusch, das er bis in die Zähne spürte, über die Fliesen des schwarz-weißen Steinbodens. Der Hausschlüssel ließ sich von Mal zu Mal schwerer drehen. In dem hohen, trüben Treppenhaus stank es nach kaltem Essen. Die ausgetretenen Holzstufen hingen furchterregend nach einer Seite durch.

Bine wohnte direkt unter dem Dach; die Klingel verweigerte den Dienst, deswegen benutzte er auch hier seinen Schlüssel, prallte aber regelrecht zurück. Ein Schwall von Mief und Hitze schlug ihm entgegen; unter dem dunklen Ziegeldach, das nur mit dünnen Gipsplatten verkleidet war, glühte die Wohnung.

„Bine?“ rief er halblaut. „Ich bin's, Ulf.“

Sie war nicht da. Angewidert stand er in dem Raum mit den bedrückenden, schrägen Wänden und schaute sich um. Als Bett diente eine Matratze, die auf dem Boden lag, das Bettzeug war zerknüllt, fleckig und unter Garantie seit Tagen nicht mehr gelüftet. Wäsche, Bücher, alte Zeitungen und gebrauchtes Geschirr, wohin er blickte; ein Schweinestall musste appetitlicher sein. Mit spitzen Fingern öffnete er alle Luken, schob mit dem Fuß den Müll zu mehreren großen Haufen zusammen und räumte in der Küche auf, spülte zum Schluss zwei Tassen und die Glaskanne der Kaffeemaschine. In einer Blechbüchse fand er noch genug Kaffee für drei ordentliche Tassen und hockte sich an den vorher abgewischten Küchentisch, rauchte und vertiefte sich in einen schauerlichen Liebesroman, den er im Bett entdeckt hatte.

Zwei Stunden später schloss Bine auf und erschien unter der Küchentür, ihn finster und wortlos anstarrend. Die Strohtasche ließ sie achtlos fallen; er warf nur einen Blick auf ihr wütendes Gesicht, seufzte und las weiter. Wenn sie diese Laune hatte, führte jedes Wort unweigerlich zu einem Streit, und heimlich beglückwünschte er sich, dass er alles Geschirr auf der Spüle, außerhalb ihrer Reichweite, zusammengestellt hatte.

Nach einer Minute schaute er hoch; sie hatte ihre Haltung nicht verändert. „Was willst du? Bumsen?“ fauchte sie.

„Nur wenn du vorher unter die Dusche gehst“, brummte er, aber nicht leise genug.

„Macho-Schwein!“ zischte sie ihn an, zog sich mit einer Bewegung das dünne Hängerkleidchen über den Kopf, riss sich das Höschen herunter und schleuderte es mit dem Fuß vor ihm auf den Tisch. Breitbeinig, die Fäuste in die Seiten gestemmt, füllte sie die Türöffnung aus. „Entweder so oder gar nicht!“

Mit dem Buch schob er den Slip von der Tischplatte und betrachtete sie ausdruckslos. Zierlich war sie von Natur, aber viel zu dünn, Rippen und Becken zeichneten sich überdeutlich ab. Von einem Busen konnte keine Rede mehr sein, und die Magerkeit machte selbst ihr an sich hübsches Gesicht hässlich. Zwanzig Pfund mehr, eine ordentliche Frisur – sie hatte hellbraune, naturkrause Haare, die ihr jetzt in verfilzten Zotteln um den Kopf hingen -, etwas Farbe, und sie wäre ein nettes, sogar attraktives Mädchen gewesen. Was sie aber, wie er inzwischen wusste, um keinen Preis sein wollte.

„Na, was ist, du alter Bock? Musst du dich erst aufgeilen?“

Richtig hieß sie Sabine Mähl, die Tochter eines Rechtsanwaltes, der sie aus dem Haus geworfen hatte, als sie nicht mehr verbergen konnte, dass sie an der Nadel hing. Damals war sie siebzehn Jahre alt und musste sich das Geld für H auf dem Straßenstrich verdienen. Eines Nachts lief sie Kamberg vor's Auto, sie war high bis in die Haarspitzen, er hatte getrunken, und die Straße war regenglatt. Zum Glück trug sie außer Quetschungen und Prellungen keine ernsthaften Verletzungen davon; er lud sie ins Auto und sauste davon, durch den Schreck und die Erleichterung ernüchtert. Zuerst wollte er sie mit einem Schmerzensgeld von tausend Euro abfinden, doch schon am nächsten Tag hielt er es nicht aus und suchte sie in dieser grauenvollen Bude auf. Vier Tage hatte sie vor Schmerzen nicht laufen können, die letzte Ration war gespritzt, Nachschub besorgen konnte sie nicht, ein Telefon besaß sie nicht, und der unfreiwillige Entzug hatte sie so brutal erwischt, dass er um ihr Leben fürchtete. Trotzdem weigerte er sich, für sie Heroin zu kaufen. Von Teufelchen erhielt er den Namen eines Arztes, der sich um Bine kümmerte und keine unnötigen Fragen stellte, sondern Methadon besorgte.

Zwei Wochen kam er jeden Abend zu ihr; sie verfluchte ihn, schimpfte, spuckte und knalle ihm alle Gemeinheiten vor den Kopf, die sie je gelernt hatte. Als der Arzt und er zum ersten Mal die Methadon-Dosis herabsetzten, ging sie mit einem Küchenmesser auf beiden Männer los. Der Arzt kam zum Schluss dreimal am Tag, sonst hätte sie es wohl nicht überlebt. Kamberg zahlte eine astronomisch hohe Rechnung einschließlich Schweigegeld und hatte zweimal auf der Heimfahrt den Eindruck, dass er von einem Auto bis zu seiner Haustür verfolgt wurde.

„Nun entscheid' dich endlich, du Spanner.“

„Zieh' dir was über, es zieht.“

„Arschgeige!“ keifte sie, verschwand aber.

Seit der Zeit war sie clean – behauptete sie wenigstens; er hatte sie im Verdacht, dass sie vielleicht vom Heroin losgekommen war, aber stattdessen Tabletten oder Designer-Drogen schluckte, was sie jedoch vehement bestritt. Seltsamerweise fühlte er sich seitdem für sie verantwortlich, obwohl sie auf Dauer schwer zu ertragen war.

Nebenan rauschte die Dusche; er grinste.

Über seine Bekanntschaft mit ihr hatte er nie ein Wort verloren, und sie hatte, was er ihr angesichts ihrer Situation sogar hoch anrechnete, nie versucht, ihn unter Druck zu setzen oder zu erpressen. Dennoch warnte ihn sein gesunder Menschenverstand, sich zu genau zu erkundigen, was sie so trieb und wovon sie eigentlich lebte. Teufelchen hatte eine Nichte, die zwar auch von der Nadel weggekommen war, aber seitdem für Nacktaufnahmen posierte, weil sie sieben oder acht Stunden Arbeit einfach nicht durchhielt.

„Was ist los, Ulf?“ Sie hatte Jeans und ein T-Shirt übergezogen und rubbelte sich die Haare trocken. In diesem Aufzug wirkte sie wie ein magersüchtiges, verschüchtertes Kind.

„Nichts Besonderes. Ich war auf Dienstreise und wollt' nur mal wieder sehen, wie's dir so geht.“

„Beschissen“, klagte sie, und er wartete, aber mehr wollte sie nicht erklären. „Hast du eine Zigarette für mich?“

Wortlos schob er ihr das Päckchen hin.

„Da ist was Komisches passiert, Ulf. Zwei Typen sind hier aufgetaucht und haben mich gefragt, ob ich einen Ulf Kamberg kenne – nein, nein, bestimmt, ob ich dich kenne.“

Er starrte sie ungläubig an, doch sie zuckte nur mit den Schultern. „Zwei ganz komische Typen. Wie Bullen. Und ziemlich brutal, weißt du, die haben mich wie eine Nutte behandelt. Erst Geld versprochen und dann mit Prügel gedroht. Ich hab' gesagt, ich würde mehrere Ulfs kennen, aber mit richtigem Nachnamen würden sich die Männer bei mir selten vorstellen, und weil sie das endlich geschluckt haben, sind sie abgezogen.“

Das musste er erst einmal verdauen. Wer konnte überhaupt wissen, dass er mit Sabine Mähl bekannt war?

„Zwei Typen? Wie sahen die aus? Und woher kamen die?“

„Keine Ahnung“, erwiderte sie mürrisch. „Ich hatte was getrunken. Und mit Fragen war nichts. Die wollten was hören und nichts erzählen. Hast du was ausgefressen?“

„Nein. Aber die müssen doch irgendeinen Grund genannt ...“

„Nix! Haben mich von der Tür weggeschoben und gleich gefragt, ob ich einen Ulf Kamberg kenne.“

„Warum hast du sie nicht rausgeschmissen?“

„Idiot! Wie denn?! Die hätten mich grün und blau geprügelt. Und Pistolen hatten sie auch – ja sicher, ich weiß, was ich sage. Glaubst du, ich riskier' alle meine Rippen und mein Genick? Sei lieber froh, dass ich mich blöd gestellt habe!“

Das Ärgerliche war, dass er sie schon früher bei albernen Lügen ertappt hatte. Im Augenblick schien sie zwar ganz vernünftig zu sein, aber das hatte bei ihr nicht viel zu bedeuten. Die Geschichte konnte, aber musste nicht stimmen, und wenn er jetzt Zweifel äußerte, konnte es ihm passieren, dass sie wieder mit einem Küchenmesser auf ihn losging. Sie band das Handtuch zu einem Turban für ihre feuchten Haare, und er verzichtete auf weitere Fragen. Wenn sie die beiden Männer nur erfunden hatte, um ihn zu beunruhigen und sich für seine Bemerkung über die Dusche zu rächen, würde sie ihm eines Tages aus heiterem Himmel gestehen, dass alles gelogen war. So war sie halt, den Begriff „Ehrlichkeit“ würde sie nie lernen, geschweige denn praktizieren.

Als er ging, legte er zwei Hunderter auf den Küchentisch. Sie bedankte sich nicht, und er verließ wortlos die Wohnung. In der Stunde war er mit dem albernen Roman fertig geworden, und sie hatte schweigend seine Zigaretten aufgeraucht.

Unten auf der Straße lachte er in sich hinein. Das würde ihm kein Mensch glauben. Ulf Kamberg zahlte zweihundert Euro für die Lektüre eines zerfledderten Liebesromanes, drei Tassen Kaffee, drei Stunden unbequemer Küchenstuhl und eine Minute Anblick eines erbärmlich mageren, nackten Mädchens, das sein Mitleid erregte und sonst gar nichts. 'Jeder Mann braucht sein Quantum Verrücktheit', tröstete er sich sarkastisch auf der Heimfahrt und ärgerte sich über den weinroten Sportwagen, der ihm an der Stoßstange klebte, aber zurückblieb, als Kamberg in den Lorenzweg einbog.

Seine gute Laune verflog umgehend, als er vor dem Haus bremste. Den Sportwagen mit Hamburger Kennzeichen kannte er, und auf seine Schwägerin Helga Schünemann, die vergnügt ausstieg, konnte er jederzeit und heute erst recht leichten Herzens verzichten.

„Du hast mir gerade noch gefehlt“, knurrte er sie an.

„Das dachte ich mir doch, lieber Ulf.“

„Trotzdem bist du gekommen ...“

„Heute nacht wurde mir blitzartig klar, dass du allein bist, und diese Chance konnte ich mir doch nicht entgehen lassen.“

Ihre lockeren Sprüche durfte man nicht allzu ernst nehmen, das hatte er gelernt, aber weil sie schon einmal versucht hatte, sich in sein Bett zu drängen, verzog er das Gesicht zu einer süßsaueren Grimasse.

„Hast du schon ein Hotel?“

„Von wegen! Ich werde hier schlafen, lieber Schwager, vielleicht sogar mit dir, und vor allem habe ich Hunger und Durst.“

„Mir bleibt auch nichts erspart.“

Er fuhr mit ihr bis nach Karlsburg, weil er nicht wollte, dass jemand aus dem Ort sie sah, und während des Essens benahm sie sich manierlich, trank auch nur mäßig und vermied es, ihn zu provozieren. Temperament besaß sie für drei, das Wort „schüchtern“ konnte sie nicht einmal buchstabieren, und ohne den Gedanken an die Nacht unter seinem Dach hätte er den Abend sogar genossen. Sie erzählte recht witzig von ihren Recherchen über ein gestohlenes Rezept und ihre jüngsten Erfahrungen mit diversen Redaktionen. Dank des elterlichen Vermögens war sie finanziell unabhängig, und er hatte den Verdacht, dass sie mit ihrer Schreiberei als freie Journalistin nur die Langeweile bekämpfte. Mit Bine hatte sie den Hang zum Übertreiben gemeinsam. Dass er fast die ganze Zeit über schwieg, störte sie nicht, sie redete gern und brauchte einen Zuhörer, der sich ab und zu zustimmend räusperte oder brummte.

Auf der Rückfahrt sagte sie unvermittelt: „Ich weiß wirklich nicht, wo Karin ist und was sie auf ihren Ausflügen so anstellt ...“

„Um so besser.“

„Was meinst du damit?“

„Dann kann sie jeden Moment zurückkommen, was dich in der Nacht hoffentlich von unvorsichtigen Plänen oder Aktionen abhalten wird.“

Sie lachte schrill: „Den Rat hättest du mir früher geben sollen.“

„Hoffentlich befolgst du ihn jetzt.“

„Mein Lieber, so attraktiv bist du Erotikmuffel nicht!“ brauste sie auf.

„Gott sei Dank.“

Doch er war nicht grob genug gewesen; sie bestand darauf, eine Flasche Rotwein zu öffnen, und sagte zum ersten Schluck verärgert: „Ich bin nicht schuld daran, dass eure Ehe so schnell gescheitert ist.“

„Nein“, räumte er ein. Eigentlich hatte er sich auf einen gemütlichen Abend gefreut, allein, mit einem Buch vor der Nase, die Beine hochgelegt und ein Glas und eine Flasche in Reichweite. Daraus würde nun nichts werden, er seufzte und öffnete die Verandatüren einen Spalt. Immer noch gereizt sauste sie auf ihr Zimmer, um sich umzuziehen, und als sie in einem dünnen und farbenfrohen Hausanzug zurückkam, knurrte er sie an: „Mach die Knöpfe zu! Gänsehaut macht einen Busen nicht schöner.“

Fünf Sekunden hoffte er, aber auch diese Beleidigung fruchtete nicht, sie holte zwar tief Luft, ließ aber die Knöpfe offen und glitt in einen Sessel: „So rasch wirst du mich nicht los.“

„Pech! Aber wenn du mir schon den Abend verdirbst, erwarte ich eine Gegenleistung.“

„Und welche, Liebster?“ schnurrte sie zärtlich und hatte eine Hand an der Knopfleiste.

„Dass du mir das große Familiengeheimnis erzählst.“

Unwillkürlich zuckte sie zusammen, damit hatte sie nicht gerechnet. Er wusste genau, dass sie ihn für steif und etwas beschränkt hielt, mit allenfalls temporären Anwandlungen von Witz, und er hatte längst durchschaut, dass sie meistens viel redete, um wenig zu sagen.

„Welches Geheimnis?“ stotterte sie und ärgerte sich sichtlich über ihre Ungeschicklichkeit.

„Liebe Helga, ich bin nicht ganz so dumm, wie ich aussehe und du vielleicht gerne hättest. Ich möchte von dir hören, warum Karin mich geheiratet hat, nicht mehr und nicht weniger. Und wenn du jetzt sagst 'Aus Liebe', lege ich dich über's Knie.“

„Die Brutalität traue ich dir zu, du Sadist!“

„Wenn du so intelligent wärst, wie du gern sein möchtest, würdest du nicht Gutmütigkeit mit Dämlichkeit verwechseln.“

Ihre schnellen Blicke erheiterten ihn, was er sich aber nicht anmerken ließ. Sie hatte sich ein Bild von ihm gemacht, in das seine Drohung mit den Schlägen hineinpasste; deswegen überlegte sie sich ihre Antwort.

„Ich weiß nicht, was du meinst.“

„Soll ich deinem Grips aufhelfen?“

„Karin hat mir nie erzählt, was zwischen euch in und nach Dänemark vorgefallen ist.“

„Prima, von mir wirst du es auch nicht erfahren. Also warum, liebe Helga?“

Sie zögerte, aber nicht zu lange. „Ich denke mir – ich habe mir immer gedacht, dass sie unbedingt aus dem Haus wollte. Vater, der Haustyrann, wurde unerträglich, und sie musste ihn auch noch während der Bürostunden in der Firma erleiden.“

„Da kam ich also gerade recht, weil kein Besserer zur Verfügung stand?“

„Ja, so könnte man sagen.“

Nicht schlecht, überlegte er, nicht gelogen und bestenfalls eine Drittel-Wahrheit. Unter seinem forschenden Blick senkte sie die Augen und spielte wieder an den Knöpfen ihres Oberteils. Na schön, mit mehr wollte sie also nicht herausrücken.

Er stand auf, schnappte sich die Flasche und sagte trocken: „Ich geh' schlafen. Vergiss nicht, die Verandatüren wegen der Alarmanlage zu verriegeln. Dir soll doch nichts passieren.“

Ihr empörtes und verwirrtes Gesicht reizte zum Lachen.

Ein Geräusch riss ihn hoch, etwas hatte scharf und bedrohlich geknackt, sein Puls jagte, als er sich aufrichtete. Es war stockdunkel, aber an einer Stelle wurde es viel zu schnell heller – dann schaltete er: Die Tür zu seinem Schlafzimmer wurde geöffnet, nur einen Spalt breit. Dieses verdammte Weib – er schnappte noch nach Luft, als sie auf sein Bett zustürmte. Unwillkürlich streckte er die Hände aus, um sie aufzuhalten, natürlich war sie nackt, doch bevor er losbrüllen konnte, flüsterte sie hastig: „Ulf, da ist jemand im Haus ... wirklich, ich mach' dir nichts vor.“

„Du bist eine selten dämliche Ziege“, antwortete er grob.

„Ja. Aber da ist jemand – bitte, Ulf, das ist kein Trick.“

Warum sie mit diesen Worten unter seine Decke schlüpfen musste, hätte er schon gern gewusst, er holte aus, um sie mit Gewalt auf den Boden zu befördern, als er wieder das Knacken hörte: kurz, hart, gefolgt von einer langen Pause. Und außerhalb des Zimmers. Ihr Atem ging stoßweise, und so, wie sie sich an ihn klammerte, schien sie wirklich Angst zu haben.

„Moment!“ zischte er und machte sich frei. „Kein Mucks, verstanden?“

Wut und Jähzorn trieben ihn mit einem Satz aus dem Bett, er brauste zur Tür, als könne er es nicht erwarten, sich mit einem Einbrecher zu schlagen. Auf dem Flur war es dunkel, schwer atmend blieb er einen Moment stehen und lauschte. Zehn Sekunden später knackte es wieder. Im Parterre? Nein, das war von rechts gekommen, aus seinem Arbeitszimmer. Oh verdammt, ein Fremder an seinen Sachen, das würde der Mistkerl nicht überleben. Plötzlich hörte er sich brüllen, er raste auf die Tür zu, warf sich mit einem Ruck, der sie fast aus den Angeln sprengte, dagegen, die Tür fuhr auf, er stolperte, fing sich im letzten Moment, knallte schmerzhaft gegen die Schreibtischkante, der Aufprall drehte ihn halb herum, und die halbe Sekunde nutzte die schwarze Gestalt, die Taschenlampe auszuknipsen und durch die weit geöffnete Fenstertür auf den Balkon zu stürzen. Gegen den etwas helleren Nachthimmel sah er noch, dass der Schwarze sich über die Brüstung schwang, ein dumpfer Platsch, gefolgt von einem unterdrückten Schmerzens-Schrei, Kamberg humpelte, sich die Seite reibend, ins Freie. Unten liefen zwei Männer Richtung Zaun und tauchten im Schatten der Bäume unter. Der eine hinkte und wurde von seinem Kumpan mehr mitgeschleift als gezogen.

Die waren entkommen!

Seine Hüfte brannte höllisch. Zitternd vor Wut machte er kehrt und knipste im Zimmer das Deckenlicht an. Was sie gewollt oder gesucht hatten, war nicht zu übersehen. Der Kerl hatte begonnen, seinen Wandtresor aufzustemmen, das Deckblech war an drei Stellen schon nach vorne umgebogen, drei Zungen des Schlosses lagen bereits frei. Auf dem Boden bemerkte er ein Stemmeisen, er hob es auf und schlug damit ein paar mal durch die Luft, weil das richtige Ziel fehlte.

„Ulf! Was ist passiert?“

Sie stand unter der Tür, ihre Stimme zitterte, und er begann plötzlich laut zu lachen, prustete, krümmte sich vor Vergnügen, konnte sich nicht wieder einholen. Ihre Miene wechselte von Angst über Ratlosigkeit zu Empörung. Es war auch zu komisch: Die zweite Frau heute, die ihn nackt von einer Tür aus beobachtete und darauf wartete, was er sagen würde.

„Was ist los, verdammt noch mal?“

Vor Atemnot keuchte er. Das durfte nicht wahr sein!

„Bist du jetzt völlig übergeschnappt?“

'Das hättest du gerne', dachte er und zwang sich vergeblich zur Ruhe.

„Warum lachst du denn so albern?“

„Du hast vergessen, deinen Slip anzuziehen.“

Eine Sekunde befürchtete er, sie würde trotz des Stemmeisens, das er immer noch in der Hand hielt, auf ihn losgehen, dann rettete sie ihr Schutzengel, sie tippte sich an die Stirn und brüllte: „Arschloch!“, bevor sie weglief. Danach rasselte der Schlüssel ihrer Tür.

Was auch gut war; fünf Minuten später verspürte er nicht geringe Lust, sie tatsächlich über's Knie zu legen. Sie hatte unten wohl die Terrassentüren geschlossen, aber die Innenriegel nicht vorgeschoben, mit denen auch die Alarmanlage eingeschaltet wurde. Deshalb hatte sie nicht angeschlagen, als die Einbrecher mit einem Glasschneider zwei halbrunde Kreise aus den Doppelscheiben rings um den Griff herausgeschnitten und die Tür geöffnet hatten. Dreist und wagemutig, fast tollkühn; wenn sie das Haus beobachtet hatten, mussten sie doch wissen, dass jemand da war. Aber warum hatten sie die Wertsachen im Wohnzimmer nicht angerührt und waren in sein Zimmer geschlichen? Woher wussten sie überhaupt, dass es dort einen kleinen Tresor gab? Nachdenklich rieb er sich das Kinn und verriegelte die Tür. Das alles gefiel ihm nicht. Zwei Männer. Und wenn Bine ihn nun doch nicht auf den Arm genommen hatte?

Vor ihrer Tür blieb er stehen und klopfte.

„Hau ab!“ rief sie.

„Ich bin wieder friedlich.“

„Hau ab!“

Achselzuckend ging er ins Bett. Jetzt hätte er sich gern mit ihr ernsthaft unterhalten, sie zum Beispiel gern gefragt, ob sie eine Antwort auf die Frage wusste, warum die Einbrecher nicht die Woche genutzt hatten, in der das Haus leergestanden hatte. Was fast zwangsläufig zu der nächsten Frage führte, weshalb die liebe Schwägerin die Terrassentüren nicht verriegelt hatte. Trotz seines Hinweises!

Viertes Kapitel

Nach dem Frühstück dampfte sie freiwillig ab; er hatte seine Fragen nicht gestellt, sondern stumm ihr gegenüber gesessen. Einmal beugte sie sich vor, um nach der Butter zu greifen, dabei konnte er ihr tief in den Ausschnitt sehen und lobte ironisch: „Ein toller Busen. Richtig prall. Hast du ihn ausstopfen lassen? Hoffentlich hast du daran gedacht, Silikon ist nicht gleich Silikon!“

Wie unter einer Ohrfeige zuckte sie zurück, und danach hatte sie es plötzlich eilig. Mit jaulenden Reifen startete sie, er atmete vergnügt durch und kochte sich einen richtigen Kaffee. Mit Grobheit vertrieb man lästige Schwägerinnen, hoffentlich für immer.

Christa Henseler versprach am Telefon, morgen ihren Mann mitzubringen, der neue Scheiben einsetzen werde. Bevor Kamberg losfuhr, sicherte er die Griffe mit einer Kette und einem Schloss.

Ohne Eile steuerte er ins Schwarzbachtal. Das schöne Wetter hatte die halbe Stadt entvölkert und ins Grüne getrieben, Autos, so weit das Auge reichte. Weit mehr Blech als Natur. Wenn die liebe Schwägerin Helga nicht bei ihm aufgekreuzt wäre, würde er keinen Gedanken mehr an sein Weib verschwenden. Wo und mit wem sich Karin herumtrieb, ließ ihn kalt, Hauptsache, sie belästigte ihn nicht, und sobald sie nach Hause kam, wollte er mit ihr die Scheidung besprechen ... ein wüstes Hupen riss ihn aus seinen Gedanken, mit aufheulendem Motor schoss ein Sportwagen an ihm vorbei, der Fahrer streckte die Hand zum Stinkefinger-Gruß hoch und musste dann mit einer gewagten Schleuderbewegung nach rechts einscheren; der entgegenkommende Campingbus blinzelte wie irre mit der Lichthupe.

„Vollidiot!“ presste Kamberg heraus, schaute aber schuldbewusst in den Rückspiegel. Hinter ihm hatte sich tatsächlich eine Schlange gebildet, weil er auf der engen und kurvenreichen Straße mit Tempo 40 entlanggebummelt war. Unwillkürlich gab er Gas, die Tachonadel stieg auf 60, vor ihm tauchte ein Hinweisschild „Parkplatz“ auf. Im letzten Moment bediente er den Blinker und bog mit ziemlicher Fahrt nach rechts ab, der Wagen schaukelte und rumpelte, die anderen Autos auf der Straße beschleunigten, er bremste kräftig und hielt vergeblich Ausschau nach einem schattigen Abstellplatz. Während er den Automatikhebel auf „R“ schob, kam ein dunkler Wagen mit hohem Tempo um die Büsche an der Einfahrt gebogen; der Fahrer stieg in die Eisen, dass die Räder blockierten und eine Staubwolke hochstieg; das Auto ging in die Knie, wippte zurück, und im selben Moment raste es auch schon mit irrwitzig überdrehtem Motor nach rückwärts. Was dann geschah, konnte Kamberg wegen der Büsche an der Einfahrt, die ihm die Sicht nahmen, nicht im Innenspiegel verfolgen. Wildes Hupen, das markerschütternde Quietschen rutschenden Gummis, ein dumpfer Schlag, verbunden mit dem Kreischen geschundenen Metalls, ein widerliches Poltern und Krachen. Eine Zehntelsekunde später grollte eine Explosion durch das Tal, als würden links und rechts die Gipfel weggesprengt.

Für einen Moment saß er wie erstarrt, betäubt durch den Krach und das Echo. Als er im Spiegel pechschwarzen Rauch entdeckte, der nach oben schoss, glaubte er zu träumen; erst das Geräusch hart bremsender und hupender Autos brachten ihn wieder zu sich.

Danach handelte er wie ein Automat und hetzte, den Feuerlöscher in der Hand, die dreißig Meter zurück. Der dunkle Wagen hatte offenbar zu wenden versucht, wobei ihn ein grüner Opel trotz Vollbremsung voll erwischte und genau in die Seite traf. Den dunklen Wagen hatte es umgeworfen, er war über das Dach weggerollt, in den kleinen Graben auf der anderen Seite der Straße, der Schwung drehte ihn noch auf die Seite weiter, und in diesem Moment mussten die Tanks beider Autos explodiert sein. Der grüne Opel stand quer, der Aufprall hatte ihm den Motorblock samt Vorderrädern weggerissen, die wie säuberlich abgetrennt im rechten Winkel zur Fahrgastzelle lagen. Mehrere Männer mühten sich schon, die verklemmten Türen des Opels aufzureißen; hinter dem Prasseln der Flammen hörte er jetzt dünne Schreie; er lief auf den grünen Wagen zu, schwang den Feuerlöscher, schlug das bereits gesplitterte Glas aus den Rahmen; ein anderer griff hinein, öffnete die Tür, die Kinder bluteten und hingen wie zerstörte Puppen in den Gurten; er wurde zur Seite gestoßen. „Weg! Weg!“ keuchte jemand, er wich zurück, andere hoben zwei seltsam schlaffe Gestalten aus dem grünen Wagen. Kopflos, noch immer zu keinem klaren Gedanken fähig, stolperte Kamberg auf das brennende Wrack zu, drückte das Ventil, nur ein lächerlich kleiner Schaumstrahl schoss heraus, die Flammen duckten sich, aber erloschen nicht; plötzlich packte ein Fremder seinen Arm und brüllte: „Sinnlos! Das nutzt nichts.“ Der Mann hätte ihn nicht wegzerren können, aber die Hitze stoppte ihn jäh, und in der Sekunde versiegte auch der Schaumstrahl.

Ruckartig stakste er zurück, und das Rauschen in seinen Ohren hörte erst viel später auf.

Als Polizei, Krankenwagen und Feuerwehr eintrafen, waren die Flammen schon zusammengesunken, doch das ausgeglühte Wrack strahlte noch immer eine mörderische Hitze aus. Er hatte es nicht über sich gebracht, noch einmal nach den Verunglückten aus dem grünen Opel zu sehen. Als das Zittern nachließ, setzte er sich auf den Boden und lehnte sich an die Wagentür, flach atmend, um den Brechreiz niederzukämpfen, der ihn überfallen hatte, als etwas von dem brennenden Auto zu ihm herübergeweht war, von dem er gar nicht sagen konnte, ob er es wirklich gerochen oder sich nur in seiner Fantasie vorgestellt hatte.

Irgendwann rüttelte ihn ein Mann in einem weißen Kittel: „Geht es Ihnen gut?“

Ganz schnell musste er den Blick von den roten Flecken abwenden: „Ja, danke, es war nur – nur der Schreck.“

„Soll ich Ihnen etwas zur Beruhigung geben?“

„Nein, nein danke, ich komme schon klar.“ Aber als er aufstand, stützte er sich dankbar auf den Arm des Arztes.

Zwei ältere Polizisten nahmen Protokolle auf, er musste sich ein paar Mal kräftig räuspern, bevor er präzise erzählen konnte, was er gesehen hatte: nach der Bummelfahrt und dem plötzlichen Einbiegen in den Parkplatz den dunklen Wagen, der wie irre gebremst hatte und mit Vollgas wieder rückwärts auf die Straße gerauscht war. Beide Polizisten sahen ihn voller Zweifel und Misstrauen an, sagten aber nichts.

Zum Schluss hielt einer einen Feuerlöscher hoch: „Gehört der Ihnen?“

„Ja, ich habe versucht – aber es hat nichts genutzt.“

„Nein“, stimmte der Uniformierte nachdenklich zu, „das haben auch die anderen Zeugen ausgesagt, es hat gewaltig gebrannt, als ob – na, wir werden ja sehen. Vielen Dank, Herr Kamberg.“

Mit viel Lärm schob sich ein Abschleppwagen an die Unfallstelle heran; die Krankenwagen waren schon mit Blaulicht und Martinshorn davongerast. Der Stau schien sich aufzulösen, viele Neugierige schlichen im ersten Gang vorbei und verrenkten sich die Hälse, um einen Blick auf die beiden Wracks zu erhaschen.

Eine halbe Stunde später drehte Kamberg den Zündschlüssel. Auf der Rückfahrt hatte er das dumpfe Gefühl, ein Wagen verfolge ihn bis zu seinem Haus im Lorenzweg. Fahrer und Beifahrer trugen schwere Sonnenbrillen, machten aber keine Anstalten, ihm zur Haustür zu folgen

Fünftes Kapitel

Joseph und Christa Henseler erschienen um Punkt acht Uhr; sie erschrak, als sie die beiden Halbkreise in der Verandatür sah, und ihr Mann schüttelte schweigend den Kopf.

„Nein, ich hab's der Polizei nicht gemeldet, die Täter sind längst über alle Berge, und ich kann sie nicht beschreiben. Wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, Herr Henseler, schauen Sie sich doch bitte mal den Tresor in meinem Zimmer an. Vielleicht können Sie die Blende wieder zurechtbiegen. Hier sind die Schlüssel.“

„Ja, mach' ich, Herr Kamberg.“ Joseph Henseler war viel zu ehrlich, um sich durch Schmuck oder Bargeld in Versuchung führen zu lassen. Und den Lohn musste Kamberg ohnehin mit seiner Frau aushandeln, die bei Henselers die Kasse führte; Joseph betrachtete so etwas als selbstverständliche Nachbarschaftshilfe. Freunde würde Joseph immer haben, mehr und häufiger als Geld. An ihrem Lächeln erkannte Kamberg, dass Christa Henseler ihn ohne Worte verstanden hatte.

In den fast drei Wochen hatte sich viel Arbeit auf seinem Schreibtisch angesammelt; Teufelchen trug ein ausgesprochen jugendliches Sommerkleid mit einem hübschen Ausschnitt, in dem eine seiner Ketten auf der gebräunten Haut gut zur Geltung kam; er zwinkerte ihr zu, und sie errötete charmant. Zum Mittag lud er sie ein; die Wärme hielt an, und die feuchte Schwüle hatte zugenommen.

Stehling war nach München gefahren, niemand störte ihn, der Stapel schrumpfte sichtlich und schnell. Erst gegen Dienstschluss kam er dazu, sich mit dem Vorgang „Sondermüll-Verbrennung“ zu beschäftigen, und die Ergebnisse ärgerten ihn so, dass er in Leipzig anrief: „Ich schau morgen mal rein.“

„Ist recht, Herr Kamberg.“ Der alte Wiesner hätte am liebsten laut gestöhnt. Ein Kontroll-Besuch aus der Zentrale hatte ihm gerade noch gefehlt, aber von diesem Kamberg erzählte man sich, dass er mehr von Technik und Konstruktion als von Bilanzen verstand. Hoffentlich. Auch Teufelchen verzog den Mund: „Ja, natürlich, wird erledigt.“

„Krause soll mich dann um sieben Uhr dreißig abholen.“

Joseph Henseler hatte vorzügliche Arbeit geleistet, die Scheiben in der Tür ausgewechselt und das Blendenblech seines Tresors wieder in Form gebogen. Die Schlüssel lagen auf seinem Schreibtisch.

Der Flug nach Leipzig war bis auf den letzten Platz ausgebucht, er schlief ein, sobald die Maschine abgehoben hatte, und nach der Landung musste die Stewardess ihn wecken.

„Beneidenswert“, murmelte sie.

„Wenn die Sitze etwas breiter wären, schliefe es sich besser.“

Dieser Kommentar erfreute sie nicht.

Das Grau der Fabrikhallen, der rostende Schrott überall, die tiefen Löcher auf dem Hof und die immer noch nicht ausgewechselten zersprungenen Fensterscheiben deprimierten ihn wie beim ersten Besuch. Selbst bei größter Aufmerksamkeit konnte er nicht registrieren, dass sich etwas zum Besseren verändert hätte, und Wiesner widersprach dem nicht: „Nein, es geht nicht voran. Mit aller Kraft erreichen wir nur, dass es innen und außen nicht noch schlimmer wird.“

„Woran fehlt es eigentlich?“

„An allem, Herr Kamberg. An Facharbeitern, an Material, an vernünftigen Konstrukteuren.“ Wiesner schneuzte sich. „Vor allem an dem Bewusstsein, dass wir besser und schneller als die Konkurrenz sein müssen, dass der unbarmherzige Markt die Plankommission ersetzt hat.“

„Ist das immer noch nicht drin?“

„Nein, überhaupt nicht.“ Er sah zu Seite: „Soll ich Ihnen mal den neuesten, dümmsten Schnack erzählen, der im Werk kursiert?“

Kamberg nickte. „Früher war es besser, da blühte es in der Landschaft von selber. Heute sollen wir dafür arbeiten.“

An Wiesner lag es sicher nicht. Er war ein Jahr in Rente, als die Firma ihn bat, sich in Schkeuditz um eine Fertigung für Pumpen und Verdichter zu kümmern, die vor 1933 dem Frankfurter Unternehmen gehört hatte. Ein großer Teil der Anlagen war von den Sowjets demontiert worden, vor allem jener Teil, der im zweiten Weltkrieg Höhenlader für Flugzeugmotoren gebaut hatte. Der ältere Teil, Pumpen und Verdichter für Technische Gase, war in einem Kombinat aufgegangen und hatte den Anschluss an die Entwicklung auf dem Weltmarkt total verpasst. Der Entschluss, hier zu investieren und zu modernisieren, war im Aufsichtsrat gefallen – mehr eine politische Wohlwollens-Geste gegenüber einer Bundesregierung, die den Mund vor der Vereinigung zu voll genommen hatte, denn eine kaufmännische Überlegung. Wiesner hatte zwanzig Jahre lang Betriebe im Ausland geleitet, an seinem Können und seiner Zuverlässigkeit bestand kein Zweifel.

„Herr Wiesner, wir bekommen wahrscheinlich die Gegenstrom-Lizenz nicht.“

„Samthaber, nicht wahr?“

Na, wenigstens der firmeneigene Buschtelegraf funktionierte. „Genau. Deswegen müssen wir den Wärmeaustauscher hinkriegen.“

„Okay, dann reden wir Klartext. Es ist schlicht und einfach eine Frage der Schweißtechnik. Die Leute schaffen es einfach nicht, diese dünnen Rohre so korrekt einzuschweißen, dass weder eine Querschnittsverengung durch Schweißgut eintritt noch Abrisse wegen fehlerhafter Schweißnähte. Ich habe alles ausprobiert, sie üben lassen, die Rohre vorgewärmt, nachgestreckt, immer und immer wieder die Nähte kontrolliert, zusätzliche Schwingungsdämpfer vorgesehen und eingebaut. Herr Kamberg, hier helfen nur noch Schweißautomaten. Nichts anderes.“

Details

Seiten
150
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903614
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323957
Schlagworte
dünen krimi

Autor

Zurück

Titel: In den Dünen von Ho: Krimi