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Braddock #4: Mexiko-Hölle

2016 130 Seiten

Leseprobe

BRADDOCK

Band 4

Mexiko-Hölle

––––––––

Glenn Stirling

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Firuz Askin, 2016

Der Roman erschien zuerst unter dem Titel „Feuerteufel“.

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Mexikanische Banditenhorden unter der Führung von Maria Gonzales und des Amerikaners Tarkin haben den Gouverneur von Arizona und dessen Sekretärin entführt. Sie wollen ein hohes Lösegeld erpressen, sonst müssen die beiden Geiseln sterben. Das Justizministerium beauftragt deshalb die beiden Special Deputies Braddock und Yumah, nach Mexiko zu reiten und die Gefangenen zu befreien.

Ein heikler und brandgefährlicher Auftrag für die beiden Männer, denn sie haben 900 Gegner, die nur darauf warten, dass ihnen die beiden Special Deputies in die Falle gehen. Aber Braddock und Yumah wissen genau, was sie tun. Sie lassen sich von nichts und niemandem aufhalten, wenn es darum geht, ihren Auftrag zu erfüllen...

Roman

Blaue Nacht.

Klarer Sternenhimmel über dem Felsental. Schwarze Finsternis dort unten, wo der träge dahinfließende Fluss sich eine Gasse zwischen den Felsen geschaffen hatte.

Tief in der Schlucht zwei Lagerfeuer. Der zuckende Schein der Flammen wird von den Felsen zurückgeworfen.

Aus müden Augen starrt Jose Molinero zu den Feuern und dem Felsendurchbruch hin. Er hockt, den Poncho über den Schultern, das Gewehr vor sich auf den Knien, unweit des Flusses.

Ihm ist kalt, und er ist müde. Noch eine Stunde bis zur Ablösung.

Mit Wut im Herzen verflucht er insgeheim seine Wache und jene, die ihn dazu gezwungen haben, sie zu halten.

Aber er wird nichts sagen. Er wird diese Wut in sich hineinfressen und seine Pflicht tun.

Er hört das leise Rauschen des Flusses, wenn sich das Wasser an den Ufern vorbeischlängelt. Seine Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt. Wenn die Feuer hinten in der Schlucht höher schlagen, fällt der Schein auch über den Fluss hinweg. Aber der Fluss ist glatt, und Joses Augen nehmen nichts Ungewöhnliches wahr.

Und doch hat Jose ein mulmiges Gefühl in der Magengegend.

Irgend etwas ist in dieser Nacht anders als sonst.

Angst!, denkt er. Diese verdammte Angst. Aber sie warnt mich vor Gefahr.

Sie hat mir schon einmal das Leben gerettet. Nur was ist es diesmal? Ich kann nichts sehen. Rein gar nichts. Aus dem Fluss kommt nichts. Und die anderen sind ebenfalls auf Posten. Kein Alarmruf, keine Warnung. Es ist eine Nacht wie immer. Tarkin hat gesagt, dass dieses Lager sicher ist. Absolut sicher. Wir sollten nur auf den Fluss achten, hat er gesagt. Und, Caramba, ich achte auf den Fluss.

Der Boden unter mir, denkt er, ist mexikanische Erde. Heimaterde. Wir sind hier sicher. Und wir sind viele. Sie werden es nicht wagen, über die Grenze hierherzukommen. Niemand wird wagen, uns anzugreifen. Diese Angst ist Unsinn. Verdammter Unsinn! Jose, sagte er sich, du bist kein Feigling. Du bist ein Mann. Schluck die Angst hinunter, und tu deine Pflicht!

Der Fluss ist wie immer. Fließt träge dahin. Die Oberfläche glatt. Manchmal treibt etwas darauf. Schwimmt vorbei. Baumstämme mitunter. Grasinseln, vom Hochwasser losgerissen.

Aus der Hocke heraus kann er das deutlich sehen. Auch dieser Baumstamm, der nahe dem Ufer vorbeischwimmt, weitertreibt, verschwindet in dieser Nacht. In den nächsten Sekunden wird er durch den Engpass der Felsen treiben. Wird schneller werden. Über die Stromschnellen schießen.

Dort hinten, denkt Jose, kann man schlecht hören. Da rauscht das Wasser. Hier vorn ist es besser. Man würde hören, wenn jemand spricht. Wenn jemand versucht, sich am Ufer heraufzuziehen.

Jose starrt in die Dunkelheit. Nur selten wandert sein Blick nach oben zu dem Sternenhimmel. Kein Mond in dieser Nacht. Dann wäre es heller.

Er dreht sich um. Irgendwo dahinten muss Pablo stehen.

Vielleicht macht er es wie ich, denkt Jose. Er sitzt oder hockt, um das Gelände von unten her besser übersehen zu können. Aber Pablo ist da. Auf Pablo kann man sich verlassen.

Es ist still, bis auf das sanfte Rauschen des Flusses.

Plötzlich ein Geräusch halbrechts.

Der Kopf von Jose fliegt herum.

Der Mann starrt in die Dunkelheit, versucht etwas zu erkennen. Aber er sieht nichts. Und es ist wieder still dort. Kein Geräusch mehr.

Trotzdem sind die Sinne von Jose angespannt. Seine Hände umkrampfen das Gewehr, heben es leicht von den Knien an. Schwenken den Lauf herum.

Wachsamkeit ist alles, denkt Jose. Wachsamkeit ist Überleben.

Er hat gute Augen in der Nacht. Darauf ist er immer stolz gewesen. Sehr gute Augen. Er duckt sich noch tiefer, um besser sehen zu können. Aber er nimmt nichts wahr. Und nun ist wieder alles wie immer. Das Rauschen des Flusses, selten einmal in dem Gras weiter drüben ein Insekt, das zirpt. Sonst ist Stille.

Aber der Fluss ist laut. Plötzlich kommt es Jose unheimlich laut vor, wie der Fluss dahinfließt. Er wünschte sich, dieses Rauschen würde mit einem Mal aufhören, damit er besser wahrnehmen könnte, was da vorn rechts ist.

Aber er nimmt nichts wahr.

Plötzlich ist ein Geräusch hinter ihm.

Er wirbelt herum. Und als seine Stiefel über den Boden scheuern, kommt ihm das so laut vor, als müsste man es bis hinten zu den Feuern hören.

Dann auf einmal sieht er die schemenhaften Umrisse einer Gestalt.

Er zuckt hoch, reißt das Gewehr an die Hüfte.

Aber dann spürt er plötzlich einen dumpfen Schlag auf den Kopf, sieht, wie sich die Zacken der Felsen vor dem Nachthimmel oben plötzlich zu drehen beginnen, immer schneller und schneller. Rote und gelbe Punkte tanzen vor seinen Augen. Er versucht, gegen die Ohnmacht anzukämpfen.

Vergeblich.

Er spürt, dass er stürzt. Krampft seine Hände noch fester ums Gewehr, als könne er sich daran festhalten.

Plötzlich krallt sich etwas um seinen Hals. Nimmt ihm die Luft. Und er spürt, dass er in eine bodenlose Tiefe zu fallen droht. Vergeblich kämpft er dagegen an. Vergeblich will er sein Gewehr noch abdrücken.

Dann sind es Tausende von gelben und roten Punkten, die wild durcheinanderkreisen. Ein verrücktes Spiel. Und er kann nichts dagegen tun. Doch mit einem Mal erlöst ihn tiefe Finsternis von diesem Anblick.

Er hat das Bewusstsein verloren.

Er spürt nicht, wie er behutsam über den Boden gezogen wird. Er spürt nicht, wie ihn starke Fäuste ins Wasser ziehen. Ganz langsam, damit es keinen Laut gibt. Und er sieht die beiden Gestalten nicht, die dicht neben ihm sind und ihn festhalten.

Er liegt im Wasser. Nur der Kopf ist draußen. Und sie schleppen ihn mit. Ein Stück nur. Dann werden ihm die Hände auf dem Rücken zusammengebunden. Rohlederriemen schneiden ihm in die Haut.

Er spürt es nicht.

Lautlos wird er dicht unten am Ufer gegen die Strömung weitergeschleppt. Und dann schlingen sehnige Fäuste ein Lasso um seinen Oberkörper. Befestigen es an einem Baumstamm, der im Wasser schwimmt. Nur der Kopf von Jose ist über dem Wasser.

Jose beginnt das Bewusstsein wiederzuerlangen. Aber er begreift nicht, wo er sich befindet. Ihm ist mörderisch kalt. Er weiß überhaupt nicht, was geschehen ist.

Und dann auf einmal spürt er, dass er im Wasser ist. Dass er an irgend etwas festhängt. Dass er die Hände nicht bewegen kann. Und dass er kein Gewehr mehr hat.

Seine linke Gesichtshälfte wird gegen etwas Kaltes, Hartes gepresst. Er weiß nicht, was es ist. Er will den Mund öffnen, um zu schreien. Aber sein Mund ist bereits offen. Irgend etwas steckt darin. Er kann nicht schreien. Nicht einmal gurgeln.

O Hölle, denkt er, was ist mit mir passiert? Wo bin ich? Das muss ein Traum sein. Ein gottverfluchter, verdammter Traum.

Es ist kein Traum. Aber bis er das begreift, ist der Baumstumpf mit ihm schon durch die Stromschnellen. Der Fluss ist viel schneller geworden, weil sein Bett von den Felsen eingeengt wird.

Und der Baumstamm, mit Jose daran, schießt wie ein Kanu in der Mitte des Flusses dahin.

Jose hat nur schemenhaft etwas von den Lagerfeuern gesehen, die vorbeihuschen. Dann diese schwarz aufragenden Felsen. Darüber oben wie ein schmales Band nur noch der Nachthimmel.

Und weiter geht es.

Er sieht nichts von den beiden Männern, die vorn neben dem Baumstamm schwimmen. Die zeitweise untertauchen. Jetzt aber wieder aufgetaucht sind und dafür sorgen, dass der Baumstamm in der Flussmitte bleibt.

Jose hat noch immer nicht begriffen, was mit ihm geschah. Er hat sich sicher gewähnt im Kreis von nahezu neunhundert Kameraden, in dieser Schlucht, von der Tarkin gesagt hat, es sei ein gutes, ein sicheres Lager. Er hat sich zu Hause gefühlt, weil hier sein Heimatland Mexiko ist.

Und er begreift nicht, dass es kein Traum ist.

*

Völlig ausgepumpt liegt Jose am Boden. Über ihm die feuchten Felsen einer Höhle. Vorn der Eingang, durch den das Licht des grauenden Tages fällt. Hinten in der Höhle brennt ein Feuer. Der Rauch zieht durch geheimnisvolle Ritzen und Spalten im Fels ab.

Jose hat einen weiten Weg hinter sich. Erst im Wasser, dann in einem Boot. Schließlich quer festgebunden auf einem Pferderücken. Und nach einem Ritt kreuz und quer durchs Gebirge haben sie die Höhle erreicht..

Während sie unterwegs waren, hat er versucht festzustellen, wie viele Meilen sie unterwegs waren. Aber es ist ihm nicht gelungen. Er hat das Gefühl, dass sie absichtlich kreuz und quer geritten sind, damit er sich den Weg nicht merken konnte. Aber eines steht für ihn fest, ein gutes Stück weit sind sie den Fluss hinunter.

Und nun liegt er hier, noch immer mit feuchten Sachen. Vom Liegen quer auf dem Pferd hat er Schmerzen, in nahezu allen Körperteilen.

Sie sind zwei.

Einer ist groß und hager, hat einen Schnurrbart und stahlgraue Augen. Sein Mund ist schmal. Er wirkt lässig. Aber welche Kraft dieser Mann hat, konnte Jose feststellen.

Ein Americano. Ein Gringo.

Der andere trägt zwar die Kleidung eines Weißen, aber er ist ein Indianer, mit schwarzem Haar, das im Schein des Feuers im Höhleninneren wie Stahl glänzt. Ein geschmeidiger, bronzehäutiger Bursche, vor dem Jose mindestens soviel Respekt entwickelt wie vor dem großen Dunkelblonden.

Er kennt auch ihre Namen. Aber er weiß nichts damit anzufangen. Der mit dem Schnauzer, dieser dunkelblonde Gringo, wird Braddock genannt. Der andere, der Indianer, nennt sich einfach Yumah, nach dem Stamm, von dem er kommt. Aber er spricht die Sprache der Amerikaner wie seine eigene.

Auch Jose versteht die Sprache der Yankees, obgleich er diese Männer hasst. Hasst, wie das die meisten Mexikaner tun.

Sie haben ihm den Knebel aus dem Mund genommen, aber nicht die Fesseln von seinen Händen.

Jener Braddock tritt vor ihn hin, lehnt sich an den Felsen, rollt sich geschickt eine Zigarette, steckt sie in den Mund und zündet sie sich an, ohne den Blick von Jose zu wenden.

„Na, du ersäufte Ratte, nun fang mal an zu erzählen!“

Jose erschrickt. Dieser Braddock hat ein unverwechselbares mexikanisches Spanisch gesprochen, wie das eigentlich nur ein Mann beherrscht, der lange unter Mexikanern gelebt hat. Dieser schnauzbärtige Bursche wird ihm immer unheimlicher.

Er hat wieder Angst. Nicht Angst um sein Leben, sondern Angst, zu einer Marionette zu werden, zu einer Puppe in den Händen dieses Mannes. Denn warum sonst sollte er ihn aus diesem gut bewachten Lager herausgeschleppt haben? Einfach so. Und wofür?

„Gib ihm etwas zu trinken, Yumah“, sagte Braddock. „Und du, richte dich auf! Setz dich hin! Ich will mit dir reden.“

Jose schiebt sich am Felsen hoch. Alle Knochen tun ihm weh. Er blickt in die stahlgrauen Augen von Braddock.

„Wie viele seid ihr?“, fragt Braddock. Und Yumah kommt mit der Feldflasche. Er reicht sie Jose, und der nimmt und trinkt hastig. Erst danach antwortet er: „Wer bist du? Warum fragst du das?“

„Nicht du stellst Fragen“, erwiderte Braddock scharf, „ist stelle sie. Nun rede! Wie viele?“

„Neunhundert“, sagt Jose. „Und sie werden dich in kleine Würfel schneiden, dafür, dass du mich entführt hast. Sie werden ...“

„Schnauze!“, fährt ihn Braddock an. „Lass diese dummen Sprüche! Neunhundert also. Und Tarkin ist euer Führer?“ Jose nickt.

„Ich will es von dir hören. Ja oder nein?“, fährt ihn Braddock an.

„Ja“, sagt Jose mit belegter Stimme. Mein Gott, denkt er, was haben die mit mir vor? Wir sind so weit weg von den anderen, dass sie mich nie finden. Selbst wenn sie mich suchen. Eine Stunde lang hätte ich noch Wache gehabt. Dieser Braddock hat also eine Stunde Vorsprung gehabt. Eine ganze Stunde. Unsere Jungs werden mich nicht finden. Und Tarkin wird den Teufel tun, er wird mich nicht herausholen. Wozu auch? Für ihn zählt ein Mensch nicht viel. Ich sowenig wie irgendein anderer. Mit einer Ausnahme. Diese Frau, die zählt für ihn. Sie zählt für uns alle. Nicht nur für ihn.

„Träume nicht! Mach dein Maul auf! Wo hat Tarkin die beiden versteckt? Du weißt es. Also rede!“

„Ich weiß nichts“, beteuert Jose. „Ich weiß gar nichts.“

Braddock lässt seine Zigarette, ohne sie mit der Hand zu berühren, vom linken Mundwinkel zum rechten wandern; Ein kurzer Blick von ihm schwenkt hinüber zu Yumah. Und dann schaut auch Jose in diese Richtung.

Der Indianer hat sein Messer in der Hand und fährt prüfend mit der Fingerspitze über die Schneide. Er lächelt hintergründig. Nimmt den Finger vom Messer und sieht auf Jose. Ihre Blicke treffen sich.

Jose ist es, als habe er mitten in die Hölle geblickt, als er in diese Augen schaut. Gnadenlos wirken sie. Gefährlich. Wie die Augen eines Pumas.

„Fällt dir etwas ein?“, fragt Braddock wieder, und Joses Kopf zuckt herum.

Ich kann es ihnen sagen, denkt Jose. Sie werden ja doch keine Chance haben. Wir sind neunhundert. Was wollen zwei gegen neunhundert ausrichten? Einen Dreck werden sie schaffen, auch wenn diese beiden noch so scharf sind. Nein, sie schaffen es niemals gegen uns.

Der Gedanke lässt Jose frohlocken. Er grinst. „Wir haben sie beide, aber ihr werdet sie nicht bekommen.“

„Quatsch nicht so rum!“, faucht ihn Braddock an. „Wo sind sie? Wo genau?“

Ich werde ihnen ein Märchen erzählen, denkt Jose. Er lacht breit. „Woher willst du wissen, dass ich dir die Wahrheit sage?“

Braddock macht eine Kopfbewegung zu Yumah hin, und der tritt neben Jose, das Messer in der rechten Hand. Er hält es ganz lässig. Wie ein Spielzeug. Lässt es zwischen den Fingern wippen. Und auf einmal richtet sich die Spitze genau gegen Joses Kehlkopf.

„Niemand will sterben“, sagt Braddock. „Auch du nicht.“

Die Messerspitze kommt näher. Jetzt berührt sie schon die Haut genau am Adamsapfel von Joses Hals. Er spürt das. Ein stechendes Gefühl. Noch kein Schmerz. Dann etwas mehr. Jetzt ist es ein Schmerz.

„Wo genau?“, fragte Braddock wieder und wippt auf den Absätzen. Die Zigarette hängt ihm im linken Mundwinkel. Er sieht auf Jose herab.

Plötzlich ist die Angst wieder da. Diesmal die Angst ums Leben.

Sie bringen mich um, denkt Jose. Dieser Indianer wird es wirklich tun. Er ist so kaltblütig wie wir Mexikaner.

Die Spitze des Messers bohrt sich noch tiefer. Jetzt ist es ein richtiger Schmerz. Und Jose kann nicht mehr zurück, hat den Kopf schon in den Felsen gepresst, versucht den Hals einzuziehen.

Würgend stößt er hervor: „In der Hazienda. Alle beide. Aber sie ist bewacht. Sie werden bis heute mittag alle da sein.“

„Willst du sagen, die beiden sind noch bei euch? Tarkin hat sie? Eine Frau und einen Mann, unbewaffnet. Was habt ihr mit ihnen gemacht, nachdem ihr sie aus dem Zug geholt habt?“

„Nichts“, beteuert Jose, als er spürt, dass die Hand mit dem Messer zurückgeht und der Druck nachlässt. Den kleinen Blutstropfen, der an der Stelle, wo die Messerspitze in seine Haut gepiekt hat, herausquillt, bemerkt er nicht. Er starrt nur auf Braddock, nachdem das Messer ganz zurückgenommen wird.

„Weißt du, wer die beiden sind?“, fragt Braddock, und es hört sich an, als wäre es eine Frage nach der Tageszeit oder dem Wetter.

Die Angst weicht. Jose empfindet plötzlich Stolz. Es ist ihnen gelungen, einen Gouverneur, der Amerikaner aus dem Zug zu holen. Trotz der Bewachung durch Soldaten. Aber sie sind einfach in der Übermacht gewesen. Mit fünfhundert Mann hat Tarkin den Zug umstellt, nachdem die Schienen gesprengt waren. Die Soldaten mussten danach in Unterhosen und barfuß in die Wüste marschieren.

Den Gouverneur und die Frau haben sie herausgeholt und mitgenommen als Geiseln, um die Freilassung von Antonio zu erzwingen. Sie dachten, die Frau sei die Frau des Gouverneurs, Aber nachher hat sich herausgestellt, dass sie in Wirklichkeit seine Sekretärin ist. Eine sehr hübsche Frau. So hübsch, dass Dona Maria vor Eifersucht geschäumt hat, weil Tarkin so freundlich zu ihr war.

„Ihr werdet nichts daran machen, dass wir sie haben“, sagt Jose. „Tarkin hat an den Zug geschrieben, was er will.“

Braddock verzieht keine Miene. Auch Yumah, der Indianer, schweigt. Beide sehen Jose nur an.

Ihn würgt es in der Kehle, als er so angeblickt wird. Er hat das Gefühl, wie mit Dolchen durchbohrt zu werden.

Die Angst ist wieder da.

Aber dann kommt der Stolz durch. Der Stolz, was sie erreicht haben. Diese verdammten Gringos werden Antonio freilassen müssen, sonst wird dieser Gouverneur sterben. Die Frau auch. Dafür wird schon Dona Maria sorgen.

„Antonio wird frei sein“, sagt Jose. „Dann bekommt ihr diesen Gouverneur wieder.“

Braddock geht nicht darauf ein. „Erzähle von der Hazienda!“, verlangt er.

Jose verzieht das Gesicht. Ich bin kein Verräter, denkt er. Ich werde es ihnen nicht sagen. Oder ihnen ein Märchen erzählen.

„Sie ist dreihundert Meilen von hier entfernt“, behauptet er.

Er hat den Satz gerade vollendet, da bekommt er von Yumah, dem Indianer, eine Ohrfeige.

Der Schlag ist so, dass es ihm fast den Kopf abreißt. Er fällt zur Seite, heult auf wie ein getretener Hund und blickt voller Entsetzen auf Yumah, der sein Messer zwischen den Zähnen hält. Seine großen kräftigen Zähne sind dabei zu sehen. Und die Klinge blinkt im Feuerschein. Jose erinnert das an einen Wolf, der ihn einmal angegriffen hat.

Als habe er diese Frage nicht schon einmal gestellt, wiederholt sie Braddock so lässig und gleichgültig, als sei das für ihn eine völlig nebensächliche Angelegenheit.

„Erzähle mir von der Hazienda!“

Jose schweigt verbissen. Er erwartet, dass ihn der Indianer erneut schlägt. Aber Yumah denkt nicht daran. Er wiederholt sich nicht gern. Er nimmt nur sein Messer aus den Zähnen, und mit einem schnellen Schnitt hat er plötzlich den Hosenbund von Jose aufgetrennt. Und bevor Jose überhaupt versteht, um was es geht, reißt ihm Yumah die Hosen von den Beinen.

Jose sitzt in seinen erbärmlichen zerfetzten und schmutzigen Unterhosen da. Verstört blickte er auf Yumah, ohne überhaupt zu begreifen, was da mit ihm passierte.

„Sag ihm, Yumah, was er gleich machen wird, wenn er nicht sprudelt wie ein Wasserfall“, sagt Braddock; Und lächelt kalt auf Jose herab.

Die Angst ist jetzt wie eine stählerne Klammer um Joses Brust. Wieder denkt er: Sie bringen mich um.

Yumah deutet auf' den Höhleneingang. Draußen ist die Sonne über den Horizont gekrochen und hüllt das Land in einen goldenen Sein.

Yumah deutet genau auf die Sonne. Sein Finger beginnt einen Halbkreis nach oben zu zeichnen. Als er den höchsten Punkt erreicht hat und er zur Höhlendecke deutet, sagt er:

„Wenn die Sonne dort ist, wird sie alles verbrennen. Auch die Haut. Du wirst nackt sein. Und allein in der Wüste stehen. Du wirst laufen. Ohne Schuhe. Die Füße werden dir aufreißen. Die Sonne wird deine Haut versengen. Du wirst Durst haben und schreien, bis du nicht mehr schreien kannst. Und es wird dich niemand hören. Es wird dich niemand sehen. Und irgendwann brichst du zusammen. Wimmerst wie ein Kind. Und wenn es Abend ist, bist du schon verzückt. Deine Haut wird sich ablösen. Und sie wird brennen wie die Hölle. Und morgen wirst du sterben. Denn du wirst nichts finden, wo du dich verkriechen kannst. Hierher lassen wir dich nicht zurück.“

Aus Joses Furcht wird Entsetzen. Aus weit aufgerissenen Augen starrt er Yumah an. Der verzieht keine Miene.

„Der Gouverneur ist ein Mann. Aber die Frau ist auch bei euch“, sagt Braddock. „Die Frau hat noch niemandem etwas getan. Ihr habt sie aus dem Zug gezerrt und werdet sie womöglich töten, wenn ihr Antonio nicht bekommt. Und ihr werdet ihn nicht bekommen. Und weil ihr euer Gesicht nicht verlieren wollt, werdet ihr beide umbringen. Feige seid ihr nach Mexiko geflohen und habt gedacht, die Soldaten kommen euch nicht nach. Richtig gedacht. Die Soldaten kommen euch auch nicht nach. Aber ich bin euch nachgekommen. Und Yumah ist euch nachgekommen. Für dich ist es kein Problem, ob wir es schaffen oder nicht. Du wirst barfuß und splitternackt durch die Wüste marschieren. Und es wird so kommen, wie dir Yumah gesagt hat. Es sei denn, du willst reden. Du willst singen wie ein Vogel. Also singe, wenn du leben willst!“.

Aus dem Entsetzen ist bei Jose Todesangst geworden. Das Würgen in der Kehle, dieser unsichtbare stählernde Griff um seine Gurgel, den er zu verspüren meint, wird unerträglich. Und als Yumah mit einer lässigen Bewegung sein Messer an der Spitze packt und es wie ein Pendel zwischen Damen und Zeigefinger seiner rechten Hand hin und her schwingen lässt, da erkennt Jose, wie es weitergehen wird. Nein, denkt er, und erinnert sich an die Methoden, die er und seine Freunde schon so oft bei Gefangenen angewandt haben, sie werden mich vorher verletzen. Sie werden mir die Haut aufschneiden. Und dann erst schicken sie mich in die Sonne. So, wie wir es auch schon gemacht haben. Sie sind genau wie wir. Das sind nicht die Gringos, wie wir sie kennen. Die beiden sind so hart und so grausam wie wir selbst.

Und als er das begreift, als ihm das klar wird, hat er nur noch einen Gedanken: Ich muss mein Leben retten.

„Die Hazienda ist keine dreihundert Meilen von hier weg. Ich weiß nicht genau, wo ich bin. Aber dort, wo ihr mich gefangen habt, von da sind es noch siebzig Meilen den Fluss hinab, und wo die Felsen niedriger werden, muss man nach Westen zu. Es ist ein Wagenweg. Und im Fluss ist dort eine Furt. Der Wagenweg führt direkt zur Hazienda. Die ist aber sehr gut bewacht. Bis zum Mittag werden alle von uns dort sein. Alle ... außer mir: Und mitten auf der Hazienda, im Innenhof, da ist ein Gebäude. Er hat es extra umbauen lassen für die Gefangenen. Der Turm...“

„Ist das die Hazienda von Antonio Gonzales?“, will Braddock wissen.

Jose nickt eifrig. Bei ihm ist der Widerstand gebrochen. Die Angst ist zu groß. Und er erzählt weiter und weiter. Nach einer Viertelstunde sind alle Geheimnisse um die Hazienda gelüftet. Aber der Gegner ist nicht Antonio Gonzales. Er sitzt irgendwo in einem Gefängnis der Vereinigten Staaten. Der Gegner ist ein Mann wie Braddock selbst. Ein Gringo. Ein Captain der US Army. Einer, der seine blaue Uniform vertauscht hat mit dem Charro-Anzug eines mexikanischen Hidalgos. Ein Mann, der für Antonios Schwester Maria alles tun würde. Einfach alles.

Aber das alles kümmert Jose nicht mehr. Er denkt nur noch an sein eigenes Leben. Und daran, dass er sonstwohin laufen würde, sollten ihn die beiden freilassen.

Es tröstet Jose, dass er davon überzeugt ist, wie wenig die beiden mit ihrem Wissen anrichten können. Immerhin hat Tarkin neunhundert Mann. Und diese beiden können vielleicht einen einzelnen herausfischen, was ihnen auch kein zweites Mal gelingen wird. Davon ist Jose überzeugt. Nur er selbst wird verloren sein, sollte er zu Tarkin zurückkehren. Für ihn gibt es nur die Flucht. Vorausgesetzt, dieser Braddock gibt ihm eine Chance.

Eine halbe Stunde später hat er die Chance. Sie hatten ihm nur die Schuhe und die Hosen weggenommen, nicht aber den Poncho. Er ist barfuß. Sitzt in der Höhle und sieht, wie die beiden, jeder von ihnen mit einem Packpferd neben dem eigenen Tier, davonreiten. In die grelle Sonne der Wüste hinein. Jose ist frei. Aber er weiß, dass er nichts hat außer einer Feldflasche mit Wasser, die sie ihm zurückgelassen haben. Und sein Leben, das hat er auch. Und das ist viel. In der Höhle kann er die Hitze überstehen und erst in der Nacht den Versuch machen, barfuß durch die Wüste zu marschieren. Die nächste Siedlung, das weiß er, ist mehr als vierzig Meilen entfernt Sie liegt im Norden nahe der Grenze zu den Vereinigten Staaten. .

Und in diesem Augenblick begreift Jose,.warum sie ihn einfach zurückließen. Denn sie wissen, dass er nur in diese kleine Siedlung Poripo fliehen kann. Und niemals nach Südwesten zur Hazienda von Antonio Gonzales. Das würde er nie schaffen.

Dieser Braddock und sein Freund;, der Indianer, haben sich das sehr gut überlegt, denkt Jose. Ich kann gar nicht anders, selbst wenn ich Tarkin warnen wollte. Ich könnte es nicht. Mir bleibt nur der Weg nach Norden. Nur so habe ich eine Möglichkeit zu überleben. Und ich verliere viele Stunden, bis es Nacht ist und ich losmarschieren kann.

O Hölle, hätte ich wenigstens meine Stiefel noch!

*

Sie haben einen weiten Bogen geschlagen und nähern sich dem Tal von Süden. Ein riesiges weites Tal. Grün die Hänge, rotbraun die Erde! Über allem ein azurblauer Himmel. Und auf einer leichten Anhöhe innerhalb des großen Tales die Hazienda.

Schneeweiß. Grellweiß leuchten die gekalkten Mauern, der Gebäude. Ein gewaltiges Anwesen. Fast eine Festung.

Im Umkreis Corrals für Pferde, aber auch Rinder. Etwas weiter rechts, dicht an dicht, die kleinen Hütten der Peones.

Im Sichtschutz sturmzerzauster Zedern sitzen Braddock und Yumah auf ihren Pferden. Die Packpferde stehen dösend mit gesenkten Köpfen.

In der Sonne flimmert die Luft. Das Summen von Insekten und das Rauschen des Windes in den Blättern sind die einzigen Geräusche. Die Tiere stehen reglos. Die Männer lehnen sich auf die Sattelhörner und blicken schweigend nach vorn in dieses Tal hinein.

Braddock erkennt ein Reiterpaar, das von zwei großen Hunden begleitet wird. Die Reiter bewegen sich vom Osthang des Tales quer durch dieses weite Tal hindurch in Westrichtung.

Nach einer Weile entdeckt Braddock ein zweites Reiterpaar, das weiter hinten aus der Westrichtung hinter der Hazienda vorbeireitet.

Die beiden Männer rühren sich nicht. Sie suchen mit ihren Blicken Meter für Meter im Tal ab. Und dann haben sie schon wieder etwas entdeckt. Einen Posten in einer Buschgruppe.

Braddock greift in seine Satteltasche, holt ein Fernrohr heraus, zieht das Spektiv auseinander und hält es ans Auge. Er hat sich nicht getäuscht.

Zwei Männer hocken im Schatten der Büsche. Gewehre vor sich auf den Knien.

Er sucht an einer anderen Stelle, wo ihm ebenfalls etwas verdächtig vorgekommen ist. Und wieder entdeckt er einen Wachposten. Aber er glaubt nicht daran, dass es nur einer ist. Geduldig beobachtet er diese Stelle weiter. Und da sieht er schon den zweiten. Nur die Schulter und die Hälfte des Hutes ist zu erkennen. Dann verschwindet der Männ schon wieder in seiner Deckung hinter einem Erdwall.

Seit einer Stunde warten Braddock und Yumah an dieser Stelle. Seit einer Stunde tun sie nichts weiter, als das Tal zu beobachten.

Braddock hat noch keinen einzigen genauen Blick auf die Hazienda verschwendet. Nur das Gelände davor interessiert ihn. Und nun, da er glaubt, alles erforscht zu haben, wendet sich sein Blick der Hazienda zu. Durch das Spektiv sucht er sie ab. Auch hier Meter für Meter. Und er sieht, dass es um diese Hazienda herum einen Graben gibt. Er sieht auch jetzt in seinem Fernglas einen Zaun.

Stacheldraht!.

Dahinter bewegt sich etwas. Er braucht eine ganze Weile, bis er heraus finden kann, was es ist. Es ist ein Hund. Aber er ist nicht frei. Er hängt an einer langen Leine. Und die wiederum ist oben offenbar mit einer Rolle an einem Stahlseil befestigt, das von einem Mast zum nächsten läuft.

Jetzt entdeckt Braddock viele solcher Mästen. Rund um die Hazienda vermutlich.

Der Blick durchs Fernrohr wandert weiter nach rechts. Da sind die Corrals, und in ihnen die Pferde. Es sind Hunderte von Pferden. Aber das allein interessiert Braddock nicht so sehr. Was ihm viel wichtiger vorkommt, ist das Fell dieser Tiere. Er sieht dunkle Flecken auf den Rücken. Die Stellen, wo der Sattel gesessen hat. Die Tiere sind offenbar erst in der Nacht in den Corral getrieben worden.

Braddocks Schätzung nach müssen es wenigstens siebenhundert Tiere sein, die diese Schweißspuren eines langen Rittes tragen.

„Tarkin ist da“, sagt Braddock nur. Und Yumah nickt, als habe er nichts anderes erwartet. Sie sind nicht den Spuren Tarkins und seiner Männer gefolgt. Aber nach seinen Berechnungen muss er jetzt dasein. Tarkin und eine gewaltige Reiterschar. Wo nur ein. Mann fehlt. Ein einziger. Jener Posten Jose, der vermutlich schon in der vergangenen Nacht den Weg nach Norden angetreten hat.

Braddock wüsste zu gern, ob eine Gruppe von Reitern aus Tarkins Schar noch unterwegs ist, um womöglich nach Jose zu suchen oder etwa nach ihnen beiden, Braddock und Yumah.

Aber dieser Gedanke verschwindet wieder. Braddock geht es jetzt um zwei Menschen, die dort irgendwo hinter den weißen Mauern der Hazienda gefangen sind.

Der Gouverneur William Myers und seine Sekretärin Betty McLaine.

Beide wurden aus einem Zug entfuhrt, den Tarkins Bande gestoppt hat. Seitdem laufen die Verbindungen der Regierung in Washington und der mexikanischen in Mexiko City.

In Mexiko City tut man ahnungslos. Behauptet, von nichts zu wissen. Verspricht, nach den Banditen zu suchen.

Braddock und Yumah wissen, dass nicht ein einziger Rural aufgebrochen ist, um nach Tarkin und seiner Bande zu forschen. Das brauchen sie auch gar nicht. Sie wissen ja von ihnen. Sie dulden sie. Denn was Tarkin und seine Männer tun, geschieht ausschließlich in den Vereinigten Staaten. Im Land der Gringos, wie die Mexikaner sagen. Und was dort passiert, interessiert keinen Gendarm in Mexiko.

Das weiß man auch in Washington. Und unmittelbar nach der Entführung von Myers und Betty McLaine hat Braddock den Befehl bekommen, sich in Marsch zu setzen. Sein Standort nahe der Grenze war günstig. Die beiden Special Deputies, die ohne ein Abzeichen und ohne Rückendeckung der Behörden völlig auf sich selbst gestellt arbeiten müssen, sind sofort aufgebrochen. Und jetzt haben sie bereits die Höhle des Löwen erreicht.

Yumah fragt nicht, wie es Braddock anstellen will, die beiden Geiseln, die Tarkin dort in der Hazienda gefangen hält, herauszuholen.

Die Befreiung der Geiseln ist die Lösung aller Probleme, auch für die Regierung in Washington. Sie wird Antonio Gonzales nicht freilassen, um ihn gegen die Geiseln auszutauschen. Antonio Gonzales, der hier im mexikanischen Sonora ein Volksheld ist,, wurde in den Staaten schlicht und ergreifend als Mörder bestraft und eingesperrt.

Sein Opfer war ein Landsmann. Der Mord geschah aus politischen Gründen. Aber für das Gericht in Phönix ist es ein Mord gewesen. Nicht mehr und nicht weniger.

Antonio Gonzales wurde gefasst, inhaftiert, verurteilt. Und befindet sich jetzt weit oben im Norden in sicherstem Gewahrsam. Eine Flucht ist für ihn unwahrscheinlich. Das schienen auch seine Freunde in Mexiko begriffen zu haben. Und so holten sie zum Gegenschlag aus. Eine bessere Geisel als den Gouverneur und, wie sie anfangs glaubten, seine Frau, konnten sie sich nicht denken.

Aber viel rascher, als von dem einstigen Captain Tarkin erwartet, hatten sie Verfolger auf ihrer Spur. Während Tarkin wohl damit rechnete, dass die Armee die Verfolgung aufnehmen würde, waren es in Wirklichkeit nur zwei. Zwei Männer, denen die Bundesregierung mehr zutraut als einer Schwadron Kavallerie. Und ganz besonders deshalb, weil es diesen beiden möglich ist, auch in Mexiko zu operieren, ohne dass es zu politischen Verwicklungen kommen kann.

Special Deputies schaffen entweder ihren Auftrag oder gehen unter. Offiziell gibt es sie nicht. Aber in Wahrheit sind diese -  insgesamt zwanzig Männer - die härtesten, gnadenlosesten und zähesten Burschen, die der Westen Amerikas hervorgebracht hat.

Braddock und Yumah sind zwei von ihnen. Und wenn sie auch nicht darüber reden, so ist es für sie beide absolut sicher, dass es nichts anderes für sie gibt, als den Auftrag bis zum letzten Punkt und Komma auszuführen. In diesem Falle die Geiseln zu befreien und möglichst gesund und heil in die Staaten zurückzubringen.

An nichts anderes denken die beiden. Und Braddock hat einen Plan.

Ein Plan, bei dem die Fetzen fliegen werden. Und er denkt nicht eine Sekunde daran, dass dies sein letzter Auftrag sein könnte. Yumah und er, sie stehen gegen eine kleine Armee. Sie stehen gegen ein Sicherheitssystem, das sie in etwa schon von hier erkennen können. Und sie stehen gegen die todesmutige Kampfbereitschaft der Mexikaner, die Tarkin um sich versammelt hat. Antonio Gonzales ist ihr Idol. Und seine Schwester Maria ist zu allem, aber auch wirklich allem bereit, um dafür zu sorgen, dass ihr Bruder freikommt. Die würde sich mit dem Teufel verbinden, und vielleicht hat sie das schon.

Braddock weiß so gut wie Yumah, dass Tarkin ein Teufel ist. Ein Teufel, der für diese Maria Gonzales zu sterben bereit wäre.

Braddock wirft Yumah einen kurzen Blick zu. „Wir brauchen einen Wagen“, sagt er. Setzt das Spektiv wieder ans Auge und späht hinüber zur Hazienda. Leise, dass Yumah Mühe hat ihn zu verstehen, fährt er fort: „Morgen werden wir den Wagen besorgen. Und vielleicht fangen wir sofort an; Morgen Abend müssen wir schon mit den beiden auf dem Rückmarsch sein. Länger darf es nicht dauern.“

Yumah nickt nur. Aus seinem verschlossen wirkenden Gesicht lässt sich nicht lesen, was er denkt. Aber Braddock braucht es nicht zu wissen. Braddock weiß, dass er niemals einen treueren Gefährten haben könnte als ihn.

Und keinen besseren.

*

Ein Colt, Kaliber 45.

Eine klobige Waffe, die zu den zarten Händen nicht zu passen scheint.

Zart wirkt auch die ganze Frau. Schwarzes Haar, schmales rassiges Gesicht, geschwungene Augenbrauen, schlanke Nase, volle Lippen. Im deutlichen Kontrast zum schwarzen Haar stehen die grauen Augen.

Leuchtende Augen. Katzenaugen.

Sie lächelt. Ihr Mund wird dabei etwas schmaler. Ihr Kinn, das für eine Frau sehr markant ist, schiebt sich etwas vor.

„Ich werde sie töten. Sie ist überflüssig.“ Die Stimme der Frau klingt dunkel. Rauchig. Erotisch.

Der blonde Mann lehnt am Fenster. Drei Schritte von der Frau entfernt. Er lässt keinen Blick von ihr. Wie gebannt schaut er sie an. Sein tiefgebräuntes, von unzähligen Fältchen durchzogenes Gesicht ist glatt rasiert. Er trägt das Haar kurz. Seine Haltung lässt an seine Zeit als Offizier denken. Auch wenn er diese Kleidung nicht mehr trägt, die er damals getragen hat. Aber der Charro Anzug steht ihm gut. Schneeweißes Hemd, kurze Bolero-Jacke in schwarzem Leder, schwarze eng anliegende Hosen, die die Beine umspannen wie eine zweite Haut.

„Es ist nicht nötig, sie zu töten“, sagt er.

Die Frau schiebt die Unterlippe trotzig hoch. Wieder dieses Lächeln. „Glaubst du wirklich? Sie wird reden. Und die Yankees werden einen Rachefeldzug starten. Oder unsere Regierung zwingen, dass sie es tut. Nein.“ Sie schüttelt den Kopf, und wie zufällig gerät die Mündung des Revolvers in die Richtung des Mannes.. Aber er beachtet es nicht.

Er sieht sie an. Ihre Schönheit macht ihn zu Wachs in ihren Händen. Er weiß es, aber er hat es aufgegeben, dagegen anzukämpfen. Doch er will nicht, dass sie die Gefangene tötet. Er weiß, was es bedeutet. Weder dem Mann noch der Frau darf etwas geschehen, wenn das Unternehmen Sinn haben soll.

„Es wäre ein Fehler, es zu tun“, erklärt er. Stemmt sich vom Fenster ab und bleibt vor ihr stehen. Breitbeinig steht er so da.

„Wenn es so ist“, fragt die Frau schnippisch, „warum habt ihr sie dann mitgebracht?“

„Maria“, sagt er, „es ist keine Zeit zu langen Reden. Wir müssen damit rechnen, dass sie uns jemanden auf die Spur schicken. Wir haben diesen Mann von uns nicht gefunden. Ich bin nicht sicher, ob er abgehauen ist. Aber vielleicht wurde er auch versteckt. Es gab keine Spuren.“

Die Frau wird ernst „Tarkin“, sagt sie, „das wäre dein zweiter Fehler. Wir können uns doch keine Fehler erlauben. Warum machst du immer wieder welche? Es durfte einfach nicht geschehen, dass ein Mann verschwindet, ohne dass es die anderen wissen. Hier an der Hazienda haben wir nur Doppelposten. Und im Haus selbst sind sie zu dritt. Mein System, verstehst du? Sie werden aufeinander aufpassen. Wenn der eine etwas tut, was er nicht tun soll, wird ihn der andere verraten. Wird es dir melden. Du selbst hast diesen Vorschlag gemacht. Aber als du unterwegs warst, hast du nicht daran gedacht. Sonst wäre das nicht passiert.“

„Dieser Molinero ist ein zuverlässiger Mann gewesen. Ich kann mir auch nicht denken, dass er abgehauen ist. Aber, wie gesagt, keine Spuren. Ich rechne damit, dass er irgendwie geschnappt wurde.“

Maria lächelt wieder, legt den Revolver beiseite und schlägt die Beine übereinander. Ein spöttischer Zug tritt in ihr Gesicht, als sie sieht, wie er auf ihre Fesseln starrt, wie ihn die. von Seide umhüllten Füße und die schlanken Waden, die er bis kurz unters Knie sehen kann, in Bann schlagen. Sie weiß um ihre Macht. Um die Macht ihres Körpers. Und sie braucht keine Phantasie, um sich vorzustellen, was in ihm vorgeht.

„Wir sind zu viele Leute, als dass wir uns fürchten müssten“, sagt sie und erhebt den Blick.

Er sieht sie an, und sie erkennt, wie sich seine Nasenflügel blähen. Die Begierde in seinen Augen ist für sie fast greifbar deutlich.

Als denke sie nicht darüber nach, beugt sie sich etwas nach vorn, so dass er in den gewagten Ausschnitt ihres grünen Kleides sehen kann.

Das funktioniert prompt. Sein Blick wird von ihren Brüsten, die er zum Teil erkennen kann, wie magisch angezogen.

Sie richtet sich wieder auf, erhebt sich, geht auf ihn zu und legt ihm die Hände auf die Schulter. Er ist nicht wesentlich größer als sie. Aber sie weiß, dass er ein knallharter Bursche ist. Der einzige, der ihre raubeinigen Männer beherrschen kann. Von dem sie Befehle entgegennehmen und sie auch ausführen. Er ist besser als jeder von ihnen. Sie respektieren ihn. Maria weiß das. Einen besseren Mann als ihn könnte sie für ihre Männer nie bekommen.

Aber er soll ganz und gar ihr Mann sein. Sie ist bereit, ihn zu heiraten, wenn er es will. Und sie weiß auch aus Erfahrung, dass er nicht nur ein Kämpfer ist und mit dem Revolver umzugehen versteht. Er ist mehr. Er kann auch eine Frau sehr glücklich machen. Keiner vor ihm hat es bei ihr so verstanden. Aber sie hat sich selbst dabei nicht aufgegeben. Sie hat sich ihm niemals untertan gefühlt.

Im Gegenteil; Sie hat ihn beherrscht; nicht er sie.

Und sie beherrscht ihn auch jetzt.

„Also gut“, sagt sie und sieht ihn wieder lächelnd an, lehnt ihren Körper ganz sanft gegen den seinen. Sie spürt, wie die Erregung in ihm wächst Das verschafft ihr Genugtuung. Auch sie selbst empfindet eine gewisse Erregung, ihm so nahe zu sein. Dieses Prickeln mag sie. Sie mag noch viel mehr; Aber erst will sie ihre Absichten bei ihm durchsetzen.

Ein wenig unsicher fragt er: „Was hast du vor?“

„Wir lassen die Frau am Leben. Wir. benutzen sie als Botin. Wir haben den Mann. Es ist leichter, einem Mann ein Ohr abzuschneiden als einer Frau. Ich weiß, wie ihr Yankees seid. Wenn es um eine Frau geht, bringt ihr euch um und spielt verrückt. Du scheinst recht zu haben. Aber ich will, dass die Hazienda noch besser bewacht wird. Rechnest du mit einem Angriff?“

„Nicht durch Militär. Militär geht nicht über die Grenze. Die politischen Verwicklungen sind kein Preis für dies alles. Soweit gehen sie nicht. Aber sie werden andere schicken.“

„Was heißt andere? Texas-Ranger?“

„Nein. Bessere. Andere.“

Ungeduldig fragt sie: „Nun sag schon, was meinst du damit?“

„Todeskommandos. Freiwillige. Burschen, die alles riskieren und nichts zu verlieren haben.“

„Und wann rechnest du mit ihnen?“

Tarkins Mund umspielt ein hartes Lächeln. „Bald“, sagt er. „Sehr bald.“

„In anderen Worten“, entgegnet sie, „es wird bald Kampf geben. Wie viele, glaubst du, werden sie schicken? Ich nehme, an, sie wissen, wie viele wir sind.“

Er nickt. „Sie werden schon eine ganze Menge Leute schicken. Verlass dich darauf! Aber sie brauchen zwei Tage dazu. Vielleicht sogar drei. Und bis sie hier sind ...“

Sie macht ein ungläubiges Gesicht. „Könnten nicht welche schon schneller hier sein?“

Er nickt. „Ja“, bestätigt er. „Einzelne. Um alles auszukundschaften. Wir werden das ganze Gebiet im Umkreis von zehn Meilen um die Hazienda total abschirmen. Ich habe meinen Plan fertig. Wenn da einer steckt von denen, kommt er nicht mehr weg. Aus dem Doppelposten werde ich Patrouillen zu jeweils fünfzehn Reitern machen. Wir durchstreifen das Gebiet so, dass kein Quadratfuß ungesehen bleibt. Bei Westwind brennen wir in der Savanne das trockene Gebüsch ab. Dort ist es am unübersichtlichsten. Aber dort hätten sie Deckung. Keiner wird aus diesem Feuer herauskommen. Die Flammen werden sie uns direkt vor die Läufe treiben. Aber vorausgesetzt ist, dass überhaupt schon jemand da ist. Immerhin rechne ich damit, seit Jose Molinero fehlt“

„Wie sollte er überhaupt in euer Lager gekommen sein?“

„Vom Fluss aus. Und es können mehrere gewesen sein. Nicht nur einer. Weißt du, viele wissen es bei uns gar nicht. Aber es gibt da eine Truppe, die besteht aus stahlharten Burschen. Ich weiß nicht, ob es zwanzig oder dreißig sind. Sie operieren einzeln oder höchstens zu zweit. Man nennt sie Special Deputies. Sie unterstehen der Bundesregierung direkt, ohne dass sie offiziell irgendwo geführt werden. Sie bekommen Prämien. Und sie operieren völlig auf sich gestellt. Es kann sein, dass wir es mit solchen Burschen zu tun haben.“

„Kochen die mit etwas anderem als Wasser?“, fragt Maria spöttisch.

Tarkin nimmt es nicht als Witz. Todernst erwidert er: „Einer von denen wiegt hundert von deinen Leuten auf. Wenn es reicht. Sie arbeiten mit allen Tricks. Sind mit allen Wassern gewaschen. Und kennen in ihrem Wortschaft den Begriff „zurück“ überhaupt nicht. Sie geben nicht auf. Es sei denn, es erwischt sie. Aber solange sie kriechen können, Maria, haben wir sie zu Feinden. Ich wünsche dir und mir, dass man diese Männer nicht schickt. Ich habe es lieber mit Aufgeboten zu tun. Und wenn sie noch so wild sind. Das sind Männer wie deine Leute. Harte entschlossene Burschen. Aber keine reitenden Teufel.“

„Reitende Teufel nennst du sie, diese Special Deputies?“, fragt Maria. Sie lacht. „Glaubst du, ich sei ihnen nicht gewachsen? Solange es Männer sind, fürchte ich mich vor ihnen nicht.“

Tarkin sieht sie skeptisch an. Eine Antwort liegt ihm auf der Zunge, aber er schweigt. Er wendet sich ab, blickt durchs Fenster hinaus und beobachtet die Posten, die einmal in dieser und einmal in der anderen Richtung vorbeireiten. Beobachtet die Hunde, deren Leinen am Ende eine Rolle haben, die auf einem Stahlseil entlang gleitet Große gefährliche Hunde, die mit Blut getränkt werden, wenn sie Durst haben. Die so scharf und so mordgierig sind, wie es kein Tier ist. Auf den Mann abgerichtet. Und Tag und Nacht bereit zu töten.

Tarkin hat in diesem Augenblick Lust, die Sicherheitsanlagen der Hazienda zu überprüfen. Er wendet sich Maria zu, die gelangweilt ihre Nägel mit einer Feile bearbeitet.

„Ich werde einmal nach draußen gehen“, sagt er,

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903591
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323769
Schlagworte
braddock mexiko-hölle

Autor

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Titel: Braddock #4: Mexiko-Hölle