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Texas Mustang #4: Gesucht: Stuart Morton

2016 120 Seiten

Leseprobe

TEXAS MUSTANG

Band 4

Gesucht: Stuart Morton!

Horst Weymar Hübner

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/Schottland, 2016

Der Roman erschien ursprünglich unter dem Titel „Verraten und verfolgt.“

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

US Marshal Jim Allison sucht Stuart Morton. Er ist mit mit einer Menge Gold verschwunden, und die Postlinie will das Geld zurückhaben. Allison gerät in einen Hinterhalt und wird angeschossen – sein Mustanghengst King wird gestohlen. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um die Suche nach Morton fortzusetzen. Aber Allison gibt so schnell nicht auf. Die Spur führt in die Stadt Bluewater – und dort findet der Marshal weitere Hinweise. Wo steckt King, und was hat die schöne Hattie Jefferson mit dem Goldraub zu tun? Allison stößt in ein Wespennest voller tödlicher Gefahren...

Roman

Der Mann war rundum mit Pfeilen gespickt und lag auf dem Gesicht.

US Marshal Jim Allison musste kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass er tot war. Getier hatte bereits an ihm herumgefressen, seine Kleidung war zerfleddert, und die Taschen waren nach außen gedreht.

Der Tote war gründlich ausgeplündert.

„Kein guter Platz zum Sterben“, murmelte Allison und musterte den trostlosen Platz in dieser Felsenwildnis.

King, der Schwarzschecke, nickte verständnisvoll, als habe er den Sinn der Worte genau begriffen. Er scharrte ungeduldig. Sand flog rieselnd zwischen ausgelaugtes Geröll.

Ächzend stieg Allison aus dem knarrenden Sattel und betrachtete die wenigen Spuren, die der Wind noch nicht mit feinem Flugsand zugeblasen hatte.

Ein paar Mokassineindrücke waren da, und zwei zusammengefallene Trittsiegel eines Pferdes.

Eine steile Falte bildete sich über Allisons Nasenwurzel.

War er verrückt geworden in der Hitze, oder litt er unter Einbildungen?

Die wenigen Spuren passten überhaupt nicht zusammen.

Der Mann war durch Comanchenpfeile getötet worden. Die Geschosse hatten die charakteristische Truthahnbefiederung. Und dies hier war auch Comanchenland - die Wüste und die staubtrockenen Randberge.

Die Fußspuren stammten aber von Mokassins, wie sie nur von den Kiowas getragen wurden.

Es war ausgeschlossen, dass sich Kiowas ins Comanchengebiet gewagt hatten.

Überdies stammten die Trittsiegel von einem beschlagenen Pferd. Die Roten ritten keine beschlagenen Pferde.

„Ich will keinen Tropfen mehr anrühren, wenn das nicht eine verdammt seltsame Sache ist“, sagte Allison und klemmte die Stiefelspitze unter die Brust des Toten.

Mit einem Ruck warf er ihn herum.

Knackend brachen Pfeilschäfte. Der Mann blieb in verkrümmter Haltung liegen.

Allison warf einen Blick auf das bärtige Gesicht und schüttelte den Kopf.

Das war nicht Stuart Morton, der mit vierzig Pfund Goldstaub spurlos in diesem Land verschwunden war. Die Postliniengesellschaft wollte ihr Gold gerne wiederhaben. Allison sollte es herbeischaffen und Morton dazu, damit man ihn fragen konnte, welcher Teufel ihn geritten hatte, dass er mit der kostbaren Ladung verschwinden wollte.

Bis Harperville hatte Allison Mortons Spur folgen können. In diesem kümmerlichen Nest an der Comanchengrenze hatte man den Reiter mit dem Packpferd noch gesehen.

Danach endete jegliche Spur.

Dieser Tote hier hatte keinerlei Ähnlichkeit mit Morton. Silberne Fäden zogen sich durch den Bart und das schmutzige Haar. Stirn und Nasenrücken waren von der Sonne verbrannt. Der Mann musste zuletzt ohne Hut gewesen sein.

Das Gesicht war von Strapazen gezeichnet und zeigte das grauenvolle Entsetzen, das der Mann im Augenblick des Sterbens empfunden hatte. Es war ein Ausdruck, als habe der Mann alle Abgründe der Hölle gleichzeitig erblickt.

Allison sah die alten Lassonarben auf den Handrücken und die klumpigen, blutverkrusteten Füße. Der Mann musste sich meilenweit mit blutgefüllten Stiefeln durch die Felsenwildnis geschleppt haben.

Hier war’s zu Ende gegangen.

Die Stiefel waren fort.

Nachdenklich rieb sich Allison das Kinn.

Reitstiefel waren für Indianer wertlos. Und Comanchen brauchten nicht neun Pfeile, um einen Mann zu töten.

Überaus seltsam war das alles.

Allison trug Geröllbrocken zusammen und begann, sie über dem Toten aufzuschichten.

King, der Mustanghengst, trottete interessiert näher und schaute mit vorgerecktem Kopf und langem Hals zu.

„Wenn du mich fragst“, sagte Allison zu seinem Pferd und rieb die staubigen Hände an der Hose ab, „das ist ein armer Teufel von Cowboy. Ein alter Knabe, den man vielleicht nicht einmal vermissen wird. Ich habe nicht die geringste Vorstellung, mit wem er hier zusammengeraten ist.“

Er zog die verrutschte Hose zurecht und streckte die Hand nach dem Sattelhorn aus, um aufzusitzen. In diesem Augenblick flog Kings Kopf hoch, und die Ohren legten sich eng an.

Hinter Allison war etwas - irgendwo hinter seinem Rücken.

Er fuhr herum und legte in der Drehung die rechte Hand auf den Revolverkolben, um sofort zum Schuss zu kommen.

Da stand niemand und bedrohte ihn mit einer Waffe.

Was er sah, war noch weit unangenehmer als der Anblick von Gegnern.

Von einer Felsenkanzel stiegen Rauchsignale auf!

Ein Feuer brannte dort, und zwei ameisenhaft klein wirkende Gestalten schwenkten emsig eine Decke im Rauch und gestalteten die einzelnen Signale.

Die Entfernung mochte vier oder auch sechs Meilen betragen. Eine genaue Schätzung war in der hitzewabernden Schlucht nicht möglich.

Verdammt, warum hat mir niemand gesagt, dass die Roten auf dem Kriegspfad sind?, dachte Allison voller Grimm.

Er klopfte King den Hals und beobachtete die aufsteigenden Rauchzeichen, die in einiger Höhe vom über die Randberge blasenden Wüstenwind zerrissen wurden. Die Vorboten ausgesprochen friedlicher Zeiten waren sie noch nie gewesen.

„Nichts wie weg hier, King!“, sagte Allison und zog sich behend in den Sattel. „Ich möchte keine Kriegshorde auf den Fersen haben.“

Er lenkte den Mustanghengst herum und drängte ihn an einer zerklüfteten und in allen Farbschattierungen schimmernden Felswand entlang, bis die Felsnase mit dem qualmenden Feuer nicht mehr zu sehen war.

Wenn sie Glück hatten, dann kamen er und King unentdeckt aus dieser Gegend fort. Wenn nicht - nun, der Tote hatte verraten, welche Möglichkeit noch blieb.

*

Allison verwendete den größten Teil der Aufmerksamkeit auf die Beobachtung der fernen Rauchzeichen. Er konnte sie nicht lesen und ihre Bedeutung nicht verstehen.

Sie standen immer noch über den Felstürmen.

Er konnte nicht ausschließen, dass sie ihm galten. Vielleicht hatten die zwei Burschen auf der Felsnase beobachtet, dass er den Toten entdeckt und untersucht hatte.

Welcher unzuverlässige Partner das Glück sein konnte, das merkte der US Marshal, kaum dass er etwa eine Meile von dem aufgeschichteten Grabhügel entfernt war.

Er rechnete mit dem Auftauchen einer Horde aus der Richtung der Rauchsignale. Darum schaute er mehr hinter als vor sich.

Dass die Burschen schon da waren und auf ihn gewartet hatten, merkte er erst, als er einen Gewehrlauf in der Sonne blitzen sah und King im selben Moment ein zorniges Schnauben von sich gab.

Der Platz war gut gewählt. Mächtige Felsbrocken, die vor langen Zeiten von den Randbergen heruntergerollt waren, gaben Deckung nach allen Seiten und waren für einen Hinterhalt günstig angeordnet.

Allison saß mitten drin. Das Schussfeld aus allen Richtungen war frei.

Es zog ihm die Haut zwischen den Schulterblättern zusammen, als er die Falle erkannte. Wie ein blinder Präriehund war er hineingestolpert.

Teuflisch schlau hatten es die Burschen eingefädelt. Die Rauchsignale wurden nur zu dem Zweck gegeben, den einzelnen Reiter aus den Randbergen in die Wüste hinauszutreiben. Die Felsenschlucht war wie eine gewaltige Rinne. An ihrem einen Ende brannte das Feuer, das andere mündete in die Wüste. Die Hänge waren unbesteigbar für einen Mann mit einem Pferd.

Er konnte sich nur zur Wüste hin wenden.

Und hier waren sie.

Sie hatten sich nur hinzusetzen brauchen, bis er ihnen in die ausgeklügelte Falle ging.

Dies alles und die bittere Erkenntnis, es genausowenig geschafft zu haben wie der Unbekannte drinnen in der Schlucht, ging in Sekundenbruchteilen Allison durch den Sinn.

Doch statt zu resignieren, handelte er.

Kaum hatte er das Aufblitzen des Sonnenlichtes auf dem Lauf wahrgenommen, griff er nach seinem Gewehr und zog es mit einer traumhaft schnellen Bewegung aus dem Scabbard, während er den Schwarzschecken anspringen ließ.

Vor dem Fels, über dessen Kante der Gewehrlauf ragte, blitzte es schwefelgelb auf. Die Kugel ging so knapp vorbei, dass Allison sie summen hörte.

Der peitschende Knall sprang gleichzeitig vom Felsen her.

„Knapp!“, zischte der Marshal und ließ sein Gewehr hochfliegen, den Finger am Abzug.

Der hinterhältige Schütze nahm seine Waffe zurück und tauchte unter, bevor Allison zum Schuss gekommen war oder auch nur eine Nasenspitze des Burschen hatte entdecken können.

Links drüben entstand eine Bewegung. Allison warf den Kopf herum.

Jemand tauchte eben hinter eine Geröllbarriere und riss einen Bogen, an dem Federschmuck wedelte, mit hinter die Deckung.

Allison setzte eine Kugel auf die Geröllbarriere. Er sah Gesteinsstaub aufstieben und hörte das Winseln seiner Kugel, die als Querschläger in den Himmel stieg.

Aus den Augenwinkeln sah Allison etwas heranschwirren. Es kam von rechts. Er warf sich herum und erkannte ein Kriegsbeil, dessen Klinge flirrende Kreise beschrieb.

Es war ein miserabler Wurf. Das Beil ging um drei Pferdelängen daneben.

King, der Mustanghengst, kam jetzt in Fahrt. Der Sand rutschte ihm zwar unter den Hufen weg, aber er entwickelte doch ein überraschendes Tempo und schoss auf eine Lücke zwischen den mächtigen Felsbrocken zu.

Allison konnte gerade noch die Beine eng an den Pferdeleib pressen, ehe es ihm die Knie an den Felskanten rechts und links zerschmetterte.

Er spürte förmlich den Luftzug, als King hindurchjagte.

Dann blafften zwei Schüsse hinterdrein. Eine Kugel ging in den Sand, die andere schleuderte Steinschutt gegen Kings Beine.

Als Allison hinter sich blickte, sah er nur noch Staub. Und schemenhaft drei von den gewaltigen Felsklötzen.

Von Verfolgern sah er noch nichts. Sicher hatten sie ihre Pferde nicht zur Hand und mussten sie erst herbeiholen.

Allison rechnete sich aus, dass er mit etwas Glück drei oder auch vier Meilen Vorsprung herausholen konnte. Zu wenig für ein Rennen durch die Wüste.

Sie würden ihn jagen wie einen Hasen und sich einen Spaß daraus machen.

So sehr spaßig fand er es nicht, von ihnen gehetzt zu werden. Die Wüste war ihr Revier. Sie kannten sich aus. Er nicht. Ihm war nicht einmal ein Wasserloch bekannt.

Ohne Wasser aber war eine Flucht aussichtslos.

In einem weiten Bogen brachte Allison den Hengst wieder an die Randberge heran, während er laufend das Land hinter sich beobachtete. Die Hitzeschleier flirrten durcheinander und verzerrten alles.

Selbst wenn die Burschen schon hinter ihm waren, er konnte weder sie und die Pferde noch die Staubfahne ausmachen.

Er drosselte Kings Tempo, als er bis auf Revolverschussweite an die Randberge heran war. Sollte er zurück nach Harperville? Dann musste er einen Übergang über die Berge suchen. Oder sollte er sich zu diesem Nest mit Namen Bluewater durchschlagen? Das war die nächste Ansiedlung und die einzige Wasserstelle im Umkreis von drei Tagen, von der er wusste.

Allison entschied sich für Bluewater und ritt an den Randbergen entlang. Ständig kontrollierte er seine Umgebung. Einmal hatten sie ihn mit der Falle überraschen können. Wenn er ihnen die Chance gab, ihm einen zweiten Hinterhalt zu legen, dann war er jetzt auf seinem letzten Ritt, das wusste er.

Da er nicht geneigt war, seine Himmelfahrt anzutreten, passte er höllisch auf.

Jede Stunde hielt er an, wusch dem Schwarzschecken mit der lauwarmen Brühe aus der Blechflasche und dem Halstuch die Nüstern aus und führte ihn eine Strecke, bevor er wieder aufsaß.

Nicht die Schnelligkeit eines Reiters war in der Wüste wichtig, sondern seine Umsicht und seine Ausdauer. Und die Vernunft, die ihm gebot, sein Reittier schonend zu behandeln.

*

Als die Sonne hinter die Randberge sank, verschwanden die Hitzeschleier über dem Land. Der Blick ging jetzt frei und ungehindert bis zum Horizont, über den die Nacht heraufzog.

Vom letzten Sonnenlicht getroffen, stand weit im Süden eine rötlich leuchtende Staubfahne über Allisons Fährte.

Der Marshal entdeckte sie und verzog die spröde gewordenen Lippen. Er konnte nicht ausmachen, ob es eine große oder eine kleine Horde war, die den Wüstenstaub aufrührte.

Jedenfalls aber waren es Burschen, die genauso schlau waren wie er selber. Sie ritten langsam, um die Pferde nicht zu erschöpfen. Die Staubfahne bewegte sich kaum.

Wären sie auf der Fährte dahergejagt, hätten sie eine gewaltige Wolke hinter sich hergeschleppt.

Allison hatte in Harperville nur nach Morton gefragt, nicht nach Wasserstellen. Er hoffte jedoch darauf, irgendwo am Fuße der Randberge ein Wasserloch zu finden.

Wenn es welche gab, dann nur dort.

Wasser brauchte er, sonst hielt er nicht durch. Schnell musste er es auch finden, damit die Horde nicht vor ihm dort saß und ihn nur noch in Empfang zu nehmen brauchte.

Er musste eine Quelle sozusagen im Vorüberreiten finden. Suchen konnte er nicht danach. Andernfalls verlor er Zeit, in der die Verfolger aufrückten.

Er gab King den Kopf völlig frei, damit der Hengst weder Zügel noch Trense spürte. Wenn Wasser in der Nähe war, dann würde das Pferd es wittern, den Kopf in die Richtung stellen und zur Wasserstelle trotten.

Die erste halbe Stunde nach dem Sonnenuntergang war es so finster, dass Allison kaum die Hand vor Augen erkennen konnte. Er fürchtete jeden Augenblick, mit dem Schwarzschecken gegen einen von den Bergen gerollten Steinbrocken zu prallen.

Erst danach wurde es heller. Über der Wüste und den dunklen Bergen spannte sich der sternenübersäte Himmel. Ein letzter heißer Lufthauch wehte aus der Wüste heran, dann schlief der Wind ein. Gegen Morgen würde er sich wieder erheben, aber dann verdammt kalt sein.

Was ihn in der Nacht erwarten konnte, bekam Allison kurz darauf zu spüren. Der rapide Abfall der Temperatur erschien ihm noch angenehm und zunächst auch erfrischend.

Als es aber immer kälter wurde - auch ohne Wind - und die Kühle ihm in die Knochen drang, sehnte er sich nach der Tageshitze beinahe zurück.

King wurde plötzlich unruhig.

Allison dachte zuerst an ein Wasserloch. Seine Gedanken kreisten ständig darum.

Bis ihm der scharfe Wolfsgeruch in die Nase stieg.

Er nahm den Revolver in die Hand und hielt ihn schussbereit. Für das Gewehr reichte das Licht nicht aus.

Es überraschte ihn, auf dieser Seite der Berge auf Wölfe zu stoßen, sozusagen in der Wüste. Der Tag hatte ihm jedoch schon so seltsame Dinge geboten, dass er sich auch über die Wölfe nicht lange wunderte.

Ihr Vorhandensein ließ ihn vermuten, dass voraus eine Wasserstelle war. Zu dieser Quelle kam nächtliches Wild, und die Wölfe lauerten in der Nähe, um sich eine ordentliche Beute zu schnappen.

King begann blasend und warnend zu schnauben.

Allison klopfte ihm den Hals zum Zeichen, dass er den Wolfsgestank gerochen hatte und Bescheid wusste.

Plötzlich waren sie da - flinke, graue Schatten, deren Fänge schnappten, dass das Knallen der Zähne weithin zu hören war. Sie kreisten um das Pferd herum und zeigten ihre wilde Wut über die Störung ihres nächtlichen Jagdzuges.

Allison war heilfroh, im Sattel zu sitzen. Diese Wölfe waren erfahren und ausgekocht wie ein uraltes Hemd. Sie erkannten wohl, dass sie einen Mustang vor sich hatten. Darum knurrten sie auch nicht. Das hätte den Burschen überhaupt nicht beeindruckt. Sie schnappten nach ihm, ohne in die Reichweite seiner Hufe zu kommen.

Einen Mann zu Fuß hätten sie sofort angegriffen.

King tänzelte dauernd mit der Hinterhand nach links und rechts und sorgte dafür, dass die Wölfe auf Distanz blieben. Als ein vorwitziger Bursche geduckt von vorne kam und es so aussah, als wollte er springen, da senkte der Schwarzschecke den Kopf und schnarchte den Wolf scharf an.

Es war ein Geräusch, das sicher ein ganzes Stück weit durch die Nacht drang.

Als sei eine Klapperschlange unter seinem Bauch zum Leben erwacht, schnellte sich der Wolf zur Seite und mischte sich unter die Schatten seiner Artgenossen.

Voraus ertönte ein seltsamer Laut, und dann hörte Allison nur noch das dumpfe Rumoren von jagenden Tierhufen.

Die Quelle!, schoss es ihm durch den Kopf. Die Wasserstelle wird von den Tieren als Tränke benutzt! Sie fliehen. Bighornschafe, was?

Auch King hatte das Trappeln vernommen und ließ seine Ohren spielen. Sein Kopf kam hoch. Geräuschvoll sog er die Nachtluft in die Nüstern.

Staub war plötzlich in der Luft. Und dazwischen der unverwechselbare Geruch von Wasser, Frische, Gras und grünen Blättern.

Reiter und Pferd strafften sich.

Wenige Minuten später brach King durch Büsche, die bis zu den Steigbügeln reichten.

Das Sternenlicht reichte aus, um Allison das Gras erkennen zu lassen, das zwischen den Bäumen wuchs. Fett und saftig war es nicht, dafür war es tagsüber zu heiß. Auch wenn die Wurzeln im Grundwasser stehen mochten.

Da sonst kein Futter in Aussicht war, musste King sich eben damit begnügen, wenn sie beide ihren Durst gelöscht hatten.

Die Quelle selber lag dunkel wie ein schwarzes Loch. Allison stieg ab und führte den Hengst am Zügel hin.

Der Boden wurde hart und fest und ging in Fels über. Das Wasserloch wurde von einer Art Trog gebildet - eine Spielerei der Natur.

Der Zufluss musste unter der Oberfläche liegen. Jedenfalls konnte der Marshal nicht erkennen, dass Wasser in den Trog hineintropfte oder gar rann.

Er sah aber, dass das überfließende Wasser gleichmäßig über den steinernen Rand schwappte und in einem beträchtlichen Umkreis den Boden feucht hielt.

Allison tauchte die Hand in die Quelle. Das Wasser war unvorstellbar kühl.

Er feuchtete das Halstuch an und wusch dem Hengst wieder die Nüstern aus, bevor er ihn saufen ließ.

King hatte die Instinkte seiner Rasse bewahrt. Er soff langsam und nahm immer wieder den Kopf vom Wasser hoch.

Allison schöpfte mit den Händen und wusch sich die brennenden Augen aus und die Nasenlöcher frei. Erst danach trank er. Er machte es genauso bedächtig wie King.

Dann ersetzte er die lauwarme Brühe in der Blechflasche durch frisches Wasser und hockte sich an die Büsche. Die Müdigkeit lag ihm in allen Knochen. Er verspürte den Wunsch, die Augen zuzumachen und umzusinken und bis Sonnenaufgang unter den Büschen zu schlafen.

Die Gewissheit, dass die Verfolger auf der Fährte saßen, ließ ihn diesen Wunsch verdrängen. Sicher rechneten die Burschen damit, dass er ein Nachtcamp bezog.

Das war seine Chance. Er musste in der Nacht weiterreiten, langsam und vernünftig, und seinen Vorsprung ausbauen. Letzten Endes kam es darauf an, ob er eher in Bluewater war oder die Verfolger ihn vorher einholten.

Dass die Kerle ihm am Ausgang der Schlucht eine Falle gestellt hatten und er hineingesaust war, wurmte ihn.

Richtig betrachtet war er den Burschen Revanche schuldig. Er musste sie irgendwie an der Nase herumführen, musste sie mit einem Trick anschmieren, da er als Ein-Mann-Armee schlecht einen Hinterhalt für sie aufbauen und die Falle auch zuschnappen lassen konnte.

King trottete mit leise klirrenden Steigbügeln heran und begann, an den Büschen zu rupfen. Das Gras, das Allison ihm zugedacht hatte, verschmähte er.

Die Büsche! Das war es.

Der Marshal kroch ein wenig in dem Gestrüpp herum und ertastete ein paar knochendürre Äste, die er einsammelte.

Er prüfte den Wind. Es war so gut wie nichts zu spüren.

In der Deckung der Büsche entzündete Allison ein kleines Feuer. Der Schein reichte nicht weit, und der Rauch stieg träge nach oben und wanderte nur langsam zu den Randbergen hin.

Während das karge Feuer niederbrannte, massierte und rieb der Marshal Kings Gelenke und brachte die Blutzirkulation ordentlich in Gang.

Als nur noch Glutreste vorhanden waren, zertrat Allison die Feuerstelle unter den Stiefeln. Mit einer grimmigen Genugtuung schnupperte er zwischen die Büsche.

Der Rauchgeruch hatte sich festgesetzt und würde sich bis zum Morgen halten. Seine Verfolger würden um die Wasserstelle und um die grünen Büsche herumkreisen wie Jäger um eine Bärenhöhle, die nicht genau wissen, ob der Bär zu Hause ist.

Allison hoffte, dass sie sich sehr lange damit aufhielten und auf seinen Trick hereinfielen.

*

Eine Meile ging er zu Fuß und führte den Schwarzschecken, eine Meile ritt er. Auf diese Weise schonte er die Kräfte des Hengstes.

Als der Morgen herauf zog, schaute er wieder hinter sich und spähte nach der Staubfahne. Er hoffte, sie nicht zu sehen. Aber er musste mit der Möglichkeit rechnen, dass die Verfolger nicht auf den Rauchgeruch hereingefallen waren.

Als die Sonne hochkam, sah er sie immer noch nicht. Das stärkte seine Zuversicht.

Stunde um Stunde verging. Allison und King zogen durch die Gluthitze an den Bergen entlang. Aus den Mündungen der Schluchten wehte manchmal ein kühlender Hauch.

Immer öfter machte der Marshal eine Rast und hielt mit einem Schluck Wasser das Pferd in Form.

Die Sonne erreichte den höchsten Punkt ihrer Bahn, und Allison und King warfen nur noch scharf begrenzte Körperschatten genau unter sich auf den Sand. Die Verfolger kamen nicht. Und eine Staubfahne war durch die wogenden Hitzeschleier über dem Land nicht mehr auszumachen.

Aus rotentzündeten Augen spähte der Marshal voraus. Er suchte nach Anzeichen für eine neue Wasserstelle, nach Büschen, nach kreisenden Vögeln und Fährten im Sand.

Es schien, als sei jene Wasserstelle, die er in der Nacht fand, die einzige Quelle auf dem Wüsten weg von Harperville nach Bluewater.

Allison war derart übermüdet, dass er sich mehrmals einbildete, einen riesigen blauen See vor sich zu sehen. Es war nicht einmal eine Luftspiegelung  es war eine richtige Halluzination.

Dann wieder erspähte er einen Wagenzug, der sich durch die Wüste quälte. Nur stand alles auf dem Kopf, und das konnte wohl auch nicht gut möglich sein.

Als er merkte, dass sich seine Sinne zu verwirren drohten, nahm er selber einen Schluck Wasser aus der Flasche und rieb sich die Augen frei.

Das half für die nächste halbe Stunde. Bald schon aber tränten sie wieder, dass er zweimal über Sandverwehungen stürzte und am liebsten liegengeblieben wäre, um drei Tage an einem Stück zu schlafen.

Wenn King ihn nicht sehr rabiat angestoßen hätte, Allison wäre wirklich unten im Sand geblieben.

Quälend langsam verging der heiße Nachmittag, und Allison kam es vor, als habe er seit der Rast am Wasserloch bereits tausend Meilen zurückgelegt und davon den größten Teil zu Fuß. Dabei waren es bestenfalls zwanzig.

Wenn er diese Nacht noch durchhielt, dann konnte er mit unverschämt viel Glück bei Sonnenaufgang das Nest Bluewater erreichen, bevor die Gluthitze ihm das Gehirn verbrannte.

Eine Ansammlung von schwarzen Felsen erregte seine Aufmerksamkeit. Es waren Felstürme, und seine fiebrige Phantasie gaukelte ihm vor, dass er dort Wasser finden müsste.

Die Türme lagen im letzten Sonnenlicht und schimmerten wie reines Gold.

Allison zerrte den Hengst hinter sich her, die Stiefelabsätze gruben lange Furchen in den Sand.

Er wischte sich über die Augen und das Gesicht, als die Türme zu schwanken begannen. Sand rieselte aus seinem Stoppelbart. Er lachte. Wackelnde Felstürme hatte er nie vorher gesehen, und der Anblick stimmte ihn heiter.

Als der erste Turm zum Greifen nahe war, blieb King plötzlich stehen und wieherte warnend. Allison war auf den jähen Ruck nicht eingestellt, es riss ihm die Zügel aus der Hand. Und er verlor das Gleichgewicht und fiel wie ein gefällter Baum nach vorn.

Er spürte einen Schlag am Schädel und merkte an dem heftigen Ruck, dass es ihm den Hut wegriss.

Den Knall vernahm er, als er schon am Boden lag.

Sie haben mich überholt und mir hier aufgelauert! war sein Gedanke. Sein Verstand arbeitete wieder klar und logisch.

Er war auf der rechten Körperseite aufgekommen und lag mit leicht angezogenen Beinen. Die rechte Hand und der rechte Revolver waren eingeklemmt.

Die linke Hand war frei.

Er spürte, dass er Sand im Mund hatte und dass ihm Blut aus den Haaren lief und über das rechte Ohr rann.

King schob sich grunzend und mächtig aufgeregt näher. Allison hörte ihn, bekam ihn aber nicht ins Blickfeld.

Dafür sah er vier Männer zwischen den Felstürmen herauskommen.

Es waren keine Indianer. Das wunderte ihn am meisten.

Sie hielten zwischen sich einen gewissen Abstand.

Allisons Chancen sanken, als er ihre Gewehre bemerkte.

Einen erwischte er ganz sicher. Vielleicht auch einen zweiten. Mehr war nicht zu erhoffen. Er schätzte seine Lage richtig ein.

Die beiden anderen pumpten ihn voll Blei, bevor er den Revolver auf sie angeschlagen hatte. Das war so sicher, wie er hier im Sand lag und nicht in einem Brunnentrog mit schönem, kühlem Wasser.

Er merkte, wie sich die Gestalten der vier Männer vor seinen Augen zu verzerren begannen. Die Kugel hatte ihn doch härter erwischt, als er geglaubt hatte. Der Schädel war angekratzt und dröhnte schmerzhaft.

Wenn ich jetzt nicht schieße, sehe ich gar nichts mehr!, dachte er. Er kämpfte gegen die Schwärze, die sich vor seine Augen schob.

Seine linke Hand schloss sich um den Griff des linken Revolvers, zog die Waffe heraus, der Arm bewegte sich nach oben.

Plötzlich war der Revolver schwer wie ein Sack Gold und zog den Arm hinab auf den Sand.

Es ist aus mit dir!, hämmerte es in Allisons Kopf. Aus und vorbei! Sie waren schlauer, sie haben dich erwischt!

Mit einer ungeheuren Willensanstrengung riss er die Augen weit auf.

Die Männer waren schon ganz nah. Es waren falkengesichtige Burschen in schmutziger Kleidung - zweibeinige Raubwölfe.

Das Bild zerriss, gähnende Leere tat sich auf.

Allison streckte sich ächzend. Er hörte nicht mehr die näherkommenden Schritte und das Knirschen des Sandes.

Die Schritte verstummten neben ihm. Ein Stiefel stieß ihn an und drehte ihn herum.

Zufrieden sagte eine Stimme: „Sein Schädel ist voller Blut. Der ist hin. Es war meine Kugel. Ich bekomme das Pferd.“

Eine zweite Stimme sagte gehässig: „Manche Burschen sind zäher wie eine Katze. Er hat sogar die Wolfsquelle gefunden. Warum haben ihn die Narren bloß entkommen lassen?  He, sein Revolver ist gute Arbeit. Ich denke, jetzt gehört er mir. Ist jemand anderer Ansicht?“ Sie verteilten seinen Besitz und plünderten ihn aus.

*

Als die Sonne noch nicht ganz untergegangen war, lag der Platz bei den Felstürmen verlassen. Der zischelnde Wind brachte feinen Sand aus der Wüste mit.

Jemand hielt ihn gepackt und versuchte, ihm den Unterkiefer zu zerquetschen.

Mühsam öffnete Allison ein Auge und kniff es erschreckt wieder zu.

Dicht über seinem Gesicht war ein wilder, fuchsroter Bart gewesen mit funkelnden Augen, beleuchtet vom zuckenden Schein roter Flammen. Und eine Knollennase, groß wie eine einpfündige Kartoffel. Rechts und links der Nase hatte er mehr Runzeln gesehen, als ein verschrumpelter Apfel aufbieten konnte.

Allison war sicher, das Gesicht eines Oberteufels gesehen zu haben. Waren da nicht vier Burschen gewesen, die ihn erschossen hatten?

Aber wieso versuchte der Oberteufel dann, ihm den Kiefer zu zerbrechen?

Allison riskierte wieder einen Blick.

„He!“ machte es über ihm. Tabakbraune Zähne leuchteten im Flammenschein. „Er hat’s gepackt!“

Eine Wasserflasche geriet in Allisons Blickfeld, die Öffnung senkte sich herab. Und dann gluckerte es, und ein paar Tropfen Wasser fielen auf seine Lippen.

Die Brühe war warm und schmeckte schal, aber sie belebte.

Allison fuhr mit der geschwollenen Zunge über die rissigen Lippen und fing die Wassertropfen ein.

„Höhö!“, machte die Stimme. Hol’s der Teufel, sie gehörte dem fuchsbärtigen Mann. Der Kerl lachte, dass es Allison durchschüttelte und seinen Schädel aufdröhnen ließ wie eine Glocke. „Er säuft sich noch zu Tode, was? Gib ihm mehr!“

Wieder tropfte Wasser herab. Allison leckte es auf. Seine Lebensgeister rührten sich. Sein Verstand begann träge zu arbeiten.

Woher kam dieser fuchsbärtige Oberteufel? Dunkel erinnerte sich Allison, dass unter den vier Raubwölfen keiner mit einem solchen Bart gewesen war und mit so vielen Runzeln.

Trocken begann Allison zu schlucken. Es verlangte ihn nach mehr Wasser. Er schaute begehrlich auf die Blechflasche und versuchte, den Arm zu heben.

Eine hornige Hand ließ seinen Unterkiefer los. Allmählich begriff der Marshal. Der Oberteufel hatte ihm mit Gewalt den Mund geöffnet und Wasser hineintropfen lassen. Das hatte ihn aus tiefer Bewusstlosigkeit zurückgeholt.

„Geht es jetzt, Junge?“, erkundigte sich der fuchsbärtige Mensch.

Im Hintergrund schnaubten Pferde. Eisen klirrten, Holz knarrte, und gedämpfte Stimmen drangen an Allisons Ohren.

„Denke schon“, krächzte er und versuchte, den Oberkörper hochzustemmen. „Bin mit ’ner Kugel zusammengestoßen.“

Der fuchsbärtige Mann lachte rollend. „Sah aber verdammt so aus, als hätten sie dich totgeschossen“ sagte er dann. „Ich hörte den Knall und kam nachsehen. Vier Strolche, eh? Glaube nicht, dass sie mich entdeckt haben. Hatten es ziemlich eilig.“

„Hatten sie ein lediges Pferd dabei?“, fragte Allison keuchend.

Der Mann nickte. „Ein Klassegaul, wenn ich mich nicht getäuscht habe. War schon ziemlich dunkel.“

„Ist ein Mustanghengst mit dem -“, sagte Allison gereizt. Er merkte aber gleich, dass er noch zu schwach war, um sich aufregen zu dürfen. In seinem Schädel begann es zu klopfen und zu zwicken.

Der Fuchsbart rückte etwas von Allison ab und musterte ihn halb belustigt und halb neugierig. „Sieht aus, als hätten sie dir nicht nur den Hengst abgenommen.“ Er hob den Kopf, drehte das Gesicht etwas beiseite und spuckte einen Strahl Tabaksaft haarscharf an dem Mann vorbei, der die Wasserflasche hielt.

Allison hob den schmerzenden Kopf und betrachtete diesen zweiten Mann. Er war jung, ein Milchbart noch, aber mit Händen, groß wie Bratpfannen. Er hatte keine Reiterstiefel an den Füßen, sondern derbes Schuhwerk, das selbstgemacht aussah.

Und dann sah der Marshal auch die anderen.

Ohne sein Zutun riss es ihm die Augen auf. Ungläubig schaute er auf einen richtigen Wagenzug, der in Revolverschussweite angehalten hatte. Er zählte fünf Wagen. Die Pferdegespanne waren nicht ausgeschirrt, es brannten aber Feuer neben den Wagen. Männer standen herum und schauten herüber.

Ich bin nicht verrückt gewesen, dachte Allison. Ganz überdreht war ich also doch nicht! Ich habe ihn als Luftspiegelung gesehen, diesen Wagenzug. Alles stand auf dem

Kopf. Aber jetzt ist es keine Spiegelung!

„Ja, ein wenig zerrupft sieht er schon aus“, sagte der Milchbart zustimmend.

Allison blickte an sich herab.

Oh, es trieb ihm die Galle ins Blut und die Wut bis unter die Haare. Sie hatten ihn ausgeplündert wie den Toten in der Felsenschlucht. Seine Taschen waren nach außen gekehrt, seine Stiefel fort, und der Waffengurt gestohlen.

Sie hatten ihn wirklich für tot liegen lassen und ihm alles abgenommen, was ein toter Mann nicht mehr benötigte.

„Gibt nicht viele Möglichkeiten, wohin die Hundesöhne sich gewandt haben können“, sagte er keuchend. „Bluewater, was?“

„In die Richtung ritten sie jedenfalls, und sie hatten es eilig“, bestätigte der Fuchsbart. „Schaffst du’s allein?“

Allison probierte, auf eigenen Füßen zu stehen. Es wurde ihm schwindlig, und er hielt sich an dem runzelgesichtigen Mann fest, bis der Schwächeanfall vorüber war.

Ohne Stiefel war das neugewonnene Leben nur halb so prächtig, fand er. Jedes Geröllstück, das mehr als erbsengroß war, drückte durch die Wollsocken und peinigte ihn.

„Können sie diesen Wagenzug gesehen haben?“, fragte er.

„Kaum.“ Der Fuchsbart schüttelte den Kopf. „Er war noch draußen in der Wüste. Ich bin der Vorreiter. Nur ich kenne den Weg und die Wasserlöcher. Kommst du von der anderen Seite der Berge?“

„Aus dem Süden“, sagte Allison und brachte seine Kleidung in Ordnung. Sie hatten ihm wirklich sämtliche Taschen geleert. Nicht einmal den Tabaksbeutel hatten sie übersehen. „Ich heiße Allison.“

Der Mann hatte ihn gefunden und ihm damit das Leben gerettet. Er hatte ein Recht darauf, den Namen zu erfahren.

„Hm!“, machte der Fuchsbart und ließ offen, ob er’s glaubte. „Ich bin Tenderfoot Charly.“

Allison grinste hart. Nach einem Hasenfuß sah der Mann wirklich nicht aus. Es klang nach einem angenommenen Namen. Allison hatte schon viel komischere Namen gehört, und die waren echt gewesen.

Tenderfoot Charly erkannte mit sachkundigem Blick, dass Allison auf seinen Socken nicht weit kommen würde.

„Ich rede mit dem Wagenmeister, dass er dich auf einem Wagen fahren lässt“, versprach er.

Allison blieb stehen. „Ihr bleibt nicht die Nacht hier?“

„Wir brauchen Wasser, und das gibt es erst in Bluewater“, belehrte ihn Tenderfoot Charly. „Bei Nacht machen wir außerdem glatt die doppelte Strecke.“

Ein Mann der Wüste also, der sich auskannte.

Allison nickte und schaute zurück zu den Felstürmen, über die der Flammenschein geisterte. Es hatte ihn hier um ein Haar erwischt. Er konnte dem Platz keine freundliche Seite abgewinnen.

Die Männer an den Feuern schauten Allison, dem alten Fuchsbart und dem jungen Burschen erwartungsvoll entgegen. Sie sprachen nicht, aber ihre Mienen drückten die Frage aus, ob der Fremde es hinnahm, dass ihn ein paar Hundesöhne zusammengeschossen und ausgeraubt hatten.

Als sie Allisons Gesicht studiert hatten, waren sie zufrieden. Der Aufenthalt in Bluewater versprach einige Unterhaltung.

Der Wagenmeister war ein wortkarger Mann mit einer freundlichen Glatze, die er alle paar Augenblicke entblößte und mit dem Hemdsärmel abwischte.

„Sind Sie sicher, dass Ihnen der Kopf nicht runterfällt?“, fragte er. „Das wird keine Spazierfahrt.“

„Ich werde es überstehen“, erwiderte Allison. Er griff sich an den Schädel. Das Haar war zusammengebacken vom Sand und vom getrockneten Blut. Die Kugel hatte ihn ordentlich angekratzt.

Während er auf den zugewiesenen Wagen kletterte und es sich auf Säcken bequem machte, erinnerte er sich dunkel, dass der Hengst plötzlich stehengeblieben war und er durch den Ruck den Halt verloren hatte und vornüber gestürzt war.

Genau in diesem Moment musste ihm die Kugel über die Schädeldecke gefahren sein. Einen Fingerbreit tiefer nur, und es wäre aus mit ihm gewesen.

Das strömende Blut musste die Kerle getäuscht haben, sonst hätten sie ihm bestimmt noch eine zweite Kugel aus kürzester Entfernung angetragen.

Draußen wurden die Feuer auseinandergerissen. Die Männer verteilten sich auf die Wagen.

Tenderfoot Charly war plötzlich zu Pferd neben dem Seitenbrett auf Allisons Höhe und reichte ihm eine Blechflasche.

„Bis Bluewater musst du klar sein, schätze ich“, sagte er. An der Stimme erkannte ihn Allison.

Dann drehte der Mann ab. Allison sah im undeutlichen Licht, dass der Vorreiter einen herrlich gezeichneten Appaloosa ritt.

In den Wagenzug kam Bewegung. Helfer brachten die Zugleinen in Ordnung, Fahrer feuerten ihre Gespanne an und knallten mit der Peitsche.

Rollend und knarrend setzte sich ein Wagen nach dem anderen in Bewegung.

Allison dachte über die letzten Worte von Tenderfoot Charly nach. Man hatte ihm eine ganze Flasche Wasser spendiert. Also erwartete man von ihm auch, dass er sie leer trank, dass er zu Kräften kam und in Bluewater daran ging, seine Angelegenheit zu ordnen, wie es üblich war.

*

Im Morgengrauen kam Bluewater in Sicht.

Allison hatte die Blechflasche geleert und war auf den Säcken irgendwann eingeschlafen. Als sei eine Gefahr aufgetaucht, war er plötzlich hochgefahren und sah drüben das kümmerliche Nest liegen.

Der Weg, den der Vorreiter für die Wagen ausgesucht hatte, führte im Bogen auf die paar Gebäude zu, die geduckt und hässlich in einer Geländepfanne standen. Sie sahen aus, als hätte der letzte Sandsturm sie hier auf einen Haufen geweht.

Lediglich ein ausladender Baum, dessen Krone sich über die grauen Bretterdächer erhob, verriet das Vorhandensein eines Wasserloches.

Der Mann, der diese paar Holzhütten Bluewater getauft hatte, verfügte entweder über einen grimmigen Humor oder er war nicht bei Sinnen gewesen.

Selbst wenn die Ansiedlung zehnmal größer gewesen wäre, hätte man noch bequem mit einem Revolver darüber hinwegschießen können.

Allison betrachtete die allmählich klarer erkennbar werdenden Gebäude. Hitze, Flugsand und Wind und Wetter hatten mit Erfolg an dieser Holzstadt genagt. Nicht ein Haus hatte einen Farbanstrich. Alles sah aus, als könnte es demnächst zusammenstürzen. Oder als ob die Bewohner bereits beschlossen hätten, das Nest aufzugeben und wegzugehen.

Tenderfoot Charly und der Milchbart ritten dem Wagenzug voraus und hielten am Eingang des Ortes. Besonders der Fuchsbart machte auf Allison den Eindruck eines misstrauischen Wolfes, der erst einmal zwischen die Gebäude hineinwitterte, bevor er sich entschließt, das Nest aus allernächster Nähe in Augenschein zu nehmen und hineinzugehen.

Der Milchbart kam plötzlich zurück. Er zog eine lange Staubfahne hinter sich her. .

Allison sah ihn mit dem Wagenmeister reden und dann zu Tenderfoot Charly zurückreiten.

Eine halbe Stunde später erreichten die Wagen den Ort, und der Marshal hörte, wie die Frachtfahrer ihrer Enttäuschung in wilden Flüchen Luft machten. Sie hatten sicher ein richtiges Amüsiernest erwartet und gehofft, nach der beschwerlichen Wüstendurchquerung hier nun mal ordentlich loslegen und dem Teufel ein paar Barthaare ausziehen zu können.

Die Verbitterung der Männer sagte Allison, dass die Fahrer noch nie diese Route gefahren waren und die Ansiedlung Bluewater zum ersten Mal zu Gesicht bekamen.

Das Angebot war auch wirklich nicht fürstlich und dazu angetan, einem ausgelaugten Mann Zerstreuungen und Vergnügungen zu bieten.

Es gab einen Saloon mit Hotelbetrieb, ein Warenmagazin mit zwei Lagerschuppen und einen umzäunten Friedhof und vier schäbige Wohnhäuser.

Das war die gesamte Herrlichkeit.

Bluewater wäre völlig bedeutungslos gewesen, wenn es nicht die Wasserstelle besessen hätte.

Zwischen dem Saloon und dem Warenmagazin öffnete sich der Blick auf die Quelle.

Der gewaltige Baum wurzelte auf einem kleinen Hügel und beschattete das mit Steinen ummauerte Wasserloch. Ein dünner Bewässerungskanal führte hinter den Saloon und hielt drei Felder feucht, auf denen sich die Bewohner von Bluewater Gemüse anbauten. Grasflächen oder Weiden für die Pferde gab es nicht. Kühe oder Ziegen waren auch keine zu sehen.

Aber Hunde. Es waren seltsame Mischungen, und sie schienen sich unter dem Baum im Schatten versammelt zu haben, um den ankommenden Wagenzug zu begrüßen, weil sie genau wussten, wo Wagen hier anhalten würden. Schweifwedelnd strichen sie um die staubigen Räder herum und hüteten sich in auffälliger Weise, den Pferden zu nahe zu kommen.

Das Rumoren des Wagenzuges, das Knarren der Räder und die heiseren Rufe der Männer lockten die Bewohner von Bluewater vor die Türen.

Allison grinste verhalten, als er sah, dass die Männer und Frauen bereits fertig angekleidet waren. Er war bereit, jede Wette zu halten, dass der Wagenzug schon entdeckt worden war, als er noch fünf Meilen von dem Nest entfernt gewesen war.

Der Wagenmeister ließ die Fahrzeuge zu einem Halbrund auffahren, das zur Quelle hin offen war. Jeder Mann hatte seinen Platz und seine Aufgabe zugeteilt bekommen.

Ein Fahrer und sein Begleiter luden ein Bündel Brennholz ab und brachten ein Feuer in Gang, über das sie einen beachtlichen Wasserkessel hängten.

Allison zog es schmerzlich den Magen zusammen. Er hoffte, dass diese Wagenmannschaft ihm einen Becher Kaffee und ein Stück Brot abgab.

Andere Männer nahmen Hebelbalken von den Fahrzeugen und errichteten stabile Unterbauten unter den Achsen. Unverzüglich machten sich drei Männer daran, die Räder abzuziehen und die Buchsen und Achsen aus einem Fetteimer zu schmieren.

Ein anderer Teil der Mannschaft spannte ausgebleichte Sonnensegel auf und schuf zusätzliche schattige Plätze, weil der Baumschatten niemals für den gesamten Wagenzug ausgereicht hätte.

Die Pferde wurden ausgeschirrt und von kräftigen Burschen zur Quelle geführt. Es war wirklich einige Kraft und Geschicklichkeit nötig, die Gäule daran zu hindern, einfach über die Steinummauerung zu springen und sich mitten ins Wasser zu stellen.

Im Wagenlager herrschte überall eine emsige Tätigkeit, die von den Bewohnern der Häuser sorgfältig beobachtet wurde, wie es Allison vorkam.

Aus der Gruppe vor dem Saloon lösten sich zwei Männer. Sie waren unbewaffnet und kamen herüber. Einer scheuchte mit einem Fußtritt die Hunde davon.

Der Wagenmeister, der aus einem Eimer frisches Wasser getrunken hatte, ließ die Schöpfkelle sinken und hob leicht die Hand, als die beiden Männer bei ihm stehenblieben. Er wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab.

„Hallo, Adams!“, sagte einer der Männer zur Begrüßung. „Lange her, dass man dich hier sah.“ Er schaute sich um und nickte. „Eine neue Mannschaft, was?“

Adams, der Wagenmeister, nickte ohne rechte Begeisterung. „Wird immer schwieriger, Leute für die Wüstenrouten zu gewinnen. Sie laufen lieber zum Bahnbau.“

Der Mann aus der Stadt machte eine Handbewegung, die verriet, wie wenig er von der Eisenbahn hielt. Sein Gesicht nahm einen pfiffigen Ausdruck an.

„Adams, sind deine Waren für uns geeignet?“, fragte er.

Allison horchte auf. Es ging ihn nichts an, was der Wagenmeister transportierte. Aber vielleicht bekam er etwas zu hören, das ihm half, seinen Mustanghengst und seine Ausrüstung zurückzubekommen.

„Was ich sonst auch immer transportiere“, gab der Wagenmeister zurück. „Erbsen, Mais, Zucker, Draht. Wenn ihr etwas davon braucht, ich mache euch einen ehrlichen Preis.“

„Zucker ist knapp. Pferdefutter auch“, sagte der Mann. „Kommst du nachher rüber, damit wir es aushandeln können?“

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903577
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323679
Schlagworte
texas mustang gesucht stuart morton

Autor

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Titel: Texas Mustang #4: Gesucht: Stuart Morton