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Mörder im Haus

2016 120 Seiten

Leseprobe

Mörder im Haus

Bernd Teuber

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: pixabay - Motive, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Nach fünf Jahren verschwindet Dieter Kramer spurlos aus dem Leben seiner Frau Sonja. Die Polizei startet eine Suchaktion, jedoch ohne Erfolg. Es gibt nicht die winzigste Spur. Keine Hinweise von Zeugen, nichts von dem dem, was er bei sich hatte, wird je gefunden. Kurz darauf geschehen merkwürdige Dinge. Sonja fühlt sich beobachtet und verfolgt. Als dann auch noch ein bewaffneter Mann in ihr Haus eindringt, ist sie auf sich allein gestellt.

Aber wer ist der Fremde?

Was will er?

Und was weiß er über das spurlose Verschwinden von Dieter Kramer?

Roman

Seit Stunden regnete es ununterbrochen. Sonja Kramer stand vor dem Fenster mit den kleinen Scheiben und hielt den Vorhang ein wenig beiseite. Sie blickte in die Dämmerung hinaus, die fast bedrückend zu werden schien. Es war eine feindselige Stimmung, die ihr Angst machte. Natürlich hatte Sonja nichts gegen den Regen. Aber sich hier zu befinden, in diesem abgelegenen Landhaus. Ihr Mann hatte damals darauf bestanden, hierher zu ziehen. Er empfand es als Genugtuung, von Gott und der Welt abgeschnitten zu sein.

Und Sonja hatte es mit der Zeit aufgegeben, gegen die seltsamen oder zumindest ärgerlichen Angewohnheiten ihres Mannes zu protestieren. Sonja war eine zartgebaute Frau, die sich immer mehr in sich selbst zurückzog, was Dieter – von den wenigen erfolglosen Ausbrüchen kalter Wut abgesehen – nicht zu bemerken schien. Wie alles andere auch prallten Dieters Wutanfälle an Sonja ab, ohne ihre Gelassenheit oder ihre Gleichgültigkeit auch nur zu berühren.

„Auf was starrst du eigentlich die ganze Zeit?“

Dieters Stimme war aggressiv und laut, doch Sonja rührte sich nicht. Ihr rotes Haar, das gerade bis zu den Schultern herunter fiel, zeigte nicht die geringste Bewegung. Die Hand, die den Vorhang hielt, war wie aus Stein.

„Ich schaue in den Regen hinaus.“

Sonjas Stimme hatte dieselbe Gleichgültigkeit, wie der Fall der Regentropfen.

Seit einigen Minuten betrachtete Dieter seine Frau. Sie trug enge lange Jeans, die ihre hübschen schlanken Beine ahnen ließ, dazu einen dicken Rollkragenpullover, den sie selbst gestrickt hatte. Dieter zuckte mit den Schultern, drehte sich um und verließ das Zimmer. Sonja hörte, wie die Tür geschlossen wurde, aber sie rührte sich nicht.

Seit einiger Zeit hatte sich das Verhältnis zwischen ihnen verschlechtert. Sie konnte nicht genau sagen, woran es lag, oder was der Auslöser gewesen war, aber für Dieter schien sie jegliche Wichtigkeit verloren zu haben. Ob sie nun in seiner Nähe war oder nicht. Er schloss sie systematisch aus seinem Leben aus, interessierte sich weder für ihre Wünsche, ihre Freuden, ihren Kummer. Sogar an seinen Träumen ließ er sie nicht mehr teilhaben.

Die Tür wurde geöffnet und Dieter betrat das Zimmer.

„Ich muss noch mal weg.“

„Warum?“ fragte Sonja.

„Ich habe keine Zigaretten mehr.“

Endlich drehte sich die junge Frau um. Ihre Bewegungen waren langsam, abgemessen; ihr Gesicht hatte etwas Pathetisches und erinnerte an ein Bildnis, das schöner sein musste, als das Modell.

„Kannst du damit nicht bis Morgen warten?“

„Nein.“

Durch den großen Raum getrennt, erinnerten Dieter und Sonja an zwei Schauspieler, die ihre Rollen herunterleierten, ohne dass auch nur eine Spur von Menschlichkeit sie verband. Sie schienen in ihren konventionellen Gewohnheiten erstarrt zu sein.

„Ich werde ins Dorf fahren“, meinte Dieter.

„Bei dem Wetter?“

„Warum denn nicht?“

Sonja deutete zum Fenster. „Es wird bald dunkel.“

„Na und? Bis dahin bin ich zurück.“

„Wenn alles gut geht.“

„Was soll denn nicht gut gehen? Es ist doch nur ein bisschen Regen.“ Dieter schüttelte verständnislos den Kopf. „Wirklich, Sonja, ich glaube, du phantasierst.“

Sie lächelte, doch ihr Lächeln war im Zwielicht des Raumes fast nicht zu erkennen.

„Vielleicht hast du recht“, entgegnete sie. „Ich phantasiere. Wenn du entschlossen bist, ins Dorf zu fahren, fährst du ins Dorf. Ich kann sagen, was ich will, es ist umsonst.“

„Willst du mitkommen?“

„Nein. Du weißt genau, dass ich deine Art, im Dunkeln zu fahren, nicht sonderlich mag.“

„Und was ist, bitte schön, an meiner Art, im Dunkeln zu fahren, falsch? Ich bin schließlich daran gewöhnt, oder? Ist uns jemals etwas passiert?“

„Nein, aber es macht mir trotzdem keinen Spaß.“

Dieter verzog das Gesicht.

„Ich würde wirklich gerne wissen, was dir überhaupt Spaß macht.“

Sie lächelte. „Der Augenblick für diese Frage ist schlecht gewählt. Wenn du ins Dorf fahren willst, fahre gleich, bevor es dunkel wird.“

Dieter schien etwas erwidern zu wollen, überlegte es sich aber anders, verließ das Zimmer und zog die Tür hinter sich zu.

Sonja hörte, wie er in der Diele hin und her ging. Dann schlug die Haustür zu. Kurz darauf drang das Brummen des Motors von der Garage im Souterrain zu ihr herauf. Sonja schob den Vorhang wieder beiseite und blickte dem roten Sportwagen nach, wie er den leicht abfallenden Weg zum Gartentor hinunterfuhr. Dieter stieg aus dem Wagen und machte das Tor auf. Dann setzte er sich wieder hinter das Steuer und fuhr rückwärts durch das Gartentor, drehte auf dem Weg, der am Grundstück vorbeiführte, und verschwand langsam im Wald.

Die junge Frau stieß einen leichten Seufzer aus. Der Regen schien schneller und dichter zu fallen, als ob er sich beeilen wolle, die Erde vollends zu überfluten. Die Minuten verstrichen, leicht und unmerklich, denn Dieter konnte die Stille ihrer Bewegungen und Schritte nicht mehr zerstören. Er genoss es, sich hier in dieser Abgeschiedenheit zu vergraben. Und trotzdem war er unfähig, sich völlig zu entspannen, einfach ein paar Stunden nichts zu tun und alles liegenzulassen.

Das war die Eigenschaft, die Sonja am meisten auf die Nerven ging. Dieser ständige Zustand der Anspannung, in dem Dieter lebte und den er allen Menschen, mit denen er zusammen war, aufdrängte.

Allen, bis auf Sonja, die eine Möglichkeit entdeckt hatte, sich dieser Spannung zu entziehen. Sie wusste nicht einmal mehr, ob sie Dieter noch liebte oder nicht. Vor allem dachte sie nicht mehr darüber nach. Er war es, der sie manchmal zwang, sich diese Frage zu stellen. Nämlich dann, wenn er brüllte: „Du liebst mich nicht mehr!“

Sie zuckte mit den Schultern, als ob diese Worte in ihren Ohren nachgeklungen hätten.

„Es ist mir alles gleichgültig. Aber das verstehst du nicht.“

Und so war es tatsächlich. Dieter konnte es nicht begreifen, denn er gehörte zu den Menschen, die immer eine Stellung beziehen, entweder dafür oder dagegen. Für ihn gab es nur Liebe oder Hass, Gutes oder Böses, links oder rechts, aber nie einen Mittelweg. Auf die Dauer war das ziemlich anstrengend.

Genauso wie der Sex.

Meistens hatte Dieter weder die Kraft, noch den Wunsch, ein zweites Mal anzutreten. Außerdem hasste er es, die Zwanzig-Uhr-Nachrichten zu verpassen. Sobald die Sendung vorüber war, bemerkte sie eine gewisse Erleichterung in seinem Gesichtsausdruck. Warum ließ sie ihn gewähren? Schon seit einiger Zeit machte sie sich nicht mehr die Mühe, sich seinetwegen aufzudonnern. Doch für Dieter war Sex wie hallo sagen. Deshalb galt es, dieses Ritual hinter sich zu bringen, bevor man zu etwas anderem übergehen konnte. Im Bett entsprach er keinem Sinfoniekonzert sondern der Titelmelodie einer Seifenoper. Während er sie voll rauer Leidenschaftlichkeit liebte, versuchte Sonja verzweifelt, sich an ihre Vorstellungskraft zu klammern. Sie spielte ihre Rolle entgegenkommend, kontrolliert und geduldig. Ohne sich im Geringsten zu beschweren. Später lauschte sie, wie er sich erhitzt und glücklich auf den Rücken drehte und einschlief.

Sonja hatte Dieter aus zwei Gründen geheiratet. Erstens, weil sie ihn liebte, und zweitens aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus. Sie hasste ihre Verletzlichkeit. Hätten sie und ihr Mann Kinder gehabt, wäre vielleicht alles anders geworden. Sie hätte sich weniger wegen sich selbst geängstigt, sondern mehr deretwegen, wenn sie auf ihren winzigen, unsicheren Beinen das Laufen lernten. Wahrscheinlich wäre sie überängstlich gewesen, hätte sich von ihren Befürchtungen auffressen lassen, irgendein Drecksack könnte ihnen etwas zuleide tun – ein Lehrer sie ungerecht benoten, ein Freund ihren Geburtstag vergessen. Dieter war diesbezüglich ganz anders. Er schien keine Angst zu kennen. Vor nichts und niemandem.

Als Sonja sich vom Fenster abwandte, war es im Zimmer bereits dunkel. Das Feuer im Kamin brannte nur noch spärlich. Aber es war sowieso nur zur Dekoration da, denn das Haus hatte Zentralheizung. Trotzdem legte Sonja zwei dicke Buchenscheite ins Feuer und schaltete eine Lampe an, bevor sie sich auf das schwarze Ledersofa neben dem Kamin setzte. Sie blickte in das Feuer, dessen Flammen fast zögernd an den neuen Buchenscheiten hoch züngelten. Langsam wurden sie größer, tanzten und wanden sich, dass die Funken sprühten und in den Kamin hinauf flogen.

Das Feuer, mit seinem heimlichen, mysteriösen Leben, wurde zu einer Art Gesellschafterin, deren Anwesenheit Sonja im Moment ganz besonders schätzte. Minutenlang starrte sie in die Flammen, beobachte das Flackern und lauschte dem Knistern. Als sie aus ihrer Lethargie aufwachte, begann sie leicht zu zittert. Kein heller Schimmer drang mehr durch die dünnen Vorhänge vor dem Fenster. Dunkelheit umgab das einsame Haus.

Sonja ging ans Fenster und blickte beunruhigt nach draußen. Es regnete immer noch. Der Wind hetzte die Wassertropfen in alle Richtungen. Ein ängstliches Gefühl machte sich in ihr breit. Warum war Dieter noch nicht zu Hause?

Sonja lauschte angestrengt in die Nacht hinaus. Aber es war weit und breit nichts zu hören, nur das monotone Prasseln der Regentropfen. Die junge Frau ging in die Küche, machte sich ein Sandwich, kehrte ins Wohnzimmer zurück und schaltete den Fernseher ein. Sie hatte sich entschlossen, noch einige Zeit auf Dieter zu warten. Sonja setzte sich auf die Couch und zappte durch die Programme. Schließlich blieb sie bei einer Dokumentation über Giftschlangen in Australien hängen. Zwischenzeitlich holte sie sich noch ein zweites Sandwich und ein Glas Milch. Der Bericht über Giftschlangen endete. Eine Dokumentation über Dinosaurier folgte. Hin und wieder schaute Sonja auf die Uhr.

Halb zehn.

Viertel vor zehn.

Träge verrann die Zeit. Die junge Frau schloss die Augen. Sie hörte den Sprecher im Fernseher, der gerade über den Fund von Dinosaurierknochen in Montana berichtete.

„ ... gehen die Forscher nach durchgeführter Radiokarbonmessung davon aus, dass die Knochen über einhundert Millionen Jahre alt sind“, tönte es aus den Lautsprechern.

Sonja nickte kurz ein. Sofort riss es sie wieder hoch.

Fünf vor zehn.

Sie wartete. Halb in der Hoffnung, Dieter möge endlich auftauchen. Doch diesen Gefallen tat er ihr nicht. Um zehn Uhr schaltete sie den Fernseher aus, verließ das Zimmer und ging zu Bett. Das Einschlafen fiel ihr schwer, aber sie tröstete sich damit, dass ihr Mann morgen wieder da sein würde. Gleich morgen früh.

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Sonja erinnerte sich nicht mehr, wann sie eingeschlafen war. Aber als sie aufwachte und nach ihrem Mann tastete, stellte sie fest, dass er nicht neben ihr lag. Das war durchaus nicht ungewöhnlich. Meistens stand er schon vor ihr auf und kochte Kaffee. Sonja kletterte aus dem Bett und ging die Treppe hinunter.

„Dieter?“

Keine Antwort.

Sie betrat die Küche, konnte ihren Mann aber nirgendwo entdecken. Der Herd war kalt, die Kaffeemaschine nicht eingeschaltet. Sonja lief zur Garage. Dort stand nur ihr Wagen. War Dieter gestern Abend überhaupt nach Hause gekommen?

Sonja wusste nicht, was sie davon halten sollte. Sie suchte sämtliche Räume ab, rief laut seinen Namen, jedoch ohne Erfolg. Als er gegen Mittag immer noch nicht nach Hause gekommen war, fuhr Sonja ins Dorf, um bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Schließlich war die Möglichkeit, dass ein Unfall oder ein Gewaltverbrechen passiert sein könnte, nicht von der Hand zu weisen. Der Polizeiposten im Ort bestand nur aus zwei Beamten. Um nicht dem Vorwurf der Untätigkeit ausgesetzt zu werden, und um die junge Frau zu beruhigen, suchten sie das Waldgebiet ab. Jedoch ohne Erfolg. Von Dieter Kramer gab es nicht die winzigste Spur. Keine Hinweise von Zeugen, kein Stück von dem, was er bei sich hatte, wurde gefunden, weder der Wagen, noch sonst irgendetwas.

Die Polizei stand vor einem Rätsel. Es schien, als hätte er sich in Luft aufgelöst. Auch gab es keine Anzeichen dafür, dass Dieter einem Verbrechen zum Opfer gefallen war.

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„Nein“, sagte Sonja gepresst. „Nein, ich werde mich nicht damit abfinden.“

Polizeimeister Sternberg zuckte die breiten Schultern. „Ich kann Sie verstehen, Frau Kramer. Aber trotzdem wird uns nichts anderes übrigbleiben, als die Tatsachen zu akzeptieren.“

Sonja wandte sich ab und schaute aus dem Fenster. Es regnete. Der Wind bewegte die Oberflächen großer brauner Pfützen, und das Haus wirkte noch trostloser als sonst. Für Sonja hatte das Gebäude in den letzten Stunden etwas Unheimliches bekommen.

„Ein Mensch verschwindet doch nicht spurlos“, sagte sie leise. „Ohne ein Wort, von einem Tag auf den anderen ...“

„Eine Menge Menschen verschwinden spurlos“, stellte Sternberg richtig. „Tagtäglich kehren Ehemänner ihren Familien den Rücken, reißen Jugendliche aus, brennen Frauen durch, lassen bis dahin ganz normale Angestellte ihren Arbeitsplatz im Stich. Und die Zurückgebliebenen haben in den wenigsten Fällen eine Erklärung.“

Sonja presste die Lippen zusammen.

„Aber doch nicht Dieter. Ich kenne ihn. Vielleicht besser als die meisten anderen. Deswegen bin ich davon überzeugt, dass er so etwas niemals tun würde.“

Sternberg zuckte abermals mit den Schultern.

„Sicher, Frau Kramer. Ich teile Ihre Ansicht. Auch mir geht es nicht in den Kopf, dass ein Mann plötzlich eines Tages sang- und klanglos seine Frau im Stich lässt und alle Brücken hinter sich abbricht. Aber wir müssen die Tatsachen sehen. Seit drei Tagen wird im gesamten Bundesgebiet nach ihrem Mann gesucht. Wir haben jeden einzelnen Einwohner aus dem Ort befragt, wir sind jedem Hinweis nachgegangen, der eventuell auf ein Verbrechen hätte deuten können. Mehr können wir nicht tun.“

„Aber ...“

„Sie müssen vernünftig sein, Frau Kramer. Nach Lage der Dinge gab es überhaupt keinen Grund für uns aktiv zu werden – oder können Sie mir irgendeinen konkreten Hinweis darauf nennen, dass ihrem Mann etwas passiert ist? Diese ganze Aktion habe ich ohnehin schon auf meine Kappe genommen. Und ich zweifle stark daran, ob ich es meinem Vorgesetzten gegenüber verantworten kann.“

„Ich weiß.“ Sonja biss sich auf die Unterlippe. „Und was, meinen Sie, sollen wir jetzt tun?“

Polizeimeister Sternberg hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. Offene Sympathie lag in seinem Blick. Er mochte Sonja, und er hätte ihr gerne geholfen, aber er sah auch klar die Grenzen seiner Möglichkeiten.

„Abwarten“, sagte er ruhig. „Etwas anderes bleibt uns überhaupt nicht übrig.“

„Abwarten“, wiederholte Sonja. „Das sagt sich so leicht.“

Sie bemühte sich, normal zu klingen, nicht so wie eine Neurotikerin, die sich Geschichten ausdachte, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Eine einsame Frau, eine ungeliebte, ungewollte Frau, die nichts zu tun hatte. Sie kämpfte mit sich, ob sie dem Polizisten von den Sorgen erzählen sollte, die sie sich um Dieter machte. Aber sie befürchtete, dass sie als Spinnerin abgetan würde. Dabei hätte sie es ihm so gerne erzählt, so gerne ...

Polizeimeister Sternberg war nett, freundlich und mitfühlend. Er sah, welche Angst Sonja hatte, und er ließ ihr so viel Zeit wie nur möglich. Er musste nicht so lange bleiben, wie er es tat. Doch schließlich konnte er nicht den ganzen Tag hier verbringen. Das war unmöglich. Aber es hatte etwas Tröstliches, über dieses und jenes zu reden. Ihre Besorgnis ließ etwas nach. Sternberg erzählte ihr ein paar Geschichten über die Gegend und die Menschen, die hier lebten, und er lachte mit ihr darüber.

„O ja, hier gibt es einige seltsame Orte“, sagte der Polizist. „Und seltsame Leute. Für einen Außenstehenden mag das ziemlich befremdlich wirken, aber wenn man erst einmal eine gewisse Zeit hier lebt, gewöhnt man sich daran.“

„Ich hätte nur endlich Gewissheit“, meinte Sonja.

„Das geht vermutlich jedem so. Vor allem, wenn man plötzlich alleine ist und niemanden zum Reden hat. Ich sage Ihnen was“, versprach Sternberg zum Abschied. „Mein Kollege und ich fahren oft auf der Straße da oben vorbei. Wie wär‘s, wenn wir ab und zu bei Ihnen reinschauen, nur um Ihnen ein Gefühl der Sicherheit zu geben?“

„O ja.“ Dankbar faltete sie die Hände. „Das wäre eine solche Erleichterung.“

Im Dorf ging alles seinen gewohnten Gang, doch hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich, das sich Dieter Kramer mit einer anderen Frau davon gemacht hätte. Eine Version, die Sonja nicht gerne hörte und auch für unwahrscheinlich hielt.

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Zwei Tage später fehlte von Dieter immer noch jede Spur.

Sonja fuhr mit ihrem Wagen die Straße entlang in Richtung Dorf. Sie führte durch einen dichten Wald und wurde nur selten benutzt. So konnte sie im Schritttempo fahren und dabei den Straßenrand im Auge behalten. Es war bereits später Nachmittag und sie hatte sich vorgenommen, noch zehn Minuten der Straße zu folgen. Dann wollte sie umkehren und die andere Seite kontrollieren. Irgendwo musste es doch eine Spur von Dieter geben. Vielleicht hatte die Polizei etwas übersehen.

Plötzlich bremste Sonja ab. Am Straßenrand hatte sie Reifenspuren entdeckt, die in den Wald führten. Tatsächlich gab es an dieser Stelle einen schmalen Pfad. Die Reifen hatten tiefe Rillen im weichen Waldboden hinterlassen. Sie waren mit Wasser gefüllt.

Sonja spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. Es war durchaus möglich, dass sie hier eine echte Spur gefunden hatte. Aber vielleicht stammten die Spuren auch nur von einem Liebespaar, das den Wagen in den Wald gelenkt hatte.

Egal, was es sein mochte, Sonja wollte auf jeden Fall der Sache nachgehen. Der Pfad erwies sich als breit genug für ihren Wagen, verlangte allerdings der Federung einiges ab. Sonja ließ das Fahrzeug langsam in den dichten Wald rollen, wobei sie den zahlreichen Spurrillen ausweichen musste. Sie wollte schließlich nicht steckenbleiben.

Der Weg machte einen leichten Bogen. Sonja war etwa zweihundert Meter gefahren, als sich eine Lichtung vor ihr auftat. Sie war bebaut. Die Frau sah ein eingeschossiges Haus. Es machte einen verlassenen und heruntergekommenen Eindruck. Neben dem Gebäude mochte sich mal ein Garten befunden haben. Jetzt wucherte dort nur noch Unkraut in allen Variationen.

Sonja stoppte den Wagen und stieg zögernd aus. Sie erinnerte sich, irgendwann mal von diesem Haus gehört zu haben. Es war von einem alten, eigenbrötlerischen Mann bewohnt worden. Nach seinem Tod vor einigen Jahren ließ man das Gebäude verfallen, weil sich keiner der Erben darum kümmern wollte. Es war vollkommen still, als Sonja sich langsam dem Haus näherte. Es musste etwa Mitte der fünfziger Jahre gebaut worden sein. Sie fragte sich, als welcher Laune heraus wohl – hier mitten in der Abgeschiedenheit.

Ein schmaler Pfad führte zu dem Gebäude. Selbst jetzt im hellen Sonnenlicht wirkte er düster und unheimlich. Eichen, Buchen und Tannen reckten ihre Äste über den Weg. Sonnenstrahlen bildeten helle Muster auf dem abgestorbenen Laub am Boden. Die wenigen Vogelrufe klangen seltsam und spöttisch.

Sonja fröstelte.

Aber entschlossen ging sie weiter. Sie glaubte es ihrem vermissten Mann schuldig zu sein, dass sie jede Möglichkeit in Betracht zog. Mehrmals hatte sie den Eindruck, beobachtet zu werden, und einmal meinte sie sogar, ein Kichern im Unterholz zu hören. Einige Vögel flogen über die Baumwipfel.

Beim Näherkommen bemerkte sie blinde, verschmutzte Fensterscheiben. Die Eingangstür stand einen Spaltbreit offen. Ein lautes Knarren ertönte, als Sonja sie aufstieß. Innen herrschte diffuses Licht, an das sich ihre Augen erst gewöhnen mussten. Sie stand in einem Raum, der früher einmal sowohl Küche als auch Wohn- und Schlafbereich gewesen sein musste. Eine alte zerschlissene Polstergarnitur stand noch in der Ecke. Der Bezug war an vielen Stellen aufgerissen, und die Sprungfedern ragten heraus. An einer Wand lehnten die Überreste eines Schranks. Zudem gab es noch einen alten Gasherd.

Irgendjemand hatte an den Möbeln seine Zerstörungswut ausgelassen. Vielleicht ein Herumtreiber, der hier nach etwas Verwertbarem suchte, oder ein paar Jugendliche aus dem Dorf. Über den Boden verstreut sah Sonja eine Menge Gerümpel. Alles war mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Als sie vorsichtig einen Schritt in den Raum machte, wurde der Dreck unter ihren Füßen aufgewirbelt. Bei näherer Betrachtung entdeckte Sonja Spuren auf dem Fußboden, die zu einer Tür im Hintergrund des Raumes und wieder zurückführten.

Hier war jemand mehrmals durch den Staub gestapft. Es konnten auch mehrere Personen gewesen sein. Die Tür, vor der die Fußspuren endeten, war nur angelehnt. Sonja überlegte eine Weile, ob sie zurückfahren und die Polizei informieren sollte, entschied sich aber dann doch dafür, auf eigene Faust zu suchen. In weitem Bogen näherte sie sich der Tür, um die Fußspuren nicht zu zerstören. Vielleicht waren sie für die Polizei noch von Interesse.

Hinter der Tür befand sich ein schmaler, dunkler Flur. Sonja holte ihr Feuerzeug aus der Hosentasche und knipste es an. Die Flamme war nicht sehr hell, trotzdem reichte sie aus, um sich zu orientieren. Am Ende des Korridors gab es eine weitere Tür. Auf der linken Seite führte eine steile Holztreppe zum Dachgeschoss. Die Luke war verschlossen. Sonja bückte sich und hielt das Feuerzeug dicht über den Boden. Im Schein der zuckenden Flamme sah sie eine Fußspur zur Treppe und mehrere Spuren, die zur nächsten Tür führten. Also war das Dachgeschoss wohl uninteressant für sie. Vorsichtig öffnete Sonja die Tür.

Dahinter war es vollkommen finster. Sie konnte gerade noch erkennen, dass eine Treppe in die Tiefe führte. Die junge Frau wollte schon hinabsteigen, da fiel ihr die Taschenlampe im Handschuhfach ihres Wagens ein. Damit konnte sie mehr anfangen, als mit dem Feuerzeug, das schon ganz schön heiß geworden war. Sie lief zurück und holte die Taschenlampe. Als sie dann hinter dem zitternden, bleichen Lichtkegel her in die Tiefe stieg, überkam sie plötzlich ein seltsames Gefühl der Beklemmung. Eine schreckliche Ahnung trieb sie vorwärts. Sonja versuchte, sie zu ignorieren, doch es gelang ihr nicht.

Nach Überwindung einer weiteren Tür stand sie in einem großen Keller. Anscheinend war dies der einzige Raum. Sie schnupperte. Es roch nach kaltem Rauch. Dann sah sie im Lichtkegel der Lampe die Reste einer Kerze, die auf einem kleinen Tisch stand. Weitere Möbelstücke gab es hier unten nicht. Sie ließ den Lichtkegel weiter wandern. Der Fußboden wies einige dunkle Flecken auf. Sonja spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals festsetzte. Für einen Moment flimmerte es vor ihren Augen; und sie musste Luft holen. Man brauchte nicht viel Fantasie, um die Flecken auf dem Boden für Blut zu halten. Sonja wandte sich um und rannte hinaus. Jetzt hatte sie es auf einmal eilig, die Polizei zu benachrichtigen. Endlich gab es eine Spur.

Die Durchsuchung des einsamen Hauses im Wald und seiner näheren Umgebung brachte keine verwertbaren Ergebnisse. Es konnte lediglich festgestellt werden, das sich vor einigen Tagen mindestens zwei Personen im Gebäude aufgehalten hatten. Den Fußspuren nach waren es zwei Männer. Auch die Feststellung, dass es sich bei den Flecken auf dem Boden tatsächlich um Blut handelte, half der Polizei nicht weiter. Die Untersuchung hatte ergeben, dass es sich um das Blut einer Katze handelte. Aber wann die Flecken entstanden waren, konnte nicht mehr eindeutig geklärt werden.

Einige Leute im Dorf wollten wissen, dass in dem einsamen Haus geheime Sex-Orgien abgehalten wurden. Und zwar welche von der härteren Sorte. Dabei soll es dann auch Blutopfer gegeben haben. Ganz so abwegig war diese Erklärung nicht, denn Gerüchte über derartige Umtriebe hielten sich schon seit einigen Jahren in der Gegend. Aber es waren reine Vermutungen. Sie brachten die Polizei nicht einen Schritt weiter.

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Die Zeit verstrich, ohne dass etwas Bemerkenswertes geschah. Manchmal ertappte Sonja sich dabei, wie sie anfing, Selbstgespräche zu führen. Vermutlich ging es ihr nur darum, die Stille zu stören. Hin und wieder unternahm sie kleine Spaziergänge, kehrte jedoch keuchend und nach Luft ringend schnell wieder um. Sie verfügte nicht mehr um die geringste Kondition. Sonja hatte sich in letzter Zeit zu sehr damit abgefunden, herumzusitzen und sich selbst zu bemitleiden.

Es war einfach dumm. Sie würde das Haus verkaufen müssen. Sie fühlte sich hier sowieso nicht wohl, in diesem einsamen Tal. Außerdem hatte sie gar nicht die Mittel, dieses Gebäude langfristig zu unterhalten und, falls sie wieder arbeitete, hätte sie auch nicht die Zeit, regelmäßig hierher zu kommen. Der Gedanke, für immer in dieser Gegend zu bleiben, kam ihr nicht in den Sinn.

Nicht zu diesem Zeitpunkt.

Die Tage waren ruhig, zu ruhig für ihren Geschmack. Draußen vor dem Haus passierte kaum etwas. Jeden zweiten Tag rumpelte ein Traktor vorbei, an dessen Lenkrad ein Bulle von einem Mann saß. Sein Gesicht hatte er unter einer Mütze verborgen. Das war alles. Mehr Abwechslung gab es nicht.

Manchmal, wenn sie am Fenster stand und in den Wald hinausstarrte, glaubte sie, zwischen den Bäumen jemanden stehen zu sehen. Einen stummen Beobachter. Einmal war die Vorstellung so real, dass sie der Sache nachgehen wollte. Dabei gab es nichts Schlimmeres, als dieser imaginären Angst nachzugeben. Dadurch wurde eine Reaktion nur verstärkt. Es war viel klüger, das Irrationale zu leugnen, und sich mit aller Kraft auf etwas Reales zu konzentrieren. Aber die Angst war stärker als die Logik.

Sonja verließ das Haus und ging zu der Stelle, an der die Gestalt gestanden hatte. Sehen konnte sie jedoch niemanden. Sie musste sich getäuscht haben. Ein unangenehmes Gefühl der Schwäche ergriff von ihr Besitz. Einer Schwäche hinter der nichts weiter steckte als ihre Paranoia. Trotzdem war sie davon überzeugt, dass irgendjemand da draußen sie beobachtete.

Was sollte sie tun?

Die Polizei benachrichtigen?

Sie kämpft mit sich, ob sie ihnen von der Gestalt erzählen soll, aber sie befürchtet, dass man sie dann als Spinnerin ansieht. Gleichzeitig stellte sie sich vor, wie der eine zum anderen sagte: „Du lieber Himmel, die hat aber einen ganz schönen Knall. Da fehlt nicht mehr viel und die ist reif für die Typen mit den Zwangsjacken.“

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Am nächsten Tag fuhr Sonja ins Dorf, um einige Lebensmittel einzukaufen. Der Laden hatte zwar nur ein begrenztes Angebot, doch es reichte aus, um die Grundbedürfnisse abzudecken. Gleichzeitig ergab sich natürlich die Möglichkeit, mit einem Menschen zu reden, auch wenn es sich dabei nur um belanglose Konversation handelte, die sie mit dem Ladenbesitzer führte. Es war ihr jedoch nie gelungen, sich in diese kleine Dorfgemeinschaft einzuleben. Sie hatte sich bekannt gemacht, hatte sogar versucht, einige von ihnen einzuladen, doch ihr Mann war strikt dagegen. Er wollte mit diesen Leuten nichts zu tun haben. Die Gründe dafür hatte er ihr nie gesagt.

Sonja trug den Korb ins Haus und betrat die Küche. Dort packte sie aus, verstaute die Lebensmittel im Kühlschrank und brachte das Obst in den Keller. Gerade als sie den Raum wieder verlassen wollte, fiel ihr Blick auf den Werkzeugschrank. Eigentlich war es nur eine alte Kommode, die sie vor einiger Zeit auf dem Flohmarkt gekauft und Dieter zum Geburtstag geschenkt hatte. Sie besaß vier Schubladen. In einer davon befand sich das Werkzeug ihres Mannes.

Eigentlich ein völlig normaler Anblick, wenn nur die oberste Schublade nicht offen gestanden hätte. Jemand musste ihr etwas entnommen und vergessen haben, sie zu schließen. Sonja stellte die Tüte mit dem Obst ab und schaute in die Schublade hinein. Hämmer und Zangen lagen dort vollkommen durcheinander. Irgendjemand schien etwas gesucht zu haben.

Aber wer?

War Dieter während ihrer Abwesenheit nach Hause gekommen?

Sonja presste für einen Moment die Lippen zusammen. Irgendein Instinkt – oder war es Vernunft? - sagte ihr, sie solle das Haus absuchen. Sie lief nach oben, rief mehrmals seinen Namen und schaute in sämtliche Zimmer. Doch ihren Mann konnte sie nirgendwo entdecken. Ein Schauder lief Sonja über den Rücken. Sie schluckte. Ihre Kehle war ganz ausgetrocknet. Wer konnte die Schublade geöffnet haben? Vielleicht bauschte sie die ganze Angelegenheit nur auf? Es bestand schließlich auch die Möglichkeit, das sie selbst die Schublade offen gelassen hatte, und sich jetzt nur nicht mehr daran erinnern konnte.

Doch die Angelegenheit ließ ihr keine Ruhe. Sie konnte sich kaum noch konzentrieren. Sogar die einfachsten Handgriffe fielen ihr schwer. Das Leben wurde so unerträglich, das Sonja anfing, sich auf das Zubettgehen zu freuen und diesen lange ersehnten Augenblick möglichst hinauszuziehen. Sie sah bis weit nach Mitternacht fern, und erst dann schleppte sie sich die Treppe hinauf ins Bett. Wenn der Schlaf kam, dann war es eine Wohltat. Meistens kam er nicht.

Dann warf sie sich von einer Seite auf die andere und lauschte dem jammernden Wind. Jede Bewegung, jede neue Unternehmung stellte eine Anstrengung dar. Was zum Teufel erwartete sie eigentlich? Und was geschah mit ihrem Verstand? Wurde sie allmählich zur Hysterikerin, die Sorte von Nervensägen, die sie am meisten verachtete?

Um besser einschlafen zu können, trank sie jedem Abend Alkohol. Mit einem Glas fing sie an, aber als das nichts mehr brachte, wurden es zwei, dann drei, bis sich das Zimmer um sie drehte, während sie unglücklich und verzweifelt da lag, ohne zu verstehen, was mit ihr geschah und wie sie diesen Zustand bekämpfen konnte, der sie so vollkommen im Griff hatte.

Mit Alkohol konnte Sonja noch nie umgehen. Sie entwickelte Schuldgefühle, weil sie davon überzeugt war, dass ihr Mann sie wegen einer anderen Frau verlassen hatte. Ja, genau, das musste es sein. Er hatte eine andere. Vermutlich war sie auch noch einige Jahre jünger und las ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Das war‘s doch, was die meisten Männer wollten, eine unterwürfige Frau. Dabei hatte ihre Beziehung so vielversprechend angefangen.

Sonja erinnerte sich noch gut an den Tag, als sie Dieter kennenlernte. Das Wetter und die Landschaft waren traumhaft. Sonja machte einen Waldspaziergang in der Nähe ihres Wohnortes. Die Bienen summten und die Blüten verströmten einen betäubenden Duft. Nichts störte die Idylle. Sonja hatte das Gefühl, allein auf der Welt zu sein. Und vor ihr lag die paradisische Landschaft, die in der Hitze flimmerte. Sonja streckte die Arme zum Himmel, schloss die Augen und atmete die würzige Luft ein.

Nur ihre finanziellen Sorgen trübten ihr Glück. Sie musste sich mit drei Jobs gleichzeitig durchschlagen, weil das Geld kaum zum Leben reichte. Ständig war sie übernächtigt, und die Sorge um ihre Zukunft zermürbte sie. Sonja ging einen schmalen Pfad entlang und erreichte einen Fluss. Das kristallklare Wasser und der warme Sonnenschein schienen sie geradezu zum Schwimmen aufzufordern. Einen Badeanzug hatte sie nicht dabei, sie besaß gar keinen. Doch weit und breit war kein Mensch zu sehen. Beschwingt trat sie ans Ufer, zog ihre Kleidung aus und legte sie unter einen Busch.

Sonja glitt so elegant ins Wasser, dass kaum ein Geräusch dabei entstand. Zum ersten Mal in ihrem Leben schwamm sie in einem natürlichen Gewässer, und sie genoss es aus vollem Herzen. Sie drehte sich um die eigene Achse, tauchte, kam prustend wieder an die Oberfläche und lachte aus voller Lebensfreude. Dann schüttelte Sonja den Kopf, dass die Wassertropfen nur so sprühten und im Sonnenlicht funkelten. Die junge Frau wiegte sich in Sicherheit. Auf die Idee, beobachtet zu werden, kam sie nicht.

Sie ließ sich ein Stück mit der Strömung treiben, schwamm wieder zurück und legte sich auf den Rücken. In einiger Entfernung entdeckte sie einen Felsen, der ideal zum Springen war. Sie kletterte hinauf und sprang in weitem, flachen Bogen kopfüber ins Wasser. Lange blieb die Oberfläche still. Dann tauchte Sonja wieder auf. Mit kräftigen Zügen schwamm sie, bis sie wieder Grund unter den Füßen hatte, richtete sich auf und ging zurück ans Ufer.

„Haben Sie sich verletzt?“ fragte plötzlich jemand hinter ihr.

Sonja wandte sich um. Sie erschrak nicht. Ebenso wenig wurde ihr bewusst, dass sie nur bis zur Taille im kristallklaren Wasser des Flusses stand und kein einziges Kleidungsstück am Körper trug. Sie sah sich einem fremden Mann gegenüber. Schlank und groß umgab ihn eine Aura natürlicher Autorität, die ihre Wirkung auf sie nicht verfehlte. Sein Gesicht war schmal und markant. Die meisten Frauen hätten es wohl als gutaussehend bezeichnet. Die Augen blieben hinter einer extrem dunklen Sonnenbrille verborgen. Das alles registrierte Sonja in Bruchteilen von Sekunden, ohne besonders beeindruckt zu sein. Als der Unbekannte jedoch die Brille abnahm, verschlug es ihr den Atem.

Was für Augen!

Beschattet von langen Wimpern, erschienen sie im ersten Moment schwarz, dann braun und schließlich bernsteinfarben.

„Hallo“, sagte der Mann höflich.

Sonja versuchte sich, aus dem Bann seines Blickes zu lösen. Ihr nasses Haar lag eng am Kopf und Wassertropfen perlten zwischen ihren Brüsten.

„Ich war davon überzeugt, allein zu sein“, bemerkte sie.

Während Sonja noch sprach, wurde ihr bewusst, völlig nackt vor einem fremden Mann zu stehen. Sofort duckte sie sich, bis nur noch die Schultern aus dem Wasser ragten.

Er musste lächeln.

„Ich habe auch alles getan, damit Sie mich nicht bemerken.“

„Sie haben mir also aufgelauert?“

„Ja, aber nicht absichtlich.“

Sonja runzelte unwillig die Stirn.

„Wie kann man denn jemandem unabsichtlich auflauern?“

Sein Lächeln vertiefte sich, und plötzlich wirkte der Fremde nicht mehr so autoritär, sondern vertraut, und Sonja fühlte sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen. Schnell ließ sie sich bis zum Kinn ins Wasser sinken.

„Ich war zuerst hier“, erklärte er. Sein Lächeln verschwand. „Ich sah, wie Sie zum Ufer liefen. Als mir klar wurde, was Sie vorhatten, war es zu spät, um mich bemerkbar zu machen.“

„Aha.“

„Ehrlich gesagt, habe ich mich nicht wie ein Gentlemen benommen“, gab er zu. „Ich hätte mich unbemerkt entfernen sollen. Aber ich musste einfach hinschauen. Sie sahen so unbeschwert und glücklich aus.“

Er presste die Lippen zusammen, und sein Gesicht war wieder so verschlossen wie zu Anfang.

„Das liegt an diesem Ort.“ Sie sprach leise und sanft, fast verträumt. „Der tiefe Friede hier lässt einen alle Sorgen vergessen.“

Wieder trafen sich ihre Blicke, und die Welt schien den Atem anzuhalten. Der Mann schüttelte ungläubig den Kopf, als müsse er sich von einem Zauber befreien.

„Haben Sie denn Sorgen?“ fragte er.

Sonja erinnerte sich an die vergangenen Jahre, die schäbigen Zimmer, in denen sie gewohnt hatte, wie einsam sie war, wie unsicher, wem sie überhaupt noch trauen sollte.

„Wer hat die nicht?“ fragte sie trocken.

Wieder kreuzten sich ihre Blicke und Sonja erschauderte. Sie hatte das Gefühl, einen schicksalhaften Moment zu erleben, den Beginn von etwas Neuem, Ungewissen, gegen das sie machtlos war. Auch der Fremde schien es zu spüren. Reglos blieb er stehen. Nur seine Augen weiteten sich, als stünde er unter Schock. Sonja schwindelte. Ihre Knie gaben nach und sie sank auf den Grund. Als sie prustend und nach Atem ringend wieder an die Oberfläche kam, saß der Mann im Gras an der Uferböschung und lachte.

Es macht einen ganz anderen Menschen aus ihm, dachte Sonja, während sie sich das Wasser aus den Augen rieb. Die Frauen himmeln ihn bestimmt an. Von der knisternden Spannung, die noch zwischen ihnen bestanden hatte, war nichts mehr zu spüren. Sollte sie darüber froh oder betrübt sein? Sonja wusste es nicht. Ihr Gefühlsleben war im Moment ein einziges Chaos.

„Wollen Sie nicht lieber aus dem Wasser kommen und sich abtrocknen? Sie scheinen erschöpft zu sein. Ich möchte Sie nicht aus dem Fluss ziehen müssen.“

Glücklicherweise besaß Sonja einen unerschütterlichen Humor, der ihr auch in dieser Situation zu Hilfe kam, und sie lachte ebenfalls.

„Ich muss Sie warnen. Ich habe kein Handtuch dabei. Mir bleibt daher nur die Möglichkeit, mich an der Luft trocknen zu lassen. Ein kleiner Dauerlauf würde den Vorgang bestimmt beschleunigen.“

„Das Bad war also nicht geplant?“

„Ich sah das Wasser und konnte einfach nicht widerstehen.“

„Es war also eine spontane Entscheidung? So etwas ist gefährlich.“

Er schüttelte den Kopf, stand auf, zog sein Jackett und das Hemd aus. „Hier.“ Er hielt es hoch. „Damit können Sie sich abtrocknen.“

Sein Oberkörper war nicht ganz so braun wie sein Gesicht, und sein dunkles Brusthaar kräuselte sich leicht. Sonja rang plötzlich nach Atem und verspürte ein überraschendes, nicht genau zu lokalisierendes Kribbeln.

„Danke, das ist nett von Ihnen“, sagte sie mühsam. „Ich brauche das Hemd nicht.“

„Sie vielleicht nicht, aber ich.“ Er lächelte ironisch. „Ich fürchte um meine Selbstbeherrschung. Lange werde ich bestimmt nicht mehr tatenlos zusehen können, wenn Sie wie eine Nymphe über die blühende Wiese springen.“

„Oh.“

Sonja schluckte. Also spürte nicht nur sie ein erotisches Prickeln!

Anscheinend half es dem Mann, in ihr eine Unbekannte zu sehen, der er unter ungewöhnlichen Umständen begegnet war und die er wie ein zivilisierter Mensch zu behandeln hatte. Vielleicht entsprach das ja auch den Tatsachen. Vielleicht handelte es sich wirklich nur um eine belanglose, zufällige Begegnung, auf die sie übersteigert reagierte. Sie wurde rot und senkte den Blick. Ihre seltsame Erregung wollte sich jedoch nicht legen.

„Nun nehmen Sie das Hemd endlich“, drängte er. „Bei diesem Wetter kann ich es wirklich entbehren.“

Ohne ihm in die Augen zu sehen, ging sie zum Ufer und nahm ihm das weiße Bündel ab, ohne dass sich ihre Hände dabei berührten.

Merkwürdig, dachte Sonja. Schien dem Mann körperlicher Kontakt zu gefährlich? Oder verhielt er sich nur höflich reserviert? Gab es einen bestimmten Grund, weshalb er auf Distanz bedacht war?

Das Hemd hoch über den Kopf haltend, ging sie im Fluss zu der Stelle, wo ihre Sachen lagen. Geschickt hangelte sie sich an einem vorstehenden Felsen aus dem Wasser und verschwand hinter einem Busch. Das feine Leinen seines Hemdes fühlte sich leicht kratzig auf der feuchten Haut an, und Sonjas sinnliches Verlangen loderte auf.

Du benimmst dich absolut lächerlich, dachte sie. Du gerätst völlig aus dem Häuschen wegen eines Mannes, den du nie wiedersehen wirst. Diese Einsicht hielt sie jedoch nicht davon ab, ihr feuchtes Haar möglichst vorteilhaft zurechtzumachen, bevor sie hinter dem Busch hervorkam. Der Fremde lehnte an einem Baum und blickte gedankenverloren stromaufwärts.

„Ist das nicht ein kleines Paradies?“, fragte sie leise, um ihn nicht zu erschrecken. Unsinnigerweise fühlte sie sich jetzt, da sie wieder bekleidet war, so unsicher und verletzlich wie zuvor. Verrückt! Als er sie nackt beim Baden entdeckt hatte, war sie Unbefangenen und ohne jede Scheu gewesen. Jetzt, da sie ihm angezogen gegenüberstand, wusste sie nicht, wo sie hinblicken sollte. Sie zwang sich, ihm in die Augen zu sehen und unverbindlich zu lächeln. Dem ironischen Zucken seiner Mundwinkel nach zu urteilen, hatte sie sich umsonst angestrengt.

Er ist erfahren, er kennt die Spielregeln und weiß mit der Situation umzugehen, fuhr es ihr durch den Kopf. Damit war er ihr gegenüber im Vorteil.

„Ja“, antwortete er ruhig. „Man kann sich dem Zauber dieser Landschaft nicht entziehen.“

Er presste die Lippen zusammen.

Vielleicht ist er unglücklich, dachte Sonja. Er suchte hier seine Ruhe und sie hatte ihn dabei gestört.

„Es tut mir leid, wenn ich Ihnen in die Quere gekommen bin“, entschuldigte sie sich. „Wollten Sie angeln?“

„Angeln? Nein, ich wollte einfach nur darüber nachdenken, wie es mit meinem Leben weitergehen soll.“

Sonja nickte mitfühlend. „Ja, das kenne ich.“

Er schüttelte den Kopf, als ärgere er sich, das Thema angeschnitten zu haben.

Zusammenfassung

Nach fünf Jahren verschwindet Dieter Kramer spurlos aus dem Leben seiner Frau Sonja. Die Polizei startet eine Suchaktion, jedoch ohne Erfolg. Es gibt nicht die winzigste Spur. Keine Hinweise von Zeugen, nichts von dem dem, was er bei sich hatte, wird je gefunden. Kurz darauf geschehen merkwürdige Dinge. Sonja fühlt sich beobachtet und verfolgt. Als dann auch noch ein bewaffneter Mann in ihr Haus eindringt, ist sie auf sich allein gestellt.
Aber wer ist der Fremde?

Was will er?

Und was weiß er über das spurlose Verschwinden von Dieter Kramer?

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903539
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
mörder haus

Autor

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Titel: Mörder im Haus