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Big John Morgan #1: Rinder, Reiter und Revolver

©2016 120 Seiten

Zusammenfassung

Big John Morgan und Marc Barnes treiben eine große Herde mexikanischen Viehs nach Dodge City. Es ist das mörderische Treiben der tausend Meilen. Und es gibt viele Gefahren, die das Vieh bedrohen. Da sind tückische Flüsse zu überqueren, trockene Savannensteppen zu passieren und vor allem die Banditen abzuwehren, die auf das Vieh ein Auge geworfen haben. Je näher die Herde der Verladestadt kommt, desto höher steigt der Wert der Rinder. Kostete ein Rind unten an der texanisch mexikanischen Grenze höchstens einen Dollar, so steigt der Preis in Dodge City auf elf Dollar. Doch dazwischen liegen die berüchtigten tausend Meilen des Lonestar Trails.
Die texanischen Cowboys standen damals einer Viehseuche völlig machtlos gegenüber. Niemand kannte die Maul- und Klauenseuche. Man wusste nicht, wie sie entstand und wie man sie bekämpfen konnte. Damals gab es wenig Veterinäre, und selbst die wussten nicht immer, wie sie der Seuche entgegentreten sollten. Umso mehr ist ein Mann wie Marc Barnes zu schätzen, der auf Grund seiner Erfahrungen dem Unheil entgegentritt.

Nach über 60 Jahren erscheinen die Romane um Big John Morgan zum ersten Mal wieder. Diesmal als eBook – geschrieben und konzipiert von Starautor Glenn Stirling.

Leseprobe

BIG JOHN MORGAN

Western-Abenteuer von Glenn Stirling

Band 1

Reiter, Rinder und Revolver

––––––––

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Firuz Askin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Big John Morgan und Marc Barnes treiben eine große Herde mexikanischen Viehs nach Dodge City. Es ist das mörderische Treiben der tausend Meilen. Und es gibt viele Gefahren, die das Vieh bedrohen. Da sind tückische Flüsse zu überqueren, trockene Savannensteppen zu passieren und vor allem die Banditen abzuwehren, die auf das Vieh ein Auge geworfen haben. Je näher die Herde der Verladestadt kommt, desto höher steigt der Wert der Rinder. Kostete ein Rind unten an der texanisch mexikanischen Grenze höchstens einen Dollar, so steigt der Preis in Dodge City auf elf Dollar. Doch dazwischen liegen die berüchtigten tausend Meilen des Lonestar Trails.

Die texanischen Cowboys standen damals einer Viehseuche völlig machtlos gegenüber. Niemand kannte die Maul- und Klauenseuche. Man wusste nicht, wie sie entstand und wie man sie bekämpfen konnte. Damals gab es wenig Veterinäre, und selbst die wussten nicht immer, wie sie der Seuche entgegentreten sollten. Umso mehr ist ein Mann wie Marc Barnes zu schätzen, der auf Grund seiner Erfahrungen dem Unheil entgegentritt.

Nach über 60 Jahren erscheinen die Romane um Big John Morgan zum ersten Mal wieder. Diesmal als eBook – geschrieben und konzipiert von Starautor Glenn Stirling.

Roman

Gordon schabt den letzten Tabak aus seiner Tasche und dreht eine Zigarette, die so dünn wie ein Strohhalm ist. Dann zündet er sie an und genießt den Rauch wie ein Geschenk des Himmels. Missmutig blickt er auf seine Reithosen. Sie sind zerrissen. Sein Hemd besitzt auch schon Altertumswert. Die Stiefel platzen vorn auf. Es ist der Beginn des Abstiegs, wenn man keine Arbeit hat und das Geld schon seit einer Woche alle ist, vor allem am Ende der Roundup-Periode, wenn die Rancher ihre überzähligen Cowboys entlassen.

Gordon überlegt, wie er eine Arbeit finden könnte. Gestern hat er beim Marshal für drei Mahlzeiten den Garten umgegraben. Die Mauer am Haus des Reverends hatte ihm drei Tage ohne Sorgen eingebracht; denn er selbst hat diese Mauer für den Pfarrer gebaut. Jetzt aber blickt er die Straße hinunter: nirgends ist etwas, das ihm eine Arbeit verspricht. Es sind auch zu viele Cowboys in der Stadt. Die meisten haben noch etwas Geld, aber bald werden sie ebenfalls in Gordons Lage sein.

McIntosh kommt die Straße herunter und stelzt mit seinen langen Beinen ungelenk über den Gehsteig direkt auf Gordon zu.

„Hey, Gordon, hast du einen Job gefunden?“, fragt er.

Gordon schüttelt betrübt den Kopf. Missgelaunt betrachtet er den langen McIntosh, der mindestens zehn Jahre jünger ist als er. Das blonde Haar hängt ihm unter dem Hut hervor, seine Augen blicken noch optimistisch, er hat noch wenig Leid und Kummer erfahren. Gegen ihn ist Gordon auf der absteigenden Linie. Heute wird eben ein zwanzigjähriger Cowboy einem erfahreneren älteren Mann vorgezogen. Junge Cowboys sind billiger, ältere stellen Ansprüche.

„Es kommt noch eine Herde, Gordon!“, verkündet McIntosh und sucht in seinen Taschen vergeblich nach Tabak.

„Dieses Jahr noch eine Herde? Wer treibt sie?“, fragt Gordon verwundert. „Es ist schon etwas spät zum Treiben. Rancher Mitchell war der letzte, der mit seiner Herde hier durchzog.“

„Marc Barnes und Big John Morgan haben an der Grenze eine Herde gekauft und wollen nach Norden treiben!“, berichtet McIntosh, während er gierig auf Gordons Zigarettenstummel blickt.

Gordon mag diesen Langen gut leiden, deshalb gibt er ihm den kümmerlichen Rest seiner Zigarette.

McIntosh grinst breit und lässt seine herrlichen Zähne blitzen.

„Marc Barnes ist doch der Revolvermann?“, fragt Gordon.

„Hmm!“, brummt McIntosh und schüttelt die Finger, weil er sie eben an der Zigarette verbrannt hat. „Es ist der bekannte Revolvermann, Gordon! Und Big John Morgan kennst du auch. Er ist es, der dem verdammten Hutchinson den Marsch geblasen hat! Ich erfuhr von George, dass die beiden zu einer Herde gekommen sind. Vielleicht haben sie das Vieh von Banditen aus Mexiko gekauft oder es irgendwie billig in die Hände bekommen. Jedenfalls werden sie die Rinder nach Dodge City treiben, wo sie das Zehnfache kosten.“

„Meinst du, sie hätten die Herde jemandem abgenommen?“, fragt Gordon.

McIntosh schüttelt den Kopf. „George meinte, so etwas gäbe es bei denen nicht! Er kennt die beiden Männer schon länger. Aber das Beste kommt erst! Sie haben nur drei Cowboys und einen Koch! Schätze, dass Marc und John noch ein paar Reiter brauchen werden!“

„Worauf wartest du noch?“, fragt Gordon und will gehen.

„Dass du mir einen dafür ausgibst!“, sagt McIntosh grinsend.

„Well, wenn ich wieder einen Cent in meiner Tasche habe, werde ich es tun, Langer!“, verspricht Gordon.

McIntosh zuckt die Schultern und schließt sich Gordon an. „Willst du hin?“

„Klar!“, erwidert Gordon mit Selbstverständlichkeit.

McIntosh zögert, dann erklärt er: „Warte, es ist noch nicht alles!“

Verwundert betrachtet Gordon den jungen Cowboy. „Wieso?“

„Gordon, wenn nicht ein Haken dran wäre, würde die halbe Stadt für Big John und Marc Barnes reiten wollen!“, erwidert er. „Sie können aber keine Boys finden! Gordon, jetzt wo alles stellungslos umherlungert, findet Marc Barnes keine Boys! Überlege einmal!“

„Zahlen sie nicht?“, wundert sich Gordon. Er überlegt, dass er sich lieber billig verkaufen wird als hier die tote Saison in der Stadt zu verbringen.

„No, sie zahlen sogar mehr als andere!“, behauptet McIntosh. „Aber die Malcolms haben geschworen, ihnen die Herde abzunehmen!“

„Die Malcolms?“, fragt Gordon erschrocken. „Was haben die damit zu tun?“

„Malcolm behauptet, dass er noch eine alte Rechnung mit Marc Barnes zu begleichen habe! Er sitzt im Saloon und hat laut verkündet, dass er jeden über den Haufen schießt, der für Big John Morgan und Marc reiten will! Jetzt will es keiner mehr!“

„Well, dann werde ich der erste sein!“, beschließt Gordon und denkt dabei an seinen Hunger und daran, dass sein Tabak alle ist.

„Es könnte Selbstmord sein, Gordon!“, warnt McIntosh. „Du weißt, dass Malcolm mit seinen Brüdern zu den besten Schützen im Lande zählt. Sie sind bisher noch mit jedem Sheriff fertig geworden, sonst könnten sie nicht so frech in der Kneipe sitzen, während ihre Bande in den Bergen haust.“

„Weiß ich alles, mein Junge!“, erwidert Gordon und geht in den Korral, um sein Pferd zu holen. McIntosh folgt ihm. Am Korralbrunnen steigen sie auf ihre Gäule.

„Versuchen wir es, Junge!“, sagt Gordon. Dann reiten die beiden Männer auf ihren mageren Pferden die Straße hinunter.

Als sie am letzten Haus vorbeikommen, tritt plötzlich eine Gestalt hinter der Mauer vor. Es ist der jüngste der Malcolmbrüder, Benny Malcolm, ein hagerer Kerl mit dem Blick eines lauernden Raubtieres.

„Hallo, wollt ihr zu Marc Barnes?“, fragt er beherrscht.

Gordon mustert den Banditen mit der Ruhe eines Mannes, dem schon allerhand im Leben passierte. „Ho, der feine Benny will uns einen Tipp geben? Na, Benny, was gibt’s?“, fragt er ihn.

Benny Malcolm überlegt und schätzt den älteren Cowboy ab. Auf jeden Fall ist Gordon gefährlicher als McIntosh. Er beschließt, vorläufig nichts zu unternehmen.

„Wenn ihr zu Marc Barnes und Big John Morgan reiten wollt, dann grabt euch mal schon jetzt ein Loch! Sagt den beiden Kerlen, dass wir sie hochnehmen, wenn sie uns nicht das Passiergeld zahlen!“

Gordon nickt ernst. „Werden’s ausrichten! Noch was?“ Er treibt sein Pferd an.

„Kehr besser um, Gordon!“, sagt der Bandit eiskalt. „Gegen dich haben wir nichts! Du hast uns voriges Jahr auch nicht an den Sheriff verraten!“

„Soll das eine Erpressung sein?“, fragt Gordon sofort.

„Reite!“, erwidert Benny barsch.

*

Die Herde lagert drei Meilen vor der Stadt. Über dreitausend Rinder stehen, liegen und laufen um die große Tränke des Cottonwood-Gehölzes herum. Am Waldrand ist ein Feuer entfacht worden, das einen schwarzen Qualm zum Himmel steigen lässt. Daneben befindet sich ein Seilkorral für die Pferde. Zwei Reiter bewachen die Herde. Die anderen Männer scheinen um das Feuer herumzusitzen.

Der eine Herdenwächter ruft die Ankömmlinge an. „Was gibt’s?“

Gordon erwidert: „Wo ist der Boss?“

Der Herdenwächter zeigt zum Feuer. „Sucht ’nen Job, was?“, fragt er nebenbei. Als Gordon nickt, fährt er fort: „Well, ich heiße Mike!“

Die Männer schütteln sich die Hände. Gordon und McIntosh stellen sich vor. Dann reiten sie zum Feuer weiter. Der rothaarige Mike hat ihnen gut gefallen. Wenn die anderen Kameraden vom gleichen Schlag sind, wird es eine gute Mannschaft sein.

Drei Männer sitzen am Feuer. Am Küchenwagen hantiert der fette Koch mit dem Teig. Dabei pfeift er eine schaurige Melodie und schwenkt das Teigholz im Takt dazu.

Einer der Männer am Feuer erhebt sich langsam. Es ist ein breitschultriger Mann von mindestens sechs Fuß Größe. Das helle Haar hängt wirr unter seinem Hut hervor, den er ins Genick geschoben hat. Die Kleidung ist abgewetzt und zeugt von vielen Tagen in offener Prärie. An den Hüften baumeln zwei schwere fünfundvierziger Revolver. Die grauen Augen des athletischen Riesen blicken die beiden Cowboys gespannt an.

„Schätze, dass du Big John Morgan bist!“, sagt Gordon zu dem Riesen. Der brummt etwas Unverständliches und nickt. „Wir suchen einen anständigen Job! Hörten, dass ihr noch nach Kansas treiben wollt!“

Big John mustert die beiden Männer nochmals von oben bis unten und grinst plötzlich breit. „Eure letzte Rettung, was?“, fragt er.

Gordon muss lachen. „Yeah, so ähnlich!“, erklärt er und wirft McIntosh einen kurzen Blick zu. Der Lange lacht ebenfalls.

„Well, es gibt für das Treiben zweihundert Dollar, davon fünfzig auf halbem Wege! Baby Bob,“ Big John zeigt auf den dicken Treibherdenkoch, dessen Gesicht dem eines kleinen Kindes gleicht, „wird euch anständiges Essen liefern! Aber wir werden Kummer bekommen!“

„Ich hörte es!“, sagt Gordon gleichgültig und berichtet von dem Zusammentreffen mit Benny Malcolm. Als er von dem Passiergeld spricht, unterbricht ihn Big John.

„Sie fordern achttausend Dahier, wenn wir ungehindert treiben wollen!“, erklärt Big John. „Es ist nicht meine Art, auch nicht die meines Partners, dass wir diesen Schmutzfinken etwas bezahlen! Wir haben unser Vieh ordentlich erworben, und ich werde treiben, so oder so! Uns kümmern die Malcolms wenig!“

Jetzt erhebt sich ein Mann vom Feuer. Gordon weiß sofort, wer es ist: Marc Barnes. Der Name dieses Mannes ist überall bekannt. Viele Geschichten dieses Revolvermannes sind im Umlauf. Marc ist nicht so groß wie Big John, aber er macht auf den Menschenkenner den Eindruck des erfahreneren und damit gefährlicheren Kämpfers. Seine Revolver sind auf keinen Fall zur Verzierung da; so mancher Bandit musste das zu seinem Leidwesen erfahren. Man erzählt, dass Marc Barnes der beste und schnellste Coltschütze in Westtexas sei.

Der ledergesichtige Marc kommt auf die Gruppe zu. „Redet nicht so viel, Männer!“ Er streckt Gordon und McIntosh die Hand hin. „Lasst euch zu essen geben! Hier!“ Er wirft Gordon seinen Tabaksbeutel zu. „Er kann leer sein, wenn ich ihn nachher wiederhaben will!“, meint er grinsend.

Gordon wird von nun an jeden in Stücke reißen, der noch ein schlechtes Wort über Big John und Marc Barnes sagt. Es ist ihm auch klar geworden, wie sich diese beiden Männer in ihre Aufgaben teilen: Big John ist der jüngere und stärkere. Er führt die Herde. Marc ist wahrscheinlich der bessere Schütze und erfahrenere Rindermann. Aber er hält sich mit Rat und Tat im Hintergrund, um notfalls zuzupacken.

Gordon hat seine Zigarette gedreht und reicht McIntosh den Beutel. „Well, ich werde bleiben, Männer!“, erklärt er. „Ich will eher eingehen wie ein Veilchen, wenn ich nicht darauf aus bin, euch zu helfen, die Herde nach Dodge City zu bringen!“

McIntosh knurrt grimmig sein Einverständnis zu Gordons Vorschlag.

„So, nun seht euch mal die Jungens an!“, rät Marc Barnes. Dabei blickt er Big John nach, der zu seinem Pferd hingeht. „Hier haben wir Conny Wooster, einen Mann, der den Trail kennt und selbst schon mehr als eine Herde nach Norden getrieben hat!“ Er deutet auf einen Mann von etwa fünfzig Jahren. Es ist ein Reiter, der sein Leben in der Wildnis begann und auch beenden wird. „Dann haben wir unsern Koch und Bauchbetrüger. Wir nennen ihn Baby Bob!“ Marc zeigt auf den Dicken am Küchenwagen. „Vorn bei der Herde reiten Mike und Harry, zwei brave Jungens; ihr werdet mit ihnen auskommen!“

Marc bedeutet den neuen Männern, sich ans Feuer zu setzen. Er selbst geht hinüber zu Big John.

John ist mit Satteln fertig und will gerade aufsitzen. „Werde nach der Stadt reiten, Marc!“, sagt er leise. „Wir brauchen noch mehr Reiter!“

„Bist du toll?“, empört sich Marc. „Ich komme mit! Conny wird hier solange das Kommando übernehmen.“ Er dreht sich um..„He, Conny, wir kommen gleich wieder! Haben noch in der Stadt eine kleine Sache zu erledigen!“

McIntosh, Gordon und Conny springen auf. „Seid ihr verrückt?“, ruft Gordon. „In der Stadt warten die Malcolms und sind wild darauf, euch den Skalp abzuziehen!“

Big John und Marc haben sich beide umgedreht und stehen grinsend nebeneinander. Und nun sieht jeder, was für gute Partner diese beiden Männer sind. Sie ergänzen sich in jeder Weise, der große John und der gerissene Marc. Gordon vergleicht beide mit Grisly-Bär und Jaguar. Zusammen sind sie ein Paar, das eine ganze Stadt zum Teufel jagen könnte.

„Boys, das ist ja der Grund, warum wir zur Stadt reiten!“, sagt Big John ruhig. „Wehe, wenn von euch einer folgt! Ihr bleibt hier und achtet auf die Herde!“

„Es ist nicht nötig, dass ihr euch die Hände verbrennt!“, knurrt Marc noch. Wenig später reiten die beiden Männer nach der Stadt.

„Sie schaffen es nicht!“ sagt Gordon, als er ihnen nachblickt.

„Sie schaffen es doch!“, erklärt McIntosh großspurig.

Gordon ist nicht davon überzeugt und beschließt, nach dem Essen ebenfalls zur Stadt zu reiten. Er sagt es zu Conny. Aber da stößt er auf Granit.

„Kommt gar nicht in Frage! Sie wollen es nicht haben! Du bleibst hier, wenn du weiter für uns reiten willst, mein Knabe!“, bestimmt Conny.

Gordon wirft dem Cowboy einen vernichtenden Blick zu. Und in diesem Augenblick wird den beiden Männern klar, dass sie nie Freunde werden.

*

Als Big John Morgan und Marc an den ersten Häusern der Stadt vorbeireiten, flüchten plötzlich die Leute von der Straße. Im Handumdrehen sind die Gehsteige wie leergefegt, nur vor dem Saloon lümmeln einige Cowboys herum; doch die verziehen sich ebenfalls, als sie der beiden Reiter ansichtig werden.

„Dicke Luft!“, knurrt Marc. „Die Malcolms werden schon den richtigen Wind gemacht haben!“

„Es ist noch kein Sturm!“, meint John kühl.

„Sie sind bei Kinsey im Store!“, sagt Marc knapp und deutet mit dem Kopf auf eine Gruppe Pferde, die vor dem Store angebunden sind.

Direkt vor dem Store machen die beiden Reiter halt. Der Rappe schnaubt unwillig, während Johns Falbe geduldig wie ein Lamm stehenbleibt.

Mit steifen Schritten gehen die beiden Männer nebeneinander zum Store hinüber. Kinseys Store ist auch ein Ausschank, nur bedeutend kleiner als der Saloon, doch dafür sind die Schnäpse billiger.

John stößt die Pendeltür mit dem Fuß auf und tritt als erster ein. Marc folgt ihm mit leicht angewinkelten Armen.

Es gibt nur zwei Tische in dem kleinen Raum. Vorn ist eine Theke. Die Stühle beider Tische sind leer, aber an der Theke lehnen drei Männer, die Malcolms: drei Banditen, die seit einem Jahr das Land terrorisieren. Bisher hat noch kein Sheriff gewagt, ihnen gegenüberzutreten.

Andy Malcolm ist der älteste der drei Brüder, Slim der längste von Gestalt und gefährlichste Schütze, Benny der frechste und gemeinste, aber in einem harten Kampf der weniger gefährlichere Mann. Alle drei zusammen sind ein Kleeblatt, das schon manchem guten Cowboy und Revolvermann ein schnelles Ende bereitet hat.

Die Köpfe der drei Banditen fahren herum, als Big John und Marc eintreten. Der hakennasige Andy grinst kalt. „Wollt wohl bezahlen, was?“, fragt er höhnisch.

Weder Big John noch Marc geben eine Antwort. Dagegen bestellen sie beim Keeper einen Drink. Der ängstliche Wirt schenkt zitternd ein. Die Hälfte des Whiskys schwappt auf die Theke.

„Kannst du nicht mehr richtig einkippen?“, fragt John ruhig.

„Er hat zu viel von seiner Wolfsspucke!“, meint Marc.

Die Malcolms beobachten ihre Gegner gelassen und berechnend. Doch Marc und John machen es nicht anders.

„Was meint ihr, wenn ich euch rate, die Stadt zu verlassen und zu verschwinden?“, fragt Slim, die Hände in die Hüften gestemmt.

„Es ist ein Vorschlag, der uns nicht gefällt!“, erklärt Marc und betrachtet sich ausgiebig die Figur Slims. Der Mann ist eine Nummer, mit der man rechnen muss. Benny ist der kleinste Fisch. Andy scheint der Kopf der Bande zu sein.

Andy schiebt seinen Geierkopf herum und starrt Marc groß an. „Willst du bezahlen, Marc?“, fragt er. „Ich glaube nicht, dass du das tun wirst! Ich kenne dich, Marc, und du kennst mich! Wie wollt ihr es haben?“

Andy steht jetzt breitbeinig vor seinen Brüdern und hat die Arme angewinkelt.

Plötzlich mischt sich John ein. „Wir werden es einmal anders austragen, als ihr es gewohnt seid, ihr Killer!“, ruft er und springt unvermutet nach vorn. Er reißt Andy an der Schulter herum.

Der Bandit hat seinen Colt herausgerissen, aber der Schuss peitscht zur Seite. John schlägt Andy die Waffe aus der Hand, und im Nu ist eine mörderische Prügelei im Gange.

Marc boxt sich mit Slim herum. Andy ist mit einem Leberhaken in die Ecke getaumelt. Big John wütet wie ein Gottesgericht unter den Banditen. Eben kriegt Benny einen kurzen Geraden ins Gesicht, so dass er herumgewirbelt wird. Dann bekommt John Slim zu fassen und wirft ihn aufs Kreuz.

Marc erwischt Andy dabei, wie er sich aufrichten will und der Colt in seiner Hand hochzuckt. Doch die Waffe wird ihm in letzter Sekunde aus der Hand geschlagen. Im gleichen Augenblick donnert Benny eine Flasche auf Marcs Kopf. Besinnungslos bricht Marc zusammen. Das Blut läuft ihm über das Gesicht.

Big John ist gerade so mit Slim beschäftigt, dass er Marcs Niederlage gar nicht bemerkt. Slim ist ein harter und zäher Gegner. Aber an Körperkräften ist er John nie gewachsen. Urplötzlich schießt Big John vor, fasst den Banditen an den Hüften und stemmt ihn aus. Dann rennt er mit dem strampelnden Mann zur Tür und wirft ihn wie ein Lumpenbündel auf die Straße.

Mit dumpfen Krach fällt Slim in den Dreck. Sein Hinterkopf ist auf einen Stein aufgeschlagen. Der Bandit ist bewusstlos.

Big John ist nun richtig in Fahrt. Er erwischt Benny, bevor der einen Stuhl auf Marc schmettern kann.

Marc ist wieder zu sich gekommen und will sich gerade erheben.

Jetzt blitzt ein Messer in Bennys Hand auf. Doch Big John ist schneller und tritt dem Heimtückischen gegen den Unterarm. Dann springt er vor und fasst Benny am Gürtel. Im Schwung fliegt der junge Bandit wie ein Geschoss auf die Straße.

Andy erhebt sich taumelnd, und wieder zucken seine Hände nach den Colts.

Marc kniet noch am Boden, aber er hat die Gefahr beizeiten erkannt. Er schießt den Bruchteil einer Sekunde eher als Andy.

In die Fäuste getroffen, brüllt der Bandit auf. John ist schon heran und reißt ihm die Waffen aus den verkrampften Händen. Dann eilt er auf die Straße, wo eben Benny fluchend aufsteht und sich den Dreck abschüttelt.

„Hände hoch, Benny!“, sagte John kurz.

Fluchend hebt Benny die Arme. Neben ihm liegt Slim wie ein Toter im Staub der Straße.

John tritt von hinten an Benny heran und zieht ihm die Colts aus den Futteralen. Dem langen Slim nimmt er die Waffen ebenfalls ab.

Marc Barnes tritt grinsend aus der Tür. „Das werden sie sich hinter die Ohren schreiben, diese Halunken!“ knurrt er.

Gerade kommt Slim wieder zu sich und greift ächzend an den Hinterkopf. „Das werdet ihr büßen! Ich schwöre, dass ich euch umlegen werde!“, ächzt er.

John und Marc lachen nicht. Für sie ist es klar, dass der Streit noch nicht beendet ist. Immerhin haben sie den Banditen den nötigen Respekt beigebracht.

„Ihr seid zu klein, um uns am Treiben zu hindern!“, sagt Marc verächtlich zu Benny, der ihn wütend anstarrt.

Keiner der drei Banditen wagt es mehr, auf John oder Marc loszugehen. Aber der Hass und die Wut in ihren Blicken sagt alles.

Benny verbindet Andy die zerschossenen Hände.

Mit blutunterlaufenen Augen und schmerzverzerrtem Gesicht starrt Andy auf Marc. „Wir werden euch zusammenschießen, bevor ihr den Arkansas erreicht!“, stößt er beinahe heulend hervor. „Ich will eher umfallen, als zuzulassen, dass ihr die Herde nach Dodge bringt!“

Big John tritt vor Andy hin. „Eigentlich müsste ich dir für deine Bemerkung noch eine kleben, aber ich vergreife mich nicht an Verwundeten, weißt du! Wenn wir euch jemals wiedersehen, werdet ihr nicht noch einmal so leicht davonkommen! Das nächste Mal müsst ihr daran sterben!“

„Gib mir meinen Colt, dann werden wir’s probieren!“, faucht Slim. Aber als er sieht, dass Andy den Kopf schüttelt, schweigt er.

„No, so nicht!“, erklärt Andy. „Aber von nun an zu jeder Stunde und Tageszeit können sich diese Bullen auf einen Tanz gefasst machen! Ich schwöre, dass ich diese Geschichte ausbügeln werde!“ Bei den letzten Worten blickt er wild auf Big John und Marc.

„Nun haltet eure Mäuler!“, befiehlt Big John. „Legt euch auf den Bauch und kriecht schön auf der Mitte der Straße zum anderen Ende der Stadt! Ich werde mich mit der Winchester hierherstellen und jeden abschießen, der aufsteht oder etwa aus der Reihe tanzt!“

„Ihr Hunde!“, heult Slim. „Das werdet ihr büßen!“ Es ist die größte Schmach, die er tragen muss: hilflos wegzukriechen.

Big John gibt keinen Pardon. Die drei Banditen müssen durch den Ort kriechen, und sie wissen, dass Big John und Marc mit der Winchester lauern, um sofort zu schießen, wenn einer von ihnen aufsteht oder zur Seite kriecht.

Als die Banditen weit genug entfernt sind, meint Marc: „So, es reicht! Wir können reiten! Sie werden uns nicht verfolgen!“

Big John schwingt sich auf seinen Falben „Prize“ und folgt Marc, der schon losgeritten ist. Marcs Rappe „Blacky“ ist froh, wieder laufen zu können und jagt in schnellem Galopp auf den Ortsausgang zu.

Hinter den Fenstern starren die Ortsbewohner scheu auf die beiden Männer, denen es gelang, die Malcolms zu verprügeln und im Staub kriechen zu lassen. Die Banditen haben ihr Gesicht verloren. Man wird sie nicht mehr respektieren.

*

Nach der Niederlage der Banditen haben noch vier Cowboys den Weg zu Big John und Marc Barnes gefunden und sich einstellen lassen.

Zehn Tage später biegt die mächtige Viehherde auf den berühmten LonestarTrail ein. Der von tausenden Rinderhufen zertrampelte Viehpfad ist breiter als vier Straßen nebeneinander. Er führt über Berge, Täler und Prärien. Die Männer, die zuerst diesen Weg mit ihren Herden ritten, hatten in weiser Voraussicht eine Marschroute festgelegt, die es ermöglicht, dass man immer am Ende eines Tages an einer mehr oder weniger ergiebigen Wasserstelle ankommt. Seit Jahren ist dieser Weg neben dem Chisholm Trail der meistbenutzte Treiberpfad im Westen. Hundert Tage dauert es, bis eine Herde an den Verladekorrals in Dodge City ankommt, um dann mit der Bahn in die großen Schlächtereien von Chicago zu fahren.

„Wir werden die Rinder in Kansas noch eine Zeit mästen, bevor wir sie verladen!“ schlägt Marc vor, der neben Big John an der Spitze der Herde reitet.

„Das ist ein guter Rat!“, gibt John zu. „Sie werden mager genug sein, wenn sie in Dodge City ankommen. Aber wo könnten wir sie mästen?“

„Ich weiß einen Rancher, der uns das für wenig Geld erlaubt!“, erklärt Marc. „Bei der diesjährigen Wassernot wird das Vieh genug Fleisch verlieren, ehe wir ankommen!“

„Trotzdem war es eine gute Idee, die Herde von Enrico Valdez zu kaufen! Die ganze Herde für zweitausend Dollar! In Dodge werden wir sie für fünfundzwanzigtausend an den Mann bringen!“

Marc nickt. „Wenn wir sie vorher mästen, bekommen wir noch einige tausend mehr!“, meint er.

„Rancher Mitchell treibt mit seiner Herde vor uns“, bemerkt Big John. „Das wird uns noch viel Kummer machen! Die Wasserlöcher sind nicht mehr voll genug für unsere Rinder!“

„Wenn wir aus dem Präriegebiet herauskommen und die Flüsse erreichen, wird es besser!“, erklärt Marc. „Und vorher werden wir auch mit den Malcolms keinen Ärger bekommen!“

„Sure, die Kerle werden sich die Berge aussuchen!“ fügt John hinzu.

*

Am Abend dieses Tages erfahren die Freunde, dass Mitchells Cowboys in einen schweren Kampf mit der Malcolmbande verwickelt wurden und dass ihnen dabei die Herde abhanden kam. Ein junger Cowboy Mitchells, der dem Gemetzel entkommen ist, überbringt diese Nachricht.

Die Männer um Marc Barnes und Big John sitzen gerade beim Essen.

„Wie viele von euch sind davongekommen?“, erkundigte sich Marc ruhig.

Der junge Cowboy lehnt sich müde an das Rad des Küchenwagens und nippt an dem schwarzen Kaffee, den ihm der Koch einschenkte. „Ich und Terry. Aber ich brachte Terry auf eine Farm in der Nähe. Er konnte nicht mehr reiten; sein Bein war zerschossen!“

„Und die anderen?“, fragt McIntosh fassungslos.

„Tot!“, erwidert der Cowboy müde.

„Damned, da muss etwas getan werden! Man kann doch nicht zulassen, dass die Herde Mitchells weggetrieben wird!“, ruft McIntosh empört.

Marc lächelt mitleidig. „McIntosh“, sagt er sanft, „die Malcolms sind keine harmlosen Schafe!“ Er wendet sich wieder an den Cowboy: „Wie viel Mann waren bei der Bande?“

Der Cowboy denkt nach. „Vielleicht fünfzehn, vielleicht mehr! Sie kamen von allen Seiten!“, erklärt er dann.

„Wir hätten die drei Malcolms zusammenschießen sollen!“, sagt Big John bitter. „Man darf die Lumpen nicht aus Gefühlsduselei schonen, wenn man sie einmal beim Wickel hat!“

Marc nickt: „Well, jetzt sind sie wieder frech und haben sogar noch mehr Kumpane gefunden! Nun bilden sie eine starke Bande.“

„Aber unternehmen die Texas Rangers nichts?“, fragt McIntosh.

„Die sind zu wenig Leute, um sich darum zu kümmern!“, erklärt Big John ernst. „Das Land ist noch zu wild und zu jung. Es muss sich erst alles abschleifen, bevor es ruhig wird!“

Conny hat die ganze Zeit geschwiegen. Als es Nacht ist, verlässt er seinen Schlafplatz und verschwindet. Nach einer reichlichen Stunde kommt er zurück und rollt sich wieder in seine Decken.

*

Zwei Tage später finden die Treiber jene Stelle, wo der Überfall auf Mitchells Herde stattgefunden hat. Pferdekadaver, auf denen die Geier ihre Mahlzeiten abhalten, und sechs Kreuze zeugen davon, dass hier vor nicht allzu langer Zeit ein schwerer Kampf ausgetragen wurde.

„Bitter!“, sagt Big John, als er es sieht.

Der junge Cowboy der Mitchell-Ranch reitet neben John. Er wischt sich geistesabwesend über die Stirn und sagt: „Es ist mir wie ein böser Traum. Wir waren alle so gute Kameraden, und nun sind sie tot!“

„Bleib bei uns, mein Junge!“, erklärt Marc tröstend.

Conny kommt heran. „Wollt ihr es riskieren, weiterzutreiben?“, fragt er lauernd. „Es kann unser letztes Treiben im Leben sein!“

Big John blickt den alten Cowboy verwundert an. „Bekommst du es mit der Angst, Conny?“, fragt er.

„No, aber wir sind den Malcolms nicht gewachsen!“

„Doch, wir haben Chancen!“, behauptet Marc. „Wir sind elf Mann ohne den Koch! Und wir haben genug Munition!“

Gordon blickt betrübt auf die Gräber der sechs Cowboys, die für ihren Rancher starben. „Es ist eine wahre Schande, dass diese Männer gefallen sind, Big John! Mitchell hatte eine gute Mannschaft zum Treiben. Ich kenne jeden einzelnen genau! Es waren gute Jungens!“

Big John nickt. „Sure“, sagt er betrübt, „wenn wir die Malcolms treffen sollten, werden auch wir nicht ungeschoren davonkommen, Gordon!“

*

Eine Woche später erreichen die Freunde den Canadian River. Die Cowboys versuchen mühsam, die Herde auseinanderzutreiben. Brüllend laufen die Leitstiere auf das Wasser zu.

Die Bullpeitschen der Treiber klatschen auf die Rücken der durstigen Rinder. Doch es gelingt den Cowboys nicht, die Herde abzustoppen: zu groß ist der Durst der Tiere.

Wie eine riesige Walze schiebt sich die Masse der braunen Rinder auf den reißenden Fluss zu. Das Rauschen des Wassers, das Brüllen der Rinder und das Rufen der Cowboys mischt sich zu einem Höllenlärm.

Conny und Big John versuchen, die Rinder etwas nach der Seite zu treiben. Wie Revolverschüsse knallen die Peitschen. Endlich ist es gelungen, wenigstens einen Teil der Herde abzuspalten. Dennoch zeugen die Kadaver der zertrampelten Kälber von dem rücksichtslosen Drang der stärkeren Rinder, als erste ans Wasser zu kommen.

Die Leittiere haben den Fluss erreicht und saufen. Aber noch ist die Masse der Herde an Land und schiebt mit der Kraft der vielen Leiber nach vorn. Muttertiere stürzen, werden niedergetrampelt. Andere Rinder drängen vorbei.

Eine Stunde dauert es, bis sich die Herde beruhigt hat.

Conny lässt sein Pferd saufen. Auch die anderen Männer versorgen ihre Tiere. Nach dem Absatteln werfen sich die meisten Cowboys erschöpft ins Gras.

Nur Big John, Marc und Conny gehen schweigend zu Fuß eine Strecke zurück und betrachten die Zahl der niedergetrampelten Kälber und Muttertiere.

Ein Jungtier lebt noch; es liegt mit gebrochenen Beinen am Boden. Furchtbar klingt den Männern das jämmerliche Blöken des vom Schmerz gepeinigten Tieres in die Ohren.

Hastig zieht John den Colt und erlöst das Rind von seinen Schmerzen. Conny tut das gleiche bei einer hochtragenden Kuh, die ebenfalls noch lebt und mit flehenden Augen auf die Menschen blickt.

„Es ist grausam!“, murmelt Conny. „Der Canadian kostet immer die meisten Kälber. Am Arkansas werden auch die stärkeren Exemplare daran glauben müssen! Nur ist es da nicht der Durst, der die Tiere verrückt macht, sondern dort reißt die Strömung die Rinder unter Wasser!“

„Ich hörte davon, dass man hier eine Bahn bauen will“, sagt Marc. „Dann wird das Treiben nach Dodge City hoffentlich zu Ende sein, das verfluchte Treiben der tausend Meilen!“

Langsam gehen die drei Männer zum Fluss zurück.

Baby Bob hat seine Küche schon auf Volldampf. Heute wird er seinen Frieden haben. Die Cowboys sind zu müde und erschöpft, um den dicken Koch zu frotzeln.

„Na, was hast du heute für einen Bauchbetrug fabriziert?“, erkundigt sich Marc bei dem Koch.

„Es gibt Bohnen mit ...“

Bob will noch weiter erzählen, aber Marc schneidet ihm das Wort ab: „Bohnen sagtest du Rattenvertilger?“ Marc wendet sich an Conny: „Hast du nicht mal gesagt, der Boy wäre ein guter Koch? Schätze, dass er der mieseste Pfannenschwenker ist, den ich bisher getroffen habe! Lange genug bin ich bei der verdammten Herde, und in dieser Zeit esse ich doch tatsächlich nur noch Bohnen und dreimal verbiestertes Dörrfleisch! Der Teufel hole diesen Fettkopf! Wenn du ein Kerl wärest, Bob, dann würde ich dich so lange verprügeln, bis du etwas Anständiges kochst - aber so ist das ja nur ’ne Misshandlung von ’nem Kleinkind!“

Bob hat sich vor Angst hinter seinen Wagen geflüchtet. Mit weit aufgerissenen Augen starrt er auf Marc. Und wer den alten Revolvermann nicht genau kennt, könnte glauben, es wäre ihm mit dem Verprügeln ernst.

Die Cowboys biegen sich trotz ihrer Müdigkeit vor Lachen.

„Halte ihn nicht von der Arbeit ab, sonst gibt’s gar nichts!“, ruft Gordon lachend.

Big John, der die rauen Späße seines Freundes kennt, hat nur halb zugehört und auf die Prärie hinausgeblickt. Interessiert beobachtet er die Geier, die über den Kadavern des Viehs kreisen. Dann aber blickt er hinüber zum anderen Ufer des Flusses. Ein Teil der Herde hat den Canadian River schon eigenmächtig überquert und weidet auf der anderen Seite. Andere Tiere trotten in Gruppen durch den flachen Fluss. Wieder andere säumen das Ufer auf dieser Seite des Canadian Rivers. Die riesige Herde hat sich zerstreut. Aber das wichtigste ist, dass der Durst der Tiere gestillt wurde. So unruhig sie noch vor einer Stunde waren, so friedlich sind die Rinder jetzt.

Nachdenklich löffelt Big John die Bohnen. Seine Gedanken kreisen um die Malcolms.

Die Cowboys sind ebenfalls schweigsam, nur wird bei ihnen Erschöpfung die Ursache sein. Sogar der unermüdliche Conny hat sich ins Gras gelegt, um etwas zu schlafen.

Nach dem Essen unterhalten sich Marc und John noch eine Weile, dann legen sie sich ebenfalls hin.

*

Eine Stunde später wacht John auf. Schlaftrunken blinzelt er in die Sonne. Es muss vier Uhr nachmittags sein. Er blickt hinüber zu Baby Bob, der geräuschvoll in seinem Wagen herumhantiert. Dann schweifen seine Blicke zu den Kameraden. Die Cowboys schlafen.

John sucht die Stelle, wo Marc gelegen hat. Doch der Platz ist leer. Auch Marcs Rappe ist nirgends zu sehen.

„Blacky graste doch immer mit meinem Prize zusammen“, überlegt John. ,Wo ist der Gaul plötzlich hin?“

Doch weder Marc, noch sein Pferd „Blacky“ sind zu sehen.

Big John steht auf und rückt seinen Waffengürtel gerade. Dann sucht er in seiner Weste nach Tabak. Schließlich stopft er sich eine Pfeife und zündet sie an. Während er den blauen Rauch ausstößt, schweifen seine Blicke prüfend über die Landschaft. Aber nichts hat sich verändert. Überall stehen weidende Rinder, diesseits und jenseits des Canadian. Wo mag Marc Barnes nur stecken?

John geht mit langen Schritten zum Küchenwagen. „Hallo, Giftmischer!“, ruft er dem Koch zu.

Bob hält im Kesselscheuern inne und blickt erschreckt auf John. „Was ist denn?“, piepst er.

„Wo ist mein Freund hingeritten? Marc meine ich!“, fragt John.

Der Dicke wischt sich das Haar aus der Stirn und schnappt nach Luft. „Er überquerte den Fluss. Er rief mir noch zu, dass ich dich wecken sollte, wenn eine Stunde herum sei! Aber es ist noch keine Stunde herum!“ Bob macht eine Atempause, um frische Luft zu schöpfen. Dann fährt er fort: „Soviel ich hörte, sucht er die beiden Boys, die Wache hatten. Gordon und McIntosh waren es. Seit Marc weg ist, passe ich auf das Vieh auf, aber es ist alles okay.“

Big John ist ganz gerührt von der Aufmerksamkeit des Kochs. Der Dicke hatte als einziger gewacht, obgleich es nicht seine Aufgabe war, das Vieh im Auge zu behalten.

„Wo zum Teufel sind die beiden Cowboys?“, sagt John mehr zu sich selbst.

Bob fühlt sich angesprochen. „Ich werde es nicht sagen können!“

John hört gar nicht hin, sondern weckt Conny auf.

Der Cowboy blickt ihn verwundert an. „Was passiert?“, fragt er.

„Gordon und McIntosh sind verschwunden! Marc ist ihnen auf den Socken! Ich werde Marc suchen, ihr müsst hier aufpassen! Wenn alles schläft und die Posten verschwinden, können die uns überrumpeln wie ’nen Ringschwanz im Winterschlaf!“

Conny weckt sofort die anderen Männer. John aber pfeift seinem Falben „Prize“.

Der Palomino kommt mit erhobenem Kopf angetrabt. Er hat noch nie einen anderen Reiter als John getragen. Und dass sich John und „Prize“ verstehen, hat sich schon in mehr als einer Situation erwiesen.

„Wir müssen den alten Marc und deinen Kollegen Blacky suchen, Prize!“, murmelt John. „Müssen aufpassen, Prize, dass die beiden uns nicht unter die Räder kommen!“

Conny beobachtet Big John, verzieht aber keine Miene. Die meisten Cowboys unterhalten sich mit ihren Pferden. Und das ist noch lange kein schlechter Zug. Meistens sind das die besten Tierpfleger.

Der Falbe lässt seine Ohren spielen. Die ruhige Stimme seines Herrn hört er gern. Es beruhigt sein Temperament. Natürlich versteht er keine Silbe außer seinem Namen. Doch der Tonfall sagt ihm, ob sein Herr nervös, gut gelaunt oder wütend ist. Und auf die Musik, die in den Worten liegt, hört der Falbe.

Big John schwingt sich gewandt in den Sattel. Prize weiß genau, in welcher Gangart er zu laufen hat. John sagt nur: „Let’s go! Lass gehen, Prize!“ Er braucht nicht die Sporen anzuwenden. Von allein fällt Prize in einen leichten Galopp.

Manchmal sagt John auch: „Forward, marching on!“ Dann weiß Prize, dass es eilig ist, und er zeigt sich als schneller Renner. Aber diesmal hat John seine Worte ruhig gesagt. Der Falbe kennt seinen Reiter genau. Der Wortschatz, den Prize versteht, ist nicht groß. John beschränkt sich auf bestimmte Befehle, aber die beherrscht Prize genau. Und mit der sprichwörtlichen Folgsamkeit der Palominorasse gehorcht er.

Das Wasser spritzt hoch auf, als John in den Fluss reitet. Einmal stolpert Prize über einen Stein im Flussbett. John hält dem Pferd die Zügel kurz und hindert es am Stürzen. Endlich erreichen sie das andere Ufer.

Die weidenden Rinder glotzen dumm auf den Reiter. Ein massiger Leitbulle scheuert seine gewaltigen Hörner an einer Rotbuche. Aber das interessiert John jetzt nicht. Seine Blicke suchen den Boden nach Hufspuren ab. Das ist nicht einfach; denn überall sind die Abdrücke der Rinderklauen zu sehen.

John schlägt einen Bogen um die grasenden Tiere. Plötzlich findet er weiter im Land, wo das Gras schon spärlicher wächst, die Hufabdrücke von drei Pferden.

„Hmm“, brummt John. Dann murmelt er vor sich hin: „Marc wird ihre Spuren ebenfalls gefunden haben und sie verfolgen!“

Die Spuren verlaufen in nördlicher Richtung, also den Weg, den die Rinder nachher nehmen müssen.

Plötzlich entdeckt Big John Morgan noch eine weitere Spur, die sich zu den anderen gesellt. Er zügelt seinen Falben und blickt nachdenklich auf die Hufabdrücke. Den Spuren nach sind die Reiter im Schritt geritten. Doch dann sieht John, dass die Spuren in den Trail, den Viehtreiberweg, einmünden. Tausende von Rinderfüßen haben hier eine regelrechte Mulde in die Prärie gestampft. Der Lonestar Trail ist der meist benutzte Herdenweg in Texas. Und erst vor zwei Tagen ist hier Malcolm mit dem gestohlenen Vieh der Mitchell-Ranch vorbeigezogen. Die Spuren der Reiter hier zu suchen, ist sinnlos. John bleibt nichts anderes übrig, als den Trail zu verfolgen und darauf zu achten, dass die Reiter nicht etwa irgendwo plötzlich abgebogen sind.

Im Schritt reitet John etwa eine Meile. Seine Blicke sind an den Boden geheftet. Keine Spur soll ihm entgehen. Plötzlich hört er vorn einen einzelnen Schuss. Dem Geräusch nach war es eine Winchesterbüchse.

Wieder kracht ein Schuss. Doch diesmal ist es ein dumpfer Knall. John braucht nicht zu überlegen, um zu wissen, dass es ein Coltschuss ist.

„Los, rasch!“, zischt John jäh. Nur leicht lockert er die Zügel. Wie ein Pfeil schießt Prize los.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738903515
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Mai)
Schlagworte
john morgan rinder reiter revolver
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Titel: Big John Morgan #1: Rinder, Reiter und Revolver