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Die Freifrau und der Bomber

2016 170 Seiten

Leseprobe

DIE FREIFRAU UND DER BOMBER

Die späten Neugierden der VALMIRA MAYA FREIFRAU ZU BISSOW

Band 1

von Peter Schrenk

Der Umfang dieses Buchs entspricht 171 Taschenbuchseiten.

Auf der Grundlage der Tagebuch-Kladde ihres früheren Vorgesetzten bei der Kripo Hamburg, John van Weinstock, und der „Chronologischen Erinnerungen“ eines Jungen, der Heiligabend 1958 aus dem beschaulichen Greifswald in die Weltstadt Hamburg verbracht wurde, entstand dieser Roman.

Valmira zu Bissow versucht 2005 herauszufinden, ob es dieser Junge war, der sich später dafür an einer ganzen Stadt rächen wollte.

Auftaktband der Krimi-Saga um die Freifrau zu Bissow von Peter Schrenk, Autor von „Fetter Sand“ und „...und dann Berlin!“

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Cover: Firuz Askin / Rahmen:123RF, 2016

Illus & Dokumente by Edition Bärenklau & Autor, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Valmira saß auf dem Hintern und lachte laut.

Keiner der mittlerweile sechshundert Einwohner von Bissow hätte sich im Jahr 2005 darüber gewundert, dass die „Herrschaft“ im Rinderstall auf dem Allerwertesten saß. Ja, wären die guten Leutchen von Bissow dem römisch-katholischen Glauben angehangen, dann hätten sich vielleicht einige alte Omas vor Schreck bekreuzigt. Aber so. Die Pommerschen waren eben schon immer protestantisch gewesen. Und es gab sogar Menschen von außerhalb, die meinten, dass die Bissower heute nur deshalb so stur seien, weil sie sich auch unter schwedischer Besetzung nie in ihrem Glauben hätten verbiegen müssen.

Von späteren Zeiten wollen wir da gar nicht erst reden.

Außerdem hatte die Freifrau den Bissowern in den vergangenen Jahren ja schon so einiges zugemutet. Nicht nur, dass die putzmuntere und willensstarke Mitfünfzigerin sich einen Teil des früheren Familienbesitzes nach dem Mauerfall vor Gericht von der LPG zurück erstritten hatte. Auch die zügige Restaurierung des fast verfallenen Schlosses mit dem großen Park, die Wiedereinführung der Pferdezucht und der Einsatz modernster Maschinen veränderten das Leben der Bissower. Zum Vorteil, wie die meisten Leute in der abgelegenen Gemeinde fanden. Dass die Eigentümerin des neu erfochtenen Besitzes, Valmira Maya Freifrau zu Bissow, ihre Einkaufsfahrten in die entferntere Kreisstadt Treptin in einem pinkfarbenen Citroen DS 19 Oldtimer unternahm, mussten die Gemeindeseelen mehr oder weniger kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen.

„Sind eben jetzt andere Zeiten und auch die Herrschaft ist nicht mehr so wie vor dem großen Krieg“, moserten die letzten Alteingesessenen. Sabberten von früher vor sich hin und droschen im verqualmten 'Dorfkrug' ihre deutschen Skatkarten auf den sonntäglichen Stammtisch. Was damals vor oder im Krieg geschehen war, darüber wurde im 'Dorfkrug' immer noch nicht laut gesprochen. Auch über die Zeiten in der LPG waren die Menschen hier ziemlich wortkarg ... und auch geteilter Meinung. „Heute ist eben heute und damit basta!“

Es war ja nicht so, dass Valmira damals überhaupt keine Angst gehabt hatte, in der Wendezeit, als sie nach dem gewonnenen Gerichtsverfahren ihr Eigentum in Augenschein nahm. Die Menschen hier waren ihr ziemlich exotisch vorgekommen und Gut und Schloss waren runtergekommene Ruinen. Die Plattenbauställe der früheren LPG sahen schlimm aus und ob sie das überhaupt alles wieder hinbekommen würde ... aber sie hatte bis hierher gekämpft und sie würde auch den Rest des Weges noch schaffen. Dachte sie. Und dass sie es den verstorbenen Eltern und sich selbst schuldig war. Schließlich war sie eine zu Bissow!

Aus Valmiras prustendem Gelächter war in der Zwischenzeit auf dem Stallboden ein tiefes Glucksen geworden. Es hatte seinen Ursprung in ihrem Inneren. Genauer gesagt, in ihrem Bauch. Und der war ja nun nicht gerade mager. Hätten ihre früheren 'Bekanntschaften' sogar an Eidesstatt bezeugen können. Wenn man sie denn in dieser Form hätte befragen können. Vielerlei Gerüchte gingen ja in Bissow über das Vorleben der Valmira herum. Die muntere Freifrau hatte nach dem Hörensagen auch nichts 'anbrennen' lassen, wie man im Ort sagte. Früher jedenfalls ... Manchmal an kaltnassen Herbst- oder Winternachmittagen lud sie die sogenannten Honoratioren der Gemeinde zum Rubberbridge ein. Eine ominöse Vergnügung, die die Gerüchteküche der Gemeinde Bissow regelrecht zum Kochen brachte. Kaum jemand kannte dieses englische Kartenspiel für vier Spieler hier. Bei den Eingeladenen handelte es sich denn auch durchweg um schon ältere Männer, von denen man hier mit Fug und Recht behaupten konnte, dass sie sich schon 'jenseits von gut und böse' befanden: der Dorfpastor, der Arzt des Ortes, der Gemeindevorsteher und der Mensch von der Bank. Der Grund für die regelmäßigen Einladungen dieser 'Auserwählten' lag offensichtlich in der Tatsache begründet, dass diese Männer im weiten Umkreis wohl die Einzigen waren, die zumindest eine blasse Ahnung hatten, wie man bei diesem Spiel überhaupt reizte und das war schon kompliziert genug.

Das eigentliche Spiel ist dann noch viel schlimmer ...

Noch bevor die alten Herren diese Bridge-Tortur später am Abend hinter sich gebracht hatten, ließ ihnen Valmira Maya Freifrau zu Bissow frisch geschossene Jungfasanen aus dem Schlosspark und Selbstgebrannten servieren. Letzterer gehörte aber schon zu der Sorte von Gerüchten, die einer genaueren Überprüfung nicht wirklich standhielten. Gerade darum gehören diese Gerüchte in Bissow ja auch zu einer der begehrteren Handelswaren. Besonders in der kalten Jahreszeit. Liegt den Hiesigen wohl auch erdnäher. So wie Kartoffeln und Wruken. Mit den großstädtischen Mysterien von Haschisch und Kokain konnten die Bissower Dorfbauern wenig anfangen. Aber Selbstgebrannter ... der brachte ihre Phantasie regelrecht zum Kochen!

Die schwarz-weiß gefleckten Milchkühe glotzten blöde auf die immer noch am Stallboden liegende Frau und käuten wider. 'Nein, ihr könnt mein Glück nicht verstehen! Alles war richtig gewesen!' Wohlig räkelte sich die Besitzerin von Gut und Schloss Bissow im Gefühl der Glücksströme, die ihren Körper durchflossen. Dafür, dass sie 1954 dann in Hamburg geboren wurde, musste sie natürlich den Eltern danken. Die hatten mit dem werdenden Kind im Bauch der Mutter, Franziska zu Bissow, noch zum richtigen Zeitpunkt rüber 'gemacht'. Nachdem der 17. Juni 1953 ein weiteres Verbleiben der Familie in Bissow unmöglich gemacht hatte. Aber schon als Kleinkind hatte die Widdergeborene im Westen von sich aus hart und strebsam gearbeitet. War in Hamburg ihren Weg gegangen: Kindergarten, Schule und dann Abitur am Christianeum, die Reise zu den auf der ganzen Welt lebenden Verwandten und nach der Rückkehr dann in Hamburg die Bewerbung bei der Polizei. Gegen alle Widerstände! Ein richtiger Kampf!

In den siebziger Jahren war das ja alles noch nicht selbstverständlich gewesen. Und dann auch noch in ihren Kreisen. „Weibliche Kriminalpolizei! Du bist doch plemplem, Kind! Sag' das bloß nicht Vati!“ Allein dieser Gedanke hatte Vater Franz und Mutter Franziska zu Bissow damals fast in den Wahnsinn getrieben! Wo sie sich doch ihr neues Leben in Hamburg endlich so schön aufgebaut hatten und wo der Vater doch gerade zum Kontorleiter mit Firmenwagen aufgestiegen war und sie jetzt die schöne Wohnung in Winterhude bezogen hatten...

*

Erst viel später war Valmira klar geworden, wie ihre Eltern unter dem Verlust des Familienbesitzes Bissow gelitten haben mussten. Ja, erst mit dem eigenen Kampf um das Familienerbe nach ihrem Abschied vom Staatsarchiv in Hamburg 1990 war das Leid der auf dem Friedhof Ohlsdorf begrabenen Eltern zu ihrem eigenen geworden.

Doch. Sie hatte alles richtig gemacht. Und das Glück hatte ihr natürlich auch zur Seite gestanden. Sie mochte gar nicht an die triste Novembernässe da draußen denken. Aber jetzt, da die Herbstsonne einige milchige milchige Strahlen durch die Fensterluken sandte, erhob sich die Frau im Arbeitsoverall vom Boden und öffnete das große Stalltor. An den dicken Torpfosten gelehnt, betrachtete sie die nebligen Dunstschwaden zwischen den blätterlosen Bäumen des Schlossparks und ließ ihre Blicke zufrieden über ihren Besitz schweifen. Mein Bissow! Valmira Maya Freifrau zu Bissow durfte zufrieden sein. Ja, sie konnte zu Recht mit sich im Reinen sein ...

Der Himmel war immer noch grau, aber es hatte etwas aufgeklart. Dennoch fiel plötzlich auf Valmiras glückliche Zufriedenheit ein großer, dunkler Schatten. In Dreiecke aufgegliedert, steuerte ein riesiger Vogelschwarm den Park des Schlosses Bissow an. Jetzt drang auch schon das kreischende Geschnatter der schwarzen Vögel an ihr Ohr. In aufgelockerter Formation umkreisten die schwarzen Boten aus dem Osten mehrmals die Zinnen des Schlossturmes von Bissow. Ließen sich dann ermattet zur Rast am Schlossteich nieder.

Da waren sie wieder. Die Wildgänse aus Russland.

Schon in den vergangenen Jahren hatten sie den Bissower Schlossteich zu ihrem Ruheplatz auf dem langen Weg in wärmere Gefilde erkoren. Jetzt war es also wieder soweit. Die dunkle Zeit des Jahres war angebrochen.

Auch für die glückliche Valmira, die zu dieser Zeit noch nichts davon ahnte, dass wenige Tage später die Beauftragten des Kreisveterinäramtes fast sämtliches Geflügel im Ort keulen würden...

*

Erst nach Öffnung der Grenzen war der Polizeiposten in Bissow ausgebaut und verstärkt worden. Zu LPG-Zeiten hatte ja der eine Volkspolizist genügt, um für Ordnung und Sicherheit zu sorgen. Ansonsten wurde das vom Volkspolizeikreisamt in Treptin aus geregelt. Hier in Bissow passierte ja damals nichts Kriminelles. Dann war aber plötzlich doch eine Menge Gelichter aus dem Westen gekommen. So was kannte man bisher hier ja gar nicht.

Den Ausschlag für die Aufrüstung hatten aber dann wohl die wiederholten Einbruchsversuche bei Valmira Maya Freifrau zu Bissow gegeben. Nachdem die adelige Rückkehrerin beim letzten Einbruch von den Tätern dann ziemlich übel verletzt worden war, bewilligte der Kreistag endlich die schon länger angefragten Mittel für den Neubau eines Polizeipostens in Bissow. Und die Herrschaft ließ sich dann sogar eine moderne Alarmanlage ins Schloss einbauen, legte ihre Jagdprüfung ab und wurde zum ehrenwerten Mitglied des Treptiner Schützenvereins. Und wenn die Freifrau heute ihr Anwesen verlässt, sieht sie mit der umgehängten doppelläufigen Schrotflinte aus Suhl echt zum Fürchten aus. Jedenfalls verschwinden die Feldmäuse sofort unter Protestgepfeife in ihre Löcher. Für ihr Waffenarsenal soll sich die Freifrau sogar extra einen Stahlschrank angeschafft haben. Ihre neueste Pumpgun und die großkalibrigen Colts und Revolver nebst ausreichender Munition hält sie dort unter Verwahrung. Sagen wenigstens die Leute am Stammtisch. 'Im Dorfkrug'. Wenn sie Skat kloppen und ihr Bierchen trinken.

Jetzt fahren die Polizeifrischlinge in ihren neuen Polizeiautos auf den sanierten Bissower Gemeindestraßen spazieren. Und auch der Chef des Polizeipostens ist ein Neuimport aus der Kreisstadt. Hauptkommissar Steiner nähert sich bald den Vierzigern, ist blauäugig und blond und manche Bissower halten ihn wohl für so etwas, wie eine Reinkarnation von Hans Albers. Wo sie das wohl her haben? Jedenfalls hatte Steiner schon ganz wunde Finger vom Bleistiftspitzen und beklagte sich überall, dass „sein Hintern schon Blasen vom vielen Rumsitzen“ hätte. So fuhr er dann zur Abwechslung den neuen Dienst-BMW ein. Der stand dem neuen Leiter des Polizeipostens Bissow ja jetzt zu. Der Wagen hat sogar eine Sitzheizung erzählten sich die Bissower, die von früher nur die Wartburgs der VP kannten.

Als die 'schwerbewaffnete' Valmira ihm jetzt auf der dörflichen Hauptstraße entgegen kam, hielt er zur Begrüßung der neuen alten Schlossherrin das blankpolierte Dienstfahrzeug am Straßenrand an.

„Moin, min Deern! Wieder mal auf Mäusejagd?“

Das meinte Steiner zwar spaßig, aber in seinen zusammengekniffenen Augen lagen Respekt und auch Skepsis verborgen ziemlich dicht beieinander.

„Jau, allens für den Weltfrieden!“, ging die Angesprochene spitzbübisch auf seinen Gruß ein. „Schon eingelebt? Oder Verbrecher gefangen? Und ... wie macht sich der neue Wagen?“

Steiner schien die Frage der Valmira nach den gefangenen Verbrechern nicht so besonders lustig zu finden.

„Schnurrt wie mein Kater Egon. Ist aber kein Wartburg. Kommt aus Bayern!“

Mit dieser Antwort schien die Freifrau nun weniger anfangen zu können. „Jetzt kann ich es Ihnen ja direkt persönlich sagen“, versuchte sie die Straßenkonversation mit Steiner abkürzen zu wollen. „Am nächsten Sonntag lade ich wieder zu meinem Bridgenachmittag ein. Da kommen immer der Mensch von der Raiffeisenbank, der Gemeindevorsteher Lüdens, der Dr. Manskow und Pfarrer Selbing. Sie sind natürlich auch herzlich dazu eingeladen, Herr Steiner! Na ja, und wenn Sie sich mit Bridge noch nicht so auskennen - ich führe Sie gerne ein. Also nicht vergessen, bitte. Am Sonntag! Um 4 Uhr nachmittags, im Schloss. Tschüssing!“

Ihr sonnengebräuntes Gesicht strahlte ihn an und während sie sich umdrehte, um ihren Weg fortzusetzen, winkte sie ihm lebhaft zu.

Hauptkommissar Steiner setzte das Fahrzeug sanft in Bewegung und sah nachdenklich in den Rückspiegel. 'Properes Persönchen, diese Freifrau. Nettes Lachen, nette Grübchen. Sah ja gar nicht wie eine Fünfzigjährige aus. Ob sie wirklich lesbisch ist, wie ein weiteres Gerücht die Runde machte? Das mit dem 'Einführen' klang ja aus ihrem Mund etwas zweideutig. Ob an den Geschichten, die sich die Bissower hinter der Hand über die Freifrau erzählten, was dran war? Wie sie da so in ihren Gummistiefeln in Richtung Hainwald davonstapfte ... so lerne ich eben auch endlich die feine Gesellschaft von Bissow kennen! Und vielleicht gibt es ja auch mal wieder was Neues zu hören. Bridge. Ob das sowas wie Patience ist? Sollen sich die feinen Damen in diesen Kreisen ja immer legen.'

Doppelkopf, Skat oder Dame kannte er ja schon. Jetzt würde er doch mal beim Pastor anrufen müssen. Mit der Kirche hatte er es zwar nicht so, aber was man bei diesen Bridgenachmittagen so anzog - dafür war ein Anruf beim Pastor wohl am sinnvollsten. Uniform war da ja wohl nicht wirklich passend.

Nach einem letzten Blick auf die Freifrau, die jetzt an den ehemaligen Plattenbaracken der LPG-Ställe vorbei in Richtung Wäldchen marschierte. So als wäre ihm plötzlich etwas eingefallen, wendete Steiner das Fahrzeug und fuhr zum Polizeiposten zurück. Auf dem Rückweg bemerkte er zu seiner Verwunderung, dass er die Lippen gespitzt hatte und ziemlich munter vor sich hin pfiff. Erschrocken brach er ab. 'Ist wirklich lange her', murmelte er halblaut vor sich hin. 'Was'n das für'n blödes Lied?'

Hätte der 'Polizeichef' in diesem Augenblick nicht andere Gedanken im Kopf gehabt, wäre ihm der Name des Liedchens wahrscheinlich selbst eingefallen.

Es war „La Paloma“. Damals das Spottlied der Mexikaner auf die Frau des ihnen aufgezwungenen Kaisers Maximilian.

Es gab da so einige Sachen, die den 'Stammtischlern' in Bissow bis heute Rätsel geblieben waren und so die Gerüchteküche im Ort richtig aufheizten. Wohin, zum Beispiel, ihre Herrschaft an so manchen verlängerten Wochenende verschwand! Immer dann, wenn Valmira Maya Freifrau zu Bissow den, wie sie es nannte, ' Dorfrappel' bekam. Ihre Sehnsucht nach der großen Stadt und Alsterluft überfiel die geborene Hamburgerin dann so übermächtig, dass sie sofort den Concierge in ihrem vertrauten Hotel an der Reeperbahn anrief und ein Zimmer auf den Namen Maya Bissow buchte. Dann setzte sie sich in ihr pinkfarbenes 'Hydrauliksofa', den alten Citroen DS 19, und düste auf der neuen Autobahn nach Hamburg, wo sie ein paar Tage und Nächte Erholung vom Land suchte und meistens auch fand. Schon auf der Fahrt in Richtung Hamburg besserte sich ihr Befinden mit jedem Kilometer. Ja, sie fühlte sich so erwartungsfroh, dass sie statt „Die Gedanken sind frei“, zwischen Wismar und Lübeck, laut „Die Stadtluft mahhaacht frei“ sang.

„Jonas, hier spricht Maya Bissow...“

„Ja, gnädige Frau, was kann ich für Sie tun?“

„Red' nicht so 'nen Quatsch mit Soße, Jonas“, wechselte sie unwillkürlich zum Hamburger 'Du', „hast du für mich noch ein Zimmer bis Dienstag morgen?“

„Wie immer, gnäd ... äh Frau Bissow ... ein Doppelzimmer?“

Valmira wartete nur noch die telefonische Bestätigung der Buchung ab, warf den Hörer auf die Gabel, schnappte sich den immer bereiten 'Stadtkoffer' und erreichte schon in fünf Minuten die Autobahnauffahrt. Es schien, als hätte die kürzliche Begegnung mit Friedrich Steiner sowohl den Ausstoß von Östrogenen als auch eine Erhöhung ihres Beschleunigungsvermögens bewirkt.

Da hatten die Bissower doch wieder was zum hecheln.

Maya Bissow saß im Hotelentree und schwatzte locker mit dem Concierge. Wie immer, wenn sie sich inkognito in Hamburg aufhielt, wartete sie in einem der tiefen Sessel auf ihren Begleiter. Irgendwann, während der vergangenen 'Fluchten' in die große Stadt war sie es leid geworden. Eine alleinstehende Dame, die ausgeht. Das schien auch in Hamburg für eine Menge Leute noch heute ein Sakrileg zu sein. Und als man ihr im Restaurant schließlich mit einem herablassenden „Sie speisen allein!“ das zweite Besteck wegnahm, hatte sie die Nase voll. In Ermangelung eines Liebhabers oder ähnlichem beschloss sie, sich bei einer Agentur einen professionellen Abendbegleiter zu mieten. Die meiste Freude hatte sie anfangs durch die Vorstellung, wie sich jetzt wohl nicht nur die Bissower über sie das Maul zerreißen würden. Wüssten sie denn, was ihre Herrschaft in Hamburg so trieb.

„Soll da ja so mit 'nem richtigen jungen Kerl rummachen. Nee, nee sowas hätte sich unsere alte Herrschaft niemals geleistet, pfui Deibel!“

Aber sowas sagten sie nur im verqualmten Gastraum des Bissower 'Dorfkrugs' und das war der Maya Bissow im Sündenbabel Hamburg nach einer gewissen Anstandszeit ziemlich schnuppe. Allerdings vermied sie es, mit ihrem jeweiligen Begleiter solche Plätze aufzusuchen, wo sie möglicherweise auf frühere Polizeikollegen hätte treffen können. Das wäre allen Beteiligten dann aber auch zu peinlich gewesen.

Ein reichliches Jahr später hatte sich Maya Bissow allerdings gesagt, „ich bezahle sie, also kann ich sie auch benutzen, wenn mir danach ist und der Kerl gepflegt ist.“ Sie hatte nach den ersten Anlaufschwierigkeiten jedesmal zuerst einen ordentlichen Begleiter und in der darauf folgenden Nacht einen jüngeren und kräftigen 'Hengst' im Bett.

Wenn die Bissower davon wüssten...

*

Die Kartenreservierung im ' Kampnagel' hatte dank der Kontakte des Hotel-Concierges geklappt. Maya Bissow genoss die manchmal noch etwas holprigen Darbietungen der neuen Studierenden des von der Universität Hamburg kürzlich eingerichteten Masterstudiengangs Dance-Performance. Und sie freute sich in Erwartung des anschließenden Nachtdiners und der Zeit danach ... an der Seite ihres netten Begleiters. Ihre weitergehende Träume wurden unterbrochen, als im dunklen Zuschauerraum plötzlich helles Licht aufflammte und die Türen zum Zuschauerraum sich mit einem Ruck öffneten.

Der Bühnenvorhang senkte sich und aus Richtung eines der weit geöffneten Zugangsportale erscholl eine Megaphonstimme: „Hier spricht die Polizei! Wegen einer Bombendrohung fordern wir die Gäste der Vorstellung auf, ihre Plätze sofort und geordnet in Richtung Zuschauertüren zu verlassen! Sie werden dort von Polizeibeamten in Empfang genommen und auf den Theatervorplatz geleitet! Weitere Anweisungen erhalten sie anschließend von den Vernehmungsbeamten! Hier spricht die Polizei...“

Maya Bissow griff wortlos zuerst nach ihrem Umhängetäschchen und dann nach der Hand ihres Begleiters. Als eine der ersten Zuschauerinnen erreichte sie den Ausgang. So fix reagierte sie allerdings erst seit der RAF-Zeit und dem 11.9. in New York.

War das nur ein Zufall? Jedenfalls stand dort ein älterer Beamter des Bombenkommandos, den sie noch von früher her kannte. Sie erinnerte sich an das Gesicht mit dem gezwirbelten Kaiser-Wilhelm-Bart. Er hatte das Visier seines Schutzhelmes heruntergeklappt.

„Ja Frau Bissow, was machen denn Sie hier?“

Sie wusste keine gute Antwort auf die Frage des Beamten. „Erkläre ich Ihnen später ... Kollege. Können Sie mich und meinen Begleiter irgendwie schnell nach draußen lotsen? Sofort!“

Der Mensch in dem grünen 'Raumanzug' sah sie zweifelnd an. Er zögerte. Also fiel Maya Bissow gewohnheitsmäßig in ihren, früher bei der Kripo benutzten Befehlston.

„Machen Sie schon. Ich arbeite hier verdeckt. Los. Schnell!“

Also war es nichts geworden. Mit dem Essen in diesem piekfeinen Restaurant, in dem sie einen Tisch für zwei Personen reserviert hatte. Auch der Wellnessnachmittag und die Nageltante - rausgeschmissene Kohle. An das sündhaft teure Parfüm mochte sie gar nicht denken. In Bissow würde sie damit nur die Hunde anlocken. Da roch man höchstens nach Kuhmist. Und die Nacht danach - erledigt. Kurz entschlossen beendete sie das Arrangement mit dem Mann von der Agentur und checkte mit wirklichem Bedauern noch am Abend aus. Diese idiotische Bombe.

Das Wort 'Bombe' hatte in Valmiras Kopf schlagartig die Erinnerung an den ungelösten Fall wieder ausgelöst. Plötzlich war alles wieder in ihrem Kopf präsent geworden. Die Fetzen der Erinnerung an die Zeit vor dem 11. 9. 2001. Als sie noch nichts von Schläferzellen und dem totalen Krieg gegen Terror wussten. Nein, sie waren auch vorher nicht direkt Chorknaben (in ihrem Fall natürlich Chormädchen) gewesen. Aber sie hätten gewappnet sein müssen, denn die RAF-Anschläge von Bader-Meinhof und Genossen hatten doch schon vorher ausreichende Warnbaken gesetzt. So lebten sie also in einer Art seliger Unschuld im Hochhaus am Berliner Tor. Bis zu diesem Tag, an dem die erste Bombe im Hauptbahnhof explodierte. Später würde sich erweisen, dass es der einzige große Fall blieb, den van Weinstock bei seiner Pensionierung ungelöst zurück lassen würde.

Wie war es nur möglich gewesen, dass sie das alles verdrängt hatte! Ja, sie war sauer und biss sich auf die Lippe. Die Freifrau zu Bissow war normalerweise eine Langsamfahrerin. Weder bedrängte sie andere Autofahrer vor sich auf der linken Seite mit einer drängelnden Lichthupe, noch fuhr sie so dicht auf, dass die vor ihr Fahrenden es mit der Angst zu tun bekamen. Nein, sie liebte es gemütlich. Deshalb hatte sie sich damals ja ihre pinkfarbene 'Sänfte' zugelegt. Und ein bisschen nachtblind war sie auch.

Aber in dieser Nacht hätte sie gerne etwas Schnelleres unter dem Hintern gehabt als die geräumige „Déesse“. Die Franzosen hatten sie nach der Präsentation auf dem Pariser Autosalon 'Göttin' genannt, die Freifrau redete von ihr meistens als von ihrem 'Sofa'. Und das war liebevoll gemeint, denn sie hatte schon in den sechziger Jahren auf dem Jungfernstieg von diesem Auto geschwärmt. Eines Tages würde sie es selber einmal fahren, hatte sie damals mit sehnsüchtigem Wollen gedacht. Dann hatte es doch länger gedauert und war ein Oldtimer geworden. Und jedesmal musste sie in die Citroenwerkstatt nach Treptin fahren, wenn die 'Déesse' mal ein Wehwehchen hatte. Als sie das Traumauto damals kaufte, hatte es sogar noch den weißen Lack des Originals gehabt und sie hatte dem Fahrzeug in einer Lackierbude den pinkigen Anstrich verpassen lassen. Für diese Nacht war der Wagen der Freifrau zu Bissow aber eindeutig zu langsam. Sie fuhr die Strecke nach Bissow wie eine Furie und achtete nicht einmal auf die tiefen Schlaglöcher in der Landstraße hinter der Autobahnabfahrt.

Hatte sie damals nicht klar denken können? Wieso hatte sie die Unterlagen aus dem Staatsarchiv nicht sorgfältiger gelesen? War ihr das nicht aufgefallen oder wollte es ihr nicht auffallen? Hatte sie damals einfach genug gehabt von dem ganzen Ermittlungsmist bei der Kripo? War sie zu besessen von der Aussicht, vielleicht den Familienbesitz Bissow zurück zu bekommen?

Und später?

Restitutionsverfahren und die Auseinandersetzungen mit bornierten Wendejuristen hatten sie wohl so in Anspruch genommen, dass ihr Denken davon vollständig blockiert wurde.

Immer wieder grübelte sie darüber nach, in welchen Karton, in welche Kiste sie wohl die Kladde mit den Aufzeichnungen gepackt hatte. Sie sah sie deutlich vor ihrem inneren Auge: ein schwarzes Schulheft, ein Etikett mit van Weinstock's Namen und den Zeitraum.

Noch am Tag seiner Pensionierung, als er das Polizeipräsidium am Berliner Tor verließ - ohne die Sache freilich aufgeklärt zu haben - hatte sie sich in sein Büro geschlichen.

Da hatten die anderen Kollegen schon kräftig gebechert. Zum Abschied des Dienststellenleiters. Und Valmira hatte es gerade noch geschafft, seine Kladde aus dem Schreibtisch zu stibitzen.

Warum sie das damals gemacht hatte? Irgendeinen Grund dafür musste es gegeben haben - aber sie hatte ihn heute nicht mehr parat.

Als sie endlich die weißgekalkten Alleebäume der Schlosszufahrt im Scheinwerferlicht passierte, war sie sich ganz sicher: Sie hatte das schwarze Heft in einer der Kisten im obersten Turmzimmer verstaut. Aber in welcher? Sie würde wühlen müssen, so viel war klar. Aber sie war so hundemüde und fertig nach der anstrengenden Nachtfahrt. Kaum, dass sie es schaffte, ihr pinkfarbenes Sofa in der zu einer Garage umgebaute Stallecke zu parken.

Oben fand sie kaum den Lichtschalter und irrte zuerst stolpernd zwischen den Kartons und Kisten herum. Dann setzte sie sich neben die Behälter und besah sich etwas systematischer die Aufschriften, die sie vor ihrem Umzug mit schwarzem Filzschreiber drauf geschrieben hatte. Hungrig und müde begann sie dann mitten in der Nacht mit der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Der Tag graute schon, aber sie hatte es in dem ganzen Kistenchaos nicht gefunden. Das Heft mit den Aufzeichnungen des früheren Hauptkommissars Jan van Weinstock. Die sagenumwobene schwarze Kladde, die sie ihm an seinem letzten Arbeitstag im Polizeipräsidium Hamburg aus dem Schreibtisch geklaut hatte. Und nur kurze Zeit danach verstarb er friedlich in seinem Bett. Zwar hatte Valmira seinen plötzlichen Tod bedauert, aber wirklich überrascht hatte sie es nicht.

Dieser Mann hatte ja nichts anderes gekannt, als die Polizeiarbeit. Sie hatte sich, - selbst in ihren wildesten Träumen - niemals vorstellen können, dass Weinstock seine Tage an der Alster beim Angeln verbrachte oder irgendwo in einem Schrebergarten in Hamburg Horn Karnickel züchtete.

Über ihrer nächtlichen Suche hatte sie die Zeit völlig vergessen. Graues Tageslicht blendete ihre müden Augen. Jetzt wurde ihr auch klar, dass sie ihrem Magen seit gestern Mittag nichts mehr zu tun gegeben hatte. Als der sie erneut anknurrte, ging sie hinunter in die kleine Küche ihres Turmzimmers und versuchte sich an der kürzlich gekauften Espressomaschine. Während sie über van Weinstock und den Fall des Bombenlegers nachdachte, schmierte sie sich geistesabwesend ein Brot mit Butter und Marmelade. Wo, um alles in der Welt, sollte sie nach der Kladde noch suchen? Dabei konnte sie den ersten Eintrag förmlich vor ihren inneren Augen. Sogar das Datum. Der 24.12. war es gewesen. Heiligabend...

Und jetzt fiel es ihr auch wieder ein, was van Weinstock nach den weiteren Bombenanschlägen zu ihr mit einer sorgenvoll verzogenen Grimasse gesagt hatte: „Paloma (er hatte ihr gleich nach ihrem Eintritt in die Kripo diesen Spitznamen verpasst), da ist irgendwas faul. Meine Ausbilder haben mir beigebracht, dass Serientäter die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit suchen und deshalb irgendwann über ihre Motive reden wollen. Dieser Schweinehund hat sich bis jetzt aber überhaupt noch nicht gemeldet. Er bombt weiter und weiter und meldet sich mit keinem Sterbenswort.“

Und Valmira hatte damals zum ersten Mal mit ansehen müssen, wie der insgeheim bewunderte Chef litt!

Aber jetzt war sie einfach hundemüde. Sie würde später in den Kisten weiter suchen.

2

Valmira hatte im Dezember 1973 gerade ihr Abitur am Christianeum gemacht. Mit einem glatten Einser in der Gesamtnote. Sie war stolz auf ihre Leistung. Und die Familie erst recht. Sämtliche Verwandten mussten darüber natürlich von den Eltern informiert werden. Sofort wurde sie anschließend natürlich von allen Seiten nach ihrer Berufswahl gefragt. Und die Familie ließ sie, - spendabel, spendabel - zuerst den Führerschein machen. Es war natürlich klar, dass sie auch diese Prüfung mit Glanz und Gloria bestand. Für die Familie.

Nicht so für Valmira, die bei der praktischen Fahrprüfung feststellen musste, dass das Abi dagegen fast leicht gewesen war. Aber die Eltern in ihrem Glück wollten dem erfolgreichen Kind unbedingt auch noch ein Käfer-Cabrio, damals das Wunschauto aller Bügerkinder, schenken.

Weder hatte die frischgebackene Abiturientin an den Berufsvorschlägen ihre Freundinnen noch derer ihrer Familie großes Interesse. Und schon gar nicht an dem Abi-Geschenk. Null Bock auf Jurastudium, Kommunikationswissenschaften oder Banklehre. Valmiras Träume lagen woanders. Um endlich herauszufinden, wo diese Träume lagen, lehnte sie das Autogeschenk der Familie höflich, aber überraschend bestimmt, ab und bat stattdessen um zwei Jahre Zeit, ein Flugticket nach Nord-und Süd-Amerika sowie den afrikanischen Kontinent und zurück nach Hamburg-Fuhlsbüttel. Alles Weitere würde sie selber organisieren.

Valmira hatte zum ersten Mal in ihrem Leben dem Druck der Familie widerstanden. Die murrte gehörig. Besonders hatte sie mit den von Valmira gewählten Zielorten im südlichen Afrika ihre Schwierigkeiten, aber sie war auch beeindruckt von der Sturheit und Tatkraft mit der Valmira ihre Vorstellungen umsetzte. Die schrieb sofort an die Verwandten nach Chicago und San Carlos in den USA, Mexico City, Montevideo in Uruguay, Blumenau in Brasilien, Kapstadt in Süd- und Windhoek in Südwestafrika. Sie lud sich quasi selber ein und alle Angeschriebenen freuten sich, die ihnen noch unbekannte Verwandte aus Hamburg beherbergen zu dürfen. Und außerdem würde sie in Südwest ja auch den Bruder ihres Vaters besuchen. Nein, es war keine kafkaeske Sehnsucht, die sie ausgerechnet nach Windhoek zog. Gewiss, sie hatte auch das Kafka-Pflichtprogramm im Deutsch-Leistungskurs des Christianeums durchlaufen. Aber darüber hinaus ... Literatur war nicht wirklich ihr Ding. Nein, es waren die engsten Verwandtschaftsbeziehungen, die sie nach Windhoek zogen. Schließlich kapitulierte die Familie vor dem selbstbewussten Redefluss Valmiras und akzeptierte am Ende ihre Wahl.

Allerdings mit Einschränkungen. „Keinesfalls fliegst du mit einer südafrikanischen Fluggesellschaft. Bei all dem Tohuwabohu da unten. Erinnere dich bloß mal an das explodierte SAA-Flugzeug auf dem Flughafen in Windhoek. Die sollen ja angeblich in der Maschine sogar Waffen transportiert haben.“ Als Leser des jeden Montag erscheinenden Hamburger Wochenmagazins waren sie politisch auf dem Laufenden. „Du musst uns versprechen, Mira, dass du in Afrika keinesfalls mit einem südafrikanischen Flugzeug fliegst. Nein, Kindchen, man muss das Unheil doch nicht auch noch selber heraufbeschwören!“

Valmira wollte dennoch trotzig aufbegehren, sah allerdings noch rechtzeitig die Tränen in den Augen von Mutter Franziska und wusste, dass die echte Angst um ihre Einzige hatte. Die Mutter, die in den letzten Jahren in einer Villa an der Elbchaussee bei reichen Leuten als Hausdame gearbeitet hatte. Nur mit dem dort zusätzlich verdienten Geld hatte sie dafür gesorgt, dass Valmira ihre Schulausbildung bis zum Abitur am Christianeum, zuerst in Altona und dann in Othmarschen, absolvieren konnte. Nein, das könnte sie Mutter Franziska nicht antun. Sie würde eben andere Wege finden müssen.

„Wir haben uns im Lufthansa-Büro am Jungfernstieg erkundigt“, ergänzte Vater Franz. „Varig fliegt ja auch die Strecke von Rio de Janeiro nach Johannesburg. Vielleicht können die Ribbecks dich ja in Johannesburg mit dem Wagen abholen und nach Kapstadt bringen. Und am Ende deiner Reise fliegst du mit Lufthansa dann von Johannesburg zurück nach Frankfurt. Und auch das letzte Stück nach Hamburg!“

Unter diesen Bedingungen willigten die Eltern zögernd in die Reisepläne ihrer, wie sie meinten, etwas 'spinnerten Tochter' ein. So durfte sich das Freifräulein zu Bissow mit dem Segen der Hamburger Familie auf die zweijährige Reise zu ihren, auf der ganzen Welt verstreuten, Verwandten begeben.

Nun war das 'Fräulein' zwar am Endpunkt ihrer Weltreise angekommen, aber so richtig wusste sie noch immer nicht, was sie eigentlich werden wollte.

Inmitten der Umwälzungen in den portugiesischen Kolonien um sie herum erschienen ihr die Südwester 1975 wie ein ruhiger Fels in der Brandung. Nein, Valmira hatte wirklich keine Ahnung von der Welt gehabt, als sie Windhoek zum letzten Ort ihrer Verwandtenreise durch die Welt gemacht hatte.

Ein wichtiger Punkt war gewesen, so erinnerte sie sich, dass Onkel Fritz, der vier Jahre jüngere Bruder ihres Vaters, ihr durch seine Verbindungen zur Deutschen Oberschule Windhoek einen Praktikumsplatz beschafft hatte. Zwar spiegelten sich die veränderten Verhältnisse in Windhoek sowohl in den sorgenvollen Mienen der deutschen Südwester aus den feinen Stadtvierteln als auch in der spürbaren Unruhe der Schwarzen aus den neuen Townships wider, aber das zwischen ihrem Onkel und dem Schulleiter vereinbarte Praktikum an der DOSW konnte Valmira dennoch machen. Vier Monate durfte sie dort 'reinschnuppern', wusste aber danach mit Bestimmtheit nur zu sagen, dass sie niemals eine 'Lehrersche' werden wollte.

Wirklichen Spaß hatte sie nur draußen auf der Farm von ihrem Cousin Fred. Der bewirtschaftete im Nordwesten von Windhoek, in Omararu, eine riesige Rinder- und Wildfarm. In den vergangenen fünf Monaten hatte sie genug von der Situation im Lande mitbekommen. Sie war ja nicht dumm. Natürlich waren auch hier die Spannungen zwischen den weißen Südwestern und den schwarzen Stämmen zu spüren. Aber die praktische Farmarbeit half ihr, diese Probleme zu übersehen. Cousin Fred ließ sie dann auch auf der Farm rummachen, wie und wo sie wollte ... und er hörte ihr sehr aufmerksam zu, wenn sie ihm von Hamburg und ihren Problemen mit den Eltern erzählte. Fred hatte mit großer Zufriedenheit beobachtet, welchen Spaß ihr die Arbeit mit den Tieren auf der Farm machte und dass sie auch keine Angst vor den Schlangen und dem rostigen Landrover hatte. Er hatte sich dabei wohl so seinen Teil gedacht und musste sich insgeheim eingestehen, dass er, der bisher am weiblichen Geschlecht kaum Interesse gezeigt hatte, seine Cousine aus Hamburg ziemlich ins Herz geschlossen hatte. Möglicherweise hatte er sie sogar schon an seiner Seite auf der Farm arbeiten gesehen - vielleicht auch mehr ... aber sie war ja damals so jung gewesen. Sicher, Valmira hatte sich in der Zwischenzeit schon zu einer richtig hübschen Frau gemausert. Vor ihrem Abflug hatte sie sich in einem Kaufhaus auf der Mönckebergstrasse sogar heimlich noch einen passenden BH besorgt, den sie, ihre Mutter sollte das nicht wissen, schnell zuunterst in ihren Reisekoffer gepackt hatte. Immerhin hatte sie im letzten Jahr vor dem Abi auch obenrum ganz gut zugelegt.

„Wir gehen zu 'Greatgreat Mammy', “grummelte Fred an ihrem vorletzten Tag in Südwest wortkarg. „Mach dich fein und vergiss nicht... ein Geschenk! Ja, ein Geschenk wird sie froh machen. Also ein Geschenk ist ganz wichtig, Valli!“

Valmira hatte in den vergangenen Monaten auf der Farm natürlich schon viel von 'Greatgreat Mammy' gehört. Niemand hatte ihr sagen können, wie alt sie wirklich war. Hauptsächlich, dass sie eben unheimlich weise war. Als der klapprige Landrover vor dem Areal ihrer von der Familie Bissow gepachteten Farm hielt, wurden die beiden Besucher von Greatgreat Mammys 'Beratern' vor dem Hof erwartet. Es waren wohl ein Dutzend würdige Eidermen, die sie in die traditionelle Stammestracht gekleidet, begrüßten. Selbst ihr abgebrühter Cousin schien von der Kulisse beeindruckt. Jedenfalls führten die 'Berater' sie nach der respektvollen Begrüßung in den Innenhof, wo Greatgreat Mammy in der untergehenden Sonne auf einem Stapel Sitzkissen thronte.

„Vergiss das Geschenk nicht, Valli“, flüsterte Fred ihr zu, bevor er sie in Richtung der thronenden Mammy schubste.

Warum sie den schwarzen Hummel-Hummelzylinder aus Hamburg bis nach Windhoek mitgeschleppt hatte, war ihr bis zu diesem Moment schleierhaft gewesen. Jetzt wusste sie aber instinktiv, dass sie der Frau auf den Sitzkissen damit eine überraschende Freude bereiten würde.

Und ihr Gespür hatte sie nicht getrogen. Die unsichtbare Mauer zwischen der Schwarzen und der jungen Frau aus Hamburg schien im Nu zerbröckelt zu sein. Mammy kicherte, als die Hamburger Deern ihr das mechanische Prinzip des Klappzylinders in der Praxis vorführte und setzte dann den schwarzen Hut wie eine Krone auf ihren Kopf. Dabei strahlte sie über das ganze Gesicht. Wie ein fetter Mond leuchtete es über den Platz. Mit einer fast jovialen Handbewegung lud sie Valmira ein, neben ihr auf dem Sitzkissenthron Platz zu nehmen.

Den Vorgang der plötzlichen Verschwisterung der beiden Frauen hatte Fred mit einem unmutigen Stirnrunzeln verfolgt. Fast schien er sich ausgeschlossen zu fühlen. So jedenfalls empfand Valmira die von ihm ausgehende Stimmung des Missmuts. Was für ein störrischer Esel er doch ist, dachte Valmira, und ihr Blick war fast mitleidig auf Fred gerichtet. Gleichzeitig aber durchflutete eine plötzliche Anwandlung von Zärtlichkeit ihren Körper ... dieses Gefühl hatte sie so ähnlich nur gegenüber ihren Eltern erlebt. Aber es war doch seltsam anders...

Eine merkwürdige Frau. Diese Greatgreat Mammy. Respekteinflößend, wie es der noch jungen Valmira damals schien. Und sie roch intensiv nach Vanille. Einige der Eidermen begannen auf ihren mit Fell bespannten Trommeln einen monotonen Rhythmus zu spielen. Ihre harten Handflächen schlugen immer heftigere Wirbel. Mit einer ausladenden Armbewegung befahl Greatgreat Mammy auf dem Höhepunkt den Abbruch der furiosen Trommelei. In die abrupte Stille der Abenddämmerung hinein sprach sie nun auf dem rotstaubigen Platz in Omaruru zu den Versammelten. Schwarzen und Weißen.

„Es ist bei uns in Omararu die Tochter des ehrenwerten Bruders unseres Landchiefs Fritz, der einzige Abkömmling des Franz und der Franziska zu Bissow aus Hamburg. Valmira wird in diesem Monat hier in Afrika Geburtstag feiern. Schon im gleichen Monat wird sie dann auf eine lange Reise, zurück nach Hamburg zu ihren Eltern gehen. Ihre Eltern werden sie dort glücklich in die Arme nehmen, denn sie lieben ihr einziges Kind! Und haben es zwei endlose Jahre lang missen müssen. Es gibt jemand unter uns, der sehr froh darüber wäre, wenn sie immer bei uns bliebe.“

Bei diesen Worten wurde Valmira rot und sie suchte vergeblich Freds Gesicht in der Menge.

„Sie ist eine gute Farmerin geworden. Aber in ihrem Kopf schwirren ganz andere Pläne herum. Doch sie ist sich nicht sicher. Sie schwankt hin und her. Wie ein Schilfrohr im Sturm. Aber Gott hat für jeden von uns einen Plan. Seinen Plan! Und so wollen wir an diesem heiligen Platz sehen, ob wir diesen Plan im Körper der tapferen Antilope lesen können!“

Einer der Eidermen reichte Greatgreat Mammy nun einen gegerbten Lederbeutel, in dem es laut klapperte. Die schwarze Frau dankte dem Eidermen mit einer hoheitsvollen Geste und sah ruhig zu, wie dieser sich danach auf den trockenen, rostroten Boden hockte.

Der magere Alte in seinem leinenen Umhang und einem Zicklein an der Leine - Valmira hatte seine Anwesenheit schon vorhin als unpassend empfunden - erhob sich nun und spielte auf einer Hirtenflöte. Fast schien es, als würde das dürre Zicklein an seiner Leine zu den Tönen der einfachen Weise des Mageren tänzeln. Sie kannte etwas Ähnliches von dem Markt in Marakesch. Aber mit einer Kobra. Erst als der Flötenspieler sich wieder auf den Boden gehockt hatte, erhob sich Greatgreat Mammy wieder von ihren Sitzkissen und trat vor die Versammlung. Das Gesicht zu Valmira gewandt, tanzte sie mit wiegenden Hüften vor der Versammlung auf und ab und schüttelte dabei den mit rostroten Mustern verzierten Beutel aus gegerbtem Antilopenleder, in dem es immer lauter klapperte. Dieses Klappern wurde jetzt wieder von dem leisen Dröhnen der Trommeln begleitet.

Valmira sah schwitzend und verschüchtert auf die versammelten Stammesmitglieder. Erst jetzt begann sie zu ahnen, dass die ganze Veranstaltung nur wegen ihr abgehalten wurde. Beklommen und hilfesuchend versuchte sie erneut das helle Gesicht von Fred zwischen all den Versammelten auszumachen, aber sie konnte ihren 'Rettungsanker' nirgends entdecken. Nach einer weiteren Geste der schwarzen Frau erhob auch das weiße Mädchen sich zaghaft von ihrem Platz. Es schien ihr, dass sie und Greatgreat Mammy sich völlig allein im Licht der untergehenden Sonne gegenüber standen.

Bevor Greatgreat Mammy den Inhalt des Beutels, begleitet von einem heiseren Aufschrei der Versammelten, auf dem eingetrockneten Boden ausschüttete, schleuderte sie den nun leeren Beutel aus Antilopenleder noch einmal wirbelnd um ihren Kopf herum. Auf dem Boden vor ihrem mächtigen Körper lagen jetzt in wilder Unordnung die gebleichten Knochen des getöteten Tieres im diffusen Abendlicht einer untergehende Sonne.

Unverständliche Worte vor sich hin murmelnd, umkreiste die Knochenleserin mehrmals die auf dem Boden verstreute Knochenstrecke. Stupste mit ihrem dicken Finger den einen Knochen dahin und den anderen dorthin. Es schien, als wollte sie das Chaos am Boden in eine Ordnung zu bringen. Schließlich war sie mit dem Ergebnis ihrer Aufräumarbeit zufrieden. Sinnend betrachtete sie ihr Werk und hub dann wieder zu sprechen an:

„Oh Lord, wir danken Dir. Du hast uns Deinen Plan für Valmira zu Bissow gezeigt. Du wirst ihr den richtigen Weg weisen, denn jetzt wird sie kein Grashalm im Winde mehr sein. Komm her!“

Fast herrisch zog sie das eingeschüchterte Mädchen neben sich.

„Hier,“ sie zeigte dabei auf eine lange Strecke von Wirbelknochen, „ist eine Wegstraße. Sie ist lang, aber es zweigen viele kleine Pfade nach allen Himmelsrichtungen davon ab. Der Schädelknochen dort am Anfang, das bist du. Die verwirrte Frau aus Hamburg, die nicht weiß, welchen Weg sie denn nun gehen soll. Sei mutig, mein Kind, denn der Lord wartet am Ende des Weges schon auf dich. Folge nur seinem Plan. Gehe den Weg, den er dir in den Knochen der Antilope weist. Da sind viele Abzweigungen ... aber sie führen ins Nichts oder dich in die Irre. Folge seinem Plan, dann wird Er dir den notwendigen Mut verleihen!“

Die schwarze Frau sank erschöpft auf ihre Kissen zurück und die Versammelten stimmten irgendeinen Gospel an. Das Mädchen aus Hamburg, jeglichem Hokuspokus von Hause aus abhold, war dennoch beeindruckt. Vielleicht gab es ja doch so etwas wie eine besondere, eine schwarze Magie ...

––––––––

Als Valmira nach dem langen Flug von Johannesburg in Frankfurt landete, hatte sie die endgültige Entscheidung über ihre Berufswahl aber noch immer nicht getroffen. Die Worte von Greatgreat Mammy an diesem verwirrenden Abend in Omararu gingen ihr immerzu im Kopf herum. Vorerst versuchte sie sich aber erst mal auf dem neugebauten und riesigen Terminal des Frankfurter Flughafens zurecht zu finden. Bei ihrem Abflug vor zwei Jahren war da noch eine einfache Baracke gewesen. Sie schaffte es dennoch auf den Anschlussflug nach Hamburg mit der Lufthansa. Ihre Gedanken an den Klappersack der Greatgreat Mammy in Südwest wurden während des kurzen Fluges immer wieder von Freds Abschiedskuss überlagert. Noch vorige Woche hatte sie auf der Farm in Omararu ihren einundzwanzigsten Geburtstag gefeiert. Es war eine lustige Petticoat-Party gewesen, aber dann ... zum Abschied hatte Fred sie in die Arme genommen, ihr tief in die Augen gesehen und dann richtig geküsst. Auf den Mund. Ein ungewohntes und völlig neues Gefühl im Bauch der Valmira. Fred hatte nach Rinderdung und einem ätzenden Rasierwasser gerochen, aber sie war selig gewesen. Ein richtiger Kuss. Von einem richtigen Mann. In den Nächten danach waren ihr erster Mann und auch die Erinnerung an diesen Kuss immer wieder wie verlockende Geisterwesen durch ihre Träume gewandert. Fast hätte sie alle ihre Pläne über den Haufen geworfen und wäre in Südwest geblieben. Bei Fred. Auf der Farm in Omararu. Wo Hamburg Millionen von Kilometern hinter der Wüste Namib zu liegen schien. Aber die elterliche Erziehung schlug letztlich durch und sie gehorchte dem Prinzip von Pflicht und Vereinbarung. Als sie dann völlig gerädert in Hamburg-Fuhlsbüttel landete, war die Entscheidung gefallen. Blieb nur noch das Problem mit dem Klappersack von Greatgreat Mammy - es war Freds Geburtstagsüberraschung für die in den vergangenen Monaten aufgeblühte, widerborstige Hamburgerin gewesen. Der Klappersack würde sich wohl nicht gut machen, ein Verstoß gegen die Einfuhrbestimmungen der Bundesrepublik Deutschland, wenn sie ihre Bewerbungsunterlagen bei der Hamburger Polizei einreichen würde...

„Kind, Kind ... wie ist es denn nur möglich! Wir wollten dich doch am Flughafen abholen und jetzt bist du schon da! Wie..."

„Na mit'm Taxi. Was denkst denn du!“, unterbrach Vater Franz trocken den wirren Redeschwall seiner Frau Franziska.

„ Ja, das Kind hat sich ganz schon gemausert!“, konnte Vater Franz einen kritischen Unterton nicht so ganz vermeiden. Aber auch er lächelte zur Begrüßung und Valmira verschwand sofort wieder in ihrem Zimmer, ihrem kleinen Reich. Als sie die Tür öffnete, tat sie einen Blick in die Vergangenheit. Alles sah genauso aus, wie sie es in Erinnerung hatte. Aber diese Erinnerung war die, welche sie vor zwei Jahren hatte. Bevor sie Hamburg verließ. Danach ging sie aufmerksam und versonnen durch die restliche Wohnung der Eltern in Winterhude. Noch mehr hatte sich geändert. Ja, ihr langes Wegsein hatte Spuren im elterlichen Leben hinterlassen. Da waren auch Lücken. Fehlten Dinge, an die sie ihr Herz gehängt hatte. Andere Sachen hatten in den vergangenen zwei Jahren deren Platz eingenommen. Eine protzige Musiktruhe stand plötzlich unübersehbar im Wohnzimmer und da gab es viele neue Langspielplatten. Valmira war sich aber sicher, dass sie sich schnell wieder eingewöhnen würde. Es gab ja auch weitaus wichtigere Dinge, die sie mit den Eltern zu besprechen hatte.

Nachdem sie also den Eltern mehr oder weniger ausführlich über die fernen Verwandten in den USA, Mexiko, Uruguay, Brasilien, Süd-Afrika und Südwest erzählt hatte, stand der Vater auf und stellte an dem neuen Radio mit dem grünen Katzenauge eine klassischen Sender ein. Mutter Franziska war in die Küche verschwunden. Valmira hörte, wie sie dort mit der Kaffeemaschine herum hantierte.

„Und ... Mira?“,  kam der Vater auf den Punkt zu sprechen. Fast zaghaft war seine Stimme, als er sie bei ihrem Kosenamen nannte. So stellte er ihr die Frage, während aus dem Radio Chopins Nocturnes erklangen. Die Frage, die sie alle während ihrer Abwesenheit belastet hatte.

„Und ... wie hast du dich entschieden?“, wiederholte der Vater seine Frage nun bestimmter.

Ja, sie hatte einen dicken Kloß im Hals. Ja, sie hatte Angst vor der Enttäuschung ihrer Eltern. Ja, vielleicht würde sie sogar von den geliebten Eltern wegziehen müssen...

„Ich werde mich bei der Polizei bewerben!“, stieß sie hektisch aus. Dann wartete sie fast ängstlich auf die Reaktion ihres Vaters. Und fühlte sich dabei wieder wie das kleine Mädchen, das der Vater früher im Arm gehalten hatte. Aber sie war eben kein kleines Mädchen mehr. War sogar schon von einem anderen Mann geküsst worden. Nicht von einem der pickligen Mitschüler des Christianeums. Und richtig auf den Mund! Und gerade hatte sie ihre eigene Entscheidung verkündet. Aber wie würde sich der Vater zu dieser Entscheidung äußern?

Der räusperte sich und schloss die Augenlider. Presste dann die Lippen zusammen und schien den Atem anzuhalten. Wie unter einem Zwang stehend, legte er dann die feingliedrigen, sich in den Stoff der Anzughose krampfenden Hände auf die Knie. Die Knöchel seiner Finger wurden weißer und weißer. Sekundenlang schien die Welt um Vater und Tochter herum stehen zu bleiben. Nur im Radio klimperte nervende Klaviermusik. Valmira sah sie tatsächlich. Vor ihrem inneren Auge. Die wirbelnden weißen und schwarzen Tasten. Die Klimpertöne dröhnten plötzlich in ihren Ohren wie die Trommeln der Leute aus Omararu. Dabei liebte sie Chopin über alles. Endlich, Valmira war es, als seien Stunden vergangen, entrang sich Vaters Brust ein merkwürdiger Laut. Es klang wie das Krächzen eines kranken Rabens, aber sie wusste es besser.

Vater weinte.

Als die Mutter mit dem heiß aufgebrühten Kaffee aus der Küche zurückkam, hatte Valmira das Gröbste überstanden.

Glaubte sie.

3

Das Bewerbungsschreiben an die Polizei hatte sie noch in Windhoek verfasst.

Jetzt hieß es also warten. Aber sie glaubte mit der Gewissheit der Jugend fest daran, dass sie gute Chancen haben würde. Sie hatte sich umgehört. Von den ihr bekannten Abiturientinnen wollte sich keine bei der Polizei bewerben. Und obwohl die Eltern ihr ständig mit den skeptischen Kommentaren des Alters in den Ohren lagen, trug sie weiterhin ihren Optimismus zur Schau. Zwar hatte man ihr bei der Polizei die Auskunft gegeben, dass sie möglicherweise ein Jahr warten müsse, bevor sie eine Antwort auf ihre Bewerbung erhielte. Aber sie hatte so eine Ahnung gehabt. Immerhin war sie ja eine Einser-Abiturientin und sie hatte gehört, dass die Polizei dringend weibliche Polizeibeamte suchte. Die Einladung kam dann auch schon drei Wochen später. Zu einem Personalgespräch. In diesen drei Wochen hatte sie alle Infobroschüren der Polizei zigmal durchgelesen und fast auswendig gelernt.

Alles schien sich von nun an wie in einem Rausch abzuspielen. Valmira erinnerte sich vage, dass das Bewerbungsgespräch im Hochhaus am Berliner Tor stattgefunden hatte. Im Dienstzimmer des Kriminaldirektors. Eine Frau von der Personalführung war auch dabei gewesen. Der Kriminaldirektor hatte ihr Bewerbungsschreiben vor sich auf dem Schreibtisch gehabt. Und die von der Personalführung wohl einen Kopie. Lange hatte das auch gar nicht gedauert. Eine Stunde? Soweit sich Valmira erinnern konnte, war das Gesicht des Kriminaldirektors beim Abschied nicht unzufrieden gewesen. Er murmelte sein obligatorisches „Sie hören demnächst von uns!“ Und draußen, mit der geöffneten Tür noch in der Hand fügte er hinzu: „Als Altschüler des Christianeums werde ich ein Auge auf Sie haben, Fräulein Bissow!“

Details

Seiten
170
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903508
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (August)
Schlagworte
freifrau bomber

Autor

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Titel: Die Freifrau und der Bomber