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Männer im Sturm

2016 150 Seiten

Leseprobe

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Roman

1.

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Die schwere Eichentür des Blockhauses schwang nach innen auf. Aus dem Haus trat eine riesige Gestalt, die sich unter dem Stirnbalken ducken musste, hinaus auf die Veranda und blieb dort bewegungslos stehen.

Unscharf zeichneten sich die Umrisse des Mannes im zottigen Pelz gegen den Nachthimmel ab. Der Sturm nahm ihm fast den Atem. Er brachte eine grimmige Kälte mit. Messerscharf schnitt er in die Gesichtshaut des einsamen Mannes, der aus schmalen Augen in eine bestimmte Richtung blickte, so als wollte er dort, wo der Sturm die Gipfel der Tannen fast zur Erde zwang, etwas Besonderes erspähen. Seine behandschuhten Hände legten sich wie Klammern um das Verandageländer.

So stand Irving Polk mit brennenden Augen, die das Dunkel zu durchdringen suchten. Er sah den jetzt schneeverwehten Reitweg entlang, suchte weiter über die Kämme und den schwarzstarrenden Wald hinweg. Schließlich blickte er wie verloren in die Weite, zu den dunkel drohenden Schroffen hin.

Ein Seufzer hob seine Brust. Einige Minuten stand er bewegungslos, gleich einer Statue. In der Dunkelheit wirkte er wie eine seltsame sagenhafte Gestalt, halb Mensch, halb Bär. Sicherlich lag das nicht nur an dem zottigen Fellanzug, sondern auch an der riesigen Größe Irving Polks und an seiner ganzen Haltung. Ja, er glich wirklich einem täppischen und gutmütigen Bär. Niemand würde bei seinem Anblick glauben, dass dieser Mann im Sattel geschmeidig und gelenkig und ein guter Reiter war.

Düstere buschige Brauen, ein breitflächiges Gesicht mit hohen Wangenknochen, eine breite Nase und ein schmallippiger Mund verstärkten den ersten Eindruck. Sicherlich besaß dieser Mann ungeahnte Kräfte, und gewis konnte er für drei oder vier Mann arbeiten. Gewiss hatte er auch so viel Mut wie drei gewöhnliche Männer zusammengenommen, denn die Tatsache, dass er sich mitten in der Wildnis eine Ranch aufgebaut hatte, bewies, dass er vor Tod und Teufel nicht zurückschreckte.

Das war Irving Polk, ein Mann, dessen Wiege irgendwo in Irland stand und der die blassblauen guten Augen eines Mannes hatte, der trotz Kampf und Not, Elend und Leid gut geblieben war. Sein rotes strähniges Haar fiel unter der Pelzkappe weit auf die mächtigen Schultern herab und flatterte im Wind.

Irving Polk atmete schwer. Resigniert, so schien es, ließen seine behandschuhten Prankenhände das Verandageländer los. Sein Blick löste sich aus der Ferne

Er schritt schwerfällig ins Haus zurück, machte die Tür hinter sich zu und legte den Riegel vor. Hell loderten die Flammen im offenen Kamin.

„Hal, auch heute dürfte Jeff nicht mehr eintreffen“, sagte er zu dem Mann, der im Halbschlummer nahe dem Kamin hockte, die langen Beine ausgestreckt hatte, so dass die nackten Fußsohlen beinahe die Flammen im Kamin berührten.

„Yeah, wieder ein Tag vorbei.“

Der hagere Mann am Kamin regte sich, beugte sich vor und stellte die Stiefel, die er neben sich stehen hatte, weiter vom Feuer fort. Die Flammen beleuchteten ein rotbraunes, wie aus einem Basaltklotz gemeißeltes Gesicht, warfen huschende rote Reflexe auf schwarzes, glänzendes Haar und ließen die schwarzen Augen aufleuchten wie glühende Kohlen. Er gab keine Antwort, sondern starrte düster in die Flammen.

Hal war ruhiger und verschlossener als Irving. Gewiss stand er dem Partner an Zähigkeit und Ausdauer nicht nach. Aber alle Ausdauer und Zähigkeit hatten in diesem Winter die ersten Rückschläge nicht aufhalten können.

Zuerst fiel es Jeff Nugent, ihrem dritten Partner, auf. Er war es, der die Vorräte verwaltete und so auch am besten wusste, woran es fehlte. Er war es auch, der die Aufgabe übernahm, fortzureiten, um mit den lebensnotwendigen Nahrungsmitteln sowie Tabak, Salzblöcken und anderem mehr zurückzukommen. Jeff aber war seit drei Tagen überfällig. Das hatte die ohnehin gespannte Atmosphäre zwischen Hal und Irving bedeutend erhöht. Keiner von ihnen jedoch ließ es sich anmerken, welche Angst sie um Jeff ausstanden. Zum dritten Mal war Irving im Laufe des Abends vor die Tür gegangen, um Ausschau zu halten. Zum dritten Mal kehrte er ohne positives Ergebnis zurück.

Er beobachtete nun Hal mit unterdrückter Wut und knurrte:

„Es scheint dir absolut nichts auszumachen, Buddy, wo Jeff stecken mag?“

„Jeff schießt eine verteufelt gute Kugel, das weißt du so gut wie ich, Irving“, dehnte Hal. Er bewegte bei diesen Worten kaum die Lippen und sah in die Feuerung, als interessierte ihn das Gespräch kaum. Die Einsamkeit der endlosen Winternächte hatte die Männer so weit gebracht, dass sie sich selbst unausstehlich fanden. Sonst waren sie gewohnt, noch vor dem Morgengrauen in die Sättel zu steigen, zu schuften bis spät in die Nacht, um dann todmüde in Schlaf zu sinken. Nun hatten sie plötzlich eine Unmenge Freizeit, mit der sie nichts anzufangen wussten. Was nützte es schon groß, dass Irving schnitzte und Hal sich manchen Tag und manche Nacht mit Raubzeugschießen um die Ohren schlug. Es blieb noch genug Zeit, um sich gegenseitig leid zu werden. Dazu kam es bald, als auch noch der Tabakvorrat ausging.

„Wenn du glaubst, dass mit Jeff alles in Ordnung ist, dann können wir ja schlafen gehen“, dehnte Irving nach einer Pause. „Ich hoffe nur, dass du von den Sioux träumst; denn gerade um diese Jahreszeit sind die roten Teufel vor Hunger halb verrückt und streifen umher wie Wölfe, fallen alles an, was ihnen Beute verspricht. Hölle, yeah, Sioux sind keine lahmen Rothäute, wie du sie in Laramie vor den Schwingtüren der Saloons herumlungern sahst, Fellow.“

„Ah, wem sagst du das?“

Auch jetzt hob Hal nicht einmal den Kopf. Er kratzte sich gelangweilt und bewegte die nackten Zehen vor dem Feuer hin und her, schaute dann zu dem Gewehrständer neben der Tür und betrachtete wohlgefällig die Winchester, Büffelgewehre und die schweren patronengespickten Gurte.

„Es ist auch noch weißes Raubzeug unterwegs, Buddy“, sagte Hal, ohne die Stimme zu heben. „Yeah, manchmal wimmelt es hier in der Gegend geradezu von rotem und weißem Raubzeug.“

Überrascht hob Irving den bulligen Kopf und fragte dann erregt: „Hast du Fährten entdeckt? Zum Teufel, dann hast du also auf eigene Faust bereits nach Jeff gesucht?“

„Du bist ein kluges Kind“, grinste ihn Hal mit blitzenden Augen an und gähnte. „Ich habe sogar einige von deinen fürchterlich wilden Sioux gesehen.“

„Ah, dann war es gewiss ein Trupp von Greisen mit ihren Squaws, mein Junge. Ich sage dir, bisher hatten wir Glück mit den Roten. Wir haben im Frühling und Sommer nicht einen einzigen ihrer Sippe gesehen. Aber das will nicht viel besagen. Was weißt du schon groß von den Sioux, von ihren barbarischen Sitten und ihren heidnischen Bräuchen?“

„Ah, reg dich nicht auf, Buddy“, unterbrach ihn Hal ruhig. „Wir sprachen jetzt von Jeff und nicht von der roten Meute. Du kannst jedoch ganz unbesorgt schlafen gehen. Jeff ist noch nicht in der Nähe. Irgend etwas muss ihn in Douglas aufgehalten haben. Du fragst zuviel, wenn du von mir wissen willst, was das sein könnte. Doch eins ist gewiss: Jeff kann auf sich selbst achtgeben, das wäre selbstverständlich bei dir etwas anderes, Sonny. Dir müsste man eine Amme mitgeben.“

„Eines Tages“, knurrte ihn Irving an, und sein Gesicht verzog sich grimmig, „werde ich dich vierteilen.“ Wütend krachte seine geballte Faust auf den Tisch. „Aber ich glaube, ich werde gar nicht dazu kommen, denn du wirst bestimmt bei Gelegenheit in eine Rotte von Sioux hineinrasseln.“

„Tut mir schrecklich leid, dass du vor ihnen so eine panische Angst hast“, dehnte Hal. „Haben sie mal auf deinem Hintern ihre Lanzen zerbrochen und an deiner dicken Haut ihre Pfeilspitzen geschärft?“

Er bog sich geschickt zur Seite, so dass die Kandare, die Irving nach ihm warf, gegen den Kamin sauste und zu Boden fiel. Hal sagte, als sei nichts Sonderliches geschehen:

„Deine Nerven scheinen wirklich nicht mehr ganz in Ordnung zu sein, Dicker. Wenn es dich beruhigt, die Fährten, die ich sah, waren viele Meilen vom Camp entfernt.“

„Viele Meilen?“ wiederholte Irving grimmig. „Halte mich nicht zum Narren! Mehr als fünfzig Meilen kann man in einer Nacht nicht zurücklegen. Erst recht nicht bei diesem Wetter!“

„So? Dann geh mal zum Stall und sieh dir die Pferde an! Sie sind, obwohl ich sie abrieb und ihnen zu fressen gab, noch reichlich mitgenommen“, erklärte Hal, zufrieden vor sich hin grinsend und mit einem noch lauteren Gähnen.

„Geh zum Teufel, Hal!“, fauchte ihn Irving grimmig an. „Man macht sich um deinen verteufelt locker sitzenden Skalp Sorgen und Gedanken und muss dann erfahren, dass du so weit durch die Gegend reitest, nur um Raubzeug hierherzulocken. Zum Teufel, unser Fleisch im Tal steht auf Hufen, und ich will den sehen, der sich daran vergreift!“

„Dicker“, entgegnete Hal sanft. „Ich habe meine Fährte doch wieder verwischt!“

„Verwischt?“, höhnte Irving. „Oh, du Narr, für einen Sioux kannst du keine Fährte verwischen. Um das zu lernen, müsstest du bei ihnen aufgewachsen sein. Du stammst jedoch aus dem Süden. Als ich dich kennenlernte, hast du nicht einmal gewusst, dass es Hochprärieindianer gibt.“

„Tut mir leid, dass ich dir etwas verschwieg, teurer Freund“, unterbrach ihn Hal, wobei er sich genussvoll mit den Fingern die Zehen rieb. „Ich habe vergessen, dir zu sagen, dass es im Süden, an der Grenze Mexikos, auch Redmen gibt.“

„Hölle, wo gibt’s keine Redmen, du Neunmalkluger! Aber einfache Redmen und Sioux sind ein himmelweiter Unterschied“, wetterte Irving.

„Wahrhaftig, so weit nach Süden kommen die federgesdimückten und bunt bemalten Burschen wirklich nicht“, gab Hal mit einem kleinen ironischen Lächeln zu. „Dort, woher ich stamme, am Rand des großen Llano, kommen andere hin, und zwar solche, die eine Fährte selbst auf granithartem Boden lesen können. Kerle, die wie die Wüste sind, unerbittlich, grausam ... Apachen, und ich weiß nicht, ob sie weniger bösartig und gefährlich als deine Sioux sind, Fellow. Mir jedenfalls ist noch nach dem zehnten Jahr schlecht geworden, als ich sie für immer verließ und darauf verzichtete, ein großer Häuptling zu werden.

Yeah, als ich herausfand, dass der große Häuptling mich adoptiert hatte, dass meine Mutter gar nicht meine richtige Mutter war, sondern eine Squaw, die unbedingt einen Sohn haben wollte, weil ihre eigenen Kinder nur Mädchen waren ... Ah, als ich das herausfand, verschwand ich so schnell wie möglich aus dem Camp. Ich war dreizehn Jahre alt und konnte mich wahrhaftig nicht mehr an meine richtigen Eltern erinnern, die wohl irgendwo auf dem Treck ihr Leben gelassen hatten. Und so wurde alles anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Es folgten verdammt bittere Jahre, in denen man alles versuchte, um den Indianer aus mir herauszutreiben. Ob es wirklich gelungen ist? Nun, ich weiß es wahrhaftig nicht, Fellow“, lächelte Hal. Jetzt erst richteten sich seine Glutaugen fest auf den Partner, der fast benommen der Erzählung gelauscht hatte und nun Zeit brauchte, um das alles zu verdauen.

„Yeah, zehn Jahre Redmenleben in der Kindheit - das kann man doch nicht so einfach austreiben - oder?“

Ein hartes, seltsames Lächeln hing in seinen Mundwinkeln, schmal wurden seine Augen.

Irving hieb beide Hände flach auf den Tisch und sagte fassungslos:

„Und damit rückst du erst jetzt heraus?“

„Es kam mir gerade so in den Sinn, Partner. Die Abende sind so verteufelt langweilig geworden, dass ich doch mal mit meiner Geschichte herausrücken muss. Aber jetzt leg dich aufs Ohr, morgen klettern wir in den Sattel.“

Irving nahm die Fäuste von der Tischplatte und sagte befriedigt: „Also. Wir reiten unserem Freund Jeff entgegen - oder?“

„Oder landen irgendwo auf dem Mond, Buddy“, ergänzte Hal belustigt, wobei er seine Stiefel mit den Beinen umstieß, aufstand, sich reckte und zu seinem Lager im anderen Raum hinüberging.

Irving unterdrückte einen Fluch und sah zu, wie Hal sich auf dem Lager ausstreckte, sich in die Wolldecke wickelte und auf die Seite drehte.

Lauter wütete der Sturm um die kleine Ranch. Irving legte sich ebenfalls hin und starrte mit weit geöffneten Augen in die Dunkelheit und lauschte.

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2.

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Am anderen Morgen war der Sturm wie weggeblasen. Nur abgebrochene Baumkronen und zerfetzte Äste zeugten noch von der Urgewalt, die in der Nacht getobt hatte.

Sie hatten sich daran gemacht, die Gewehre unter den Dielen, gleich neben dem Kamin, zu verstecken, hatten sich ausgerüstet und endlich in die Sättel geschwungen. Langsam stampften die Tiere durch die weiße Pracht, an den Corrals vorbei... Bügel an Bügel ritten die Partner, führten beide hinter sich die Ersatzpferde an. einer Longe, die außer dem zweiten Sattel noch den Proviant trugen.

Und dann, gerade als sie die letzten Corralstangen passieren wollten, sahen sie es.

Beide reagierten verschieden. Während sich Irving vor Überraschung steil in den Bügeln aufrichtete, glitt Hal wie ein Schatten aus dem Sattel, war mit einigen langen Schritten am Corral und drängte und zwängte sich durch die Stangen. Er hob den Stoffetzen von einer Querstange und hielt ihn wortlos hoch, es war ein Stück von einem Hemd.

Und beide sahen das Stück Stoff finster, fast hasserfüllt an, so als würde es Unheil, Tod und Kampf verkünden. Unwillkürlich schweifte ihr Blick dann in die Runde. Beide schauten wie auf einen geheimen Befehl nach Spuren aus. Es gab jedoch keine, der Sturm und der Schnee hatten sie selbst für das geschärfteste Auge verweht.

Wieder begegneten sich ihre Blicke. In Irvings Augen flammte es auf, als er sich über das Sattelhorn neigte und das Stück Stoff in Hals Händen fasziniert betrachtete.

„Nun?“, mehr sagte er nicht.

Düster nickte Hal. Man sah, dass seine Finger, die den Fetzen umspannt hielten, bebten.

„Gestern war es noch nicht hier. Jemand hat es in der Nacht verloren.“

„Oder jemand hat es sehr eilig gehabt, ist an den Stangen hängengeblicben und hat sich dabei die Haut geritzt.“

„Ich denke, dass Jeff es absolut nicht nötig hat, hier in der Nacht herumzulauern“, fauchte Hal böse. „Du weißt doch genau, von wessen Hemd dieses Stückchen Stoff stammt. Zum Teufel, was soll man davon halten?“

Der Riese zuckte die mächtigen Schultern und strich sich sinnend über das lange Haar. Er sah sich unruhig nach allen Seiten um und sagte:

„Sicher, Jeff trug bei seinem Fortritt ein Hemd von dieser Farbe, aber das besagt doch noch lange nicht, dass der Fetzen in deiner Hand ausgerechnet von diesem Hemd stammt. By Gosh, wie viele Hemden dieser Art mag es geben. Vielleicht gehört es einem Satteltramp, der hierher kam, um sich etwas zu holen und dann doch nicht den Mut aufbrachte, die Ranch näher zu untersuchen.“

„Oder aber dieser Fetzen stammt wirklich von Jeffs Hemd, und man brachte ihn in der Absicht hierher, dass er von uns gefunden wurde“, unterbrach ihn Hal. „Und das würde gleichbedeutend mit der Aufforderung sein: Macht, dass ihr hier fortkommt!“

„Ah, du meinst, Jeff ist tot und hatte keine Gelegenheit mehr, die Ranch im Grundbuch einzutragen, weil man ihn daran hinderte“, sagte Irving heiser. Die Adern traten ihm am Hals und an den Schläfen wie dicke Stricke hervor. „Well, reiten wir, Buddy.“

Hal gab keine Antwort. Sorgfältig rollte er den Stoffetzen zusammen, steckte ihn ein, verließ den Corral und schwang sich wieder in den Sattel. Sein Gesicht wirkte noch dunkler. Eine grimmige Entschlossenheit lag darin. Fest pressten sich seine Lippen zusammen, wurden zu dünnen Strichen.

„Solange ich nicht vor Jeffs Grab stehe, glaube ich nicht an seinen Tod“, sagte er schweratmend. „Yeah, reiten wir, Fellow!“

Sie ritten an. Zum ersten Mal nach den langen Winterwochen waren sie einer Meinung, ließen sie Spott und Hohn beiseite und versuchten nicht, sich gegenseitig mit grimmigen Witzen anzuöden und sich das Leben noch schwerer zu machen, als es ohnehin schon war.

Schweigend hockten sie in den Sätteln, in dicke Pelze gehüllt und mit Handschuhen an den Händen, bewaffnet mit den Colts und Winchestern, die in den Scabbards hin und her schaukelten.

Sie ritten in gleichmäßigem Rhythmus in Gedanken versunken dahin und hielten ihre 45er Colts schussbereit in den Halftern.

Holzrauch ließ die Partner plötzlich die Pferde anhalten.

„Reiten wir zur Siedlung?“, fragte Irving.

„All right", gab Hal zu verstehen, und sie setzten die Tiere wieder in Bewegung. Vor Monaten hatten sie die Siedlung zum letzten Mal gesehen. Heute hofften sie eine Mitteilung von Jeff dort zu finden, einen Brief im Postoffice. Ah, Postoffice war wohl zu hochtrabend ausgedrückt. Es war lediglich eine klapprige Hütte, die als Endstation einer Postlinie gebaut worden war und wo nur einmal in der Woche die Postkutsche hielt und Passagiere und Briefe beförderte.

Eine Stunde später, als sie um eine Felsecke bogen, sahen sie ein für ihr Auge ungewohntes Bild. Zum zweiten Mal an diesem Tag hielten sie überrascht die Pferde an. Yeah, denn dort unten im Tal standen neue Blockhäuser aus rohen Holzstämmen gezimmert, deren Dächer unter der Schneelast einzubrechen drohten. Aus vielen Kaminen drang scharfer Holzrauch.

Neun Blockhäuser zählte Hal. Ein scharfer Atemzug hob seine Brust. Dann klang es gedehnt von seinen Lippen:

„Alle Wetter, das hätte ich nicht für möglich gehalten! Die Häuser dort scheinen gekalbt zu haben!“

„Hoffentlich keine Kälber mit einer Seuche“, knurrte Irving, dem der Anblick nicht recht geheuer schien. „Der Betrieb wird aber stark in dieser Gegend.“

„Oh, sie sind immer noch weit genug von unserer Ranch entfernt“, grinste Hal. „Es soll uns nur recht sein, eine starke Nachbarschaft zu bekommen. Falls die Redmen plötzlich Gelüste auf unsere Perücken bekommen sollten, ist eine Unterstützung nicht zu verachten.“

Das sagte er, als sie noch weit von den Häusern entfernt waren, doch beim Näherkommen zeigten sich Anzeichen, dass die Abneigung Irvings gegen dieses Anwachsen der Siedlung nicht so falsch war. Einiges fiel ihnen unangenehm auf. Es gab zu viele gesattelte Pferde an den Holmen zwischen den Häusern, und es gab in den Corrals zu viele Rinder, die unterschiedliche Brandzeichen trugen.

Und dann traf es sie wie ein Schlag, als sie ihr eigenes Brandzeichen auf den Flanken mehrerer braunfleckiger Kühe sahen.

„Hölle!“, knurrte Hal. „Wir sind in ein Hornissennest geraten!"

Er wollte noch etwas hinzufügen, vielleicht eine Warnung, oder die Aufforderung umzukehren, solange es noch Zeit war. Doch es war bereits zu spät. Hinter und vor ihnen tauchten Kerle auf, deren Gesichter allesamt auf Steckbriefe passten. Nicht ein einziges sympathisches Gesicht war darunter. Nicht ein Mann war dabei, den sie von früher her kannten.

Wahrhaftig, die Kerle, die so unverhofft vor ihnen auftauchten, hatten sie längst beobachtet, sich versteckt gehalten und nur darauf gewartet, sie in die Zange zu nehmen. Ein breitschultriger, kraushaariger Mann mit einer Messernarbe quer über der Stirn, Wulstlippen und einer breiten, plattgedrückten Nase löste sich etwas von den anderen verkniffen Dreinblickenden Kerlen, verbeugte sich leicht und sagte:

„Willkommen, Gents! Steigt von den Pferden und nehmt einen Drink mit uns.“

„Zum Drink kannst du auch noch einen Tanz haben“, knurrte Irving grollend zurück. Dabei fielen ihm wie von selbst die Handschuhe von den Händen, und gleichzeitig sausten ihm die 45er in die Hände. Die Mündungen richteten sich genau auf den Kraushaarigen. Irvings ironisches Grinsen wurde stärker, er pendelte leicht mit der Mündung der einen Waffe hin und her und sagte seelenruhig:

„Noch bevor die Gents hinter uns blank ziehen, saust du aus den Stiefeln, und zwar geradewegs des Teufels Großmutter vor die Hufe!“

Wenn schon seine schnelle Hand Eindruck gemacht hatte, so noch viel mehr seine Worte. Die raue Bande schwieg betreten. Sie sahen sich seltsam beklommen an. Persönlicher Mut und schnelle Entschlossenheit mochten auch hier die Kerle in Bann schlagen. Jedenfalls zögerte die Gruppe hinter den Partnern, von ihrer günstigen Position Gebrauch zu machen und Hal und Irving aus den Sätteln zu fegen. Vielleicht spürten die Burschen auch, dass sie auf zwei besonders heiße Eisen getroffen waren, die sich vor Tod und Teufel nicht zu fürchten schienen.

Der Kraushaarige mochte einsehen, dass seine höhnische Taktik fehl am Platze war.

Er lächelte, streckte die Hände aus, hob die Handflächen nach oben, zum Zeichen seiner friedlidien Gesinnung. „Ich bin Donald Strother“, sagte er einschmeichelnd. „Ich verstehe einen rauen Spaß. Doch nun dürfte es genug sein, Gents. Ihr seid mir wirklich willkommen!“

Doch Irving nahm seine Waffen nicht fort. Er drohte weiter mit den Colts und tat so, als wüsste er nichts von den Mündungen in seinem Rücken. Sicherlich verließ er sich auf den geschmeidigen Burschen an seiner Seite, dessen Gesicht ein mildes Lächeln zeigte und der so ruhig und aufmerksam im Sattel saß, als sei er bei irgendeiner Vorstellung Logengast.

„Strother, lass deine Kerle aus meinem Rücken verschwinden. Ruf sie zu dir!“, befahl Irving, als der andere schluckte und seinen Zorn herunterwürgte. „Ich möchte nicht, dass mein Daumen vom Hammer gleiten muss, und das kann bei dieser verteufelten Kälte rasch geschehen.“

Strothers Augen verengten sich. Man sah ihm an, dass eine Flut von Gedanken ihn erschütterte und dass er sich am liebsten dem Gegner an die Kehle geworfen hätte, dass ihm aber der Mut dazu fehlte. Er winkte tatsächlich seinen Männern zu, und diese zogen knurrend zu ihm hin, gaben die Rücken der beiden Partner frei.

„Du siehst, dass ich darauf eingegangen bin, Freund“, würgte Strother hervor. „Daraus kannst du meine friedliche Gesinnung erkennen. Was, zum Teufel, willst du noch?“

„Wissen, wo der alte Bill vom Postoffice ist“, schnappte Irving zurück.

„Bill? Nun, ihm gefiel es hier nicht mehr und verschiedenen anderen ebenfalls nicht. Sie zogen fort.“

„Und überließen euch die Häuser und auch das Vieh dort so ohne weiteres, wie?“

„Yeah, so ist es“, bestätigte der Kraushaarige selbstgefällig. „Wir vertrieben die Schufte, die fremder Leute Vieh von den Weiden holten, jagten sie zum Teufel. Das ist die Wahrheit, und dazu gehört auch noch, dass Bill der Anführer der Rustlerbande war.“

„Mit anderen Worten, alle alten Einwohner sind fortgezogen?“, stieß Irving lauernd hervor.

By Gosh, Strother war zwar feige, aber er war nicht dumm. Sicherlich hatte er bemerkt, wie Irving und Hal beim Anblick der Rinder gestutzt hatten, und er besaß jetzt tatsächlich die Unverschämtheit zu sagen:

„Wir sind eine raue Horde, aber wir stehen jederzeit auf seiten des Gesetzes, sind sozusagen Wegbereiter desselben. Und darum, falls ihr hierhergekommen seid, um irgendwelche Ansprüche zu stellen, so kommen wir schon ins Reine. Steigt ab, nehmt mit mir einen Drink und dann ...“

„Strother, wir überlegen uns das noch. Wer hat das Postoffice übernommen?“

„Link Custer, der einzige, der nicht aus der Siedlung ging, als wir sie übernahmen, und das ist doch gut so, nicht? Wenn’s anders wäre, könnte man uns vielleicht noch vorwerfen, Briefe und andere Dinge beschlagnahmt zu haben.“

Bevor Irving antworten konnte, mischte sich Hal ins Gespräch.

„Das stört uns verteufelt wenig“, sagte er sanft. „Nur unseren Boss wird das interessieren. Genauso, wie es ihn interessieren wird, wer sich hier niedergelassen hat, Strother!“

Man sah Irving an, dass er fast am Verstand seines Partners zweifelte und sich zusammennehmen musste, als Hal ihm sanft die Waffe zur Seite schob, die Pferde antrieb und so tat, als gäbe es keinen Strother für ihn.

Und wie durch ein Wunder ließ man sie tatsächlich mit den Packtieren passieren. Hinter ihnen schloss sich die Männerkette, aber keiner griff zu den Waffen.

„Hölle, das verstehe ich nicht“, raunte Irving bitter. „Was ist los?“

„Oh, ich habe nur genauso gelogen wie dieser üble Strother“, gab Hal leise zurück. „Solange sie uns für Rancher hielten, die hinter ihren gestohlenen Rindern her sind, werden sie keine Gelegenheit unversäumt lassen, uns ihr Blei in den Rücken zu jagen und uns abzuschießen wie Hasen. Jetzt aber müssen sie glauben, dass wir Abgesandte eines genauso rauen Vereins sind wie sie und dass hinter uns eine verteufelt üble Mannschaft steht. Well, nun werden sie es sich überlegen, etwas gegen uns zu unternehmen.“

Er beugte sich näher zu Irving hin und fuhr fort:

„Glaube nur nicht, dass du sie hättest lange aufhalten können. Deine Frechheit hat sie zwar überrascht, aber dennoch nicht in die Enge getrieben. Es ist gewiss, dass sie uns bei passender Gelegenheit in Stücke geschossen hätten. By Gosh, hier muss die Hölle losgewesen sein!“

Irving knurrte böse: „Strother heißt der Bursche, und mir ist so, als hätte ich diesen Namen in einem üblen Zusammenhang schon einmal gehört. He, was willst du jetzt noch beim Office? Es ist doch wohl klar, dass wir keinen Brief von Jeff zu sehen bekommen.“

„Yeah, den Brief habe ich auch bereits abgeschrieben. Ich will mir nur Link Custer ansehen.“

Irving spähte zurück. Der Platz war leer. Aber was machte das schon? Sicherlich hatten die Kerle bessere Positionen bezogen und beobachteten aus den Deckungen der Häuser heraus ihr Tun. Ohne Zweifel schwenkten Winchesterrohre bei jeder Bewegung der Pferde mit. Allein dieser Gedanke schon konnte einem den Schweiß auf die Stirn treiben und den Magen zusammenkrampfen. Irving grinste ein wenig verstört.

„Wenn man bedenkt, was aus dieser Siedlung geworden ist...“

„... kannst du direkt vergessen, welch gute Zielscheibe du abgibst“, spottete Hal. „Dich kann eine Kugel aus fünfzig Yard Entfernung nicht verfehlen.“

Das war ein Trost, und wieder fluchte Irving heiser vor sich hin. By Gosh, yeah, sie ritten mitten durch eine Siedlung, in deren Corrals geraubtes Vieh stand und Kühe mit ihrem eigenen Brandzeichen blökten.

*

Vor dem alten Haus des Postmeisters hielten sie an, schwangen sich steifbeinig aus den Sätteln und banden Pack und Reittiere an den Halteringen fest.

Der kurze Tag neigte sich im Dämmerlicht der heraufziehenden Nacht, die ihre Schatten bereits zwischen den Häusern ausbreitete.

Auf ihr Klopfen öffnete ein vertrocknet aussehendes, gelbgesichtiges Männlein die Tür und kicherte bei ihrem Anblick dünn.

„Mitchell und Polk! Wahrhaftig, es sind nicht eure Geister! Ihr seid es lebendig und munter wie eh und jeh!“

„Aber nicht so betrunken wie du, Custer“, schnitt ihm Hal das Wort ab. Er packte das dünne Kerlchen wie eine Pappfigur, hob es ohne Anstrengung leicht vom Boden und trug es mit der ausgestreckten freien Linken tiefer in den Raum hinein.

„Deine Fuselwolke kann einen Stier auf der Stelle töten, Custer“, fuhr er ihn an. „Noch nie warst du so voll wie heute! Was ist los?“

„Ich muss trinken“, lallte Custer, wobei er wieder kicherte. „Muss immerzu trinken ...“

„Du meinst, solange der Vorrat reicht, wie?“, knurrte Hal.

Custers Augen waren wie mit Schleiern überzogen. Er reckte sich, als wollte er sich größer machen, stemmte seine Fäuste vor, schüttelte sie und stammelte:

„Was willst du von mir, Mitchell? Macht lieber, dass ihr fortkommt, verschwindet, solange es noch Zeit ist und Duke Garret nicht zurückkehrt.“

„Garret?“, kam es über Hals Lippen.

Er krallte die Rechte tiefer in Custers Schulter, ließ dann jäh den kleinen Mann los und fuhr Irving an:

„Garret! Du kennst ihn doch?“

„Und ob! Er ist der größte Schuft, der jemals unter der Sonne lebte!“, explodierte Irving mit einem bösen Auflachen.

„Hör genau zu, Custer. Du warst doch dabei, als man die Siedlung hier besetzte. Was ging hier vor?“

Custer duckte sich wie unter einem Peitschenhieb und stammelte mit monotoner Stimme: „Rustler wurden aufgedeckt und vertrieben. Aber das wird dir sicherlich auch Strother schon erzählt haben.“

„Das und auch, dass du nun Postmeister geworden bist, Custer. Wo ist Jeff Nugents Brief, der an uns gerichtet war?“

Wieder zuckte Custer zusammen, atmete schwer, und seine Schultern sackten herab. „Ich weiß nichts von einem Brief“, erklärte er fast weinerlich, und sein Blick war wie hypnotisiert auf die Tür gerichtet.

Irving wirbelte herum, riss im Herumgleiten die 45er heraus, und im gleichen Augenblick verschwand der Schatten wie ein Spuk in der Nacht.

„Der Brief ist für uns sehr wichtig. Womöglich enthält er die Besitzurkunde für unsere Ranch.“

„Das ist möglich, aber wie schon gesagt, ich habe keinen Brief erhalten und außerdem nehmt meinen Rat an. Die Nachbarschaft hier wird euch über den Kopf wachsen! Verschwindet und lasst eure Ranch im Stich. Das Leben ist besser als der Tod!“

Custer verstummte. Die riesige Hand Irvings klammerte und schraubte sich fest in seine Rockaufschläge. Der Kleine wurde hoch in die Luft gehoben.

„Ich häng dich glatt am Dachsparren auf und lass dich dort oben verhungern“, knirschte er. „Ich kann begreifen, dass dich Schuft niemand haben wollte und du dich auf die Seite der Eroberer geschlagen hast. Aber was mir nicht in den Schädel will, ist, dass du noch nicht begriffen hast, dass wir kurzen Prozeß mit dir machen, wenn du nicht die Wahrheit sagst. Wo ist also der Brief?“

Der Kleine zappelte mit den Beinen, ruderte verzweifelt mit den Händen durch die Luft, wimmerte leise und krächzte dann:

„Garret hat ihn!“

„Also doch! Hast du ihn vorher gelesen?“

„Yeah ...“

„War die Besitzurkunde dabei?“

„Nein, Jeff zog es vor, sie nicht zu schicken, sondern will sie selbst mitbringen.“

„Und - ist Jeff in Ordnung?“

„Yeah, er trifft morgen oder übermorgen hier ein. Das hängt ganz davon ab, wie seine Schwester den Ritt durchhält“, erklärte der Alte kläglich.

„Seine Schwester?“, fauchte Hal.

„Seine Schwester?“, stöhnte Irving verbissen und ließ den Kleinen zu Boden gleiten. Seine flackernden Augen stierten Hal an.

„Begreifst du das? Jeff schleppt seine Schwester mit in diese Wildnis? Hölle und Teufel! Er hätte sie lieber zum Mond schicken sollen oder zum Präsidenten der Vereinigten Staaten!“

„Buddy, das ist nicht mehr wichtig, seitdem Garret den Brief hat“, fauchte ihn Hal an. „Garret ist informiert, und sicher weiß er auch, dass die Three-Bar-Ranch eine Ranch ist, die hier die größten Zukunftsaussichten hat, dass sie geschaffen ist, ein großes Rinderreich werden zu können, und das, mein Lieber, wird Garret dazu veranlassen, seine dreckigen Krallenfinger nach ihr auszustrecken und unseren Jeff auf seine Art zu empfangen. By Gosh, Jeff ist in Gefahr, Partner, und seine Schwester dazu! Alle roten Höllenbrüder der Sioux sind die reinsten Engel gegen Garret und seine Bande!“

Irving starrte mit kalten Augen auf das Männchen, das grau und schlotternd vor ihnen stand. „Vielleicht kann uns dieser Wurzelzwerg sagen, wo Garret Jeff die Besitzurkunde der Three Bar abjagen will.“

Custer schluckte schwer. Die graue Farbe seines Gesichtes vertiefte sich. Wie ein Kaninchen vor dem tödlichen Biss einer Schlange stand er da, bebend und zitternd; starrte auf die unheimlichen Hände Irvings, die sich streckten und ballten. Custer fror förmlich vor Angst. Yeah, die beiden benahmen sich so, als hätten sie die Siedlung bereits in ihrer Tasche, taten so, als wäre nicht ringsum die Höllenmeute, die nur darauf wartete, sie zu zerreißen.

„Ich weiß nichts!", kreischte Custer verstört. „Nichts - gar nichts!“

„Dein Gedächtnis war schon immer schlecht, Link“, gab Hal sanft zu verstehen. Er zündete bei diesen Worten die Petroleumlampe an, drehte den Docht auf, und ein feines Lächeln geisterte um seine Mundwinkel. Mit der Mokassinspitze zog er sich einen Hocker heran, ließ sich bequem darauf nieder und betrachtete den kleinen Mann aufmerksam. Er zog dann ganz gemächlich den Stofffetzen, den er am Corralzaun gefunden hatte, aus seiner Tasche und hielt ihn Custer unter die Nase.

Der Kleine sog tief die Luft ein und sah Hal fragend an. Yeah, man sah ihm an, dass er sich nicht verstellte, dass er einfach nicht begriff, und das sagte mehr als tausend Worte.

„Was ist mit dem Fetzen?“, sprudelte er heraus.

„Nun, du kannst ihn dir in den Mund stecken“, spöttelte Hal.

„Wozu?“, fauchte Custer.

„Damit du den Mund hältst, wenn die Kerle dich fragen, wer wir sind.“

„Ich verstehe“, erwiderte Custer verständnisvoll. „Sie wissen also nicht, dass ihr zur Three Bar gehört?“

„No, und sie sollen es auch nicht von dir erfahren, verstanden?“

Er brach ab und sah zu Irving hin, der an den Regalen stand und die einzelnen Fächer mit der Post nachsah, jetzt herüberblickte und sagte:

„Die armen Siedler haben nicht einmal ihre Post bekommen, ehe sie verschwinden mussten. Damned, Custer, was ist hier wirklich geschehen?“

Custer senkte den Kopf. Er blickte aus verschwommenen Augen zu Boden und sagte gepresst:

„Nur das, was in vielen anderen Siedlungen und auf vielen anderen Ranches passiert: Der Stärkere zwang eben den Schwächeren zu Boden ...“

Er brach mitten im Satz ab. Schatten tauchten an der Tür auf. Das Licht fiel auf blitzende Winchesterläufe.

Unhörbar waren die Kerle herangekommen. Sie schoben sich nun durch die Tür, und im gleichen Moment klirrten die Scheiben, schoben sich Gewehrläufe ins Rauminnere hinein, und ihre dunklen Mündungen waren auf die drei Männer gerichtet.

Es war wirklich nicht sonderlich warm in dieser alten Hütte, jetzt aber wurde es noch kälter. Custer kreischte ein hysterisches Lachen heraus, und Hal ließ den kleinen Stofffetzen so schnell verschwinden, dass niemand etwas sah. Irving jedoch grinste Strother missvergnügt an und schnaubte:

„Das nehme ich dir verteufelt übel, Buddy. Wir waren mit unseren Untersuchungen hier noch nicht am Ende.“

„Das stört mich einen Dreck“, hohnlachte Strother triumphierend. „Ihr hättet die erste Überrumpelung nutzen und verschwinden sollen; denn so groß seid ihr beide wirklich nicht, dass ...“

„Oh, Buddy, wenn du das herausfinden willst, dann lass uns beide einen kleinen Tanz zur allgemeinen Unterhaltung austragen“, sagte Irving, und - wahrhaftig, seine Stimme schwankte nicht. Sie war kalt und grollend, so als konnte er über den Anblick der drohenden Läufe nur lächeln. „Also, was willst du?“

„Herausfinden, von welchem Verein ihr seid“, platzte Strother heraus. Die breite Messernaht auf seiner Stirn aber glühte, seine Augen funkelten. „Überlegt euch die Antwort genau, Freunde, oder ihr fahrt mitsamt dem kleinen Zwerg hier geradewegs durch die Nacht.“

Irving grinste immer noch. Er legte ruhig einen Stapel Briefe in das Regal zurück und strich sich über sein strähniges rotes Haar.

„Wenn’s weiter nichts ist“, nahm er das Wort, „will ich dir gerne dienlich sein. Unser Boss ist Patrick Donegan.“

„Der Vier Staaten-Bandenchef?“, explodierte Strother und wurde seltsam bleich. „Seit wann operiert Patrick in dieser Gegend?“

„Seitdem er herausfand, dass man mit einem scharfen Rudel sich hier ein Reich erobern kann“, sagte Irving gelassen. „Ich denke, dass Duke Garret aus demselben Grund hier sein Lager aufgeschlagen hat.“

„Garret war ein Freund von Patrick Donegan“, knurrte Strother zwischen den Zähnen. „Er ritt lange Zeit als Unterführer in der Vier Staaten-Bande. Ihr werdet also bleiben, bis unser Boss zurückkommt.“

„Wenn uns das passt, yeah“, sagte Irving ruhig.

„Fellow, das wird euch angenehm sein müssen. Wenn es wahr ist, was du gesagt hast, werden sich beide Mannschaften höchstwahrscheinlich vereinen. Jetzt beantworte mir nur noch die Frage, warum euch die Rinder mit dem Three Bar-Brandzeichen im Corral so stutzig machten?“

„Weil unser Boss es gerade auf die Three Bar abgesehen hat und weil es uns ärgerte, dass ihr uns zuvorgekommen seid“, kam es Irving von den Lippen. Hölle, yeah, er verstand meisterhaft zu schauspielern. Er kümmerte sich nicht um Custer, der wie trunken von einem zum anderen sah und sich die Unterlippe blutig biss. Yeah, Custer zitterte. Er erinnerte sich an den Tag, als die Bande die Siedler vertrieb. Damals hatte niemand gewagt, ein solches Wort zu führen. Nur Old Bill hatte aufgemuckt. Old Bill, ein Mann, der am wenigsten verlor und ohnehin nicht mehr lange zu leben hatte. Er hatte die Zähne gezeigt und war im Kugelhagel der Schufte zusammengebrochen. Vor der Siedlung lag sein Grab. Dort ruhte er sich nun von den Strapazen seines Lebens aus.

„Patrick hatte schon immer ein Auge für die besten Möglichkeiten“, fuhr Irving weiter fort, und das war tatsächlich allgemein bekannt. Er sagte damit nichts Neues, verschwieg nur, dass irgendwo am Vier Staaten-Eck in den Navajo Mountains ein Grab war, welches die sterblichen Überreste des einst so gefürchteten Patrick Donegan bedeckte. Er verschwieg den Kerlen, dass er es war, der wie ein Tiger die Fährte der Vier Staaten-Bande auseinandersprengte, dass seine Kugel Patrick aus den Stiefeln holte und dass es eine verdammt schnelle und glatte Kugel war, in einem fairen Kampf geschossen.

Er verschwieg auch, dass der Sterbende ihm den Namen des Mörders gesagt hatte, der seinen Bruder Samuel, den Staatenreiter, aus dem Sattel geholt hatte. Yeah, und dass es ausgerechnet Garret war, der Samuel tötete, und zwar auf eine ausgesprochen gemeine Art. Samuel wurde damals mit einer Kugel im Rücken gefunden. Yeah, das alles verschwieg Irving.

By Gosh, er wusste einiges von Patrick, aber er musste auch damit rechnen, dass die Nachricht von seinem Tod bereits die Runde gemacht hatte. Und trotzdem tischte er den Burschen die Mär auf, Patrick wäre der Bandenboss, dem er und Hal dienten.

Er beobachtete scharf den narbigen Strother und stellte fest, dass er es schluckte. Der Bursche gab mit einem Wink den Befehl, die Waffen zu senken.

„Vorläufig muss ich dir deinen Song abnehmen, Buddy“, knirschte er böse, „muß euch also vorläufig auch als Gäste behandeln.“

„Was dir verteufelt schwerzufallen scheint, Strother, wie?“, grinste ihn Irving unverschämt an.

Strother griente verkniffen. „Ich kann mir nicht helfen, aber wenn ich euch ansehe, so dünkt mir, als würde von euch für uns noch eine Menge Verdruss kommen, und das gefällt mir verdammt wenig. Ich bin der Meinung, dass man das jetzt und auf der Stelle am besten erledigen sollte.“

„Ah, wohl auf die bereits bekannte, niederträchtige Art“, explodierte Irving. „Es gibt wohl keinen unter euch, der einen Tanz mit mir oder meinem Partner wagen möchte, gleich, ob mit dem Eisen oder mit den Fäusten. Garret hätte sich wirklich nach besseren Männern umsehen müssen, wenn er Patrick Konkurrenz machen will.“

Irving spuckte bei diesen Worten zur Seite. Oh, yeah, er sah sehr wohl, wie die Schurken die Köpfe hochrissen und ihm Blicke zuwarfen, die nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrigließen. Er sah aber auch, dass sie keine Ahnung von dem Tod Patricks hatten.

Fünf Kerle belagerten die Tür, die anderen aber hatten sich an den windschiefen Fenstern der baufälligen Flütte postiert. Finster und grimmig sahen sie drein, einer wie der andere.

Von einer krankhaften Blässe war Custer. Er bebte und schlotterte vor Angst. Seine Augen wanderten hin und her, aber er wagte es nicht, den Sachverhalt zu klären, jenen Schurken mitzuteilen, dass sie hinters Licht geführt wurden. Er spürte, dass auch sie ihn verachteten und ihn bisher nur geduldet hatten, weil sie ihn brauchen konnten, jetzt aber entschlossen waren, auch mit ihm kurzen Prozess zu machen.

Niemand gab Irving Antwort. Schweigend stand neben Strother der krummbeinige, fahl und grau aussehende Cliff Rutherfort. Alles an dem Mann war grau, Kleidung und Haut, die Ohren und selbst die Fingernägel. Er trug kreuzgeschnallte Patronengurte, an denen die Patronenköpfe im weichen Licht der Lampe hell aufblitzten. Er stand geduckt, mit grimmig verzogenem Gesicht, war etwas nervös und machte den Eindruck eines Mannes, der entschlossen war, Irvings Herausforderung anzunehmen. Gewiss hielt er sich für einen unschlagbaren Revolvermann, und sein Blick traf Irving und auch Hal mit kalter Wut. Rutherfort galt als rechte Hand Garrets. Er war verschlagen und listig, dazu ein verteufelt schneller Mann mit den Eisen.

„Donald“, rief er grimmig zu Strother hinüber. „Die beiden scheinen sich mächtig rau vorzukommen, aber so wahr ich Cliff Rutherfort bin, es gab andere raue Boys, die nach meiner Behandlung schwach und weich in den Kniekehlen wurden. Lass es mich doch versuchen! Ich nehme sie mir einzeln vor, und was von ihnen übrigbleibt, tragt ihr dann vor die Siedlung.“

Irvings Grinsen verstärkte sich. Yeah, er schien von Freude überwältigt zu sein und ließ sich herab, eine tiefe Verbeugung vor dem krummbeinigen Rutherfort zu machen.

„All right, Vetter! Das ist ein Wort! Zögern wir es nicht lange hinaus! Machen wir, dass wir an die frische Luft kommen. Der Geruch ist seit eurem Eindringen sowieso unerträglich geworden. Mein Leben lang hatte ich etwas gegen Coyoten und Skunksgestank.“

Nein, mehr brauchte er wahrlich nicht zu sagen. Ein grollendes Murren stieg aus den Reihen der Kerle, und Rutherfort klatschte die Hand auf den Coltkolben. Er brüllte mit schier erstickter Stimme Strother an:

„Komm mir jetzt nicht mehr dazwischen! Wer die beiden Großmäuler auch sein mögen, mir ist es verteufelt gleich. Ich weiß nur eins, daß ich ihnen zum Tanz aufspielen muss. Yeah, der Grisly soll als erster tanzen! Und dann wird der schwarzhaarige Tiger an die Reihe kommen. By Jove, ich habe schon lange auf einen guten Mann gewartet“, fauchte er frohlockend, war erfüllt von der teuflischen Freude eines Killers, den der Kampf Mann gegen Mann süchtig gemacht hatte.

Rutherfort befand sich in einem eiskalten Rausch, und Irving machte sich nichts vor. Er wusste, dass von allen Kerlen gerade Rutherfort einer der gefährlichsten war, ein Mann von der Sorte, die in jeder Crew abseits standen, weil man sie hasste und fürchtete, weil sie wie beutehungrige Bestien nach Revolverduellen dürsteten, immer auf der Suche nach dem besseren Mann waren. Kerle seiner Art starben niemals im Bett oder an Altersschwäche. Sie fuhren aus den Stiefeln; denn eines Tages trafen sie gewiss auf den besseren Mann und dann... dann sausten sie im Aufbrüllen der Colts direkt in die Hölle!

Ähnlich mochte auch Hal denken. Er hatte seinen Blick auf Rutherfort gerichtet und tastete ihn Zoll für Zoll ab. Neben ihm flüsterte der kleine Custer verstört:

„Ihr seid verloren, wenn ihr euch mit ihm einlasst. Er hat Old Bill umgebracht."

„Gehen wir!“, forderte Cliff Rutherfort, und Strother nickte dazu, obwohl man ihm ansah, dass er mit der Wendung der Dinge nicht ganz einverstanden war. Yeah, Strother wusste ganz genau, was geschah, wenn Garret davon erfuhr. Er dachte daran, dass Patrick Donegan ein berüchtigter Banditenboss war und zog die Stirn in Falten. Die Verantwortung lastete auf ihm. Gewiss sagte er sich, dass Patrick Donegans Mannschaft aus Männern bestand, die alle so rau waren wie diese beiden, und wenn diese Mannschaft nur aus Kerlen, die Tod und Teufel nicht fürchteten, bestand, dann stand es schwarz um Garret und seine Männer, und die Zukunft sah gar nicht mehr rosig aus.

Er zog die massigen Schultern hoch und strich sich über die gezackte, flammendrote Stirnnarbe.

„Seid ihr einverstanden?“, fragte er der Form halber Hal und Irving.

„Mach dir keine Sorgen“, grinste ihn Irving frech an. „Achte du nur darauf, dass sich die anderen Brüder aus dem Verein schön heraushalten und ihre Pfoten von den Eisen lassen; denn Hölle, wenn wir erst einmal im Zug sind, garantieren wir für nichts.“

Rutherfort wollte etwas entgegnen, doch Strother krallte seine Rechte in seine Schulter und raunte ihm heiser zu:

„Sei nicht so hitzig! Wenn die mit den Eisen so gut sind wie mit dem Mund, wäre es schade, solche Partner zu verlieren, und es wäre auch schade um dich!“

Das sollte wohl so eine Art Versöhnung sein. Rutherfort jedoch wehrte schroff ab, bleckte die Zähne und zischte:

Details

Seiten
150
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903492
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Januar)
Schlagworte
männer sturm

Autor

Zurück

Titel: Männer im Sturm