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Kit Carson Sammelband #4

2016 400 Seiten

Leseprobe

Klappe

Missouri 1830. Als der junge Kit Carson in einer Sattlerei mit einem Giganten namens Seth McClusky zusammenstößt, ahnt er noch nicht, dass dieser zu seinem Todfeind werden wird. Zwei Jahre später erhält er den Auftrag, einen Treck einzuholen, der von einem verräterischen Scout ins Verderben geführt werden soll. Sein Name: Seth McClusky!

Der Treck nach Kalifornien wird von Jim Bridger übernommen und verliert einige Teilnehmer: Ezra Carlisle und seine Nichte Linda sind im Besitz einer geheimnisvollen Schatzkarte, die nach Niederkalifornien weist, und Kit Carson will sie nicht allein und schutzlos dorthin ziehen lassen. Ganz uneigennützig ist sein Angebot indes nicht, denn er hat sich in Linda Carlisle verliebt.

In einer geheimnisvollen Gebirgsstadt scheint ein letzter Kampf auf Leben und Tod zwischen Kit Carson und dem Erzschurken Seth McClusky stattzufinden. Als Washakie eintrifft, ist die Entscheidung längst gefallen. Doch der Tote ist nicht Seth McClusky...

Dies ist der 4. Sammelband mit den weiteren Abenteuern Kit Carsons und enthält die Erzählungen:

Wagenzug nach Kalifornien

Der Schatz der Jesuiten

Bittere Rückkehr

Wagenzug nach Kalifornien

AMERICAN FRONTIER KIT CARSON – der legendäre Scout

Band 6

by LESLIE WEST

Der Umfang dieses Buchs entspricht 173 Taschenbuchseiten.

Missouri 1830. Als der junge Kit Carson in einer Sattlerei mit einem Giganten namens Seth McClusky zusammenstößt, ahnt er noch nicht, dass dieser zu seinem Todfeind werden wird. Zwei Jahre später erhält er den Auftrag, einen Treck einzuholen, der von einem verräterischen Scout ins Verderben geführt werden soll. Sein Name: Seth McClusky! Ein Zusammenstoß mit Blackfeet-Indianern geht dank der Hilfe des Schoschonen Washakie gerade noch einmal gut aus. Kit Carson und Washakie werden dabei zu Freunden. Gemeinsam führen sie den Wagenzug weiter. Die Knappheit der Vorräte und ein Unwetter zwingen sie, in einem unheimlichen Fort Zuflucht zu suchen.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover by Hugo Kastner, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de  

EIN UNVERHOFFTES WIEDERSEHEN

Franklin, Missouri.

Der hochgewachsene junge Mann, der die Sattlerei betrat, war ganz nach Trapperart gekleidet. Seine Jacke und seine Hose waren aus dem Leder jener Wapitis gefertigt, die man zwischen der Teton Range und dem Jackson Lake in Wyoming findet, und beide reich mit Fransen verziert. Wie viele Mountain Men trug auch er sein dichtes blondes Haar schulterlang wie die Indianer weit über den Kragen hinunter.

Er hatte ganz das Aussehen eines Jägers, den es nicht oft in die Zivilisation zurück zog. Seinesgleichen war in den Gebirgen, Prärien und Savannen des weiten Westens zu Hause. Für das gleichförmige Leben auf einer abgelegenen Farm, in einer dunklen Werkstatt oder Schreibstube schien er gänzlich ungeschaffen.

Etwas wehmütig, doch ohne Bedauern sah sich der Neuankömmling in der Sattlerei um. Der Inhaber war so sehr in seine Arbeit vertieft, dass er den Eintretenden gar nicht bemerkte.

In diesen Räumen hatte alles begonnen. Mit fünfzehn Jahren hatte Kit Carson hier seine Lehre als Sattler angetreten. Sechs Jahre zuvor war sein Vater getötet worden, und er hatte sich bereits früh um seine Geschwister und seine Mutter kümmern müssen.

David Workman, der damalige Besitzer, hatte den gelehrigen Jungen gerne aufgenommen. Kit, der bereits als Achtjähriger gelernt hatte, mit der Muskete seines Vaters umzugehen, wäre lieber in den Wäldern geblieben, sah jedoch die Notwendigkeit seines Unterkommens ein. Workman hatte ihm bald das Bügeln, Nähen und Glätten beigebracht, und Kit arbeitete vom ersten Tageslicht bis zum letzten Blaken der Öllampen auf seiner Bank.

Viele der Kunden waren Mountain Men, deren Leben zur Legende geworden war. Mit leuchtenden Augen hatte Kit ihren Erzählungen gelauscht, in denen die unendliche Wildnis der Berge und Seen beschrieben wurde, die nie zuvor eines Menschen Fuß betreten hatte und in der sie jagten und fischten. Sie berichteten von feindlichen Indianern und seltsamen Tieren, bis Kit der Kopf schwirrte. Wie gerne wäre er doch mit ihnen gezogen!

Dann war der Tag gekommen  ... 

“Mister Carson!“

Colin Simpson, Workmans Nachfolger, hatte Kit nun endlich bemerkt. Workman hatte seine Sattlerei im Mai 1827 verkauft und war nach Santa Fé weitergezogen.

“Mister Simpson“, lächelte Kit. “Ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich habe nur wieder einmal von vergangenen Tagen geträumt, als Jedediah Smith, Milton Sublette und Zebulon Pike sich an diesem Tisch die Hände geschüttelt haben. Freut mich, Sie wiederzusehen. Wie geht ‘s?“

Nur das kurze Stocken seiner Worte hatte verraten, dass ihm gerade selbst ein gelinder Schrecken widerfahren war.

In einem der hinteren abgelegenen Winkel der Sattlerei, in den nur wenig Licht fiel, stand ein dritter Mann. Aber was für ein Mann!

Ein Riese! Er musste weit über sieben Fuß messen. Die völlige Lautlosigkeit, mit der er sich dort hinten aufhielt, schien geradezu in Widerspruch zu seiner gigantischen Größe zu stehen. Er hatte Schultern von einer Breite, die Kit noch an keinem anderen Mann gesehen hatte. Fahlblondes strähniges Haar umrahmte einen wuchtigen Schädel.

Bei Kits Worten drehte ihm der Hüne sein Gesicht zu. Die harten grauen Augen unterstrichen die Brutalität seiner Züge nur noch.

Jetzt fiel Kit auch Colin Simpsons Nervosität auf. Er schien aufzuatmen, dass er mit dieser unheimlichen Gestalt nun nicht mehr allein war.

“Danke der Nachfrage, Mister Carson. Schauen Sie sich ruhig noch ein wenig um! Und Sie, Sir? Gefällt Ihnen der California-Missionssattel? Er ist noch in einem sehr guten Zustand. Sein Vorbesitzer hatte wenig Verwendung für ihn  ...  “

Der Gigant schien wie absichtslos nach seiner Deringer-Rifle zu greifen, die erst kürzlich in den Handel gekommen war. Kit fühlte dennoch eine leichte Anspannung. Seine Rechte näherte sich so unauffällig wie nur möglich der Rappahannock-Holsterpistole.

Der Hüne lachte laut auf. Es war ein unangenehmes bellendes Lachen, das die Spannung, die in der Luft lag, keinesfalls minderte.

“Wollen Sie mich vergackeiern, Sattler? In diesem Kindersattel hat doch kein ausgewachsener Mann Platz! Ich brauche etwas in meiner Größe, verdammt noch einmal.“

“Das dürfte nicht leicht zu finden sein, Sir“, wagte Colin Simpson schüchtern einzuwenden. “Jedoch könnte ich mich bei den vorhin eingetroffenen Trappern umschauen, ob sie etwas Passendes loswerden wollen.“

Der Riese setzte gerade zu einer unbeherrschten Antwort an, als ein weiterer Besucher zur Tür hereinkam.

Kit Carson staunte ein wenig. Es kam selten vor, dass Indianer die Siedlungen der Weißen betraten.

Der Neuankömmling war ebenso hochgewachsen wie Kit und vielleicht ein wenig älter, also ebenfalls über zwanzig. Er war sehnig und kräftig gebaut, sein Gesicht verriet Würde und Anstand. Kit erkannte aufgrund seiner Kleidung sofort, dass es sich um einen Schoschonen handelte, während er das Gesicht und den edlen Körperbau nicht ohne Zögern dieser FamIilie zugeordnet hätte. Auch schien die Hautfarbe für einen reinrassigen Indianer ungewöhnlich hell.

Der Hüne im Hintergrund und der junge Schoschone sahen einander etwa gleichzeitig. Mit einem halb erstickten Wutschrei brachte der Riese seine Deringer-Rifle diesmal wirklich in Anschlag.

“Hab‘ ich dich, verfluchte Rothaut!“

Kit war schneller gesprungen als er gezogen hätte. Der Schuss fuhr dröhnend aus dem Lauf, aber die Kugel schlug in die Decke ein. Kit hatte das Gewehr mit voller Wucht nach oben gestoßen.

Der Gigant riss die Flinte so schnell und mit solcher Kraft nach links, dass der junge Trapper mit einer Heftigkeit zurückgeworfen wurde, die ihm den Atem raubte. Er flog zwischen zwei Sättel, rappelte sich aber so schnell hoch, wie er nur konnte.

Als sich der mächtige Mann auf ihn warf, war er bereit. Er riss einen der Sättel zwischen sich und die heran fliegende Faust, nahm dem Schlag dadurch die Kraft und stieß die angezogenen Beine zugleich nach vorn. Der Hüne fiel über eine Bank und krachte auf den Rücken, dass der Holzboden unter seinem Gewicht erzitterte.

Kit ahnte, dass er mit bloßer Körperkraft gegen diesen Berserker keine Chance hatte. Als er nach seiner Rappahannock greifen wollte, stellte er jedoch entsetzt fest, dass er sie in dem Kampfgetümmel verloren hatte.

Der Riese kam wieder auf die Beine. Sein teuflisches Grinsen und das Blitzen in seinen Augen verrieten Kit mehr als jedes gesprochene Wort.

Kurz bevor ihn der heranstürmende Gigant packen konnte, tauchte Kit unter ihm hinweg, griff sich eine Rosshaardecke, schleuderte sie ihm über den Kopf und packte eine der niedrigen Bänke. Bevor der andere wieder klare Sicht hatte, war Kit einige Schritte zurückgesprungen. In dem dadurch gewonnenen Anlauf lag Schwung genug, um den Gegner mit der Bank durch die Eingangstür ins Freie zu schieben.

Draußen dröhnte eine Hawken-Rifle auf, deren Klang Kit bekannt vorkam. Als er hinausstürmte, lag die Decke am Boden, aber der Fahlblonde war verschwunden. Hinter der zerfasernden Pulverwolke stand Jim Bridger und machte ein wütendes Gesicht. Es hellte sich ein wenig auf, als er Kit erkannte.

“Jetzt ist mir dieser Misthund schon wieder entkommen! Aber wie soll ich wissen, dass er sich nun hier herumtreibt?“

“Wer war das?“, wollte der junge Kit wissen. Er kam schnell wieder zu Atem.

“Das war Seth McClusky“, erwiderte Jim Bridger. “Hast du noch nie von ihm gehört? Den Sublettes und mir hat er am Wind River ein Felldepot geplündert, deshalb hasse ich ihn. Ganz bestimmt hat er noch so manches auf dem Kerbholz. Die Schoschonen nennen ihn Skullcrasher, den Schädelbrecher. Er hat eine mächtig raue Art, andere vom Leben zum Tod zu befördern. Kein Wunder, bei der Kraft. Bisweilen schlägt er sich auf die Seite der Blackfeet, dann fallen sie über die Schoschonen, über andere Stämme und sogar über die Weißen her.“

“Weil du gerade Schoschone sagst“, fiel es Kit ein. “Hast du keinen gesehen, der hier raus gestürmt lst?‘

JIm Bridger schüttelte den Kopf.

“Das muss gewesen sein, bevor ich kam. Ich war gerade bei Claude, als ich erfuhr, dass du auch hier bist. Du steckst sicher bei Simpson, habe ich mir gedacht, natürlich aber nicht damit gerechnet, dass du gleich eine so reizende Bekanntschaft schließt.“

“Ein junger Krieger“, erklärte Kit. “Er sah nicht wie eine Memme aus, daher wundere ich mich, dass er einfach verschwunden ist. McClusky muss ihn von früher gekannt haben. Er wollte ihn abknallen.“

“Und du gingst wohl dazwischen?“

“Natürlich. Sollte Ich etwa tatenlos zusehen? Am liebsten würde ich diesem Burschen nachjagen. Du hast schließlich auch noch eine Rechnung mit ihm offen. Also, was ist?“

Der fünf Jahre ältere Mountain Man musste lachen.

“Das ist Kit Carson wie er leibt und lebt: ruhig und maßvoll, solange alles seinen geregelten Gang geht - aber sobald etwas geboten ist, schwillt ihm der Kamm! Trotzdem, das ist eine prächtige Idee. Wir kommen ohnehin viel zu selten zusammen, um über die alten Zelten zu plaudern.“

Diese “alten Zelten“, wie um Jim Bridger sich ausdrückte, lagen allerdings noch gar nicht so lange zurück. Damals war er Kits Lehrmeister gewesen, hatte den Jungen erstmals für eine längere Zeit In die Wildnis mitgenommen. Zehn Monate hatten sie zusammen in Green-River-Gebiet Biber und anderes Wild gejagt. Dieses Lehrer-Schüler-Verhältnis hatte sich bald in eine echte Freundschaft verwandelt, da Kit sich als ebenso tapfer wie gelehrig erwiesen hatte. Ihre Wege hatten sich später getrennt, aber sie freuten sich jedes Mal, wenn sie einander wiedersahen.

Jim Bridger war in Richmond, Virginia, auf die Welt gekommen. Wie Kit hatte auch er eine Lehre hinter sich gebracht, allerdings in St. Louis als Schmied, weil er sehr kräftig war. Bereits 1822 aber war er mit der legendären Ashley-Truppe in den Westen gezogen.

Er lud seine berühmte Hawken-RifIe nach, während Kit in die Sattlerei zurückging, um seine alte Rappahannock-Holsterpistole zu suchen und sich von Simpson zu verabschieden.

Die Pistole lag unter einem Hocker - und neben ihr Colin Simpson. Seine gebrochenen Augen starrten an die Decke. Er musste völlig lautlos gestorben sein.

McCluskys Kaltblütigkeit war unglaublich. Statt auf der Stelle zu fliehen, war er zurückgekommen und hatte in Windeseile den Sattler umgebracht. Kit wusste, warum.

Die Deringer-Rifle war verschwunden.

Wie zum Hohn knarrte die offene Hintertür. Von hinten hörte Kit Jim hereinkommen. Die Freunde sahen einander bestürzt an.

“Well“, knurrte Jlm. “Jetzt Ist das Maß voll, McClusky.“

Eine halbe Stunde später hatten sie sich verproviantiert und die Spur aufgenommen.

*

Der gräserne Ozean, dessen endlose Weite noch kein Menschenauge überflogen hatte - im Urglauben der Indianer war dies allein den Wind- und Feuergeistern vorbehalten - nahm in der Abenddämmerung einen sanfteren und dunkleren Grünton an. Die Sonne verlor rasch an Kraft, das Schimmern des klaren blauen Himmels wurde fahler. Oberhalb der sinkenden Sonne zogen Braun- und Grautöne in das Firmament ein, doch ihre erlöschende Kraft ging ein faszinierendes Lichtspiel mit der Ebene ein. Als noch ein leichter Abendwind aufkam, geriet der grenzenlos samtene Teppich in Bewegung, als wurde ein Meer seine goldgrünen Wogen einer unbekannten Küste entgegen tragen. Dann flossen am Horizont die Farben immer tiefer ineinander, und die Nacht warf ihre schwarzen Schleier aus. Der berauschende Sommergeruch der blühenden Prärie wich einem klaren, erdigen Duft, als langsam der Tau in die Gräser stieg.

Jim Bridger zügelte als erster sein Pferd.

“Es hat keinen Sinn mehr“, stellte Old Gabe fest. So nannten ihm seine alten Freunde, denn sein zweiter Vorname war Gabriel.

“Dann wollen wir hier unser Nachtlager aufschlagen“, stimmte ihm Kit Carson zu.

Das Abendessen der beiden Gefährten hielt keinen großen Ansprüchen stand. Es gab getrocknete Streifen aus Büffelfleisch, Beerenpemmikan und klares Wasser aus einem der zahllosen Bäche, die das flache Land durchzogen.

“Ich mag nicht daran denken, wie Workman die schlimme Nachricht aufnehmen wird“, gestand Kit. “Er hat große Stücke auf Simpson gehalten, und das zu Recht.“

“David Workman hat schon Schlimmeres erlebt“, wandte Old Gabe ein. “Du machst dir Sorgen um einen Mann, der früher immerhin einen Cent Kopfgeld als Belohnung für deine Ergreifung ausgesetzt hat.“

Bei diesen Worten wirkte er sehr ernst, doch in seinen Augenwinkeln blitzte der Schalk auf.

Seit vielen Stunden lächelte Kit nun zum ersten Mal wieder.

“Einen Cent Kopfgeld für einen entlaufenen Sattlerlehrling“, griff er die letzte Bemerkung seines Freundes auf. “Ein wahrhaft stolzer Preis. Workman wusste genau, dass er damit nicht einmal einen alten Hund hinter dem Ofen hervorlocken würde. Er war gesetzlich gezwungen, eine solche Anzeige im gesamten Howard County zu veröffentlichen. Nur: Erstens pfiff jeder auf diesen lausigen Cent, zweitens ließ er sich bis zu dieser Anzeige vier Wochen Zelt, und drittens behauptete er darin wider besseres Wissen, ich sei nach Norden geflohen. Er wusste genau, dass ich mich dem Treck von Andrew Broadus nach Santa Fé angeschlossen hatte. Mit meinem unstillbaren Fernweh, mit meiner Sehnsucht, in neues unbekanntes Land zu ziehen, hatte er sich längst stillschweigend abgefunden, aber ich Grünschnabel hatte Angst vor ihm. Dabei war und ist er ein guter Mann.“

Jim spürte, dass es ihm gelungen war, Kit ein wenig von seinen trüben Gedanken abzulenken. Damit hatte er erreicht, was er wollte, und war zufrieden.

Bald schliefen sie ein.

*

Das Leben in der Wildnis hatte sie ebenso geprägt wie die lange Zeit, die sie zusammen in den Bergen verbracht hatten. So war es auch kein Wunder, dass sie nahezu gleichzeitig wach wurden.

Noch war es dunkel. Doch im Osten zog ein rötlicher Lichtschimmer auf. Kit stutzte und runzelte die Stirn.

“Das Ist seltsam“, stellte er fest. “Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es noch viel zu früh ist.“

“Du hast recht“, stimme ihm sein ehemaliger Lehrmeister zu. Er kniff die Augen zusammen und starrte angestrengt in die Nacht. “Das ist nicht der Sonnenaufgang.“

Alarmiert fuhren sie hoch. In kürzester Zeit waren sie aufbruchsbereit und schwangen sich auf ihre ausgeruhten Pferde.

Der leichte Ostwind trug in der Tat einen äußerst beunruhigenden Geruch herüber. Je weiter sie dem geheimnisvollen Leuchten entgegen sprengten, desto stärker wurde aus ihrer vagen Ahnung eine furchtbare Gewissheit.

Es war ein Anblick, der in seiner Erhabenheit noch schrecklicher wirkte. Die Schwärze des Himmels wurde durch die lodernden Flammen erhöht. Sie verliehen den Rauchwolken, die sich in trägen Massen dahin wälzten, eine rotglühende Beleuchtung, die fortwährend wechselte, je nachdem das Feuer von stärkeren Windstößen gejagt oder von sehr üppiger bis zu äußerst spärlicher Vegetation genährt wurde.

Ein unheimliches Getöse begleitete den wilden Brand; es war kein Donnern, kein Rauschen oder Sausen, es glich dem fernen dumpfen Beben der Erde, wenn tausend Hufe den Boden stampften, und wurde immer drohender, je weiter sich die beiden Freunde vorwagten.

Das Toben dieser Naturgewalten war schrecklich genug, aber eines war vollständig unfassbar:

Seth McCluskys Spur führte in gerader Linie auf dieses Inferno zu!

“Lange können wir ihr nicht mehr folgen“, musste Jim Brldger zugeben. “Der Ostwind treibt die Flammen immer schneller auf uns zu, weil der Brand sich in alle drei Richtungen vergrößert und dadurch Immer stärker wütet.“

Das ist richtig“, erwiderte Kit. “Aber durch die vielen Bäche wird es nie schneller als unsere Pferde. Lass uns in zwei entgegengesetzten Schleifen zurückreiten. Irgendwann muss der Skullcrasher abgedreht haben.“

Old Gabe gab ihm ein Zeichen, dass er verstanden hatte. Sie jagten in beide Richtungen davon und waren dabei vorsichtig genug, den Abstand zur Feuerfront nie geringer werden zu lassen.

Bisweilen schien sich ein Flammenschild zu erheben, der der Feuersbrunst wie ein spottender Bote der Vernichtung voraus flog. Es waren die lodernden Reste eines Busches, den die Feuergewalt und die Hitze nach oben gespien hatten und nun wie ein Windspiel vor sich her jagten.

Die Gefährten gingen kein unnötiges Risiko ein. Ihren Pferden das Letzte abzuverlangen hätte sie selbst das Leben kosten können.

Eine Dreiviertelstunde später trafen sie sich wieder. Ihre Gesichter waren gerötet und glänzten vor Schweiß.

“Nichts“, ließ Jim Bridger verlauten. Allein der Tonfall entsprach einem Fluch.

“Das gibt es nicht“, murmelte Kit Carson ungläubig. “Bei mir auch nicht. Das heißt, dieser Teufel ist tatsächlich mitten hinein geritten.“

Beklommen starrten sie in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

Irgendwann würde auch dieser Brand sein Ende finden. Das rußgeschwärzte Brachland würde nur für kurze Zelt Mahnmal für das Wüten des ältesten Elements sein. Aus den abgesengten Schädeln des unglücklichen Wildes, das der Feuerbrunst nicht entkommen war und die dann eine Zeitlang mit hohlen Augen zwischen versengten Stoppeln hervor sahen, würden bald wieder frische Grashalme emporwachsen. Ein neugeborener, frischgrüner Ozean würde still und emsig wuchern, einem hellen Teppich gleich.

Jim Bridger war sehr nachdenklich geworden.

“Yeah“, sagte er. “Ein wahres Wort, das du da gefunden hast, Kit. Nur ein Teufel würde geradewegs in die brennende Hölle hinein springen, und nur ein Teufel käme auch wieder lebend heraus.“

Hart riss er sein Pferd herum, um nach Franklin zurückzureiten.

Kit starrte noch eine Zeitlang zu den Flammen hinüber, dann folgte er seinem Freund.

Schade jedenfalls um das Pferd, dachte er. Den Hufabdrücken nach war es ein ebensolcher Gigant wie sein Herr  ... 

KAMPF IM LAGER

Am gleichen Tag erreichte auch der junge Krieger, der Franklin so überstürzt verlassen hatte, dm Lager der Lemhi-Schoschonen. Es befand sich in einer malerischen, gut geschützten Flussbucht. Sumpfkiefern und Eichen, die mit Spanischem Moos bewachsen waren, ragten vereinzelt zwischen den weit auseinanderliegenden Zelten empor. Häuptling Cameahwait hatte diesen Standort mit großer Umsicht erwählt.

Das Herz des Heimkehrenden war schwer. dass sein schnelles Verschwinden aus der Stadt der Weißen nichts mit Feigheit zu tun gehabt hatte, wusste allein er selbst. Aber wie war dieser Grund zu erklären? Warum verlief sein Leben nie gerade, sondern stets In absonderlichen Bahnen? Andere hatten es stets leichter.

Vielleicht lag es daran, dass er nur ein halber Schoschone war, denn sein Vater war ein Flathead-Indianer gewesen, die in den Bitterroot Mountains in Montana zu Hause waren. Als dieser bei einem Überfall der Blackfeet ums Leben gekommen war, kehrte seine Mutter zu ihren Stamm zurück, und dort fiel er durch seine relativ helle Hautfarbe auf. Bei den Bannock-Stämmen im Idaho-Gebiet war es kaum angenehmer gewesen. Jetzt, da er geglaubt hatte, sich einen Platz bei den Lemhi-Schoschonen erstritten zu haben, war dies passiert  ... 

Am Ufer des Flusses stieg er ab, um sein Pferd das letzte Stück zu führen.

Einige junge Krieger hielten sich in der Nähe auf und erkannten ihn. Sie kamen auf ihn zu. Dem Neuankömmling schwante Übles, denn ihr Anführer war Ushopa, der Sohn Sacajas, des Medizinmannes. Ushopa führte gern das Wort. Er hatte vom Tag seiner Ankunft an versucht, ihn als Außenseiter abzustempeln, der unerwünscht war und blieb, obwohl er längst das Vertrauen des alten Häuptlings gewonnen hatte. Der große Chingichnish mochte wissen, warum der greise Anführer an diesem Stammesfremden einen Narren gefressen hatte.

“Was bringst du uns, Pinaquana?“, fragte Ushopa nun mit einem hämischen Unterton. “Oder hast du nur deine Seele an den weißen Mann verkauft und bist gleich wieder umgekehrt?“

Einen ausgewachsenen Krieger mit seinem Geburtsnamen zu bezeichnen stand bestenfalls dessen Mutter zu. Von jedem anderen war es eine Beleidigung.

Der Angesprochene blieb äußerlich ruhig, doch in seinen Augen blitzte es kurz auf.

“Allein diese Beschimpfung wäre Grund genug, dich zum Kampf zu fordern“, erwiderte er.

Ushopa lachte auf.

“Ach? Und warum sollte sich der Sohn des Schamanen mit einem dahergelaufenen Feigling herumprügeln?“

Sie waren beide gleich groß. Nun versetzte der Beleidigte Ushopa eine Ohrfeige, die den frechen Herausforderer augenblicklich von den Beinen riss.

‘Vielleicht ist  d i e s  Grund genug.“

“Das sollst du mir büßen!“

Mit einem Wutschrei sprang Ushopa wieder auf die Beine. Aus dem Ufersand hatte er eine scharfkantige Muschelhälfte emporgerissen, die er sofort als Waffe einzusetzen versuchte.

Der Halbschoschone wich mehrere Male geschickt aus. Bei einer Finte bekam er einen Schnitt in den linken Unterarm, konnte aber den bewaffneten Arm des Gegners fassen: ein Dreh, ein Hieb mit der Linken, und Ushopa landete kopfüber im schlammigen Uferboden.

“Was steht ihr tatenlos herum, ihr Nichtsnutze!“, fuhr der Sohn des Medizinmannes seine Kumpane an, als er den körnigen Schmutz ausgespien hatte. “Fasst ihn, damit er seine Abrechnung bekommt!“

Sein Besieger wehrte sich mit der Kraft und der Wildheit eines Berglöwen, aber gegen ein halbes Dutzend Angreifer und nach dem ersten heftigen Kampf hatte er gegen sie keine Chance mehr. Sie warfen ihn rücklings auf den Boden und hielten ihn an allen vier Gliedern fest.

Ushopa hatte sich wieder hochgerappelt und kam mit der scharfen Muschelhälfte näher. Mit wutverzerrtem Gesicht blieb er über dem Liegenden stehen.

“Wenn ich mit dir fertig bin“, keuchte er, “dann wird dein neuer Kriegername ‘Mann ohne Gesicht‘ sein!“

“Was geht hier vor?“

Von allen unbemerkt war der greise Cameahwait herangekommen. Natürlich hatte er den letzten Teil des Kampfes mitangesehen. Seine Frage sollte Ushopa nur erschrecken, und sie erfüllte Ihren Zweck.

“Lasst ihn los“, befahl der alte Häuptling. “Und du, Washakie, folge mir zu meinem Zelt.“

*

Washakie berichtete alles, was in Franklin vorgefallen war. Er ließ nichts aus und beschönigte ebenso nichts. Als er geendet hatte, herrschte Schwelgen im Zelt. Der junge Krieger harrte geduldig der Antwort seines greisen Gönners.

Cameahwait ließ sich Zelt. Er wusste, dass sein Schützling nie unüberlegt, doch erst recht nie feige zu handeln pflegte. Washakie war ebenso tapfer wie besonnen, und im Moment fand der erfahrene Stammesführer noch keine Erklärung für das sonderbare Verhalten seines Schülers. Es musste einen Grund gehabt haben, der noch nicht zur Sprache gekommen war.

Damals, als Washakie zum Stamm gestoßen war, hatte Cameahwait ihn sofort in sein Herz geschlossen. Er hatte gespürt, dass für den jungen Krieger das Leben schwieriger war als für die anderen. Seine gemischte Herkunft und das ständige Ziehen von einem Stamm zum anderen, weil er sich keinem wirklich zugehörig fühlte, hatten in Washakie ein Gefühl der Wurzellosigkeit hervorgerufen, an dem er litt. Dabei wies er die besten Anlagen auf. Aufgrund seiner lebenslangen Erfahrung war Cameahwait überzeugt, dass Washakie der geborene Anführer war. Man musste ihm nur eine Chance geben, ihn fordern. Und ihm vor allem das Gefühl vermitteln, nun doch endlich eine Heimat gefunden zu haben.

Ushopas Voreingenommenheit gegen Washakie wurde spätestens von dem Zeitpunkt an von seinem Vater, dem Medizinmann Sacaja geteilt, als dieser erkannte, dass der Neuankömmling zum Favoriten des alten Häuptlings wurde, was Sacajas Pläne, seinen Sohn Ushopa als künftigen Häuptling aufzubauen, empfindlich störte. Die alte Rivalität zwischen Stammesführer und Medizinmann, die in sehr vielen Schoschonenstämmen vorherrschte, wurde dadurch neu entfacht. Zudem waren Sacaja und seine Anhänger den Weißen von jeher feindlich gesonnen, während Cameahwait sich seit Jahrzehnten unermüdlich um eine Annäherung bemühte, genauer gesagt seit 1805. Seine verlorene Schwester, die einst von Hidatsakriegern geraubt worden war, war damals als Gattin des Trappers Toussaint Charbonneau zurückgekehrt - mit einem kleinen Sohn, seinem Neffen.

Seine Schwester und Charbonneau aber waren zu jenem Zeitpunkt lediglich die Vorboten der berühmten Forschungsreisenden Meriwether Lewis und William Clark gewesen, die alsbald nachfolgten. Diese erste Begegnung zwischen Schoschonen und Weißen im Quellgebiet des Missouri war der Anfang jahrzehntelanger friedlicher Beziehung gewesen.

Washakies Entsendung nach Franklin war ein Versuch gewesen, die Handelsbeziehungen zu den Weißen auszubauen. Die Schoschonen waren nicht nur ausgezeichnete Korbflechter, sondern auch bereit und imstande, für die Weißen hervorragende Satteldecken herzustellen. Washakie war die wichtige Mission anvertraut worden, mit Colin Simpson darüber zu verhandeln. Cameahwaits Hintergedanken war dabei gewesen, dass Washakie mit der Welt der Weißen enger vertraut werden würde.

Was war wirklich geschehen?

Der greise Häuptling fand, dass er nun genug geschwiegen hatte.

“Was hältst du von den Blackfeet, Washakie?“

Der junge Krieger, der Cameahwait längst wie einen zweiten Vater schätzte und liebte, war von dieser unerwarteten Frage überrascht. Sie stand in keinem Zusammenhang zu dem vorher Gesprochenen.

“Sie sind unsere Feinde.“

“Und warum?“

“Sie sind die Feinde der Lemhi-Schoschonen, weil sie die Vorherrschaft über unsere Weidegründe erringen wollen.“

“Und“, fügte er auf den erwartungsvollen Blick seines Gönners hinzu, “sie sind meine persönlichen Feinde, weil sie meinen Vater umgebracht haben, der ein Umatilla war.“

Der alte Häuptling nickte beifällig.

“Wie stehen die Blackfeet zu den Weißen?“

Washakie wusste zwar noch immer nicht, worauf der Stammesführer hinauswollte, aber eine angemessene Antwort würde ihn sicher weiterbringen.

“Sie sind die Feinde der Weißen.“

“Ich erinnere mich“, gab der greise Stammesführer nun seine Gedanken preis. “Im gleichen Jahr, in dem die weißen Kundschafter meine verschollene Schwester zurück brachten, stießen sie mit Blackfeet zusammen und töteten einige. Seitdem hassen die Blackfeet alle Weißen und umgekehrt. Vielleicht war es Chingichnishs guter Wille, dass es uns nicht ebenso ergangen ist. Wir sollten dieses Zeichen zu schätzen wissen.

Die Blackfeet sind die Feinde der Schoschonen, die Weißen sind Feinde der Blackfeet, und die Weißen sind sehr mächtig.“

Washakie nickte beifällig. Doch schufen gemeinsame Feinde wirklich Freundschaft?

“Die Weißen sind mächtig“, wiederholte Cameahwait bedächtig, “und zahlreich. Ihr oberster Häuptling heißt Andrew Jackson. Erst vor kurzem hat er Gesetze verkündet, die dem roten Volk zum Verhängnis werden könnten, wenn es nicht lernt, klug mit ihnen umzugehen. Du fragst dich, woher ich dies alles weiß, mein Sohn. Nun, ich habe viele Freunde unter den Weißen, und eines Tages werden wir sie brauchen.“

Sein Kopf sank in tiefem Nachdenken. Als er ihn wieder hob, traf sein Blick den seines Schützlings.

“Aber warum bist du geflohen?“

“Ich kam in friedlicher Absicht“, nahm sich Washakie ein Herz, obwohl es ihm nicht leicht fiel. “Daher hatte ich auch keine Waffe bei mir. Er hätte mich erschießen und nachher behaupten können, ich hätte ihm sein Pferd oder sonst etwas gestohlen. In einer Stadt der Weißen glaubt man nur den Weißen. Ich hätte auch nichts gewonnen, wenn ich ihn vor weißen Zeugen bekämpft oder gar besiegt hätte, im Gegenteil. Damit hätte ich nur Unheil über den Stamm der Lemhi-Schoschonen gebracht. Sie hätten sich an euch gerächt.“

Der alte Häuptling nickte zustimmend. Washakies Beweggründe waren verständlich, sein Motiv aber musste Ursachen haben.

“Was verschweigst du mir, Sohn? Warum hat dich dieser Mann bedroht? Kannte er dich?“

Sein Zögling gab sich einen Ruck.

“Ja, er kannte mich. Ich stieß auf ihn, als er in den Bergen einen Mann umbrachte.“

Cameahwaits Gesicht blieb unbewegt, doch seine Augen verrieten, was in ihm vorging.

“Berichte.“

“Es geschah einige Stunden, nachdem du mich weggeschickt hattest. Aus den Felsen hallte ein Schuss. Als ich hinzueilte, stand dieser Mann über den weißen Händler gebeugt, den alle Pedlar nennen. Er bedrohte ihn mit dem Messer. Ich ging mit gespanntem Bogen auf ihn zu und forderte ihn auf, von seinem Opfer abzulassen. Daraufhin verschwand er zwischen den Felsblöcken. Ich folgte ihm, gab aber bald auf, da ich mich um den alten Mann kümmern musste.

Der Pedlar lag bereits im Sterben. Er hieß mich seine Jacke an einer verborgenen Stelle auftrennen, und ich zog ein zusammengefaltetes Stück Leder daraus hervor. Mit den Worten ‘Das wollte er‘ verschied der alte Mann.“

“Zeig es mir.“

Washakie wühlte in seiner Brusttasche, dann reichte er Cameahwait ein mehrfach zusammengefaltetes und versiegeltes kleines Stück Leder.

Der Anführer der Lemhi-Schoschonen erbrach das Siegel und schlug das Leder auseinander. Er betrachtete es lange und eingehend.

“Es ergibt keinen Sinn, obwohl ein Mensch dafür sterben musste“, stellte er schließlich fest. “Und es ist unvollständig. Zwei weitere Teile scheinen zu fehlen.“

“Es ist sehr alt“, meinte Washakie, der ebenso wenig daraus klug wurde, aber auch etwas dazu bemerken wollte.

“Viel älter als du und ich“, gab ihm der alte Häuptling recht. “Es könnte sogar noch aus der Zeit der Eisernen Männer stammen.“

FELLRÄUBER

Seit den geschilderten Ereignissen waren beinahe zwei Jahre vergangen.

Die Zeit war für keinen stehengeblieben. Jim Bridger war zwar immer noch mit den Sublette-Brüdern unterwegs, doch inzwischen ging das Gerücht um, sie wollten an einem geeigneten Ort eine Handelsstation errichten und sich sesshaft machen, um den Nachschub für ihre bisherigen Trapperkameraden zu organisieren.

Kit Carson war weit von solchen Gedanken entfernt. Sesshaft zu werden wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Er hatte es allein seiner Persönlichkeit und seiner Erfahrung zu verdanken, dass er dieses Jahr erstmals als Truppführer am South Platte River jagte. Seine Crew bestand aus vierzehn Bergläufern und einem Koch. Einige davon waren erheblich älter als er, hatten sich jedoch gern seiner umsichtigen Führung anvertraut. Keiner von ihnen hatte Grund gehabt, dies zu bereuen. Im Gegenteil, mit Kit Carson als Führer hatten sie mehr Biber-, Eichhörnchen-, Wolfs-, Bären- und Antilopenfelle erbeutet als jemals zuvor. Sogar einige stattliche Bisonroben ruhten im Depot.

Kein Wunder, dass er von Tag zu Tag in der Achtung seiner Männer stieg. Kit hielt sich jedoch nichts Besonderes darauf zugute. Er hatte sich sehr schnell mit seiner neuen Aufgabe zurechtgefunden. Das einzige, was für ihn zählte, war sein Vorsatz, dass diese Saison so reibungslos und erfolgreich wie nur möglich zu Ende gebracht wurde. Je schneller sie zum Rendezvous eintreffen würden, desto bessere Preise würden sie erzielen können.

Laut tönte der Klang der alten Bratpfanne, auf die Smiley schlug, der alte Koch. So lockte er die müden Jäger zu den Töpfen und dem Essen, das sie nach diesem langen Tag erwartete.

“Holt es euch, sonst schütte ich es weg!“, rief er zu dem blechernen Geräusch, das durch das Lager hallte.

“Das wäre manches Mal sogar besser“, stöhnte Caggins, einer der Jäger, und erhob sich seufzend.

In einigen Tagen würden sie die Jagdsaison beendet haben. Kit sah sich um. Zufrieden glitt sein Blick über die Reihen der Männer. Plötzlich stutzte er.

“Wo sind Barcooney und Bleak?“

Einer der Trapper sah den anderen an. Zum Schluss stellten sie fest, dass keiner eine Antwort wusste.

Etwas in Kit schlug Alarm. Die ganzen letzten Tage hatte er schon den Eindruck gehabt, dass sich die beiden Bergläufer, die als letzte zu seiner Mannschaft gestoßen waren, ein wenig anders verhalten hatten als zuvor. Ihre Blicke hatten Unruhe verraten, und manchmal hatte Kit sie dabei ertappt, dass sie etwas abseits von den anderen standen und heimlich miteinander flüsterten.

“Kenny, du gehst sofort zu den Pferden. Zähl nach, ob alle da sind.“

Nun zeigte sich auch in den Gesichtern seiner Crew Bestürzung. Caggins war der erste, der sie in Worte kleidete.

“He, Boss  ...  Moment mal. Heute morgen sind wir doch noch alle gemeinsam losgezogen. Kann es nicht sein, dass die beiden hinter der Furt  ...  “

“Kann sein, kann auch nicht sein“, unterbrach ihn Kit. “Wir brauchen Gewissheit. Es gibt ‘ne Menge Sprichwörter, Caggins. Eines davon handelt von einem Mann, der seine Felle davon schwimmen sieht. Rate mal, wo das herkommt.“

Caggins riss Mund und Augen auf. Minuten später kam Kenny aus der verborgenen Schlucht zurück. Hektische Flecken leuchteten aus seinem Gesicht.

“Verflucht noch mal, Boss, Sie hatten recht! Fünf von unseren Tieren sind verschwunden!“

Die Schlucht war ein vorzügliches Versteck gewesen. Anstatt ständig eine Wache zurückzulassen, die bei den Arbeiten gefehlt hätte oder durch geschickt anschleichende Indianer ohnehin überwältigt worden wäre, hatte Kit es vorgezogen, sie dort zu verbergen. Als einzigen Wachtposten konnte man Smiley betrachten, der ja immer im Lager war. Doch auch er hatte nichts bemerkt und meinte nur brummend, dass er seine Augen ja nicht überall haben könnte. In unregelmäßigen Abständen hatte er weitläufig die Gegend erkundet, um auch wirklich gegen unerwartete Angriffe gefeit zu sein. Gegen Verräter aus den eigenen Reihen half jedoch das beste Versteck nichts.

Kit Carsons Männer begannen wüst durcheinander zu schimpfen. Einige griffen schon nach ihren Flinten und waren entschlossen, den flüchtenden Pelzdieben sofort hinterher zu eilen.

“Jetzt mal halblang, Leute!“, rief ihr hochgewachsener Anführer über ihre Köpfe hinweg. “Die Kerle haben über sieben Stunden Vorsprung, und da unser Fellversteck flussabwärts liegt, kommt ihr nicht schneller voran als sie. Außerdem müssen sie bis in die Ebene dem Flusslauf folgen, und das bedeutet, die Nacht abgerechnet, einen ganzen Tag.“

“Himmeldonnerwetter!“, rief Caggins aus. “Die Ausbeute einer ganzen Saison! Das kostet uns Kopf und Kragen! Meine Schwiegermutter wird mich lynchen! Wie sollen wir sie überhaupt einholen? Zu Pferd sind sie und wir gleich schnell.“

Kit nickte.

“Wir wissen schließlich noch nicht hundertprozentig, ob unsere Vermutung auch zutrifft. Es wird genügen, wenn ich die beiden Halunken verfolge. Ihr bleibt hier und arbeitet unter verschärften Vorsichtsmaßnahmen weiter. Du, Moss, wirst mir zwei von den Bisonroben herbeischaffen; aber die größten.“

“Was haben Sie vor, Boss?“

“Die Verfolgung zu beschleunigen: flussabwärts. Du, Wesley, hast die beste Axt. Leihe sie mir. Mal sehen, wie schnell aus dieser kleinen Eiche da drüben ein Paddel wird.“

Seine Männer gingen mit Feuereifer an die Arbeit. Zuviel stand auf dem Spiel.

Als erstes wurde das Paddel fertig, dann das Rahmengestell aus Weidenästen. Innen wurde es zusätzlich mit einem Geflecht aus Weidenruten bespannt. Mit der Haarseite nach außen wurden danach die Bisonhäute über das Rahmengestell gezogen und die Nahtstellen mit Lederstreifen abgedichtet.

Caggins kratzte sich mit bedenklicher Miene den Hinterschädel.

“Ich weiß nicht, Boss“, brummte er. “Eine Spazierfahrt wird das bestimmt nicht. Der South Platte hat mehr Tücken als meine Schwiegermutter Haare auf den Zähnen.“

“Das ist mir schon klar“, erwiderte Kit. “Ich kenne den South Platte jedoch ein wenig besser als deine Schwiegermutter.“

“Ihr Glück, Boss, Ihr Glück. Wenn sie ihre schlechten Tage hat, schäumt sie übler als der South Platte bei Hochwasser. Es dürfte leichter sein, gegen den Fluss anzukommen als gegen sie. Viel Glück, Boss, und gute Fahrt.“

“Vier von euch sollen mir auf ihren Pferden folgen, so schnell sie können. Falls ich die beiden erwische, brauche ich Hilfe für den Rücktransport der Felle.“ Kit klopfte Caggins auf die Schulter und stieg in das schwankende Kanu.

Seine gesamte Ausrüstung bestand aus seinem Messer, seiner Rappahannock-Holsterpistole, seiner Büchse, dem Kugelbeutel mit Munition, Feuersteinen, Pulver und einem Säckchen Pemmikan. Kühn stieß er vom Ufer ab.

Das ohrenbetäubende Donnern tobender Wildwasser war von nun an sein einziger Begleiter.

*

Der Geruch der durchnässten Büffelhäute war alles andere als angenehm, aber Kit Carson hatte auf wichtigere Dinge zu achten. Die tosende Flut hatte sein leichtes Boot oft genug auf kantige Klippen zu getrieben, und nur sein schnelles Reaktionsvermögen hatte das Schlimmste verhindert. Dafür schmerzten ihn nun die Schultern und Arme, mit denen er jeden harten Aufprall abgefangen hatte.

Wieder trieb er auf einen der zahlreichen Strudel zu. Die heftigen Drehbewegungen versuchte er so gut wie nur möglich mit dem Paddel auszugleichen, und endlich hatte er den reißenden Sog hinter sich gelassen. Das überkommende Spritzwasser hatte ihn längst vollständig durchnässt, und trotz der ständigen Bewegung begann Kit allmählich zu frieren. Er hätte am Stand der Sonne ablesen können, wie viele Stunden er schon auf dem South Platte River unterwegs war, doch er ließ es lieber bleiben.

Eine weitere Stromschnelle schob ihn zwischen die Felsen. Die volle Wucht der Wildwasserströmung drückte so schwer gegen das Heck, dass das Boot minutenlang wie eingeklemmt still lag. Kit nutzte diese Zeit, um wieder etwas Atem zu schöpfen. Als die Strömung kurz ein wenig nachließ, stieß er sich kräftig nach vorne, und das Boot schoss sofort wieder flussabwärts weiter.

Endlich begann die Gischt an den Klippen schwächer zu schäumen - ein Zeichen dafür, dass das Gefälle leicht nachgelassen hatte und die Wasser ein wenig stiller laufen würden. Das hieß allerdings auch, dass Kit dem Versteck der Felle schon recht nahe gekommen war. Ab jetzt war erhöhte Vorsicht geboten. Es gab nur diesen einen Weg, den die Diebe einschlagen konnten, um hinunter in die Ebene zu gelangen. Er führte genau am Flussufer entlang.

Als er die Höhle erreichte, die etliche Yard über dem Flussbett lag, paddelte Kit mit kräftigen Schlägen ans Ufer. Er erkannte die Bescherung sofort.

Der gesamte Hohlraum war leer. Allerdings lagen noch genügend Fellhaare auf den Steinen, um festzustellen, dass ein Irrtum ausgeschlossen war.

Hier hatte die Ausbeute vieler Monate geruht.

Kit zerbiss einen grimmigen Fluch. Immerhin musste es Stunden gedauert haben, bis alles aufgepackt und verschnürt war. Er hatte noch eine Chance, wenn er nicht länger wertvolle Zeit verlor.

Erneut stieß er sein Boot vom Ufer ab.

Die Pferde kamen auf dem schweren Kies nicht besonders schnell voran, noch dazu, wenn sie so schwer beladen waren. Die Stellen, an denen sie ihre Hufe aufgesetzt hatten, waren noch leicht zu erkennen.

Im ruhigeren Wasser und im Licht der noch immer starken Sonne begann jetzt wenigstens seine Kleidung ein wenig zu trocknen. Flinte und Pistole waren gut in Leder und Decken verschnürt gewesen, die jedoch eine Menge Wasser aufgesaugt hatten. Kit legte die Waffen frei und ließ sie trocknen. Allerdings paddelte er nun stärker, um so schnell wie möglich Zeit aufzuholen.

Er hatte das Fellversteck noch keine Stunde zurückgelassen, als seine scharfen Augen am linken Uferrand eine Bewegung wahrnahmen. Bald erkannte er, dass es tatsächlich Pferde und Reiter waren.

Fataler Weise nahm das Gefälle wieder zu! Kit erfuhr dies dadurch, dass es ihm nicht schnell genug gelang, das Ufer zu erreichen. Die Klippen zu seiner Rechten schlossen ein Anlegen dort aus, links aber trug ihn die Strömung zu schnell dahin.

Inzwischen aber war er den beiden Reitern mit den drei Packpferden schon gefährlich nahe gekommen. Ohne weitere unnütze Gedanken über seine leichte Unvorsichtigkeit zu verlieren, presste sich Kit flach auf den Boden des Bootes. Erneut drang Nässe in seine Kleidung.

Barcooney sah das Kanu vom Ufer aus als erster, als es gerade an ihnen vorbeitrieb.

“Sieh mal, Cain!“, rief er seinem Kumpan nach vorne zu. “Ein leeres Boot! Seltsam, dass es noch nicht ans Ufer getrieben wurde.“

Cain Bleak runzelte die Stirn.

“Für ein leeres Boot liegt es verdammt tief im Wasser! Da soll doch gleich  ...  “

Mitten im Satz riss er seine Flinte hoch und feuerte auf das treibende Kanu. Der Schuss durchschlug die vordere Büffelhaut, aber glücklicherweise noch oberhalb der Wasserlinie. Barcooneys folgender Schuss ging fehl.

Kit wusste, dass er ihnen keine Gelegenheit zum Nachladen geben durfte. Er rappelte sich hoch, griff zum Paddel und hielt mit schnellen Schlägen auf die Uferseite zu, von der die beiden Halunken näherkamen. Nachdem er seine Waffen an sich gerissen hatte, sprang er in das klare Flusswasser, das hier am Rande nur noch knöcheltief war. Als der nächste Schuss aufdröhnte, war er bereits an Land und eilte mit mächtigen Sätzen auf die nächstliegende Deckung zu. Das nun herrenlose Boot trieb rasch ab.

Wieder schoss Barcooney, doch die Kugel fuhr harmlos in den Ufersand. Inzwischen hatte Kit ebenfalls angelegt, und von seiner ruhenden Position aus war er im Vorteil. Seine Kugel fuhr Bleak in die rechte Schulter. Der Fellräuber wurde schräg nach hinten gerissen und fiel aus dem Sattel.

Barcooney ergriff die Flucht nach vorne. Er drückte seinem Pferd die Fersen in die Flanken und trieb es in voller Karriere auf Kit Carson zu.

Der junge Trapper sprang im letzten Moment zur Seite, versuchte nach dem Fliehenden zu greifen, doch es misslang.

Bleaks reiterloses Pferd war seinem Kameraden gefolgt. Mit einem Satz war Kit im Sattel und nahm die Verfolgung auf.

Barcooney hielt sein Tier im flachen Randwasser, da er glaubte, auf diesem Grund am schnellsten voranzukommen. Es war Kit jedoch längst klar, dass es hier weder auf die Geschwindigkeit nach auf die Ausdauer der Pferde ankam, sondern einzig und allein auf deren Geschicklichkeit. So eine behinderte Jagd konnte noch Stunden dauern.

Kit trieb sein Tier zu einer schnelleren Gangart an. Es reagierte zunächst unwillig, doch sein Reiter hatte genug Erfahrung mit Pferden, um zu bekommen, was er wollte.

Jetzt hatte er Barcooney beinahe eingeholt, aber eben nur beinahe! Der Schurke hatte es bemerkt und zog seine Pistole aus dem Gürtel.

Doch nun handelte Kit. Zusammengekauert stand er für eine kurze Sekunde im Sattel seines Pferdes und hechtete dann mit einem mächtigen Satz auf Barcooney zu.

Die Wucht des Aufpralls ließ den Gaul des Räubers taumeln. Platschend landeten die beiden Kämpfer im Wasser.

Als berüchtigter Raufbold hatte Barcooney im Lager der Montain Men oft für Aufruhr gesorgt, aber nie war er mit Kit Carson direkt aneinandergeraten. Daher rechnete er sich gute Chancen aus. Vor allem auch deshalb, weil Kits Kopf bei dem Sturz unter Wasser geraten war und Barcooney entschlossen war, ihn noch eine Welle dort unten zu halten.

Kit spürte, wie ihm die Luft knapp wurde. Er riss die Beine so heftig nach oben, dass Barcooney das Gleichgewicht verlor und über ihn hinweg kippte. Als der Oberkörper des Schlägers ins Wasser klatschte, musste er notgedrungen loslassen.

Der junge Trapper war als erster wieder auf den Beinen, aber Barcooney zog noch beim Aufstehen sein Messer und warf sich Kit entgegen.

Kit konnte die angedeutete Finte im letzten Moment noch erkennen. Diesem Trick begegnete er nicht zum ersten Mal. Er hebelte den Messerarm nach hinten, bevor Barcooney wie geplant die Stoßrichtung umkehren konnte. Mit einem Schmerzensschrei brach der Halunke in die Knie, aber Kit ließ nicht locker. Er drehte dessen rechtes Handgelenk nach außen und drückte ihm zugleich den Kopf unter Wasser. Erst nach einer halben Minute ließ er Barcooney prustend wieder auftauchen.

“Das war erst der Anfang“, erklärte ihm Kit. “Du wirst jetzt so lange reines Gebirgswasser trinken, bis alle deine schmutzigen Gedanken aus deinem Schädel heraus gewaschen sind.“

Barcooney trat seine zweite Tauchrunde an.

“Genug!“, japste der Schläger, als er wieder hoch gelassen wurde.

Klt stieß den völlig ausgepumpten Halunken ans Ufer. Vorläufig stellte er keine Gefahr mehr dar. Bevor er ihm folgte, holte er sich mit einem Griff dessen Messer vom Grund des Flusses.

*

Eine Stunde später waren beide Schurken versorgt. Klt Carson hatte die Kugel aus Bleaks Schulter geholt und war dabei nicht gerade zimperlich vorgegangen. Fellräuber hasste er wie die Pest.

Vergeblich zerrten die beiden an Ihren Fesseln.

“Mit ihren Pferden hätten sie uns niemals mehr erreicht“, zischte Bleak.

Barcooney nickte und starrte wütend auf Kit Carson. “Aber auf den Gedanken, in Windeseile ein Kanu zusammenzuflicken, kann nur dieser dreimal verfluchte Carson gekommen sein. Ah, wie ich diesen Kerl hasse.“

Kit hatte ein Feuer entfacht und ließ endlich seine Kleidung trocknen. Das Gerede der beiden Halunken kümmerte ihn wenig.

Stunden später traf ein Teil seiner Mannschaft ein. Sie gaben ihrer Erleichterung Ausdruck und ließen ihren jungen Boss hochleben. Kit lächelte und winkte ab. Er mochte es nicht, wenn um seine Person. zu viel Aufhebens gemacht wurde.

Aus der entgegengesetzten Richtung, also flussabwärts, erklangen Hufschläge. Kit kniff die Augen zusammen.

“Täusche ich mich oder ist das tatsächlich Rusty Forsythe, Bents Faktotum?“

Er täuschte sich nicht. Charles Bents treuer Diener und Gehilfe war noch einige hundert Yards entfernt. Seine Ankunft stieß bei Kit und seinen Männern auf gelindes Erstaunen. Was hatte Rusty, der normalerweise in Bent ‘s Fort arbeitete, ausgerechnet in dieser Gegend zu suchen?

Jedes Mal, wenn der junge Anführer der Mountain Men Rusty Forsythe wiedersah, musste er an ihre erste Begegnung denken. Kurz nachdem er damals bei Workman ausgerissen war und Franklin den Rücken gekehrt hatte, um in den Wäldern zu leben, war er auf einen Treck in den Westen gestoßen. Sein Captain, Charles Bent, hatte, die Aufgabe, ihn nach Taos in New Mexico zu bringen. Kits Bitte, doch mitkommen zu dürfen, hatte Bent zunächst strikt abgelehnt. Rusty Forsythe, der damals schon bei Bent gewesen war, hatte jedoch Gefallen an dem Jungen gefunden, und seine Fürsprache war ausschlaggebend dafür gewesen, dass Kit dem Treckführer seine Schießkünste unter Beweis stellen durfte. Das Ergebnis war so überzeugend ausgefallen, dass Bent nicht länger gezögert hatte, den Jungen in die Wildnis mitzunehmen.

Kit hatte unglaublich viel gelernt:Ochsenwagen zu lenken, das Lasso zu werfen, zu kochen, mit einer Peitsche umzugehen und Wunden zu versorgen. Die Anforderungen auf einem Treck waren so mannigfaltig, dass man als Treckteilnehmer einfach jede Art von Arbeit beherrschen musste.

In den Folgejahren waren Charles Bent und seine Brüder in den Pelzhandel eingestiegen. Sie hatten das Unternehmen Bent und St. Vrain gegründet und am Arkansas Bent ‘s Fort errichtet, das bald zu einem wichtigen Handelszentrum des Pelzgeschäftes wurde. Kit hatte auch später oft für Bent gearbeitet, und sie hatten ein herzliches Verhältnis zueinander.

Rusty Forsythe hatte inzwischen den kleinen Trupp erreicht und mit einem Blick die Situation erfasst.

“Hallo, Jungs. Gute Ausbeute, wie ich sehe. Die zwei wollten wohl nicht teilen und alles kassieren. Was habt ihr mit den beiden Strolchen vor?“

“Hallo, Rusty“, grinste Kit. “Wir haben noch nicht entschieden, was mit diesen Burschen geschehen soll. Aber was zum Teufel hast du in dieser Ecke des Landes zu suchen? Hat Bent dich gefeuert?“

“Das wäre sein Untergang.“ Rusty lachte. “Nein, ich war gerade auf den Weg zu dir. Er sucht dringend einen Scout. Bent hält sich gerade in Santa Fé auf, wo ein großer Treck nur noch auf einen geeigneten Mann wartet, um sofort loszuziehen.“

“Was ist mit den anderen Jungs?“

“Jim Bridger und die Sublettes bauen sich gerade ein eigenes Geschäft auf und sind unabkömmlich. Jed Smith  ...  er ist tot. Jagende Comanchen haben ihn am Cimarron River erschossen. Bevor er starb, konnte er noch ihren Häuptling töten. Er hat bis zuletzt gekämpft.“

“Mein Gott.“

Kit versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn diese Nachricht getroffen hatte. Jed Smith - er war immer ein prächtiger Kamerad gewesen, obwohl sie sich einmal entzweit hatten. Er musste erst knapp über dreißig gewesen sein. Doch in der Wildnis war der Tod allgegenwärtig.

Rusty räusperte sich.

“Nun ja, die Saison ist schon fast gelaufen. Für euch ohnehin schon, soviel ich sehe. Schätze, von allen Trupps habt ihr am besten abgeschnitten. Ausgezeichnete Arbeit, echt.“

Die Männer warfen sich vor Stolz in die Brust. Rusty schmunzelte. Er sah ihnen an, wie stolz sie auf ihren tüchtigen Anführer waren. Kit Carson hatte sich mehr als bewährt, und Rusty, der ihn schon als Jungen gekannt hatte  ...  Rusty hatte eigentlich nichts anderes erwartet.

Kit war kein Mann vieler Worte.

“Ich komme mit“, versprach er seinem alten Freund. “Ich bringe im Camp noch alles in Ordnung. Den Rest schaffen die Burschen auch ohne mich.“

*

Etliche Tage später stand Kit Carson Charles Bent auf auf einer Veranda in Santa Fé gegenüber.

“Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, Mister Bent! Der Treck ist bereits losgezogen?“

“Wie oft habe ich dir eigentlich schon angeboten, mich Charles zu nennen, Kit?“

“Sie waren mein Boss, Mister Bent, und ich arbeite Immer noch für Sie.“

Der Inhaber von Bent ‘s Fort gab seinen erneuten Versuch, Kit eine vertraulichere Anrede nahezulegen, auf. So sehr er die Fähigkeiten seines jungen Freundes schätzte, so sehr respektierte ihn dieser. Manchmal hatte Bent allerdings den Verdacht, dass es für Kit noch einen anderen Grund gab, ihn nicht zu duzen. Der junge Trapper befürchtete vielleicht, dass ein noch engeres Vertrauensverhältnis Bent dazu bewegen könnte, ihm größere Verantwortung zu übertragen. Zum Beispiel die Leitung einer seiner Niederlassungen. Doch Sesshaftigkeit war das letzte, was Kit sich im Augenblick wünschte. Bent musste zugeben, dass er durchaus mit diesem Gedanken gespielt hatte, doch er kannte seinen jungen Freund besser, als dieser glaubte. Er hätte nie versucht, Kit ‘einzuzäunen‘. Diesen Begriff hatte Kit kurz nach seiner Flucht aus Franklin einmal fast unabsichtlich geprägt, und Bent hatte ihn nicht vergessen. Dieser Ausdruck brachte Kits grundsätzliche Lebenseinstellung bis auf den heutigen Tag treffend zum Ausdruck.

“Nun gut. Was den Wagenzug betrifft: Er ist tatsächlich schon aufgebrochen. Ich hatte keine Möglichkeit mehr, ihn noch länger aufzuhalten, obwohl ich es mit aller Geduld versuchte und mit Engelszungen auf die Leute eingeredet habe.“

“Aber das ist doch blanker Wahnsinn, ohne einen erfahrenen Führer aufs Geratewohl ins Ungewisse aufzubrechen!“

“Eben dieser Grund war nicht mehr gegeben. Ein durchreisender Bergläufer hat die Siedler - vorwiegend Kaufleute übrigens - vor vier Tagen überzeugt, dass er sie sicher und wohlbehalten nach Kalifornien bringen könne, und sie haben ihn sofort eingestellt. Kurz danach sind sie aufgebrochen.“

“Haben Sie noch herausbekommen, welche Route sie nehmen wollten?“

“Ich erfuhr es von einem der Händler. Sie wollen dem OId Spanish Trall folgen.“

Kits Gesicht verfinsterte sich.

“Sie können noch nichts davon erfahren haben, Mister Bent, aber in letzter Zeit ist es zwischen den Blackfeet und den Schoschonen wieder zu heftigen Kämpfen gekommen. Wie üblich geht es um die Vorherrschaft über das Weideland. Den Colorado und den Green River mögen die Siedler vielleicht noch gefahrlos überschreiten, doch jenseits der Flüsse, im Utah-Territorium, droht Unheil. Gerade in den südlichen Ausläufern der Wasatch Mountains prallen beide Stämme aufeinander. Es scheint mir unverständlich, dass der Anführer des Trecks sich nicht entschlossen hat, den Gila River Trail einzuschlagen. Dieser ist zur Zeit doch viel sicherer.“

“Dieser Meinung war auch der Leiter des Wagenzuges, ein gewisser Lloyd Merriweather. Sein neuer Scout hat ihn jedoch überzeugt, dass für die Wagen der Old Spanish Trail wesentlich geeigneter sei und sie dadurch auch erheblich Zeit sparen würden. Er hat ihnen alle Vorteile der Nordroute so ausführlich beschrieben, dass sie bald vollständig davon überzeugt waren. Ihre Begeisterung war ein weiterer Grund dafür, dass sie so schnell aufgebrochen sind.“

Über soviel Unvernunft konnte der junge Trapper nur noch den Kopf schütteln. Er war vor Jahren mit Jed Smith sowohl die Nord- als auch die Südroute entlanggezogen. Seine Entscheidung wäre eindeutig anders ausgefallen.

“Dieser Bergläufer, den sie als Scout genommen haben - kannten Sie ihn, Mister Bent?“

Der Pelzhändler verneinte.

“Der wäre mir aufgefallen, wenn ich ihn jemals vorher gesehen hätte“, erinnerte er sich. “Nie zuvor ist mir ein so gewaltiger Mann vor die Augen gekommen. Er muss mindestens sieben Fuß gemessen haben und war so breit wie zwei Männer. Muskeln hatte er wie Bisonflanken.“

“Hatte er fahlblondes Haar?“, fragte Kit aus einer plötzlichen Eingebung heraus. “Trug er eine Deringer-Flinte, Mister Bent?“

“Du kennst ihn?“, staunte sein früherer Lehrmeister.

Kits Miene hatte sich noch stärker verdüstert.

“Ich hatte gehofft, ihn gekannt zu haben, denn er sollte tot sein. Wenn wir von dem selben Mann sprechen, dann handelt es sich um einen Mörder, aber Ihre Beschreibung lässt nur diesen Schluss zu. Nach seiner Untat in Missouri habe ich mich mit Jim Bridger sofort an seine Fersen geheftet. Damals kamen wir aber zu dem Schluss, er wäre in einem Präriebrand umgekommen.“

Charles Bent war sichtlich erschüttert.

“Ein solcher Mann kam nichts Gutes vorhaben“, sagte er heiser. “Hätten die Siedler doch bloß auf mich gehört. Aber du weißt selbst, dass ich dich nicht früher hätte erreichen können, Kit. Was können wir jetzt noch tun?“

“Hinterher reiten“, war Kits lapidare Antwort, “und hoffen, dass es noch nicht zu spät ist. Ich werde so schnell wie möglich mit einem Ersatzpferd aufbrechen.“

Ihr Abschied war herzlich, doch kurz und sorgenvoll.

Kit Carson ritt unermüdlich. Am zweiten Tag hatte er bereits die trockenen Ebenen des New Mexico-Territoriums hinter sich gelassen. Das Land stieg an und wurde fruchtbarer. Eines Morgens überquerte er den Colorado, und am gleichen Abend bereits den Green River. Die Siedler hatten eindeutig den Weg eingeschlagen, den er befürchtet hatte. Ihrer Spur zu folgen, war ein Kinderspiel. Bald erreichte er die kargen südlichen Ausläufer der Wasatch Range.

Dort geriet er am siebenten Tag seiner Verfolgung in einen Hinterhalt der Blackfeet.

DER TRECK DES TODES

Lloyd Merriweather, der Anführer des Trecks, hatte von Anfang an Wert darauf gelegt, den Tagesablauf so regelmäßig wie nur möglich zu gestalten. Nur so waren die Anstrengungen des Trails noch am leichtesten zu ertragen.

Gegen vier Uhr morgens wurde bereits geweckt. Die Leute krochen aus ihren Zelten und Wagen. An die kleinen Haufen aus Büffelmist, die man noch am Vorabend zusammengetragen hatte, wurde Feuer gelegt, und schon bald begannen Rauchfahnen aufzusteigen. Etliche Männer hatten bis dahin das Vieh zusammengetrieben und machten sich mit Heißhunger über das Frühstück her.

Von sechs ‚bis sieben Uhr wurden die Zelte abgebrochen, die Wagen wieder beladen und die Gespanne angeschirrt. Sobald der Wagenzug in Gang gekommen war, wurden die Jäger weggeschickt. Zur Mittagsrast wurden die Gespanne nicht ausgeschirrt, sondern nur von den Wagen losgebunden. Bei Sonnenuntergang ließ Merriweather die Conestogas zu einer Rundformation auffahren. Am abendlichen Lagerfeuer war man gegen acht Uhr mit dem Essen fertig. Anfangs hatte danach ein junger Geiger zum Tanz aufgespielt, und die Paare waren gesprungen, dass das Präriegras nur so flog. Inzwischen blieb es nach dem Abendessen ruhig: Die Anstrengungen der Reise forderten ihren Tribut.

Es war der elfte Tag seit ihrem Aufbruch, kurz vor der Mittagszeit. Merriweather war ein Stück voraus geritten und ließ sich nun wieder einholen. Sinnend glitt sein Blick über die Wagen.

Die meisten der Teilnehmer waren Händler, die sich im fernen Westen große Geschäfte versprachen. Ihre schweren Conestoga-Wägen waren mit Handelsgütern jeder Art beladen, wie Ballen von Kattun und Drillich, Messern, Decken, Haarnadeln, Bürsten, Rasiermessern, Spiegeln, Zucker, Mehl und natürlich Whiskey. Auf ihrer Rückreise würden sie dann, wenn alles gut ging, mexikanisches Silber und Gold, Pelze und unversponnene Wolle mit sich führen.

W e n n  alles gut ging  ... 

Lloyd Merriweather hatte die letzten Tage eine gewisse Unruhe verspürt. Er war jedoch außerstande gewesen, ihre Ursache herauszufinden.

Der Anblick des vierten Wagens lenkte seine Gedanken wieder in eine andere Richtung. Er gehörte Ezra und Linda Carlisle, die Onkel und Nichte waren oder sich zumindest als solche ausgegeben hatten. Merriweather hatte keinen Grund, an ihren Worten zu zweifeln. Ihn Interessierte weniger, wer sie waren, als was sie eigentlich vorhatten. Denn Händler waren sie keine. Das ging eindeutig aus der bescheidenen Ladung ihres Wagens hervor.

Aber sie waren auch keine Siedler, und dass sie nur aus Langweile an der weiten Reise teilnahmen, hielt der Treckführer ebenfalls für unwahrscheinlich. Er hatte zwar schon von schrulligen reichen Besuchern aus der alten Welt gehört, die bei ihrem gewaltigen Besitz offensichtlich keine bessere Beschäftigung fanden, aber die Carlisles wirkten keinesfalls wie reiche Müßiggänger. Sie waren ruhig, bescheiden, unaufdringlich und zurückhaltend. Auch machten sie einen überaus ehrlichen Eindruck. Allein das Motiv ihres Aufbruchs blieb rätselhaft.

Von Südwesten her näherte sich ein Reiter. Er war noch über eine halbe Meile entfernt, doch seine äußerst kräftige Statur war sogar aus dieser Entfernung bereits erkennbar. Der Scout, den Merriweather in Santa Fé angeworben hatte, war den Jägern gefolgt, um ihnen für den heutigen Tag noch genauere Hinweise zu geben. Nach seinen eigenen Angaben kannte er diese Gegend hier wie seine eigene Westentasche.

Bald war er heran. Auch sein Pferd war größer und mächtiger als alle anderen gebaut, die Merriweather jemals gesehen hatte. Die Größe des Besitzers wurde dadurch ein wenig zurückgenommen, dass Ross und Reiter eine einheitliche Proportion ergaben. Wenn der Scout jedoch auf ebener Erde stand, überragte er Merriweather um Haupteslänge. Nun zügelte er sein Tier vor dem Treckführer.

“Alles klar, Sir“, meldete er. “Genügend Wild, um den Proviant auf Tage hinaus sicherzustellen. Wir bekommen eine reichhaltige Speisekarte.“

Lloyd Merriweather freute sich zutiefst über diese gute Nachricht.

“Danke“, erwiderte er. “Sie machen Ihre Sache ausgezeichnet. Ich glaube nicht, dass es im ganzen Westen einen besseren Trailscout gibt als Sie, Mister McClusky.“

*

Der vierte Wagen des Zuges war in der Tat recht kärglich ausgestattet. Gewiss, auf genügend Proviantreserven war Wert gelegt worden. Werkzeug war nur das notwendigste vorhanden und der übliche Trödelkram, den die Händler mit sich herumzuschleppen pflegten, war bei den Carlisles nicht zu finden. Die anderen Teilnehmer hatten dies längst bemerkt. Lloyd Merriweather war nicht der einzige, der sich über die beiden den Kopf zerbrach. Die beiden Carlisles gaben auf diesbezügliche Fragen stets ausweichende Antworten. Allein ihrem freundlichen Wesen war es zu verdanken, dass die übrigen auf diese Verschwiegenheit nicht mit Missmut reagierten. Der stämmig gebaute Ezra Carlisle war ein gern gesehener und zuverlässiger Kamerad.

Linda Carlisle trug ihr glattes braunes Haar schulterlang. Auf den ersten Blick wirkte sie eher unauffällig, doch wer sie eines zweiten Blicks für würdig fand, wurde reich dafür belohnt. Sie war von jener stillen Schönheit, die nur wenigen Männern sofort ins Auge stach, doch bei näherer Bekanntschaft ungemein gewann. Ihr ruhiges, aber bestimmtes Wesen ließ sie manchmal älter erscheinen, als sie eigentlich war. Einige der jüngeren Männer hatten bereits schüchtern ihr Interesse bekundet, doch wäre es keinem eingefallen, sich ihr in aufdringlicher Weise zu nähern.

Dennoch gab es einen Mann, von dem Linda sich verfolgt fühlte. Mit ihrem Onkel hatte sie natürlich noch nicht darüber gesprochen. Sie wusste, dass er von diesem für sie stets ungebetenen Besucher wie alle anderen eine sehr hohe Meinung hatte, die sie jedoch in keiner Weise teilte. Ihr war er unheimlich. Allein seine äußere Erscheinung wirkte nicht besonders Vertrauen einflößend auf sie.

“Da kommt er wieder“, raunte sie ihrem Onkel zu. “Er hat gerade mit Mister Merriweather gesprochen.“

Ihr Onkel wandte sich zu ihr um.

“Ich weiß nicht, was du gegen ihn hast, Linda“, entgegnete Ezra Carlisle. “Er ist aus einem harten Holz geschnitzt, gewiss, aber solche Männer braucht dieses Land. Außerdem hat er unser Vertrauen in ihn bisher hinreichend gerechtfertigt.“

“An seinen Fähigkeiten habe ich nie gezweifelt“, gab ihm Linda zur Antwort. “Und dass Männer seines Schlages notwendig sind, um dieses wilde Land einst zu zähmen, habe ich auch nie bezweifelt. Es ist vielmehr sein Wesen, das mich  ...  “

Sie brach ab, da sich der Reiter inzwischen ihrem Wagen so weit genähert hatte, dass er ihr Gespräch gehört hätte. Mit einer eleganten Verbeugung und einem Lächeln, das zu gewinnen suchte, riss Seth McClusky sich die Biberfellmütze vom Kopf.

“Einen angenehmen Tag wünsche ich! Wenn das Wetter weiterhin so gut mitspielt, schaffen wir heute wieder mehr als zwanzig Meilen. Die Ausläufer der Wasatch Range werden uns allerdings noch ein Stück Weges begleiten. Wie gefällt Ihnen die Landschaft, Miss Carlisle?“

Damit hatte er bei Linda allerdings den richtigen Ton getroffen. Während des langen Zuges hatte sie das allmähliche Wechseln der Vegetation mit steigender Faszination beobachtet: Zu Beginn das üppige Grün der Plains, von einer Unzahl bunter Wildblumen durchbrochen, dann die sanften schwellenden Hügel, die sich schier endlos aneinanderreihten, die hohen und zerklüfteten Sandsteinkliffe des Platte River, die reichen Wälder  ...  später die wilden Wasser des Green River, vorspringende Felsen, von denen die Fluten mit Getöse in ein tieferliegendes Becken stürzten, und nun allmählich die strenge Kargheit der südlichen Wasatch Range  ...  doch in welcher Beziehung stand die Erhabenheit ihrer Gefühle bei deren Anblick zu Seth McClusky?

“Für Sie mögen dies lauter lang gewohnte Panoramen sein“, erwiderte sie daher in einem unverbindlichen Tonfall. “Für uns dagegen ist das alles neu und aufregend. Nie zuvor habe ich Antilopen und die vielen anderen Tiere in solcher Menge gesehen.“

“Es ist nicht leicht, sich in dieser Wildnis niederzulassen“, fuhr McClusky fort. “Sie haben ein hartes Stück Arbeit vor sich, Miss Carlisle.“

“Woher wissen Sie, dass wir uns in Kalifornien niederlassen wollen?“

Seth McClusky zuckte die Schultern.

“Ich habe es nur vermutet. Welchen anderen Grund sollten Sie wohl haben, um so mir nichts dir nichts ins Ungewisse aufzubrechen?“

Sein Tonfall blieb ganz gleichgültig; auch versuchte Linda vergeblich, aus seinem Gesicht etwas herauszulesen, doch es gelang ihr nicht. McCluskys Augen schienen völlig unbekümmert, seine Frage eher aus Teilnahme denn aus Neugierde gestellt. Aber Linda verließ sich auf ihren Instinkt, und dieser riet ihr, McClusky nicht über den Weg zu trauen.

“Als Aufbruch ins Ungewisse würden wir das nicht bezeichnen“, wich sie der Frage aus. “Mit einem Scout wie Ihnen kann uns doch gar nichts passieren  ...  oder?“

Der hünenhafte Mann lächelte übergangslos.

“Ihr Vertrauen ehrt mich, Miss. Ich hoffe sehr, dass ich Sie nicht enttäuschen werde.“

Nach diesen zweideutigen Worten tippte er leicht an seine Mütze, drückte dem Pferd die Fersen in die Flanken und ritt wieder nach vorne.

“Seine Fürsorge ist gerade rührend“, lächelte Ezra Carlisle. “Ich glaube, er ist ein wenig in dich verliebt.“

“Das glaube ich nicht“, bekam er von Linda zur Antwort. “Er hat uns bereits in Santa Fé mehr Aufmerksamkeit gewidmet als allen anderen. Mit mir hat das nichts zu tun. Manchmal habe ich beinahe das Gefühl, als  ...  “. Sie stockte.

“Nun?“

“  ...  als wüsste er über alles Bescheid!“, brach es aus Linda heraus. “Als würde er den wirklichen Grund unserer Reise bereits kennen!“

“Völlig ausgeschlossen“, widersprach Ezra Carlisle. “Deine Eltern waren die einzigen, die darüber Bescheid wussten. Ich musste meiner Schwägerin auf dem Totenbett versprechen, dich nicht allein losfahren zu lassen.“

“Ich weiß selbst, wie gefährlich das ist“, gab Linda zu. “Aber wem sonst könnten wir noch vertrauen?“

“Niemandem“, bestätigte Ezra. “Es wäre unser aller Verderben, wenn dieses Geheimnis in die falschen Hände geriete.“

*

Seth McCluskys mächtiger Hengst schloss zu Lloyd Merriweathers Wallach auf. Der Wagenzug hatte gerade seine Mittagsrast beendet.

“Das Gelände ist völlig ungefährlich“, erklärte McClusky dem Trailführer. “Daher bin ich auch nicht früher Iosgeritten. Sollten Indianer in der Nähe sein, dann wäre es allerdings nicht ratsam, unvorbereitet zu sein. Ihre Wohlgesonnenheit können wir uns durch Tabak und Eisenwaren erkaufen. Mit den Blackfeet kann man reden, aber die Schoschonen sind ein heimtückisches Volk.“

“Seltsam“, ging Merriweather auf diese letzte Bemerkung ein. “Bisher habe ich stets eher das Gegenteil gehört.“

McClusky winkte ab.

“Erstens gibt es viele Vorurteile, die von Unkundigen wider besseren Wissens übernommen werden. Zweitens kommt es auch auf die einzelnen Stämme an. Die Blackfeet im Norden sind meine Freunde. Die Lemhi-Schoschonen im Westen hingegen sind Pferdediebe, die auch vor einem Mord an einem Weißen nicht zurückschrecken.“

“Sagten Sie nicht, dieser Weg wäre weit sicherer als der Gila River Trail?“, wunderte sich der Trailboss besorgt.

“Das ist er ohne Zweifel“, gab McClusky hastig zur Antwort, verärgert, dass er in seinem Bemühen, die Schoschonen schlechtzumachen, die falsche Saite angeschlagen hatte. “Wie gesagt: Mit ein paar Geschenken haben wir sie schnell auf unserer Seite, und Ihre Kaufleute haben genug davon dabei.“

Er nickte Merriweather noch kurz zu und ritt weiter, um nicht noch mehr unangenehme Fragen beantworten zu müssen.

*

Eine Stunde später erreichte McClusky, dessen Route leicht aber stetig angestiegen war, eines der niedriger gelegenen Plateaus der Wasatch Range, auf das auch der Treck zuhielt. Der Grasbestand war spärlicher geworden, und auf der rotsandigen Ebene standen schließlich nur noch vereinzelte Beifußgewächse.

Er ritt auf den östlichen Bergrand zu und stieß drei unregelmäßige Pfiffe aus.

Zwischen den zerklüfteten Felsen tauchten zwei grell bemalte Blackfoot-Indianer auf. Die Begrüßung war kurz.

“Und?“, fragte der erste Krieger neugierig. ‘Verläuft alles nach Plan, Skullcrasher?“

Der “Schädelbrecher“, wie die Indianer McClusky nannten, nickte grimmig.

“Und wir bekommen diesmal wirklich alles, was die Weißen geladen haben? Du willst keine Waren für dich behalten?“

“Diesmal nicht“, erwiderte der verräterische Scout, “obwohl ihr ausnahmsweise die Schmutzarbeit nicht selbst zu machen braucht. Ich will nur das Bargeld, mit dem ihr ohnehin nichts anfangen könnt. Außerdem den vierten Wagen, der von einem älteren Mann und einer jungen Frau gefahren wird. Er enthält nichts, was für euch von Interesse ist.“

Die beiden Blackfeet wechselten einen kurzen Blick, dann nickten sie einmütig.

“Es soll geschehen, wie du sagst.“

“Gut, dann hoffe ich nur, dass ihr es geschafft habt, von den Lemhi-Schoschonen nicht entdeckt worden zu sein.“

“Sie sind völlig arglos. Sie halten sich von dem weißen Bison fern, da sie wissen, dass er um diese Jahreszeit mit seinen Kühen ungestört sein will. Aber wir beobachten ihn, seit du mit dem Treck der Weißen aufgebrochen bist. Zur Zelt hält er sich in einem nahegelegenen Tal auf. Wir können ihn aufstöbern, sobald du es wünscht.“

“Ausgezeichnet!“, stellte McClusky fest. “Worauf warten wir noch?“

Die Blackfeet holten ihre Pferde aus dem Versteck. Es handelte sich um Nachkommen jener ersten Tiere, die sie zwischen 1730 und 1740 von den Schoschonen erbeutet hatten. Alle Indianerstämme des Mittelwestens hatten bei der Pferdezucht von Anfang an eine glückliche Hand gezeigt. Schoschonen und Blackfeet wetteiferten um die Zahl ihrer Tiere und fochten bisweilen erbitterte Kämpfe um die Weidegründe aus.

Vor dem Eingang des Tales, in dem die Bisons gesichtet worden waren, zügelte McClusky sein Pferd.

“Wie viele Kühe hat er bei sich?“, wollte er wissen.

“Nur eine Handvoll“, erwiderte einer seiner Begleiter. “Als weißem Außenseiter ist es ihm bestimmt sehr schwer gefallen, sich überhaupt einen Harem zuzulegen.“

McClusky prüfte die Umgebung sehr genau, ehe er einen Entschluss fasste.

“Ich kehre dorthin zurück, wo wir uns getroffen haben. Sondert ihn ab und treibt ihn womöglich allein auf diese Stelle zu. Vergesst aber niemals das Wichtigste: Keine Pfeile! Wenn auch nur ein einziger abgefeuert wird oder verloren geht, dann ist unser ganzer wunderschöner Plan verdorben.“

“Sei unbesorgt, Skullcrasher. Wir wissen sehr wohl, was auf dem Spiel steht. Außerdem ist dies eine einmalige Chance, uns an den verhassten Lemhi-Schoschonen auf eine Weise zu rächen, die sie bis an ihr Lebensende nicht vergessen werden!“

McClusky lachte.

“So ist es recht! Zusammen sind wir stark.“

Er hatte schon seit langem verstanden, die Blackfeet auf seine Seite zu ziehen. Sie waren stets nur Mittel zum Zweck, aber diese Wahrheit hatte er bisher geschickt vertuschen können.

Eine halbe Stunde später trennte er sich von seinen Verbündeten und ritt zum Treck zurück.

Erst am späten Nachmittag wirbelten die Hufe der Zugtiere den roten Sandstaub auf. McClusky, der sich bei den Jägern aufhielt, stellte insgeheim mit großer Befriedigung fest, wie sorgfältig die Blackfeet alle Spuren beseitigt hatten.

Lloyd Merriweather ritt wieder voraus und sah das Hindernis auf dem Weg als erster. Als er näher herankam, rlss er vor Staunen Mund und Augen auf.

Er hatte noch nie einen weißen Bison gesehen. Weder tot noch lebendig. Am Zustand des gewaltigen Fleischberges vor ihm konnte spätestens nach einem Blick auf die Augen kein Zweifel mehr herrschen.

“Allmächtiger!“, entfuhr es dem Treckführer. “Ich habe nicht gewusst, dass es so etwas auf der Welt gibt. Was sollen wir mit ihm machen?“

Die Frage war an Seth McClusky gerichtet, der zusammen mit einigen Jägern herbei gesprengt war.

“Er kam noch nicht lange tot sein“, erklärte der verräterische Scout, dem seine Gedanken nicht anzusehen waren. “Als ich vorhin dieses Plateau erkundet habe, war er noch nicht da.“

“An Altersschwäche ist er jedenfalls nicht gestorben“, stellte einer der Jäger fest. “Der Einschuss ist ja deutlich genug zu sehen.“

Seth McClusky gelang es mühelos, eine nachdenkliche und sorgenvolle Miene aufzusetzen.

“Auf jeden Fall wird es mächtigen Ärger geben“, verkündete er seinen Zuhörern. “Dieser weiße Bison war den Lemhi-Schoschonen heilig.“

“Dann sollten wir sofort weiterziehen!“, schlug Merriweather vor.

“Genau das wäre verkehrt“, widersprach ihm McClusky. “Wir würden genau auf sie zureiten. Was denken Sie, werden die Schoschonen sagen, wenn ihr heiliger Büffel direkt auf unserer Spur liegt?“

“Wir können ihnen alles erklären!“

“Ich bezweifle, dass die Schoschonen noch besonders aufnahmebereit sind, wenn sie den toten Bison erst einmal entdeckt haben“, konterte McClusky mit einem sarkastischen Unterton.

“Ja, aber  ...  was können wir denn sonst tun?“

Seth McClusky richtete sich im Sattel auf. Die Köpfe der Männer hoben sich, um aus seinem Gesicht einen Rat abzulesen.

“Ich sehe nur eine Möglichkeit“, ließ sich der heimliche Verbündete der Schwarzfuß-Indianer vernehmen. “Fahren Sie die Wagen zu einem runden Corral zusammen, und zwar so eng, dass man die Deichseln des einen unter die Hinterräder des nächsten schieben kann. Nehmen Sie das Vieh in die Mitte. Stellen Sie Wachen auf! Ich werde versuchen, so schnell wie möglich die Biackfeet zu Hilfe zu holen. Sie sind meine Freunde. Wir können uns auf sie verlassen. Ich muss nur sofort los, damit es nicht zu spät ist!“

Der Scout riss sein Pferd herum und galoppierte davon. Erst als er weit genug vom Treck entfernt war, ballten die Berge von seinem grausamen Gelächter wider.

AUFRUHR

Auch die Lemhi-Schoschonen waren vor knapp zwei Jahren weiter nach Westen gezogen. Es war der Wille Cameahwaits, des greisen Häuptlings, gewesen. Sacaja, der arglistige Medizinmann, hatte ihm vorgeworfen, dieser Aufbruch wäre nichts anderes als eine feige Flucht vor den Weißen. Cameahwait hatte ruhig erwidert, es sei keine Schande, dem Zeichen des Büffels zu folgen, der ihnen voran gezogen sei. Da die Schoschonen den Büffel verehrten - seine Tötung und vollständige Verwertung als göttliches Entgegenkommen miteinbezogen - waren sie den Worten ihres Häuptlings gefolgt.

Dass durchaus auch Friedensgedanken eine Rolle gespielt hatten, behielt Cameahwait für sich. Vor etwa zwanzig Jahren hatten sich die Schoschonen, die es längst besser hätten wissen müssen, dem Aufruf des großen Tecumseh angeschlossen. Doch auch sein mächtiges Feuer verglühte, und es wurde mehr Blut vergossen, als notwendig war, egal, auf wessen Seite man stand.

Hatten die Schoschonen aus ihrer Vergangenheit gelernt? Cameahwait wusste sehr wohl, warum diese Frage nur schwierig zu beantworten war. Einerseits waren die Schoschonen Krieger, Reiter und büffelgläubig - und somit Nomaden und natürliche Feinde des weißen Mannes. Andererseits besaßen sie umfassende handwerkliche Fertigkeiten, wie ihre Töpferkunst, ihre Korbflechterei und ihre vielfältige Woll- und Lederverarbeitung hinreichend bewiesen. Außerdem verstanden sie sich ausgezeichnet auf die Bodenbestellung, was allein durch die Tatsache belegt wurde, dass sie höchst selten im Winter hungerten.

Also galt es, einen Mittelweg zu finden, der alles berücksichtigte. Dazu aber war es auch wichtig, die Zeichen der Zeit richtig zu lesen. Cameahwait war überzeugt, lange genug gelebt zu haben, um diese Fähigkeit erworben zu haben. Er war weit älter als die meisten anderen Häuptlinge.

Washakie hatte seine Ansichten von Anfang an verstanden. Washakie, dessen Name grob übersetzt “Der den Büffel im Lauf tötet“ bedeutete, der sich längst als Krieger hervorgetan hatte, der aber zugleich mehr Verstand und Einsicht besaß als mancher Ältere.

Die Zukunft war ungewiss. Kämpfend unterzugehen war ein Weg, der jedem offen stand, doch es musste bessere Wege geben. Cameahwait war entschlossen, sie zu finden.

Vor seinem Zelt erklangen aufgeregte Rufe.

“Hört alle her! Der weiße Bison ist tot!“

Der stämmig gebaute junge Mann, der diese Worte über das ganze Lager schrie, hatte seinen Kriegernamen erst vor kurzem erworben. Er war mit dem Auftrag losgeschickt worden, den Wächter eines entlegenen Tales abzulösen, in dem Pferde gezüchtet wurden.

Cameahwait war trotz seines hohen Alters einer der ersten Männer, die ihr Zelt verließen. Das Geschrei hatten die Squaws angestimmt, die den aufgebrachten Reiter hatten heranstürmen sehen.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Baches verließen Sacaja und sein Sohn Ushopa ihre Unterkunft. Aber auch Washakie, der sein Lager ein wenig abseits aufgestellt hatte, war dem Ausruf des Ankommenden gefolgt.

Cameahwait brachte mit einer energischen Handbewegung die wild durcheinander redenden Schoschonen zum Schweigen.

“Berichte!“, forderte er den atemlosen jungen Krieger auf, der sich zu fassen versuchte.

“Ich hatte gerade die Anhöhe erreicht, von der man das gesamte Rote Tal überblicken konnte, ohne selbst gesehen zu werden“, begann er, “als ich bemerkte, dass es Wichtigeres gab als den Wächter abzulösen! Viele Wagen der Weißen, mit denen sie in die untergehende Sonne ziehen. Sie hatten einen Kreis gebildet, doch außerhalb dieses Kreises lag der weiße Bison! Es war kein Leben mehr in ihm.“

Ein vielfacher Schrei der Empörung gellte durch das Lager der Schoschonen. Mit erhobener Stimme gebot der greise Häuptling Einhalt. Längst war Washakie an seine Seite getreten.

Es war jedoch Sacaja, der Schamane, der in der darauffolgenden Stille als erster und mit Macht das Wort ergriff.

“Weiße Eindringlinge!“, ließ er seine laute Stimme über die Köpfe der Anwesenden erschallen. “Weiße Eindringlinge, die den weißen Bison getötet haben, der uns allen heilig war! Was zaudert ihr noch, ihr tapferen Krieger? Fühlt ihr den nicht, dass diese Schmach nur mit dem Blut unserer Feinde abgewaschen werden kann?“

Laute Beifallsrufe ertönten von allen Seiten. Einige Krieger sprangen bereits davon, um sich zu rüsten und ihre Pferde zu holen. Eine grimmige Wut hatte sich ihrer bemächtigt.

“Wartet!“

Alle Augen richteten sich auf den jungen Washakie, der mit seiner Größe alle anderen im Lager überragte. Seine Stimme hatte so energisch geklungen, dass tatsächlich sämtliche Krieger innehielten, die bereits weggehen hatten wollen.

“Ihr wisst, dass Wut die Mutter der Unvernunft und eine schlechte Ratgeberin ist. Ich bitte unseren Häuptling, den weisen Cameahwalt, das Wort zu ergreifen.“

Das greise Stammesoberhaupt nickte seinem Schützling anerkennend zu. Der Außenseiter von einst hatte längst alle guten Anlagen bestätigt, die Cameahwait in ihm vermutet hatte.

“So hört, meine Krieger! Der weiße Bison ist tot. Das ist für uns alle ein großes Unglück. Doch wissen wir, wie alles geschehen ist? Vielleicht hat er die Siedler angegriffen, und sie mussten um ihr Leben fürchten.“

“Sie müssen jetzt um ihr Leben fürchten!“, brüllte Ushopa ohne Rücksicht auf das Ansehen des greisen Häuptlings.

“Schweig!“, donnerte Washakies Stimme. “Jeder Krieger hat zu schweigen, wenn der Anführer des Stammes spricht.“

Es war mehr sein Anblick als der Inhalt seiner Worte, der Ushopa in der Tat verstummen ließ. Washakies Ruhe war die Ruhe eines grasenden Büffels, doch seine Wut war die eines verletzten und in die Enge getriebenen Bären.

“Wie konnten sie um das Schreckliche ihrer Tat wissen, wenn ihr Leben bedroht war?“, fuhr Cameahwait fort, als wäre nichts geschehen. “Doch selbst wenn sie den weißen Bison aus einem anderen Grund getötet haben, sollten wir uns fragen: Warum haben sie nicht auf der Stelle das Weite gesucht? Jeder Siedlerzug hat einen erfahrenen Treckbegleiter bei sich, der alle Strecken und Wege kennt und wohl auch weiß, wo unser Volk wohnt. Er hätte als erster unseren Zorn gefürchtet. Entweder hätte er, um das Leben der ihm anvertrauten Menschen zu schützen, unsere Verzeihung durch Geschenke erfleht, oder aber, was weniger klug gewesen wäre, zumindest versucht, die Siedler ihr Heil in der Flucht suchen zu lassen. Aber kein Scout wäre dumm genug, sie wie wehrlose Schafe auf einer Weide zurückzulassen, auf der sie dem schwächsten Wolf noch ein leichtes Opfer wären. Hütet euch vor Unbedachtheiten! Handelt nicht, bevor ihr wirklich genau erfahren habt, was vorgefallen ist, Euer Häuptling hat gesprochen.“

Erneut kam Stimmengewirr auf, das jedoch bedeutend leiser war als das vorangegangene. Es bildeten sich kleine Gruppen, die untereinander beratschlagten.

Dann erhob Sacaja seine Stimme.

“Deine Worte mögen alten Männern wohl ins Herz dringen, Häuptling, nicht aber jungen Kriegern. Sollen wir vielleicht tatenlos verharren, bis noch mehr Unheil von den Weißen angerichtet wird?“

“Keineswegs“, erwiderte Cameahwait. “Ich werde den Siedlern dreißig Krieger entgegenschicken, die sie so lange im Roten Tal festhalten sollen, bis geklärt wurde, was vorgefallen Ist.“

“Und wer soll sie anführen?“, fragte der Schamane mit einem lauernden Unterton.

“Washakie.“

“Dann verlange ich als Medizinmann, dass mein Sohn Ushopa an seiner Seite reitet. Dieses Recht steht mir wohl zu.“

“Es steht dir zu, und es sei. Doch möge er nie vergessen, dass es Washakie ist, dem ich die oberste Befehlsgewalt übertragen habe.“

“Er wird es nicht vergessen“, murrte Sacaja. Er wandte sich abrupt ab und kehrte mit wütenden Schritten zu seinem Zelt zurück.

Cameahwait wartete, bis er darin verschwunden war, dann legte er seinem Schützling die Hand auf die Schulter.

“Du wirst einen schweren Stand haben, mein Sohn“, sagte er leise. “Ihre Herzen sind voller Zorn. Wenn es tatsächlich die Siedler waren, die den weißen Bison getötet haben, dann bist du möglicherweise der einzige, der ein Blutbad verhindern kann. Es dauert mich, dass ich ein alter Mann bin, der nur noch von seinem früheren Ruhm zehrt, aus Kämpfen, die ich selbst nicht immer gut hieß, in denen ich mich aber wacker geschlagen habe. Ist es nicht seltsam? Sogar der Frieden kann manchmal nur mit der Waffe in der Hand erkämpft werden. Das Schwerste und doch Höchste ist es, ein Krieger des Friedens zu sein. Du sollst einer werden. Dazu gehört bisweilen auch der Kampf mit den eigenen Brüdern. Werde stark, werde der Sohn, den ich mir immer gewünscht habe.“

“Ich will mein Bestes tun“, versprach Washakie. Er ahnte, dass dies seine zukünftige Rolle innerhalb des Stammes bestimmen würde. Er, der Außenseiter, musste beweisen, dass er das Zeug zu einem Anführer hatte.

EIN HINTERHALT

Kit Carson sah das Aufblitzen eines Wurfspeers in der grellen Nachmittagssonne und riss sein Pferd zur Seite. Mit wehendem Haar jagte der blonde junge Trapper schräg einen grasbewachsenen Hügel hinauf.

Die erste Lanze lag weit daneben, doch die zweite bereits ein erhebliches Stück näher. Kit hatte schnell erkannt, dass er es mit Blackfoot-Kriegern zu tun hatte. Auch das noch!

Er war kaum außer Wurfweite, als er Hufschlag hinter sich vernahm. Zwar hatte er erst vor zwei Stunden wieder das Pferd gewechselt, doch war er sicher, dass die Blackfeet wie üblich ausgezeichnete Tiere zur Verfügung hatten, die es mit dem seinen aufnehmen konnten.

Oder trieben sie ihn auf eine weitere Falle zu, um ihn in die Zange zu nehmen? Er konnte es sich nicht leisten, dies zu spät herauszufinden.

Mit einem heftigen Ruck riss er die Zügel an sich. Sein Tier bäumte sich auf. Kit lenkte es herum und jagte im nächsten Augenblick in voller Karriere auf die drei Angreifer zu.

Seine Flinte wummerte auf, bevor die Blackfeet ihre Pfeile schussbereit hatten. Der vorderste Krieger sackte leblos vom Pferderücken, prallte auf den harten Boden und überschlug sich noch einmal, bevor er mit dem Gesicht nach unten liegenblieb.

Kit behielt sein Tempo bei. Der vordere der übrigen Angreifer ließ einen Pfeil von der Sehne, der dem jungen Trapper gefährlich nahe kam und ihm ein Loch in den linken Ärmel der Wapitilederjacke riss. Inzwischen hatte Kit sein Pferd nach außen gelenkt und dadurch den Blackfoot, der gerade auf ihn geschossen hätte, in die Schusslinie des zweiten Angreifers gebracht. Bevor dieser in die Mitte genommene Indianer seinen zweiten Pfeil auf den Bogen bekam, krachte Kits Rappahannock. Danach blieb nur noch ein Gegner übrig.

Mit einem Wutschrei jagte dieser auf Kit zu und zog mit einer fließenden Bewegung den federgeschmückten Tomahawk.

Mit einem dumpfem Geräusch prallten die beiden Pferdekörper aufeinander. Kit parierte den ersten Hieb mit dem Lauf seiner Holsterpistole. Noch während der Axtarm des Blackfoot in vollem Schwung nach unten fuhr, nutzte der junge Trapper die Gelegenheit, um den durch den abgelenkten Schlag aus dem Gleichgewicht geratenen Krieger das Kolbenende seiner Rappahannock so wuchtig an die Schläfe zu schlagen, dass dieser ohne Besinnung von seinem Mustang stürzte.

Wenn Kit jedoch nun dachte, sich all seiner Angreifer entledigt zu haben, so irrte er.

Der Kampfeslärm war nicht unbemerkt geblieben, und mit Entsetzen erkannte Kit, dass aus den Hügeln ein gutes Dutzend weiterer grimmiger Blackfeet im Anzug war.

Angesichts dieser überwältigenden Übermacht blieb dem jungen Trapper nur die Flucht. Er hatte Glück gehabt, dass sein Ersatztier seinem Reitpferd gefolgt war und mitlief. Sein jetziges Reittier war noch ziemlich ausgeruht und von seiner Konstitution her durchaus imstande, es mit den Mustangs der Gegner aufzunehmen.

Das Geheul der Verfolger dröhnte in seinen Ohren, als er seinen Hengst erneut in die Richtung trieb, in der er den Treck vermutete.

Eine Viertelstunde mochte mit dieser wilden Jagd vergangen sein, und ein Ende war nicht abzusehen. Die Pferde waren ziemlich gleichwertig, und solange sein Tier nicht ins Stolpern kam, würde sich der Abstand nicht so schnell verändern.

Kit hatte sich voll auf das Terrain vor ihm konzentriert, doch nun merkte er unvermittelt, dass das Kriegsgeschrei seiner Verfolger erst nachließ und schließlich ganz verstummte.

Eine Erklärung dafür fand er erst, als sein Pferd die nächste, sehr hohe Hügelkette erklommen hatte. Er sah in ein Tal hinunter, in dem vereinzelte Beifußgewächse blühten, das ansonsten jedoch nur von rötlichem Sand bedeckt war.

Und mitten darin stand der lang gesuchte Wagenzug!

Kit riskierte einen Blick nach hinten - und stellte voller Überraschung fest, dass seine Feinde verschwunden waren.

*

Erstaunt blickte er in die Runde, auf eine erneute Teufelei der Blackfeet gefasst. Diese waren jedoch in der Tat wirklich zurückgeblieben und hatten die wilde Jagd beendet. Kit zögerte nicht lange und galoppierte auf die weit gestreckte Ebene hinunter, in der der Wagenzug seine Formation bezogen hatte.

Er war zunächst erstaunt, dass die Conestogas zu einer Wagenburg aufgefahren waren. Aus dem Zustand der Planen ging jedoch eindeutig hervor, dass noch kein Angriff stattgefunden hatte. Hatten die Kaufleute und Siedler die Blackfeet überhaupt schon bemerkt? Dagegen sprach das Verhalten der Indianer bei seiner Verfolgung. Oder gab es einen anderen Grund dafür, dass sie bereits zu diesem Zeitpunkt eine Verteidigungsposition bezogen hatten? Falls ja: Wie konnten sie nur so dumm sein, dies ausgerechnet inmitten einer Talsenke zu tun, wo sie von allen Selten eingekesselt werden konnten?

Des Rätsels Lösung würde er indes erst innerhalb der Wagenburg finden können.

Rasch hatte Kit das ebene Gelände erreicht. Er ritt nun bedeutend langsamer, um verhängnisvolle Missverständnisse zu vermeiden. Schließlich konnte er nicht wissen, wie lange sich die Siedler schon in dieser nervenaufreibenden Lage befanden.

Noch in größerer Entfernung von der Wagenburg begann er seine Mütze zu schwenken, um seine friedlichen Absichten deutlich genug kundzutun.

Endlich lösten sich drei Männer aus dem Wagenzug. Ihr Misstrauen war bereits daran zu erkennen, dass sie mit angeschlagenen Waffen auf Kit zugingen und sich dabei nicht in den Weg gerieten.

“Seid unbesorgt, Gents!“, rief ihnen der junge Mountain Man schon von weitem entgegen. “Ich komme aus Santa Fé! Charles Bent hat mich euch hinterher geschickt.“

Sein offenes Gesicht ließ die Männer offensichtlich rasch die richtigen Schlüsse ziehen. Die Flintenläufe wurden gesenkt.

“Lloyd Merriweather“, stellte sich der Anführer des kleinen Trupps vor. “Der Mann zu meiner Linken heißt Ezra Carlisle. Hier rechts  ...  das ist Doc Norman Schutzbier, dessen ärztliche Kunst uns schon oft geholfen hat.“

“KIt Carson“, stellte sich der junge Trapper vor. “Ich will Ihnen ja nicht gleich zu nahe treten, aber haben Sie sich schon Gedanken über diesen Lagerplatz gemacht?“

“Wir haben ihn uns nicht ausgesucht“, erwiderte der Treckleiter. “Unser Scout hat empfohlen, dass wir uns hier verschanzen sollen. Inzwischen will er Hilfe herbeiholen.“

“Hilfe herbeiholen? Was ist passiert?“

“Sehen Sie den toten weißen Bison da vorne, Mister Carson?“, fragte Merriweather. “Er war bereits tot, als wir hierher kamen. Bei den Schoschonen scheint er ein heiliges Tier zu sein.“

“Das weiß ich allerdings“, brummte der junge Mountain Man, dem allmählich einiges dämmerte. “Aber es wäre mir lieber, wenn Sie mich einfach Kit nennen.“

“Also gut  ...  Kit. Unser Scout meinte, wir könnten Ärger mit den Lemhi-Schoschonen bekommen. Er war kaum um Verstärkung losgeritten, als wir feststellen mussten, dass die Schoschonen tatsächlich in den Bergen vor uns Stellung bezogen haben. Und nun können wir nicht weiter.“

“Welche Verstärkung wollte Ihr Scout denn holen? Hier gibt es weit weit und breit keine weiße Siedlung.“

“Er meinte, er sei mit den Blackfeet befreundet, die uns gerne gegen die Schoschonen zu Hilfe kommen würden.“

“Wie heißt dieser Scout?“

“Seth McClusky.“

Nun wusste Kit endlich genau, was die Stunde geschlagen hatte. Seine schlimmsten Befürchtungen hatten sich bewahrheitet.

“Hören Sie mir zu“, erklärte er ebenso langsam wie geduldig. “Hier läuft eine abgekartete Schweinerei. Vor Ihnen lauern die Schoschonen mit einer Riesenwut im Bauch, da sie bestimmt überzeugt sind, dass  S i e  den weißen Bison auf dem Gewissen haben. Was Sie aber wohl noch nicht gemerkt haben, ist, dass am anderen Ende der Mesa Blackfeet im Hinterhalt liegen, die alles andere vorhaben als Ihnen zu helfen. Es gibt keine gefürchteteren Skalpjäger als die Blackfeet! Seth McClusky hat Sie von Anfang an belogen. Er ist seit langem mit den Blackfeet im Bunde.“

“Mein Gott!“, stöhnte Merriweather, “das haben wir alles nicht gewusst. Ich fürchte, unsere Aussichten sind nicht sehr rosig.“

“In der Tat nicht“, musste Kit ihm bestätigen. “Sie sind alles andere als rosig.“

DIE ENTSCHEIDUNG

Rasch hatte die einbrechende Nacht die südlichen Ausläufer der Wasatch Range mit ihrem dunklen Schleier umhüllt. Kein Dunst trübte die Sicht. Das ansteigende Gebirgsmassiv im Hintergrund zeichnete sich klar gegen den nächtlichen Himmel ab, und inmitten dieser ungastlichen Berge lag eine weitläufige, größtenteils von rotem Sand bedeckte Hochebene, die im fahlen Schein des Mondes eine so unbestimmte Farbe angenommen hatte, dass die Siedler, die dort ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten, glauben mochten, sie befänden sich auf einer anderen Welt.

Das Bewusstsein, nicht allein zu sein, konnte diesen Eindruck nur noch verstärken. Die Angehörigen des Wagenzuges, der vor etwa anderthalb Wochen von Santa Fé aufgebrochen war, wussten, dass sie von Indianern eingeschlossen waren, die ihnen alles andere als freundlich gesonnen waren. Viele der Pioniere waren Kaufleute. Als Händler fürchteten sie um ihre Waren, doch als Menschen ungleich mehr um ihr bedrohtes Leben.

Sie hatten die Conestogas, wie es in einem solchen Fall üblich war, zu einem Kreis zusammengefahren, in dessen Inneren sich die Zugtiere aufhielten, um bei einem Angriff geschützt zu sein. Auf Lagerfeuer hatte man verzichtet. Zum einem, weil das Vieh in Panik geraten wäre, denn es war an nahes Feuer nicht gewöhnt, da es während der längeren Ruhezeiten gewöhnlich in einiger Entfernung weiden durfte. Zum anderen jedoch wegen der Belagerer. Die erzürnten Schoschonen hätten dies als betonte Sorglosigkeit und damit als zusätzliche Geste der Provokation auslegen können, nach allem, was geschehen war.

"Erwarten Sie etwa einen Nachtangriff?", hatte Lloyd Merriweather, der Leiter des Trecks, den Neuankömmling gefragt, .der am Spätnachmittag des gleichen Tages zu ihnen gestoßen war.

"Nein", hatte Kit Carson erwidert. "Es ist nicht üblich, dass Indianer nachts angreifen. Aber sie würden glauben, wir wollten sie nach dieser schrecklichen Tat auch noch verspotten, und spätestens dann zu der Ansicht kommen, dass es im Grunde wenig Unterschied macht, in eine Mesa bei Mond- oder bei Tageslicht einzufallen."

Die schreckliche Tat, von der er sprach, war das Erschießen des Weißen Bisons gewesen, der den Lemhi-Schoschonen als heilig gegolten hatte. Nun lag sein lebloser Rumpf unmittelbar vor dem Treck.

. Es waren jedoch nicht Merriweathers Leute gewesen, die diese ruchlose Niederträchtigkeit vollbracht hatten. Denn als ihr Wagenzug in diese Mesa eingezogen war, hatten sie den Bison bereits so vorgefunden.

Der Scout des Trecks, Seth McClusky, der über sieben Fuß groß und auch ansonsten von gewaltigem Körperbau war, hatte ihnen erklärt, dass der weiße Bison bei den Schoschonen hochgeachtet war. Umso schrecklicher würde nun ihr Zorn über die Siedler hereinbrechen. Sie konnten ja nicht atmen, dass diese keine Schuld am Tod des Tieres traf. Zum Fragen würden sich die Indianer jedoch kaum Zeit nehmen.

Also sei es am besten, versicherte der Scout den Männern, er würde sofort zu den Blackfeet reiten. Diese seien seine Freunde, mit den Lemhi-Schoschonen jedoch seit Urzeiten bitter verfeindet. Sie würden den Siedlern gerne Beistand leisten.

Seither war Seth McClusky verschwunden und nicht wiedergekehrt.

Kurz bevor er den Wagenzug erreicht hatte, war Kit Carson nur um Haaresbreite einem Hinterhalt der Blackfeet entgangen. Sie hatten die Verfolgung aufgegeben, als er in Sichtweite des Trecks gekommen war.

Hier lief also ein abgekartetes Spiel, so viel stand fest.

Die Treckältesten saßen seit Stunden zusammen. Norman Schutzbier, der mitreisende Arzt, hatte ihnen dazu seinen Wagen angeboten.

Kit Carson war nicht nur bei weitem der Jüngste dieser Runde, er hob sich auch durch seine Kleidung merklich von den anderen ab. Sein dichtes blondes Haar trug er nach Art der Mountain Men weit über den Kragen seiner Wapitilederjacke hinab, die wie seine Hose - aus dem gleichen Material gefertigt - reich mit Fransen verziert war. Als er nach Santa Fé geeilt war, weil Charles Bent ihn gebeten hatte, den Treck zu begleiten, hatte er gerade seine erste Jagdsaison als Truppführer in den Bergen hinter sich gebracht. Der Wagenzug war jedoch längst unterwegs gewesen, da sich in der Zwischenzeit Seth McClusky Lloyd Merriweather als Scout angeboten hatte.

"Offen gestanden, ich durchschaue die Lage immer noch nicht ganz", ließ sich Doc Schutzbier nun vernehmen. "Wir sind auf Schoschonengebiet. McClusky ist Ihrer Darstellung nach mit den Blackfeet verbündet, die uns den Rückweg versperren. Ein Weiterziehen ist jedoch ebenfalls ausgeschlossen, da uns im Westen die Lemhi-Schoschonen belagern. Soweit stimmt es doch, oder?"

"Allerdings", erwiderte Kit.

"Und was soll das Ganze?", wollte Merriweather wissen.

"Ich bin mir immer noch nicht sicher", musste der junge Trapper zugeben. "Aber eines steht fest: McClusky glaubt, die Fäden In der Hand zu haben. FolgIich müssen wir uns in seine Denkweise hineinversetzen, um seine heimtückischen Manöver vollends zu durchschauen."

"Sie sagten, er sei ein Mörder?", erinnerte sich Doc Schutzbier.

„In Franklin hat er einen alten Bekannten von mir umgebracht", gab Kit ihm zur Antwort. "Colin Simpson. Jim Bridger und ich haben ihn verfolgt, aber er ist uns entkommen. Das war vor zwei Jahren."

Keiner der Anwesenden zweifelte an seinen Worten. Lloyd Merriweather schüttelte niedergeschlagen den Kopf.

"Aber können wir denn gar nichts unternehmen, um dieses Missverständnis aus der Welt zu schaffen? Wäre es nicht am besten, einer von uns würde einfach zu den Lemhi-Schoschonen reiten und versuchen, das Ganze aufzuklären? Vielleicht lassen sie mit sich reden?"

"Ich bezweifle nicht, dass einige von uns den Mut dazu hätten, obwohl sie dabei ihr Leben aufs Spiel setzen würden", erwiderte Kit. "Aber ich kenne die Denkweise der Schoschonen ein wenig. Ein solches Manöver ließe sie auf der Stelle glauben, wir wollten uns feige herausreden."

"Was bleibt uns dann noch übrig?"

"Wir müssen abwarten", stellte Kit fest. Die Blackfeet werden sich so lange im Hintergrund halten, bis sich die Schoschonen mit uns auseinandergesetzt haben - auf welche Weise auch immer. Folglich müssen wir unbedingt den ersten Schritt der Schoschonen abwarten. Spätestens im Verlauf des morgigen Tages wird etwas geschehen."

*

Die ersten Sonnenstrahlen erhellten die Felszinnen und das Nachtlager der Schoschonenkrieger, die von dieser erhöhten Warte aus abwechselnd den Wagenzug der Weißen beobachtet hatten. Während die eingeteilten Wachen die ganze Zeit in Bewegung blieben, um die Nachtkälte abzuwehren, wickelten sich die übrigen aus ihren Decken und streckten sich. Ihr Frühessen bestand vorwiegend aus Kronsbeeren-Pemmikan, Rohrstengelmark und mitgebrachtem Quellwasser.

Ushopa, ein grimmiger Krieger, der grundsätzlich alle Weißen ebenso sehr hasste wie sein Vater Sacaja, der Schamane der Lemhi-Schoschonen, näherte sich mit ungeduldigen Schritten Washakie, den der alte Häuptling Cameahwait zum Anführer dieser Truppe bestimmt hatte.

Washakie war hochgewachsen, sehnig und doch muskulös, vom Charakter her ruhig, jedoch bestimmt. Er war der Schützling des greisen Stammesoberhauptes, was ihm schon früh den Neid und die Missgunst Sacajas eingebracht hatte, der viel lieber seinen Sohn als möglichen Häuptlingsnachfolger gesehen hätte.

Cameahwait war seit Jahrzehnten ein Freund des Friedens mit den Weißen. So hatte er umsichtigerweise Washakie dazu bestimmt, den Tod des Weißen Bisons zu klären und dabei ein Blutvergießen möglichst zu vermeiden.

Washakie hatte freiwillig die letzte Nachtwache übernommen. Unvermittelt stand Ushopa neben ihm.

"Wann greifen wir an?", fragte er knapp.

"Sobald ich es bestimme", erwiderte Washakie ruhig.

"Im Morgengrauen ist dazu die beste Gelegenheit", schnappte Ushopa.

"Weil wir es immer so gehalten haben, nicht wahr? Glaubst du, die Weißen wüssten das nicht längst?"

Die kaum versteckte Zurechtweisung brachte Ushopas Blut in Wallung.

"Und wenn schon! Unsere Aufgabe ist es, den Weißen Bison zu rächen! Willst du seine Mörder etwa ungestraft entkommen lassen?"

"Ich will erst wissen, wer die Mörder sind."

"Bist du denn blind? Ist dies nicht offensichtlich?"

"Nicht unbedingt. Oder kannst du, Ushopa, uns erklären, warum die Weißen dann noch immer im Tal lagern?"

"Natürlich. Weil sie uns gesehen haben."

"Ach ja? Waren wir denn schon da, als der Weiße Bison starb?"

Innerlich kochend stellte Ushopa ein weiteres Mal fest, dass es ungemein schwierig war, gegen Washakies gelassene Art anzukommen. Washakie, der nur zur Hälfte Schoschone war, hatte seinen Mut und seine Tapferkeit dennoch in unzähligen Kämpfen bewiesen. Sein zurückhaltendes Wesen erschien Ushopa dazu als unverständlicher Widerspruch, der seine Abneigung gegen den Stammesfremden bereits seit dessen Ankunft begründet hatte. Doch Cameahwait war stets ganz anderer Ansicht gewesen.

"Also willst du nicht kämpfen, sondern noch länger unnütz warten!"

"Nein", widersprach ihm Washakie. "Unnütz warten werden wir nicht länger. Ich werde mit drei Kriegern aufbrechen, um mit den Weißen zu reden."

"Pah!", empörte sich Ushopa.

Washakie warf ihm einen scharfen Blick zu, ging aber nicht auf diesen verachtungsvollen Laut ein. Er wandte sich an die übrigen Krieger.

"Nur keine Sorge. Ihr werdet euren Kampf bekommen!"

Während die Schoschonen noch über den zweideutigen Sinn seiner Worte nachdachten, schritt er davon.

*

Kit Carson hatte es stets gehasst, als "Indianerkämpfer" bezeichnet zu werden - ein Name, den Unkundige oft mit "Trapper" gleichsetzten. Trotz seiner jungen Jahre hatte er bereits Apachen, Pawnees und natürlich auch Blackfeet bekämpft, stets jedoch den Grund der Gegnerschaft respektiert. Mit den Mohaves und den Hopis verband ihn sogar Freundschaft, und seinen Kriegsnamen "Vih'hiu Nis" hatte er gar von Gelbem Wolf erhalten, einem Häuptling der Apachen. "Indianer" war für Kit Carson kein Sammelbegriff. Sie konnten sowohl natürliche Freunde als auch vorbestimmte Gegner sein. Einzelschicksale bestimmten jahrzehntelanges Verhalten. Trapper, die mit Indianerinnen zusammenlebten, konnten ganze Stämme auf die Seite der Weißen ziehen. Umgekehrt waren die Blackfeet ein typisches Beispiel für einen vollständigen Zusammenprall. Weiße unter Lewis und Clark hatten vor Jahrzehnten auf Diebstahl mit Tötung reagiert. Wie hätte man die Hintergründe beider Vergehen länger erklären können?

Charles Bent hatte Kit von Europa berichtet, der Alten Welt. Dort fanden jahrhundertelange Fehden zwischen Staaten statt, die man hier von der Größe her bestenfalls als Regionen bezeichnet hätte. In dieser Wildnis jedoch wurde ein ganzer Kontinent von Menschenhand geprägt.

Kit war kein Staatsmann. Er war von der Unendlichkeit der Prärien, der Gebirge, der Savannen und jener Seen besessen, die sich vom Ufer aus wie ein grenzenloses Meer darboten. Freunde, Feinde - was zählten sie, wenn es galt, eine Aufgabe zu erfüllen?

Seine augenblickliche Aufgabe bestand darin, Merriweathers Wagenzug einigermaßen für alle Eventualitäten zu sichern. Würde vielleicht auch der Ausgang dieses Abenteuers die Zukunft bestimmen?

Zusammen mit Merriweather schritt er die Wagen ab. Eine Bestandsaufnahme der Bewaffnung erschien ihm unumgänglich.

Doc Schutzbier zeigte ihm die Waffe seines Vaters.

"Das ist ein Dreyse-Gewehr", erklärte er. "Es schießt mit Zündnagelpatronen. Hier haben Sie eine. In ihr befindet sich ein sogenannter 'Treibspiegel', der durch den Schlag der Nadel entzündet wird. Mein Vater war immer sehr stolz darauf;"

"Ihr Vater kann auch stolz auf Sie sein, Doc", versicherte ihm Merriweather gerührt. Er ahnte, was in Doc Schutzbier vorging. Einem so tiefen und echten Menschenfreund wie ihm musste das bevorstehende Töten wie ein Alptraum erscheinen.

Die übrige Ausbeute war für Kit nicht sonderlich ermutigend. Der überwiegende Teil der Kaufleute hatte mit dem üblichen Geschäftssinn einen größeren Posten Hall-Hinterlader von der Armee erworben, die dort bereits 1819 mit langem Lauf als Gewehr, mit kurzem Lauf als Karabiner Eingang gefunden hatten. Ihr einziger Vorteil bestand darin, dass ihr Kippverschluss, der vom hinteren Laufende hoch gekippt wurde, ein Lager besaß, das Pulverladung und Geschoss aufnahm. Durch das Entfernen einer einzigen Schraube konnte dieser Verschluss folglich als Pistole benutzt werden, allerdings nur im äußersten Notfall - und, da der Verschluss keinen Führungslauf besaß, auch nur auf extrem kurze Entfernungen. Das hieß, für den schlimmsten aller Fälle, sobald sich die Schoschonen oder Blackfeet bereits im Lager befanden; wenn nichts mehr zu retten war und nur noch der würdige Tod zählte.

Kit hoffte inständig, dass es nie soweit kommen würde.

Ezra Carlisle, ein weiterer der Treckältesten, kam hastig von seinem Beobachtungsposten zurück.

"Sie sind zu viert!", rief er so laut, dass es alle hören konnten. "Vier Reiter! Sie kommen direkt auf das Lager zu. Aber sie reiten langsam!"

Im Nu waren sämtliche Teilnehmer des Trecks auf den Beinen. Tatsächlich waren es vier Indianerpferde, die sich in der Tat nicht im Galopp, sondern gemessenen Trabs näherten. Offensichtlich handelte es sich nicht um einen bevorstehenden Angriff.

Kit erkannte sofort die Absicht der Schoschonen.

"Mister Merriweather, es wäre mir recht, wenn Sie, Mister Carlisle und Doc Schutzbier sofort mitkämen. Machen Sie die Pferde bereit. Keine angeschlagenen Waffen. Versuchen Sie, ihnen so unbefangen wie möglich entgegen zu reiten."

Minuten später hatten sich die acht Reiter einander genähert. Fast gleichzeitig zügelten sie ihre Pferde. Keiner sprach.

Kit wusste, wie entscheidend es sein konnte, nicht als erste Partei das Wort zu ergreifen. Sein in der Wildnis geschulter Instinkt und seine Erfahrung zwangen ihn, sich seine Erregung in keiner Weise anmerken zu lassen. Er unterzog die vier Lemhi-Schoschonen vielmehr einer ersten äußerlichen Prüfung.

Die drei Indianer hinter ihrem Anführer hatten grimmige Mienen aufgesetzt. Sie gaben deutlich den Eindruck wieder, eher kampf- als gesprächsbereit zu sein.

Ihr Führer hingegen erweckte trotz seines ernsten Gesichtes den Anschein der Besonnenheit. Seine edlen, gefassten Züge  ...  konnte es gar sein, dass Kit ihm nicht zum ersten Mal begegnete?

Fieberhafte Gedanken schwirrten durch das Gedächtnis des jungen Trappers. Fast unbewusst stellte er fest, dass Merriweather, Carlisle und Doc Schutzbier ein wenig hinter ihm zurückgeblieben waren.

Eines stand fest: Er war ihm nie in einem Kampf gegenübergestanden. Aber woher sollte er sonst sein Gesicht kennen, wenn nicht  ... 

Plötzlich durchzuckte ihn Gewissheit. Das war es! Aber ihre erste Begegnung war in der Tat äußerst kurz gewesen.

Im Gesicht des Lemhi-Schoschonen war hingegen kein Zeichen des Wiedererkennens zu lesen. Doch wenigstens unterbrach er nun die lastende Stille.

"Warum habt ihr den Weißen Bison getötet, der uns heilig war?"

Kit ließ diese Worte auf sich einwirken. Als er bedächtig antwortete und dabei den Kopf schüttelte, hielt er dem forschenden Blick seines Gegenübers stand.

"Wir haben ihn nicht getötet. Es war bereits tot, als wir hierher kamen."

Der hochgewachsene junge Indianer runzelte die Stirn, während seine Kameraden hinter im Laute der Empörung ausstießen. Sie verstanden Kits Worte allein als feige Ausflucht, mit der er die ruchlose Tat abzustreiten versuchte.

"Warum seid ihr geblieben?", war Washakies nächste Frage.

"Dies war die Anweisung ihres Scouts", setzte Kit vorsichtig zu einer Erklärung an. "Sie befolgten sie, da sie ihm ihr Vertrauen geschenkt hatten. Inzwischen hat er das Weite gesucht. Wir wissen nun, dass er ein Verräter war. Ich stieß erst zu diesem Wagenzug, als der Schurke bereits verschwunden war. Das ist die kurze Wahrheit."

Kits entschlossene Haltung schien den Anführer der Schoschonen durchaus zu beeindrucken. Seine dritte Frage bestätigte diese Vermutung allerdings in keiner Weise.

"Warum sollte ich dir glauben?"

Der junge Trapper wusste, wie viel von der Beantwortung dieser Frage abhing. Erneut wählte er seine Worte äußerst sorgfältig.

"Weil der Scout, der diese Männer hierher geführt hat, nicht nur ein Verräter, sondern auch ein Mörder ist. Ich war selbst Zeuge, als er vor etwa zwei Jahren in Franklin den Sattelmacher Colin Simpson umgebracht hat."

Vielleicht war Kit der einzige, der im Gesicht Washakies ein kaum merkliches, überraschtes Zucken registrierte. Dann aber schienen seine Augen den jungen Trapper plötzlich intensiver zu mustern.

Spätestens jetzt erkannte Kit mit Erleichterung, dass ihn sein Gedächtnis nicht getrogen hatte. Allerdings wäre es nun höchst fatal gewesen, wenn der Anführer der Vierergruppe seine Erinnerungen jetzt ebenfalls preisgegeben hätte. Als Kit jedoch feststellte, dass dies nicht der Fall war, überkam ihn nicht nur Erleichterung, sondern auch unmittelbare Hochschätzung vor der Klugheit und raschen Auffassungsgabe seines Gegenübers. Die anderen Indianer hätten auf eine entsprechende Besinnung sicher höchst ungehalten reagiert. Ihr Entschluss zu einem Kampf stand ihnen deutlich genug ins Gesicht geschrieben.

"Bist du bereit, für die Wahrheit deiner Worte zu kämpfen?", fragte Washakie.

"Jederzeit", erwiderte Kit, ohne sich lange zu besinnen.

"Dann sollst du deine Chance haben. Ich werde dein Gegner sein. Verlierst du, so seid ihr alle ohne weitere Bedingungen unsere Gefangenen und folgt uns in unser Lager, ohne den geringsten Widerstand zu leisten. Dort wird dann unser Urteil über euch gesprochen. Solltest du aber gewinnen, so bekommt ihr Gelegenheit, euch hier an Ort und Stelle zu rechtfertigen und uns gegebenenfalls Sühne anzubieten. Erkennst du diese Entscheidung an?"

"Ich bin mit ihr einverstanden", erklärte Kit kurz und bündig.

"So sei es denn. Wir werden uns erneut hier treffen, wenn die Sonne am höchsten steht."

Ein knapper Wink seiner Rechten war der Befehl für seine Krieger, die Stätte zu verlassen. Bevor er selbst sein Pferd wendete, warf er Kit einen Blick zu, der dem jungen Trapper nun eindeutig verriet, dass er ebenfalls wiedererkannt worden war.

Kit und die Siedler ritten ebenfalls zu ihrem Lager zurück. Sie waren kaum abgestiegen, als Doc Schutzbier das Wort ergriff.

"Sir! Haben Sie denn nichts Besseres vor als für uns Ihr junges Leben aufs Spiel zu setzen? Gut, Sie sehen aus, als ob Sie es gewöhnt wären zu kämpfen, aber glauben Sie wirklich, diesem Wilden gewachsen zu sein?"

"Das wird sich herausstellen", erwiderte Kit ruhig und gefasst.

"Er wird aber alle Hinterlisten und Heimtücken verwenden, um Sie in den Staub zu werfen", wandte Lloyd Merriweather ein.

"Ich halte ihn weder für hinterlistig noch für heimtückisch", widersprach ihm der junge Trapper bestimmt, jedoch ohne seine Stimme zu heben. "Er hat sich schließlich überaus gemäßigt verhalten, obwohl er die Wut seiner Begleiter bei allen seinen Worten ständig gespürt haben muss. Ja, ich habe sogar den Eindruck, er würde lieber versuchen, ein Blutvergießen im größeren Ausmaße ebenfalls zu verhindern. Anders kann ich sein großherziges Angebot gar nicht auslegen."

"Das nennen Sie großherzig?", keuchte Ezra Carlisle.

"Allerdings. Hätte er auf der Stelle ein bedingungsloses Niederlegen der Waffen gefordert, so wären wir schwerlich imstande gewesen, uns dieser Anordnung zu widersetzen. Wir dürfen die Frauen und Kinder des Trecks nicht vergessen."

"Ich bin mir nicht sicher, ob wir durch dieses Ultimatum etwas gewonnen haben", äußerte Merriweather seine Bedenken. "Nehmen wir den schlimmsten Fall, dass er Sie besiegt, Kit. Was können wir dann noch tun?"

''Lassen Sie sich auch im Lager der Schoschonen auf keinen Fall von der Wahrheit abbringen", riet ihm der junge Trapper. "Dennoch könnte etwas mehr Zuversicht nicht schaden. Spätestens seit dieser Aussprache ist mir einiges durch den Kopf gegangen."

Bevor die anderen Gelegenheit hatten, über diese rätselhafte Bemerkung nachzudenken, war Kit bereits zwischen den Conestogas verschwunden.

PFEIL GEGEN BEIL

Linda Carlisle war gerade dabei, die Ladefläche des großen Conestoga-Wagens zu fegen, als der junge Trapper vorbei ging, der am gestrigen Abend zu ihnen gestoßen war. Er schien sie jedoch nicht bemerkt zu haben, da er geradewegs zu seinem Pferd weiterschritt, um dort an den Satteltaschen herumzuhantieren.

"Er gefällt dir wohl besser als unser vorheriger Scout, nicht wahr?"

Linda fuhr herum. Sie hatte nicht gemerkt, dass ihr Onkel Ezra zum Wagen zurückgekehrt war, nachdem die Besprechung mit Merriweather ihr Ende gefunden hatte. Sofort stieg eine leichte Röte in Lindas Gesicht.

"Mit dieser Meinung dürfte ich wohl nicht ganz allein dastehen", konterte sie energisch. "Spätestens jetzt, da alle wissen, dass McClusky uns möglicherweise in unser Verderben geführt hat."

Ezra Carlisle lächelte. Die heftige Reaktion seiner Nichte lenkte seine Vermutungen in ganz andere Bahnen.

"So habe ich es auch gar nicht gemeint. Doch er ist jünger als McClusky, groß, blond und sieht auch recht gut aus. Du möchtest ihn gerne kennenlernen, oder nicht?"

"Onkel Ezra!" schnappte Linda. "Was zum Teufel geht in dir vor, dass du ständig versucht, mich unter die Haube zu bekommen? Langsam kommt mir der Verdacht, dass deine Angst wächst, eines Tages nicht mehr allein mit mir fertig zu werden. Ist es das?"

"Du scheinst deinen Onkel ja für einen richtigen Feigling zu halten", erwiderte Ezra Carlisle und zog eine Miene, die Verstimmung vorzutäuschen versuchte. "Allein die Tatsache, dass ich es wage, ohne weiteren Schutz mit einem scharfzüngigen Wesen wie dir ins Ungewisse aufzubrechen, sollte mir genügend Hochachtung einbringen."

Nun war es Linda, die lachen musste.

"Ich weiß ja, dass du es gut mit mir meinst, Onkel Ezra. Doch ebenso solltest du wissen, dass ich keines von jenen grünen Gänslein bin, die sich in ihren romantischen Schwärmereien dem erstbesten vorbeikommenden Junggesellen an den Hals werfen."

"Das weiß ich sehr wohl, meine Liebe. Ich lege auch gar keinen großen Wert darauf, dich so schnell wie möglich loszuwerden!"

Damit gab er ihr einen zärtlichen Nasenstüber, und sie waren wieder versöhnt.

Ezra Carlisle, schätzte seine einzige Verwandte sehr. Linda hatte die stille, unauffällige Schönheit seiner Schwägerin mitbekommen, die oberflächlichen Männern nicht sofort ins Auge stach. Ihr braunes Haar umrahmte ein apartes Gesicht, und ihre schlanke Figur konnte sich überall sehen lassen.

Unvermittelt wurde die junge Frau wieder ernst.

"Dennoch geht mir eines nicht aus dem Sinn: Warum hat sich dieser Seth McClusky so oft und so auffällig ausgerechnet bei uns beiden herumgetrieben? Dies geschah bestimmt nicht meiner schönen Augen wegen, auch wenn du das immer behauptet hast, Onkel Ezra. Fast habe ich den furchtbaren Verdacht, dass er schon vor unserem Aufbruch etwas von unserem Geheimnis gewusst hat. Sollte er durch irgendeine Tücke des Schicksals erfahren haben, dass wir einen weiteren Teil jener rätselhaften Karte besitzen, die  ...  "

"Still!" zischte Ezra Carlisle. "Es wäre fatal genug, wenn bereits jetzt ein Außenstehender von der Sache Wind bekommen hätte, noch dazu eIn gewissenloser Schurke wie dieser McClusky  ...  nein, ich wage gar nicht daran zu denken, was für Folgen dies haben könnte. Lass uns lieber von etwas anderem reden."

"Du hast recht", erwiderte Linda, die ihren Fehler sofort eingesehen hatte. "Warum hast du noch gar nichts von eurem Gespräch mit den Schoschonen erzählt? Ist dabei etwas Schlimmes für uns herausgekommen, das ihr uns nicht gerne mitteilen wollt, um eine Panik zu vermeiden?"

"Ob schlimm oder nicht, wird sich erst noch herausstellen", erklärte ihr Onkel ernst, aber bereitwillig. "Der Anführer der Indianer hat unseren jungen Scout zu einem Zweikampf herausgefordert, der über unser weiteres Schicksal entscheiden soll. Zur Mittagszeit beginnt der. Kampf."

"Mein Gott!", entfuhr es Linda. "Dieser Kit Carson gegen einen Wilden! Glaubst du denn, dass er überhaupt eine Chance hat?"

"Wir sollten es alle hoffen", antwortete Ezra.

Diesmal hatten das Gesicht und auch die Stimme seiner Nichte deutlich genug verraten, was wirklich in ihr vorging.

*

Lloyd Merriweather schüttelte den Kopf.

"Ich weiß nicht, ob wir ihnen trauen können, Doc", gestand er Norman Schutzbier. "Mindestens die Hälfte der Männer sollte beim Wagenzug zurückbleiben, falls es doch zu einem unerwarteten Angriff kommt."

"Sie haben recht, Lloyd", stimmte Kit Carson zu. "Denn im Moment wissen wir noch nicht, wo der wahre Feind sitzt."

"Und  ...  wie fühlen Sie sich?", erkundigte sich Ezra Carlisle vorsichtig.

"Könnte nicht besser sein. Es wird Zeit, dass wir aufbrechen."

Beklommen schritten zwei Dutzend Treckteilnehmer unter Merriweathers Führung in die mit rotem Sand bedeckte Ebene hinaus. Es war nicht zu übersehen, dass der einzige unter ihnen, von dem noch etwas Zuversicht ausging, ausgerechnet der junge Trapper war, den Washakie als seinen Gegner bestimmt hatte. Kit Carson schien dem Kampf sogar entgegen zu fiebern, doch warum?

Vom Westen her ritten fast gleichzeitig die Lemhi-Schoschonen in die Mesa ein. Kit stellte fest, dass es sich keinesfalls um den ganzen Trupp handeln konnte, was bei ihm dreierlei Vermutungen offen ließ:

Im ersten und schlimmsten Fall war der Kampf tatsächlich nur ein Ablenkungsmanöver, während die restlichen Krieger den Wagenzug angreifen würden. Hier verließ sich Kit Carson allerdings auf seine Erfahrungen mit Indianern im allgemeinen und auf seine Menschenkenntnis im besonderen: Schoschonen waren weder Feiglinge noch Verräter, und fast immer aufrichtig. Vor allem hatte jedoch der junge Anführer, der sich zum Zweikampf bereit erklärt hatte, auf Kit den günstigsten Eindruck gemacht.

Im zweiten Fall wollten die heranrückenden Schoschonen die Siedler, die sich ihnen nun zu Fuß näherten, nicht in Unruhe versetzen oder gar gleich eine Panik auslösen. Ihre relativ geringe Zahl und das betont langsame Nähertraben mochte ihr umsichtiger Anführer allein aus diesem Grund bestimmt haben.

Den dritten und günstigsten Fall wagte Kit Carson sich allerdings erst gar nicht vorzustellen. Konnte es tatsächlich sein, dass der kluge junge Schoschonenführer aus der ganzen misslichen Angelegenheit längst ähnliche Schlüsse gezogen hatte wie Kit selbst? dass er den Braten gerochen und das heimtückische Spiel, das hier lief, bereits ebenfalls durchschaut hatte  ...  ?

Die gegnerischen Parteien hatten sich nun erreicht. Der Anführer der Indianer stieg ab und nickte Kit anerkennend zu. Offensichtlich hatte er keine Sekunde daran gezweifelt, dass sich sein Gegner in jedem Fall auf die bevorstehende Auseinandersetzung einlassen würde.

"Ihr seid zur vorbestimmten Zeit gekommen" stellte er mit erhobener Stimme fest. "Bist du noch immer zum Kampf bereit?"

"Ich bin bereit", erklärte Kit Carson.

"Bevor wir beginnen, sollst du meinen Namen erfahren. Er lautet Washakie."

"Der-den-Büffel-im-Lauf-tötet."

"Du sprichst unsere Sprache?" Washakie konnte sein Erstaunen nicht verbergen.

"Nicht so gut, dass ich auch eure Eigennamen verstehe", gab Kit zu. "Aber deiner ist auch in den Städten der Weißen nicht mehr unbekannt. Ich habe ihn von Jim Bridger erfahren."

"Ist Jim Bridger dein Freund?"

"So ist es. Ich freue mich, dass du schon von ihm gehört hast."

"Wir nennen ihn Bull-Throat."

"Ich weiß auch, warum." Kit lächelte. "Er ist es gewohnt, die Gefährtin seines Trupps morgens stets mit einem fürchterlichen Büffelschrei zu wecken."

Währenddessen tauschten die Siedler hinter ihm beunruhigte Blicke aus.

"Diese Unterhaltung nimmt allerdings einen ungewöhnlichen Verlauf", raunte Doc Schutzbier dem neben ihm stehenden Ezra Carlisle zu. "Falls sich das als  ...  "

"Still!", zischte Lloyd Merriweather.

"Nun sollst auch du meinen Namen wissen", wandte sich der junge Trapper indes wieder an Washakie. "Die Weißen nennen mich Kit Carson, doch unter den Apachen bin ich als Vih'hiu Nis bekannt."

Nun ging ein erstauntes Murmeln durch die Reihen der Lemhi-Schoschonen. Auch sie hatten diesen Namen, der eigentlich eher ein Titel war, bereits vernommen. Dass dieser hochgewachsene blonde Weiße ihn tragen sollte, war allerdings ungewöhnlich. Er war noch sehr jung.

"Mir scheint, wir sind uns als Gegner ebenbürtig", bemerkte Washakie. "Doch nun wollen wir endlich zu den Bedingungen des Kampfes kommen."

Mit diesen Worten schritt er einige Manneslängen von den Wartenden weg. Dann begann er, mit dem rechten Fuß einen sehr regelmäßigen Kreis in den roten Sand zu ziehen, der etwa sieben Schritt Durchmesser haben mochte.

"In diesem Kreis wird gekämpft", begann Washakie seine Ausführungen. "Mit bloßem Oberkörper. Verloren hat, wer in seinen Grenzen endgültig niedergeworfen oder aber als erster von seinem Gegner gezwungen wird, ihn zu verlassen. Jeder Kämpfer darf aus eigener Wahl eine einzige Hieb- oder Stichwaffe für sich bestimmen, nach deren Verlust er keinen Anspruch auf eine weitere hat. Gekämpft wird nicht auf Leben und Tod, sondern nur bis zur eindeutig erwiesenen Niederlage!"

Unter seinen Stammesgenossen brach eine lebhafte Debatte über das Für und Wider dieser Entscheidung aus. Washakie wartete ihren Ausgang nicht erst ab.

"Um die Zuschauer nicht zu gefährden und um unzulässige Hilfestellung zu vermeiden, darf keiner von ihnen den Kämpfenden näher als zwanzig Schritte sein! Nun wähle deine Waffe."

Die letzten Worte waren an Kit Carson gerichtet, der das gerade Gesprochene noch verarbeitete. Nun zog er den Gegenstand aus seinem Gürtel, den er vorhin in seinen Satteltaschen gesucht hatte.

"Dies wird meine Waffe sein", entgegnete er und hielt ihn Washakie hin.

Der Anführer der Lemhi-Schoschonen runzelte die Stirn.

"Ein Pfeil der Blackfeet", stellte er fest. "Fürwahr, eine seltsame Waffe. Und noch seltsamer erscheint es mir, dass du sie mit dir herumträgst. Du bist doch nicht etwa mit ihnen im Bunde?"

"Ich bestimmt nicht", versicherte Kit. "Und auch keiner der Männer; die sich jetzt noch bei unserem Wagenzug befinden. Außerdem besitze ich diesen Pfeil noch nicht so lange, wie du glaubst."

Washakie machte keinerlei  Anstalten, auf diese rätselhaften Worte einzugehen. Er zog sein Kriegsbeil.

"Damit werde ich kämpfen. Willst du es dir nicht noch einmal überlegen?"

"Nein. Mein Entschluss steht fest.“

"Es sei denn. Nun lass uns; wie ausgemacht, die Bekleidung des Oberleibes ablegen. Und ihr anderen weicht zurück."

Weiße und Indianer kamen seiner Weisung fast zugleich nach. Den Händlern und Siedlern, die noch zögerten, warf Kit einen auffordernden Blick, bis auch sie den Befehl befolgten. Als letzter zog sich Doc Schutzbier mit einem äußerst sorgenvollen Blick zurück. Der junge Trapper hob ein letztes Mal zuversichtlich die rechte Hand.

Auf dem Weg zum Kreis sprachen die beiden Kämpfer kein Wort mehr miteinander. Sie traten mit einem ausladenden Schritt in sein Inneres, um die Markierung im roten Sand nicht zu verwischen.

Dann standen sie sich mit entblößten Oberkörpern gegenüber. Leicht vornübergebeugt belauerten sie sich eine Zeitlang unablässig, als wollte einer die Geduld des anderen prüfen.

Washakie setzte schließlich als erster vor. Sein Beil fuhr mit furchterregender Geschwindigkeit von oben herab auf den jungen Trapper zu.

Kit sprang mit ausgebreiteten Armen zurück. Sein Gegner kam sofort nach.

Kits Abstand zum Kreis hatte sich bedeutend verringert. Der junge Trapper fintete nach links, unterlief rechts. Als Washakie ihm blitzschnell wieder die Vorderseite zuwandte, warf er sich auf ihn.

Ihre linken Hände krallten sich um die Gelenke der Kampfarme. Nun begann eine Kraftprobe, deren Wildheit ihre beiden Oberkörper bald schweißüberströmt in der grellen Mittagssonne glänzen ließ. Sie stellten fest, dass sie beide etwa gleich sehnig und muskulös waren, was auf vergleichbare Kraft schließen ließ. So konnten wohl nur Schnelligkeit, Geschicklichkeit und Erfahrung entscheiden.

Laute Anfeuerungsrufe kamen aus zwei Richtungen. Die Händler und Siedler hatten sich Richtung Treck zurückgezogen, die Lemhi-Schoschonen wieder nach Westen, von wo sie gekommen waren. Beide Parteien hielten den befohlenen Abstand ein.

Mit einem jähen Ruck fuhren die beiden Gegner auseinander, als sie feststellen mussten, dass jeder dem anderen an Muskelstärke ebenbürtig war. Erneut umschlichen sie sich keuchend und sprungbereit.

Washakies geheimer Hieb war bei allen gefürchtet, die jemals von ihm gehört oder ihn gar mitbekommen hatten. Er wurde allerdings ausnahmslos mit einer Schnelligkeit durchgeführt, die für sein Gelingen entscheidend war und deren letzte Einzelheit selbst dem geübtesten Auge entging. Der junge Schoschonenanführer fand es nun an der Zeit, ihn einzusetzen.

Kit sah das Aufblitzen in den Augen des Gegners, als der Schwungansatz erfolgte. Er deutete die erwartete Abwehrbewegung an, riss den linken Arm dann jedoch mit einer gegenläufigen Drehung seitwärts und schlug den rechten Unterarm mit einer solchen Wucht unter die rechte Achsel seines Rivalen, dass dieser seitlich weggeschleudert wurde, das Gleichgewicht verlor und hart am inneren Rand des Kreises aufschlug.

Ein sofortiges Nachsetzen Kits wäre sein Verhängnis gewesen, denn Washakie hätte ihn dann als ersten über den Kreis hinauskatapultiert.

Stattdessen tat der junge Trapper etwas gänzlich Unerwartetes.. Er nahm seinen Schwarzfuß-Pfeil in beide Hände und zerbrach ihn auf seinem hochgerissenen Oberschenkel. Die beiden Teile schleuderte er weit über den Kampfeskreis hinaus.

Washakie hatte sich indessen wieder erhoben. In seinem Blick lag Staunen, aber auch Anerkennung.

"Du wirst mich nicht beschämen", sagte er. Im nächsten Augenblick flog sein Beil mit einem mächtigen Schwung aus der Kampfstätte. Wie zielbewusst es geworfen war, bewies allein die Tatsache, dass es exakt vor den Füßen Ushopas landete, der ihm die Führerschaft hatte streitig machen wollen und nun ein erschrockenes Zusammenzucken nur mit Mühe vermeiden konnte.

Diejenigen unter den Lemhi-Schoschonen, die einen Kampf bis aufs Blut erwartet hatten, stießen nun Schreie der Enttäuschung aus. Sie verstummten abrupt, als die beiden Kämpfenden wieder mit einer Wucht aufeinanderprallten, die ihre Körper erbeben ließ. Wie beißende Wölfe rollten sie ineinander gekrallt über den Boden, doch keiner bekam die Oberhand. Dem Rand des Kreises kamen sie dabei niemals zu nahe, aber der rote Sandstaub, den sie hoch trieben, ließ die Beobachter längst nicht mehr alle Bewegungen deutlich erkennen. Jedoch wäre es dennoch keinem von ihnen eingefallen, näherzukommen.

Und da, inmitten einer neuen Staubwolke, geschah es! Kit gelang der entscheidende Griff.

Mit einer glücklichen Gelenkdrehung bekam er den Arm Washakies in eine Position, aus der sich der junge Anführer der Schoschonen nie mit eigener Kraft wieder hätte befreien können.

"Du hast gewonnen", keuchte Washakie leise.

"Nein", .flüsterte Kit schnell. "Das wäre ein Fehler. Noch sehen unsere Leute nichts! Ich weiß jetzt mit Bestimmtheit, dass hier ein Hinterhalt geplant ist, den unser Scout und die Blackfeet sowohl für uns als auch für euch gedacht haben! Wir dürfen nicht auf ihre Heimtücke hereinfallen!"

"Was sollen wir dann tun?"

"Das wirst du gleich erfahren."

LIST UND GEGENLIST

Mit zusammengebissenen Zähnen verfolgten die Händler und Siedler den Kampf.

"Sie haben eine Schwäche für den Jungen, nicht wahr, Doc?"

"Ob Schwäche oder nicht, das bleibt sich gleich", schnappte Norman Schutzbier auf Lloyd Merriweathers Frage. "Der Ausgang des Kampfes wird immerhin über unser weiteres Schicksal entscheiden! Können Sie sich vorstellen, was mit uns passiert, falls er zu unseren Ungunsten ausfällt?"

Der Anführer des Trecks blieb eine Antwort schuldig. Seine Aufmerksamkeit war zu stark auf das Duell gerichtet.

Der aufstiebende Sand verwehrte eine klare Sicht. Ein Näherrücken hätte die Lemhi-Schoschonen aufgebracht.

"Da!", rief Ezra Carlisle. "Der Indianer hat sich wieder aufgerafft! Jetzt packt er Kit an der Schulter und versucht, ihn niederzureißen!"

In der Tat hatte sich der Anführer der Lemhi-Schoschonen, den Kit bis zuletzt am Boden gehalten hatte, aufgebäumt. Ein schneller Griff, und Kit lag unten.

Der junge Trapper zog die Beine an und trat aus. Sein indianischer Gegner schien dies jedoch geahnt zu haben. Ein angewinkelter Fuß bremste die Stoßkraft des unten Liegenden, die aber noch ausreichte, um Washakie zur Seite zu rollen. Er musste notgedrungen loslassen.

Beide Gegner hatten sich erst halb erhoben, als sie erneut aufeinander loshechteten. Keiner schien jedenfalls darauf geachtet zu haben, wie nahe sie sich bereits am Rande des gezogenen Kreises aufgehalten hatten. Ihr Schwung trug beide zugleich über die Linie hinaus!

Einen Moment lang schienen sie sich verblüfft anzustarren. Dann lösten sie sich voneinander, und jeder lief in Richtung der eigenen Männer zurück.

Während die Lemhi-Schoschonen ein enttäuschtes Geheul anstimmten, riefen sich die Siedler ratlose Bemerkungen zu, bis Kit Carson näherkam. Sein schweißbedeckter Oberkörper war fast vollständig mit rotem Sand überzogen, die langen blonden Haare standen wirr in alle Richtungen. Als er Merriweather erreicht hatte, schöpfte er zunächst einmal Atem.

Der Anführer des Trecks schien ebenfalls nicht sicher zu sein, was er von diesem äußerst überraschenden Ausgang des Kampfes halten sollte.

"Sie haben verdammt gut gekämpft, Kit". In Merriweathers Stimme lag Anerkennung. "Nun sieht es immerhin nach einem Unentschieden aus. Aber werden die Schoschonen das hinnehmen? Und wie soll es weitergehen?"

"Haben Sie gesehen, dass Washakie den zerbrochenen Blackfeet-Pfeil gerade mit zurück zu seinen Kriegern genommen hat? Ich habe ihm gesagt, wo ihn mir der Besitzer gestern nachgeschickt hat."

"Ich verstehe nicht?"

"Wir konnten heimlich miteinander flüstern, als die Sandwolken die Sicht für die Zuschauer erschwerten. Ich bin überzeugt, endlich genau zu wissen, was Seth McClusky vorhat."

"Und das wäre?"

Kit winkte ab.

"Erst müssen wir schnellstens zum Treck zurück. Da! Die Lemhi-Schoschonen reiten ebenfalls wieder in die Berge hinauf."

Einige Minuten später standen sie im Innenkreis der Conestoga-Wägen und wurden von allen Seiten mit Fragen bestürmt. Mit einer energischen Handbewegung gebot Kit Schweigen.

"Hört alle her!", rief er gerade so laut, dass seine Stimme nicht über den Wagenkreis hinaus drang. "In einer halben Stunde werden die Schoschonen mit der Hälfte ihrer Krieger angreifen."

"Allmächtiger!", schrie eine der Frauen. "Dann sind wir verloren!"

"Es handelt sich um einen Scheinangriff", fuhr Kit Carson fort. "Washakie hat mir zugesagt, dass keiner der Pfeile treffen wird."

"Und das wollen Sie ihm glauben?" Ezra Carlisle riss den Mund auf.

Kit nickte.

"Natürlich erwartet er dafür, dass wir ebenfalls ausnahmslos danebenschießen."

"Welche Garantien haben wir, dass sich die Schoschonen an sein Versprechen halten werden?" erkundigte sich Merriweather.

"Wir haben unsere Taktik kurz, aber präzise durchgesprochen", nahm der junge Trapper seine Ausführungen wieder auf. "Sie werden uns reitend und in einem Abstand von etwa fünfzig Schritt umzingeln, aber auf keinen Fall näher herankommen. Nach einer heftigen Auseinandersetzung werden sie auf ein Zeichen Washakies wieder geschlossen nach Westen abdrehen und auf halber Strecke einige 'Tote' zurücklassen, von deren Mitnahme wir sie mit heftigem Gewehrfeuer abhalten. Danach warten wir."

"Worauf?" Carlisles Stimme klang skeptisch.

"Auf Seth McClusky und seine Blackfeet."

"Allmählich beginne ich zu begreifen", wagte sich Lloyd Merriweather behutsam vor. "Sie sind also der festen Ansicht, Kit, dass McClusky alles so arrangiert hat, dass die Schoschonen und wir in einem blutigen Kampf aufeinanderprallen. Sobald wir uns dann gegenseitig niedergemacht haben  ...  "

"  ...  wird er sich den erschöpften Sieger kaufen", nahm Kit bereitwillig den Faden auf. "Um ihn über die eigentliche Stärke seines Trupps zu täuschen, wird Washakie deshalb auch nur mit der Hälfte seiner Krieger angreifen. Die anderen bleiben im Hinterhalt. Bei dieser geringen Zahl wirkt der schnelle Rückzug auch glaubwürdiger."

Unter den Händlern und Siedlern begann eine hitzige Diskussion. Lloyd Merriweather setzte ihr schließlich ein Ende.

"Also gut, wir spielen mit. Aber wohl nur solange, wie keiner unserer Leute tatsächlich verwundet wird. Außerdem sollten wir uns dann vielleicht wohl auch einige 'Tote' zulegen. Was meinen Sie dazu, Doc?"

Doc Schutzbier nickte eifrig.

"Eine ausgezeichnete Idee! Ich sollte allerdings nicht dazugehören, da ich mich ja um die 'Opfer' kümmern muss. Für diese Rollen sollten wir vorsichtshalber unsere schlechtesten Schützen aussuchen."

In den folgenden Minuten wurden sämtliche Teilnehmer des Wagenzuges von Kit Carson, Lloyd Merriweather, Norman Schutzbier und Ezra Carlisle auf das Genaueste instruiert. Vor allem galt es, eine Panik zu vermeiden, sobald der 'Angriff’ begann. Man verteilte die ruhigsten und besonnensten Männer auf möglichst viele Conestogas, verwandte jedoch ebenso große Umsicht auf ausreichende Bewaffnung und Munitionierung.

Als die Frist dann beinahe verstrichen war, hatten sich der Anführer des Trecks und Kit Carson im westlichsten Wagen verschanzt.

"Eines sollten Sie mir vielleicht noch verraten, Kit", setzte Merriweather zu einer Frage an. "Wie kommt es, dass ein trotz seiner Jugend so erfahrener Mann wie Sie, der schon genügend Jahre im Westen verbracht hat, einem Unbekannten und noch dazu einem Indianer so viel Vertrauen schenkt?"

Kit schüttelte leicht den Kopf.

"Völlig unbekannt sind wir uns nicht. Ich hatte vor zwei Jahren Gelegenheit, ihm in Franklin in Missouri das Leben zu retten. Wir haben uns seitdem nicht wiedergesehen, doch er hat mir vorhin zu erkennen gegeben, dass er sich sehr wohl an das Geschehene erinnert."

Bei seinen letzten Worten waren am westlichen Rand der Mesa bereits die ersten roten Sandstaubwolken zu sehen, die von unbeschlagenen Pferdehufen hochgewirbelt wurden. Die ersten gellenden Kriegsschreie klangen an die Ohren der Händler und Siedler.

"Es ist soweit", stellte einer von ihnen völlig überflüssigerweise fest.

*

Ezra Carlisle ließ seinen Hall-Hinterlader als erster aufdröhnen. Dies wurde als allgemeines Signal verstanden, ebenfalls das Feuer zu eröffnen.

Schon nach den ersten Schüssen stoben die Lemhi-Schoschonen auseinander. Sie formierten sich jedoch rasch neu und begannen mit wilden Rufen den Wagenzug kreisförmig zu umreiten.

Nachdem der erste Schwall von Pfeilen über die Conestogas hinweggefegt war, atmete nicht nur Kit Carson erleichtert auf. Auch die anderen Treckteilnehmer erkannten bald, dass die Krieger sich an Washakies Versprechen hielten.

"Ein unglücklicher Zufallstreffer wäre jetzt allerdings das letzte, was wir bräuchten", stellte Kit fest, um gleich darauf einen Schuss aus seiner Rappahannock abzugeben. "Bislang ist alles nach Wunsch verlaufen."

"Allerdings." Lloyd Merriweather konnte sich sogar ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. "Bei den Schoschonen hat es gar schon die ersten 'Toten' gegeben! Sehen Sie nur, wie malerisch sich der Bursche da vorn auf dem Sand ausgebreitet hat! Ich glaube sogar, er ist auf meinen Schuss hin vom Pferd gesunken."

Das Flintenfeuer der Siedler bleib gleichmäßig, der Pfeilbeschuss der Lemhi-Schoschonen ebenfalls. Zwar flogen allmählich auch Pfeile zwischen den Wagen hindurch oder ritzten sogar die Planen, aber dies geschah offensichtlich aus der Erkenntnis der Indianer heraus, dass die Weißen dieses Spiel ebenfalls wie abgesprochen mitspielten. Umgekehrt hatte bisher keine einzige Kugel getroffen, obwohl bereits mächtige Pulverwolken den Wagenzug geradezu einräucherten.

Noch immer umdonnerten die Hufe der Indianderpferde den Treck, noch immer gellten die Kriegsschreie in den Ohren der Männer und Frauen. Jedoch war längst ein erheblicher Teil der Angst von den Siedlern gewichen.

"Wie sieht es mit unseren 'Opfern' aus, Carlisle?", fragte der Anführer des Wagenzuges nach hinten.

"Sehr gut, Sir!", erwiderte der Angesprochene. "Bisher haben wir fünf Männer zu beklagen. Die fünf Männer selbst beklagen sich freilich nicht. Sie können jetzt den Rest des Spiels mit gefälligem Nichtstun verbringen."

"So angenehm ist dieser Zustand auch nicht", entgegnete Merriweather. "Sie müssen möglicherweise sehr viel Geduld aufbringen, um so lange wie erforderlich in dieser Position zu verharren."

"Das gilt allerdings auch für die Schoschonen", ergänzte Kit. "Sie sind den Augen der Anrückenden besonders ausgesetzt. Umsichtigerweise sind sie wenigstens auf der Westseite 'gefallen'. Die Blackfeet werden sich mit großer Wahrscheinlichkeit von Osten her nähern."

Als aus dem übernächsten Wagen zwei weitere Schüsse fielen, rutschte erneut ein Schoschone von seinem Pferd. Ihm war Washakie selbst gefolgt. Der Anführer der Lemhi-Schoschonen hatte erkannt, dass Kit im vordersten Wagen lag. Aus der Ferne gab er dem jungen Trapper ein unauffälliges Zeichen. Dann gellte sein Ruf zum Rückzug auf. Das Geschrei der abziehenden Indianer klang enttäuscht und wütend. Washakie hatte sie wirklich prächtig eingewiesen.

Erst als sie in der Ferne verschwunden waren, erwachten die Händler und Siedler aus ihrer Erstarrung. Nun gaben sie ihrer Freude laut Ausdruck.

"Genug damit!", befahl Merriweather, der sich nun den Schweiß von der Stirn wischen musste. "Es darf nicht zu begeistert klingen!"

Doc Schutzbier kam freudestrahlend nähergelaufen.

"Mein erster Indianerüberfall!", gestand er grinsend. "Hätte nie gedacht, dass er so prächtig ausgehen würde, zounds!"

"Eines sollten wir alle daraus gelernt haben", erhob wieder Kit Carson seine Stimme. "Wir können den Lemhi-Schoschonen vertrauen! Washakie hat sein Wort gehalten wie wir das unsere! Von nun an haben wir einen gemeinsamen Feind!"

"  ...  der sich allerdings erst noch zeigen muss."

Es war Merriweather, der diese Worte gesprochen hatte.

"So ist es allerdings", räumte Kit ein. "Damit beginnt für uns nun der zweite Teil des Wartens."

*

Auch als sie längst wieder die Felszinnen erreicht hatten, ließ sich Washakie seine Erleichterung vor den anderen nicht ansehen. Alles war glatt verlaufen. Doch niemals zuvor hatte er seine Autorität in einem solchen Umfang aufs Spiel setzen müssen. Selbst ein einziges Opfer hätte den Beginn eines grausamen Massakers bedeuten können. Die Angelegenheit war jedoch noch längst nicht ausgestanden. Ab jetzt wurde die Skepsis der Krieger einer Geduldsprobe ausgesetzt, die es noch zu überstehen galt. Die notwendigen Voraussetzungen dazu musste er sofort schaffen. Dazu wandte er sich sogleich an Ushopa.

"Nun? Zweifelst du immer noch an meinem Entschluss?"

"Nach wie vor!", versetzte der Sohn des Schamanen mit grimmiger Stimme. "Ich sehe nicht ein, welchen Grund du hattest, den weißen Mördern Glauben zu schenken! Und der Weiße Bison wird davon auch nicht wieder lebendig!"

Einige der Lemhi-Schoschonen brummten zustimmend. Erneut bestand Gefahr, dass sich die Krieger in zwei Lager spalteten.

"Ich habe euch einen Kampf versprochen", erinnerte sie Washakie. "Und ihr habt ihn bekommen. Und nun verspreche ich euch, dass der Tod des Weißen Bisons nicht ungesühnt bleiben soll. Aber ich werde nicht dulden, dass Unschuldige für eine Tat büßen sollen, an der sie unbeteiligt waren."

"Woher nimmst du die Gewissheit, mit der du die Weißen so eifrig verteidigst?", hakte Ushopa hämisch nach. "Hat es dir der große Chingichnish in den Himmel geschrieben?"

"Das wohl nicht. Aber Vih'hiu Nis hat es mir versichert."

"Ein Weißer! Welchen Grund hast du, ihm Glauben zu schenken?"

"Vielleicht den, dass er bereits zweimal sein Wort gehalten hat, das er mir gab. Erstens hat er wie versprochen mit mir gekämpft, und zweitens gab es bei unserem 'Überfall' auch nicht einen einzigen Verwundeten."

Erneut war es die Ruhe seines Wesens und seiner Worte, die die Lemhi-Schoschonen stärker beeindruckten als das aufbrausende Temperament Ushopas. Auch konnten sie sich seinen Argumenten nicht verschließen.

"Und jetzt wartest du, dass uns der Mörder des Weißen Bisons einfach in den Schoß fällt?" schnappte Ushopa.

Washakie lächelte.

"Wer sagt dir, dass dies nicht der Fall sein wird, Ushopa?"

*

"Da! Reiter! Das könnten sie sein! Sie kommen von Osten!"

Ezra Carlisles Stimme klang aufgeregt. Kit Carson eilte sofort herbei. Gleich darauf stand Lloyd Merriweather an seiner Seite.

Sogar der junge Trapper spürte sein Herz schneller schlagen. Er fühlte, dass die bisherigen Geschehnisse vor einer entscheidenden Wende standen. Jetzt kam es erneut darauf an, dass alle die Nerven behielten.

Nur kurze Zeit später konnte kein Zweifel mehr bestehen. Es waren Schwarzfuß-Krieger, die sich näherten.

Und sie wurden von Seth McClusky angeführt!

"Ich bleibe zunächst noch in Deckung", raunte Kit dem Anführer des Trecks zu. "Lassen Sie sie nicht zu nahe herankommen!"

Merriweather nickte. Ein Wink, und Ezra Carlisle folgte ihm zusammen mit Norman Schutzbier, als er den Wagenkreis verließ, um sich den Neuankömmlingen zu stellen.

McClusky und seine Blackfeet kamen in vollem Galopp heran gesprengt. Sie waren bis auf siebzig Schritt herangekommen, als Doc Schutzbiers Dreyse-Gewehr warnend aufwummerte.

McClusky zog sofort an den Zügeln. Die Blackfeet folgten seinem Beispiel und hielten ebenfalls.

Eagle's Ribs, der Truppführer der Blackfeet, schloss zu McClusky auf.

"Was soll das?", flüsterte er. "Hast du ihnen nicht versprochen, du würdest mit uns zu ihrer Rettung kommen, Brainslasher?"

Der hünenhafte Scout, der die meisten Männer um mehr als Haupteslänge überragte, runzelte unentschlossen die Stirn.

"Offensichtlich haben sie weniger abbekommen als ich dachte. Nun gut, vielleicht hat sie dieser Überfall so misstrauisch gemacht. Bleibt erst einmal zurück. Ich will versuchen, allein mit ihnen ins Reine zu kommen. Mir vertrauen sie."

Nach diesen Worten ritt er als einziger weiter.

"Sie brauchen keine Angst zu haben, Merriweather!", rief er dem Anführer des Trecks entgegen. "Ich habe Verstärkung mitgebracht! Leider war es uns nicht möglich, früher zu kommen. Wie ich sehe, haben Sie bereits einen Überfall überstanden. Sie müssen sich ja wacker geschlagen haben."

"Das haben wir allerdings, Mister McClusky!", erwiderte der Führer des Wagenzuges mit lauter Stimme. "Sie haben einen guten Kampf versäumt."

Dem fahlblonden Giganten entging der Hintersinn dieser Worte.

"Kann ich mit unseren Freunden näherkommen?"

"Es wäre mir lieber, Ihre 'Freunde' blieben noch eine kurze Weile im Hintergrund", antwortete Merriweather. "Aber Sie dürfen gerne näherkommen. Wir müssen Ihnen erzählen, was passiert ist."

Seth McClusky zuckte die Schultern. Er gab ein Zeichen nach hinten, dass Eagle's Ribs und seine Krieger noch dort bleiben sollten, wo sie gerade waren. Er selbst trabte weiter, bis er die drei Männer erreicht hatte. Vor ihnen stieg er ab.

"Das sind brave Burschen, Mister Merriweather", versicherte der Hüne mit einer Geste in Richtung der Blackfeet. "Wenn ich sie bloß eher erreicht hätte  ...  "

"Vielleicht sind Sie doch noch zur rechten Zeit gekommen, McClusky", ließ sich Doc Schutzbier vernehmen.

Kit Carson, der bisher hinter einem Wagen gestanden hatte, fand es bei diesen Worten an der Zeit, sich sehen zu lassen. Er kam hervor.

Seth McCluskys Blick fiel zunächst nur kurz auf ihn. Dann aber fraßen sich die Augen geradezu in Kits Gesicht fest.

"He!", stieß der Riese hervor. "Du bist dieser Grünschnabel, der mir in Franklin  ...  "

Entsetzt erkannte er im gleichen Moment, wozu er sich in seiner Überraschung hatte verleiten lassen. Er wurde aschfahl. Merriweather, Carlisle und Doc Schutzbier hatten gerade ein Geständnis vernommen, das ihn den Hals kosten konnte.

McClusky reagierte mit der tierischen Wut eines Betrügers, der selbst in eine Falle gegangen war. Mit einem Schrei, der nichts Menschliches mehr an sich hatte, riss er die Deringer-Rifle von seiner Schulter.

Er hatte sie noch nicht im Anschlag, als Kit Carsons Rappahannock-Holsterpistole aufdonnerte. Die Kugel fuhr in McCluskys rechten Arm.

Und dann überschlugen sich die Ereignisse.

Die Blackfeet hatten das Geschehene aus der Ferne mitbekommen. Sie wussten zwar nicht, was gesprochen worden war, erkannten aber schnell, dass ihr heimtückischer Hinterhalt offensichtlich fehlgeschlagen war. Jetzt galt es, schnell zu handeln.

"Zum Angriff!", schrie Eagle's Ribs. "Schließt sie von beiden Seiten ein! Und schießt, um zu töten!"

Die Blackfeet jagten los, um Tod und Verderben zu säen. Ihre gellenden Kriegsrufe und das Donnern der Hufe erklang wie eine Symphonie des Untergangs.

Die Händler und Siedler aber waren bereit. Diesmal wussten sie, dass es ernst war.

Sieben Hall-Hinterlader bellten fast zugleich auf. Vier der Blackfoot-Krieger wurden von ihren Pferden geschleudert. Die Indianer stimmten ein lautes Rachegeheul an und schossen, was das Zeug hergab. Ihre Pfeile durchschlugen Zeltplanen, trafen Ochsen und schließlich auch Menschen.

Trotz seiner Verwundung wütete der gigantische Seth McClusky wie ein Berserker. Sein unverletzter linker Arm schoss vor, er packte Ezra Carlisle am Hals und schleuderte ihn wie ein leichtes Spielzeug meterweit von sich. Carlisle prallte so hart auf dem Felsboden auf, dass er besinnungslos liegen blieb.

Der wackere Doc Schutzbier, sonst ein Feind jeglicher Form von Gewalt, sah seine Gefährten in Todesgefahr und sprang McClusky von hinten an. Ein mächtiger Ruck des verräterischen Scouts, und er lag ebenfalls am Boden. Dann packte McClusky Merriweather und schleuderte ihn dem angreifenden Kit Carson entgegen.

Der junge Trapper konnte dem menschlichen Geschoss gerade noch ausweichen. Schüsse und Schreie gellten in seinen Ohren. Ein Inferno war ausgebrochen. Dann erkannte er aus den Augenwinkeln, dass der Kampf gleich einen neuen Verlauf nehmen würde.

"Die Schoschonen! Die Schoschonen!"

Einer der Siedler hatte diesen Ruf ausgestoßen.

Seth McCluskys Kopf fuhr herum. Im gleichen Augenblick schnellte Kit vor und schlug den Kolben seiner Rappahannock mit voller Kraft an die rechte Schläfe des Hünen. Noch im Umsinken schloss sich McCluskys linker Arm um Kit. Der verräterische Scout begrub den jungen Trapper mit seinem Bärengewicht unter sich.

Die Blackfeet fanden sich unvermittelt von zwei Gegnern eingekesselt! Aus den Bergen waren die Lemhi-Schoschonen unter Washakies Führung herab gestoßen, die ebenfalls nur auf diese Gelegenheit gewartet hatten. Endlich konnten sie die verhassten Blackfeet auf ihrem eigenen Gebiet stellen!

Kit hatte sich erst halb befreit, als er erkannte, dass ein Schwarzfuß-Indianer auf den besinnungslosen Ezra Carlisle zu preschte, um ihm den Garaus zu machen. Er stieß den ohnmächtigen McClusky vollends von sich, sprang zu dessen Deringer-Flinte, die achtlos am Boden lag und riss sie hoch.

Sein Schuss erwischte den Krieger in der Brust, als dieser gerade seine Lanze zum Wurf erhoben hatte - nicht mehr auf Carlisle, sondern auf Kit! Der junge Trapper war nur um Sekundenbruchteile schneller gewesen.

Lloyd Merriweather und Norman Schutzbier hatten es vorher nur noch mit äußerster Not bis ins Innere des Wagenkreises geschafft. Der heftige Pfeilbeschuss der Blackfeet hielt sie außerstande, dem bedrohten Ezra Carlisle zu Hilfe zu kommen.

Nun waren die Feinde abgelenkt. Kit eilte zu dem Bewusstlosen, warf ihn sich über die Schulter und rannte mit ihm auf die Wagenburg zu. Merriweather und Schutzbier kamen ihm auf halbem Weg entgegen und nahmen ihm seine menschliche Last ab. Kit wandte sich sofort wieder um.

"Was ist, Kit? Bringen Sie sich doch auch in Sicherheit!", rief Doc Schutzbier.

"McClusky!", war Kits erklärender Ruf.

Der junge Trapper erreichte den Verräter, als die Blackfeet dabei waren, den Angriff auf den Treck aufzugeben. Sie hatten genug mit den eingetroffenen Schoschonen zu tun.

Kit hatte McClusky kaum umfasst, als ihm zwei weitere Hände zu helfen begannen.

"Das war nicht nötig, Doc. Es reicht, wenn sich einer in Gefahr begibt."

"Ach was!", keuchte Doc Schutzbier unter dem gewaltigen Gewicht McCluskys. "Als hätten Sie nicht schon genug für uns getan!"

Gemeinsam ging es natürlich leichter. Merriweather hatte umsichtigerweise bereits Stricke bereitgelegt, um den Verbrecher zu fesseln.

Die Blackfeet wurden von den Schoschonen nun immer stärker bedrängt. Da Washakie bei dem vorgetäuschten Überfall nur die Hälfte seiner Krieger gezeigt hatte, waren sie überzeugt gewesen, in jedem Fall leichtes Spiel zu haben. Jetzt wurden sie auf drastische Weise eines besseren belehrt.

"Genug!", gellte Eagle 's Ribs' Stimme unvermittelt auf. "Zieht euch zurück, meine Brüder! Folgt mir nach Osten!"

Die überlebenden Blackfeet kamen dieser Aufforderung nur allzugerne nach. Washakie musterte die Fliehenden grimmig von seinem Ross aus.

"Ushopa möge ihnen mit zwölf Kriegern folgen!"

Der Angesprochene war mit diesem Auftrag äußerst zufrieden. So wurde seine Pflicht, Washakies Entscheidungen nachträglich vor allen Kriegern als richtig einzugestehen, wenigstens noch eine Weile aufgeschoben.

Der Anführer der Lemhi-Schoschonen selbst hielt auf den Treck zu. Seine Männer folgten ihm.

*

Nicht ganz zu Unrecht hatte Lloyd Merriweather das Gefühl, dass es ihm als Anführer des Wagenzuges oblag, einige Worte zu sprechen. Grüßend hob er die Hand.

"Wir danken den tapferen Kriegern der Lemhi-Schoschonen", begann er. "Ohne ihre Hilfe wäre es uns übel ergangen."

Washakie grüßte zurück.

"Es war Gelbhaars Plan. Ich musste meine Krieger nur von seiner Richtigkeit überzeugen."

Kit Carson ahnte in diesem Augenblick sicherlich nicht, wie oft er diesen Freundesnamen in seinem Leben noch aus Washakies Mund vernehmen würde.

"Es war unser gemeinsamer Plan", widersprach der junge Trapper sofort. "Er hat viel Geduld erfordert. Auch dafür ist allen deinen Kriegern zu danken. Es war die Heimtücke der Blackfeet, die uns gegeneinander aufhetzte."

Der junge Anführer der Lemhi-Schoschonen bestätigte seine Worte.

"Wir sollten uns gegenseitig bekämpfen. Der Sieger, vom Kampf noch geschwächt, wäre dann eine leichte Beute der Blackfeet geworden."

"Es war vor allem die Heimtücke eines einzelnen Mannes, die uns verderben sollte", fuhr Kit Carson fort. "Bringt ihn her!"

In der Tat war Seth McClusky inzwischen wieder zu sich gekommen. Das strähnige fahlblonde Haar fiel ihm zerstruppt ins Gesicht, und die wüsten Augen strahlten in einem unheimlichen Glanz, als er von einigen bewaffneten Siedlern gefesselt vorgeführt wurde.

Auch Washakie hatte einem seiner Krieger ein Zeichen gegeben. Dieser kam mit einem Gewehr herbei, das er Kit überreichte.

"Ich habe gesehen, wie du damit in Notwehr einen Schwarzfuß-Krieger erschossen hast. Ist es deine Waffe?"

"Nein", erwiderte Kit. "Sie gehört diesem Verräter. Er verlor sie im Kampf mit  ...  He! Washakie, dies ist eine Waffe, die bei uns Deringer-Rifle genannt wird! Und Seth McClusky ist der einzige Mann des gesamten Wagenzuges, der eine solche Waffe besitzt! Alle anderen verfügen über Hall-Hinterlader, nur Doc Schutzbier nicht, aber dieser hat ein Dreyse-Gewehr aus seiner Heimat."

"Was willst du damit sagen?", fragte Washakie gespannt. Er kannte sich ein wenig besser mit den Schusswaffen der Weißen aus als die meisten anderen Indianer.

"Es könnte sein, ja  ...  angenommen, die Kugel in der Brust des Blackfoot-Kriegers wäre von der gleichen Beschaffenheit wie das Geschoss, das euren Weißen Bison getötet hat! Das würde bedeuten  ...  "

"Das würde bedeuten, dass der feige Schlächter entlarvt wäre", griff Washakie den begonnenen Satz auf. "Ich werde das selbst auf der Stelle mit einem meiner Krieger überprüfen!"

"Die Mühe kannst du dir sparen, Rothaut", knurrte McClusky, der aschfahl geworden war, als ihm nun sein verhängnisvoller Fehler bewusst wurde.

"Was sagst du da?"

"Du kannst es dir ersparen, verflucht!", schrie der Verräter. "Ich habe ihn erschossen, ich gebe es zu, in Dreiteufelsnamen! Macht endlich Schluss mit dieser lächerlichen Komödie!"

Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Die Männer, die zu Zeugen dieses ungeheuerlichen Geständnisses geworden waren, mussten diese Erkenntnis erst einmal verdauen.

Die Augen der Lemhi-Schoschonen blitzten voller Zorn auf, aber sie schwiegen. Das erste Wort wollten sie ihrem Anführer überlassen, dem sie spätestens seit dem verstrichenen Kampf endlich die größte Hochachtung entgegenbrachten. Dessen Blick traf den Kit Carsons.

"Er gehört euch", sagte Kit.

"Einen Moment", erhob Lloyd Merriweather Einspruch. "Sie haben uns erzählt, Kit, dass dieser Verbrecher in Franklin einen Sattler ermordet hat. Müsste er da nicht zuerst der Gerichtsbarkeit der Weißen unterstellt werden?"

Kit schüttelte den Kopf.

"Wozu? dass er ein Mörder und Verbrecher ist, steht nun einwandfrei fest. Doch seine Vergehen am roten Volk sind ungleich zahlreicher. Seit Jahren nennen ihn die Schoschonen und andere Völker den Skullcrasher, das heißt Schädelbrecher. Unzählige Male hat er mit seinen Verbündeten, den Blackfeet, Tod und vielfaches Leid über die anderen Stämme gebracht. Außerdem befinden wir uns eindeutig auf Schoschonengebiet. Hier zählt allein ihr Schiedsspruch."

Er sah Washakie anerkennend nicken.

"Sollen sie ihn doch haben!", erhielt Kit von einem der Händler unvermutet Unterstützung. "Wollte er uns denn nicht alle umbringen lassen, um sich unseres gesamten Habes und Gutes zu bemächtigen? Sollen wir diesen Schurken etwa den langen Weg nach Santa Fé zurückbringen, wo er unterwegs tausend Möglichkeiten ersinnen kann, zu entkommen oder seine Bewacher gar zu ermorden? Oder zieht ihr es vor, ihn gar mit in den Westen zu nehmen und dort dann bis zum Sankt Nimmerleinstag zu warten, bis ein Richter vorbeikommt?"

Die Siedler zollten ihm lautstark Beifall.

"Ihn nach Santa Fé zurückzubringen hätte vielleicht noch am ehesten Sinn", meinte der Anführer des Trecks nachdenklich. "Aber in unserer augenblicklichen Situation können wir keinen einzigen Mann entbehren. Wir selbst aber können ebenfalls kein Todesurteil über ihn fällen, da sein Verrat uns immerhin keine Opfer gekostet hat. Also gut, Männer. Ich beuge mich in diesem Fall dem Beschluss der Mehrheit."

Ezra Carlisle war bereits bei den letzten Worten Merriweathers aus der versammelten Menschenmenge nach hinten verschwunden. Minuten später tauchte er wieder auf. Seine Arme umfassten fünf Gewehre, und ihm folgte ein weiterer Siedler, der zwei Holzkisten trug. Sie blieben erst vor dem Anführer der Lemhi-Schoschonen stehen.

"Ihr habt uns gerettet", begann Carlisle. "Wir haben nicht viel, aber wir geben gern, um wenigstens unsere Dankbarkeit zu bezeugen. Gewehre aber haben wir genug, und in den Kisten ist Pulver und Munition. Damit werdet ihr euch in Zukunft besser gegen die räuberischen Blackfeet wehren können. Ich bin überzeugt, Mister Merriweather ist damit einverstanden. "

"Das bin ich", versicherte der Treckführer schnell. "Ihr habt es euch mehr als verdient."

"Zwei der Krieger mögen die Waffen an sich nehmen", befahl Washakie. "Den weißen Männern sei mein Dank versichert! Doch ohne euch hätten wir den Blackfeet diese Falle nicht stellen können, ihren Hinterhalt vielleicht nicht einmal bemerkt. Wenn wir euch ebenfalls helfen können, so gebt mir Kunde!"

"Ihr habt uns schon genug geholfen", wehrte Merriweather ab. "Außerdem muss noch ein Wagen zurückbleiben. Zwei Zugochsen sind erschossen worden, die wir nicht ersetzen können."

"Aber wir", erwiderte Washakie. "Diese Waffen sind zwei Ochsen wert. Sie werden euch gebracht, sobald wir den Verräter in unser Lager gebracht haben. Und nun lebt wohl!"

"Mich würde noch eines interessieren, McClusky", wandte sich Kit an den Mörder. "Wie sind Sie damals dem Präriebrand entkommen?"

"Entkommen?" Ein grausames Lachen stieg aus der Kehle des Schurken. "Ich habe ihn selber gelegt, um euch tot zu rösten! Aber wir sind noch nicht miteinander fertig, Kit Carson!"

Die Schoschonen führten ihn weg und ritten davon.

"Ein kurzer Abschied", stellte Doc Schutzbier fest. "Was für prächtige Burschen!"

"Sie werden zurückkommen", erklärte Kit. "Nicht nur, um uns die Zugtiere zu bringen, sondern auch, um den Weißen Bison zu bestatten, der ihnen heilig war. Das wäre ihnen freilich erst dann lieber, wenn wir weitergezogen sind."

"Dann los!" befahl Merriweather. "Wir wollen aufbruchsbereit sein, sobald die Schoschonen mit den beiden Ochsen zurückkommen!"

Es war aber nur ein Krieger, der ihnen am späten Abend die beiden Zugtiere vorbeibrachte.

"Ich werde euch ein Stück eures Weges begleiten", versprach Washakie.

"Du bist uns willkommen!", versicherte ihm Kit.

Nach Art der weißen Männer schüttelten sie sich die Hände.

NEUE GEFAHREN

Der darauffolgende Tag erweckte den Eindruck, als wollte er dem glücklichen Ausgang der dramatischen Ereignisse in nichts nachstehen. Die strahlende Sonne am wolkenlosen Vormittagshimmel erfüllte die Herzen der Pioniere mit neuem Mut. Die Sprossenfichten und Balsamtannen der südlichen Ausläufer der Wasatch Range wichen allmählich den Laubbäumen, wobei Eichen und Hickorys vorherrschten. Das Knirschen der Wagenräder wurde von üppigem Raygras gedämpft, das sie durchfuhren. Diese äußerst widerstandsfähige Graspflanze konnte bis zu zwanzig Jahre alt werden und bereits in den ersten vier Monaten ihrer Existenz ein Wurzelnetz entwickeln, das Hunderte von Meilen lang war.

Kit Carson und Washakie waren dem Treck schon bald voraus geritten. Sie wollten die weitere Strecke erkunden, um dem Wagenzug das Vorwärtskommen so leicht wie nur möglich zu machen. Washakie kannte dieses weite Land sicher noch besser als Kit. Als Reiter konnte man jedoch unbewusst vieles übersehen, was für einen Conestoga-Wagen von großer Bedeutung sein mochte.

Die neuen Gefährten hatten bald Gefallen aneinander gefunden. Der Ausgang ihres Zweikampfes hatte keine Spuren hinterlassen. Sie hatten sich als ebenbürtige Gegner kennen- und schätzen gelernt.

Washakie hatte sich dem Treck der Weißen aus freien Stücken angeschlossen. Ein Grund dafür mochte seine Wissbegierde gewesen sein, die Welt der anderen endlich noch besser kennenzulernen, und ebenso ihr Denken, das sich so sehr von dem der Indianer unterschied. Ein weiterer Anlass bestand allerdings in dem Wunsch, mit Kit Carson über die vergangenen Ereignisse in Franklin zu sprechen.

Kit winkte ab, als er mitbekam, worauf Washakie hinaus wollte, und dass es ihm schwer fiel, die richtigen Worte zu finden.

"Das war keine Feigheit. Das war ein Rückzug, der mit Umsicht geschah. Auch ich weiß, dass wir Weißen manchmal in allzu geradlinigen Bahnen denken, anstatt nach links und rechts zu schauen. Dein Bleiben oder gar Widerstand hätte Reaktionen hervorrufen können, die besser vermieden wurden. Ich hätte an deiner Stelle nicht anders gehandelt."

"Deine Worte erfreuen mein Herz", gestand der hochgewachsene Halbschoschone. "Aber eines sollst du noch wissen: Der Mann, den ihr Seth McClusky nennt und der bei uns Skullcrasher heißt, hatte vorher in den Bergen einen weißen Händler umgebracht. Ich kam zu spät, um es zu verhindern, doch Skullcrasher hat mich in Colin Simpsons Schmiede wiedererkannt. Deshalb griff er mich auch an. Er wollte einen unbequemen Zeugen aus der Welt schaffen."

"Also ein weiterer Mord", stellte Kit bestürzt fest. "Wahrscheinlich werden wir nie mehr vollständig erfahren, was McClusky alles auf dem Kerbholz hat."

Obwohl er bereits großes Vertrauen zu Kit Carson gefasst hatte, verschwieg Washakie doch noch den Teil der ledernen Karte, den ihm der Pedlar in den letzten Momenten seines unglücklichen Lebens überreicht hatte. Auch schien sie ihm von geringerer Bedeutung als der Vorfall als solcher.

"Lassen wir die trüben Gedanken", versuchte Kit ein neues Thema anzustimmen. Weißt du, was das da ist?"

Bei diesem Worten hielt er Washakie sein Fernrohr entgegen.

"Ich habe davon gehört", erwiderte der Krieger. "Es soll Gegenstände zum Auge heranholen."

"So kann man es auch ausdrücken. Willst du es einmal versuchen?"

Als Antwort griff Washakie langsam danach. Rasch fand er sich mit dem ungewohnten Gerät zurecht.

"Was siehst du?", fragte der junge Trapper neugierig.

Über Washakies gefasste Züge glitt ein fast unmerkliches Lächeln.

"Ich beobachte eine Weißfußmaus", gab er zu. "Sie nagt an einem abgeworfenen Hirschgeweih. Noch hat sie uns nicht bemerkt. Möge der Große Chingichnish sie beschützen."

"Ist das euer oberster Gott?"

"Er ist eine Art Hochgott, wenn du so willst. Er lehrt uns, die Gesetze des Himmels und der Erde zu achten. Kennst du unser Toloache-Ritual?"

"Nur dem Namen nach", gestand Kit.

"Es ist die Aufnahme-Zeremonie, mit der die Jünglinge in die Gemeinschaft der Männer des Stammes eingegliedert werden", erläuterte Washakie. "Sie nehmen ein Getränk aus der Wurzel des Stechapfels zu sich und bekommen dadurch Visionen, in denen ihnen ihr künftiger Schutzgeist erscheint, meist in Gestalt eines Tieres. Dann zeichnet der Medizinmann ein Bild aus farbigem Sand, Holzkohlenpulver und Gips auf den Boden, mit dem er dem jungen Krieger die Gesetze der Welt und die Geschichte seines Stammes vermittelt. Dieses Toloache-Ritual wird auf Weisung Chingichnishs vollzogen. Ihm stehen die Nachkommen des Kulturbringers Wiyot zur Seite, die darüber wachen, dass wir seine Gebote befolgen. Doch wozu erzähle ich dir das alles?"

"Du interessierst dich für meine Welt", antwortete Kit, "und ich mich für die deine."

Washakie nickte zustimmend.

"Wenn das so ist, können wir noch viel voneinander lernen."

"Lass uns zum Treck zurückkehren", schlug Kit vor. "Sie werden uns schon vermissen."

*

In der Mittagspause wurden die Ochsen ausgeschirrt, um in Ruhe grasen zu können. Einige Händler setzten sich zu einem Schwatz zusammen. Lloyd Merriweather und Norman Schutzbier gingen von Wagen zu Wagen, um festzustellen, ob alles in Ordnung war.

Linda Carlisle war etliche hundert Yard in das freie Prärieland hinaus geschritten, um ein wenig allein zu sein und die Umgebung in Beschaulichkeit zu genießen. Völlig nutzlos wollte sie die Zeit jedoch nicht verstreichen lassen. Sie hatte ein Tuch mitgenommen, um wilde Bohnen zu sammeln. Aus der Ferne wirkte ihr Kleid, mit Tupfern lebhafter Farben versehen, wie ein kleines Nest Blumen in der endlosen Graslandschaft.

Sie erregten allerdings auch die Aufmerksamkeit eines Zugochsen. Es handelte sich um das größere der beiden Tiere, die der junge Anführer der Lemhi-Schoschonen dem Treck überbracht hatte. Die ungewohnten Farben schienen es stark zu reizen. Unruhig warf er den Kopf hin und her und stieß ungehaltene Knurrlaute aus. Dann setzte sich der mächtige Paarhufer in Bewegung.

Die junge Frau wurde sich der großen Gefahr erst bewusst, als der wutschnaubende Ochse schon weit mehr als die Hälfte der Distanz zwischen ihnen zurückgelegt hatte. Sie stieß einen lauten Schrei des Entsetzens aus. In vollem Galopp hielt das gewaltige Tier direkt auf sie zu!

Linda warf sich herum. Sie rannte von Panik erfüllt und ziellos einige Schritte in die Prärie hinaus, bis ihr auffiel, dass sie auf diesem freien Gelände nirgendwo Zuflucht finden konnte. Ebenso wenig hatte sie gegen die Geschwindigkeit des aufgebrachten Ochsen eine Chance. Und der Wagenzug war viel zu weit entfernt, als dass von dort rechtzeitig Hilfe hätte kommen können.

Sie keuchte in wilder Verzweiflung auf, als ihr Fuß an einen Maulwurfshügel stieß und sie dadurch ins Taumeln geriet. Das Trommeln der näher kommenden Hufe dröhnte wie ein lebendig gewordener Alptraum in ihren Ohren. Fast schien es, als hätte es sich auf unnatürliche Weise vervielfacht  ...

Dann spürte sie sich unvermittelt von einem sehnigen Arm gepackt und hochgezogen. Zuerst sah sie das Pferd, dann den jungen Indianer, der seit dem vergangenen dramatischen Tag den Treck begleitete.

Washakie! Das war sein Name. Sie hatte ihn vernommen, doch nicht behalten. Nun hielt er sie an sich gepresst, um sie einem fast schon sicheren Tod zu entreißen.

"Weiter!", rief eine Stimme hinter ihnen. "Halte nach rechts, Washakie! Ich werde versuchen, den Burschen abzudrängen. Mach schnell! Solange er die Farben sieht, wird er Widerstand leisten!"

Noch im Wegreiten hatte Linda Kit Carsons Stimme erkannt. Der junge Trapper trieb mit kräftigen Schenkeldrücken sein Reittier zwischen Washakie und den Ochsen, war aber in jeder Sekunde darauf bedacht, den drohenden Hörnern nicht näher zu kommen als unbedingt notwendig.

Nachdem das wütende Tier die Ursache seiner Reizung aus den Augen verloren hatte, ließ die Erregung schnell nach, es wurde unsicher und auch langsamer. Kit konnte ihm dadurch so dicht auf die Haut rücken, dass er ihm mit seinem Lariat einen leichten Schlag auf den Nacken verpassen konnte. Der Ochse hatte in der Tat wieder die notwendige Ruhe gefunden, um auf dieses inzwischen bekannte Zeichen zu reagieren. Er trabte aus und blieb stehen.

Indessen hatte Washakie die junge Frau vollends zu sich aufs Pferd gezogen. Er schlug einen weiten Bogen und hielt erst an, als sie eine beträchtliche Strecke zurückgelegt hatten, die sie gänzlich aus dem Sichtbereich des Zugtieres herausgebracht hatte. Sodann stieg er als erster ab und half anschließend Linda vom Pferd.

"Sie machen das wie ein vollendeter weißer Kavalier." Linda musste trotz des ausgestandenen Schreckens lächeln. "Vielen Dank! Ich hatte schon mit dem Leben abgeschlossen."

Washakie war beeindruckt, dass sie bereits ihre Ruhe wiedergefunden hatte. Bei einer weißen Frau hätte er nun eher hysterische Erleichterung erwartet.

"Es wäre schade gewesen", erwiderte er. Dafür, dass das Mädchen weiß war, erschien es ihm ausnehmend hübsch. Er spürte eine leichte Verlegenheit in sich aufsteigen.

Linda erging es allerdings ähnlich. Vor ihrem Aufbruch mit dem Wagenzug hatte sie andere Indianer gekannt, solche, die meist an der Vorherrschaft der Weißen im Osten zerbrochen waren und ihren Kummer im Alkohol ertränkten. Hier im Westen aber waren sie noch eine starke Rasse, die durchaus imstande schien, es mit den Neuankömmlingen aufnehmen zu können.

Und Washakie mochte für alle als herausragendes Beispiel dienen. Ein stolzer, hochgewachsener, gutaussehender Halbschoschone, dessen edles Antlitz seinen tapferen Charakter verriet. Linda Carlisle errötete, als sie in seine dunklen Augen sah.

"Ist alles in Ordnung, Miss Carlisle? Das war wirklich ein Könnerstück, Washakie. Meine Hochachtung."

Erst jetzt merkten die beiden jungen Leute, dass sich Kit Carson zu ihnen gesellt hatte. Den Zugochsen hatte er längst zum Treck zurückgebracht.

Er sprang aus dem Sattel und schlug Washakie anerkennend auf die Schulter.

"Kommt mit zurück. Sie wollen alle ganz genau wissen, was passiert ist."

"Es war nicht der Rede wert", winkte Washakie ab.

Dabei vermied er es allerdings, Linda anzublicken.

*

Im Mittagslager erging es ihnen erwartungsgemäß. Während Linda Carlisle von den Frauen des Trecks mit Fragen bestürmt wurden, bezeugten die Männer den beiden jungen Gefährten ihre Dankbarkeit. Ezra Carlisle lud sie in seinen Conestoga-Wagen ein, um sie dort zu bewirten. Die angeregte Unterhaltung der vier Menschen dauerte bis zum Aufbruch.

Als die Ochsen wieder eingespannt waren, erklärte Ezra Carlisle, er wolle an die Spitze des Trecks reiten, da es mit Lloyd Merriweather einiges zu besprechen gäbe. Mit einem nicht gänzlich verborgenen Schmunzeln stellte er fest, dass die jungen Leute nicht das Geringste dagegen einzuwenden fanden, alleingelassen zu werden.

Linda wollte gerade die Zügel ergreifen, als Kit Einspruch erhob.

"Ihnen sitzt gewiss noch der Schreck von vorher in den Gliedern, Miss Linda", begann er. "Sie sollten den Wagen auf keinen Fall alleine lenken. Gestatten Sie, dass ich neben Ihnen Platz nehme?"

"Vielen Dank", erwiderte die junge Frau. "Das ist ein sehr freundliches Angebot. Ich denke jedoch, dass ich  ...  "

"Es muss sehr interessant sein, eine solche Kutsche zu lenken", unterbrach sie Washakie. "Ich hätte es nur allzu gerne einmal versucht, aber bisher war es mir nie vergönnt. Ich würde mich sehr freuen, an Ihrer Seite sitzen zu dürfen, Miss Linda."

"Du könntest die Ochsen erschrecken", wandte Kit Carson ein.

Linda Carlisle wusste nicht, ob sie amüsiert oder verärgert sein sollte. Da hatte ihr dieser eingebildete Kit Carson doch bisher keinen einzigen Blick vergönnt. Aber kaum war sie vorhin mit dem jungen Halbschoschonen ins Reden gekommen, war er unvermittelt aufgetaucht. Und seither nie wieder von ihrer Seite gewichen.

Als Weißer sah er mindestens ebenso gut aus wie Washakie als Indianer. Sie waren gleich groß, und Kits dichtes blondes Haar, das weit über den Nacken hinab fiel, umrahmte ein männlich-markantes, gut geschnittenes Gesicht, das nach den vielen Jahren in der Wildnis gleichmäßig durchgebräunt war und dadurch äußerst verwegen wirkte.

Jedenfalls hatte jeder der beiden jungen Männer das Seine dazu beigetragen, dass Linda nicht von den Hörnern des Ochsen erfasst worden war. Also war es wohl richtig, beiden entgegenzukommen.

Nach einer Meile wurde es ihr aber zu bunt.

"Ich verstehe ja, dass ihr es gut mit mir meint", versicherte sie ihnen. "Aber zu dritt ist es auf dem Bock wirklich zu eng. Ich kriege fast keine Luft mehr."

"Aber so eng ist es doch gar nicht", versuchte Washakie etwas schüchtern zu widersprechen.

"Ich schließe mich ausnahmsweise den Worten meines Gefährten an", ließ Kit Carson sich vernehmen.

"Runter jetzt! Alle beide! Aber sofort!"

Murrend gehorchten die beiden jungen Männer.

"Auf ein andermal!", rief Kit der Nichte Ezra Carlisles mit einem verheißungsvollen Blick zu, bevor er auf seinem Pferd nach vorne sprengte. Washakie hielt noch kurz inne, ehe er ihm folgte.

"Auch ich schließe mich ausnahmsweise den Worten meines Gefährten an. Yaahiii!"

Linda ging davon aus, dass dieser Schrei nicht ihr, sondern Washakies Pferd galt. Es setzte sich auch unverzüglich in Bewegung. Kopfschüttelnd, doch leise lächelnd sah Linda Carlisle den beiden Heißspornen nach.

*

Aus einem der Conestogas hörte Ezra Carlisle einen markerschütternden Schrei, der in ein ersticktes Gurgeln überging. Rasch ritt er näher.

Mabel Sutton kniete auf der Wagenfläche. Sie versuchte ihren Knaben zu bändigen, der sich mit wilden Schmerzensschreien auf einer Schicht Decken hin und her warf. Sein ganzes Gesicht war schweißbedeckt, zwischen den Zähnen und auf den Lippen waren Schaumbläschen zu sehen. Die Augen glänzten in einem unnatürlichen Fieber, wenn sie nicht vor Pein geschlossen waren.

Harp Sutton, sein Vater, der den Wagen lenkte, warf in ungleichmäßigen Abständen Blicke nach hinten, in denen Beunruhigung und Angst um sein einziges Kind zu lesen war.

"Ich gebe Bescheid", murmelte Ezra Carlisle. Mabel Sutton nickte. Sie hatte Tränen in den Augen.

Lindas Onkel holte zu Lloyd Merriweather und Norman Schutzbier auf, die an der Spitze des Wagenzuges ritten und sich umwandten.

"Kommen Sie schnell, Doc", wandte sich Ezra an den kleineren der beiden Männer. "Suttons Wagen. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät."

Doc Schutzbier ließ sich nicht zweimal bitten. Allerdings erreichte er Suttons Wagen erst nach Ezra, da er seine Arzttasche woanders untergestellt hatte. Er legte seine Hand auf die Bauchdecke des Jungen, die zu glühen schien.

"Hat er sich schon erbrochen?"

Die Mutter verneinte.

"Dann aber schleunigst." Behutsam nahm Doc Schutzbier den Jungen unter den Armen und zog ihn zum hinteren Wagenrand, um ihn dort der Verrichtung nachkommen zu lassen.

"Es muss alles aus ihm raus", wiederholte der Arzt seine Anweisung. "Ich werde ihm aus Schafgarben, Wacholderbeeren und Wermut ein Stärkungsmittel für später zubereiten."

"Doc!", erklang Ezra Carlisles Stimme von draußen. "Kommen Sie zu Breckinridges Wagen, sobald Sie hier fertig sind! Es scheint genau der gleiche Fall zu sein!"

"Allmächtiger", flüsterte der Arzt. "Dann steht uns einiges bevor."

*

Der Wagenzug war angehalten worden. Zwei Stunden später waren Lloyd Merriweather, Ezra Carlisle, Kit Carson und Washakie vor dem Wagen des Treckführers versammelt. Auch die anderen Händler und Siedler standen in kleineren Gruppen zusammen. Aufgeregte Worte flogen hin und her. Am schlimmsten war die Unsicherheit.

Endlich fand Doc Schutzbier Zeit, zu ihnen zu kommen. Es waren noch drei weitere Fälle aufgetreten, die seinen Einsatz verlangt hatten. Der deutschstämmige Arzt wirkte ausgepumpt.

"Nun, Doc? Haben Sie etwas herausgefunden?", erkundigte sich Lloyd Merriweather gespannt. Die Verantwortung für den Treck lastete in solchen Momenten schwer auf ihm.

Doc Schutzbier nickte grimmig.

"Es handelt sich um eine Lebensmittelvergiftung. Jeder Zweifel ist ausgeschlossen. Genauer gesagt, um eine Fleischvergiftung."

"Ja  ...  einen Augenblick mal!", schnappte Ezra Carlisle. "Dass hier und dort ein verdorbenes Stück Fleisch zum Vorschein kommt, ist ja nichts Außergewöhnliches. Wie aber ist es möglich, dass diese Vergiftung mit einem Mal wie eine Epidemie um sich greift?"

"Ich bin zu Ihnen gekommen, um das herauszufinden. Es ist in der Tat alles andere als normal. Nur habe ich bisher ebenso wenig eine Erklärung gefunden."

"Verdorbenes Fleisch, das diese Siedler bei einem bestimmten betrügerischen Händler während des letzten Stadtaufenthalts eingekauft haben?", wagte Kit einen Vorstoß.

"Das Seltsame daran ist", gestand der Arzt, "dass ich keineswegs den Eindruck hatte, das Fleisch sei verdorben gewesen. Noch bin ich mir nicht sicher, doch ich glaube, Sie können die Bezeichnung Fleischvergiftung durchaus im wörtlich Sinne auslegen. Das Fleisch  ...  wurde wohl tatsächlich vergiftet."

"Allmächtiger!", stieß Lloyd Merriweather hervor.

"War es Bisonfleisch?", hakte Kit sofort nach.

"Es war Bisonfleisch, in der Tat", gab Doc Schutzbier dem jungen Trapper recht. "Können Sie mit diesem Sachverhalt etwas anfangen?"

"Allerdings", versetzte Kit. "Ich fürchte, wir sind auf Seth McCluskys Abschiedsgeschenk gestoßen."

*

Bis auf Washakie starrten ihn alle ungläubig an. Die Gedanken des Halbschoschonen waren von Anfang an in die gleiche Richtung gegangen.

"Am besten, wir befragen die Jäger, die mit ihm unterwegs waren", schlug Kit vor.

Seine Befürchtungen wurden nur allzu bald bestätigt.

"Ihre Vermutungen treffen durchaus zu, Sir", erwiderte einer der Jäger Kits entsprechende Frage, während die Händler und Siedler fassungslos seinen Ausführungen lauschten. "In mindestens zwei Fällen hatte McClusky den Bison bereits erlegt, bis wir ihn einholten. Somit können wir nicht mit Sicherheit sagen, womit er das Tier getötet hat."

"Natürlich nicht", stimmte Kit Carson zu. "Die Einschussstellen müssen nicht zwangsläufig die Tötungsart wiedergeben. Eine äußerst raffinierte Vorgehensweise."

"Gott sei dank ist es nicht zu Todesopfern gekommen", ließ Doc Schutzbier sich vernehmen.

"Weil Sie so schnell und umsichtig gehandelt haben, Doc", gab Kit ihm zur Antwort. "Jedenfalls hatte McClusky gleich mehrere Eisen im Feuer, um den Treck zu verderben. Wer weiß, was uns noch alles erwartet. Gibt es irgendeine Möglichkeit, das verdorbene Fleisch von dem guten zu trennen?"

Lloyd Merriweather wurde blass.

"Ich glaube nicht", flüsterte er heiser. "Die gesamte Jagdbeute wurde sofort zerlegt, das Fleisch entweder gleich gegessen oder in Streifen geschnitten und zum Trocknen an die Wagen gehängt. Beim Sofortverzehr gab es nie Zwischenfälle. McClusky hat das wohl sehr geschickt eingefädelt."

"Wissen Sie, was das bedeutet?", keuchte Ezra Carlisle. "Unsere kümmerlichen Lagervorräte werden rapide zur Neige gehen, und dann stehen wir ohne Nahrungsmittel da!"

"Schlimm genug", griff Merriweather den Faden auf. "Wir sind nicht gerade in einem idealen Jagdgebiet, denn die Schoschonen brauchen ihre Vorräte selbst und können uns daher nichts verkaufen. Müssen wir umkehren, oder gibt es doch noch eine andere Möglichkeit?"

"Es gibt noch eine andere Möglichkeit", ergriff Washakie, der bisher geschwiegen hatte, das Wort. "Bonnevilles Besessenheit."

*

"Was  ...  was ist das?", schnappte Doc Schutzbier. "Eine Krankheit? Noch eine?"

Kit Carsons Züge drückten große Nachdenklichkeit aus, als er antwortete.

"Vielleicht liegen Sie damit nicht einmal allzu weit daneben, Doc. Es handelt sich um eine Handelsstation, die nach ihren Erbauer und Besitzer ernannt wurde, der auch heute noch dort residiert. Allerdings sagt man ihm nach, dass er  ...  nun, dass er auf eine angsterregende Weise nicht ganz richtig im Kopf ist."

"Ein Narr kann doch keine Handelsstation leiten", warf Ezra Carlisle ein.

"Dass er ein Narr ist, habe ich auch keinesfalls behauptet. Er ist nur  ...  sehr seltsam. Auch handelsstrategisch gesehen liegt seine Pelzstation nicht gerade günstig. Aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund, der im Verborgenen liegt, will er sich dort oben offensichtlich um jeden Preis behaupten. Er heißt Benjamin Bonneville, und die Trapper und Indianer nennen sein Fort Bonnevilles Besessenheit."

"Was heißt um jeden Preis?"

"Nun  ...  es hat schon einige unerklärliche und widerliche Vorfälle dort oben gegeben, dass vielen diese Station  ...  nicht mehr ganz geheuer ist. Viele Trapper meiden sie. Aber dennoch steht sein Fort, als wäre es für die Ewigkeit gebaut."

"Weiß man irgendetwas Genaueres über diesen Menschen?", erkundigte sich Lloyd Merriweather.

"Vieles ist Gerede", erwiderte Kit, "aber sehen Sie selbst, was Sie damit anfangen können. Benjamin Bonneville soll ein ehemaliger Hauptmann der U.S. Army sein, der urplötzlich seine vielversprechende Laufbahn aufgegeben hat, um als Trapper in den Westen zu ziehen. Ein besonders guter Trapper ist er allerdings nie gewesen. Obwohl er es als solcher demnach schwerlich zu Geld gebracht haben kann und die Konkurrenz in dieser Branche sehr groß ist, hatte er von einem Tag auf den anderen die Mittel, seine äußerst weitläufig angelegte Handelsstation zu errichten. Angeblich hätte ihm eine Gruppe von New Yorker Geschäftsleuten dabei finanziell unter die Arme gegriffen. Aber können Sie mir dafür auch nur einen einzigen vernünftigen Grund verraten?"

"Da bin ich allerdings überfragt", gestand Merriweather. "Sie würden uns also davon abraten, diesen verrufenen Ort aufzusuchen?"

"Wenn wir jemals nach Kalifornien kommen wollen", widersprach der junge Trapper, "dann haben wir keine andere Wahl, als uns dort mit Proviant zu versorgen."

"Das klingt nicht sehr ermutigend."

"Wie sollte es auch? Ich kann Ihnen nur einen Rat geben: Sobald wir die Handelsstation erreicht haben, gilt es, Tag und Nacht Augen und Ohren offenzuhalten. Vielleicht müssen wir wegen unserer Kranken ein wenig verweilen. In diesem Falle dürfen wir uns durch nichts überraschen lassen."

"Mein Stichwort ist gefallen", gab Norman Schutzbier von sich. "Ich muss mich wieder um meine Pfleglinge kümmern."

Damit gab er unbewusst das Signal zur Auflösung der Versammlung. Lloyd Merriweather und Ezra Carlisle verabschiedeten sich ebenfalls mit einem kurzen Gruß.

"Aber Sie werden uns doch hinführen, nicht wahr?", erkundigte sich der Treckleiter vorher noch kurz bei Kit.

"Selbstverständlich", hatte der junge Trapper zur Antwort gegeben. "Aber wie gesagt: Sehen wir uns vor, dass wir nicht in Teufels Küche geraten."

Nun war er mit Washakie allein.

"Du hast das Fort als erster erwähnt, also kennst du es. Kannst du mir etwas darüber berichten, was ich vielleicht noch nicht weiß?"

"Deinen Beschreibungen ist wenig hinzuzufügen", entgegnete der hochgewachsene Halbschoschone. "Du weißt ebenso wie ich, dass es bereits wieder im Gebiet anderer Blackfeet-Stämme liegt. Und dahinter, weit im Nordwesten, haben jene Weißen Fuß gefasst, die ihr Engländer nennt."

"Eine haarige Sache also, egal, wie man sie dreht und wendet", stellte Kit achselzuckend fest. "Sehen wir zu, dass wir unsere Schäfchen sicher ins Trockene bringen."

Wie um seinen Worten Hohn zu sprechen, verdüsterte sich der Himmel über dem nordwestlichen Horizont, als sie eine halbe Stunde später aufgebrochen waren. Die ersten Blitze kündigten ein bevorstehendes Gewitter an.

"Kein gutes Vorzeichen", murmelte Kit.

DIE FESTUNG

Der junge Indianer, der die ganze Nacht durchgearbeitet hatte, wurde in der Mittagshitze von Müdigkeit übermannt. Inmitten der endlosen Grashügellandschaft ließ er sich in den Schatten des hüfthohen Präriegrases sinken. Er war zu Fuß unterwegs, brauchte sich um kein Pferd zu kümmern.

Ein leichter Wind versetzte die mächtigen Halme in ein spielerisches Wogen, dessen leises Rauschen im Zusammenspiel mit der wärmenden Sonne bald seine Wirkung tat: Der einsam Umherschweifende fiel in einen tiefen, beinahe traumlosen Tagesschlaf.

Indessen schlug das Wetter um. Erste Wolken zogen am Horizont auf, das Blau des Himmels bekam einen ernsteren, strengeren Ton, die Luft kühlte zunächst fast unmerklich ab, und das Rauschen der Gräser klang dunkler und schwerer, als der Westwind zunahm.

Bis der Schläfer endlich erwachte, war es längst zu spät, um noch rechtzeitig in der geheimen Stätte Zuflucht zu finden, von der er noch keiner Menschenseele etwas verraten hatte. Er war überzeugt, dass nur er allein sie kannte.

Details

Seiten
400
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903447
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Dezember)
Schlagworte
carson sammelband

Autor

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Titel: Kit Carson Sammelband #4