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Benthe war ein schönes Kind

2016 120 Seiten

Leseprobe

Benthe war ein schönes Kind

Horst Bieber

Published by BEKKERpublishing, 2016.

KEIN EINFACHER FALL FÜR DIE KOMMISSARIN – DENN...

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Benthe war ein schönes Kind

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Kriminalroman

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem motiv von Pixabay mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Lene Schelm wird in den äußersten Zuständigkeitsbereich der Tellheimer Kripo gerufen. Ein nach 15 Jahren aus der Haft entlassener Mörder schießt bei einer Prügelei den Vater seines Opfers in den Bauch und kann fliehen.

Lene erkennt rasch, dass es sich hier um mehr als eine Aktion empörter Dörfler handelt, die keinen „Mörder“ in ihrem Ort dulden wollen. Die Gründe reichen bis in die Zeit des Mordes an der „schönen Benthe“, zum Teil sogar noch weiter in die Vergangenheit zurück. Um eine schwere Körperverletzung „von heute“ aufzuklären, muss Lene erst ein Fehlurteil „von gestern“ korrigieren...

Ein neuer Kriminalfall für die „Kommissarin“!

Personen

Johannes (Hannes) Lipsch (43): Nach 15 Jahren aus der Haft entlassener Mörder

Peter Stein (51): Oberkommissar (S) in Niederdaupen

Ludwig Elbern (40): Obermeister (S) in Niederdaupen

Cyprian Möhring (45): Pfarrer von St. Ansgar in Niederdaupen

Heiner Fossack (50): Vater der ermordeten Benthe

Rita Pelzer (32): Angestellte im Golfhotel An der Lante

Marlene (Lene) Schelm (43): Erste KHK in Tellheim

Ellen König (38): KHK und Lenes Vertreterin

Jule Springer (33): KOK im Tellheimer Referat R - 11

Christine (Tine) Dellbusch (29): KK im Tellheimer Referat R – 11

Jörg Steiner (55): Direktor der Tellheimer Kripo

Nadine Golowski (45): Rechtsmedizinerin und Steiners Freundin

Caroline (Caro) Heynen (62): Lenes Vorgängerin

Paul Hase (40): Staatsanwalt in Tellheim, lebt mit Jule Springer zusammen

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Alle Namen und Taten, Personen und Ereignisse, Geschäfte und Organisationen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Roman

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Erstes Kapitel

Lene Schelm seufzte nicht einmal, als das Telefon klingelte. Sie hatte es nicht anders erwartet. Viele Kollegen schoben Dutzende von Bereitschaftsdiensten an den Wochenenden und musste nicht einmal raus, Marlene Schelm hatte Bereitschaft und konnte von Glück sagen, wenn sie wenigstens in Ruhe frühstücken durfte. Immerhin hatte sie schon ihren zweiten Becher Kaffee ohne Störung austrinken und einen Teil der Samstagszeitung lesen können.

„Tut mir aufrichtig leid, Kollegin. Ich mache es wirklich nicht mit Absicht“, sagte der KvD bekümmert. Lenes Pech mit den Bereitschaftsdiensten hatte sich im Polizeipräsidium herumgesprochen, wozu sie absichtsvoll und eifrig beigetragen hatte. Denn richtig ärgerlich war es, wenn sie raus musste und Freund Jochen noch faul im Bett lag. Wenn sich diese aus Lenes Sicht viel zu seltenen abendlichen und nächtlichen Gelegenheiten ergaben, lehnte sie Bereitschaft hartnäckig ab – und wer wollte einer Kollegin, die sprichwörtlich viel Pech mit ihren Diensten hatte, dann ein Nein verübeln? Aber heute musste Jochen in Berlin bleiben, seine Frau hatte darauf bestanden, dass sie zusammen auf einen Ball gingen und glückliches Ehepaar spielten. Ärgerlich, aber das zählte nun mal zu dem Preis, den Lene Schelm und Freund Jochen Pauly dafür zahlten, dass Jochens Frau so genau gar nicht wissen wollte, was ihn eigentlich so häufig in den Südwesten nach Tellheim zog.

„Wohin geht es denn?“ muffelte Lene.

„Nach Niederdaupen. Polizeirevier an der Kirche.“

„Hat man den Messwein geklaut?“

„Nein, Mordversuch. Der Täter ist flüchtig.“

„Weiter weg habt ihr nichts für mich gefunden?“

Niederdaupen war der nordöstlichste Punkt, für den die Kripo Tellheim zuständig war. Der Ortsteil Oberdaupen fiel schon in die Zuständigkeit der Kollegen aus Guntersburg.

„Wen haben Sie denn noch in die Pampa geschickt?“ erkundigte sich Lene gereizt.

„Ihre Kollegin Springer. Sie kommt gleich bei Ihnen vorbei.“ Der KvD räusperte sich: „Haben Sie Winterreifen aufgezogen?“

„Warum denn das?“

„Da oben hat es noch einmal geschneit. Ziemlich kräftig sogar.“

„Mir bleibt auch nichts erspart.“

Die Kollegin Jule Springer brachte eine gute und eine schlechte Nachricht mit: „Die Straßenverhältnisse ins Vorgebirge sind grauenhaft. Außerdem ist Neuschnee angesagt. Wir können auf keinen Fall jeden Tag hin- und zurückfahren. Niederdaupen hat keinen Gasthof und erst recht kein Hotel. Aber zwischen Nieder- und Oberdaupen gibt es einen Golfplatz „An der Lante“ mit einem Wellness-Hotel. Dort habe ich noch zwei Doppelzimmer für uns bestellen können.“

„Zwei Doppelzimmer?“

„Eines für dich und deinen Jochen, und eines für mich, wenn es der Hase nicht länger aushält.“ Jules Hase hatte zwei Beine, hieß mit Vornamen Paul und war von Beruf Staatsanwalt, der mit der Oberkommissarin Jule Springer zusammenlebte und auf alle seine Heiratsanträge bisher hören musste: „Unverändert gilt: Bett ja, Standesamt nein.“ Jule liebte ihren Hasen, aber auch ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit.

Schnell ein Köfferchen für mehrere Tage zu packen war Lene gewohnt, auf Jules eindringlichen Rat nahm sie dicke Schuhe, warme Socken und Handschuhe mit, dazu Schal und Strickmütze.

Keine fünfzig Meter hinter dem Tellheimer Stadtausgangsschild begann das Winterchaos. Kein Schnee geräumt, nicht gestreut oder gesalzt, am Himmel dicke dunkelgraue Schneewolken. In der Flussniederung hatten sie in diesem Jahr vom Winter wenig gespürt, aber im Vorland sollte es schlimm aussehen, und für die Hochebene vor dem Mittelgebirge, für den Lantener Wald, versprach das Fernsehen jeden Abend „Ski und Rodel gut“. Richtige Freude kam da nur bei den Liftbesitzern auf. Wer jeden Tag zum Job hinunter musste in die Ebene und jede Abend wieder zurück, der fluchte. Das Land stieg treppenartig an, auf den ebenen Flächen wurde eifrig Landwirtschaft betrieben, und erst die letzte Steigung und ein großer Teil der Hochfläche war mit Wald bedeckt, der früher einmal zur Burg Lanten gehörte, die der Umgebung den Namen gegeben hatte. Lene lächelte in sich hinein, als sie an dem Hinweisschild vorbeifuhren „Nach Wiesenbrück – 10 Kilometer und etwas kleiner darunter Gut Höllenstein, 8 Kilometer.

Vor Jahren war sie diese Strecke zum „Höllenstein“ häufiger gefahren, nachdem eine Ethnologin aus dem Saarland sie um Hilfe gebeten hatte. Von Michelle Rodihn hatte Lene lange nichts mehr gehört ... dann wachte sie aus ihrer Träumerei auf, weil die vor ihr fahrende Jule scharf bremste und am Straßenrand anhielt. Lene blieb neben ihr stehen und schaute sich näher an, auf was Jules Zeigefinger wies. Der Mann war mit dem Fahrrad bös gestürzt und lag jetzt ein Stück vor ihnen bewegungslos auf der linken Straßenseite unter seinem Rad. Lene stieg aus und lief hinüber zum Verunglückten. Er schien bei Bewusstsein zu sein, hatte die Augen offen und sah ihr aufmerksam entgegen. Ein Arm war unfachmännisch verbunden, die Binde zum Teil durchgeblutet. Mehrere Wunden im Gesicht und am Kinn waren mit Pflaster bedeckt. Der Mann war vor seinem Sturz bei einem Unfall oder einer Schlägerei ziemlich verwundet worden.

„Soll ich einen Notarztwagen rufen?“ fragte sie. Jule stellte Warndreieck und Warn-Blinker auf.

„Ja, bitte, aber nicht nach Guntersburg.“

„Warum nicht?“

„Die Bullen aus Niederdaupen waren dabei und haben mich zusammengeschlagen. Und jetzt suchen die mich. Keine Polizei aus Nieder- oder Oberdaupen, das würde ich nicht überleben.“ Er brachte es selten nüchtern und sachlich vor.

„Und wer hat Sie verbunden?“ Jule deutete auf die Pflaster und Verbände.

„Pater Cyprian von St. Ansgar in Niederdaupen. Er ist auf meiner Seite.“

„Wie heißen Sie eigentlich?“

„Johannes Lipsch. Alle im Dorf nennen mich aber Hannes Lipsch.“

„Aber Pater Cyprian dürfte wissen, wo Sie sind?“

„Ja, aber bitte nur er.“

Der Mann hatte trotz seiner Verletzungen und Schmerzen so ernst und so klar gesprochen, dass Lene ihm glaubte. Sie rief einen Notarztwagen und holte aus ihrem Auto eine Decke, mit der sie Lipsch zudeckte. Auf die Beine stellen konnten beide Frauen ihn nicht; bei der geringsten Bewegung trat ihm das Wasser in die Augen.

Lene setzte sich zu Jule ins Auto. „Ich habe einen Notarzt gerufen. Du fährst hinter dem NAW her, aber nicht nach Guntersburg. Keine Meldung an die Zentrale. Der Knabe muss incomunicado bleiben. Er ist völlig klar im Kopf und hat mächtig Angst vor den Kollegen aus Niederdaupen. Ich schaue jetzt kurz bei den Kollegen am Kirchplatz rein und fahre dann weiter zum Hotel. Du lieferst den Knaben – er heißt übrigens Johannes Lipsch in eine Klinik ein und sorgst dafür, dass die keine Meldung an die Unfallzentrale machen. Dann kommst du zum Hotel und bei einem guten Essen erzähle ich dir, was meiner Meinung nach hier abläuft.“

„Das hört sich alles sehr geheimnisvoll an, Lene.“

„Gut möglich, dass ich nur Gespenster sehe. Aber der Name Lipsch kommt mir sehr bekannt vor. Bloß woher?“

„Nicht verzagen, Arne fragen.“

Der Kollege, Hauptkommissar Arne Wilster saß ausnahmsweise nicht an seinem Schreibtisch im Archiv des Polizeipräsidiums, sondern war zum Mittagessen bei seiner Nachbarin eingeladen.

„Johannes Lipsch.“

„Okay. Wird am Montag sofort erledigt.“

„Grüße die Nadel von mir.“

Arnes Assistentin hieß Anja Stich, wurde aber wegen ihrer spitzen Zunge, spitzen Bemerkungen und unstillbaren Neugier die Nadel genannt.

„Mach ich.“

Der Notarzt kam sehr rasch und Lene machte ihm klar, das der Verletzte nicht nach Guntersburg, sondern in eine Tellheimer Klinik gebracht wurde. „Ja, den Ärger mit Ihrer Zentrale und der Krankenkasse regele ich. Lene Schelm, Erste im Tellheimer Ersten.“

Das Erste K, die früher so genannte Mordkommission, hieß jetzt R – 11, aber der Name für die Leiterin „Erste im Ersten“ hatte sich gehalten. Lipsch hatte sich bei dem Sturz mit dem Fahrrad ein Bein gebrochen, es war gut, dass sie ihre Versuche nicht fortgesetzt hatten, ihn auf die Füße zu stellen.

Woher kannte sie nur den Namen Lipsch?

Niederdaupen war ein so trostloses wie hässliches Kaff. Eine von Schlaglöchern übersäte Straße erweiterte sich kaum merklich, was den „Dorfplatz“ darstellen sollte. Auf einer Seite stand die Kirche, ein vor Hässlichkeit strotzender neogotischer Bau, daneben ein älteres Gebäude, das das Pfarrhaus sein mochte. Dem schloss sich rechts ein moderner Zweckbau an, so scheußlich wie die Kirche, in dem Polizei, Kreissparkasse und „Bürgeramt“ plus Dienstwohnung des Ortsvorstehers untergebracht waren. Gegenüber, auf der anderen Seite des Platzes, stand das wichtigste Gebäude des Ortes, die Schenke, die aber auf Lene einen verlassenen, geschlossenen und verwahrlosten Eindruck machte. Auffällig war auf dem Dach ein windschiefes Metallgerüst, das entfernt an eine Antenne erinnerte. Jedes der acht oder zehn halb verfallenen Gebäude besaß eine Antennenschüssel – was sollte man hier abends auch anderes machen, als vor der Glotze zu sitzen?

Lene parkte vor dem Eingang zum Polizeirevier. Die beiden örtlichen Ordnungshüter stellten sich als Ludwig Elbern und Peter Stein vor. Revierleiter war Peter Stein, den Lene auf etwa 50 Jahre schätzte und instinktiv nicht leiden mochte. Sein Kollege Elbern musste um die 30 sein und hatte sichtlich die Intelligenz nicht erfunden. Stein dominierte ihn ganz offen und ungeniert.

„Tut mir leid, Kollegen, schneller ging's nicht. Vom Schneeräumen hält das Straßenamt nicht viel?“

„Nein“, knurrte Stein, „Und ehrlich gesagt, versteh' ich gar nicht, warum man Sie geschickt hat. Der Fall liegt glasklar, Hannes Lipsch hat auf Heiner Fossack geschossen und ihn getroffen, Bauchschuss. Dann ist Lipsch geflohen, dafür gibt es ein Dutzend Zeugen.“

„Und warum hat Lipsch auf den – wie hieß er noch? - den Fossack geschossen?“

„Das wissen wir nicht, das werden wir den Scheißkerl fragen, wenn wir ihn erwischt haben. Ihr stellt euch da in Tellheim ziemlich an.“ Lene verkniff sich den Hinweis, dass man Lipsch zur Tat nur befragen konnte, wenn der die Festnahme überlebte, und danach sah Stein nicht gerade aus. Er musterte sie böse: „Fahndung erst, wenn das R – 11 sie beantragt.“

Lene wollte nicht aussprechen, was sie dachte und erfand so eine Ausrede: „Wahrscheinlich wieder einmal die berühmten Kostengründe. Bei uns wird an allen Ecken und Kanten gespart.“

„Hier auch!“ fauchte Stein. Das Revier war in der Tat so kühl, als spare man zuerst an der Heizung.

Lene zupfte an einem Ohrläppchen. „Ich fahre jetzt erst einmal ins Hotel, checke ein und komme später wieder. Einverstanden?“

„In welchem Hotel?“ fragte Stein misstrauisch.

Golfhotel An der Lante.“

„Na, an den Spesen für die Oberen wird offenbar nicht gespart“, brummte Stein gehässig und Lene sah ihn nur schräg an. Einen Teil ihrer Kosten würde sie selber zahlen, aber das ging Stein und Elbern nichts an. Die offiziellen Sätze hätten wohl nur für eine Strohlage in einer Scheune gereicht und Lenes Anspruch war etwas größer.

„Na, meinetwegen.“ Elbern hatte die Intelligenz und Stein die verbindliche Höflichkeit nicht erfunden. Für Niederdaupen wahrscheinlich genau die richtige Mannschaft.

Das Golfhotel An der Lante, benannt nach dem besseren Bach, der einen Teil des Hochlandes entwässerte und während der Schneeschmelze zu einem reißenden Fluss mit gefürchtetem Überschwemmungspotential werden konnte, war groß, modern und luxuriös. Niederdaupen wirkte daneben noch schäbiger und wie von einem andern Stern.

„Er liegt in der Bohlmann-Klinik“, erklärte Jule, die schon eingetroffen war. „Zuerst war er sehr erschrocken, als er hörte, dass wir beide Polizistinnen sind, hat sich aber wieder beruhigt, als ich ihm versichert habe, die Polizei aus Niederdaupen werde nicht erfahren, wo er liege. Mir gegenüber hat er dann behauptete, die beiden Revierpolizisten hätten auch zu der Gruppe gehört, die ihn aus dem Ort prügeln und die Schenke abfackeln wollten.“

„Wieso die Schenke?“

„Lipschs Vater war der Schenken-Wirt und hat das Haus samt Grundstück seinem Sohn Hannes hinterlassen.“

„Ich ahne schon, wir müssen erst die Genealogie eines Dorfes auswendig lernen, bevor wir an den Fall gehen können.“ Jule zog einen Flunsch und Lene lachte, als sie aufstand: „ So, ich fahre jetzt los, und zwar in die Kirche St. Ansgar; wenn die Kollegen ungeduldig werden und hier anrufen, sag' ihnen bitte, dass ich aus dem Hotel losgefahren bin, und du nicht weisst, wo ich abgeblieben bin.“

St. Ansgar war leer bis auf eine Frau, die den Blumen frisches Wasser gab. „Nein, Pater Cyprian ist nebenan im Pfarrhaus. Die Beichtstunde ist aber schon vorbei.“

„Ich gehöre zur anderen Fakultät und gehe nicht zur Ohrenbeichte“, stellte Lene freundlich klar.

Die Frau lächelte mitleidig.

Pater Cyprian hieß mit Familiennamen Möhring, war ein etwa fünfzigjähriger Mann mit schon grauen Haaren. Er schaute sich Lenes Dienstausweis sorgfältig an und seufzte tief: „Ich habe Sie schon erwartet. Es geht um die Schießerei gestern?“

„Ja.“

„Ich weiß nicht, wo Hannes steckt.“

„Keine Sorge, wir haben ihn auf der Straße gefunden und in eine Klinik gebracht. Die Nacht hat er hier bei Ihnen verbracht?“

„Ja. Ich habe ihn auch verbunden, so gut ein ungeschickter Theologe das kann.“

„In dem Punkt müssen Sie in der Tat noch einiges lernen“, bestätigte Lene fröhlich. „Was war denn gestern überhaupt los?“

„Der Name Johannes Lipsch sagte Ihnen nichts.“

„Ja und nein“, erwiderte sie ungeduldig. „Es klingelt in meinem Hinterkopf, aber ich komme nicht darauf, an welchem Fach.“

Pater Cyprian stöhnte. „Johannes Lipsch hat 15 Jahre wegen Mordes im Gefängnis gesessen. Vor einem Jahr ist er entlassen worden und vor einem halben Jahr nach Niederdaupen gekommen, weil er nicht mehr wusste, wohin sonst er gehen sollte.“

„Wen hat er ermordet?“

„Ein Mädchen aus dem Dorf, Benthe Fossack. Als sie starb, war sie gerade sechzehn Jahre alt.“

„Sie haben sie damals gekannt?“

„Ja, ich bin als junger Kaplan nach St. Ansgar gekommen und dann hier irgendwie hängen geblieben. Heute bin ich Pfarrer von St. Ansgar.“

Es klang weder anklagend noch vergnügt. Pater Cyprian hatte einen hellen Bariton, sprach sehr deutlich und artikulierte sorgfältig, eine Stimme, die einen Kirchenraum mit viel Nachhall gut füllte. Lene hatte sich sein Arbeitszimmer heimlich angesehen. Bis auf die Wand mit dem Fenster zur Straße waren alle Wände mit Bücherregalen bedeckt, die wiederum bis auf den letzten Platz mit Büchern vollgestellt waren. Viele Bände sahen alt und wertvoll aus. Auf dem massiven Holzschreibtisch lag auch ein großer Laptop. Pater Cyprian hatte sich einen modernen verstellbaren Rollensessel gegönnt. Lene saß auf einem hart gepolsterten Armsessel.

„Lipsch hat also die fünfzehn Jahre voll absitzen müssen?“

„Ja. Er hat übrigens bis zum letzten Tag behauptet, Benthe nicht ein Härchen gekrümmt zu haben.“

„Sie haben ihn nach seiner Entlassung nicht gesprochen?“

„Doch, natürlich, Lipsch hatte nicht viele Menschen, die in Niederdaupen noch mit ihm geredet haben. Die meisten Menschen denken hier, man hätte ihm die Rübe abschlagen sollen und wenn schon das nicht, dann wenigstens wirklich lebenslang in den Knast. Und einige dachten, er sei zurückgekommen, um den wahren Täter zu finden und zu überführen.“

„Was ja wohl heißt, dass er nicht beliebt war.“

„Ganz und gar nicht.“

„War das schon immer so?“

Der Geistliche sinnierte eine ganze Weile vor sich hin, bis er seufzte: „Doch ja, das war schon immer so.“

„Aus einem bestimmten Grund?“

Pater Cyprian rieb sich das Kinn. „Nein, ich glaube, da kam wohl vieles zusammen. Er war intelligenter und klüger als die meisten Dörfler. Er hatte einen festen, abwechslungsreichen und vergleichsweise gut bezahlten Arbeitsplatz. Durch sein Hobby, die Amateur-Funkerei, kam er – bildlich gesprochen – weit herum und ließ das die Leute spüren. Man hielt ihn für hochmütig und zugleich neugierig, weil er oft mit seiner Kamera herumlief und alles Mögliche knipste ...“

„... was den Leuten nicht gefiel?“

„Nein!“ bekräftigte der Pfarrer entschieden. „Und als dann die Backfische, wie man sie damals noch nannte, sich vor seine Kamera drängten, gab es oft handfesten Ärger.“

Lene setzte sich gerade hin: „Würde es Ihnen was ausmachen, mir zu sagen, was Sie gedacht haben, als er hierhin zurückkam?“

Pater Cyprian lachte leise. „Gar nichts. Ich habe ihm nur geglaubt, dass er nicht mehr wusste, wohin er sollte. Bei seinen Radios und Fernsehern hatte sich in 15 Jahren soviel geändert, dass er den Anschluss verloren hatte.“

„Die Schenke gehört ihm?“

„Ja, das Haus, der Garten und ein großes Grundstück auf der Rückseite.“

„Aber die Gastwirtschaft gibt es nicht mehr?“

„Nein. Als Lipsch angeklagt wurde, sind die Dörfler nicht mehr in die Schenke gegangen, weil der Vater seinen Sohn verteidigte. Es gibt viele Formen von Sippenhaft und ich würde nie behaupten, dass die mit dem Dritten Reich verschwunden ist.“

Lene sah ihn von der Seite an, und Pater Cyprian schluckte: „Es kann auch noch einen anderen Grund gegeben haben. Lipsch Senior hat gegen Schuldschein Geld verliehen, zu mäßigen Zinsen zwar und das auch an Dörfler, denen die Sparkasse kein Darlehen mehr geben wollte. Aber wo diese Schuldscheine geblieben sind, weiß ich nicht. Aber so, wie die Leute allgemein klagen, glaube ich auch nicht, dass sie eingelöst worden sind.“

„Dann hat womöglich Hannes Lipsch sie geerbt.“

„Denkbar.“

„Dann vermute ich mal, viele Menschen waren gar nicht froh, dass Lipsch Junior wieder in der Schenke wohnte?“

„Nein, viele wollten ihn aus dem Dorf jagen und viele haben Mörder gesagt und Schulden gemeint.“

„Und diese Vertreibung hat man gestern gewaltsam versucht?“

„Ja. Sieben Männer und Frauen und unsere beiden Dorfpolizisten.“

„Die auch?“

„Ja. Elbern ist ein dummer Junge, der alles tut, was man ihm sagt, und welches Spielchen Stein treibt, weiß ich nicht.“

„Und was ist dann gestern passiert?“

„Ich habe durch das Fenster nur mitbekommen, dass die Neun zum Eingang der Schenke gegangen sind und dort geklingelt und geklopft und gerufen haben, bis Lipsch geöffnet hat. Zuerst scheint es eine heftige Auseinandersetzung gegeben zu haben, dann prügelten sich plötzlich alle, bis ein Schuss fiel und Heiner Fossack zusammenbrach.“

„Heiner Fossack? Hat der was ...?“

„Ja. Er ist der Vater von Benthe Fossack.“

„Ach nee ... Pater Cyprian, Sie sind nicht rausgelaufen, um die Raufbolde zu trennen?“

„Nein, Frau Schelm. Ich bin weder von Statur noch Temperament ein Don Camillo.“

„Und unsere beiden Polizisten haben eifrig mitgeprügelt?“

„Ja. Als Fossack zu Boden ging, gab es für ein paar Augenblicke Ruhe. Und die hat Lipsch genutzt, im Haus zu verschwinden und die Eingangstür zu verriegeln, sich dann über den Garten zu mir in die Kirche zu flüchten. Es gibt einen Verbindungsweg ins Pfarrhaus, den man von der Straße aus nicht einsehen kann.“

„Und Sie haben ihn dann verbunden und verpflastert.“

„So gut ich konnte, ja.“

„Und wie sollte es weitergehen?“

„Hannes Lipsch wollte auf keinen Fall, dass Stein oder Elbern erfuhren, wo er sich versteckte. Und nach dem, was ich selbst gesehen hatte, konnte ich ihn gut verstehen. Ich habe ihm mein Fahrrad geliehen und er wollte sich so schnell wie möglich der Polizei stellen.“

„Wusste er da schon, dass er Fossack verletzt, aber nicht getötet hatte?“

„Vermutlich. Ich hatte noch gesehen und gehört, dass eine Ambulanz gekommen war, eine Person eingeladen hatte, und dann mit Blaulicht und Martinshorn Richtung Guntersburg fortgefahren war.“

Lene schaute auf ihre Uhr und stand dann auf: „Vielen Dank, Pater Cyprian. Ich muss weiter – keine Sorge, Sie haben mein Wort, ich werde verschweigen, von wem ich alle meine Informationen habe.“

„Das wäre gut, Frau Schelm. Denn viele im Dorf glauben ohnehin von mir, dass ich es mit dem Beichtgeheimnis so streng nicht nehme“, sagte Pater Cyprian fast gelassen.

„Würden die sich denn auch an ihrem Pfarrer vergreifen?“

„Daran habe ich keinen Zweifel, ja.“ Was war das? Gelassenheit und Furchtlosigkeit oder Resignation.

Pater Cyprian brachte sie zur Hintertür und erklärt Lene, wie sie hinter den Häusern unbemerkt bis zu einem Weg außerhalb des Ortes laufen konnte, der auf die Dorfstraße mündete, auf der sie dann ein ganzes Stück bis zum Polizeirevier zurückgehen musste. Lene lobte sich, dass sie Jules Rat gefolgt war und ihre festen Schuhe angezogen hatte. Es schneite dicke, nasse Flocken, die nicht lange liegen bleiben würden. An die Dunkelheit musste sie sich erst noch gewöhnen.

Elbern und Stein sahen ihr missmutig und misstrauisch entgegen; sie konnten nicht wissen, dass Lene auf die Launen anderer Menschen ausgesprochen wenig Rücksicht nahm, aber darauf bestand, dass man ihre Stimmungen berücksichtigte.

„Hallo“, sagte sie deshalb unbefangen, „es hat was gedauert. Ich habe mir erst einmal ein Bild von der Schlägerei drüben vor der Schenke gestern verschafft. Sie müssten von hier aus doch auch gesehen haben, was da drüben vor der Schenke passierte.“

„Wieso Schlägerei?“ schnappte Stein. „Ein paar Leute aus dem Dorf wollten mit Lipsch etwas besprechen.“

„Wissen Sie zufällig, was?“

„Sie wollten ihm klar machen, dass ein Mörder in Niederdaupen nichts verloren hat.“

Das klang fast triumphierend, und Elbern grinste zustimmend. Lene verstand sehr gut, warum Lipsch den beiden Polizisten nicht in die Finger fallen wollte.

„Und was sollte das praktisch bedeuten?“

„Dass Lipsch aus Niederdaupen verschwinden sollte.“

Lene konnte es manchmal nicht lassen: „Ach, so eine Art gewaltsamer Residenzbestimmung?“ höhnte sie. „Der Mann hat seine Haftstrafe abgesessen, er hat das Recht, sich überall niederzulassen.“

„Ein Teil des Dorfes sieht das anders.“ Stein schluckte. Er begriff wohl, auf welch dünnes Eis er sich gerade vorwagte.

„Im Dorf hat man gesammelt und Lipsch das Geld angeboten, damit er wegziehen und anderswo was Neues versuchen konnte.“

Lene staunte. „Gesammelt? Wie viel ist denn zusammengekommen?“

„Fast zehntausend Euro“, sagte Stein mit albernem Stolz.

„Und? Wie hat Lipsch reagiert?“

„Ziemlich grob, wir sollten uns mit dem Geld den Arsch abwischen. Er dächte nicht daran wegzugehen. Und wer die Schenke und den Schenkengarten von ihm haben wolle, müsse ihm schon einen realistischen Preis bieten.“

„Hatten die Leute das gesammelte Geld dabei?“

Zum ersten Mal klappte die Kooperation nicht.

„Ja“, sagte Elbern, „nein“, antwortete Stein.

Lene horchte auf, Widersprüche liebte sie, bei denen konnte man so schön einhaken. „Prima. Und wo ist das Geld jetzt?“

Stein senkte den Kopf, nachdem er seinen Kollegen Elbern böse angefunkelt hatte: „Es ist verschwunden. Als Lipsch nach dem Durcheinander weg war, war auch das Geld verschwunden.“

„Prima“, wiederholte Lene fromm, „dann hab' ich jetzt noch eine Aufgabe für Sie. Sie schreiben mir auf, wer gestern Abend an der 'Petitionsübergabe' beteiligt war. Vollständiger Name, Anschrift, Telefon. Wenn Auto, bitte Kennzeichen, Arbeitgeber mit Adresse.“

Stein verzog das Gesicht, aber manchmal hatte die Rang- und Hackordnung bei der Polizei auch ihr Gutes. „Und was ist mit der Fahndung?“

Nun musste Lene lügen, aber die kluge Frau wusste aus einer Zwangslage was Nützliches zu machen. „Läuft schon, aber keine Öffentlichkeitsfahndung – Sie wissen doch, die geht erst, wenn alle andern Möglichkeiten ausgeschöpft sind -, sondern eine Zielfahndung. Wundern Sie sich also nicht, wenn hier in den nächsten Tagen fremde Männer und Frauen durch das Dorf ziehen und Fragen stellen. So, und nun machen wir Schluss für heute.“

Das Hotelrestaurant war besser als erwartet.

„Tut mir leid, Jule, aber du musst morgen noch mal in die Klinik. Ich muss unbedingt wissen, ob Lipsch das Geld genommen hat. Und er soll dir möglichst genau schildern, wie die Prügelei angefangen hat und wie sie verlaufen ist. Außerdem möchte ich gerne wissen, warum und woher Lipsch eine Pistole hatte. Gab es für ihn während der Schlägerei eine Möglichkeit, ins Haus zu laufen und die Waffe zu holen, oder hatte er sie schon zur Haustür mitgebracht. Warum?“

„Du traust ihm nicht?“

„Nicht unbesehen. Ich habe solche Fälle von dörflicher Vendetta schon gehabt, aber es hat meist einen bestimmten Grund gegeben, warum sie ausbrach, und den Grund möchte ich im Fall Lipsch gerne wissen. Ach so, von der Vorgeschichte weisst du ja noch nichts.“

Jule hörte aufmerksam zu und meinte zum Schluss versonnen: „Und wenn nun dieser Pater Cyprian das Geld für Lipsch aufbewahrt?“ Die Idee war nicht schlecht, darum würde sich Lene morgen kümmern. Nach der Messe. Ob sie mal zuhören sollte, wie Pater Cyprian zu den Ereignissen in seiner Predigt Stellung nahm?

Jule hatte mit ihrem Hasen, wie sie gestand, eine schöne, aber schlafarme Nacht vom Freitag auf Samstag erlebt und begann bald zu gähnen. Lene hatte noch Durst auf einen Roten und ging in die Hotelbar. Der Rote war nicht schlecht, aber nicht so gut, wie das Gespräch der beiden Männer, die rechts von ihr an einer Schmalseite saßen und sich so laut unterhielten, dass sie gar nicht lauschen musste und auch so jedes Wort verstand.

„Der Predel kommt nicht“, verkündete der eine lautstark. „Wie gut, dass du dieses Grundstück nicht gekauft hast.“

„Der Hannes wollte gar nicht verkaufen, denn zum Schluss hat er einen Preis vorgeschlagen, bei dem mir fast die Ohren abgefallen sind.“

„Und was jetzt?“

„Wie meinst du das?“

„Josef, wir brauchen unbedingt Arbeitsplätze, sonst stirbt das Dorf noch schneller. Bin mal gespannt, wie lange St. Ansgar noch einen eigenen Pfarrer behält.“

Josef brummte vor sich hin: „Ich kann keine Jobs herbeizaubern.“

„Kommt denn wenigstens die neue Zufahrtsstraße?“

„Glaube ich nicht. Predel hätte sie gebraucht, auch das schnelle Internet. Niederdaupen ist an die Schlaglochpiste gewöhnt.“

„Dann ist bald dieses dämliche Golfhotel der einzige Arbeitgeber?“ „Sieht ganz so aus, ja.“

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903416
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322805
Schlagworte
benthe kind

Autor

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Titel: Benthe war ein schönes Kind