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Texas Wolf #17: Der Schatz von Lamesa

2016 130 Seiten

Leseprobe

Texas Wolf

Band 17

Der Schatz von Lamesa

Glenn Stirling

––––––––

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2016

Der Roman erschien ursprünglich unter dem Titel „Der verlorene Schatz“.

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

In der Gegend von Lamesa soll ein Schatz vergraben sein. Derjenige, der ihn findet, wird ein reicher Mann sein. Deshalb sind schon viele Abenteurer aufgebrochen, um nach diesem Schatz zu suchen. Aber der Weg dorthin führt in die Wüste, und die hat schon so manchen Schatzsucher das Leben gekostet.

Als Texas-Ranger Tom Cadburn und der Schwarztimber Sam nach Lamesa kommen, sind bereits siebzehn Männer gestorben. Aber das schreckt diejenigen nicht ab, die immer noch darauf hoffen, Glück zu haben und den Schatz zu finden.

Tom findet schließlich heraus, dass Legende und Wirklichkeit manchmal völlig unterschiedlich sind – und wie schon so oft, geraten er und Sam auch diesmal wieder in jede Menge Schwierigkeiten...

Roman

Die flackernden Flammen des Campfeuers sorgten für eine wohlige Wärme. Während Old Joe aus der Kanne zwei Becher füllte und einen davon Tom Cadburn in die Hände drückte, bemerkte er dessen nachdenkliche Miene.

„Du grübelst schon seit fast einer Stunde vor dich hin“, meinte der Alte. „Ist irgendwas, was ich besser wissen sollte?“

„Eigentlich nicht“, erwiderte Tom achselzuckend. „Ab und zu denke ich einfach noch an die Zeit, als du noch nicht mit mir geritten bist.“

„Eigentlich unvorstellbar, wie du das überhaupt geschafft hast“, konnte sich Old Joe diese ironische Bemerkung nicht verkneifen. „Wenn ich nicht auf dich aufpasse, dann ziehst du das Unglück an wie das Licht die Motten. Selbst Sam kann nicht immer zur Stelle sein, wenn du in Gefahr bist. Aber darum geht es wohl nicht, wie?“

Er sah, wie Tom stumm den Kopf schüttelte.

„Ach so“, seufzte Old Joe. „Das ist es also – ich hätte diesen sehnsüchtigen Blick doch gleich richtig deuten können und...“

„Verdammt!“, schimpfte Tom und warf dem Alten einen giftigen Blick zu. „Ich denke immer noch an Jane – zumindest ab und zu.“

„Und was hilft dir das?“, lautete Old Joes Antwort. „Fühlst du dich irgendwann dadurch besser? Sie hätte doch ohnehin nicht geduldet, dass du weiterhin deinen Job als Texas-Ranger machst. Junge, du bist kein Mann für Heim und Herd und eine glückliche Familie. Deine Familie, das sind Thunder, Sam und ich.“

„Hast ja recht“, nickte dieser. „Vielleicht hätte ich mit deiner Hilfe die Geschichte mit dem verlorenen Schatz viel schneller beenden können.“ Er bemerkte den fragenden Blick des Alten und fuhr deshalb rasch fort. „Das hat sich damals so zugetragen...“

*

Tom Cadburn konnte die Spur deutlich mit dem Fernglas erkennen. Die Spur eines Pferdes und die eines Mannes, der dieses Pferd geführt zu haben schien. Wie eine Schlangenlinie zog sich diese Spur den Hügelkamm hinauf, vorbei an den Grasbüscheln, an den einzelnen Kakteen und dem Mesquitegesträuch, das braun und dürr im Winde raschelte. Dieser Wind trieb Schleier von Staub über den karstigen Boden der Llanos Estacados. Unbarmherzig brannte die Sonne vom Himmel, als wollte sie auch noch die letzten Reste von Vegetation, die hier noch vorhanden waren, vernichten.

Der Wind kam von Nordosten, genau aus der Richtung, wohin die Spur führte. Und er hatte auf dieser Seite des Hanges so viel Sand angeweht, dass eben diese Spuren darin zu erkennen waren. Auf der anderen Seite würde Tom sie vielleicht nicht mehr finden. Dort war alles kahl und freigeweht. Aber diese Spur sprach Bände. Dem erfahrenen Kenner der Wildnis sagte sie genug über den Mann aus, der sich da durch die Einöde geschleppt hatte. Er schien am Ende seiner Kraft zu sein, ebenso wie das Pferd. Immer wieder war es gestolpert, deutlich zu erkennen an der Spur, an den Hufeindrücken im weichen Sand. Und auch der Mann hatte sich dahingeschleppt, war mehr geschlurft als gegangen.

Tom blickte auf Sam, den Schwarztimber, der neben ihm lag. Er hechelte, wie er es immer tat, wenn er in der prallen Sonne liegen musste. Hier war kein Schatten, hier war kein Baum.

Links unten im Tal, in dieser Senke zwischen den Hügelkämmen, stand Thunder, der Hengst, an jenem winzigen Wasserloch, das jener, der diese Spur hinterlassen hatte, nicht gefunden zu haben schien. Keine zweihundert Schritt entfernt war er vorbeimarschiert. Und auch sein Pferd, das war das Verwunderliche, hatte die Quelle nicht wahrgenommen.

Tom Cadburn band seine Wasserflasche vom Gürtel ab, hielt sie Sam hin und sagte:

„Geh schon damit voraus, fang an zu suchen. Vielleicht finden wir ihn!“

Sam schnappte mit den Fängen den Lederriemen der Flasche, dann trabte er los.

Er wusste genau, wohin er sich zu wenden hatte, und sie waren dieser Spur, der des Mannes und der des Pferdes, schon seit langem gefolgt.

Während Tom hinab zu Thunder, seinem Hengst, ging, folgte Sam der Spur immer weiter. Im weichen Sand hatte er Mühe, den Hang hinaufzukommen, und er wurde vom Tragen der Wasserflasche daran gehindert, die Zunge herauszustrecken. Aber als er oben ankam, ließ er die Flasche fallen, blieb hechelnd stehen und sah nach Nordosten, suchte nach der Spur. Aber auf dieser Seite war sie nicht mehr zu erkennen. Doch er roch sie. Der Geruch war stark für ihn. So roch ein Mensch, der schwitzte und der zugleich am Ende seiner Kraft war. Das war der Schweiß der Erschöpfung. Diesen Geruch kannte Sam zu gut.

Er trabte bergab, durchquerte auch diese Senke und den nächsten Hügelkamm. Und dann plötzlich sah er in der Ferne die zwei dunklen Punkte. Im fahlgelben Einerlei der Llanos. Von hier an verlief das Gelände fast tischartig eben. Und da vorn diese beiden dunklen Punkte, das musste der Mensch, das musste das Pferd sein. Sam blickte sich kurz um, nachdem er sich abermals verschnauft hatte, aber er sah nichts von Tom, und er sah nichts von Thunder. Immerhin kannte er seine Aufgabe und wusste, dass er nicht auf Befehle zu warten brauchte.

Er trabte weiter, und was zum Greifen nahe schien, erwies sich als weit entfernt, und dazwischen lag eine lange Strecke von Staub und von Hitze. Als sich Sam nach einer Weile wieder einmal umsah, gewahrte er Tom, der auf Thunder saß, dem herrlichen Blauschimmelhengst, und sich nun mehr und mehr näherte. Aber Sams Vorsprung war groß genug, dass er noch vor seinem Freund bei jenen dunklen Punkten anlangte, die dann allmählich bei der Annäherung immer größer und deutlicher wurden, so dass Sam erkannte, um was es sich handelte.

Ein Mann, der am Boden lag, ein Stück entfernt sein Pferd, ebenfalls am Boden liegend, alle Viere von sich gestreckt, den Kopf auf der Erde. Es bewegte sich nicht, aber der Mann schien sich zu bewegen. Aber mehr, als er es erkennen konnte, roch Sam, dass dieser Mensch noch lebte. Der Wind, der genau aus dieser Richtung kam, trieb ihm den Geruch in die Nase. Der Angstschweiß, der die Todesnot jenes Menschen signalisierte, die Todesnot, die Sam antrieb, noch schneller zu laufen, was ihm in dieser Hitze auch nicht leichtfiel.

Aber es dauerte noch eine ganze Weile, bis Sam an dem toten Pferd vorbeigekommen war und nun den Mann vor sich sah, der da am Boden lag. Und Sam, der gelernt hatte, die Menschen einzuteilen, begriff, dass es sich um einen alten Mann handelte, der am Ende seiner Kraft war. Er röchelte wie ein Erstickender und hatte Sam noch gar nicht gesehen. Jetzt versuchte er mit schwerfälligen Bewegungen zu kriechen, sich einer Kaktee zu nähern, die ein paar Schritte entfernt stand und von der er womöglich hoffte, in ihr ein paar Tropfen Feuchtigkeit zu finden. Er hatte ein Messer neben sich liegen, das er mit seiner Rechten umkrallt hielt und womit er vermutlich die Kaktee aufschneiden wollte.

Sam kannte die Motive dieses Menschen nicht. Er sah nur das Messer. Und ein Messer war eine Waffe, vor der er sich in acht zu nehmen hatte. Deshalb wartete er.

Wartete, ohne dass der Mann ihn erkannte.

Dann brach der Mann zusammen, fiel auf das Gesicht. Das Messer entglitt seinen Fingern. Und Sam ließ die Wasserflasche zu Boden sinken, schlich sich völlig lautlos an den Mann heran, war jetzt dicht neben ihm, schnappte das Messer mit den Fängen und entfernte sich, um es dann ein paar Schritt weiter fallen zu lassen. Er lief zurück zu der Feldflasche, nahm sie auf und trottete jetzt um den Mann herum. Der lag immer noch mit dem Gesicht im Sand, röchelte, die Finger seiner linken Hand zuckten.

Endlich schien er wieder zu sich gekommen zu sein, als Sam leise knurrte. Überrascht schlug der Mann die Augen auf, starrte Sam an, wollte sich aufrichten, zunächst erschrocken, entsetzt über den vermeintlichen Wolf, der da vor ihm stand. Doch dann sah er die Wasserflasche. Sam kam einige Schritte näher, ließ sie vor ihm zu Boden sinken und trat dann wieder zurück.

Der Alte starrte nur noch auf die Flasche. Er richtete sich etwas auf und seine zitternde Linke streckte sich nach der Flasche aus, packte sie, riss sie zu sich heran, als fürchtete er, man könnte sie ihm wieder wegnehmen. Er legte sich auf die Seite, und mit der Rechten versuchte er den Verschluss aufzuschrauben, aber er war so aufgeregt, dass er eine ganze Weile dazu brauchte. Endlich hatte er sie offen, hielt sie an den Mund, dabei ergoss sich noch ein Schwall des Wassers über sein Kinn, doch dann schluckte er.

Unbemerkt von dem Alten, war Tom Cadburn auf Thunder herangeritten und blickte von oben herab auf die Szene. Sam warf ihm einen kurzen Blick zu, konzentrierte sich aber dann auf den Mann.

Der Alte setzte die Flasche ab, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, stieß ein befriedigtes Seufzen aus und gewahrte in diesem Augenblick den Reiter.

Erschrocken blickte er zu ihm auf, doch dann hatte er das silbern blinkende Abzeichen auf der linken Brustseite von Toms Hemd erkannt. Jenes Abzeichen mit der Nummer einundvierzig, Texas State Police.

„Geht es Ihnen besser?“, fragte Tom.

Der Alte wollte etwas antworten, aber es kam nur ein unverständliches Gekrächze aus seinem Hals. Er schüttelte unwirsch den Kopf, nahm noch mal einen tüchtigen Schluck, räusperte sich, sah Tom an, und sagte heiser:

„Verdammt noch mal, später durften Sie gar nicht kommen. Ich habe gedacht, das sei ein Wolf.“

„Er ist nur ein halber“, sagte Tom. „Wir sind schon seit einigen Stunden auf Ihrer Spur. Sie sind der siebzehnte, den wir finden. Der siebzehnte in nicht mal vier Tagen.“ Tom holte aus seiner Brusttasche ein kleines Notizbuch heraus und fragte: „Wie heißen Sie?“

„Warum müssen Sie das wissen?“, krächzte der Alte.

„Ich will es mir aufschreiben. Es ist gut, wenn man weiß, wer noch am Leben ist und wer tot ist. Von den siebzehn, die wir gefunden haben, waren gerade noch fünf am Leben. Bei den anderen sind wir zu spät gekommen.“

„Ich habe die Wasserstelle gesucht. Sie muss irgendwo da vorn sein!“

Tom schüttelte den Kopf. „Nein, Sie sind daran vorbei. Ungefähr zweihundert Schritt neben Ihrer Spur, da war sie. Sie haben sie verpasst. Ich wette, Sie sind auch hinter diesem Schatz her.“

„Was wissen Sie davon?“, krächzte der Alte und blickte Tom misstrauisch an.

„Ich weiß dasselbe davon, was Sie wissen, nichts Genaues. Aber eins weiß ich, es sind ein paar hundert Menschen auf der Suche nach diesem Schatz. Vor allen Dingen Leute, die noch nie in ihrem Leben in den Llanos Estacados waren. Der Gouverneur hat ein halbes Dutzend Texas Ranger damit beauftragt, all die Leute zu suchen, die sich verlaufen haben. Insgesamt sind schon neunzehn Menschen umgekommen. Aber das sind nur die, von denen wir wissen. Vielleicht sind es noch viel mehr; wir haben sie nur noch nicht gefunden.“

„Aber der Schatz soll eine halbe Million wert sein. Eine halbe Million in Dollar. Ich weiß es genau.“

„Was wissen Sie genau? Sie wissen gar nichts genau. Sie wissen noch nicht einmal den Weg. Sie haben noch nicht einmal die Wasserstelle gefunden. Sind Sie eigentlich jemals zuvor in den Llanos gewesen?“

„O ja! Das war ich schon. Aber ich war schon so schlapp, und mein Pferd war fix und fertig. Es konnte mich schon nicht mehr tragen, ich musste es führen. Es ist ständig gestolpert.“

„Das habe ich an der Spur gesehen“, sagte Tom.

„Es hat offensichtlich auch das Wasser nicht mehr gewittert. Ich hatte mich darauf verlassen. O nein, ich kenne schon die Llanos.“

„Ich weiß immer noch nicht Ihren Namen. Wie heißen Sie?“

„Londale. Toddy Londale.“

Tom hob überrascht die Brauen. „Londale? Haben Sie einen Sohn namens Ernest?“

Der Alte sah ihn verblüfft an. „Ernest? Woher kennen Sie Ernest?“

„Denken Sie mal nach“, meinte Tom. „Wenn Sie einen Sohn haben, der Ernest heißt, und wenn es der ist, den ich meine, dann liegt es doch auf der Hand, daaa ich ihn kenne.“

„Sie kennen ihn persönlich?“, fragte der Alte.

„Nein, nur den Steckbrief. Ernest Londale, ausgebrochen vor zwei Monaten aus dem Staatsgefängnis von Fort Worth.“

„Er ist ausgebrochen? Er hatte fünf Jahre!“

Tom nickte. „Ja, fünf Jahre. Aber zwei wollte er nur drin bleiben, dann ist er ausgebrochen. Ich kann’s ihm ja nachfühlen. Dabei hatte er Glück. Mancher Rancher, der einen Rinderdieb fängt, macht kurzen Prozess, hängt ihn an Ort und Stelle auf. Er aber wurde an ein Gericht ausgeliefert, und das hat ihm nur fünf Jahre aufgebrummt. Fünf Jahre! Wenn er die abgesessen hätte, wäre er hinterher wieder ein völlig freier Mensch gewesen. Jetzt ist er zwar auch frei, aber man wird ihn überall suchen."

Der Alte starrte vor sich in den Sand. „Ich habe nicht gewusst, daß er raus ist. Ich habe es wirklich nicht gewusst. Ich wollte den Schatz suchen. Vielleicht hätte ich Glück gehabt, hätte ihn gefunden. Und dann hätte ich einen Teil des Geldes dazu genommen, den besten Anwalt von ganz Amerika zu finden, und der hätte Ernest bestimmt herausgepaukt.“

„Ernest hat sich selbst geholfen. Aber ich wüsste natürlich gern, wo er ist. Nicht dass ich ihn gesucht habe. Aber es gibt immerhin einen Steckbrief, und den hat man uns auch gezeigt. Und da Sie nun Londale heißen, der Name ist ja gar nicht so häufig in Texas ... Stammen Sie von hier?“

„Ja, ich bin Texaner. Aber ich habe lange Jahre in New Mexico gelebt. Wir haben da einen kleinen Rancho. Er bringt nicht viel. Sonst wäre ich wohl nicht auf der Suche nach dem Schatz.“

„Den zu finden, haben Sie kaum noch Chancen. Es sind einfach zu viele Leute unterwegs. Und dann weiß niemand, ob es diesen Schatz überhaupt gibt.“

Der Alte schüttelte den Kopf. „Doch, ich glaube schon, dass es ihn gibt. Ich bin sogar sicher, dass es ihn gibt. Und ich hätte ihn womöglich auch gefunden. Aber das brauche ich Ihnen ja nicht auf die Nase zu binden, obgleich ich Ihnen dankbar bin. Sie haben mir geholfen. Ohne Sie wäre ich wahrscheinlich verdurstet. Aber das, was Sie mir von Ernest erzählt haben ..., es fällt mir nicht leicht, es geht nicht so einfach an mir runter wie Öl, verstehen Sie?“

„O ja, das verstehe ich schon. An den missratenen Söhnen hängen die Väter am meisten. Und die Mütter erst recht.“

*

Als Rosemary Batton den Hufschlag hörte, trat sie ans Fenster und erkannte in dem Reiter, der auf den Hof ritt, ihren Mann. Hastig faltete sie den Brief zusammen und steckte ihn sich in den Miederausschnitt. Dann warf sie einen flüchtigen Blick in den Spiegel, schüttelte das lange blonde Haar über die Schultern und prüfte ihr Aussehen. Oh, sie sah noch gut aus. Das Gesicht war noch faltenlos und kaum jemand hätte sie auf achtundzwanzig Jahre geschätzt. Sie sah weit jünger aus, und sie war schön. Hier in dieser Wildnis wirkte sie wie ein exotisches Geschöpf, und Batton hielt sie auch so. Im Gegensatz zu vielen Ranchersfrauen brauchte sie nicht zu arbeiten. Und Batton, der reicher war als irgendein anderer hier in der Gegend, konnte es sich leisten, sie wie ein Spielzeug zu halten, wie etwas, das den Luxus, den er sich leisten konnte, am deutlichsten verkörperte. Aber sie war eine Gefangene im goldenen Käfig. Ein schillernder, bunter Paradiesvogel, der mit sich machen lassen musste, was Batton einfiel.

Sie hörte seine Schritte im Haus, hörte, wie er die Tür zuschmetterte und daran erkannte sie, wie wütend er war. Aber er war oft wütend, und sie glaubte zu wissen, wie sie ihn da empfangen musste. Als er die Treppe hinaufstürmte, legte sie sich auf das Sofa, zog sich den Rock ein wenig hoch, dass ihre Beine bis zu den Knien zu sehen waren. Dann nahm sie eine Haltung ein, die herausfordernd und verführerisch zugleich war.

Da flog schon die Tür auf und herein trat ihr Mann. Groß, breitschultrig, ein Bär von einem Mann, zweiundfünfzig Jahre alt, stahlblaue Augen, graues Haar, kantiges Gesicht, ein Mann mit Fäusten wie Vorschlaghämmer und jener Kühnheit, die ihm dieses Imperium von Ranch erobern ließ.

Er hatte die buschigen Brauen zusammengezogen, starrte Rosemary an, ohne dass ihre verführerische Haltung irgendeine Wirkung auf ihn ausübte.

„Du hast einen Brief bekommen!“, bellte er sie an. Seine Stimme verriet, dass er das Befehlen gewohnt war und Widerspruch nicht erwartete.

„Einen Brief?“, fragte sie.

„Ich bin mit dem Postreiter zusammengetroffen. Also! Wer hat dir geschrieben?“, schnauzte er sie an.

„Es ist ein Brief an mich von einer Freundin“, erwiderte sie.

Er lachte wütend auf. „Einer Freundin! Eines von den Mädchen aus dem Saloon, aus dem ich dich geholt, habe?“ Er lachte wieder. Es klang böse. „Oder ist es nicht ein Brief von deinem Vater? Wo ist der Alte?“

„Ich weiß doch nicht, wo er ist! Wie sprichst du mit mir? Was habe ich dir getan?“

„Was du mir getan hast? Ich will es dir sagen! Dein schöner Bruder Ernest ist ausgebrochen. Überall hängen seine Steckbriefe! Fein, wie sich das anhört: mein Schwager! Ein Gefangener! Ein ausgebrochener Sträfling! Mein Schwager! Dein Bruder! Du verdammte Schlampe!“

Zum ersten Mal seit sie ihn kannte, fürchtete sie sich vor ihm. Bis jetzt hatte es immer funktioniert, ihn zu becircen, ihn zu umgarnen, ihn mit ihren Liebreizen an sich zu fesseln. Aber jetzt war irgend etwas anders. Sie begriff nicht, was es war.

Diese Wut! Ernest ausgebrochen, das allein konnte es nicht sein. Im Gegenteil, er hatte immer einen gewissen Respekt vor Ernest gehabt und nie geglaubt, dass es stimmte, was die Leute sagten und was jener Rancher, der ihn ertappt hatte, überall behauptete. Nein, dass Ernest ein Viehdieb war, glaubte George Batton nicht einmal, jedenfalls hatte er das immer erklärt. Es musste noch etwas anderes sein, aber was nur? Warum wollte er wissen, wo ihr Vater ist? Ha, der alte Toddy! Sie hatte lange nichts mehr von ihm gehört.

„Willst du nicht antworten?“, schnauzte er sie an. „Du weißt ganz genau, wo der Alte ist. Er trifft sich mit Ernest, nicht wahr? Und die beiden, die kochen wieder was aus. Weißt du noch was? Ich habe den anderen gesehen.“

„Welchen anderen?“, wollte sie wissen. Sie fragte, um ihn abzulenken, um ihn zu beschäftigen. Sie hoffte, dass er dann wieder erzählen würde.

„Du weißt genau, welchen anderen ich meine“, knurrte er. „Diesen Chris. Du weißt doch, Chris Morgan! Der Kerl, der immer hinter dir her war!“

Rosemary lehnte sich zurück und sah im Geist Chris Morgan vor sich, schlank, jung, schwarzes Haar hatte er, sah gut aus, er hatte ihr immer gefallen. Eigentlich war er der Mann, den sie sich als Ehepartner vorgestellt hatte, aber George Batton hatte Geld, er war reich, er war mächtig und das hatte sie damals fasziniert. Damals vor drei Jahren, weit weg von hier, in El Paso. Ihr kam es vor, als wäre das gestern gewesen. Der Saloon, die Animiermädchen, von denen sie eines war. Auch Jane hatte dazugehört, Jane Harris. Aber Jane war dann mit einem gewissen McGowan nach Ardeen, einem winzigen Nest irgendwo in der Wildnis, gezogen. Dort hatte dieser McGowan einen Saloon oder so etwas Ähnliches.

Und sie, Rosemary Londale, hatte George Batton getroffen, den großen, mächtigen George Batton, der mit dem Geld um sich warf, der seinen Reichtum und seine Macht unentwegt sich und anderen beweisen musste. Und er hatte es ihr auch bewiesen. Er hatte sie gekauft, wie man ein wertvolles und schönes Porzellan kauft. Er hatte sie regelrecht erworben und mitgenommen. Irgendwo unterwegs waren sie Mann und Frau geworden. Und am Anfang hatte er ihr wirklich gefallen. Er war sehr männlich, er war so stark, aber mit der Zeit war sie dahintergekommen, dass er auch sehr eitel und sehr von sich selbst überzeugt war. Und im Grunde, wie sie meinte, nur einen Menschen wirklich liebte, nämlich sich selbst.

„Was steht in dem Brief?“, wollte er wieder wissen.

Rosemary sah ihn an. „Sie schreibt, dass sie mich besuchen will, aber ich werde ihr abschreiben müssen. Wie soll ich hier jemand empfangen? Du wirst den Gast nicht wollen, schon deswegen, weil sie meine Freundin ist.“

Er lächelte. „Glaubst du wirklich? Und was will sie hier?“

„Sie hat einen Freund, der ist hier in der Nähe.“

„Einen Freund? Wie heißt er?“

„Ich glaube Cadburn oder so ähnlich.“

„Cadburn? Kenne ich nicht! Und der soll hier in der Nähe wohnen?“

„Nein, er ist ein Texas-Ranger. Er ist hier eingesetzt. Jetzt, wo alle nach dem Schatz suchen.“

Batton machte eine wilde Gebärde. Er verzog das Gesicht, als hätte er Essig geschluckt und knurrte böse: „Dieser Schatz! Alle sind verrückt nach diesem Schatz! Ich möchte nur wissen, was es damit auf sich hat. Nur weil irgend so ein Landstreicher von diesem Schatz gefaselt hat. Und womöglich haben ihn die, vor denen er zusammengebrochen ist, auch noch falsch verstanden. Es hat hier nie einen Schatz gegeben und wird auch nie einen geben. Das ist totaler Unsinn!“

Sie schwieg. Er ging an ihr vorbei, trat ans Fenster und blickte hinaus in den Hof. Dann drehte er sich brüsk um, sah sie scharf an und knurrte:

„Du weißt auch mehr, als du sagst. Ein Texas-Ranger also. Offensichtlich hat sie begriffen, an wen sie sich zu wenden hat. Diese ... na, ich will nicht sagen, was sie ist. Du weißt es ja selbst, du warst ja mit ihr zusammen.“

„Ja, ich war mit ihr zusammen. Und sie ist eine anständige Frau!“

„Genau wie du, was?“ Er lachte wild. „Genau wie du! Wenn du könntest, wie du wolltest! Meinst du, ich sehe nicht, wie du meinen Männern schöne Augen machst? Meinst du, ich wäre blind? Den Vormann, den starrst du ja auch so an. Jedem Mann siehst du nach!“

„Du bist eifersüchtig, das ist alles!“

„Eifersüchtig? O ja, vielleicht bin ich das. Aber mehr noch, du gehörst mir! Und wenn dich ein anderer nur ansieht, dann beleidigt er mich, verstehst du? Du gehörst mir!“

„Ich bin nicht dein Eigentum!“

„Nicht mein Eigentum? Natürlich bist du mein Eigentum!“

„Willst du mir vielleicht noch ein Brandzeichen auf den Hintern drücken wie deinen Kühen und Stieren, die für dich laufen?“

„Keine schlechte Idee. Aber das habe ich gar nicht nötig. Du trägst bereits mein Brandzeichen, auch wenn es nicht zu sehen ist. Jeder hier in diesem Gebiet, jeder Mann, jede Frau weiß, dass du für sie unantastbar bist, und wer das Gebot bricht, der wird sterben, verstanden? Und wenn du einen mal so verrückt gemacht hast, dass er das vergisst, dann solltest du fair genug sein, ihm das auch zu sagen, was ihn erwartet. Da kenne ich keine Gnade!“

Sie schwieg, weil sie wusste, dass er auch sehr gewalttätig werden konnte. Einmal hatte er sie schon geschlagen. Ziemlich am Anfang war das gewesen. Und sie meinte jetzt noch das Brennen nach den Schlägen spüren zu können.

Ich hätte damals weglaufen sollen, dachte sie, weit weg. Ich hätte fliehen müssen, zusammen mit Chris Morgan. Aber meine Angst war damals zu groß gewesen, viel zu groß. Ich hatte nicht geglaubt, dass ich es schaffen würde. Und heute, heute ist Chris nicht mehr da. Vielleicht kommt Ernest her, vielleicht sehe ich ihn. Aber George wird das zu verhindern wissen.

Er hatte sie die ganze Zeit angesehen, lächelte jetzt und meinte: „An wen hast du jetzt gedacht? Hoffst du, dass er käme, um mit mir abzurechnen?“

„Ich habe leider niemand, der mit dir abrechnen könnte. Und wenn schon, dann ist es meine Sache, mit dir abzurechnen. Was zwischen uns ist, geht nur uns beide an.“

Er nickte. „Aber du hast mich auf eine Idee gebracht. Ein Texas-Ranger also, sagtest du. Hm, hm! Nun gut, du wirst überrascht sein, aber ich freue mich, dass deine Freundin zu uns kommen will. Schreib ihr, dass sie hier herzlich willkommen ist. Und selbstverständlich auch ihr Freund, der Texas-Ranger.“

Sie musterte ihn argwöhnisch. „Du hast etwas vor. Ich sehe es dir an!“

Er hob die Brauen, wurde ernst und fuhr fort: „Dieser Mann kann für mich nützlich sein, nützlich, um den Burschen auf die Spur zu kommen, die hier im Trüben fischen wollen. Ich kann nur hoffen, für dich hoffen und deine Brut, dass dein schöner Bruder und dein Vater nicht auch unter denen sind, die diesem Texas-Ranger womöglich in die Fänge gehen. Denn eins ist sicher, ich werde ihn natürlich aufklären müssen. Aufklären darüber, dass ich zwar eine sehr schöne Frau habe, was ja unbestritten ist, aber dass sie doch ein ziemlich berechnendes Stück ist und zudem aus einer Familie stammt, die aus Herumtreibern und Banditen besteht.“

„Du bist gemein!“, schrie sie. „Du bist so gemein!“

Er nickte, als stimme er ihr darin zu, drehte sich um und ging hinaus. Dann schlug er die Tür hinter sich zu, daß es wie ein Schuss durch das ganze Haus knallte.

*

Wie ein Haufen weggeworfener Lumpen, so bunt und so trostlos zugleich lag der Ort Lamesa am Rande der Llanos Estacados. Der stete Wind pfiff an den Bretterbuden und Adobehäusern vorbei, trieb Buschwerk wie riesengroße Bälle vor sich her, und er heulte und sang in den Spitzen der Dächer, fing sich in den Ecken und Nischen der winkligen Adobegebäude, spie den Sand in jeden Winkel, der sich dafür anbot. Ein paar Sträucher, welk, mit raschelnden dürren Blättern, das war die ganze Vegetation. Trostlos, trist, armselig.

Als Tom Cadburn mit dem alten Toddy Londale in die Stadt einritt, glich die alte mexikanische Plaza vor der zerfallenen Missionskirche einem Heerlager. Hunderte von Menschen waren gekommen, hatten in der Stadt, als der letzten Bastion vor den Llanos, noch einmal rasten wollen, aber die Stadt war auf Gäste nicht eingestellt. Das einzige Hotel, was diesen Namen nicht im entferntesten verdiente, war bis zum Bersten überbelegt. Wer jetzt noch kam, musste im Freien kampieren. Das taten die Menschen rund um den alten Ziehbrunnen, den es hier noch gab und der schon mindestens seit zweihundert Jahren, seit der spanischen Kolonialzeit, auf diesem Fleck stand.

Es war Abend. Eine Vielzahl von Lichtern blinkte und flackerte auf dem Marktplatz. Kaum jemand beobachtete die ankommenden Reiter.

Tom Cadburn hatte unterwegs auf einem Rancho für den alten Londale ein Maultier besorgen können, auf dem der Alte jetzt zusammengesunken hockte. Das Maultier witterte Wasser, im Stall, erwartete Futter und benahm sich längst nicht mehr so störrisch wie noch vor einer Stunde. Auch Thunder, der Hengst, lief schneller als zuvor, und Sam verschwand jetzt irgendwo im Trubel der Menge, wie er es meist tat, wenn sie eine Stadt erreichten. Er streifte durch die Seitengassen, erwischte hier ein Stück Fleisch und raufte sich dort mit einem Hund. Es war immer dasselbe.

Tom ritt auf das Sheriff-Office zu, das auch nicht mehr war als eine Bretterbude mit verwaschener, einst grellbunter Fassade. Selbst die Aufschrift „Sheriff-Office“ war nur noch in Fragmenten zu erkennen.

„Bringen Sie Ihr Maultier und meinen Hengst in den zweiten Korral. Der erste ist bestimmt noch knallvoll und im Stall ist sowieso kein Platz. Ich werde inzwischen mit dem Sheriff reden.“

Der alte Londale warf einen Blick über die Menschen auf der Plaza und nickte. „Es werden immer mehr, die kommen“, meinte er, „und ich bin auch losgezogen. Aber die Wüste will niemand. Die Wüste tötet sie alle. Sehen Sie sich an, was da für welche kommen, die sind in ihrem Leben noch nie in der Wüste gewesen. Und die bringt sie um. Die Llanos bringen jeden um, der nicht hineingehört. Und fast hätten sie mich sogar umgebracht, der ich hier wirklich kein Fremder bin.“

„Kümmern Sie sich jetzt um die Reittiere. Versorgen Sie sie gut!“, sagte Cadburn, saß ab, warf dem Alten die Zügel zu, schlug Thunder freundschaftlich mit der flachen Hand auf den Hals und sagte: „Nun, Alter, geh schon! Er wird sich um dich kümmern!“

Dann wandte er sich um, war schon halbwegs an der Tür, als er noch einmal nach Londale blickte und ihm zurief: „Und vor allen Dingen binden Sie ihn nicht an! Nie anbinden, niemals!“

Der Alte nickte. „Ja, ja, ich weiß schon. Wir waren ja schließlich drei Tage zusammen, da lernt man auch das Pferd des anderen kennen.“ Dann ritt er davon.

Thunder tänzelte nervös neben dem Maultier her.

Tom Cadburn stieß die Tür auf und war sofort im Office-Raum.

Der Sheriff hockte hinter einem schmalen Tisch, der aus Kistenbrettern gefertigt war, hinter ihm die beiden Zellen, die an Primitivität kaum noch überboten werden konnten. In beiden hockten je drei Gefangene auf Kisten. Eine Pritsche gab es nicht. In der Ecke lag Stroh, wie in einem Stall.

Der Sheriff war ein alter Mann mit weißem Haar, hagerem, faltigem Gesicht und trübem Blick. Man sah ihm an, dass er trank.

„Warum schicken Sie diese Leute nicht zurück?“, fragte Tom. „Es werden immer mehr, die kommen. Sie jagen einem Phantom nach, das es nicht gibt.“

„Sie sagen immer wieder dasselbe, Ranger“, maulte der Sheriff, „das haben Sie mir schon vor einer Woche gesagt. Sie wiederholen sich! Ich kann sie nicht zurückschicken. Es sind freie Bürger dieses Landes. Sie haben ein Recht darauf, dahin zu gehen, wohin sie wollen. Und wenn es ihnen Spaß macht, in der Wüste zu krepieren - Teufel noch eins, sollen sie doch! Sie sind ja alle erwachsen!“

Er zauberte eine Flasche unter dem Tisch hervor, schnippte den Korken auf die Tischplatte und nahm einen tiefen Schluck. Dann korkte er sie wieder zu, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, lehnte sich wieder zurück, streckte die Beine unter den Tisch und sah Tom herausfordernd an.

„Sie wissen, dass Ernest Londale entsprungen ist?“, fragte Tom.

„Ich habe den Steckbrief bekommen“, sagte der Sheriff, und er nahm wieder einen Schluck aus der Flasche.

„Ich habe seinen Vater in der Wüste gefunden. Vollkommen am Ende. Fix und fertig. Er hatte die Wasserstelle verfehlt.“

„Ja, wenn man alt wird, lässt man nach. Ich wundere mich nicht, dass er sucht, er hat schon vor den anderen gesucht. Der weiß schon lange, dass es diesen Schatz gibt. Ich bin nur noch nicht dahintergekommen“, der Sheriff kratzte sich am Kopf, „wer eigentlich hinter diesem Schatz steckt. Ich vermute, dass es ein Raub ist, ein Raub, den Banditen hier versteckt haben und - das ist auch so eine Vermutung von mir - man muss sich ja vorsehen, dass man nicht zuviel sagt, vielleicht ist dieser schöne Sohn Ernest mehr in der Geschichte drin, als wir ahnen. Und vielleicht ist er auch deswegen ausgebrochen. Wissen Sie, Ranger, als dieser Kerl hier ankam, der das Geld gefunden hatte, halb verdurstet, und als er mit diesem Beutel Geld in die Stadt kam und herumschrie, er hätte einen Schatz gefunden, es so laut brüllte, dass es dieser Kerl von Händler hören musste, da war mir klar, dass es ein Raub ist. Diese Clark & Gruber-Dollars sind ja nicht mehr so häufig. Es waren welche. Aber Washington ist weit, und die Gerichte lassen sich Zeit.

Ich weiß nicht, aus welchem Raub das Geld stammen könnte. Auf alle Fälle war es nur ein geringer Teil, den er bei sich hatte, als er zusammenbrach und nie mehr aufgestanden ist. Und es hätte auch kein Mensch was erfahren, nicht von unseren Leuten hier. Aber der Händler! Dieser verdammte Hundesohn hat es in die ganze Welt hinausposaunt. Von ihm wissen es die Leute. So was spricht sich schnell herum. Es geht wie ein Lauffeuer durch die Gegend. Und jetzt sind sie gekommen. Es kommen immer mehr. Es werden noch viel mehr kommen. In Ordnung! Jeden Morgen steht ein Idiot auf und manchmal sind es sogar viele. Lassen wir doch die Idioten kommen! Ich verstehe nicht, dass Sie in der Gegend rumkriechen, um die aufzulesen, die da halbverdurstet sind.“

„Sie verstehen es nicht? Das ist Menschenpflicht. Außerdem habe ich einen Befehl dazu.“

Der Sheriff schüttelte den Kopf, als wollte er das nicht glauben. „Nein, ich glaube nicht, dass Sie diesen Befehl haben. Ich meine, Sie suchen selbst nach dem Schatz. Nicht für sich, natürlich nicht! Das tut kein Ranger! Aber vielleicht für den Staat. Ich wette, Sie wissen genau, aus welchem Raub das Geld gestammt hat. Jetzt suchen Sie den großen Rest. Wissen Sie was? Sie werden ihn nicht finden. Ich habe einen Verdacht. Ich sagte schon, es ist nur ein Verdacht.“

„Erzählen Sie mir was über die Londales.“

„Was soll ich Ihnen viel erzählen?“, sagte der Sheriff. Er holte wieder die Flasche unter dem Tisch hervor und reichte sie Tom entgegen.

Tom schüttelte abwehrend den Kopf.

„Na, dann nicht“, meinte der Sheriff. „Der Alte hat viel Pech gehabt im Leben. Er ist früher mit Packtieren durch die Llanos gezogen. Dass ihm das mit dem Wasserloch passiert ist, kann ich nicht verstehen. Das kann ich wirklich nicht verstehen. Aber er wird eben alt. Er hat auch ’n bisschen geschmuggelt, mit mit den Indianern gehandelt, als hier noch viele waren, er hat überhaupt eine Menge Geschäfte gemacht, die so ein bisschen anrüchig sind. Mit den Mexikanern verstand er sich auch gut. Und er hat zwei Frauen gehabt. Die eine, von der hat er Ernest. Ernest, der genauso ist wie er. So hart wie seine Mutter. Und die war auch hart. Sie ist bei einem Unfall umgekommen. Ein Pferd hatte sie geschlagen. Ernest war immer mit dem Vater zusammen. Er übertraf ihn noch. Er übernahm das Geschäft, ging mit Pferden und Maultieren durch die Llanos, machte jeden Handel, der sich anbot, führte jeden Auftrag aus und war schnell mit dem Revolver. Ein harter Bursche!

Dann kam die Geschichte mit dem Rinderdiebstahl. Es gibt eine Menge Leute hier, die das nicht glauben. Die etwas ganz anderes denken. Ich zum Beispiel denke, dass eine ganze Reihe von Überfällen, ein gutes Stück weg von hier, passiert sind. Und immer dann, wenn Ernest Londale gerade auf dem Weg durch die Llanos war, jedenfalls glaubten wir das, dass er durch die Llanos ritt. Da ist noch so ein Kerl, Chris Morgan heißt er, ein Freund von ihm. Dann ist da noch Rosemary. Rosemary Batton. Auch sie ist eine Londale. Jetzt gehört sie dem reichsten und größten Rancher hier weit und breit. Er ist viel älter als sie, viel zu alt für ein Mädchen wie Rosemary. Aber was wollten sie machen, die Londales. Sie mussten ja froh sein, dass sie Rosemary so gut verheiraten konnten.

Verrückt war sie auf Chris. Aber Chris hatte nichts. Der hatte nur seine Freundschaft zu Ernest. Mit dem ritt er immer zusammen. Und sie, sie war George Battons Frau geworden. Er hatte sie gekauft, wie man ein Pferd kauft oder einen guten Stier. Danach ging es dem alten Londale etwas besser. So lange, bis er wieder mal am Pokertisch gesessen und alles verspielt hatte.“

„Und welche Beziehung besteht zwischen dem Rancher George Batton und Ernest, Rosemarys Bruder?“, fragte Tom Cadburn.

Der alte Sheriff verzog das Gesicht und fragte argwöhnisch zurück: „Glauben Sie da an eine Verbindung?“

„Ich habe Sie etwas gefragt“, sagte Tom Cadburn.

„Na ja“, meinte der Alte listig, „ich glaube schon, dass es da eine Verbindung gibt. Wenn sie auch alle so tun, als wollten sie sich am liebsten umbringen. Auf der anderen Seite hat George Batton den Anwalt in Ernest Londales Prozess bezahlt. Es war ein guter und teurer Anwalt, er hat ihn von weit her kommen lassen. Und gelohnt hat sich’s auch. Hören Sie mal, fünf Jahre waren nicht viel. Er hätte sie ruhig absitzen können, dieser Dummkopf. Jetzt ist er geflohen, und wenn sie ihn wieder einfangen, dann geht er mindestens für zehn hinter Gitter.“

„Und von dem Schatz wissen Sie gar nichts?“, fragte Tom Cadburn.

Der Sheriff lehnte sich zurück, schaukelte auf dem Stuhl und schüttelte den Kopf. Er lachte. „Was glauben Sie denn, Ranger, wie oft man mir diese Frage schon gestellt hat. Alle möglichen Leute haben sie mir gestellt, Sie sind einer davon. Nein, ich weiß nichts! Alles was ich weiß, ist das, was dieser Bursche rausgeschrien hat, bevor er aus den Stiefeln kippte. Der mit dem Säckchen Clark & Gruber-Dollars angekommen ist und die Geschichte von dem Schatz unters Volk gestreut hat, leider laut genug, dass es jener Händler hörte. Nun, für Lamesa ist die Sache nicht schlecht. Ich glaube, die Jungs hier haben lange nicht soviel Geld verdient wie jetzt. Ich gönne es ihnen. Wenn ich auch mehr Arbeit habe, aber am Ende ist das auch für mich gut.“

Natürlich, dachte Tom Cadburn, der denkt jetzt an seinen Vorteil, an den Vorteil seiner Stadt. Den interessieren am Ende die Clark & Gruber-Dollars nicht. Denn jetzt rollt ja der Dollar hier. Echte Dollars, keine von einem Schatz. Normale Dollars. Die Leute kaufen, sie müssen ja leben. Und die Stadt hat etwas davon. Und was interessieren den Sheriff die Leute. Sie sind ihm egal. Er hat es ja auch gesagt. Er ist ja sogar ehrlich, dieser Kerl, dachte Tom. Er wandte sich ab, blickte zur Tür und murmelte:

„Nun gut, wenn ich was wissen will, komme ich noch mal wieder. Ich glaube, hier muss jeder seine Stiefel selbst anziehen.“

„Ja, das muss er hier! Hier schon in Lamesa“, sagte der Sheriff. „Und vor allen Dingen müssen Sie aufpassen, dass Sie nicht mal in den Stiefeln sterben. Ich könnte mir denken, dass es eine Menge Leute gibt, die zwar den Schatz wollen, dass aber ein paar Leute clever genug sind, die anderen daran zu hindern. Denken Sie daran, das war ein guter Rat. Ich glaube, das war der beste Rat, den ich im letzten Jahr jemand gegeben habe. Machen Sie’s gut, Ranger!“

Tom sah über die Schulter zurück. „Sie wissen auch mehr, als Sie sagen.“

Der Sheriff zuckte nur die Schultern und blieb die Antwort schuldig.

*

Weiter im Osten von Lamesa gab es eine Gruppe von Joshuabäumen, und auf sie ritt Tom Cadburn zu. Vor ihm lief Sam und folgte der Spur des Alten. Irgendwann in der Nacht hatte sich der Alte davongestohlen. Aber Tom wollte ihn nicht aus den Augen lassen. Er hatte die Stadt umrundet, bis Sam auf die Spur gestoßen war und nun folgte er ihr. Der Alte war mit dem Maultier unterwegs, das sich Tom für ihn ausgeliehen hatte. Eigentlich musste das Tier wieder zurückgebracht werden.

Als Tom die Bäume sehen konnte, zog er sein Fernglas aus der Satteltasche und beobachtete das Gelände. Er sah die Bäume, sah Buschwerk, nur von dem Alten sah er nichts. Aber die Spur war gut und Sam ging nicht mehr weg davon. Ab und zu blieb er stehen und sah sich zu Tom um, ob er auch folgte, dann lief er weiter, den Kopf gesenkt, die Nase an der Fährte.

Es war noch früher Vormittag, die Sonne stand tief und blendete Tom. Aber er hatte keine Wahl, er wollte auch keine Zeit vertrödeln, also ritt er weiter. Er glaubte nicht, dass der Alte auf ihn schießen würde, bloß weil er ihm folgte. Eher war schon möglich, dass ein anderer schoss, mit dem sich, wie Tom glaubte, der alte Toddy Londale treffen wollte. Vielleicht war der andere Ernest Londale. Und in diese Richtung zielte der Verdacht von Tom Cadburn. Der Verdacht nämlich, dass der alte Toddy Londale ganz genau gewusst hatte, dass sein Sohn ausgebrochen war. Überhaupt schien hier eine Menge Leute mehr von den Hintergründen des Schatzes zu kennen, als sie zeigten. Tom kam sich mitunter wie vernarrt vor, fühlte sich verspottet, weil alle, mit denen er sprach, etwas zu wissen schienen, aber er hatte sich vorgenommen, den Hebel bei dem alten Toddy Londale anzusetzen. Der, sagte er sich, ist der Schlüssel, mit ihm finde ich die Erklärung für all diese geheimnisvollen Dinge, die hier vorgehen.

Eine halbe Stunde später war er bei den Joshuabäumen. Und da sah er auch das angebundene Maultier, das seine Wiedersehensfreude Sam entgegen trompetete. Sam warf dem Maultier nur einen kurzen Blick zu, lief dann weiter, bis er dann hinter einem Busch stehenblieb und diesen kurzen Heulton ausstieß, der Tom darauf hinwies, dass Sam sein Ziel erreicht hatte, den Mann zu finden, den sie suchten. Und dann hörte er ihn fiepen. Dieses Fiepen verriet Tom, dass Toddy Londale lebte. Hätte Sam einen Toten gefunden, käme ein anderer Laut aus seinem Hals. Und all das waren Signale, die Tom genau zu deuten wusste.

Als Tom um den Busch herumritt und Sam dann sah, fand er auch den Alten. Der saß da, grinste Tom an und blickte wieder auf das Wolfsblut und sagte: „Er war aber gar nicht so freundlich, Ihr Wolf. Er sah aus, als wollte er mich fressen.“

„Warum sind Sie weggegangen? Was wollen Sie hier?“

Der Alte sah Tom schräg von unten an. „Ich habe bemerkt, dass Sie mich beobachten, und Sie haben bemerkt, dass ich kein Geld habe. Ich kann in der Stadt doch nicht leben ohne Geld. Hier draußen kann ich ein paar Fallen aufstellen, könnte ich ein paar Schlingen legen und mir etwas fangen, vielleicht auch etwas schießen, obgleich ich nicht mehr viel Munition habe. Dann hätte ich etwas zu essen, was mich nichts kostet, während dieser Verbrecher von Wirt in der Stadt ein Geld verlangt für diesen Saufraß, dass es zum Himmel stinkt.“

„Ich glaube nicht, dass das der wahre Grund ist. Sie erzählen mir Märchen, Londale. Sie sind nicht deswegen weggegangen. Und Sie haben doch Geld! Sie hatten doch gestern Abend Geld.“

„Ja, ein Freund hat mir fünf Dollar gegeben. Er hat sie mir gegeben, damit ich mit ihm spiele. Und ich habe mit ihm gespielt und habe verloren. Im Gegenteil, er hat noch einen Schuldschein von mir. Sicher, er weiß, dass er das Geld nie kriegen wird, aber ich hoffe immer noch, dass ich vielleicht mal den Schatz finde. Dann bekommt er sein Geld.“

„Hören Sie auf, mir Märchen zu erzählen! Pausenlos Märchen! Das ist doch alles ganz anders. Sie warten hier auf Ernest! Stimmt das?“

Der Alte sah ihn unsicher an. „Wenn Sie alles wissen, warum fragen Sie da noch?“

Tom nickte. „Ja, warum frage ich da noch? Vielleicht will ich Ihnen eine Chance geben.“

Der Alte wurde misstrauisch.

„Vielleicht wissen Sie auch gar nichts. Vielleicht haben Sie mich jetzt bloß reingelegt.“

„Reingelegt oder nicht! Ernest wird gesucht. Es wäre schlauer von ihm, sich zu stellen. Da kommt er mit den restlichen drei Jahren davon.“

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903409
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Mai)
Schlagworte
texas wolf schatz lamesa

Autor

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Titel: Texas Wolf #17: Der Schatz von Lamesa