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Apachenweide

2016 170 Seiten

Leseprobe

LARRY LASH

Apachenweide

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/Schottland, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Rustlerbanden machen die Apachenweide unsicher. Immer wieder werden die Rinder der Ranches abgetrieben, und der Terror steigt ins Unerträgliche. Es gibt nur eines, um gegen die rauen Methoden der Viehdiebe anzugehen: gute Nachbarn müssen zusammenhalten!

Keiner ist besser dazu geeignet, die Smallrancher gegen die rauen Horden zu führen, als Dean Dudley. Vier Männer erneuern einen alten Freundschaftsbund und versuchen, das Spiel der Rinderdiebe zu zerschlagen. Doch ein Verräter ist unter ihnen, und sie kennen ihn bald alle. Es ist Clark Newton, dessen leichtsinnige Lebensweise ihn immer tiefer sinken lässt.

Eine Freundschaft geht in die Brüche, und doch zeigt sich Clark Newton am Schluss als ganzer Mann. Zwei Frauen spielen eine nicht unwichtige Rolle, und obwohl Dean Dudley, von der Last der Verantwortung niedergedrückt wird und nicht sehen will, dass sich eine Frau in ihn verliebt hat, zeigt sich auch ihm das Schicksal zum Schluss von der guten Seite.

Apachenweide — ein Roman, wie ihn der Leser sich wünscht, ein echter Larry Lash!

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Roman

1.

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Auf der Anhöhe hielt Dean Dudley seinen Falben an und richtete sich im Sattel hoch auf. Alle Schläfrigkeit schien mit einem Schlag von ihm abzufallen. Vergessen schienen die vielen Meilen zu sein, die er hinter sich gebracht hatte, vergessen die Strapazen des Rittes, denn vor ihm lag die Ebene. In den grauen Morgendunst eingelullt lag schläfrig das Land, das ihm seit vielen Jahren Heimat geworden war.

Es war ein wildes Land, voll Härte und Schönheit, ein Land, das harte Männer hervorbrachte. Hart mussten die Männer auch sein. Noch vor einigen Jahren durchstreiften die Horden der Apachen das Gebiet. Jetzt noch waren manche Spuren ungelöscht, die sie hinterlassen hatten. Genau zehn Schritte vor ihm erhoben sich die Trümmer der einstigen Wheel-Ranch. Man hatte sie nicht wieder aufgebaut, da es keinen Erben gab. Die Bewohner der einstigen Ranch waren gleich hinter den Trümmern bestattet worden. Dort schliefen sie dem Jüngsten Tag entgegen.

Er, Dean, hatte sie noch alle gekannt. Er kam in dieses Land, als er fast noch ein Knabe war. Er hatte nichts von dem vergessen, was damals geschehen war. In seiner Erinnerung wurden die Kellys lebendig: das Elternpaar, die beiden Kinder und der alte Mann, der oft vor der Tür geruht hatte, gebeugt vom Alter und von schwerer Arbeit, vom harten Leben gezeichnet. Wortkarg und rau war er, ein Oldtimer, dessen Augen nur aufleuchteten, wenn die Kinder der Kellys in seiner Nähe spielten. Jetzt lebte keiner mehr. Ihre Gräber verfielen. Niemand kam, um sie zu pflegen. Kaum jemand sprach mehr von ihnen. Es war, als hielte eine seltsame Scheu die Menschen davor zurück, die alten Zeiten heraufzubeschwören. Wozu auch? Es genügte, dass die Fährten der Apachen noch sichtbar waren, dass man an sie erinnert wurde. In zwei Reservationen hatte man die letzten Apachen untergebracht: Jicarillas im Norden New Mexikos und Mescaleros im mittleren Süden.

Trotzdem nannte man das Land, das vor Dean lag, „Apachenweide". Es erstreckte sich über viele Meilen nach Norden bis zu den Zuni Mountains, die in weicher Kurve von Nordwest nach Südost ihre Felsen ins Land schoben. Die Felsen prangten in lebhaften Farbtönen. Oberhalb der Baumgrenze reckten sie sich kahl und schroff gen Himmel, als wollten sie über üppige Täler und dunkle Wälder hinwegblicken. Weit rechts, nicht sichtbar für Dean, musste irgendwo der Rio Grande, aus dem Norden kommend, das Land vom Norden bis zum Süden teilen. Der Fluss, so kurvenreich er auch war, berührte nicht einmal die Ausläufer der Ferris Range, auf dem Dean Dudley angehalten hatte.

Südlich Deans floss hinter dem Ferris Range-Gebirge der Gila River von Osten nach Westen. Im Westen erhoben sich die Mountains, deren höchste Erhebung der Thomas Peak war, ein Berg von 3.504 Fuß Höhe. Im Hochsommer beherrschte er mit dem Glitzern seiner Firne und Gletscher das gewaltige Land der Apachenweide.

Apachenweide! Jemand hatte einmal gesagt, dass es der schönste Flecken Erde in New Mexiko sei. Unweit der Wüstengegend gelegen, umringt von einem dichten Kranz von Gebirgsfichten, durchzogen von saftigen Weiden, die im Frühling wie farbenprächtige Teppiche aussahen, war sie ein Kleinod in Gottes herrlicher Natur. Auch jetzt duftete es. Überall leuchteten die farbenprächtigen Petunien, sah man weit in der Ebene des hügeligen Landes Rinder ziehen, zu großen Herden vereint.

Wie ein gelbes Band wand sich der Trailweg, aufgewühlt von Maultier- und Pferdehufen, zerpflügt von Rädern, langsam in die Tiefe. Er verschwand und tauchte wieder auf, wand sich um die Hügel herum, um immer wieder zu entschwinden und wieder sichtbar zu werden, bis endlich weit hinten in der Ebene der dünne Faden des gelben Bandes wie ein langer Finger auf die verschwommenen Umrisse einer Stadt deutete.

Diese Stadt hieß Atlanta. Nördlich von ihr, etwa hundert Meilen entfernt, lag Azoma, im Osten Socorra und tief im Süden Elephant Butte und Silver City, Lordsburg und Demning. Das waren alles Städte, die keinen großen Einfluss auf das Gebiet der Apachenweide hatten. Daran musste Dean Dudley denken, als er weiterritt, an den Ruinen der Wheel-Ranch vorbei. Er dachte auch daran, dass sein Ritt kein großer Erfolg gewesen war, dass er fast mit leeren Händen zurück zur Broken Bucket-Ranch kommen würde.

In Elephant Butte hatte er einige Hoffnungen begraben müssen. Aber das lag nun hinter ihm. Es ging zurück zur Ranch. Das nahm ihm zwar nichts von den auf ihm lastenden Sorgen, aber es erleichterte ihn irgendwie, wusste er doch jetzt, dass er von sich aus alles tun musste, um seiner Sorgen Herr zu werden, dass nicht einmal Slim Hallerman, der Boss der Broken Bucket, ihn davon befreien konnte. Slim Hallerman hatte alle Last auf ihn, den Vormann, in den vergangenen Jahren abgewälzt, so dass er nunmehr wie ein stiller Teilhaber sein Leben lebte.

Yeah, stärker als jemals zuvor dachte Dean darüber nach, in was für eine verantwortungsvolle Rolle ihn Hallerman hineindirigiert hatte. Er kam zu der Überzeugung, dass das genau das richtige für ihn gewesen war. Sein Leben war die Ranch. Er war mit ihr so verwurzelt und verflochten, dass seiner Ansicht nach alles, was der Ranch nützte, auch gut sein musste, und alles, was gegen die Ranch gerichtet war, bekämpft und vernichtet werden musste.

So ritt Dean, ein hochgewachsener Reiter, mit breiten Schultern und einem harbgeschnittenen, etwas unsymmetrischen Gesicht, in dem helle Grauaugen standen. Seine Wangenknochen standen etwas vor. Buschige Brauen wölbten sich über die tiefliegenden Augen. Staub lag auf seinem bronzefarbenen Gesicht, bedeckte auch die etwas abgetragene Kleidung und das Fell des Falben.

Wie müde der Reiter war, sah man erst, als er, in Atlanta angekommen, den Falben vor dem Apachen-Saloon anhielt und sich steifbeinig aus dem Sattel schwang. Er führte sein Reittier weder zu den Holmen, noch band er es an einen der in die Wand eingelassenen Halteringe, sondern ließ es einfach mit verhängten Zügeln stehen, wo es stand. Er klopfte weder seinen Stetson noch seine Kleidung aus. So verstaubt wie er war, bewegte er sich auf die Schwingtür zu und stieß sie mit der Stiefelspitze auf. Nicht einen Blick warf er auf die wartenden Pferderudel längs der Mainstreet. Keines der Brandzeichen schien ihn zu interessieren. Vielleicht war der Durst nach einem Whisky, der den Staub aus der trockenen, ausgedörrten Kehle spülen sollte, schärfer als das Verlangen, ohne anzuhalten zur Broken Bucket-Ranch durchzureiten.

„Sam, einen Doppelstöckigen!", rief er dem Keeper zu, als er vor der nickelbeschlagenen Bar anhielt und sich dagegen lehnte.

Sam nickte ihm zu. Er schien ein wenig überrascht zu sein, aber er stellte keine Fragen. Im Gebiet der Apachenweide stellte man nicht gern eine Frage, und vor allem nicht einem Mann wie Dean. Sam blieb still stehen, sah von Dean fort zur rechten Zimmerecke hin. Sein Blick glitt sofort wieder zurück. Dann hantierte er mit einer Flasche.

Dean hatte das Signal verstanden und schaute ruhig zu den Männern hin, die ihn versteckt beobachteten. In dem Augenblick aber, als er ihren Blicken begegnete, taten sie so, als wäre er Luft für sie. Nur einer blickte ihn mit einer seltsam forschenden Neugier weiter an. Dabei zeigte sich ein spöttisches, kaum sichtbares Grinsen um die Mundwinkel.

„Trink deinen Whisky!", wurde Dean von Sam aufgefordert, wobei er den Doppelstöckigen über die Theke gleiten ließ, so dass das Glas, ohne dass der Inhalt überschwappte, genau vor Dean zu stehen kam.

Dean langte sich das Glas und trank es in einem Zuge leer. Aus den Augenwinkeln beobachtete er Joe Tompkins, den Vormann der One Tree-Ranch, dessen spöttisches Grinsen in dem mit Sommersprossen übersäten Gesicht wie gefroren wirkte. Joe Tompkins beobachtete ihn immer noch scharf, als suche er eine Erklärung. Man sah es daran, wie er die Stirn in Falten zog und an der Art, wie er sich etwas vorneigte, sich den Stetson dabei weit in den Nacken schob, so dass sein flammendrotes Haar wie eine Lohe aufleuchtete. Sein Schweigen ließ die Gespräche an seinem Tisch verstummen. Die eigenen Leute blickten jetzt zu Joe Tompkins, ihrem Vormann, dann schauten sie zu Dean hin. Es war, als breitete sich plötzlich eisige Kälte aus.

Der rothaarige Vormann der One Tree-Ranch war es, der dieser Stimmung ein Ende bereitete. Er winkte seinen Leuten zu. Mit ihnen zusammen stand er auf, warf Sam, dem Barkeeper, im Vorbeigehen einige Dollarscheine auf die Theke und sagte:

„Das Kleingeld gibst du mir bei passender Gelegenheit heraus, Sam."

Ohne die Antwort abzuwarten, stampfte der riesige Tompkins hinter seinen Leuten drein. Die Schwingtür schlug hinter ihnen zu.

Sam betrachtete die Dollarscheine und schüttelte den Kopf, dann sagte er bitter durch die Zähne: „Ich verstehe das alles nicht. Er gibt mehr Geld aus, als er verdienen kann. Seit drei Tagen treibt er sich mit fünf Reitern der One Tree-Ranch in der Stadt herum und scheint auf etwas zu warten. Der Himmel mag wissen, auf was. Ich kann es mir nicht erklären, Dean!"

„Es sieht so aus, als hätte er etwas herausfinden wollen!"

„Yeah, irgendwie hat er Wind davon bekommen, dass du in Elephant Butte gewesen bist. Vielleicht wollte er dir eine Begrüßungsansprache halten und hat es sich im letzten Augenblick anders überlegt. Ich habe den Burschen nie leiden können, Dean;"

„Wem sagst du das, Sam?"

Der tat, als überhörte er den Einwurf und fuhr fort: „In letzter Zeit stimmt vieles nicht mehr. Immer mehr Rinder werden gestohlen. Jede Ranch meldet Verluste. Nun, hin und wieder wurde schon immer ein Rind geschlachtet, das nahm niemand tragisch. Jetzt ist das anders. Es sieht nach einem großangelegten Plan aus, doch niemand weiß Bestimmtes, und niemand weiß, wie man den Hebel ansetzen soll. Es sieht so aus, als sollte die Ruhe in diesem Lande zerbrechen und das Misstrauen untereinander die Oberhand gewinnen. Vielleicht verdächtigt Tompkins dich?"

Dean bewegte sich nicht. Nur seine Augen wurden dunkler, so dunkel, dass sie fast schwarz wirkten.

„Was glaubst du?"

„Darauf kommt es nicht an, Dean. Ich lebe von den Männern der Weide, so wie diese Stadt von der Weide lebt. Ich sehe nur, wie das Gewitter kommt und höre den Donner grollen. Vielleicht bin ich zu überempfindlich, und ich höre etwas, was nie sein wird. Vielleicht ist das Gewitter näher als wir alle glauben. Man hat keine Scheuklappen vor den Augen, Dean. Dein Ritt nach Elephant Butte konnte nicht geheim gehalten werden. Was, um Himmels willen, hast du dort gemacht?"

„Nachgeschaut, Sam! Ich habe dabei herausgefunden, dass aus dieser Richtung der Apachenweide tatsächlich ungebrannte Rinder eingetroffen und verkauft worden sind!"

„Großer Gott, irrst du dich nicht?"

Dean schüttelte nur den Kopf, nahm sich die Flasehe vom Regal und füllte sein Glas.

„Ich habe das Brandmal der Arrow-Ranch, das der Double T und das Brandmal der Silver-Ranch erkannt.

„Auch das der Broken Bucket?"

„Nein! So wenig wie One Tree- und Circle-Brandzeichen. Nun, vielleicht kommen wir jetzt erst dran", sagte Dean ruhig. „Vielleicht hat man uns bisher verschont, um uns um so mehr abzunehmen!"

„Dann bist du nach Elephant Butte als Beauftragter der Rindervereimgung geritten?"

„Irrtum! Boss Slim Hallerman und unser gemeinsamer Freund, Clark Newton, hatten es beschlossen. Ich kann nun dem Boss und Newton mitteilen, dass keine Broken Bucket-Rinder und keine Circle-Ranch-Rinder dabei gewesen sind. Den anderen aber, die den Schaden hatten, lässt man in Elephant Butte sagen, dass sie sich um ihren eigenen Kram kümmern sollen."

„Was heißt das, Dean?"

„Dass man die Rinder ordnungsgemäß kaufte und dass die vielen Meilen Zwischenraum zwischen Atlanta und Elephant Butte zu groß sind, um die Sache aufzuklären; dass wir hier beginnen müssen!"

Die zwei Männer sahen sich in die Augen. Das Schweigen zwischen ihnen wurde drückend und niederschmetternd.

In diesem Augenblick flog die Schwingtür auf. Ein Mann kam herein, dessen hübsches Gesicht beim Anblick Deans hell aufleuchtete.

„Zum Donner!", sagte dieser hellblonde Mann freudig erregt, „ich wollte es kaum glauben, und ich habe mir zweimal deinen Falben angesehen, Dean. Du bist also zurück! Gut so, ich platze vor Neugierde!"

„Halte sie zurück", mischte Sam sich ein. „Ich denke, dass Dean nicht zum Sprechen aufgelegt ist. Lass ihn erst einmal zur Ruhe kommen!"

„Ihr habt einen Streit gehabt, ihr beide?", erkundigte sich Dean sogleich und sah erst Clark Newton und dann Sam Hopkins an. Er zählte die beiden Männer zu seinen Freunden. Außer ihnen gehörte noch Dix Lonnigan dazu, doch Dix steckte wohl tief in der Arbeit auf der Broken Bucket-Ranch. Dix führte die Ranchgeschäfte, und erst Deans Rückkehr würde ihn entlasten.

Sam sagte: „Man sollte nichts übers Knie brechen, Dean, man sollte sich Zeit lassen. Wir fassen jetzt ein verteufelt heißes Eisen an. Irgend jemand kann sich leicht die Finger dabei verbrennen!"

Er schwieg. Deans Überraschung war tief. Er konnte sich keinen Vers auf die neue Einstellung machen, mit der Sam und Clark sich gegenübertraten.

Clark legte seine Rechte schwer auf Deans Schulter: „Nimm es Sam nicht übel. Wenn jemand von uns Gespenster sieht, dann ist er es."

„Ihr habt wirklich nicht gestritten?"

„Nein, wozu auch? Wir haben beide unser gutes Auskommen. Ich auf der Circle-Ranch und Sam im Apachen-Saloon. Es kann noch so dick kommen, uns kann nichts aus dem Sattel heben. Nimmst du noch einen Drink, Dean?"

„Nein, danke! Ich reite weiter."

„Ich will mich dir nicht aufdrängen, Vormann", lachte Clark leise vor sich hin. „Wir sehen uns später!"

„Was soll das heißen?"

„Dass ich in einer Stunde zur Broken Bucket-Ranch hinausreiten werde."

„Nicht nur wegen der Information, Dean", mischte sich Sam Hopkins ins Gespräch, „sondern um Patty Hallerman einen Besuch abzustatten. Es hat sich während deiner Abwesenheit allerhand getan. Alle auf der Apachenweide sind informiert, nur du nicht! Clark hat Pattys Herz erobert. Er ist Patty herzlich willkommen; aber um so weniger willkommen ist er deinem Boss!"

„Sam, ich verstehe nichts!"

„Hölle, Sam kam mir etwas zuvor. Ich hätte es dir selbst gesagt, Dean", sagte Clark peinlich berührt und sah Sam dabei böse von der Seite her an. „Du hast doch nichts dagegen, Dean?"

„Nein", erwiderte Dean ruhig. „Patty ist erwachsen, sie wird es sich genau durchdacht haben. Du bist ein Glückspilz, Clark."

„Sie sagte mir, dass ihr wie Geschwister aufgewachsen seid. Ein Mann kann doch nicht die eigene Schwester heiraten? Old Hallerman hat das sicher nicht begriffen, als er dich als Junge aufnahm. Er hat sicherlich in dir den Nachfolger gesehen. Nun, darin werde ich ihn unterstützen. Nur Patty hole ich auf meine Ranch. Es ist gut, wenn du dich mit diesem Gedanken vertraut machst!"

„Es kommt überraschend, Clark", erwiderte Dean ruhig. „Es wirft mich nicht aus den Stiefeln. Ihr seid beide erwachsen!"

„Wir sehen uns in einer Stunde, und dann hoffe ich, dass du gesprächiger sein wirst, Sonny", lachte Clark, wobei er kehrt machte und den Saloon verließ. Die Schwingtür klappte hinter ihm zu. Bitter sagte Sam Hopkins:

„Jetzt weißt du es!"

„Es kam überraschend", betonte Dean nochmals.

„Sehr überraschend", ergänzte Sam.

„Vor zwei Monaten sah es so aus, als wollte er Mabel Turner heiraten."

Dean erwiderte nichts. Er trank, stellte das Glas ab und und wischte sich mit der Hand über den Mund. In seinem Gesicht war keine Bewegung zu bemerken.

„Sam", sagte er plötzlich und schwenkte auf ein anderes Thema um, „vor Anbruch der Nacht wird ein Reiter hier eintreffen. Schicke ihn gleich zur Nordweide."

Der schnelle Themawechsel ließ Sam aufhorchen. Er nagte am der Unterlippe und erwiderte dann leise: „Ich verstehe! Jener Fremde soll nicht erst auf der Broken Bucket gesehen werden?"

„Nein, das wäre nicht gut. Der alte Mann soll seine Ruhe haben!"

Der schwarzhaarige Barkeeper Sam Hopkins brauchte erst einige Zeit, bevor er Antwort gab: „Slim Hallerman macht keine Ausnahme. Wir alle werden noch eine Menge Kummer haben. Was ist also mit dem Mann, der ...."

„Wenn er es nicht versteht, sich, ohne aufzufallen, mit dir in Verbindung zu setzen, ist er nicht der richtige für uns."

„Weiß Dix Lonnigan Bescheid?"

„Yeah", nickte Dean Dudley eigenartig. „Nur du, Dix und ich wissen davon. Je weniger eingeweiht sind, um so besser ist es."

„Ich verstehe! Du willst gleich richtig loslegen, Dean. Nun, wir werden es bald wissen!"

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2.

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Darauf hatte Dean dem Barkeeper keine Antwort gegeben. Er verließ den Saloon, hob sich wieder in den Sattel und ritt an. Die Lichtbahnen der Sonne füllten die Mainstreet aus. Reiter und Gespanne kamen ihm entgegen oder überholten ihn. Staubgeruch lag in der Luft, vermischte sich mit dem scharfen Geruch jener Rinder, die man an die Verladerampe getrieben hatte und in den bereitstehenden Güterzug verlud. Dass das eine harte Arbeit war, hörte man an dem Fluchen und Schimpfen der Cowboys und dem Brüllen der Rinder, die sich nur unwillig dirigieren ließen. Es waren prächtige, rotbunte Hereford-Rinder mit dem Brandzeichen der Arrow-Ranch und dem der Double T-Ranch. Von zwei Ranchweiden waren sie also, die im Süden des Distrikts lagen und zum Verladen hergebracht worden waren.

Die Tatsache, dass diese Rinder außerhalb des großen Auftriebes verladen wurden und dass es nicht allzu viele waren, sagte Dean, dass besonders große Tiere als Zuchtrinder außerhalb des Countys aufgekauft worden waren.

Whit Shane schwenkte seinen Stetson und kam herangeritten, als er Deans ansichtig wurde. „Sieht man dich endlich einmal, Dean? Seit der Anführer des vierblättrigen Kleeblattes fort war, geschah nichts Aufregendes. Niemand hatte einen guten Einfall, um dieser Stadt einen hübschen Streich zu spielen. Es war direkt langweilig hier."

Er stellte sein Reittier quer vor Dean, so dass dieser anhalten musste. Beide Männer lächelten sich an. Dann sagte Whit ohne Übergang: „Hast du etwas herausgefunden?"

„Yeah, dass wir uns selbst helfen müssen, Whit!"

„Den weiten Weg hättest du dir ersparen können", antwortete Whit spöttisch. „Immer mehr Rancher beklagen sich, dass ihr Vieh verschwindet. Die Rinderdiebstähle nehmen große Ausmaße an. Wir werden von nun an sehr wachsam sein müssen."

„Genau das ist es, was ich allen Ranchern sagen möchte."

„Das ist nichts Neues. Ich bin wahrhaftig auf vielen Weiden geritten. Ich habe aber keine Weide gesehen, die Rinderdiebe so begünstigt wie die Apachenweide."

„Solltest du oder deine Leute etwas herausbringen, so lass es mich schnell wissen."

„Ich war bei Dick Calhoun. Der Rancher der One Tree beklagt sich sehr über die Veränderung, die im County vor sich geht. Er hat seinem Vormann Joe Tompkins besondere Machtbefugnisse erteilt. Bist du Tompkins nicht begegnet?"

„Ich traf ihn im Apachen-Saloon. Es schien so, als hätte er mit Reitern der Ein Baum-Ranch auf mein Eintreffen gewartet."

„Nun, das ist eigentlich etwas, worüber man nachdenken sollte", entgegnete Whit, indem er seinen Stetson wieder aufsetzte, sein Pferd herumnahm und anritt. „Wir sehen uns später, Dean?"

„Vielleicht", gab Dean ihm zur Antwort, während auch er seinen Falben vorwärtstrieb. Ohne besondere Eile ritt er weiter. Er wollte sein übermüdetes Tier nicht anstrengen. So brauchte er zwei Stunden, bis die Umrisse der Broken Bucket vor ihm auftauchten.

Auf den ersten Blick hätte jeder Fremde erkannt, dass es die größte und prächtigste Ranch auf der Apachenweide war. Sie lag inmitten eines paradiesisch schönen Fleckens Erde. Sie war zu einer Zeit errichtet worden, als die Apachen noch wild und frei herumstreiften und gegen jeden weißen Eindringling Sturm liefen. Die alte Palisadenwand war indessen nur noch teilweise vorhanden. Was einst niedergebrannt war, hatte man nicht neu errichtet. Es gab keine Horden rothäutiger Krieger mehr, dafür jedoch weiße Menschen, die gefährlicher waren, als es die Apachen je sein konnten; denn, yeah, weiße Männer raubten das Vieh. Sie lebten auf der Apachenweide. Jeder konnte es sein, der jenseits des Zaunes stand. Der Nachbar, der beste Freund, jeder!

Dean ritt jetzt noch langsamer. Es war ihm, als lägen schwere, unsichtbare Gewichte auf seinen Schultern. Näher kam die Ranch. Slim Hallerman, der Oldtimer, erhob sich bei seinem Anblick aus dem Schaukelstuhl und lehnte sich gegen das Geländer der Veranda. Dix Lonnigan, der zweite Vormann der Broken Bucket Ranch, der soeben aus dem Stall kam, rieb sich die Augen und blieb in der offenen Stalltür stehen.

Beide warteten und sahen ihn aufmerksam an, verfolgten jede seiner Bewegungen. Dean glitt aus dem Sattel, schob seinen Stetson tiefer in den Nacken und rückte seinen Hosengurt höher.

„Sonny", sagte der Oldtimer dann, „komm gleich ins Büro!"

Bei diesen Worten drehte sich Hallerman um und verschwand im langgestreckten Ranchhaus. Dix kam auf Dean zu und streckte ihm die Rechte hin. Er sagte kein Wort der Begrüßung, sondern sah Dean nur traurig an.

„Ist dir nicht gut, Dix?", fragte ihn Dean.

Dix schüttelte den Kopf. Ein grimmiges Lächeln kerbte seine Mundwinkel. Er sah rasch zur Ranch hin, als wollte er sich überzeugen, dass der Rancher tatsächlich nicht mehr in der Nähe war, dann sagte er leise:

„Es hat mich überrascht, weiter nichts. Es war nicht fair von Clark."

„Darüber solltest du dir nicht den Kopf zerbrechen", grinste Dean den Kameraden an. „Es ist besser, dass es irgendeiner aus dem Kleeblatt ist, als irgendein Fremder."

„Clark spielt sich groß genug auf, das gefällt mir nicht", erwiderte Dix. „Vielleicht hat er es auf die Ranch abgesehen."

„Dix, er ist unser Freund. Denke immer daran, hörst du, immer!"

„Zum Teufel damit! Wenn er das Mädel heiratet, hast du ausgedient. Wie ich dich kenne, wirst du dich nicht damit abfinden können, dass es auf einer Ranch zwei Reitbosse gibt. Das ist auch ganz und gar nicht im Sinne von Slim. In seiner Vorstellung warst du immer sein Schwiegersohn. Er ist aber zu klug, um es seiner Tochter klipp und klar zu sagen. Seit Clark hierher kommt, ist er mürrischer und wortkarger geworden. Es ist, als bedrücke ihn etwas. Wer ihn von früher her kannte, wird erschreckt über seine Umwandlung sein. Er gleicht einer kernigen Eiche, die man ausgehöhlt hat. Der nächste Sturm schon kann sie umwerfen."

„Schaue nicht zu schwarz in die Zukunft, Dix", sagte Dean, ihm dabei fest in die dunklen Augen sehend. „Wenn das Kleeblatt zerfällt, was sollte dann noch zusammenhalten? Ich hätte Patty genauso dir oder Sam gegönnt. Jetzt reden wir nicht weiter darüber."

Dix schüttelte den Kopf. Eigensinnig, wie er war, sagte er: „Wir vier haben manchen Spaß gehabt. Aber es geht zu weit, wenn jemand das Leben auf unserer Ranch in Unordnung bringt."

Bei diesen Worten drehte er sich um und schritt davon.

Bedrückt schaute Dean ihm nach, als er den Falben fortführte. Was hatte er nur? War sein Misstrauen bereits begründet? Oder war es sein Wissen um etwas, was ihm, Dean, entgangen war? Ärgerte es Dix, dass Clark mit Mabel Turner geflirtet hatte? Der hübsche Clark war sicher etwas leichtfertig. Bei Patty würde er es nicht wagen, nur zu flirten. Er, Dean, würde darüber wachen. Bei diesem Gedanken war es ihm, als kralle sich etwas tief in seinem Herzen ein.

Zur gleichen Zeit sah er Patty. Sie hatte fast lautlos die Ranchtür geöffnet und stand nun in der offenen Tür. Drei Wochen lang hatte er sie nicht gesehen. In diesen drei Wochen hatte sie sich etwas gewandelt. Er wusste nicht, was es war, aber er fühlte es so stark auf sich einwirken, dass er schwerfällig den Stetson zog und sie mit großen Augen anblickte.

Als er davonritt, war sie nichts anderes gewesen als ein Mädchen, das ihm wie eine Schwester geworden war. Jetzt aber erkannte er sie als ein Mädchen von ausgesprochener Schönheit, mit fraulich ausgeprägten Formen. Ihre haselnussbraunen Augen, die von langen Wimpern umrahmt waren, schienen ihn fremd zu mustern.

„Dean", hörte er sie sagen, und ihr rotgeschwungener Mund bewegte sich leicht, „Dad erwartet dich. Spanne ihn nicht länger auf die Folter."

Er zog den Stetson und schritt die Verandastufen hinauf. Sie trat zur Seite, doch er blieb neben ihr stehen.

„Ich kann dich also beglückwünschen, Patty?"

Ihre Augen leuchteten auf. „Ich habe ihn gern", sagte sie ein wenig spröde, „aber das ändert doch nichts zwischen uns beiden, Dean?"

„Als ich davon hörte, war ich ganz sicher, dass es nichts ändern würde."

„Und nun?", fragte sie gepresst. Sie sah zu ihm auf. Ihre Hände legten sich auf seine Brust. Sie standen sich so nahe, dass sie ihre Atemzüge hörten.

„Wenn es dein Glück ist, Patty, werde ich es hinnehmen. Clark gehört zum Kleeblatt. Er ist mein Freund. Du hast eine gute Wahl getroffen, Patty. Jetzt gleich wirst du dich entscheiden, ob du ihn heiraten willst. Komm und sage es deinem Dad!"

„Dean, wozu diese Hast?"

„Ich sage es dir in Gegenwart deines Vaters", drängte er und nahm sie sanft beim Arm. „Wir verändern uns alle wohl. Du, dein Vater, die Freunde und ich. Wir alle sind anders geworden."

„Dean, du sprichst Unsinn. Sage lieber, dass ich glücklich aussehe."

„Wenn du dich nicht glücklich fühlst, weiß ich nicht, was ich von Clark und dir halten soll."

Sie zwang ihn mitten im Korridor stehenzubleiben. Ganz nahe war sie bei ihm, so nahe wie nie zuvor. „Ich sollte glücklich sein, doch ich bin es nicht ganz. In irgendeinem Winkel meines Herzens bist du. Das ist ein Platz, den Clark nie bekommen wird."

„Mädel, mach es uns beiden nicht zu schwer. Wir beide haben heute noch eine Entscheidung zu treffen. Clark wird sich ebenfalls zu entscheiden haben. Er muss eine klare Antwort geben. Und nun komm mit zu deinem Vater!"

Sie traten in Slim Hallermans Büro ein. Der Oldtimer saß hinter seinem schweren Schreibtisch und erwartete sie bereits. Er forderte sie auf, Platz zu nehmen, und erst als sie sich gesetzt hatten, sagte er:

„Schlechte Nachrichten?"

„Es liegt wohl in der Luft, Slim."

„Sicher, es ist wie damals, als die Apachen den Palisadenzaun einrissen. Vielleicht ist es auch noch schlimmer. Dix sagte mir, dass dein Ritt nach Elephant Butte sich herumsprach und dass er einige Reiter sah, die nach Atlanta ritten, um dein Einreiten mit anzusehen."

„Die One Tree-Crew war in Atlanta."

Der Oldtimer lachte tief in sich hinein. „Das gefällt mir nicht", sagte er offen heraus. „Dick Calhoun ist zwar der Boss, doch es hat sich herumgesprochen, dass er nichts zu sagen hat, dass er ähnlich wie ich alle Geschäfte an seinen ersten Vormann abtrat."

„Slim", unterbrach Dean ihn heiser, „um das zu ändern, lud ich deine Tochter ein, unser Gespräch mitanzuhören. Sie hat ihre Wahl getroffen."

„Dean, muss diese leidige Sache jetzt zur Sprache kommen?", fragte der Alte. Offen sagte er somit, was er von Clark dachte. „Höre zu, Sonny! Es ist ein Unterschied zwischen dir und Joe Tompkins. Für dich bin ich immer der Boss geblieben, so soll es auch weiter sein."

„Nicht lange, Slim", unterbrach Dean ihn leise, „es ist besser, wenn Patty sich entscheidet und der Mann, der diese Ranch übernehmen wird, auch den Kampf austrägt."

„Junge, ist es so schlimm?"

„Yeah, ich muss es offen gestehen. Wenn die Leitung weiter in meinen Händen bleibt, ist es möglich, dass am Ende nichts weiter als rauchende Trümmer bleiben. Ich darf auf keinen Fall gehemmt sein."

„Nun gut, Dean, das bist du auch nicht. Diese Ranch gehört zur Hälfte dir, so habe ich es im Testament niedergelegt. Gerade jetzt kannst du keine Entscheidung verlangen, von niemandem!"

„Patty, was meinst du?", wandte sich Dean an das Mädchen, das still zugehört hatte und keinen Blick von ihm ließ.

„Die Ranch wäre leer ohne dich", sagte sie leise. „Es ist gut, dass du wieder da bist." Sie stand auf, nickte den beiden Männern zu und verließ schnell das Büro.

„Eines Tages", sagte der Oldtimer, in seine Gedanken verstrickt, „wirst du es herausfinden und einsam sein. Ich sehe es draußen rauchen, mein Junge. Bekanntschaften und Freundschaften werden zerbrechen. In mir ist keine Kraft mehr. Ich möchte nur eines erleben: Wie du den Kampf führen und zu Ende bringen wirst."

„Slim, ich habe bereits angefangen!"

„Ich frage nicht wie, mein Junge. Ich weiß, daß ich mich auf dich verlassen kann. Was Clark Newton anbelangt, so lass ihn vorerst in Frieden. Eine Entscheidung würde eine Herausforderung sein, und das wäre weder für Patty noch für deinen Freund gut. Entspanne dich nun von deinem Ritt und lass dir in der Küche zu essen geben."

Mit diesen Worten war Dean entlassen. Er erhob sich und ging hinaus. Als er an der Tür stand, war es ihm, als wollte ihn der Oldtimer noch einmal zurückrufen, aber das musste wohl eine Sinnestäuschung sein, denn Slim wandte sich ab und blickte aus dem Fenster.

*

Yeah, er war gerade dabei, sich zu waschen, als er schnellen Hufschlag hörte. Er trat ans Fenster. Clark kam auf den Ranchhof geritten. Der Freund gab eine prächtige Reitergestalt ab. Sein sonst stets freundliches Gesicht war jedoch dunkel und angespannt. Er hob sich aus dem Sattel und eilte Patty entgegen, nahm sie fest in seine Arme.

„Darling", hörte Dean ihn sagen, „ich habe dich wieder einmal lange warten lassen."

„Mach es nicht zu oft, Clark. Jede Geduld hat einmal ein Ende."

„Darling, ich bin, wie ich bin und lebe in vollen Zügen!"

„Du spielst zu oft und verlierst zuviel. Du solltest das Spielen aufgeben."

„Wenn wir verheiratet sind, werde ich es tun, Darling. Jetzt spiele ich, um uns ein warmes Nest zu schaffen. Hat dir Dix wieder einmal berichtet? Hat er mich wieder bei dir angeschwärzt?"

Seine Stimme klang schrill vor verhaltenem Zorn. Sie schüttelte den Kopf und befreite sich sanft aus seiner Umarmung.

„Was ist mit dir los, Clark?"

„Ich liebe dich, Darling, und ich bin vielleicht ein wenig nervös."

„Das sollte dich nie dazu verleiten, schlecht über deine Freunde zu sprechen. Jedermann weiß, dass du spielst und oft kein Glück hast."

Dean wollte nichts mehr hören. Er frottierte sich den nackten Oberkörper und kleidete sich rasch an. Etwas später saß er in der Küche beim Essen. Der Koch sah ihm über die Schulter zu, wie er heißhungrig aß. Es wurde kein Wort gesprochen. Wozu auch? Auf dieser Ranch waren die Leute wortkarg und hielten ihre Fragen zurück.

Nach dem Essen ging Dean zu den Corrals und nahm ein Lasso von den Stangen. Im Corral schüttelte er das Lasso aus. Ein wenig später zog er ein frisches Pferd heran, dem die Schlinge um den Kopf gefallen war. Er zog es zum Zaun, wo Zaumzeug und Sattel bereit lagen. Satteln und Aufzäumen war in wenigen Minuten geschehen. Er saß auf, öffnete vom Sattel her das Gatter und schloss es auch wieder hinter sich.

Dann ritt er an. Nein, er dachte nicht daran, einige Stunden zu schlafen. Er ritt auch nicht fort, weil er Angst davor hatte, jetzt zum zweiten Mal mit Clark zusammenzutreffen. Er spähte wohl kurz zu Clarks Pferd, das das Circle-Brandzeichen an den Flanken eingebrannt hatte, und schaute zur Veranda hin. Sie war leer. Clark und Patty waren also ins Haus gegangen. Sicherlich hatten sie sich vieles zu erzählen. Yeah, er unterdrückte das aufsteigende unerklärlich bittere Gefühl, das sich auf ihn legen wollte, und ritt schneller, so dass die Ranch bald außer Sicht weite war.

Dix wartete bereits auf ihn. Er erhob sich aus dem Gras, wo er schläfrig gelegen und an einem Grashalm kaute und wartete, bis Dean abgesessen war und sein Reittier neben das seine an die tiefhängenden Zweige einer Pappel gebunden hatte.

„Dix, du brichst gleich auf zur Nordweidehütte?"

„All right, es wird also so sein, wie wir es besprachen?"

„Unser neuer Mann ist fremd. Er wird sicherlich schneller etwas herausbringen als unsereiner. Er kommt nach Mitternacht. Es genügt, wenn du beim Küchenwagen sagst, dass ein neuer Mann eingestellt wurde und ihn einige Zeit im Auge behältst. Ich verlasse mich auf dein Urteil, Dix!"

„Es kommt darauf an, ob er unbemerkt an Sam herankommt, schafft er es, ist er richtig, schafft er es nicht, sollte er besser gleich umkehren."

„Wir werden es bald wissen!"

„Hoffentlich nur wir, und nicht die von der anderen Seite, Dean", erwiderte Dix. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass kein Mann ungesehen auf der Apachenweide reiten kann, vor allem auf dem Gebiet nördlich von Atlanta in den Vorläufern des Zuni Mountains. Wir sollten uns das Gebiet näher ansehen."

„Es ist fremdes Gebiet. Unser Mann sollte es sich ansehen."

„Hoffen wir das Beste", erwiderte Dix kurz. Er warf seinen zerkauten Grashalm zur Seite und kniff die Augen schmal. „In Elephant Butte bist du enttäuscht worden?"

„Nicht sonderlich! Man hat dort zu tun und ist mit sich selbst beschäftigt. Man gab mir den Rar, die Angelegenheit selbst in Ordnung zu bringen."

„Ich hätte es dir vorher sagen können, Dean. Seit einigen Stunden ist es verteufelt schwül geworden. Ich rieche den Sturm. Du solltest schneller umschnallen und dich damit begnügen, mit einem Revolver in der Hosentasche herumzureiten!"

„Sind die Anzeichen so deutlich?"

„Yeah", sagte Dix herb, „ich ahne sogar, aus welcher Richtung der Wind weht, doch ich werde erst mehr sagen, wenn ich sicher bin."

„In solchen Zeiten ist Wissen lebensgefährlich, Dix."

Der Partner lachte und hieb durch die Luft, als wollte er etwas hinwegfegen. Zusammen mit Dean schritt er einen Hang hinauf. Auf der Höhe blieben sie stehen und blickten weit ins Land. „Schau dir dieses wilde, zerklüftete Land an. Yeah, ich erinnere mich, dass der Wind schon einmal aus der Richtung der Zuni Mountains wehte. Damals, vor sieben Jahren, yeah, damals brannte der Palisadenzaun der Broken Bucket-Ranch nieder. Damals wurde die Wheel-Ranch eingeäschert und es geschah noch manch Unangenehmes mehr. Der Wind kommt wieder aus jener Richtung, Vormann."

„Aus der Richtung der One Tree- und Circle-Ranch. Aus der Richtung, in der Apachen-Kid eine Siedlung gründete, und aus den Schroffen und Bergen des unzugänglichen Landes dahinter, wie?"

„Yeah, genau von dorther", murmelte Deans Begleiter.

Sie gingen zu den Pferden zurück. Dix nestelte an dem Packen, den er hinter dem Sattel aufgeschnallt hatte, herum und sagte leise:

„Der Boss übertrug dir eine verteufelt undankbare Aufgabe."

„Ich habe sie angenommen, Dix. Wenn ich damit fertig bin, werde ich das Land verlassen."

„Denke lieber gründlich darüber nach, bevor du es tust", sagte Dix, wobei er sich in den Sattel hob und Dean grimmig ansah. Bevor Dean ihm jedoch eine Frage stellen konnte, hieb er die Sporen ein und ritt eilig davon. Dean sah ihm nach, bis er hinter einem Hügelkamm verschwand.

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3.

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Am anderen Morgen mied Patty Deans Nähe. In einer Art war es ihm recht so, denn er fand genügend Arbeit im Büro, um sich dort bis zur Mittagszeit zu beschäftigen. Als es jedoch plötzlich an die Tür klopfte und Dix, ohne ein Herein abzuwarten, eintrat, schrak er ein wenig zusammen. Man sah Dix an, dass er einen anstrengenden Ritt hinter sich hatte. Er blieb in der offenen Tür stehen und sagte:

„Er hat nicht enttäuscht!"

„Umso besser!"

„Dann ist ja alles in bester Ordnung", murmelte Dix, wobei er sich gegen den Türpfosten lehnte, seinen Tabaksbeutel zog und sich mit flinken Fingern einen Glimmstengel rollte. „Die Leute vom Strymantrupp haben ihn sich genau angesehen."

„Das ist so üblich."

„Yeah, nur wird es bitter, wenn jemand für die Gegenseite angeworben wird und arbeitet."

„Auf unseren Boy ist Verlass, Dix."

„Nur so lange wir nichts Gegenteiliges wissen, nur so lange, Dean", erwiderte Dix nachdenklich. „Ich möchte nicht in Lud Forsters Haut stecken. Schon der Gedanke daran ist mir verhasst. Es wird recht schwer für ihn sein, sich im fremden Land, auf fremden Weiden einzufügen. Aber schließlich, er wird dafür bezahlt!"

„Es können nicht alle guten Männer ihre Revolver verkaufen", erwiderte Dean. „Gibt es sonst etwas Neues?"

„Yeah, dass Clark wieder auf der Ranch ist, und dass mich diese Tatsache in den Sattel treibt!"

„Habt ihr euch gestritten?"

„Nein", antwortete Dix kopfschüttelnd.

„Er ist dir quer gekommen, Buddy! Los, sag's schon!"

„Er ist Mabel Turner gegenüber nicht als Gentleman aufgetreten, Dean."

„Kein Grund zur Aufregung. Mabel nimmt es nicht so tragisch. Sie ist jetzt wieder frei. Versuche es einmal! Vielleicht klappt es jetzt!"

„Sie hat es schwer", erwiderte Dix grimmig. „Bevor sie Clark ihre Liebe schenkte, hätte sie jeden Mann im County haben können."

Überrascht hob Dean den Kopf. „Ich wusste nicht, dass es so ernst war."

„Gib dir keine Mühe. Niemand wusste es so gut wie Mabel und ich." Mit diesen Worten war für Dix die Unterhaltung zu Ende. Er drehte sich um und drückte leise die Tür des Büros hinter sich zu. Seine Schritte entfernten sich.

Es war Dean nicht mehr möglich, weiter zu arbeiten. Die Sache beschäftigte ihn stärker, als er es sich eingestehen wollte. Für ihn war es nie ein Geheimnis gewesen, dass Dix Mabel verehrt hatte. Kein Wunder, dass nun zwischen Clark und ihm etwas war, was die Freundschaft trübte. Beunruhigt verließ er den Arbeitsraum. Auf der Veranda traf er auf Clark.

„Dean, ich hoffe nicht, dass auch du mir ausweichst", begann Clark.

„Seit wann schätzt du mich so ein?"

„Nimm es nicht tragisch", lächelte Clark erleichtert. „Sam und Dix haben sich verändert. Nur du scheinst der gleiche geblieben zu sein. Slim hat gewusst, worauf er baute, als er dich als seinen Sohn aufnahm. Von uns Freunden stehst du an einem besonderen Platz. Du stehst über uns. So sieht dich auch Patty."

„An deiner Stelle wäre es mir nicht recht, Clark!"

Das Lächeln verschwand aus Clarks Gesicht. „Ich mache mir Gedanken darüber, versuche mir vorzustellen, wie es sein wird, wenn du mit mir unter einem Dach wohnst. Ich gebe mir Mühe, nicht hinzusehen, wenn sie dich so anblickt, als könntest nur du ihr die Last ihrer Sorgen abnehmen."

„Eines Tages wirst du beruhigt sein, Clark."

„Ich dachte es mir, du bist ein wirklicher Freund."

Dean winkte ab und stellte sich Clark gegenüber. „Was war mit Mabel Turner?"

„Soll das ein Verhör sein, Dean?"

„Du brauchst mir nicht zu antworten!"

„Nun gut, es war nichts. Beruhigt dich das?"

„Dix sieht das scheinbar anders."

„Ich weiß Bescheid. Er geht mir aus dem Weg und ist misstrauisch, und das ohne Grund. Er hat sogar Sam angesteckt. Es sieht so aus, als sähen die beiden in mir einen Eindringling in deinen Corral."

„Sage so etwas nie wieder, Clark!"

„Ich wusste doch, dass ich mit dir ein offenes Wort sprechen kann. Ich liebe nun einmal Patty."

„Das ändert nichts an unserer Freundschaft, Clark."

Er wandte sich ab und ließ Clark allein. Im Haus begegnete er Patty. Sie sah so aus, als hätte sie geweint. Er blieb stehen und sah sie an:

„Ist etwas nicht in Ordnung, Mädel?"

Ehe er fortfahren konnte, schlang sie beide Arme um seinen Hals und legte ihren Kopf an seine Brust. Ein leises Schluchzen ließ ihren Körper erbeben.

„Was ist in dich gefahren, Patty?", fragte er, als sie sich langsam beruhigte.

„Dean, in Clark steckt der Spielteufel. Manchmal weiß ich nicht, ob ich nicht zuviel von ihm verlange. Er hat wieder gespielt und über dreihundert Dollar verloren. Eines Tages wird er nichts mehr haben."

„Er wird sich finden, Mädel."

„Glaubst du?"

„Du liebst ihn doch, und das wird alles überbrücken."

„Es ist gut, dass du da bist, Dean", flüsterte sie. „Was auch kommen mag, du darfst nie fortgehen! Ich muss einen Menschen haben, um mich auszusprechen. Versprich mir, dass du immer bleiben wirst!"

„Das, Mädel, kann ich nicht. Es ist kein Platz für zwei Bosse auf dieser Ranch. Ich habe es Clark bereits gesagt. Wenn die Gefahr vorbei ist, sage ich diesem Land so long. So ist das ausgemacht. Es sollte euch beide mahnen, bald zu heiraten."

„Nein, noch nicht! Ich bin mir selbst noch nicht im klaren. Gestern wurde Clark gesehen, als er aus Mabel Turners Haus kam", sagte sie schluchzend. „Was sucht er noch bei ihr?"

„Verlange eine klare Antwort von ihm! Aber sag mal, Patty, von wem stammen deine Informationen?"

„Das ist meine Sache, Dean."

„Wenn es Dix ist, dann ..."

„Lass Dix aus dem Spiel", fiel sie ihm erregt ins Wort. „Ich habe selbst Augen und Ohren."

Sie trat einen Schritt zurück. Ihr Gesicht zuckte. „Oh, ich weiß nicht, was es ist, was mich immer wieder zu dir hinzieht, Dean", stieß sie abgerissen hervor. „Solange du hier bist, gibt es Schutz und Geborgenheit."

„Das alles wird dir Clark ebenfalls geben, Mädel. Was euch fehlt, ist Zeit und eine Aussprache, dann wird es zum gegenseitigen Vertrauen kommen, und alles wird ganz anders aussehen. Ihr beide werdet euch noch formen müssen."

Er sah sie fest an und spürte, wie es ihm schwer ums Herz wurde, denn vor ihm stand ein junges, hübsches Mädel.

Yeah, wie mochte alles nur gekommen sein? Man musste sich damit abfinden, dass Clark sie heimführen würde. Es gab sicherlich kein schöneres Paar weit in der Runde. Clark war eben ein Glücksvogel.

Man konnte ihm aber sein Glück nicht neiden. Ein Mann jedoch, der vor einer harten Entscheidung stand, tat gut, alle seine Sinne zusammenzunehmen und sich nur auf eine Sache zu konzentrieren.

Er ging, ohne noch einmal in ihre Augen zu schauen. In der großen Wohndiele hatte es sich Slim Hallerman gemütlich gemacht. Er saß weit zurückgelehnt im Sessel und hatte seine Füße ausgestreckt.

„Komm nur, Junge! Ich denke, dass du jetzt auspackst?" Dean setzte sich dem Boss gegenüber.

„Also gut, was willst du wissen?"

„Wen du neu eingestellt hast. Ich habe mir die Lohnliste gründlich angesehen. Wer ist Lud Forster?"

„Ein Mann, der etwas für die Ranch tun soll."

„Nicht schlecht! Das Reden fällt dir schwer, wie? Du wolltest es mir verheimlichen?"

„Yeah", erwiderte Dean.

Der Oldtimer nickte und zog gemächlich an seiner Pfeife, so dass er von grauen Rauchwolken umhüllt war.

„Du warst immer sehr rücksichtsvoll, mein Junge. Du hast dir von mir die ganze Verantwortung aufbürden lassen, ohne es krumm zu nehmen. Aber ich war in Gedanken immer bei der Sache. Ich habe Dix beobachtet und dann den Namen in der Lohnliste aufgespürt. Es war leicht, sich zusammenzureimen, was das alles zu bedeuten hatte. Ein Revolvermann auf der Apachenweide! Es ist also weit genug gekommen! Aber keine Sorge, Sonny! Ich rede nicht dagegen. Doch früher machte man solche Sachen selbst."

„Man weiß nie, was noch kommen wird, Slim!"

„Wie ich dich kenne, wirst du erst dann anfangen, wenn alles eindeutig klar ist. Du machst es dir selbst schwer genug, nicht nur in dieser Sache."

„Slim, ich verstehe nicht recht!"

„So, dann denke darüber nach. Du wirst schon noch dahinterkommen. Vielleicht öffnet dir jemand die Augen. Es ist erstaunlich, dass so viele Menschen blind durch die Gegend reiten und sich dabei nicht die Köpfe einrennen. Damit meine ich nicht die One Tree-Crew, die vor einer halben Stunde aus den Hügeln kam und in Richtung der Stadt ritt."

„Slim, ich reite, ich habe dich gut verstanden."

„Schnalle um, Cowboy!", grinste ihn Slim Hallerman von der Seite an. „Man weiß nie, welches Hindernis plötzlich auftauchen kann. Die Parade der One Tree-Crew war zu augenfällig. Mit anderen Worten, sie wollte gesehen werden!"

„Stimmt auffallend! Das ist doch eigenartig, nicht? Sie wollten, dass man sie auf dem Ritt zur Stadt sah."

„Wir verstehen uns blendend, Sonny. Ein leiblicher Sohn hätte nicht besser reagieren können. Dix ist zur Stadt geritten. Den Weg dorthin kannst du dir ersparen."

„Slim, du bist mir eine Nasenlänge voraus."

„Heute vielleicht, Sonny. Sicherlich nur heute und vielleicht auch morgen oder übermorgen, wenn der Trail zu Ende ist; denn dann werde ich wohl lange auf dich warten müssen."

Ein bitterer Ernst schwang in seiner Stimme. Er nahm die Beine vom Tisch herunter, und jetzt sah es Dean in erschreckender Deutlichkeit, dass der Oldtimer wie ausgebrannt war, welk und hinfällig, und keine Kraft mehr hatte, um sich dagegenzustemmen. Man sah, dass Slim Hallerman den Kampf aufgegeben hatte und nur noch wartete.

„Ich weiß, was du jetzt denkst, Sonny, aber bedauere mich nicht. Es werden viel Jüngere von dieser schönen Welt gehen müssen und noch mehr Menschen, wenn die Hölle aufbricht!"

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4.

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Wieder einmal hatte der Boss der Broken Bucket-Ranch bewiesen, wie sehr er beobachten und kombinieren konnte, dass er mit dem Herzen dabei war und aus einem sicheren Instinkt heraus handelte. Old Hallerman war zwar kein Kämpfer mehr. Er war ausgebrannt von der Arbeit. Nichts war von seiner einstigen trutzigen Kraft geblieben, die es ihm ermöglicht hatte, vor vielen Jahren mitten im Apachengebiet zu ranchen, wo nur ein wirklicher Kämpfer bestehen konnte.

Sein Instinkt für Gefahren schien noch stärker und größer geworden zu sein. Es war zwecklos gewesen, ihm etwas fernzuhalten. Er hatte herausbekommen, dass ein Revolvermann in die Mannschaft aufgenommen wurde. Vielleicht war es besser so, überlegte sich Dean, als er, in seiner Kammer angekommen, den kurzläufigen Revolver aus der Hosentasche nahm und ihn gegen zwei 45er Colts vertauschte, die in offenen Halftern an einem schwarzen Gurt hingen.

Abwägend hielt er den Gurt in der Hand. Seine Augen verfinsterten sich. Er dachte darüber nach, wie lange die Waffen unbenutzt in der Truhe gelegen hatten. Als er sie vor Jahren fortlegte, waren die letzten Apachen in die Reservation abgewandert. Damals war er noch ein Knabe gewesen, aber er konnte nicht vergessen, mit welch bösem Grinsen Geronimo den Weg in die Gefangenschaft angetreten hatte. Unvergessen waren auch die Ausbrüche dieses Häuptlings, dessen Fährten in schrecklicher Weise von Blut und Gewalt gezeichnet wurden, bis das bittere Ende für ihn und seine wilde Horde kam. Damals rauchte es überall im Lande. Jetzt sah es danach aus, als würde das Land nochmals rauchen. Old Haillerman hatte es prophezeit, als gehöre er zu denen, die in die Zukunft blicken konnten.

Dean schlang sich den Gurt mit den Eisen um, dann rückte er die Colts zurecht. Etwas ungewohnt tief hingen sie herab, mit nach außen ragenden Griffen, deren Kolben abgewetzt waren und kleine Kerben zeigten. Nein, nicht von Dean stammten diese Kerben, die den Tod eines Mannes kennzeichneten. Er hatte Gurt und Waffen von seinem Vater geerbt. Es war das einzige, was ihm sein Vater hinterlassen hatte.

Damals, als ihn Old Hallerman auf die Ranch aufnahm, hatte der Rancher von ihm verlangt, dass er die Eisen einschloss. Jetzt war es wiederum Hallerman, der ihn aufforderte, die Waffen anzulegen. Dean hatte Slim Hallerman nicht erst zu fragen brauchen, was er tun sollte. Er wusste es selbst genau. Sorgsam lud er die Eisen und steckte sich genügend Munition ein.

Als Dean das Haus verließ und sich beim Pferdecorral umblickte, sah er den Oldtimer im Gesprach mit Clark auf der Veranda stehen. Patty war nicht dabei. Die beiden Männer unterbrachen ihr Gespräch und sahen zu, wie Dean sich mit der Lassoschlinge einen Rappen aus dem Rudel der hochbeinigen Reitpferde der Ranch holte. Es war ein Tier mit plastisch geädertem Fell und kleinen, harten Hufen.

Dean sattelte den Rappen und zäumte ihn auf, prüfte sorgfältig den Bauchgurt, wie es jeder erfahrene Reiter macht, bevor er aufsitzt. Die Angewohnheit vieler Pferde, beim Satteln die Luft anzuhalten, konnte verhängnisvolle Folgen für einen unachtsamen Mann haben, konnte ihn schneller aus dem Sattel fliegen lassen, als ihm lieb war.

Dean lächelte zufrieden und schwang sich auf den Pferderücken. Auf seine gewohnte Art öffnete und schloss er das Gatter vom Sattel aus. Als er an der Veranda vorbeiritt, sah ihn Clark überrascht an.

„Sonny, wozu die Kriegsausrüstung?"

„Du wirst es nicht glauben, Clark: Jemand neidete mir, dass sich ein Rudel grauer Wölfe auf unseren Weidegebieten herumtreibt", erwiderte Dean ohne anzuhalten. Er hörte des Oldtimers verhaltenes Lachen und Clarks schnelle Frage: „Welcher Narr hat sich das mit den Wölfen ausgedacht?"

Clarks Worte zerflatterten hinter Dean im Wind. Sicherlich würde Clark solche halben Andeutungen nicht hinnehmen und sich seine eigenen Gedanken machen. Im Augenblick war es jedoch unwichtig, was sich Clark dachte. Es musste nur eines getan werden, nämlich die Zeit nutzen. Dean ritt geradewegs nach Norden, in Richtung derZuni Mountains.

Er wusste, dass es ein einsamer Ritt werden würde, über viele Meilen hinweg. Aber das störte ihn nicht, konnte er so doch endlich mit seinen Gedanken allein sein und über das Problem der Broken Bucket-Ranch gründlich nachdenken. Noch nie war dieses Problem so dringlich in den Vordergrund getreten wie gerade jetzt. Dean machte sich nichts vor: Die Störung der internen Angelegenheiten der Ranch durch Clark kam zum ungünstigsten Zeitpunkt.

Gewiss, Clark war sein Freund. Wenn Patty sich schon verliebte, so war es besser, dass ihre Wahl auf Clark als auf irgendeinen anderen fiel. Clark stand jedoch irgendwie abseits. Er schien kaum etwas von dem Unwetter wahrzunehmen, das über die Apachenweide aufzuziehen drohte. Clark hatte nicht viel zu verlieren. Seine kleine Ranch wurde von ihm selbst bewirtschaftet. Nicht ein einziger Cowboy ritt für ihn. Dean glaubte nicht, dass Pattys Mitgift der Grund dafür war, dass Clark sich ihr genähert hatte.

Weder Clark noch Dix war so etwas zuzutrauen. Sam stand ganz außerhalb solcher Betrachtungen, denn Sam war über die Jahre hinaus, in denen ein Mann sein Herz an eine Frau verlor.

Je weiter Dean durch das einsame Hügelland ritt, um so mehr musste er am Mabel Turner denken. Yeah, auch Mabel war recht gut gestellt. Sie besaß einen Store in Atlanta. Ihr Geschäft ging gut. Warum nur hatte Clark mit ihr gebrochen?

„Dix hat mich mit seinem verteufelten Misstrauen bereits angesteckt", sagte er laut vor sich hin. „Ich werde dieses Misstrauen tief in mir begraben. Es ist scheußlich und bitter wie Galle."

Er brach plötzlich ab, hob sich lauschend im Sattel.

Im nächsten Augenblick hörte er deutlich den Hufschlag des fremden Pferdes. Ein schneller Blick nach allen Seiten genügte ihm. Weder von dem fremden Reiter noch von dem Pferd war etwas zu sehen. Die Tatsache, dass niemand ungesehen zwischen den Hügeln reiten konnte, ließ ihn eilig in die Deckung der Chapparalbüsche reiten. Es war ihm, als hätte er erst jetzt das erste Zeichen einer aufziehenden Gefahr wahrgenommen, denn der Hufschlag des fremden Pferdes war ebenfalls verstummt.

Oldtimer Hallerman hatte also richtig beobachttet. Ein wenig zu sorglos war Dean in die Hügel geritten. Er verharrte im Sattel des Rappen, den er zwischen den Büschen angehalten hatte, und beobachtete angestrengt das Terrain. Nichts regte sich. Wer immer ihn auch verfolgte, er schien kein Verlangen danach zu haben, gesehen zu werden.

Der Verfolger verhielt sich so vorsichtig wie er selbst. Es kam jetzt darauf an, wer die besseren Nerven hatte. Eine halbe Stunde verstrich. Eine Feldmaus huschte durch das Gebüsch, Insekten summten. Unruhig bewegte sich der Rappe, den Dean mit eisernem Willen zum Stillstehen zwingen musste. Der Rappe war für eine solche Situation nicht genug dressiert worden. Ein einziger Fehler konnte verhängnisvoll werden.

Doch es geschah nichts. Unheimlicher wurde das Schweigen ringsum. Jetzt erst glitt Dean aus dem Sattel und band die Zügel an einem tiefhängenden Ast fest. Geduckt schlich er in der Richtung davon, in der er den Verfolger vermutete.

Als er sich, kaum zehn Schritte von dem Rappen entfernt, ein wenig aufrichten wollte, schnaubte sein Pferd unwillig und stampfte mit den Hufen. Sofort blitzte es am gegenüberliegenden Hang aus den Büschen. Der Lichtfinger einer Waffe stach blendend grell heraus. Die Kugel schlug durch das Laubwerk neben Dean dicht in die Erde.

Nochmals blitzte es auf. Ein Lachen dröhnte hinterher, das aber jäh verstummte, als Deans 45er das Blei zum gegenüberliegenden Hang schickte.

Vier Schüsse waren insgesamt abgefeuert worden. Jetzt, nachdem die Detonationen verklungen waren, wirkte die einsetzende Stille besonders lastend.

Gespannt beobachtete Dean den gegenüberliegenden Hang, doch es regte sich dort nichts. Er bemerkte nichts, was für ihn wichtig sein konnte. Noch während er beobachtete, hämmerten Hufschläge den Boden. Ein Pferd entfernte sich schnell jenseits des Kammes. Als Dean seinen Rappen erreichte, waren die Hufschläge bereits verhallt.

Er saß auf und ritt zu der Stelle, von der aus er beschossen worden war. Zwei abgeschossene Patronenhülsen einer Winchester lagen am Boden. Er nahm sie auf und betrachtete sie, warf sie aber gleich wieder fort, denn die Schüsse waren aus einer Waffe abgegeben worden, wie sie jeder zweite Reiter auf der Apachenranch besaß. Es lohnte sich nicht, diese Hülsen mitzunehmen. Es war wichtiger, der Fährte zu folgen.

Er tat es vorsichtig. Bald war es ihm klar, dass er es mit einem noch unerfahrenen, jungen Reiter zu tun hatte, der noch nicht hart genug gebrannt war für die Aufgabe, die man ihm gestellt hatte. Das zeigte sich auch an dem kümmerlichen Versuch, die Fährte zu verbergen und einen Bogen zu schlagen.

Es dämmerte bereits, als Dean genau die Richtung des Reiters bestimmen konnte. Seine Fährte zeigte in die Richtung der One Tree-Ranch.

Es gab jetzt keinen Zweifel mehr: Ein Reiter dieser Ranch hatte auf ihn geschossen. Ein Cowboy jener Crew, die Wert darauf gelegt hatte, dass man ihren Paraderitt zur Stadt überall bemerken konnte.

Dean hielt abermals sein Reittier an. Er kniff die Augenlider zusammen und dachte nach. Je mehr er nachsann, um so enger wurde ihm die Kehle. Zum ersten Mal war von der Gegenseite ein Fehler gemacht worden. Dean gab es auf, in seiner ursprünglichen Richtung zu den Sommerweiden der Broken Bucket-Ranch zu reiten. Entschlossen lenkte er den Rappen in Richtung der One Tree-Ranch und ließ dem Tier die Zügel frei.

Auf dem Trailpfad der Ranch ging die Fährte des Mannes, der aus dem Hinterhalt geschossen hatte, in dem Gewirr vieler Huffährten unter. Doch das störte Dean nicht mehr. Wenig später glitt er, auf der One Tree-Ranch angekommen, aus dem Sattel.

Niemand stellte sich ihm entgegen. Ein alter Mann trug zwei Wassereimer zum Stall und sah ihn aufmerksam an, ohne indessen anzuhalten. Recht eilig, so schien es Dean, verschwand der Alte im Stall, wo er die Tür hinter sich zuschlug.

Dick Calhoun, der Boss, kam aus dem Haus und lehnte sich gegen die Veranda. Seine unter tiefen Fettpolstern fast verborgenen Augen betrachteten Dean unter hochgezogenen, buschigen Augenbrauen. Er wirkte etwas müde und schläfrig, als hätte der Hufschlag des Rappen ihn aus einem angenehmen Schlummer gerissen. Vor Jahren war Calhoun ein großer Mann gewesen, der zusammen mit Hallerman die Apachenweide besetzt hatte.

„Komm herein, Vormann!", sagte er mit tiefer Bassstimme. „Mir ist ein Mann jederzeit willkommen!"

Als er das sagte, tauchte hinter ihm die Gestalt seines Vormannes auf, dessen flammendrotes Haar wie ein Helm wirkte.

Details

Seiten
170
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903386
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Mai)
Schlagworte
apachenweide

Autor

Zurück

Titel: Apachenweide