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Seelen im Zwielicht: Historischer Roman

2016 200 Seiten

Leseprobe

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild/Illu. By Astrid Gavini, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Wismar (Wismaria) , Anno 1708

Die Geschwister Elisabeth und Peter Hennings versuchen ihr Leben in jener schwierigen Zeit zu meistern. Was die Schwester mit rechtschaffener Arbeit angeht, fällt dem Bruder mit Glücksspiel und zwielichtigem Handeln leichter.

Als ein kostbares Familienerbstück angeblich durch einen schwedischen Soldaten veruntreut wird,  muss Elisabeth eingreifen und den Kommandanten der Stadt, Oberst Liam Lindkvist, um Auskunft bitten. Dieser Alleingang ist ein großes Wagnis für eine junge Frau am Anfang des 18. Jahrhunderts.

Auch wenn das Schicksal ihr anfänglich diesen Schritt zu belohnen scheint, ziehen sich über ihr und ihren Bruder weitere, düstere Wolken zusammen.

Piet schafft es nicht, auf seiner neuen Lehrstelle Fuß zu fassen und begeht eine unselige Tat. Elisabeth, die ihn erneut vor den Folgen seiner Handlungen zu schützen versucht, kommt dabei in den Verruf des Schadensszaubers und  sieht ihre Lage vor Gericht als aussichtslos.  Ihr Retter allerdings, hat ein noch größeres Unheil für sie bereitgestellt.

So wird Elisabeth bewusst, dass sie nur ein Mensch vor jenem grausameren Schicksal retten kann: Liam Lindkvist, der schwedische Kommandant, zu dem sie sich mittlerweile mehr, als nur hilfesuchend hingezogen fühlt. Liam erwidert ihre Gefühle zu ihm, aber er muss in jenen Tagen wegen einer wichtigen Angelegenheit nach Schweden zurück.

Zwischenzeitig werden sieben schwedische Soldaten - die aus Wismaria desertieren wollen -  von einem jungen Mann - der eine hohe Belohnung wittert -  im Kommandantenhaus verraten.

Die Tragödie bekommt ein neues Gesicht, doch über ihr schwebt weiterhin das Geheimnis der Nebelkrähen und das Mysterium um einen alten, schwarz gekleideten Mann.

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Meine Stadt – fern meiner Heimat,

wie liebe und wie hass´ ich dich ...

(Liam Lindkvist 1708)

Roman

––––––––

Kapitel 1

––––––––

Elisabeth war sich sicher, dass sie in den nächsten Sekunden ohnmächtig werden oder zumindest keinen Ton herausbringen würde, doch sie bemühte sich um Haltung. Sie trat in den Arbeitsraum des Kommandanten und blieb nach den ersten beiden Schritten sogleich stehen, während der Soldat hinter ihr die Tür von außen schloss.

Der schwere Schreibtisch, welcher vor einem schmalen bleigefassten Fenster stand, konnte nur für den Bruchteil einer Sekunde ihr Augenmerk auf sich ziehen.

Es war die Person dahinter, die ihren Blick auf eine fremde Weise - gleich einer unbekannten Faszination - zu fesseln schien.

Oberst Liam Lindkvist erhob sich, als Elisabeth eintrat.

Sie wusste nicht, was es war: seine hünenhafte Größe, die Eleganz mit der er seine Uniform trug, sein schönes Gesicht oder einfach nur dieses spontane, umwerfende Lächeln, das alles oder auch nichts bedeuten konnte. Jedenfalls löste es Elisabeths innere Anspannung und zauberte ihr ebenfalls ein scheues Lächeln ins Gesicht.

»Elisabeth, wie schön, dass ihr hergefunden habt. Bitte nehmt Platz«, sagte er mit jener Stimme, die sie schon im Haus der Ruges bezaubert hatte.

Es war Elisabeth klar, dass er ihr als Oberst und Kommandant dieser Stadt nicht die Hand reichen würde, aber seine freundliche Geste, mit der er ihr einen der edlen, gepolsterten Stühle vor seinem Schreibtisch anbot, empfand sie bereits als große Ehre. Liam Lindkvist nahm wieder Platz, nachdem Elisabeth sich direkt vor ihn gesetzt hatte und ihm somit offen in die Augen sehen konnte.

Der vergoldete Leuchter zu seiner rechten Seite trug fünf brennende Kerzen, deren Licht die Arbeitsfläche auf seinem Schreibtisch noch etwas mehr erhellen konnte und die Züge seines Gesichtes sanft und edel erscheinen ließ. So wirkte die Farbe seiner Augen in diesem Kerzenschein kornblumenblau, wie die Grundfarbe seines Rockes, der mit seinen goldgelben Blenden und Knöpfen ganz hervorragend aussah und eigens für seine Persönlichkeit geschneidert schien. Jener Militärrock war nicht hochgeschlossen, sodass man das makellose, weiße Hemd mit dem hohen gebundenen Halsabschluss und der eleganten, einfachen Brustrüsche erkennen konnte. Wie es üblich war, trug auch er sein langes Haar mit einem Band im Nacken geschlossen. In diesem Fall war es in der blauen Grundfarbe seiner Uniform gehalten. Seine Beinbekleidung war - außer den schwarzen, hohen Stiefeln - durchweg weiß.

Elisabeth hatte das Gefühl sich an seinem Äußeren nicht sattsehen zu können. Sie hatte ihn als einen sehr gut aussehenden Mann in Erinnerung, aber nun fand sie ihn außergewöhnlich beeindruckend. Dass er sie für wenige Sekunden im gleichen Maße zu mustern und aufzunehmen schien, nahm sie in diesem Moment nicht war. Sie erkannte nur, dass sein feines Lächeln nicht wirklich aus seinem Gesicht schwinden wollte. Er neigte seinen Kopf etwas zur Seite und begann zu reden.

»Das Geschlecht der Kaufleute Hennings hatte seinen Ursprung anfangs des 15. Jahrhunderts und wuchs bis zum großen Krieg zu einer eigenständigen, kaufmännischen Größe. Das Handelsschiff WISSEMARIE war auch nach dem Krieg und sogar während der schwedischen Besetzung immer noch tonangebend, bis all das familiäre Werken am 28. Juli 1699 bei der Explosion der Wehrtürme nimmer wiederkehrend vernichtet wurde. - Die letzten Überlebenden eines großen Hansegeschlechtes sind Peter und Elisabeth Hennings. Die einzigen Kinder von Johannes und Catherina Hennings. Die Tochter verdient ihren Lebensunterhalt als Näherin bei dem Schneidermeister Gottlieb Borg. Der Sohn ist noch auf der Suche nach Ausbildung. – Ihr Vormund ist der Kaufmann und Ältermann Paul Streeck. Und vor mir sitzt Elisabeth Hennings - Ist das exakt?!«

»Außerordentlich exakt, Herr Oberst.«

Elisabeth schluckte fest. Sie wusste, dass selbst der Kommandant dieser Stadt jene Daten nicht ohne Weiteres im Rathaus einsehen konnte. Woher hatte er demnach all diese Erkenntnisse? Liam lächelte, als hätte er ihre Gedanken verstanden.

»Ich habe mich nur umgehört, werteste Elisabeth. Ihr und eure Familie habt in Wismaria immer noch einen großen Namen und einen ebenso guten Ruf.«

Diese Einleitung zu ihrem Gespräch beeindruckte und berührte sie tief. Trotzdem versuchte sie ihre Haltung nicht zu verlieren, schaffte es aber kaum den Blickkontakt zu halten.

Liam neigte sich zu ihr nach vorne und legte dabei die Unterarme auf den Tisch. Er wirkte sehr ruhig, was sich auf Elisabeth zu übertragen schien.

»Bitte sagt mir, was ich für euch tun kann, teuerste Elisabeth. Erzählt es mir ganz in Ruhe und in allen Einzelheiten, denn ich habe nicht die leiseste Ahnung, was hier passiert sein soll. - Das heißt, der Hauptgrund Eurer Sorge ist ein verlorengegangenes Familiensiegel, das ihr hier im Hause vermutet. Ist das korrekt?!«, begann Liam behutsam, um Elisabeth die erkennbare Verunsicherung zu nehmen. Sie nickte.

»Ja ... Herr Oberst. So ist es«. Liam nahm die Anrede mit einem leichten Schmunzeln entgegen und blickte kurz zur rechten Seite. Erst jetzt sah Elisabeth, dass sie nicht alleine waren. Links hinter ihr war ein noch recht junger Soldat an einem Tisch in seine Schreibarbeit vertieft. Seine blaugelbe Uniform war in vielen Einzelheiten schlichter gehalten, als die seines Vorgesetzten. Liam sagte etwas in schwedischer Sprache zu ihm, dieser antwortete mit einem »Till kommandot, Överste Lindkvist!«, was sie zu verstehen schien. Elisabeth erschrak ein wenig, was Liam im Fluge erkannte.

»Ihr befindet euch hier in einer militärischen Einrichtung, Elisabeth. Dennoch, keine Sorge: Jeder Offizier hat einen Sekretär, und er wird nur dann protokollieren, wenn er es anordnet. Das sagte ich ihm gerade.« Sie hatte verstanden. Es war ungeschickt von ihr nicht den Treff nach seinem Dienst gewählt zu haben. Denn natürlich konnte sie hier niemals unter vier Augen mit ihm reden. Aber sie versuchte sich zu fassen.

»Das ist verständlich, entschuldigen Sie.«

»Kein Grund, um sich zu entschuldigen, werte Elisabeth. Erzählt mir, was vorgefallen ist, Ihr könnt den Vertretern der königlichen Armee vertrauen!« Sein Lächeln war wieder da und Elisabeth fühlte sich geborgen. Liam hatte sich eine weiße Schreibfeder in die Hand genommen und ein Stück Papier zurecht gelegt. Er bewegte sich entspannt und schien von innerer Ruhe getragen.

»Ich werde mir zu dem, was ihr sagt Stichpunkte machen, dann können wir im Nachhinein das Unverständliche besser klären.« Elisabeth nickte.

Von vorne sollte sie beginnen und das tat sie auch; sachlich, klar und mit Angabe der Daten. So erzählte sie Liam, dass ihr Bruder das silberne Familiensiegel an einen seiner Soldaten namens Leif - der bei den Ruges wohnen würde - ausgeliehen hätte, um es von ihm unentgeltlich schätzen zu lassen. Dieser Soldat sei aber am Folgetag zu Liam in das Kommandantenhaus gerufen worden und hätte dort wohl dieses Siegel entwendet oder beschlagnahmt bekommen. Daraufhin hätte sie ihren Bruder und dessen zukünftigen Meister beauftragt, sich hier in dieser Einrichtung zu melden und anzugeben, dass es sich um ihr Familiensiegel handeln würde. Als ihr Bruder und dessen Freund und Meister zurückgekommen wären, hätte man ihr erzählt, dass sie mit dem Kommandanten Liam Lindkvist gesprochen hätten und dieser die Herausgabe des Siegels strikt abgelehnt hätte.

Weitere Einzelheiten wollte Elisabeth vermeiden. Nichts davon sagen, dass sie Liam arrogant gefunden hätten und er sich auch nicht an sie hätte erinnern können.

Liam hatte tatsächlich hier und da mitgeschrieben, steckte die Feder ins Tintenfass zurück und blickte Elisabeth ernster werdend an.

»Diese Geschichte ist genau so unfassbar, wie interessant, teuerste Elisabeth. Beginnen wir einfach wieder von vorne.« Irgendetwas schien ihn wirklich leicht aus der Fassung gebracht zu haben. Er biss sich kurz auf die Unterlippe, ehe er sich weiter äußerte.

»Als Allererstes zur Klärung: Der Soldat Leif Nyberg wohnt zwar bei den Ruges, wurde von mir aber bereits vor zwei Monaten zum Fort Walfisch abkommandiert - aus verhaltensbedingten Gründen. Dort hat er bis zum nächsten Jahr Wachdienst.

Es wäre von daher recht unwahrscheinlich, würde er es wagen zu einem Plausch von der Bastion aus zu den Ruges zu schleichen. Es gäbe genügend Kameraden, die ihn anzeigen würden, nur um sich damit ein Zubrot zu verdienen. Aus diesem Grunde, werte Elisabeth, kann weder euer Bruder ihm das Siegel gegeben, noch ich ihm dasselbe entwendet haben!« Liam bemerkte Elisabeths ansteigende Fassungslosigkeit. Sie musste sich zusammenreißen, um einen Satz formulieren zu können.

»Aber, die beiden waren doch hier, bei ... Ihnen?!« Liam atmete tief durch und rieb sich kurz mit Daumen und Zeigefinger über die Nasenwurzel und über seine Augenlider.

»Ich habe - nachdem ich Euren Brief erhielt - nachgesehen, wer an diesem Tag als Besucher gemeldet war und um welche Uhrzeit. Da ich mittlerweile weiß, dass euer Bruder Peter heißt, fand ich diesen Namen zusammen mit dem Nachnamen Hennings nirgendwo. Er war jedenfalls nicht hier.

Aber wie dem auch sei: Mit mir konnten die Herrschaften gar nicht geredet haben, denn ich bin erst seit dieser Woche wieder im Kommandantenhaus. Einschließlich Samstag befand ich mich im Zeughaus. Ich könnte Unterlagen und Zeugen bringen, die es euch bestätigen würden.« Seine leicht angespannten Züge gebaren ein etwas bitter anmutendes Lächeln.

»Bei Gott nein, Herr Oberst ... ich ...« Elisabeth schaffte ihren Satz nicht zu Ende. Sie glaubte unter ihrem heftigen Herzschlag im nächsten Moment sterben zu müssen und hatte Mühe die Verzweiflungstränen zurückzuhalten.

»Ich bedauere es in diesem Augenblick sehr, teuerste Elisabeth, dass man euch wohl in einer recht hintertriebenen Weise irreführen wollte. Hier muss man den Grund finden, weshalb man dies tat«, begann Liam beschwichtigend, aber immer noch mit dem Ausdruck aufkeimender Anspannung.

»Nur bleibt es in diesem Falle nicht dabei, dass man euch bewusst betrügen wollte, sondern hier wird - und bei Gott, so ist es - der Kommandant der Garnison Wismaria verleumdet!« Liam nahm militärische Haltung an und gab seinem Sekretär ein Handzeichen.

»Elisabeth, ihr müsst mir den Namen des andern Mannes sagen, diese Sache muss protokolliert werden.« Er erkannte das Entsetzen und Flehen in ihren Augen, das er ihr nur zu gerne genommen hätte, aber er musste diesen Weg einhalten.

»Was bedeutet das? Bitte ...« Liam wartete, aber sie schaffte erneut ihren Satz nicht zu Ende.

»Im Augenblick noch gar nichts. Im schlimmsten Falle eine Strafanzeige wegen übler Nachrede, und das würde ich den Herrn nicht wünschen.«

Elisabeth hatte das Gefühl, dass sie diese Situation nicht überleben würde. Wieso hatte sie solch eine Folge nicht bedacht, als sie sich dafür entschied hierher zu kommen?!

Nein, was hatten Piet und Pavel ihr angetan, dass sie nun hierher musste, um die Wahrheit zu erkunden? Und nochmals nein, was konnte sie tun, dass Liam nun von einer Strafanzeige absah?! - Nein, aus dieser schlimmen Lage kamen weder sie noch Piet oder Pavel ungeschoren heraus. Wie konnten sich diese Schwachköpfe nur so etwas ausdenken?! Dagegen war die Geschichte mit dem Heiligengeist Hospital und Pastor Sprengel ja nur ein Dummerjungenstreich!

Liam ließ ihr Zeit und hätte ihr zu gerne Worte der Beruhigung gesagt, die er in seiner Position an diesem Ort allerdings nicht aussprechen durfte.

»Es ist Pavel ... Pavel Korden, der Seifensiedermeister, der gerade sein neues Geschäft eröffnet. - Oh mein Gott. Wenn Piet jetzt wieder seine Stelle verliert und  Pavel sogar seinen Betrieb ... Das ist das Ende!« Liam erkannte, dass Elisabeth in ihrer Verzweiflung zu kämpfen hatte, und von daher mehr zu sich selbst sprach, als zu ihm.

„Pavel Korden – Seifensiedermeister und Peter Hennings, Auszubildender seiner Zunft sagen aus, am Samstag, den 17. Dezember 1707 um „die Mittagszeit“ im Kommandantenhaus gewesen und mit Oberst Liam Lindkvist eine Unterredung gehabt zu haben. Sie forderten ein Familiensiegel zurück, das den Hennings gehört. Es wurde ausgesagt, dass der Oberst ihnen diese Plakette nicht geben wollte, weil er diese als beschlagnahmt bezeichnete. - Ist dies so der Sinn, Elisabeth?“

Was sollte sie antworten? Sie selbst hatte es so erzählt und es entsprach auch der Wahrheit. Elisabeth nickte und gab ein kaum hörbares »Ja, Herr Oberstleutnant ... Oh, entschuldigen sie bitte - Herr Oberst ...« von sich. Liam nickte ihr mit geschlossenen Augen zu. Sie verstand, dass dieses Mienenspiel beruhigend wirken sollte und es war ihr äußerst peinlich, den Kommandanten zum Oberstleutnant degradiert zu haben. Alles schien ihr zu entgleiten und am liebsten hätte sie keinen Ton mehr sagen wollen ...

Liam setzte sich wieder gerade und diktierte dem Sekretär den vorher in deutsche Worte gefassten Text in schwedischer Sprache. Elisabeth schmerzten Magen, Nacken und Schläfen im gleichen Maße. Der Sekretär brachte Liam das Blatt und dieser reichte es Elisabeth samt der Schreibfeder.

»Ihr müsst das bitte unterzeichnen.« In seiner Tonlage schwang ein fühlbares

»Es tut mir leid« mit, was Elisabeth erkannte, ihr die Sache aber nicht leichter machte. Trotzdem setzte sie rasch und ohne zu zögern ihre Unterschrift darunter und fühlte sich noch einen Schritt elender als zuvor. Gegenüber ihres Schriftzuges unterzeichnete Liam und schloss das Protokoll mit dem ihr bekannten Stempel - der sein persönliches, militärisches Siegel zeigte - ab.

»Hört mir zu Elisabeth«, redete er sie mit beschwichtigender Stimme an.

»Dieses Protokoll werde ich zur Seite legen und nicht zur Anzeige bringen. Ich bin nämlich davon überzeugt, dass euer Bruder und sein Meister nicht in erster Linie die Absicht hegten, mich und das Kommandantenhaus zu verleumden, sondern mich nur dazu nutzen wollten, um Euch ein bitteres Märchen weismachen zu können. - Sollten die Herren diesbezüglich den Mund halten, ist für mich die Sache soweit erledigt.

Allerdings bleibt nun der Eintrag in den Akten und der kann bis nach Schweden erfasst werden.« Liam gab seinem Sekretär ein Zeichen, in dem er das Blatt kurz anhob. Dieser kam erneut an den Schreibtisch seines Offiziers und nahm es wieder an sich.

»Was den Fall des Siegels betrifft, teuerste Elisabeth, werde ich bereits noch heute meine  Leute beauftragen, die sich bei den Soldaten - welche bereits verhaltensbedingt auffällig waren und sind - euer Familiensiegel zu suchen oder heraus zu finden, wo es geblieben ist. So wird diese Angelegenheit von nun an Aufgabe des Militärs, da der Name des straffälligen Leif Nyberg genannt wurde. Ich werde Euch auf dem Laufenden halten und Euch schriftlich informieren, Elisabeth. Ist ... dies für Euch so in Ordnung?«

Erneut neigte er den Kopf etwas zur Seite. Sein Blick hatte geradezu etwas Flehendes. Elisabeth nickte fest.

»Könnt ihr mir eine Beschreibung des Siegels geben?«, kam Liams ruhige Zusatzfrage und Elisabeth erbat sich ein Stück Papier, das er ihr mit der Feder und seinem Tintenglas reichte. Liams Ausdruck verriet Interesse an dem, was sie zu zeichnen bereit war.

Elisabeth begann mit einem handtellergroßen Kreis, in den sie in raschen Zügen eine stilisierte Kogge mit einem Eichblatt als Segel einfügte. Diese setzte sie auf eine außergewöhnliche Wellenform und schrieb gegen den oberen Rand das Wort: HENNINGS, und an den unteren: WISSEMARIE. Sie reichte Liam das Papier und dieser musterte die Zeichnung mit anerkennendem Nicken.

»Danke, besser könnte man es nicht darstellen. Ihr seid sehr begabt, werteste Elisabeth!« Sie wagte kaum sein Lächeln zu erwidern.

»Hätte es sich im Übrigen so zugetragen, wie euer Bruder und dieser Meister sagten, wäre von meiner Seite aus niemals eine Beschlagnahmung erfolgt. Denn erstens ist das dem Gesetz nach in solch einem Fall nicht vorgesehen und zweitens, wird alles an Fundstücken ausgehändigt, wenn sich ein Besitzer ausfindig machen kann. Dies gilt auch beim Verdacht einer Straftat. Der Geschädigte muss nur mit dem Gegenstand der Tat oder Diebesgut für die Verhandlung verfügbar sein.«

»Danke Herr Oberst, ich hätte nach all dem, was ich berichtet habe, Ihren Großmut nicht erwartet.« Liam nickte und verstand, dass sie sich Mühe gab, korrekt zu wirken. Dies aber nicht aus Mangel an der Fähigkeit, sondern, weil sie die gesamte Situation gefühlsmäßig unglaublich überforderte. Er atmete fest aus und blieb seiner militärischen Redensart treu.

»Ich will euch nicht zum Verrat auffordern, Elisabeth, aber wenn ihr in Erfahrung bringt, dass irgendetwas Diesbezügliches an verlogenen Äußerungen über mich in Umlauf kommen sollte, bitte informiert mich darüber. Das kann ich nämlich so nicht dulden.

»Sie haben mein Ehrenwort, Herr Oberst, das werde ich tun!«, versicherte sie und hatte nicht bemerkt, wie ihr bereits die Tränen über die Wangen liefen. Natürlich konnte sie darüber hinaus nicht ahnen, wie sehr dies jenen sachlich wirkenden Offizier bewegte. Er versuchte auszuweichen.

»Werteste Elisabeth, erlaubt ihr mir offen zu sprechen?« Sie nickte.

»Ich weiß von einigen meiner Soldaten und sogar Unteroffizieren, dass diese gerne nach getanem Dienst eine Runde am Spieltisch verbringen und leider dort auch ihren hart verdienten Sold verspielen. Die Leute, die bei den Ruges wohnen, sind nur einige von jenen. Mir ist auch bekannt, dass zumindest einer der Rugessöhne gerne mitspielt. Wie steht es mit Eurem Bruder oder dessen Meister? Wisst Ihr, ob auch diese Beiden ab und zu mit am Tisch sitzen?«

Das musste sie leider in Hinsicht auf Piet sehr schnell bejahen. Elisabeth ging nicht in Einzelheiten über, sagte nur, dass ihr dies von ihrem Bruder selbst bekannt sei. Sein Meister allerdings wäre kein Spieler und hätte auch keinen Umgang mit den Ruges oder den Soldaten.

»Dann weiß ich, wo wir euer Siegel zu suchen haben!« nickte Liam mit überzeugtem Blick und Elisabeth hatte auf einen Schlag verstanden. Sie spürte, dass sich ihr Sinnen in glühendflüssiges Blei zu wandeln schien und ihre Nerven kurz vor einem Feuerwerk standen, das nicht der Freude diente.

Liams letzte Worte gaben dem ganzen Gebäude an Vermutungen, List und Lügen einen Sinn. Piet hatte das Siegel als Pfand eingesetzt und verspielt! Sie traute es ihm zu - klar und zweifellos! Damit war alles gesagt und Elisabeth verspürte den Wunsch, auch Liam nicht länger mit dieser Angelegenheit zu strapazieren. Sie wollte gehen.

»Ja, ich verstehe ...Ich denke, dass ich nun mit Verlaub ...« Sie erhob sich zeitgleich mit Liam. Dieser sagte etwas in schwedischer Sprache zu seinem Sekretär, der daraufhin augenblicklich die Arbeitsstube verließ und die Tür von außen ins Schloss legte.

»Ich habe jetzt etwas getan, dass ich normalerweise nicht tun dürfte, aber ich möchte unbedingt noch einige Worte mit euch alleine reden, Elisabeth.«

Erneut dachte sie, dass ihr die Knie wegrutschen würden, als Liam nur einen Schritt weit von ihr entfernt stehen blieb. Sie spürte diesen sinnenberaubenden würzigen Duft, der ihn umgab. Vielleicht ein besonderer Tabak, den er rauchte, oder auch nur der Wohlgeruch seiner Person, den sie wahrnahm. Natürlich konnte Elisabeth nicht ahnen, dass Liam der Blütenduft von Renatas Seife ebenso angenehm auffiel.

»Nehmt euch um Gottes willen all dies, was heute von mir gesagt und angeordnet wurde, nicht so schwer zu Herzen. Als Offizier und Kommandant kann ich nicht anders handeln und reden. Meine Position und Verpflichtung verlangen es von mir.« Liam sah kurz zur Seite, und fuhr mit einem direkten Blick in ihre Augen fort.

»Ich weiß, was ihr durchmacht, Elisabeth. - Ich weiß auch, wie sehr ihr für euren Bruder kämpft, damit er einen sicheren Fuß in dieses Leben bekommt, da euer gemeinsamer Vormund in vielen Fällen nicht seiner Verpflichtung nachkommt. Ich werde niemals derjenige sein, der das Leben eines jungen Burschen zerstören wird. Alle unsere Wege waren und sind zu hart. Von daher werde ich auf keinen Fall etwas veranlassen, dass gerade euch Schaden zufügen könnte. Nicht euch und nicht den Personen, die mit euch verbunden sind.« Es waren Worte, die ihr zu Herzen gingen und sie verstand: Liam war kein eiskalter Krieger. Er besaß eine durch und durch reine, empfindsame Seele.

»Ich hätte Ihnen diese Unannehmlichkeit gerne erspart«, sagte sie zögernd aber aus tiefstem Herzen. Er lächelte und sie erkannte, dass er sehr nachdenklich wurde.

»Man kann nur etwas ändern, wenn man gewillt ist es anzugehen. Also war es gut, dass ihr mich informiert habt. Vor unseren Toren tobt ein fürchterlicher, nicht enden wollender Krieg ... und die meisten Menschen - auch unsere Soldaten - wissen nicht, wie viel Glück sie haben, dass sie hier bei ihrem Tun in dieser Garnison davon verschont bleiben. Versteht ihr Elisabeth? Es ist alles besser, als der Tod. Denn nur so lange man lebt, kann man Schlechtes zum Guten ändern. Glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede.«

Sie nickte, und konnte dem Sinn seiner Worte nur zustimmen.

»Anscheinend benötigt es wirklich mehr Mut miteinander in Frieden zu leben, als sich den Krieg zu erklären ...«, wagte sie gegenüber einem Offizier zu äußern, worüber dieser allerdings anerkennend lächelte.

»Das war sehr weise gesagt, Elisabeth. - Die Aufgabe eines Garnisonskommandanten ist es tatsächlich, den Frieden zu sichern. Würden nur die Hälfte der Bürger es hier so sehen, wie ihr, wäre ich mit meiner Arbeit ein ganzes Stück weiter.« Liam brachte Elisabeth zu einem verlegenen Lächeln. Einen Moment lang wich sie seinem Blick aus, und er wagte es, sie für eine Sekunde sehr behutsam an ihrem Oberarm zu berühren.

»Elisabeth, wenn ihr diesem Arbeitsraum den Rücken zudreht, habt ihr etwas Großes zurückgelassen: euren Eindruck auf mich! - Ihr seid eine bewundernswerte Frau.«

Irgendetwas in ihrem Leib zog sich zusammen. Sie kannte dieses Empfinden überhaupt nicht. Aber es fühlte sich an, wie eine Sehnsucht nach dem, was sie ihr Leben lang vermisst hatte. Etwas, das nun zum Greifen nah zu sein schien aber nicht zu fassen war. Diese Berührung löste in ihr eine Art Schauer der Ergriffenheit aus. Zusätzlich hatte sie noch niemals jemand zuvor als »Frau« bezeichnet! Sie war stets die »Deern«, die »Jungfer« ... Das Wort »Frau« gab ihr etwas Erhabenes - eine Form von Selbstwert und Stärke - das sie nicht kannte.

»Herr Oberst, ich ...«

»Elisabeth, erinnert euch bitte: Ich bin LIAM! - Beim nächsten Treffen kommt bitte ohne Scheu als mein persönlicher Gast ins Tribunal. Dort, wie auch hier, werde ich den Wache haltenden Soldaten Euren Namen hinterlassen. Eurem Wunsch, mich kontaktieren zu wollen, muss zu jeder Zeit nachgegeben werden! – Dabei möchte ich gerne mit den Worten des Liam Lindkvist mit euch reden, nicht nur mit denen des Offiziers seiner Majestät.«

Er reichte Elisabeth die Hand, um ihre - bereits eiskalte - danach mit beiden Händen zu fassen. Sie glaubte vor Ergriffenheit nicht mehr atmen zu können.

»Was immer auch passiert, haltet durch Elisabeth. Ich werde für euch da sein, und: Wir werden uns wiedersehen. Das weiß ich.«

Sie sah ihm so direkt und tief in die Augen - in dieses faszinierende Gesicht mit der kleinen unauffälligen Narbe am linken Wangenknochen - wie nie zuvor. Elisabeth spürte das unsagbare Verlangen, von ihm in den Arm genommen zu werden, doch sie wusste nur zu gut, dass dies von der militärischen Etikette her unmöglich war.

»Danke, Liam, für jede Sekunde, die ihr mir heute gewidmet habt«, traute sie sich zu sagen und ihr abschließendes: »Ich wünsche euch ein gesegnetes Fest. Gott schütze euch«, brachte sie zwar recht leise hervor, aber er konnte das Ausmaß der Bedeutung ihrer Worte aufnehmen.

»Gud välsigna Elisabeth«, entgenete Liam mit ebenso verhaltener aber erkennbarer Herzlichkeit.

Er öffnete ihr sogar die Tür, als sie den Raum verließ und ihn noch ein einziges Mal direkt anblickte. Liam ließ seinen Sekretär wieder eintreten.

Das gerade Erlebte hatte Elisabeth, als sie alleine im Vorraum stand, schlagartig in einen Dämmerzustand versetzt. Nur langsam und erkennbar abwesend in ihren Gedanken schritt sie das langstreckte Vorzimmer bis zur Treppe zurück. Von jenem Standort aus, konnte sie dessen Ende sehen, an dem die Werkzeuge der Handwerker lagen. Über dieTreppe, die am dortigen Ende zum zweiten Stock führte, kamen hurtige Schritte und sie dachte ihren Augen keinen Glauben schenken zu können: Es war Berthold Ruge, der nach dem Hobel, welcher links neben jener Treppe auf dem Boden lag, griff!

»Meister Hannes Lübke arbeitete hier am Dachgebälk!«, kochte es siedendheiß in ihr auf. Sie konnte der Situation nicht mehr entfliehen. Bertel blickte zu ihr her und ließ fast den Hobel aus der Hand fallen.

»Lisbeth?!«, kam es gedämpft aus seinem Mund, während sein Hals immer länger zu werden schien. Sie hob den Kopf und ging kühnen Schrittes auf ihre Treppe zu. Ihr »Guten Tag Bertel!«,war alles andere als herzlich.

»Teufel nochmal, was machst du denn da ... in den Offiziersräumlichkeiten?!« Er kam ihr tatsächlich halbgebückt mit jenem langestrecktem Hals entgegen und fuhr im Flüsterton fort.

»Dort ist das Arbeitszimmer des Kommandanten! Was machst du da, zur Hölle?«

Elisabeth hatte große Lust ihn von der Treppe zu schubsen.

»Geh doch rein und frag ihn! Du bist doch sonst so couragiert!«, war mit Sicherheit nicht das Schlauste, was sie ihm als Antwort an den Kopf werfen konnte, aber es ärgerte ihn zumindest. Sie huschte die Treppe hinunter, während ihr ein zischendes »Unverschämtes Luder!« folgte.

Verwirrt, verärgert und wütend traf Elisabeth auf einen Wachsoldaten am Treppenaufgang. Er schien zu erkennen, wie aufgebracht sie war, und sie nutzte die Gelegenheit um ein »Dieser unverschämte Zimmermannsgeselle!«, verlauten zu lassen, ohne den Soldaten damit direkt ansprechen zu wollen. Jener allerdings hatte den Hinweis sehr wohl verstanden und eilte interessiert die Treppe hinauf, denn anscheinend schien hier ein Gast des Kommandanten durch einen Handwerker beleidigt worden zu sein.

Als Elisabeth das Kommandantenhaus verließ, war ihr bewusst, dass sie als allererstes nach Sankt Georgen eilen musste, um dort ihre Gedanken zu ordnen und das Erlebte zu verinnerlichen. Dieser Abschluss ihres Besuches war das Scheußlichste, was ihr hätte passieren können. Ausgerechnet Bertel! Morgen wüsste es Piet und dann die ganze Gesellschaft!

Sie hielt in ihrem Schritt an, als sie vor dem Tribunal stand und wollte sich wieder einmal für ein paar Sekunden im Betrachten der großartigen Gebäudefront verlieren.

Hier im zweiten Stockwerk wohnte der Kommandant und Tribunalspräsident Liam Lindkvist - kam ihr in den Sinn. Wie edel mochten diese Räumlichkeiten wohl sein? – In ihrer Erinnerung ging sie in das schön eingerichtete Haus ihrer Familie in der Wollweberstraße und die ihrer befreundeten, wohlhabenden Kaufmannsfamilien zurück. Seit der Tragödie der Wehrturmexplosion hatte sie nie wieder eines jener fein eingerichteten Häuser betreten. Schließlich war dies im nachfolgenden Kampf um das nackte Überleben auf den letzten Platz der Wünsche gerückt.

Der ehemalige Fürstenhof - das jetztige Tribunal - trug noch immer die überreichlichen, als Reliefs dargestellten Sagen- und Bibelgestalten. Das Gebäude beindruckte von daher bereits tief durch seine prächtige Fassade. Weiß gefasst und blau unterlegt, schmückten die Reliefs in unendlicher Vielfalt die Tordurchfahrt, wie auch die Fensterrahmen auf allen drei Ebenen.

Heute dienten Elisabeth die Figuren an der Tordurchfahrt zu einem kurzen besinnlichen Innehalten.

»Wieso eigentlich nicht?!«, kam es ihr spontan in den Sinn. Weshalb sollte sie sich davor fürchten, Liam in seinen persönlichen Räumlichkeiten aufzusuchen? Auf eine gewisse Weise waren schließlich auch diese mit all den militärischen Ordnungshütern und Wachpfosten des Tribunals nicht von der Welt abgeschieden. Außerdem müsste sie sich vor Liam nicht fürchten, dessen war sie sich sicher, und zur Hölle mit den ungnädigen bürgerlichen Vorschriften!

Nein, sie würde sich nicht mehr durch gesellschaftliche Zurechtweisungen in ihrem Denken und Handlen verbiegen lassen. Dass sie damit einen gefährlichen Weg einschlagen würde, war ihr bewusst, denn eigenes Denken und Handeln war ihr als Mädchen verboten, und dies würde auch so bleiben, wenn sie verheiratet wäre.

Nein, sie hatte das Recht darauf, nachfragen zu dürfen, was mit ihrem Siegel geschehen war! Selbst Pavel hatte es ihr mit Unkenrufen empfohlen. Dennoch, auf keinen Fall würde sie jemandem einen Mucks über das soeben Erlebte berichten, sondern einfach nur abwarten, was passieren würde, sollte Bertel ihre Begegnung hinausposauenen. Gewiss würde sie die rechten Worte einer Entgegnung finden.

*

In Sankt Georgen ging sie wieder zu ihrer Bank am Hochaltar und versuchte nach einem Dankgebet ihr gerade Erlebtes mit Andacht zu verarbeiten.

Als Erstes wurde ihr eine Sache voll und ganz bewusst: Sie hatte sich heute unsterblich in Liam verliebt. Das bescherte ihr ein wundervolles Gefühl, kam aber in jener Zeit und in ihrer persönlichen Lage einem großen Unglück gleich. Sie würde für dieses Empfinden leiden und bezahlen müssen, da es keine erfreuliche Bestimmung für ihre Zukunft haben konnte. Sie wusste ja noch nicht einmal, ob Liam vergeben oder frei war. Vielleicht wollte er nur liebenswürdig zu ihr sein, weil sie ihm leid tat. Einem Mann, wie Liam - dem lagen doch alle Frauen zu Füßen!

Sie schluckte fest. Egal und wie auch immer - sie war in ihn verliebt.

Dann flogen ihre Gedanken sofort zu Piet. Wie grausam dicht Himmel und Hölle doch beieinander liegen konnten, hatte sie heute erlebt. Piet hatte sie nicht nur schändlich belogen, sondern auch eiskalt das Familiensiegel gestohlen und verspielt. Darin war sie mit Liam einer Meinung.

Piet war nicht nur jeden Tag bei den Ruges um Holz zu hacken. Er saß mit Bertel und den Soldaten am Spieltisch! Wie konnte sie nur so einfältig sein und dies nicht früher erkannt haben?! Ärger stieg in ihr hoch. Was war nur mit Piet geschehen?! - Sie hatte keine erzieherische Gewalt mehr über ihn, Streeck drückte sich von jeher von seiner Verpflichtung als Vormumd, und nun hoffte sie diesbezüglich sehnlichst auf seinen Meister, Pavel - aber nein! Auch er hatte Piet nicht im Griff. Schlimmer noch: Er deckte dessen Schuld!

Pavel wusste gewiss, das Piet das Siegel verspielt hatte. Vielleicht gab es einen Handel zwischen den beiden?! - Piet wollte dafür sorgen, dass keiner außer Pavel ihr den Hof zu machen hatte und auch darauf, dass er auf Streecks Liste der Heiratskandidaten an erster Stelle stehen blieb. Pavel log dafür für Piet in der Siegel-Angelegenheit. Das alles ergab einen Sinn. Einen elenden, gemeinen hinterlistigen Sinn!

Selbst wenn sie in Liam die große Liebe finden würde, was war dies alles wert, wenn ihrem Bruder in der Zwischenzeit durch teuflische Mächte sein Gewissen, seine Seele verloren ging? Diesen Preis würde sie niemals zahlen wollen. Doch auch in dieser Angelegenheit konnte sie nirgendwo einschreiten.

Sie musste die Bestimmungen fließen lassen und die gezeichneten Wege gehen. In der Hoffnung, dass Pavel ihrem Bruder eine Ausbildung ermöglichen und dieser durchhalten möge, würde sie sich in nichts mehr einmischen aber sich auch nie wieder zu irgendetwas Ungewollten fügen oder unterordnen! Sie wäre immer noch bereit alles zu tun, damit Piet zu einem anständigen Leben finden würde. Nur ihr Vertrauen, das hätte er jetzt nicht mehr und eine weitere Vorstellung müsste er und Pavel sich aus dem Kopf schlagen: Sie würde Pavel niemals heiraten!

Und ja, es war gut, dass sie Piets und Pavels verlogene Geschichte direkt bei dem Kommandanten der Garnison hatte festhalten lassen! Nach dem, was die Beiden ihr angetan hatten, war dies mehr, als nur rechtens. Und sie würde auch jede weitere, ehrverletzende Handlung gegen Liam - ob in Wort oder Tat - dort erneut zur Anzeige bringen. Das war sie ihm schuldig.

Sie schloss mit einem Vaterunser, suchte in ihrer Stofftasche nach ein paar Münzen für eine Kerze und stellte diese an den rechten Altarflügel. Daraufhin nahm sie den dort platzierten Knopf - auf den sie die Krähe in der Sargmacherstraße aufmerksam gemacht hatte - und legte diesen direkt neben die Kerze. Schließlich diente ihr dieses Fundstück als göttlicher Wegweiser. Sie dachte erneut an die Worte des geheimnisvollen Alten.

»Folge deinem Herzen - nur deinem Herzen!« Ja, zwischen all dem lag eine unerklärbare Verbindung: die Nebelkrähe, der Knopf, der Alte! Ihr Entschluss zu Liam zu gehen!

Hier war etwas im Gange, dessen Ursprung und Ausmaß sie vielleicht nicht einmal ansatzweiße überblicken konnte. Elisabeth setzte sich ermattet auf ihre Bank zurück.

Schien es nicht so, als ob der schwarze Vogel ihr freundlich, Piet aber feindlich gesinnt sei? - Oder wollte er Piet zurechtweisen? Etwa ... warnen?

Was war mit der Alten, die ihrer Toewersche glich, und die am Taufbecken von St.Marien Geld für die gezinkten Würfel haben wollte? - War sie die Gegenspielerin des schwarzen Vogels?

Der Himmel schien sich zu lichten und aus den südlichen Seitenfenstern der riesigen Kathetrale brachen Lichtbalken in den Raum, glitten über die Bänke und legten sich über Elisabeth hinweg auf den vergoldeten Hochaltar. Es schien, als würde dieser für einen Augenblick aus sich selbst leuchten und ihr der Himmel damit für wenige Sekunden ein Stück Zuversicht senden.

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Kapitel 2

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Die Tatsache nun zu der Familie Korden gehen zu müssen, war ihr wie Essig auf der Zunge. Doch sie hatte es versprochen und wollte nicht, dass man sie erneut aufsuchen sollte.

Für einen Moment dachte sie an Bertel zurück. Dieser elende Tunichtgut hatte gewiss dazu beigetragen, das Piet in diese Schmach geraten war. Elisabeth hoffte innigst, dass der Wachsoldat im Kommandantenhaus dafür gesorgt hätte, dass Bertel eine Rüge von Meister Hannes einstecken musste, oder man die Sache gegebenenfalls sogar an oberster Stelle zur Meldung bringen würde. Liam kannte Bertel und umgekehrt. Dann dürfte es auch für diesen großmäuligen Kameraden endlich etwas unangenehm werden.

Auf ihrem Weg zu den Ruges war sie sich sicher, dass diese Menschen, über die sie gerade nachgedacht hatte, auch weiterhin jene sein würden, die in der kommenden Zeit ihr Leben beeinflussen wollten. Damit hatte sie sich aber geirrt. Denn da war noch eine weitere Person, die sich ihr im Neuen Jahr unverhofft und unausweichlich in den Lebensweg stellen würde ...

Zu Elisabeths Glück gestaltete sich der Rest des Tages trotz ihrer enormen inneren Anspannung, unbeschwert. Außer, dass es sie wurmte, Piet und Pavel nicht das unter die Nase reiben zu können, was sie im Kommandantenhaus erfahren hatte, blieb sie ruhig. Sie erduldete den Tagesablauf, der durch letzte Weihnachtsvorbereitungen geprägt war. Natürlich fiel es auf, dass sich Elisabeth an jenem Freitag frisch eingekleidet und sich auch außergewöhnlich ansehnlich hergerichtet hatte. Sie begründete es damit, dass sie dies nach den vergangenen Arbeitstagen als nötig empfunden hätte und auch endlich Renatas wunderbare Duftseife benutzen wollte.

Das konnte jeder verstehen, auch wenn Elisabeth es leider in Kauf nehmen musste, dass sie somit Pavels Werbung noch mehr verstärkte. Sie blieb höflicher aber auch kühler als die Tage zuvor. Pavel und der Rest der Familie Kordens sahen darin nichts Außergewöhnliches, nur Piet machte es stutzig. Es verunsicherte ihn zusehends. Er fürchtete Elisabeths Vorwürfe und Maßregelungen, aber noch mehr beängstigte ihn ihre aufgesetzte Parteilosigkeit zu jedem Thema.

Natürlich wusste er nur zu gut, dass er seiner Schwester in den vergangenen Tagen und Wochen nicht die gewünschte Aufrichtigkeit oder das Pflichtbewusstsein gezeigt hatte und war sich seiner Vergehen bewusst. Obgleich die Kordens ihn bereits als ein weiteres Familienmitglied aufgenommen hatten und Pavel ihn stützte.

Die Gunst und den Rückhalt seiner Schwester zu verlieren, das wollte er auf keinen Fall! Zwar empfand er es als sehr beruhigend, keinen Verdachtsmoment über sein Tun heraufbeschworen zu haben, aber es war ihm nicht angenehm, dass der Henning´sche Hausfriede einen gefährlichen, lautlosen Riss zu bekommen schien. Hier konnte ihm auch Pavel nicht beistehen.

Elisabeth lebte ihre eisige Schwesternliebe aus. Am ersten Weihnachtstag, der auch Piets Geburtstag war, legte sie ihm die Halskette mit dem silbernen Kreuz vor dem Mittagsmahl auf denTeller. Sie hatte die Kette in ein Päckchen verschnürt, auf das sie herausfordernd den, auf Siegellack gesetzten Stempel des Vaters drückte.

Geschriebene Glückwünsche und ein längliches Geschenkpaket stand bereits auf Piets Tischplatz. Als sich die Familie zur Tafel begab, wollte Piet durch den Anblick des Siegels erstarren. Elisabeth beobachtete ihn, und er schien nur zu einem verlegenen Lächeln in die Tafelrunde fähig zu sein.

Als Erstes öffnete Piet das Geschenke der Freunde: In einem geschliffenen Bierkrug aus grünlichem Waldglas versteckte sich zusätzlich eine sogfältig verpackte elegante Schreibfeder mit einem Tintenfässchen.

Er umarmte seine Schenker herzlich und brach nach einer kurzen Schweigesekunde das ihm bekannte Siegel von Elisabeths Geschenk auf. Das silberne Kreuz war in einen gefalteten Zettel gelegt. Auf diesem standen die Worte:

Verspiele nie des Christkinds ew´gen Segen. Den meinen hast Du, seit wir geboren. – Elisabeth, Deine Schwester.

Piet schien tief berührt und verunsichert, und das herrlich gestaltete Schmuckstück erntete Bewunderung. Als er auf Elisabeth zugehen wollte, um ihr ebenfalls durch eine Umarmung seinen Dank auszusprechen, hob ihm die Schwester ihr Glas entgegen.

»Lass es gut sein, Piet. Stoß´ einfach mit uns an. Ganz so, wie dir am Liebsten ist!« Nicht nur Piet sondern auch die Anderen schienen durch Elisabeths Haltung ein wenig verwirrt. Einige dachten, es könne damit zu tun haben, dass Piet es abgelehnt hatte, am Heiligabend im Chor zu singen und somit dem Pfarrer der Gemeinde SabktGeorgen erneut vor den Kopf stieß. Andere wollten es als eine freundliche Geste erkennen, und von daher hob man die Gläser zum allgemeinen Wohl.

Renata und Elisabeth brachten die Speisen zu Tisch. Die Gastgeberin hatte sich bei der Zubereitung der Schinkensuppe als Vorspeise an eine überlieferte Rezeptur erinnert. Zum Hauptgang - dessen Zutaten Elisabeth besorgt hatte - wurde es traditionell mit Geflügel und Schweinefleisch zu Brot, Kohl und Rübengemüse. Das Ganze schloss der Groote Hans, eine köstliche Nachspeise aus Mehl, Brotresten, Eiern, Rosinen und Rum ab. Beim Verzehr dieses weihnachtlichen Schmauses, war recht bald jede Art von Anspannung behoben.

Nach diesem ersten Weihnachtsfeiertag - den Elisabeth in jenem Jahr trotz der großartigen Zusammenarbeit mit den Kordens als erdrückend empfand - stand nun noch der weihnachtliche Besuch bei dem Vormund an sowie das baldige Fest der Narren. Beides war ihr zuwider. Das beklemmende Gefühl, bei den Streecks tafeln zu müssen war genau so groß, wie jenes Unbehagen vor dem baldigen Unfugtreiben auf den Plätzen und Straßen.

Am letzten Jahrestag schoss die Oberschicht mit Feuerwerk um sich, und der Rest der Bürger samt der schwedischen Besatzungsmacht mit nicht enden wollenden Salven aus allen möglichen Schusswaffen. Elisabeth wünschte sich, dass dieser Rummel und jener Streeck´sche Pflichtbesuch rasch vorrüber gehen würde und wollte bis dahin noch ein wenig an ihrer Näharbeit sitzen. Schließlich hatte sie des Glasermeisters Frau den Umhang versprochen, der nun auch endlich fertig werden sollte.

So sehr sie sich mit ihrer Arbeit um innere Ablenkung bemühte, die Frage: wann wohl ihr Besuch im Kommandantenhaus durch Bertel ans Licht kommen würde, beschäftigte sie täglich. Elisabeth fürchtete sich nicht vor diesem Angenblick, aber es ärgerte sie die Tatsache, dass es dadurch erneut zu unverhofften Gegenhandlungen kommen könnte. Doch die Gewissheit, dass sie vom Aufstehen bis zum Schlafengehen an Liam und ihre Unterredung denken musste, blockte die weniger angenehmen Gedanken wieder ab.

*

Montag, 26. Dezember 1707

Wie bereits seit dem Tode der Großmutter sollte an jenem Datum das festtägliche Zusammenseins mit dem Vormund Paul Streeck und seiner Frau Charotte verbracht werden. Elisabeth hatte sich über Wochen nicht mehr im Hause der Streecks sehen lassen. Dies tat ihr auf der einen Seite wegen der kranken Charlotte aufrichtig leid, auf der anderen Seite aber empfand sie es als richtig, da Streeck sie in der letzten Zeit öfter durch seine Worte und einem seltsamen Verhalten verängstig hatte. Piet waren von je her diese Pflichtbesuche einerlei. Auch ihm schien es ein Rätsel, weshalb Streeck damals die Vormundschaft angenommen hatte, bot er ihm und seiner Schwester doch niemals eine Hand, wenn diese nötig war - geschweige denn die Möglichkeit eines gesellschaftlichen Aufstieges. In Piets Vorstellungen versäumte Streeck genau hier sein Pflichtbewusstsein. In Elisabeths Gedankenwelt war dies nicht so, denn sie hegte weitaus andere Wünsche an das Schicksal, als ein Leben in den gehobenen Kreisen.

Bevor sie zu den Streecks gehen wollten, eilte Elisabeth an jenem Morgen noch rasch nach Sankt Georgen, um dort den Altarschmuck für die Messe zum zweiten Weihnachtstag zu richten. Zu ihrer Überrraschung waren mindestens ein dutzend weiterer Personen - die alle einen recht bedrückten Eindruck auf sie machten - anwesend. Ihre spontane Vermutung sollte sie nicht täuschen, denn unter den Herrschaften erkannte sie Paul Streeck, der gerade mit Pastor Sprengel sprach. Dieser erblickte Elisabeth und winkte sie zu sich in die Richtung der Streeck´chen Kaufmannskapelle. Paul Streeck - im langen Umhang aus schwarzem Wolltuch -  wirkte bleich und fahl, wie ein Wesen aus der Unterwelt. Pastor Sprengel fasste Elisabeth bei ihrem  Arm.

»Liebe Elisabeth, unsere teure Charlotte, die Gattin deines Vormundes, ist uns heute Nacht verstorben. Welch ein Leid!«

Elisabeth hielt entsetzt die Luft an und erkannte in Streecks Augen ein Zucken, das sie sich nicht erklären konnte. Jedenfalls war es ein sehr merkwürdiger Ausdruck von Ergriffenheit, oder versuchte er damit krampfhaft seine Tränen zu unterdrücken? In seinem Gesicht schien sich ansonsten keine Regung zeigen zu wollen. Auch die überaus dünnen Lippen bewegten sich nicht. Spontan überkam sie ein schweres Schuldgefühl, da sie die arme Charlotte mit ihren Besuchen in der letzten Zeit sehr vernachlässigt hatte.

»Wie fürchterlich! Jetzt darf ich sie heute nicht einmal mehr lebend sehen!«, sprach sie ihren Vormund an. Dieser hob die Brauen und wiegte leicht mit dem Kopf.

»Es ist besser so - meine gute Elisabeth. Besser für uns alle. Sie ist in den Armen des Herrn eingeschlafen, während dieser zur Welt kam!«

Elisabeth kannte Streecks aufgeblähte Wortwahl. Nun hatte er sogar einen salbungsvollen Satz zum Tod seiner Frau gefunden, bei dem jeder Pastor feuchte Augen bekam. Der Mann war trickreich und kalt. Genau das bestätigte ihr in diesem Moment sein Auftreten. Sie verneigte sich ergeben.

»Mein tiefstes Mitgefühl, Meister Streeck «, und spürte dessen Hände an ihren Oberarmen.

»Meinen aufrichtigen Dank, liebstes Mündel!«, entgegnete er in dieser Tonlage, die sie nicht mochte, während er über ihre Arme bis zu ihren Händen strich. Sie wich zurück, drehte sich dem Pastor entgegen und fragte, ob das Datum der Beisetzung schon beschlossen sei.

»Ja mein Kind, der 29. soll es sein.« Elisabeth spürte eine aufsteigende beängstigende Unruhe. Sie wich noch weiter zurück.

»Bitte entschudigt mich, ich muss ganz dringend ... nach Hause!«

Ohne Streeck nochmals zu grüßen oder gar zu unterbreiten, dass sie nun auf gar keinen Fall zum alljährlichen Weihnachtsmahl kommen würde, eilte sie - wie ein gehetztes Wild - über die Straße zu ihrem Haus. Auf Piets Frage, ob sie den Leibhaftigen gesehen hätte, musste sie kurz nicken.

»Ach, was fürchtest du dich vor ihm?!«, zuckte Piet mit den Schultern.

»Jetzt hat der Ältermann noch mehr Zeit für die reichen Gesellen in seinem Schützenverein und wird uns noch weniger besuchen! Er soll Pavel seine Einwilligung auf dessen Werbung geben und dann sind wir den Dunkelmann entgültig los.« Elisabeth verstand Piets eigennützige Denkweise und entgegnete von daher nichts. Es wäre so wieso sinnlos gewesen.

Seltsamerweise meldete sich Paul Streeck die Tagen danach tatsächlich nicht bei den Geschwistern. Selbst bei der Trauerfeier am darauffolgenden Donnerstag hielt er sich mit direkten Worten und Berührungen zurück. Vielleicht auch, weil viele seiner wichtigen Freunde mit in Sankt Georgen waren und diese von ihm zum häuslichen Leichenschmaus gebeten wurden. Elisabeth und Piet lehnten ab, und somit verblasste - die darauffolgenden, letzten Tage des alten Jahres - auch dieses traurige, wie auch äußerst unangenehme Ereignis.

*

Samstag, 31. Dezember 1707

In der Nacht hatte es stark geschneit, und Elisabeth hoffte, dass dies auch in der folgenden Nacht so sein möge, damit der Tumult nicht so groß werden würde. Man konnte jetzt schon davon ausgehen, dass sich wieder viele Irre - ob nun nüchtern oder betrunken - bei ihren Veiztänzen verletzten oder ihren Unfug sogar mit dem Leben bezahlen mussten. Schon im letzten Jahr fielen einige in ihrem Rausch in die Grube, und trieben in deren Wasser dem offenen Meer entgegen oder wurden durch Schüsse schwer verletzt.

Es reichte wohl keinem, dass die Kriege nur vor der Bastion um Wismaria statt fanden, man musste sich auch noch innerhalb der Stadtmauern bei Festlichkeiten umbringen.

Am frühen Abend - von der Georgenkirche schlug es gerade die Hälfte der 18. Tagesstunde - hörte sie Pavel und Piet mit den Handkarren ankommen. Elisabeth wusste, dass die Seifensiederei soweit gerichtet war und am zweiten Januar die Öfen angeheizt werden sollten. Da sie nur noch wenig an dem Umhang zu nähen hatte, legte sie ihre Arbeit nicht weg. Als die Beiden im Raum standen, sahen sie Elisabeth mit einem recht wunderlichen Ausdruck entgegen. Es war unverkennbar, dass ihre Gedanken etwas beschäftigte, das sie sehr rasch loswerden wollten. Elisabeth sagte außer einem Gruß kein weiteres Wort. Es war Piet, der auf sie zu kam und am Tisch halt machte.

»Elisabeth, können wir reden?« Seine klaren Worte waren in ihrer Tonlage von erkennbarer Unsicherheit geprägt. Die Schwester steckte die Nadel in den feinen Wollstoff ihrer Arbeit und sah ihm gespannt entgegen.

»Wieso nicht?«, war wieder eine dieser Gegenfragen, die Piet unangenehmer waren, als einer ihrer spontanen Wutausbrüche. Das was folgte war Elisabeth klar. Piet druckste hervor, er hätte heute von Bertel erfahren, dass sie am Tag vor Heiligabend im Kommandantenhaus gewesen sei. Denn der hätte sie im ersten Stock in der Nähe des Arbeitszimmers des Ersten Offiziers der Garnison gesehen. - Elisabeth wischte sich kurz die Haare aus der Stirn.

»Nun, das hat aber lange gedauert«, war auch nicht die Antwort, die Piet und Pavel hören wollten.

»Soll das heißen ... das dies stimmt?!«

»Wenn dein bester Freund Bertel das sagt, muss es stimmen«, entgegnete sie beiläufig. Pavel mischte sich ein.

»Elisabeth, mach uns nicht weis, dass Du bei diesem ... Leutnant Lindkvist warst!«

»Oberst! – Oberst Liam Lindkvist!« Sie bemerkte, wie sie ein, von innerer Genugtuung getragenes Lächeln zeigte und nahm dabei ihre Näharbeit wieder auf.

»Du warst wirklich dort?!«

»Wart IHR denn wirklich dort?!«

»Bitte, lass uns doch nicht so in der Luft hängen. Mein Gott, Elisabeth, Du musst doch verstehen können ...«

»Nein Pavel! Ich muss weder Lügen, Diebstahl, Verleumdungen noch üble Nachreden verstehen können! Ich muss es nicht und habe mich sogar dazu entschlossen, dass ich mich hierzu nicht einmal mehr äußern werde! - Und was es bedeutet, wenn ich einen Entschluss gefasst habe, kannst du gerne deinen Lehrling, Herrn Peter Hennings, fragen! - Außerdem habe ich noch zu tun und muss anschließend meine Arbeit zu Frau Heine bringen. Von daher wäre ich euch sehr verbunden, wenn ihr mich alleine lassen würdet.« Sie sah ihrem Bruder in das bleiche Gesicht mit jenem unergründbaren, verunsicherten Ausdruck.

»Piet, du kannst gerne bei den Kordens übernachten, solltest du heute Nachmittag bei den Ruges noch weiter Runden am Spieltisch verbringen wollen! Aber ziehe bitte das Kreuz, das ich dir schenkte nicht an. - Man könnte dich zu unseligen Ideen verleiten!« Elisabeth merkte, wie ihr die Nadel nicht mehr recht in die vorgegebene Richtung folgen wollte. Ihr Gefasstsein war erschöpft. Wut stieg auf und sie hoffte auf keine dumme Gegenwehr. Pavel trat zu ihr hin.

»Hör bitte zu Elisabeth: Niemand - vielleicht nicht einmal du - ist unfehlbar! Was immer auch passiert ist: DICH hat man alleine im Kommandantenhaus gesehen - in der Nähe des Zimmers des ... Oberst Lindkvist, zu dem du bereits im Haus der Ruges Kontakt hattest! Wundere dich von daher nicht, wenn ein gewisser Bertel Ruge nun Dinge in die Welt setzt, die deinem ehrenhaften Ruf schaden könnten!« Elisabeth stieß ihren Stuhl zurück und stand in dem folgenden Sekundenbruchteil bereits auf ihren Füßen .

»Erkläre dich, Pavel!«

Piet zog den Kopf ein und wusste nur zu gut, dass Pavels Andeutung keiner friedlichen Einigung dienlich war. Elisabeth wurde wieder zu Moort, dem Albtraummädchen ... aber Pavel blieb mutig.

»Liebste Elisabeth, erkenne dich in der Wirklichkeit. Name, ehemalicher gesellschaftlicher Rang und weise Worte schützen dich nicht. - Wenn ein Bertel Ruge deinen Bruder fragt, ob du bei dem Kommandanten gewesen wärst, um dir ein Zubrot zu verdienen, dann kannst du Bertel zwar gerne bei dem Kommandanten anzeigen ... Sicherlich könnte ihm solch eine Rede den Kopf kosten, aber dieser Oberst würde das nicht deshalb tun, weil du ihm etwas bedeutest, sondern, um sein eigenes Ansehen zu schützen. Dein Ruf wäre dahin - seiner nicht!

Bleibe von daher auf dem Boden der Tatsachen und knüpfe keine hilfesuchenden Verbindungen zu Personen, in deren gesellschaftlichem Rang du dich nicht bewegst!«

Elisabeth kniff die Augen zusammen, nickte und setzte sich wieder.

»Macht euch bitte keine Sorgen, weder um mich noch um euch und vor allen Dingen nicht darum, dass ich mich nicht auf ... dem Boden der Tatsachen auskennen würde. - Lasst mich einfach nur alleine.«

Piet wusste, dass man diesem Tonfall zu folgen hatte. Er schubste Pavel an, ließ es sich aber nicht nehmen, nochmals zu ihr an den Tisch zu kommen.

»Else ...«, sagte er fast flehend und griff nach ihrer Hand, aber Elisabeth wich ihm aus.

»Ich werde das wieder in Ordnung bringen, das verspreche ich dir. Ich ...« Piet beendete seinen Satz nicht mehr, sondern drehte sich mit einem tiefen Atemzug um und war auf dem Weg mit Pavel das Haus zu verlassen.

»Pavel - du wolltest doch die Tage mit mir unter vier Augen reden. Das können wir gerne gegen Abend hier in unserem Haus angehen. Ich werde nämlich nicht zur Neujahrsfeier kommen, da ich dieses Fest nicht mag.«

Pavel schien mehr als überrascht über Elisabeths Vorschlag. Er drehte sich ihr entgegen und ging erneut einen Schritt auf sie zu.

»Herzlich gerne, Elisabeth. Lass uns aber bitte das neue Jahr zusammen feiern. Es wird uns so viel Gutes bringen, und ...«

»Möglich Pavel, aber ich werde heute dieses Haus nicht mehr verlassen, da ich mich nicht wohl fühle!«, unterbrach sie ihn. Pavel biss sich auf die Unterlippe.

»Gut Elisabeth, ich werde in einer Stunde hier sein, und ...«

»In drei Stunden, Pavel, denn ich habe noch zu tun!«, fiel sie ihm erneut ins Wort. Pavel verneigte sich mit übertriebener Gestik.

»Euer Wunsch sei mir Befehl, Jungfer Hennings!« Er drehte sich mit leicht bitterer Miene um und verließ mit Piet das Haus.

Elisabeth ließ ihrer angestauten Wut freien Lauf und warf den Umhang, an dem sie im gleichen Moment die Arbeit abgeschlossen hatte, verärgert auf die Küchenbank.

»Du gemeiner Kerl!« rief sie laut, was sich in ihren Gedanken auf Bertel Ruge bezog. Natürlich wollte sie diese Unverschämtheit, die er über sie zu Piet sagte, niemals Liam weitergeben. Alleine die Vorstellung war ihr grenzenlos peinlich.

So hoffte sie insgeheim, dass Pavel sich dieser Sache annehmen würde und hatte ihm nicht zuletzt genau aus diesem Grund den Gesprächstermin vorgeschlagen. Zudem würde er am heutigen Abend rasch wieder verschwinden, da sie sich für das Neujahrsspektakel richten würden, dacht sie.

Der Weg zu Glasermeister Heine führte fast durch die gesamte Stadt. Sein Bürgerhaus und die im Fachwerkbau errichteten Arbeitsräume lagen in der Nähe des Poeler Tores, dem nördlichsten aller fünf Stadttore. In seiner Werkstatt fertigte Meister Heine die bereits von den Glashütten gelieferten runden und eckigen Glasscheiben mit Bleiruten zu Fenstereinsätzen an.

Es war bereits dunkel geworden und die brennenden Pechfackeln zauberten ihre goldgelben Lichtnester in den Schnee. Dieser war an jenem Abend kaum geräumt und stieß Elisabeth bis fast zu den Knien. Das Gehen war beschwerlich und sie hielt einige Male an, um durchzuatmen.

An der Ecke der sogenannten Hundestraße hatte man einen schönen Blick auf das nördliche Stadttor, das dem Turm einer Kirche ähnlich war. Eingepackt in eine dicke, weiße Haube und angestrahlt durch das warme Licht der Fackeln, vermittelte es - so wie viele Dächer und Kuppeln der Stadt - unter dieser schweren Schneedecke etwas märchenhaft Friedliches. Elisabeth ging weiter und fragte sich, wie vielen Bürgern sie nun wohl einen angenehmen Pfad durch die winterliche Pracht getreten haben möge.

Frau Heine ließ es sich nicht nehmen, Elisabeth einen ihrer frisch gebackenen Apfelkuchen zu schenken. Die Begeisterung über den zartgrünen Wollumhang mit der bestickten Barockborte war groß und Elisabeth äußerst zufrieden darüber, dass die neue Fensterverglasung damit bezahlt war.

Zurück zu Hause gönnte sie sich eine Tasse heißen Kräutertee und ein Stück des noch warmen Kuchens. Pavel würde sie nichts davon anbieten, das war ihr gewiss. Dieser kam tatsächlich kurz vor der ausgemachten Uhrzeit an.

Elisabeth ließ ihn eintreten und sie betrachtete erneut mit Bedauern Pavels Schneespur, die er ihr ins Haus brachte. Sie atmete tief durch und bot ihm an, Platz zu nehmen, nachdem sich dieser bereits - ohne zu fragen -  auf einem der Küchenstühle bequem gemacht hatte.

Pavel empfand Elisabeths Hinweis als hochnäsige Stichelei. Seine Entgegnung: »Elisabeth, wir sind doch EINE Familie«, schmeckte ihr ebenfalls nicht. Ihr »Du meinst damit, dass Familienmitglieder keinen Respekt verdienen?!« missfiel hingegen Pavel.

»Elisabeth ... können wir diese Säbelstiche bitte lassen?! Ich nahm an, du wolltest ernsthaft mit mir reden - über Dinge, die unsere Zukunft betreffen!«

»Es gibt vorerst noch vieles zu klären, das unsere Gegenwart betrifft, Pavel«, antwortete sie zügig. Pavel blickte sich um.

»Darf ich um etwas zu Trinken bitten?«

»Du weißt, wo das Bier und die Krüge stehen. Bitte bediene dich!« Leicht verunsichert griff Pavel nach einem der steinernen Trinkgefäße auf dem Mittelschrank und ging damit in die Stube zum Bierfass. Es dauerte eine Weile. Als er zurück kam schien er ausgeglichener.

»An dich das Wort, meine Teuerste!«

Elisabeth begann ohne Umschweife zu erklären, dass sie darüber im Bilde sei, in welch unverschämter Weise er und Piet sie versucht hätten hinters Licht zu führen. Piet hätte das Siegel verspielt und Pavel ihn gedeckt. Doch nannte sie bis zu diesem Moment zu keinem Zeitpunkt den Namen des Oberst Liam Lindkvist, noch dass sie zu einer Unterredung bei ihm war.

»Das war wohl das Dümmste, was ich jemals gemacht habe ... Aber der Bengel tat mir leid. Elisabeth, er will sich bestätigt sehen! Er setzte das Siegel und dachte, er gewinnt. - Es lagen 200 Taler auf dem Spieltisch! Er tat das nicht nur für sich. Er will doch nur mit aller Gewalt, dass ihr beide wieder nach oben kommt. Blankes Schuften steht ihm dabei im Wege ... Piet ist erfinderisch und ideenreich. Er kann sich bei uns ausleben und endlich seinen Weg finden. - Der Junge fühlt sich unendlich schuldig! - Vergib ihm doch bitte und auch mir ... derweil ich ihm aus dieser Misere helfen wollte.«

»Das alles ist aber kein Grund einen anderen Menschen schlecht zu machen, Pavel. Du hast den Oberst bei mir als eine Art Dieb hingestellt. Das war ungeheuerlich! Ich begegnete ihm nur zufällig bei den Ruges, als ich dort für Piet etwas in Erfahrung bringen wollte. Dieser Mann war nur höflich zu mir. Wieso müsst ihr ihn vor mir so gehässig abstrafen?!«, erwiderte Elisabeth bestimmend und Pavel suchte nach Rechtfertigung.

»Nein, das war ... das hat sich nur so ergeben. Piet aber sagte mir, dass dieser Herr Oberst wohl recht ausgiebig mit dir geplaudert hätte. Ich hoffe, es ist dir klar, was diese ... beeindruckenden schwedischen Offiziere damit erreichen wollen. Selbst ein Kommandant ist ein Mann mit gewissen Begierden!« Elisabeth schwieg und Pavel legte nach.

»Schön, dann kommen wir zu dem Punkt, den ich Dir gerne unterbreiten möchte: Ich weiß, Dein Vormund benötigt noch Zeit für eine Zustimmung zu unserer Verbindung. Als frischer Witwer steht ihm im Moment gewiss auch nicht der Sinn danach, fröhliche Familienfeiern zu planen. Außerdem ist es mir ebenso wichtig, dass du mit vollem Herzen einwilligst, denn mit mir hättest du das beste Leben, dass du dir wünschen könntest! -  Ich zeige mich also bereit, dir und Streeck diese Zeit zum Jawort zu lassen. Außerdem werde ich aus Piet den nächsten Gesellen unserer Zunft machen.

Doch genau dies unterliegt einer einzigen strikten Bedingung meinerseits, die ich mir erlaube auszusprechen: Unterlasse bitte jeglichen Kontakt zu diesem Herrn Oberst oder anderem schwedischen Soldatengesinde!!

Du - wir alle - könnten dadurch in Teufels Küche geraten! Niemand in unserer Stadt achtet eine verarmte Näherin, die sich heimlich mit einem schwedischen Offizier verabredet, egal wer er ist und was dahinter steckt! Es würde dir vielleicht nicht das Herz brechen, wenn ich dich nicht mehr umwerben würde, aber um meinen guten Ruf zu schützen, würde ich Piet sofort aus der Ausbildung nehmen!”

Elisabeth merkte, wie ihr die Glut in die Wangen stieg. Das war die raffinierteste Erpressung, die Pavel sich hatte ausdenken können! Nicht sie wollte er abstrafen, sollte er erfahren, dass sie sich erneut mit dem Komandanten treffen würde, sondern Piet. - Sie fühlte einen nie empfundenen Zorn und eine ebensolche Verachtung, versuchte aber ruhig zu bleiben.

»Aus welchem Grunde sollte ich mich mit dem Oberst oder einem schwedischen Soldaten treffen wollen?! Für Letzteres müstest du wohl eher meinen Bruder rügen, Pavel Korden! - Und was den Oberst angeht: Was gesagt werden musste, ist gesagt«, versuchte sie schlicht zusammen zu fassen.

»Das wäre sehr weise von dir. Ich werde es ab heute erfahren, wenn du gewisse Briefe aufgibst oder abholst. Ich werde erfahren, ob du zum Kommandantenhaus oder gar zum Tribunal gehst ... Ich möchte damit nicht nur meinen Namen sondern auch deinen Namen und deine Ehre schützen und: Piets Ausbildungsplatz!«

»Danke Pavel, das ist sehr ehrenvoll von dir. «

»Weiß der Teufel, wieso du mich mit diesem beschwichtigenden Ton nicht überzeugen kannst, Elisabeth!« Ihre Antwort kam ruhig.

»Ich denke, das ist nicht mein Sorge. Ich muss von nun an auch damit klar kommen, dass man mir gerade eine Erpressung androhte. Also haben wir in naher Zukunft noch viel zu verarbeiten.« Pavel schüttelte den Kopf und fuchtelte mit den Händen.

»Bei Gott – nein! Ach, Heiland hilf! - Ich glaube, wir kommen heute nicht weiter. Besser, dass ich gehe.« Elisabeth war zwischenzeitlich aufgestanden, um einige Stücke Holz auf das Kaminfeuer zu legen.

»Ja, das denke ich auch«, sagte sie kurz und ließ aber sogleich einem »Nein halt! - Pavel, nimm Piet unter deine Fittiche! Er vertraut und folgt dir! Gib ihm einen Lebensweg und sorge dich nicht um mich. Ich werde nichts tun, was deinem Namen oder meiner Ehre schadet. Das verspreche ich dir hoch und heilig – heute, am letzten Tag des Jahres!«

Pavel empfand Elisabeths Worte wie ein Bad in einer warmen Quelle. Nun wäre er doch noch gerne geblieben, aber sie stimmte nicht zu.

»Nein, lass mich jetzt besser alleine. - Wir sehen uns morgen.«

»Ach, beinahe hätte ich es vergessen, Elisabeth.« Er blieb nochmals vor der Tür stehen.

»Piet und ich, wir waren - nachdem wir heute Nachmittag von hier weg gingen - bei Bertel! Hannes Lübke arbeitet heute nicht. Ich habe Bertel gesagt, was ihm vom Kommandanten aus blüht, wenn er nochmals solche Dinge über dich äußern würde. Ich sagte ihm auch, dass Du in meinem Auftrag im Kommandantenhaus persönliche Unterlagen an den Oberst abgegeben hast. Das hätte mit der nächsten königlichen Auszeichnung unserer Seifen zu tun! Piet hätte von all dem natürlich nichts gewusst. Damit habe ich mich schon viel zu weit aus dem Fenster gelehnt. Ich hoffe, du erkennst das an!«

Elisabeth nickte und drehte sich mit einem kurzen »Ich danke dir« wieder gegen den Kamin, um die Glut mit dem Eisenhaken näher an das Feuer zu schieben.

»Ja, im gemeinsamen Lügen seid ihr zwei wirklich unschlagbar«, hätte sie gerne noch gesagt, aber sie hielt sich zurück.

Als sie wieder alleine war, wusste sie, dass sie in den letzten Stunden des alten Jahres über vieles nachzudenken hatte. Die unangenehmen Angelegenheiten mit Paul Streeck sowie dessen unerwartetes Erscheinen schienen sich tatsächlich nach Charlottes Tod zu verflüchtigen. Das beruhigte sie sehr. Es blieb ihr nur noch sehnlichst zu hoffen, Streeck möge sie weder Pavel noch sonst einem anderen Freier als Ehefrau versprechen. Elisabeth schmiedete an ihren eigenen Plänen. Ein Unterfangen, dass man keinem Mädchen, keiner Frau in jener Zeit zugestand. Frauen hatte zu gehorchen, sich zu unterwerfen. Sie hatten nicht einmal ein Anrecht auf Träume. Aber gerade dies würde sie sich von niemanden nehmen lassen. Sie wollte ihrem Herzen folgen - so wie der Krähenmann ihr befahl!

Deshalb würde es ihr auch kein Mensch auf der Welt verbieten können, Liam erneut zu kontaktieren! Nur die nächste Zeit müsste sie noch vorsichtiger sein und die kommenden Tage auf dem Postamt um noch mehr Verschwiegenheit bitten.

*

Dienstag, der 3. Januar 1708

Erfreulicherweise wurde die Nacht der Irren nicht zur Nacht des Jammers. Man merkte sogar an, dass es weniger Rabatz, Schießerei und Unfälle als in den vergangenen Jahren gegeben hätte. Die einen schoben es auf die Kälte und den einsetzenden Schneesturm aus Nordost, andere wiederum auf den neuen Kommandanten, der seinen Soldaten angeordnet hätte, für Ordnung zu sorgen. Außerdem hätte er offiziell verboten militärische Güter, wie Schießpulver oder Gewehrkugeln für den Neujahrsunsinn zu verschwenden.

Bei der heutigen Vorlesung der ersten Zeitung des neuen Jahres, im  Postkontor musste sie lächeln, als man genau diese Notiz vortrug.

Dass Liam jene Befehle erlassen hatte, konnte sie sich nur all zu gut vorstellen, und sie war sich sicher: Wismaria hatte mit ihm den besten schwedischen Kommandanten seit Jahrzehnten!

Zusätzlich wurde Oberst Liam Lindkvist in der neuen Ausgabe des »Nordischen Postreiters« dafür gelobt, dass er eine sehr gute Beziehung zu dem Bürgermeister Wismarias aufgebaut hätte. Auf diesem Grundstein sollte nicht nur gemeinsam für Recht und Ordnung gesorgt werden, sondern auch für bessere Lebensbedingungen der Bürger. Der Handel mit Schweden sowie den befreundeten Ländern wollte man zusätzlich vestärken. Kurzum: In verschiedenen Fragen würde man nun enger zusammenzuarbeiten.

Die beiden hohen Herren galten bereits als befreundet, was vielen Bürgern ein gutes Gefühl vermittelte, da es dem Gesicht der schwedischen Militärregierung den Schrecken nahm.

Elisabeth ging ein Licht auf: Dies war also der Grund, weshalb es Liam so leicht fiel, an die Daten ihrer Familie zu kommen. Der Bürgermeister hatte ihm den Einblick gewährt!

Welch großartiger Gedanke, als Garnisonskommandant die Zusammenarbeit mit den Obrgkeiten der Stadt zu suchen! Ihr Bürgermeister hätte diesen Schritt von seiner Seite aus niemals gewagt, da war sie sich sicher ...

Weiter wurde berichtet, dass das schwedische Heer nach viermonatlicher Ruhepause in den letzten Tagen des Jahres die zugefrorene Weichsel passiert hätte, da der Frost die Wege begehbar gemacht hatte. Sie wären allerdings nicht der verwüsteten Spur der russischen Armee gefolgt, sondern durch das unpassierbar geltende Masuren marschiert, um die Verteidigungslinien der Russen zu umgehen ...

Berichte über jenen großen Krieg bedrückten Elisabeth. Sie hoffte darauf, dass  jenes schwedische Heer rasch siegen möge, um den Gegnern nicht die Chance zu geben, ihre Angriffe erneut gegen ihr Land und ihre Stadt zu richten. Rasch und ohne Schwierigkeiten sollten sie siegen, um nicht weitere Soldaten und Offiziere ins Feld berufen zu müssen ... Sie alle und ihre Stadt gehörten nun einmal zum großen schwedischen Reich. Wenn dies dem Frieden dienen sollte, dann war es ihr - wie vielen anderen Bürgern - mittlerweile auch recht.

*

Seit zwei Tagen hatte es nicht mehr geschneit und es schien, als wollte die Sonne ein wenig hervor kommen und einen Fleck strahlendblauen Winterhimmel zeigen. Elisabeth hatte erneut ihre fertigen Arbeiten zu Meister Borg getragen und einen Herrenrock - der vollständig zu nähen war - in ihren Korb gepackt, als sie sich vor nahm, auf dem Rückweg die Seifensiederei zu besuchen.

Gerne wollte sie sich von dem ersten großen Treiben ein Bild machen. Es war ein ausgiebiger Fußmarsch bis zum Mühlenteich, aber der lange Spaziergang tat ihr gut. Sie musste dazu durch das Altwismar Tor - das Stadtor gen Osten - wo man sie ohne Aufwand passieren ließ und war sehr rasch in der Siederei am Mühlenteich zwischen Stadtmauer und Bastion.

Der Rauch aus drei Schornsteinen war schon von weitem und sogar bereits in der Stadt zu erkennen. Im Frühjahr und Sommer grünte und blühte um den Teich eine wunderschöne Wiesenlandschaft. Nun schlummerte sie versteckt unter einer hohen Schneedecke. Elisabeth stieg die kleine Treppe zu dem abschüssigen Gebäude hoch.

Nein, es empfing sie kein angenehmer Geruch, als sie die Tür des ansehnlichen Fachwerkhauses öffnete. Gestank allerdings gab es auch innerhalb der Stadt, also hätte sich der Seifensieder Walter Block nicht so weit hinter die Mauer setzen müssen. Hier aber hatte man eben auch den Teich, der ein kleines Wasserrad antrieb. Alles hatte seinen Sinn. Sofort wurde Elisabeth aufs allerherzlichste begrüßt. Der Raum war riesig, weshalb die Decke mit vier starken Pfeilern gestützt war. Drei enorme Behälter kochten über Feuerstellen, die sich innerhalb einer kleinen Steinmauer befanden.

Fässer mit Holzasche, Salz sowie mit Schweineschwarten und weiteren Abfällen aus tierischen Fetten standen an den Wänden. Pavel zeigte ihr auch die Behälter mit Nuss- und Samenölen. Die ersten kleinen Schalen mit destillierten Kräueressenzen und Gewürzen, waren ebenfalls zu bestaunen. Deren Duft war natürlich eine Wohltat. Piet hatte sich gleich nach der Eröffnung der Siederei an das Destilieren gewagt und beste Ergebnisse erziehlt. Er lachte stolz und Elisabeth konnte nicht anders, als ihn in den Arm zu schließen.

Es war lange her, dass Elisabeth ihm Herzlichkeit gezeigt hatte. Sie wünschte sich, dass dies von nun an öfters geschehen sollte. Piet zeigte ihr weitere Einrichtungen.

»Es stinkt nur so lange das Fett ausgekocht wird. Fügen wir die Holzasche hinzu, wird es besser«, erklärte Pavel mit lachendem Gesicht und roten Wangen.

Ja, das war verständlich. Aber leider wurde eben immer Tierfett ausgekocht und von daher blieb die Luft auch stets recht unangenehm.

Piet war begeistert über Elisabeths Interesse. Er erklärte ihr fachmännisch, dass man den gekochten Seifenleim mit Kochsalz versetzen müsste. Bei diesem Aussalzen würde sich der Kern der Seife von der überschüssigen Lauge trennen. Diesen müsste man dann mit Wasser und wenig Lauge erneut aufkochen, damit er von allen Abfallstückchen gereinigt wäre.

Hier hätte wohl auch der Fehler des vorhergehenden Meisters gelegen. Er hätte nicht sauber ausgekocht und von daher schlechte Seife geliefert.

Erneutes Einsalzen der sauberen Lauge führte dann zur Kernseife, die in Blöcken trocknen musste. Diese konnte man zuschneiden und mit einem Schmuckstempel versehen. Das war der einfachste Weg und jener, den Walter Block gewählt hatte. Sie hingegen würden diese Blöcke nochmals mahlen und Duftstoffe hinzufügen.

Piet zeigte Elisabeth die Walzstühle, auf dem das Mahlgut geglättet wurde. Diese gewalzten Seifenbänder kamen dann in die sogenannte Heißpresse, damit man aus ihnen Formen stanzen konnte.

So sah also Pavels neue Idee aus und Elisabeth zweifelte nicht daran, dass dies zu einem großen Erfolg für ihn führen könnte. Es gab auch noch einen schmalen Nebenraum, in dem der Destillator stand, Kräuter, Gewürze und Bücher auf den Wandregalen lagen, und auch ein Fass Bier hinter einem kleinen Tisch zu sehen war. Einige Trinkbecher und eine Pritsche mit vielen Kissen als Sitzgelegenheit, die wohl irgendwann einmal ein Bett gewesen sein musste, standen ebenfalls in dem bescheidenen Raum.

»Sehr gemütlich«, lächelte Elisabeth und Renata reichte ihr eines ihrer Kräuterbücher.

»Hier, das ist doch bestimmt eine Lektüre für dich. Du wirst viel Interessantes finden! Ich habe vor, ein paar heilende Tinkturen herzustellen. Aber ich werde deinen Rat befolgen und mich nicht nur mit unserem Apotheker am Markt besprechen, um meine Arbeiten lizenzieren zu lassen, sondern auch mit unserem Pastor! Ich will keine Unanehmlichkeiten.«

Renata fand Elisabeths volle Zustimmung. Sie hatte die schmale Tür aufgelassen und hörte weitere Stimmen. Es musste wohl noch ein Besucher gekommen sein, dachte sie, und so war es auch.

Es war der Gerbermeister Zeidel mit seinem Sohn Christian! Jenem jungen Herrn, dem man Renata bereits so gut wie versprochen hatte. Renata strich ihr Haar aus der Stirn, drehte ihren Zopf hoch, steckte ihn mit zwei Haarklammern fest und richtete ihre Kleidung, wobei sie über den eingetroffenen Besuch nicht wirklich große Freude zeigen wollte.

Elisabeth hatte es nicht mehr in Erinnerung, dass Christian sogar leicht hinkte. Er schien etwas fülliger in seinem bleichen Gesicht, wirkte aber trotzdem schmächtig und kränklich. Die noble Winterkleidung aus bestem Tuch und die kostbare gebleichte Echthaarperücke wertete seine Erscheinung nicht auf. Renata tat ihr leid. So eine Verbindung konnte Pavel doch nicht wirklich begünstigen! Christian mochte ja ein guter Mensch sein, aber ... es gab gewiss in Wismaria noch andere junge Männer aus gutem Hause, als diesen Unansehnlichen.

Zu allem Unglück schien er auch noch recht eingebildet. Er streifte ohne Gruß an Elisabeth vorbei und ging mit besitzergreifendem Gehabe auf Renata zu. In diesem Moment fiel Elisabeths Blick auf ihren Bruder Piet.

Sie glaubte noch nie in ihrem Leben einen solch feindseligen Ausdruck in seinem Gesicht gesehen zu haben. Er beäugte diesen Christian mit höllischer Verachtung und Elisabeth hatte den Umstand blitzartig erkannt: Piet schwärmte nicht nur von Renata, er hegte ein ernste Absichten! Elisabeth atmete tief durch und ging zu ihm an den Walztisch.

»Wenn du reden möchtest, kannst du das heute Abend gerne tun«, sagte sie leise. Piet nickte.

»Ja ... Danke Else!« Dabei drückte er die Walze so fest, dass das Seifenband zerbrach. Es entfloh ihm ein scharfes »Schiet!«, worauf hin Christian sich ihm mit entrüstetem Blick entgegen drehte.

»Welch unangenehme Manieren!« Elisabeth packte Piet am Arm, sodass dieser sich zu keiner Äußerung hinreißen ließ. Die unverhoffteste Anmerkung kam allerding von Renata.

»Sorge dich nicht Christian, es gibt Menschen, bei denen klingt selbst ein Schimpfwort liebenswürdig. Ich muss Peter Hennings nichts nachsehen.«

Piet drehte sich um und grinste genüsslich über beide Backen. Elisabeth fand die Situation ebenfalls amüsant und ging zu Renata, die immer noch neben Christian stand.

»Kenne ich den charmanten Herrn?«, fragte sie übertrieben freundlich. Die Antwort kam von Christians Vater, der abseits bei Pavel stand und auf sie zu kam.

»Elisabeth Hennings! Natürlich kennen wir uns!« Elisabeth antwortete nur mit einem verschmitzt lächelnden »Ach?! Ja stimmt – Gerbermeister Zeidel!«, wobei sie dessen Sohn den Rücken zudrehte.

»Hennings ... Das war doch einmal ein großer Name in Wismaria, wenn ich mich nicht irre«, hörte sie Christian hinter sich sagen und schon hatte Pavel das Wort.

»Du irrst, bester Christian. Hennings ist immer noch ein großer Name und das wird er auch bleiben!« Auch wenn er kauzig dabei lächelte, so war sein Tonfall doch sehr bestimmt.

Milozs kam herbei und versuchte Elisabeth abzulenken, in dem er ihr die Lichtzieherei am anderen Ende des Raumes zeigen wollte, aber Elisabeth bat sich dafür ein anderes Mal aus. Sie wollte den Besuch nicht stören und verabschiedete sich. Pavel brachte sie zur Tür.

»Du hast mir eine große Freude gemacht, indem du mich besucht hast!« Elisabeth nickte. Wie immer sah er sich im Mittelpunkt, aber das war ihr schon lange gleichgültig.

»Pavel, es geht mich zwar nichts an aber ... dieser Christian ist kein Mann für diese blühend schöne Renata! Das darfst du ihr nicht antun.« Sie hielt den Kopf schief, wie Liam, als er mit ihr gesprochen hatte. Pavels Antwort hatte sie erwartet.

»Das kannst du nicht verstehen, Elisabeth. Sie werden schon zusammen finden!« Elisabeth schüttelte den Kopf.

»Du hast recht Pavel, DAS kann ich wirklich nicht verstehen!« Sie verabschiedete sich lächelnd und trat den Heimweg an.

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Kapitel 3

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Elisabeth wusste, dass Piet spätestens kurz nach 21 Uhr zuhause sein müsste, da um diese Zeit alle Stadtore geschlossen wurden. An seinem zweiten Arbeitstag war es genau ein Viertel nach neun Uhr Abends. Er hatte kaum Hunger, da die Kordens ihn gut zu verköstigen schienen und widmete sich bald einer weiteren, von Pastor Sprengel geliehenen Zeitung. Elisabeth überlegte sich eine angemessene Form ihrer Frage, die ihr in den Gedanken brannte.

»Piet, darf ich wissen, was zwischen Dir und Renata vorgeht?«, kam es dann doch sehr direkt. Der Bruder zeigte sich nicht erstaunt.

»Nichts, Else,« antwortete er ruhig und hob nur kurz den Blick von der Zeitung ab. Nach einigen Sekunden schlug er allerdings das Blatt zu und sah durch das Fenster hinaus in die Dunkelheit.

»Denkst du, Pavel könnte annehmen, ich sei nicht gut genug für seine Schwester?!« Elisabeth rutschte nach Piets Frage das Schneidebrett aus der Hand. Sie hatte Piets neues Problem begriffen. Er hegte wirklich ernste Absichten und würde gewiss verärgert reagieren, sollte man ihn aus Standesgründen abweisen.

»Wie denkt Renata darüber?«, kam ihr als erste Gegenfrage in den Sinn. Piet nickte und streifte seine schulterlangen Locken hinter die Ohren.

»Renata mag mich. Das habe ich bemerkt.«

Was sollte sie ihm antworten? Dass ein Mögen gewiss nicht ausreichen würde? Dass er aufhören sollte, sich in etwas zu verbeißen, auf dem kein Segen lag? War hier bereits das nächste Drama vorbestimmt? Er sah Pavel nicht nur als seinen Meister, sondern in erster Linie als seinen Freund. Hier könnte ganz rasch etwas in die Brüche gehen, das ungeahnte Folgen haben könnte.

»Ist sie nicht mit diesem ... Christian so gut, wie verlobt?«, folgte Elisabeths Frage.

»Sie will ihn nicht, Else! Sie ekelt sich vor ihm und will mit Pavel reden.«

Elisabeth ging zu ihrem Bruder, umfasste ihn bei den Schultern und drückte ihn an ihre Seite.

»Bei Gott, versuche dich abzulenken Piet! Lass diese Gedanken nicht deinen Tagesablauf bestimmen. Zeige den Kordens, wie großartig du arbeiten kannst und lasse den Dingen ihren Lauf!« Er nickte fest.

Details

Seiten
200
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903379
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Mai)
Schlagworte
seelen zwielicht historischer roman

Autor

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Titel: Seelen im Zwielicht: Historischer Roman