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Das Ende der Lewis-Ranch

2016 160 Seiten

Leseprobe

Klappe

Das Land jenseits des Pecos war ein gesetzloses Land. Starke Banden, die Gesetzlose, verlorene und dunkle Elemente in rauen und wilden Horden in ihren Reihen vereinigten, terrorisierten und unterdrückten jeden, der sich ihnen widersetzte. In unzugänglichen Schlupfwinkeln und pochend auf Waffengewalt, fühlten sie sich vor dem Gesetz ziemlich sicher. In den Städten aber herrschten andere Machtgruppen, die ebenso skrupellos die kleinen Leute ausbeuteten.

Die ganze brutale Macht der rivalisierenden Jefferson- und Lewis - Banden bekommt Grant Ward mit seinen beiden Brüdern zu spüren, als einer seiner Brüder mit einem Mitglied der Lewis - Sippe zusammengerät. Fast ausweglos ist Grant Wards Kampf, und er will schon aufgeben, als im letzten Augenblick von einer Seite Hilfe kommt, von der er es am wenigsten erwartet.

Ein Western von Larry Lash voller Spannung und Dramatik.

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Roman

1.

––––––––

Graue Nebel wogten zwischen den schlanken Säulenstämmen des Waldes. Die ersten Sonnenstrahlen tasteten sich vor und verfingen sich darin, so dass das Gewölk hell aufleuchtete und die Nebelschleier zu hellen, in sich glühenden Lampen machte, die die Welt ringsum in einem unwahrscheinlichen Licht erscheinen ließen. Grant Ward war diesen Anblick gewöhnt. Es war für ihn nichts Neues, dass die Lichtfluten des erwachenden Tages die Welt verzauberten. Seine Welt war der Wald und die Wildnis. Er teilte sie mit seinen Brüdern Jack und Louis. Beide waren älter als er, dazu größer und breitschultriger. Sie alle zusammen hatten die vergangenen Monate genutzt, und der Lohn dafür war nicht ausgeblieben. Der Schuppen gleich neben der Hütte barg die wertvollen Felle von Biber, Fuchs, Marder und anderem Pelzgetier. Die Felle waren bis zu den Balken auf gestapelt. Yeah, es waren Felle, wie die Tiere sie nur in einem besonders kalten Winter bekamen.

Fallen, Schneeschuhe, die Pelzbekleidung und all das, was man im Schnee in den langen Monaten der langen Nächte und der Blaueisblizzards getragen und gebraucht hatte, wurde jetzt nicht mehr benötigt. Der Frühling war mit goldenen Lichtfluten und schmeichelnder Wärme eingekehrt. Den ersten Sonnenstrahlen folgte bald das leuchtende Grün der Moose, Büsche und Baumkronen. Die Wildbäche gurgelten vom Eis befreit. Blumen hatten leuchtende Teppiche auf den Waldgrund und die Wildbachufer gewoben. Azurblau spannte sich der Himmel, Licht bringend, eine neue Zeit verkündend.

Grant sah weder den leuchtend blauen Himmel noch das zarte Grün auf der Lichtung, auf der die Hütte und der Fellschuppen standen. Er sah weder die Pferde im Stangencorral noch die Fallen, die rostend am Schuppen auf ihre Pflege warteten. Er schaute den Waldweg entlang, den ein Blizzard als Schneise in den Wald gerissen hatte. Seine Augen blickten angestrengt aus schmal gezogenen Lidern, als wollten sie die Morgennebel, die noch immer das Sichtfeld einengten, durchdringen. Er stand ein wenig vornübergebeugt da. Die Blockhüttentür hinter ihm war offen, so dass man in den primitiv eingerichteten Hüttenraum mit den drei Lagerstätten blicken konnte. Man sah, dass nur eine Lagerstatt benutzt worden war, nämlich die, die Grant gerade verlassen hatte. Weder Jack noch Louis waren aus der Rinderstadt zurückgekehrt.

Diese Tatsache war nicht etwa beunruhigend, denn zwei starke Männer, die nach langen Wintermonaten und harter Waldläuferzeit davongeritten waren, um Proviant und andere Dinge einzukaufen, würden sicherlich ihren Spaß haben wollen. Das war also kein Grund zur Aufregung. Weder Jack noch Louis waren Männer von der Sorte, die der Brandy schnell von den Beinen holen konnte, oder die sich hinreißen lassen würden, Dinge zu tun, deren sie sich später hätten schämen müssen. Sie waren strebsam wie Grant, arbeitsam und ausdauernd, die besten Kameraden, die sich ein Mann nur wünschen konnte, bei einer Arbeit, die gefahrvoll und voller Überraschungen war - wie die eines Waldläufers.

Himmel, und doch war etwas da, das Grant mit geradezu überempfindlichen Sinnen wahrnahm, was ihm ganz und gar nicht gefiel. Grant hatte die Wassereimer neben sich abgestellt und hatte sich dann an den Stangen des Corrals aufgestützt. Er ließ keinen Blick aus der Richtung, aus der seine Brüder mit den Packpferden auftauchen mussten.

Der Wald lag in tiefstem Frieden. Die Pferde im Stangencorral grasten. Holzrauch drang aus dem selbstgemauerten Kamin. Drinnen im Blockhaus würde auf dem Ofen bald das Wasser kochen. Grant würde bald sein Frühstück bereiten und essen können. Es sah nicht danach aus, dass er es mit seinen Brüdern einnehmen könnte.

Nur noch einen Augenblick lang zögerte er, dann nahm er die Eimer hoch und ging zum Brunnen hin. Dort holte er das klare, eiskalte Wasser aus der Brunnentiefe, entblößte seinen Oberkörper und wusch sich mit der Seife, die er aus der Hütte mitgebracht hatte. Das grobfaserige Handtuch hing aus seiner Hosentasche heraus. Der Frühlingswind spielte damit.

Als er sich mit dem Handtuch abrieb, hörte er plötzlich den Hufschlag eines Pferdes. Ein Mann, der so lange in der Wildnis gelebt hatte, konnte das sofort heraushören, und mehr noch, er konnte genau sagen, in welcher Gangart der Reiter sich auf dem vom Blizzard geschlagenen Wege näherte. Vom Brunnen aus konnte er den Weg nicht übersehen.

Der für Grant unsichtbare Reiter ritt langsam. Jeden Moment musste er auftauchen. Ein Pferd, das im vollen Jagen herankam, war auf eine viel größere Distanz zu hören. Ohne zu zögern, griff Grant nach dem abgelegten Waffengurt und hob den 45er aus dem schwarzen Halfter heraus.

Für einen Moment lag die große Waffe mit dem Speziallauf abwägend in seiner Hand. Nur einen Augenblick lang betrachtete er die Waffe, der Kimme und Korn fehlten. Es sah so aus, als wollte er die eigenartig zurecht gemachte Waffe wieder zurück ins Halfter stecken, doch dann besann er sich. Er behielt die Waffe in der Hand.

Er entsann sich zweier unliebsamer Überraschungen, die seinen Brüdern und ihm durch fremde Reiter bei deren Auftauchen bereitet worden waren. Wenn das auch schon vor Monaten geschehen war.

So gab es doch keine Garantie dafür, dass sich nicht Derartiges wiederholen könnte. Seine Rechte schloss sich jetzt fester um die Waffe, die jeder Kenner als die Waffe eines schnellen Mannes erkannt hätte. Halbnackt wie er war, mit nassem, blondem Haar, bewegte er sich leichtfüßig und geschmeidig vorwärts, wie es nur ein Waldläufer vermochte.

Noch bevor der Reiter auf dem Blizzardweg auftauchte und ins Blickfeld kam, stoppte Grant Ward, um den Reiter zu erwarten. Er ging nicht in Deckung, dachte nicht daran, dass er aus einer Deckung heraus eine sichere Position haben würde. Den Colt hielt er gesenkt, wachsam und bereit. Niemand konnte vorhersagen, was die Begegnung bringen würde. Immer wieder kamen Fremde über den Pecos, die das Gesetz fürchteten. Immer wieder kamen Menschen, denen man wohl vor die Stirn, aber nicht dahinter sehen konnte. Es war, als hätte es sich auf dem ganzen Kontinent herumgesprochen, dass jenseits des Pecos noch Zuflucht für alle diejenigen war, die aus irgendeinem Grunde dem Gesetz aus dem Wege gehen mussten.

Nun, Grant dachte nicht darüber nach. Ihn interessierte nur der Reiter, der jetzt mit seinem Pferd sichtbar wurde. Wie Grant auf den ersten Blick erkannte, war es kein Mann, sondern ein Mädchen, das sich aufrecht im Sattel des schwer mitgenommenen Pferdes hielt. Kastanienrotes Haar quoll in dichter Fülle unter der breitrandigen Stetsonkrempe hervor. Es leuchtete wie eine Flamme in der Morgensonne. Schlank und hochgewachsen wie sie war, hatte sie dennoch jene reizende Fülle, die einem Mann das Herz höher schlagen lassen konnte. In ihrem oval geschnittenen Gesicht waren die großen Augen von langen Wimpern eingefasst. Die hohe Stirn verriet, dass sie nicht nur die körperlichen Reize einer Frau besaß, sondern auch intelligent war. Ihre grün-blau schimmernden Augen waren jetzt dunkel gefärbt. Es verriet, dass sie in tiefer Erregung war. Grant wusste, dass Erregung die Augen fast schwarz färben konnte.

Er kannte das Mädchen schon seit einem Jahr, als er mit seinen Brüdern die Rinderstadt Telston besucht hatte. Sie waren gerade dazu gekommen, als Karen Steele ihren Vater tot auf der Mainstreet aufgefunden hatte.

Eigentümlich, dass Grant gerade jetzt an Link Steele denken musste, an Karens Vater, einen Mann, der ein Kartenhai war und vom Kartenspiel gelebt hatte, ein Kerl von jener Sorte, die begaunerten und betrogen, die mit Tricks und auch mit Gewalt im gegebenen Augenblick dafür sorgten, dass das Glück auf ihrer Seite blieb. Karens Vater war ein Mann aus dem Süden gewesen, wo die Sklaverei noch zu Hause war. Man sagte von ihm, dass er dort riesige Ländereien und Plantagen besessen hatte. Niemand wusste indes, warum er über den Pecos gekommen war. Das wusste nicht einmal seine Tochter, oder sie wollte es nicht wissen. Link Steele hatte so lange gelebt, bis Stuart Lewis ihn gefordert hatte und sich als der schnellere Mann erwiesen hatte.

Damals war Stuart Lewis noch nicht so groß gewesen, damals hatte man es noch wagen können, dass man gegen ihn, seine Sippe, seine Mannschaften und seine Raureiterbande war. Damals war es auch möglich gewesen, Link Steele zu beerdigen und an seinem Grab zu stehen. Damals hätte Jack Ward abrechnen können, doch Karen hatte es verhindert. Karen war von dem Augenblick an ein richtiger Freund geworden.

Jetzt hielt sie ihr Pferd scharf vor Grant Ward an. Der Dreck flog unter den Hufen des Tieres auf. Im nächsten Augenblick war sie ohne Hilfe aus dem Sattel und stand vor Grant. Sie hatte die Zügel des Pferdes losgelassen. Das Tier stand mit hängendem Kopf hinter ihr, müde und ausgepumpt von dem langen Weg. Sicherlich hatte es über lange Strecken schnell laufen müssen, doch dann hatte es Karen wohl im Schritt gehen lassen. So hatte sie es sich erspart, das Pferd am Ende des Rittes lange bewegen zu müssen. Der Schweiß war an den Flanken und Weichen des Tieres jetzt eingetrocknet. Karen hatte also alles getan, um das Tier zu schonen, obwohl sie es sehr eilig hatte. Sie hatte es nicht über das Herz gebracht, ihr Kommen auf Kosten des Pferdes zu beschleunigen.

Die beiden sahen sich jetzt an. Grant schluckte, als hätte er einen Kloß in der Kehle, denn ihr Erscheinen unter diesen Umständen sagte ihm deutlich, dass etwas nicht in Ordnung sein musste. Niemals hätten seine beiden Brüder Jack und Louis es zugelassen, dass Karen den weiten Ritt hierher allein machte. Es musste schon etwas Besonderes vorgefallen sein, dass sie allein kam. Sie würde wohl sicherlich auch keine Kraft gefunden haben, die sie in ihrem Store während der Zeit ihrer Abwesenheit vertreten hätte. Es gab wohl niemanden in Telston, der das auf sich nehmen würde. Niemand wagte es, sich offen gegen Stuart Lewis zu bekennen, indem er Karen Steele unterstützte.

So seltsam es auch sein mochte, so war doch der Hass Stuart Lewis' mit dem Tode von Link Steele nicht aus der Welt geschafft worden. Dieser Hass hatte sich gegen Karen gerichtet. Das hatte zur Folge, dass in ihrem Store nur durchfahrende Fremde, Fahrensleute, Treckwagenfahrer, Fallensteller, Waldläufer und Scouts einkauften. Das waren alles Menschen, denen Lewis keine Befehle erteilen konnte, die von ihm keine Schwierigkeiten zu befürchten hatten. Der Verdienst, den der kleine Store abwarf, reichte so für Karen gerade zum Leben. Jeder Tag musste genutzt werden, wenn sie ihren Laden weiterführen wollte. Karen war trotz aller Schikanen, die Stuart Lewis ihr bereitete, in Telston geblieben. Sie schien ihm beweisen zu wollen, dass sie sich nicht unterkriegen ließ.

„Grant Ward", sagte sie mit einer glockenreinen, melodischen Stimme, „Sie müssen sofort in den Sattel und aus dem Land reiten!"

Grant Wards Kopf ruckte höher. Sein Kinn schob sich nach vorn. Einen Moment lang zuckte die Hand mit der Waffe, dann ließ er den Colt in seine Hosentasche gleiten. Ein leises, dunkles Lachen kam über seine Lippen.

„Ich soll verschwinden, Madam? Niemand kann das von mir fordern. Wer schickt Sie, Jack.... Louis? Nun, wenn die beiden einen Scherz ausheckten, so ist das der schlechteste, den ich mir denken kann. Meine Brüder hätten Sie dabei nicht einspannen dürfen, Madam."

Noch während Grant das sagte, wusste er, dass er Unrecht hatte, dass er vergeblich versuchte, eine Ausflucht zu finden, dass er nur seine eigenen Bedenken zerstreuen wollte. Nein, kein Mann in diesem Lande würde es wagen, eine Frau für einen ganzen Tag lang in den Sattel zu bringen. Das wäre eine Zumutung schlimmster Art gewesen. Eher konnte man von einer fremden Weide Rinder forttreiben und ihnen das eigene Brandzeichen aufbrennen. Grant sah selbst ein, dass es kein Scherz war, der Karen Steele in den Sattel gebracht hatte.

„Was ist los, Madam Steele?", fragte er rundheraus.

„Sehr viel, Grant", sagte sie. „Sie müssen sich auf die schlimmsten Nachrichten gefasst machen."

„Ich kippe nicht gleich aus den Stiefeln", erwiderte er fest. „Bevor ich Sie willkommen heiße, bevor wir ins Haus treten, möchte ich die Hiobsbotschaft hören. Wo sind meine beiden Brüder Jack und Louis, Madam?"

„Beide sind verwundet und flohen aus Telston. Auch Sie müssen fliehen, bevor Reiter von Stuart Lewis hier auftauchen!"

„Reiter von Lewis?"

„Ja", erwiderte sie. „Es gab eine schlimme Auseinandersetzung in Telston. Stuart Lewis verlor seinen Neffen und zwei seiner Reiter dabei. Jetzt sind Lewis' Raureiter hinter deinen Brüdern her."

„Sicherlich mit dem Vormann Dan Brunswick, den Revolvermännern Slim Shelton, Pete Skinner und anderen Revolverschwingern, die für Lewis reiten. Wie konnte es nur geschehen, dass Jack und Louis sich mit diesen Burschen einließen?"

„Sie waren ihnen schon immer ein Dorn im Auge", erklärte Karen Steele mit dunkler Stimme. „Ich kann diesen Hass nicht begreifen. Er kommt wohl daher, dass damals deine Brüder versuchten, die Sache meines Vaters zu ihrer Sache zu machen. So etwas kann die Lewis-Sippe nicht vertragen."

„By Gosh, es ist ein unsinniger Hass, Madam", erwiderte Grant mit heiserer Stimme. „Was taten meine Brüder, wer fing den Streit an? Was ist wirklich geschehen, Madam?"

„Lewis' Neffe hatte zu viel getrunken und zog zuerst, doch das wird niemand zugeben. Keiner wird gegen den großen Lewis zeugen wollen, keiner wird auch sagen, dass seine Cowboys zuerst das Feuer auf deine Brüder eröffneten. Lewis' Neffe ist tot. Doch Stuart Lewis darf nicht erfahren, dass sein Neffe zu langsam war. Das würde ein schlechtes Licht auf die Sippe werfen. Die Zeit, da ein Lewis fair kämpfte, ist mit dem Tod meines Vaters vorbei. Stuart Lewis hat meinen Vater in einem fairen Kampf besiegen können. Damals gab es noch parteilose Menschen, die die Wahrheit sagten. Heute ist Lewis so groß, dass niemand mehr die Wahrheit zu sagen wagt. Stuart Lewis greift rücksichtslos durch, und wenn ich keine Frau wäre, würde ich bereits tot sein. Dieser Mann, der meinen Vater so sehr hasste, ist auch an seinem Untergang schuld. Er ist der Mann, der mit meiner Mutter durchbrannte und sie später verstieß. Als mein Vater dann Stuart Lewis hier wiedertraf, sagte er ihm ins Gesicht, dass er meine Mutter in einem kleinen Dorf an der texanischen Grenze auf einem Friedhof wieder treffen könne. Mein Vater hatte immer gehofft, meine Mutter, an der er noch immer sehr hing, zurückgewinnen zu können."

Karen Steele sprach nicht weiter. Tränen standen in ihren Augen. Die Erinnerung machte ihr sehr zu schaffen. Es war jedoch nicht nur die Erinnerung, die sie so sehr erregte, es waren wohl auch die letzten Ereignisse, die ihr so sehr zu schaffen, machten und die drohten, die einzigen Freunde, die sie noch besaß, in den Abgrund zu reißen.

„Sie müssen fort, Grant", sagte sie nach kurzem Schweigen. „Zögern Sie nicht! Sie wissen so gut wie ich, dass Lewis sich nicht zufrieden damit geben wird, nur Ihre Brüder zu verfolgen. Er wird Sie stellen und töten lassen."

„Madam, Lewis ist kein Gott, dem man gehorchen muss, er ist auch nur ein Mensch. Er kann mir nichts anhaben. Ich werde bleiben. Ich werde hier auf meine Brüder warten und von hier aus versuchen, alles ins Reine zu bringen. Auch Lewis kann sich nicht vor der Wahrheit verschließen. Es muss eine Möglichkeit geben, weiteres Blutvergießen zu verhindern. Noch eins, Madam, ich kann nicht fort, nicht fliehen, ohne alles hier aufzugeben. Das wäre Verrat an meinen Brüdern. Sie würden es mir niemals verzeihen. Ich bleibe und werde es durchstehen, Madam, denn jemand muss es tun. Ich war nicht in den Kampf verwickelt. Es bleibt mir so die Möglichkeit, für meine Brüder einzutreten. Man kann ihnen nicht zu Unrecht eine Meute auf die Fersen hetzen."

„Grant, Sie kennen Lewis nicht gut genug. Jack und Louis werden ihn jetzt genau kennenlernen. Dieser Lewis ist schlimmer als ein Teufel und arroganter als ein spanischer Edelmann, skrupelloser als ein Bandit und machthungriger als ein römischer Imperator. Unterschätzen Sie die Gefahr nicht, Grant. Ich kam nur hierher, damit Sie fliehen können."

„Haben Louis und Jack das verlangt, Madam?", fragte er. „Haben Sie mit ihnen sprechen können?"

„Nein", erwiderte sie wahrheitsgemäß. „Sie flohen aus der Stadt, und nur der Himmel weiß, wo sie sich befinden und in welcher Notlage sie sind. Sie, Grant, können sich das Ärgste ersparen. Satteln Sie und reiten Sie fort! Ich werde hierbleiben und dafür sorgen, dass Lewis' Reiter wieder umkehren."

„Madam, es geht nicht an, dass eine Frau einem Raureiterrudel entgegentritt", antwortete er.

––––––––

2.

––––––––

Karen Steele war geblieben. Vergeblich hatte Grant Ward auf sie eingeredet und ihr klarzumachen versucht, dass sie sich in diese Sache nicht einmischen dürfe. Er hatte ihr gesagt, dass sie bereits genug zu kämpfen und zu sorgen hätte und dass ihr nur weiterer Kummer entstehen würde. Sie hatte ihm darauf erwidert, dass selbst Raureiter nicht gegen eine Frau vorgehen würden. Sie wäre entschlossen, auszuhalten und alles zu tun, was in ihren Kräften stünde.

Nein, sie hatte sich nicht abweisen lassen. So hatte er sie denn eingeladen und ihr Pferd im Corral untergebracht. Dann war er mit ihr in die Blockhütte getreten. Er musste erleben, dass sie ihn weiter bedrängte, die Flucht zu ergreifen. Ohne viele Worte begann sie damit, ein Proviantbündel zu packen.

„Wozu das?", fragte er vom Tisch her, wo er sich auf einem Stuhl niedergelassen hatte und ihrem Hantieren zusah.

„Damit es Ihnen nicht so ergeht wie meinem Vater", erklärte sie ihm mit einem Blick, der durch ihn hindurch drang und in unbekannter Ferne etwas zu suchen schien. „Dad hätte damals auf mich hören sollen, vielleicht lebte er dann noch und wir wären jetzt woanders in einem schöneren Land."

Mit zunehmender Unruhe bewegte sie sich zum Fenster und blickte hinaus. Draußen war es ruhig, friedlich und still. Die Sonne hatte die Nebelfahnen des Morgens vertrieben. Strahlend und leuchtend lag der Wald da, angetan mit dem Laubschmuck des Frühlings. Harzgerüche und Blumendüfte, der Odem des Waldes lag in der Luft. Die Pferde in den Corralen bewegten sich, grasten und stampften mit den Hufen.

Karen Steele schnürte das Bündel zusammen und begann, das Frühstück zu bereiten, indem sie Speck schnitt und in die Pfanne auf dem Herd tat. Sie bewegte sich so, als ob sie in dieser Hütte zu Hause wäre und es das Selbstverständlichste von der Welt sei, dass sie hier war; und doch war sie zum ersten Mal hier. Die Brüder hatten sie oft eingeladen, doch hatten sie nie erlebt, dass sie dieser Einladung Folge leistete. Man hatte sich damit abgefunden, dass man sie nur bei den Stadtbesuchen sah. Man war bei ihr immer willkommen und bekam Kaffee und Kuchen vorgesetzt. Die Gegenwart des Mädchens schuf dann immer eine anheimelnde Atmosphäre. Grant musste daran denken, wie sehr sie von seinen beiden Brüdern, aber auch von ihm verehrt wurde. In einem stillen Übereinkommen wurde sie von allen dreien wie eine liebe Schwester behandelt. Sicherlich empfand jeder mehr für dies Mädchen als Schwesterliebe, doch keiner der Brüder wagte es, das stille Übereinkommen durch persönliche Wünsche zu brechen. Keiner wollte den anderen verletzen, mehr fordern oder mehr gewinnen. Das war gut so, gerade jetzt, da das Verhängnis hereingebrochen war.

Grant sah sie wohl erst heute mit ganz anderen Augen, mit den Augen eines Mannes, dem das Herz schneller schlug, dem eine Welt zusammengebrochen war, dem in dieser aufgewühlten Gemütsverfassung plötzlich offenbar wurde, dass Karen Steele einem Mann mehr als eine kleine Schwester sein konnte. Sie war die Frau, die ein Mann sich in seinen Träumen wünscht. Sie besaß Herz, Gemüt und eine tapfere Haltung, die sich in der Not deutlich zeigte. Dass Grant gerade jetzt diese ihn überwältigende Entdeckung machte, war etwas, womit er im Augenblick noch nicht fertig wurde. Er spürte ihre steigende Furcht, die sich in ihrer größer werdenden Unruhe immer deutlicher zeigte.

„Sie hätten nicht hierherkommen dürfen, Madam", sagte Grant aus seinen Gedanken heraus.

„Ich bin euch Brüdern etwas schuldig", sagte sie herb. „Damals, nach dem Tod meines Vaters, habt ihr mir den Store aufgebaut, ihr habt ohne Bezahlung die ersten Warentransporte für mich durchgeführt und mir immer wieder Kunden geschickt, als der Boykott, zu dem Lewis aufgerufen hatte, mich zu ruinieren drohte. Ihr habt mir immer wieder ohne viele Worte geholfen und mir beigestanden und es mir ermöglicht, hier im Land in Telston zu bleiben, wo mein Vater seine letzte Ruhestätte fand. Sprechen wir nicht weiter darüber, Grant Ward. Ich kann nicht einmal einen kleinen Teil der Schuld wiedergutmachen."

Sie unterbrach sich und schaute wieder durch das Fenster nach draußen. Abwehrend, wie von einem schrecklichen Anblick aufgerüttelt, streckte sie die Hände aus. Fast tonlos kam es von ihren Lippen:

„Es ist zu spät, Grant Ward. Sie sind da, Sie können nicht mehr fliehen."

„Lewis' Reiter?"

„Ja", sagte sie, wobei ihre Hände kraftlos niedersanken.

Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen. Sie war so bleich geworden, dass man befürchten musste, sie würde zusammenbrechen. Nur einen Moment währte das Erschrecken, dann richtete sie sich höher auf. Ein heller Glanz kam in ihre Augen, zugleich kehrte auch das Blut in ihr Gesicht zurück.

Grant hatte sich erhoben. Sein Hunger war verflogen. Ein schales Gefühl zog ihm den Magen zusammen.

„Bleiben Sie im Hause, Madam", sagte er, wobei er seinen Gurt aufschnallte und ihn mitsamt dem Colt und dem Halfter auf den Tisch legte. „Ich gehe hinaus und werde mit ihnen reden, Madam."

„Ohne Waffe?"

„Ja, ohne Waffe. Sie sollen sehen, dass ich keinen Kampf will, dass ich Frieden wünsche, dass ich keine Aktionen starten will, die den Tod zur Folge haben könnten."

Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und schritt zur Tür. Sie verhielt sich still und rief ihn nicht zurück. Er verließ, ohne sich umzusehen, den Raum und schloss die Hüttentür hinter sich. Vor der Hütte blieb er stehen und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Holzwand.

Das Dutzend Reiter nahm keine Notiz von ihm. Sie ritten am Corralzaun entlang, öffneten die Tür des Schuppens und sahen hinein. Man tat so, als wäre Grant Ward überhaupt nicht vorhanden. Das war ein Zeichen von Missachtung, von großer Überheblichkeit. Ringsum waren Reiter, die ihre Pferde angehalten hatten und vom Sattel her dem Treiben der anderen zusahen.

„Sie sind nicht hier, Brunswick", meldete einer der streifenden Reiter, der einen Blick durch das Blockhausfenster in das Innere der Hütte getan hatte. „Sie haben Grant Ward nicht warnen können. Dafür tat es Madam Steele. Sie ist in der Hütte."

Der Leiter der Gruppe war niemand anders als der bullige Vormann der Lewis-Ranch - Dan Brunswick. Er war ein Mann, dessen Schulterbreite an einen Preisboxer erinnerte. Er hatte eine niedrige, vorgewölbte Stirn mit sehr tiefliegenden, kleinen Augen unbestimmbarer Farbe. Ein Sichelschnurrbart hing von seiner Oberlippe herunter, dessen Enden auf einem schmutzigen Halstuch lagen. Das Kinn war breit und vorladend, und auf einem breiten Hals saß ein kleiner Kopf.

Dieser Vormann mit dem kleinen Kopf war bestimmt trotz seines lächerlichen Aussehens ernst zu nehmen. Er war einer der gefährlichsten Reiter, die jemals in einem Sattel saßen. Sicherlich waren die beiden Reiter an seinen Flanken nicht weniger beachtenswert. Pete Skinner, der links neben Brunswick sein Pferd bewegte, war gegen Brunswick sicherlich nur ein Zwerg. So klein dieser krumm gewachsene Mann mit dem Höcker auch war, konnte man seine Gefährlichkeit doch erkennen, wenn man auf seine nervigen Finger sah, in seine bösartigen Augen blickte, auf sein verzogenes Gesicht achtete, das von einem teuflischen Grinsen geprägt war. Man wusste dann, was für einen Menschen man vor sich hatte: einen eiskalten Burschen, der sich über alles hinwegzusetzen vermochte. Das Grauen konnte einen bei seinem Anblick überkommen.

Der rechts neben Vormann Brunswick haltende Begleiter war lang und hager. Er hatte ein langes Gesicht, in dem sich eine gelbe Pergamenthaut über die Wangenknochen spannte. Es sah so aus, als müsste sie bei einem unbedachten Grinsen des Mannes zerreißen. Grant Ward erkannte in dem Reiter den gefürchteten Slim Shelton. Wie er, saßen alle Reiter auf hochgewachsenen, schnellen Pferden, die ausgesuchte schnelle Renner waren. Diese Reiter hatten wohl kaum jemals auf Rinderpferden gesessen und Kühe getrieben. Sie gehörten zu Lewis' Raureitermannschaft und hatten es nicht nötig, sich mit Kühen zu befassen. Allen diesen Männern fehlten die Zeichen eines Cowboys, die Lassonarben auf dem Handrücken, Narben, die davon berichteten, dass so eine Cowboyhand ein Lasso viele tausendmal geworfen hatte. Diese Reiter besaßen besonders tief geschnallte Colts. Einige von ihnen trugen Handschuhe, was nur verwöhnte Revolverschwinger taten, um ihre Hände zu schonen. Man brauchte nur einen Blick auf diese Reitermeute zu werfen, um genau zu wissen, mit wem man es zu tun hatte. .

Brunswick hatte dem Sprecher nicht geantwortet, er hatte aber auch nicht zu Grant geblickt, sondern wie schläfrig im Sattel gehockt. Jetzt trieb er seinen Rotschimmel vorwärts. Seine beiden Begleiter blieben an seiner Seite und hielten wie er ihre Pferde keine vier Yards vor Grant an, der noch immer ruhig und gelassen an der Holzwand gelehnt stand und zugeschaut hatte, wie einige der Kerle den Schuppen durchwühlt hatten und die aufgestapelten Felle durcheinander geworfen hatten. Sie hatten Fellbündel ins Freie geworfen und waren darauf herumgetrampelt.

„Deine Brüder waren also nicht hier, Ward?", wandte sich der bullige Vormann Brunswick an Grant. Brunswick hatte eine tiefe Bassstimme und Augen, die sich kalt auf Grant richteten. Grant hielt diesem Blick stand.

„Brunswick, wir sollten uns an einen Tisch setzen und uns über das Vorgefallene unterhalten", sagte er, damit sogleich zugebend, dass er über das Vorgefallene Informationen besaß. Es hätte keinen Zweck gehabt, das zu leugnen, denn man hatte Karen Steele bereits gesehen und auch ihr Pferd im Corral erkannt. Es hatte auch keinen Sinn, lange Umschweife zu machen und Unsicherheit zu verraten. Es war das beste, direkt auf das Ziel loszugehen und so zu tun, als hätte er die Ungehörigkeit, wertvolle Felle zu beschädigen, nicht bemerkt. „Ich habe auf euch gewartet, Brunswick", fügte Grant hinzu.

„Gewartet, wirklich?", mischte sich Skinner grinsend ein. „Der kleine Grant Ward hat auf uns gewartet, Dan, damit er uns seine Märchen erzählen kann. Wir verzichten darauf, Ward."

„Es wäre besser für dich gewesen, wenn du dich aus dem Staub gemacht hättest, Buddy", meldete sich nun Shelton. „Du hättest schnell reiten müssen."

„Wozu, das hier ist Gottes ureigenes Land, und wir sind alle Amerikaner, ihr sowohl als ich."

„Sicher, Ward, wir sind alle freie Amerikaner", sagte Dan Brunswick. „Wir sind es aber nur bis zu einem gewissen Grad. Wir können es nicht dulden, dass sich jemand gegen die Lewis-Ranch stellt. Es geht nicht an, dass man gegen Familienangehörige und Mannschaftsmitglieder die Waffe hebt und sein Blei losschickt. Jube Lewis wurde erschossen und mit ihm zwei Cowboys der Ranch."

„In einem Kampf, den man meinen Brüdern aufzwang", unterbrach Grant den Vormann.

Brunswick nickte mit grimmig verzogenem Gesicht.

„Wenn das deine Information ist, hat man dich falsch unterrichtet", sagte er. „Deine Brüder sind schuld! Sie haben sich immer groß aufgespielt und gegen uns gestanden. Schon ihr Erscheinen in der Stadt war eine Herausforderung. Sie haben sich so schuldig gemacht und du mit ihnen. Ihr alle drei habt in Telston nichts zu suchen. Ihr hättet alle drei wissen müssen, dass euer Erscheinen auf einen Lewis wie das rote Tuch auf einen Stier wirkt. Du hättest deine Brüder zurückhalten müssen, Ward. Da du das nicht getan hast, bist du ebenfalls schuldig."

Das war eine eigenartige Auffassung, eine völlige Verdrehung von Recht und Gerechtigkeit, aber ganz im Sinne der Lewis-Anhänger.

„Hole deinen Colt", sagte Brunswick in seiner Rede fortfahrend. „Hole ihn und dann kämpfe."

„Nein, Brunswick, so kann man das nicht lösen, nicht durch eine Kugel, nicht durch Gewalttätigkeit!"

„Warum nicht?" Brunswick staunte. In seinen Augen war die Absage nichts als Feigheit. „Du willst nicht kämpfen, Ward? Sagte man mir nicht, dass du deine Brüder mit dem Colt schlägst, dass du schneller als sie sein sollst? Dass dein Name in der Vergangenheit als Revolvermann etwas bedeutete, oder irre ich mich etwa? War etwa nicht von dir, sondern von einem Namensvetter die Rede, von einem Kopfjäger, Banditenschreck und Nachtmarshal von Tombstone? Nun, dann war jener andere Grant Ward ein wirklicher Kerl und der, der vor mir steht, ist ein erbärmlicher Feigling."

Grant Ward zuckte bei dieser schlimmen Beleidigung nicht einmal zusammen.

„Ich kämpfe nicht, Brunswick", sagte er. „Ich habe meine Waffen abgelegt, und nichts kann mich zwingen, sie zu holen."

„Doch, ich!", mischte sich Shelton ein, indem er vom Pferd sprang und sich auf die Hüttentür zubewegte. „Ich hole dir deinen Colt. Du weißt genau, dass es keinen Pardon für dich gibt. Kämpfe also und stirb! Für einen Ward gibt es keinen Platz in diesem Land."

Shelton erreichte die Hüttentür und wollte sie öffnen, doch sie wurde vorher von innen aufgerissen. Mit vorgehaltener Waffe stand Karen Steele vor dem Revolvermann.

„Nicht weiter!", sagte sie scharf. „Ich kann sehr gut mit dieser Waffe umgehen, Shelton. Wagen Sie nicht, das Haus zu betreten!"

Das Erscheinen des Mädchens schien die Meute ein wenig zu beeindrucken. Vom Sattel her sagte Brunswick rau:

„Madam, mischen Sie sich lieber in diese Sache nicht ein!"

„Ich bin nur eine Frau, aber ich weiß ganz genau, dass ihr es nicht wagen dürft, gegen mich vorzugehen. Brunswick, auch Sie dürfen das nicht und keiner Ihrer Männer! Ich habe genau gesehen, was hier vor sich ging, und ich spüre, was geschehen soll. In meiner Gegenwart wird es nicht geschehen. Grant Ward hat ein Recht darauf, angehört zu werden. Er hat ein Recht darauf, mit Stuart Lewis zu sprechen. Dieses Recht darf ihm niemand verweigern, am wenigsten Sie, Brunswick! Wie kein anderer Mann wissen gerade Sie, dass Jack und Louis Ward in Notwehr handelten, dass man ihnen einen Kampf aufzwang. Warum verdrehen Sie die Tatsachen? Nicht einmal Lewis-Reiter dürfen das Recht verdrehen. Keiner in diesem Land darf das, denn einmal wird das Gesetz auch hierher kommen."

Sie blickte über die drohend auf Shelton gerichtete Mündung der Waffe hinweg. Man musste anerkennen, dass sie mutig, tapfer und unerschrocken war, dass sie sich nicht ängstigte und darauf vertraute, den Schutz als Frau zu genießen. Dass sie wohl ein wenig zu sehr darauf vertraute, erkannte man, als Shelton explosiv auf sie zusprang. Sie schoss nicht und wich auch nicht zurück, so dass es Shelton leicht wurde, ihr die Waffe aus der Hand zu reißen. Sie schrie auf, denn Shelton tat es nicht gerade rücksichtsvoll. Er lachte sie hämisch an, schaute auf die Waffe und dann auf Ward.

„Es ist seine Waffe, Dan", wandte er sich an Brunswick mit einer Stimme, in der wilder Triumph schwang. „Ward hat die Waffe in der Hütte gelassen, und das Mädchen hat sie an sich genommen. Ich kenne seinen Colt genau. Hier, Ward, fang!"

Wenn er geglaubt hatte, dass Grant Ward die Waffe auffangen würde, als er sie ihm zuwarf, hatte er sich getäuscht. Grant tat nichts dergleichen. Die Waffe fiel zu Boden und entlud sich. Ein Feuerstrahl zuckte gegen die Bohlenwand des Hauses, und die Kugel grub sich ins Holz.

„Sperr sie ein!", befahl Brunswick vom Sattel her Shelton. Der führte den Befehl sofort aus. Er stieß das Mädchen mit der Schulter tiefer in den Raum hinein, packte die Tür und zog sie ins Schloss.

„Ersparen Sie sich weitere Schwierigkeiten, Madam!", warnte er.

„Bleibe an der Tür Slim und sorge dafür, dass sie uns nicht weiter stört", sagte Brunswick hart vom Sattel her. Er war entschlossen, die Sache endlich zum Abschluss zu bringen. Zu einem Reiter gewandt sagte er: „Mach ihr Pferd rittfertig, Jonny. Wenn wir hier aufbrechen, wird sie froh sein, davonreiten zu können." Dann wandte er sich an Grant: „Ward, deine Rechnung ging nicht auf. Du kannst dich nun nicht mehr hinter ihrer Schürze verstecken. Heb den Revolver auf."

„Nein", erwiderte Grant fest. Er sah den Mann, der den Auftrag hatte, Karen Steeles Pferd rittfertig zu machen, in Richtung des Corrals davonreiten. Shelton stand noch immer als Wachtposten an der Tür. Grant wusste, was jetzt kommen musste. Der bittere Geschmack in seinem Mund verstärkte sich.

Das also war es! Gewalt! Man brauchte einen Sündenbock. Man setzte sich einfach darüber hinweg, dass er kein Eisen annahm. Diesen Kerlen war das völlig gleichgültig. Es war ihnen recht, dass er sich weigerte, seinen Colt zu nehmen, dass sie ihm Feigheit vorwerfen und sagen konnten, dass er sich die Anwesenheit Karen Steeles zunutze machte und sich hinter ihrer Schürze verkroch.

Für einen Augenblick drohte der Zorn Grant zu überwältigen, doch er hatte Erfahrung genug, um die schlimme Lage, in der er sich befand, genau zu übersehen. Gegen die ganze Meute gab es kein Aufbegehren. Vielleicht hätte er einen oder zwei in das Land, aus dem es keine Wiederkehr gab, mitnehmen können, doch was hätte das genützt? Sein Tod hätte seinen beiden Brüdern wenig geholfen.

„Zündet den Schuppen an, Jim und Tom", befahl Brunswick zwei Kerlen, die sofort ihre Pferde wendeten und ohne einen Einwand bereit waren, diesen irrsinnigen Befehl auszuführen, der die Arbeit vieler Monate in ganz kurzer Zeit vernichten würde.

Es zeigte deutlich, wie blindlings diese Meute den Befehlen ihres Anführers gehorchte. Gleichgültig würden sie den Brand legen, der wertvolle Pelze in Staub und Asche verwandeln würde.

„Ward, wir wollen nicht, dass die Felle in Geld umgewandelt werden können und dass damit deinen Brüdern in irgendeiner Weise geholfen werden kann. Wir wollen auch nicht, dass ihr jemals hierher zurückkommt", sagte Brunswick. „Alles wird darum in Flammen aufgehen." Bei diesen Worten lachte er rau auf. Alle anderen stimmten in das wüste Lachen mit ein. „Jetzt kannst du es noch verhindern. Los denn, dein Colt liegt noch immer am Boden!"

Das Lachen brach ab. Es wurde still ringsum. Während man Feuer an den Schuppen legte, Karens Pferd aus dem Corral zog und auf das Aufflammen der Feuerlohe wartete, schwang Brunswick sich aus dem Sattel. Der Mann war mittelgroß, als er am Boden stand. Er hatte stark gekrümmte Beine, sein Oberkörper aber war massig und schwer.

Er näherte sich Grant, der noch immer mit verschränkten Armen dastand. Er baute sich vor ihm auf und schlug blitzschnell zu. Noch schneller als sein Zuschlägen war Grants Ausweichen. Die riesige Faust des Vormannes krachte gegen die Holzwand. Brunswick stieß einen so urig klingenden Schmerzlaut aus, dass sofort eine Woge Reiter aus den Sätteln sprang.

Der Zorn schlug über dem Vormann zusammen. Wieder wirbelte er vor. Grant konnte nochmals ausweichen. Sein Gegner krachte gegen die Wand. Grant hatte noch keine Hand gerührt. Im nächsten Augenblick stürzten sich drei Raureiter auf Grant Ward, denen er nicht ausweichen konnte. Sie stellten ihn, klammerten sich an ihm fest und wurden regelrecht herumgewirbelt. Das genügte Brunswick, um einen dritten Angriff zu starten. Da drei Kerle Grant festhielten, war ihm eine Gegenwehr nicht möglich.

Die aufgeschlagenen Fäuste, die Brunswick sich geholt hatte, hinterließen blutige Male auf Grants Haut. Verzweifelt stemmte Grant sich auf, zog die Beine an und stieß sie gegen Brunswick. Er erwischte Brunswick so, dass der Vormann wild aufschrie, dann aber so in Raserei geriet, dass er erst aufhörte, als Grant wie leblos aus den Händen der Kerle glitt, die sich an ihm festgeklammert hatten.

Erst in diesem Augenblick schien Brunswick aus seinem Zornesrausch zu erwachen. Er stand breitbeinig und keuchend über seinem Gegner, so, als erwarte er weitere Gegenwehr, doch Grant regte und rührte sich nicht mehr.

Shelton gab seinen Wachtpostenstand auf und kam heran. Skinner ritt mit seinem Pferd näher. Alle drei blickten auf den wie tot am Boden liegenden Grant nieder. Alle drei schreckten erst auf, als die Hüttentür aufgerissen wurde und Karen Steele bleich und mit flammenden Augen aus der Hütte trat.

„Sie werden nicht mehr hinein gehen, Madam", sagte Brunswick zynisch kalt. „Jetzt brauchen wir Sie wenigstens nicht mehr aufzufordern, die Blockhütte zu verlassen. Ihr Pferd steht rittbereit, Madam."

Das Mädchen schien nichts zu hören, eilte näher und beugte sich über Grant.

„Was haben Sie mit ihm gemacht, Brunswick?"

„Er hat genau das bekommen, was ihm zustand, Madam. Er hätte wissen müssen, dass sich niemand ungestraft gegen die Lewis-Crew auflehnen darf. Sie geben kein gutes Beispiel, Madam, aber gerade Ihnen musste gezeigt werden, dass es sich nicht lohnt. Zündet das Blockhaus an!"

Seine Leute kamen sofort dem Befehl nach und rannten ins Haus. Brunswick wandte sich erneut an das Mädchen:

„Wenn Sie bleiben wollen, nun gut, es ist Ihre Sache, Madam. Retten können Sie nichts mehr. Ob Sie diesem da helfen können, ist auch zu bezweifeln. Einen Doc bekommen Sie auf achtzig Meilen in der Runde nicht."

„Soll das heißen, dass Sie ihn so liegenlassen wollen, Brunswick? Einem Tier kommt man mehr entgegen als einem Menschen. Es ist Ihre Pflicht zu helfen!"

„Was meine Pflicht ist, weiß ich besser, Madam. Ich muss dafür sorgen, dass es nicht noch weitere Dummköpfe gegen Lewis versuchen. Wir alle reiten für Lewis. Er hat die größte Ranch, er gibt Hunderten von Menschen Arbeit. Wir können es nicht dulden, dass man einfach einen Lewis erschießt. Dieser Bursche da ist zäh. Wenn er aufgewacht ist, sagen Sie ihm, dass er vierundzwanzig Stunden Zeit hat, um sich aus dem Land zu stehlen. Sagen Sie ihm, dass er nach vierundzwanzig Stunden so gut wie vogelfrei ist. So long, Madam!"

Die letzten Worte waren im Knattern der Flammen, die prasselnd aus dem Schuppen schlugen, kaum noch zu hören. Das Mädchen musste zusehen, wie der Schuppen in hell lodernden Flammen stand. Die Flammen fraßen die Felle. Sie musste auch zusehen, wie die Raureitermeute abritt, ohne sich um Grant zu kümmern. Sie war ohnmächtig gegen die Flammen, die aus dem Blockhaus drangen. Der Qualm war so beißend, dass sie den bewusstlosen Grant fortschaffen musste. Sie brauchte ihre ganze Kraft, um Grant weiter auf den Rasen zu ziehen, dorthin, wo vor wenigen Augenblicken die freigelassenen Pferde davongeprescht waren. Schwer atmend ließ sie sich auf die Knie neben ihm nieder und blickte ihm in das blutbefleckte Gesicht. Sie stellte sich die Frage, ob Grant wohl überhaupt noch lebte.

Nur der Himmel wusste, was sie litt, was in diesen Augenblicken in ihr vorging, dass sie die Lippen auf die seinen drückte und sie küsste. Vielleicht wusste sie selbst nicht, dass das eine spontane Regung war, die, aus ihrem Inneren geboren, zur Ausführung drängte. Wie erschrocken, gleichzeitig aber auch erlöst war sie, als Grant nach dem Kuss die Augen aufschlug.

Sein Blick ging wie leer durch sie hindurch. Er brauchte weitere Minuten, um zu sich zu kommen. Dann lag er ganz still und sah sie über sich gebeugt. Sie hob sich für ihn deutlich sichtbar gegen den hellen Morgenhimmel ab. Ihr Haar schien im hellen Sonnenlicht zu erglühen.

„Ich werde dich pflegen, Grant", kam es heiser über ihre bebenden Lippen. „Sie haben dich schlimm zugerichtet, Grant. Wir werden es gemeinsam schaffen."

Sie schwieg, denn er versuchte, sich aus eigener Kraft aufzurichten. Es gelang ihm auch. Er kam ein wenig schwankend auf die Beine und verharrte einige Augenblicke. Mit den Händen fuhr er sich tastend über das Gesicht. Als er sich in Bewegung setzte, stöhnte er vor Schmerzen auf.

„Diese Schufte!", sagte er mit einem Blick voller Not auf das brennende Blockhaus und die Hütte. „Wie lange gaben sie mir Zeit, Karen?" Das Du kam beiden ungewollt über die Zunge und zeigte, wie sehr die Not die Verbundenheit der beiden Menschen festigte.

„Vierundzwanzig Stunden", sagte sie, ohne ihm etwas vormachen zu wollen. „Das ist viel zu wenig für dich. In diesem Zustand kanst du es nicht schaffen. Sie wollten es so haben, Grant. Du solltest am eigenen Leibe erfahren, dass sie keinen Pardon geben. Sie haben dir alles genommen, die Pelze, das Haus, und auch die Pferde haben sie davongejagt. Du besitzt nur noch das, was du auf dem Leib trägst. Zu Fuß dürftest du nicht allzuweit kommen, Grant. Ich werde bei dir bleiben. Mit meinem Pferd könnten wir ein Versteck erreichen. Wir müssen vorerst untertauchen und abwarten, bis du dich erholt hast. In deinem jetzigen Zustand kannst du nicht einmal eines der davongejagten Pferde einfangen. Zum Glück ist mein Pferd noch da, wenn auch etwas abgetrieben. Wenn du nur in den Sattel gelangen kannst, Grant. Ich gehe dann mit dir, wohin du willst!"

Rote Ringe tanzten vor Grants Augen. Er sah Karen wie durch Nebelschleier hindurch und wusste, wie es mit ihm bestellt war. Dennoch versuchte er, seine Waffe aufzuheben. Es gelang ihm nicht ganz, er fiel bei dem Versuch wieder zu Boden. Vom Boden her betrachtete er das Eisen und stellte fest, dass noch fünf Patronen in der Trommel steckten.

„Solange ich den Colt habe, Karen, bin ich nicht ganz ausgeplündert", sagte er noch, bevor er zum zweiten Mal in Ohnmacht fiel.

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3.

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Übelkeit war es, die ihn wieder erwachen ließ. Diesmal kam er schneller wieder zu sich. Er wunderte sich, dass er im Sattel saß, dass seine Hände am Sattelhorn festgebunden waren und seine Beine unter dem Sattel gefesselt waren.

„Zu deiner Sicherheit", hörte er Karens Stimme vom Kopfende des Pferdes her. In der Dunkelheit hatte er sie nicht gleich erkannt. Jetzt wusste er, dass sie das Pferd führte und vor dem Tier ging. Man bewegte sich durch den Wald. Wo man sich jetzt befand, konnte er nicht sagen. Es gab keine Landmarke, nach der er sich hätte orientieren können. Der laubbedeckte Waldboden dämpfte den Hufschlag wie ein Teppich. In seinem Kopf hämmerte es. Jede Bewegung des Pferdes verursachte heftige Schmerzen in ihm. Er hätte am liebsten laut aufgeschrien, doch die Gegenwart des Mädchens hielt ihn davon zurück, diesem Drang nachzugeben. Es kam ihm zum Bewusstsein, dass er das Los seiner Brüder teilte, dass er so schwach war, dass er die Hilfe eines Mädchens annehmen musste.

Seine anfängliche Wachheit verwandelte sich wieder in einen Zustand, der zwischen Träumen, Wachen und der Ohnmacht lag. Die Wirklichkeit entglitt ihm wieder. Er hörte das Mädchen Fragen stellen und sich selbst antworten. Er begriff aber weder ihre Fragen noch seine Antworten. Er glich einem Mann, der in einer Narkose die an ihn gestellten Fragen dennoch beantwortete. Viel später sollte er erfahren, dass seine Informationen es dem Mädchen möglich gemacht hatten, ihn vor dem Schlimmsten zu bewahren. Vorstellungen drangen auf ihn ein. Er sah den bulligen Vormann, seine finsteren Begleiter und die Männer, die ihn festgehalten hatten, die dafür gesorgt hatten, dass die Hölle über ihn gekommen war.

Grants Zähne gruben sich so fest in seine Unterlippe, dass sie aufplatzte. Das spürte er jedoch nicht, denn die anderen Schmerzen waren stärker und quälender. Er glaubte, eine Ewigkeit im Sattel gesessen und nicht mehr die Kraft zum weiteren Durchstehen zu haben, als er etwas Kaltes auf seiner Stirn fühlte und die Stimme Karens wie von weither zu sich dringen fühlte:

„Still liegen bleiben, Grant, nur Ruhe!"

Ruhe, Liegenbleiben? War er nicht mehr im Sattel? Er stellte sich diese Frage und nahm nach dem Öffnen der Augen wahr, dass er sich in einer Höhle befand und von draußen flutendes Sonnenlicht hereindrang. Erst jetzt begriff er, dass seine Begleiterin ihm irgendwie aus dem Sattel geholfen haben musste und ihn zum Höhleneingang gebracht hatte. Ein wärmendes Feuer brannte nur wenige Schritte neben ihm. Leise gurgelte klares Wasser durch eine kleine Rinne in der Höhle ins Freie, wo es sich seinen Blicken entwand, um irgendwo in einem schmalen Bachbett weiter in das Land zu fließen.

Fleischbrüheduft drang zu ihm hin. Er sah einen Topf über einer Astgabel hängen und dahinter eine Frau: Karen Steele. Die goldroten Haarlocken hingen ihr ein wenig wirr in die Stirn. Sie schien intensiv bei der Arbeit zu sein und schaute jetzt plötzlich zu ihm hin, so dass ihre Blicke sich begegneten.

Sie schien freudig zu erschrecken. Man sah ihr eine gewisse Erleichterung an, die sich in schnellem Aufatmen, im Heben der Brust andeutete.

„Nur ruhig bleiben", sagte sie so, wie eine Mutter ihrem kranken Kind zuredet. „Zwei Tage hast du geschlafen, zwei Tage lang habe ich dir die Suppe einflößen müssen. Es ist gut, dass du wieder wach geworden bist. Ich hatte schon Angst, dass du nie wieder erwachen würdest, Grant."

Grants Schmerzen hatten nachgelassen. Er tastete die Unterlage ab und stellte fest, dass sie aus übereinandergeschichteten Tannenzweigen und Wolldecken bestand. Nicht das allein versetzte Grant in Erstaunen, weit überraschender für ihn war, dass sie einen Topf besaß, dass sie ein Lager aufgeschichtet und ihn in die Höhle geschafft hatte. Um die Rippen hatte sie ihm einen Verband gelegt, dessen Druck er im Liegen gut spürte.

Karen schien seine Gedanken lesen zu können. Sie lächelte ein Lächeln, das ihren Stolz verriet.

„Es war schwer, dir aus dem Sattel zu helfen, Grant, aber es ging. Du hast deinen eigenen Teil dazu beigetragen. Dann hast du am Höhleneingang gehockt, bis ich dir das Lager bereitet hatte. Später musste ich dich allein lassen und bin zur Blockhütte zurückgeritten. Sie steht nicht mehr, auch nicht der Schuppen. Einige Geräte und diesen Kochtopf haben die Flammen nicht zerstören können. Mit deinem Colt konnte ich einen Hirsch ganz in der Nähe abschießen. Ich habe das erlegte Tier mit meinem Pferd bis zur Hütte ziehen lassen und die Schleifspur, so gut es für mich möglich war, verwischt. Es ist nur gut, dass du mir die Höhle so genau beschrieben hast, sonst hätte ich sie wahrhaftig nicht gefunden."

Was war Karen Steele doch für ein wunderbares Mädchen! Sie hatte nicht nur der Lewis-Sippe Widerstand geboten, sie konnte mehr, sie konnte sich mit ihrer ganzen Kraft einsetzen. Sie gehörte zu jenen tapferen Frauen, an denen der Westen in den Pioniertagen so reich war, die durch ihren Mut, ihre Tapferkeit und ihr beherztes Zugreifen sich eine ganz besondere Stellung verschafft hatten.

„Mir gelang es, eines der aus dem Corral vertriebenen Pferde einzufangen", berichtete sie weiter. „Es ist ein Rappe, der sich wieder beim Corral eingefunden hatte. Er ließ sich von mir einfangen. Ich habe ihn gleich mit hierher gebracht."

„Das kann nur Feuersturm sein, Karen", sagte er aufgeregt. „Du hast mir mein eigenes Pferd gebracht!"

„Umso besser, Grant", sagte sie nur schlicht. „Ich freue mich mit dir."

Sie ließ keinen Blick von ihm. Er fand im Moment keine Worte, um seine große Dankbarkeit zu bekunden, aber sie spürte wohl auch so, was in ihm vorging.

„Werde nur erst gesund, Grant. Man hat dich schlimm behandelt, und es würde noch viel schlimmer kommen, wenn man dich jetzt greifen würde. Gestern in der Nacht kamen Reiter durch den Wald und nahe an der Höhle vorbei. Sicherlich waren es Reiter von Lewis, die nach dir suchten. Sie wissen, dass du irgendwo stecken musst, solange ich nicht in meinen Store zurückkehre."

„Karen, ich bringe dich in einen schlechten Ruf. Du hast bereits zuviel für mich getan. Ich werde mir selbst helfen müssen und kann keine weitere Hilfe von dir annehmen."

„Auf einen Tag mehr oder weniger kommt es nicht an. Wenn mein Ruf zerstört sein sollte, so ist er es jetzt schon. Es lässt mich kalt, Grant. Ich werde bleiben und für dich sorgen und dann warten, bis du in Sicherheit bist."

Grant antwortete nicht. Er sah sie nur lange an. Er spürte ihren festen Willen und wusste, dass sie sich nicht zurückschicken lassen würde. Wenn ihr Vater noch gelebt hätte, wäre er sicher sehr stolz auf die Tat seiner einzigen Tochter gewesen. Er tastete sich mit den Händen über sein geschwollenes Gesicht. Er konnte zwar nicht in den Spiegel schauen, doch den Schwellungen nach zu urteilen, die er fühlte, musste sein Gesicht sehr entstellt sein. Die Schläge des Gegners waren hart und ohne Gnade geführt worden. Er musste keinen guten Anblick bieten. Doch was tat es schon, das Mädchen hatte sich scheinbar an sein zerschlagenes Gesicht gewöhnt. Es schien sie nicht zu stören.

Stärker als das Brennen der Haut war der Schmerz tief innen im Herzen, der durch den Gedanken an den Verlust der ganzen Habe ausgelöst wurde, durch das ungewisse Schicksal, das seinen Brüdern zuteil geworden war. Grant wusste nicht, was weiter geschehen würde.

In dem Zustand, in dem er sich jetzt befand, war er kein Gegner für die harten Reiter von Stuart Lewis. Der Wald hatte ihn aufgenommen und umschloss ihn schützend, der Wald, der seine Heimat war, barg ihn. Wie lange aber noch?

Die Gedanken rasten in seinem Kopf wie wilde Hornissen und ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Er ließ es zu, dass Karen ihn abermals fütterte, ließ es zu, weil er es nach einem Versuch, selbst das Essen zu sich zu nehmen, aufgeben musste.

„Es macht nichts, Grant", sagte sie zu ihm. „Morgen oder übermorgen wird es anders sein. Lass dir Zeit und werde erst ganz gesund. Schalte die Unruhe, die dich beherrscht, ab. Weder du noch ich können im Augenblick etwas für deine Brüder Jack und Louis tun. Wir können nur hoffen, dass ihre Flucht unter einem günstigen Stern steht und dass Gott mit ihnen ist."

„Eine vage Hoffnung, Karen!", antwortete er ihr. „Ich denke, dass eine offene Aussprache von Mann zu Mann mit Lewis unsere einzige Chance ist, trotz allem, was geschah und über uns kam. Wenn er ein Mensch ist, wird er ein Einsehen haben."

Jetzt war es das Mädchen, das keine Antwort gab. Sie blieb stumm, auch nachdem er gegessen hatte und die Müdigkeit ihn zu übermannen drohte.

„Du schweigst, Karen", wandte er sich erneut zu ihr, „und doch müsstest du mir einiges zu sagen haben. Eine Frau ist der Erde näher verwandt als ein Mann, eine Frau wie du hat ganz bestimmte Vorstellungen. Du bist wohl dagegen, dass es eine Ausspräche mit dem Großrancher Stuart Lewis und mir gibt?"

„Ja", sagte sie, „mein Vater hat es auch versucht - und er hat es mit dem Leben büßen müssen. Stuart Lewis vergisst nichts. Er lebt von der Macht und der Angst, die er verbreitet. Die Angst, die er verbreitet, verhindert den Einfall von Banditen, Rinderdieben und Rowdies. Es wagt sich niemand an seinen Reichtum heran, die Angst, die er ausbreitet, hält alle ab. Keiner weiß besser als er, dass in einem Land, wo der Revolver regiert, sich nur der Skrupelloseste und Brutalste über die anderen behaupten kann. Begriffe wie Treue und Opfermut bestehen kaum hier. Dieser Stuart Lewis hat wie kein anderer im Lande den Herdeninstinkt der Menschen erkannt. Er nützt ihn rücksichtslos für seine Vorteile aus. Wie kein zweiter weiß er, dass die Macht die Menschen beugt und in die Knie zwingt. Nur von wenigen wird die Angst vor ihm überwunden. Ich sage dir im voraus, dass eine Unterredung mit diesem Mann völlig sinnlos ist. Er wird alles tun, um es überhaupt nicht zu einer Unterredung kommen zu lassen. Lewis ist die Verkörperung des Bösen im Lande."

„Das Böse scheint nur mit Bösem aus der Welt geschafft werden zu können", sagte er nach einiger Zeit des Schweigens. „Du hast mich auf einen schrecklichen Gedanken gebracht, Karen."

„Grant, ich warne dich! Begehe um Gottes willen keinen Fehler! Das Land ist gesetzlos, und wenn Lewis nicht wäre, sähe es vielleicht noch übler und schlimmer aus. Er hat den ganz Armen einige Vorteile geschaffen, die unter seinen Fittichen leben und nicht um ihr Leben bangen müssen. Obwohl das recht wenig ist, erinnern sich diese Menschen ganz genau daran, was vorher war, als jede Bande tun und lassen konnte, was sie wollte, wo Plünderungen am hellen Tag gang und gäbe waren."

„Jetzt plündert sie Lewis allein aus und vielleicht noch viel schlimmer. Er nutzt ihre Arbeitskraft aus, Karen. Sie schuften wie Leibeigene für ihn. Ist da ein großer Unterschied?"

„Nicht in deinen Augen, doch in den Augen dieser Menschen ganz bestimmt", antwortete sie ihm ruhig. „Sie sind für die Sicherheit dankbar, die er ihnen unter seinem Schutz gibt. Wenn sie auch murren und aufgebracht sind, so werden sie dennoch alles für diesen Mann tun, wenn er sie zur Hilfe aufruft. Nur das rechte Gesetz kann helfen, Grant, nur das und sonst nichts!"

Karen schwieg und Grant wusste ihr keine Antwort zu geben. Was sie sagte, war sicherlich richtig. Wann aber würde das echte Gesetz über den Pecos kommen? Wann würde es den aufrichtigen Menschen zum Segen, den Banditen zur Niederlage im Land aufgerichtet werden?

Müdigkeit umfing ihn, eine Müdigkeit, die ihn wieder in den Schlaf der Genesung hinabzog. Sein zäher Körper brauchte den Schlaf, um die Folgen des Kampfes zu überwinden. Diesmal nahm er Karens Bild mit sich in das Land der Träume. Ihr Bild war ihm bereits ins Herz gewachsen, war ihm so vertraut, als hätte er es ein Leben lang in sich getragen. Er hörte das Klappern des Kochtopfdeckels nicht mehr. Der Schlaf war mächtiger und forderte sein Recht. Karen wurde deutlich, dass sie noch bei ihm bleiben musste, dass er noch nicht auf ihre Hilfe verzichten konnte.

Als er schlief, zog sie ihm die Decke höher und verließ kurze Zeit später die Höhle, um nach den Pferden zu sehen, die draußen angehobbelt grasten. Von dem zerlegten Hirsch schnitt sie Fleischstücke ab. Dann versuchte sie, das Fell des Hirsches mit Hilfe von Lederriemen zwischen zwei eng beieinander stehenden Bäumen zum Trocknen aufzuspannen. Bei dieser schweren, für eine Frau wirklich ungewohnten Arbeit wurde sie plötzlich durch den Hufschlag eines einzelnen Pferdes gestört.

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4.

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Ein rascher Blick zu den Pferden genügte Karen Steele, um zu erkennen, dass diese außerhalb des Sichtfeldes in einer von mannshohen Steinen eingefassten natürlichen Koppel grasten, die von keinem Reiter eingesehen werden konnte. Ihr Gehör sagte ihr, dass der Reiter sich auf dem Hang zur Höhle befand und es nicht sehr eilig hatte. Das Tier kam im Schritt näher. Es irritierte Karen, dass die Eisen des Tieres keinen hallenden Hufschlag verursachten.

Sie nahm das als größere Warnung auf, als es laut tönender Hufschlag vermocht hätte. Sie stellte augenblicklich ihre Arbeit ein. In diesem Moment verstummte auch der Hufschlag am Hang. Eine Welle der Angst überkam sie. Sie lauschte ein wenig vorgeneigt, doch es war nichts mehr zu hören. Im ersten Impuls jagte sie zur Höhle und wollte den Schläfer wecken. Dessen Schlaf war jedoch so fest, dass sie es beim Versuch bewenden ließ. Was hätte Grant ihr auch helfen können? By Gosh, in einem solchen Zustand würde er nicht einmal für sich selbst sorgen können. Er war viel zu schwach, um eine Waffe zu halten, geschweige denn zu zielen und sie abzuschießen. Sie zögerte keinen Augenblick, den Colt selbst in die Hand zu nehmen.

Bei dem Gedanken, auf einen Menschen schießen zu müssen, wurde ihr ein wenig übel. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Nur keinen Fehler machen, dachte sie. Immer in Deckung bleiben und sich nicht überraschen lassen. Ich muss versuchen, jeden Eindringling von der Höhle fernzuhalten. Ich muss hinaus und den Gegner zwischen den Steinen erwarten. Sie zögerte jetzt keinen Moment, um ihre Gedanken in die Tat umzusetzen.

Draußen vor der Höhle brannte das helle Sonnenlicht auf das Gestein. Es schuf dunkle Schatten zwischen den Felsen, kleinen Grotten und Ausbuchtungen. In eine dieser Nischen lief sie hinein und stand dann schwer atmend, mit angeschlagener Waffe in der Hand, bereit zum Empfang des ungebetenen Gastes, von dem nichts zu vernehmen war.

Angestrengt blickte sie zu jener Stelle hin, wo der Hangpfad auf dem Plateau mündete. Dort musste ihrer Meinung nach der Gegner bald auftauchen und so vor der Mündung ihrer Waffe stehen.

Der Gegner ließ sich jedoch Zeit. Hatte er etwas gewittert? Hatte sie einen unverzeihlichen Fehler gemacht? Sie versuchte trotz der steigenden Unruhe ihre Nerven zu behalten und war entschlossen, die Dinge auf sich zukommen zu lassen. Es war helllichter Tag und alles sah friedlich aus, doch das konnte sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Unheil herankam, geheimnisvoll und unhörbar. Es war zu spät, vom Rand her in die Tiefe des Tales zu spähen, denn sicherlich hatte der Reiter sein Pferd zwischen den Steinen am Hang abgestellt. Es war so unheimlich still, dass Karen den Eindruck hatte, die Natur halte den Atem an. Noch nie zuvor hatte Karen Steele die Dinge ringsum so deutlich gesehen, wie in diesen Minuten des Wartens. Rotgelb leuchteten die Felsen. Samtgrüne Polster spannten sich darüber. Hellgrüne Almenmatten breiteten sich aus, auf denen Frühlingsblumen prangten. Weit hinten verloren sich die braunen Berge im Azurblau des Himmels.

Details

Seiten
160
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903324
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322392
Schlagworte
ende lewis-ranch

Autor

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Titel: Das Ende der Lewis-Ranch