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Kit Carson #9: Gefahren am Mississippi

2016 130 Seiten

Leseprobe

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Hugo Kastner, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

In Florida rüsten die Seminolen zum Aufstand. Am Mississippi ziehen die Stämme der Sauk und Fox gegen die weißen Siedler ins Feld. Bei den Mormonen gärt es. Und auch auf dem New Mexico-Territorium droht Krieg.

Noch ahnen nur wenige Menschen, dass zwischen all diesen dramatischen Ereignissen ein Zusammenhang besteht. Die Fäden werden in Washington gezogen. Sollte diese groß angelegte Verschwörung von Erfolg gekrönt werden, so wird es kein geeintes Nordamerika mehr geben. Die politische Zukunft der noch jungen Nation steht auf dem Spiel.

Kit Carsons Mentor Charles Bent aber ahnt längst, was im Geheimen geplant ist. Er schickt Kit Carson und dessen Freund Washakie an den Mississippi, um dort Schlimmeres zu verhindern. Jim Bridger lässt er zu den Lemhi-Schoschonen reiten, um dort einzugreifen. Und er selbst begibt sich nach Florida, wo in einem abgelegenen und verlassenen, ehemals spanischem Fort die Seminolen gefährliche Pläne schmieden.

Vorwort

Am Rande der Missouriwälder und an den Ufern der Prärieflüsse wächst ein Strauch, der in Nordamerika seinesgleichen nicht hat: Die Erdbohne, die Botanikern als Falcata comosa bekannt ist. Ihr dichtbelaubtes Gezweig erinnert ein wenig an Weinreben, und wie die Rebe benötigt auch die Erdbohne eine Stütze, um daran empor zu wachsen. Fehlt sie, so verfilzen sich die zarten dünnen Zweige zu einem undurchdringlichen Gewirr von Ranken und Schlingen. Bei näherer Betrachtung enthüllt der Falcatastrauch dem aufmerksamen Beobachter seine doppelte Gestalt: Er wendet sich nach oben und nach unten, zum Himmel und zur Erde, zum Licht des Tages und zum Dunkel der Nacht. Vertieft wird diese Doppelheit weiter durch zwei Arien von Zweigen, zwei Arten von Blüten und zwei Arten von Früchten. Nach oben streben belaubte Ranken mit leuchtenden, purpurfarbenen Kelchen von der Länge eines Fingergliedes, in denen drei bis fünf kleine Bohnen heranwachsen. Nach unten entwinden sich dem Hauptstamm blattlose Schlinger, die dicht am Boden dahin kriechen und ganz unauffällige winzige Blüten tragen. Diese Blüten wiederum treiben Schoten mit einer einzigen großen Bohne in den Boden hinein, und eben von dieser im Humus gedeihenden Bohne führt der Strauch seinen Namen.

Diese wenig auffällige und doch wundersame Pflanze wurde zu Beginn der Dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts zum Symbol eines Geheimbundes, dessen Machenschaften die amerikanische Nation in ihren Grundfesten zu erschüttern drohten.

PAYNE’S LANDING

––––––––

Vor dem dunkelgrünen Blätterwerk der gewaltigen Mangrovenbäume schimmerte das makellose Gefieder der vorbeiziehenden Silber- und Seidenreiher wie im Halblicht tanzende Spiegelsplitter. Waldibisse und Rosalöffler saßen in solchen Scharen in den Wipfeln, als hätte man diesen Waldabschnitt im oberen Teil Floridas für Weihnachten geschmückt.

Dem Trupp Soldaten, der dem Oklahoma River nach Payne’s Landing folgte, war alles andere als weihnachtlich zumute. In der subtropischen Wärme der ersten Maitage klebte jedem einzelnen das schweißnasse Hemd auf dem Leib. Ihre Uniform war ohnehin nicht dazu angetan, um in diesem feuchten Klima zu bestehen. Die Kreuzgurte der unteren Dienstgrade schnürten deren Oberkörper wie Panzer ein, und ihre zylinderförmige Behelmung trug noch zusätzlich zu dem Gefühl bei, ersticken zu müssen.

Den beiden voran reitenden Offizieren erging es nicht besser. Ihre Epauletten waren von innen und außen durchfeuchtet, und der dickere von beiden nahm seinen Dreispitz immer öfter ab, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen.

“Verflucht sei die Stunde, an der ich mich zu dieser Mission bereit erklärt habe, Butler”, keuchte er. “Danach lasse ich mich auf der Stelle beurlauben. Falls es überhaupt zu einem Danach kommt”, setzte er finster hinzu.

Der angesprochene zweite Offizier war eher hager und nicht besonders groß. Er trug einen Schnurrbart, und in seinen graublauen Augen stand ein Ausdruck, der Gesprächspartner zur Vorsicht mahnte.

“Sie sollten nicht zu schwarz sehen, Colonel Gadsden”, erwiderte er mit einer Stimme, die beruhigend wirken sollte. “Wir haben alles im Griff.”

“Dann wissen Sie vielleicht mehr als ich!”, schnappte Gadsden. “Als Angehöriger einer Sonderabteilung des Kriegsministeriums hat man Ihnen möglicherweise Dinge anvertraut, die einen gewöhnlichen Offizier wie mich nichts angehen!”

Schon die Art und Weise, wie Butler ihm zur Seite gestellt worden war; hatte dem Oberst nicht gepasst. Anstelle des lakonischen Schreibens hätte er zumindest eine mündliche Einweihung erwartet. Doch nichts dergleichen hatte stattgefunden.

James Gadsden war ein altgedienter Soldat. Vor über zwanzig Jahren hatte er seine Handelskarriere aufgegeben. 1812 war er im Krieg gegen England zunächst Leutnant geworden, und als er Andrew Jackson bei der Organisation und Überprüfung der militärischen Verteidigung des Südwestens und der Golfküste zur Seite gestanden hatte, war er allmählich die Karriereleiter emporgestiegen. Am Ersten Seminolenkrieg von 1817 bis 1819 hatte er ebenfalls teilgenommen, und dieser hatte seine Einstellung zu den Indianern entscheidend geprägt. Bei den bevorstehenden Verhandlungen würde er sich entsprechend verhalten.

Die Seminolen waren intelligente, ernstzunehmende Gegner. Sie hatten ganze Städte angelegt und 1812 auf der Seite der Briten gekämpft Sie kultivierten Felder und gewährten den entflohenen schwarzen Sklaven Zuflucht. Zähneknirschend musste James Gadsden ihnen einräumen, dass sie ebenso geschickte Politiker wie Untergrundkämpfer waren. Sie waren imstande, das unübersichtliche Sumpfgebiet der Everglades in tödliche Fallen zu verwandeln. Und sie hatten gelernt, dass von den Weißen nichts Gutes kam. 1813 und 1814 hatte Andrew Jackson Creek-Indianer auf ihr Gebiet getrieben. 1819 hatten die Vereinigten Staaten Florida von den Spaniern gekauft, und 1823 hatte die Regierung einen Vertrag festgelegt, der die Seminolen in den Zentralbereich der Halbinsel nördlich der Everglades verbannte.

1828 war Jackson mit 3.500 Soldaten erneut eingefallen. Allein diese hohe Zahl verriet seinen Respekt vor den ansässigen Indianern. Und vor zwei Jahren war der Indian Removal Act verabschiedet worden, in dem die Regierung ihren ausdrücklichen Segen zur Zwangsumsiedlung von Indianerstämmen gab. Der Auftrag, den James Gadsden vor kurzem erhalten hatte, bildete einen Teil der Umsetzung dieses Gesetzes in die Tat. Gadsden hätte sich ein Dutzend leichtere Aufgaben vorstellen können.

“Ihre harten Worte und Ihre Erregung sind ganz ohne Zweifel auf das unerträgliche Klima zurückzuführen, Colonel“, unterbrach Butlers Stimme seine düsteren Gedanken. “Doch gerade angesichts der Bedeutung unserer Mission sollten wir die Ruhe bewahren.”

Mit diesen Worten wurde er dem Oberst nur noch unsympathischer.

*

Pinien und Eichen umstanden die weitläufige Lichtung am Oklahoma River im Herzen Floridas, die mit Sägegras bewachsen war. Blühende Azaleen und Hyazinthen leuchteten als Farbtupfer zwischen den Halmen heraus. Damit war der friedliche Eindruck erschöpft.

Die Soldaten hatten sich auf eine Weise um eine alleinstehende Eiche gruppiert, die man auf keinen Fall als zwanglos bezeichnen konnte. Oberst Gadsden hatte seine Pfunde davor auf einen primitiven Stuhl gewuchtet und stützte seine Hand auf den Krummsäbel vor sich, den er in den Boden gesteckt hatte. Am lockersten wirkte noch Butler, der mit verschränkten Armen an der Eiche lehnte.

Gadsden hatte sich gerade noch zurückgehalten, ihm einen giftigen Blick zuzuwerfen, der nicht nur seine Nervosität verraten, sondern auf die anderen Gesprächsteilnehmer auch sehr befremdend gewirkt hätte.

Mitten auf der Lichtung stand ein Tisch. In einem zu den Soldaten geöffneten Halbkreis war er von mehreren Dutzend Indianern umgeben, die weniger einheitlich als die Angehörigen anderer Stämme gekleidet waren. In ihren Gesichtern war ebenfalls Unterschiedliches zu lesen, aber eines in keinem: Freundlichkeit.

Gadsden räusperte sich, bevor er sprach.

“Ihr bekommt 15.400 Dollar!“, setzte er seine Ausführungen fort. “Das ist viel Geld, wenn ihr bedenkt, dass euch dafür nichts genommen wird und ihr nur in ein Territorium umziehen sollt, das wie dieser Fluss benannt ist und in dem ihr euch dann frei bewegen dürft. In der Enge dieser Halbinsel seid ihr weit schlimmeren Unbilden ausgesetzt als in eurer neuen Heimat.”

Damit war sein eher kärglicher Appell überraschend beendet.

Einige Minuten lastete düsteres Schweigen über der Lichtung. Gadsden hoffte, dass er sich auf seine Vorarbeit und die der anderen verlassen konnte. Sie waren nicht aus heiterem Himmel hier zusammengekommen.

Am meisten ärgerte sich der Oberst darüber, dass Butler bis zuletzt nichts von sich gegeben hatte, was den gemeinsamen Interessen hätte dienlich sein können. Aber vielleicht gehörte dies zur Gesamtstrategie des Kriegsministeriums, wenn nicht gar des Präsidenten selbst. Möglicherweise wollte man einige Trümpfe bis zuletzt in Reserve halten.

Endlich begannen die Indianer miteinander zu tuscheln. Ihre Stimmen wurden lauter, aber es schien sich um keine ernste Auseinandersetzung zu handeln. Dann erhob sich ein älterer Mann und schlurfte auf den Tisch in der Mitte der Lichtung zu. Auf ihm lag der Vertrag, der Gadsden bereits jetzt soviel Nervenkraft gekostet hatte. Mit ungelenken Bewegungen setzte der Indianer sein Zeichen darunter. Der Oberst gestattete sich ein erstes unhörbares Aufatmen.

Nun erhob sich ein zweiter, ein dritter und ein vierter Seminole. Alle schritten an den Tisch und folgten dem Beispiel ihres Vorgängers. In seiner Anspannung fiel es Gadsden nicht auf, dass es nun Butler war, dessen Unruhe stieg.

An einem Ende der Lichtung entstand Bewegung, als sich dort die Büsche teilten. Als wären sie sich unvermittelt völlig einig, blickten Soldaten und Seminolen in die gleiche Richtung.

Der Neuankömmling, unverkennbar ein weiterer Seminole, war ein ungefähr dreißigjähriger Mann von außergewöhnlicher Schönheit, dessen Haar nicht nur von Reiherfedern, sondern auch von zwei Graufuchsschwänzen geschmückt wurde. In seinen ebenmäßigen Zügen und melancholischen Augen stand Grimm zu lesen, als sich seine nicht übermäßig große, doch schlanke und sehnige Gestalt mit raschen, kraftvollen Schritten auf den Tisch zwischen den Soldaten und seinen Stammesangehörigen zubewegte. Dort angekommen, zog er sein Messer und stieß es mit solcher Macht durch den Vertrag und die Tischplatte, dass es unten wieder herausragte.

––––––––

DER FALSCHE OFFIZIER

––––––––

Einen Augenblick schien alles wie erstarrt.

Auf der Seite der Indianer wollte der Tumult zuerst losbrechen. Sie sprangen auf und riefen wild durcheinander. Ein energischer Wink des eben Angekommenen brachte sie abrupt zur Ruhe.

Auf der Gegenseite brachten die Soldaten ihre Waffen in Anschlag. Mit dem jahrzehntelang geschulten Instinkt eines Offiziers erkannte James Gadsden, dass ein einziger Schuss genügen würde, um eine unwiderrufliche Katastrophe heraufzubeschwören.

“Waffen nieder!”, brüllte er seine Mannschaft an. “Wollt ihr, dass hier nur Tote zurückbleiben?”

Seine Autorität trug den Sieg über die Panik der Männer davon. Seine Kampferfahrung ließ Gadsden längst wieder in militärstrategischen Bahnen denken. Ein Hinterhalt war zu befürchten, aber nicht allzu wahrscheinlich. Der Neuankömmling wäre sonst anders in Erscheinung getreten. Dort, wo er stand, hätten ihn die Soldaten selbst bei einem sofortigen Angriff noch als Geisel nehmen können, und dumm schien er nicht zu sein. Außerdem hatte er seine Stammesangehörigen zurückgehalten. Noch bestand damit die Chance, alles ausdiskutieren zu können.

“Was soll das?”, ergriff der Oberst als erster das Wort. “Warum hast du unsere friedlichen Verhandlungen gestört?”

“Friedliche Verhandlungen?”, höhnte der Angesprochene. “Betrug! Die weißen Siedler sind es, die euch im Nacken sitzen und für die ihr dieses Gebiet von uns räumen sollt. Und um euer Vorgehen zu rechtfertigen, wollt ihr unsere Zeichen auf eurem Papier, um es uns bei Widerstand entgegenzuhalten. Aber seht euch bloß diese 'Abgeordneten’ an! Es ist kein einziges bedeutendes Oberhaupt dabei! Es sind betrunkene Strohmänner, die ihr hinter unserem Röcken gekauft habt!”

Lautes Murren drang aus den Reihen der Indianer. Gadsden konnte nicht erkennen, ob es sich um Zustimmung oder um Ablehnung handelte, aber er wollte sich das Heft nicht aus der Hand reißen lassen.

“Wer bist du, dass du es wagst, mit deinen Leuten und mir so zu sprechen?”, fuhr er den Krieger an, ohne die Umgebung aus den Augen zu lassen.

“Mein Name? Osceola!”

James Gadsden zog die Augenbrauen hoch. Er hatte diesen Namen wohl bereits vernommen, jedoch keinen Grund gesehen, ihm irgendwelche Bedeutung beizumessen.

Osceola war am Tallapoosa River in Georgia geboren und hatte schon von sich reden gemacht. Da er aber keinen abstammungsmäßigen Anspruch auf irgendeine Häuptlingswürde ererbt hatte, war der Oberst zu dem Schluss gekommen, dass Osceola keine zu berücksichtigende Größe war.

“Du hast kein Recht, in einer vorbestimmten Versammlung ungefragt das Wort zu ergreifen.”

Gadsden spürte, dass die Zeit und Osceolas Worte rasch gegen ihn arbeiten würden, falls er es dazu kommen ließ, dass der junge Seminole das, was er bereits angedeutet hatte, noch weiter ausführte. Rasches Handeln war vonnöten.

“Ergreift ihn.”

Zwei Soldaten des Colonels schickten sich an, dem Befehl nachzukommen. Sofort erwachte die Feindseligkeit auf beiden Seiten erneut.

“Halt!”

Fassungslos wandte sich Gadsden dem Rufer zu.

“Sind Sie jetzt völlig übergeschnappt, Butler? Wollen Sie unsere gesamten Bemühungen zunichte machen?”

“Und was glauben Sie, was Sie tun, Oberst, wenn sie Osceola gefangen nehmen? Glauben Sie, die Indianer würden tatenlos zusehen?”

Dieser Eindruck bestand in der Tat keinesfalls. Sämtliche Seminolen hatten bereits die Hände an den Waffen, worin ihnen die Soldaten allerdings nicht nachstanden.

“Lassen Sie Osceola frei, Gadsden.”

Der Colonel schüttelte langsam den Kopf.

“Sie wurden mir zugeteilt, Butler, aber nicht vorgesetzt. Ich bin der Ranghöhere. Nehmt diesen roten Aufwiegler fest, Männer.”

Die beiden Soldaten gehorchten.

Butler verließ die eigenen Reihen und trat auf die andere Seite des Tisches.

“Also gut. Dann bleibe ich als Geisel hier. Es darf nicht zu einem Blutbad kommen.”

James Gadsden hatte sich am liebsten die Haare gerauft.

“Eine Dummheit am Tag genügt Ihnen wohl nicht, Butler? Kommen Sie sofort zurück!”

“Bedaure, Colonel”, erwiderte der schmale Mann mit einer so ruhigen Stimme, als wäre er von der ganzen Angelegenheit überhaupt nicht betroffen. “Ich habe für jede Situation entsprechende Anweisungen. Falls wir ein Massaker verhindern wollen, haben wir ohnehin keine andere Chance.”

Er wandte sich den Indianern zu.

“Hört mich an, Krieger. Es gibt Zeiten des Kampfes, und es gibt Zeiten des Überlegens. Lasst Vernunft walten und die Waffen ruhen. Betrachtet diese Angelegenheit als einen Austausch von... Botschaftern.”

Gadsden erkannte, dass ihm das Heft aus der Hand genommen worden war. Wütend winkte er Osceolas Ergreifer mit ihrem Gefangenen zum übrigen Trupp zurück und gab das Zeichen zum Aufbruch.

“Fahren Sie meinetwegen zur Hölle mit Ihrer Sturheit!”, schnappte er Butler zum Abschied noch zu.

Dieser lächelte nur.

“Nicht ohne mein Reittier und mein Packpferd, Colonel. Lassen Sie bitte beide hier.”

*

Der hochgewachsene Mann, der vom ersten Stock des klassizistisch errichteten Präsidentenhauses in Washington gedankenverloren einem Schäfer nachblickte, der seine Herde auf das eine halbe Meile entfernte Nachbaranwesen zu trieb, hatte trotz seiner fortgeschrittenen Jahre noch die schlanke Gestalt eines Jünglings. Seine schlohweiße, immer noch dichte Haarmähne war streng zurück gekämmt, bedeckte die Ohren zur Hälfte und umrahmte ein zerfurchtes, energisches Gesicht.

Andrew Jackson, siebenter Präsident der Vereinigten Staaten, war eine charismatische Persönlichkeit.. Mit ihm hatte erstmals ein Angehöriger der Demokratischen Partei das höchste Staatsamt inne.

“Wir haben Osceola inzwischen wieder freigelassen, James.”

Colonel Gadsden kannte Jackson lange genug, um den leisen Tadel aus seiner Stimme herauszuhören: Old Hickory nannte ihn der Volksmund, alter Ahorn. Für die meisten war er ein in die Jahre gekommener Held. Sein aufbrausendes Temperament war nur zu bekannt. Dass Jackson so ruhig an ihm Kritik übte, hatte Gadsden ihrer langjährigen Bekanntschaft zu verdanken, und das war ihm in diesem Augenblick nur allzu bewusst. Dabei war Jacksons Vergangenheit weit bewegter als die Gadsdens.

Als echter Grenzer war Old Hickory vor der Wahl ins Weiße Haus Soldat Holzhauer, Viehtreiber, Sattlerlehrling, Schulmeister, Advokatengehilfe, Anwalt, Händler, Pflanzer, Abgeordneter, Senator, Miliz- und Armeegeneral gewesen. Seine Feinde hatte er auf diesem Weg in den Reihen der Republikaner, des Geldadels, der feinen Gesellschaft, der Bürokraten und der Indianer gefunden.

“Wir mussten es tun, Oberst, um noch größere Verwicklungen zu vermeiden.”

John Eaton war der dritte Anwesende. Sein Rücktritt vom Amt des Kriegsministers war letzten Endes auf gesellschaftliche Engstirnigkeit zurückzuführen gewesen, und vielleicht hatte er gerade deshalb Jacksons Sympathien in vollem Umfang behalten.

Old Hickory machte sich wenig aus gesellschaftlichen Konventionen. Als neugewählter Kongressdelegierter Tennessees war er damals die achthundert Meilen nach Philadelphia durchgeritten und hatte die Kongresshalle mit langen, ins Gesicht fallenden Locken, einem mit einer Aalhaut zusammengebundenen und über den Rücken hängenden Zopf, in einer sehr abenteuerlichen Kleidung und mit den Manieren eines Waldläufers betreten.

Trotz seines Rücktritts war Eaton ein Vertrauter des Präsidenten geblieben und somit Mitglied des berühmten “Küchenkabinetts” geworden, einem engen Kreis, dem Jackson oft Wichtigeres anvertraute als den Ministern.

Gadsden fand es an der Zeit, die Vorwürfe nicht länger unwidersprochen hinzunehmen.

“Mir selbst war von Anfang an klar, dass diese Mission nicht an die große Glocke gehängt werden durfte. Darum bin ich auch mit relativ wenigen Leuten losgezogen, trotz des großen Risikos, damit zahlenmäßig den Roten vernichtend unterlegen zu sein. Ohne die Ihnen beiden sicher Wohlbekannten geheimen Vorabschlüsse wäre die ganze Angelegenheit sowieso ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.”

“Ich wusste warum ich Sie schickte, James”, griff der Präsident den Faden auf. “Nicht umsonst habe ich mich jahrelang selbst mit den Seminolen herumgeschlagen. Diesmal hatten wir alles so gut eingefädelt. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, kam diese peinliche Lage allein durch das Auftauchen Osceolas zustande.”

Oberst Gadsden zuckte die Schultern.

“Meiner Meinung nach hätte sich der Mann von der Geheimabteilung des Kriegsministeriums geschickter verhalten können, in jedem Fall aber solidarischer.”

Old Hickory hatte aufgehorcht.

“Was erzählen Sie da?”

“Nun ja, dieser Butler, der mir in einem vertraulichen Schreiben vom Kriegsministerium zugewiesen wurde. Ich wollte ihn eigentlich überhaupt nicht erwähnen. Er hat mir deutlich genug zu verstehen gegeben, dass seine Teilnahme durch eine geheime Absprache zustande gekommen ist, von der ich, aus welchen Gründen auch immer, offensichtlich nichts wissen durfte.”

Der Präsident und der ehemalige Kriegsminister schauten sich betroffen an. Im Zimmer schien es plötzlich kühler zu werden.

Jackson fasste sich als erster.

“Ich habe den Eindruck, Sie haben mir die ganze Geschichte immer noch nicht ausführlich genug erzählt, James. Fangen Sie bitte noch einmal an, und lassen Sie diesmal nicht die geringste Kleinigkeit aus.”

Gadsden kam der Aufforderung nach. Danach herrschte betretenes Schweigen.

“Was ist?”, konnte sich der Oberst schließlich nicht mehr länger zurückhalten.”Nachdem Osceola frei ist, haben die Roten Butler sicher längst rausgerückt. Hat er denn noch nicht Bericht erstattet?”

Er war erleichtert; alles erzählt zu haben. Sollte man ihn nun mit diesem Butler konfrontieren, würde er aus seiner ehrlichen Meinung über ihn nicht länger eine Mördergrube machen.

Eaton schüttelte wie betäubt den Kopf. Er schien noch um eine Spur blasser geworden zu sein.

“Im gesamten Kriegsministerium gibt es keinen Mann namens Butler. Ebenso wenig gab es jemals eine diesbezügliche Geheimabsprache. Wen, um Gotteswillen, haben Sie da zu den Seminolen gebracht”

*

Butler hatte gewartet, bis Gadsden mit seinem Trupp außer Sichtweite war. Als dies der Fall war, wandte er sich an die Indianer.

“Ich würde gerne meine Pferde holen und mich umziehen.”

“Oder die letzte Gelegenheit nutzen, doch noch davonzukommen”, vermutete der am dichtesten bei im stehende Krieger.

“Dann bringt sie her, gebt mir die Satteltaschen und lasst mich schnell in einem eurer Zelte verschwinden.”

Seiner Aufforderung wurde Folge geleistet.

Als Butler das Zelt verließ, trug er den Hut und die Jacke eines Zivilisten, dazu Reiterhosen und hochschäftige Stiefel. Selbst sein Gesichtsausdruck schien verwandelt. Niemand hätte ihn jetzt noch mit einem Offizier in Verbindung gebracht. Die Seminolen musterten ihn verstohlen und mit verwunderten Blicken.

“Wollen wir ihn einsperren?”, fragte einer der Unterzeichner des Vertrags unschlüssig.

“Nichts dergleichen”, ergriff Butler das Wort, “bringt mich zu Chitto Tustenuggee.”

Die Krieger sahen sich erstaunt an.

“Aber er ist nicht  ...  ”

“Ich weiß, wo er ist. Bringt mich hin.”

Butler las den Widerwillen in den Augen der Seminolen, gab aber nicht nach.

“Ich weiß auch, warum er nicht her ist. Ihr solltet euch untereinander nicht zu viel Ärger machen. Nun auf!”

Widerstrebend setzten sich die Indianer in Bewegung.

Strohmänner, dachte Butler verächtlich. Osceola hatte sie mit dem richtigen Namen bezeichnet. Gadsden hätte leichtes Spiel mit ihnen gehabt.

*

Nach einer halben Stunde Fußmarsch hatten sie eine gerodete Fläche erreicht, auf der nur vereinzelte Palmen und Zypressen standen. Von einer drang das hartnäckige Schlagen eines Elfenbeinschnabelspechts herab.

Die Trockenschuppen und Zelte machten einen merkwürdig verlassenen Eindruck. Einer von Butlers Begleitern ließ den Ruf eines Schreikranichs erklingen.

Die Einstiegsklappe des größten Zeltes wurde zurückgeschlagen. Die Frau, die heraustrat, trug ihre Haare wie eine Seminolin, jedoch die Kleidung einer Weißen. Ihrem tief gebräunten Gesicht war kaum noch anzusehen, dass sie nicht als Indianerin geboren worden war.

“Warum kommt ihr hierher?”, fuhr sie die kleine Gruppe an. “Wir haben nichts mehr miteinander zu bereden.”

“Dieser Weiße wollte deinen Mann sprechen.”

Die Frau musterte Butler mit einem abschätzenden Blick.

“Er kann hereinkommen. Ihr aber trollt euch, bis er fertig ist”

Butler folgte ihr ins Innere des Zeltes und sah einen kräftig gebauten Mann mit harten Gesichtszügen im Schneidersitz vor einem kleinen Feuer kauern. Er nahm bedächtige Züge aus einer langen Pfeife. Nur leicht wandte er sein Gesicht dem unerwarteten Besucher zu.

“Sei gegrüßt, Chitto Tustenuggee”, begann dieser unaufgefordert zu sprechen. “Mein Name ist Butler Ich würde gerne einiges mit dir bereden.”

“Ich kenne dich nicht”

“Nun, ich befand mich unter den Soldaten, die mit euch einen Vertrag schließen wollten.”

“Trotzdem wagst du es, hierherzukommen?”

“Ja, denn ich bin keiner von ihnen. Ich habe mich nur bei ihnen eingeschlichen. Dies war die beste Möglichkeit, zu euch zu kommen.”

Chitto Tustenuggee war nicht anzusehen, ob diese Worte Eindruck auf ihn machten.

“Vielleicht vertraust du mir, wenn ich dir die Gründe, die dich davon abhielten, dieses Treffen zu verhindern, aus meiner Sicht zu schildern versuche.

Du wusstest von vornherein, dass es den Weißen früher oder später in jedem Fall gelungen wäre, durch arglistige Täuschung irgendwelche Seminolen zur Unterzeichnung eines solchen Schwindelvertrages zu gewinnen. Aber du weißt auch; wie schwer es ist, einen solchen Vertrag in die Tat umzusetzen, nicht wahr? Wie viele weiße Soldaten sind bereits in den schier unergründlichen Tiefen der Mangrovensümpfe und in den unerkundbaren Weiten der Everglades verschwunden?”

Zum ersten Mal gestattete sich Chitto Tustenuggee ein leises Lächeln.

“Osceola ist genial, aber auch ein Hitzkopf. Ich konnte ihn nicht davon abhalten, auf den Verhandlungsplatz zu stürmen.”

“Man hat ihn festgenommen. Ich habe mich angeboten, für ihn als Geisel zu bürgen.”

Tustenuggees Züge hatten sich schlagartig verfinstert.

“Osceola gefangen?”

“Er wird es nicht lange sein. Die Aktion war geheim, und die Regierung in Washington kann sich keinen Skandal erlauben. Die Parteien sind stark verfeindet.”

“Du scheinst viele Hintergründe zu kennen.”

“Nun  ...  sollte dieser ausgesprochen dumme Vertragsbetrug zu einem offenen Indianerkrieg führen, wäre Jackson der politisch Verantwortliche für diese Ungeschicklichkeit, und allein aufgrund der hohen bevorstehenden Kriegskosten weg vom Fenster. Aber wozu erläutere ich dir die Ränkespiele der Weißen untereinander? Ihr ursprünglichen Besitzer dieses Kontinents wisst gar nicht, wie stark ihr zusammen seid. Sioux und Pawnee bekriegen sich am North Platte River, anstatt sich gegen dem gemeinsamen Feind zusammenzuschließen. Aber es wird möglich sein, sie zu verbinden, es kostet nur Arbeit! Und auch ihr selbst könnt noch weit mehr erreichen als ihr im Augenblick glaubt!”

“Wie kommt es, dass du soviel weißt?”, fragte Chitto Tustenuggee.

“Weil ich viel herumkomme und Möglichkeiten erkenne”, war Butlers Antwort. “Und weil ich eine starke Hinterhand habe. Sieh.”

Bei diesen Worten zog er ein kleines Silbertäfelchen aus seiner Tasche und streckte es Chitto Tustenuggee entgegen.

Der Indianer betrachtete den Gegenstand in Butlers linker Hand aufmerksam.

“Eine Pflanze ist darauf abgebildet”, stellte er fest. “Aber meine Augen sind nicht für das Kleine gemacht, und ich erkenne sie nicht”

“Dieses  Amulett ist das Zeichen einer großen und einflussreichen Bruderschaft”, erklärte Butler. “Ihre Ziele sind verschieden und doch einheitlich. Schließe dich uns an, und du wirst für dein Volk und dich selbst große Vorteile erringen. Die einzige damit verbundene Bedingung ist, dass du mir eine kleine Schar Krieger für Unternehmen zur Verfügung stellst, die außerhalb eurer Heimat

stattfinden. Auch du kannst kannst gerne mitkommen. Deine Kampferfahrung wäre woanders von großen Nutzen. Willst du?”

Der Seminolenführer schüttelte langsam sein Haupt.

“Mein Platz ist hier. Aber erzähle mir mehr. Dein Vorhaben beginnt mich zu interessieren.”

Die Frau im Zelt hatte die ganze Zeit geschwiegen. Nun nahm auch sie das Silbertäfelchen in Anschein.

Kaum hatte sie es gesehen, sprang sie zurück und schlug die Hand vor das Gesicht.

“Es bringt Unglück”, sagte sie leise. “Es bringt Unglück.”

Dann rannte sie zum Zelt hinaus, bevor Chitto Tustenuggee sie ohnehin wütend dazu aufgefordert hätte.

––––––––

LEGENDEN UND UNGEHEUER

––––––––

Der sitzende Indianer vermochte es nicht, seinen Blick von dem kleinen silbernen Amulett abzuwenden, das in seiner Handmulde lag.

“Ich wüsste nur zu gerne, woran es mich erinnert”, murmelte er. “Es scheint etwas Vertrautes darzustellen. Woher kommt es?”

Der Weiße, der stehengeblieben war, zeichnete mit seiner Fußspitze gedankenverloren Muster auf den Boden.

“Das ist eine lange Geschichte”, erwiderte er. “Vor etlichen Monaten brach in der Stadthalle von Galena ein Brand aus. Seinen Ausgangspunkt hatte er, wie man später feststellen konnte, in einem kleinen Raum, in dem die Bürger der Stadt ihr bescheidenes Archiv angelegt hatten. Dieses wurde restlos zerstört, während man den übrigen Schaden in Grenzen halten konnte.”

“Unvorsichtigkeit?”

“Brandstiftung. Der Übeltäter, ein Krieger der Sauk, wurde auf frischer Tat ertappt. Es gelang ihm nicht einmal mehr, zu fliehen. Sein Versuch endete in den Flammen. Um den Hals der verkohlten Leiche fand man ein Kettchen, und daran das silberne Abzeichen, das du nun in der Hand hältst. Die Schäden, die das Amulett im Feuer erlitten hat, erschweren es zusätzlich, das dargestellte Symbol näher zu bestimmen.”

“Es könnte eine Pflanze sein.”

Der gewaltige Fluss schlug sie erneut in seinen Bann und schien ihre Gedanken wie Sand davonzutragen. Sie waren beide Kinder der Wildnis, und der Mississippi raunte ihnen eine zeitlose Weise ins Ohr, seit sie seinen Ufern nach Norden folgten. Er war ein Allmächtiger, ein Unsterblicher, ein Vater, der.eine Vielzahl Kinder entließ und aufnahm. Sein Anblick ließ so vieles winzig und unbedeutend erscheinen, warum nicht auch ihre .Mission, von der sie noch so wenig wussten?

Einen Tagesritt flussaufwärts der Einmündung des Rock River war die Landschaft unvermittelt wieder interessanter geworden. Üppiges Aprilgras bedeckte unbewaldete und bewaldete Hügel, die sich zu beiden Seiten des Flusses als Kegel, Dome und Wälle erhoben. Einzelne Hickory- und Sykomorenbäume schienen mit ihrem mächtigen Wuchs die Breite der dahinziehenden Wasser herauszufordern, und alte, grau bemooste, vielleicht tausendjährige Stämme hoben ihre weit überdachenden Kronen stolz, frisch und jugendgrün aus undurchdringlichem Unterholz empor. Kein Menschenleben hätte ausgereicht, um für die unzähligen Laubfarbenschattierungen Namen zu finden. Viele hundert Meilen und etliche Wochen trennten Kit Carson und Washakie vom Schauplatz ihrer letzten Abenteuer.

“Du kannst recht haben”, stimmte der hochgewachsene und sehnige junge Trapper, der sein dichtes blondes Haar schulterlang trug, dem Freund zu. “Lass mich weitererzählen, dann kommst du vielleicht auf mehr gute Ideen. Die Sache wird nämlich noch merkwürdiger.

Vor etlichen Monaten kam einer von Charles Bents Männern in dieses Gebiet, doch hielt er sich auf dem jenseitigen Flussufergelände auf, also im Westen. Er zog sogar bald noch weiter westwärts, was beweist, dass er als Weißer ein ungewöhnlich gutes Verhältnis zu den Stämmen der Sauk und Fox haben muss, die dort leben. Dennoch bekam auch er eine für ihn ungewohnte Ablehnung zu spüren. Sie hing mit einer Legende zusammen, die ihm neu, jedoch gerade lebhaft im Umlauf war.

Die Sauk glauben an eine Geisterwelt, die jenseits der sinkenden Sonne liegt und in die sie nach ihrem Tod eingehen. Ihr Herr und Walter ist Ki-yä-pa-hte-ha, der jüngere Bruder des Großen Wissensbewahrers. Wenn dieser einst aus dem Reich des Schnees und Eises zurückkehrt, um sich gemeinsam mit den Sauk auf den Weg zu seinem Bruder im fernen Reich jenseits des Westens zu machen, ist das Ende der Welt gekommen. Auch die Fox erkennen Ki-yä-pa-hte-ha als Herrn des Totenreichs an.

Nun kam es vor, dass einer der Ihren sich berufen fühlte, Ki-yä-pa-hte-ha eine Botschaft zu überbringen, die ihm sein Bruder, der Große Wissensbewahrer, im Traum gesandt hatte. Da es eine Kunde war, die unmittelbar die Fox beträfe, musste sie auch unbedingt ein Krieger der Fox nach Westen tragen. Doch als er die Botschaft erhielt, jagte er gerade fern seines Stammes weit im Osten. Der Große Wissensbewahrer hatte ihm ein Amulett überlassen, an dem Ki-yä-pa-hte-ha ihn als Gesandten des älteren Bruders erkennen sollte.

So kam der Krieger in eine Stadt der Weißen, die ihn ob seines Sendungsbewusstseins verhöhnten und verspotteten. Er geriet darüber in Zorn, bereute zutiefst, dass er sein Amulett und seinen Auftrag nicht vor den Weißen verborgen gehalten hatte, und begann sich zu wehren. Zuerst mit Worten, dann im Kampf, bis Blut floss. Da beraubten sie ihn seines Amuletts und verbrannten ihn.”

Washakie hatte aufmerksam zugehört und nickte nachdenklich.

“Die Geschichte eines Märtyrers: Sie entspricht der allgemeinen Ansicht der Sauk und Fox über die Weißen nur allzu gut.”

“Wer kann es ihnen verdenken? 1804 schloss Gouverneur Harrison im Indiana Territory einen betrügerischen Vertrag mit einer Sauk-Minderheit, in dem diese auf jegliche Gebietsansprüche östlich des Mississippi verzichteten. Obwohl die betroffenen Stämme ihn mehrheitlich ablehnten, wurde er 1812 in die Tat umgesetzt: Eine Folge des endgültigen Sieges der Weißen im Krieg gegen Tecumseh, dem sich einige Sauk-Stämme angeschlossen hatten, unter denen sich damals auch ein einfacher Krieger namens Black Hawk befand, der heutige Führer der Sauk und Fox.

Damals zog er sich nach der Niederlage tatsächlich zähneknirschend nach Iowa zurück, ließ aber nie davon ab, die hiesigen traditionellen Totenstätten am Rock River immer wieder aufzusuchen.”

“Sie haben darüber hinaus aber auch Kornfelder dort angelegt”

“Das kommt hinzu. Dies alles stand in Charles Bents Brief, den Jim Bridger dir übergab, um ihn mir bis nach Mexiko nachzubringen.”

“Wo deine Gedanken bis heute sind. Der Verlust Lindas hat dich tief gezeichnet, Gelbhaar.”

“Du hast ihn erleichtert, indem du mich zurückgeholt hast und bei mir geblieben bist. Jim hatte dir gegenüber angedeutet, dass Bents Schreiben durchaus auf irgendeine Weise mit deinem Stamm und deiner Verstoßung zusammenhängen könnte. Also hättest du auch das Bestreben haben können, zu den Schoschonen zurückzukehren, um Nachforschungen anzustellen. Ich weiß dein Bleiben sehr zu schätzen, Washakie.”

“Wenn unsere hiesige Aufgabe beendet ist, kannst  d u  mich begleiten. Zwei vermögen überall mehr als einer. Und Zusammenhänge, die sich hier klären, können mir bei den Schoschonen helfen.”

“Das ist es: Zusammenhänge. Nun versuche, den Brand in Galena und die Legende des Märtyrers in Verbindung zu bringen.”

Washakie brauchte nur Sekunden.

“Das Amulett!”

“Legende und Wirklichkeit. Tatsächlich fanden in Galena mehrere erfolglose Versuche statt, es aus dem Arbeitszimmer des Bürgermeisters verschwinden zu lassen. Er zeigte es Charles Bent, der sich sofort der Geschichte seines Trappers entsann, die Verbindung ahnte und somit ins Spiel kam. Jetzt aber haben wir es, was nur der Bürgermeister und der Sheriff von Galena wissen! Warum, fragte sich Bent, diese Legende? Sie könnte der Funke am Pulverfass sein! Black Hawk hat schon im vorletzten Jahr, genau wie Tecumseh vor ihm, begonnen, bei den Sioux, Kickapoos, Potawatomis, Mascoutons und Winnebagos um eine Allianz gegen die Weißen zu werben.”

“Die hiesigen Siedler glauben, dass Gerüchte über Unruhen lediglich mit den Ereignissen in Galena zusammenhängen, und fühlen sich nicht unmittelbar bedroht Es hätte nicht viel gefehlt und sie hätten uns wegen unserer Warnungen und Bedenken sogar noch verlacht.”

“Das ist der Hauptgrund, warum wir hier allein auf Wache stehen. Aber wenn die Krieger kommen, dann auf jeden Fall über den Fluss, und wir sehen sie frühzeitig genug, dass einer von uns die Siedler warnen kann.”

“Doch es wird bald dunkel, und allein oder zu zweit sind die Verteidigungsaussichten gering.”

“Nicht heute Nacht.”

“Ich verstehe, warum die Sauk unbedingt das Amulett zurückhaben wollen. Es muss, ob mit Botschaft oder ohne, zu Ki-yä-pa-hte-ha gebracht werden. Damit wäre Galena für die Sauk und Fox wichtiger, oder?”

“Vielleicht. Aber in Galena ist man nach den missglückten Einbrüchen gewarnt, und hier nicht.”

*

Frances Farnham stand vor der bescheidenen Grabstätte, in der ihr Gatte Lionel vor beinahe zwanzig Jahren zur letzten Ruhe gebettet worden war. Er war schon nicht mehr jung gewesen, als sie geheiratet hatten, denn es war eine Vernunftehe gewesen. Aber er hatte noch miterlebt, wie sie die Zwillinge Jason und Jodie in die Welt gesetzt hatte. Lionel hatte genug hinterlassen, um seine Witwe und die heranwachsenden Zwillingssöhne versorgt zu wissen. Hinzu kam, dass Frances eine anspruchslose Frau war und tüchtig weitergearbeitet hatte, ohne dabei die Erziehung ihrer Söhne zu vernachlässigen.

In der nächstgelegenen Stadt, Galena, hatten sie möglicherweise ein leichteres Leben gehabt. Aus dem beschaulichen Städtchen war in den vergangenen Jahren ein reges Handelszentrum geworden, in dem sich Minenarbeiter, Flößer, Trapper und Geschäftsleute tummelten.

Aber weder sie noch die Söhne hatte es in die Stadt gezogen. Als Jason beschlossen hatte, Zimmermann zu weiden, hatte Jodie spontan entschieden, es ihm gleichzutun. Längst waren die Zwillinge im weiten Umkreis für ihren Fleiß und ihre Zuverlässigkeit bekannt, so dass es nie an Aufträgen mangelte.

Ein leiser Wind bewegte die Blumen, die die schlichte Grabplatte umstanden. Frances Farnham spürte die leichten, verhaltenen Schritte mehr, als sie sie vernahm, und sie wusste, wer kam.

“Es wird kühler, Mutter’', sagte Roxanna leise. “Komm herein, ehe du dich erkältest.”

Frances nickte mit einem leisen dankbaren Lächeln. Jason hätte ihr keine bessere Schwiegertochter ins Haus bringen können.

Als sie sich dem gemütlichen Anwesen näherten, drangen fröhliche Klänge heraus.

“Wie sehr musst du Lionel geliebt haben, weil du immer noch so oft an sein Grab gehst”, übertönte Roxannas Stimme die Musik.

“Nur er wusste, was er mir bedeutete”, flüsterte Frances Farnham. Und keiner, dachte sie im stillen, darf jemals die Wahrheit erfahren.

Kaum hatten sie die Tür geöffnet, schlug Jason auf seinem Banjo eine muntere Weise an, und Jodie passte den Einsatz ab.

„Ihr trauten Frauen, drei an der Zahl, bereitet uns jetzt unser Abendmahl!

Wir lassen nun unsere Balken liegen und fressen, dass sich die Balken biegen!“

Lachend wurde Applaus gespendet, als Jodies Tenorstimme verklungen war. Am lautesten klatschte die dritte Weibsperson in der guten Stube, ein schmales, sehr schüchtern wirkendes Mädchen, dessen Wangen auf anmutige Weise gerötet waren, ob aus Verlegenheit oder vor Vergnügen, ließ sich nicht bestimmen.

Phillis Curwood und ihr kleiner Bruder Nat hatten harte Zeiten hinter sich, nachdem ihre Eltern bei einem Minenunglück ums Leben gekommen waren. Danach hatte Frances Farnham sie bei sich aufgenommen, was Phillis ihr mit unermüdlicher Hausarbeit und aufopfernder Treue gedankt hatte.

“Nat hat versprochen, pünktlich zum Abendessen daheim zu sein“, warf Roxanna ein. „Nun müssen wir ohne ihn anfangen.“

Es war Jodie, der nach dem einfachen, aber schmackhaften Mahl als erster aufstand.

“Ich suche Nat”, erklärte er kurz. “Hoffentlich hat er sich nicht wieder mit dieser verdammten Rothaut getroffen.”

*

Über den Mississippi zogen nächtliche Nebelschwaden. Da sich ein Lagerfeuer von selbst verbot, blieben Kit Carson und Washakie gegen die Kälte nur ihre Decken.

“Wenn du nur mit dieser Stelle recht hast”, murmelte Washakie.

“Nichtsahnende Siedler und der Flussnebel”, raunte Kit zurück. “Gerade in dieser Jahreszeit. Und hier liegen wir auf unserer Uferseite am höchsten, womit dieses Fernrohr seinen Zweck auch am besten... he! Das sind gleich mehrere Stämme, die flussabwärts treiben. Schau du mal!”

Der hochgewachsene Halbschoschone tat ihm den Gefallen.

“Nun, ihr Abtrieb könnte der Flusskrümmung entsprechen  ...  noch. Aber sieh dort! Ist das nicht ein Knabe, der sich einige hundert Schritt weiter links von unserer Seite dem Flussufer nähert?”

Kit nahm das Fernglas wieder an sich.

“Du hast recht! Als würden sie sich einander nähern. Das kann alles Zufall sein, doch wenn nicht  ...  geh du los, kümmere dich um den Jungen! Ich folge dir und behalte dabei die Stämme im Auge!”

“Dann stehst du schlimmstenfalls allein gegen mindestens ein Dutzend Angreifer! Wir hätten doch die Siedler bitten sollen, uns  ...  “

Kit lächelte grimmig.

“Allein? nein. Ich sagte dir doch: Nicht heute Nacht!”

*

“Das Biberfett hilft gegen die Flusskälte”, wisperte der mittlere der drei Fox-Krieger hinter dem treibenden Baumstamm. “Du hattest recht, Cute Lizard, als du uns  ...  "

“Still! Der Fluss trägt unsere Stimmen weit!”

Der Krieger, der zuerst gesprochen hatte, verbiss sich eine weitere Bemerkung. Wer um alles in der Welt rechnete denn mit einem Angriff, geschweige denn befand sich um diese Zeit am Fluss? Zusätzlich hatte Cute Lizard sogar noch angeordnet, ja nicht zu schnell zu schwimmen, um möglichst nicht zu stark von der natürlichen Strömung unterschieden werden zu können.

Wessen Auge aber sollte treibenden Baumstämmen über eine so lange Strecke folgen?

“Ist uns wenigstens die Geisel sicher?”, wagte der mittlere Krieger einen noch leiseren Versuch.

Fast schien es, als wolle Cute Lizard wütend aufbrausen. Im letzten Moment fand er seine Beherrschung wieder. Allein seine Augen verrieten den Zorn darüber, dass jemand so vermessen sein konnte, an seinem Plan zu zweifeln.

*

Nat hatte Cute Lizard kennengelernt, als er eines Tages allein zum Angeln gegangen war. Wie zufällig waren sie sich begegnet. Das anfängliche Misstrauen, das ihm seine erwachsene Schwester Phillis eingebleut hatte, war rasch gewichen, als Cute Lizard ihm vom faszinierenden Leben der Sauk und Fox erzählt hatte, von Büffeljagden, vom Midewiwin-Geheimbund  ... 

Und für heute Nacht hatte ihm Cute Lizard eine besondere Überraschung versprochen, wenn er sich am Flussufer einfinden würde.

Ein wenig bange war ihm doch, so ganz alleine in der Dunkelheit.

Da! Vorbeitreibende Baumstämme. Erschrocken riss der Junge den Mund auf, als hinter dem ersten ganz plötzlich Cute Lizards Gesicht über dem Fluss erschien. Der Krieger winkte ihm mit einer beruhigenden Geste zu.

Im nächsten Moment fühlte sich Nat nach hinten gerissen.

*

Washakie hatte ein flaues Gefühl. im Magen verspürt, als er dem Jungen möglichst gebückt hinterher geschlichen war. Er spürte unvermittelt, dass etwas im Verzug war.

Die Baumstämme trieben heran. Der Junge würde in eine Falle laufen! Der Halbschoschone sah die Krieger im Fluss noch vor dem Jungen. Er sprang vor und packte ihn, bevor er auf die Fox-Krieger zueilen konnte.

Washakie hätte den Jungen niederschlagen müssen, um sofort wieder die notwendige Handlungsfreiheit zu haben, aber er brachte es nicht übers Herz. So konnte er sich nur auf Kit verlassen, aber nicht mehr lange auf dessen Eingreifen warten.

Seth McCluskys Deringer-Rifle, die in den Besitz Kit Carsons übergegangen war, dröhnte durch die Nacht und riss einen der Fox-Krieger in den Mississippi. Der junge Scout war seinem Freund dichtauf gefolgt. 

“Lauf heim, Junge!”, zischte Washakie. “Das ist ein hinterhältiger Angriff!”

Die Reaktion des Knaben verriet, dass er immer noch zu Cute Lizard eilen wollte. Eigentlich wenig verwunderlich, denn ihn kannte er, Washakie aber nicht. Dem Halbschoschonen blieb nur eines: ihn zu binden. Somit würde mit, wenn auch nur kurz, die ganze Verteidigung allein überlassen bleiben.

Erneut bellte die Deringer-Rifle auf. Inzwischen waren schon mehrere Stämme dem Flussufer bedrohlich nähergekommen. Washakie warf seinem Freund Pfeil und Bogen zu, als die Büchse leer geschossen war. Seine Rappahannock-Holsterpistole wollte sich der junge Scout für eine kürzere Entfernung aufsparen. Danach blieb nur noch das Messer für den Nahkampf.

Nach dem Verklingen der Schüsse war das Fauchen und Dröhnen aus der Ferne plötzlich vernehmbar. Kein Zweifel, es erklang vom Fluss her, von flussabwärts, und alle am Kampf Beteiligten hörten es, noch bevor der erste Baumstamm angelegt hatte. Die Indianer erstarrten, aber auch Kit hielt ein.

Cute Lizard sah das Ungeheuer als erster. Seine unglaubliche Masse wälzte sich schnaufend und brausend näher. Die rotglühenden Augen spuckten Feuer, dessen Rauch die Sterne am nächtlichen Himmel zu verschlingen schien. Lange gellte Cute Lizard ein Entsetzensschrei in den Ohren, bevor er merkte, dass er ihn selbst ausgestoßen hatte.

Flucht! Nur Flucht!

––––––––

DIE POTOMAC-VERSCHWÖRUNG

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Daniel Webster, Kongressabgeordneter von Massachusetts, schlenderte gedankenverloren an Washingtons Navy Yard,entlang. Während das Ufer auf seiner Seite schon ziemlich verbaut war, konnte man auf der gegenüberliegenden Flussseite trotz der hereingebrochenen Dunkelheit noch die langgezogenen Pappel- und Weidenalleen der östlichen Promenade gegen die dahinter ansteigenden Hügel erkennen.

Webster konnte mit dem vergangenen Tag zufrieden sein. Er galt als einer der begabtesten Kongressredner und war auch heute aus einer weiteren erbitterten Redeschlacht mit seinem Konkurrenten Robert Hayne aus South Carolina siegreich hervorgegangen. Hayne war ein bedingungsloser Verfechter der Nullifikationslehre des Vizepräsidenten John Caldwell Calhoun, einer Doktrin, die Calhoun anlässlich des Tarifgesetzes 1828 als geheime Denkschrift der Legislatur von South Carolina vorgelegt hatte.

Obwohl Jackson vor seiner Wahl versprochen hatte, die einzelstaatlichen Rechte zu achten, und gerade entsprechend damit begonnen hatte, Georgia von den; Cherokesen zu säubern, galt sein Hauptbestreben doch einer starken Union. Calhoun hingegen plädierte für eine stärkere Autonomie der Einzelstaaten.

Erneut heraufbeschworen wurde dieser Gegensatz durch die Forderung des Westens, dortige Öffentliche Ländereien zum Verkauf anzubieten.

“Im Namen des Nordens” hatte Henry Clay diesbezüglich eine scharfsinnige Kompromissformel vorgelegt Obwohl dieses Verfahren vor allem ihm und seinen Bundesgenossen zugute gekommen wäre, konnte Clay den Anspruch erheben, für den “Norden” zu sprechen, denn seine Interessen standen hierin in keinem Gegensatz zu denen seines Widersachers Jackson. Der Osten versuchte, entsprechende Bestrebungen zu hemmen. So hatte Senator Foot aus Connecticut vorgeschlagen, die Bodenverkäufe auf eine bestimmte Anzahl von Grenzern zu beschränken. Dahinter verbarg sich die Absicht, im Interesse des industriellen Arbeitsmarktes und der niedrigen Löhne das fortwährende Abwandern nach Westen zu hemmen. Dagegen hatte sich Thomas Hart Benton, der Senator Missouris, besonders heftig ausgesprochen.

Ein Jahrzehnt später sollte sein Schwiegersohn John Charles Frémont als Forscher Berühmtheit erlangen, indem er zusammen mit seinem Freund Kit Carson drei wichtige Trailwege nach Westen erschloss. Bentpn wiederum fand in den Südstaaten starke Unterstützung. Eine neue Monokultur, der Baumwollanbau, hatte hier das wirtschaftliche und politische Schwergewicht von Virginia zum südkarolinisch-georgischen Schwarzerdegebiet und sogar noch weiter, den pedologischen Bedingungen folgend, nach Westen verlagert. Dort ermöglichte der Mississippi zwischen den Grenzerstaaten einen engeren Kontakt, als ihn die atlantische Küstenschifffahrt im Osten jemals herzustellen vermochte.

Der Süden verband mit seinen wachsenden Regionalbestrebungen verschiedene Absichten: die Überwindung der nördlichen Finanzhegemonie durch Abbau des Schutzzolls, die Westexpansion sklavenhaltender Staaten zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts in der Bundeslegislatur und die Vertreibung der Indianer aus dem Schwarzerdegürtel.

An diesem Punkt begannen Daniel Websters Probleme. Er unterstützte den Unionsgedanken Präsident Jacksons voll und ganz und verabscheute Calhouns Theorien; die in der Exposition, die er nach Charleston geschickt hatte, gar in der Möglichkeit einer Trennung vom Bunde gipfelten, die Calhoun als Sezession bezeichnete.

Unvorstellbar!

Andererseits konnte sich Webster der vielschichtigen Realität wirtschaftlicher Verflechtungen nicht verschließen. In dieser Frage verhielt sich der Präsident, der auch ein erbitterter Gegner der Nationalbank war, äußerst engstirnig. Webster dagegen sah in ihr ein lebenswichtiges Organ der Union. Umso gelegener war ihm die bevorstehende nächtliche Einladung gekommen.

Er umrundete einen Viermaster und sah ihn von oben, als er die Brücke über den Potomac River betrat. Der nächtliche Fluss trug das Echo seiner langsamen Schritte über die Holzbohlen weit in die Ferne.

Fast in der Mitte glaubte der einsame Wanderer, dass sich ihr Hallen noch verstärkte, doch als er den Blick hob, erkannte er, dass ihm vom anderen Ende zwei Männer entgegenkamen. Er konnte sich nicht erklären, warum ein unbehagliches Gefühl in ihm emporstieg. Nur noch wenige Schritte, von ihnen entfernt, registrierte er mit aufkommender Angst, dass ihre Gesichter in der Dunkelheit einen grimmigen Ausdruck angenommen hatten.

“Sieh an”, knurrte einer der beiden unvermittelt. “Das ist doch das Großmaul, das im Kongress gegen den Süden wettert.”

“'Worte der Verblendung und Torheit wie: Erst die Freiheit, dann die Union!'”, äffte der andere einen Ausspruch des Kongressabgeordneten nach.

“Das ist die Gelegenheit! Komm, wir verpassen ihm eine Abreibung!”

Daniel Webster stand wie vom Schlag getroffen. Er geriet erst wieder in Bewegung, als die beiden auf ihn losgingen. Sein Spazierstock, mit dem er sich ungeschickt ihres Ansturms zu erwehren versuchte, wurde ihm rasch entrissen.

Als die ersten Schläge auf ihn niederprasselten, nachdem er rasch zu Boden gegangen war, rief er um Hilfe. Seine Stimme wurde gehört.

“Lasst ihn in Ruhe!”, erklang es aus der Richtung, aus der der Abgeordnete gekommen war. “Verfluchte Straßenräuber!”

Aus seiner liegenden Position erkannte Webster, wie ein Mann mit einem Schnurrbart herbeieilte und sich auf einen seiner Angreifer warf. Nach heftigen beiderseitigen Hieben ging Websters Bedroher ohnmächtig zu Boden.

Der Neuankömmling wandte sich dem Verbliebenen zu.

“Nimm sofort deine schmutzigen Finger von diesem Gentleman!”

“Sofort, ja”, grinste Websters Bedränger.

Er packte den Abgeordneten und schleuderte ihn über das Brückengeländer. Vielleicht wusste er sogar, dass Daniel Webster niemals das Schwimmen erlernt hatte.

*

Auf das Klopfen an die Pforte des herrschaftlichen Hauses ruckte Shrewsburys Kopf hoch. Der Butler unterbrach seinen Gang vom Gästezimmer zur Küche und öffnete. Erst Minuten später erstattete er seinem Dienstheim Bericht.

Nicholas Biddle war seit 1823 Präsident der Second Bank of the United Staates. Die erste amerikanische Nationalbank hatte von 1791 bis 1811 existiert. Die zweite hatte ebenfalls eine Vertragslaufzeit von zwanzig Jahren und war 1816 ins Leben gerufen worden. Biddle genoss das volle Vertrauen des Finanzadels und hatte es dadurch zu einem Wohlstand gebracht, der seinem aristokratischen Lebensstil entgegenkam.

“Mister Webster ist in Begleitung eingetroffen”, meldete Shrewsbury dem Präsidenten der Nationalbank.

“Sie sollen hereinkommen, verdammt”, forderte Biddle ungeduldig. “Wir haben lange genug gewartet”

“Beide sind klatschnass, Sir. Sie sind in den Potomac River gefallen. Ihr Einverständnis vorausgesetzt, Sir, habe ich sie mit Trockenutensilien und Ersatzkleidung versehen. Sie sind gerade dabei, ihre äußere Erscheinung wieder in Ordnung zu bringen und bitten um Geduld.”

“Das sind ja Neuigkeiten”, staunte Biddles bereits eingetroffener Gast. ‘‘Betrunken werden sie kaum gewesen sein. Ich bin gespannt, was sie uns erzählen werden.”

Henry Clay würde als Kandidat der Bank bei den Herbstwahlen gegen Andrew Jackson antreten. Sie waren alte Rivalen. Der Präsident trug ihm sogar noch eine Kongressrede von 1819 nach.

Als erster kam Websters Begleiter herein. Sein Haar war wieder ordentlich frisiert und fast schon trocken, der Schnurrbart zur Gänze. Seine graublauen Augen erfassten die Wartenden aufmerksam, aber nicht unhöflich.

“Sie gestatten? Mein Freund hat sich eine Schürfwunde am Unterschenkel zugezogen und wurde gerade von Ihrem Butler verarztet. Ich darf Ihnen aber schon im voraus mitteilen, was ich heute Nachmittag aus geheimsten Quellen erfahren habe. Der Präsident trägt sich mit dem Gedanken, General Winfield Scott nach Fort Sumter im Charlestoner Hafen zu schicken, um bezüglich der Nullifikation notfalls mit Gewalt für Ruhe zu sorgen.”

Clay sprang auf wie von der Tarantel gestochen.

“Dieser alte Narr! Das ist Wasser auf die Mühlen Gouverneur Hamiltons, der Calhoun am liebsten als ersten Präsidenten einer Konföderation des Südens sehen würde! Dabei habe ich diesem jähzornigen Ignoranten oft genug empfohlen, die Zölle doch stufenweise abzubauen. Er soll mir...”

“Nicht aufregen, Henry”, lenkte Biddle mit beherrschter Stimme ein. “Wir wollen erst einmal erfahren, was sich am Potomac zugetragen hat”

Der Neuankömmling gab seine Version des Vorgefallenen zum besten.

“Trotz aller Beschwerden haben wir uns auch auf dem Herweg noch angeregt unterhalten”, schloss er seinen knappen Bericht. “War es nicht Daniel; der den anfangs schwankenden Präsidenten auf seinen nunmehr entschlossenen Unionskurs brachte? Nun aber wendet sich Jackson gar gegen die Nationalbank.”

Damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen. Der Verlängerungsvertrag der Nationalbank über die laufenden zwanzig Jahre hinaus stand im Kongress zur Debatte. Die Zukunft der Bank hing von dessen Entscheidung ab.

“Zur Panik besteht nicht der geringste Grund”, winkte Clay ab. “Ich habe die Erneuerung des Bankstatuts mit vollen Segeln durch den Kongress gepeitscht. Die Bank Renewal Bill ist schon so gut wie amtlich.”

“Jacksons Argumente gegen eine Nationalbank kommen vor allem bei den einfachen Leuten an“, widersprach der Mann mit dem Schnurrbart. “Kleineren Händlern, Maklern und Privatbanken würde der Außenhandel abgegraben, die Second National sei ein undurchschaubarer Oktopus im Dienste der Reichen und Mächtigen.“

“Dieses Geschwätz von Monopol und Wohlfahrtspflicht!” Nun ereiferte sich Biddle, dessen gepflegte Locken seine Ohren verdeckten. “Es bedarf einfach einer zentral gesteuerten Geldpolitik!“

“Der Westen würde sich im Osten, die Nation im Ausland verschulden...  ”

“Hanebüchener Unsinn! Ohne uns würde der Eigentumswert im Westen sinken! Dort liegt der Reichtum im Land, nicht im Geld. Und die acht Millionen Dollar Auslandseinlagen arbeiten bei uns!”

“Jeder vernünftige Mensch sieht das auch ein“, stimmte ihm sein Gesprächspartner zu. “Dennoch muss Überzeugungsarbeit an vorderster Front geleistet werden! Und wenn Daniel Webster für Ihre Nationalrepublikaner Reden halten wird, haben Sie einen weiteren großen Namen auf Ihrer Seite. Versuchen Sie, ihn zu gewinnen! Sie fördern doch schon längst einflussreiche Verbündete wie Asbury Dickins, den Ersten Sekretär des Schatzamtes, Livingston, Crawford und sogar John Eaton! Denn Sie, Mister Biddle,  S i e  sind die Bank!“

Unrecht hatte er damit nicht. Fünf der fünfundzwanzig Direktoren wurden von der Regierung bestimmt, und obwohl Nicholas Biddle einer von ihnen war, munkelte man von starken Eigenmächtigkeiten.

Auf Anraten Clays “förderte” er nicht nur Zeitungen und Kongressmitglieder mit durchaus umstrittenen Darlehen, sondern musste sich von Jackson auch den Vorwurf anhören, seine Heimat Philadelphia übermäßig zu unterstützen, die Regierungspolitik hingegen zu hemmen. Längst war von einem “Staat im Staat” die Rede.

Es war, als habe Daniel Webster sein Stichwort erhalten. Shrewsbury führte den Kongressabgeordneten herein. Webster machte einen erschöpften Eindruck. Sein zurückweichendes, aber noch dichtes glattes Haar stand in alle Richtungen, und er zog den linken Fuß ein wenig nach.

„Nochmals ganz herzlichen Dank!”, wandte er sich an den Mann mit dem Schnurrbart “Ohne Sie wäre  ...  ”

“Nicht der Rede wert”, unterbrach ihn der Angesprochene. “Ich habe unsere Gastgeber von Präsident Jacksons Absichten bezüglich Fort Sumter und Charleston berichtet.”

“Durchaus kein unkluger Schachzug”, griff Webster das Thema auf. „Wobei mir bewusst ist, dass wir darin nicht einer Meinung sind, werte Herren. Aber der Grund meines Kommens ist ein anderer, wie Sie wissen. Wo Gemeinsamkeiten wichtiger sind, verlieren Gegensätze an Bedeutung.”

“Treffend gesagt”, stimmte ihm Clay zu. “Einen Redner wie Sie brauchen wir im Senat, Mister Webster! Dürfen wir mit Ihrer Hilfe rechnen?”

“Überzeugen Sie mich!”

Fast schien es, als hätten sich Nicholas Biddle und Henry Clay in ihrer Überzeugungsstrategie abgesprochen. Die Unterhaltung nahm genau den von ihnen gewünschten Verlauf.

Als das Gespräch zu belangloseren Themen überging, ergriff Websters Begleiter erneut das Wort.

“Wir haben sogar dort Verbündete wo wir es noch nicht einmal ahnen“ begann er. “Gerade im Westen könnten wir Kräfte mobilisieren die uns auf nahezu ideale Weise in die Hand arbeiten würden. Land- und Getreidepreise, Arbeitslöhne und Wachstum sind steuerbar! Das wissen Sie besser als ich. Entscheidend ist der Grad der Sicherheit der herrscht. Wer fängt bei Indianerunruhen die wirtschaftlichen Verluste auf? Wie kann der Zugriff auf entscheidende Handelsknotenpunkte auf dem Weg nach Westen verstärkt werden? Welcher Voraussetzungen bedarf es, um örtliche und regionale Wirtschaftsverflechtungen in eigene Interessen zu verwandeln? Wie kann man sich das Streben bestimmter Staaten nach mehr Unabhängigkeit einheitlich zunutze machen? Es gibt Koordinationsmechanismen, die alles unter einen Hut bringen!“

“Einer davon heißt sicher Geld”, lächelte Biddle mokant. ‘'Welche Summen würden Sie zu Ihrem ehrgeizigen Vorhaben benötigen?”

Der Mann mit den graublauen Augen hob abwehrend die Hände.

“Die Reihenfolge wird.anders sein. Ich schaffe Situationen, und Sie werden selbst entscheiden wie viel Sie in sie investieren wollen.”

“Konkrete Anhaltspunkte?”, wollte Clay wissen.

“Eine Doppelstrategie. Erstens: Jackson handlungsmäßig binden und ablenken. Die Geister, die er in Florida gerufen hat, werden ihn nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Dann die Cherokees, sein eigener Vorsatz und die Nullifikationisten.

Zweitens: Dort Strukturen schaffen, wo Jackson seine Augen nicht hat. Und das ist zum Teil schon geschehen! Es gibt Presseberichte und Gerüchte, zwischen denen bis heute kein Uneingeweihter einen Zusammenhang herstellen konnte: Unruhen bei den Schwarzfußkriegem und Schoschonen im Green-River-Gebiet, Aufstände der Sauk und Fox am Mississippi und vieles andere.

Als nächstes folgen die bereits erwähnten Handelsknotenpunkte. Bald werden Sie davon hören! Und bald werden Sie damit selbst imstande sein, das Verflechtungspotential zu erkennen. Erst dann ist Ihre Entscheidung gefragt. Aber ich versichere Ihnen, dass sie dabei Ihr Kapital keineswegs in den Wind schießen.“

Plötzlich lag ein kleines Silbertäfelchen in seiner Handmulde.

“Vielleicht kann ich nicht immer selbst kommen. Vertrauen Sie jedem, der sich mit diesem Symbol ausweist. Möglicherweise wollen Sie es auch.bald selbst tragen.”

Sein Blick fiel auf die Wanduhr, während die übrigen Anwesenden eingehend das Pflanzensymbol auf der kleinen Silberplatte musterten.

"Ich muss weg, denn wenn ich zu meiner nächsten nächtlichen Verabredung zu spät komme, ist es unser aller Schaden. So long, Gentlemen. Denken Sie über meine Worte nach.”

Bevor sich die anderen von ihrem Erstaunen erholt hatten, war der Redner aus dem Haus und vom Anwesen Biddles verschwunden.

*

Lange Zeit war das ruhige Knistern des Kaminfeuers das einzige Geräusch im Gästesalon. Daniel Webster fasste sich als erster.

“Ihr Bote mag seltsame Manieren haben, aber ohne ihn wäre die Sache am Potomac River für mich jedenfalls sehr übel ausgegangen.”

“Unser Bote?”, ächzte .Biddle. “Wir dachten, er sei  I h r  Vertrauter!”

“Er sagte mir am Fluss,  S i e  hätten ihn mir entgegengeschickt! Ich hatte keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Und er kannte den Weg ganz genau.”

Der Präsident der Nationalbank war zur Tür gelaufen und riss sie auf.

“Shrewsbury! Das gesamte verfügbare männliche. Hauspersonal soll sich sofort auf die Suche  ...  verdammt, nein, das geht nicht! Das letzte, was uns jetzt noch fehlen würde, wäre Aufsehen.”

Er kehrte um und sank schwer in seinen Sessel zurück.

“Wer war dieser Mann, zum Teufel?”

“Jedenfalls jemand, der so viel über uns weiß, dass er uns völlig in der Hand hat“, knurrte Clay.

“Wollte er uns schaden, hätte er uns gedroht”, äußerte Biddle nach kurzen Überlegen. Umgekehrt könnte er uns mit dem, was er vorhat, von unschätzbarem Nutzen sein. Allmählich gehen mir die Umrisse seines gewaltigen Vorhaben auf. “

“Was hatte dann dieses Silberplättchen zu bedeuten? Ist es sein Erkennungszeichen, mit dem sich sein Vertrauensmann mit uns in Verbindung setzen wird?”

Endlich ergriff auch Daniel Webster wieder das Wort.

“Es mag ein Erkennungszeichen sein, doch ich glaube nicht, dass es einmalig ist. Fast sieht es aus wie  ...  wie das Symbol eines Geheimbundes."

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903294
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Mai)
Schlagworte
carson gefahren mississippi

Autor

Zurück

Titel: Kit Carson #9: Gefahren am Mississippi