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Texas Wolf #16: Letzte Hoffnung Nugget City

2016 130 Seiten

Leseprobe

TEXAS WOLF

Band 16

Letzte Hoffnung Nugget City

Roman von Horst Weymar Hübner

––––––––

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Old Joes alter Freund Shingle ist verschwunden. Es gibt Hinweise darauf, dass ihn jemand umgebracht hat. Ob die Bullard-Brüder und der Killer Ken Bateman etwas damit zu tun haben? Texas Ranger Tom Cadburn, Old Joe und der Schwarztimber Sam stoßen in ein gefährliches Wespennest voller Hass und Intrigen. Die Spur führt in eine abgelegene Goldgräberstadt namens Nugget City. Dort lauern bereits ihre Gegner – aber diese haben nicht damit gerechnet, dass die Gier nach Gold ihr eigenes Denken und Handeln bestimmt.

Roman

Zwischen den Felsen über dem Weg tauchte ein Gewehrlauf auf.

Mit hartem Griff fasste Tom Cadburn in die Zügel. Thunder, der Hengst, bog den Kopf hoch, drehte die Ohren scharf nach vorn und äugte zu dem Gewehrlauf hinauf, auf dem sich blinkend das Sonnenlicht spiegelte.

„Ganz ruhig!“, sagte Tom, obwohl sich sein Magen zu einem Klumpen zusammenzog. „Wenn’s eine ernsthafte Sache wäre, hätte es schon geknallt. Wir wollen trotzdem niemand nervös machen.“ Der Hengst schnaubte wild. Das Gewehr da oben gefiel ihm nicht.

Hinter Tom klapperte Hufschlag den Weg herauf. Old Joe hing ein ganzes Stück zurück. Vor einer Weile hatte Tom den Alten noch mit Clara, der boshaften Maultierdame, streiten hören.

Aber die hatte einfach die Ohren heruntergeklappt wie immer, wenn sie nicht so wollte, wie Old Joe es gerne gehabt hätte.

Tom vermutete, dass der Alte jetzt nach dem Streit im Sattel döste. Sonst hätte er gemerkt, dass etwas nicht stimmte.

Aber selbst Sam, der Schwarztimber, schien noch nicht entdeckt zu haben, dass jemand mit einem Gewehr zwischen den Felsen lauerte und auf Toms Hemdknöpfe zielte. Dabei entging dem Burschen für gewöhnlich nicht einmal eine huschende Maus im Umkreis von fünfzig Schritten.

Der Hufschlag kam näher. Dann verstummte er.

„Willst du schon wieder eine Rast machen?“, erkundigte sich Old Joe mürrisch. „Das ist ein verdammt schlechter Platz.“

„Kann man wohl sagen!“, bestätigte Tom mit flacher Stimme.

Old Joe riss die Augen auf. Wieselflink huschte sein Blick herum. Dann versteifte sich der Alte und bemühte sich wie Tom, mit der Hand dem Revolver nicht zu nahe zu kommen.

So eine Bewegung wurde leicht missverstanden. Manchmal kam eine mörderische Schießerei dabei heraus.

Sam kriegte jetzt mit, dass eine Waffe auf Tom gerichtet war. Mit einem scharfen Knurren schoss er an Thunder vorbei, duckte sich an den heißen Boden und spähte nach einer Stelle, an der er zu der Felsscharte hinaufgelangen konnte, ohne eine Kugel aufgebrannt zu bekommen.

Ein leiser Pfiff von Tom ließ den Schwarztimber verharren.

Dann sagte der Texas-Ranger: „Das Glück ist nicht auf unserer Seite.“

Der Gewehrlauf wackelte. Nach ein paar Augenblicken wurde er zurückgezogen.

Dafür schob sich hinter dem Fels ein schwarzer glatter Haarschopf in die Höhe. Ein Apachenschopf!

Ein grinsendes Gesicht kam jetzt zum Vorschein.

„Es wäre wirklich ein verdammt schlechter Tag zum Sterben!“ Das Grinsen wurde noch breiter. Nun tauchte der ganze Mann auf. Er klemmte sich das Gewehr unter den rechten Arm und setzte sich gemütlich auf den Fels, hinter dem er gerade noch hervorgezielt hatte.

„Otero!“, sagte Tom und ließ die hochgezogenen Achseln sinken. „Der Teufel soll dich holen!“

Auch Old Joe sackte erleichtert in den Sattel zurück. Er strich sich über den struppigen Dachsbart, dass der Staub herausflog. „Haben sie dich immer noch nicht aufgehängt?“

Otero war ein Halbblut und betrieb ein Gewerbe, für das man hierzulande am nächsten starken Ast aufgeknüpft wurde, sofern man sich erwischen ließ. Er klaute Pferde und verhökerte sie in entfernten Gegenden.

Seit geraumer Zeit wurde sogar erzählt, er hätte sich jetzt fürs Geschäft mit Rindern begeistert und würde kleine Herden mit ordentlichen Tieren verkaufen, bloß hatte niemand auch nur den Schimmer einer blassen Ahnung, wo sich Oteros Weidegründe befinden könnten, auf denen sich die Rinder auf geradezu wundersame Weise vermehrten.

Jedenfalls hieß es, er schaffe das Kunststück, viermal im Jahr eine kleine Herde zu liefern.

Dazu waren aber nicht einmal die großen Rancher und Züchter am Nueces in der Lage.

Hier oben zwischen dem Rio Grande und den Apachenbergen war es erst recht unmöglich. Das Land war zu karg, die Weiden zu trocken, und was wirklich gedieh, fraßen die Comanchen und Apachen auf ihren Streifzügen auf.

Mit denen kam Otero überhaupt nicht aus.

Zur Hälfte hatte er Comanchenblut in den Adern - zu wenig, um von seinen roten Halbvettern anerkannt zu werden, zu viel, um den Weißen als Angehöriger ihrer Rasse willkommen zu sein.

„Dreckiger Bastard“ war noch eine vergleichsweise harmlose Beschimpfung gegen das, was Otero sonst in den Siedlungen nachgerufen wurde.

Meist ballerte man ihm ein paar Kugeln hinterher, um ihm das Wiederkommen zu verleiden.

So war Otero das geworden, was er war - ein Bursche, der allerlei windige Geschäfte im Grenzland abwickelte, der einen schlimmen Ruf hatte und der ständig im Schatten einer Schlinge lebte.

Eine Menge Leute wünschten, dass sich diese Schlinge endlich über Oteros Kopf senkte und unwiderruflich um seinen Hals zusammenzog.

Andererseits waren die rechtmäßigen Beweise gegen den gerissenen Burschen noch dünner als der zerflatternde Rauch eines sparsamen Indianerfeuers, und so war nie eine Handhabe für einen Steckbrief gegeben.

Wobei Tom sogar überzeugt war, dass eine Menge Schandtaten einfach Otero zugeschrieben wurden, die eigentlich auf das Kerbholz von anderen Strolchen gehörten.

Vor weniger als einem Jahr war ihm das Halbblut in der Gegend nördlich von Flanders als Pfadfinder sogar außerordentlich nützlich gewesen.

Otero hatte danach die Absicht geäußert, für eine Weile nach Mexiko zu verschwinden.

Verlass war darauf nicht. Otero pflegte seine Meinung sehr rasch zu ändern und den Erfordernissen seiner dunklen Geschäfte anzupassen.

Schon möglich, dass Mexiko nicht einträglich genug gewesen war.

Gesehen hatte Tom den Burschen seitdem nicht mehr. Nur gehört von ihm.

Jetzt hockte der Kerl mächtig vergnügt da oben, fischte eine zerknitterte Zigarre aus seinem schmutzigen Hemd und rieb am Stein ein Streichholz an.

„Die Leute tun sich eben schwer“, sagte er lässig. „Einen, den sie nicht haben, können sie auch nicht hängen. So einfach ist das.“

Er hielt die Flamme an die Zigarre und paffte einige Züge. Aber er schien unzufrieden und betrachtete grimmig die Zigarre.

Schließlich holte er ein halbes Maisblatt aus der Brusttasche und flickte damit die Zigarre.

Tom verfolgte jede Bewegung. Entweder hatte Otero ein Gewissen so rein wie ein Maimorgen in den Bergen, oder er war abgebrüht wie ein alter Puma, der sämtliche Fallen und alle Jäger im Land kannte.

Angst zeigte Otero nicht. Und wie ein Mann auf der Flucht sah er auch nicht aus. Nicht im Augenblick jedenfalls.

Old Joe spuckte umständlich aus. „Der letzte Kerl, der uns eine Waffe unter die Nase gehalten hat und dachte, es sei ein prima Einfall, wurde vor drei Tagen in Eagle Pass begraben“, sagte er langsam. „Nur für den Fall, dass du inzwischen noch nicht von der Sache gehört hast.“

Oteros Grinsen wurde flacher. „Habe ich aber, sowas spricht sich herum. Tonto-Jim, was? Wurde höchste Zeit, dass er in die Grube sauste. Um den ist es nicht schade. Es soll eine gewaltige Schießerei gewesen sein.“

Während der Worte des Alten griff sich Tom an den rechten Oberschenkel. Und ob es eine gewaltige Schießerei gewesen war! Tonto-Jim hatte ihnen im Mietstall in Eagle Pass aufgelauert und sofort losgeballert, und die erste Kugel hatte er in den Oberschenkel bekommen. Nicht sehr gefährlich, aber tief.

Nachdem sich der Pulverqualm verzogen hatte, war der ziemlich betrunkene Doc von Eagle Pass eine halbe Stunde damit beschäftigt gewesen, Tom die Kugel herauszuschneiden.

Die Wunde heilte zwar schon, aber sie zwackte und biss von Zeit zu Zeit immer noch abscheulich. Besonders, wenn die Rede von der Schießerei war.

„Sprechen wir lieber von dir“, sagte Tom. „Tonto-Jim ist begraben und vergessen.“

Otero entlockte dem geflickten Tabakstengel eine Qualmwolke. „Könnte sich aber als Irrtum herausstellen, Ranger. Dass Tonto-Jim vergessen wäre, nämlichMarshal Tiffit hat mir eine Nachricht zukommen lassen. Deshalb dachte ich, ich setze mich an den Weg und warte, bis Sie vorbeikommen.“

„Wenn du etwas weniger in Rätseln sprechen würdest, wäre mir das schon Recht!“, knurrte Tom. „Woher weiß Tiffit, dass ich komme?“

„Er hofft, dass Sie umkehren. Die Postkutsche braucht von Eagle Pass herauf nur einen Tag und eine Nacht, darum. Mit der Postkutsche reisen auch die Neuigkeiten. In Flanders weiß seit zwei Tagen jedes Kind von der Schießerei.“

„Und?“ Tom wurde ungeduldig.

„Die Geschichte von der Schießerei ist auch anderen Leuten zu Ohren gekommen“, sagte Otero gelassen. „Leuten, die man als dicke Freunde von Tonto-Jim bezeichnen könnte. Jedenfalls glaubt Tiffit, dass gewisse Strolche, die neuerdings in Flanders herumhängen, zum Anhang von Tonto-Jim gehören.“

Old Joe reckte den Kopf wie ein Bussard, der Beute erspäht hat. Und Tom spürte ein eigenartiges Ziehen zwischen den Schulterblättern, was noch nie ein gutes Zeichen war, sondern allemal Verdruss ankündigte.

Was Tom noch mehr verwunderte als Oteros Ansprache, war die Selbstverständlichkeit, mit der das Halbblut gewisse Leute als Strolche bezeichnete.

Auch Old Joe stach das in die Nase.

„Sagtest du Strolche?“, fragte er brummig. „Soll ich lachen?“

Otero machte eine knappe Handbewegung. „Es sind sechs Männer, schwer bewaffnet, und sie haben den gewissen Blick. Ich glaube nicht, dass es da viel zu lachen gibt, alter Mann. Marshal Tiffit fürchtet, dass es sich um Tonto-Jims Bande handelt.“

„Weiß er das genau?“ Tom langte sein Rauchzeug aus der Tasche und rollte eine Zigarette.

Sam, der Schwarztimber, äugte noch einmal zu dem halben Indianer hinauf. Die Sache, die erst so gefährlich ausgesehen hatte, schien friedlich zu enden. Er gewann den Eindruck, dass er nicht mehr benötigt wurde. Darum trollte er sich und stöberte in Felsspalten, in denen es nach Luchs roch.

Otero beobachtete den Schwarztimber und verlor nichts von seiner stoischen Ruhe.

„Jetzt weiß er es sicher genau“, sagte das Halbblut. „Vor zehn Tagen ist Tonto-Jim jedenfalls mit diesen Männern in der Nähe der Stadt gesehen worden. Er ist dann aber wohl allein nach Eagle Pass weitergeritten. Tiffit hatte ein ungutes Gefühl, als die Burschen dann ohne Jim in Flanders aufkreuzten. Er schnallte sich den Revolvergurt um und wollte sie zum Teufel jagen.“

Otero blies Rauch in die Luft und ließ eine Pause eintreten, die alles ausdrücken konnte.

Tom spürte ein flaues Gefühl. Tiffit war ein rechtschaffener Mann, ging aber einem Krach auch nicht aus dem Weg.

Otero machte eine ungenaue Handbewegung. „Sechs gegen einen! Er hätte sich das vorher überlegen müssen. Den Kampf konnte er gar nicht gewinnen.“

„Ist er - tot?“ Toms Stimme klang wie brechendes Eis.

„Nicht ganz, Ranger. Es sind mehr als zwei Kugeln erforderlich, um einen Mann wie Marshal Tiffit ins Grab zu bringen. Aber zwei Kugeln hat er einkassiert, und nun ist er sehr krank. Deshalb musste er auch einen Boten zu meiner Hütte schicken und konnte nicht selber kommen. Er meint, wenn Sie klug wären, sollten Sie umkehren, andernfalls könnte es Ihnen ergehen wie ihm. Und er fürchtet, auch die Stadt könnte in Mitleidenschaft gezogen werden. Diese Männer sind sehr gewalttätig.“

„Hast du sie gesehen?“

„Ja, Ranger. Das ist Pack. Schlechte Medizin.“

„Bekannte Namen? Markante Gesichter?“ Tom pfiff auf Tiffits freundschaftliche Warnung.

Das ging ja nicht, dass er mit dem Daumen im Mund dastand und zuließ, dass Tiffit zwei Kugeln aufgebrannt bekommen hatte und dass die verantwortlichen Männer frech und unverschämt in Flanders herumstolzierten.

Wenn Tiffit derzeit nicht in der Lage war, dem Gesetz Achtung zu verschaffen, dann besorgte er das. Außerdem war er mit Tiffit befreundet.

Das kam noch hinzu.

Wenn er in Flanders nach dem Rechten sah, erwies er dem Marshal obendrein einen Freundschaftsdienst. Die Bewohner der Stadt wussten das sicher auch zu würdigen.

„Zwei sollen aus Bloody Brennans Bande stammen, die vor einem Jahr zersprengt wurde“, meinte Otero nach kurzem Nachdenken.

„Und die anderen?“

„Tiffit hat sie nicht auf seinen Steckbriefen gefunden, das hat er auch noch ausrichten lassen. Und er will gehört haben, dass sie nach Flanders gekommen sind, um einen Mann von der Kutsche abzuholen. Eine harte Nuss. Einen Revolvermann.“

Das erstaunte Tom. „Sind die Kerle nicht selber hartgesotten genug?“

„Schon, aber es sieht so aus, als würde das nicht reichen.“

Tom blickte scharf zu Otero hinauf. „Mir scheint, du weißt mehr über die verdammte Sache, als Tiffit dir hat ausrichten lassen.“

Otero fasste das als Schmeichelei auf. Er grinste breit. „Man braucht große Ohren, um am Leben zu bleiben, Ranger.“

„Yeah, du bist der beste Beweis dafür. Und was haben deine großen Ohren aufgeschnappt?“

„Dass die Burschen aus einem wilden Camp stammen, das in den Apachenbergen entstanden ist. Ein besonderes Camp.“

„Kerl, lass dir nicht jedes Wort wie einen Wurm aus der Nase ziehen! Was ist mit diesem Camp?“

„Es steht auf goldhaltigem Boden. Tausend Leute oder so sollen dort schon leben. Es ist ein richtiges Teufelsnest.“

„Schon wieder Gold?“ Tom seufzte. Vor knapp einem Jahr hatte er hier an der Grenze einen wüsten Goldschmuggel von Mexiko nach Texas aufgedeckt. Genau dabei hatte ihm Otero für ein paar Tage Pfadfinderdienste geleistet.

Die Sache war vom Leiter der Münzstätte in El Paso droben eingefädelt worden und hatte viel Staub aufgewirbelt. Um ein Haar war Tom noch vom Drahtzieher des Schmuggels mit dem Derringer erschossen worden.

„Ja, immer wieder Gold“, sagte Otero, aber in einem Ton, als würde er sich nicht viel aus dem gelben Zeug machen. „Das Camp ist schon eine richtige Stadt mit Saloons und Spielhallen und anderen Vergnügungen, und jede Woche treffen dort zwei Dutzend neue Glückssucher ein.“

Otero paffte schon wieder an der Zigarre. Er hatte keine Eile.

Tom bewegte sich unruhig im Sattel. Old Joe wischte sich mit dem Handrücken geräuschvoll die Nase und fragte: „Soll ich ihm mal auf die Birne hauen, damit er schneller ausspuckt, was er weiß?“

Mit einer Handbewegung dämpfte Tom den Eifer des Alten. Einen Kerl wie Otero konnte man nicht verprügeln. Das war tödlich. Den ganzen Rio Grande entlang erzählte man sich Geschichten, in denen Oteros Messer eine wichtige Rolle spielte.

Dabei war der Bursche bestimmt nicht älter als fünfundzwanzig.

„Dann brauchen TontoJims Leute die harte Nuss also für das Goldgräbernest?“, bohrte Tom.

Otero nickte bedächtig. „Die großen Aasgeier haben sich natürlich auch eingefunden und knöpfen den Diggern das Gold ab. Es ist immer dasselbe Spiel.“

„Zum Teufel, du brauchst mir keine Belehrungen zu erteilen!“, brauste Tom auf. „Natürlich weiß ich, wie das üble Geschäft aufgezogen wird und wie es abläuft. Also weiter!“

„Jetzt scheinen sich die großen Aasgeier aber um die größten Brocken zu streiten. Tonto-Jim war einer von ihnen, er wollte sich Nugget City mit Mann und Maus und allem Profit allein in die Tasche stecken. Und weil bei so einer Sache meist heftig geschossen wird, hat er sich einen Revolvermann bestellt.“

„Um die Konkurrenz aus dem Weg zu räumen“, sagte Tom nachdenklich. „So, Nugget City heißt das liebliche Höllenloch also. Schätze, der Revolvermann kann wieder heimfahren.“

„Quien sabe?“ Otero wiegte den Kopf. „Da sind Tonto-Jims Freunde, vielleicht wollen die Jims Pläne weiterverfolgen. Oder der Revolvermann findet Gefallen an dem Geschäft und arbeitet für eigene Rechnung. Oder er vermietet seinen Revolver an einen anderen großen Aasgeier.“

„Kennt man den Namen der harten Nuss?“

„Es soll Ken Bateman sein.“ Otero guckte irgendwie lauernd auf den Ranger und Old Joe herab.

Der Alte stieß einen lästerlichen Fluch aus und zerrte dann aufgeregt an seinem verschwitzten Halstuch.

Tom hatte das Gefühl, sein Magen würde sich mindestens handhoch anheben.

Ken Bateman hatte allein im letzten Winter droben an der Kansas-Bahnlinie sechs Männer getötet und einen Deputy Sheriff in Abilene zum Krüppel geschossen.

Leute, die es wissen mussten, behaupteten, Bateman hätte in seinem Leben bereits mehr Menschen erschossen, als auf einem Friedhof Platz fanden.

Ken Bateman war mehr als eine harte Nuss.

Ken Bateman war der leibhaftige Tod.

*

Ausgerechnet diesen Kerl hatte Tonto-Jim angeheuert!

Bateman war sicher nicht entzückt, wenn er hörte, dass sein Arbeitgeber in die Grube gesaust war.

Aber Männer wie er fanden schnell eine neue Geldquelle. Wie die Dinge lagen, bestand in diesem Nugget City Bedarf nach einem eiskalten Killer wie Bateman.

Und Burschen wie er hatten kein sonderlich großes Gewissen, falls sie überhaupt eines besaßen. Heute arbeiteten sie für diesen, morgen für einan anderen Mann, wenn sie nur ihren Preis bekamen.

Bei Bateman kam noch hinzu, dass er offensichtlich Freude am Töten empfand. Er war ein Monster auf zwei Beinen.

Old Joe ließ das Halstuch los, nachdem er sich fast selber erdrosselt hatte. So sehr hatte ihm die Neuigkeit zugesetzt.

„Falls Bateman auf die großen Halunken in diesem Diggernest losgeht, wäre ja nichts dagegen einzuwenden“, sagte er aufgeregt. „Aber das weiß man vorher nie. Heiliger Rauch, ausgerechnet der! Tom, wir warten am besten, bis er in Flanders aus der Kutsche steigt, schießen ihn über den Haufen, packen ihn in eine Kiste und schicken ihn zurück...“

„Du spinnst wohl?', brauste Tom auf. „Das will ich nicht gehört haben! Bin ich ein Stinktier wie Bateman? Ich bin auf das Gesetz eingeschworen, also werde ich es respektieren.“

„Eines Tages stirbst du daran, Junge. Ich habe das Gefühl, ich werde dabei stehen, wenn man dich ins Grab legt. Ich werde dir einen schönen Spruch auf das Grabbrett schreiben lassen: ,Tom Cadburn respektierte immer das Gesetz, darum liegt er hier als toter Narr!“ Wie gefällt es dir?“

„Überhaupt nicht. Deine giftigen Sprüche kannst du dir sparen, ich gehe trotzdem nicht auf Bateman los. Nicht ohne Grund. Er wird in Texas nicht gesucht.“

„Noch nicht“, sagte Old Joe weise. „Lange dauern kann’s aber nicht mehr. Der Kerl zieht immer eine blutige Fährte. Vielleicht bist du der erste Mann in Texas, den er aus den Stiefeln putzt. Irgendwann wird er ja damit anfangen.“

„Du gehst mir auf die Nerven!“, schimpfte Tom.

„Hoffentlich“, versetzte Old Joe boshaft. „Vielleicht bringe ich dich zur Vernunft.“

„Nicht auf deine Art. Und nicht zu dem Zweck, der dir vorschwebt. Wie kommst du überhaupt auf den Gedanken, Bateman käme mit der Kutsche?“

„Der Kerl verbiegt sich doch nicht auf einem Gaul die Knochen, läßt sich wochenlang herumschaukeln und trifft mit durchgerittenem Hintern ein! Solche Pilger reisen nobel.“ In Old Joes Augen blitzte es grell auf. „Und jetzt denk mal scharf nach, weshalb Tonto-Jim in Eagle Pass aufgekreuzt ist und sofort losgeballert hat, kaum dass er unsere Nasenspitzen sah!“

Tom tat’s, er dachte nach. Und er kam zum selben Ergebnis wie der Alte. Eagle Pass war ein wichtiger Knotenpunkt der Kutschenlinien.

Es sprachen eine Menge Gründe dafür, dass Tonto-Jim sich dort mit Bateman hatte treffen wollen. Vielleicht, um ihm letzte Instruktionen zu geben und die Leute zu beschreiben, die Bateman in Nugget City töten sollte.

Vielleicht auch, um Bateman eine saftige Anzahlung auszuhändigen.

Oder um mit dem Kerl gemütlich in einer Kutsche hinauf nach Flanders zu reisen, wo Jims Bande schon wartete.

Tonto-Jim hatte allerdings die Nerven verloren und Tom aus dem dunklen Mietstall heraus unter Feuer genommen, als er den Ranger erkannte.

Das war der Fehler gewesen, der ihn das Leben kostete.

Bateman war zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Eagle Pass eingetroffen. Das hätte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen.

Inzwischen jedoch konnte er angelangt und schon weitergereist sein. Vielleicht befand er sich gerade in diesem Augenblick in einer Kutsche, die auf Flanders zurollte.

„Na, was ist?“, fragte Old Joe. Er erwartete von Tom eine Antwort. „Ist dir das Gehirn eingetrocknet?“

„Er hat eben durchgedreht“, brummte Tom.

Old Joe schüttelte den Kopf. „Leute wie Tonto-Jim drehen selten durch! Der Kerl wollte absolut verhindern, dass du Bateman zu Gesicht bekommst. Oder gar ihn zusammen mit dem Kansas-Killer. Du hättest doch gründlich über das seltsame Paar nachgedacht. Jim hat sich verkalkuliert, das war sein Pech. Du solltest tot sein, nicht er. Er konnte sich ausrechnen, dass es Stunk und mächtig viel Staub gibt, wenn zu früh bekannt wird, dass Bateman in Texas aufgekreuzt ist. Er musste damit rechnen, dass es auch seine Konkurrenten in Nugget City erfahren, die er aus dem Weg geräumt haben wollte, und dass die sich vorsehen und selber gute Revolvermänner anheuern.“

„Das sticht nicht“, wehrte Tom ab.

„Batemans Ankunft ist bekannt. Sogar Otero weiß davon.“

Das Halbblut lachte dunkel. „Aber nur Otero. Und jetzt Sie beide.“

„Was?“ Tom glaubte sich verhört zu haben.

Otero verzog den Mund. „Sie haben es doch gesagt, Ranger! Das mit den großen Ohren. Letzte Nacht habe ich gehört, wie die Männer von Bateman gesprochen haben  ganz zufällig natürlich.“

„Du bist in die Stadt geschlichen?“

Otero winkte lässig ab. „Manchmal habe ich die Idee, einen Whisky trinken zu müssen.“

„Zufälle gibt’s, da kann man nur noch staunen!“, sagte Tom bissig. „Du kriegst den Durst wohl auch gerade immer dann, wenn es irgendwo ein Gespräch zu belauschen gibt?“

Dazu wollte sich Otero lieber nicht äußern. Aber sein Grinsen war auch eine Antwort.

Old Joe hatte einen misstrauischen Ausdruck in den Augen. „Letzte Nacht soll das gewesen sein? Hör mal, du Witzbold, dann müsste dein Gaul aber schon Flügel haben! Das sind achtzig Meilen oder so!“

Bescheiden meinte das Halbblut: „Ich habe meine drei besten Pferde genommen, und sie mussten sich wirklich anstrengen. Ich bin auch nur ein paar Minuten vor Ihnen eingetroffen. Als ich den Hufschlag hörte, habe ich sicherheitshalber das Gewehr zur Hand genommen. Ich habe gelernt, vorsichtig zu sein.“

Der Alte guckte verdutzt. „Hörst du das, Tom? Drei Pferde! Und wie redet der Kerl überhaupt? Ist dir schon mal ein gebildeter Pferdedieb begegnet?“

Tom wurde einer Antwort enthoben. Mit einem feinen Lächeln sagte Otero: „Ich habe schon ein Buch gelesen, machen Sie sich nichts draus, alter Mann!“

Tom vollführte eine scharfe Handbewegung. Er schaute zu Old Joe hinüber. „Er wurde von den Padres in der Mission von San Carlos erzogen. Wusstest du das nicht?“

„Der Schlag soll mich treffen, wenn ich je davon gehört habe!“, meinte der Alte fast andächtig. „Aber vielleicht haut es die frommen Padres um, wenn sie erfahren, dass aus dem Kerl ein Strauchdieb geworden ist!“

„Werde nicht kleinlich!“, sagte Tom ungehalten. „In seinem Alter warst du auch nicht gerade ein zahmer Pilger, wenn deine haarsträubenden Geschichten alle stimmen, die du mir in all den Jahren erzählt hast.“

„Da ist kein Wort gelogen - verdammt!“ Erschrocken hielt Old Joe den Mund. Aber es war schon zu spät, er hatte zu viel gesagt. Und bei Licht besehen hatte er Otero wirklich nicht viel vorzuwerfen.

Vielleicht, dass er keine Pferde gestohlen hatte. Nicht viele jedenfalls. Aber sonst hatte er kaum etwas ausgelassen. Als junger Kerl war er eben auch immer auf dem Sprung nach dem Glück gewesen und niemals bereit, den anderen den Vortritt zu lassen.

Mit Messer, Pistole und den Fäusten hatte er sich durchgekämpft und genommen, was zu kriegen war. Nur, dass er’s wahrscheinlich geschickter angestellt hatte als Otero.

Die ruhigeren Jahre waren später gekommen - als die ersten Richter eingesetzt wurden und als Männer mit einem Blechstern an der Brust in den größeren Städten auftauchten und Sheriff genannt wurden und davon redeten, dass es jetzt ein Gesetz gab und niemand mehr seine Angelegenheiten nach eigenem Ermessen regeln durfte.

So gesehen war Otero bloß fünfzig Jahre zu spät dran. Heute guckten die Gesetzeshüter jedem auf die Finger. Besonders einem Halbblut.

Manchmal guckten sie auch vorbei. An Leuten wie Bateman oder Tonto-Jim. Aber das waren ja auch Weiße.

Und wenn sie sich dann endlich auf ihre Pflicht besannen, waren solche Burschen schon hartgesottene Revolvermänner und Halsabschneider, um die man besser einen Bogen schlug, wenn man nicht lebensmüde war.

Old Joe versuchte, Toms Gedanken in eine andere Richtung zu lenken.

„Schlagen wir hier Wurzeln, oder was?“, brummte er.

Tom hatte hängst eine Entscheidung getroffen. „Wir reiten.“

Old Joe legte eine Hand hinters Ohr. „Zurück nach Eagle Pass, damit Tiffit seinen Willen behält und seine Stadt nicht beschädigt wird?“

„Nach Flanders.“

„Das will ich dir auch geraten haben!“ Der Alte reckte kriegerisch den Hals. „Außerdem bringt es Tiffit sicher schneller auf die Beine, wenn er hört, dass wir zu seiner Unterstützung angerückt sind. He, Pferdedieb, was ist mit dir, kommst du mit?“

Otero meldete Bedenken an. „Marshal Tiffit hat es sich anders gewünscht.“

„Nicht jeder Wunsch im Leben geht in Erfüllung.“ Old Joe rückte sich den speckigen Hut auf dem Kopf zurecht und kicherte. „Hinterher ist man manchmal ganz froh darüber.“

Otero verschwand oben, hinter den Felsen. Nach einer Weile knallte Hufschlag auf der anderen Seite los.

Tom drückte Thunder mit den Schenkeln vorwärts.

Old Joe brachte mit Mühe die dösende Clara in Schwung, der es viel lieber gewesen wäre, wenn die gemütliche Rast noch eine Weile gedauert hätte.

Der Alte schloss zu Tom auf.

„Drei Pferde“, brabbelte er, „was meinst du, ob das alles seine Richtigkeit hat? Vielleicht kommt uns unterwegs ein Pferdezüchter auf den Hals und hängt uns einfach gleich mit auf - bloß weil wir den Burschen in unserer Gesellschaft haben.“

Belustigt warf Tom einen Blick auf den alten Trailgefährten. „Eines weiß ich genau - Otero ist kein Schwachkopf. Der wird auch gerade hier herum Pferde klauen und sie dann auch noch spazieren reiten!“

Sam sauste hinter ihnen aus der Felswildnis und trottete außerhalb der Staubwolke nach. Einen Luchs hatte er nicht aufgespürt, auch wenn es mächtig frisch danach gerochen hatte. Der Bursche war wohl beizeiten ausgerückt.

Aber ein paar Ameisen hatte er erwischt. Oder die ihn.

Jedenfalls hatten sie ihm ihren Saft in die Augen gesprüht und auch ein paarmal kräftig in die Nase gezwickt.

Das biss, und lustig war das überhaupt nicht.

Sam wischte sich mit der Pfote über die Augen und schniefte verdrossen. Dann schielte er zu einem Bussard hinauf, der seine Kreise zog.

Zu hoch. Außerdem war da auch nicht viel dran. Das Vieh bestand ja fast nur aus Federn und ein paar dünnen Knochen.

Vielleicht ließ sich am Nachmittag ein Truthahn überlisten. Wenn die Tageshitze verflog, kamen die Truthähne gern aus dem Chapparral und rannten zu irgendeiner verborgenen Tränke.

Und wenn’s mit einem Truthahn nicht klappte, musste er eben am Abend ganz dicht beim Feuer sitzen und Old Joe beim Kochen behindern. Der Alte begriff dann meist schnell und warf ihm heimlich einen Brocken Dörrfleisch zu oder zweigte einen Pfannkuchen für ihn ab.

*

Eine halbe Meile weiter rückten die schroffen Felsen zurück.

Otero tauchte rechter Hand aus der Wildnis auf und zog zwei prachtvolle Renner an der Longe hinter sich her. Es waren zwei mausgraue Stuten, die gut und gerne jede ihre zweihundert Dollar kosteten.

Selber saß er auf einem sandfarbenen Palomino, der sicher keinen Cent weniger wert war.

Die Tiere hatten geschwitzt, das war aber auch der einzige Hinweis darauf, dass sie runde achtzig Meilen heruntergerissen hatten.

Und Otero hatte sie sichtlich geschont. Nach solch einem mörderischen Ritt war normalerweise jedes Pferd abgearbeitet, es sei denn, der Reiter hatte klug Pausen eingelegt und die Kräfte der Tiere eingeteilt und alle fünf Meilen umgesattelt.

Old Joe zwinkerte ungläubig. „Tom, Junge, ich muss was an den Augen haben! Der Bursche hat die besten Tiere, die ich in den letzten zehn Tagen entdecken konnte  falls ich nicht spinne. Siehst du sie auch?“

„Yeah. Und auch das Brandzeichen!“ Tom musste hart in die Zügel greifen und die Oberschenkel anpressen. Thunder hatte natürlich sofort die feine Witterung der Stuten in die Nüstern bekommen und wurde unternehmungslustig.

Er wieherte schmetternd und fordernd und wollte den Pferdedamen nähertreten.

Das scharfe Wiehern machte den Palomino munter. Er stieg unversehens, drehte sich auf der Hinterhand und keilte nach Thunder. Im letzten Moment bekam Otero wieder Gewalt über das Tier und drückte es herunter.

„Auch ein Hengst!“, sagte Tom flach und lenkte Thunder beiseite.

Aus sicherer Entfernung hatte Old Joe den Zwischenfall verfolgt.

Er zog Clara liebevoll an den zerfransten Ohren. „Das kommt dabei heraus, wenn um die Weiber gestritten wird“, brabbelte er. „Da bist du mit mir doch viel besser dran, was? Wir haben mit solchen Sachen nichts mehr im Sinn.“

Clara war anderer Ansicht. Sie hätte es schon gern gehabt, wenn um sie auch mal gestritten worden wäre. Aber der Alte passte auf wie der Teufel selber.

Otero und Tom brachten derweil die Hengste zur Vernunft.

Über eine Entfernung von dreißig Schritten schnaubten sich die Hengste kampflustig an. Sie waren beide beschlagen, und sie hätten sich wahrscheinlich totgeprügelt.

„Vielleicht reitet der alte Mann dazwischen“, schlug Otero vor.

„Wird das beste sein.“ Tom kratzte sich am Kinn und musterte wieder die Brandzeichen. Sie waren identisch. Und sie waren nicht frisch. „Welcher Züchter hat da bluten müssen?“, fragte er wütend.

Otero grinste. „Ihr Zorn ist unangebracht, Ranger. Die Gäule sind ehrlich gekauft.“

„Du kannst mir viel erzählen!“

„Marshal Tiffit hat das Geschäft vermittelt, er hat auch mein Brandzeichen registriert. Es hat alles seine Ordnung.“

Old Joe trieb das Maultier herbei und schaute verblüfft. „Was hat der Gauner gesagt? Ein eigenes Brandzeichen hat er jetzt auch schon? Ich glaube fast, ich hab’s nicht nur mit den Augen, mit meinen Ohren scheint es auch nicht zu stimmen.“

Zur Bekräftigung bohrte der Alte beide Zeigefinger in die Ohren.

Tom wiegte den Kopf. „Wenn Tiffit das Brandzeichen eingetragen hat, geht die Sache wohl in Ordnung. Als großer Spaßvogel ist er mir nämlich nicht bekannt.“

Old Joe war von seinen düsteren Überlegungen nicht loszureißen.

„Vielleicht wird Tiffit gleich neben uns aufgehängt! Dann haben die Leute wenigstens etwas, worüber sie sich wochenlang das Maul zerreißen können. Junge, ich fürchte, ich werde langsam zu alt für dieses Geschäft. An jedem neuen Tag, den Gott wachsen lässt, passiert was, das nicht gut für meine Nerven ist“, brabbelte er und fischte eine Rolle Kautabak aus der Tasche.

„Bisher hat es dir aber ganz gut gefallen“, wandte Tom ein. „Das aufregende Leben nämlich.“

Old Joe biss einen Brocken Kautabak ab und schob die Rolle in die Tasche zurück.

„Wenn ein Kater keine Krallen mehr hat, soll er aufhören zu mausen“, sinnierte der Alte. Ein wehmütiger Zug zeigte sich um seinen Mund herum. „Früher war ich ein munterer Salzknabe, ich bin keinem Krach aus dem Weg gegangen, und wo der Ärger dick in der Luft hing, habe ich mich erst richtig wohlgefühlt. Mir hat eben alles Spaß gemacht, das Fell hat mich Tag und Nacht gejuckt. Um ein Haar hätte ich sogar Lola Montez geheiratet.“

„Wen?“ Tom fiel vor Verblüffung fast aus dem Sattel.

„Lola Montez, die Tänzerin! Nie was von ihr gehört? Na ja, sie hätte mich sicher auch gar nicht genommen, aber ich war drauf und dran, sie um ihre Hand zu fragen.“

Tom begann zu lachen. Das war wieder so eine verdammte Lügengeschichte, die Old Joe im Handumdrehen aus einem bodenlosen Sack hervorzauberte, in dem mindestens tausend andere haarsträubende Erlebnisse und Abenteuer verborgen waren.

Der Alte blickte fuchsteufelswild. „Ja, lach nur, aber ich habe sie gekannt!“, schimpfte er.

„Wann soll denn das gewesen sein?“ Tom dämpfte mühsam seine Heiterkeit.

„Im Jahre dreiundfünfzig. In Sacramento. Da hat sie auch Theater gespielt. Mit Sophie Judah. Die kennst du auch nicht, wie? Bei den Vorstellungen sind die Zuschauer übereinandergeklettert und auf die Köpfe der Vorderleute gestiegen, und trotzdem standen immer noch tausend Männer auf der Straße und wollten auch noch in die Vorstellung. Du hast ja keine Ahnung davon, wie das war, du kannst gar nicht mitreden.“

Tom hatte eine bissige Bemerkung über diese Dame Lola Montez auf der Zunge, hielt aber lieber den Mund, um den Alten nicht noch mehr zu reizen.

Es war denkbar, dass an der Sache wirklich was dran war. Old Joe war während des kalifornischen Goldrausches in Sacramento und an anderen Orten gewesen, an denen der Teufel seine helle Freude gehabt hatte.

Im Zusammenhang mit jenen wilden Goldgräbertagen hatte Tom auch schon mal den Namen Lola Montez gehört. Mehr nicht.

„Ist ja gut, ich glaub’s ja“, sagte er besänftigend.

Old Joe schaute misstrauisch, aber Tom machte ein kreuzbraves Gesicht. Der Alte gab seinen Argwohn auf, Tom könnte vielleicht auch etwas anderes gemeint haben.

Otero drängte zum Weiterritt. Irgendwie schien er ganz froh darüber zu sein, dass der Texas Ranger und der alte Mann den Wunsch von Marshal Tiffit nicht respektierten.

Voraus erstreckte sich ein endloses Feld von dornigem Chapparral. Der Reitweg schnitt durch den westlichen Zipfel.

Otero nahm jedoch eine andere Richtung. Er lenkte den Palomino direkt auf das undurchdringliche Gestrüpp zu.

„Wir nehmen eine Abkürzung“, erklärte er Tom und Old Joe.

Die beiden wunderten sich nicht über diesen Vorschlag. Hier im Grenzland war Otero zu Hause, hier kannte er Weg und Steg und offensichtlich auch Pfade, die man auf Anhieb gar nicht entdeckte.

Unverkennbar hing das mit seinen vielfältigen dunklen Geschäften zusammen, bei denen ihn noch nie jemand ertappt hatte.

Seine Behauptung hinsichtlich eines registrierten Brandzeichens nährte in Tom die schwache Hoffnung, Otero könnte sich vielleicht von seinen gefährlichen Geschäften abgekehrt haben.

Ein Kerl wie das Halbblut würde es verdammt schwer haben. Andererseits hatte Otero einen hellen Kopf, und falls er seinen ordentlichen Geschäften dieselbe Ausdauer und Findigkeit zuwandte wie in all den zurückliegenden Jahren seinen krummen Betätigungen, dann konnte aus der Sache etwas werden.

Vielleicht konnte Tiffit, falls er sich von den Verwundungen richtig erholte und noch ein paar Jahre in seinem Amt als Marshal blieb, ein wenig die Hand über Otero halten. Es schadete bestimmt nicht.

Und wenn es auch nur dazu gut war, Otero glauben zu lassen, das Gesetz hätte ein wachsames Auge auf ihn.

Vor dem scheinbar undurchdringlichen Chapparral scheute Thunder. Er zerrte an der Gebisskette und bewegte heftig den Kopf auf und ab. Er wusste, dass eine Chapparral-Wildnis eine dornenreiche und demzufolge schmerzhafte Angelegenheit war.

Tom reckte den Hals und versuchte die Abkürzung auszumachen, die Otero

angekündigt hatte. Doch von einem verborgenen Pfad konnte er nicht die Bohne entdecken.

Selbst Old Joe kratzte sich am Schädel, beguckte sich die Gegend und meinte zweifelnd: „Jetzt bin ich aber mal gespannt.“

Otero wandte den Kopf. „Sehr einladend sieht die Gegend wirklich nicht aus, aber das ist eben der große Vorteil. Hier ist sogar schon der Sheriff von Eagle Pass mit einem Aufgebot umgekehrt.“

„Zum Teufel, war der auch hinter dir her?“, regte sich Tom auf.

Otero machte eine Handbewegung, die alles und nichts ausdrücken konnte. „Ein Missverständnis, Ranger. Und es ist auch schon lange her. Drei oder vier Jahre.“

Der Ritt mit dem Halbblut erschien Tom immer bedenklicher. Wenn die Sache bekannt wurde, geigte ihm sein Captain den Marsch, dass die Wände wackelten.

Denn Otero hatte einen miserablen Ruf. Und der Sheriff von Eagle Pass war bekannt dafür, dass er noch immer seine Beute eingebracht hatte und nie vergeblich mit einem Aufgebot loszog.

Die Blamage, dass er hier hatte umkehren müssen, schien er tunlichst verschwiegen zu haben. Offensichtlich hatten auch seine Helfer den Mund gehalten.

Otero setzte seinem Palomino die Absätze ein und trieb den Hengst in eine wahnsinnig schmale Passage zwischen zwei Chapparralbüschen. Die dornigen Zweige juckten das Pferd. Es prasselte durch die Engstelle und riss die zwei mausgrauen Stuten an der Longe hinter sich her.

Old Joe wälzte aufgeregt den Kautabak im Mund herum, spuckte einen braunen Saftstrahl in den Chapparral und sagte: „Mann, das muss man erst mal wissen! Ich hätte jede Wette gehalten, dass hier bestenfalls ein alter Brasada-Stier durchkommt, dem sowieso alles gleichgültig ist. Kein Wunder, dass der Sheriff aus Eagle Pass aufgegeben hat.“

Bei seinen Worten betrachtete er den Boden.

Er war einer der besten Fährtenleser an der Grenze, es wurde sogar behauptet, er könnte darin einen Comanchenkrieger in die Tasche stecken.

Der Boden war steinhart und nahm keine Hufeisenabdrücke auf.

Es gab nicht einmal Reibestellen.

Und die Äste mit den schrecklichen Dornen waren so zäh, dass sie nicht einmal geknickt waren, obschon gerade drei Pferde die Engstelle passiert hatten.

Vielleicht hingen ein paar Pferdehaare an den fingerlangen Dornen.

Aber die Mühe, alle Dornen nach Haaren abzusuchen, hatte sich der Sheriff damals bestimmt nicht gemacht. Er hatte das Chapparral-Feld als das genommen, was es zu sein schien - eine undurchdringliche Wildnis.

Tom trieb Thunder in die Passage.

Ein paar Dornen ritzten den Hengst. Er blieb aber friedlich.

Mehr bekam Tom ab. Und seine Hose war so gut wie zum Teufel.

Nicht viel besser erging es Old Joe. Der musterte nach der Engstelle wütend die Löcher und Risse in seinen Beinkleidern und meinte giftig: „Das wird eine verdammt teure Abkürzung! Tom - sieh dir das an! Alles zum Teufel!“

„Vielleicht eröffnet Otero demnächst einen Hosenstore, wenn er seine Kundschaft immer hier durchlockt“, scherzte Tom.

Old Joe hatte keinen Sinn für solchen Spott. Er fluchte grimmig.

Jenseits der Engstelle öffnete sich ein leidlich passierbarer Pfad. Er führte allerdings im Zickzack um die mannshohen Dornbüsche herum. Das war der Grund, weshalb er von draußen nicht zu erkennen war.

Von vorne rief Otero: „Es wird gleich besser.“

Nach ein paar Minuten sahen Tom und der Alte, was er meinte. In der abweisenden Wildnis klafften kleine Lichtungen, die sich zum Verwechseln ähnlich waren.

Selbst Old Joe, der die meiste Zeit seines Lebens in der Wildnis zugebracht hatte, hätte nicht sagen können, wo der heimliche Pfad weiterführte. Er konnte in jeder Richtung liegen.

Aber Otero kannte sich aus.

Er schleuste den Texas Ranger und den alten Mann von einer Lichtung zur anderen.

Irgendwo erklang der Jagdschrei von Sam. Es hörte sich sehr zuversichtlich an. Der Schwarztimber wusste als einziger dem Chapparral-Feld Geschmack abzugewinnen, und offensichtlich hatte er jetzt eine Beute aufgestöbert.

Um den vierbeinigen Freund machte sich Tom keine Sorgen. Sam würde ihre Reitergruppe zu finden wissen, wenn er von der Jagd genug hatte. Zudem passte er überall unter den Dornbüschen her.

Nach zwei Stunden senkte sich das Land ab.

Die Gegend wirkte wie eine Pfanne.

An ihrem Grund wuchsen Prickly Pears und an einer Stelle sogar Weidenbüsche.

Genau dort sattelte Otero ab.

„Es ist jetzt die heiße Zeit“, sagte er nur.

„Und wir hocken wie in einem Backofen“, beschwerte sich Old Joe brummig. „In einer Stunde sind wir entweder geschmolzen oder eingetrocknet.“

Das Halbblut begann mit bloßen Händen unter den Weidenbüschen zu graben.

Nach wenigen Minuten schaufelte er schon feuchten Sand zutage, und kurz darauf hatte er eine Wasserstelle freigelegt, an deren Grund sich handhoch das kostbare Nass sammelte.

Old Joe trat hinzu, schnupperte misstrauisch und tauchte die Hand schließlich ins Wasser. Er roch noch einmal und leckte ein paar Tropfen auf.

„Nicht brackig, keine Alkalibrühe, und schön kühl“, stellte er staunend fest.

Tom hatte bereits eine alte Feuerstelle entdeckt. „Mir wird so einiges klar“, meinte er. „Das scheint ein beliebter Ort hier zu sein.“

Otero machte ein unschuldiges Gesicht. „Ich war mal mit ein paar Apachen hier, und später noch drei oder viermal.“

Er legte sich auf den Bauch und trank ein paar Schlucke.

Tom hatte bemerkt, dass er den Ritt in südlicher Richtung ohne Wasserflasche oder Ziegenschlauch gemacht hatte. Das konnte nur bedeuten, dass Otero noch andere als nur diese verborgene Wasserstelle kannte.

Er hatte in der Nacht oder zumindest am Morgen seine drei Tiere irgendwo tränken müssen. Im anderen Fall hätten die Tiere jämmerlich ausgesehen.

Otero trank auch nicht unbedacht wie ein durstiger Mann. Er war vernünftig und gab sich mit wenig Wasser zufrieden.

Tom und Old Joe löschten jetzt ihren Durst. Danach kamen die Tiere dran.

Die Männer hockten sich in den spärlichen Schatten der Weidenbüsche und verzehrten etwas von dem mitgeführten Proviant.

Thunder und Clara bekamen später den Futtersack umgehängt, der Palomino knabberte geschickt an einigen Prickly Pears herum, und die mausgrauen Stuten rupften Weidenblätter von den Zweigen.

Kurz vor dem Aufbruch tauchte Sam in der Senke auf. Er schleppte noch einen Truthahnflügel mit und hatte die Schnauze über und über mit Federn verklebt.

„Dieses Land gibt jedem etwas“, sagte Otero weise. „Man muss es nur zu finden wissen.“

„Yeah, verborgene Pfade und heimliche Wasserstellen zum Beispiel!“, brummte Old Joe. Während der Rast hatte er versucht, seine zerrupfte Hose notdürftig zusammenzustecken. Er sah aber unten herum immer noch wie eine Vogelscheuche aus. Und das besserte seine Laune nicht.

Otero ließ seine Tiere noch einmal saufen und schöpfte selber ein paar Hände voll Wasser.

Tom und der Alte folgten seinem Beispiel, sie füllten auch noch die Wasserflaschen. Dann fegte das Halbblut Sand in das Wasserloch und glättete die Stelle sorgfältig.

Falls zufällig jemand nach ihnen diesen Platz erreichte, was ohnehin nicht wahrscheinlich war, würde er sich schwer tun, die Wasserstelle zu finden.

Es sei denn, er wusste genau, wo er zu graben hatte.

Otero legte jetzt einer der Stuten den Sattel auf. Den Palomino nahm er jedoch nicht an die Longe. Er führte ihn am Handzügel, und zwar ziemlich kurz.

Daraus schloss Tom, dass sie jetzt keine engen Pfadabschnitte mehr vor sich hatten, denn der Hengst musste neben Otero und der Stute gehen.

Sie verließen die Senke und tauchten in der Chapparral-Wildnis unter.

*

Gegen Abend verriet Staub auf den Dornbüschen, dass sie sich dem Kutschenweg nach Flanders näherten.

Jedes Fahrzeug schleppte eine Staubwolke in dieser Jahreszeit mit sich, so dicht, dass ein Hund drin ersticken konnte.

Dieser Staub trieb in der Regel rechts und links vom Weg herunter und setzte sich aufs Land oder auf Büsche, hier auf den Chapparral. Erst der nächste Regen wusch ihn ab.

Aber wann regnete es in diesem Landstrich schon mal?

Was das und ein paar andere Dinge betraf, war es ein ganz finsterer Winkel.

Ein paar Minuten später führte Otero den Ranger und Old Joe aus der dornigen Wildnis heraus und brachte mit einem kurzen Zügelruck die Stute zum Stehen.

Tom und der Alte sahen unter sich den ausgefahrenen Kutschenweg. Genau hier an dieser Stelle schnitt er tief ins Land ein. Das war nicht von Menschenhand geschehen.

Hier musste es mal eine kleine Schlucht gegeben haben - als noch Wasser in Hülle und Fülle floss. Das Ganze wirkte wie ein Hohlweg.

Aber nicht deswegen schaute Tom so nachdenklich von der hohen Böschungskante in die Schlucht und auf den Weg hinab, sondern weil an dieser Stelle vor einigen Jahren immer wieder die Postkutsche überfallen worden war und die Gesellschaft schließlich die Linie einstellen wollte.

Otero musste schon mal hiergewesen sein.

Dreißig Meilen ungefähr war er einem kaum erkennbaren Pfad durch die schlimmste Wildnis gefolgt und kam exakt hier heraus!

Old Joe und Tom blickten sich an. Der Alte guckte immer bedenklicher. „Hör mal“, sagte Tom an das Halbblut gewandt, „das ist doch der Platz, an dem immer die Kutschen hochgenommen wurden, eh?“

Otero schaute uninteressiert. „Ja, es könnte hier gewesen sein, es ist der einzige Hohlweg zwischen Eagle Pass und Flanders. Die Überfälle haben damals viel Staub aufgewirbelt.“

Tom langte das Rauchzeug heraus und drehte sich eine Zigarette. „Darüber muss ich aber mal scharf nachdenken.“

„Wenn’s was bringt!“ Otero hob die Achseln. „Marshal Tiffit ist damals einigen Leuten heftig auf die Zehen getreten, hat aber nie herausgefunden, wer für die Überfälle verantwortlich war.“

„Zum Teufel, ich denke an einen ganz bestimmten Kerl..

Otero fiel ihm ins Wort. „Die Burschen waren immer zu dritt. Ohne die, die irgendwo im Hinterhalt lagen oder die Pferde festhielten. Denken Sie nur nicht bloß in eine Richtung. Zu der Zeit war ich im Comanchenland am Red River.“

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903270
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (April)
Schlagworte
texas wolf letzte hoffnung nugget city

Autor

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Titel: Texas Wolf #16: Letzte Hoffnung Nugget City