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Texas Mustang #2: Die Spur des gelben Pumas

2016 130 Seiten

Leseprobe

TEXAS MUSTANG

Band 2

Die Spur des gelben Pumas

Horst Weymar Hübner

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IMPRESSUM

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/Schottland, 2016

Der Roman erschien zuerst unter dem Titel „Die gelbe Gefahr“.

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Der Mörder Les Jefferson ist aus dem Gefängnis ausgebrochen und hat eine Spur der Gewalt hinter sich gelassen. US-Marshal Jim Allison und sein Mustanghengst King haben sich auf die Fährte des flüchtigen Killers gesetzt. Unterwegs stößt Allison auf die Spuren eines schrecklichen Massakers. Nur eine junge Indianerin namens Immolee hat überlebt. Sie kennt jedoch die Mörder – und die wollen sie mit allen Mitteln zum Schweigen bringen!

Höchste Zeit also für Jim Allison, dies zu verhindern. Dabei bekommt er jedoch nicht nur Ärger mit einem arroganten und kaltblütigen Rancherssohn, sondern auch mit einem gefährlichen Puma, der ebenfalls eine blutige Fährte hinterlassen hat...

Roman

Das dumpfe Grollen ferner Schüsse rollte über die Hügel heran und verlor sich in der trostlosen Weite des Landes.

Marshal Jim Allison zog sanft an den Zügeln. Sofort stand der Schwarzschecke und drehte die Ohren in den Wind. Ein abgrundtiefes Schnarchen kam aus seiner Brust, das fast bösartig klang.

„Ist ja gut, King“, sagte der Marshal und klopfte dem Mustanghengst den Hals. „Das gilt nicht uns.“

Die freundliche Stimme seines Reiters besänftigte den Hengst nicht sehr. Er mochte keine Gewehre. Vor allem nicht, wenn sie von anderen Leuten abgefeuert wurden.

Das eben waren Gewehrschüsse gewesen.

Ihr Echo kam jetzt von den Bergflanken zurück, die ein paar Meilen entfernt das Land nach Westen begrenzten.

„Beachtliches Kaliber“, murmelte Marshal Allison, der dem Echo lauschte.

Mit großkalibrigen Waffen wurden Bären geschossen. Er bezweifelte jedoch, dass es hier Bären gab. Die Bergflanken waren nicht bewaldet genug. Überall ragten nackte Felskuppen und Grate auf. Die wenigen Schluchten, die sich in den Bergflanken zeigten, waren mit magerem Grün besetzt.

Allison rückte den Hut nach hinten und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Dann starrte er auf die Fährte, die er vorgestern wiedergefunden hatte.

Es war Les Jeffersons Spur.

Jefferson hatte alles daran gesetzt, seine Fährte zu löschen, seit er seinen fünften Mann erschossen hatte. Vielleicht hatte er auch das Aufgebot gesichtet, das ihm seit zehn Tagen auf der Spur war. Oder er hatte Wind davon bekommen, dass zwei berüchtige Kopfgeldjäger Jagd auf ihn machten.

Hundesöhne wie Jefferson entwickelten immer einen besonderen Instinkt für drohende Gefahren.

Allison überlegte, ob das Aufgebot den Burschen erwischt und zusammengeschossen hatte. Er verwarf den Gedanken sofort wieder.

Jefferson war nicht der Mann, der am hellen Tag in einen Hinterhalt ritt. Und außerdem - das Aufgebot führte keine großkalibrigen Waffen mit sich.

Die beiden Kopfgeldjäger schieden ganz aus. Sie besaßen nur Revolver. Allison war in der Stadt Corner auf sie gestoßen, in jenem Prärienest, in dem Jefferson seinen fünften Mann getötet hatte, einen Vater von vier Kindern und von Beruf Kassierer der Bank.

Nein, die konnten es auch nicht sein.

Vielleicht hatte die Schießerei keinerlei Bezug zu Jefferson.

Eine ungeschriebene Regel besagte aber, sich nur mit höllischer Vorsicht in einem Landstrich zu bewegen, den man nicht kannte und in dem irgend welche Leute unterwegs waren und mit Gewehren herumfeuerten.

„Schade“, sagte Allison mit einem bedauernden Blick auf Jeffersons Fährte. „Er wird einen schönen Vorsprung gewinnen. Ich hatte fest damit gerechnet, ihn noch in der Nacht zu erwischen.“

King, der Mustanghengst, hatte den Worten seines Reiters gelauscht und schüttelte jetzt den Kopf, als hätte er haarklein jede Silbe verstanden.

Grinsend holte Allison den Hut in die Stirn zurück. Der Hengst war manchmal anderer Meinung als er, dennoch verstanden sie sich prächtig.

Der Marshal brachte King in Schwung und ritt von der Fährte herunter, die genau nach Norden zeigte und in einen Hügeleinschnitt hineinlief.

Seine Absicht war es, dieses Gebiet in weitem Bogen zu umgehen. Irgendwo musste Jefferson wieder herauskommen. Ewig würde er nicht in den Hügeln bleiben. Und die Bergkette sah nicht so aus, als sei sie von einem Mann mit einem Pferd zu überwinden.

Allison war noch keine fünf Minuten in der neuen Richtung geritten, als er die Augen etwas zusammenzog und unwillig auf den schwarzen Qualm schaute, der im Hügelland aufstieg.

Im gleichen Augenblick flogen die Ohren des Hengstes nach vorn. Gegen den Druck der Zügel strebte King eigensinnig einer Hügelfalte zu, in der ein paar Creosotbüsche standen.

Allison war drauf und dran, King einen bockbeinigen Satansbraten zu nennen. Doch da hörte er Hufschlag mit dem Wind kommen. Das bewog ihn, doch lieber den Mund zu halten. Der Hengst hatte ein untrügliches Gespür für brenzlige Situationen.

Dem Hufschlag nach war es eine hart und rau reitende Mannschaft, die in ziemlicher Fahrt näherkam.

Dem Marshal blieb keine Zeit, sich nach einem besseren Versteck umzusehen. Er drängte den Hengst zwischen die Büsche, stieg ab und bremste mit der Hand die wippenden Äste.

Sehr hoch waren die Büsche nicht. Er schnalzte. Es gab einen Laut, wie ihn die Indianer beim Abrichten ihrer Pferde anwendeten.

King ging in die Knie und legte sich. Und Allison nahm seinen durchgeschwitzten Hut ab und hoffte, dass die Mannschaft nicht gerade hier durchkam.

Der schwarze Qualm, der auch hier in der Hügelfalte jetzt zu riechen war, und die raue Reitart der Männer deuteten auf Ärger hin. Allison war nicht scharf darauf, da hineinzugeraten. Er hatte selber Ärger genug mit Jefferson, dem Hundesohn. Er musste ihn erwischen, bevor das Aufgebot oder die Kopfgeldjäger ihn bekamen. Mit dem toten Jefferson konnte er nämlich nichts anfangen.

Zaumzeug klirrte ganz in der Nähe. Hufeisen klopften über steinigen Grund. Männerstimmen drangen an Allisons Ohren.

Der Marshal duckte sich und spähte zwischen dem Geäst hindurch. Oben auf dem Hügel tauchten die Hüte der Männer auf, die Köpfe, die Oberkörper und Pferdeohren.

Voraus ritt einer, der seitlich im Sattel hing und starr auf den Boden blickte, als verfolge er eine Spur.

Das Aufgebot war es wirklich nicht. Dies hier waren Weidereiter, die sich für einen Jagdzug gerüstet hatten. Bettrollen waren hinter den Sätteln festgebunden, die Satteltaschen waren prall gefüllt, und alle sieben Männer hielten tatsächlich schwere Bärenbüchsen in Händen.

Die Tatsache, dass sie die Waffen nicht im Scabbard stecken hatten, erschien Allison bedenklich. Es sah ganz so aus, als erwarteten sie, jeden Augenblick mit ihrer Beute zusammenzutreffen.

Verdammt, dann gab es hier herum wohl doch Bären?

Oder hatte die Mannschaft einen aus den Bergen herausgetrieben?

Höchstens eine Steinwurfweite entfernt kamen die Männer über den Hügel. Eines der Pferde bekam Kings Witterung in die Nase, warf den Kopf herum und wieherte schmetternd zu den Büschen herunter.

Jetzt riechen sie den Braten!, dachte Allison. Einer kommt bestimmt nachsehen!

Der Reiter des aufmerksamen Tieres musste andere Dinge im Kopf haben. Er zwang mit brutaler Hand das Pferd herum und ordnete es wieder in die Reiterreihe ein.

Der Mann, der gleich nach dem Fährtenleser ritt, wandte den Kopf und rief wütend: „Halte den verdammten Bock ruhig, Jake! Wahrscheinlich ist sie jetzt gewarnt. Der Teufel soll dich holen!“ Er blickte nach vorn und schrie: „Kannst du was erkennen?“

Der Fährtenleser an der Spitze zügelte das Pferd, setzte sich im knarrenden Sattel zurecht und hob die Schultern. „Es sind immer noch die zwei Spuren - hier ist der Puma gegangen, und er blutet gewaltig, kann ich dir sagen. Und sie ist genau auf der Pumafährte entlang. Vor fünf Minuten höchstens.“

„Und nichts zu sehen?“, brauste der zornige Mann auf. Er ritt einen goldfarbenen Palomino mit einem Schönheitsfehler. Das Tier hatte vorne links eine weiße Fessel.

„Nein, Boss, absolut nichts“, erwiderte der Fährtensucher.

„Dann such gefälligst weiter. Sie kann sich ja nicht in Luft aufgelöst haben“, tobte der Mann auf dem Palomino. Er war noch ziemlich jung, war auffallend gut gekleidet und saß in einem silberbeschlagenen Sattel. Sein Gesicht lief rot an, seine Halsmuskeln schwollen. Er ritt dem Spurensucher nach, der die Fährte wieder aufgenommen hatte.

Allison erkannte, dass die Mannschaft seine Spur nicht kreuzen würde. Der Vorreiter entfernte sich von ihr und hielt auf den nächsten Hügel zu.

Die ganze Art, wie die Männer ritten, gefiel dem Marshal nicht. Sie waren zu einheitlich bewaffnet. Und zu teuer. Eine Bärenbüchse kostete den zehnfachen Monatslohn eines Cowboys auf einer gut florierenden Ranch.

Im krassen Gegensatz zu den teuren Gewehren stand die fast schlampige Kleidung der Männer - bis auf den Palomino-Reiter, der als Boss angesprochen worden war.

Einen Puma hatten sie angeschossen und folgten seiner Blutspur. Aber wer war dann sie?

Jake, dessen Pferd den Hengst zwischen den Creosotbüschen gewittert hatte, sagte oben auf dem Hügel zu seinem Hintermann, während sie weiterritten: „Wenn wir sie nicht erwischen, kommen wir alle an den Galgen.“

„Hör auf, mir ist schon schlecht genug!“, ächzte der Mann. Er sah auffallend elend aus. „Es ist eine Schweinerei, wenn du’s genau wissen willst!“

„Halt’s Maul, bevor der Boss, dich hört!“ fauchte Jake. „Das verlauste Gesindel ist doch selber schuld... “

Das Stampfen und Klappern der Hufe und das Klirren des Zaumzeuges war lauter als die Worte. Die Reiter folgten dem Fährtenleser und ihrem Boss und ritten vom Hügel herunter.

Marshal Allison hatte sich an den Boden gekniet und hielt Kings Zügel in der Hand.

Bei allen Teufeln, wovon redeten denn die Burschen? Eine Schweinerei, die sie alle an den Galgen brachte? Hatten die in den Hügeln eine dreckige Sache gedreht?

Von allein war das Feuer sicher nicht ausgebrochen, und ein Grasbrand war das auch nicht. Der blieb nicht an einem Fleck stehen. Er stank auch nicht so fürchterlich.

Waren die Reiter etwa Brandstifter und jagten hinter jemandem her, der ihnen höchst gefährlich werden konnte, wenn er entkam?

Allison schwankte einen Moment in seinem Vorsatz, sich nicht in die Angelegenheiten anderer Leute einzumischen, solange er Jefferson nicht hatte.

King hatte den Kopf gedreht und blickte ihn aus seinen dunklen Augen von unten herauf an, als wollte er sagen: „Na los, Mann, worauf warten wir noch?“

Der Marshal gab sich einen Ruck. „Du hast recht, Junge“, sagte er. „Kümmern wir uns um diese haarigen Pilger.“

Sofort kam der Hengst hoch, und es sah aus, als machte er ein sehr zufriedenes Gesicht.

Allison schaute hinter der Mannschaft her. Der letzte Mann verschwand eben hinter dem nächsten Hügel. Niemand hatte zurückgeblickt. Einen Verfolger schienen sie nicht zu befürchten.

Dieser Umstand stimmte Marshal Jim Allison sehr nachdenklich. Das konnte vieles bedeuten. In keinem Falle aber etwas Gutes. Zum Beispiel, dass dort in den Hügeln bei dem Feuer kein lebendiges Wesen mehr war. Es waren viele Schüsse aus schweren Waffen gewesen, die er gehört hatte - bevor der Qualm aufgestiegen war.

*

Die Mannschaft hatte eine Menge Spuren zertrampelt, doch sie hatte es nicht gründlich genug besorgt. Auf einer sandigen Fläche sah Allison, welcher Fährte die Männer folgten.

Es waren genau genommen zwei Fährten.

Eine stammte von erstaunlich kleinen und nackten Füßen, und sie war frischer als die Puma-Spur, neben der Blutstropfen herliefen.

Allison verhielt an der Stelle und überlegte, wer wohl so verrückt sein konnte, mit nackten Füßen durch dieses Land zu laufen. Es wimmelte von Schlangen und giftigen Skorpionen, es gab hartes, messerscharfes Gras und stachlige Bodengewächse, deren Domen schlimme Verletzungen verursachen konnten.

Sehr tief waren die Fußeindrücke nicht. Allison schloss daraus, dass es ein noch junger Mensch war, der sie hinterlassen hatte. Jemand, der noch nicht sein Körpergewicht erreicht hatte. Ein Kind etwa?

Aber die Burschen hatten „sie“ gesagt. Das konnte nur bedeuten, dass sie ein Mädchen meinten.

„Pest und Verdammnis über diese Halunken!“, stieß Allison hervor. „Sieht gerade so aus, als hätten sie Spaß daran, ihr Opfer zu Tode zu hetzen!“

Er trieb King wieder an und musterte noch sehr besorgt die Tatzenabdrücke des Pumas, die von den Fußspuren teilweise überlagert waren. Der Puma musste ein riesiges Vieh sein. Die Eindrücke waren so groß wie Allisons Hand.

Angeschossen war er auch noch.

Wenn die Männer unversehens auf das Tier stießen, konnte das einen blutigen Tanz geben. Angeschossene Pumas waren gefährlicher als verletzte Bären. Vor allem waren sie unberechenbar. Und sie waren mörderisch schnell.

Allison war noch keinem verletzten Puma begegnet. Er hatte nur Geschichten über solche Begegnungen gehört. Einmal hatte er in einer Stadt auch einen Mann gesehen, der einen Puma angeschossen hatte. Man brachte ihn gerade auf einem Wagen herbei, ohne ihn zugedeckt zu haben. Es wäre sicher besser gewesen, wenn die Leute das zerfetzte blutige Bündel Mensch gleich draußen in der Wildnis begraben hätten, statt es erst noch in der Stadt herumzuzeigen. Jedenfalls waren ein paar Frauen in Ohnmacht gefallen.

Dem Marshal wurde es ungemütlich, als er die Möglichkeit erwog, dass vielleicht er auf diesen riesigen Puma hier stieß, dass der Bursche die Mannschaft vorbei ließ und sich auf den einzelnen Reiter stürzte.

„Nette Aussichten!“, brummte er verdrossen und dachte an Jefferson, dessen Vorsprung unaufhaltsam wuchs.

Allison ließ den Schwarzschecken antraben und lenkte ihn einen Hügel hinauf, weg von der Spur der Mannschaft. Er musste sich die fremde Gegend von oben ansehen, ehe er vielleicht mitten in die Männer hineinritt.

Er lobte sich und seinen Entschluss, als er oben ankam und den Mustanghengst anhielt. Im nächsten Moment legten sich seine Finger um den Kolbenhals des Gewehres und zogen die Waffe aus dem Scabbard.

Die Mannschaft war genau unter ihm. Sie war auseinandergefächert und gerade im Begriff, eine von Büschen umstandene sumpfige Wasserstelle einzukreisen.

Der Palomino-Reiter ruderte mit den Armen und gab Anweisungen, ohne ein Wort zu reden.

Es war auch erstaunlich, wie vorsichtig sich die anderen Männer an die Buschinsel heran arbeiteten. Jeder hatte seine Bärenbüchse schussbereit. Nur der Fährtenleser hielt sich zurück und suchte drüben auf der anderen Seite den Boden ab.

Die Haltung der Männer drückte lauernde Wachsamkeit aus. Die Burschen hatten nur Augen für die Büsche. Allison sahen sie nicht, obgleich er über ihnen auf dem Hügel hielt und das Gewehr bedächtig hochnahm.

Der Kerl mit dem roten Gesicht stellte sich in den Bügeln des Palomino auf.

„Komm besser freiwillig raus, du Miststück!“, schrie er los. „Wir wissen, dass du da drin bist. Du kannst uns verstehen, ich weiß es. Deine Leute haben uns auch verstanden. Wenn wir dich erst suchen müssen, schlage ich dir mit der Peitsche das Fleisch von den Knochen, das verspreche ich dir!“

Erwartungsvoll lauschte er. Als keine Antwort kam, ließ er sich auf den Sattel zurücksinken. Seine rechte Hand ruckte hoch und machte eine Bewegung, die seinen Leuten signalisierte, dass sie in die Büsche eindringen sollten.

Im selben Augenblick riss drüben der Fährtenleser den Kopf hoch und brüllte mit überkippender Stimme: „Boss - Vorsicht! Der Puma! Er ist auch da drin - keine Spuren hier... “

Am äußeren Buschrand bewegten sich plötzlich Zweige. Ein Ast schnellte zurück, ein gelber Fleck war zwischen zwei Büschen.

Allison hielt den Atem an. Er konnte von oben gut in die Buschinsel hineinblicken, und wahrscheinlich war er der einzige Mann, der den gelben Fleck überhaupt sah.

Jake jedoch sah den schnellenden Ast, riss das Bärengewehr herum und brüllte im gleichen Moment voller Entsetzen.

Ein gewaltiger gelber Körper schoss aus dem Buschrand, flog mit zwei mächtigen Sprüngen durch das Gras und schnellte hoch, noch vier, fünf Pferdelängen von Jake entfernt.

Jake feuerte, während er brüllte. Der deutlich erkennbare Mündungsblitz stach an dem Puma vorbei. Die Kugel fetzte durch die Büsche und warf Blätter und Äste hoch. Und der schmetternde Knall schien die Hügel beben zu lassen.

Entsetzt sah Allison, dass der gewaltige gelbe Puma viel zu schnell für eine gezielte Kugel war. Das Tier war wirklich unberechenbar; es hatte hier verborgen gehockt und jetzt urplötzlich angegriffen. Es flog mit weit vorgestreckten Tatzen auf Jake zu und landete halb auf dessen Pferd und halb auf dem Mann.

Die scharfen Krallen des Pumas suchten Halt und zerfetzten den Pferdehals. Der Gaul wieherte gequält und voller Todesangst und begann jetzt erst zu keilen.

Jake hielt das Gewehr vor der Brust, um den Anprall des mächtigen Berglöwen abzufangen. Wucht und Gewicht des Tieres drückten ihn nach hinten, pressten Arme und Gewehr nach unten.

Höllisch scharfe Krallen schlugen in Jakes Schultern, zerfetzten Weste, Hemd und Muskeln. Die Ohren des Pumas waren so dicht angelegt, dass Allison sie nicht erkennen konnte. Er sah nur einen schmalen Streifen der hellen, fast weißen Bauchseite des Tieres und das blutige Fell auf der Höhe der vorderen linken Schulter. Das Gelenk konnte unmöglich getroffen sein, sonst hätte der Puma nicht springen können. Und die Lunge schien auch nichts abgekriegt zu haben.

Jake brüllte gellend, wie ein Mensch in Todesangst nur schreien kann. Er bekam eine Hand frei und schlug auf den gelben Katzenkopf ein.

Marshal Jim Allison begann zu würgen, als er sah, wie der gewaltige Pumakörper weiter nach vorn ruckte, wie Blut aus dem zerrissenen Pferdehals spritzte und aus Jakes zerfetzten Schultern. Der Fang öffnete sich weit, halbfingerlange Reißzähne wurden sichtbar. Festgekrallt an Pferd und Mann schnappte der Puma zu. Das mörderische Gebiss schlug in Jakes Kehle.

Der wilde, lautlose Angriff hatte nur Augenblicke gedauert. Jakes Todesschrei endete in einem fürchterlichen Krächzen und Gurgeln. Es hatte ihm den Kopf nach hinten gestoßen. In einer Reflexbewegung fuhr seine Hand noch einmal auf den Pumakopf.

Wie der Teufel schnellte sich der Berglöwe von dem durchgehenden Pferd herunter, duckte sich ins Gras und peitschte mit dem Schwanz die Luft.

Im nächsten Moment kam er schon wieder hoch, Kopf und Brustfell rot glänzend vom Blut, und setzte auf den Fährtenleser an. Er schnellte sich durchs Gras, bevor ein Mann zum Schuss gekommen war.

Jakes Pferd raste grässlich wiehernd einem Hügel zu und schleifte seinen Reiter neben sich her, dessen linker Stiefel sich im Steigbügel verfangen hatte. Jakes zerfetzte Kehle leuchtete rot. Und rot schoss es im Rhythmus des Herzschlages aus dem Hals des Pferdes.

Am Fuß des Hügels stolperte es, geschwächt vom Blutverlust, brach ein und schlug auf die Seite. Mit seinem ganzen Gewicht fiel es auf Jake.

Allison vermeinte, das Brechen von Jakes Knochen bis auf den Hügel herauf zu vernehmen.

Der Fährtenleser erkannte die Gefahr früher als Jake. Er versuchte gar nicht erst, von seinem wie verrückt springenden Pferd herunter einen Schuss auf den heran jagenden Puma abzugeben. Er ließ seinem Gaul den eigenen Willen und hielt sich krampfhaft am Sattelhorn fest.

Wie von einem Schwarm Wespen gestochen jagte das Tier grell wiehernd davon.

Die fünf anderen Männer saßen wie erstarrt. Seit Jakes Todesschrei waren kaum zwanzig Herzschläge vergangen.

Der Bursche auf dem Palomino hatte den Überblick verloren.

„Was denn?“, brüllte er jetzt. „Was ist mit Jake?“

„Der ist hin!“, schrie ein Mann voller Panik zurück. „Der verdammte Puma hat ihn angesprungen.“

Allison sah, dass der angeschossene Puma ein ziemlich erfahrener Bursche war, der sich auf kein aussichtsloses Rennen mit einem Pferd einließ. Kaum war der Fährtenleser außer Reichweite, warf sich die riesige gelbe Raubkatze herum und tauchte wieder in den Büschen unter.

Ein Mann hatte ihn dabei gesehen. „Passt auf!“, schrie er. „Jetzt ist er wieder in den Büschen. Haut ab, der kommt zu euch rüber!“

Die Gewehre flogen hoch.

Zum Schuss kam keiner der Männer.

Aus den Büschen schlug ein wildes, grässliches Fauchen, dem ein fast orgelnder Schrei folgte.

Wenn der Blitz mitten unter die Pferde der Mannschaft gefahren wäre, die Wirkung hätte auch nicht schlimmer sein können.

Keilend und wiehernd drängten die Tiere von der Buschinsel zurück. Ein Mann wurde von seinem bockenden Tier abgeworfen. Zu seinem Glück behielt er die Zügel in der Hand und brachte einen Fuß auf den Boden, bevor er das Gleichgewicht verlor. Sein Pferd sprang hinten herum und versuchte mit ruckartigen Kopfbewegungen, sich dem Zug der Zügel zu entziehen.

In seiner Angst vor dem angeschossenen Puma entwickelte der Mann gewaltige Kräfte. Er hielt eisern die Zügel fest, holte sie sogar Hand über Hand ein, packte das Kopfgeschirr und griff mit der rechten Hand nach dem Sattelhorn. Doch bevor er sich auf das Pferd ziehen konnte, raste es los. Und der angeklammerte Mann flog neben ihm her und musste mächtige federnde Sprünge machen, um nicht geschleift zu werden.

Der goldfarbene Palomino mit dem Schönheitsfehler hatte sich derweil ebenfalls zur Flucht gewandt. Daran änderten auch nichts die Flüche seines gewalttätigen Reiters, der mit den Fäusten an den Zügeln riss und erbarmungslos die Sporen einsetzte.

Nur ein Mann bekam da unten sein Pferd unter Kontrolle. Als er sah, dass alle anderen davonjagten, sah er keinen Anlass, allein dem Puma standzuhalten. Er gab die Zügel frei und ließ den Gaul rennen.

Allison war beim Ertönen des orgelnden Pumaschreies zusammengefahren, und King hatte einen Katzenbuckel gemacht, als wollte er im nächsten Moment mit allen Vieren bis in den Himmel springen.

Verblüfft starrte der Marshal auf die Buschinsel. Der Puma war wie der Blitz an der sumpfigen Wasserstelle vorbei und kam jetzt herüber.

Der wird doch nicht seine Zähne auch an mir wetzen wollen?, dachte Allison. Sein Gewehrlauf zeigte auf den diesseitigen Buschrand.

Den verrückt gewordenen Puma sah er nicht. Aber zwei Bärenbüchsen, die verloren wurden und da unten lagen.

Vom gegenüberliegenden Hügel drang ein Schrei heran, der Wut und Überraschung ausdrückte.

Allison schaute hin. Der Fährtenleser hielt auf der flachen Kuppe, hatte die Büchse über den Kopf gestemmt und signalisierte seinen fliehenden Freunden etwas.

Jetzt haben sie mich entdeckt!, schoss es dem Marshal durch den Kopf. Es wird ein schöner Schreck für sie sein!

Aus den Büschen schlug wieder das wilde, drohende Fauchen des Pumas.

Dann folgte ein Schrei!

Allison riss es förmlich aus dem Sattel hoch.

Das war unverkennbar ein Schrei aus weiblicher Kehle!

Er zog das Gewehr an die Schulter und hoffte, irgendwo ein Stück des gelben Katzenkörpers zu sichten.

Also doch ein Mädchen, das die Hundesöhne bis hierher verfolgt hatten, dachte er. Es hatte sich in den Büschen verborgen, und der Puma hat es jetzt aufgestöbert!

Am Rand der Buschinsel bewegten sich Äste. Allison visierte sofort die Stelle an und nahm Druckpunkt.

Aber er feuerte nicht.

Statt des erwarteten Pumas rannte dort ein Mädchen aus der Deckung. Eine Frau möglicherweise.

Verblüfft setzte Allison das Gewehr ab.

Es war keine Weiße. Es war eine Indianerin mit nackten Füßen und in einem zerfetzten Hirschlederkleid. Ihr blauschwarzes Haar flatterte hinter dem Kopf.

Leichtfüßig lief sie auf eine Hügelfalte zu, die schräg unterhalb von Allison lag. Den Reiter auf dem Hügel schien sie überhaupt nicht zu bemerken. Sie schaute in vollem Lauf mehrmals über die Schulter.

Jetzt entdeckte der Marshal die blutigen Kratzer auf ihren bloßen Armen, das verkrustete Gesicht und das Messer, das sie in der linken Hand hielt.

Der Fährtenleser drüben schrie wieder etwas und gab mit dem erhobenen Gewehr Zeichen. Allison sah, dass ein zweiter Mann auftauchte, der sein Pferd halbwegs in der Gewalt hatte.

An der gleichen Stelle, an der die Indianerin aus den Büschen gelaufen war, bewegte sich ein Ast. Wie ein Strich schoss der mächtige Leib des gelben Pumas heraus und jagte in kurzen und langen und völlig unberechenbaren Sprüngen hinter der Frau her.

Allison stieß das Gewehr in den Scabbard. Er war ein verdammt guter Gewehrschütze, doch diesen irrsinnig springenden Puma konnte er bestenfalls mit einer zufälligen Kugel bekommen.

Jeder Sprung war anders - mal höher, mal kürzer, mal schnell, mal nach der Seite.

Der Marshal drückte die Oberschenkel an und ließ den wütend schnaubenden King anspringen.

Wie ein richtiges Kampfpferd stürzte sich der Schwarzschecke von der Hügelkuppe hinunter und schickte dem Puma ein schmetterndes Wiehern entgegen.

Das mächtige Raubtier landete gerade, duckte sich an den Boden und schaute dem heranstürmenden Mustanghengst und seinem Reiter entgegen.

Auch die Indianerin blieb überrascht stehen, machte dann aber eine abwehrende Bewegung mit dem Messer, als sie das Pferd genau auf sich zustürmen sah.

Ein grollender Schuss toste über die Wasserstelle hin. Unangenehm nah pfiff eine Kugel an Allison vorbei. Er hörte die Kugel hinter sich in den steinigen Hang schlagen und sah die blauweiße Rauchwolke vor der Bärenbüchse des Fährtenlesers stehen.

Knapp, Junge!, dachte der Marshal. Sehr knapp! Ich kann es mir sogar aussuchen. Entweder zerreißt mich der Puma oder die Hundesöhne tragen mir eine Kugel an!

Er lenkte nur mit Schenkeldruck den Schwarzschecken und dirigierte ihn in voller Fahrt auf die Indianerin zu, die wie angewurzelt stand, aber die Hand mit dem Messer erhoben hatte. Ihre Augen waren schreckhaft weit geöffnet.

Aus den Augenwinkeln sah Allison, dass der Fährtenleser eben Verstärkung erhielt. Der zweite Mann erreichte gerade den Hügel, und ein dritter trieb sein widerborstiges Pferd mit harten Sporenstößen zur Kuppe hinauf.

Dass sie ihn mit ihren großkalibrigen Büchsen in Fetzen schießen konnten, daran dachte Allison erst in zweiter Linie.

Viel mehr Sorge bereitete ihm der Puma, der sich jetzt geschmeidig aus dem Gras erhob und die Hinterbeine zum Sprung unter den Körper zog. Nur drei Sätze musste der gelbe Teufel machen, dann hatte er die Indianerin.

Der Marshal stieß einen brüllenden Kampfruf aus und hoffte, dass er damit den Puma beeindrucken konnte.

Der Kerl jedoch schien schwerhörig zu sein. Er zog sich noch mehr zusammen, konzentrierte alle Körperkräfte, um ihnen dann in mächtigen Sätzen freien Lauf zu lassen.

King wieherte schmetternd. Steine spritzten unter seinen Hufen auf, die Eisen klirrten durch Geröll.

Allison machte die rechte Hand frei, packte mit der linken die Zügel und krampfte die Finger ums Sattelhom. Noch sieben, acht Pferdelängen brauchte er, um zwischen die Frau und den blutdürstigen Puma zu kommen.

Hoffentlich zögerte der gelbe Teufel noch etwas.

Der Puma tat ihm nicht den Gefallen. Das Raubtier schnellte sich in einem mächtigen Sprung vom Boden ab, flog majestätisch schön und bedrückend grausam anzusehen durch die Luft und kam geschmeidig auf. Sand flog, Staub quirlte auf.

Himmel, lass ihn nicht gleich wieder springen!, schoss es Allison durch den Kopf. Eine Sekunde nur brauche ich!

Der Puma ließ sich weder von dem Mustanghengst noch von dem brüllenden Reiter irritieren. Sein Schwanz peitschte durch die Luft. Er zog sich zusammen und sprang sofort wieder.

King erkannte die Gefahr auch und streckte sich auf dem abschüssigen Hang. Von einem Moment zum anderen wurde er beträchtlich schneller.

Allison beugte sich nach rechts aus dem Sattel, winkelte den rechten Arm leicht an und hielt sich links mit aller Kraft am Sattelhorn fest, damit ihn der Ruck nicht vom Pferd riss.

Die Indianerin schien nicht zu begreifen, was der Mann wollte. Er war ein Weißer, und von den Weißen war nichts Gutes zu erwarten. Sie fasste das Messer noch fester. Vor dem heranfliegenden Mustanghengst warf sie sich zurück.

Sie sah noch das Gesicht des Mannes, seine krumme Körperhaltung und den fast ausgestreckten rechten Arm.

Dann packte sie etwas mit unwiderstehlicher Gewalt, drohte sie in der Mitte auseinanderzureißen und wirbelte sie vom Boden hoch.

Sie begriff erst gar nicht, dass sie schwebte, dass ein starker Männerarm sie um die Taille gepackt hielt und mitriss. Sie sah nur schweißglänzendes Pferdefell, spürte einen beißenden Asthieb gegen die nackten Füße und prallte mit den Knien gegen hartes Lederzeug und ein knochiges Männerbein.

Dann flog ein grässlich fauchender gelber Körper haarscharf über sie hinweg. Sie sah Krallen, die spitz wie Dolche aus den Tatzen sprangen, und hörte knirschend Stoff reißen und einen Mann schreien.

Der mörderische Ruck zog Allison fast aus dem Sattel, als er die Indianerin um die Taille erwischte. Seine Finger krallten sich in das Hirschleder des zerfetzten Kleides und hielten die eingefangene Frau fest.

Die Halsstränge schwollen ihm, als er die Indianerin hochschwang und vor sich auf den Pferdehals bringen wollte. Die Frau ließ das Messer los. Die Waffe flirrte Allison dicht am Gesicht vorbei.

Genau in diesem Augenblick sah er aus den Augenwinkeln den Puma. Das mörderische Raubtier war bereits gesprungen und flog durch die Luft, die Tatzen vorgestreckt und das Gebiss gebleckt. Aus dem Rachen kam ein bösartiges Fauchen.

King riss den Kopf herum, legte die Ohren an und schnappte nach der heranfliegenden Raubkatze. Sie war zu hoch, und sie war bereits hinter seinem Kopf. Er erwischte sie nicht mehr.

Allison erkannte, dass er mit seinem Oberkörper die volle Anprallwucht des angreifenden Pumas abbekommen würde.

Er schrie, und er wusste nicht, ob es aus Wut oder aus Angst geschah.

Instinktiv duckte er sich, krümmte sich zusammen und riss die Indianerin zu sich heran. Sie prallte gegen sein rechtes Bein.

Der Puma hatte seinen Todessprung schlau berechnet, aber nicht mit dem zusammensinkenden Reiter kalkuliert. Seine Vordertatzen griffen ins Leere, seine Hintertatzen erwischten nur einen mangelhaften Halt, der sofort nachgab.

Allison holte scharf und schnappend Luft, als ein brennender Schmerz über seine Schulter fuhr. Sein morsches rotes Hemd riss, Krallen fetzten durch Haut und Fleisch. Es fühlte sich an, als würde ihn jemand bei lebendigem Leib mit einer Säge auseinandernehmen.

Scharfer Raubtiergeruch umwehte ihn. Dann war der Puma fort, irgendwo hinter ihm landete er fauchend. Nur der brennende Schmerz war da. Und das Gewicht der Indianerin an seinem rechten Arm.

Ein Schuss schmetterte vom Hügel herunter und ging knapp vorbei. Die Kugel traf einen Stein und stieg als quarrender Querschläger auf.

Jim Allison ließ den Schwarzschecken rennen, der nach jedem zweiten Sprung die Richtung änderte und den Hundesöhnen auf dem Hügel das Zielen und Treffen erschwerte. In voller Fahrt preschte er auf einen Einschnitt zu, machte im letzten Moment aber einen Satz den Hügel hinauf.

Mit sicherem Gespür hatte der Mustanghengst richtig reagiert. In diesem Einschnitt hätten Pferd und Mann ein kaum zu verfehlendes Ziel geboten. Nur für ein paar Augenblicke, aber ausreichend für gute Gewehrschützen.

Kaum war King auf den Hang gesprungen, als zwei, drei Gewehre loskrachten. Mit bösem Pfeifen gingen die Kugeln vorbei, pfiffen in den Hügeleinschnitt hinein.

Sofort sprang King vom Hang herunter und lief, dass die Steine flogen und Funken aus den Eisen sprangen. Bevor noch jemand zu einem weiteren Schuss gekommen war, jagte er zwischen zwei Hügeln hindurch, folgte einer gewundenen Senke und brauste in voller Fahrt um eine kahle Erhebung herum.

Jim Allison ließ ihn rennen. Der Mustang wusste selber am besten, wie er Deckung vor den Kugeln fand.

*

Der Marshal bemerkte die Verfolger, als er auf einem Hügel anhielt. Sie hingen sehr weit zurück. Aber sie kamen. Statt den toten Jake zu bergen oder den Puma zu jagen, den sie angeschossen hatten, kamen sie auf Kings Fährte entlang.

Als einigermaßen beruhigend empfand Jim Allison den Umstand, dass die Bärenbüchsen nicht sehr weit trugen. In frühestens zehn Minuten war die Mannschaft des Palomino-Reiters auf Schussweite heran.

Die Indianerin wurde unruhig, als Allison sie auf den Boden stellte. Sie hatte die Verfolger ebenfalls gesehen. Misstrauisch beobachtete sie den Weißen, der sie vor dem Puma gerettet hatte. Wollte er sie hier zurücklassen?

Allison las in ihren weit geöffneten Augen diese Frage. Er verbiss die Schmerzen und bemühte sich um ein Lächeln.

„Diese Männer bekommen uns nicht“, sagte er und zeigte auf das Reiterrudel in der Ferne.

Die Indianerin verstand ihn nicht.

Einen indianischen Dialekt müsste man können, dachte er. Eine hohe Meinung scheint sie von den Weißen nicht zu haben!

Sie schaute ihn ausdruckslos an und musterte ihn andererseits mit einer gewissen Unbekümmertheit. Als er ächzend abstieg und die Wasserflasche losband, bemerkte sie seine beiden Revolver. In ihrem verkrusteten Gesicht zuckte es, eine steile Falte erschien über ihrer Nasenwurzel.

Er glaubte, der Schlag müsste ihn treffen, als sie auf die Revolver zeigte, dann auf sich und dann auf die Verfolger.

Sie machte die Geste des Schießens und krümmte tatsächlich den Zeigefinger.

Allison machte eine ablehnende Bewegung mit der Hand. Sofort war helles Misstrauen in ihren dunklen Augen.

Hoffentlich denkt sie nicht, ich würde zu den Burschen gehören, überlegte er, schraubte die Wasserflasche auf und bot sie ihr an.

An ihrer überraschten Reaktion merkte er, dass sie damit überhaupt nicht gerechnet hatte.

Aber sie griff zu und trank ungestüm.

Er betrachtete sie auf eine Art, die sie nicht zu beunruhigen brauchte. Es war höllisch schwer, Indianerinnen auf ihr Alter zu schätzen. Jung war sie noch, aber schon voll entwickelt. Siebzehn, achtzehn vielleicht, schätzte er.

Ihr blauschwarzes Haar war verschwitzt. An der Stirn hatte sie eine frische Verletzung, die noch nässte. Blut war ihr übers Gesicht gelaufen und zu einer Kruste getrocknet. Ihre Fingernägel waren abgebrochen, und die Arme waren böse zerschunden. Auch ihre nackten Füße bluteten. Auf ihrer Flucht zur Wasserstelle schien sie ohne Rücksicht auf sich mitten durch Dorngestrüpp gerannt zu sein.

Das bedeutete, dass sie vor der Mannschaft eine höllische Angst hatte.

Sie setzte die Flasche ab und wischte sich über den Mund.

Allison nahm den Wasserbehälter zurück, klopfte seinen Hut aus und dellte die Krone ein. In die Vertiefung schüttete er handhoch Wasser und ließ King saufen, der genüsslich die lauwarme Brühe schlabberte.

Das war etwas, das die Indianerin nicht kannte - dass ein Weißer sein Pferd aus dem Hut tränkte. Es schien ihr zu gefallen, denn sie lächelte etwas.

Allison trank zuletzt, hängte die Flasche wieder an den Sattel und zog das zerfetzte rote Hemd aus. Es war in der Sonne etwas ausgebleicht und von Hitze, Schweiß und Regen morsch geworden.

Während die Indianerin besorgt wieder auf die Verfolger schaute, betrachtete Allison mit entnervender Ruhe das Hemd. Das ganze Schulterstück war fort, von einer Ärmelnaht zur anderen. Der freistehende Kragen wirkte beinahe lächerlich.

Das gute Stück war hin, und kein noch so geschickter Flickschneider würde es wieder zusammennähen können.

Jim Allison schüttelte das Hemd aus, dass der Staub flog, drehte es zusammen und fuhr sich damit vorsichtig über die Schulter.

Oah, es brannte wie die Hölle!

Sehr neugierig betrachtete die Indianerin den halbnackten Mann und studierte die alten Narben auf seinem Oberkörper. Etwas wie Wohlwollen war in ihrem Blick.

Sie streckte plötzlich die Hand nach dem Hemd aus. Allison überließ es ihr.

Sie trat hinter ihn und begann, die Krallenspuren abzutupfen. Sie machte es sehr behutsam.

Teufel, was sie für glatte und kühle Finger hat!. dachte der Marshal. Ein angenehmes Kribbeln lief ihm über den Rücken.

Bis er spürte, dass sie die Hand an seinem linken Revolver hatte.

Blitzschnell schlug er die Hände nach unten, bekam die Griffe beider Waffen zu packen und ihre Hand dazu.

Die Indianerin fauchte bösartig, als er ihr die Finger festpresste.

Jim Allison fuhr herum und grinste wild und verwegen.

„So nicht“, sagte er sehr langsam und gab ihre Finger frei. „Es ist mir gleichgültig, was du denkst. Mit diesen Hundesöhnen da hinten habe ich nichts zu schaffen, auch wenn du dir das einbildest. Versuche solche Späße nie wieder.“

Aus wütend funkelnden Augen blickte sie ihn an und warf ihm das Hemd ins Gesicht.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903225
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (April)
Schlagworte
texas mustang spur pumas

Autor

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Titel: Texas Mustang #2: Die Spur des gelben Pumas