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Dein Strick ist schon geknüpft!

2016 130 Seiten

Leseprobe

Dein Strick ist schon geknüpft!

Timothy Kid

Published by BEKKERpublishing, 2016.

DEIN STRICK IST SCHON GEKNÜPFT!

Timothy Kid

WESTERN

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild:

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Als Johnny Taylor einen Fremden vor feindlichen Indianern rettet, ahnt er noch nichts von den dramatischen Konsequenzen seines Heldenmuts. Der Fremde dankt es Johnny, indem er ihn niederschlägt, sich mit seinem Pferd aus dem  Staub macht und ihn als Köder für einen kurz darauf eintreffenden Sheriff zurücklässt. Der verfolgt den Fremden, um ihn wegen mehrerer Verbrechen unter den Galgen zu bringen – ein Schicksal, das nun Johnny droht, weil ihn der Gesetzeshüter mit dem Fremden verwechselt!

Retten kann Johnny nur eine Banditenbande, die ihn ebenfalls für den Outlaw hält. Wenn er dem Galgen entkommen will, bleibt ihm keine andere Wahl, als in die Rolle jenes Mannes zu schlüpfen, der ihn erst in diese verteufelte Situation gebracht hat...  

Roman

Das Krachen von Schüssen zerriss jäh die Stille der Wildnis. Der Hall der Detonationen rollte über das hügelige Waldland, weckte schwache Echos an den bemoosten Felswänden und drang bis an die Ohren des einsamen Reiters, der daraufhin sofort seinen Rappen zügelte.

Johnny Taylors Sinne signalisierten ihm augenblicklich Gefahr – und welcher Art diese Gefahr war, erfuhr er einen Moment später, als sich das Gewehrfeuer mit markerschütterndem infernalischem Geheul mischte.

Irgendwo in den Hügeln vor ihm wurden Weiße von Indianern angegriffen, befanden sich feindliche Rothäute auf dem Kriegspfad!

Kurzentschlossen hieb Johnny seinem Hengst die Hacken in die Flanken und galoppierte auf den Kamm des Hügels zu, hinter dem ein Kampf auf Leben und Tod stattfand. Felsbrocken und Bäume flogen nur so an ihm vorbei, als er den Rappen über eine schmale Grasmatte die Steigung der Anhöhe hinauftrieb. Schon war das Dröhnen der Schüsse deutlicher zu hören, und auch das trillernde Geheul der Indianer nahm an Intensität zu.

Johnny hielt den Hengst kurz vor dem Grat des Hügels an, sprang aus dem Sattel und führte sein Tier die letzten Yards am Zügel weiter. Nur so konnte er verhindern, dass die Hufe des Pferdes verräterischen Staub aufwirbelten, der die Indianer vorzeitig auf ihn aufmerksam machte.

Nachdem er den Rappen in den Schutz einer Buschgruppe gebracht hatte, zog er sein Gewehr aus dem Scabbard und repetierte es. Dann schlich er gebückt zu einigen niedrigen Felsen, von deren Deckung aus er vorsichtig auf das vor ihm liegende Land spähte.

Direkt vor Johnny fiel ein flacher Hang  in ein weitläufiges Tal ab. Von einzelnen Felsgruppen durchsetzt und mit hohem Büffelgras bewachsen, reichten seine bewaldeten Ränder bis zum Horizont – und genau dort erschien jetzt ein einzelner Reiter.

Es war ein Weißer, und er ritt, als sei der Teufel hinter ihm her. Tief über den Hals des Pferdes gebeugt, trommelte er die Absätze seiner Stiefel immer wieder gegen den Bauch des erschöpften Tieres.

Der Mann war kaum in das Tal geprescht, als etwa 200 Yards hinter ihm weitere Reiter auftauchten – seine gnadenlosen Verfolger, die ihn hetzten wie Hunde das Wild.

Auf struppigen Ponys jagten bronzefarbene Gestalten heran, in Wildleder gehüllt, das Haar mit Federn behangen, die Gesichter grässlich bemalt. Mähnen und Schweife ihrer Mustangs flatterten im Wind, das nervenzerfetzende Geheul der Indianer zitterte wie auf unsichtbaren Flügeln durch die Luft.

Bei den Kriegern handelte es sich um Arapahoes – Angehörige eines kleinen, dafür aber umso unberechenbareren Stammes und neben den Cheyennes die gefährlichsten Reiter, denen ein Weißer im nördlichen Kansas begegnen konnte. Wenn sie den Mann nicht Kampf töteten, würden sie ihn in ihrem Lager langsam zu Tode martern. Dass er ihnen unversehrt entkam, war nahezu auszuschließen.

Um dem Weißen ein solches Schicksal zu ersparen, musste Johnny in den Kampf eingreifen – auch wenn damit noch lange nichts entschieden war. Möglicherweise bewirkte er lediglich, dass die Arapahoes heute zwei Skalpe erbeuten würden – oder dass er sich in einigen Stunden gemeinsam mit dem Fremden am Marterpfahl die Seele aus dem Leib schrie.

Schweiß sickerte plötzlich aus dem dichten schwarzen Haar unter Johnnys Stetson und zog feuchte Bahnen über sein sonnengebräuntes Gesicht. Die schlanke Gestalt des jungen Mannes schien für Sekunden zu erstarren, dann hatte er seine Angst wieder überwunden. Nichts als kalte Entschlossenheit stand in seinen stahlblauen Augen, die unverwandt auf die Sohle des Tales gerichtet waren. Er musste dem Mann helfen, denn wenn er jetzt weiterritt, würde ihn sein Gewissen bis ans Ende seiner Tage keine Ruhe finden lassen.

Obwohl die Zeit drängte, durfte Johnny jetzt nicht unüberlegt handeln. Er musste die Indianer bis auf Schussweite herankommmen lassen und dann von oben herab auf sie feuern, während der Weiße den Hang hinaufritt. Vor allem aber wollte Johnny wissen, mit wie vielen Gegnern er es zu tun hatte.

Sein Blick überflog die Reihe der mittlerweile auseinandergefächerten Krieger und zählte fünf Indianer; zwei von ihnen besaßen Gewehre, die übrigen  waren mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Einer der Bogenschützen, dessen Bogen noch im Köcher auf seinem Rücken steckte, hielt eine lange Kriegslanze in der Rechten.

Fünf zu zwei – das war alles andere als ein für die Weißen günstiges Verhältnis. Allerdings bestand ihr großer Vorteil im Moment der Überraschung. Noch wussten die Arapahoes nicht, dass sie es mit zwei Weißen zu tun hatten. Und wenn sie es bemerkten, würde sich der Erste von ihnen bereits auf den Weg in die Ewigen Jagdgründe gemacht haben...

Johnny ließ sich mit angezogenen Beinen vor den Felsen nieder, lehnte seinen Oberkörper seitlich an das von der Sonne aufgeheizte Gestein und presste den Kolben der Winchester an seine Wange. Den Zeigefinger seiner Rechten auf dem Abzug der Waffe, erwartete er mit zum Zerreißen gespannten Nerven das Herannahen seiner ahnungslosen Gegner.

Unter den flirrenden Hitzeschleiern des Hochsommertages schien die Zeit stillzustehen, Sekunden dehnten sich zur Ewigkeit. Das immer lauter werdende Geheul der Arapahoes stach wie tausend spitze Nadeln gegen Johnnys Trommelfelle, als die Gestalten der heranjagenden Reiter mehr und mehr an Schärfe zunahmen.

Plötzlich brach das Pferd des Weißen zusammen wie vom Blitz gefällt!

Von einer Kugel getroffen, knickte das Tier mit einem schrillen Wiehern auf der Vorderhand ein. Der Reiter wurde in hohem Bogen aus dem Sattel geschleudert, rollte sich geschickt über die Schulter ab und sprang gewandt wieder auf die Beine. Sofort hetzte er zurück zu seinem Pferd, wo er sich in Deckung warf und das Gewehr aus dem Scabbard riss. Noch schlegelte das Tier mit den Hufen, versuchte es unter schmerzhaftem Wiehern immer wieder, seinen Kopf zu heben.

»Zum Teufel auch!« Johnny zerbiss einen Fluch auf den Lippen und ließ seine Winchester wieder sinken. Der Hang war für den Mann unerreichbar geworden, und sein jetziger Standort befand sich deutlich außerhalb der Schussweite von Johnnys Gewehr.

Somit blieb nur noch eine Möglichkeit: Johnny musste in das Tal reiten und den Kampf dort fortsetzen!

Die Erkenntnis war kaum gefallen, als Johnny sich schon aufraffte. Er brachte sich mit raschen Schritten an sein Pferd heran, stieß die Winchester in den Scabbard und schwang sich mit einer geschmeidigen Bewegung in den Sattel.

Ein kurzes Schnalzen mit den Zügeln, und der Hengst schoss aus dem Schatten der Sträucher, hinaus auf den sonnenüberfluteten Hang.

* * * * *

Der Rappe fegte den Hügel hinab wie ein Wirbelwind. Im gestreckten Galopp trug er Johnny in das Tal, wo der gestürzte Reiter sofort seinen Kopf herumriss. Als er erkannte, dass Johnny ein Weißer war, nahm er weiterhin die Indianer unter Beschuss.

Wenn diese das Auftauchen des neuen Gegners überrascht hatte, so zeigten sie es zumindest nicht. Mit gellendem Geheul stürmten sie in voller Karriere heran, wild entschlossen, auch den Skalp des zweiten Bleichgesichts zu erbeuten. Es war wie ein Wettlauf von zwei Seiten – ein Wettlauf mit dem Tod! 

Johnny lenkte den Hengst auf eine Felsgruppe zu, die sich annähernd dreißig Schritte von dem gestürzten Weißen entfernt aus dem Präriegras erhob. Er zügelte den Rappen hinter den Felsen mit einem harten Ruck und sprang mit einem Satz aus dem Sattel.

»Hierher, flüchten Sie hinter die Felsen!«, rief er dem Mann noch zu, dann war er schon mit durchgehebeltem Gewehr in Deckung gegangen. Die Winchester spie Feuer und Rauch, noch im Knallen der Schüsse kippte ein indianischer Bogenschütze rücklings vom Pony.

Der Weiße sprang auf. Im Feuerschutz von Johnnys Winchester jagte er mit seinem Gewehr auf die Felsen zu, dabei Haken schlagend wie ein Hase. Zwei Pfeile versanken im Gras links und rechts neben ihm, eine Kugel klatschte mit einem hässlichen Geräusch in den Körper des Pferdes und erlöste es endgültig von seinen Qualen. Dann hatte es der Mann bis zu der Deckung geschafft. Er überwand die letzten Yards mit einem Hechtsprung und rollte sich hinter die Felsen, wo er sich neben Johnny erschöpft auf die Knie rappelte.

»Sie schickt der Himmel, Mann!«, keuchte er unter gepressten Atemzügen. »Das war Rettung in letzter Minute!«

»Abwarten, die geben bestimmt noch nicht auf«, erwiderte Johnny. »Jetzt geht der Tanz erst richtig los!«

Brüllend wie eine Horde wilder Teufel, preschten die Arapahoes heran. Sie ritten an der Felsgruppe vorbei, sanken an der den Weißen abgewandten Seite an die Flanken ihrer Ponys – und waren plötzlich im stellenweise hüfthoch wachsenden Büffelgras verschwunden.

»Verdammt, was soll das?« Der Fremde sah den davonstiebenden Pferden irritiert hinterher. »Hat die Rothäute plötzlich der Mut verlassen?«

»Schön wär’s«, knurrte Johnny. »Die Kerle wissen genau, dass wir sie bei einem offenen Angriff mühelos von den Pferden knallen können. Im Schutz des Büffelgrases hingegen können sie sich so nahe an uns heranschleichen, dass wir sie erst bemerken, wenn sie direkt vor uns auftauchen – wenn sie das überhaupt vorhaben. Vielleicht nehmen sie uns von ihrer sicheren Deckung aus auch nur unter Beschuss? Wo die Schützen stecken, erfahren wir dann erst, wenn uns ihre Pfeile oder Kugeln bereits erreicht haben.«

»Reizende Aussichten«, kommentierte der Fremde.

»Die einzigen, die wir haben. Sichern Sie unsere Deckung hier, ich übernehme die Verteidigung der linken Seite.«

Johnny schlich gebückt zum anderen Ende der Gesteinsformation, und die Männer konzentrierten sich wieder auf die Arapahoes – oder vielmehr auf jene Stellen der Landschaft, wo sich die Indianer verbergen konnten. Ständig glitten die Blicke der beiden Weißen hin und her, und sie wussten, dass hinter dem so harmonisch wirkenden Bild des Tales der Tod lauerte.

Der Pfeil flog plötzlich so dicht an Johnny vorbei, dass er das Zischen überlaut in seinem linken Ohr hörte.

Er zuckte instinktiv zusammen, riss dann die Winchester hoch und jagte zwei Schüsse in die vermutliche Deckung des Kriegers – erfolglos. Kein Aufschrei erklang, kein Körper rollte durch das Gras – aber dafür sauste nun ein weiterer Pfeil heran, diesmal etwas weiter von links! Der Schütze musste seinen Standort gewechselt haben, kaum dass er den ersten Pfeil von der Sehne geschnellt hatte.

Johnny presste sich gegen die Felsen, abermals verfehlte ihn der Pfeil nur knapp. Einen Lidschlag später fuhr er wieder hoch, schwang die Winchester zur Seite – und diesmal streute er eine wahre Kugelserie in rasender Folge in das Büffelgras. Ein gellender Aufschrei  verriet ihm, dass mindestens einer der Schüsse ein Treffer gewesen war.

Irgendwo zu seiner Rechten peitschte jäh ein Schuss, gleich darauf krachte auch das Gewehr das Fremden – einmal, zweimal, und nach einer kurzen Pause schien der Hall des dritten Schusses mit dem Knallen eines Indianergewehres förmlich zu verschmelzen. Die Arapahoes griffen also auch von der anderen Seite her an!

Johnny durfte sich darum nicht kümmern. Jede auch noch so winzige Unachtsamkeit konnte ihn jetzt das Leben kosten. Sein suchender Blick glitt über das leicht wogende Präriegras, das in sanften Wellen im Wind schaukelte.

Wogte es wirklich im Wind, oder teilte es sich unter dem kriechenden Körper eines Arapahoes?

Die völlig starren Zweige eines nur unweit entfernt wachsenden Strauches gaben ihm Auskunft, dass Zweiteres zutraf!

Johnny feuerte eine Schussgarbe in das Meer aus Gras, und für den Bruchteil eines Augenblicks wuchs eine braunhäutige Gestalt aus dem satten Grün empor, in dem sie gleich darauf wieder verschwand – erschreckend nahe an der Felseninsel. Der Krieger mit den Pfeilen hatte also nur ein Ablenkungsmanöver besorgt, während sich sein Stammesbruder völlig lautlos herangeschlichen hatte! Nahezu beiläufig registrierte Johnny, dass das Krachen des Indianergewehres rechts von ihm plötzlich verstummte – nachdem der rote Schütze kurz zuvor noch einen gurgelnden Laut ausgestoßen hatte. 

Das plötzliche Schnauben seines Rappen ließ Johnny herumwirbeln.

Keine fünf Yards hinter ihm stand ein Arapahoe! Deutlich konnte Johnny die Farben der Kriegsbemalung auf dem Gesicht des Indianers erkennen. Hinter der Spitze seiner zum Wurf erhobenen Lanze waren schwarze Haarbüschel befestigt – die Skalpe seiner bereits getöteten Feinde.

Johnny riss den Repetierhebel durch, aber keine neue Patrone sprang in die Kammer.  Das Gewehr war leer geschossen! Die Erkenntnis, dass sein Skalp auch bald von der Lanzenspitze flattern würde, durchzuckte Johnny wie ein Blitzstrahl.

Die Augen hinter der Fratze der Kriegsbemalung schienen förmlich aufzuglühen, als der Indianer zum tödlichen Wurf ausholte.

Noch bevor er den Speer nach Johnny schleudern konnte, krachte ein Schuss.

Der Arapahoe erstarrte in der Bewegung, in seiner Brust klaffte plötzlich ein blutiges Loch. Er öffnete die Lippen zu einem Schrei, aber nur ein heiseres Röcheln entrang sich seiner Kehle. Seine Finger lösten sich von der Lanze, dann schlug er kopfüber zu Boden. 

Heftig ausatmend, wandte Johnny den Kopf nach links und sah durch die träge dahinziehenden Pulverdampfschwaden hinüber zu dem Fremden.

Die Kugel aus seinem Gewehr, von der Hüfte aus abgefeuert, hatte den Letzten der Krieger ins Reich der Geister geschickt.

* * * * *          

»Schätze, jetzt liegt es an mir, mich zu bedanken«, sagte Johnny, während er sich wieder aufrappelte. »Wir haben uns in wenigen Minuten gegenseitig das Leben gerettet.«

»Angesichts von fünf feindlichen Rothäuten kein allzu schwieriges Unterfangen«, antwortete der Mann und erhob sich ebenfalls. »Was meinen Sie, ob sich noch mehr von denen hier herumtreiben?«

Johnny zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Möglich ist so etwas bei Indianern immer. Und sie tun nie das, was man sich gerade von ihnen erwartet.«

»Das stimmt.« Der Fremde nickte. »Mit allem hätte ich gerechnet – nur nicht damit, dass jemand plötzlich scharf auf meinen Skalp ist.«

»Womit hätten Sie denn gerechnet?« Johnny sah den Mann fragend an.

Der warf Johnny plötzlich einen Blick zu, als wollte er mit unsichtbaren Messern nachholen, was den Arapahoes vorhin nicht gelungen war. Gleich darauf hatte er sich wieder unter Kontrolle.

»Am liebsten mit einem Saloon mitten in der Prärie.« Der Fremde grinste und entblößte dabei ein ansehnliches Wolfsgebiss. »Und mit einer attraktiven weiblichen Bedienung, die dort gratis Bier ausschenkt.«

Johnny fand die Antwort reichlich gekünstelt, wollte aber auf dem Thema nicht weiter herumhacken. Er hatte nicht gemeinsam mit dem Mann gegen die Arapahoes gekämpft, um jetzt mit ihm einen Streit vom Zaun zu brechen. Kümmere dich nur um deine eigenen Angelegenheiten und frage nie einen anderen Mann nach seinem Trail, solange er den deinen nicht stört – das war eines der ungeschriebenen Gesetze des Westens, das auch Jonny respektierte.

Wie er erleichtert feststellte, war der Rappe unverletzt geblieben. Lediglich sein Fell war nass von Schweiß.

»Braves Tier«, lobte Johnny und tätschelte dem Hengst dabei den Hals. »Du hast mich rechtzeitig vor dem Krieger gewarnt.«

Der Fremde wurde augenblicklich an sein Pferd erinnert. Er trat hinter den Felsen hervor, ging einige Schritte in die Prärie hinaus, und wieder erinnerte die Geschmeidigkeit seiner Bewegungen  Johnny unwillkürlich an einen Wolf. Die hagere, drahtige Gestalt, das kantige, stoppelbärtige Gesicht mit den leicht schräg stehenden Augen – dieser Mann strahlte in seiner ganzen Erscheinung die Gefährlichkeit eines unberechenbaren, zum Sprung bereiten Raubtieres aus. Während des Kampfes war Johnny dieser Wesenszug nicht weiter aufgefallen, aber jetzt spürte er es mit jeder Faser seines Körpers immer deutlicher.

Vor dem Leib des toten Pferdes hatte sich mittlerweile eine rote Lache gebildet – Blut, das bereits zu gerinnen begann und das geknickte Gras mit einer klebrig-schimmernden Substanz überzog. Schon schwirrten die ersten Fliegen um den Kadaver.

Der Mann sah das Tier kurz nachdenklich an und kehrte dann wieder zu Johnny zurück, der soeben seine Satteltasche öffnete, um ihre neue Munition für sein Gewehr zu entnehmen. 

»Ihren Skalp hätten Sie gerettet«, meinte Johnny nachdenklich, dem Fremden dabei den Rücken zuwendend. »Aber wie wollen Sie jetzt Ihren Weg fortsetzen?«

»Auf deinem Pferd, du Idiot!«

Die Worte waren kaum gesprochen, als in Johnnys Hinterkopf ein Feuerwerk zu explodieren schien. Er begriff noch, dass er soeben einen Schlag mit einem Revolverkolben erhalten hatte, dann wurden ihm die Beine weich. Vor ihm tat sich plötzlich ein schwarzes Loch auf, und in dieses Loch stürzte er tiefer und immer tiefer...

* * * * *

Genauso unsanft, wie Johnny ins Reich der Träume geschickt worden war, wurde er diesem auch wieder entrissen.

Er spürte einen harten Tritt gegen die Seite, der ihn jäh weckte, und schlug benommen die Augen auf.

»Los, hoch mit dir, du Schurke!« Die Stimme drang wie aus unendlich weiter Ferne an Johnnys Bewusstsein.

Zuerst sah er nur eine verschwommene Gestalt, die vor ihm ins Blau des Himmels aufragte. Die Konturen der Gestalt waberten kurz hin und her, als würden sie sich gleich auflösen, flossen dann aber wieder zusammen und ergaben ein klares Bild.

Vor Johnny stand ein Mann – stämmig, blond und etwas kleiner als Johnny. Kalt blickte er auf den am Boden Liegenden hinab, den in Hüftanschlag gebrachten Revolver in der Rechten. In Brusthöhe seines ledernen Jacketts funkelte ein sechszackiger Stern – ein Sheriffstern!

Erst jetzt bemerkte Johnny, dass sich seine Handgelenke merkwürdig schwer anfühlten. Auch seine Arme vermochte er nur eingeschränkt zu bewegen.

Er hob etwas den Kopf, und nun sah er die durch eine eiserne Kette verbundenen Stahlringe, die seine Handgelenke umschlangen. Das Holster an seiner rechten Hüfte war leer.

»Erstaunt, Cassidy?« Das breitflächige Gesicht des Sheriffs verzog sich unter einem höhnischen Grinsen.

»Cassidy?«, wiederholte Johnny langsam und sah den Mann dabei verwundert an. »Wer ist Cassidy?«

»Sie haben wohl Ihren Namen vergessen, was?« Der Sheriff gab ein heiseres Lachen von sich. »Nun, an Ihrer Stelle würde ich das auch. Er hat nämlich nicht den besten Ruf – aber das werden Sie ja wohl noch wissen!«

Langsam begriff Johnny. Cassidy musste der Mann heißen, der ihn vorhin überrumpelt und sich mit dem Rappen aus dem Staub gemacht hatte. Dass sich ein Gesetzeshüter für diesen Cassidy interessierte, konnte nur bedeuten, dass es sich bei ihm um einen Banditen handelte. Somit war Johnny mit seiner Einschätzung des Kerls doch richtig gelegen!

»Hier liegt ein Missverständnis vor«, wandte er sich an den Sheriff, dabei schwerfällig seinen Oberkörper aufrichtend. »Ich bin nicht Cassidy. Mein Name ist Johnny Taylor, und ich wurde hier von diesem Burschen niedergeschlagen – zum Dank dafür, dass ich ihn vor den Arapahoes gerettet habe. Als Draufgabe hat er auch noch mein Pferd gestohlen.«

»Sie wollen mich wohl für dumm verkaufen? Ich folge Ihrer Fährte schon seit Tagen – seit Sie gemeinsam mit Ihrem Komplizen eine Postkutsche überfallen und dabei die beiden Kutscher sowie den einzigen Passagier erschossen haben! Diese Fährte hat mich bis in dieses Tal geführt, und hier wird sie für Sie auch enden! Die Arapahoes waren die Letzten, die durch Ihre Hand ums Leben gekommen sind – auch wenn man Sie dafür vor Gericht nicht belangen wird.«

Der Sheriff legte eine kurze Sprechpause ein, bevor er sichtlich erregt fortfuhr:  »Ihren Kumpel haben Sie umgelegt, weil Sie die Beute nicht mit ihm teilen wollten – gut, ihm weine ich keine Träne nach, er war um nichts besser als Sie. Als ich ihn fand, war immerhin noch so viel Leben in ihm, dass er mir Ihren Namen verraten konnte. Er hat Sie mit seinen letzten Atemzügen verpfiffen und sich so doch noch an Ihnen gerächt. Aber dass Sie meinen Deputy ermordet haben, als er Sie stellen wollte, nehme ich Ihnen verdammt übel! Wenn ihn Ihre Kugel nicht sofort getötet hat, hat er sich beim Sturz in den Abgrund bestimmt das Genick gebrochen. Leider war es mir nicht möglich, ihn aus der Schlucht wieder zu bergen, aber sein Pferd führe ich noch mit mir. Sie brauchen sich also keine Sorgen zu machen, wie Sie zum Richter nach Smoky Hill kommen.«

Der Sheriff deutete mit seinem Kopf über die Schulter, in Richtung zweier Pferde, die etwas abseits der Felsen verhielten.

Johnny glaubte sich verhört zu haben. Was ihm hier alles vorgeworfen wurde, war einfach ungeheuerlich! 

»Ich stimme Ihnen lediglich in einem Punkt zu«, entgegnete er dem Sheriff. »Dass ich tatsächlich nach Smoky Hill wollte – um mich dort nach einem Job umzusehen. Die Männer, die ich erschossen haben soll, habe ich hingegen noch niemals zu Gesicht bekommen.«

»Ich an Ihrer Stelle würde das auch behaupten. Jedenfalls werden Sie in Smoky Hill nicht lange nach Arbeit suchen müssen, sondern vielmehr dem Henker Arbeit bereiten. Und jetzt machen Sie, dass Sie auf die Beine kommen, aber keine falsche Bewegung, verstanden?«

Johnny hatte sich kaum mühsam aufgerappelt, da zog der Sheriff plötzlich einen Colt aus der Tasche seines Jacketts und hielt ihn am Lauf triumphierend empor. Es war jene Waffe, die er dem Bewusstlosen vorhin abgenommen hatte.

»Sehen Sie die Eingravierung im Kolben des Revolvers? B.C. Wofür soll das wohl stehen, wenn nicht für „Bruce Cassidy“? Und der zweite Mann, von dem Sie sprechen – hat der Sie etwa mit einem Tomahawk niedergeschlagen? Ein solcher liegt nämlich im Gras hinter Ihnen.«

Johnny Kopf ruckte herum, und wirklich, da lag ein Kriegsbeil.

Er presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Cassidy, dieser Bastard, hatte wirklich an alles gedacht! Der Kerl hatte nicht nur die Schießeisen vorsorglich ausgetauscht, sondern auch den Tomahawk eines Indianers neben Johnny gelegt. Für den Sheriff musste einfach der Eindruck entstehen, dass Johnny der von ihm gesuchte Bandit war, den noch in der Schlussphase des Kampfes ein heranfliegender Tomahawk gestreift und so in eine Ohnmacht befördert hatte. Hätte der Outlaw Johnny nur das Pferd gestohlen, wäre er gezwungenermaßen zu Fuß weitergegangen – sicher keine Annehmlichkeit, aber auch keine Tragödie. So aber drohte ihm jetzt der Galgen, während der Bandit unbehelligt seine Flucht fortsetzen konnte!

»Jetzt sagen Sie wohl nichts mehr?«, höhnte der Sheriff und steckte den Colt  wieder in seine Jackentasche.

»Wenn ich Ihnen erzähle, dass Cassidy hier eine gezielte Verwechslung herbeigeführt hat, werden Sie mir das natürlich auch nicht glauben«, stellte Johnny ironisch fest.

»Richtig geraten«, bestätigte der Sheriff. »Und genauso wenig werde ich Ihnen glauben, dass Sie keine Ahnung haben, wie die zwölftausend Dollar in Ihre Satteltasche gekommen sind.«

»Zwölftausend Dollar?« Johnny runzelte die Stirn.

»Sie hatten wohl noch keine Gelegenheit, Ihre Beute nachzuzählen? Zwölftausend Dollar beträgt die Summe, die der Sägewerksbesitzer auf der Bank von Smoky Hill einzahlen wollte. Aber wahrscheinlich haben Sie den Mann nicht nach seinem Beruf gefragt. Dass Geld war Ihnen natürlich wichtiger.«

Der Sheriff  deutete Johnny, mit ihm zu dem Pferdekadaver zu gehen. Dort bückte er sich zu der ledernen Satteltasche, die neben dem Scabbard an der Schulter des toten Pferdes befestigt war. Den Gefangenen mit dem Revolver weiterhin in Schach haltend, öffnete seine freie Hand die Tasche und verschwand in ihr.

»In der Satteltasche werden Sie alles Mögliche finden, bloß kein Geld«, gab sich Johnny gelassen. Er war überzeugt, dass sich gleich seine Unschuld herausstellen würde.

»Und was ist das da?«, fragte der Sheriff und hielt triumphierend ein Bündel Dollarscheine hoch. 

»Die Scheine muss mir dieser Cassidy in die Tasche gesteckt haben, um den Verdacht gegen mich noch zu erhärten«, verteidigte sich Johnny, nachdem er die erste Überraschung überwunden hatte. »Außerdem erwähnten Sie vorhin zwölftausend Dollar. Die paar lächerlichen Scheine ergeben doch niemals diese Summe.«

»Natürlich, weil Sie den Großteil der Beute irgendwo versteckt haben, um ihn später, wenn Gras über die Sache gewachsen ist, in aller Ruhe abzuholen«, konterte der Sheriff. »Aber das nützt Ihnen auch nichts mehr. Das Geld wird genauso vermodern wie Sie, nachdem man Sie vom Strick geschnitten hat.«

»Jemand wie Sie konnte eigentlich nur Sheriff werden«, sagte Johnny. »Als Scout bei der Armee würden Sie jedes Regiment gezielt in den Untergang führen. Sehen Sie sich hier doch einmal um! Die Hufspuren meines Pferdes führen von dem Hang dort in das Tal hinab – der Reiter, den Sie verfolgten, kam aber genau aus der entgegengesetzten Richtung.«

»Das ganze Tal ist von Hufspuren durchzogen«, erwiderte der Sheriff. »Von Hufspuren beschlagener und unbeschlagener Pferde, außerdem liegen einige tote Indianer im Gras. Sie werden doch nicht allen Ernstes von mir verlangen, dass ich hier stundenlang die Gegend absuche, nur um den Hergang des Kampfes zu rekonstruieren! Vielleicht ist ja einer der Krieger auch von der anderen Seite in das Tal geritten – auf dem Pferd eines Weißen, das er erst kürzlich erbeutet hat? Sie müssen zugeben, dass Ihre Erzählung vom großen Unbekannten reichlich unglaubwürdig wirkt. Die gegen Sie sprechende Beweislage ist hingegen erdrückend.«

»Ich bleibe dabei, dass ich nicht Cassidy bin, sondern das Opfer einer heimtückisch herbeigeführten Verwechslung«, wiederholte Johnny. Gleichzeitig musste er sich eingestehen, dass die äußeren Umstände tatsächlich gegen ihn sprachen.

»Das können Sie alles dem Richter erzählen.« Der Sheriff zeigte sich weiterhin unbeeindruckt. »Und damit der gute Mann nicht zu lange auf Sie warten muss, machen wir uns jetzt umgehend auf den Weg nach Smoky Hill. Los, in den Sattel mit Ihnen!«

Johnny stieg auf das Pferd des toten Deputys, dann ritt er gemeinsam mit dem Sheriff aus dem Tal.

Die Sonne brannte heiß vom Himmel, dennoch fror Johnny plötzlich.

Er wusste – es war ein Ritt im Schatten des Galgens.

* * * * *

Während Johnny Taylor als Gefangener des Sheriffs mit einer unsichtbaren Schlinge über dem Kopf nach Smoky Hill ritt, entfernte sich Bruce Cassidy gezielt in die entgegengesetzte Richtung.

Wie der Bandit zufrieden feststellte, schmolzen die Meilen unter den Hufen des Rappen nur so dahin. Der Hengst war zweifelsohne ein erstklassiges Tier – ausdauernd, zäh und schnell. Vor allem aber war er ausgeruht – kein Vergleich zu seinem eigenen Pferd, das er bei der Flucht vor dem Sternschlepper fast zu Tode geritten und dem die Hetzjagd durch die Arapahoes schließlich den Rest gegeben hatte.

Cassidys Gesicht verzog sich unter einem dreckigen Grinsen. Dieser junge Tölpel war ihm gerade recht gekommen! Zuerst hatte er ihn vor den Rothäuten gerettet, ihm dann sein Pferd zur Verfügung gestellt – zwar nicht ganz freiwillig, aber was machte das schon? – , und jetzt hielt ihn der Sheriff bestimmt schon für ihn, Cassidy!

Die Idee, mit Hilfe des Burschen eine Verwechslung herbeizuführen, war dem Banditen ganz spontan gekommen. Dennoch war er überzeugt, dass sie zum Besten zählte, was sich sein Gehirn je erdacht hatte. Gleichzeitig mit dem Tal ließ Cassidy jetzt nämlich auch seine Identität als Outlaw zurück. 

Nun besaß er nach dem Mord an seinem Komplizen nicht nur die gesamte Beute aus dem Überfall – abgesehen von den paar lächerlichen Greenbucks, die er zur Täuschung seines Verfolgers zurückgelassen hatte – , er konnte auch ohne besondere Furcht oder Eile seinen Weg fortsetzen.

Den Hals so geschickt aus der Schlinge zu ziehen, musste ihm erst einmal jemand nachmachen!

Die Doppeldeutigkeit des Vergleichs ließ Bruce Cassidy noch breiter grinsen. Nie zuvor hatte er sich so seines Lebens erfreut wie jetzt, da ein anderer für ihn hängen sollte!

* * * * *

Der Weg nach Smoky Hill zog sich quälend langsam dahin. Johnny gewann fast den Eindruck, dass sogar der Glutball der Sonne auf seiner Himmelsbahn schneller vorankam als die beiden Männer auf ihren Pferden.

Eigentlich lag die Stadt nur zwei knappe Tagesritte von dem Tal entfernt. Da Johnny mit den Ketten an seinen Händen das Pferd aber nur im Schritt lenken konnte, war die Strecke in der weglosen Wildnis unter drei Tagen nicht zu schaffen.

Drei Tage – das bedeutete für Johnny 72 Stunden Zeit, um zu fliehen. Und er war fest entschlossen, diesen Versuch zu wagen. Wenn er glückte, war Johnny vorerst ein freier Mann. Im Falle eines Misserfolgs würde ihn der Sheriff vielleicht erschießen, aber das war immer noch besser als der Tod am Galgen – und besser als die endlosen Minuten, die der Hinrichtung vorausgingen.

Der Sheriff, von dem Johnny mittlerweile wusste, dass er Pete Allison hieß, schien mit solchen Plänen seines Gefangenen fix zu rechnen. Er ritt immer dicht hinter Johnny und ließ den vermeintlichen Banditen keine Minute aus den Augen. Der Umgebung ringsum schenkte er kaum Beachtung – auch wenn sich das unter Umständen noch als Fehler erweisen konnte. Mit feindlichen Indianern musste weiterhin jederzeit gerechnet werden – und die Landschaft bot ihnen für einen plötzlichen Überraschungsangriff genügend Möglichkeiten.

Hügelige Prärie wechselte mit Höhenzügen, auf deren Flanken dichte Wälder grüne Teppiche bildeten. Dazwischen ragten allenthalben verwitterte Gesteinsformationen empor, bahnte sich das kristallklare Wasser schmaler Bäche seinen Weg in die Täler. Entwurzelte Baumriesen und plötzlich aufragende Felsblöcke zwangen die beiden Reiter immer wieder zu Umwegen.

Diese Gegend war nicht nur für einen Indianerüberfall wie geschaffen, eigentlich musste es Jonny hier auch gelingen, seinem Bewacher zu entkommen. Ein winziger Moment der Unachtsamkeit seitens des Sheriffs, und Johnny konnte in dem unübersichtlichen Gelände verschwinden...

Vorerst galt es aber, Sheriff Allison abzulenken; das wiederum schien Johnny nur möglich, indem er ihn in ein Gespräch verwickelte.

»Irgendwie verstehe ich Sie sogar«, sagte er über die Schulter hinweg und durchbrach so die Monotonie der klappernden Pferdehufe. »Als Sheriff haben Sie ein legitimes Interesse daran, von den Bewohnern Ihres Countys wieder gewählt zu werden. Für eine Wiederwahl aber brauchen Sie Erfolge – und was kann für einen Gesetzeshüter schon ein größerer Erfolg sein, als einen Verdächtigen zu schnappen, dem man jede Menge Verbrechen in die Schuhe schieben kann? Müssten Sie in Smoky Hill hingegen zugeben, dass Ihnen der Täter entwischt ist, stünden Ihre Wahlchancen schon bedeutend schlechter. Die Schuld oder Unschuld eines Menschen spielt bei solchen Überlegungen natürlich keine Rolle.«

»Sie probieren wohl auch alles, um sich aus der Sache herauszureden?«, erwiderte der Sheriff. »Zuerst bestreiten Sie, Cassidy zu sein, und tischen mir ein Märchen vom großen Unbekannten auf. Jetzt unterstellen Sie mir plötzlich, Sie nur um meiner Karriere willen verhaftet zu haben. Was kommt eigentlich als nächstes? Wollen Sie mir die Hälfte Ihrer Beute anbieten, wenn ich Sie im Gegenzug laufen lasse?«

»Dazu müsste ich wissen, wo sich die Beute befindet, und das entzieht sich meiner Kenntnis«, antwortete Johnny, den Blick dabei unablässig über die Landschaft schweifend lassend.

Noch ließ die Beschaffenheit der Gegend seinen Plan nicht zu. Zur Linken des schmalen Pfades, den er und der Sheriff entlangritten, stieg das Gelände steil an, auf der rechten Seite fiel es mehrere hundert Fuß in die Tiefe. Die dichte Vegetation auf den Hängen machte eine rasche Flucht unmöglich.

»Das alte Lied«, meinte der Sheriff in lässigem Tonfall. »Sie mögen zwar ein harter Bursche sein, der alleine gleich mit mehreren Indianern fertig wird, aber Ihre Ausreden sind leicht zu durchschauen. Was glauben Sie eigentlich, wie oft ich solche Geschichten schon gehört habe? Der eine Kerl hält sich rein zufällig am Tatort auf, der andere hat keine Ahnung, wie das gestohlene Pferd ausgerechnet unter seinen Hintern kommt. Einmal wollte mir ein Bursche doch tatsächlich erklären... «

Die Worte des Sheriffs erreichten Johnnys Ohren, aber er nahm sie nicht bewusst wahr. Innerlich frohlockte er, dass Pete Allison angebissen und sich auf den Dialog eingelassen hatte, äußerlich waren all seine Sinne auf die Landschaft konzentriert.

Während der linksseitige Hang weiterhin einen unterholzreichen Waldwuchs aufwies, lichtete sich dieser zu seiner Rechten zusehends. Dort nahmen die baumfreien Flächen stetig zu, wurde auch der Hang flacher.

»Ist Ihnen eigentlich jemals die Idee gekommen, dass Recht und Gesetz nicht immer ident sein müssen?«, stellte Johnny geschickt eine Frage, die zweifelsfrei zum Thema passte, ohne auf die letzten Sätze des Sheriffs direkt Bezug zu nehmen.

Der Sheriff lachte gekünstelt auf. »Wandeln Sie sich im Angesicht des Todes plötzlich zum Philosophen, Cassidy? Bemühen Sie sich nicht, diese Nummer nimmt Ihnen niemand ab. Ihre Ideen verfolgten stets nur ein Ziel: Recht und Gesetz zu brechen!«

»Irrtum, Sheriff!«, gab Johnny zurück, während er das Pferd den schmalen Pfad entlanglenkte. Noch erstreckten sich Felsen und Geröll zu seiner Rechten – aber in einer Entfernung von etwa 20 Yards ragten die mächtigen Äste einer Gruppe von Douglas-Tannen über den Abgrund. Unter den Bäumen bildeten abgefallene Nadeln einen dichten, weichen Belag...

»Was wären denn dann Ihre Ideen?«, fragte der Sheriff. Die Tannen kamen näher und näher. Noch zehn Yards, noch fünf...

»Mich nicht für Verbrechen hängen zu lassen, die ich nicht begangen habe!«

Die Worte waren kaum über Johnnys Lippen gedrungen, als er schon blitzschnell die Füße aus den Steigbügeln gezogen hatte und sich seitwärts aus dem Sattel kippen ließ. Noch im Fallen riss er die Arme über den Kopf, um sich über die Schulter abrollen zu können.

Johnny hörte noch den überraschten Ausruf des Sheriffs, dann schlug sein Körper auf den Tannennadeln auf. Das Reisig nahm dem Aufprall die ärgste Wucht, gleich darauf begann sich die Welt um Johnny mit rasender Geschwindigkeit zu überschlagen, als er in einer riesigen Staubwolke den Hang hinabrollte.

* * * * *

Sheriff Pete Allison sah seinen Gefangenen plötzlich zur Seite fallen, einen Atemzug später war der Sattel des Pferdes vor ihm leer.

»Hölle und Verdammnis!« Der Sheriff zerbiss einen Fluch auf den Lippen und zügelte sein Tier mit einem jähen Ruck. Seine Rechte zuckte instinktiv zur Hüfte, ließ die Waffe dann aber im Holster.

Der hinter dem Mann wallende Staub ließ gezielte Schüsse nicht zu, und der Sheriff wollte tunlichst vermeiden, den Gefangenen schwer zu verletzen. Die Strecke nach Smoky Hill zog sich so schon in die Länge; mit einem Verwundeten hingegen würde er die Stadt noch später erreichen – wenn er ihm nicht schon vorher mit einer Bleivergiftung unter den Händen wegstarb...

Nein, das Risiko zahlte sich nicht aus! Ohne Colt und noch dazu in Handschellen hatte der Kerl gegen ihn auch so keine Chance.

Der Sheriff sprang aus dem Sattel und nahm die Verfolgung auf. Mit rudernden Armen rannte er den Abhang hinab, wo das unter seinen Stiefeln nachgebende Erdreich seine Geschwindigkeit mehr beschleunigte, als ihm lieb war. Er drohte mehr als einmal zu stürzen, konnte sein Gleichgewicht aber immer gerade noch halten.

»Geben Sie auf, Cassidy!«, schrie er Johnny hinterher. »Sie entkommen mir nicht!«

Johnny hörte das Gebrüll, aber er achtete nicht darauf. Sich mehrmals überschlagend, rollte er über den Abhang, dabei jede Unebenheit des Bodens bis auf die Knochen spürend. Zwar konnte er sein Gesicht mit den Unterarmen abdecken, aber sein restlicher Körper war völlig schutzlos. Die Anzahl der wie Feuer brennenden Schürfwunden nahm mit jedem Yard zu, den es schneller und schneller bergab ging, bis Johnny schließlich am Fuß des Hanges liegen blieb. Der sich langsam senkende Staub hüllte ihn als dichte graue Wolke ein.

Beim Sturz losgelöste kleinere Steine und Sand prasselten noch gegen seinen Körper, als Johnny ächzend die Lider aufschlug.

Sofort schossen ihm Tränen in die Augen, schüttelte sich sein Körper unter heftigen Hustenkrämpfen.

Johnny ignorierte all das. Schon wurde das schleifende Geräusch der Stiefelsohlen über ihm lauter, kollerten weitere Steine den Hang herunter. So schnell es die Schmerzen und die Ketten an seinen Händen zuließen, rappelte sich Johnny wieder auf, um seine Flucht umgehend fortzusetzen.

Sein von Tränenschleiern getrübter Blick erfasste ein Geröllfeld, das sich über eine Länge von annähernd 100 Yards bis zu einem mit Sträuchern bewachsenen Felsmassiv erstreckte. Wenn er dieses Massiv erreichte, sah die Lage schon anders aus. Es gab dort genügend Möglichkeiten, den Sheriff in die Irre zu führen und ungesehen zu verschwinden.

Johnny hetzte los.

»Stehen bleiben, Cassidy!«, brüllte die Stimme des Sheriffs in Johnnys Rücken. Der Lautstärke nach zu schließen, musste Pete Allison den Hang bereits hinter sich gelassen haben.

Johnny dachte nicht daran, der Aufforderung nachzukommen. Mit wilder Entschlossenheit rannte er über das Geröllfeld, mobilisierte er all seine Kräfte, um das Rettung versprechende Gesteinsmassiv zu erreichen.

»Sie haben keine Chance, Cassidy!«, erklang von Neuem die gepresste Stimme des Sheriffs. Einen Herzschlag später knallte ein Schuss, und die Kugel schlug rechts von Johnny in den Boden. Das Peitschen der Detonation brach sich an den Felsen des Massivs, ehe es in der Weite des Landes verhallte.

Johnny preschte mit eingezogenem Kopf voran, übersah in der Hektik einen vor ihm liegenden Stein und stürzte zu Boden. Noch während er sich wieder aufrappelte, brüllte der Colt des Sheriffs abermals.

Das Projektil schrammte neben Johnny über eine Felsplatte, ein Regen von herausgefetzten Gesteinssplittern streifte sein Gesicht.

Weiter, nur weiter!, hämmerte es in Johnnys Hirn. Er überwand die letzten Yards mehr taumelnd als laufend und tauchte schließlich in eine Felsspalte am Fuß des Massivs ein, die hart nach links führte.

Heftig nach Atem ringend, presste er sich an die Gesteinswand in seinem Rücken. Seine Kleidung war mittlerweile so von Schweiß getränkt, dass sie ihm  wie eine zweite Haut am Körper klebte.

Nach einigen Sekunden rannte Johnny weiter.

Der bergan führende Felsspalt verbreiterte sich, bis er einem Menschen gerade genug Platz bot. Seine Sohle, die im Schatten der steil emporwuchtenden Seitenwände lag, lief schließlich in einem Zwischenplateau aus, das mit Gestein unterschiedlichster Formen und Größen bedeckt war.

Johnny huschte hinter einige Felsklippen zu seiner Linken. Durch eine schartenartige Vertiefung spähte er auf das Plateau, wo sein Verfolger jeden Moment auftauchen musste.

Lange brauchte er auf den Sheriff nicht zu warten. Aus dem Felsspalt waren hastige Schritte und keuchendes Atmen zu hören, dann trat Pete Allison in den  gleißenden Sonnenschein. Den Colt in der Rechten, sah er sich  misstrauisch nach allen Seiten um.

Sofort zog Johnny seinen Kopf wieder zurück.

Der Sheriff wusste genau: Die absolute Stille konnte nur bedeuten, dass sich der Geflohene hier irgendwo verbarg. Andernfalls hätte er Geräusche hören müssen: das Kollern von Steinen, sich entfernende Schritte – oder das Rasseln der Kette an den Handgelenken des Banditen!

Diese Kette zwang Johnny zur absoluten Vorsicht. Schon die geringste unachtsame  Bewegung wäre von einem metallischen Klirren begleitet worden, das dem Sheriff unweigerlich Johnnys Standort verraten hätte.

Andererseits bot die Kette auch einen gewissen Vorteil: Johnny konnte sie als Waffe benützen – als einzige Waffe, die er besaß. Ursprünglich dazu gedacht, seine Bewegungsfreiheit einzuschränken, würde sie ihm jetzt vielleicht ermöglichen, Pete Allison zu überwältigen!

Er brauchte nur abzuwarten, bis der Sheriff nahe genug herangekommen war, und ihm dann die Kette von hinten um den Hals schlingen...

Langsam schlich der Sheriff über das Plateau. Johnny sah ihn nicht, hörte nur seine Schritte. Diese entfernten sich zuerst etwas nach rechts, wurden dann aber wieder lauter und näherten sich genau seinem Versteck!

Als wäre er selbst zu Stein erstarrt, verharrte Johnny völlig regungslos hinter den Felsklippen. Der Schlag seines Herzens erschien ihm plötzlich überlaut.

Die Schritte verstummten unmittelbar vor der anderen Seite der Felsen. Das Schleifen der Stiefelsohlen verriet Johnny, dass sich Pete Allison gerade argwöhnisch im Kreis drehen musste.

Jetzt oder nie!, dachte Johnny. 

Vorsichtig, um nur ja kein Geräusch zu verursachen, hob er die Hände.

Dann sprang er um die Klippen, warf er seine Arme nach vorne, über den Kopf des Sheriffs, und riss sie gleich darauf wieder zurück.

Johnny war zweifellos schnell gewesen – aber trotzdem verlangsamten die eisernen Fesseln seine Bewegungen, schnitt ein metallisches Klirren durch die Stille des Felsmassivs.

Sheriff Pete Allison hörte das Geräusch hinter sich und schwang seinen Oberkörper instinktiv zur Seite. Die herabsausende Kette verfehlte seinen Hals und streifte stattdessen seine Schulter, durch die eine jähe Welle stumpfen Schmerzes schoss.

Der Sheriff biss die Zähne zusammen und wollte herumwirbeln, als er erneut das Rasseln der Kette hörte und einen scharfen Luftzug über sich spürte. Sekundenbruchteile später schlang sich das kalte Metall um seine Kehle, in der auf einmal alles Feuer der Hölle zu brennen schien, als sich die Kette um seinen Hals zusammenzog. Der Zeigefinger seiner hochschwenkenden Rechten krümmte sich in einem Reflex um den Abzug des Revolvers, und eine Kugel jaulte aus dem Lauf des Colts ins Blau des Himmels.

Gleich darauf ließ Pete Allison das Schießeisen fallen, fuhren seine Hände zu der Kette an seinem Hals. Gemeinsam mit Johnny rückwärtstaumelnd, krallten sich seine Finger um die eiserne Schlinge, versuchte er verzweifelt, diese zu lösen. Schon wurde dem Sheriff die Luft knapp, tanzten vor seinen Augen rote Kreise. Seine linke Schulter fühlte sich völlig taub an.

Obwohl Johnny jetzt die Möglichkeit dazu gehabt hätte, wollte er den Sheriff nicht töten. Er war kein Mörder – auch wenn ihn Pete Allison für einen solchen hielt! Sein Interesse galt nicht dem Leben des Sheriffs, sondern dem Schlüssel für die Handschellen, und dazu genügte es, wenn er den Mann außer Gefecht setzte.

Von diesen Absichten Johnnys konnte der Sheriff natürlich nichts ahnen. Er war überzeugt, dass ihn der vermeintliche Outlaw umbringen wollte – und deshalb wehrte er sich mit allen Kräften wie ein in die Enge getriebener Berglöwe.

Er löste seine Rechte von der den Hals umschlingenden Kette, und augenblicklich zogen sich die metallenen Ringe noch fester zusammen – bis er die Spitze seines Ellenbogens zwischen Johnnys Rippen rammte und dieser vor Schmerz seinen Würgegriff unwillkürlich lockerte.

Der Sheriff ging blitzartig in die Knie, riss die Kette mit beiden Armen hoch und brachte sich mit einem Ausfallschritt nach vorne. Noch im Herumwirbeln zog er sein rechtes Bein an und ließ es dann mit voller Wucht nach vorne schnellen.

Der Absatz von Pete Allisons Stiefel traf Johnny hart im Unterleib und schleuderte ihn rücklings zu Boden. Sofort sprang der Sheriff zu seinem Revolver und riss ihn wieder hoch.

Johnny wollte sich aufrappeln, kam aber nicht mehr dazu.

Er hatte kaum den Oberkörper etwas angehoben, als er auch schon in das Mündungsauge von Pete Allisons Colt starrte. Das Knacken des Hahns war unmissverständlich.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903201
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321644
Schlagworte
dein strick

Autor

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Titel: Dein Strick ist schon geknüpft!