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Wirbelnde Hufe

2016 170 Seiten

Leseprobe

LARRY LASH

Classic Western Edition

Wirbelnde Hufe

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Impressum

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover: Edward Martin, Schottland, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Als Ron Garrison erfährt, dass während seiner Abwesenheit von seiner kleinen Ranch einige Verwandte von ihm aus dem Osten sich auf seinem Anwesen breit gemacht haben, ahnt er nichts Gutes.

Schon immer hat er damit gerechnet, dass nach dem plötzlichen Tode seines Vaters sich Miterben melden würden. Dass es gleich vier harte Burschen sind, die aus dem Osten flüchten mussten und die nun hohnlachend von der Ranch Besitz ergreifen, ärgert ihn nicht nur, sondern er muss bald erkennen, dass seine vier Vettern auch Verbrecher sind.

Immer klarer stellt sich heraus, worauf sie aus sind, nämlich auf die Ranch! Gold sollte schon Rons Vater auf seiner Ranch gefunden haben, und das ist Grund genug für einige Männer, Ron die Hölle heiß zu machen. Schmutzige Banditen lauern im Hintergrund, mit denen sich die Brüder verbunden haben. Doch sie alle sollen enttäuscht werden und mancher von ihnen seine Gier mit dem Leben bezahlen. Rons Freunde sorgen dafür, dass er in der Stunde der Gefahr nicht allein steht.

LARRY LASH, der seine Leser schon seit über 50 Jahren mit seinen spannenden und abenteuerlichen Stories aus dem Wilden Westen erfreut, ist auch mit diesem Roman ein guter Wurf gelungen.

Roman

1.

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„Steh auf, Boss, zum Teufel, steh auf!", dröhnte es in Grant Richards Ohren. Es machte den Schläfer, der sich unruhig auf seiner Lagerstatt gewälzt hatte, mit einem Schlage munter und ließ ihn auffahren, so dass die Decke von ihm fiel und die Morgenkälte mächtig auf ihn einwirkte.

Die Tür des Blockhauses stand weit offen. Sonnenlicht flutete herein. Pferde stampften und schnaubten.

Grant Richard zog die langen Beine an, wischte sich mit beiden Händen durch das blonde, wirre Haar und betrachtete Harlan Wade, den Mann, der ihn so unsanft aus dem Schlaf geweckt hatte.

„Lass mich in Ruhe, Harlan!", sagte Grant böse, „denn was ich brauche, ist Ruhe und Schlaf. Geh und mach die Tür hinter dir zu!"

„Das könnte dir so passen, Grant", sagte der kleine, krummbeinige Mann mit dem grauen Haar und den ein wenig schräg gestellten Augen. „Es ist Tag, die Arbeit wartet auf uns! Lass dich nicht wieder voll Whisky laufen, dann fällt es dir auch leichter, aus dem Bett zu kommen. Komm hoch und schau dir die Besucher unseres Nachbarn an. Sie kommen in wenigen Minuten hier vorbei. Wayne hat sie am Horsepass gesichtet. Er hat sie sich genau angesehen und ist schon der Coach vorausgeritten."

Mit einem Schlage schien Grant Richards missmutige Stimmung wie weggeblasen zu sein. Er nahm die Beine aus dem Bett und stand auf.

„Es ist gut, Harlan, ich werde sie mir ansehen."

„Du kannst dir ruhig Zeit zum Frühstück nehmen", entgegnete Wade grinsend. „Der Kaffee steht auf dem Herd, der Tisch ist gedeckt. Ich habe mir doch gleich gedacht, dass dich die Besucher unseres Nachbarn interessieren. Ron Garrison wird davon weniger erbaut sein. Soviel ich weiß, haben sich die Verwandten seines Vaters nie um ihn gekümmert und es zu Lebzeiten seines Vaters nicht gewagt, einen Besuch zu machen. Es ist nicht verkehrt, dass wir sie uns ansehen. Ron hätte hierher kommen und es uns sagen sollen."

„Ron ist zu stolz dazu, Harlan", erwiderte Grant Richard, indem er in die Stiefel schlüpfte. „Ron will niemand belästigen, und sicherlich glaubt er, Hilfe zu bekommen. Wenn einer Hilfe braucht, dann ist es Ron. Also gut, schauen wir uns seine Verwandten genauer an! Noch eins, Harlan: Ron ist ein Mann, der tun und lassen kann, was er will. Eine gute Nachbarschaft bleibt nur gewährleistet, wenn sich einer um den anderen nicht zuviel kümmert!"

„Himmel, wir haben es schon zu Lebzeiten seiner Eltern so gehalten, und es gab weder Streit noch sonst eine Unstimmigkeit. Hoffen wir, dass es so bleibt, Grant", erwiderte Wade.

Wades braunes, von vielen Runzeln zerfurchtes Gesicht sah wie das eines Indianers aus, doch kein Tropfen Indianerblut pulsierte in Harlan Wades Adern. Er war mittelgroß und breitschultrig, schmalhüftig, dazu hatte er die krummen Beine eines Mannes, der sein Leben im Sattel zugebracht hatte. Zusammen mit Richard und Wayne hatte er die Gespaltene-Huf-Ranch erwirtschaftet. Es war eine „Ein-Kuh-Ranch", doch das verdross sie nicht. Im Gegenteil, sie waren zufrieden wie es nur Männer sein konnten, die aufeinander eingespielt waren, durch dick und dünn zusammengehalten hatten und gute und schlechte Tage miteinander verlebt hatten.

Jeder von ihnen hatte ein schweres Schicksal hinter sich. Es war geradezu ein Glücksfall gewesen, dass Grant Richard vor fünf Jahren diese Ranch gekauft und sie beide eingestellt hatte. Jeder hatte seine Arbeit, und es reichte zum Leben, außerdem für Whisky und Tabak, für all das, was ein anspruchsloser Mann eben brauchte.

Man fühlte sich wohl in den Fox Ridge Mountains. Die Berge hatten großartige Weideplätze. Im Norden floss der Moreau River, und im Süden war der Belle-Fourche-River, der irgend wo im Osten in den Missouri mündete. Die Stadt Gettysburg und die Hauptstadt Pierre waren nicht allzuweit entfernt. Im Osten lag gutes, fruchtbares Land, im Westen die Pine Ridge, das Bad Land und die Black Hills. Es waren unwirtliche Gegenden, in denen mancher Langreiter verschwand, in die mancher Reiter flüchtete. Den sagenumwobenen Rushmore Berg konnte man bei klarem Wetter von den Gipfeln der Fox-Ridge-Berge sehen. Im Nordwesten lag der Peterwood-Park. Dort in der Nähe hatten die Cheyennes ihr Reservationsgebiet.

Seltsam, dass gerade dorthin Harlan Wades Augen blickten. Harlan war zum Fenster getreten und riss es weit auf. Er schaute dabei in die Richtung, in der die Cheyenne-Reservation lag. Er machte den Eindruck, als gäbe es dort etwas Bestimmtes zu sehen. Er blieb am Fenster stehen und tat so, als wäre er ganz allein, als hätte er Grant Richards Aufforderung, den Raum zu verlassen, nicht gehört. Es schien, als könnte er es sich leisten, eine eigene Meinung zu haben, und wahrhaftig, Richard war mehr Partner als Boss. Sie waren echte Kameraden.

Kein Wunder also, dass Richard aufstand und sich anzog, sich an den Frühstückstisch setzte und sich selbst bediente, nachdem er sich gewaschen hatte. Draußen hatte er Jerry Wayne getroffen und Jerry hatte zu ihm gesagt:

„Ich sah die Coach droben am Horsepass und habe mit Rutherfort, dem Fahrer, ein paar Worte gewechselt. Er bringt ein halbes Dutzend Verwandte von Ron Garrison in seiner Kutsche. Schätze, das wird ein bisschen viel sein für unseren Nachbarn. Ich bin vorausgeritten. Ron Garrison wird jetzt das Haus voll haben. Hoffentlich macht es ihn nicht kopfscheu, dass so viele seiner Verwandten auf einmal kamen und den Anschein erwecken, als wollten sie sich für einen Dauerbesuch einrichten. Der Drang nach Gesellschaft ist verständlich. Lange genug hat Ron allein gehaust. Dass er sich aber gleich eine so große Familie auf den Hals lädt, hätte wohl keiner gedacht. Seine Ranch ist groß genug und wird sie alle ernähren können. Es kommt Betrieb in diese Gegend, Grant."

Bei diesen Worten hatte Jerry Wayne seine Augenlider schmal gezogen. „Zwei Ladies gehören zu dem Aufgebot, Grant", hatte er dann noch sich abwendend gesagt. „Unsere Gemütlichkeit scheint zu Ende zu sein. Vielleicht sollten wir uns nach einer einsamer gelegenen Ranch umsehen. Es wird für Harlan und mich nicht leicht sein, jeden Tag zum Rasiermesser greifen zu müssen, nur damit die Ladies keinen Anstoß an uns nehmen. Nimm dich in acht, Sohn des Sattels, in Zukunft wirst du nicht mehr in roten Unterhosen zum Wassertrog laufen können, um dich darin zu waschen. Rechne stets damit, dass Ladies vorbei reiten könnten."

Er lachte glucksend in sich hinein und verschwand in Richtung des Corrals.

Grant hatte an seiner roten Unterhose herunter geblickt, und ihm war sicherlich zum ersten Mal klar geworden, dass ein Gentleman in dieser Aufmachung nicht ins Freie treten konnte, um seine Morgentoilette zu machen. Dass zwei Ladies mit ihrer Anwesenheit diese Gegend bald in Verwirrung bringen sollten, passte ihm ganz und gar nicht. Es gab noch eine ganze Reihe anderer Angewohnheiten, von denen man nun Abstand nehmen musste. Bei seinem Eintritt ins Blockhaus hatte Grant sich sehr prüfend umgesehen. By Gosh, es herrschte eine tolle Unordnung! Das Tollste aber war, dass Harlan Wade sich bereits das Gesicht einseifte und sein Rasiermesser an seinem Gurt schärfte.

„Ich würde dir raten, deine Socken zu stopfen, Grant", sagte Harlan Wade. „Es wäre auch gut, wenn du dein Hemd öfters einmal wechseln würdest. Deine Stiefel müssten geputzt werden, und deine Overalls sollten gewaschen sein."

„Es ist noch weit bis zum Befreiungstag, Harlan."

„Solange sollten wir nicht warten, Boss", sagte Harlan Wade und begann, sich zu rasieren. „Wayne hätte dir sagen sollen, dass die beiden Ladies keine alten Jungfern sind. Wenn du das gehofft hast, wirst du enttäuscht sein. Ron scheint sich die bei den genau angesehen zu haben. Er muss von so viel Schönheit einfach verwirrt worden sein, dass er auf seine Junggesellenruhe und Gemütlichkeit pfiff. Wenn das nur gut geht, Boss!"

„Die Anzeichen, dass nicht nur Ron verrückt wurde, sehe ich hier mit eigenen Augen", erwiderte Grant Richard, der es jetzt sehr eilig hatte, sich anzuziehen. Es fiel auf, dass er sich seit langer Zeit wieder einmal ein Halstuch umband. Er hatte es vor fünf Jahren aus Pierre mitgebracht. Es war in der Schublade liegengeblieben bis heute.

Harlan pfiff durch die Zähne, aber er sagte nichts, sondern beobachtete nur, wie Grant hastig das Frühstück einnahm und im Gegenteil zu seiner sonstigen Gepflogenheit nur wenig Kaffee trank. Auch er beeilte sich, und als er seine Rasur beendet hatte, verließ er den Raum. Draußen traf er Jerry Wayne. Auch Jerrys Äußeres hatte sich verändert. Er wirkte jugendlicher und gepflegter. Er hatte sich fein ausstaffiert, trug ein neues Hemd, seine beste Hose und einen neuen Stetson. Nur der tief an seinem Gurt im Halfter steckende Colt war der alte.

„Du hättest den abgewetzten Kolben polieren sollen, Jerry; ebenfalls die Rostflecke an deinen Sporen. Du kannst es noch schaffen, die Postkutsche braucht mehr als eine Stunde vom Horsepass hierher. Haben die Ladies einen so tiefen Eindruck auf dich gemacht, dass du dein Leben ändern willst, Buddy?"

„Ron soll nicht zu hören bekommen, dass ich weniger Rücksicht übe als du."

Beide sahen sich jetzt grimmig an, doch das hatte wenig zu bedeuten. Das war von Zeit zu Zeit schon einmal vorgekommen und hatte an ihrer Freundschaft nichts geändert.

Harlan schritt jetzt in Richtung des Pferdestalles davon, als hätte er es eilig, weiterzukommen. Jerry Wayne lachte in sich hinein. Das Lachen verging ihm, als er seinen Boss aus dem Blockhaus treten sah.

„Bill Pecos, steh mir bei, auch den hat's erwischt", murmelte Jerry ungläubig. Seine Augenlider zogen sich schmal, denn seit Jahren hatte er seinen Partner nicht so gesehen.

„Jemand müsste mir die Haare schneiden", hörte er Grant sagen. „Die Ladies sollen mich nicht für einen Buschläufer oder Banditen halten. Ron soll mit seinen Nachbarn zufrieden sein. Sage mir, Jerry, ist dir noch wohl in deiner Haut?"

„Nicht sehr, Boss", erwiderte Jerry grinsend. „Aber ich gebe dir Recht, unserem guten Nachbarn Ron Garrison zuliebe sollten die Ladies nicht den Eindruck haben, am Ende der Welt zu sein. Ron hätte uns das sagen sollen. Es ist wahrhaftig nicht schön, uns so im unklaren zu lassen. Vielleicht übertreiben wir alle ein wenig, Boss. Vielleicht ist Ron Garrison nicht einmal erbaut von seinem Besuch und wünscht sich, dass er bald wieder geht. Wir tun ihm sicherlich keinen Gefallen mit unserer Maskerade, die auf die Dauer ohnehin zu anstrengend werden wird. Geben wir es doch ehrlich zu. Boss - die Ankunft von zwei Ladies hier im Lande ist etwas, was selbst uns aus der Bahn wirft. Ich wäre neugierig zu erfahren, was Ron denkt, wenn er uns so sieht. Ich habe ihn drei Tage nicht zu Gesicht bekommen und möchte nur wissen, wo er eigentlich steckt."

„Was heißt das, Jerry?"

„Dass ich Ron auch gestern nicht sah, dass die Blendladen noch immer zu sind, wie nach dem Beerdigungstag seines Vaters. Himmel, wie nun, wenn seine Besucher vor verschlossener Haustür stehen?"

„Male den Teufel nicht an die Wand, Jerry! Ron ist zwar ein sonderbarer Bursche, der mehr Interesse an der Jagd und an der Rancharbeit hat, aber sicherlich weiß er, wann seine Verwandten kommen, und wird rechtzeitig zurück sein."

„Vielleicht ist er fischen, Grant", sagte Jerry nachdenklich. Er brach ab, denn in Richtung des Horsepasses sah man eine Staubwolke aufwirbeln.

„Sie kommen", sagte Grant so laut, dass Harlan es im Pferdestall hören konnte. „Freunde, es ist zwar nicht unser Besuch, doch vergesst nicht, sie kommen aus einer anderen Welt. Ich möchte keinen Kummer! Ist das klar?"

„Wir haben verstanden", erwiderte Harlan Wade, der zu ihnen getreten war, gekränkt. „Die Sache mit dem Bär damals ..."

„Hör auf von euren Streichen. Erzähle es niemandem, Harlan", erwiderte ihm Grant lächelnd. Er brach ab und schaute zum Passweg hinüber, wo sich aus der Staubwolke die mit sechs Pferden bespannte Postkutsche herausschälte.

„Holt die Ersatzpferde aus dem Corral", sagte er zu seinen Partnern.

Die beiden Männer hatten sich bereits in Bewegung gesetzt, denn es gehörte zu ihren Aufgaben hier auf der Gespaltenen Huf-Ranch, die Pferde der Stagecoachlinie umzuwechseln. Seit fünf Jahren bestand diese Pferdewechselstation, die einen beachtlichen Nebenverdienst abwarf. Seit fünf Jahren kannte man die Stagecoachfahrer und ihre bewaffneten Begleiter. Man wusste, wie jeder Fahrer seine Route fuhr. Man bekam Informationen aus erster Hand und hin und wieder Passanten zu Gesicht. Man wusste auch jetzt, wer die Gespanntiere lenkte.

„Es ist Tom Rutherfort", sagte Grant, der seine Augenlider schmal gezogen hatte und keinen Blick von der rasch näherkommenden Stagecoach ließ. „Heute fährt er besonders schnell. Das macht er immer, wenn er weibliche Passagiere hat und imponieren will. Hoffentlich kommen sie noch heil an!"

„Wenn sie nicht aus Glas sind, bestimmt", meldete sich Jerry vom Corral her, so als freue er sich über die Abwechslung, die mit der Postkutsche von Minute zu Minute näher auf sie zukam.

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2.

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Wenig später jagte die Stagecoach heran. Die Räder quietschten. Staub wirbelte unter den Hufen der Gespanntiere und den Wagenrädern auf. Hoch auf dem Bock hantierte Rutherfort mit seiner Peitsche so geschickt, dass das Leder nicht einmal das Fell der Tiere berührte. Sicherlich hätte er mit der Peitsche eine Fliege vom Ohr des vordersten Gespanntieres schlagen können.

Rutherforts Begleiter, der alte Jim Meade, hatte seine Stiefel gegen das Trittbrett gestemmt und kurbelte wie wild an der Bremse. Wahrhaftig, wie immer kam die Stagecoach auf den Meter genau an der vorgesehenen Haltestelle zum Halt.

„Da sind wir!", rief Rutherfort gewollt fröhlich vom Bock herunter, „pünktlich wie bei der Armee, schnell wie bei den Ponyreitern und nicht ganz so sicher wie bei der Bank von Gettysburg. Heh, rasch die frischen Pferde!"

Rutherfort sprang über die Radnabe vom Bock herunter, und der alte Meade, sein Begleitmann, tat es ihm nach. Grant zögerte nicht und half beim Ausspannen mit. Vergeblich hatte er nach Passanten Ausschau gehalten. Die Fenster der Stagecoach waren zugezogen. Im Inneren war es befremdend still. Er fragte Rutherfort besorgt:

„Willst du nicht lieber nachsehen, ob deine Passagiere noch am Leben sind? So stark sind deine Passagiere noch nie zusammengerüttelt worden. Vielleicht braucht jemand den Doc?"

„Nicht bei mir, Grant", erwiderte Rutherfort ärgerlich, ohne sich in seiner Arbeit stören zu lassen. „Klar ist, dass meine Passagiere noch nie so sicher gefahren wurden. Wenn du aber deine Neugier befriedigen willst, Grant, dann sieh selbst nach!"

„Man sollte es tatsächlich tun", erwiderte anstelle von Grant Jerry Wayne, der gerade mit frischen Pferden ankam. „Heh, ist da drinnen alles in Ordnung?"

An einem der Fenster wurde ein Vorhang beiseite geschoben, und ein scharf geschnittenes Männergesicht wurde sichtbar.

„Kümmere dich um deine Arbeit!", sagte der Mann mit dem scharf geschnittenen Gesicht so rau, dass sofort feststand, wie wenig man fremde Einmischung haben wollte. „Wann geht es weiter? Scheint keine gute Pferdewechselstation hier zu sein. Wir vertrödeln nur die Zeit, Fahrer. Für uns kann es nicht schnell genug gehen."

„Das muss man mir, ausgerechnet mir, dem schnellsten Fahrer der Stagecoachlinie, sagen!", erwiderte Rutherfort. „Dieser aufgeblasene, widerwärtige Kerl setzt mir schon die ganze Fahrt über zu. Ich habe getan, was ich konnte, um ihn und seine Familie gründlich durcheinanderzurütteln. Der Erfolg? Es scheint ihnen zu gefallen! Sie verlangen nach mehr! Es kann ihnen nicht genug rumpeln, stoßen und schlingern. Vor allem die Ladies sind wild darauf. By Jove, wen hat man mir da nur aufgehalst! Jim, wenn ich diese Gesellschaft los bin, werde ich Urlaub machen müssen."

„Und ich werde mich ebenfalls bestens bedanken, wenn wir diese Gesellschaft los sind", erwiderte der alte Begleitfahrer mit einem bösen Blick nach dem Fenster.

Beide hatten so gesprochen, dass nur Grant sie verstehen konnte. Der Fahrer und sein Begleitmann waren böse. Man hatte sie in ihrer Ehre gekränkt. Beiden sah man den Ärger an. Sicherlich hatten sie Ähnliches während ihrer langen Fahrzeit noch nicht erlebt. Dabei hatten gerade diese beiden Haudegen eine Menge erlebt. Sie hatten es mit Bandenüberfällen, Postkutschenräubern, Langreitern und Revolvermännern zu tun gehabt. Sie hatten manchen Passagier befördert, gute und schlechte, arme und reiche Leute. Noch nie hatten sie eine solche Familie unter ihren Passagieren gehabt, vier Männer und zwei Frauen, die wie Heringe zusammengepfercht in der Postkutsche reisten und so viel Gepäck mitführten, dass das Dach voll beladen war.

„Noch nie hatten es die Pferde so schwer bei einer Steigung", sagte Jim Meade, der Begleitfahrer, aus seinen Gedanken heraus. „Anstatt dass sie aus der Stagecoach herauskommen und den Pferden in den großen Steigungen die Arbeit erleichtern, bleiben sie drinnen sitzen und regen und rühren sich nicht. Jetzt wollen sie rasch weiter, als könnten sie es nicht erwarten, dem guten Ron Garrison auf die Nerven zu fallen. Ron kann einem jetzt schon leid tun, Grant."

„Der Anblick der Ladies wird ihn entschädigen, Meade."

„Wer weiß, wer sich hinter den Schleiern der Ladies verbirgt, Grant", erwiderte jetzt Rutherfort. „Auf der ganzen Fahrt bekam ich keine von beiden zu sehen. Sicherlich haben sie allen Grund, sich dicht zu verschleiern. Nach meinem Geschmack ist das nicht, Grant. Nun, es ist Ron Garrisons Besuch und nicht meiner."

Jetzt erst, nachdem die Pferde ausgewechselt waren, schaute er sich Grant und seine Helfer an. Er schob sich den Stetson in den Nacken hinein.

„Was ist los?", fragte er. „Alle so herausgeputzt? Kommt der Gouverneur hierher oder erwartet ihr etwa eine Braut? Heh, Grant, kann man sich zu einer Feier einladen?"

„Rede nicht so lange herum, Fahrer!", tönte wie der die Stimme des Reisenden aus der Kutsche. ,Fahre weiter, Mann, lass dich nicht aufhalten!"

„Mister Orrin, bis zur Ranch Ihres Neffen sind es nur wenige Meilen. Sie werden schon früh genug dort ankommen. Wenn Sie Pech haben, ist Ihr Neffe Ron wieder einmal nicht anwesend und die Ranch verschlossen. Einen Saloon gibt es weit und breit hier nicht, wo Sie auf Ihren Neffen warten könnten. Es könnte sein, dass Sie mich bitten werden, weiter zur Stadt mitgenommen zu werden."

„Auf keinen Fall, Fahrer!", entgegnete der Mann mit der tiefen Bassstimme. „Keinem von uns kann noch weiter Ihre Gegenwart zugemutet werden. In den nächsten Tagen wird ein Beschwerdebrief an Ihre Dienststelle abgeschickt werden. Sie bummeln und verlieren zuviel Zeit, Fahrer. Man sollte Sie schon längst durch eine jüngere Kraft ersetzt haben. Los, fahren Sie weiter!"

„Zum Teufel mit diesem Mann!", murmelte Rutherfort, jedoch noch so laut, dass nur Jim und Grant ihn verstehen konnten. Er widersprach dem Passagier jedoch nicht mehr und kletterte auf den Bock.

Der alte Jim hastete hinterher, und schon rollte die Postkutsche an.

Nicht ein einziges Mal drehten sich Fahrer und Begleitmann zur Pferdewechselstation um. Betreten blieben die drei Partner zurück und schauten dem schnell davonrollenden Gefährt nach. Schnell verschwand es in einer Staubwolke.

„Ich möchte behaupten, dass die Ladies uns dennoch genau angeschaut haben", grinste Harlan Wade. „Ich bin sicher, dass wir einen glänzenden, wenn nicht hervorragenden Eindruck auf sie gemacht haben. Ich habe dich nie fröhlicher dreinschauen sehen."

„Wahrhaftig nicht", mischte sich Jerry lachend ein. „Wir haben vergessen, Rutherfort und Meade einzuladen. Jetzt werden sie berichten, wie vornehm es auf unserer Ranch zugeht und dass wir uns auf Fremdenverkehr eingestellt haben. Einige üble Burschen aus der Stadt werden das nicht glauben und uns einen Besuch abstatten wollen. Na dann, Freunde! Ich kleide mich um und reite zu den Rindern hinaus. Du, Harlan, kannst in einer Stunde die Salzblöcke zur Ostweide bringen. Grant, dein rotleuchtender Schal hatte wenig Wirkung. Du hättest eher einen Stier aus der Postkutsche locken können als die Orrins. In den Augen der Angekommenen scheinen wir ganz armselige und heruntergekommene Cowboys zu sein. Es lohnt sich nicht, sich zu rasieren, es lohnt sich nicht, Boss, dir die Nackenhaare zu schneiden."

Auflachend drehte er sich um und ging, um sein Pferd im Corral einzufangen und zu satteln. Er schien irgendwie erleichtert zu sein und war sicherlich froh, zu seinem alten gewohnten Trott zurückkehren zu können. Wie er schien auch Harlan Wade aufzuatmen.

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3.

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Rutherfort hielt die Pferde vor der Stagecoach an. Sein altes Gesicht war graubleich vor Zorn.

„Aussteigen, alle aussteigen! Wir sind am Ziel! Das hier ist die Ringel-Ranch von Ron Garrison", sagte er laut vom Bock. Er wickelte die Zügel um den Peitschenschaft, der im Halter steckte, dann kletterte er ohne eine Erwiderung abzuwarten auf das Postkutschendach. Jim Meade sprang vom Bock zu Boden und machte sich bereit, die Pakete, Schachteln und Koffer, das Hab und Gut der Passanten, das der Fahrer vom Dach heruntergleiten ließ, aufzufangen.

Jim Meade hatte bereits den dritten Koffer und zwei alte staubige Hutschachteln, einen alten Vogelkäfig und einen Pelzmantel, an dem die Ratten genagt zu haben schienen, abgestellt, als es sich in der Stagecoach regte. Die Stagecoach wurde geöffnet. Der Kerl mit dem scharfgeschnittenen Gesicht und den unruhigen Wieselaugen kletterte als erster heraus. Er atmete tief auf. Sein erster Blick galt der kleinen Ranch von Ron Garrison. Öde und verlassen lag sie da, mit verschlossenen Blendläden. Kein Rauch stieg aus dem Kamin. Ranch und Nebengebäude waren in gutem Zustand, ebenso die Corrals. Alle machte einen ordentlichen und gepflegten Eindruck. Es gab keine losen Bretter, noch sah man Dinge, die bald repariert werden mussten.

Von Ron Garrison war nichts zu erblicken. Wie ausgestorben lag die kleine Ranch da. Das schien dem Fahrer und seinem Begleitmann außerordentlich zu gefallen. Beide waren sich darin einig, dass sie diese Passagiere auf keinen Fall weiter mitnehmen würden, und sie beeilten sich, die sieben Sachen der Familie so schnell wie möglich abzuladen.

„Kommt alle heraus", forderte der ausgestiegene Mann die anderen auf. „Unser guter Vetter Ron scheint wieder einmal beim Fischen und Jagen zu sein. Doch das macht gar nichts. Er hat unsere Ankunft sicherlich vergessen. Wir werden uns selbst helfen müssen. Gil, Jerome, Nat, kommt heraus und seht! Wir sind in Gottes ureigenem Land der Freiheit!"

Drei weitere Männer kamen aus der Postkutsche heraus. Es waren drei große, breitschultrige Männer, denen man die Verwandtschaft mit dem ersten der ausgestiegenen Männer ansah. Alle drei ähnelten ihm sehr. Alle waren gut bewaffnet und sauber gekleidet. Alle vier wirkten wie Angehörige einer Piratenmannschaft, die einen Hafen angelaufen hatten und ihn besetzen wollten.

„Kommt nur, Claire und Patricia", rief der Mann in die Stagecoach hinein. „Wir versprechen euch, dass unser gemeinsamer Vetter sich auch an euch erinnern wird. Kommt nur heraus!"

Keinem der vier Männer fiel es ein, den Damen aus dem Wagen zu helfen. In schwarze Schleier und Gewänder gehüllt, kamen sie aus dem Wagen herausgeklettert. So tief verschleiert wie sie jetzt waren, hatten sie der Fahrer und Begleitmann die ganze Fahrt über zu sehen bekommen. Sie waren groß und schlank gewachsen. Jetzt bekamen sie mehr zu sehen. Die Ladys schlugen ihre Schleier zurück.

Augenblicklich vergaß Rutherfort seinen Zorn gegen die Männer. Der Anblick der Ladies entschädigte ihn. Er war noch nicht so alt, als dass ihn die Schönheit einer Frau nicht hätte entzücken können. Was er sah, ließ sogar sein altes Herz schneller schlagen. Ein schmales, wunderbar geschnittenes Gesicht mit klassisch regelmäßigen Zügen ließ ihn aufmerksam werden. Die schwarzen, traurigen Augen waren von langen Wimpern eingefasst, die das Gesicht der bleichen Lady beherrschten. Ihr Mund war geschwungen und rot leuchtend wie ein kalifornischer Granatapfel. Er wirkte herb und doch verlockend. Sie schaute zur Ringel-Ranch hin, als suche sie dort etwas Besonderes. Mit einer Stimme, die so rein und klar wie eine Glocke schwang, wandte sie sich an ihre Begleiterin:

„Patricia, vielleicht ist es Unrecht, Ron ohne eine Einladung zu überfallen. Was wissen wir eigentlich von Ron, Schwester? Wir kannten uns als Kinder. Seitdem sind viele Jahre vergangen. Wir hatten keinen Kontakt miteinander. Wir hätten nicht hierher kommen sollen, Patricia!"

Die Angeredete gab keine Antwort. Sie schwieg. Es hatte den Anschein, als stünde sie unter einer unerhörten Spannung. Wenn man sie ansah, konnte man nicht sagen, ob sie die jüngere oder die ältere der Schwestern war, denn sie war ein ganz anderer Typ als ihre Schwester. Ihr Gesicht war oval und ein wenig unregelmäßig geschnitten. Ihre kleine Stupsnase unterschied sich von der geraden ihrer Schwester. Ihre Augen waren dunkelblau und ihre dunkelroten Haare waren von einer Fülle, wie man es selten sah. Es war widerspenstig und lockig und musste von ihr immer wieder aus der hohen klaren Stirn gestrichen werden. Sie stand dicht neben ihrer schwarzhaarigen Schwester, und erst nach einer Weile sagte sie:

„Claire, wir können nicht mehr zurück, wir haben alle Brücken hinter uns abgebrochen."

„Sei doch froh drum", meldete sich Henry Orrin. „Seit dem Skandal mit eurem verstorbenen Vater blickte man euch wie Ausgestoßene schief von der Seite an. Der Osten ist euch verleidet. Er liegt nun hinter uns. Wir alle wollen neu anfangen. Heh Fahrer, wieviel Rinder hat eigentlich unser guter Vetter Ron?"

„An die tausend", erwiderte Rutherfort aufschreckend und sich vom Anblick der Ladies lösend. „Rechnen Sie aber nicht damit, dass sich von Rons fünfköpfiger Mannschaft in den nächsten Wochen ein Reiter hierher verirrt. Die Mannschaft ist mit einer kleinen Herde unterwegs, um sie zu verkaufen. Wo Ron ist, das wissen nur die Götter."

„Wie, Ron kümmert sich kaum um den Ranchbetrieb, Fahrer?"

„Was geht das mich an? Das ist ganz allein seine Sache, Mister Orrin. Auch Sie werden es ihm überlassen müssen, was zu tun und zu lassen er für richtig befindet."

Rutherfort war in Kampfstimmung. Er betrachtete die vier geschniegelten Kerle, ihre neue Waffenausrüstung und warnte:

„Tragt die Revolver lieber nicht so tief, Gents. Das könnte in dieser Gegend missverstanden werden. Männer aus dem Osten müssen erst lernen, dass hier alles ganz anders ist, dass hier ganz andere Gesetze herrschen."

„Das ist unsere Sache, Fahrer!", unterbrach ihn Nat Orrin. Er war der Kleinste der Gruppe, ein Mann mit mongolischen Augen. „Was für uns gut ist, müssen wir selbst wissen. Fahren Sie ab, Fahrer! Vergeuden Sie nicht so lange Ihre kostbare Zeit!"

In Rutherfort war wieder der alte Zorn, doch er schwieg und sah nur von einem zum anderen. Er hatte genug Menschenkenntnis, um jetzt vorsichtig zu sein. Die nagelneuen Waffen und die neue Kleidung der Kerle konnte ihn nicht täuschen. Er spürte, dass er vier harte Burschen vor sich hatte, denen man lieber aus dem Wege ging. Sein Begleiter, der kleine Jim Meade, warf ihm einen warnenden Blick zu.

„Ich will niemandem Lehren erteilen", sagte Rutherfort. „Ron ist ein guter Mann, wenn auch noch etwas jung und noch nicht ausgereift. Der tragische Tod seines Vaters ist noch ungeklärt. Ron selbst ist noch nicht darüber hinweg."

„Sein Vater und unser Vater waren Brüder. Diese Ranch gehörte einmal unseren Großeltern. Es wurde Zeit, dass sich jemand um Ron und um die Ranch kümmert. Nun verschwinde, Fahrer, du hast uns wahrhaftig lange genug aufgehalten."

Einen Augenblick sah es so aus, als wollte Rutherfort eine scharfe Erwiderung geben, doch rechtzeitig entschloss er sich, es nicht zu tun. Abermals hatte ihn ein warnender Blick des kleinen Jim Meade getroffen. Rutherfort warf Jim schweigend die letzten Gepäckstücke zu. Dann kletterte er vom Dach auf den Bock, auf dem Jim ebenfalls Platz nahm und unmissverständlich zu ihm sagte:

„Fahr los!"

Die Pferde setzten sich in Bewegung, und die Stagecoach rollte weiter.

„Traue einer diesen Kerlen", sagte Jim Meade, als sie außer Hörweite waren. „Ich kann mir schlecht vorstellen, dass Ron beim Anblick dieser Ankömmlinge Freudentränen vergießen wird. Eine harte Verwandtschaft kam zu ihm."

„Denke an die Ladies, Jim", unterbrach Rutherfort ihn. „Meiner Ansicht nach passen sie nicht zu ihren männlichen Begleitern. Irgendwie passt alles nicht zusammen. Ich habe die Ladies zwar nur einen kurzen Augenblick gesehen, doch es scheint mir, als seien sie nicht ganz mit ihrer Gesellschaft zufrieden. Es kam mir so vor, als hätten sie beide beim Anblick der Ranch erlöst aufgeatmet. By Gosh, wenn das nur gut geht. Wenn sich ihre Ankunft herumgesprochen hat, werden eine Menge Herdenreiter kommen, um sie sich anzusehen."

„Dabei werden sie auf die vier Piraten stoßen", erwiderte Meade. „Diese vier sehen nicht sehr duldsam und fair aus. Sie scheinen eine Menge Erfahrung mit Waffen zu haben. Nur der Himmel weiß, was wirklich dahinter steckt, ob Ron sie überhaupt kommen ließ."

Schweigen senkte sich nieder. Jeder der beiden Männer war mit seinen Gedanken beschäftigt.

„Willst du damit andeuten", eröffnete Rutherfort wieder das Gespräch, „dass Ron noch immer nach jenem Burschen sucht, der seinen Vater aus dem Hinterhalt niederschoss?"

„Es sind Piraten", erwiderte der alte Mann erregt. „Ich habe einen Blick dafür. Wenn etwas dazu beitragen könnte, dass Ron in dieser Gegend unbeliebt wird, dann sind das diese Männer!"

„Es sind auf alle Fälle harte Brocken, Jim", erwiderte Rutherfort nach einer Weile des Schweigens. „Sie haben die harte Fahrt hingenommen, als sei sie etwas Alltägliches. Nun, Ron muss mit ihnen fertig werden und nicht wir, Jim."

„Ja, und dafür danke ich Gott", erwiderte Jim. „Mich soll es nur dann stören, wenn diese Kerle mit gezogenem Colt vor unserer Stagecoach auftauchen sollten. Solange sie das nicht tun, soll mich ihr Treiben nicht kümmern."

„Du meinst, dass sie es eines Tages auf uns abgesehen haben könnten, Jim?"

„Zum Teufel, ich habe ein unangenehmes Gefühl im Magen. Man sollte herausfinden, was die Ladies für eine Rolle spielen."

„Heh, Jim, schau nur dorthin!", sagte Rutherfort plötzlich.

Seine Rechte wies zum gegenüberliegenden Hang. Im nächsten Augenblick sah Jim, der der weisenden Hand mit dem Blick folgte, drüben am Hang einen Reiter auftauchen. Beide Männer erkannten den Reiter. Rutherfort zog die Zügel an, und Meade bremste augenblicklich.

„Brrrr, haltet an ihr alten Tanten!", schrie Rutherfort den Gespannpferden zu. „Grant füttert euch zu gut. Es wird mit jedem Male schwerer, euch zum Halten zu bringen."

Die Gespannpferde waren es sicherlich nicht gewöhnt, auf halber Strecke angehalten zu werden.

Sie schnaubten, stampften und wieherten über die Störung, doch dann kamen sie zum Stehen.

Es zeigte sich, dass Rutherfort ein ausgezeichneter Fahrer war. Er bekam die Stagecoach zum Halten, noch bevor der Reiter drüben am Hang hinter den nächsten Baumgruppen verschwinden konnte.

„Heh, Ron, Ron Garrison!", schrie Rutherfort. Seine Stimme musste drüben am anderen Hang deutlich gehört werden. Der Reiter wandte sich im Sattel. Dann nahm er sein Pferd sofort herum. Hinter dem Sattel hatte er eine Antilope aufgeschnallt.

„Hallo Jim, hallo Tom!"

„Wir brachten dir Besuch mit, Ron. Du bist nicht gerade höflich zu deinen Verwandten. Vor einer halben Stunde luden wir sie bei dir mit ihrem Gepäck ab. Sie stehen vor verschlossener Tür. Man könnte es dir übelnehmen."

„Besuch für mich, das muss ein Witz sein, Tom", erwiderte Ron. „Ich habe niemanden eingeladen, am allerwenigsten Verwandte."

„Ron, das kannst du uns nicht erzählen. Vier deiner Vettern kamen, dazu zwei Ladies. Beeile dich, damit du deine Gäste nicht verärgerst."

„Ich habe wahrhaftig niemand eingeladen, Freunde", erwiderte Ron Garrison. Er kam näher herangeritten. Er saß auf einem kräftigen, hochgebauten Apfelschimmel. Plastisch sah man das Geäder unter dem Fell des Pferdes. Rons Hände lagen an den Zügeln der Hackemore. Nur wenige Reiter ritten so. Das Zaumzeug hatte den Vorteil, dass es den Lefzen des Tieres keinerlei Verletzungen zufügte. Ron selbst saß in einem selbstgefertigten, leichten Sattel aus Ziegenleder.

Dieser Ron Garrison mit dem braungebrannten jugendlichen Gesicht, den buschigen Brauen, schwarzen Augen und scharf geschnittenen Gesicht hatte etwas Indianerhaftes an sich. Sein langes schwarzes Haar fiel ihm bis auf die Schultern herab. Er trug keine Kopfbedeckung, nur ein Stirnband, das seine Indianerhaftigkeit noch mehr betonte. In seinen Adern floss jedoch kein Tropfen indianischen Blutes.

Ron Garrison war ein ruhiger, verschlossener Mensch, ein Mann, der seine eigenen Wege ging und nicht gerne gestört sein wollte. Er war in der Tat für jeden Rancher ein angenehmer Nachbar. Er hatte gejagt und eine Antilope erlegt. Jetzt befand er sich auf dem Ritt zu einer seiner Jagdhütten, die verstreut im Lande lagen.

„Ich habe keinen Besuch eingeladen", erklärte er den Männern auf dem Bock der Stagecoach nochmals.

„Das ändert nichts an der Tatsache, dass sie da sind, Ron", erwiderte Jim Meade. „Die Besucher sind da, und es sieht so aus, als hätten sie sich für eine lange Einquartierung vorbereitet. Sie kommen von weither. Es würde nicht gut aussehen, wenn du sie nicht empfangen würdest, Ron."

„Ich schaue mir die Leute erst an, Freunde", sagte Ron vom Sattel her. „Sicherlich kamen sie nur, um auf meiner Ranch Zwischenstation für ihre Weiterreise zu machen."

„Das schlage dir aus dem Kopf", erwiderte Tom Rutherfort. „Du weißt jetzt Bescheid. Lass die Ladies nicht zu lange warten."

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4.

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Die Stagecoach rollte wieder an. Ron Garrison wischte sich mit der Rechten über die Stirn/ als wollte er lästige Gedanken verscheuchen. Er zweifelte jetzt nicht mehr daran, dass die beiden alten Bekannten sich einen Scherz erlauben wollten.

Besuch aus dem Osten, Verwandte? Ja, er erinnerte sich daran, dass sein verstorbener Vater einen Halbbruder und eine Halbschwester hatte und diese Kinder besaßen. Er brauchte einige Zeit, bis ihm die Namen wieder einfielen. Als Kind hatte er die Orrin-Jungen einmal zu sehen bekommen und auch die Mädels der Familie. Das war lange her. So sehr er sich auch anstrengte, es wollte sich kein bekanntes Gesicht vor seinem geistigen Auge formen. Die Verbindung zu den beiden Familien hatten seine Eltern schon vor langen Jahren gelöst. Vor zehn Jahren war die Mutter gestorben, und der Vater war vor einigen Monaten gefolgt.

Woher hatten die Verwandten vom Tode seines Vaters erfahren? Zu Lebzeiten seines Vaters wären sie nie gekommen. Sein Vater hatte nicht gut von seinem Halbbruder und seiner Halbschwester gesprochen. Beider Namen durften im Familienkreis nicht erwähnt werden. Selbst als die Todesnachrichten vom Tode des Halbbruders und später der Halbschwester kamen, hatten es weder sein Vater noch seine Mutter tragisch genommen. Es war Ron zum Bewusstsein gekommen, dass eine unüberwindliche Kluft zwischen dem Vater und dem Halbbruder und der Halbschwester lag. Was die tieferen Ursachen waren, hatte er nie erfahren können. Er hatte auch niemals danach gefragt.

Die Ankunft der Verwandten wirkte wie ein Schlag auf sein ruhiges Leben. Es war ihm, als käme etwas auf ihn zu. Niemand hatte den Verwandten eine Nachricht vom Tode seines Vaters zukommen lassen. Sie mussten aber Bescheid wissen, sonst wären sie sicherlich nicht gekommen.

Ron machte sich nichts vor. Er war keineswegs erfreut, im Gegenteil, Unruhe überkam ihn. Er nahm sich Zeit beim Heimritt. Er überhastete nichts, sondern fragte sich, was sich ändern könnte und was das Auftauchen der Ankömmlinge zu bedeuten hatte.

Je näher er der Ranch kam, um so langsamer wurde sein Ritt. Als die Ranch und der rauchende Schornstein in sein Blickfeld kamen, hielt er sein Pferd zwischen den Bäumen an. Es gab keinen Zweifel, die Verwandten hatten Besitz von seinem Heim ergriffen, ungeachtet dessen, dass die Ranch verschlossen war.

Jetzt stand alles offen, Fenster und Türen. Ein muskulöser Mann wusch sich mit nacktem Oberkörper an der Pumpe mitten auf dem Ranchhof. Das Rasierzeug hatte er auf den als Wasserrohr dienenden ausgehöhlten Baumstamm gestellt, dazu einen Spiegel. Ein grobkariertes Handtuch lag daneben.

Ein anderer Mann stand im Corral und versuchte, eines der Pferde einzufangen. Ein dritter Mann kam mit einem Wassereimer aus dem Stall heraus. All diese Männer besaßen für ihn fremde Gesichter, in denen er vergeblich nach ihm vertrauten Zügen suchte.

Noch hatten sie ihn nicht gesehen, und so hielt er es für ratsam, nicht weiterzureiten, sondern schwang sich in der Deckung von Sträuchern und Bäumen vom Pferd. Er wollte weiter beobachten. Irgend etwas zwang ihn dazu, sich noch nicht seinen unerwünschten Gästen zu zeigen.

„Nat", hörte er den Mann am Brunnen sagen. „Wann sind die Frauen mit dem Essen fertig? Vorräte gibt es hier ja genug. Man lebt nicht schlecht auf dieser Ranch. Unser guter Vetter Ron hat den Haupttreffer durch den Tod seines Vaters gezogen. So lässt man es sich gefallen, Herr auf einer Ranch zu sein."

Der Mann am Brunnen begann sich nun zu waschen. Sein Gesprächspartner, der aus dem Stall gekommen war, setzte den Eimer ab und antwortete:

„Dieser Ron besitzt ein kleines Königreich. Ich habe mir alles von oben bis unten angesehen. Das alles hat einmal unseren Großeltern gehört."

„Das Land, nicht die Ranch, Nat, denn hier stand eine elende Hütte. Erst viel später haben die Brüder, nämlich Rons und unser Vater, die Ranch aufgebaut. Es ist viel Raum und Platz hier. Wenn ich an die Stadt denke, kommt es mir so vor, als hätten wir endlich das so lange gesuchte Paradies erreicht. Du hättest Claire und Patricia sehen solllen. Sie sind geradezu verzaubert, und nichts fürchten sie so sehr, als eine Abfuhr von unserem guten Vetter Ron, der sich irgendwo in den Wäldern herum treibt. Aber das stört uns nicht weiter, wir kommen auch ohne ihn aus. Wenn es nach mir ginge, brauchte er die nächsten Wochen und Monate hier nicht zu erscheinen. Die Mädchen sollten sich erst an uns gewöhnen.“

Der Sprecher lachte hässlich zu seinen Worten. Der Mann am Brunnen blickte auf, indem er sagte:

„Nat, ich warne dich! Lass die Mädels in Ruhe!"

„Sie sind nicht mit uns verwandt, wenn sie es auch glauben, Henry. Ich habe sie ausgefragt und erfahren, dass unsere liebe Tante Mary ihnen nicht erzählt hat, dass sie und ihr Mann sie aus dem Waisenhaus holten und sie aufzogen. Mir kann es nur recht sein, wenn sie glauben, dass wir blutsverwandt sind, das heißt, nur so lange, bis sie sich richtig an uns gewöhnt haben. Gib doch zu, dass auch du Interesse an ihnen hast! Niemand kann an den beiden vorbeisehen."

„Halte den Mund, Nat, und merke dir, dass noch immer ich befehle. Nichts hat sich geändert. Auch Jerome musste ich es mit einigem Nachdruck beibringen. Ich werde weiter für euch denken müssen."

Was der Mann am Brunnen weiter sagte, konnte Ron nicht verstehen. Er hatte die Stimme gesenkt, als befürchte er, im Hause von den Frauen gehört zu werden. Ron bereute sein vorsichtiges Anschleichen nicht. By, Jove, es war gewiss nicht seine Art, sich Gespräche, die nicht an seine Adresse gerichtet waren, anzuhören. Es lag ihm fern, sich in Dinge zu mischen, die ihn nichts angingen. Das hier jedoch ging ihn etwas an, auch, dass die verstorbene Halbschwester seines Vaters Waisenkinder angenommen hatte und an Kindes statt großgezogen hatte, ohne es jemand zu sagen. Von Mary hatte sein Vater ein Bild besessen, an das er sich noch gut erinnerte. Mary schien seinem Vater viel bedeutet zu haben, doch dem Mann, den sie geheiratet hatte, diesem Mann hatte alle Verachtung von Rons Vater gegolten. Mary hatte in ihrer Ehe viel zu leiden gehabt.

Das war alles nun vorbei. Ron wollte nicht weiter darüber nachdenken. Was er gehört hatte, war wichtig genug, eine schnelle Lösung der Probleme herbeizuführen. Langsam nahm er sein Pferd herum und führte es über den weichen Laubteppich, der den Hufschlag unhörbar machte, wieder zurück. Jetzt wollte er offen kommen. Man sollte sich auf ihn einstellen. Er hatte etwas gehört, das sein Misstrauen wachgerüttelt hatte. Er würde auf der Hut sein. Noch glaubte er, dass es schnell lösbare Probleme waren, die auf ihn zukamen und mit einigem guten Willen schnell aus der Welt geschafft werden konnten. Als er seinen Apfelschimmel außer Hörweite geführt hatte, saß er auf.

„Nun, dann wollen wir einmal sehen", sagte er zu seinem Reittier und ritt an.

*

Noch bevor er die Ranch erreichte, wurde er von dem Mann am Brunnen, der jetzt mit seiner Toilette fertig war, bemerkt. Er trocknete sich gerade den krebsrot gewordenen Oberkörper ab. Er beschattete die Augen mit den Händen, um besser sehen zu können. Der dritte Mann im Corral war jetzt dem anreitenden Ron so nahe, dass er ihm in das von frischen Faustschlägen angeschwollene Gesicht blicken konnte, Zeichen der brüderlichen Auseinandersetzung. Er gab den Versuch, mit dem Lasso eines der Pferde einzufangen, sofort auf. Er grüßte den Reiter, indem er an die Stetsonkrempe tippte.

Sein Gruß wurde nicht erwidert. Rons Grimm war so gewachsen, dass er nicht stärker hätte sein können, als er den vierten Mann aus der Ranchtür auf die Veranda treten sah. Es war ihm, als ob er wildfremden Menschen entgegenritt. Hochaufgerichtet saß Ron im Sattel. Sein Kinn war vorgestreckt und die Augenlider zu schmalen Schlitzen zusammengezogen. Sein langes, schwarzes Haar wurde vom Wind aufgeplustert. Jeder der Brüder sah, dass er Mokassins trug, dazu Hirschlederkleidung, die weich und schmiegsam war, verziert mit Fransen und Perlenstickereien.

„Ich will selbst ein Indsman sein, wenn dieser Ron nicht Vollblutindianer ist", sagte Nat zu seinem Bruder Henry. „Er hat so wenige Ähnlichkeit mit einem weißen Christenmenschen, wie Eskimos und Neger Ähnlichkeit miteinander haben. Er kommt verteufelt stolz dahergeritten."

„Und wenn es dir tausendmal nicht passt, Nat, sei freundlich! Es ist anzunehmen, dass auch er aus einem Waisenhaus für Indianerzöglinge an Kindes Statt angenommen wurde."

„Bei unserer lieben Verwandtschaft liegt alles drin, und es kann recht gut möglich sein", erwiderte Nat erregt. „Es scheint so, als ob es geschwisterliche Bande gibt, die man beachten muss und die man nicht zerreißen darf. Nicht umsonst hat sich Rons Vater mit seiner Schwester Mary so gut verstanden."

„Nat, kein Wort mehr!", unterbrach ihn Henry Orrin. „Male den Teufel nicht an die Wand."

„Das Cheyennereservat liegt nicht weit von hier entfernt. Es ist doch möglich, dass der gute alte Onkel Tom sich in eine Rothaut vergaffte. Man sagt, dass er in seiner Jugend viel ins Reservat hinüber ritt und freundschaftlich mit den roten Gents verkehrte. Man sagt sogar, dass man ihn dort zum Ehrenhäuptling machte und dass er tage- und wochenlang dort lebte. Wie nun, wenn dieser Ron das Kuckucksei in diesem Nest wäre?"

„Zum Teufel, Nat, er ist es nicht! Es liegen keine derartigen Beweise vor. Behalte deine Vermutungen lieber für dich. Tante Mary war damals dabei, als Ron auf die Welt kam. Deine Theorie ist damit nicht zu vertreten. Zeige Ron, wie sehr wir uns freuen, seine Gastfreundschaft in Anspruch nehmen zu können."

„Es sieht so aus, als wünsche er uns auf den Mond oder in die Hölle", flüsterte Nat noch erregt zurück, dann folgte er seinem Bruder Henry, der dem Reiter mit ausgestreckten Armen entgegenging. Auch Jerome und Gil näherten sich.

Ron hielt seinen Apfelschimmel mitten auf dem Ranchhof an. Kein Wort kam von seinen Lippen, als er auf die Männer niederschaute. Das Schweigen war aufreizend, feindlich und kühl. So kühl hatten die Brüder sich den Empfang nicht vorgestellt. Sie fühlten die feindliche Strömung des Reiters gegen sich gerichtet, denn Ron verstellte sich nicht. Henry war es, der das peinliche Schweigen durchbrach.

„Lieber Vetter Ron", sagte er und trat mit ausgestreckter Hand an den Apfelschimmel heran, „ich kann mir vorstellen, dass du nicht gerade begeistert über unseren Besuch bist. Wir kamen dir einfach ins Haus geschneit und sind nun da. Sicherlich waren wir schneller als unser Brief?"

„Bist du Henry Orrin?", fragte Ron ihn, seine Rede unterbrechend, ohne auf die ausgestreckte Hand zu achten.

„Gewiss, du erkennst mich?"

„Ich kenne nur eure Namen. Wie lange wollt ihr bleiben?"

„Ron, empfängt man so Gäste? Das klingt ja wie ein Hinauswurf! Ist das die berühmte Gastfreundschaft des Westens?"

„Beantworte meine Frage, Henry. Für Dauergäste habe ich keinen Platz auf der Ranch."

„Wo denkst du hin, Ron! New York wurde uns zu öde. Wir beschlossen, unserem Leben Sinn und Inhalt zu geben. Wir werden jeder bald etwas Passendes finden. Sicherlich gibt es auch hier für willige Männer Arbeit, oder?"

Da Ron Henrys Hand nicht nahm, ließ dieser sie sinken. Er schaute Ron fragend an.

„Ich stelle euch nichts in den Weg, Henry. Man soll von mir nicht sagen können, dass ich meinen Verwandten die Tür wies. Nun gut, einige Tage könnt ihr bleiben, doch bemüht euch weiterzukommen."

„Das klingt nicht gerade einladend, Ron", mischte sich Jerome ein.

„Ich habe niemand eingeladen und euch auch keine Nachricht vom Tode meines Vaters geschickt. Woher wisst ihr von seinem Tod?“

„Die Nachricht drang bis nach New York", meldete sich Gil Orrin. „Es gibt einige Freunde hier im Lande, die es nicht verschweigen konnten. Das ist auch gut so, denn schließlich sind wir verwandt. Was immer auch zwischen unseren Eltern stand, soll es auf uns übertragen werden? Wir können Freunde sein. Wir kamen in der festen Absicht, dir das zu zeigen, Ron. Dein Misstrauen ist unberechtigt."

„Wie mir mitgeteilt wurde, kamt ihr in großer Zahl?"

„Umso besser, dann weißt du also schon, dass Claire und Patricia mit uns kamen. Die armen Mädchen hatten sehr unter dem Skandal zu leiden, den ihr Vater auslöste. Es sind Frauen, Ron, zu ihnen wirst du doch sicherlich nicht so mürrisch sein wie zu uns? Sie würden sonst aufbrechen und auf deine Gastfreundschaft verzichten. Sie würden irgendeine Arbeit in jedem beliebigen Saloon annehmen. Das ist doch sicher nicht dein Wille, Ron?"

Henry hatte das geschickt gemacht. Frauen spielten im Westen eine besondere Rolle. Niemand konnte es sich leisten, Frauen seinen Schutz zu verweigern. Die alte Zeit war noch immer im Westen lebendig. Ein Mann, der Frauen seinen Schutz verweigerte, war verurteilt. Für Ron war es ein unangenehmer Gedanke, dass zwei Mädchen in irgendeinem Saloon der wilden Stadt Putry untertauchen sollten. Wer dorthin kam, ging den sicheren Weg in den Abgrund. Nur Frauen mit sehr starkem Willlen gelang es, sich den Verlockungen fernzuhalten. Ja, Henry hatte einen Trumpf aufgespielt, und dieser Trumpf stach.

„Claire und Patricia können bleiben, solange es ihnen passt. Ihr werdet euch allerdings bald nach einer anderen Bleibe umsehen müssen." Ron schien von allem unbeeindruckt zu bleiben. „Ihr werdet euch nützlich auf meiner Ranch machen, bis ihr eine passende Arbeit gefunden habt."

Bei diesen Worten schwang Ron sich vom Pferd. Erst jetzt schien der Bann gebrochen zu sein. Er gab niemandem die Hand und ließ alle fühlen, dass er diesen Eingriff in sein privates Leben als einen Überfall ansah. Ohne sich um die Brüder zu kümmern, sattelte und zäumte er ab, brachte den Apfelschimmel in den Corral und sagte bei seiner Rückkehr zu der Brüdergruppe:

„Ich möchte gefragt werden, wenn etwas Besonderes vor sich geht."

„Das klingt so, als ob du den Boss herauskehren möchtest, Ron", erwiderte Henry. „Vielleicht trägst du uns sogar in deine Lohnliste ein und bezahlst uns als Cowboys. Ein bisschen mehr Takt hatte ich dir zugemutet."

„Ich bin kein ungehobelter Klotz", unterbrach Ron ihn mit kalt blitzenden Augen. „Was ihr vier auch immer im Osten angestellt habt, es interessiert mich nicht. Ihr werdet gute Gründe dafür haben. Hier bestimme ich jedoch. Dies hier ist meine Ranch! Ich habe euch nicht gerufen, doch ihr seid da, und es scheint mir, dass ihr alle Brücken hinter euch abgebrochen habt. Der Gastfreundschaft sind somit Grenzen gesetzt. Es wäre zu einfach für euch, hier festen Fuß zu fassen. Ich will das nicht und denke, dass ich mich klar genug ausgedrückt habe."

„Zu klar!", erwiderte Henry böse. Ron gab keine Antwort und ging über die Veranda ins Ranchhaus. Für einen Augenblick blieb er stehen, als er die gewaltsam geöffnete Haustür sah. Dann ging er wortlos ins Haus.

„Er ist ein härterer Brocken als wir dachten, Henry", sagte Nat unbeherrscht. „Diesem Burschen möchte ich für seine Arroganz sofort an den Kragen gehen."

„Lass dir einige Tage Zeit damit, Nat. Er liegt mir so im Magen wie dir. Hast du erwartet, dass er bei unserem Anblick in Verzückung fällt?"

„Wenn er die Mädels sieht, gewiss", erwiderte Nat voll grimmigem Zorn. „Wir werden also vor ihm kriechen müssen?"

„Ja, so lange, bis die Nachbarschaft davon überzeugt ist, dass wir es gut mit ihm meinen. Erst dann..."

Er sprach nicht weiter, doch das Lachen, das er ausstieß, konnte einem einen kalten Schauer über den Rücken jagen.

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5.

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Von dem Lachen hörte Ron nichts mehr. Er öffnete die Tür zur großen Diele und schaute überrascht in den Raum. Alles war mit einem Schlag anders geworden, so wie es damals war, als seine Mutter noch lebte. Vorhänge waren vor den Fenstern, die Tische waren mit Tischdecken gedeckt. Die Vasen waren mit frischen Feldblumen versehen. Es war, als ob der Raum erhellt, irgendwie erleuchtet worden war, und doch, es war die gleiche Sonne, die ihr Licht durch die Fenster hereinschickte.

Es war wie an anderen Tagen, aber es herrschte eine andere Atmosphäre. Sie war weich, fraulich, wie sie seit dem Tod seiner Mutter nicht mehr gewesen war. Vielleicht hatte Ron sich nach dieser Atmosphäre, die auf einer Männerranch völlig fehlte, gesehnt. Aus der Küche tönte ein heiteres Lachen, und eine Stimme, glockenrein, sagte:

„Oh Claire, alles ist mit einem Male anders geworden. Wenn du wüsstest, wie ich mich vor der Fahrt gefürchtet habe! Es gab aber keinen Banditenüberfall, meine Furcht war grundlos. Die Leute waren nett und freundlich und unsere Vettern waren stets hilfsbereit. Wenn nur Ron gut zu uns ist, dann beginnt in der Tat ein neues Leben, dann muss alles gut werden. Schwester, ich spüre es schon, hier sind Ruhe und Geborgenheit, hier sind die Wälder, die unübersehbaren Berge mit grünen Almen und Matten. Hier kann das Herz freier schlagen. Es wird nicht mehr durch die Zivilisation bedrückt, von der Voreingenommenheit der Menschen beschwert. Schwester, hier werden wir genesen und vergessen können, dass unser Vater...“

„Hör auf, Patricia!", erwiderte die andere Frauenstimme. „Wir wollen keinen Gedanken mehr an die Vergangenheit und die Tat unseres Vaters verschwenden. Wozu alte Wunden aufreißen! Wir beginnen ein neues Leben fern von den dunklen Schatten, fern von der Welt, in der wir Ausgestoßene waren. Ich will für uns hoffen, dass wir hier nicht ausgestoßen werden, Schwester."

Geschirr klapperte. In dem Augenblick, als Ron die Wohndiele betrat, kam Patricia aus der Küche heraus. Sie trug ein Tablett, auf dem eine dampfende Schüssel stand. Sie erblickte Ron sofort und blieb überrascht stehen.

Ewigkeiten schienen zu vergehen, während die beiden Menschen sich in die Augen sahen.

„Was gibt es, Patricia?", fragte Claire aus der Küche. Ihr war nicht entgangen, dass die Schwester stehengeblieben war.

Patricia gab ihr keine Antwort. Ihre großen Augen schienen starr geworden zu sein, nur die Farbe schien sie zu wechseln. Es war eigentümlich bei ihr, dass ihre blauen Augen die Farbe wechseln konnten. Wenn sie violett wurden, wie in diesem Augenblick, war alles in Aufruhr in ihr. Nur der Himmel mochte wissen, was sie beim Anblick Rons dachte. Mit vor Erregung klingender Stimme sagte sie:

„Claire, komm her! Schau dir einen Indianerhäuptling an!"

Claire folgte der Aufforderung sofort. Die beiden Schwestern hatten staunende Augen, als ob sie in der Tat einen Indianerhäuptling vor sich hatten, der - der Himmel mochte wissen wie - lautlos ins Haus gekommen war.

„Wenn Sie der Freund unseres Vetters Ron sind, so tut es uns leid, dass Sie ihn nicht begrüßen können", sagte Claire, die sich als erste von ihrem Staunen erholt hatte. „Wir haben Sie nicht einmal kommen hören, Mister . ..?"

„Ron Garrison", sagte er, wobei ein Lächeln den strengen Ausdruck auf seinem Gesicht auslöschte. Die Verblüffung verflog, und ein befreiendes Lachen der beiden Mädchen entspannte die Situation.

„Ron, o Gott, das kann kaum wahr sein! Doch schon als Kind hattest du eine dunkle Hautfarbe, dazu deine Kleidung, Ron ..."

Die Mädchen kamen auf ihn zu und gaben ihm die Hand. Seinen Vettern hatte er die Hand nicht zum Gruß gereicht, jetzt zögerte er keinen Moment.

„Seid willkommen in meinem Hause!", sagte er schlicht, als er ihnen die Hände drückte. „Mein Heim ist euer Heim, bleibt so lange ihr wollt und wenn ... für immer. Hier ist genug Platz für euch, Patricia und Claire."

Ron sprach das aus, was ihn bewegte. Er hatte das ganz bewusst getan, um den Mädchen den letzten Rest von Unsicherheit zu nehmen. Er wollte Ordnung. Die Mädchen sollten sogleich begreifen, dass sie ihm willkommen waren, im Gegensatz zu den vier Männern.

„Ihr hättet die Reise allein antreten sollen", sagte er aus seinen Gedanken heraus.

„Wir hatten keinen Kontakt mit den Orrins, als sie plötzlich zu uns kamen und uns baten, mit nach Süd-Dakota zu kommen. Ron, stimmt etwas nicht?"

„Ich weiß es nicht", erwiderte er wahrheitsgemäß. „Es liegt mir fern, den Brüdern etwas anhängen zu wollen, ich bin vorsichtig geworden."

Er brach ab und sah davon ab, ihnen davon zu berichten, was er vor seiner Ankunft aus dem Gespräch über sie gehört hatte. Nein, es ging nicht. Nur der Himmel mochte wissen, warum das Misstrauen zu den Vettern so tief wurzelte und ihn dazu veranlasste, schließlich doch zu den Mädels zu sprechen.

„Ich kenne sie kaum und muss sie mir erst ansehen. Was immer auch kommen mag, ihr steht unter meinem besonderen Schutz."

Ohne eine Erwiderung abzuwarten, verließ er die Diele, um auf seine Kammer zu gehen.

„Ich weiß nicht, was ich davon halten soll", sagte Patricia nachdenklich geworden. „Er ist so ganz anders, als die Männer es waren, die wir bisher kennenlernten. Er ist gerade und offen, wie ich es noch bei keinem Mann erlebte. Irgendwie scheint er etwas zu empfinden, was ich auch störend bei unseren Vettern spüre. Ich kann es nicht in Worte kleiden."

„Schwester, ich begreife das nicht. Die vier Männer waren doch alle hilfsbereit zu uns. Jeder von ihnen hat alles getan, um uns die Beschwernisse der Reise erleichtern zu helfen."

„Das kann ich nicht abstreiten, Claire. Schon auf der Reise fragte ich mich aber, warum die vier New York so plötzlich verließen? Sie hatten gute Stellungen und haben gut gelebt. Bei ihnen gab es keinen Familienskandal, der sie unmöglich machte und aus der Gesellschaft vertrieb. Ich stelle mir die Frage, warum sie alle Brücken hinter sich abbrachen. Weil sie hier ein besseres Leben erwarten? Das halte ich für unwahrscheinlich. Ich kann nicht glauben, dass sie hart arbeiten wollen und durch ihrer Hände Arbeit zu etwas kommen wollen. Im Osten boten sich ihnen bessere Möglichkeiten. Einen längeren Urlaub wollen sie hier sicherlich auch nicht verbringen, dazu hätten sie Kalifornien gewählt."

„Warum kamen sie dann?", fragte Claire überrascht.

„Ich weiß es nicht, Schwester, und kann nur hoffen, dass sie nichts Böses im Schilde führen."

„Patricia, ich glaube, du siehst zu schwarz. Du kannst dich nicht von der Vergangenheit lösen. Sie belastet dich auch hier. Immer siehst du Kummer, Verdruss und Böses auf uns zukommen. Vergiss die Vergangenheit, Patricia! Machen wir uns das Leben nicht selbst zur Hölle. Wir sollten uns von all dem Düsteren befreien und voll Vertrauen in die Zukunft blicken. Ron gab uns ein neues Heim. Wir können nur eins tun, ihm nämlich für die Güte zu danken. Lass uns jetzt den Tisch decken und die Hungrigen rufen. Du wirst sehen, alles wird gut werden."

Ein wenig später wurde zum Essen gerufen. Die Männer kamen ins Haus und nahmen Platz. Ron kam aus seinem Zimmer, nahm am Kopf des Tisches Platz und bat, kräftig zuzulangen. Man hörte in der Folge nur das Klappern des Geschirres. Jeder musste anerkennen, dass die Schwestern vorzügliche Köchinnen waren.

Den Frauen entging Jeromes geschwollenes Gesicht nicht. Als dieser ihre Blicke bemerkte, sagte er sich entschuldigend:

„Ich war sehr ungeschickt und bin gegen eine Tür gelaufen."

Bei diesen Worten warf er seinem ältesten Bruder einen Blick zu, der nichts Gutes verhieß. Henry grinste nur. Es kam eine nur belanglose Unterhaltung in Gang, an der Ron sich nicht beteiligte. Ron saß nach dem Essen ein wenig schläfrig am Tisch und sah zu, wie Nat die von ihm erlegte Antilope in die Küche trug, um sie aufzubrechen und zu zerlegen.

Ron spürte, dass die vier Männer ihn beobachteten. Alle vier waren älter als er, dazu schienen sie ihm körperlich überlegen zu sein.

„Man sagt, dass du wochenlang auf Jagd und Fischfang gehst, Ron", wandte sich Henry an ihn. „Kann man das tun, ohne seinen Nachbarn eine Nachricht zu hinterlassen?"

Details

Seiten
170
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903195
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (August)
Schlagworte
wirbelnde hufe

Autor

Zurück

Titel: Wirbelnde Hufe