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Bruderschaft der Piraten

2016 179 Seiten

Leseprobe

Vorwort

Black Terence Vulmea ist eine weitere schillernde Gestalt in der Reihe erdachter Haudegen aus der abenteuerlichen Zeit der Karibik-Piraten.

Piratengeschichten waren gängige Kost für den Leser der Abenteuer-Magazine der zwanziger und dreißiger Jahre. Da ist vor allem zu nennen ADVENTURE MAGAZINE, das auch Robert E. Howard verschlang. Darin waren es vor allem Autoren wie Harold Lamb und Talbot Mundy, die Howard in seinen historischen und orientalischen Abenteuergeschichten inspirierten.

Darin erschien aber auch erstmals Rafael Sabatinis großartiger Roman CAPTAIN BLOOD, gefolgt von THE SEA HAWK. Und es ist wohl nicht weit hergeholt, anzunehmen, daß Sabatinis Erzählungen Howard faszinierten und ihn zu Black Vulmeas Abenteuern inspirierten.

Sowohl die Gestalt Vulmeas als auch seine Abenteuer sind unverwechselbar Howard. Vulmea ist der »gute« Schurke, der zwar nicht die Gesetze, wohl aber moralische Werte achtet. Er ist vor allem ein Kämpfer, ein Krieger, nicht weniger barbarisch als Conan. In der Tat wären Conans Abenteuer in der Karibik, hätte es ihn in dieser Welt und in dieser Zeit gegeben, wohl ähnlich verlaufen.

Und Howard begnügt sich nicht mit den typischen Elementen der Piratenerzählung. Wie in seinen besten Fantasy-Abenteuern begegnen wir auch hier alten, längst verlassenen Städten, in denen das Grauen lauert, übernatürlicher Rache und legendären Schätzen, die der Tod in vielerlei Gestalt bewacht.

Über Black Terence Vulmea schrieb Howard nur die beiden vorliegenden Novellen. Keine wurde zu seinen Lebzeiten veröffentlicht.

BLACK VULMEAS RACHE erschien 1938, zwei Jahre nach Howards Tod, in dem Magazin GOLDEN FLEECE.

DIE ROTE BRUDERSCHAFT erschien erstmals 1976 in der Buchausgabe BLACK VULMEA’S VENGEANCE.

Die Rote Bruderschaft

1.

Eben war die Lichtung noch leer gewesen, jetzt stand ein Mann mit angespannten Sinnen am Rand der Büsche. Kein Laut hatte die EicHornchen vor seinem Kommen gewarnt, aber die Vögel, die sich im Sonnenschein vergnügt hatten, erschraken über die plötzliche Erscheinung und flatterten in einem aufgeregt zeternden Schwarm hoch. Der Mann runzelte die Stirn und schaute hastig den Weg zurück, den er gekommen war, in der Befürchtung, die Vögel könnten seine Anwesenheit verraten haben. Dann machte er sich daran, vorsichtigen Schrittes die Lichtung zu überqueren. Trotz seiner großen, kräftigen Gestalt bewegte er sich mit der Geschmeidigkeit des Panthers.

Von einem Stoffetzen um seine Lenden abgesehen, war er nackt und seine Haut von Dornen zerkratzt und schmutzbedeckt. Um seinen muskulösen linken Arm hatte er einen Verband gewickelt, der eine braune Kruste aufwies. Sein Gesicht unter der zerzausten schwarzen Mähne war angespannt und ausgezehrt, und seine Augen brannten wie die eines verwundeten Tieres. Er hinkte ein wenig, als er den schmalen Pfad quer über die Lichtung hastete.

Etwa auf halbem Weg hielt er abrupt an und wirbelte herum, als er den langgezogenen Schrei aus dem Wald hinter sich vernahm. Er hörte sich fast wie das Heulen eines Wolfes an, aber er wußte genau, daß es kein Wolf war.

Grimm funkelte in seinen blutunterlaufenen Augen, während er den Pfad weiterlief, der, am Ende der Lichtung am Rand eines dichten, sich lückenlos unter den Bäumen dahin ziehenden Gestrüpps, entlang führte. Sein Blick fiel auf einen massiven, tief in die grasüberwucherte Erde eingebetteten Stamm. Er lag parallel zu dem Dickicht. Wieder hielt der Mann an und schaute über die Lichtung zurück. Einem ungeübten Auge verrieten keine Spuren, daß er diesen Weg gekommen war. Für seinen mit der Wildnis vertrauten Blick jedoch war seine Fährte deutlich erkennbar. Und er wußte, daß auch seine Verfolger sie mühelos lesen konnten. Er knurrte lautlos. Die verzehrende Wut eines gejagten Tieres, das bereit ist, sich zum Kampf auf Leben und Tod zu stellen, glühte in seinen Augen. Er zog Kriegsbeil und Jagdmesser aus dem Gürtel, der sein Lendentuch hielt.

Dann schritt er schnell und mit absichtlicher Sorglosigkeit den Pfad hinunter und zerdrückte, ebenfalls mit voller Absicht, hier und da das Gras. Doch als er das hintere Ende des großen Stammes erreicht hatte, sprang er auf ihn, drehte sich um und rannte darauf leichtfüßig zurück. Die Rinde war längst von Wind und Wetter angefressen, und auf dem kahlen Holz hinterließ er keine Spuren, die seinen Verfolgern verraten konnten, daß er umgekehrt war. Als er die dichteste Stelle des Buschwerks erreichte, verschwand er darin wie ein Schatten und fast ohne daß sich auch nur ein Blättchen regte.

Die Minuten verstrichen. Die EichHornchen beschäftigten sich wieder sorglos auf den Bäumen – und drückten sich plötzlich stumm an die Äste. Wieder kam jemand auf die Lichtung. So lautlos wie der erste Mann, tauchten drei weitere Männer aus dem Ostrand des Waldes auf. Dunkelhäutig waren sie und nackt, von ihren perlenverzierten Lendentüchern und Mokassins aus Wildleder abgesehen. Und sie waren furchterregend bemalt.

Sie hatten vorsichtig auf die Lichtung hinausgespäht, ehe sie nun, dicht hintereinander, hinaustraten und sich über den Pfad beugten. Selbst diesen menschlichen Bluthunden fiel es nicht leicht, die Spur des Weißen zu verfolgen. Während sie sich langsam über die Lichtung bewegten, hielt der vorderste an, brummte etwas und deutete mit der Feuersteinspitze seines Speeres auf einen zerdrückten Grashalm, wo der Pfad wieder in den Wald mündete. Abrupt blieben auch die anderen stehen, und ihre kleinen schwarzen Augen suchten den Waldrand ab. Aber ihr Opfer war gut verborgen. Nichts verriet, daß es sich nur wenige Meter von ihnen entfernt versteckt hielt. Schließlich schritten sie weiter, schneller jetzt, daß sie den schwachen Spuren folgen konnten, die scheinbar verrieten, daß ihre Beute aus Erschöpfung oder Verzweiflung unvorsichtig geworden war.

Als sie an der Stelle vorbeikamen, wo der alte Pfad dem Dickicht am nächsten kam, sprang der Weiße hinter ihnen heraus und stieß dem letzten der drei sein Messer zwischen die Schulterblätter. Der Angriff war so schnell und unerwartet, daß der Indianer keine Chance hatte, sich zu retten. Die Klinge steckte in seinem Herzen, noch ehe er überhaupt ahnte, daß er sich in Gefahr befand. Die beiden anderen wirbelten mit der Geschwindigkeit einer zuschnappenden Falle herum, doch noch während das Messer des Weißen sich eingrub, schwang er das schwere Kriegsbeil in seiner Rechten, und der zweite Indianer sackte mit gespaltenem Schädel ins Gras.

Der übriggebliebene giff mit ungeheurer Wildheit an. Er stach nach der Brust des Weißen, als der das Beil aus dem Kopf der Leiche riß. Er schleuderte dem Wilden den schlaffen Körper des Toten entgegen und griff mit verzweifelter Heftigkeit an. Der Indianer, der unter der Wucht der Leiche rückwärtstaumelte, unternahm keinen Versuch, das Beil abzuwehren. Der Instinkt zu töten überschwemmte sogar den, zu überleben, und so stieß er seinen Speer grimmig gegen die Brust seines Feindes. Aber der Weiße hatte nicht nur den Vorteil schnellerer Reflexe, sondern auch eine Waffe in jeder Hand. Sein Kriegsbeil schlug den Speer zur Seite, und das Jagdmesser in der kräftigen Linken riß den bemalten Bauch auf.

Ein schreckliches Heulen drang aus den Lippen des Indianers, als er blutüberströmt zusammenbrach. Es war kein Schrei aus Angst oder Schmerz, sondern aus Überraschung und tierischer Wut – der Todesschrei eines Raubtieres. Ein wildes Geheul aus vielen Kehlen antwortete aus einiger Entfernung östlich der Lichtung. Der Weiße wirbelte herum, duckte sich wie ein gestellter Wolf mit gefletschten Zähnen. Blut sickerte aus dem Verband um seinen linken Arm.

Mit einer keuchenden Verwünschung drehte er sich um und floh westwärts. Er gab sich jetzt keine Mühe mehr, Spuren zu vermeiden, sondern rannte mit aller Flinkheit seiner langen Beine. Eine Weile blieb es still in dem Wald hinter ihm, doch dann schrillte ein dämonisches Heulen von der Stelle, die er gerade verlassen hatte. Seine Verfolger hatten die Toten gefunden. Der Weiße hatte nicht genügend Atem zum Fluchen übrig, und das Blut aus seiner aufgebrochenen Wunde ließ eine Fährte zurück, der selbst ein Kind folgen konnte. Er hatte gehofft, die drei Indianer wären die letzten des Kriegertrupps gewesen, die ihn noch verfolgten. Aber er hätte wissen müssen, daß diese menschlichen Wölfe nie eine blutige Spur aufgaben.

Es war nun wieder still. Das bedeutete, daß sie hinter ihm herrasten, und er konnte das Blut nicht stillen, das seinen Weg verriet.

Der Westwind wehte ihm ins Gesicht. Er trug salzige Feuchtigkeit mit sich. Vage wunderte der Weiße sich. Wenn er sich dem Meer so nahe befand, hatte die Verfolgung mehr Zeit in Anspruch genommen, als ihm bewußt geworden war. Doch jetzt würde es bald zu Ende sein. Selbst seine wölfische Vitalität verebbte unter der ungeheuren Anstrengung. Er rang nach Atem, und seine Seite stach. Seine Beine zitterten vor Erschöpfung, und das hinkende Bein schmerzte bei jedem Aufsetzen des Fußes, als steche ein Messer in die Sehnen. Er war bisher dem Instinkt der Wildnis gefolgt, die sein Lehrmeister war, und hatte jeden Nerv, jeden Muskel angespannt und jeden Trick angewandt, um zu überleben, doch jetzt in seiner Bedrängnis folgte er einem anderen Instinkt und suchte eine Stelle, wo er mit gedecktem Rücken sein Leben so teuer wie möglich verkaufen konnte.

Er verließ den Pfad nicht, um in das Dickicht links oder rechts einzutauchen. Er wußte, wie hoffnungslos es wäre, sich jetzt noch vor seinen Verfolgern verkriechen zu wollen. Weiter rannte er, während das Blut immer lauter in seinen Ohren pochte und jeder Atemzug trockenen Schmerz in seiner Kehle hervorrief. Ein wildes Geheul brach hinter ihm aus. Es bedeutete, daß sie ihm schon dicht auf den Fersen waren und damit rechneten, ihn in Kürze einzuholen. Wie ausgehungerte Wölfe würden sie jetzt kommen, jeder Sprung von einem Heulen begleitet.

Plötzlich waren die Bäume zu Ende. Vor ihm lag ein Hang, und der alte Pfad wand sich zwischen steinigen Leisten und zerklüfteten Felsblöcken hoch. Der Berg verschwamm rot vor seinem Blick. Er sah kahlen, schroffen Fels, der sich vom Wald an seinem Fuß steil erhob. Der schmale Pfad führte zu einem breiten Sims in Gipfelnähe.

Dieses Sims war kein schlechter Ort zum Sterben. Der Weiße hinkte den Pfad hoch, an den steileren Stellen auf allen vieren, mit dem Jagdmesser zwischen den Zähnen. Er hatte das vorspringende Sims noch nicht erreicht, als etwa vierzig Rothäute mit Kriegsbemalung aus dem Wald stürmten.

Ihr Gebrüll hob sich zu einem teuflischen Krescendo, als sie zum Fuß der Felswand rasten und dabei ihre Pfeile abschossen. Die Schäfte schwirrten um den Mann, der verbissen weiter hochkletterte. Ein Pfeil drang in seine Wade. Ohne anzuhalten, zog der Weiße ihn heraus und warf ihn von sich, ohne auf die schlechter gezielten Geschosse zu achten, die gegen den Fels um ihn splitterten. Grimmig zog er sich über den Rand des Simses und drehte sich um. Er nahm Kriegsbeil und Jagdmesser in die Hände und starrte im Liegen über den Simsrand hinunter auf seine Verfolger Nur seine wilde Mähne und die funkelnden Augen waren zu sehen. Seine mächtige Brust hob und senkte sich heftig, als er in gewaltigen Zügen die Luft einsog, doch dann mußte er die Zähne zusammenbeißen, um gegen eine aufsteigende Übelkeit anzukämpfen.

Die Krieger kamen rasch naher. Sie sprangen leichtfüßig über die Steine am Fuß des Berges. Einige tauschten ihre Kriegsbeile gegen Bogen aus. Der erste, der den Fels erreichte, war der stämmige Häuptling mit einer Adlerfeder im geflochtenen Haar. Als er einen Fuß auf dem steil aufwärts führenden Pfad und einen Pfeil an der Sehne hatte, hielt er an und warf den Kopf zurück, um einen Kriegsschrei auszustoßen Aber der Pfeil verließ die Sehne nicht. Der Häuptling erstarrte zur Reglosigkeit einer Statue, und die Blutlust in seinen schwarzen Augen machte erschrockener Überraschung Platz. Mit einem Heulen wich er zurück und schwang die Arme weit, um seine herbeistürmenden Brüder aufzuhalten. Der Weiße auf dem Sims verstand ihre Sprache, aber er befand sich zu hoch über ihnen, um sich der Bedeutung der hervorgestoßenen Befehle des Häuptlings klar zu werden.

Jedenfalls verstummte das allgemeine Kriegsgeheul und alle starrten hoch – nicht zu dem Mann auf dem Sims, sondern zum Berg. Ohne weiteres Zögern lösten sie die Sehnen ihrer Bögen und schoben diese in ihre Wildlederhüllen neben den Köchern. Dann drehten sie sich um und trotteten zum Wald, in dem sie ohne einen Blick zurück verschwanden.

Der Weiße starrte ihnen verwirrt nach. Er wußte, daß sie die Verfolgung endgültig aufgegeben hatten, daß sie nicht zurückkommen würden. Sie befanden sich zweifellos bereits auf dem Heimweg zu ihren Wigwams, gut hundert Meilen im Osten. Aber es war ihm unerklärlich. Was war an seiner Zuflucht, das einen ganzen blutdurstigen Kriegertrupp dazu bringen konnte, eine Beute aufzugeben, die sie so lange mit der Hartnäckigkeit ausgehungerter Wölfe verfolgt hatten? Es gab eine blutige Rechnung zwischen ihnen. Er war ihr Gefangener gewesen und war ihnen entkommen, und auf seiner Flucht hatte ein berühmter Häuptling sein Leben verloren. Deshalb hatten die Rothäute ihn so verbissen über breite Flüsse und Berge und endlose düstere Wälder, selbst durch die Jagdgrunde eines verfeindeten Stammes gehetzt Und jetzt waren die Überlebenden dieser langen Verfolgungsjagd ausgerechnet in dem Augenblick umgekehrt, als ihr Feind in die Enge getrieben war. Verwirrt schüttelte der Weiße den Kopf.

Er war momentan nicht dazu imstande, über dieses Rätsel nachzugrübeln.

Vorsichtig erhob er sich, schwindlig von der schier endlosen Anstrengung, und er war kaum in der Lage, zu begreifen, daß die Hetzjagd tatsächlich zu Ende war. Seine Glieder waren steif, seine Wunden schmerzten. Er spuckte trockenen Staub und wischte sich fluchend mit dem Handrücken die blutunterlaufenen Augen aus. Blinzelnd schaute er sich um. Unter ihm streckte sich die grüne Wildnis in weiten, ununterbrochenen Wellen aus, und über ihrem Westrand erhob sich ein stahlblauer Dunst, der, wie er wußte, nur über dem Meer hängen konnte Der Wind spielte mit seiner schwarzen Mahne, und die salzige Luft erfrischte ihn In tiefen, belebenden Atemzugen sog er sie mit geschwellter Brust ein.

Dann drehte er sich um, fluchte über den Schmerz in seiner blutenden Wade, und betrachtete den Sims, auf dem er stand, naher Dahinter erhob sich eine steile Felswand bis zum etwa zehn Meter hoher liegenden Kamm Einkerbungen für Hände und Füße, einer schmalen Leiter ähnlich, führten hoch Und ein paar Schritte entfernt befand sich ein Spalt in der Wand, der breit genug war, einem Menschen Einlaß zu gewähren.

Er hinkte dorthin, spähte hinein und fluchte heftig. Die Sonne, die hoch über dem westlichen Wald stand, schien schräg hinein. Sie offenbarte eine tunnelähnliehe Höhle und an ihrem Ende eine große, eisenbeschlagene Tür.

Ungläubig kniff er die Augen zusammen. Dieses Land war absolute Wildnis. Mindestens tausend Meilen weit befand sich entlang der Küste keine Stadt. Hier hausten nur vereinzelte Stämme, die sich von Fischen ernährten, und die noch primitiver waren als ihre in den Wäldern lebenden Brüder. Bisher hatte er nie daran gezweifelt, daß er der erste Weiße war, der je den Fuß in diese Gegend gesetzt hatte. Doch jetzt war da diese geheimnisvolle Tür, die ihrem Aussehen nach europaischen Ursprungs sein mußte.

Da er sie sich nicht erklären konnte, erregte sie sein Mißtrauen, und so näherte er sich ihr voll Argwohn, mit Beil und Messer in den Händen. Als seine blutunterlaufenen Augen sich an die sanfte Dämmerung hinter den leuchtenden Sonnenstrahlen gewohnt hatten, die hier wie ein Lichtschacht herabfielen, fiel ihm noch etwas anderes auf.

Große, eisenbeschlagene Ebenholztruhen reihten sich an beiden Wänden aneinander. Er beugte sich über eine, aber der Deckel ließ sich nicht öffnen. Als er bereits sein Beil erhoben hatte, um das alte Schloß zu zerschmettern, überlegte er es sich und hinkte statt dessen, mit den Waffen bereit, zur Tür. Er drückte gegen das mit kunstvollen Schnitzereien verzierte Holz. Widerstandslos schwang die schwere Tür auf.

Da änderte seine Haltung sich erneut. Mit einem Fluch auf den Lippen zuckte er blitzartig zurück. Beil und Jagdmesser fest umklammernd, blieb er drohend stehen und streckte den Hals vor, um durch die Tür zu schauen. In dem großen natürlichen Gewölbe war es etwas dunkler als auf dem Höhleneingang, aber ein schwaches Leuchten ging von einem glänzenden Haufen in der Mitte des großen Ebenholztisches aus, um den herum die schweigenden Gestalten saßen, deren Anwesenheit ihn im ersten Augenblick so erschreckt hatte.

Sie rührten sich nicht, wandten sich ihm nicht zu.

»Seid ihr alle betrunken?« fragte er barsch.

Niemand antwortete. Der Weiße war nicht leicht aus der Fassung zu bringen, aber diese Mißachtung erboste ihn doch ein wenig.

»Ihr könntet mir zumindest ein wenig von eurem Wein anbieten«, knurrte er »Beim Satan, man sollte meinen, ihr würdet einen, der zu eurer Bruderschaft gehört, ein wenig freundlicher aufnehmen. Wollt ihr ...«

Er verstummte und starrte eine Weile stumm auf diese Gestalten, die so ungewöhnlich still und schweigsam um den großen Ebenholztisch saßen.

»Sie sind nicht betrunken«, murmelte er schließlich. »Sie trinken ja überhaupt nicht. Was, zum Teufel, bedeutet das?«

Er trat über die Schwelle und kämpfte im nächsten Augenblick gegen unsichtbare Finger, die sich würgend um seine Kehle gelegt hatten.

2.

An der Küste, nur wenige Meilen von der Höhle entfernt, in der die stillen Gestalten saßen, ballten sich andere, dichtere Schatten über das miteinander verknüpfte Geschick bestimmter Menschen.

Francoise d’Chastillon stupste mit einer Zehe in zierlichen Schuhen gegen eine Muschel und verglich ihren rosigen Rand mit dem ersten Rot des neuen Morgens über der dunstigen Küste. Zwar war der Morgen schon fortgeschritten, aber die Sonne noch nicht lange aufgegangen, und der perlgraue Dunst, der über das Wasser trieb, hatte sich noch nicht aufgelöst.

Francoise hob das exquisit geformte Gesicht und blickte über eine fremde, abstoßende Szene, die ihr doch auf ermüdende Weise in jeder Einzelheit vertraut war. Von ihren Füßen erstreckte sich der braune Sand bis zu den sanften Wellen, die sich westwärts im blauen Dunst des Horizonts verloren. Sie stand am südlichen Bogen der Bucht, und weiter gegen Süden stieg das Land zu dem niedrigen Kamm an, der ein Horn der Bucht bildete. Von diesem Kamm konnte man südwärts über die trostlose Weite des Wassers blicken, bis in unendliche Ferne, genau wie dem Westen und Norden zu.

Als sie sich landeinwärts wandte, schaute sie abwesend über die Festung, die seit einem Jahr ihr Zuhause war. Das goldene und scharlachrote Banner ihres Hauses hob sich flatternd gegen den blauen Himmel ab. Sie sah Menschen in den Gärten und Feldern um das Fort arbeiten, das seinerseits von dem düsteren Wall des Waldes zurückzuschrecken schien, der sich nord- und südwärts erstreckte, so weit sie sehen konnte. Jenseits davon, dem Osten zu, hob sich eine Gebirgskette in den Himmel, die die Küste vom Kontinent dahinter trennte. Francoise fürchtete den Wald vor diesen Bergen, und jeder in der winzigen Siedlung teilte ihre Furcht. Der Tod lauerte in seinen wispernden Tiefen, ein schrecklicher Tod, ein Tod langsam und grauenvoll, immer drohend.

Sie seufzte und stapfte lustlos zum Rand des Wassers. Jeder der sich eintönig dahinschleppenden Tage war von der gleichen Farbe, und die Welt der Städte und Höfe und der Fröhlichkeit schien sich nicht nur Tausende von Meilen entfernt zu befinden, sondern auch in unendlicher Vergangenheit. Wieder grübelte sie vergebens darüber nach, was einen französischen Grafen dazu geführt haben mochte, mit seinem Gefolge und Gesinde an diese wilde Küste zu fliehen und das Schloß seiner Vorfahren gegen ein Blockhaus zu tauschen.

Ihre Augen wurden weicher, als sie die leisen Schritte auf dem Sand hörte. Ein Mädchen, ein Kind noch, kam völlig nackt über den niedrigen, sandigen Kamm gerannt. Das flachsfarbige Haar klebte naß an dem zarten Kopf. Die blauen Augen waren weit vor Aufregung.

»O meine Lady!« rief die Kleine. »Meine Lady!«

Atemlos von ihrem Lauf machte sie unverständliche Gesten. Francoise lächelte und legte einen Arm um das Kind. In ihrem einsamen Leben schenkte Francoise alle Zärtlichkeit ihres liebevollen Wesens der armen Waise, die sie in der französischen Hafenstadt, dem Beginn ihrer langen Seereise, unter ihre Fittiche genommen hatte.

»Was gibt es denn, Tina? Hol mal erst tief Luft, Kind.«

»Ein Schiff!« rief das Mädchen und deutete südwärts. »Ich schwamm im Teich, den die See südlich des Kammes im Sand ausgehöhlt hat, da sah ich es. Ein Schiff, das aus dem Süden herbeisegelt!«

Am ganzen Körper vor Aufregung zitternd, zog sie an Francoises Hand. Auch das Herz der jungen Frau schlug bei dem Gedanken an einen Besucher schneller. Seit sie zu dieser öden Küste gekommen waren, hatten sie noch kein Segel gesehen.

Tina flitzte vor ihr her über den gelben Sand, rannte den niedrigen gewellten Kamm hoch und blieb dort abwartend stehen – eine schmale weiße Gestalt, die sich mit flatterndem Haar und einem ausgestreckten Arm vom heller werdenden Himmel abhob.

»Seht doch, meine Lady!«

Francoise hatte es bereits gesehen – ein weißes, vom Wind geblähtes Segel strandaufwärts, nur wenige Meilen von der Buchtspitze entfernt. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Selbst ein unbedeutendes Ereignis kann Farbe und Aufregung in ein eintöniges Leben bringen, aber Francoise hatte das ungute Gefühl, daß dieses Segel nicht zufällig hierhergekommen war. Der nächste Hafen war Panama, Tausende von Meilen im Süden. Was brachte diesen Fremden zur einsamen d’Chastillon Bucht?

Tina schmiegte sich an ihre Herrin. Angst sprach aus ihren schmalen Zügen.

»Wer – wer kann es sein, meine Lady?« stammelte sie. »Ist es der Mann, den der Graf fürchtet?«

Francoise blickte mit gerunzelter Stirn auf sie hinab.

»Weshalb sagst du das, Kind? Woher weißt du, daß mein Onkel jemanden fürchtet?«

»Es muß so sein«, antwortete Tina naiv, »weshalb würde er sich sonst an diesem einsamen Ort verstecken? Seht, meine Lady, wie schnell das Schiff ist!«

»Wir müssen meinen Onkel darauf aufmerksam machen«, murmelte Francoise. »Hol deine Sachen, Kind. Beeil dich!«

Das Mädchen rannte den Hang zum Teich hinunter, wo sie geschwommen war, als sie das Schiff entdeckte, und griff nach Strümpfen, Schuhen und Kleid im Sand. Sie eilte zum Kamm zurück und zog sich im Laufen an.

Francoise, die besorgt das näherkommende Schiff im Auge behielt, griff nach ihrer Hand, und zusammen hasteten sie zum Fort.

Eine kurze Weile nachdem sie durch das Tor der Palisadenfestung gekommen waren, rief schriller Hornerschall sowohl die erschrockenen Arbeiter in den Gärten und Feldern zurück, als auch die Männer, die gerade die Bootshaustüren geöffnet hatten, um die Fischerboote zum Wasser hinunter zu schieben.

Jeder außerhalb des Forts ließ alles liegen und stehen und rannte zur Festung zurück. Jeder schaute ängstlich über die Schulter zu dem dunklen Rand des Waldes im Osten. Kein einziger blickte seewärts.

Sie drängten durch das Tor und erkundigten sich bei den Wachen auf den Wehrgängen unterhalb der Palisadenspitzen.

»Was ist los? Weshalb wurden wir zurückgerufen? Kommen die Indianer?«

Als Antwort deutete ein wortkarger Bewaffneter südwärts. Von seiner erhöhten Position aus war das Segel jetzt bereits zu sehen. Männer kletterten zu dem Wehrgang hoch und starrten auf das Meer hinaus.

Von einem kleinen Aussichtsturm am Dach des Forts aus beobachtete Graf Henri d’Chastillon das näher kommende Segel, während es um die Spitze des südlichen Horns bog. Der Graf war ein hagerer Mann gegen Ende seiner mittleren Jahre. Sein Gesicht wirkte düster. Seine Kniehose und das Wams waren aus schwarzer Seide. Das einzige, was ihm ein wenig Farbe verlieh, waren die funkelnden Juwelen an seinem Degengriff, und das Weinrot des Umhangs, der von einer Schulter hing. Er drehte nervös seinen dünnen schwarzen Schnurrbart und wandte sich düsteren Blickes an seinen Majordomus – ein Mann mit ledrigem Gesicht, in Satin und Stahl gekleidet.

»Was haltet Ihr davon, Gallot?«

»Ich habe dieses Schiff schon einmal gesehen«, antwortete der Majordomus. »Nein, ich glaube – seht doch!«

Die Schreie unter ihnen echoten seine Worte. Das Schiff war um die Landspitze gekommen und segelte nun schräg durch die Bucht. Alle sahen die Flagge, die plötzlich vom Topp flatterte – es war eine schwarze Fahne mit in der Sonne glänzendem weißen Totenschädel und überkreuzten Knochen darunter.

»Ein verdammter Pirat!« fluchte Gallot. »O ja, ich kenne das Schiff. Es ist Harstons ›War-Hawk‹. Was sucht er an dieser einsamen Küste?«

»Es bedeutet nichts Gutes«, brummte der Graf. Das massive Tor war geschlossen, und der Hauptmann der Wache, in glänzenden Stahl gerüstet, wies seinen Männern die Posten an, einigen auf dem Wehrgang, anderen an den niedrigen Schießöffnungen. Er teilte seine Hauptmacht entlang der Westpalisaden ein, in deren Mitte sich das Tor befand.

Hundert Mann teilten Graf Henris Exil, und zwar sowohl Soldaten als auch Gesinde. Soldaten waren es vierzig, Veteranen, die Rüstung trugen und wohlerfahren im Umgang mit Säbel und Arkebuse waren. Die anderen, Hausbedienstete und Arbeiter, trugen Hemden aus festem Leder, und waren hauptsächlich mit Jagdbogen, Holzfälleräxten und Jagdspeeren bewaffnet. Standhafte, kräftige Männer waren sie allesamt, die nun diszipliniert ihre Posten bezogen und finsteren Blickes das näherkommende Schiff beobachteten, dessen Messingteile in der Sonne blitzten. Entlang der Reling sahen sie das Glitzern von Stahl, und sie hörten das Gebrüll der Seeleute.

Der Graf hatte den Turm verlassen und sich in Helm und Brustharnisch zu den Palisaden begeben. Die Frauen seiner Leute standen schweigend vor den Türen ihrer Blockhütten innerhalb des Forts, und bemühten sich um Ruhe bei ihren Kindern. Francoise und Tina schauten aus einem oberen Fenster der Festung, und Francoise spürte das Zittern des Kindes, um das sie schützend den Arm gelegt hatte.

»Sie werden beim Bootshaus Anker werfen«, murmelte Francoise. »Ja, da ist das Schiff schon, etwa hundert Meter vom Strand entfernt. Hab keine Angst, Kind. Sie können das Fort nicht einrennen. Vielleicht wollen sie nur frisches Wasser und Fleisch.«

»Sie rudern in langen Booten an Land!« rief das Mädchen. »O meine Lady, ich fürchte mich so! Wie die Sonne von ihren Piken und Enterhaken brennt! Werden sie uns fressen?«

Trotz ihrer eigenen Angst mußte Francoise lachen.

»Natürlich nicht! Wie kommst du denn darauf?«

»Jaques Piriou sagte mir, daß die Engländer Frauen essen.«

»Er wollte dich nur aufziehen. Die Engländer sind zwar grausam, aber auch nicht schlimmer als die Franzosen, die sich Bukanier nennen. Piriou war einer von ihnen.«

»Er war grausam«, murmelte das Mädchen. »Ich bin froh, daß die Indianer ihm den Kopf abgeschlagen haben.«

»Aber Kind!« Francoise schauderte. »Sieh doch, sie sind am Strand angelangt und sammeln sich dort. Einer kommt auf das Fort zu. Das muß Harston sein.«

»Fort, ahoi!« erschallte eine Stimme so rauh wie der Wind. »Ich komme unter der weißen Flagge!«

Der behelmte Kopf des Grafen tauchte über den Palisadenspitzen auf und musterte den Piraten ernsten Gesichts. Harston war gerade innerhalb Hörweite stehengeblieben. Er war ein großer Mann.

»Sprich!« befahl Henri. »Ich habe wenig Zeit für Männer deiner Sorte!«

Harston lachte mit den Lippen, nicht mit den Augen.

»Ich hätte nie gedacht, Euch an dieser kahlen Küste zu begegnen, d’Chastillon. Beim Teufel, ich war ganz schön überrascht, als ich den scharlachroten Falken über einer Festung flattern sah, wo ich nackten Fels erwartete. Ihr habt sie natürlich gefunden?«

»Wen gefunden?« schnaubte der Graf ungeduldig.

»Versucht nicht, es abzustreiten!« Das cholerische Wesen des Piraten brach flüchtig durch. »Ich weiß, weshalb Ihr hierher gekommen seid. Und ich kam aus demselben Grund. Wo habt Ihr Euer Schiff?«

»Das geht dich überhaupt nichts an!«

»Ihr habt gar keines!« trumpfte der Pirat auf. »Ich sehe Teile der Galeonenmaste bei Euren Palisaden. Ihr habt Schiffbruch erlitten! Sonst wärt Ihr mit Eurer Beute längst von hier verschwunden!«

»Wovon sprichst du überhaupt, verdammt!« schrie der Graf. »Bin ich vielleicht ein Pirat, der brandschatzt? Doch selbst wenn, was könnte ich an dieser öden Küste plündern?«

»Das, weshalb Ihr hierherkamt«, antwortete der Pirat kalt. »Das gleiche, hinter dem ich her bin. Mit mir ist leicht auszukommen. Ihr braucht es mir nur auszuhändigen, dann verschwinden wir wieder und lassen euch alle in Frieden.«

»Du mußt verrückt sein!« brüllte Henri. »Ich kam hierher der Ruhe und Abgeschiedenheit wegen, die ich auch genoß, bis du aus dem Meer gekrochen kamst, gelbköpfiger Hund! Hebe dich hinweg! Ich habe nicht um eine Unterhaltung gebeten und bin dieses sinnlosen Geredes müde.«

»Wenn ich gehe, lasse ich dieses lächerliche Fort in Schutt und Asche zurück!« donnerte der Pirat in plötzlicher Wut. »Zum letztenmal – wollt Ihr, um Euer Leben willen, mit der Beute herausrücken? Ihr seid hier meiner Gnade ausgeliefert. Ich habe hundert Mann, die es kaum erwarten können, euch die Kehlen durchzuschneiden!«

Als Antwort gab der Graf unterhalb der Palisadenspitzen ein schnelles Zeichen. Sofort knallte ein Luntengewehr durch eine der Schießöffnungen, und eine Strähne blonden Haares löste sich von Harstons Kopf. Der Pirat schrie wütend auf und rannte zum Strand zurück, während Kugeln den Sand hinter ihm aufwirbelten. Seine Männer brüllten und drängten mit in der Sonne glitzernden Klingen näher.

»Verdammter Hund!« wütete der Graf und hieb dem schlechten Schützen die eisenbehandschuhte Rechte auf den Schädel. »Weshalb hast du ihn verfehlt? Macht euch bereit, Männer! Sie kommen!«

Aber Harston hatte seine Leute erreicht und hielt sie auf. Die Piraten fächerten in einer langen Linie aus, die über die Ecken der Westpalisaden hinausreichte, und kamen vorsichtig, immer wieder Schüsse abfeuernd, näher. Die schweren Kugeln schlugen in die Palisaden, und die Verteidiger erwiderten das Feuer methodisch. Die Frauen hatten die Kinder inzwischen in die Blockhütten getrieben und erwarteten nun stoisch, welches Geschick die Götter auch immer für sie bereithielten.

Die Piraten behielten ihre Fächerformation bei und bedienten sich jeder Deckung, wie Mulden und vereinzelter Büsche – es waren wirklich nicht viele, denn das Terrain rings um das Fort war zum Schutz gegen Indianerüberfälle völllig gerodet worden.

Ein paar Tote lagen bereits auf dem sandigen Boden. Aber die Piraten waren flink wie Katzen, wechselten ständig ihre Positionen und boten durch ihre stete Bewegung ein schlechtes Ziel für die plumpen Luntengewehre. Der pausenlose Beschuß war eine nervenaufreibende Bedrohung für die Männer hinter dem Palisadenzaun. Trotzdem war es offensichtlich, daß der Vorteil bei den hinter ihrer Deckung geschützten Franzosen lag, solange es nur bei einem Schußwechsel blieb.

Doch unten am Bootshaus am Strand waren die Piraten mit Äxten am Werk. Der Graf fluchte grimmig, als er sah, was sie mit seinen Booten machten, die sie so mühsam aus den aus dicken Stämmen gesägten Planken hergestellt hatten.

»Sie bauen eine bewegliche Schutzwehr!« wütete er. »Einen Ausfall, ehe sie sie fertiggestellt haben – solange sie noch verstreut sind ...«

»Wir kommen in einem Handgemenge nicht gegen sie an«, gab Gallot zu bedenken. »Wir müssen hinter den Palisaden bleiben.«

»Was nur Sinn hat, solange wir sie abwehren können«, knurrte Henri.

Schließlich wurde die Absicht der Piraten klar, als ein Trupp von etwa dreißig Mann näherkam, der einen riesigen, aus den Planken der Boote und dem Holz des Bootshauses errichteten Schild vor sich herschob. Die Piraten hatten ihn auf die Räder – große massive Eichenscheiben – eines Ochsenkarrens befestigt, den sie entdeckt hatten. Und als sie ihn schwerfällig vor sich herschoben, konnten die Verteidiger nur die Füße der Herankommenden sehen.

»Schießt!« brüllte Henri. »Haltet sie auf!«

Kugeln drangen in die schweren Planken, und Pfeile befiederten sie, ohne den geringsten Schaden anzurichten. Ein höhnisches Gelächter beantwortete die Salve. Der Rest der Piraten kam ebenfalls heran, und ihre Kugeln fanden nun die Schießöffnungen. Einer der Söldner stürzte mit zerschmettertem Schädel vom Wehrgang.

»Schießt auf ihre Füße!« schrillte Henri. Und dann: »Vierzig Mann mit Piken und Äxten ans Tor! Der Rest bleibt auf den Palisaden!«

Sand spritzte unter den Kugeln zu Füßen der schildrollenden Piraten auf, einige fanden auch ihr Ziel. Aber der Schutzschild wurde an das Tor geschoben. Ein Rammbalken mit Eisenspitze kam aus einer Öffnung in der Mitte des Schildes und begann, von muskelbepackten Armen bedient, gegen das Tor zu hämmern. Es ächzte und gab ein wenig nach, während Pfeile und Kugeln in einem ständigen Hagel auf die Angreifer herabzischten, und manche trafen. Doch die Seewölfe waren von wilder Kampfeslust erfüllt. Mit lautem Brüllen schwangen sie den Rammbock, während ihre Kameraden, das bereits schwächere Feuer von den Wehrgängen mißachtend, von allen Seiten herbeigestürmt kamen.

Der Graf zog seinen Degen und rannte fluchend zum Tor. Ein Trupp seiner Söldner schloß sich ihm an. Jeden Augenblick würde das Tor nachgeben, dann mußten sie die Bresche mit ihren Leibern füllen. Da drang ein neuer Laut durch den Kampflärm − schrilles Trompetengeschmettere erschallte vom Schiff. Ein Mann auf der Saling fuchtelte wild mit den Armen.

Harston hörte es, während er gerade selbst am Rammbock mit Hand anlegte. Er stemmte die Beine gespreizt in den sandigen Boden, um den Balken während seines Rückwärtsschwungs anzuhalten. Die mächtigen Muskeln quollen an Armen und Beinen aus der Haut. Er lauschte. Schweiß perlte über sein Gesicht.

»Wartet!« brüllte er. »Verdammt, haltet an! So hört doch!«

Im einsetzenden Schweigen war der Trompetenschall jetzt deutlich zu vernehmen. Seine Stimme brüllte etwas, das die Menschen innerhalb des Palisadenzauns nicht verstehen konnten. Aber Harston verstand. Er hob die Stimme erneut in einem von Flüchen begleiteten Befehl. Die Piraten ließen den Rammbalken los, und der Schild wurde vom Tor zurückgezogen.

»Seht!« rief Tina an ihrem Fenster. »Sie laufen zum Strand zurück! Sie haben ihren Schild aufgegeben! Sie springen in die Boote und rudern zum Schiff. O meine Lady, haben wir gesiegt?«

»Ich glaube nicht«, antwortete Francoise, die seewärts blickte. »Schau!«

Sie zog die Vorhänge zur Seite und lehnte sich aus dem Fenster. Ihre klare junge Stimme hob sich über den Lärm. Die Männer blickten in die Richtung, in die sie deutete. Sie schrien überrascht auf, als sie ein weiteres Schiff majestätisch um die Südspitze biegen sahen. Während sie es mit großen Augen beobachteten, hißte es die Lilien Frankreichs.

Die Piraten kletterten die Seiten ihres Schiffes hoch und lichteten die Anker. Ehe das neue Schiff halb durch die Bucht gesegelt war, verschwand die ›War-Hawk‹ um die Spitze des Nordhorns.

3.

»Hinaus, schnell!« befahl der Graf und zerrte an den Sperrbalken des Tores. »Zerstört den Schild, ehe die Fremden landen können.«

»Aber das Schiff ist ein Franzose!« rief Gallot.

»Tut, was ich sage!« donnerte Henri. »Nicht nur Ausländer sind Feinde! Hinaus, Hunde! Macht Brennholz aus dem Schild!«

Dreißig Männer mit Äxten rannten hinunter zum Strand. Sie spürten die Gefahr, die ihnen von diesem Schiff drohte, und aus ihrer Hast sprach Panik. Die Menschen im Fort hörten, wie ihre Äxte das Holz zerschmetterten, und gleich darauf rasten die Männer zurück über den Sand, gerade, als das französische Schiff fast an der gleichen Stelle, wo die ›War-Hawk‹ gelegen hatte, Anker warf.

»Weshalb läßt der Graf das Tor schließen?« fragte Tina. »Hat er Angst, daß der Mann, den er fürchtet, auf dem Schiff ist?«

»Was meinst du damit, Tina?«

Der Graf hatte nie einen Grund für sein selbsterwähltes Exil genannt. Er gehörte nicht zu den Männern, die vor ihren Feinden flohen, obwohl Henri d’Chastillon viele Feinde hatte. Doch Tinas Überzeugung war beunruhigend, ja unheimlich.

Das Kind schien ihre Gegenfrage nicht gehört zu haben.

»Die Männer mit den Äxten sind zurück im Fort«, sagte Tina, »und das Tor wurde bereits wieder verriegelt. Die Männer behalten ihre Posten auf dem Wehrgang bei. Wenn dieses Schiff Harston gejagt hatte, weshalb verfolgt es ihn dann jetzt nicht weiter? Seht doch! Ein Mann kommt an Land! Ich sehe ihn am Bug. Er trägt einen dunklen Umhang.«

Das Beiboot scharrte über den Strand. Der Mann kam mit drei Begleitern gemächlich den Sand hoch. Er war groß und drahtig. Unter dem Umhang trug er schwarze Seide und glänzenden Stahl.

»Halt!« donnerte der Graf. »Ich verhandle nur mit eurem Führer!«

Der hochgewachsene Fremde nahm seinen Helm ab und verbeugte sich. Seine Begleiter blieben stehen und zogen ihre weiten Umhänge enger um sich. Die Seeleute hinter ihnen lehnten sich über ihre Ruder und starrten auf die Palisade.

Als der Fremde so nahe an das Tor herankam, daß es nicht mehr nötig war zu brüllen, um sich verständlich zu machen, sagte er: »Gewiß ist Mißtrauen unter Gentlemen unnötig.« Sein Französisch war ohne Akzent. Der Graf starrte ihn argwöhnisch an. Der Fremde war dunkel, hatte ein schmales Raubvogelgesicht und einen dünnen schwarzen Schnurrbart. An seinem Hals war feine Spitze zu sehen, genau wie an seinen Ärmelabschlüssen.

»Ich kenne Euch«, sagte Henri zögernd. »Ihr seid Guillaume Villiers.«

Wieder verbeugte sich der Fremde. »Und es gibt keinen, der den Roten Falken der d’Chastillons nicht kennen würde.«

»Mir scheint, diese Küste ist zum Treffpunkt aller Halunken der Karibik geworden!« knurrte Henri. »Was wollt Ihr von mir?«

»Aber Sir!« sagte Villiers mit tadelnder Stimme. »Was ist das für eine Begrüßung für einen, der Euch soeben einen großen Dienst erwiesen hat? War das nicht dieser englische Hund Harston, der Euer Tor zu rammen versuchte? Und hat er nicht Fersengeld gegeben, als er mich um die Spitze kommen sah?«

»Das wohl«, gab der Graf widerwillig zu. »Obgleich ein Pirat wie der andere ist.«

Villiers lachte, ohne sich beleidigt zu fühlen, und zwirbelte seinen Schnurbart.

»Ihr seid sehr offen, mein Lord. Ich bin kein Pirat! Ich habe vom Gouverneur von Tortuga einen Kaperbrief, um gegen die Spanier zu kämpfen. Harston dagegen ist ein Seeräuber ohne Freibrief von irgendeinem Monarchen. Ich ersuche lediglich um Eure Erlaubnis, in Eurer Bucht ankern und meine Männer auf Jagd in Eure Wälder schicken zu dürfen, damit wir uns mit Fleisch und Wasser versorgen können. Und für mich, dachte ich, würdet Ihr vielleicht ein Glas Wein übrig haben.«

»Also gut«, knurrte Henri. »Aber es kommt mir keiner Eurer Männer in das Fort, Villiers. Wenn einer sich auch nur näher als hundert Fuß heranwagt, hat er mit einer Kugel zu rechnen. Und ich warne Euch, die Hände von meinen Gärten und Rindern zu lassen. Drei junge Ochsen könnt Ihr als Frischfleich haben, aber nicht mehr!«

»Ich verbürge mich für das Benehmen meiner Leute«, versicherte ihm Vilhers »Gestattet Ihr, daß sie an Land gehen?«

Widerstrebend gab Henri seine Einwilligung. Vilhers verbeugte sich leicht spöttisch und zog sich gemessenen und würdevollen Schrittes zurück, als befände er sich am Hof von Versailles, wo er tatsächlich, wenn die Gerüchte nicht übertrieben, gern gesehen worden war.

»Laßt niemanden das Fort verlassen«, befahl Henri Gallot »Auch wenn er Harston aus unserer Bucht vertrieben hat, ist das noch lange keine Garantie, daß er uns nicht die Kehlen durchschneiden würde. Viele verdammte Halunken arbeiten für den König.«

Gallot nickte. Die Bukanier sollten nur spanische Schiffe kapern, aber Vilhers hatte keinen guten Ruf. Also rührte sich keiner von den Palisaden, als die Freibeuter an Land kamen. Es waren sonnenverbrannte Burschen mit Tüchern um den Kopf und von den Ohren baumelnden Goldringen. Mehr als hundert lagerten am Strand, und Vilhers verteilte Ausguckposten an beiden Spitzen. Die drei Ochsen, auf die Henri vom Wehrgang aus brüllend deutete, wurden zum Strand getrieben und geschlachtet. Feuer wurden angezündet, und man rollte ein Faß Wein heran und zapfte es an.

Andere Fässer füllte man mit Wasser aus einer Quelle, eine kurze Strecke südlich vom Fort, und vereinzelte Männer machten sich daran, in den Wald zu dringen. Als Henri das sah, brüllte er zu Vilhers hinunter: »Laßt Eure Leute nicht in den Wald gehen. Nehmt euch lieber noch einen Ochsen von der Weide, wenn euch das Fleisch nicht reicht. Wenn Eure Männer sich im Wald herumtreiben, könnte es leicht sein, daß die Rothaute sie überfallen. Wir schlugen kurz nachdem wir landeten, einen Angriff zurück, und seit wir hier sind, wurden nach und nach sechs meiner Leute von den Roten ermordet. Doch im Augenblick herrscht Waffenstillstand zwischen uns, auch wenn er an einem Haar hängt.«

Vilhers warf einen erschrockenen Blick auf den dunklen Wald, dann verbeugte er sich und sagte »Ich danke Euch für die Warnung, mein Lord!« Mit rauher Stimme, die einen krassen Gegensatz zu dem höflichen Ton bot, den er in einem Gesprach mit dem Grafen benutzte, rief er seine Männer zurück.

Hätten Vilhers Augen die Wand des Waldes durchdringen können, so wäre er gewiß über eine finstere Gestalt erschrocken, die dort lauerte und die Fremden mit grimmigen, schwarzen Augen beobachtete. Es war ein unbemalter Indianerkrieger, der, von einem Wildlederlendentuch und einer Habichtfeder über dem linken Ohr abgesehen, nackt war.

*

Mit dem Einbruch des Abends schob sich eine dünne graue Wand vom Meer aufs Land und verdunkelte den Himmel. Die Sonne versank in tiefem Rot und betupfte die Kronen der schwarzen Wellen mit blutigen Strahlen. Der Nebel kroch immer weiter. Er wallte um den Fuß des Waldes und kräuselte sich wie Rauch um das Fort. Die Feuer am Strand brannten tiefrot durch seine Schleier, und das Singen und Grölen der Bukamer wirkten dumpf wie aus weiter Ferne. Sie hatten altes Segeltuch vom Schiff mitgebracht und entlang des Strandes, wo immer noch Ochsenfleisch an Spießen brutzelte und der Wein allmählich zur Neige ging, einfache Zelte errichtet.

Das große Tor war fest verriegelt. Soldaten hielten mit Piken auf der Schulter Wache auf dem Palisadengang. Nebeltropfen glitzerten auf ihren Helmen. Sie blickten ein wenig beunruhigt hinunter zu den Feuern am Strand, konzentrierten jedoch ihren Hauptaugenmerk auf den Wald, der nur eine vage, dunkle Linie im Nebel war. Der Festungshof war menschenleer. Kerzen schimmerten schwach durch die Spalten in den Blockhütten, und Licht strahlte aus den Fenstern des Herrenhauses. Nichts war zu hören außer den Schritten der Wachen, den tropfenden Dachrinnen und dem fernen Singen der Bukanier.

Schwach drang das letztere in die große Banketthalle, in der Graf Henri mit seinem ungebetenen Gast bei einem Glas Wein saß.

»Eure Männer sind recht fröhlich, Sir«, brummte der Graf.

»Sie sind froh, wieder einmal Sand unter ihren Füßen zu spüren«, erwiderte Villiers. »Es war eine lange Fahrt – ja, eine lange, harte Jagd.« Er prostete der jungen Frau zu, und nahm einen Schluck.

Bedienstete standen reglos entlang der Wände – Soldaten mit Piken und Helmen, Lakaien in abgewetzten Satinlivreen. Henris Herrensitz in diesem wilden Land war nur ein armseliger Abklatsch seines Chateaus in Frankreich.

Das Herrenhaus, wie er es zu nennen beliebte, war für diesen Landstrich ohnehin ein Wunder. Hundert Männer hatten monatelang Tag und Nacht an seiner Errichtung gearbeitet. Die Stämme der Innenwände waren hinter schweren Seidenbehängen mit Goldstickerei verborgen. Bearbeitete und auf Hochglanz gebrachte Schiffsbalken bildeten die Träger der hohen Decke. Dicke Teppiche bedeckten den Boden genau wie den breiten Treppenaufgang, dessen massive Balustrade einst die Reling der Galeone gewesen war.

Ein Feuer in dem breiten, offenen Kamin vertrieb die klamme Kälte der Nacht. Kerzen in prächtigen silbernen Armleuchtern auf dem langen Mahagonitisch beleuchteten den Raum und warfen lange Schatten auf die Treppe. Graf Henri saß am Kopfende der Tafel, mit seiner Nichte rechts und Gallot links von ihm. Außerdem befanden sich noch der Hauptmann der Wache und Henris piratischer Gast am Tisch.

»Ihr habt Harston verfolgt?« fragte Henri. »Ihr habt ihn so weit gejagt?«

»Ich folgte Harston.« Villiers lachte. »Ich folgte ihm um das Horn, aber er floh nicht vor mir. Er war auf der Suche nach etwas, das auch ich begehre.«

»Was könnte einen Piraten in dieses kahle Land locken?« murmelte Henri.

»Was könnte einen französischen Grafen hierherlocken?« entgegnete Villiers.

»Die Verderbtheit eines Königshofs kann jeden Mann von Ehre vertreiben.«

»D’Chastillons von Ehre erdulteten die Verderbtheit schon seit einigen Generationen«, sagte Villiers. »Mein Lord, stillt meine Neugier – weshalb habt Ihr Eure Ländereien verkauft, Eure Galeone mit dem Mobiliar Eures Schlosses beladen und Euch von den Menschen zurückgezogen? Und weshalb habt Ihr Euch ausgerechnet hier niedergelassen, wo doch Euer Name Euch einen Platz in jedem zivilisierten Land verschafft hätte?«

Henri spielte mit der goldenen Siegelkette um seinen Hals.

»Weshalb ich Frankreich verließ, ist ganz allein meine Angelegenheit. Doch was mich hierher verschlug, war purer Zufall. Ich hatte meine sämtlichen Leute an Land gebracht und viel des von Euch erwähnten Mobiliars, da ich beabsichtigte, eine Zeitlang hier zu verweilen. Bedauerlicherweise wurde mein Schiff, das ich in der Bucht geankert hatte, gegen die Klippen der Nordspitze geworfen und durch einen unerwarteten Sturm aus dem Westen zerstört. Das raubte uns jede Möglichkeit, diesen Ort wieder zu verlassen.«

»Dann würdet Ihr also nach Frankreich zurückkehren, wenn Ihr könntet?«

»Nicht nach Frankreich. Nach China, vielleicht − oder nach Indien ...«

»Ist es nicht sehr eintönig hier für Euch, meine Lady?« Villiers wandte sich zum erstenmal direkt an Francoise.

Die Sehnsucht, endlich wieder einmal ein neues Gesicht zu sehen und eine neue Stimme zu hören, hatten das Mädchen in die Banketthalle getrieben. Doch jetzt wünschte sie, sie wäre mit Tina in ihrem Gemach geblieben. Die Bedeutung von Villiers’ Blick war unmißverständlich. Seine Sprache war gepflegt, der Ton respektvoll, aber es war doch nur eine Maske, durch die sie den gewalttätigen und finsteren Charakter des Mannes las.

»Es gibt wenig Abwechslung hier«, erwiderte sie leise.

»Wenn Ihr ein Schiff hättet«, wandte Villiers sich wieder an seinen Gastgeber, »würdet Ihr Eure Festung dann wieder aufgeben?«

»Vielleicht«, antwortete der Graf.

»Ich habe ein Schiff. Wenn wir zu einer Übereinkunft gelangen ...«

»Übereinkunft?« Henry starrte seinen Gast mißtrauisch an.

»Ich würde mich mit einem gleichen Anteil zufriedengeben«, erklärte Villiers. Er legte die Finger gespreizt auf den Tisch. Sie erinnerten auf eklige Weise an eine große Spinne. Es war deutlich erkennbar, daß sie zitterten und die Augen des Bukaniers vor Aufregung funkelten.

»Anteil wovon?« Henry starrte ihn verblüfft an. »Das Gold, das ich mit mir brachte, versank mit meinem Schiff, und ganz im Gegensatz zu dem geborstenen Holz wurde es nicht an Land gespült.«

»Doch nicht das!« Villiers Geste wirkte ungeduldig. »Wir wollen uns doch nichts vormachen, mein Lord. Wollt Ihr wirklich behaupten, es sei reiner Zufall gewesen, der Euch veranlaßte, ausgerechnet hier zu landen, wo Ihr Tausende von Meilen Küste zur Wahl hattet?«

»Ich habe keinen Grund, irgend etwas zu behaupten«, antwortete Henri kalt. »Mein Steuermann, Jacques Piriou, war früher Bukanier. Er kannte diese Küste und überredete mich, hier an Land zu gehen. Er habe einen Grund dafür, sagte er, den er mich später noch wissen lassen wollte. Dazu kam es jedoch nie, da er noch am Tag unserer Ankunft im Wald verschwand. Seine enthauptete Leiche wurde später von einem Jagdtrupp gefunden. Offenbar hatten die Indianer ihn getötet.«

Villiers blickte den Grafen eine Weile durchdringend an.

»Ich glaube Euch, mein Lord«, sagte er schließlich. »Und ich mache Euch ein Angebot. Ich muß gestehen, als ich in Eurer Bucht Anker warf, hatte ich andere Pläne. Da ich annahm, Ihr hättet den Schatz bereits an Euch gebracht, hatte ich vor, durch List oder Gewalt dieses Fort einzunehmen und allen hier die Kehle durchzuschneiden. Aber die Umstände führten dazu, daß ich meine Absicht änderte ...« Er bedachte Francoise mit einem Blick, der ihr die Röte ins Gesicht trieb.

»Ich habe ein Schiff, das Euch aus Eurem Exil bringen kann«, sagte der Bukanier. »Doch zuerst müßt Ihr mir helfen, den Schatz zu bergen.«

»Welchen Schatz, in Saint Denis’ Namen?« fragte der Graf verärgert. »Ihr redet nun wie dieser Hund Harston.«

»Habt Ihr je von Giovanni da Verrazano gehört?«

»Der Italiener, der ein Kaperschiff für Frankreich befehligte und die Karavelle kaperte, die mit Montezumas Schätzen beladen war, die, die Cortez nach Spanien schickte?«

»Richtig, das war 1523. Die Spanier behaupten, sie hätten ihn 1527 gehenkt, aber sie logen. Das war das Jahr, in dem er verschwand. Aber nicht vor den Spaniern floh er.

Hört mir zu. Auf der Karavelle, die er 1523 kaperte, befand sich der größte Schatz, der je erbeutet wurde − die Edelsteine Montezumas! Vom Gold der Azteken wurde überall auf der Welt gesprochen, aber Cortez hütete das Geheimnis der Steine, denn er befürchtete, ihr Anblick könnte seine eigenen Leute in einen solchen Rausch versetzen, daß sie ihn niedermetzeln würden, um in ihren Besitz zu kommen. Und so verbarg er die Juwelen in einem Sack mit Goldstaub. Sie fielen in Verrazanos Hände, als er die Karavelle kaperte.

Wie Cortez hielt auch Verrazano ihre Existenz geheim. Er vertraute dieses Geheimnis nur seinen Offizieren an. Er hatte nicht die Absicht, die Steine mit der Mannschaft zu teilen. Er versteckte sie in seiner Kabine, und ihr Glitzern trieb ihn in den Wahnsinn, wie alle Männer, die sie sahen. Doch irgendwie kam das Geheimnis ans Licht, vielleicht konnten seine Offiziere den Mund nicht halten. Da Verrazano besessen von der Angst war, daß andere Seeräuber ihn angreifen und ihm seine unschätzbare Beute abnehmen würden, suchte er also ein sicheres Versteck für seine Glitzersteine, die ihm inzwischen mehr als sein Leben bedeuteten, und segelte westwärts. Er kam um Kap Horn und verschwand vor jetzt fast hundert Jahren.

Doch es wird behauptet, daß einer seiner Mannschaft in die Karibik zurück kehrte, wo er von den Spaniern gefangen genommen wurde. Ehe sie ihn aufhängten, erzählte er seine Geschichte und zeichnete mit seinem eigenen Blut eine Karte aus Pergament, die irgendwie aus den Augen der Spanier verschwand. Und dies ist die Geschichte, die er erzählte:

Da Verrazano segelte nordwärts, bis er – jenseits von Darien, jenseits der Küste von Mexiko – eine Küste erreichte, auf die noch kein Christenmensch vor ihm Fuß gesetzt hatte.

Er warf Anker in einer einsamen Bucht und ging an Land. Seinen Schatz nahm er mit sich, und zwölf Männer, denen er am meisten traute. Auf seinen Befehl segelte das Schiff weiter nordwärts, um nach einer Woche zurückzukehren und seinen Kapitän mit seinen Männern wieder an Bord zu nehmen. Er hatte die Anweisung gegeben, weil er befürchtete, daß ihm sonst andere, denen er nicht traute, ihm nachspionieren und das Versteck seiner kostbaren Beute herausfinden würden.

Während das Schiff unterwegs war, beabsichtigte er, den Schatz in der Nähe der Bucht zu verstecken. Das Schiff kehrte zur befohlenen Stunde zurück, aber von Verrazano und seinen Leuten war nirgends eine Spur, wenn man von der primitiven Hütte absah, die sie am Strand errichtet hatten.

Diese Hütte war zerstört worden und ringsum waren deutlich die Abdrücke nackter Sohlen zu erkennen, doch nichts wies darauf hin, daß ein Kampf stattgefunden hatte. Auch vom Schatz war keine Spur, genausowenig von seinem Versteck. Die Bukanier wollten im Wald nach ihrem Kapitän suchen, wurden jedoch von den Wilden angegriffen und zu ihrem Schiff zurückgetrieben. Sie mußten Anker lichten und fortsegeln. Aber vor der Küste von Darien erlitten sie Schiffbruch, den nur ein einziger überlebte.

Ja, das ist die Geschichte von Verrazanos Schatz, den die Menschen seit fast einem Jahrhundert suchen. Ich sah die Karte, die der Seemann zeichnete, ehe man ihn hängte. Harston und Piriou waren dabei. Es war in einer armseligen Taverne in Havanna, wo wir in Verkleidung untergekrochen waren. Jemand stieß die Kerze um, und jemand schrie in der Dunkelheit. Und als wir wieder Licht hatten, steckte dem alten Geizhals, dem die Karte gehörte, ein Messer im Herzen. Die Karte war verschwunden, und die Wächter kamen mit ihren Piken angerannt, um dem Schrei nachzugehen.

Jahrelang bespitzelten Harston und ich einander, weil jeder glaubte, der andere habe die Karte. Nun, es stellte sich heraus, daß das nicht der Fall war. Aber vor kurzem hörte ich, daß Harston in den Pazifik gesegelt war, und so folgte ich ihm. Ihr habt das Ende dieser Jagd miterlebt.

Mir war nur ein flüchtiger Blick auf die Karte gegönnt gewesen, als sie auf dem Tisch des alten Geizhalses lag, und ich konnte absolut nichts daraus machen. Aber Harstons Verhalten sagt mir, er weiß, daß dies die Bucht ist, wo Verrazano an Land ging. Ich glaube, er versteckte den Schatz irgendwo im Wald und wurde auf dem Rückweg von den Wilden angegriffen und getötet. An den Schatz sind die Indianer nicht gekommen. Weder Cabrillo, noch Drake, oder sonst einer, der je an diese Küste kam, sah Gold oder Juwelen in den Händen der Rothäute.

Und nun mein Vorschlag: Wir wollen uns zusammentun. Harston floh, weil er befürchtete, zwischen uns in die Zange zu geraten, aber er wird zurückkommen. Wenn wir uns verbündet haben, können wir ihn auslachen. Wir sind in der Lage, vom Fort aus zu suchen und immer noch genügend Männer zurückzulassen, die es halten können, falls er angreift. Ich bin ziemlich sicher, daß das Versteck ganz in der Nähe ist. Wir werden es finden und zu einem Hafen in Deutschland oder Italien segeln, wo ich meine Vergangenheit mit Gold übertünchen kann. Ich bin dieses Lebens leid. Ich möchte nach Europa zurückkehren und wie ein Edelmann leben, in Reichtum in einem Schloß, mit Sklaven und einer Frau von edlem Blut.«

»Nun?« Der Graf hob voll Mißtrauen die Brauen.

»Gebt mir Eure Nichte zur Frau«, verlangte der Bukanier. Francoise stieß einen Schrei aus und stand auf. Auch Henri erhob sich mit weißem Gesicht. Villiers rührte sich nicht. Seine Finger auf dem Tisch krümmten sich wie Krallen, und seine Augen schwelten mit Leidenschaft und einer tiefen Drohung.

»Wie könnt Ihr es wagen!« rief Henri.

»Ihr scheint zu vergessen, daß Ihr von Eurem hohen Roß gefallen seid, Graf Henri!« knurrte Villiers. »Wir sind nicht in Versailles, mein Lord. An dieser kahlen Küste wird der Adel an Muskelkraft und Waffen gemessen. Und an beidem bin ich Euch überlegen. Fremde leben im Schloß d’Chastillon, und das Vermögen liegt auf dem Grund des Meeres. Ihr werdet hier als Gestrandeter leben, außer ich stelle Euch mein Schiff zur Verfügung.

Ihr werdet die Verbindung unserer Häuser nicht zu bereuen haben. Mit neuem Namen und Reichtum wird Guillaume Villiers seinen Weg unter den Aristokraten dieser Welt machen und einen Schwiegersohn abgeben, dessen sich nicht einmal ein d’Chastillon zu schämen braucht.«

»Ihr seid wahnsinnig!« fuhr der Graf ergrimmt auf. »Ihr – was ist das?«

Es war das Trippeln leichter Füße. Tina kam in die Banketthalle gerannt. Sie machte verlegen einen Knicks und eilte um den Tisch, um ihre kleinen Hände an Francoises Finger zu klammern. Sie atmete heftig, ihre Pantoffeln waren feucht, und ihr flachsfarbiges Haar klebte naß an ihrem Kopf.

»Tina! Wo warst du? Ich dachte, du wärst in deinem Zimmer!«

»Das war ich auch«, antwortete das Kind atemlos. »Aber ich vermißte meine Korallenkette, die Ihr mir geschenkt habt ...« Sie hielt sie hoch. Es war kein Schmuckstück von großem Wert, aber sie liebte sie mehr als alle ihre andere Habe, weil es ihr erstes Geschenk von Francoise war. »Ich fürchtete, Ihr würdet mich nicht danach suchen lassen, wenn Ihr es wüßtet − die Frau eines Soldaten half mir aus dem Fort zu kommen und wieder herein. Ich fand meine Halskette am Teich, wo ich heute morgen badete. Bitte bestraft mich, wenn ich etwas Schlimmes getan habe.«

»Tina!« stöhnte Francoise und drückte das Kind an sich. »Ich werde dich doch nicht bestrafen. Aber du hättest das Fort nicht verlassen dürfen. Ich bringe dich jetzt auf dein Zimmer zurück und helfe dir aus deinen nassen Kleidern ...«

»Ja, meine Lady«, murmelte Tina. »Doch gestattet mir zuerst, von dem schwarzen Mann zu erzählen ...«

»Was?« entfuhr es Graf Henris Lippen. Sein Glas fiel klirrend auf den Boden, als er sich mit beiden Händen auf die Tischplatte stützte. Hätte ihn der Blitz getroffen, wäre seine Haltung nicht starrer gewesen. Sein Gesicht war totenblaß, seine Augen quollen schier aus den Höhlen.

»Was hast du gesagt?« keuchte er. »Was hast du gesagt, Mädchen?«

»Ein – ein schwarzer Mann, mein Lord«, stammelte Tina, während alle bestürzt den Grafen ansahen. »Als ich zum Teich lief, um meine Halskette zu holen, sah ich ihn. Ich hatte Angst, so versteckte ich mich hinter dem Kamm. Er ruderte vom Meer her in einem offenen Boot, das er unterhalb der Südspitze auf den Strand zog. Dann schritt er zum Wald. Er sah in dem Nebel wie ein Riese aus, ein großer schwarzer Mann ...«

Henri taumelte, als hätte er einen tödlichen Schlag erhalten. Er griff nach seiner Kehle und zerriß in seiner Heftigkeit die goldene Siegelkette um seinen Hals. Mit dem Gesicht eines Irren taumelte er um den Tisch herum und riß das schreiende Kind aus Francoises Armen.

»Du lügst!« krächzte er. »Du lügst, um mich zu quälen. Gestehe, daß du lügst, ehe ich dir die Haut vom Rücken ziehe!«

»Onkel!« rief Francoise und versuchte Tina aus seinem Griff zu befreien. »Seid Ihr von Sinnen? Was tut Ihr da?«

Mit einem Knurren riß er ihre Finger von seinem Arm und stieß sie in Gallots Arme, der sie mit einem unverhohlen boshaften Grinsen auffing.

»Erbarmen, mein Lord!« schluchzte Tina. »Ich habe nicht gelogen!«

»Ich sage, du lügst!« donnerte Henri. »Jaques!«

Ein Diener packte das zitternde Kind und riß ihm brutal das Kleid vom Rücken. Tina herumdrehend zog er ihre schmalen Arme um seine Schultern und hob sie vom Boden.

»Onkel!« schrillte Francoise und wehrte sich verzweifelt gegen Gallots Umklammerung. »Ihr müßt wahnsinnig sein! Ihr könnt doch nicht – oh, Ihr könnt doch nicht ...« Der Schrei erstarb würgend in ihrer Kehle, als Henri nach einer Reitpeitsche faßte und sie dem Kind mit einer Wildheit über den Rücken hieb, daß eine rote Strieme zwischen den nackten Schultern aufquoll.

Francoise wurde übel. Die Welt war plötzlich aus den Fugen geraten. Wie in einem Alptraum sah sie die Mienen der Bediensteten, die keine Spur Mitgefühl verrieten. Villiers höhnisches Gesicht war Teil dieses Alptraums. Nichts in dem roten Schleier vor ihren Augen war echt, außer Tinas nacktem, weißen Rücken, der jetzt kreuz und quer mit Striemen überzogen war, ihren durchdringenden Schmerzensschreien und dem Keuchen Henris, als er mit den Augen eines Wahnsinnigen auf sie einpeitschte und brüllte: »Du lügst! Gesteh, daß du lügst, oder ich zieh’ dir die Haut ab! Er kann mir nicht hierher gefolgt sein!«

»Gnade, mein Lord! Gnade!« schrie das Kind und wand sich vergebens auf dem breiten Rücken des Dieners. »Ich sah ihn! Ich lüge nicht! Bitte! Bitte!«

»Narr! Narr!« schrie Francoise völlig außer sich. »Seht Ihr denn nicht, daß sie die Wahrheit spricht? Oh, Ihr seid viehisch! Viehisch!«

Plötzlich schien in Henri ein Hauch von Vernunft zurück zu kehren. Er ließ die Peitsche fallen und sank gegen den Tischrand, an dem er sich hastig festhielt. Es war, als schüttle ein Fieber ihn. Sein Haar klebte in nassen Strähnen auf seiner Stirn, und Schweiß perlte über sein fahles Gesicht, das vor Angst verzerrt war. Jacques ließ Tina fallen, daß sie zu einem wimmernden Häufchen Elend auf dem Boden zusammenbrach. Francoise riß sich von Gallot los, rannte schluchzend zu dem Kind, kniete sich neben ihm nieder und drückte es an ihre Brust. Sie hob ihr von grimmigem Zorn gezeichnetes Gesicht zu ihrem Onkel und bedachte ihn mit einem Schwall ihrer gerechten Empörung. Aber er achtete überhaupt nicht auf sie. Sie glaubte ihren Ohren nicht trauen zu können, als sie hörte, wie er zu Villiers sagte: »Ich nehme Euer Angebot an. Laßt uns in Gottes Namen Euren Schatz suchen und sobald wir ihn gefunden haben, von dieser verfluchten Küste verschwinden!«

Das Feuer ihres Zornes sank bei diesen Worten zu Asche zusammen. Eines weiteren Wortes unfähig, hob sie das weinende Kind auf die Arme und trug es die Treppe hoch. Bei einem Blick über die Schulter sah sie Henri am Tisch mehr kauern als sitzen und Wein aus einem Kelch in sich hinein gießen, den er mit beiden zitternden Händen hielt, während Villiers wie ein Aasgeier über ihn gebeugt stand. Offenbar war er überrascht über die unerwarteten Geschehnisse, aber auch bereit, den Gesinnungsumschwung des Grafen zu nutzen. Er sprach mit leiser, aber fester Stimme auf ihn ein, und Henri nickte nur in dumpfer Zustimmung, wie einer, der kaum hört, was gesagt wird. Gallot stand, mit Daumen und Zeigefinger nachdenklich ans Kinn gedrückt im Schatten, und die Bediensteten blickten einander verstohlen an. Sie waren sichtlich verwundert über den Zusammenbruch ihres Herrn.

In ihrem Gemach legte Francoise das halbohnmächtige Kind auf das Bett und machte sich daran, die teils blutenden Striemen auf der zarten Haut auszuwaschen und lindernde Salben darauf zu streichen. Tina gab sich schwach wimmernd den sanften Händen ihrer Herrin hin. Francoise war, als wäre die Welt um sie zusammengebrochen. Sie fühlte sich elend, und sie zitterte unter den Nachwirkungen des brutalen Schockes des Erlebten. Furcht vor ihrem Onkel und Haß auf ihn erwuchsen in ihrem Herzen. Sie hatte ihn nie geliebt. Er war streng, zeigte keinerlei warme Gefühle und war habgierig und geizig. Doch zumindest hatte sie ihn für gerecht und tapfer gehalten. Ekel schüttelte sie, als sie an seine vorquellenden Augen und das verzerrte weiße Gesicht dachte. Aus seiner wahnsinnigen Angst heraus hatte er das einzige Geschöpf, das sie ins Herz geschlossen hatte, so grausam geschlagen, und aus dem gleichen Grund verkaufte er sie, seine Nichte, an diesen berüchtigten Seeräuber. Was steckte hinter seinem Wahnsinn?

Das Kind murmelte im Halbdelirium. »Wirklich, meine Lady, ich log nicht! Ich sah ihn – einen schwarzen Mann in einem schwarzen Umhang. Mein Blut stockte, als ich ihn erblickte. Weshalb hat der Graf mich ausgepeitscht, nur weil ich ihn sah?«

Details

Seiten
179
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903171
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (August)
Schlagworte
bruderschaft piraten

Autor

Zurück

Titel: Bruderschaft der Piraten