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Sieben glorreiche Western #13

2016 900 Seiten

Leseprobe

Sieben glorreiche Western #13

von Alfred Bekker, Pete Hackett, Glenn Stirling & Peter Dubina

Der Umfang dieses Buchs entspricht 779 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende sieben Western:

Alfred Bekker: Delanys letzter Kampf

Pete Hackett : Die Spur führt zum Red River

Pete Hackett : Der Rächer vom Canadian River

Pete Hackett: Unschuldig und geächtet

Glenn Stirling: Der Henker wartet

Glenn Stirling: Der Killerwolf

Peter Dubina: Der Kriegspfad des Schwarzen Falken

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors; Cover Edward Martin

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Delanys letzter Kampf

von Alfred Bekker

Eigentlich will John Delany nur einer Frau in Bedrängnis helfen, die sich gegen ein paar üble Kerle wehren muss. Aber der Cowboy und Revolvermann ahnt nicht, mit wem er sich da in Wahrheit angelegt hat. Es sind die Männer von Mark McKenna, dem größten Rancher der Gegend. Und McKennas Wort ist in diesem wilden Land Gesetz. Er achtet niemanden und duldet keinen Widerstand. Und er kennt keine Gnade. Bald steht Delany allein gegen eine waffenstarrende Bande von Killern.

1

"Nein! Nicht!"

Es war eine Frauenstimme, daran konnte es keinen Zweifel geben.

John Delany hatte sein Pferd augenblicklich gezügelt.

Seine Hand glitt instinktiv zum Revolverholster, um den Sitz der Waffe zu überprüfen, die darin steckte.

Er blickte sich um.

Überall braunes Präriegras und sanfte Hügel, ab und zu eine Gruppe von knorrigen Bäumen.

War es nur der Wind gewesen, der seinen Ohren einen Streich gespielt hatte? Delany hielt das für ausgeschlossen. Und das, was dann an sein Ohr drang, bestätigte ihn.

Wieder der Schrei einer Frauenstimme, ein Schrei, der vermutlich nicht durch körperlichen Schmerz, sondern durch namenlose Angst hervorgerufen worden war.

Dann das Wiehern von Pferden.

Und ganz im Hintergrund und sehr viel leiser ein paar Männerstimmen...

Delany bestimmte kurz die Richtung, aus der diese Geräusche gekommen waren, gab seinem Pferd die Sporen und preschte den nächsten Hügel hinauf.

Irgend jemand brauchte dort seine Hilfe, soviel war klar.

Und wahrscheinlich kam es darauf an, rasch zu handeln.

Als Delany den Hügelkamm erreicht hatte, sah er in einiger Entfernung einen zweispännigen Kastenwagen, zu dem ein Mann und eine Frau gehörten.

Und dann waren da noch vier schwer bewaffnete, finster aussehende Reiter, die den Wagen offenbar angehalten hatten.

Mochte der Teufel wissen, weshalb.

Eine menschenfreundliche Absicht stand wohl in keinem Fall dahinter.

Zwei der Reiter waren von ihren Pferden gestiegen und hatten die Frau vom Kutschbock gezerrt. Sie wehrte sich verzweifelt, aber gegen die kräftigen Arme ihrer Widersacher konnte sie nichts ausrichten.

Delany sah, wie der Mann versuchte, nach seiner Winchester zu greifen, aber ehe er etwas unternehmen konnte, hatte sich die Schlinge eines Lassos um seinen Oberkörper gelegt. Ein kräftiger Ruck und er lag im Gras.

Ein paar Meter weit wurde er rau über den Boden geschleift. Ehe er sich dann hochgerappelt hatte, waren zwei Mann bei ihm und verpassten ihm ein paar brutale Faustschläge, die ihn in sich zusammensacken ließen.

Er lag im Gras und rührte sich nicht mehr.

"Der wird uns 'ne Weile nicht stören!" Ein zynisches Grinsen stand im Gesicht des Mannes, der das gesagt hatte. Er hatte ein hart geschnittenes, pockenarbiges Gesicht, in dessen Mitte sich zwei kalte blaue Augen befanden.

Er wandte den Blick zu der Frau, deren Arme von einem seiner Kumpanen mit eisernem Griff fixiert wurden. Sie erschrak, als ihre Blicke sich begegneten.

"Hey, Shaw!", rief einer der anderen Männer. "Dahinten kommt jemand!"

Das Gesicht des Pockennarbigen veränderte sich, als er den Reiter erblickte, der den Hang hinabgeritten war und jetzt direkt auf sie zukam.

Er presste die dünnen Lippen aufeinander und verengte die Augen. Die Hand glitt zur Hüfte, so dass sie den Griff des Revolvers berührte, der dort im Holster steckte.

"Kein Grund, sich in die Hosen zu machen!", zischte er.

2

Als Delany den Ort des Geschehens erreichte, konnte er die feindseligen Blicke, die in seine Richtung geworfen wurden, regelrecht fühlen.

Er sah in das Gesicht der Frau, die sich noch immer in den Klauen ihres Peinigers befand.

Der Schrecken stand ihr in den Augen, ihre Frisur hatte sich durch die raue Behandlung zum Teil aufgelöst und so fiel ihr ein Teil des langen, aschblonden Haars über die Schulter und ins Gesicht.

Es war ein Bär von einem Mann, der sie festhielt. Ein riesiger Kerl mit einem schwarzen Vollbart, in dessen Gesicht ein freches Grinsen stand.

Er schien sich förmlich an der Angst der Frau zu weiden!

Keine Frage, hier war eine ganz üble Sache im Gang!

Delanys Blick ging von einem zum anderen und dabei versuchte er, sie so gut wie möglich einzuschätzen.

Sein Instinkt sagte ihm, dass er es nicht mit gewöhnlichem Gesindel zu tun hatte.

Er musste damit rechnen, Männer vor sich zu haben, die sich auf den Umgang mit dem Revolver verstanden.

Mochte der Teufel wissen, wer sie waren - oder in wessen Lohn und Brot sie standen.

"Sind Sie auf Ärger aus, Mister?"

Der pockennarbige Mann, der das gesagt hatte, musterte Delany mit einem arroganten Zug um die Mundwinkel.

Er machte ein paar Schritte in Delanys Richtung, bis er neben dem Wagen schließlich stehenblieb.

"Wenn nicht, dann machen Sie, dass Sie davonkommen!", setzte der Kerl dann noch hinzu, ohne die Antwort seines Gegenübers abzuwarten.

Aber so leicht war Delany nicht einzuschüchtern.

"Was wollen Sie von der Lady?", erkundigte er sich.

Delany blieb völlig ungerührt von der unverhohlenen Drohung der Halunken. Er blieb äußerlich so gelassen wie möglich, während seine innere Anspannung wuchs.

Jeden Augenblick musste er damit rechnen, dass einer der Männer die Waffe aus dem Holster riss und auf ihn feuerte.

"Das ist nicht Ihre Angelegenheit!", zischte der Pockennarbige kalt. Sein dünnlippiger Mund schien sich dabei kaum zu bewegen. "Wenn Sie daran interessiert sind, noch eine Weile am leben zu bleiben, dann sollten Sie die Sache vergessen und sich schleunigst verziehen!"

"Knallen wir ihn doch einfach über den Haufen, wenn er es nicht anders haben will, Shaw!", rief der Bär, während die Frau einen erneuten verzweifelten Versuch unternahm, sich aus seinem unbarmherzigen Griff zu befreien.

Sie biss ihren Widersacher in den Arm und bekam postwendend einen Schlag mit der flachen Hand, der sie niederstreckte.

"Verdammtes Luder!"

Sie setzte sich auf und rieb sich die schmerzenden Handgelenke, während sie voller Furcht den schwarzbärtigen Riesen im Auge behielt.

Dieser fletschte die Zähne und ließ ein ärgerliches Grunzen hören. Mit ausgebreiteten Pranken machte er einen Schritt auf sie zu, während sie auf die Beine zu kommen und ihm auszuweichen versuchte.

Dann erstarrte der riesenhafte Mann auf einmal. Der Ärger, der noch soeben seine Gesichtszüge beherrscht hatte, wandelte sich in fassungsloses Unverständnis, als es klick! machte und er in die Mündung eines Revolvers blickte, dessen Hahn gerade gespannt worden war.

"Schön ruhig bleiben!", befahl Delany, der blitzschnell zur Hüfte gegriffen und den Colt gezogen hatte. Er hatte nicht mehr als einen winzigen Sekundenbruchteil dazu gebraucht.

Alles war so schnell gegangen, dass keiner der Männer rechtzeitig hatte reagieren können.

Die Frau raffte unterdessen ihr Kleid zusammen und nutzte ihre Chance.

Sie lief zu Delany hinüber. Atemlos blieb sie neben seinem Pferd stehen.

"Diese Kerle haben uns überfallen!", stieß sie hervor.

Delany blieb völlig unbewegt.

Er sah die Anspannung bei seinen Gegenübern.

Vier gegen einen!, dachte Delany. Die Kerle hatte alle Chancen auf ihrer Seite. Aber noch zögerten sie und blickten etwas ratlos zu dem pockennarbigen Shaw, der ihr Wortführer zu sein schien.

Jeder von ihnen wusste, dass derjenige, der als erster zur Waffe langte, auch als erster tot im Gras liegen würde... Ein Mann, der seinen Colt so schnell ziehen konnte wie Delany, war aller Wahrscheinlichkeit nach auch ein sicherer Schütze...

"Die Dame fühlt sich von Ihnen belästigt!", erklärte Delany. "Ich denke, hier legt niemand mehr Wert, auf Ihre Gesellschaft!"

Das war dreist.

Und das Risiko lag auf der Hand.

Wenn sie alle auf einmal zogen, war Delany ein toter Mann, aber er rechnete mit ihrer Feigheit.

Ein tödliches Schweigen hing in der Luft.

Und dann griff der Bär zur Waffe. Der Colt war kaum zur Hälfte aus dem Holster, da hatte Delany bereits gefeuert.

Der Bär stieß einen kurzen Schmerzensschrei aus. Die Waffe entfiel seiner Hand, während er sich den rechten Arm hielt.

Etwas unterhalb der Schulter wurde es rot.

Delany hatte längst erneut den Hahn gespannt und die Waffe auf den pockennarbigen Shaw gerichtet, dessen Hand bereits am Coltgriff war.

"Steckenlassen!"

Shaw erstarrte.

Ein Muskel zuckte nervös in seinem Gesicht. Einen Augenaufschlag lang hing alles in der Schwebe, dann hob der Pockennarbige die Hände.

"Okay, okay..."

Er hatte verloren, auch wenn es ihm schwerfiel, sich das einzugestehen.

Mit Genugtuung beobachtete Delany, wie die Männer ihre Pferde bestiegen. Der Bär hatte dabei wegen seiner Verletzung einige Schwierigkeiten, aber schließlich hatte auch er es geschafft.

"Ich habe eine offene Rechnung mit Ihnen, Mister!", rief Shaw, als er schon im Sattel saß. "Und ich vergesse nichts... Niemals!"

Sein Gesicht war zu einer hasserfüllten Fratze geworden. Er fühlte ohnmächtige Wut.

Delany nahm diese Drohung mit Gelassenheit hin. Er wartete noch, bis Shaw und seine Männer ihren Pferden die Sporen gegeben hatten und steckte dann seinen Revolver zurück ins Holster.

Die Frau warf ihm einen dankbaren Blick zu.

"Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll!"

"Keine Ursache, Ma'am."

"Wer sind Sie?"

"Mein Name ist Delany." Er nickte ihr freundlich zu und stieg dann aus dem Sattel. "John Delany. Und mit wem habe ich das Vergnügen?"

"Sabella Carter."

Sie hatte grüne, leuchtende Augen.

Delany schätzte sie auf Anfang zwanzig.

Sie strich sich mit einer gekonnten Bewegung eine Haarsträhne aus dem Gesicht und deutete dann auf ihren Gefährten, der noch immer reglos im Gras lag.

"Wir müssen uns um Trump kümmern! Die Kerle haben ihm übel mitgespielt!"

Sie gefiel ihm.

Er konnte nicht sagen, was genau es war, das ihn so faszinierte, aber als ihre Blicke sich begegneten, wusste er, dass dieses Augenpaar in den kommenden Nächten seine Träume beherrschen würde.

Ganz gleich, was noch geschah.

3

"Haben Sie eine Ahnung, um wen es sich bei diesen Männern handelt?", erkundigte sich Delany, während er neben dem Wagen herritt.

Sie hatte ihn eingeladen, sie zur Ranch ihres Vaters zu begleiten. Und er hatte nichts dagegen. Im Übrigen hätte es ihm keine Ruhe gelassen, sie den Weg allein fahren zu lassen und sie damit vielleicht einer nicht zu unterschätzenden Gefahr auszusetzen.

Schließlich konnte es ja sein, dass die Reiter zurückkamen...

"Das waren McKennas Leute." Sie sagte das mit einem bitteren Tonfall. "Sie sind fremd hier, nicht wahr?"

"Ja. Wer ist dieser McKenna?"

"Er ist der größte Rancher in der Gegend. Ein Viertel des County gehört Mark McKenna..." Sie schluckte. "Dieser Mann mit den Narben..."

"Ja?"

"Das ist sein Vormann. Shaw heißt er. Ein Mann, der über Leichen geht... Er macht für McKenna die Drecksarbeit. Es geht das Gerücht um, er sei unehrenhaft aus der Army entlassen worden..."

"Was Sie nicht sagen! Wegen Feigheit?"

"Nein, angeblich soll er seine Untergebenen misshandelt haben. Er ist ein Menschenschinder, Mr. Delany!"

Hinten auf dem Wagen lag Trump, der sich langsam von den Schlägen erholte, die man ihm versetzt hatte.

Er war ein großer, hagerer Mann mit grauen Haaren, dessen Alter schwer zu schätzen war. Die wettergegerbte Haut wirkte ledern, fast wie bei einem Indianer.

Er setzte sich auf und hielt sich den schmerzenden Kopf.

Dann, als er Delany erblickte, meinte er: "Sie sind noch gerade rechtzeitig gekommen!"

"Was hat dieser McKenna gegen Sie?", fragte Delany etwas ratlos.

"Er will, dass mein Vater die Ranch verkauft", antwortete Sabella. "McKenna will seinen Besitz vergrößern. Und alle, die nicht freiwillig an ihn verkaufen wollen, die versucht er davonzuekeln... Er schüchtert sie ein, schikaniert sie, lässt ihre Rinder erschießen oder brennt ihre Häuser nieder...

Menschen sind auch schon umgekommen. McKenna ist ein harter, kompromissloser Mann, der keine Skrupel kennt, wenn es darum geht, seine Interessen durchzusetzen!"

"Was glauben Sie wohl, wie viele hier in der Umgebung bereits aufgegeben und verkauft haben", setzte Trump hinzu. "Natürlich zu seinen Bedingungen, versteht sich!"

"Und Ihr Vater ist entschlossen, durchzuhalten?", wollte Delany wissen.

Sabella zuckte mit den Schultern.

"Im Moment ja. Aber ich weiß nicht, ob das vernünftig ist. Welche Chance hat man auf die Dauer gegen jemanden wie Mark McKenna, der einen Stall von bezahlten Killern unterhalten kann, um jeden aus dem Weg zu räumen, der nicht pariert!"

Er sah, wie ihre Züge sich verhärtet hatten, wie eine Mischung aus Wut und Trauer in ihr Gesicht getreten war. Es schmerzte ihn, das mitansehen zu müssen.

Er hätte sie gerne getröstet, aber es fiel ihm nichts Passendes ein.

Nachdem sie eine Weile geschwiegen hatten, fragte er dann: "Gibt es in der Gegend eigentlich keinen Sheriff?"

"Doch, den gibt es", meinte Trump. "Aber wenn etwas vorfällt, dann steht meistens Aussage gegen Aussage. Sheriff Collins meint, in solchen Fällen könnte man nichts machen! Jeder Richter würde McKenna und seine Männer wieder freisprechen."

"Nichts ist hier so billig wie ein Zeuge!", zischte Sabella wütend.

Eine böse Geschichte, dachte Delany.

Er dachte an das Gesicht des pockennarbigen Shaw und überlegte, dass es eigentlich an der Zeit war, solchen Halunken das Handwerk zu legen!

Aber war das seine Aufgabe?

Was hatte er überhaupt mit der Sache zu tun?

Nichts, wenn man es nüchtern betrachtete.

Sein Blick ging zu Sabella.

Das Beste würde sein, so schnell wie möglich aus der Gegend zu verschwinden, um Shaw möglichst nicht noch einmal über den Weg zu laufen.

4

Phil Carter war ein Kleinrancher, dessen bescheidenes Anwesen auf einer Anhöhe errichtet worden war. Man hatte einen weiten Blick in die Umgegend. In der Ferne konnte man ein paar Rinder grasen sehen.

Ein einfaches Blockhaus, eine kleine Scheune und ein Pferdecorral, das war alles.

Aber Phil Carter war stolz auf das, was er sich zusammen mit seiner Frau aufgebaut hatte. Und er war fest entschlossen, sich von niemandem vertreiben zu lassen.

Er hatte dies alles nicht zuletzt auch für seine Kinder aufgebaut, für seinen Sohn Wesley, aus dem im Laufe der Jahre ein erwachsener Mann geworden war, der seinem Vater zur Hand gehen konnte, und für Sabella.

Carter blickte hinaus über das Land.

Sollten sie nur kommen, und versuchen, ihn davonzujagen!

Er würde sich zu wehren wissen!

Maud, seine Frau trat in diesem Moment aus dem Haus. Als sie neben ihn kam, nahm er sie mit einem wortlosen Lächeln in den Arm.

Wesley war bei den Pferden im Corral.

"Dort hinten! Der Wagen! Sind das nicht Sabella und Trump?", fragte sie.

Carter nickte.

"Aber sie kommen nicht allein. Ein Reiter ist bei ihnen!"

5

"Trump! Was ist geschehen? Hat es irgendwelchen Ärger gegeben?"

Trump schleppte sich vom Wagen und hielt sich den Kopf.

"Es war dieser Shaw..."

"McKennas Vormann!"

Phil Carters Gesicht bekam einen grimmigen Zug.

"Sabella! Ist alles in Ordnung?"

"Ja, Dad. Sie haben Trump übel mitgespielt, aber es hätte viel schlimmer kommen können, wenn dieser Gentleman Mr. Delany - nicht eingegriffen hätte. Er hat Shaw und seine Leute verjagt!"

Carters Blick ging zu John Delany, der abwartend im Sattel saß. Als ihre Blicke sich trafen, nickte er dem Kleinrancher freundlich zu.

Carter trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand.

"Ich möchte Ihnen aufrichtig danken, Sir!"

"Es war Zufall, dass ich gerade vorbeikam..."

"Ja, aber Sie hätten auch die Augen zumachen und weiterreiten können. Dass Sie es nicht getan haben, beweist, dass Sie ein Ehrenmann sind. Davon gibt es leider hier wie anderswo nicht allzu viele..."

Er wandte sich an seine Tochter. "Ich hätte euch beide nicht allein mit dem Wagen in die Stadt reiten lassen dürfen!", meinte er. "Ich hätte ahnen müssen, dass McKenna vor nichts zurückschreckt..."

"Phil, wir sollten Mr. Delany anbieten, bei uns zu übernachten!", mischte sich jetzt Mrs. Carter ein. Sie deutete zum Horizont. "Nicht mehr lange und es wird stockdunkel werden..."

Carter bestätigte mit einem kräftigen Nicken. Er wandte sich wieder an den Fremden.

"Ich denke nicht, dass Sie heute noch lange reiten wollten..."

"Nein, ich hätte mir jetzt irgendwann einen geeigneten Lagerplatz gesucht."

"Wie gesagt: Das Angebot meiner Frau gilt! Wir können Ihnen zwar nicht den Luxus bieten, den Sie vielleicht in der Stadt finden würden, aber..."

"Ich danke Ihnen!"

Delany stieg aus dem Sattel.

Unterdessen war auch Wesley, der Sohn der Carters, vom Corral herübergekommen.

"Kommt alle ins Haus!", forderte Mrs.Carter auf. "Es steht noch heißer Kaffee auf dem Herd!"

6

"Früher standen drei, vier Cowboys auf meiner Lohnliste!", erzählte Carter mit bitterem Unterton. "Trump ist der einzige, der übrig geblieben ist..."

Delany zog die Augenbrauen hoch.

"Was ist mit den anderen?"

Phil Carter machte eine verächtliche Geste.

"Hasenfüße!", schnaubte er. Dann, nach einer kurzen Pause setzte er etwas versöhnlicher hinzu: "McKennas Leute haben sie mehrfach in die Mangel genommen und unter Druck gesetzt."

Er zuckte mit den Schultern, seine Augen machten einen müden Eindruck. "Einer nach dem anderen hat dem Druck nicht mehr standhalten können... Einer von ihnen verdient seine Dollars jetzt sogar auf der McKenna-Ranch, die anderen haben sich davongemacht."

Seine Frau hatte unterdessen die einfachen, aber praktischen Tassen auf den Tisch gestellt und den Kaffee eingegossen.

"Wir lassen uns hier nicht vertreiben, Mr. Delaney!", warf jetzt der junge Wesley ein, der die Entschlossenheit seines Vaters geerbt zu haben schien. "Wir haben auf diesem Land unsere Existenz und werden uns nicht einfach verjagen lassen..."

"Ich weiß nicht...", murmelte Mrs.Carter mehr zu sich selbst, als zu ihrem Sohn.

Dieser wirbelte zu ihr herum.

"Was willst du damit sagen, Ma?"

"Ich will damit sagen, dass wir vielleicht anders darüber denken werden, wenn..."

"Wenn was?"

"Wenn sie einen von uns umgebracht haben, mein Junge. Ich weiß nicht, ob es das Wert wäre..."

"Wir sind im Recht!", sprang Carter seinem Sohn zu Hilfe.

"Ja, natürlich, aber..."

"Der Haken an der Sache ist nur, dass das Gesetz hier lediglich auf dem Papier steht, weil niemand da ist, der es durchsetzt!", zischte der Kleinrancher und ließ die Faust wütend auf den Tisch fahren.

Dann wandte er sich an Delany.

"Das sind unsere Sorgen, Sir. Verzeihen Sie uns unser Gejammer, aber wir sind in keiner einfachen Lage, wie Sie inzwischen sicher mitbekommen haben werden." Er runzelte die Stirn. "Sie sind nicht aus der Gegend, nicht wahr?"

"Nein", bestätigte Delany.

"Auf der Durchreise?"

"So könnte man es nennen."

"Als was haben Sie bisher gearbeitet?"

Delany zögerte mit der Antwort.

Dann schien er es vorzuziehen, zu schweigen.

"Mal auf einer Ranch gewesen?"

Carter ließ nicht locker.

Delany fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.

"Nein", erklärte er dann.

"Schade!" Carter zuckte mit den Schultern. "Ich hätte einen Cowboy gut gebrauchen können. Einen, der Mut hat und nicht gleich davonrennt!"

"Ich verstehe nichts von Rindern, Sir. Es tut mir Leid."

Es war offenkundig, dass Delany auf seine Vergangenheit nicht gerne angesprochen werden wollte. Sein Gesicht hatte sich verändert.

Es war nachdenklich geworden.

Mit einem Mal schien er mit den Gedanken ganz weit weg zu sein...

Dann begegneten ihm abermals Sabellas leuchtende Augen und holten ihn zurück in das Hier und Jetzt.

Er spürte, wie diese Sache ihn langsam aber sicher einzuwickeln begann, was einer Hälfte in ihm entschieden missfiel.

Und doch unternahm er nicht viel dagegen.

7

Später, als er seinen Gaul versorgte, tauchte Sabella bei ihm auf. Ihre Frisur war längst wieder in Ordnung gebracht und der Schrecken vollständig aus den zarten Zügen ihres Gesichts verschwunden.

"Was haben Sie vor?", fragte sie.

"Wie meinen Sie das, Miss?"

"Sie reiten morgen weiter, nicht wahr?"

Delany nickte.

"Ja."

"Das ist schade."

Er versuchte, ihrem Blick auszuweichen, weil ihm das, was er dort sah, schmerzlich bewusst machte, in welchem Zwiespalt er lebte.

Er war ihr nicht gleichgültig, das glaubte er zu spüren.

Vielleicht fühlte sie dasselbe für ihn wie er es für sie tat, wer vermochte das schon genau zu bestimmen?

Delany versuchte, diese Gedanken zu verscheuchen, so gut es ging.

Welche Bedeutung hatte das alles?

Keine, wenn man es nüchtern betrachtete.

Morgen würde er weiterreiten und sie würden sich vermutlich nie wieder begegnen...

Sie machte ein trauriges Gesicht.

Als er dann auf sie zutrat, hob sie den Kopf und blickte ihm mit einer Mischung aus Enttäuschung und Trotz in die Augen.

"Ich bin kein Ranchmann, Miss."

"Sie könnten einer werden..."

"Ich glaube, dass Sie sich in mir täuschen, Sabella..."

"Nein, das glaube ich nicht!"

"Was wissen Sie schon von mir..."

Sie zuckte mit den Schultern.

Und er kam sich ziemlich unbeholfen vor.

8

Das Leben auf der kleinen Ranch der Carters begann früh am Morgen, nicht weit nach Sonnenaufgang.

Trump war mit Wesley bereits auf die Weide geritten, als John Delany noch seinen Morgenkaffee austrank.

"Wie heißt hier die nächste Stadt?", erkundigte er sich bei Phil Carter, der ihm gegenüber saß.

"Conway. Keine Weltstadt, aber es gibt dort alles, was man so braucht."

"Wohin muss ich reiten, um dort hin zu gelangen?"

"Nach Südwesten. Ich weiß nicht, wie schnell Ihr Gaul ist, aber ich denke in zwei Stunden sind sie da."

Wenig später packte Delany seine Sachen zusammen und sattelte das Pferd.

Von langen Abschiedszeremonien hielt er nichts.

Das konnte alles nur noch schlimmer machen.

Er sah, wie Sabella ihm nachwinkte. Nach etwa einer halben Meile drehte er sich noch einmal im Sattel herum und sah sie immer noch.

Erst als er den nächsten Hügelkamm überschritten hatte, war sie nicht mehr zu sehen.

Vor ihm lag weites, fruchtbares Rinderland. Kein Wunder, dass sich bei einem Mann wie McKenna da Begehrlichkeiten regten!

Und ebenso gut konnte er die Carters verstehen, die ihr kleines Reich um jeden Preis verteidigen wollten!

Warum nicht?, fragte Delany sich dann unvermittelt. Warum nicht sesshaft werden und Rinder züchten?

In jedem Fall war es ungefährlicher, als das, was er bisher gemacht hatte...

Die Sonne stieg höher und bekam mehr und mehr Kraft. Ihre Strahlen lösten die Morgenkühle auf und es dauerte nicht allzu lange und Delany spürte Schweiß auf seiner Haut.

Er blickte hinauf zum wolkenlosen Himmel, nahm den Hut kurz vom Kopf und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn.

Der Tag würde heiß werden, vielleicht noch heißer, als der letzte.

Irgendwann tauchte dann in der Ferne eine Ansammlung von Holzhäusern auf.

Das musste Conway sein.

Die Stadt lag in einem Flusstal, das sowohl von Nordosten wie von Südwesten von mächtigen Hügelketten umgeben war. Der Fluss war im Augenblick nicht mehr, als ein schwaches Rinnsal.

Aber wenn im Herbst die ergiebigen Regenfälle herniederprasselten, würde aus ihm sicher ein reißender Strom werden...

Ein Nest wie viele andere!, war Delanys erster Gedanke, als er die Hauptstraße entlangritt, vorbei an den wenigen Geschäften, den dafür etwas zahlreicheren Saloons und den schmucklosen Wohnhäusern.

Vor einem der Saloons hielt er an, stieg aus dem Sattel und machte sein Pferd neben ein paar anderen fest.

Später würde er einen Drugstore aufsuchen, um ein paar Vorräte einzukaufen, aber zunächst einmal hatte er Durst auf ein kühles Bier.

Die Schwingtüren flogen auseinander, als er den Schankraum betrat. Ein gemütlich wirkender, dicker Barkeeper stand hinter der Theke und hielt eine Whisky-Flasche in der Hand.

Um diese Zeit war hier noch nicht viel los.

Ein paar Zecher hingen hinter ihren Gläsern, hier und dort war zänkisches Stimmengewirr zu vernehmen.

Als Delany eintrat, wurde es kurz still. Die Männer blickten von ihren Gläsern auf und musterten den Neuankömmling kurz, bevor sie sich wieder abwandten.

Delany stellte sich an den Schanktisch und verlangte ein Bier. Der Keeper schenkte ihm ein.

"Kennen Sie einen Mann namens McKenna?"

Die Frage sprudelte einfach so aus Delany heraus.

Der Keeper hob die Augenbrauen und runzelte dann etwas verwirrt die Stirn.

"Jeder hier in der Gegend weiß, wer McKenna ist!", meinte er. "Er ist der mächtigste Mann im ganzen County! Einfach schon deswegen, weil ihm das meiste Land gehört." Er schlug mit seiner breiten, flachen Hand auf die verkratzte Theke und setzte dann mit heiterer Miene hinzu: "Wenn sie so wollen, dann ernährt er indirekt auch mich!" Er lachte. "Die Dollars, die er seinen Cowboys zahlt, werden anschließend bei mir im Saloon vertrunken!"

"So kann man es auch sehen...", brummte Delany, nahm einen Schluck Bier und wischte sich dann den Schaum vom Mund.

"Man sollte ihn zum Teufel jagen, diesen Halunken!", meldete sich ein einsamer Zecher zu Wort, der etwas abseits an der Theke lehnte und bisher ziemlich trübsinnig in sein Glas geblickt hatte. "Aber verdammt nochmal, es gibt wohl weit und breit niemanden, der dazu denn nötigen Mumm hätte."

Der Mann leerte sein Glas in einem Zug, donnerte es zurück auf den Schanktisch und verlangte vom Keeper, dass er ihm nachschenkte.

Delany stellte sich zu ihm.

"Kennen Sie ihn persönlich?"

"Ja. Ich habe für ihn gearbeitet."

"Jetzt nicht mehr?"

"Nein."

"Was war los?"

"Wenn ich vielleicht auch nicht so aussehe, Mister, aber ich habe auch meine Ehre!" Er machte ein verbittertes Gesicht. "Ich bin Cowboy, meine Aufgabe ist es nicht, Menschen so lange zu schikanieren, bis sie ihr Land zu jedem Preis verkaufen und am Ende froh sein können, überhaupt noch ein paar Dollar bekommen zu haben!"

Erneut leerte er sein Glas in einem Zug.

"Whisky!", krächzte er.

"Ich finde, du hast genug, Steve!"

"Hörst du schwer? Ich habe gesagt: Whisky!"

"Es ist noch verdammt früh am Tag!"

Steve schlug mit der Faust auf den Schanktisch.

Der Keeper machte eine beschwichtigende Geste.

"Schon gut, schon gut..."

Als Steve sah, wie sich das Glas wieder füllte, entspannte sich sein Gesicht wieder.

"Was ist dieser McKenna für ein Mensch?", fragte Delany.

Steve verengte die Augen und sah sein Gegenüber befremdet an.

"Was soll das? Was sollen überhaupt diese ganzen Fragen nach McKenna?"

"Es interessiert mich eben..."

9

Vier Männer betraten in diesem Augenblick den Saloon. Die Schwingtüren gingen noch ein paar Mal hin und her, nachdem der letzte von ihnen eingetreten war.

Aber ganz entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit stürmten sie nicht gleich weiter bis zur Theke, sondern blieben etwa in der Mitte des Raumes ziemlich abrupt stehen.

Mit den Augenwinkeln bemerkte Delany ein wohlbekanntes pockennarbiges Gesicht, das keinem anderen als Shaw, dem Vormann der McKenna-Ranch gehörte. Links und rechts standen seine Gefolgsleute.

Delany trank zunächst noch sein Glas leer und ließ die Rechte dann langsam in Richtung Hüfte gleiten, bis sie schließlich den Coltgriff berührte.

Man musste mit allem rechnen.

Sie waren zu viert.

Delany hingegen war nur auf sich allein gestellt. Auf sich und seinen Revolver.

Genau wie bei ihrem gestrigen Zusammentreffen...

Es würde Ärger geben, das stand so jetzt schon so fest wie das Amen in der Kirche. Delany sah es bereits an dem mordlüsternen Funkeln, das in Shaws Augen zu sehen war.

"Sieh an, sieh an... So sieht man sich wieder..."

Shaws Stimme war hohntriefend.

Delany fand, das es am besten war, erst einmal gelassen abzuwarten.

"Erinnern Sie sich an das, was ich Ihnen gesagt habe, Mister?" Wieder bewegte er beim Sprechen kaum seine dünnen Lippen. Er sprach leise, aber mit drohendem Unterton. "Ich habe eine Rechnung mit Ihnen offen..."

"Ich erinnere mich...", sagte Delany kühl.

Erst jetzt drehte er sich ganz herum.

Sein Blick glitt musternd über seine Gegenüber und blieb einen kurzen Moment lang bei dem bärenhaften Schwarzbart hängen, dem er am Tag zuvor eine Kugel verpasst hatte. Dieser trug seinen Arm in einer Schlinge und da nicht anzunehmen war, dass er mit links schießen konnte, würde er bei dieser Begegnung aller Wahrscheinlichkeit nach ausfallen. Aber drei waren immer noch mehr als genug.

Es war still geworden im Saloon.

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

Der Keeper war vorsorglich aus der voraussichtlichen Schussrichtung gegangen, während die Männer von der McKenna-Ranch den Sitz ihrer Colts überprüften.

Dann fiel Shaws Blick auf Steve, der in einer etwas jämmerlichen Pose vor seinem inzwischen wieder leeren Glas hing.

"Ah, noch ein alter Bekannter..."

Steve antwortete nur mit einem unverständlichen Grunzen und Shaw verzog das Gesicht zu einer zynischen Maske.

Er gab seinen Gefolgsleuten ein Zeichen, woraufhin sie ein wenig nach rechts und links auseinanderwichen.

Delany gefiel es ganz und gar nicht, auf diese Weise eingekreist zu werden. Aber es gab im Augenblick nichts, was er dagegen tun konnte.

Shaw trat dann mit ein paar schnellen, entschlossenen Schritten an die Theke heran.

Er postierte sich direkt zwischen Delany und Steve.

"Dein Abgang ist dir nicht bekommen, Steve! Du siehst ziemlich heruntergekommen aus..."

Steve hob den Blick.

Dann versetzte Shaw dem ehemaligen McKenna-Cowboy einen furchtbaren Kinnhaken, der diesen niederstreckte. Steve versuchte noch, sich festzuhalten, dabei fiel das Glas klirrend zu Boden.

Steve war viel zu betrunken gewesen, um sich wehren zu können.

Er fiel hart auf die Bretter und schlug mit dem Kopf gegen einen Pfosten. Blut quoll aus einer Wunde am Hinterkopf. Er hatte die Augen weit aufgerissen. Sein Blick war wie eingefroren...

"Mein Gott, er ist tot!", rief einer der noch anwesenden Zecher und lief daraufhin voller Panik aus dem Saloon.

Die McKenna-Leute ließen ihn gewähren.

Shaw schien das alles völlig kalt zu lassen.

Er wandte sich zu Delany um und fixierte ihn mit einem überheblichen Blick.

Es waren kaum zwei Schritt, die sie voneinander trennten.

Shaws Rechte war am Revolvergriff.

"Ich hoffe, Sie haben Ihr Testament gemacht!"

Delany deutete auf die Gefolgsleute des Vormannes, die ganz den Eindruck machten, als wären sie jederzeit bereit, blitzschnell ihre Waffen aus den Holstern zu reißen und abzufeuern.

"Ist das Ihre Vorstellung von einem fairen Revolverkampf?"

Shaw verzog höhnisch den Mund.

"Ja!"

10

Delany bemerkte ein unmerkliches Zucken im Gesicht des Pockennarbigen. Shaw schien wirklich fest entschlossen zu sein, aus Ganze zu gehen.

Er wollte den Kampf und - so unsinnig der Anlass auch erscheinen mochte - es gab für Delany keinerlei Möglichkeit, dem ausweichen.

"Einen Whisky!", wandte Delany sich an Keeper. Er ließ dabei weder die Hand vom Revolvergriff, noch die Augen von seinen Gegenübern.

Mit unsicheren Bewegungen stellte der Keeper ihm ein Glas Whisky auf die Theke.

Delany nahm es wortlos in die Linke.

Genau in diesem Augenblick glaubten die McKenna-Leute, daß der richtige Zeitpunkt gekommen wäre, um die Sache zu Ende zu bringen.

Delany sah mit den Augenwinkeln, wie zu seiner Rechten ein Revolver aus dem Holster glitt.

Sie haben sich verdammt geschickt postiert!, schoss es ihm durch den Kopf. Wenn aus drei Richtungen gleichzeitig gezogen wurde, war es für Delany fast unmöglich, schnell genug herumzuwirbeln und sie alle zu erwischen, ehe sie ihm ihre Kugeln in den Körper jagten.

Selbst dann nicht, wenn sie schlechte Schützen waren und mehrmals feuern mussten, um ihn zu treffen.

Aber Delany hatte auf seine Weise vorgesorgt.

Dennoch, es war ein riskantes Spiel mit dem Tod.

Dem Schergen zu seiner Rechten jagte er eine Kugel in die Schulter, bevor dieser noch den Hahn seines gezogenen Revolvers hatte spannen können. Die Wucht des Schusses riss ihn nach hinten herum, er stöhnte vor Schmerz auf und ließ die Waffe fallen.

Shaw hatte fast gleichzeitig den Colt herausgerissen, aber er kam nicht zum Schuss.

Delany hatte ihm, während er mit der anderen Hand auf seine Kumpanen feuerte, das Glas Whisky in die Augen geschüttet.

Der pockennarbige Vormann schrie vor Wut auf und fluchte lautstark. Für ein paar Augenblicke konnte er nichts sehen und rieb sich verzweifelt die Augen.

Aber diese wenigen Sekunden, die Shaw außer Gefecht gesetzt war, reichten Delany vollauf, um mit dem zweiten Schergen fertig zu werden.

Dieser hatte bereits einen Schuss abgefeuert, aber die Schnelligkeit war auf Kosten der Genauigkeit gegangen. Das Geschoss ging in den Tresen und riss dort ein Loch.

Es war nicht das erste...

Delany wirbelte zu ihm herum und jagte eine Kugel in seine Richtung.

Sie traf ihn am Bein.

Er schwankte und legte noch einmal auf Delany an.

Aber bevor sich ein zweiter Schuss aus seiner Waffe lösen konnte, riss ein Treffer an der Seite ihn herum und streckte ihn nieder.

Wie erwartet, fiel der verletzte schwarzbärtige Bär als Schnellschütze aus. Er stand wie angewurzelt da und rührte sich nicht. Er wusste, dass er in keinem Fall schnell genug mit der Linken hinüber zur rechten Hüfte würde greifen können, wo seine Waffe im Holster steckte.

So tat er gar nichts.

Und das war auch das beste für ihn...

Delany wandte sich nun Shaw zu, der sich indessen von der Whisky-Dusche etwas erholt hatte.

Er hielt dem Vormann den Colt unter die Nase und spannte den Hahn.

"Fallenlassen!"

Shaw verzog ärgerlich das Gesicht, sah aber ein, dass er kaum eine andere Wahl hatte.

So legte er seine Waffe vorsichtig auf den Schanktisch.

Ihre Blicke begegneten sich für einen Moment und Delany sah den abgrundtiefen Hass in den Augen seines Gegenübers.

"Na los, worauf warten Sie! Sie haben meine Leute hingestreckt, warum nutzen Sie nicht die Gelegenheit und jagen mir eine Ladung Blei in den Kopf?"

Delanys Gesicht blieb unbewegt.

Er zögerte etwas.

Dann brummte er: "Ich bin nicht wie Sie! Ihr Glück!"

Delany steckte den Revolver zurück ins Holster.

11

Die Schwingtüren flogen auseinander und die Männer wirbelten herum. Ein großer, etwas schlaksig wirkender Mann mit einem abgewetzten Anzug war eingetreten.

An seiner Brust hing ein Blechstern, der ihn für jedermann als Gesetzeshüter auswies.

"Was war hier los?"

Seine Miene war bedeutungsvoll. Er stellte sich breitbeinig auf und klemmte die Daumen hinter den Revolvergurt, der im übrigen einen sehr viel gepflegteren Eindruck machte, als seine sonstige Erscheinung.

Zunächst herrschte allgemeines, etwas verlegenes Schweigen.

Dann meldete sich der Barkeeper zu Wort.

"Kleine Meinungsverschiedenheit, Collins!" Er zuckte mit den Schultern. "Aber es leben ja alle noch..."

"Bis auf den hier..." Delany deutete auf den toten Steve.

Unterdessen regten sich die Verletzten stöhnend am Boden.

Sheriff Collins begutachtete sie kurz. Sie würden es wahrscheinlich überleben, wenn der hiesige Doc sie zusammengeflickt hatte...

Dann trat Collins zu Steve, beugte sich zu ihm hinunter und schloss dem toten Cowboy die Augen.

Da war nichts mehr zu machen.

"Wie ist das geschehen?", fragte er fast tonlos.

"Dieser Gentleman hier", - Delany deutete auf Shaw - ,"fand es besonders witzig, einen wehrlosen, angetrunkenen Mann niederzuschlagen, der ihn nicht im geringsten provoziert hatte..."

"Es war ein Unfall!", erklärte Shaw.

Sein pockennarbiges Gesicht zeigte nicht einmal eine Ahnung von Bedauern.

Delany ließ ein kurzes, heiseres Lachen hören. Die Dreistigkeit, mit der Shaw seine Lügen im Brustton der Überzeugung vortrug, war schon bemerkenswert!

Sheriff Collins erhob sich unterdessen wieder und wandte sich an die anderen Männer im Saloon.

"Hat noch jemand etwas dazu zu sagen?"

Die Männer blickten zu Boden oder in ihre Gläser.

Shaw fixierte sie einen nach dem anderen mit seinen kalten Augen.

Seine schmalen Lippen waren fest aufeinandergepresst.

"Nein!", meinte einer der Anwesenden, ohne aufzuschauen.

Zustimmendes Geraune antwortete ihm wie eine Art Echo.

Es schien, als fürchtete jeder, sofort auf der Abschussliste des Pockennarbigen zu stehen, wenn er sich jetzt zu Wort meldete.

Und deshalb schwiegen sie.

Obwohl sie alle gesehen hatten, wie es gekommen war.

Delany verfluchte innerlich ihre Feigheit. Aber irgendwie konnte er sie auch verstehen.

Die meisten von ihnen hatten wahrscheinlich Frau und Kinder, für die sie zu sorgen hatten. Und nur die wenigsten konnten gut genug mit der Waffe umgehen, um einem Mann wie Shaw die Stirn bieten zu können.

"Sie sind in letzter Zeit recht oft in solche Unfälle verwickelt, Shaw...", stellte Collins kühl fest.

Der Pockennarbige zuckte mit den Schultern.

Um seine Mundwinkel machte sich ein mehr als unverschämtes Grinsen breit.

"Das ist nicht meine Schuld, Sir!", meinte er.

"Es wäre in unser beider Interesse, wenn sich das ändern würde!"

Shaw nahm seinen Revolver vom Tresen und steckte ihn ins Holster. Der Sheriff schien nichts dagegen einzuwenden zu haben und ließ es gewähren. Er machte einen ohnmächtigen Eindruck.

In Shaws Gesicht stand hingegen unverhohlener Triumph.

Der Vormann ging ohne noch ein weiteres Wort zu sagen an Collins vorbei. Zusammen mit dem bärenhaften Schwarzbart half er den beiden Verletzten.

Mit einigen Schwierigkeiten schleppten sie sich durch die Schwingtüren hinaus ins Freie.

12

"Verdammt, warum haben Sie ihn gehen lassen, Sheriff?"

Delany war ehrlich empört, während sich Collins zur Theke wandte.

Der Keeper hatte ihm ein Glas Whisky ausgefüllt und der Gesetzeshüter leerte es sogleich in einem Zug.

"Es wäre Ihre Aufgabe gewesen, diesen Mann festzunehmen und vor Gericht zu stellen!", zischte Delany ärgerlich.

Collins hob die Augenbrauen.

"So, wäre es?"

"Dieser Shaw hat einen Mann erschlagen, der ihm dazu keinerlei Anlass gegeben hat und der darüber hinaus bereits soviel getrunken hatte, dass er kaum eine Chance hatte, sich zu wehren!"

Collins deutete auf den Stern an seiner Brust.

"Ich sorge hier für die Durchsetzung der Gesetze - und nicht Sie!" Er löste die Schleife, die er um den Hemdkragen trug und rieb sich den Hals. "Ich hoffe, wir haben uns recht verstanden... Außerdem mag ich es nicht besonders, wenn mir jemand dreinzureden versucht!"

Delany hatte durchaus verstanden.

Collins schien es vorzuziehen, Schwierigkeiten so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen.

Unterdessen wandten sich die wenigen anwesenden Zecher wieder ihren Gesprächen zu.

Der Sheriff machte eine hilflose Geste.

Er deutete auf die anderen.

"Glauben Sie, einer von denen würde vor Gericht aussagen?"

"Ich würde aussagen!", erklärte Delany im Brustton der Überzeugung.

Collins zuckte mit den Schultern.

"Wer sind Sie schon? Und aus wem würde die Geschworenen-Jury bestehen? Aus Bürgern von Conway und Umgebung natürlich. Und von denen würde es keiner wagen, ein Urteil zu fällen, das auf schuldig lautet."

"Verstehe..."

"Ich frage mich, ob Sie wirklich verstehen, Mister..."

"...Delany."

"Shaw ist der Vormann von McKenna, dem mächtigsten Mann der Gegend."

"Ist mir bekannt."

"Sie haben sich den Falschen für einen Händel ausgesucht!

Solange Sie in der Gegend sind, werden Sie ab jetzt eine Zielscheibe sein..."

"Ich dachte, es wäre Ihr Job, so etwas zu unterbinden!"

Collins lachte heiser und freudlos.

"Bin ich Ihr Kindermädchen? Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, dann setzen Sie sich auf ein schnelles Pferd und hauen Sie ab, solange man Sie noch lässt..."

"Entspricht eigentlich nicht meiner Art!"

Collins zuckte mit den Schultern.

"Sie würden Ihnen und mir bestimmt 'ne Menge Ärger ersparen. Aber es ist Ihre Entscheidung. Ich kann Ihnen nur einen guten Rat geben, nicht mehr!" Er deutete auf den toten Steve. "Ich habe ihm dasselbe gesagt. Er wollte nicht hören. Ich wusste, dass es irgendwann soweit sein würde..."

Delany wandte sich zum Gehen

"So long, Sheriff. Ich muss sagen, Ihre Dienstauffassung hat mich tief beeindruckt!", versetzte er ironisch.

Collins sandte ihm einen ärgerlichen Blick nach, als er durch die Schwingtüren verschwand.

13

Mark McKenna hatte ein kantiges Gesicht mit harten Gesichtszügen, die auch durch den dunklen Oberlippenbart, den er trug, nicht abgemildert wurden. Er war der Sohn eines Schotten und einer Mexikanerin. Sein Teint war dunkel, fast wie bei einem Mestizen. Die Sonne hatte seine Haut verbrannt und sie mit den Jahren lederig werden lassen.

McKenna stand vor seinem prächtigen Ranchhaus, das er zusammen mit den großzügigen Unterkünften für seine Cowboys, den Scheunen und Corrals, auf einer Anhöhe errichtet hatte.

Soweit das Auge reichte, gehörte das Land ihm.

McKenna war vor einigen Jahren wie aus dem nichts aufgetaucht, hatte einen Batzen Geld in den Satteltaschen gehabt, sich eine Ranch gekauft, dann noch eine und so fort.

Über die Herkunft des Geldes kursierten wilde Gerüchte, aber ihnen allen war gemein, dass es höchstwahrscheinlich aus zwielichtigen Geschäften stammte.

Die einen behaupteten, er habe irgendwo wertlose Claims, die ihm darüber hinaus noch nicht einmal gehört hatten, an gutgläubige Digger verkauft. Andere meinten zu wissen, dass der Großteil seines Geldes aus Waffenschieber-Geschäften nach Mexiko stammte.

Aber ein Mann wie McKenna pflegte gut dafür zu sorgen, dass die Spuren in seine Vergangenheit sorgfältig verwischt wurden, so dass nichts blieb, als wilde Sattelgerüchte und Spekulationen...

Jedenfalls war er nun hier sesshaft geworden und versuchte, seinen Besitz mit allen Mitteln auszudehnen. Dabei war er bei der Wahl seiner Methoden weiß Gott nicht zimperlich...

Im ganzen County fürchtete man ihn und er genoss diesen Zustand.

McKenna kannte keine Freundschaft, keine Loyalität außer der zu sich selbst.

Der Rancher sah hinaus über die sanften, grasbewachsenen Hügel. Er blinzelte gegen die Sonne.

Ein Reiter näherte sich seiner Residenz.

Er war bereits nahe genug, um ihn erkennen zu können. Es war Slim Thompson, sein Anwalt.

Thompson war in McKennas Auftrag in die Hauptstadt geritten. Der Rancher hatte seiner Rückkehr schon lange entgegen gefiebert.

Ich hoffe nur, dass er Erfolg hatte!, durchzuckte es McKenna voller Erwartung.

Von Thompsons Mission hing eine Menge für ihn ab!

Aber nicht nur er, auch andere würden davon betroffen sein...

14

Thompson klopfte sich den Staub von seinem guten Anzug, als er aus dem Sattel gestiegen und sein Pferd festgebunden hatte.

"Wie war's?", erkundigte sich McKenna.

"Ich habe interessante Neuigkeiten."

"Gibt's irgendwelche Probleme?"

"Wie man's nimmt, Mr. McKenna."

Thompson nahm seine Satteltaschen vom Rücken des Pferdes.

"Gehen wir ins Haus, dann werde ich es Ihnen erklären, Sir!"

McKenna nickte und führte den Anwalt in das für hiesige Verhältnisse großzügig ausgestattete Wohnzimmer des Ranchhauses.

"Nun?", fragte der Rancher hart. "Was ist Sache? Reden Sie nicht lange um den heißen Brei herum."

Thompson nahm die Satteltasche und holte eine Landkarte hervor, die er dann auf dem Tisch ausbreitete.

"Was ich jetzt sage, ist noch nicht offiziell. Ich habe meine Verbindungen spielen lassen und..."

"Langweilen Sie mich nicht mit den Einzelheiten!"

Der Anwalt zuckte mit den Schultern.

"Wie Sie wollen." Thompson beschrieb mit dem Finger eine Linie auf der Karte. "Die Eisenbahn wird gebaut. Und zwar genau hier her."

McKenna schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

"Großartig!", rief er. Die Linie führte genau durch sein Gebiet. Billiges Weideland würde er für ein Vielfaches an die Eisenbahngesellschaft verkaufen können... Ein riesiger Gewinn lag in Reichweite...

"Es gibt aber einen Haken."

McKenna runzelte die Stirn.

"Und der wäre?"

"Hier, sehen Sie... Dort liegt der Besitz der Carters."

"Na und?"

"Die Carter-Ranch hat eine Schlüsselrolle. Wenn dieser halsstarrige Kerl sich weigert, zu verkaufen, dann wird die Bahn eine andere Route nehmen - weniger günstig für Sie, Mr.McKenna..."

Der Rancher ballte in ohnmächtiger Wut die Hände zu Fäusten.

Er wusste, wie Phil Carter war.

Er hatte sein - McKennas - Geld abgelehnt und er würde dasselbe auch mit den Dollars der Eisenbahngesellschaft machen.

McKenna war schon seit langem scharf auf das Land der Carters, aber bisher hatte er auf Granit gebissen. Als die Dollars keine Wirkung versprachen, hatte er versucht, sie einzuschüchtern...

Shaw war ein Mann, der sich vortrefflich darauf verstand, Menschen in Angst zu versetzen. Bei einem halben Dutzend der umliegenden Kleinrancher war es ihm auch gelungen. Sie hatten ihre Sachen gepackt und das Land verlassen.

Aber Carter war anders...

Vielleicht muss ich jetzt stärkere Geschütze auffahren!, überlegte McKenna.

Es musste ihm gelingen, die Carters so schnell wie möglich von ihrem Land zu vertreiben...

Um jeden Preis!

15

Sie waren zu dritt in der einfachen Wohnstube des Blockhauses.

Carter setzte sich an den Tisch, den Sabella gedeckt hatte.

Maud, seine Frau, stand noch am Herd und rührte in dem gutriechenden Rinder-Stew herum, das dort in einem großen, gusseisernen Topf heiß gemacht wurde.

"Wann werden Wesley und Trump von der Weide kommen?", fragte Maud, ohne dabei den Blick vom Essen zu nehmen. Sie rührte weiter. Wenn man jetzt nicht aufpasste, war alles verdorben und würde angebrannt schmecken.

"Sie haben heute 'ne Menge zu tun", erklärte Carter. "Sie werden wohl erst bei Anbruch der Dunkelheit heimkommen..."

"Dann hat es keinen Sinn, auf mit dem Essen auf sie zu warten", entschied Maud.

Sie stellte den Topf mit dem Stew auf den Tisch.

Dann setzte sie sich.

Auch Sabella nahm Platz.

Einen Moment lang waren die Gedanken der jungen Frau bei dem fremden Reiter - Delany - der wie aus dem Nichts aufgetaucht war.

Genau im richtigen Augenblick, dachte sie.

Sie bedauerte es wirklich, dass er noch etwas geblieben war.

Wer konnte schon in die Zukunft sehen? Aber vielleicht hätte sich mehr zwischen ihnen entwickeln können...

Sehr wahrscheinlich sogar...

Aber es war müßig, jetzt darüber nachzudenken.

Delany war davongeritten und sie würden sich wohl kaum je noch einmal sehen.

Die Stimme ihres Vaters holte sie aus ihren Gedanken in das Hier und Jetzt zurück.

Phil Carter sprach ein kurzes Gebet, dann füllte seine Frau das Essen aus.

16

John Delany hatte die Stadt verlassen. Irgendwo hinter seinem Rücken verschwanden die Häuser von Conway am Horizont.

Delany blickte nicht zurück.

Er hatte sich etwas über die Gegend kundig gemacht. Im Büro des Sheriffs hing eine Landkarte des Countys, die einigermaßen ihren Zweck erfüllte. Delany hatte sie eingehend studiert, bevor er sich auf den Weg gemacht hatte.

Und so war ihm auch bewusst, dass er, wenn er seine Richtung beibehielt, unweigerlich Mark McKennas Land durchqueren würde...

Aber Delany hatte keine Furcht.

Er würde der McKenna-Mannschaft so gut es ging aus dem Weg gehen.

Die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel.

Vielleicht war das der Grund, vielleicht auch etwas anderes...

Aber er begann über alles mögliche nachzugrübeln und das gefiel ihm überhaupt nicht.

Wohin reitest du?, fragte er sich selbst.

Weg. Weiter.

Das war alles, was er wusste.

Er zog schon eine ganze Weile auf diese Weise durch den Westen, nie lange an einem Ort.

Und eigentlich auch ohne wirkliches Ziel. Eine Art Glücksritter - und ein Revolvermann. Es war nicht eine innere Unruhe, die ihn trieb, sondern sein Ruf. In Wahrheit sehnte er sich nach nichts so sehr, als sich irgendwo ansiedeln und ein ganz normales Leben führen zu können.

Es war bereits ein paar Jahre her, da hatte er den Fehler gemacht, in einer wilden Rinderstadt den Sheriff-Stern anzunehmen. Innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit hatte er für Ordnung gesorgt, aber leider sprach es sich herum, wie vortrefflich er mit dem Colt umzugehen wusste.

Sein Ruhm lockte Revolverhelden und Pistoleros von überall her an, die sich mit ihm messen wollten. Schließlich packte er seine Sachen und zog davon. Noch ein paar weitere Nester befriedete Delany, aber die Geschichte blieb jedesmal dieselbe.

Hier schien ihn bis jetzt niemand von diesen Dingen zu wissen und das war gut so.

Er dachte an Sabella, deren Gesicht er nicht vergessen konnte.

Unter anderen Umständen hätte er nicht gezögert, zu bleiben, aber so... Es würde wieder auf dasselbe hinauslaufen, er sah es im Geiste schon vor sich.

Aber er hatte keine Lust, ein weiteres schmutziges Nest auszumisten... Er war die Art von Leben, die er bisher geführt hatte leid! Sollten sich andere finden, die den Kampf gegen Leute wie McKenna und Shaw ausfochten! Er hatte seinen Teil im Kampf gegen das Unrecht geleistet!

Stunde um Stunde verging, die Hügel hoben und senkten sich, und Delany hatte mehr und mehr das Gefühl, einen schweren Fehler zu begehen.

Sabella...

Dieses Gesicht, diese Stimme, diese leuchtenden grünen Augen. Das alles wollte ihm nicht aus dem Sinn gehen. Und dann war ihm auf einmal klar, dass er umkehren musste.

Eine Frau wie Sabella traf man nicht alle Tage.

Er zügelte sein Pferd.

Was sprach dagegen, noch etwas in der Gegend zu bleiben?

Weiterziehen konnte er immer noch, aber wenn er seinen Ritt jetzt in die falsche Richtung fortsetzte, dass war ihm in diesem Moment klar, dann würde er sich das vielleicht später nie verzeihen können...

17

Es war später Nachmittag.

Mark McKenna ritt an der Spitze einer Gruppe von gut zwei Dutzend bis auf die Zähne bewaffneter Reiter. Der Rancher hatte alles zusammengetrommelt, was im Augenblick verfügbar war und eine Waffe hinreichend bedienen konnte.

Nein, es konnte jetzt kein Pardon und kein Zögern mehr geben!

Dieser dickschädelige Carter würde ihm am Ende gar noch das Geschäft seines Lebens vermasseln! Das musste unbedingt verhindert werden!

Koste es was es wolle!, durchzuckte es ihn heiß.

Es konnte nicht mehr lange dauern und die Eisenbahngesellschaft würde Leute schicken, um mit Phil Carter zu verhandeln. Natürlich würde er ablehnen und dann war die Route durch das McKenna-Land gestorben!

Nein, viel Zeit war nicht mehr zu verlieren!

Carter war ihm schon seit langem ein Dorn im Auge. McKenna lechzte geradezu danach, sein Land übernehmen zu können, so wie es ihm bei vielen anderen Kleinranchern gelungen war.

Aber bei den anderen hatte er auf Zeit setzen können.

Irgendwann waren sie alle mürbe geworden und hatten ihre Sachen gepackt...

Aber in diesem Fall musste alles schnell über die Bühne gehen.

Auf einem Hügelkamm zügelte McKenna sein Pferd und die anderen folgten deinem Beispiel.

In weniger als einer halben Meile Entfernung sahen sie die kleine Ranch der Carters.

"Ihr wisst, was Ihr zu tun habt, Männer!", wandte sich der Rancher an seine Leute.

Ein Gemurmel entstand.

Shaw, der Vormann, meldete sich zu Wort.

"Wie weit sollen wir gehen, Boss?"

McKenna grinste.

Shaw war ein rauer Bursche, der es verstand, Angst einzujagen. Manchmal war der Pockennarbige dem Rancher selbst unheimlich und er war froh, dass er auf seiner Lohnliste stand - und nicht auf der eines anderen.

"Ich hoffe, dass sich auf eine vernünftige Lösung einlassen", meinte McKenna.

"Und wenn sie nun einfach nicht verschwinden wollen? Was dann?"

McKenna zuckte mit den Schultern.

"Das wird ihnen schlecht bekommen!"

"Sie meinen... Wir haben freie Hand?"

"So kann man es auch ausdrücken, Shaw!"

Dann gaben sie ihren Tieren die Sporen und preschten auf die kleine Ranch zu.

Die Stunde der Carters hatte jetzt endgültig geschlagen!

McKenna war nicht gewillt, sich noch länger von einem kleinen Niemand auf der Nase herumtanzen zu lassen!

Sie würden schon sehen, was ihnen ihr Starrsinn einbrachte!

18

Maud Carter blickte hinaus in die Ferne und erstarrte plötzlich.

Es war, als habe sich eine eisige Hand um ihren Hals gelegt.

Sie sah einen Pulk von Reitern, mindestens zwanzig Mann, und sie wusste, dass das nichts Gutes bedeuten konnte.

Das mussten McKennas Leute sein!

"Sabella!", rief sie ihre Tochter, die ein paar Meter entfernt dabei war, die Hühner zu versorgen.

"Ja, Ma?"

"Sag Dad Bescheid! Wir bekommen Schwierigkeiten!"

Sabella schaute auf und sah auch sie das herannahende Verhängnis.

Sie lief in die Scheune und holte ihren Vater.

Als Phil Carter ins Freie gestürmt war, hörte man bereits leise das Getrappel vieler Hufe.

Mein Gott!, durchschoss es Carter.

Einen Moment lang war er wie gelähmt.

Zu dumm, dass sein Sohn Wesley und der getreue Trump noch nicht von der Weide zurück waren!

Die Übermacht von McKenna und seinen Leuten wäre allerdings auch dann noch überwältigend gewesen.

"Ins Haus!", befahl Carter den beiden Frauen.

"Phil! Was sollen wir tun?"

Maud schlug die Hände vor das Gesicht. Sie schien völlig ratlos.

"Erst einmal ins Haus, habe ich gesagt! Dann werden wir weitersehen!"

"Ja..."

Die Reiter kamen näher und näher.

Einige von ihnen hatten die Winchester-Gewehre aus den Sätteln gezogen. Offenbar nahmen sie an, sie bald benutzen zu müssen.

Verdammte Bande!, durchfuhr es Carter.

Als sie ins Haus kamen, schloss Sabella die Tür.

Indessen ging Carter mit weiten Schritten auf den Gewehrschrank zu. Er nahm eine Waffe heraus und reichte sie seiner Frau Maud. Eine weitere ging an Sabella.

Er hatte ihnen beigebracht, mit Waffen umzugehen.

Dies war ein raues Land, in dem es von Gesindel wimmelte.

Man musste sich zu wehren wissen, wenn man überleben wollte.

Und das galt für die Carters ganz besonders, seit Mark McKenna seine Finger nach ihrem Land ausgestreckt hatte...

Phil Carter selbst hatte auch ein Gewehr genommen. Mit entschlossenen Bewegungen schob er Patronen in das Magazin.

Sabella stand am Fenster.

"Dad! Sie sind da!"

"Schieb das Fenster hoch!"

"Ja, Dad!"

Die Frauen postierten sich am Fenster. Carter selbst ging zur Tür und öffnete sie einen Spalt.

Die Reiterschar hatte die Ranch erreicht.

Er sah McKennas Gesicht, dessen Züge von Überheblichkeit gezeichnet waren.

Zur Hölle mit ihm!, dachte Carter.

Aber noch war alles ruhig geblieben, noch war kein Schuss gefallen...

"Carter!", rief die heisere Stimme von Mark McKenna.

Carter schluckte.

"Ich bin hier!", rief er dann entschlossen zurück. "Was wollen Sie?"

"Carter, ich bin dafür, den Streit zu begraben! Gehen Sie auf mein Angebot ein und verkaufen Sie!"

"Niemals! Verdammter Hund!"

"Erinnern Sie sich an das Angebot, was ich Ihnen gemacht habe?"

"Ich erinnere mich... Und vielleicht erinnern Sie sich noch, dass ich von keinem der verschiedenen Angebote, die Sie mir gemacht, sonderlich begeistert war..."

"Ich bin bereit, um das Doppelte zu erhöhen!"

"Scheren Sie sich zum Teufel! Ich verkaufe nicht! Dies ist mein Land und es wird auch das Land meiner Kinder sein! So wahr ich stehe!"

In McKennas dunklem Gesicht war kaum eine Veränderung zu sehen. Der Rancher hatte kaum ernstlich damit gerechnet, dass Carter sich würde umstimmen lassen.

Ja, dachte McKenna kalt. wer weiß, wie lange du da noch stehst, du kleiner Wurm...

"Sehen Sie, ich habe ein paar von meinen Männern mitgebracht, um meinem Angebot etwas mehr Nachdruck verleihen, Carter!" McKenna überprüfte mit einer flüchtig wirkenden Bewegung den Sitz seines Revolvers im Holster. "Wir verstehen uns doch richtig, oder?"

Carter verzog grimmig das Gesicht.

Da war nicht viel misszuverstehen.

Das, was McKenna da vorgetragen hatte, war nichts weiter, als eine ziemlich unverblümte Drohung.

"Wenn Sie denken, dass Sie mich einschüchtern können, dann sind Sie schief gewickelt, McKenna! Das haben Sie bisher nicht geschafft und das wird Ihnen auch jetzt nicht gelingen!"

McKenna verengte die Augen ein wenig.

Es hat keinen Sinn!, dachte er.

Vielleicht würde ein kleines Bleigewitter Carters Meinung ändern...

"Hören Sie!", rief McKenna dann. "Alles, was bisher gewesen ist, war nicht mehr, als ein Vorgeplänkel! So harmlos wird es nicht bleiben!"

"Verschwinden Sie, McKenna! Sie haben gehört, was ich dazu zu sagen habe! Das Recht ist auf meiner Seite!"

McKenna nickte langsam.

Er hatte mit nichts anderem gerechnet.

Dann wandte er sich an seine Leute und gab ihnen ein Zeichen.

"Fangt an, Männer!"

19

Nur Sekunden später prasselte ein Geschosshagel in Richtung der Carters.

Die Verteidiger kamen kaum dazu, einen Schuss zurückzugeben.

Es war für sie nahezu unmöglich, sich aus der Deckung herauszuwagen. Die Bleikugeln pfiffen den Carters um die Ohren.

"Runter!"

Aber das musste Phil Carter den beiden Frauen nicht erst sagen. Sie duckten sich, so gut es ging.

Das Haus war stabil und solide gebaut, aber es war keine Festung.

Einige der Kugeln durchschlugen die Wände, als wären sie aus Papier.

Holz splitterte an den Rahmen von Tür und Fenster.

Entschlossen packte Carter seiner Winchester, lud sie durch, öffnete die Haustür mit einem beherzten Fußtritt vollends und sandte ein paar Schüsse in Richtung der McKenna-Leute.

Einen holte er aus dem Sattel, einem anderen schoss er das Pferd unter dem Gesäß weg.

Dann schnellte er zurück.

Die Antwort war ein um so wütenderes Bleifeuer.

Die Kugeln pfiffen durch Fenster und Tür und holten dann das einfache Porzellan-Geschirr und die Blechtassen aus den Regalen, die auf der anderen Seite des Raumes angebracht waren.

Es schepperte und klirrte.

"Dad!"

Das war Sabellas Stimme.

Es war ein Schrei; ein schriller, aus Angst und Entsetzen geborener Laut.

Carter wandte den Blick, und dann sah er es auch.

"Oh, mein Gott!"

Es war wie ein Stoßgebet, was in diesem Moment über Carters Lippen kam, aber er wusste auch, dass es nichts nützen konnte.

Er sah seine Frau in sich zusammengesunken an der Wand lehnen. Eine Kugel musste ihr in den Oberkörper gefahren sein.

Ihr Kleid hatte sich dort rot verfärbt und ihre Augen blickten ihn starr und voller Schrecken an.

"Dad! Sie ist tot!", schluchzte Sabella völlig aufgelöst.

Carters Züge verfinsterten sich.

Tränen des Zorns traten ihm in die Augen.

Sein Mund verzog sich vor Schmerz.

"Diese Hunde!", stieß er hervor. "Diese verdammten Hunde! Dafür werden sie zahlen!"

Er packte sein Gewehr fester und schnellte dann erneut aus seiner Deckung.

Er feuerte Schuss um Schuss, diesmal allerdings, ohne besonders auf seine eigene Sicherheit zu achten.

Sie hatten seine treue Gefährtin, die Mutter seiner Kinder, auf dem Gewissen und er wollte, dass viele wie möglich von ihnen mit ihr unter die Erde kamen.

Die McKenna-Leute war unterdessen damit beschäftigt, Feuer zu legen.

Einige von ihnen hatten Fackeln dabei, die nun entzündet wurden. Die Scheune brannte bereits.

Da spürte Carter auf einmal einen höllischen Schmerz.

Zuerst im Oberschenkel, dann in der Seite. Verzweifelt versuchte er, das Gewehr in den Händen zu behalten und weiter zu feuern, aber er spürte gleichzeitig, wie die Kraft aus seinem Körper floh...

Er krümmte sich, sackte zusammen und rutschte zu Boden.

20

Die Sonne stand schon weit im Westen.

Wesley und Trump hatten einen harten Tag auf der Weide hinter sich. Jetzt waren sie auf dem Heimweg.

"Ich hoffe nur, dass Ma uns was vom Essen übriggelassen hat!", meinte Wesley.

Trump lachte herzhaft.

"Hat sie dich schon jemals hungern lassen?"

Von Ferne drangen Schüsse an ihre Ohren.

Sie zügelten die Pferde, um genau hinhören zu können, aus welcher Richtung das kam.

"Da ist irgendetwas los..." meinte Wesley. Eine unheilvolle Ahnung machte sich in ihm breit...

Dann sahen sie eine dunkle Rauchfahne am Horizont aufsteigen.

Es schnürte Wesley Carter fast die Kehle zu.

"Das muss bei uns zu Hause sein, Trump!"

Er schluckte und war für einen Augenblick wie vor Schreck gelähmt.

Dann trieb er seinem Pferd die Sporen in die Seiten und scheuchte es vorwärts. Trump folgte ihm.

21

Die Flammen loderten aus der Scheune und auch aus dem Wohnhaus stieg eine schwarze Rauchfahne.

Wesley Carter verzog vor Grimm und Schmerz das Gesicht, als er den Pulk von Reitern sah.

Es waren McKenna und seine Schergen!

Jetzt haben sie wirklich ernst gemacht!, durchfuhr es Wesley bitter. Er selbst hatte an der Scheune mitgebaut und nun würde sie in wenigen Augenblicken in sich zusammenbrechen, wie ein schlecht gebautes Kartenhaus.

Er dachte an seine Eltern und seine Schwester.

Es war nur zu hoffen, dass ihnen nicht allzu übel mitgespielt worden war.

Mit McKennas Leuten war nicht zu spaßen.

Wesley wusste, dass sein Gaul einen schweren Tag hinter sich hatte und dementsprechend müde war. Aber das konnte er in diesem Moment nicht gelten lassen. Mit Gewalt und einer Härte, die ihm sonst fremd war, trieb er das Tier die Anhöhe hinauf.

Trump hatte alle Mühe, hinter ihm her zu kommen.

Indessen wurde bei der Ranch nicht mehr geschossen.

Wesley beobachtete, wie einer der Reiter die Pferde aus dem Corral scheuchte und auseinander trieb. Das Feuer und die Schüsse hatten die Tiere ohnehin halb irre gemacht. Es würde einige Mühe machen, sie wieder einzufangen.

Die McKenna-Leute sammelten sich und preschten davon. Sie entfernten sich schnell von der Ranch.

Wesley hätte nicht übel Lust gehabt, den Colt aus dem Holster zu reißen, und ihnen ein paar Kugeln hinterher zu jagen.

Aber auf diese Entfernung war das vollkommen sinnlos.

Er musste sie ziehen lassen, aber wenn sie einem auf der Ranch etwas angetan hatten, dann sollten sie es bereuen!

Wesley ritt an der brennenden Scheune vorbei bis zum Wohnhaus und sprang dann aus dem Sattel.

Ein paar Sekunden später kam auch Trump an.

"Mein Gott! Dad!"

Wesley sah, wie Sabella den Körper ihres Vaters durch die Haustür zu schleifen versuchte. Sie hatte ihn unter den Achseln gefasst, aber es ging nur sehr langsam vorwärts. Phil Carter war ein Mann von beachtlicher Statur.

Wesley sprang seiner Schwester zu Hilfe.

"Was ist mit ihm?"

"Ich weiß nicht, Wes... Er hat ein paar Kugeln abbekommen!"

"Oh, verdammt! Diese Hunde!"

Sie zogen ihren Vater ins Freie. Carter stöhnte, rang nach Luft und hustete.

Der Rauch schien ihm ziemlich zugesetzt zu haben.

"Wo ist Ma?", fragte Wesley.

Er sah die Tränen in Sabellas Augen.

Ein Kloß bildete sich in seinem Hals

"Sie haben sie erschossen, Wes...", sagte sie fast tonlos. Ihre Stimme erstickte. "Einfach erschossen!"

22

Es hatte bereits zu dämmern begonnen, als John Delany die Ranch der Carters erreichte.

Schon von weitem waren die Flammen und der Rauch zu sehen, die die Scheune verzehrten. Es war nicht mehr viel von ihr übrig und auch das Wohnhaus war arg in Mitleidenschaft gezogen.

Er sah Sabella, die sich über ihren verletzten Vater beugte und ihn versorgte.

Sie hob den Kopf.

"Mr. Delany...!"

Er stieg aus dem Sattel und trat zu ihr. Dann beugte er sich zu Carter hinab.

Es war nicht schwer zu erraten, wer für all das verantwortlich war!

Sabella hatte ihren Vater notdürftig verbunden und jetzt war er in einen unruhigen Schlaf gefallen.

"Trump ist in die Stadt geritten, um den Doc zu holen", berichtete sie.

Delany blickte sich kurz um.

"McKennas Leute?"

"Ja! Sie haben Ma erschossen!"

Delany legte den Arm um ihre Schultern, um sie zu trösten.

Einen Augenblick nur gestattete sie es sich, sich an seine Schulter zu lehnen, dann blickte sie ihn besorgt an.

"Sie müssen Wesley aufhalten!", rief sie voller Verzweiflung. "Ich bitte Sie... Ich kann nicht weg, ich muss hier bei Dad bleiben. Und Trump ist unterwegs, um den Doc zu holen!"

"Wo ist Wesley?"

Delany hatte eine Ahnung. Sekunden später sollte sie durch Sabella bestätigt werden.

"Er ist auf dem Weg zur McKenna-Ranch! Mein Gott, er wird in den Tod reiten, wenn ihn niemand aufhält!"

"Wann ist er aufgebrochen?"

"Ich weiß nicht genau... Es ist noch nicht sehr lange her." Sie stockte. "Er war völlig außer sich, weil sie Ma getötet haben! Bitte halten Sie ihn zurück! Es nützt niemandem, wenn er auch noch stirbt!"

Dieser Narr!, durchfuhr es Delany ärgerlich. Glaubte er wirklich, gegen McKennas versammelte Meute etwas ausrichten zu können?

Delany fasste sie bei den Schultern.

"Ich werde tun, was ich kann!", versprach er. "Beschreiben Sie mir ungefähr den Weg, den er vermutlich nehmen wird!"

Sie nickte.

23

Delany trieb sein Pferd unbarmherzig vorwärts und jagte durch die beginnende Dämmerung.

Er konnte sich gut vorstellen, wie es in dem, jungen Wesley aussah. Schreiendes Unrecht war geschehen und es war verständlich, dass der junge Carter ungeduldig danach dürstete, den Mann zur Rechenschaft zu ziehen, der für den Tod seiner Mutter die Verantwortung trug.

Aber ebenso klar lag auf der Hand, dass er in sein Verderben reiten würde.

Wenn man gegen einen so mächtigen Mann wie Mark McKenna vorgehen wollte, dann genügte es nicht, die Winchester zu laden und ein guter Schütze zu sein.

Man musste auch seinen Verstand gebrauchen und die Gefühle unter Kontrolle bringen, soweit das überhaupt möglich war.

Sabella hatte ihm in knappen Worten den kürzesten Weg von der Carter Ranch zu McKennas Anwesen beschrieben und Delany hoffte nun, dass er ihn auch benutzen würde.

Es sprach einiges dafür, sicher konnte er trotzdem nicht sein.

Zumindest hatten die McKenna-Leute diesen Weg benutzt, dass wiesen die Hufspuren eindeutig aus. Und es lag nahe, dass Wesley der Meute des Ranchers folgte.

Natürlich war es völlig unmöglich, zu sagen, ob unter den unzähligen Spuren, die das Präriegras aufgewühlt hatten, auch die von Wesleys Pferd waren.

Delany musste einfach darauf vertrauen, dass sein Instinkt ihm treu blieb.

Und während er über die Hügel jagte, so schnell ihn sein Gaul zu tragen vermochte, wurde ihm mit einem Mal bewusst, wie sehr er sich selbst inzwischen in diese Geschichte verstrickt hatte.

Es war jetzt seine Sache.

Ob es ihm nun gefiel oder nicht.

Und er würde sie auch zu Ende bringen.

Delany zügelte zwischendurch kurz sein Pferd, kniff die Augen angestrengt zusammen und warf erneut einen Blick auf die Spuren der McKenna-Leute.

Die Sicht war bereits merklich schlechter geworden.

Nicht mehr lange und er würde nichts mehr von den Spuren sehen können. Dann hatte er nur noch Sabellas Beschreibung zur Orientierung.

Meile um Meile ließ er hinter sich.

Er hoffte nur, dass er nicht zu spät kam.

24

"Boss, da kommt einer!"

Shaw deutete nach rückwärts und Mark McKenna zügelte sein Pferd. Ein Reiter kam heran und holte auf.

McKenna runzelte die Stirn.

Dann verzogen sich seine Züge zu einem zynischen Grinsen, als er den Mann erkannte.

"Ist das nicht der junge Carter?", meinte Shaw.

McKenna nickte.

"Ja, sieht ganz so aus."

Es war nicht schwer zu erraten, was er wollte.

"Der Junge ist uns sicher nicht gefolgt, um Ihnen einen guten Tag zu wünschen, Mr.McKenna!", stellte Shaw kühl fest.

Wesley Carter war unterdessen herangekommen.

Sein Gesicht war rot angelaufen, seine Züge wie versteinert.

Die Rechte befand sich in der Nähe des Revolvers.

Die Gesichter der McKenna-Leute drückten teils Verwunderung teils Unverständnis aus. Wesley Carter musste wirklich von allen guten Geistern verlassen worden sein. Anders war einfach nicht erklärlich, dass er es wagte, allein der Mannschaft von McKenna zu folgen und sich ihr auf diese Weise zu stellen...

Ein unersättlicher Durst nach Rache und Vergeltung hatte sich Wesleys Innerem breitgemacht und durchmischte sich mit dem Schmerz, den er empfand.

Sie sollten bezahlen, diese Hunde!

Wesley war bereit, dafür sein Leben einzusetzen. Wenn die Situation eine andere gewesen wäre, wäre er vielleicht zunächst zum Sheriff in die Stadt geritten.

Aber zu Collins, den er für einen ausgemachten Feigling hielt, hatte er kein Vertrauen.

Nein, dachte er, während sein Blick die Gesichter der McKenna-Leute entlang glitt, man muss die Gerechtigkeit in die eigenen Hände nehmen! Collins würde es kaum wagen, etwas zu unternehmen und so glaubte er, dass ihm kein anderer Weg blieb, als die Sache selbst zu regeln!

"Was wollen Sie, Carter?", erkundigte sich McKenna. Das Gesicht des Ranchers blieb völlig unbewegt. Es schien ihm kaum etwas auszumachen, jemandem gegenüber zu stehen, dessen Mutter durch seine Schuld zu Tode gekommen war und dessen Vater noch schwer verletzt um sein Leben rang.

Wesley machte das fast rasend vor Wut.

"Ich will Sie fordern, McKenna!", erklärte er selbstbewusst.

Einen Augenblick lang schien McKenna verdutzt. Er sagte nichts und seine Augen traten etwas hervor.

Dann platzte ein schallendes Gelächter aus ihm heraus, in das seine Männer - allen voran der pockennarbige Shaw - nach und nach einfielen.

"Dieser Knirps ist ziemlich dreist, was Boss?", meinte jemand, während McKenna leicht nickte.

Der Rancher sah, das sein Gegenüber nahe am Kochen war und es durchaus ernst meinte.

Das rauhe Gelächter der Männer verebbte nach und nach.

"Ich will einen fairen Revolverkampf zwischen Ihnen und mir!", präzisierte der junge Wesley seine Vorstellung vom weiteren Ablauf der Ereignisse. "Ich finde, dass ist viel mehr, als Sie eigentlich erwarten dürfen!"

McKenna schien das ganze inzwischen nicht mehr so witzig zu finden.

"Ach, meinst du, Bürschchen?"

"Für das, was Sie auf dem Kerbholz haben, würde man Sie andernorts am nächsten Baum aufknüpfen. So haben Sie immerhin die Chance, schneller zu ziehen, als ich..."

Die Augen des Ranchers wurden schmal.

"Sehr großzügig!"

McKenna verzog spöttisch den Mund.

Aber der Unterton, mit der das sagte war sehr ernst.

Der Spaß war vorbei.

Wesley bemerkte, wie sich die Körperhaltung seines Gegenübers versteifte. Hier und da glitten Hände an die Hüften.

Wesley schluckte.

Jetzt wurde es ernst.

Langsam dämmerte ihm, dass seine überschäumenden Gefühle ihn zum Leichtsinn verführt hatten. Sein Blick begegnete dem des Ranchers und mit einem Mal wurde ihm klar, dass sein Gegenüber nicht im Traum daran dachte, sich auf ein Revolverduell einzulassen...

McKennas Leute hatten unterdessen eine Art Halbkreis um Wesley gebildet.

Der Rancher gab mit der Hand ein fast unmerkliches Zeichen.

Wesley begriff zu spät.

Er versuchte zwar noch, den Revolver aus dem Holster zu reißen und zu schießen, aber etwas hielt seinen Arm nieder.

Der Schuss ging in den Boden.

Wesley spürte, wie eine Lasso-Schlinge sich um seinen Oberkörper gelegt hatte und sich blitzschnell zusammenzog.

Ein Ruck und er wurde brutal aus dem Sattel gezogen.

Sekundenbruchteile später landete er unsanft am Boden. Und ehe er noch irgendetwas unternehmen konnte, waren ein paar von McKennas Cowboys aus den Sätteln gesprungen, hatten sich auf ihn gestürzt, ihn entwaffnet und überwältigt.

"Was machen wir mit ihm, Boss?"

McKenna zuckte mit den Schultern.

Er wandte sich an Shaw.

"Hast du eine Idee?"

"Er muss auf jeden Fall weg vom Fenster!", meinte der Vormann. "Er wird Ihnen sonst nur weiteren Ärger bereiten!"

McKenna nickte leicht.

"Ja, ich fürchte, du hast recht..."

"Da vorne ist ein Baum!", meinte Shaw.

McKenna grinste.

"Richtig! Haben wir den jungen Carter nicht gerade in flagranti beim Viehdiebstahl erwischt, Männer?"

Wesley schlug der Puls bis zum Hals.

Seine Gefühle hatten ihn jede Vorsicht vergessen lassen.

Und das rächte sich nun.

25

Delany hörte einen Schuss.

Das musste ganz in der Nähe sein!

Hoffentlich ist es noch nicht zu spät!, dachte er, als er sein Pferd vorwärts trieb.

Als er die nächste, vor ihm liegende Hügelkette überquert hatte, sah er einen Pulk von Cowboys im fahlen Dämmerlicht bei einem Baum stehen. Die meisten waren aus den Sätteln gestiegen.

Und in ihrer Mitte sah Delany einen Gefesselten.

Das war Wesley.

Jemand hatte sein Lasso über einen Ast geworfen. An einem der herunterhängenden Enden wurde eine Schlinge geknüpft. Es war ziemlich eindeutig, was hier vor sich ging.

Als Delany den Ort des Geschehens erreichte, blickte er in verwunderte Gesichter.

Nur der pockennarbige Shaw ließ sogleich die Hand zur Hüfte fahren, als er den Neuankömmling erkannte. Das Gesicht des Vormannes verzog sich zu grimmigen, hasserfüllten Maske.

Delany hatte Mark McKenna noch nie in seinem Leben gesehen, aber es war nicht schwer zu erraten, wer es hier zu sagen hatte.

McKenna zeigte sich gerne in der Pose eines absoluten Herrschers, der nur einen Wink zu geben brauchte, um seine Männer in Bewegung zu setzen.

Der Rancher stand da, wie ein Mann, der es gewohnt war, zu herrschen und der keinerlei Widerspruch duldete.

Die Männer blickten auf ihren Boss und warteten ab.

Sie würden es nie wagen, ohne einen Befehl ihres Chefs auch nur mit den Finger zu schnippen!, dachte Delany.

Selbst Shaw, der sonst gerne sehr großspurig tat, stand jetzt wie ein abgerichteter, zähnefletschender Wachhund da, dem sein Herrchen noch nicht das Signal zum Angreifen gegeben hatte...

Delany schob sich den Hut in den Nacken.

"McKenna?"

Der Rancher machte eine verächtliche Miene.

"Das bin ich!"

"Habe ich mir gedacht."

"Ich weiß nicht, wer Sie sind, aber ich halte es für besser, wenn Sie Ihres Weges ziehen, Mister!"

Delany entging der drohende Unterton nicht, der in den Worten seines Gegenübers mitschwang. Es war ihm sofort klar, dass er es mit einem äußerst gefährlichen Gegner zu tun hatte, dem alles zuzutrauen war.

Aber Delany hatte nicht die Absicht, sich einschüchtern zu lassen. Schließlich ging es hier um ein Menschenleben!

Er deutete auf den gefesselten Wesley.

Sie hatten ihn verdammt gut verpackt!

"Ich bin gekommen, um den jungen Carter mit nach Hause zu nehmen!", erklärte Delany selbstbewusst. Sein Tonfall war fest und sachlich.

McKenna machte eine bedauernde Geste.

"Tut mir leid, Sir, aber wir haben mit dem Kerl andere Absichten." Er zuckte mit den Schultern. "Leider hat er sich an unserem Vieh vergreifen wollen. Und Ihnen ist doch sicher auch bekannt, was man gemeinhin mit Viehdieben so macht..."

"Lügner!", schrie Wesley. "Verdammter Lügner!"

Einer der Männer versetzte ihm einen heftigen Schlag ins Gesicht und einen weiteren in die Magengegend, so dass der Gefangene vor Schmerz aufstöhnte.

Delany stieg aus dem Sattel und trat ein paar Schritte auf McKenna zu. Etwa zwei Meter von dem Rancher entfernt blieb er stehen und klemmte die Daumen hinter den Revolvergurt.

"Ich kenne den Mann, Boss!"

Das war Shaws leise Stimme.

Seine dünnen, blutleeren Lippen flüsterten fast.

"Ist das der Mann, der euch im Saloon Schwierigkeiten gemacht hat?", erkundigte sich McKenna.

Shaw nickte.

Sein Gesicht wurde zu einer eisigen Maske, die geeignet war, einem das Blut in den Adern gefrieren zu lassen.

"Ja..."

Es klang wie das Zischen einer Schlange. Delany war sich darüber im Klaren, dass er auf den Pockennarbigen aufpassen musste.

Er hatte etwas von einer bösartigen, zähnefletschenden Terrier, der bereit war, jeden zu zerfleischen, der ihm in den Weg kam.

Ein Zeichen seines Herrn und er würde nicht zögern, zum Colt zu greifen. Er brannte darauf, sich für seine vormalige Niederlage zu revanchieren.

Delany sah das Funkeln in den kalten Augen des Vormanns.

Aber das alles konnte ihn nicht beeindrucken.

Er blieb ruhig und gelassen und wandte sich erneut an McKenna.

Von ihm hing alles ab.

"Sie können mir erzählen, was Sie wollen, McKenna. Es bleibt meine Entscheidung, Ihnen zu glauben oder nicht."

"Sie sollten den Bogen nicht überspannen!"

McKenna kniff die Augen etwas zusammen.

"Ich habe nicht vor, mit Ihnen zu diskutieren", erklärte Delany ungerührt. "Ich bin hier, um Wesley mitzunehmen und ich würde Ihnen raten, nicht zu versuchen, mich daran zu hindern..."

"So? Und was sollte mich davon abhalten?", erkundigte sich McKenna spöttisch.

Delany deutete auf den Revolver, den der im Holster trug.

"Ich bin ein ganz passabler Revolverschütze." Er warf einen Blick zu Shaw. "Fragen Sie ihren Vormann!"

McKenna deutete auf seine Männer.

"Es wird Ihnen nicht entgangen sein, dass das Zahlenverhältnis zu Ihren Ungunsten steht!"

Delany verzog das Gesicht.

"Stimmt", gab er zu. "Aber selbst, wenn alle Ihre Männer exakt im selben Augenblick zu den Colts greifen würden, hätte ich noch Zeit genug, mindestens einen von euch niederzustrecken. Und wer weiß... Vielleicht fällt meine Wahl auf Sie, McKenna!"

Ihre Blicke begegneten sich und Delany glaubte, so etwas wie Verunsicherung in den Augen seines Gegenübers lesen zu können.

Er ist es nicht gewohnt, dass ihm jemand die Stirn bietet!, wurde es Delany klar.

Die Männer blickten wie gebannt auf ihren Boss, erwarteten ein Zeichen von ihm, um endlich losschlagen zu können, aber einen langen Augenblick lang geschah nichts dergleichen.

McKenna schien wie gelähmt.

Und Delany rechnete bewusst damit, es mit Feiglingen zu tun zu haben, die es gewohnt waren, in großer Übermacht aufzutreten - vorzugsweise gegen Leute, die ihnen nicht gewachsen waren.

Es war still geworden, niemand regte sich.

Delany hielt den Zeitpunkt für gekommen und machte zwei Schritte zur Seite und stand dann vor dem Gefangenen. Aus der Hosentasche holte er ein Klappmesser.

Ein rascher, beherzter Schnitt und Wesley hatte seine Hände frei.

Dann geschah das, womit Delany längst gerechnet hatte.

In seinem Rücken machte es klick! - ein Geräusch, das ihm nur allzu sehr vertraut war.

Jemand hatte den Hahn seines Revolvers gespannt.

26

Delanys Instinkt sagte ihm, dass es Shaw war, der gegen ihn gezogen hatte.

Er sollte recht behalten.

Delany ließ das Messer fahren, griff blitzartig zur Waffe, riss sie förmlich aus dem Holster und feuerte bereits, während er sich noch nicht einmal zur Hälfte gedreht hatte.

Shaw kam auch zum Schuss, aber der ging ins Leere.

Der Pockennarbige hatte ein kleines Loch, mitten auf der Stirn. Dumpf und schwer fiel er zu Boden, während Delany einen kleinen Satz nach vorne gemacht hatte und Mark McKenna den Colt unter die Nase hielt.

"Steckenlassen!", befahl er dem Rancher, dessen Hand sich um den Coltgriff gelegt und die Waffe zu zwei Dritteln herausgezogen hatte.

Einen Augenblick lang geschah gar nichts.

McKennas Blick bohrte sich in Delanys Augen.

Dann entspannte sich der Gesichtsausdruck des Ranchers etwas. Er ließ den Revolver gänzlich zurück ins Holster gleiten und gab seinen Männern ein Zeichen, nicht zu schießen. Delany hatte derartig schnell gehandelt, dass die Leute jetzt ohnehin kaum gegen ihn vorgehen konnten, ohne gleichzeitig ihren Boss zu gefährden.

Und dafür schreckten sie verständlicherweise zurück, schließlich lebten sie von ihm.

"Lasst die Eisen stecken!", erklärte McKenna noch einmal, wie zur Bekräftigung. Dann machte der Rancher eine Geste der Anerkennung. "Ich habe noch nie einen Mann gesehen, der so schnell mit dem Revolver war!", bekannte er mit unverhohlener Bewunderung.

Delany zuckte mit den Schultern.

"Vielleicht haben Sie noch nicht viele gesehen...", versetzte er dann in bewusster Tiefstapelei. Er hatte schon lange kein Interesse mehr an dieser Art von Ruhm.

"Nein, nein", beeilte sich McKenna. "So ist das nicht! Ich kann das sehr wohl beurteilen. Sie sind verdammt gut!"

Die Tatsache, dass der pockennarbige Shaw kaum einen halben Meter von ihm entfernt mausetot im Gras lag, schien ihn nicht im mindesten zu berühren.

Er ist völlig gefühllos!, erkannte Delany. Selbst seinen eigenen Männern gegenüber! Für ihn waren sie nicht mehr, als Werkzeuge.

"Wie heißen Sie?"

Delany zögerte.

In seinem Gesicht zuckte es fast unmerklich.

Dann nannte er seinen Namen und McKenna machte ein nachdenkliches Gesicht.

"Irgendwo glaube ich, diesen Namen schon einmal gehört zu haben..."

"Das glaube ich kaum!"

"Doch, doch! Ich bin mir fast sicher!" Er machte ein nachdenkliches Gesicht. "Könnte es sein, dass wir uns irgendwann - vielleicht ist es schon Jahre her - einmal begegnet sind?"

Delany schüttelte energisch den Kopf.

"Halte ich für ausgeschlossen. An einen Schuft wie Sie hätte ich mich erinnert!"

McKenna war im ersten Moment konsterniert, dann grinste er breit und hässlich.

Er deutete auf Wesley, der sich unterdessen auch die Fesseln von den Füßen abgestreift hatte. Mit freien Händen war das eine Kleinigkeit.

"Sie können den jungen Carter mitnehmen!", erklärte der Rancher. "Unter der Bedingung, dass er mir in Zukunft keine Schwierigkeiten mehr macht!"

"Ich bin nicht sein Kindermädchen!", versetzte Delany. "Ich bin ihm lediglich nachgeritten, um ihn vor einer Dummheit zu bewahren, die ihm das Leben kosten könnte. Leider kam ich etwas spät..."

McKenna trat zu Delany hin und klopfte ihm auf die Schulter, als wären sie langjährige Freunde. Diese Geste wirkte etwas aufgesetzt, Delany war sich nicht so recht klar darüber, was er davon zu halten hatte.

Dann deutete der Rancher auf Shaws Leiche, die mit dem Gesicht zum Boden gewandt ausgestreckt dalag.

"Sie können seinen Posten haben!", erklärte er.

Delany hob die Augenbrauen hoch. Das war wirklich eine Überraschung.

Fast glaubte er, sich verhört zu haben.

"Ich meine es ernst!", setzte McKenna hinzu. "Jemanden wie Sie kann ich brauchen! Mein Gott, wie Sie mit dem Revolver umgehen... Da wirken die meisten meiner Männer doch wie blutige Anfänger!"

Delany sah dem Rancher in die Augen.

Er meint es wirklich ernst!, durchfuhr es ihn.

"Kein Interesse!", erklärte Delany.

"Ich zahle gut!"

"Trotzdem."

"Jeder hat seinen Preis, Delany. Und jeder ist käuflich!"

"Ich war es bisher nicht!"

McKenna ließ ein schallendes, freudloses Lachen hören. Dann wurde sein Gesicht plötzlich wieder sehr ernst. Er musterte sein Gegenüber mit einem kühlen Blick.

"Ich denke, Sie werden sich die Sache durch den Kopf gehen lassen, Mr. Delany... Verdammt, ich komme noch darauf, woher mir Ihr Name so bekannt vorkommt!"

27

Wesley Carter war sichtlich erleichtert über die Entwicklung der Ereignisse. Er schwang sich auf seinen Gaul, der ihm von den McKenna-Leuten etwas widerwillig - zusammen mit seinen Waffen - zurückgegeben worden war.

Aber es war nun einmal McKennas Wille, und das allein zählte. Da half auch noch so lautes Zähneknirschen nichts.

McKenna versprach sich etwas davon, so zu handeln und das hatte die Meute zu akzeptieren.

Und sie tat es auch.

Die Männer waren nichts anderes gewöhnt.

Sie waren wie eine Meute dressierter Hunde, die aufs Wort gehorchte.

"Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder, Mr.Delany!", gab McKenna seiner Hoffnung Ausdruck.

Delany nickte.

"Bestimmt, Sir."

McKenna schien einigermaßen zufrieden.

Aber Delany hatte das ganz anders gemeint, als sein Gegenüber es verstanden hatte.

Er hatte keineswegs die Absicht, als Killer in die Dienste dieses Mannes zu treten - um dann irgendwann einmal ein ähnliches Ende zu nehmen, wie der pockennarbige Shaw!

Sehr wohl aber würde sein Weg ihn wieder mit McKenna zusammenbringen. Das stand so fest wie das Amen in der Kirche.

Diese Sache war noch nicht erledigt. Da waren noch ein paar Rechnungen offen, die beglichen werden mussten.

In diesem Punkt war er vermutlich mit dem jungen, temperamentvollen Wesley einer Meinung. Aber Delany hatte nicht die Absicht, seinen Kopf bei den bevorstehenden Auseinandersetzungen aus dem Spiel zu lassen! Man musste verdammt schlau sein, um einen Gegner wie McKenna in die Knie zu zwingen.

Ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, lenkte Delany sein Pferd herum und ließ es davontraben.

Er warf keinen Blick zurück.

Wesley folgte ihm, zunächst glücklich darüber, mit dem Leben davongekommen zu sein.

Aber dann verdüsterte sich mehr und mehr sein Gesicht.

Er schien sich nicht recht freuen zu können und Delany verstand ihn nur zu gut.

Unterdessen war es ziemlich dunkel geworden. Die letzten Sonnenstrahlen hatten sich über den Horizont gestohlen und bald würde es ziemlich schwierig werden, sich überhaupt noch zu orientieren.

"Ich hoffe, Sie kennen sich gut genug aus, um den Weg zur Ranch zu finden!", meinte Delany.

"Ich würde den Weg blind finden!", meinte Wesley trotzig.

Dann, nach kurzer Pause setzte er hinzu: "Sie haben eine Menge riskiert, Sir!"

"Ja, aber meine Rechnung ist aufgegangen. Andernfalls, würden Sie jetzt nicht neben mir im Sattel sitzen, Wesley."

"Stimmt, wenn man es so sieht..."

"Ich sehe es so."

"Ich wollte McKenna diesen Hund, zu einem Revolverduell fordern!"

"Machen Sie solche Dummheiten nie wieder, Wesley! Das nächste mal ist vielleicht niemand in der Nähe, der Sie raushaut!"

"Und was soll ich Ihrer Meinung nach tun?" Das Gesicht des jungen Carter hatte jetzt etwas, wildes, ärgerliches. Hass und Schmerz standen ihm im Gesicht geschrieben.

Eine gefährliche Mischung!, dachte Delany. Eine Mischung, die einen den Verstand verlieren lassen konnte... Und dabei war in dieser Situation nichts so dringlich, wie gerade den zu bewahren!

"Soll der Tod meiner Mutter vielleicht ungesühnt bleiben? Und mein Vater! Wer weiß, ob er sich je wieder ganz erholt!" Wesley schluckte. "Vielleicht ist er inzwischen auch schon tot. Wenn der Doc ihm nicht helfen konnte..." Er ballte die Hände zu Fäusten. "Ist das Gerechtigkeit, Mr. Delany? Dass ein Mann wie McKenna das County als sein Eigentum betrachtet! Dass er glaubt, das Gesetz missachten zu können! Dass er Menschen nach belieben vertreiben darf, wenn sie ihm im Weg sind und niemand etwas dagegen unternimmt!" Und mit sehr bitterem Unterton setzte er noch hinzu: "Für mich ist McKenna ein Mörder, der zur Rechenschaft gezogen werden muss! Ich werde nicht eher ruhen, bis das geschehen ist!"

Delany nickte.

"Ich auch nicht! In dem Punkt stimmen wir überein!"

"Gut!"

"Aber ich möchte noch am Leben sein, wenn diese Sache vorüber ist!"

28

Im fahlen Mondlicht erreichten Delany und Wesley die Ranch der Carters.

Von der Scheune stand nichts mehr. Das Wohnhaus sah zwar schlimm aus, aber man würde es retten können. Ein wenig Arbeit würde das schon machen, aber das war im Augenblick eines der geringeren Probleme.

Delany machte sein Pferd an einem Holzpflock fest, der von dem niedergerissenen Corral übriggeblieben war. Die Pferde, die hinter dem Gatter gewesen waren, streunten jetzt irgendwo auf den Weiden herum.

Sie würden schon nicht verloren gehen.

Es gab jetzt Wichtigeres, als Pferde einzufangen.

Ein paar gesattelte Gäule standen vor dem Wohnhaus. Eines gehörte Trump, ein anderes wahrscheinlich dem Doc.

Und der kam gerade in diesem Augenblick durch die zerschossene Haustür getreten.

Sein Gesicht war ernst.

"Tag, Dr. Andrews", wurde er von Wesley begrüßt.

Der Doc antwortete nur mit einem flüchtigen Nicken. Er vermied es, dem jungen Carter direkt in die Augen zu schauen.

"Wie steht es, Doc?"

"Es ist aus, Wesley", flüsterte der Arzt. "Tut mir leid, aber ich habe mir alle Mühe gegeben, Ihrem Vater zu helfen!"

Wesley schien fassungslos.

Er stürzte vorbei an Dr. Andrews ins Haus.

Der Doc wandte sich an Delany.

"Gehen Sie rein und trösten Sie Miss Sabella ein wenig! Das alles hat sie verständlicherweise sehr mitgenommen. Viel mehr, als sie zugeben will."

Das musste man Delany nicht zweimal sagen.

29

Im Inneren des Hauses brannte Licht, das den Blick auf verruste Wände freigab. Das Haus hatte bei dem Brand stark gelitten, aber Sabella und Trump hatten es retten können.

Phil Carter lag mit geschlossenen Augen auf seinem Lager.

Er würde sie nie wieder öffnen.

Und dasselbe galt für Maud, seine Frau, Sabellas und Wesleys Mutter.

Delany fasste Sabella vorsichtig bei den Schultern, woraufhin sie sich an seine Brust lehnte.

Eine ganze Weile - keiner von ihnen hätte hinterher genau sagen können, wie lange eigentlich - standen sie so da.

Delany legte den Arm um sie.

Er sagte nichts.

Alles, was in Augenblicken wie diesen sagen konnte, wäre irgendwie unpassend gewesen, das spürte er. Er strich ihr sanft über das Haar, während ihre Tränen sein Hemd benetzten.

Schließlich hob sie den Kopf und blickte ihm in die Augen.

"Das ist alles so furchtbar sinnlos!", flüsterte sie.

Und er nickte.

"Ja", hörte er seine eigene Stimme sagen und sie klang ihm in diesem Moment sehr fremd.

30

Früh am nächsten Morgen machten Delany und Wesley sich auf, um in die Stadt zu reiten.

Trump würde bei der Ranch bleiben.

Man mute schließlich mit allem rechnen. Auch damit, daß McKennas Leute erneut auftauchten.

"Passen Sie auf meinen Bruder auf", meinte Sabella. "Sie wissen ja, wie er ist..."

"Mach ich, Miss."

Als er bereits im Sattel saß, drückte sie ihm warm die Hand und hielt sie ein paar Augenblicke lang fest.

"Seien Sie vorsichtig, Mr. Delany. Ich möchte nicht, dass Ihnen etwas passiert."

"So leicht bin ich nicht zu überrumpeln", meinte er.

Das sollte leicht klingen, aber es erreichte sie nicht wirklich. Und es konnte auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es alles andere als ein Spaziergang war, was ihnen bevorstand.

"Ich werde an Sie denken", sagte sie.

"Es wird sicher nicht leicht werden..."

"Nein, das ist wahr."

Dann drehte Delany sein Pferd herum und preschte davon. Der junge Carter folgte ihm, so schnell er konnte.

Sabella sah ihnen lange nach, so lange, bis der Horizont sie verschluckt hatte...

Sie brauchten nicht lange bis Conway.

Als sie die Stadt erreichten, war dort das Leben gerade erst erwacht. Sie lenkten ihre Pferde schnurstracks auf das Sheriff-Office zu.

Aber von Sheriff Collins war dort weit und breit nichts zu sehen.

Sie trafen ihn im Saloon an, wo er gerade sein Frühstück eingenommen hatte und nun bei einer Tasse Kaffee saß.

Natürlich war der Gesetzeshüter nicht begeistert, als er Delany erblickte.

Insgeheim hatte er gehofft, dass der Fremde seinen Rat beherzigt und die Stadt verlassen hatte, um dann möglichst einen sehr weiten Bogen um die McKenna-Ranch zu schlagen.

Und die Geschichte, die der junge Carter ihm zu erzählen hatte, gefiel ihm ebenfalls nicht.

Wenn er darauf weiter einging, dann bedeutete das eine Menge Arbeit.

Lebensgefährliche Arbeit!

Und solchen Dingen ging er verständlicherweise am liebsten aus dem Weg, auch wenn ihm nicht immer ganz wohl dabei war.

"Hören Sie, Mister...", wandte er sich an Delany. "Wenn ich mich richtig erinnere, dann haben wir uns schon einmal über McKenna und seine Meute unterhalten und - "

"Richtig!", unterbrach Delany rau. "Und Ihre Antworten haben mir da ebenso wenig gefallen, wie jetzt!"

"Ich kann Ihnen im Voraus sagen, wie die Sache ausgehen wird! Zwanzig Zeugen werden vor Gericht schwören, dass alles ganz anders war..." Collins schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, so dass ihm der Kaffee aus der Tasse spritzte. "Und zwölf Geschworene, von denen die eine Hälfte auf seiner Lohnliste steht und die andere Hälfte vor ihm zittert, werden ihn freisprechen, ganz gleich wie die Beweislage ist!"

Collins war wütend.

Verdammt wütend!

Und sein Gesicht bekam davon einen rostroten Farbton.

"Sie sind hier Sheriff!", beharrte Delany. "Und Sie sollten verdammt nochmal tun, was Ihr Job ist!"

"Glauben Sie, dass ich McKenna für einen Chorknaben halte, der kein Wässerchen trüben kann? Pah! Ich weiß sehr wohl, was für ein Kaliber dieser Kerl ist! Aber ich bin kein Selbstmörder, kapiert?"

"Das verlangt auch niemand."

"Oh, doch! Hätte ich eine ausgebildete Polizeitruppe unter mir, dann läge die Sache anders! Aber ein einzelner Sternträger gegen McKennas Meute? Das ist Selbstmord!"

"Sie wären nicht allein", erklärte Delany sachlich.

"So?" Collins verzog spöttisch den Mund. "Sehen Sie hier irgendwo eine Abteilung Kavalerie, die mit mir reiten würde?"

"Wir beide würden mit Ihnen kommen, Collins!"

"Ich bewundere Ihren Mut, Sir, aber ich glaube nicht, dass der ausreichen wird."

Delany zuckte mit den Schultern.

"Wenn Sie uns nicht helfen wollen, dann werden wir die Sache wohl auf irgendeine Weise selbst in die Hand nehmen müssen..." Er wandte sich an Wesley. "Komm, wir gehen!"

"Überlegen Sie sich das lieber zweimal!", rief Collins ihnen mit heiserer Stimme nach, als sie durch Schwingtüren ins Freie traten.

Als die beiden gegangen waren, wurde es finster in Collins Gesicht.

Eine verdammt schmutzige Geschichte war das!

Er hatte Phil Carter und seine Frau gut gekannt.

Nein, das hatten diese Leute nicht verdient gehabt.

Weiß Gott nicht!

31

"Vielleicht sagen Sie mir mal, was Sie jetzt vorhaben, Delany!", forderte Wesley, als sie wieder in den Sätteln saßen und und zur Stadt hinaus ritten.

"Ruhig Blut, Wesley!", riet er dem jungen Carter.

Sie hatten kaum die letzten Häuser von Conway hinter sich gelassen, da tauchte ein Reiter hinter ihnen auf.

"Hey! Warten Sie!"

Delany zügelte sein Pferd und Wesley folgte seinem Beispiel.

Sie staunten nicht schlecht.

"Wir hatten eigentlich nicht mehr mit Ihnen gerechnet, Collins!", meinte Delany.

Der Sheriff seufzte.

"Ich wollte verhindern, dass Sie beide Dummheiten machen!"

Delany lachte.

"Ich glaube, diese Sorge ist unbegründet."

"Gut zu wissen..."

Sie wechselten einen vielsagenden Blick miteinander, dann schlug Collins sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel.

"Sie haben gewonnen!", meinte der Sternträger.

"Was heißt das?"

"Dass heißt, das ich mit Ihnen hinaus zur McKenna-Ranch reiten werde, um den Mann zur Rede zu stellen!"

Delany nickte befriedigt.

"Gut!"

"Aber ich kann Ihnen nichts versprechen!"

"Natürlich nicht."

Dem jungen Wesley war das durchaus nicht genug. Man sah es seinem Gesicht an.

Aber er hielt sich zurück und schwieg.

Und das war vielleicht auch das Beste, was er in diesem Augenblick tun konnte.

"Verlieren wir nicht noch mehr Zeit!", forderte Delany.

Aber Collins schüttelte energisch den Kopf.

"Nicht so schnell, Mister!"

"Was soll das heißen?"

Collins holte einen Blechstern aus der Innentasche seiner Lederweste und warf ihn Delany zu, der ihn mit deutlichem Stirnrunzeln auffing.

"Heften Sie sich den an. Ich vereidige Sie als Deputy!"

Delany warf einen nachdenklichen Blick auf das Symbol, das er schon so oft an der Brust getragen hatte.

Eigentlich sollten diese Zeiten vorbei sein.

"Ich weiß nicht, ob..."

"Sie haben mich zu dieser Sache überredet, Mister! Ich denke, da ist es nicht zu viel verlangt, wenn ich erwarte, dass Sie bei dieser Sache nicht nur Zuschauer sind..."

Delany machte das Abzeichen an seinem Hemd fest.

Es schien unvermeidlich.

Früher oder später hing immer wieder so ein Ding an seiner Brust.

32

Thompson, der Anwalt, hatte die Nacht in einem der großzügig eingerichteten Gästezimmer auf der McKenna-Ranch verbracht.

Er war sehr spät am Abend gekommen und hatte dann mit dem Rancher bis weit nach Mitternacht über Vertragsentwürfe gesprochen, die die bevorstehenden Landverkäufe an die Eisenbahngesellschaft betrafen.

Schließlich war es zu spät geworden, um noch nach Conway zurückzureiten.

Jetzt saßen sie zusammen beim Frühstück.

"Mir geht dieser Name nicht aus dem Kopf...", murmelte der Rancher - mehr zu sich selbst, als zu seinem Gegenüber.

"Welcher Name?", fragte Thompson, während er eine Kaffeetasse zum Mund führte.

"Delany...", zischte McKenna. "John Delany. Sagt Ihnen das vielleicht irgendetwas?"

"Hm..." Der Anwalt machte ein nachdenkliches Gesicht. "Was soll das für ein Mann sein?"

"Einer, der vorzüglich mit dem Revolver umzugehen versteht. Er zieht den Colt so schnell wie nur wenige." McKenna seufzte. "Ich habe schon viele gesehen, die sich für gute Schnellschützen hielten und dann schneller ins Gras bissen, als sie es selbst in ihren Alpträumen für möglich gehalten hätten... Aber dieser Delany ist eine Klasse für sich. Und verdammt nochmal, ich habe seinen Namen schon irgendwann einmal gehört..."

"John Delany heißt er?"

"Ja."

"Kennen Sie Bear River City, Wyoming?"

"Na, und?"

"Ein kleines Nest von ein paar Häusern", berichtete Thompson. "Bis die Union Pacific kam. Die Eisenbahn veränderte alles, die Stadt wuchs innerhalb von ein paar Jahren um ein Vielfaches. Natürlich wurde eine Menge Gesindel angelockt..."

"Und was hat das mit John Delany zu tun?"

Thompson zuckte mit den Schultern.

"Ein Mann dieses Namens hat dort den Sheriff-Stern angeheftet bekommen und dann aufgeräumt... Die Zeitungen haben darüber geschrieben. Die stürzen sich doch immer auf solche Sachen. Jedenfalls ist dieser Delany - wenn man dem glauben darf, was geschrieben wurde - ein unwahrscheinlich schneller Revolverschütze gewesen."

"Es wäre doch nicht ausgeschlossen, dass es sich um den selben Mann handelt!", sinnierte McKenna. "Kein Wunder, dass mir der Name bekannt vorkam!"

"Das alles liegt schon ein paar Jahre zurück", fuhr Thompson fort. "Delany hat noch in ein paar anderen Nestern oben in Wyoming und Utah aufgeräumt." Er machte eine hilflose Geste. "Allerdings ist manches vielleicht auch nur Sattelgerücht!"

Ein Revolverheld also!, schoss es McKenna durch den Kopf.

Ein solcher Mann kam ihm wie gerufen. Er hatte gesehen, wie der Fremde Shaw, seinen besten Mann, niedergestreckt hatte.

Einen solchen Kerl hatte man am besten in den eigenen Reihen, auch wenn es etwas kostete.

Und wenn nicht?

Delany schien ein Mann mit eigenem Willen zu sein - eine Eigenschaft, die McKenna bei seinen Leuten nicht allzu sehr schätzte.

Die Züge des Ranchers verzogen sich zu einem zynischen Ausdruck.

Es würden sich genügend Revolvermänner finden, die nur darauf brannten, Delany niederzustrecken um sich ihn wie eine Trophäe an den Namen zu heften: Der Mann, der John Delany umgelegt hat! Klang das nicht gut?

McKenna würde noch nicht einmal viel zu zahlen brauchen, um einen erstklassigen Killer zu finden, der dem Fremden mit Vergnügen eine Kugel in den Kopf jagte!

McKenna beschloss abzuwarten.

Delany musste sich entscheiden.

Für ihn oder gegen ihn; für das Leben oder ein kleines, rundes Loch im Kopf.

33

Mark McKennas Ranch tauchte in der Ferne vor den Reitern auf und rückte rasch näher.

John Delany, der McKennas Ranch zum ersten Mal zu Gesicht bekam, staunte.

Es war ein imposantes Anwesen, größer und herrschaftlicher als die meisten Ranches.

Weithin ließ sich von ihr aus das Land überblicken. Es war unverkennbar die Residenz eines Herrschers.

Bei einer Gruppe von knorrigen, halb vertrockneten Bäumen zügelte Delany plötzlich sein Pferd.

"Was ist los?", erkundigte sich Wesley Carter etwas unwirsch und auch Collins runzelte die Stirn.

"Wir können da nicht einfach hinspazieren und einen Mann wie McKenna verhaften." Er deutete auf den jungen Carter.

"Allein schon Ihr Anblick, Wesley, wird für ihn ein rotes Tuch sein!"

Collins nickte.

"Wenn wir Glück haben, sind seine Männer auf der Weide."

"Die Meute, die uns in Empfang nimmt, wird immer noch groß genug sein."

Collins machte ein ratloses Gesicht, als er sich an Delany wandte.

"Sie haben die Sache angefangen! Ich hoffe, Sie haben auch eine Idee, wir wir das Ding über die Bühne bringen!"

Delany nickte.

Dann knöpfte er sich - ganz gegen seine sonstige Gewohnheit - die Jacke zu, so dass sein Blechstern darunter verborgen blieb.

"McKenna hat mir ein Angebot gemacht. Er hofft, dass ich in seine Dienste trete. Wenn ich allein bei ihm auftauche, wird er denken, dass ich es mir doch noch überlegt habe und darauf eingehe..."

"Hm...", machte Collins.

"Es ist die einzige Möglichkeit für einen von uns, an ihn heran zu kommen!"

"Und was ist unsere Aufgabe dabei?", erkundigte sich Wesley, der am liebsten selbst losgeritten wäre, um an McKenna heranzukommen.

"Hierbleiben und abwarten. Nachher brauche ich vielleicht etwas Feuerschutz, wenn ich zurückkomme..."

"Und wenn Sie nicht zurückkommen?", fragte Collins.

Delany zuckte mit den Schultern.

"Dann hoffe ich, dass Ihnen etwas Originelles einfällt, um mich rauszuhauen!"

Collins fuhr sich mit einer nervösen Geste über das Gesicht.

"Mein Gott, worauf habe ich mich da nur eingelassen!"

"Haben Sie Handschellen dabei?"

"Ja, in der Satteltasche."

"Geben Sie sie mir!"

34

Delany lenkte sein Pferd ohne besondere Eile den Hang hinauf.

Die Männer kamen von den Pferdecorrals und aus den Unterkünften, soweit sie nicht schon auf die Weiden geritten waren.

Und als Delany schließlich die Anhöhe erreicht hatten, auf der die Ranch errichtet worden war, wartete dort bereits ein ganz beachtliches Empfangskomitee auf ihn.

Die Männer bedachten ihn mit feindseligen Blicken. Sie hatten ihn noch vom Vortag in unangenehmer Erinnerung. Aber sie unternahmen nichts, denn sie wussten, dass ihr Boss ein Auge auf auf diesen Revolvermann geworfen hatte.

Und natürlich rechneten sie zwei und zwei zusammen und zogen ihre Schlüsse.

Für die Männer gab es keinen Zweifel.

Der Geruch knisternder Dollarnoten musste Delany angelockt haben.

So wie sie alle hier.

Als Delany vor dem großzügigen Wohnhaus ankam, zügelte er sein Pferd.

Er wartete ein paar Augenblicke.

Einer der Männer lief, um dem Boss Bescheid zu sagen.

Wenig später trat Mark McKenna hinaus auf die Veranda.

Im rechten Mundwinkel steckte ein Zigarrillo, der halb heruntergebrannt war. Er trug im Augenblick keinen Revolver, aber das brauchte er auch nicht.

Es waren schließlich genügend von seinen Leuten anwesend, jederzeit dazu bereit, in jede Richtung zu feuern, die McKenna ihnen befahl.

Der Rancher verzog den Mund zu einem maskenhaften Lächeln.

"Ich nehme an Sie haben sich mein Angebot überlegt, Delany...", begann er.

Delany verengte ein wenig die Augen und ließ den Blick herumgleiten.

McKennas Wachhunde standen Gewehr bei Fuß.

Es war eine Nervensache.

Eine Menge hing davon ab, dass Delany seine Rolle einigermaßen überzeugend spielte.

"Richtig", erklärte er gedehnt. "Ich dachte, dass es auf die Dauer vielleicht vernünftiger ist, sich auf die Seite des Stärkeren zu schlagen... Vor allem dürfte es einträglicher sein!"

McKenna nickte.

Delany beobachtete jede seiner Bewegungen. Er wusste, dass ein Wink seines Gegenübers genügen würde und aus mindestens einem halben Dutzend Rohren würden Mündungsfeuer zucken.

Er musste vorsichtig sein.

"Früher haben Sie offensichtlich weniger auf das Geld geschielt, Delany", versetzte McKenna. "Ich erinnere nur an an Bear River City, Wyoming..."

Delany horchte auf.

Das Misstrauen, das in den Worten des anderen mitschwang, war nicht zu überhören. Delany wusste nicht, woher McKenna um seine Vergangenheit wusste.

Aber das spielte jetzt auch gar keine Rolle. Es war eine Tatsache und er würde sich darauf einzustellen haben.

"Bear River City ist lange her!", meinte Delany. "Mit heute hat das nichts mehr zu tun..."

"Das will ich hoffen! Schließlich will ich mir nicht gerade einen Sternträger ins Nest setzen..."

"Sehen Sie einen Stern bei mir, Mr. McKenna?", erkundigte sich Delany mit Spott in der Stimme.

McKenna zog die Augenbrauen hoch.

"Nein."

Der Rancher nahm nachdenklich den Zigarillo aus dem Mund und blies etwas Rauch durch die Nase. Dann ließ er ihn zu Boden fallen und trat ihn aus, obwohl er eigentlich noch gar nicht zu Ende geraucht war.

"Es wird nicht besonders gut bezahlt, wenn man für das Gesetz den Hals riskiert!", meinte Delany. "Ich hoffe, dass Sie da großzügiger sind."

"Worauf Sie sich verlassen können."

McKenna wandte sich an seine Männer. "Geht an eure Arbeit, Jungs! Die wird nicht von allein getan! Willard! Lorrimer! Ihr bleibt hier!"

Die Cowboys wandten sich murrend wieder ihren Dingen zu.

Delany sah das nicht ungern. Schließlich verbesserte sich auf diese Weise das Zahlenverhältnis erheblich zu seinen Gunsten.

Aber da waren noch diese zwei grimmig aussehenden Kerle Willard und Lorrimer - die im Augenblick so etwas wie McKennas Leibwächter zu sein schienen.

Aber Delany war zuversichtlich, notfalls mit ihnen fertigwerden zu können.

"Steigen Sie ab, Delany. Wir werden ins Haus gehen und dort die Einzelheiten besprechen..."

35

Delany machte sein Pferd an der Querstange zwischen den Pfosten der Veranda fest.

Bevor sie dann ins Haus gingen, fragte McKenna plötzlich: "Was haben Sie mit den Carters zu tun? Sie haben sich gestern sehr vehement für den jungen Heißsporn Wesley eingesetzt..."

Delany horchte auf, während McKenna ihn aufmerksam musterte.

Es musste ihm jetzt eine gute Antwort einfallen.

"Ich bin gerade dabei, die Seiten zu wechseln", erklärte er kühl. "Vorausgesetzt, Sie machen mir das ausreichend schmackhaft!" Er zuckte wie beiläufig mit Schultern. "Was ist so besonderes dabei?"

McKenna grinste.

"Sie wollen also handeln!" Er lachte. "Ich muss sagen, Sie gefallen mir immer besser."

Sie gingen ins Haus, McKenna voran, dahinter Willard und Lorrimer, die beiden Wachhunde.

Delany hat das untrügliche Gefühl, dass die beiden nicht besonders begeistert von der Aussicht waren, jemanden wie ihn vor die Nase gesetzt zu bekommen - unvergleichlich besser mit dem Revolver und daher natürlich auch besser bezahlt. Die unterschwellige Rivalität war unverkennbar, obwohl noch gar nichts abgemacht war.

Als sie die Wohnstube betraten, war dort Thompson, der Anwalt, gerade dabei, seine Unterlagen zusammen zu suchen.

"Ich werde mich dann auf den Rückweg machen, Mr. McKenna. Wir haben soweit alles Nötige besprochen!"

McKenna nickte.

"In Ordnung!", raunte er.

Wenig später war der Anwalt verschwunden und der Rancher warf sich in einen der Sessel.

Delany taxierte die Lage.

Noch zögerte er.

McKenna gab Lorrimer ein Zeichen.

"Hol den Bourbon aus dem Schrank und schenk diesem Gentleman hier ein Glas ein!", befahl er. Lorrimer grunzte etwas Unverständliches und machte dann die paar Schritte zum Schrank.

Delany hielt jetzt den Moment für gekommen.

"Hände hoch und keine Bewegung!" Blitzschnell war er zur Hüfte gefahren, hatte den Revolver herausgezogen und richtete ihn jetzt direkt auf den sichtlich überraschten McKenna.

"Was soll das?"

"Ist das so schwer zu begreifen?"

Die beiden Wachhunde wagten zunächst keine Bewegung.

Sie standen da wie Salzsäulen und warteten erst einmal ab.

"Wer von euch auch nur mit der Wimper zuckt, ist ein toter Mann!"

Delany knöpfte seine Jacke auf und holte ein Paar Handschellen aus der Innentasche. Dabei fiel der Blick des Ranchers unweigerlich auf den Blechstern.

"Verdammt, Sie haben falsch gespielt, Delany!"

"Sie können das bezeichnen, wie Sie wollen. Aber ich bin seit kurzem Deputy und in dieser Eigenschaft werde ich Sie jetzt verhaften!"

McKenna glotzte ungläubig auf sein Gegenüber.

"Das wagen Sie nicht, Delany!"

Zur Antwort warf er ihm die Handschellen hin.

"Legen Sie sich die an, McKenna! Und zwar ein bisschen plötzlich!"

"Und wenn ich mich weigere?"

"Dann ist es mir ein Vergnügen, Sie abzuknallen! Verdient hätten Sie es! Glauben Sie also nicht, dass ich zögern würde..."

McKenna wurde bleich.

Langsam schien ihm der volle Ernst seiner Lage bewusst zu werden.

"Das werden Sie mir noch bezahlen, Delany! Jawohl, das werden Sie!"

Delany zuckte mit den Schultern.

"Zunächst einmal sind Sie damit an der Reihe, McKenna!"

Der Rancher steckte seine Hände in die Handschellen und Delany trat hinzu, um sich davon zu überzeugen, dass sie auch wirklich eingeschnappt waren.

Die beiden Wachhunde, die die Szene mit fast unbewegten Poker-Gesichtern bis jetzt hingenommen hatten, hielten das für einen guten Zeitpunkt, um das Blatt wieder zu wenden.

Ein kurzes Nicken, ein kleines, kaum merkliches Zeichen des gegenseitigen Einverständnisses und sie rissen fast gleichzeitig die Colts aus den Holstern.

Lorrimer, der in der Linken noch die Flasche Bourbon hielt, die er für seinen Boss aus dem Schrank geholt hatte, war der erste von ihnen, der das mit dem Leben bezahlte.

Delany hatte sich augenblicklich zu Boden fallen lassen, als er begriffen hatte, was die beiden wollten.

Noch im Fallen lösten sich ein Schuss aus seiner Waffe und zerfetzte Lorrimer den Hals. Auf dem Boden liegend feuerte Delany noch einmal auf seinen Gegner und streckte ihn damit endgültig nieder.

Ein dumpfer, ersterbender Schrei.

Mit weit aufgerissenen Augen rutschte Lorrimer am Schrank entlang nach unten. Die Flasche Bourbon entfiel ihm, knallte auf den Fußboden und zersplitterte.

Delany war unterdessen längst herumgewirbelt.

Dort, wo er noch Sekundenbruchteile zuvor gelegen hatte, splitterten jetzt die Fußbodenbretter vom Einschlag mehrerer Kugeln.

Mit einem Schuss in die Brust streckte Delany dann einen Augenaufschlag später auch den zweiten Wachhund - Willard nieder.

Als Delany sich dann wieder erhoben hatte, stellte er mit Schrecken fest, dass McKenna sich in Richtung Tür aufgemacht hatte.

Er hatte die Klinke bereits heruntergedrückt, da setzte Delany einen wohlplatzierten Schuss in den Türrahmen, nur Zentimeter vom Gesicht des Ranchers entfernt.

"So nicht, McKenna!"

Delany spannte erneut den Hahn.

McKenna wurde bleich und erstarrte zu einer Maske des Schreckens.

Er wagte keine weitere Bewegung.

"Versuchen Sie das nie wieder, McKenna", zischte Delany. Er flüsterte es fast, aber es verfehlte dennoch nicht seine Wirkung.

McKenna war für ein paar Augenblicke völlig unfähig, irgendeine Äußerung zu machen.

Er schluckte, während Delany weiterhin den gespannten Revolver auf ihn gerichtet hielt.

Schließlich nickte der Rancher schwach.

"Okay...", hauchte er.

"Ich denke, dass ich Ihnen ausreichend bewiesen habe, wie ernst ich es meine, Sir!"

"Ja..."

Delany machte ein paar Schritte auf seinen Gefangenen zu und kam nahe an ihn heran. Ihre Blicke bohrten sich ineinander und McKenna sah die unbedingte Entschlossenheit in den Augen seines Gegenübers.

Verdammt! Ich habe ihn unterschätzt!, wurde es dem Rancher klar. Aber diese Erkenntnis kam etwas spät...

McKenna hatte gedacht, den schnellschießenden Fremden für ein paar Dollars kaufen zu können - für den Rancher nicht mehr als ein Trinkgeld, für einen Glücksritter wie Delany vermutlich ein Vermögen...

Aber da hatte er sich getäuscht!

"Sie müssen vollkommen verrückt sein", hauchte McKenna in ohnmächtiger Verzweiflung. Er schien noch kaum glauben zu können, was sich in der letzten Minute zugetragen hatte. "Und lebensmüde!", setzte er noch hinzu. "Jawohl, Sie müssen lebensmüde sein!"

Delany zuckte die Achseln.

"Ich hoffe, dass Sie es nicht sind", stellte er kühl fest.

"Was soll das heißen?"

"Das werden Sie gleich sehen, McKenna!"

36

Die Meute war selbstverständlich gleich herbeigerannt, als die ersten Schüsse gefallen waren.

Einige der Männer hielten Winchester-Gewehre in den Händen, andere hatten ihre Colts gezogen.

Sie liefen auf das Haus zu, Delany sah sie mit einem flüchtigen Blick, den er durch das Fenster warf.

Mit einem Fußtritt öffnete Delany die Haustür und trat hinaus, dabei schob er den mit Handschellen gefesselten McKenna wie einen Schutzschild vor sich her.

"Es hängt von Ihnen ab, ob ich Sie im Gerichtssaal noch lebend zur Verhandlung werde vorführen können, oder ob Sie innerhalb der nächsten zwei Minuten tot sind...". raunte der Deputy dem Rancher ins Ohr.

McKenna bleckte grimmig die Zähne.

"Damit kommen Sie nicht durch, Delany!"

"Darauf sollten Sie nicht hoffen, McKenna! Denn in dem Fall gilt dasselbe auch für Sie!"

Delany sah sich einer Schar von neun oder zehn Mann gegenüber.

Gerade noch hatten sie vor Tatendrang gestrotzt, aber jetzt machten sie ziemlich ratlose Gesichter.

Die entsicherten Revolver, die schussbereiten Gewehre, sie alle senkten sich vorerst wieder um ein paar Zentimeter.

Delany nahm das Mit Genugtuung zur Kenntnis.

Eine Entwarnung bedeutete das noch nicht, aber es zeigte, dass er McKennas Leute richtig eingeschätzt hatte: Ohne ihren Boss waren sie wie ein Drache ohne Kopf. Ihnen fehlte der Leithammel.

Delany hatte dem Rancher den Revolver an die Schläfe gesetzt. Der Hahn blieb dabei nach wie vor gespannt.

McKenna schluckte.

"Euer Boss hat euch eine wichtige Mitteilung zu machen, wenn auch nicht ganz freiwillig!", erklärte Delany.

Die Männer runzelten die Stirn.

"Na los, McKenna!", zischte Delany.

McKennas Stimme klang jetzt erbärmlich

"Legt die Waffen ab, Leute!", krächzte der Rancher. Aus seinem Tonfall war jegliche Überheblichkeit, die man ansonsten stets von ihm gewöhnt war, gewichen. Die Männer hörten schweigend zu und starrten dann ungläubig auf ihren Arbeitgeber.

"Na los, verdammt nochmal! Habt Ihr nicht gehört? Dieser Hund wird mich sonst erschießen..."

"Er würde nie im Leben mit heiler Haut davonkommen!", meldete sich einer aus der Meute.

Delany verzog das Gesicht.

Es war wie beim Pokern.

Abtasten, wie hoch der andere zu gegen bereit war und notfalls bluffen, wenn die Karten nicht stimmten...

Der Einsatz war McKennas Leben - und da hörte bei dem Rancher die Spiellaune verständlicherweise auf.

"Das ist ein Befehl, Männer! Die Waffen auf den Boden!", kreischte er.

Man sah es den Männern an, wie sehr ihnen das gegen den Strich ging.

Aber, wie es schien, hatten sie keine andere Wahl.

Zögernd flogen die Gewehre und Revolver in den Staub.

"Und jetzt ein paar Schritte zurück!", rief Delany.

Die Männer blickten abwartend auf ihren Boss.

"Na, los!", zischte dieser. "Tut alles, was er sagt!"

Sie gehorchten.

Delany schob den Gefangenen zu seinem Pferd hin, das in wenigen Metern Entfernung festgemacht war. Den Lauf des Revolvers nahm er dabei für keine Sekunde von McKenna.

"Aufsteigen!", befahl er.

Der Rancher grunzte mürrisch.

Er hatte wegen der Handschellen etwas Mühe, in den Sattel zu kommen, aber schließlich hatte er es doch geschafft.

Delany setzte sich hinter ihn, den Revolverlauf drückte er McKenna in den Rücken.

"Ich würde euch nicht raten, irgendetwas zu unternehmen!", warnte Delany die Männer. "Schließlich lebt Ihr von eurem Boss!"

Dann gab er dem Gaul die Sporen und preschten davon.

37

"Da kommt er!"

Wesley wollte seinen Augen nicht trauen, als die beiden Männer auf einem Pferd den Hang hinunterkommen sah.

"Er hat es wirklich geschafft!", meinte Collins mit unverhohlener Anerkennung. "Ein Teufelskerl! Verdammt, dieser Delany muss wirklich mit Gott oder dem Satan oder beiden in Verbindung stehen!"

Collins schaute in Richtung der Ranch, aber es war Delany niemand gefolgt. Die Meute war wohl etwas ratlos, schließlich fehlte ihr der Kopf.

Aber es war keinesfalls damit zu rechnen, dass sie dauerhaft untätig blieb...

"Los, aufsteigen!", keuchte Delany, als er die beiden erreicht hatte und an ihnen vorbei preschte.

Wesley und Collins sprangen in die Sättel und mussten sehen, dass sie hinterher kamen.

"Sie werden das bereuen, Delany!", raunte McKenna.

Sein Tonfall war hasserfüllt.

Die kalte Berechnung, die sonst stets mitschwang, schien jetzt völlig zu fehlen.

"Niemand legt mich auf diese Weise ungestraft herein!", krächzte er.

"Ihre Herrschaft über dieses Land ist zu Ende!", erwiderte Delany trocken. "Sie werden sich an den Gedanken wohl oder übel gewöhnen müssen!"

38

Mark McKenna landete in der schlichten, aber massiven Gefängniszelle, die der Sheriff von Conway zur Verfügung hatte.

Collins musste eigens auf Grund dieser Neubelegung einen anderen Gefangenen an die frische Luft setzen.

Es handelte sich um einen randalierenden Säufer, der am Vorabend in die Zelle gewandert war und vermutlich damit gerechnet hatte, hier noch bis zum späten Nachmittag seinen Rausch ausschlafen zu können.

Jedenfalls schien er von dem Hinauswurf nicht allzu sehr begeistert zu sein.

Er grunzte ein paar wüste Flüche in Richtung des Sheriffs, aber Collins ließ sich durch diese Dinge nicht beeindrucken.

McKenna empfand seine neue Unterbringung ebenfalls als Zumutung. Die Nachricht von seiner Festnahme verbreitete sich in Windeseile und nicht selten wurde unter den Bürgern unverhohlene Freude laut.

Schließlich war so mancher von ihnen mit dem mächtigen Rancher irgendwann einmal zusammengestoßen und hatte dessen Macht und Brutalität zu spüren bekommen.

Aber jetzt, so schien es, war Schluss damit.

McKenna hatte den Bogen überspannt, als er seine Meute auf die Carters gehetzt hatte.

Collins telegraphierte dem Friedensrichter.

Es würde eine Weile dauern, bis es zum Prozess kommen konnte. Der Richter war für drei ganze Counties zuständig und hatte alle Hände voll zu tun.

Entsprechend viel Zeit würde vergehen, ehe er nach Conway kommen konnte.

"Es würde mich freuen, wenn Sie Ihren Blechstern noch eine Weile tragen!", wandte Collins sich an Delany, seinen frisch-gebackenen Deputy. "Solange McKenna hier in meiner Zelle sitzt, ist die Sache noch nicht ausgestanden! Ich kann mir jedenfalls kaum vorstellen, dass sein Anhang alles einfach tatenlos hinnimmt..."

Delany machte daraufhin zunächst ein nachdenkliches Gesicht.

Er hatte sich nicht nach dem Abzeichen gedrängt und wollte es eigentlich so schnell wie möglich wieder zurückgeben.

Aber er sah ein, dass er sich so einfach nicht von dieser Sache verabschieden konnte. Wenn die Meute von der McKenna-Ranch tatsächlich auftauchte, um ihren Boss zu befreien, dann hatte Sheriff Collins allein so gut wie keine Chance.

Nach kurzem Zögern nickte Delany dann.

"Sie können sich auf mich verlassen, Collins!"

"Das ist gut zu wissen!"

Diese Geschichte war noch nicht zu Ende, dass war allen klar.

Wesley schien unzufrieden. Er ging mit weiten Schritten durch das Office und wieder zurück. Dann ballte er die Rechte zur Faust.

"Warum machen wir soviel Federlesen mit diesem Kerl?", ereiferte er sich. Er wandte sich Collins. "Aufhängen können wir ihn auch ohne Richter!"

"Nein, das können wir nicht!", erklärte der Sheriff.

"Ist das auch Ihre Meinung, Delany?"

"Ja."

Wesley fluchte lautstark und schlug sich mit der Faust vor die Stirn.

Delany konnte sich vorstellen, wie es in dem jungen Carter aussah. Wesley konnte nicht begreifen, dass einem Mann ein fairer Prozess gemacht werden sollte, der seinerseits seinen Gegnern nach Möglichkeit nie auch nur den Hauch einer Chance gab!

"Sie haben es doch gesehen, Delany! Der Kerl hätte keine Sekunde gezögert, mich am nächsten Baum aufzuknüpfen!"

Delany legte ihm freundschaftlich eine Hand auf die Schulter.

"Richtig. Aber könnten Sie noch in den Spiegel sehen, ohne auszuspucken, wenn Sie genauso handeln würden, wie dieses skrupellose Raubtier dort in der Zelle?"

Wesley fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Seine Gefühle schienen ihn zu übermannen. Tränen des Zorns traten ihm in die Augen.

"Entschuldigen Sie", presste er dann hervor.

"Ich kann Sie gut verstehen, Wesley", erklärte Delany. "Und ich verspreche Ihnen, dass McKenna seiner Strafe nicht entgehen wird!"

"Ich will es hoffen!"

"Reiten Sie jetzt nach Hause, Wes. Trump und Sabella brauchen Ihre Hilfe beim Wiederaufbau der Ranch..."

"Ja, Sie haben Recht." Dann nickte er, wie zur Bekräftigung. "Wir dürfen die Ranch nicht aufgeben, sonst hätte McKenna nachträglich doch noch gewonnen!"

"So ist es. Grüßen Sie Ihre Schwester von mir. Und trösten Sie sie etwas, wenn Sie können."

"Das tue ich."

"Ich werde bald zu Ihnen hinausreiten..."

39

Als Slim Thompson, der Anwalt, die McKenna-Ranch erreichte, war dort alles in Auflösung begriffen.

Ein Teil der Männer hatte bereits die Sachen gepackt und hatte sich aus dem Staub gemacht.

Ihr Boss saß im Gefängnis und wenn es wirklich zu einer Gerichtsverhandlung kam, würde er vielleicht versuchen, alles auf seine Leute abzuwälzen.

Der Großteil der Männer hielt es für das Beste, erst einmal für eine Weile aus der Gegend zu verschwinden. Schließlich hatten die meisten von ihnen gehörig Dreck am Stecken.

Sorello, Shaws Nachfolger als Vormann der Ranch, war am frühen Nachmittag mit einem Teil der Mannschaft von der Weide gekommen und hatte halbherzig versucht, die Männer zum Bleiben zu bewegen.

Mit wenig Erfolg.

Schließlich packte Sorello selbst seine Sachen. Als Thompson die Ranch erreichte, war der Vormann gerade dabei sein Pferd zu satteln.

McKenna hatte nie wert auf die Freundschaft oder persönliche Loyalität seiner Leute gelegt.

Das rächte sich nun bitter.

Jetzt, wo es heiß wurde, machten sie einen schnellen Rückzieher. Kaum einer von ihnen wäre so ohne Weiteres bereit gewesen, für den Boss den Hals zu riskieren.

Aber genau das wollte Thompson von ihnen.

Es war dem Anwalt ziemlich bald klar, dass er das Ganze mit der Aussicht auf einen kräftigen Gewinn versüßen musste. Sonst würde überhaupt nichts gehen.

"Hey, Männer!", rief Thompson. "Hört mir mal einen Augenblick zu!"

Die Cowboys bedachten den Anwalt in seinem gut geschnittenen, wenn auch vom scharfen Ritt etwas staubigen Anzug mit misstrauischen Blicken.

Sorello hob den Blick.

Er mochte Leute wie Thompson nicht. Für ihn war er ein Dandy und Lackaffe.

"Was ist?", fragte er, während er seelenruhig den Sattel festzog.

Thompson musste es unbedingt gelingen, die Männer zu halten.

Zumindest einige von ihnen!

Es hing verdammt viel davon ab!

Letztlich hing das ganze Geschäft mit der Eisenbahngesellschaft daran - und McKenna hatte Thompson einen beachtlichen Anteil am Gewinn versprochen. Das würde er alles abschreiben müssen, wenn es nicht gelang, den Rancher irgendwie aus den Fängen der Justiz zu befreien!

Diese Sache musste durchgezogen werden, Verluste spielten dabei keine Rolle.

Thompson trug zwar keinen Revolver, weil er im übrigen gar nicht damit umgehen konnte, aber er war trotzdem ein Mann, dem es nichts ausmachte, notfalls über Leichen zu gehen...

"Wer jetzt abhaut, der handelt wie einer, der Dutzendweise Dollarscheine in den Kamin wirft!", tönte der Anwalt in der Hoffnung das Interesse der Männer zu erregen.

"Von welchen Dollars reden Sie, Mister?", fragte Sorello, der dabei seine Winchester in den Sattelschuh steckte.

McKenna hatte seinen Leuten natürlich nichts von dem bevorstehenden Eisenbahn-Deal gesagt, schon weil er niemandem traute.

Aber jetzt war die Lage eine andere.

Thompson erklärte ihnen, worum es ging.

"Ich war bei eurem Boss in der Zelle, Männer! Und er verspricht euch einen gehörigen Batzen, wenn ihr ihn rausholt!"

Immerhin - es war dem Anwalt gelungen, das Interesse eines Teils der verbliebenen McKenna-Mannschaft zu erregen. Sie runzelten zwar noch misstrauisch die Stirn, aber sie hatten Blut geleckt.

"Kein Interesse!", meinte einer von ihnen. "Dieser Delany ist eine Nummer zu groß für uns!"

"Lasst ihn doch erst einmal ausreden!", warf ein anderer ein.

"Ja, soll er sagen, was dabei herausspringen kann!"

Thompson sollte sich nicht getäuscht haben.

Der Geruch von Dollars lockte sie so todsicher an, wie das Licht die Motten.

"Wie viel?", fragte Sorello trocken, ohne dass er Thompson dabei auch eines Blickes würdigte.

Der Anwalt nannte eine Summe.

Es war mehr, als die meisten von ihnen je auf einem Haufen hatten liegen sehen.

Besessen hatte soviel noch keiner der Männer.

Sorello tat dennoch betont kühl. Sein Gesicht konnte einem Glauben machen, dass er völlig unbeeindruckt war.

"Pro Nase - oder für alle zusammen?", wollte er wissen.

"Für jeden, der mitmacht!"

Sorello pfiff durch die Zähne.

"Ich bin dabei!"

"Gut. Du leitest das Unternehmen, Vormann!"

Sorello nickte.

"Aber dann will ich auch einen größeren Anteil!"

"Du bekommst das Doppelte von dem, was die anderen einstecken!"

Der Vormann schien zufrieden.

"Und wie sieht Ihre Rolle dabei aus, Dandy?"

Thompson machte eine bedauernde Geste.

"Ich muss im Hintergrund bleiben..."

Sorello nickte. Dann umspielte ein breites, sarkastisches Grinsen seine Lippen.

"Verstehe...", murmelte er. "Sie haben keine Lust, Ihren Hals zu riskieren!"

Verächtlich spuckte er aus.

Thompson blieb kühl und ließ es gewähren. Schließlich war ganz und gar nicht in der Position, sich aussuchen zu können, mit wem er zusammenarbeitete.

Alles in allem war er auf diese Männer angewiesen.

Und Sorello war sich dessen durchaus bewusst und schlug Kapital daraus.

"Lamentieren wir nicht weiter! Wollt Ihr euch das Geld verdienen oder nicht?", fragte der Anwalt scharf.

Natürlich wollten sie.

Jedenfalls die meisten von ihnen.

Ein halbes Dutzend Mann bekam der Anwalt zusammen. Das musste genügen.

"Ich habe eine Idee, wie wir diesen Delany aus der Stadt locken könnten..." meinte einer der Männer.

Um seine Lippen spielte ein gemeines Lächeln.

Auch ein Mann wie Delany war nicht unbesiegbar!

40

Slim Thompson kehrte in langsamen Galopp nach Conway zurück und lenkte sein Pferd direkt zum Saloon.

Das allein war schon merkwürdig genug, denn normalerweise pflegte der Anwalt, solche Etablissements zu meiden.

Er verabscheute es, seinen Whisky in Gesellschaft von Männern einzunehmen, deren Körpergeruch es anzumerken war, dass sie sich die meiste Zeit des Tages in Gesellschaft von Longhorn-Rindern befanden!

Aber heute machte er eine Ausnahme.

Er stellte sein Pferd zu den anderen und ging mit weiten, ausladenden Schritten durch die Schwingtüren.

Im Augenblick herrschte alles andere, als Hochbetrieb im Schankraum.

Ein paar Stunden noch, dann würde sich das ändern.

Aber Thompson hatte nicht vor, so lange zu warten.

Hinter dem Tresen stand ein Barkeeper, dessen Gesicht von Missmut gezeichnet war.

Ein paar einsame Zecher hingen vor ihren halbleeren Gläsern und schlugen die Zeit mit nichtssagendem Small-talk tot.

Seit neuestem stand hier auch ein Billard-Tisch, aber das Interesse daran war nur mäßig.

Ein mittelgroßer Mann mit leichtem Bauchansatz spielte dort mit sich selbst und schien sich furchtbar zu langweilen.

Thompson kannte ihn flüchtig.

Er hieß Jack Irwin und und es war in ganz Conway bekannt, dass er bei der halben Stadt Schulden hatte.

Ein Mann also, der permanent in Geldsorgen war. Mit anderen Worten, genau der Richtige für das, was Thompson vorhatte.

"Hey, Jack?"

"Ja, Sir?"

Er blickte auf und war sichtlich überrascht, dass ein Mann wie Slim Thompson überhaupt mit ihm sprach.

"Schätze, Sie könnten ein paar Dollar zusätzlich gebrauchen, Jack..."

Natürlich konnte er, das war gar keine Frage.

Jack Irwin grinste.

"Was muss ich dafür machen, Sir?"

"Nicht hier, Jack!"

Thompson deutete zur Tür.

Jack nickte.

"Okay, ich komme!"

41

"Was glauben Sie, wie lange es dauert, dass McKennas Meute uns einen unfreundlichen Besuch abstattet?", erkundigte sich Collins.

Sie saßen zusammen im Office und tranken Kaffee.

Delany zuckte mit den Schultern.

"Schwer zu sagen..."

"Der Kerl braucht doch nur mit den Fingern zu schnippen, und eine halbe Armee steht hier vor der Tür..."

"Vielleicht hat sich seine Mannschaft auch längst aufgelöst...", meinte Delany.

"Daran glauben Sie doch im Ernst!"

"Es wäre zumindest möglich, Mr. Collins. Sehen Sie, diese Männer sind nicht McKennas Freunde. Er hat sie schlicht und einfach gekauft und ihre Loyalität währt nur solange, wie sie ihre Dollars bekommen. Außerdem ist die Meute nicht besonders mutig. Sie werden nur angreifen, wenn es für sie selbst kein Risiko bedeutet."

Collins schien skeptisch.

"Ihr Wort in Gottes Ohr, Delany! Ich will hoffen, dass alles so kommt, wie Sie sagen. Aber wir müssen auch befürchten, dass alles ganz anders kommt und wir sehr bald ziemlichen Ärger bekommen."

"Richtig."

Plötzlich waren vor dem Office schnelle, eilige Schritte zu hören.

"Sheriff!", rief jemand.

Es war eine heisere Männerstimme.

Die Tür wurde aufgerissen, jemand kam aufgeregt hineingestürmt.

Collins erkannte ihn. Es war Jack Irwin.

Der Mann schien völlig außer sich zu sein. Er japste förmlich nach Luft.

"Was gibt es, Jack?"

"Bei der Carter-Ranch wird geschossen!"

"Was?"

"Ich war auf dem Weg nach Crowe City - und der Weg über das Land der Carters ist am kürzesten!" Er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. "Glauben Sie mir, ich habe es doch gesehen!"

"Waren das vielleicht McKennas Leute?", fragte Delany, der sich bereits den Hut aufgesetzt hatte.

Seine Gedanken waren bei Wesley Carter und dem getreuen Trump.

Und vor allem natürlich bei Sabella, in die er sich verliebt hatte.

Jack machte ein unbestimmtes Gesicht.

"Ich weiß nicht...", stammelte er.

Delany packte ihn rau bei den Schultern, so dass er zusammenzuckte.

"Haben Sie niemanden erkannt?"

"Doch, einen! Ich glaube, der heißt Sorello oder so ähnlich! Ich kenne ihn, weil er vor ein paar Tagen eine Schlägerei im Saloon angefangen hat!"

"Ich weiß, dass bei McKennas Leuten auch ein Sorello ist", kommentierte Collins Jacks Worte.

"Ich werde hinreiten", erklärte Delany. Er ballte die Fäuste. Wenn sie Sabella auch nur ein Haar gekrümmt hatten, dann würde er für nichts mehr garantieren können!

"Ich werde hierbleiben und die Stellung halten", meinte Collins. "Wenn wir zusammen rausreiten würden, wäre das Risiko zu groß, dass inzwischen jemand herkommt, um unseren Freund McKenna aus der Zelle zu holen!"

Delany nickte knapp.

"Okay..."

Und dann war er auch schon aus der Tür.

42

In scharfem Ritt verließ John Delany die Stadt und jagte über die sanften, grasbewachsenen Hügel.

Seine Gedanken waren bei der Carter-Ranch.

Und bei Sabella.

Er spürte, wie es sich in ihm zusammenkrampfte. Es war, als ob ein Kloß in seinem Hals steckte, der ihm die Luft nahm.

Innerlich ballte er verzweifelt die Fäuste. Er hoffte nur, dass er nicht am Ende gar viel zu spät kam...

Unbarmherzig trieb der sein Pferd voran.

Als dann die Ranch der Carters auftauchte, zog er sein Winchester-Gewehr aus dem Sattel und lud es mit einer energischen Bewegung durch.

Aber als er sich weiter näherte, schien bei der kleinen Ranch alles ruhig zu sein.

Nichts deutete darauf hin, dass hier ein Kampf stattgefunden hatte.

Bei der abgebrannten Scheune angekommen, stieg Delany aus dem Sattel und sah sich sehr vorsichtig um.

Fast machte es den Eindruck, als wäre niemand hier.

Aber das konnte kaum sein.

Dann sah Delany, wie sich die Tür des Wohnhauses einen Spalt öffnete und ein Gewehrlauf hindurchgesteckt wurde.

Eine Falle!, schoss es ihm durch den Kopf.

Aber anstatt gleich zu schießen, zögerte Delany einen Augenblick - und das war sein Glück. Denn als sich die Tür vollends öffnete, blickte er auf Sabellas aschblondes Haar.

Delany sah die Erleichterung in ihren Augen.

Sie beide ließen die Gewehre sinken und kamen dann aufeinander zugelaufen.

"Ich bin froh, dass Sie es sind!", sagte sie und Delany nickte.

"Wo sind Trump und Wesley?"

"Auf der Weide. Wir haben noch nicht wieder alle Pferde beisammen... Wesley hat mir übrigens erzählt, dass McKenna hinter Schloss und Riegel sitzt!"

"Hat es hier irgendeinen... Zwischenfall gegeben?"

Sie runzelte die Stirn.

"Was meinen Sie damit?

"Jemand hat mir gesagt, hier wäre geschossen worden!"

"Das muss ein Irrtum sein!" Sie schüttelte energisch den Kopf. "Hier ist nichts geschehen!"

"Keiner von McKennas Meute ist hier aufgetaucht?"

"Nein. Aber... Ich verstehe nicht!"

Aber Delany dämmerte es langsam.

Es machte ganz den Anschein, als ob ihn jemand hereingelegt hatte.

"Es würde mich nicht wundern, wenn McKennas Meute jetzt in Conway ist..." murmelte er.

Er fasste sein Gewehr fester.

43

Als Delany in die Stadt zurückkehrte, war ihm sofort klar, dass hier etwas nicht stimmte.

Die Hauptstraße war wie leergefegt - und das zu einer Tageszeit, in der normalerweise Hochbetrieb herrschte.

Ein ziemlich sicheres Zeichen dafür, dass hier noch vor kurzer Zeit ein Bleihagel niedergegangen war.

Delany zügelte sein Pferd und ließ es dann vorsichtig weiter schreiten. Die Rechte tat er in die Nähe des Revolvers, so dass sie dessen Griff berührte.

Sein Instinkt sagte ihm, dass er ihn vielleicht bald brauchen würde. Und auf diesen Instinkt hatte er sich in der Vergangenheit stets ganz gut verlassen können.

Sein Blick ging die Häuserzeilen entlang.

Hier und da konnte man sehen, wie Gardinen und Vorhänge zugezogen wurden.

Aber sonst bewegte sich kaum etwas.

Als er das Sheriff-Office erreichte, bemerkte er Collins.

Der Sheriff saß in sich zusammengesunken auf dem Stuhl, den er vor dem Büro aufgestellt hatte.

Seine Haltung wirkte irgendwie unnatürlich.

Delany sah auch den Grund dafür: Der Sheriff hatte ein kleines, rundes Loch in der Stirn und war mausetot.

Es versetzte ihm einen Stich.

Zwecklos, jetzt in der Zelle nachzusehen, ob McKenna noch darinnen war. Delany verzog grimmig das Gesicht.

Man hatte ihn mit einem billigen Trick aus der Stadt gelockt. Collins war für die Meute allem Anschein nach kaum ein Problem gewesen.

Jedenfalls lag nirgends die Leiche eines von McKennas Männern. Collins war so lange feige gewesen. Und in den dem Moment, in dem er Mut bewiesen hatte, hatte er das mit dem Leben bezahlen müssen.

Das war nicht richtig, fand Delany.

Plötzlich hatte er das untrügliche Gefühl, dass ein paar Gewehrmündungen auf seinen Kopf gerichtet waren.

Alles, was dann geschah, ging blitzschnell.

Ein Geschosshagel prasselte in seine Richtung. Es mussten mindestens ein halbes Dutzend Mündungen sein, aus denen auf ihn gefeuert wurde.

Delany wandte sich seitwärts und duckte sich, so dass er praktisch an der rechten Seite seines Pferdes hing, dessen Körper ihm etwas Deckung gab.

Das Tier war von der Ballerei halb irre und versuchte zunächst, sich auf die Hinterhand zu stellen. Aber Delany zwang es nieder und trieb es auf die andere Straßenseite, auf der sich ein Drugstore befand.

Ein paar Schritte waren zurückgelegt, dann ließ das Tier einen markerschütternden Schrei hören, strauchelte noch ein paar Meter weiter und ging dann strampelnd zu Boden.

Drei oder vier Kugeln hatten ihm den Leib zerfetzt.

Um nicht unter dem zuckenden Pferdekörper begraben zu werden, sprang Delany in den Sand, noch bevor das Tier wirklich niedergegangen war.

Noch im Fallen riss er den Revolver aus dem Holster und gab ein paar Schüsse mit unbestimmter Richtung ab. Seine Feinde beschossen ihn aus verschiedenen Richtungen und er konnte in der Schnelle der Ereignisse nur ungefähr ausmachen, wo sie sich wohl befanden.

Aber was waren schon diese zwei Schüsse! Delany kam sich vor, wie einer, der versucht, mit einem Fingerhut voll Wasser einen Hausbrand zu löschen.

Er sah die Vorderfront des Drugstores, nur wenige Schritt von ihm entfernt...

Vor der Tür war ein Schild angebracht mit der Aufschrift 'geschlossen!'. Wenn die Tür wirklich verschlossen war, dann hatte er verdammt schlechte Karten, am Leben zu bleiben.

Aber da war das Fenster!

Delany überlegte nicht lange, sondern spurtete los.

Plötzlich spürte er einen Schmerz im Bein. Er strauchelte etwas, konnte sich aber für die letzten Meter mit knapper Not auf den Beinen halten.

Ein Satz und er sprang durch das Fenster.

Glas splitterte.

Delany nahm die Hände vor das Gesicht, um wenigstens die Augen zu schützen.

Ziemlich unsanft landete er auf dem Fußboden. Ein Regal war unter ihm zusammengebrochen, allerlei Gegenstände flogen durch die Gegend.

Sofort rappelte Delany sich wieder auf und feuerte durch das Fenster nach draußen.

Die Antwort kam in Form eines wütenden Gegenfeuers. Die Kugeln fuhren in den Fensterrahmen, ließen das Holz splittern und kratzten die letzten Glasstücke aus dem Kitt.

Delany musste sich ducken, um nicht regelrecht durchsiebt zu werden.

Ein paar Augenblicke hielt das Feuer an, dann hatten die Männer auf der anderen Seite wohl ihre Waffen leergeschossen.

Jedenfalls ebbte der Beschuss ab und Delany nutzte die Pause, um neue Patronen in die Revolvertrommel zu schieben.

Sein Blick fiel dabei auf seinen Unterschenkel, an dem sich die Hose rot verfärbt hatte.

Er hatte also etwas abgekriegt!

Delany hatte das schon befürchtet.

Es war schwer zu beurteilen, ob die Verletzung mehr oder weniger schwerwiegend war. Delany hatte jetzt auch keine Zeit, sich eingehender darum zu kümmern.

Hinter sich vernahm er dann plötzlich ein Geräusch.

Er wirbelte herum, den frisch geladenen Revolver im Anschlag.

"Nicht schießen!"

Delany senkte den Lauf der Waffe im letzten Moment und drückte nicht ab.

Er blickte in das völlig verstörte Gesicht des grauhaarigen und schon etwas älteren Drugstorebesitzers, der zitternd die Hände hob.

"Ich schieße nicht!", erklärte Delany.

Der Mann wich vorsichtig zurück und verschwand dann durch eine Hintertür.

Delany hatte nichts dagegen.

Bei dem, was ihm noch bevorstand, konnte der Kaufmann ihm nur hinderlich sein.

"Kommen Sie raus, Delany!", schallte es von draußen herein.

"Das Blatt hat sich gewendet! Sie haben keine Chance!"

Delany verzog das Gesicht.

Diese Stimme hatte sich ihm nur zu gut eingeprägt!

Sie gehörte keinem anderen als Mark McKenna!

44

Der Rancher warf einen vorsichtigen Blick durch das Fenster des Sheriff-Büros.

Mark McKenna genoss es sichtlich, wieder einen Revolver um die Hüften zu tragen und ein freier Mann zu sein - wenn auch nicht mit dem Segen des Gesetzes.

McKenna hatte nichts zu verlieren.

Und er war nicht bereit, seine Herrschaft freiwillig aufzugeben.

Um keinen Preis der Welt.

Ein Großteil seiner Leute war zwar auf und davon, aber es war Thompson gelungen, ein gutes Dutzend zu halten.

Der Anwalt hatte ganze Arbeit geleistet.

Für die Aussicht auf gute Dollars hatte er die Männer dazu überredet, ihren Boss zu befreien.

Darauf ließ sich aufbauen - vorausgesetzt Delany kam bald unter die Erde.

Und dann war da noch das Riesengeschäft mit der Eisenbahngesellschaft. McKenna dachte nicht im Traum daran, sich von einem dahergelaufenen Revolvermann im letzten Moment noch die Butter vom Brot nehmen zu lassen!

Dieser Mann war gefährlich und McKenna wusste sehr wohl, dass seine Leute gehörigen Respekt vor dem Deputy-Sheriff hatten.

Kein Wunder, schließlich hatten sie hautnah miterlebt, wie er mit dem Revolver umzugehen verstand...

McKenna wandte sich an Sorello, den Vormann, der mit einer Winchester in der Hand neben ihm stand.

"Wir müssen diesen Mann erledigen!", erklärte der Rancher entschlossen. "Koste es, was es wolle!"

Sorello machte eine hilflose Geste.

"Dieser Teufel scheint sieben Leben zu haben!", schimpfte er.

Ja, dachte McKenna. Und das schlimmste an ihm ist, dass er sich offensichtlich nicht kaufen lässt!

Dass einer gut mit dem Schießeisen war, das kam öfter vor wenn auch nur wenige so gut waren wie John Delany. Aber dass einer daher kam, der kein Preisschild am Kopf trug, das irritierte McKenna am meisten.

So etwas hatte er bisher noch nicht erlebt.

"Wir werden diesen Schuppen von Drugstore stürmen!", entschied der Rancher schließlich.

Sorellos Gesicht war es anzusehen, dass er nicht sehr begeistert davon war.

Aber es gab keine andere Möglichkeit. Freiwillig würde Delany sich nicht ergeben!

45

Delany hatte sein Klappmesser genommen und damit das Hosenbein aufgeschlitzt, um die Wunde etwas genauer untersuchen zu können.

Es sah nicht allzu gut aus und so nahm er sein Halstuch als provisorischen Verband.

Als er sich dann erhob und aufzutreten versuchte, jagte ihm der Schmerz das Bein empor und er musste die Zähne zusammenbeißen.

Aber er konnte darauf jetzt keinerlei Rücksicht nehmen.

Draußen wartete eine Meute feiger Hunde auf ihn, die sich nichts sehnlicher wünschte, als ihn über den Jordan zu schicken...

Verdammt noch mal, er würde es ihnen nicht leicht machen und sich so teuer wie möglich verkaufen!

Sollten sie sich an ihm die Zähne ausbeißen!

Und wenn seine Aussichten vielleicht auch nicht besonders gut standen, aus dieser Sache lebendig herauszukommen, so war es für ihn eine ebenso beschlossene Sache, dass er ein paar seiner Mörder mit in den Tod nehmen würde...

Wenn es überhaupt soweit kam...

Delany scheuchte diese Gedanken bei Seite.

Solche Grübeleien verbesserten seine Lage nicht. Er musste jetzt an die nächsten Schritte denken, die er unternehmen wollte.

Es war verdächtig still dort draußen.

Aber das musste nichts bedeuten.

Vor allem bedeutete es nicht, dass er es wagen konnte, den Kopf aus dem Fenster zu stecken.

Davongeritten waren McKennas Leute nicht. Die Geräusche der Pferde hätte er gehört und außerdem konnte sich der Rancher nicht erlauben, ihn am leben zu lassen.

Er musste wissen, dass Delany dann nicht zögern würde, sich sofort an seine Fersen zu heften, um ihn früher oder später zu stellen.

Schließlich war er Deputy-Sheriff. Seit dem Tod von Collins fiel die gesamte Verantwortung auf ihn - bis zur Wahl eines neuen Sternträgers.

Nein, solange Delany am Leben war, würde McKenna keine Ruhe vor ihm bekommen.

Zweifellos war dem Rancher das bewusst. Und er würde dementsprechend handeln. Es war für ihn völlig unmöglich, Delany am Leben zu lassen.

Etwas humpelnd und in geduckter Haltung, immer den Revolver schussbereit im Anschlag, zog Delany sich bis zum Tresen zurück.

Dann postierte er sich direkt neben der Hintertür des Drugstore. Von dort ging es in einen Lagerraum, der vermutlich eine Verbindung nach draußen hatte.

Jedenfalls war der Drugstorebesitzer offensichtlich auf diesem Wege verschwunden.

Delany war nicht so naiv, zu glauben, es dem Kaufmann nachtun zu können.

Vermutlich wartete man beim Ausgang bereits auf ihn.

Sobald er ins Freie treten würde, wäre er ein toter Mann.

Die Tür zum Lagerraum war geschlossen. Delany wollte sie gerade mit einem Fußtritt aufstoßen, da hörte er dort ein verdächtiges Geräusch.

Er zögerte.

Die Sache schien klar.

Ein paar von der Meute waren hinten herumgekommen, weil sie sich auf diese Weise bessere Chancen ausrechnen konnten, den Drugstore erfolgreich zu stürmen.

Delany kehrte in seine Stellung direkt neben der Tür zurück und wartete, den Revolver schussbereit im Anschlag.

Die Tür ging mit einem kräftigen Ruck auf und sofort wurden vier, fünf Schüsse wahllos in den Raum gegeben. Der Kerle wussten natürlich, wie schnell Delany war. Und ihnen war klar, dass sie schneller sein mussten, als er, wen sie eine Chance haben wollten.

Aber Delany war längst nicht mehr am Fenster - dort, wo sie ihn vermutet hatten.

Als der erste den Kopf um die steckte, zögerte Delany keine Sekunde.

Er feuerte einen einzigen Schuss ab, der traf.

Der Mann taumelte getroffen nach hinten, offensichtlich dem Hintermann in die Arme, denn er klatschte nicht sofort zu Boden.

Delany nutzte das eiskalt aus.

Er wirbelte kurz um die Ecke, feuerte zweimal und streckte zwei Bewaffnete nieder.

Er war einfach zu schnell für sie gewesen, so dass sie keine Chance gehabt hatten, das Feuer auf ihn zu eröffnen.

Ein Geräusch ließ Delany herumwirbeln und einen weiteren Schuss abgeben.

Einige der McKenna-Leute waren offenbar über die Straße gekommen, nachdem sie die Schüsse im Inneren des Drugstores vernommen hatten.

Einer versuchte durch das zerschossene Fenster zu klettern.

Mit dem Winchester-Gewehr, das er in den Händen hielt, versuchte er, einen Schuss aus der Hüfte abzugeben.

Und das gar nicht mal so schlecht.

Die Kugel pfiff dicht an Delanys Kopf vorbei und donnerte dann in den Türrahmen.

Zu einem zweiten Schuss kam der Mann nicht mehr, denn die Kugel, die Delany ihm geschickt hatte, fuhr ihm in den Brustkorb und ließ ihn das Gleichgewicht verlieren.

Er wurde nach Hinten gerissen und blieb reglos im Staub der Straße liegen.

Delany humpelte unterdessen bereits so schnell es ging durch den Lagerraum.

Es dauerte trotz der Verletzung nur wenige Augenblicke, bis er ihn durchschritten und die Tür erreicht hatte, die ins Freie führte.

Er zögerte einen Moment, bevor er hinaustrat.

Delany wusste nicht, was ihn hinter der Tür erwarten würde.

Mit hastigen Bewegungen lud er seine Waffe nach. Patrone um Patrone schob er in die Revolvertrommel, bis sie voll war.

Dann schloss er die Waffe und drehte Trommel mit der Handinnenfläche herum.

Irgendwo hinter sich hörte er bereits die Meute herankommen.

"Hier! Blut!", hörte er jemanden rufen.

"Es muss ihn erwischt haben!"

"Hoffentlich nicht zu knapp! Mit diesem Teufel haben wir schon genug Schwierigkeiten gehabt!"

Jeden Augenblick würden sie in den Lagerraum treten.

Höchste Zeit, um sich davonzumachen!

Einen Spalt breit öffnete er die Tür nach draußen. und was er dort sah, genügte ihm bereits. An einer Hausecke wartete ein Bewaffneter mit angelegter Winchester darauf, dass Delany herauskam.

Schwer zu sagen, wie viele außerdem noch darauf warteten, dass er sich zeigte...

Aber Delany hatte auch wenig Lust, die Probe aufs Exempel zu machen und blindlings hinauszulaufen...

46

Drei Männer kamen in den Lagerraum. Zwei von ihnen trugen Winchester-Gewehre, der Dritte einen Revolver im Anschlag.

Sie blickten sich etwas ratlos um.

"Verdammt, wo ist der Hund!"

"Er muss noch hier sein!"

"Ja, wenn er rausgelaufen wäre, hätte Bruce ihm einen tödlichen Empfang bereitet!" Er grinste. "Davon hätten wir sicherlich etwas gehört..."

Sie ließen ihre Blicke suchend durch den Raum gleiten.

Alles Mögliche stand hier herum. Ein paar Bierfässer, Ballen mit Stoff, ein paar gebrauchte Sättel, die der Drugstorebesitzer wohl nach gründlicher Reparatur weiter zu verkaufen gedachte...

Einen Moment lang geschah überhaupt nichts. Kaum ein Laut war zu vernehmen. Man hätte in diesem Augenblick eine Stecknadel niederfallen hören können.

Das Getöse, was dann folgte, war dafür um so lauter.

47

Es geschah sehr schnell und ehe die drei Männer so richtig begriffen hatten, was eigentlich geschehen war, waren bereits zwei von ihnen von Revolverkugeln durchbohrt und tot zusammengebrochen.

Delany hatte sich unter einem Haufen von Stoffballen verborgen gehalten, den der hiesige Schneider irgendwann wohl noch zu Anzügen verarbeiten wollte.

Die drei Halunken hatten nicht schlecht gestaunt, als plötzlich eine Hand aus den Stoffballen hervorschnellte, die einen Revolver hielt und abfeuerte.

Die Ballen fielen übereinander, als Delany sich erhob.

Mit den ersten Schüssen hatte er zwei seiner Widersacher getroffen. Nun warf er sich zur Seite, um dem Geschosshagel auszuweichen, den der dritte Mann auf ihn herniederprasseln ließ.

Delany sah im gedämpften Licht des Lagerraums die Blitze, die das Mündungsfeuer der Winchester seines Gegenübers warf.

Im Fallen feuerte er noch einen Schuss aus dem Revolver ab, diesmal allerdings ohne zu treffen. Auch der McKenna-Mann hatte sich kurz in Deckung begeben, so dass die Kugel in einen Stützbalken fuhr.

Doch nur Sekunden später wurde Delany wieder unter Feuer genommen.

Er rettete sich hinter ein paar Bierfässer.

Die Schüsse des Winchestergewehrs rissen Löcher in die Fässer. An mehreren Stellen floss das Bier in Strömen auf den Bretterboden, um dort zu versickern.

Delany sah, wie sich sein Gegner durch die Tür, die den Lagerraum mit dem eigentlichen Laden verband, zurückzog.

Dort blieb er zunächst ein paar Augenblicke in sicherer Deckung. Vielleicht lud er auch sein Gewehr nach.

Ein paar Augenblicke lang sah Delany nichts von seinem Gegner.

Es herrschte quälende Stille.

Als er sich jedoch dann wieder für einen Sekundenbruchteil hervorwagte, um Delany erneut unter Feuer zu nehmen, bezahlte er das mit dem Leben.

Delanys erster Schuss traf ihn an der Schulter und riss ihn nach hinten. Er versuchte, noch einmal zu schießen und tatsächlich gelang es ihm, seine Winchester noch einmal aufbellen zu lassen.

Der Abzug wurde nach hinten gezogen, das Mündungsfeuer blitzte auf, aber es war ein blinder Schuss, der irgendwo in den Dachstuhl ging.

Delanys zweiter Schuss streckte ihn dann endgültig nieder.

Er fiel schwer zu Boden und blieb dort regungslos liegen.

Delany erhob sich hinter den Fässern, den Revolver noch in der Hand.

Ein Knarren, wie von den schlecht geölten Scharnieren einer Tür. Es war ein sehr kurzes und sehr verräterisches Geräusch.

Doch diesmal ging es selbst für Delany zu schnell.

Ein Schus donnerte, doch der kam diesmal nicht aus Delanys Waffe. Er spürte einen Schmerz, hinten auf der rechten Seite und wusste sofort, dass es zu spät war.

Unsanft fiel er zu Boden und blieb liegen, während an der Tür, die hinaus ins Freie führte, ein Mann sein Winchestergewehr mit einer energischen Bewegung durchlud.

Es war Bruce, jener Mann, der Delany an der Hausecke erwartet hatte.

48

Bruce hielt die Winchester fest in den Händen. Sein Gesicht entspannte sich kaum, auch nicht, als er Delany reglos am Boden liegen sah.

Vorsichtig trat er an den getroffenen Delany heran.

Er hatte ihn erwischt, keine Frage.

Hinten hatte sich sein Hemd rot verfärbt und dieser Fleck wurde noch immer größer. Kaum zu glauben, dass es so einfach war!, dachte er. Der Boss wird sich freuen!

Vielleicht gab es auch eine Belohnung...

Aber zuvor wollte Bruce sich davon überzeugen, dass sein Kontrahent auch wirklich tot war.

Mit dem Stiefel drehte er Delany herum.

Das letzte, was er dann sah, war das grell aufblitzende Mündungsfeuer von Delanys Revolver. Dann war es vorbei mit ihm.

Bruce schrie laut auf.

Er prallte von der Wucht des Geschosses zurück, hielt sich den Oberkörper und sackte dann in sich zusammen.

Delany keuchte.

Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn.

Er steckte den Colt ins Holster und befühlte seine Verletzung, hinten an der Seite.

Es tat höllisch weh.

Ihm schwindelte, als er versuchte, sich aufzurichten. Alles drehte sich vor seinen Augen und so hielt er einen Moment lang inne.

Aber es musste weitergehen! Er presste die Lippen aufeinander und fluchte innerlich.

Ein leises Stöhnen entrang sich seinen Lippen. Er konnte froh sein, dass dieser Bruce auf seine Finte hereingefallen war. Und genauso froh konnte er darüber sein, dass der Kerl ihn nicht besser getroffen hatte...

Er spürte, wie die Kraft mehr und mehr aus seinem Körper floh. Aber er lebte noch.

Nur ein Gedanke beherrschte ihn.

McKenna!

Dieser Schuft durfte nicht entkommen! Dafür würde er sorgen - auch wenn er im Moment alle Kraft darauf verwenden musste, nicht erneut hinzustürzen.

In gebückter Haltung stand er da, taumelte ein paar Schritte weiter und kämpfte gegen das Schwindelgefühl. Mit dem linken Ärmel fuhr er sich kurz über die Stirn und wischte sich den kalten Schweiß ab.

Er kam sich so hilflos und ohnmächtig vor.

Und so verdammt müde.

Die Versuchung war groß, einfach wieder zu Boden zu sinken, sich einfach hinzulegen... Ein Ächzen kam über seine Lippen.

Als er einen Stützbalken erreichte, lehnte er sich dort an.

Er atmete schwer und rang förmlich nach Luft.

Dann zog er den Revolver aus dem Holster und begann, ihn nachzuladen.

Diese Sache war noch nicht zu Ende...

49

McKenna und Sorello waren aus dem Sheriff-Office getreten.

Im Drugstore wurde schon seit ein paar Augenblicken nicht mehr geschossen.

Der Rancher rief nach seinen Leuten, aber keiner von ihnen meldete sich.

McKenna runzelte die Stirn.

Das schien alles nicht mit rechten Dingen zuzugehen!

"Dole! Bruce! Lambert!"

Aber es kam keine Antwort.

McKennas Hand ging zum Coltgriff, zog die Waffe aus dem Holster und spannte den Hahn.

Sorello lud sein Gewehr durch.

Beiden war die Sache nicht ganz geheuer.

Es fiel kein Schuss mehr und es meldete sich auch niemand.

Was konnte das zu bedeuten haben?

Wenn es einem der Männer gelungen wäre, Delany vor das Rohr zu bekommen, so hätte er sich wohl lautstark bemerkbar gemacht!, überlegte der Rancher.

Unbehagen machte sich in ihm breit.

Es fröstelte McKenna bei dem Gedanken, dass Delany vielleicht am Ende gar mit der gesamten Mannschaft fertiggeworden war, die der Rancher auf ihn gehetzt hatte.

Sie gingen auf den Drugstore zu, bereit jeden Augenblick zu feuern.

Als sie eintraten, stießen sie auf ihre toten Kameraden.

"Mir wird das zu ungemütlich!", brummte Sorello.

Als er das Zucken in McKennas Gesicht sah, wusste der Vormann, dass das eine unvorsichtige Äußerung war - und er bereute sie auch schon.

Aber sie war nicht mehr ungeschehen zu machen.

McKennas Augen wurden schmal. In seinen Zügen stand deutliches Misstrauen.

"Was soll das heißen?"

Die Stimme des Ranchers war in diesem Moment sehr leise. Es war kaum mehr als ein Flüstern, aber dahinter schwang eine unverhohlene Drohung mit.

"Nichts, Boss!"

"Das will ich hoffen!"

"Vielleicht ist dieser Mann eine Nummer zu groß!"

"Wenn wir Delany nicht kriegen, dann wird es auch für dich ungemütlich, Sorello! Der Kerl trägt schließlich den Stern!"

In Sorellos Kopf jagten die Gedanken wie Blitze durcheinander, während McKenna hinzusetzte: "Der Kerl wird dich genauso an den Galgen bringen, wie mich, wenn wir ihn nicht ein für allemal ausschalten!"

Sorellos Gesicht wirkte etwas ungläubig.

"Wirklich?"

"Was willst du damit sagen, Sorello?"

"An dem Tag, als der Überfall auf die Carter-Ranch stattfand, war ich nicht dabei. Ich war mit zwei Mann auf der Ostweide..."

"Und du glaubst, dass irgendjemand dir das glauben wird?

Pah! Und was ist mit dem erschossenen Sheriff, diesem Collins? Glaubst du nicht, das das für den Galgen vollauf reicht?"

"Es war Bruce, der geschossen hat."

McKenne verengte die Augen.

"Du machst es dir verdammt einfach!"

"Wenn Sie darunter verstehen, dass ich gerne am Leben bleiben möchte, dann haben Sie Recht!"

"Ratte!"

Sorello zuckte mit den Schultern.

"Ich frage mich nur, ob das hier mein Kampf ist, Boss! Thompson, dieser verfluchte Dandy, hat uns Geld dafür versprochen, dass wir Sie aus dem Gefängnis holen. Das haben wir gemacht."

Er legte den Gewehrlauf über den Rücken. Ihre Blicke begegneten sich für einen Moment.

Dann schaute Sorello zur Seite.

"Für mich ist die Sache erledigt!", meinte er. "Ich werde zu Thompson gehen und meinen Anteil einfordern! Und dann werde ich mich erst einmal aus dem Staub machen und für 'ne Weile aus der Gegend verschwinden!"

Jetzt ist also die Katze aus dem Sack!, dachte McKenna.

Sorello wandte sich um.

Er ging zurück zur Tür des Drugstores, ohne noch ein Wort zu verlieren.

Es war auch eigentlich alles gesagt.

Als der Vormann gerade die Tür passierte und ins Freie treten wollte, hörte er, wie McKenna seinen Namen rief.

"Sorello!"

"Was ist noch?"

"Du willst deinen Anteil?"

"Ja, das sagte ich doch!"

McKenna verzog das Gesicht zu einer zynischen Maske.

"Du bekommst ihn! In Blei!"

Und dabei feuerte der Rancher seinen Revolver zweimal ab.

Sorellos Blick drückte völliges Unverständnis aus. Er sah noch das blitzende Mündungsfeuer bei seinem Gegenüber. Nein, damit hatte er nicht im Entferntesten gerechnet.

Er fiel nach hinten, das Gewehr entglitt ihm und polterte zu Boden. Und dann lag er mit ausgestreckten Armen und Beinen und weit aufgerissen, starren Augen vor dem Drugstore im Staub der Straße.

McKenna lud seinen Revolver nach.

Jetzt sind nur noch wir beide da, Delany!, durchfuhr es den Rancher. Und er war entschlossen, die Sache zu Ende zu bringen.

50

Sehr vorsichtig setzte McKenna einen Fuß vor den anderen, als er in den Lagerraum trat.

"Ich habe auf Sie gewartet, McKenna!"

Er blickte sich um und sah Delany, der an einem Stützbalken lehnte - offensichtlich böse verletzt.

Der Rancher zögerte keine Sekunde und feuerte sofort.

Delany wich etwas zurück, so dass die Kugel in den Balken fuhr.

Sein eigener Schuss kam fast gleichzeitig, traf aber ebenfalls nicht.

Delany spürte Schwindel.

Sein Reaktionsvermögen war nicht mehr so, wie er es gewohnt war. Er taumelte. Halb warf er sich, halb fiel er zu Boden, während auch sein Gegenüber in Deckung sprang.

Annähernd gleichzeitig feuerte McKenna erneut.

Delany spürte förmlich, wie die Kugeln rechts und links neben ihm einschlugen.

Er drehte sich auf dem Boden herum und brachte ebenfalls einen Schuss an, der den Rancher an der Schulter traf. Das Hemd wurde schnell rot.

McKenna stieß einen kurzen, aber spitzen Schrei aus, der dann sogleich wieder verebbte.

"Ergeben Sie sich, verdammt nochmal!", rief Delany mit schwacher Stimme.

Aber McKenna dachte nicht im Traum daran.

Er würde sich nicht vor ein Gericht führen lassen. Eher war er bereit, mit fliegenden Fahnen unterzugehen!

McKenna stöhnte und kam etwas ins Taumeln. Fast verlor er sein Gleichgewicht.

Delany richtete sich halb auf.

Er spannte den Hahn seines Revolvers.

Der Rancher war schwer getroffen, schien aber immer noch nicht bereit dazu aufzugeben.

"Lassen Sie Ihre Waffe fallen!", befahl Delany. In diesem Moment wäre es für ihn ein Leichtes gewesen, den Rancher einfach über den Haufen zu schießen.

Selbst in seinem jetzigen Zustand war Delany immer noch ein besserer Schütze, als viele andere es im Vollbesitz ihrer Kräfte waren.

Er hätte nur die restlichen Patronen in der Trommel seines Revolvers in McKennas Richtung verballern zu brauchen. Eine Kugel hätte sicherlich schon getroffen.

Mindestens eine.

Aber er tat es nicht, sondern wartete ab.

Schließlich war er kein Killer, sondern schoss nur, wenn es keinen anderen Weg mehr gab.

McKenna umklammerte seinen Revolver, hob den Lauf, richtete ihn auf Delany und spannte den Zeigefinger, der am Abzug lag...

Doch ehe sich ein Schuss lösen konnte, hatte Delany doch noch gefeuert.

McKenna war sofort tot und krachte in ein Regal hinein, das er mit sich zu Boden riss.

Dann wurde Delany erneut von einem heftigen Schwindelgefühl erfasst. Er sank wieder zu Boden, der Griff seiner Rechten um den Revolver lockerte sich...

Er ächzte und spürte noch den kalten Schweiß ausbrechen.

Dann wurde alles dunkel.

51

Als er erwachte, befand er sich einem Bett.

Er sah das Gesicht von Sabella und glaubte schon fast, das es sich dabei nur um eine Wahnvorstellung handelte, die das Wundfieber verursachte.

"Doc, er wacht auf!", sagte Sabella und als Delany ihre Stimme hörte, da wusste er, dass all das Wirklichkeit war.

Er blinzelte.

Dann wollte er etwas sagen, aber es kam nichts über seine Lippen.

Stattdessen hörte er die Stimme von Doc Andrews und sah dann bald auch dessen Gesicht.

"Wir haben uns eine Weile ziemliche Sorgen um Sie machen müssen, Mr. Delany!", erklärte er. "Aber ich denke, Sie sind jetzt über den Berg! Jedenfalls sind die Kugeln raus - und das ist die Hauptsache!"

Delany nickte.

Dann wandte er sich Sabella zu, die ihn mit ihren meergrünen Augen zärtlich ansah.

"Alles in Ordnung auf der Ranch?", hauchte Delany mit viel Mühe.

"Ja", sagte sie. "Und sobald Sie transportfähig sind, holen wir Sie dorthin! Schließlich braucht der Doc sein Bett selbst bald wieder!"

"Oh, keine Ursache!", meldete sich Doc Andrews. "Es ist mir eine Ehre! Sie haben viel für diese Stadt getan, Mr. Delany!"

Von Sabella erfuhr Delany dann noch, dass sie - kurz nachdem er bei der Ranch aufgetaucht war - auf die Weide geritten war, um Wesley und Trump zu holen. Sie hatte sich gedacht, dass Delany Unterstützung gebrauchen konnte, aber als sie dann in Conway anlangten, war alles schon vorbei.

"Überanstrengen Sie ihn nicht! Er braucht noch einiges an Ruhe, Miss Sabella!", mahnte der Arzt.

Unterdessen hatte Delany die Augen wieder geschlossen.

Sabella nahm seine Hand und strich ihm über die Stirn. Er spürte es gerade noch, bevor er in einen tiefen, traumlosen Schlaf sank.

52

Die folgenden Tage waren um einiges ruhiger, als die vorangegangenen. Doc Andrews war ein wahrer Könner auf seinem Gebiet.

Nach ein paar Tagen, war Delany schon wieder recht munter.

Bald schon sah man ihn mit Sabella Carter am Arm durch Conway flanieren.

Den Stern trug er noch, aber den würde er bald ablegen.

Und diesmal endgültig.

Schon in der nächsten Woche sollte ein neuer Sheriff gewählt werden. Und dann war Schluss. Delany fand, das das einfach kein Job war für einen Mann, der eine Familie gründen wollte.

Und dazu hatte er die feste Absicht!

Die Zeit des ruhelosen Umherwanderns war vorbei. Und er trauerte ihr nicht im Geringsten nach.

"Was wirst du tun, wenn du nicht mehr den Stern trägst?", fragte Sabella ihn einmal. "Du hast nur gelernt, mit dem Colt umzugehen..."

Er sah ihr in die hellgrünen Augen und lachte freundlich.

"Glaubst du nicht, dass auf der Carter-Ranch noch ein paar Hände gebraucht werden? Dein Vater beklagte immer, dass er nicht genug Leute hätte..."

"Ja, John. Aber du hast gesagt, du verstündest nichts von Rindern..."

"Das kann man lernen!"

Sie lachte und schlang ihre Arme um ihn. Er stöhnte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf. Seiner Wunde tat so etwas nicht gerade gut.

"Oh, entschuldige..."

"Ich komme mir vor, wie ein alter Mann, der mühsam daherhumpelt..."

"Das ist bald vorüber."

"Hoffentlich!"

"Aber wenn es dann wirklich soweit ist und du ein alter Mann bist - ich glaube, dann werde ich dich wohl immer noch lieben." Sie musterte ihn mit einem Augenzwinkern. "Immerhin kann ich mir ja jetzt schon mal ein Bild davon machen!"

ENDE

Die Spur führt zum Red River

von Pete Hackett

––––––––

Ich verhielt auf einem Hügelkamm. Vor meinem Blick lag eine Ortschaft. Von hier oben aus konnte ich die breite Main Street einsehen. Zwei Reiter trieben ihre Pferde wild hin und her und feuerten mit ihren Colts mal hierhin, mal dorthin. Die Mündungsfeuer verschmolzen mit dem grellen Sonnenlicht. Ein dritter Reiter, der drei Sattelpferde hielt, schoss ebenfalls, aber er bannte sein Pferd auf der Stelle.

Schlagartig begriff ich. Da unten fand ein hold up statt. Mit ihren blindwütigen Schüssen wollten die Banditen die Bewohner in ihren Behausungen festnageln. Einem jähen Impuls folgend jagte ich im gestreckten Galopp die Hügelflanke hinunter. Ich führte die Zügel mit der Linken. Mit der Rechten zog ich das Gewehr aus dem Scabbard...

Drei Kerle verließen jetzt ein ziemlich ausladendes Gebäude. Es war die Bank dieser Stadt. Einer der Hombres bewegte sich rückwärtsgehend und feuerte Schuss um Schuss in Richtung Tür. Der zweite trug ein Satteltaschenpaar am Verbindungsriemen. Er lief zu einem der ledigen Sattelpferde, das sein Kumpan hielt, warf die Satteltaschen über den Widerrist des Braunen und zog sich in den Sattel. Der dritte schoss ebenfalls blindlings um sich und erreichte sein Pferd.

Ich stob zwischen die ersten Häuser. Die Banditen vernahmen das Hufgetrappel und wandten sich mir zu. Nur einer von ihnen war noch nicht im Sattel. Ich zerrte mein Pferd zurück und nahm es halb um die linke Hand. Als die Schüsse krachten, waren wir schon in einer Passage zwischen zwei Häusern in Sicherheit. Noch ehe das Tier stand, sprang ich ab. Ich repetierte und rannte zurück zur Straße. Jetzt saß auch der letzte der Banditen auf seinem Vierbeiner. Ich zielte von der Gebäudeecke aus auf einen der Kerle.

Er starrte zu mir her.

Ich sah sein Gesicht. Seine Augen lagen im Schatten der Stetsonkrempe. Den unteren Teil, also Nase, Mund und Kinn, konnte ich klar erkennen. Unter dem breitrandigen Hut mit dem Band aus Klapperschlangenhaut lugten blonde Haare hervor.

Es traf mich wie ein eisiger Guss. Der Mann hatte frappierende Ähnlichkeit mit - mir.

Im nächsten Moment aber wurde ich abgelenkt. Ihre Colts stimmten ein höllisches Crescendo an. Heißes Blei sengte heran und harkte in die hölzerne Wand des Hauses, an dessen Giebelseite ich Schutz gesucht hatte. Späne flogen. Es klirrte und knirschte. Ich hatte den Kopf zurückgezogen.

Ebenso plötzlich, wie sie auf mich das Feuer eröffneten, stellten sie es wieder ein. Sie zerrten an den Zügeln. Raues Geschrei, mit dem sie ihre Pferde anfeuerten, erklang.

Ich zuckte hinter meiner Deckung hervor, zielte kurz und drückte ab. Einer der Kerle warf beide Arme in die Höhe. Sein Eisen flog in hohem Bogen davon. Sein Oberkörper pendelte nach hinten. Als das Tier unter ihm ansprang, verlor er den Halt. Er stürzte aus dem Sattel. Staub wallte unter seinem aufschlagenden Körper auseinander. Im Pulk seiner Kumpane schleifte ihn sein Pferd noch ein Stück mit, denn sein Fuß war im Steigbügel hängen geblieben.

Das Tier hielt nach einigen Yards an. Die anderen Banditen donnerten in wilder Karriere weiter. Weiter unten rannten zwei Männer mit Gewehren aus einer Gasse in die Main Street. An der Weste des einen funkelte ein Stern. Wieder spuckten die Banditencolts Feuer, Rauch und Blei. Die beiden mutigen Hombres fielen und lagen regungslos auf der Straße.

Der prasselnde Hufschlag entfernte sich mit Windeseile. Die Banditen passierten die letzten Häuser der Town und stoben zwischen die Hügel. Das Hufgetrappel verklang...

*

Die Main Street füllte sich schnell mit Menschen.

Ich führte Blacky - so nannte ich mein Pferd -, am Zügel und ging zu dem Banditen hin, den meine Kugel aus dem Sattel gerissen hatte. Er lag auf dem Rücken. Die Winchester lag in meiner Armbeuge. Den Kolben hatte ich unter die Achsel geklemmt. In meiner Nähe brüllte jemand mit kippender Stimme: "Wo bleibt der Doc, verdammt? Der Sheriff lebt noch..."

Ich schaute auf den Outlaw hinunter. In seinen unterlaufenen Augen wütete der Schmerz, aber da war auch die Angst. Seine rechte Brustseite war voll Blut.

Schnell bildete sich um uns ein Kreis von Menschen. Männer und Frauen, Junge und Alte. Drohendes Geraune erhob sich. Die Augen des verwundeten Banditen flackerten. Jemand hinter mir sagte mit belegter Stimme: "Heiliger Rauch, Bannister ist tot. Die Schufte haben ihn kaltblütig niedergeknallt. Man sollte diesem Hundesohn dafür den Hals lang ziehen."

Ich spürte den Anprall einer unguten, vielleicht sogar bösen Strömung. Solche Äußerungen waren oft wie ein Funke, der in ein Fass voll Pulver fällt.

Ein Keuchton, den ihm das Grauen abnötigte, entrang sich dem Banditen.

Ich drehte den Kopf und sagte über die Schulter: "Ich nehme an, Bannister ist der Mann, der zusammen mit dem Sheriff auf die Straße lief. Als er starb, saß dieser Mann schon nicht mehr im Sattel. Er hat nicht geschossen. Es gibt also zunächst keinen Grund, ihn aufzuknüpfen."

Der Bursche, der vom Lynchen gesprochen hatte, starrte mich fast feindselig an. Vielleicht hatte ich einen Ton zu scharf gesprochen.

Ich wandte mich wieder dem Banditen zu und kniete bei ihm ab. Seine Augen glänzten fiebrig. Sein Gesicht hatte sich verkrampft. Schweiß perlte auf seiner Stirn und rann über seine Wangen. Der Tod griff bereits mit kalter, gebieterischer Hand nach ihm.

"Sag mir die Namen deiner Kumpane, Amigo", forderte ich eindringlich.

"Hast - du mich vom Pferd geschossen?", röchelte er.

Ich nickte. Viel konnte ich nicht für ihn empfinden. Er wusste, worauf er sich einließ, als er den Pfad der Gesetzlosigkeit beschritt. Dennoch spürte ich Trockenheit in meiner Mundhöhle. Es löste weder Triumph noch Genugtuung in mir aus, ihn niedergeschossen zu haben.

"Dann - dann - geh zum Teufel", keuchte er. Seine Brust hob und senkte sich unter schweren, pfeifenden Atemzügen.

Ich kniff die Lippen zusammen. Bei dieser Sorte reichte der Hass bis über den Tod hinaus. "Wie heißt der Mann mit dem Hutband aus Schlangenleder", hakte ich unbeirrt nach. "Sag es mir. Heißt er Robin?"

Seine rotgeränderten Lider flatterten. Seine Lippen zuckten. Sein Körper bäumte sich auf. Ein Blutfaden sickerte aus seinem Mundwinkel. "Woher - weißt - du - seinen Namen?" Die Stimme des Banditen kam nur noch schwach und zerrinnend wie ein Windhauch. Speichel vermischte sich mit dem Blut. "Kennst - du – Robin? - Wer bist..."

Sein Kopf fiel zur Seite. Seine Augen brachen. Die Gestalt erschlaffte.

Ich richtete mich auf. Meine Gedanken wirbelten. Es gelang mir nicht, eine klare Linie in mein Denken zu zwingen. Ein Jungengesicht schälte sich aus den Nebeln der Vergangenheit. Robins Gesicht. Hass prägte seine Züge.

"Du kannst ja aufgeben, Bruder!", hatte Robin damals hervorgestoßen. "Ich werde Big Jim Howard nachweisen, dass er den Ruin der Logan-Ranch und den Tod unseres Vaters auf dem Gewissen hat. Wir stehen vor dem Nichts, Bill, wir sind arm wie Kirchenmäuse, wir sind Bettler. Aber ich werde mir holen, was man uns genommen hat."

Robin war am nächsten Morgen verschwunden gewesen. Er war vierzehn...

Das war 13 Jahre her.

Seitdem habe ich nie wieder etwas von ihm gehört oder gesehen.

Eine grausig kalte Hand aus längst vergangenen Zeiten griff nach mir und hielt mich fest. Die Erinnerung drohte mich zu erdrücken.

Der verworrene Lärm, der in der Main Street wogte und den die Gebäude zu beiden Seiten der Main Street festzuhalten schienen, erreichte lediglich den Rand meines Bewusstseins. Mein Blick schien sich in weiter Ferne zu verlieren. Geschäftige Hektik machte sich breit. Ein Mann sprach mich an:

"Heh, Stranger, wir bilden ein Aufgebot, um den Banditen zu folgen. Sie haben über 10000 Dollar in der Bank erbeutet. Aber was noch viel schlimmer ist - sie haben einen Mann ermordet und den Sheriff schlimm verwundet. Haben Sie Lust, mitzukommen?"

"Nein", erwiderte ich geistesabwesend. Dann noch einmal: "Nein..."

Sollte ich meinen kleinen Bruder jagen wie einen tollwütigen Hund? Das konnte keiner von mir verlangen.

Der Mann schaute mich mit einer Mischung aus Betroffenheit, Unglauben und Grimm an. Wortlos wollte er sich abwenden. Ich hielt ihn an der Schulter zurück. "Wie heißt diese Town?".

"Alpine." Er riss sich los und stapfte davon. Er war böse auf mich, weil ich sie nicht führte. Der Sheriff war übel verwundet. Jetzt fehlte den Burschen, die sich auf die Fährte der Bande heften wollten, der Leitwolf. Wahrscheinlich hatte der Mann erwartet, dass ich diese Rolle übernahm.

Nun, er wusste ja nicht, wie es in mir aussah.

Ich schwenkte meinen Blick die Fahrbahn hinauf und hinunter. Einige Männer und Frauen starrten mich an. Ich glaubte einen stummen Vorwurf in ihren Blicken zu erkennen. Wo waren sie alle, als vor der Bank die Colts krachten?, fragte ich mich bitter. Nur ein einziger Mann hatte genug Herz, um sich an der Seite des Sheriffs den Banditen in den Weg zu stellen. Lausige Town!

So etwas wie Verachtung kroch in mir in die Höhe.

Ich stieß das Gewehr in den Sattelschuh und führte Blacky quer über die Straße zu einem Saloon. Lose warf ich die Leine über den Haltebalken. Steifbeinig stieg ich die vier Stufen zum Vorbau empor. Ich stieß die Batwings der Tür auf. Sie knarrten in den Scharnieren.

Im Schankraum war kein Mensch. Auch der Keeper war auf die Straße gelaufen, auf der sich inzwischen alles, was in Alpine zwei Beine hatte, zusammenrottete.

Ich kehrte um, fragte einen Halbwüchsigen nach dem Mietstall, und führte wenig später mein Pferd in die bezeichnete Richtung.

Ich hatte Robin gefunden! Wie ein Blitz fuhr es mir ins Gemüt. Es war kein böser Traum. Der Zufall hatte Schicksal gespielt, als er mich nach Alpine lenkte.

Mir erschien es dennoch wie ein Alptraum. Robin ritt mit einer Horde Outlaws, mit einem Rudel Gesetzloser. Er war Bandit geworden. Das Begreifen war für mich von schmerzhafter Schärfe, die Erkenntnis legte sich tonnenschwer auf mich.

Stickige Luft, vermischt mit dem Geruch von Stroh und Pferdeschweiß, empfing mich im Mietstall. Fliegen summten. Ich sah mich um. In den Ecken woben verstaubte Spinnennetze. Das rückwärtige Tor stand offen. Grelles Sonnenlicht fiel herein. Winzige Staubpartikel tanzten in der schrägen Bahn.

Es war der Ausgang zum Corral. Einige Pferde tummelten sich zwischen der Einzäunung. Ich beschloss, Blacky in eine der Boxen zu stellen. Vom Stallmann war nichts zu sehen. Er hatte sich mit dem Rest der Stadt vor der Bank auf der Main Street zusammengerottet.

Während ich Blacky absattelte, ihm das Zaumzeug abnahm, einen Eimer voll Hafer vor ihn hinstellte und Heu in die Futterraufe stopfte, kreisten meine Gedanken unablässig um Robin. Ich fragte mich, wie tief er schon im Sumpf der Gesetzlosigkeit stecken mochte. Gehörte er schon zu den Verlorenen dieses Landes, auf die nur noch eine Kugel oder der Strick warteten?

Ich war innerlich total zerrissen. Enttäuschung, Verbitterung, Zorn und eine ganze Reihe von Gefühlsregungen mehr wühlten mein Innerstes auf.

Als ich einen Eimer voll Wasser vom Brunnen im Hof holte, kam der Stallbursche. Es war ein bärtiger Oldtimer, der mich verkniffen anschaute. Er ging neben mir her, als ich den Eimer in den Stall schleppte. Wasser schwappte über die Ränder. Blacky hatte sich schon über den goldenen Hafer hergemacht.

Der Oldtimer legte den Kopf schief und gab gedehnt zu verstehen: "Einige Leute haben die letzten Worte des Halunken aufgeschnappt, ehe er zur Hölle fuhr. Jetzt zerbricht sich die halbe Stadt den Kopf darüber, was es wohl mit diesem Robin auf sich hat, den du zu kennen scheinst, Stranger. Reitest du auf seiner Fährte, weil du eine blutige Rechnung mit ihm zu begleichen hast, oder ist er ein Freund von dir?"

Ich stellte den Eimer voll Wasser in der Box ab. "Weder - noch", versetzte ich, und es war nicht die Unwahrheit. Ihm mehr zu erzählen hatte ich nicht im Sinn. Er schien es von meiner Miene abzulesen, denn er gab sich damit zufrieden.

"Soll ich dein Pferd abreiben, Stranger", fragte er achselzuckend. "An euch beiden, so scheint es mir, klebt der Staub vieler, vieler Meilen."

Ich nickte, nahm mein Gewehr und die Satteltaschen und warf sie mir über die Schulter. Ich wollte mich abwenden. Die Stimme des Oldtimers hielt mich zurück.

"Heh, Stranger, hast du einen Namen?", fragte er.

"Nenn mich Logan."

Ich stakste aus dem Stall.

Ja, an mir klebte der Staub vieler, vieler Meilen. Ich kam von Mariscal herauf, einer kleinen Stadt in der Big Bend, nur einen Steinwurf von Mexiko entfernt. Plan- und ziellos war ich nach Norden gezogen. Es war wohl tatsächlich eine Fügung des Schicksals, die mich ins Brewster County, Westtexas, verschlagen hatte. Seit Jahren ritt ich einen ruhelosen, oftmals rauchigen Trail. Mit Jobs, in denen ich mal das Lasso, mal den Revolver schwang, schlug ich mich durchs Leben.

Es schien keinen Platz zu geben auf der Welt, an dem ich mich niederlassen und sesshaft werden konnte. Rastlos zog ich kreuz und quer durchs Land auf der Suche nach Robin, meinem jüngeren Bruder. Der Verstand hämmerte mir ein, aufzugeben. Mein Herz jedoch wollte es nicht akzeptieren. Also trieb es mich immer wieder über die Hügel, trieb es mich von einem Ort zum anderen.

Ich gab nicht auf.

Doch Robin blieb verschollen...

Bis heute. Ich sah ihn kurz. Er verschwand mit einer Horde Banditen. Er war mir sozusagen davongeflattert wie ein Vogel. Doch ich wusste jetzt, dass meine ruhelose Suche in den vergangenen 13 Jahren nicht vergeblich gewesen war. Es befreite mich wie von einer inneren, drückenden Last.

Als ich auf die Main Street zurückkehrte, sah ich etwa ein Dutzend Reiter in stiebendem Galopp die Stadt verlassen. Es war das Aufgebot. Ich zweifelte am Erfolg der Männer. Insgeheim hoffte ich sogar, dass ihnen der Erfolg verwehrt blieb. Falls ihnen die Bankräuber und Mörder in die Hände fielen, durften sie kaum Verständnis, Entgegenkommen oder Gnade und Barmherzigkeit erwarten. Mit den Banditen aber ritt Robin. Ich hatte ihn nicht 13 Jahre lang gesucht, um ihn am Ende von einem Strick abzuschneiden.

Jetzt war der Saloon fast voll. Tabakrauch zog unter der Decke dahin. Ein Durcheinander von Stimmen empfing mich. An der Theke drängten sich die Männer. Und weil sie sich dort drängten, waren noch einige Tische frei. Der Lärm versickerte nach und nach, als ich zwischen den Tischreihen hindurchschritt. Ich wurde angestarrt, eingeschätzt, erforscht.

Am Tresen machte man mir respektvoll Platz. Ich spürte es ganz deutlich: Man begegnete mir mit Zurückhaltung, Misstrauen und Vorsicht. Mir haftete der Geruch von Pulverdampf an. Ich trug den schweren, langläufigen Remington tief am rechten Oberschenkel. Vielleicht hatte ich sonst noch einige Merkmale an mir, die mich in den Augen der Männer zum Revolvermann abstempelten.

Ich war keiner von ihnen. Sie sahen in mir einen einsamen Wolf, einen ruhelosen Satteltramp, der von seiner Schnelligkeit und Treffsicherheit mit dem Sechsschüsser lebte.

Sie hatten gar nicht so Unrecht. Eigentlich war ich ein streunender Hund, ein Einzelgängerwolf, einer, der sich selbst ausgeschlossen hatte.

"Ich habe Hunger", wandte ich mich noch immer staubheiser vom Ritt durch die Wildnis an den Keeper. "Bringen Sie mir außerdem ein Glas Bier zu dem Tisch dort." Ich wies mit dem Kinn in eine bestimmte Richtung.

Der Keeper nickte. Ich schwang herum, steuerte den Tisch an, setzte mich und legte die Satteltaschen neben mir auf den Boden. Sie beinhalteten alles, was ich an Habseligkeiten besaß. Die Winchester lehnte ich an den Tisch.

Die Männer verloren das Interesse an mir. Die Gespräche wurden wieder aufgenommen. Ich begann aufs Neue zu grübeln. Der Keeper brachte das Bier. Ich trank durstig. Dann kam das Essen. Steak und Bratkartoffeln, dazu Bohnen. Heißhungrig schlang ich alles in mich hinein.

Als der Keeper abräumte, sagte er: "Es war die Baxter-Gang, Mister, die den hold up ausführte. Einige Männer der Stadt haben Tom Baxter erkannt. Er macht seit längerer Zeit mit seinen Strolchen Westtexas unsicher. Auf seinen Kopf sind 1000 Dollar ausgesetzt. Tot oder lebendig."

"Ein dreister Hombre", erwiderte ich. "Sind die Mitglieder seiner Bande auch bekannt?"

"Nur zwei von ihnen. Mel Stratton und Duncan McGuire."

Der Keeper trug den leeren Teller davon, auf den ich das Besteck gelegt hatte.

Robin ist also nicht bekannt, sinnierte ich. Vielleicht gehört er noch nicht lange zu dem hart gesottenen Verein und er ist noch zu retten.

Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass es dem so war. Der Gedanke, dass es so sein könnte, nährte meine Hoffnung und stärkte meine Zuversicht.

*

Am Morgen, als die Frühnebel wallten und die Dunkelheit noch zwischen den Gebäuden von Alpine nistete, ritt ich auf der Fährte des Aufgebots. Die Reiter hatten eine Spur wie eine Büffelherde gezogen.

Einsamkeit umgab mich wieder. Es war kühl. Die Natur erwachte zum Leben. Dann schob sich die Sonne über den zerklüfteten Horizont im Osten und das erste Licht, das das Land überflutete, verlieh den Dingen seine Farben.

13 Jahre Suche nach Robin hatten mich geprägt. Es waren 13 Jahre der absoluten Ungewissheit, was sein Schicksal anbetraf. Es war, als jagte ich einem Phantom hinterher. Die Lektionen, die mir in all den Jahren erteilt worden waren, hatten mich geformt, hatten mich hart und kompromisslos werden lassen. Ich hatte keine Freunde. Die Zeit, die ich es an einem Ort aushielt, war viel zu kurz, um Freundschaften zu schließen. Eigentlich war ich mir 13 Jahre lang immer nur selbst der Nächste.

Gestern hatte ich Robin gesehen. Er war kein Phantom mehr, er war leibhaftig. Und das verlieh meiner Suche nach ihm wieder einen Sinn.

Die Sonne wanderte höher, die Hitze nahm zu. Die Fährte war nicht zu übersehen. In rauchiger Ferne konnte ich die Konturen himmelstürmender Felsbastionen ausmachen. Grauer Dunst hüllte sie ein. Die Wildnis, durch die mich Blacky trug, war absolut menschenfeindlich.

Die heißesten Stunden des Tages verbrachte ich an einer Quelle, die in einer breiten Schlucht aus dem Felsen sprudelte, nach wenigen Schritten aber schon wieder im Sand versickerte. Die Felswand bot Schatten. Blacky nagte die Triebe einiger Sträucher ab, die hier wuchsen. Ich kaute auf einem Stück Pemmican herum und ergänzte die karge Mahlzeit mit einer Kante trockenen, harten Brotes.

Ich war – weiß Gott – genügsam geworden in all den Jahren.

Schließlich war ich wieder auf dem Trail. Gegen Abend des folgenden Tages kam mir eine Reiterschar entgegen. Zuerst war es nur aufgewirbelter Staub in der Ferne, der sie ankündigte. Ich wartete zwischen den Felsen. Ich ahnte zwar, dass das Aufgebot aus Alpine in die Stadt zurückkehrte, es konnte aber auch ein Rudel weniger harmloser Zeitgenossen sein. Ich wollte keinen Ärger.

Ich konnte den Hufschlag vernehmen. Von einem Hügel aus, aus dessen Kuppe sich eine Gruppe von Felsen erhob, sah ich die Reiter schließlich. Ja, es waren die Männer aus Alpine. Müde zogen ihre Pferde die Hufe über den Boden. Die Tiere gingen mit hängenden Köpfen.

Als ich mich auf meinem Pferd aus der Gruppe Felsen löste, wurde ich nicht bemerkt. Erst als ich schon die Hälfte des Abhanges zurückgelegt hatte, nahm mich einer wahr. Er machte mit heiser krächzender Stimme die anderen auf mich aufmerksam.

Die Meute hielt an. Aus müden, geröteten Augen starrten mir die Männer entgegen. Staub und Schweiß verklebte die Gesichter und das Fell der Pferde. Die Reiter wirkten hohlwangig und erschöpft.

Ich ritt vor sie hin und legte beide Hände auf das Sattelhorn. Herausfordernd schaute ich in die Runde. Einer krächzte: "Sie haben uns abgehängt. Die Hundesöhne haben uns zwei Tage lang hinter sich hergelockt, dann haben sie sich getrennt. Die Fährten der einzelnen Banditen verloren sich in den Bergen. Sie haben uns ausgetrickst."

Insgeheim atmete ich auf. Ich war mir nicht mehr sicher, für wen es schlimmer geworden wäre, wenn das Aufgebot die Bande eingeholt hätte. Diese Hombres vor mir hätten sicher ganz schön Federn gelassen. Es waren biedere Bürger, keiner von ihnen war kampferprobt. Jedem dieser Burschen fehlte es an der nötigen Erfahrung. Trotzdem achtete und respektierte ich sie. Immerhin waren sie zwei Tage lang der Bande gefolgt, hatten tausend Strapazen auf sich genommen, und am Ende hätten sie sicherlich auch gekämpft.

"Reitet nach Hause zu euren Familien und dankt eurem Herrgott, dass die Bankräuber nicht irgendwo in der Wildnis auf euch gelauert haben", sagte ich. "Kerle wie diesem Tom Baxter ist nichts heilig. Ein Menschenleben ist ihm gerade den Preis für eine Unze Blei wert. Aber seid versichert: Irgendwann wird auch ihm das Gesetz eine tödliche Rechnung präsentieren. Kerle wie er bleiben früher oder später immer auf der Strecke."

"Bis dahin können diese Kerle aber eine Menge Schaden anrichten", wandte ein grauhaariger Mann ein, der einen besonnenen und ruhigen Eindruck vermittelte. Er hob die Schultern, ließ sie wieder sinken. "Ist es Zufall, Stranger, dass Sie auf unserer Spur reiten? Oder folgen Sie auf unserer Fährte den Banditen?" 

Ausweichend antwortete ich: "Ihr habt die Fährte verloren, weil sich die Schufte getrennt haben. Die Spur der einzelnen Banditen verliert sich. Einer Spur, die es nicht gibt, kann auch ich nicht folgen."

In meinem Innern war ich allerdings davon überzeugt, dass die Banditen bald wieder zueinander fanden. Und da sie in den vergangenen zwei Tagen schnurgerade nach Norden gezogen waren, würde der Ort ihres Zusammentreffens eine Stadt an der Nordroute sein. Nur eine Town bot Sicherheit, dass keiner den vereinbarten Treffpunkt verpasste.

Dieser Tom Baxter war ein Profi. Das war mir zwischenzeitlich klar geworden. Dass Robin mit ihm ritt, verriet viel über dessen Klasse. Ein Tom Baxter nahm sicher keine Männer in seinen Verein auf, die zweite Garnitur waren.

"Wie heißt die nächste Stadt in nördlicher Richtung?", fragte ich daher.

"Seminole", erhielt ich zur Antwort. Dann setzte sich der Pulk wieder in Bewegung. Bald verschwand er zwischen den Felsen. Aufgewirbelter Staub senkte sich auf die Erde zurück.

Ich trieb Blacky an...

Zwei Tage danach erreichte ich die Ansammlung von Häusern und Hütten, der man den Namen Seminole gegeben hatte. Schon als ich mich zwischen den ersten Häusern befand, hatte ich das Gefühl, dass diese kleine Town den Atem anhielt, dass die Atmosphäre hier drohend und unheilvoll war. Es streifte mich wie ein böser Hauch.

Die Straße war ausgestorben, abgesehen von ein paar Hunden, die in den Schatten lagen und dösten. Hinter den verstaubten Fensterscheiben jedoch sah ich die hellen Kleckse von Gesichtern. Ich wurde beobachtet. Wenn ich hinschaute, verschwanden die hellen Flecke. Als fühlten sich die Leute ertappt.

Die bedrückenden Impulse, die durch den Ort strömten, berührten mich fast körperlich.

Ich lenkte mein Pferd zum Mietstall. Im Wagen- und Abstellhof saß ich ab und führte Blacky am Kopfgeschirr. Das Stalltor hing etwas schief in den Angeln und stand halb offen. Drin stampften Pferde in den Boxen. Ich führte Blacky hinein. Das Licht, das durch das Tor fiel, endete nach etwa vier Schritten. Dahinter begann Düsternis. Durch die Ritzen in den Bretterwänden fielen Lichtstreifen. Die schmalen Bahnen reichten jedoch nicht bis zum Mittelgang.

Muffiger, abgestandener Geruch stieg mir in die Nase.

"Hallo, Stall!", rief ich.

Irgendwo im Hintergrund vernahm ich ein Geräusch. Die Tür eines Verschlages ging auf, eine schmächtige Gestalt schob sich durch den Spalt. "Ich bin hier", rief der Bursche. Aus dem Klang seiner Stimme schloss ich, dass er noch sehr jung war.

"Komm her", forderte ich ihn auf.

Er näherte sich mir zögernd. Dabei ließ er mich nicht aus den Augen. Er fixierte mich von Kopf bis Fuß, unterzog mich einer eingehenden Prüfung.

Der Bursche war tatsächlich noch keine 20. Der Bart auf seinem Kinn und seinen Wangen war wenig dicht und flaumig. Sein Blick war der eines Straßenköters, der nicht wusste, ob ich ihn treten oder streicheln würde.

Der Junge war verängstigt, eingeschüchtert und verunsichert.

Ich reichte ihm die Zügel. "Reib das Tier gut ab", mahnte ich. "Dann gib ihm Hafer. Was kostet es, wenn ich das Pferd zwei Tage in deiner Obhut belasse?"

"Pro Tag einen halben Dollar", erklärte er, nachdem er sich den Hals frei geräuspert hatte.

Ich griff in die Tasche und warf ihm einen Dollar zu, den er geschickt auffing. Ich wollte mit dieser Geste klarstellen, dass ich keiner von der Sorte war, die sich einfach nahm, was sie brauchte. Auf diese Art wollte ich Vertrauen schaffen.

Der Boy sah mich auch sofort mit ganz anderen Augen an.

"Sind in den vergangenen 24 Stunden in dieser Town nach und nach einige falkenäugige Hombres eingetrudelt?", erkundigte ich mich. "Insgesamt fünf an der Zahl?"

Die Freundlichkeit, mit der der Junge mich für kurze Zeit gemustert hatte, machte wieder dem Misstrauen und der Verunsicherung Platz. "Ja", nickte er, "die fünf Hombres sind hier. Gehören Sie zu Ihnen, Mister?"

Ich ging auf seine Frage nicht ein. "Wie heißt du?"

"Jedidiah. Jeder aber nennt mich nur Jed."

"Mein Name ist Logan." Während ich sprach, rückte ich meinen Revolvergurt zurecht, drückte den Revolverknauf etwas nach außen, dann zog ich die Winchester aus dem Scabbard. "Wo finde ich das Quintett?"

"Im Saloon. Es sind fünf Coltschwinger, Mister – äh, Logan. Die ganze Stadt duckt sich vor ihnen. Sie benehmen sich, als hätten sie die Town erobert."

Er spürte jetzt wohl, dass ich nicht zu ihnen gehörte. Und darum wollte er mich warnen.

"Ich weiß", knurrte ich. "Es sind fünf Höllenhunde. Also, versorg den Rappen gut, Amigo. Ich überlasse ihn dir zu treuen Händen."

Ich nickte dem Boy zu, dann stakste ich aus dem Stall.

Ich war von einer kalten Entschlossenheit erfüllt - der kalten, unumstößlichen Entschlossenheit, Robin wieder auf den rechten Weg zurückzuführen.

*

Ich stapfte am Fahrbahnrand entlang. Mechanisch setzte ich einen Fuß vor den anderen. Der Saloon war etwa 60 Yards vom Mietstall entfernt errichtet worden, und zwar in Richtung des nördlichen Ortsendes. Da ich von Süden heraufgekommen war, hatte ich ihn nicht passiert.

Ich war angespannt bis in die letzte Faser meines Körpers. Nur noch wenige Minuten, und ich würde Robin gegenübertreten. Ich wusste nicht, wie er nach all den Jahren zu mir stand. Ich hatte keine Ahnung, ob er in all diesen Jahren überhaupt einen einzigen Gedanken an mich, seinen älteren Bruder, verschwendet hatte.

Hölle, ich durfte nicht zu viel erwarten.

Wieder wurde ich beobachtet. Die Leute drückten sich an den Fensterscheiben die Nasen platt.

Ich stieg auf den Vorbau des Inn. Er hatte keinen Namen. Auf der großen Holztafel auf dem Vorbaudach stand nur 'Saloon'. Das Dröhnen meiner Schritte auf den Bohlen kam mir überlaut vor. Das Gewehr trug ich in der linken Hand. Ich zögerte nicht. Mit meinem Körper drückte ich die Tür auf. Quietschend schwangen die Batwings hinter mir aus.

Die fünf lehnten nebeneinander an der Theke. Zwischen ihren engen Lidschlitzen glitzerte es unheilvoll. Im Mundwinkel eines der Kerle klemmte eine Zigarette. Der Rauch kräuselte vor seinem Gesicht in die Höhe. Ihre Hände hingen locker neben den tiefgeschnallten Colts.

Ihre lässige Haltung konnte nicht über die erwartungsvolle, angespannte Atmosphäre hinwegtäuschen, die mit meinem Eintreten entstanden war. Sie belauerten mich wie Wölfe.

Der Keeper schob sich hinter dem Schanktisch langsam von ihnen weg. Am Ende des Tresens hielt er an, bereit, abzutauchen, sobald die Kugeln flogen.

Ich schaute Robin an. Er war es. Daran bestand für mich kein Zweifel. Er war so groß wie ich, über sechs Fuß also. Aus dem Jungen von damals war ein reifer Mann geworden. Sein Gesicht war schmal, kantig und sonnengebräunt. Sein Mund war schmal, seine Nase gerade. Das eckige Kinn verriet, dass in ihm viel Energie, Entschlusskraft und Durchsetzungsvermögen steckten. Seine schmalen Hüften verrieten den Reiter. 

Robin sah mir sehr ähnlich.

In seinen blauen Augen blitzte es auf. Es mutete an wie ein Signal. Dann blickte er mich verstört an, und schließlich entrang es sich ihm fassungslos: "Ich glaub es nicht. Gott verdamm mich! Bist du es wirklich. Bist du es, Bill?"

Er stieß sich vom Tresen ab und starrte mich ungläubig an. In seinem Gesicht arbeitete es. Es schien seinen Verstand zu übersteigen.

"Yeah, Robin, ich bin es – dein Bruder." Ich ging langsam, mit kurzen, abgezirkelten Schritten auf ihn zu. Die anderen vier Kerle beachtete ich nicht. Diese vier hatte ich mit einem Blick eingeschätzt, als ich den Schankraum betrat.

Es waren verwegene, stahlharte Hombres mit tagealten Bartstoppeln in den scharflinigen Gesichtern, zusammengesetzt aus Mitleidlosigkeit, Brutalität und Skrupellosigkeit und allem, was unmenschlich und grausam macht.

Die Überraschung versiegelte Robins Lippen. Mein Auftauchen musste ihn wie ein Schlag getroffen haben.

Ich fuhr fort: "Ich habe dich in Alpine gesehen, als du vor der Bank die Gäule deiner Kumpane hieltest, Bruder. Du hast dich also einer Mannschaft Gesetzloser angeschlossen. 13 Jahre habe ich gehofft, dich eines Tages zu finden. Jetzt stehst du vor mir. Und ich sehe nur einen lausigen Banditen."

Jetzt fand mein Bruder seine Stimme wieder. Sie klang belegt, als er sprach. Freudlos sagte er: "Ja, Bruder, ich bin ein Bandit geworden. Ich bin ein Geächteter. Und du bist nicht schuldlos daran. Hättest du damals nicht gekniffen, wären wir zusammengeblieben. Wir beide hätten herausgefunden, dass Big Jim Howard Dads Herde überfallen ließ und sie in alle Winde zerstreute. Wir hätten ihn zur Rechenschaft gezogen und Schadenersatz gefordert. So aber..."

Bitter verstummte Robin.

Er maß mich kalt. Er hatte zu seiner alten Form zurückgefunden. Von ihm ging keine Gemütsregung aus.

Mein Herz pochte hart gegen die Rippen. Mein Hals war sekundenlang wie zugeschnürt. Ich hatte es mir immer ausgemalt, wie es sein würde, sollten Robin und ich uns jemals wieder treffen. Enttäuschung wollte sich breit machen. Da war nichts von brüderlicher Herzlichkeit, von Ergriffenheit oder von Glückseligkeit.

Wir standen uns wie zwei Fremde gegenüber.

Ich überwand mich. "Du warst 14 Jahre, Robin, ich war 16, als Dad die Herde auf dem Trail nach Norden verlor und wir Logans im Elend landeten. Wir waren verrückte Jungs, die ein halbes Jahr lang um die Nueces River Ranch Howards herumschlichen wie Füchse um den Hühnerstall. Was fanden wir denn, um Howard anzuklagen? Heh, was? - Nichts fanden wir. Zumindest nichts, was gereicht hätte, um ihm das Genick zu brechen."

Ich holte Luft. Robin starrte mich an. Seine Kumpane taxierten mich, hielten sich aber heraus. Plötzlich schnappte Robin wild: "Als wir wieder nach Hause zurückkehrten, hatte Dad sich umgebracht. Die Cowboys, die den Überfall auf die Herde überlebt hatten, waren verschwunden. Dad hat sie mit dem letzten Geld, das er besaß, ausgezahlt. Er selbst hatte sich umgebracht. Die Ranch riss sich Howard unter den Nagel. Big Jim Howard hat uns eiskalt und ohne Gewissensbisse fertig gemacht. Du hast Schiss bekommen und feige gekniffen. Da verließ ich dich."

"Du bist bei Nacht und Nebel verschwunden, Robin. An dem Abend, bevor du verschwunden bist, hast du mir ins Gesicht gebrüllt, dass du dir holen würdest, was man uns genommen hat. Nachdem du es scheinbar von Big Jim nicht bekamst, holst du es dir jetzt, indem du mit einer Handvoll übler Figuren Banken überfällst und ausraubst, wie?"

Obwohl ich Robin anschaute, nahm ich wahr, wie seine Kumpane eine herausfordernde Haltung einnahmen.

Da Robin verbissen schwieg, fuhr ich fort. Ich sprach klar, sachlich, ruhig und betont: "Du warst schon immer ein Hitzkopf, Robin. Als 14-jähriger wolltest du schon zu Big Jim Howard reiten und ihn erschießen. Ich..."

Robin schnitt mir das Wort ab indem er zischte: "Und du warst der ruhige, besonnene Teil von uns beiden, nicht wahr?" Es klang fast gehässig. Er verstellte seine Stimme. "Oh ja - Hass führt in die Hölle, Robin! Sie haben uns fertig gemacht, Robin, aber sie haben uns nicht zerbrochen! Jeder Gedanke an Rache ist ein Nagel zu deinem Sarg, Robin! - Das waren doch die Sprüche, die du geklopft hast. Ich habe sie nicht vergessen."

Ich nickte wiederholt. "Ja, so ähnlich mögen meine Mahnungen und Warnungen geklungen haben, Bruder. Ich habe nämlich eingesehen damals, dass wir zwei kleine Pinscher sind, die Big Jim zwischen Daumen und Zeigefinger zerdrückt hätte. Dich haben dein Hass, deine Halsstarrigkeit und deine Hitzköpfigkeit auf einen Weg geführt, der nur in der Hölle enden kann. - Sieh dir die Kerle an, mit denen du reitest. Dieser Tom Baxter ist ein steckbrieflich gesuchter Verbrecher, den jeder, der ihn erkennt, ohne Warnung erschießen darf wie einen tollwütigen Hund. Für die anderen gilt ähnliches. Ihr habt geraubt und getötet. Keiner von euch bringt in diesem Land je wieder ein Bein auf die Erde. Ihr seid Todgeweihte."

Robin schürzte die Lippen. Er legte den Kopf etwas schief und knirschte: "Sag mal, Bill, was ist aus dir geworden? Wanderprediger?"

Es klang höhnisch und sollte mich treffen. Ich verzog keine Miene. "Ich war einige Male unten im Zavala County. Aber ich habe nie gehört, dass du Big Jim zur Rechenschaft gezogen hättest. Wahrscheinlich hast du es damals selbst eingesehen, dass du dir an ihm die Zähne ausbeißt, und es war nur deine Sturheit, die dich von mir fortgetrieben hat. - Doch nun habe ich dich gefunden, Bruder. Ich will, dass du deinen Kumpanen den Rücken kehrst und mit mir reitest."

Robin lachte unecht und blechern auf.

Unbeirrt sprach ich weiter: "Ich habe keine Ahnung, welche Verbrechen du auf dem Kerbholz hast, Robin. Aber du wirst dafür die Konsequenzen zu tragen haben. Hast du gemordet, wird man dich vielleicht hängen. Hast du nur geraubt und gestohlen, wirst du nach einigen Jahren ein freier Mann sein und wir fangen irgendwo von vorne an. Aber du wirst diesen Verein von Sattelstrolchen und Halsabschneidern verlassen."

Ich stieß es mit Entschiedenheit und Endgültigkeit im Tonfall hervor.

Und ich glaubte einen nachdenklichen Ausdruck in Robins Augen wahrzunehmen. Sein Blick schien sich nach innen verkehrt zu haben. Versonnen fixierte er mich.

Doch jetzt trat ein dunkelgesichtiger Bursche neben ihn. Er war Mitte 30 und erinnerte an einen alten, vernarbten Timberwolf. Ein unstetes Leben voller Laster hatte unübersehbare Spuren in seinem hohlwangigen Gesicht hinterlassen. Ein brutaler Ausdruck kerbte seine Mundwinkel nach unten. Lässig hatte er die Daumen in den Patronengurt gehakt. Er war zwei Fingerbreit kleiner als Robin und hager. Alles an ihm schien unberechenbar und gefährlich zu sein. Etwas Raubtierhaftes ging von ihm aus.

Als er sprach, bewegte er die Lippen kaum. Er sagte: "Du nennst uns üble Figuren, Sattelstrolche und Halsabschneider, Diebe und Mörder. Das sind Beleidigungen, die wir nicht hinnehmen werden. Du hättest dich nicht darauf verlassen sollen, dass wir sie dir nachsehen, nur weil du Robins Bruder bist."

"Du bist Tom Baxter, nicht wahr?", fragte ich ihn unbeeindruckt.

"Yeah. Und du bist ein Narr. Andernfalls wärst du nicht in den Saloon gekommen und hättest mit Beleidigungen um dich geworfen. Dass du Robins Bruder bist, interessiert mich nicht. Er hat dich nie erwähnt. Daraus schließe ich, dass du für ihn gestorben warst. Wie willst du es haben, Amigo? Tragen wir es gleich aus, oder..."

Robin legte Baxter die Hand auf die Schulter. Der Bandit brach ab. Robin gab klirrend zu verstehen: "Verschwinde, Bill. Du kannst mich nicht mehr retten. Einem wie mir ist der Weg zurück in die ehrenwerte menschliche Gesellschaft verschlossen. Ich bin ein Verlorener. Also gib es auf. Wir haben uns 13 Jahre lang nicht gesehen. Verschwinde, und streiche diese Stunde aus deiner Erinnerung."

Seine Worte fielen eindringlich, fast beschwörend. Sein zwingender Blick hatte sich in meinem verkrallt.

Wollte er verhindern, dass mich seine Kumpane niederknallten?

Spürte er doch noch brüderliche Gefühle?

Aber da stieß Tom Baxter mit brechendem Klang hervor: "Gib dir keine Mühe, Robin. Die Beleidigungen und Schmähungen aus seinem Mund können nur mit Blut abgewaschen werden. Du kannst dich ja raushalten. Wir jedoch..."

Er zog, ohne seinen Satz zu vollenden.

Seine Kumpane an der Theke glitten auseinander und griffen ebenfalls nach den Sechsschüssern.

Ich sah noch, dass mein Bruder Tom Baxter einen derben Stoß versetzte und dass auch Robin nach dem Eisen griff.

Den Sekundenbruchteil zwischen Erkennen und Reagieren benötigte ich nicht. Denn ich war darauf eingestellt, dass es hier zu einem bleihaltigen Reigen kommen würde. Ich ließ die Winchester fallen, denn sie behinderte mich nur. Dann lag ich auf den Knien. Der Remington lag wie hineingewachsen in meiner Faust. Die Mündung stach ins Ziel...

Der Saloon wurde von den ineinander verschmelzenden Detonationen regelrecht erschüttert. Feurige Lohen stießen aus den Mündungen. Pulverdampf wölkte. Ich hatte mich nach dem ersten Schuss flach nach vorn geworfen. Dreimal - viermal noch brüllte mein Colt auf. Ich sah durch den wogenden Pulverdampf wie die Kerle am Tresen herumgerissen und geschüttelt wurden und zusammenbrachen.

Baxter rannte zur Hintertür. Er schoss blindlings unter seiner linken Achsel hindurch. Ich drückte ab. Im selben Moment aber schlug er einen Haken. Und dann war er draußen.

Schlagartig wurde es still. Stöhnen drang an mein Gehör. Ich sicherte mit dem Colt in Richtung Theke. Die Pulverdampfwolken begannen zu zerflattern. Es stank ätzend nach verbranntem Pulver.

Entsetzt starrte ich auf Robin. Er lag auf dem Rücken. Sein Colt lag neben ihm am Boden. Fahrig wischte seine Rechte über die Dielen. Das Stöhnen, das ich hörte, kam von ihm.

Wie von Schnüren gezogen erhob ich mich. Die drei Kerle vor der Theke rührten sich nicht mehr. Ich kniete bei Robin ab. Auf seiner Hemdbrust vergrößerte sich schnell ein dunkler Blutfleck. Seine bleichen Lippen zuckten.

"Bruder", röchelte er, "ich wollte nicht zulassen, dass sie dich erschießen. Baxter war schneller als ich. Er - er hat mir das Ding verpasst, nachdem ich ihn zur Seite stieß. Du - du hattest recht. Der Weg, den ich eingeschlagen habe, konnte nur in die Hölle führen. - Wir wollten nach..." Robins Stimme brach. Sein Atem rasselte. Noch einmal bot er allen Willen auf. "...nach Clarendon, Bruder. Donley County - Red River. Ein Job..."

Mit dem letzten Wort auf den Lippen starb Robin.

Ich war sekundenlang wie gelähmt, zu nichts fähig. Mein Verstand blockierte. Ein eisiger Hauch streifte mich. Dann drückte ich Robin die Augen zu. Bei Gott, durchfuhr es mich siedend, du hast ihn gefunden und sofort wieder verloren. Diesmal für immer.

Wie im Trance starrte ich in das bleiche Gesicht. Es wirkte gelöst, als hätte Robin in der letzten Sekunde seines Lebens inneren Frieden gefunden.

Ich fuhr mir mit der Linken über die Augen. Langsam richtete ich mich auf. Es überstieg mein Begriffsvermögen. Den Remington hielt ich noch immer in der Hand. In einer Art Eigenhass stieß ich ihn ins Holster.

Wäre ich nicht hier aufgekreuzt, würde Robin noch leben!

Ich stand vor den Trümmern einer Illusion, die mich bewogen hatte, mehr als ein Dutzend Jahre nach Robin zu suchen.

Die Stimmung, die mich beherrschte, war die Schrecklichste meines Lebens.

*

Ich begrub Robin auf dem Boot Hill von Seminole. Nur ich stand an seinem Grab. Irgendwann in den vergangenen Stunden hatte ich es aufgegeben, mich mit Selbstvorwürfen zu zerfleischen.

Als ich mit erloschenem Blick auf den Grabhügel starrte, kam ich zu der Erkenntnis, dass Robin hier am besten aufgehoben war. Er war ein Bandit, und an seinen Händen klebte sicher Blut - das Blut Unschuldiger.

Entweder hätten sie ihm eines Tages einen Strick um den Hals gelegt - oder er wäre im Kugelhagel eines Aufgebots gestorben.

Ich war sicher, dass es so besser war.

Wie mit glühenden Zangen brannte sich, als ich auf dem Weg zurück in die Stadt war, ein Name in mein Gehirn.

Tom Baxter!

Wenn Robin auch ein Verlorener, ein Verfemter, ein Todgeweihter war: Baxters Kugel war es, die ihn tötete.

Baxter war ein wildes Tier. Mein Bruder war vorläufig der Letzte auf der Liste der Männer, die er niedergeknallt hatte. Tom Baxter war ein Geschwür im Angesicht der Erde.

Eine dumpfe Glut aus Hass auf den Banditen begann in meinen Eingeweiden zu wühlen. Hass auf den Outlaw, der tötete um des Tötens Willen.

Es war nicht die Rache für Robin, die mich leitete. Es war ganz einfach der Drang, Baxter für seine Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. Ich wollte den Bastard hängen sehen...

Am Morgen verließ ich Seminole. Eines Tages wollte ich in die Stadt zurückkehren, um am Grab Robins zu stehen.

Clarendon! Donley County! Red River!

Robin hatte mir mit seinen letzten Worten den Trail gewiesen, den ich unter die Hufe Blackys nehmen musste.

200 Meilen lagen vor mir.

*

Seit drei Tagen zog ich nach Nordosten.

Ich hielt am Rand der staubigen Senke meinen Vierbeiner an. Blacky schnaubte und peitschte mit dem Schweif seine Flanken. Er stampfte auf der Stelle. An uns haftete rötlicher Staub. Er verklebte mir die Poren und scheuerte unter meiner Kleidung auf der Haut.

Mein Instinkt für die Gefahr meldete sich. Die Senke mutete mich an wie ein Präsentierteller. Irgendwo vor mir in diesem Irrgarten ritt Tom Baxter. Wartete er schon zwischen den Felsen auf mich? Ruhte sein kaltes Auge bereits über Kimme und Korn seiner Winchester auf mir?

Ich ließ es darauf ankommen. "Go on, Blacky", sagte ich und ruckte im Sattel. Das Pferd setzte sich in Bewegung.

Da stieß der peitschende Knall der Winchester heran...

Als er über mich hinwegtrieb, war ich schon vom Pferd. Dass ich in dem Moment, als Baxter schoss, das Tier antrieb, hatte mir wohl das Leben gerettet. Blacky hinter mir herzerrend verschwand ich zwischen einigen Felsen.

Die Detonation verhallte in vielfachen Echos. Lastende Stille folgte. Ich ließ die Leinen zu Boden fallen. Mit einem Ruck zog ich meine Winchester aus dem Scabbard. Ich hängte meinen Stetson an das Sattelhorn, tätschelte meinem treuen Vierbeiner den Hals, dann erklomm ich den Felsen. Der Stein war heiß. Er strahlte Hitze ab. Bald lief mir der Schweiß in Bächen über das Gesicht und vermischte sich mit dem Staub. Das Hemd klebte mir am Leib wie eine zweite Haut.

Ich war oben. Auf dem Bauch kroch ich vor bis zum steilen Abbruch des Felsens. Es ging 15 Yards fast senkrecht in die Tiefe. Ich starrte in die Richtung, aus der die Kugel geflogen kam. Da war nichts zu erkennen.

Die Sonne stand links von mir, im Westen also. Die Schatten waren lang. Ich ließ den Blick aus meinen entzündeten Augen in die Runde schweifen. Totes Land umgab mich; Felsen, Staub, Geröllhänge, Dornengestrüpp... Die Hitze füllte beim Atmen die Lungen wie mit Feuer.

Ich blieb geschlagene zehn Minuten liegen. Dann zog ich mich wieder zurück.

Jetzt noch durch die Senke zu reiten wäre vermessen gewesen, eine Herausforderung an das Schicksal. Also musste ich den Umweg durch Hügel und Felsen in Kauf nehmen. Ich stülpte mir den Hut auf den Kopf, versenkte das Gewehr im Sattelschuh, nahm die Leinen vom Boden auf und schwang mich in den Sattel.

Der Weg, den ich nehmen musste, führte zwischen Felswänden und Steilhängen hindurch. Die Hufe klirrten und krachten. Ich verfluchte die Geräusche. Doch ich musste sie akzeptieren. Blacky konnte eine Menge, nur fliegen konnte er nicht. Der Krach jedoch kündigte mich schon an, ehe ich zu sehen war.

Ich ritt hellwach. Meine Sinne arbeiteten mit doppelter Schärfe. Ich achtete auf die Reaktionen meines Pferdes. Jeder meiner Muskeln war angespannt. Meine Rechte lag auf dem Coltknauf. Du fühlst dich in solchen Situationen von tausend Augen beobachtet.

Manchmal konnte ich zwischen den Felsen hindurch in die Senke blicken. Feine Kristalle glitzerten im Sonnenlicht. Der sachte Wind wirbelte Staub auf und trieb ihn vor sich her. Hin und wieder hielt ich an, um zu lauschen. Nur das feine Säuseln des Windes, der um die zerklüfteten Felsgebilde strich, war zu vernehmen.

Schließlich schloss sich der Kreis aus Felsen und Hügeln. Ich befand mich am Nordrand der Senke. Ich griff mir wieder die Winchester und repetierte. Dann saß ich ab.

Der Platz, an dem Baxter mir aufgelauert hatte, mochte etwa 150 Yards entfernt sein. Ich schlich wie ein Apache. Manchmal knirschte unter meinen Sohlen der Sand. Hart an der Basis einer Felswand pirschte ich entlang.

Dann lag der Einschnitt zwischen den Felsen, in dem ich auf dem Pferd verharrte, ehe Baxter seine hinterhältige Kugel verfeuerte, mir genau gegenüber. Hier musste Baxter irgendwo gewartet haben.

Ich glitt um den Felsen herum, an dem ich stand. Das Gewehr hatte ich an der Hüfte im Anschlag. Mein Finger krümmte sich um den Abzug. Einige Felsblöcke türmten sich vor mir. Aus den Fugen und Ritzen dazwischen wucherten Comas und andere Dornengestrüppe. Ich hielt den Atem an.

Nichts geschah.

Ich war mir plötzlich sicher, dass Tom Baxter das Weite gesucht hatte. Die verbrauchte Atemluft brach aus meinen Lungen. Ich ging um die übereinander lagernden Felsblöcke herum. Ein Pferd hatte dahinter mit seinen Hufen den Sand aufgewühlt. Da lag auch ein Haufen Dung. Eine Spur führte von dem Platz weg nach Norden.

Tom Baxter behielt also die Richtung bei.

Mit grimmiger Genugtuung registrierte ich es.

Ich steckte zwei Finger zwischen die Zähne und pfiff laut. Schon bald vernahm ich die klappernden Hufe Blackys. Dann hörte ich ihn prusten, und schließlich trabte er um die Felswand herum.

Ich heftete mich wieder auf die Fährte des Mörders.

*

Calem Tyler trat aus der Tür des niedrigen Farmhauses. Die Sonne war hinter dem bizarren Horizont im Westen versunken und färbte mit ihrem Widerschein den Himmel über den Bergen glutrot. Hinter dem Farmer lag ein harter Tag.

Aus dem Schornstein des Hauses aus Balken und groben Brettern stieg Holzrauch. Kate bereitete das Abendessen. Calem richtete den Blick nach Süden. Aus dieser Richtung erwartete er Fred, seinen Sohn. Fred bestellte dort unten eines der Felder.

Aus dem Stall erklang das Muhen einer Milchkuh. Zwischen Stall und Scheune tummelten sich einige Schafe in einem Pferch. Hin und wieder blökte eines der Tiere. Hühner badeten im Staub des Farmhofes.

Calem Tyler hatte sich auf den Anbau von Weizen spezialisiert. Seit drei Jahren lebten er und seine Familie hier am Red River. Seit drei Jahren gab es Probleme mit der Green Belt Ranch.

In den vergangenen Wochen hatte sich der Terror verstärkt. Die Kaufangebote der Green Belt hatte Tyler ausgeschlagen. Die Quittung waren massive Drohungen. Dann zerschnitt man seinen Zaun und trieb Herefords über seine Weizenfelder...

Calem schritt zum Brunnen in der Hofmitte. Sein Oberkörper war nackt. Der 56-jährige wirkte sehnig, zäh und hager. Der Widerschein der Sonne legte einen rötlichen Schimmer auf seine grauen Haare. Über Calems Schulter hing ein grünes Handtuch. In der Linken hielt er ein Stück Kernseife. Er hievte einen Eimer voll Wasser aus der Tiefe. Die Winde quietschte und knarrte.

Calem Tyler wusch sich. Immer wieder richtete er seinen Blick nach Süden. Endlich sah er in der Ferne Fred auftauchen. Fred saß auf dem Bock eines Ranchwagens, den ein Ochse zog. Calem atmete auf. Er lebte seit den zunehmenden Übergriffen in ständiger Sorge.

Bald waren das Knallen der Peitsche und das Rumpeln des Fuhrwerks zu hören.

Calem trocknete sich ab.

Aus dem Haus kam Kate, eine 50-jährige, vorzeitig gealterte und verhärmt wirkende Frau mit herbem Gesichtsausdruck. Sie trug eine Schwinge voll Hühnerfutter. Kate ging damit in den Stall, in dem ein Verschlag für die Hühner abgeteilt war.

Die Geräusche des Gespanns, das Fred Tyler lenkte, wurden deutlicher. Calem warf sich das Handtuch wieder über die Schulter und strich sich mit den Händen durch die feuchten Haare.

Von Osten her schob sich grau und diesig die Abenddämmerung heran. Die Schatten waren verblasst. Im Nordwesten wurde das intensive Rot von einem schwefligen Gelb abgelöst. Die Ränder einiger Wolken, die vor dieser Kulisse trieben, schienen zu glühen.

Plötzlich erklang von Osten her dumpfes Rumoren. Im ersten Augenblick erinnerte es an fernes Donnergrollen. Calem drehte sein Ohr in die Richtung, aus der es heranwehte.

Sein Gesicht verschloss sich. Seine Stirn legte sich in sorgenvolle Falten.

Es war kein Gewitter, das sich weit entfernt zusammenbraute.

Es war brandender Hufschlag, der zwischen die Gebäude sickerte.

In Calem kam Leben. Er winkte Fred und bedeutete ihm mit Gesten, sich zu beeilen. Dann schrie er: "Kate, es nähern sich Reiter. Geh ins Haus." Mit seinem letzten Wort setzte der Farmer sich in Bewegung.

Kate trat aus dem Stall. Sie hatte die Schwinge zurückgelassen. In ihren Augen flackerte es. Ihr Herz pochte erregt.

"Ich weiß nicht, ob wir bösen Besuch kriegen, Kate", rief Calem. "Also lass dich nicht sehen, wenn sie aufkreuzen."

"Es sind die Schufte von der Green Belt", murmelte sie lahm. "Ich weiß es. Sie lassen nicht locker, bis sie uns aus dem Land getrieben haben."

Kate ging ins Haus. Calem folgte ihr und nahm sein Gewehr. Seine Lippen waren zusammengepresst, als er durchlud. Das kalte, metallische Schnappen erfüllte für die Spanne zweier Herzschläge den spartanisch eingerichteten Raum.

Fred Tyler lenkte das Ochsengespann in den Farmhof. Er fuhr bis vor den Stall und sprang auf den Boden. Er sah seinen Vater unter der Tür erscheinen. Calem hielt das Gewehr schräg vor seiner Brust. Er rief grollend: "Wir kriegen Besuch, Fred. Wahrscheinlich die Sattelstrolche von der Green Belt..."

Fred beeilte sich. Er spannte den Ochsen aus und führte ihn in den Stall. Als er zum Farmhaus lief, um sich sein Gewehr zu holen, zeichnete Rastlosigkeit sein Gesicht. Deutlich schlug das Hufgetrappel jetzt heran.

Calem und sein Sohn postierten sich an zwei der glaslosen Fenster. Um sie zu verschließen waren hölzerne Blendläden angebracht. Anspannung prägte die Mienen der beiden Männer. Unsicherheit und Beklemmung griffen nach ihnen. Der Hufschlag trieb heran wie ein Vorbote und Unheil und Gewalt.

Grau wob die Abenddämmerung zwischen den Gebäuden. Die Natur hatte ihre Farben verloren. Es war noch immer sehr heiß. Kein Windhauch regte sich. Zu Beklemmung und Unsicherheit gesellte sich die Angst.

Dann tauchte die Reiterschar auf. Sie jagte über eine Bodenwelle hinweg. Es waren sechs Kerle, die ihre Pferde in die Senke lenkten, in der Calem, seine Frau und Fred die Farm errichtet hatten. Hinter den ärmlichen Gebäuden reckten sich die alten Flusspappeln zum Himmel.

Es war ein wilder Haufen. Noch waren die Gesichter nicht auszumachen. Der Reitwind bog die Krempen der Stetsons vorne steil in die Höhe.

Die Leute im Farmhaus gaben sich keinen Illusionen hin. Die Green Belt schickte nur die hart gesottensten, mitleidlosesten Kerle, wenn es einen rauen Job zu erledigen galt – Kerle, denen der Colt höllisch locker saß und deren Sprache die der Revolver und der Fäuste war.

Die Reiter zerrten an den Zügeln und zwangen die Tiere in eine langsamere Gangart. Eines der Tiere wieherte, weil ihm die Gebissstange hart ins Maul schnitt. Der Pulk kam zwischen zwei Schuppen hindurch in den Farmhof. Die Hufe rissen kleine Staubwolken in die Abendluft. Am Rand des Hofes parierten die Reiter die Pferde. Mit hartem Schenkeldruck bannten sie die Tiere auf den Platz. Das Pochen erstarb. Nur noch das Klirren der Gebissketten und das Knarren von Sattelleder durchbrach die Lautlosigkeit.

Harte und kalte Blick waren auf das Farmhaus gerichtet.

Fred Tyler knirschte: "Es ist Amos Lawton mit seinen Raureitern. Gütiger Gott. Die Green Belt macht ernst."

Grimmig nickte Calem. Seine schweißnassen Hände hatten sich regelrecht am Gewehr festgesaugt. In seinem Gemüt wühlte die Furcht. Das Rudel vermittelte einen erschreckenden Eindruck von Wucht und Stärke, von Unerbittlichkeit und kompromissloser Härte. Der Anblick brachte die Nerven zum Schwingen.

Eine klirrende Stimme erklang: "Ich nehme an, dass ihr mit euren Gewehren auf uns zielt, Tyler. Sollte aber auch nur ein einziger Schuss von eurer Seite fallen, nehmen wir das Gerümpel hier auseinander."

Calem Tyler schluckte hart und trocken. "Was wollt ihr?" Die drei Worte trieben über den Hof und versanken in den übrigen Geräuschen.

"Du warst Angeboten und Worten nicht zugänglich, Schollenbrecher. Darum sind wir hier, um ein Exempel zu statuieren. Komm in den Hof. Lass aber dein Gewehr im Haus. Auch dein Sohn soll waffenlos herauskommen."

"Euch Colthaien ohne Waffe gegenüberzutreten wäre selbstmörderisch!", ließ Fred wild seine Stimme erklingen. "Verschwindet, ihr dreckigen Schufte, oder wir machen euch Beine."

"Dein Sohn ist recht heißblütig, Calem Tyler", schnarrte Amos Lawton, der das hartbeinige Rudel führte. "Du solltest ihn zur Ruhe mahnen. Außerdem sind wir nicht hier, um mit euch zu diskutieren. Ihr wisst, was ansteht. Also kommt aus dem Haus."

"Und was dann?", kam es rasselnd von Calem.

"Dann verprügeln wir euch" erschallte es kalt. "Dann hämmern wir es mit unseren Fäusten in eure dummen Köpfe, dass ihr hier am Fluss nichts verloren habt."

Fred trat in die Fensteröffnung. Er presste den Gewehrkolben hart unter seine Achsel. Die Linke hatte sich um den Schaft verkrampft. Der Zeigefinger seiner Rechten lag am Drücker. Im Gesicht des Jungen zuckten die Nerven. Seine Lippen sprangen auseinander. "Nehmt eure Gäule herum und reitet zurück auf Green Belt-Land, Lawton. Du musst verrückt sein, wenn du denkst, dass wir uns von euch mit den Fäusten zerbrechen lassen. Ich warte genau zehn Sekunden, dann fange ich an zu schießen."

"Du Narr", stieß Amos Lawton, ein indianerhafter Mann mit scharfgeschnittenen Zügen, hervor. "Du gottverdammter Narr!"

Dann zog er. Es ging blitzschnell. Das Eisen flirrte aus dem Holster, schwang hoch, im Hochschwingen spannte Lawton den Hahn. Der Schuss brüllte auf. Ein ellenlanger Feuerstrahl stieß in die Dämmerung, Pulverdampf wölkte vor Lawtons Gesicht.

Fred Tyler bekam die Kugel voll in die Brust. Ohne einen Laut von sich zu geben brach er zusammen. Er hatte nicht den Hauch einer Chance. Lawton hatte ihn total überrumpelt.

Der Schussdonner rollte auseinander. Die Green Belt-Wölfe trieben die Pferde in Deckung und sprangen ab. Als die Detonation verhallt war, befanden sie sich im Schutz der Schuppen und Scheunen.

Aber von Calem Tylers Seite fiel kein Schuss.

Der Farmer sah seinen Sohn zusammenbrechen. Eine Woge des Entsetzens überspülte seinen Verstand. Ein Zittern durchlief seine Gestalt, seine Hände öffneten sich, das Gewehr prallte auf den Boden.

Kate Tyler war schon bei ihrem Sohn. "Fred", entrang es sich ihr brüchig. Sie fiel bei ihm auf die Knie und nahm seinen Kopf in beide Hände.

Wie im Trance bewegte sich Calem Tyler. Hinter seiner Frau blieb er stehen. Er blickte hinunter in das verzerrte Gesicht Freds. Was er sah, war die absolute Leere des Todes in den blauen Augen seines Sohnes.

Ein Röcheln kämpfte sich in Calem Tylers Brust hoch und brach aus seiner pulvertrockenen Kehle.

*

Eine Gestalt verdunkelte das Fenster, unter dem Fred lag. Ein Gewehrlauf richtete sich auf Calem Tyler. Krachend flog die Tür auf. Amos Lawton betrat die Küche. In seiner Faust lag der schwere, langläufige Colt. Hinter ihm drängte der Rest der Mannschaft in den Raum.

Mit erloschenem Blick schaute Kate die Kerle an. Tränen rannen über ihre eingefallenen Wangen. Sie schluchzte, ihre Schultern erbebten.

Gewaltsam riss sich Calem Tyler vom Anblick seines toten Sohnes los. Seine Schultern waren nach vorn gesunken. Seine hohe Gestalt schien sich gekrümmt zu haben. Er blinzelte wie ein Erwachender. Seine Gedanken schienen aus weiter Ferne zurückzukehren.

"Er – ist – tot", kam es abgehackt, stoßweise über seine blutleeren Lippen.

"Er hat es herausgefordert", versetzte Lawton frostig und ohne die Spur einer Gemütsregung. "Er war drauf und dran, mit dem Gewehr auf uns das Feuer zu eröffnen. – Okay, Tyler. Es gibt nichts mehr, was dich an dieses Land bindet. Das alles hier hast du aufgebaut, um für Fred eine Existenz zu schaffen. Fred ist tot. Er braucht das Land nicht mehr. Du wirst das begreifen und mit deiner Frau verschwinden. Begrabe deinen Sohn und sei morgen, wenn wir nachsehen kommen, fort."

Calem Tyler senkte die Lider. Er verarbeitete nur langsam die erschreckend unmissverständlichen und unerbittlichen Worte des skrupellosen Schießers. Sie hallten in ihm nach. Lawton hatte eiskalt seinen Jungen getötet. Ja, das alles hier hatte er für Fred geschaffen, damit der eine Basis hatte, eine Lebensgrundlage.

Jetzt war Fred tot.

Erschossen!

Das alles drang mit Macht auf Calem Tyler ein. Und es überwältigte ihn. Völlig überraschend griff er Amos Lawton an. Es war wie ein Rausch. Er war nicht mehr Herr seiner Sinne. Er wollte diesen kaltschnäuzigen Hombre, der seinen Sohn ermordet hatte, mit den bloßen Händen erwürgen. Er traf den Revolverschwinger zweimal am Kopf, dann legten sich seine verarbeiteten, rauen Hände um den Hals des Mörders. Ehe er aber mit Kraft zudrücken konnte, schlug ihn einer der Begleiter Lawtons mit dem Gewehr nieder.

Als er am Boden lag, versetzte ihm Lawton einen Tritt gegen die Rippen. Dann grollte Lawtons Organ: "Wir kommen morgen wieder, Kate. Wenn ihr dann noch da seid, zünden wir euch das Haus über dem Kopf an, und deinen Mann kannst du neben deinem Sohn begraben. Dann hat er was er will. Er kann auf diesem Land bleiben. Allerdings einige Fuß unter der Erde."

"Ihr – ihr seid Mörder", keuchte Kate Tyler. "Man – man wird euch zur Rechenschaft ziehen. Für diesen Mord wirst du hängen, Lawton."

Der Mörder lachte eisig auf. "Wer soll mich dafür zur Rechenschaft ziehen, Kate? Dein Sohn machte Anstalten, auf mich zu schießen. Jeder dieser Männer hier wird es bezeugen. Ich habe ihn in Notwehr getötet. Kein Gericht der Welt könnte mich deswegen verurteilen."

Lawton sprach es und schritt zur Tür. Seine Raureiter folgten ihm. Sie bedachten Kate mit mitleidlosen Blicken.

Für die Farmersfrau war eine Welt zusammengestürzt. Ihr Sohn war tot. Alles hatte für sie plötzlich den Sinn verloren. Ihr ganzes Dasein war ein einziger Überlebenskampf gewesen. Etwas in ihr zerbrach...

*

Am Abend des nächsten Tages kamen Kate und Calem Tyler in Amarillo an. Amarillo war die Hauptschlagader des Panhandle, wirtschaftlicher Umschlagplatz, kultureller Mittelpunkt, Dreh- und Angelpunkt von Handel und Wandel. Von hier aus gingen die Frachtwege bis in den entlegensten Ansiedlungen des nördlichsten Teils von Texas.

In der großen Stadt hatte das 'District Court for the Northern District of Texas' seinen Sitz. Als oberster Richter war Jerome Frederick Humphrey eingesetzt.

Der Judge beschäftigte eine harte, kampferprobte und kompromisslose Mannschaft, um dem Gesetz in Nordtexas Geltung zu verschaffen. Unbeirrt und entschlossen ritten seine Männer für Recht und Ordnung. Sie waren aufrecht, geradlinig, furchtlos und unerschrocken.

Es waren U.S. Marshals.

Der Richter hörte sich geduldig an, was ihm Calem Tyler und Kate berichteten. Lediglich seine Miene verschloss sich mehr und mehr. Als Calem Tyler endete, hatten sich seine Brauen über der Nasenwurzel zusammengeschoben, seine Lippen waren nur noch ein dünner, messerrückenscharfer Strich.

Er glaubte diesen Leuten. Er fühlte mit ihnen. Ihr Sohn war erschossen worden. Ein skrupelloser Schießer hatte ihnen den Lebensinhalt genommen. Man hatte sie mit bösen Drohungen von ihrem Grund und Boden vertrieben. Sie waren eingeschüchtert, voll Angst, und der Schmerz um den Verlust des Sohnes hatte ein um das andere Mal Calem Tylers Stimme brechen lassen. Es berührte Jerome F. Humphrey bis in seinen Kern.

Aber er war Richter. Er durfte nicht vorverurteilen. Er musste beide Seiten hören, Zeugen einvernehmen, abwägen und nach seiner Überzeugung Recht sprechen, dem Gesetz und seinem Gewissen verantwortlich.

Humphrey wusste, was zu veranlassen war. Mit ruhigem Tonfall gab er zu verstehen: "Es ist tragisch, was Ihnen widerfahren ist. Es tut mir leid um Ihren Sohn." Er schwieg sekundenlang. Was er sprach, kam ihm selbst banal und abgedroschen vor. Ein Blick in die hoffnungslosen Mienen der Eheleute klärte ihn darüber auf, dass seine Worte keinen Trost zu spenden vermochten. "Ich schicke einen meiner Männer zum Red River", fuhr er schließlich fort. "Er wird die Angelegenheit untersuchen und die nötigen Schritte einleiten. Hat Lawton Ihren Sohn kaltblütig ermordet, wird er vor Gericht gestellt und verurteilt."

"Er hat ihn ermordet", kam es lahm von Kate.

Als die beiden fort waren, rief Humphrey seinen Sekretär. "Schicken Sie mir Joe Hawk", forderte er.

Der Mann nickte und beeilte sich.

Joe Hawk war ein großer, dunkelblonder Mann mit offenem Gesicht und stahlblauen Augen. Er wirkte sehnig, biegsam und sehr geschmeidig. Seine Schultern waren breit. Gekleidet war Joe wie ein Cowboy. An seinem rechten Oberschenkel hing der langläufige, schwere 45er. Der Griff war aus dem Holz des Walnussbaumes gefertigt, ohne irgendwelche Schnörkel, und ziemlich abgegriffen. Matt schimmerten die Böden der Patronenhülsen in den Schlaufen des schwarzen Gurts aus Büffelleder.

Humphrey klärte ihn in der ihm eigenen sachlichen und prägnanten Form auf.

Joe Hawk hörte aufmerksam zu. "Amos Lawton", murmelte er schließlich. "Von dem hörte ich schon. Soll ein ziemlich hart gesottener Hombre sein."

Der Richter setzte sich aufrecht. "Bei ihm waren fünf weitere Reiter der Green Belt Ranch..." Der Richter nannte die Namen. "Reiten Sie zum Red River, Joe. Es stinkt zum Himmel. Klären Sie die Umstände auf, die zum Tod Fred Tylers führten. Und sollten Sie zu dem Ergebnis kommen, dass der Junge kaltblütig erschossen wurde, bringen Sie mir Lawton."

"Die Übergriffe von Seiten der Panhandle Cattle Company auf die Siedler, Farmer und Kleinrancher werden immer dreister, Sir", meinte Joe Hawk. "Anfangs waren es nur Drohungen, dann wurden Zäune zerschnitten und Rinder über die Felder und Äcker gejagt. Nun scheint es ganz so, dass die Betriebe der PCC anfangen, die anfänglich geäußerten Drohungen auf blutige Weise in die Tat umzusetzen."

"Da seien Gott und wir vor, Joe. Es ist hier wie überall das alte, leidige Thema. Viehzüchter gegen Farmer, Alteingesessene gegen Neusiedler. Wir müssen diesen Auswüchsen mit aller Entschiedenheit und der gebotenen Härte gegenübertreten."

Joe Hawk verabschiedete sich.

Lange blickte der Richter auf die Tür, durch die Joe gegangen war. Joe Hawk war ein hervorragender Marshal. Humphrey mochte ihn. Und wenn er ihn in einer gefährlichen Mission losschicken musste, sorgte er sich. Das galt für jeden der Männer, die für ihn den Stern trugen. So mancher war schon nicht mehr zurückgekehrt.

Der Ritt zum Red River war eine gefährliche Mission. Die Ranchverwalter der PCC wollten Siedler und Farmer aus dem Land vertreiben. Sie heuerten für die schmutzige Arbeit Kerle an, die für eine Handvoll Dollar die Seele ihrer Mutter dem Satan verkauften - Kerle, die tödlicher waren als die Pest im Mittelalter.

Am folgenden Morgen sattelte und zäumte Joe Hawk seinen Braunen. Die meisten der U.S. Marshals, die in Amarillo stationiert waren, wohnten in einer Gemeinschaftsunterkunft hinter dem Court House. Ein Stall für ihre Pferde war angebaut. Es gab auch einen großen Corral, in dem die Tiere weiden konnten.

Das Pferd war reitfertig. Joe ging in seine Unterkunft und holte sein Gewehr und seine Satteltaschen.

Joe Hawk verließ nicht sofort die Stadt. Er suchte erst Calem und Kate Tyler in ihrem Quartier auf und stellte ihnen eine Reihe von Fragen. Ehe er das Paar verließ, erfuhr er von Calem Tyler, dass der Farmer und seine Frau sich entschlossen hatten, das Land nicht zu verlassen. Sie wollten sich jedoch erst wieder auf ihren Grund und Boden wagen, wenn die Green Belt Ranch in ihre Schranken verwiesen worden war.

*

Der Braune trug Joe aus der Stadt. Er ritt auf der Überlandstraße nach Südosten. Stunde um Stunde zog er unter der glühenden Sonne dahin. Vor ihm erstreckte sich die Savanne. Das Gras war braunverbrannt. Das Blickfeld wurde von Hügeln und Felsen eingegrenzt. Die Hitze ließ die Luft flirren und die Konturen verschwimmen. Joe schonte das Pferd. Bei dem Ort Goodnight verließ er die breite Straße und wandte sich nach Osten. Er ritt auf Green Belt-Weide. Immer wieder kreuzten Rudel von Rindern mit dem GB-Brand seinen Weg.

Die Green Belt war eine der Hauptranches der 'Panhandle Cattle Company'. Sitz der Gesellschaft war in Chicago. Eine Gruppe reicher Männer hatte von der U.S.-Regierung nahezu das gesamte Regierungsland im Panhandle aufgekauft. Die Hauptranches der PCC waren kleine Fürstentümer. Die Verwalter der Ranches waren unumschränkte, selbstherrliche Regenten. Rechenschaft waren sie nur den großen Bossen, die irgendwo im Osten und zum Teil sogar im Ausland lebten, schuldig. Sie waren die Großen und Mächtigen im Land. Ganze Städte nannte die PCC ihr Eigen. Die Bewohner lebten im Schatten der Ranches.

Es gab insgesamt zehn Hauptranches, daneben 19 untergeordnete Ranches, zig Außenwerke sowie unzählige Linien- und Weidecamps.

Es war ein Imperium.

Gegen Mittag erreichte Joe den Salt Fork Red River. Er tränkte sein Pferd, wusch sich das Gesicht, aß etwas Dörrfleisch und Brot und trank dazu Wasser. Bald ging es weiter.

Einmal sah er in der Ferne einige Weidereiter. Sie stoben auf ihren Pferden nach Süden und verschwanden zwischen den Anhöhen.

Schließlich lagen die Gebäude der Green Belt Ranch vor Joes Blick.

Es war eine kleine Stadt.

Das protzige Haupthaus nahm sich zwischen Mannschaftsunterkünften, Wohn- und Wirtschaftsgebäuden, Schuppen, Scheunen und Stallungen aus wie ein fürstliches Schloss. In vier riesigen Corrals tummelten sich wohl an die 200 Pferde. In der Remise standen ein Dutzend Schlutter-Wagen und zwei Buggys. Aus der Esse der Schmiede stieg dunkler Rauch. Hammerschläge klirrten rhythmisch. In einem kleinen Corral wurden Pferde eingeritten. Eine Wand aus Staub hatte sich dort aufgebaut.

Die Ranch lag in einer weitläufigen Senke. Im Hintergrund floss der Red River. Das Windrad auf dem hohen Turm beim Brunnen drehte sich langsam. Helps waren bei der Arbeit.

Joe verhielt auf der Kuppe eines Hügels. Eine Weile starrte er auf das Bild hinunter, das sich ihm bot. Hier vermutete man nur Frieden, Ruhe und Beschaulichkeit.

Unter der Oberfläche aber gärte das Böse.

Das wusste Joe nur zu gut. Er seufzte. Vor ihm lag ein harter Job. Der Stern an seiner linken Brustseite wog wieder einmal tonnenschwer.

Er trieb das Pferd an. Eine Viertelstunde später verhielt er im Ranchhof. Er saß ab und warf die Leine lose über den Hitchrack. Joe erregte Aufmerksamkeit. Einige der Helps hielten in ihrer Arbeit inne und beobachteten ihn.

Joe wandte sich einem der Männer zu und rief: "Ich suche Amos Lawton. Kannst du mir sagen, wo ich Lawton finde?"

Der Bursche wies auf eine der Mannschaftsunterkünfte. "Ich sah ihn vorhin da hineingehen." Mit seinem letzten Wort setzte er sich in Bewegung, als wollte er weitere Fragen in sich vermeiden.

Da wurde schon die Tür des Bunkhouses aufgezogen. Amos Lawton trat ins Freie. Zwei Kerle folgten ihm. Ein hämisches Grinsen umspielte Lawtons Lippen. Seine Begleiter musterten Joe stumm und mit kalter Härte. Der Stern an Joes Brust war ihnen nicht entgangen. Sicher ahnten sie, was den Gesetzesmann auf die Ranch geführt hatte. Sie hatten für Männer des Gesetzes nichts übrig.

"Aaah", rief Lawton, "einer der glorreichen U.S. Marshals. Was führt Sie her, Marshal?"

Lässig schlenderten die drei Kerle näher. Leise und melodisch klirrten ihre Sporen.

"Sind Sie Amos Lawton?", fragte Joe knapp.

Die drei hielten vier Schritte vor ihm an.

"Yeah", dehnte Lawton.

"Gut. Gegen Sie liegt eine Anzeige vor. Es geht um Landfriedensbruch und Mord, Lawton. Sie..."

"Wen soll ich denn ermordet haben?" Lawton verschränkte die Arme vor der Brust. Sein hämisches Grinsen war zerronnen.

"Fred Tyler", stieß Joe hervor. Die beiden Worte fielen wie Hammerschläge.

"Wieso Mord? Ich habe ihn in Notwehr getötet. Wir folgten der Spur einiger Rinder. Sie führte zur Tyler-Farm. Als wir Fragen stellen wollten, traten uns der Alte und sein Sohn mit den Gewehren gegenüber. Fred Tyler legte auf mich an." Lawton schob das Kinn nach vorn. "Sollte ich mich etwa von ihm erschießen lassen?"

"Die Umstände seines Todes aufzuklären ist mein Job, Lawton. Ich muss Sie mit nach Amarillo nehmen. Sollte sich Ihre Version von der Schießerei bestätigen, sind Sie in ein paar Tagen wieder ein freier Mann. Sollte Calem Tylers Version die zutreffende sein, wird man Sie wegen Mordes vor Gericht stellen."

"Ich bin also verhaftet?", schnappte Amos Lawton. Seine Arme fielen aus der Verschränkung. Die Rechte hing locker hinter dem Coltknauf.

Auch seine Begleiter nahmen eine lauernde Haltung ein.

"Ja." Joe nickte. "Ich hoffe, Sie kommen freiwillig mit, Lawton. Andernfalls..."

Amos Lawton schnitt ihm schroff das Wort ab. Er fauchte: "Niemals, Marshal. Fünf Männer, die dabei waren, können bezeugen, dass Fred Tyler das Gewehr auf mich richtete und dass er im Begriff war, auf mich zu schießen. Wir hatten nur vor, einige Fragen wegen der Rinder zu stellen, deren Spur zur Tyler-Farm führte. Wir kamen in friedlicher Absicht."

"Sicher. Und weil Sie in Frieden kamen, drohten Sie Kate Tyler, dass sie ihren Mann neben ihrem Sohn beerdigen könne, wenn ihr die beiden am folgenden Tag noch auf der Farm antrefft." Joes Worte waren an bitterem Sarkasmus kaum zu überbieten. "Erzählen Sie von Ihrer Friedfertigkeit der Jury und dem Richter, Lawton. Jetzt sollten Sie sich ein Pferd satteln, um mich nach Amarillo zu begleiten."

Joes Stimme hatte einen stahlharten Klang angenommen. Sie duldete keinen Widerspruch. Sein zwingender Blick hatte sich an Lawtons Zügen festgesaugt. Auch seine rechte Hand hing locker neben dem Knauf des schweren Coltrevolvers. Von ihm ging die kalte Bereitschaft aus, hier seinen Willen durchzusetzen.

"Was ist hier los?", erklang es plötzlich hinter Joe scharf, schnarrend und befehlsgewohnt.

Die drei Kerle vor Joe entspannten sich. Joe drehte den Kopf halb herum. Er sah einen großen Mann um die 40 schräg über den Ranchhof kommen. Er trug eine schwarze Hose und ein blaues Hemd. Und er war waffenlos.

Joe kannte ihn.

Es war Pat Tatum, nach Charles McLeod der zweite Mann auf der Green Belt Ranch. Pat Tatum war ein unduldsamer, unbeugsamer und unerbittlicher Bursche. Ehe er auf der Green Belt Karriere machte, jagte er lassoschwingend hinter Kuhschwänzen her.

"Ich habe Amos Lawton verhaftet", erklärte Joe unbeeindruckt. "Und ich werde ihn mit nach Amarillo nehmen, wo er vor Gericht gestellt wird."

Details

Seiten
900
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903157
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321232
Schlagworte
sieben western

Autoren

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Titel: Sieben glorreiche Western #13