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Der Kampf der Asen

2016 176 Seiten

Leseprobe

Der Kampf der Asen

Erzählungen von Robert E. Howard

ROBERT E. HOWARD x 5

In diesem Band stellen wir weitere berühmte Sword-and-Sorcery-Stories des Conan-Autors vor. Es sind:

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Der große Treck

(Der Kampf der Äsen)

Das Tal des Höllenwurms

(Niords letzte Tat)

Der Donnerreiter

(Eine Seele erinnert sich)

Zwei gegen Tyrus

(In der Stadt der Götzendiener)

Das Volk der Finsternis

(Flucht in die Höhlen der Ungeheuer)

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Aus dem Amerikanischen

von Lore Straßl

Cover by Ruslan Sontsev/123RF und Steve Mayer, 2016

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Dieses Buch enthält folgende Erzählungen:

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Der große Treck

(MARCHERS OF VALHALLA)

Das Tal des Höllenwurms

(THE VALLEY OF THE WORM)

Der Donnerreiter

(THE THUNDER-RIDER)

Zwei gegen Tyrus

(TWO AGAINST TYRE)

Das Volk der Finsternis

(PEOPLE OF THE DARK)

DER GROSSE TRECK

Der Himmel war düster, fahl und abstoßend, wie das Blaugrau trüben Stahls, durchzogen von stumpfroten Streifen. Gegen dieses verwischte Graurot hoben sich die niedrigen Hügel ab, die die Kuppen jenes kahlen Hochlands sind, eine trostlose weite von Sand und Eichendickichten, hie und da von mageren Feldern unterbrochen, auf denen Bauern sich ihr ganzes armseliges, eintöniges Leben in fruchtloser Arbeit plagen.

Ich war zu einem Kamm hochgehinkt, der ein wenig aus den anderen herausragte und auf zwei Seiten von Eichendickichten bedeckt war. Die trostlose Eintönigkeit und grimmige Öde der Gegend ringsum ließ meine Seele weinen. Müde setzte ich mich auf einen morschen Stamm, und die qualvolle Melancholie dieses farblosen, unfruchtbaren Landes lastete schwer auf mir. Die rote Sonne, verschleiert von fliegendem Staub und feinen Wolkenschwaden, senkte sich tiefer und hing nun eine Handbreit über dem westlichen Horizont. Aber ihr Untergang verlieh weder dem ruhelosen Sand noch dem kahlen Boden Farbe. Ihr düsteres Glühen betonte lediglich die unerträgliche Trostlosigkeit.

Plötzlich spürte ich, daß ich nicht allein war. Eine Frau war von hinter dem Dickicht gekommen und blickte auf mich herab. Ich schaute sie in schweigendem Staunen an. Schönheit war so selten in meinem Leben, daß ich kaum in der Lage war, sie zu erkennen, und doch wußte ich, daß diese Frau von unbeschreiblicher Schönheit war. Sie war weder groß noch klein, sie war schlank und doch sanft gerundet. Ich erinnere mich nicht an ihr Gewand, aber irgendwie blieb der vage Eindruck, daß sie prächtig gekleidet war, ohne daß es übertrieben wirkte. Ganz genau erinnere ich mich allerdings der ungewöhnlichen Schönheit ihres Gesichts. Ihre Augen zogen meine an wie ein Magnet. Ich kann euch die Farbe dieser Augen nicht sagen. Sie waren dunkel und leuchtend, ja sie strahlten in einem Licht, wie es mir noch nie zuvor an Augen aufgefallen war. Sie sprach, und ihre Stimme und ihr seltsamer Akzent drangen wohlklingend wie ferne Glöckchen an meine Ohren.

„Weshalb grämt Ihr Euch, Hialmar?”

„Sie verwechseln mich, Miß”, sagte ich. „Ich heiße James Allison. Haben Sie jemand anderen zu treffen gehofft?”

Sie schüttelte leicht den Kopf.

„Ich kam hierher, um mich noch einmal hier umzusehen. Ich hatte nicht damit gerechnet, Euch hier zu finden.”

„Ich verstehe Sie nicht”, murmelte ich. „Ich habe Sie noch nie gesehen. Sind Sie in dieser Gegend zu Hause? Sie sprechen nicht wie eine Texanerin.”

Wieder schüttelte sie den Kopf.

„Nein, doch kannte ich dieses Land vor langer, langer Zeit.”

„Übermäßig alt sehen Sie nicht aus”, rutschte es mir heraus. „Verzeihen Sie bitte, wenn ich nicht aufstehe. Aber wie Sie sehen, habe ich nur ein Bein, und es war ein langer und mühsamer Weg für mich hier herauf, so daß ich nun gezwungen bin, sitzen zu bleiben und mich auszuruhen.”

„Das Leben hat Euch hart mitgespielt”, sagte sie sanft. „Ich habe Euch kaum wiedererkannt. Euer Äußeres hat sich so sehr verändert ... ”

„Sie müssen mich gekannt haben, ehe ich mein Bein verlor”, brummte ich bitter. „Aber ich könnte schwören, daß ich Sie nie zuvor gesehen habe. Ich war erst vierzehn, als ein Mustang auf mich fiel und mein Bein zerschmetterte, daß es amputiert werden mußte. Ich wünschte, bei Gott, es wäre mein Hals gewesen.”

So sprechen Krüppel zu völlig Fremden – nicht so sehr, um Mitleid zu erwecken, sondern um den Verzweiflungsschrei einer Seele auszustößen, die über alles ertragbare Maß gepeinigt ist.

„Nehmt es nicht so schwer”, tröstete sie sanft. „Das Leben nimmt, doch es gibt auch ... ”

„Lassen Sie mich mit Ihren großen Sprüchen über Entsagung und Frohsinn zufrieden”, rief ich heftig. „Wenn ich die Kraft dazu hätte, würde ich jeden verdammten prahlerischen Optimisten auf der Welt höchstpersönlich erwürgen! Welchen Grund hätte ich wohl, fröhlich zu sein? Was bleibt mir noch, als stillzuhalten und auf den Tod zu warten, der durch eine unheilbare Krankheit langsam, aber unaufhaltsam auf mich zuschleicht? Ich habe keine aufheiternden Erinnerungen – keine Zukunft, auf die ich mich freuen könnte, nur noch ein paar Jahre mehr voll Qual und dann die Schwärze des ewigen Nichts. Nicht eine Spur Schönheit hat es in meinem Leben hier in dieser gottverlassenen und trostlosen Wildnis gegeben.”

Die Dämme meiner Verschlossenheit waren geborsten, und meine bitteren Träume, viel zu lange aufgestaut, strömten hervor. Und es war nun wie selbstverständlich, daß ich einer fremden Frau, die ich nie zuvor gesehen hatte, mein Herz ausschüttete.

„Das Land hat Erinnerungen”, sagte sie.

„Ja, aber ich habe keinen Anteil an ihnen. Ich hätte das Leben lieben und es als Cowboy hier voll auskosten können, ehe die Kleinbauern das offene Weideland in winzige Felder aufteilten. Als Büffeljäger hätte ich es ebenfalls voll auskosten können, oder im Kampf gegen die Indianer, oder als Forscher – ja sogar hier wäre es möglich gewesen. Aber ich bin in der falschen Zeit geboren, und selbst die einfachsten Freuden an Arbeit und Kampf in diesen trostlosen Tagen wurden mir verwehrt.

Es ist über alle Maßen bitter, hilflos und gekettet zu sein, wenn man spürt, wie das heiße Blut einem in den Adern vertrocknet und die glitzernden Träume ihre Farbe verlieren. Ich entstamme einer ruhelosen Rasse von Kämpfern. Mein Urgroßvater fiel in Alamo, Schulter an Schulter mit David Crockett. Mein Großvater ritt mit Jack Hayes und Bigfoot Wallace und fand mit den drei Vierteln von Hoods Brigade den Tod. Mein ältester Bruder, der mit den Kanadiern kämpfte, ließ am Vimy Ridge sein Leben, und meinen jüngeren traf in den Argonnen eine Kugel. Mein Vater ist ein Krüppel wie ich. Er sitzt den ganzen Tag in seinem Schaukelstuhl und träumt vor sich hin. Aber seine Träume sind zumindest voll von tapferen Erinnerungen, denn der Schuß, der sein Bein lahmte, traf ihn, als er den San Juan Hill stürmte.

Aber wovon kann ich träumen, woran denken?”

„Ihr solltet Euch erinnern”, sagte sie sanft. „Selbst jetzt, in diesem Augenblick, müßten die Träume wie Echos ferner Laute zu Euch kommen. Ich erinnere mich! Wie ich auf den Knien zu Euch kroch und Ihr mich verschont habt! Ja, und an das Krachen und Donnern, als das Land nachgab. Träumt Ihr denn nie vom Ertrinken?”

Ich zuckte zusammen.

„Wie können Sie das wissen? Immer und immer wieder spüre ich das wallende, brodelnde Wasser sich wie ein grüner Berg über mich schieben, und dann erwache ich würgend und nach Luft ringend. Wie können Sie das wissen?”

„Die Körper wechseln, die Seele schlummert unberührt”, antwortete sie rätselhaft. „Selbst die Welt verändert sich. Das hier ist ein trostloses Land, sagt Ihr, doch seine Erinnerungen sind alt und wundersam und reichen weit über die Ägyptens zurück.”

Ich schüttelte verwirrt den Kopf.

„Entweder sind Sie verrückt oder ich bin es. Texas hat natürlich seine ruhmvollen Erinnerungen an Krieg und Eroberung und dramatische Geschehnisse – aber was sind diese paar hundert Jahre seiner Geschichte verglichen mit der Vergangenheit Ägyptens – allein vom Alter her betrachtet?”

„Was sind die Eigenarten eines Staates als Ganzes?” fragte sie.

„Ich verstehe nicht recht, was Sie meinen”, erwiderte ich. „Denken Sie dabei an die Geologie, dann ist die Eigenart dieses Landes, die mir ins Auge springt, die Tatsache, daß es nicht mehr als eine Reihe weiter Hochebenen und Felsen ist, die sich vom Meer dreizehnhundert Meter wie die Stufen einer gigantischen Treppe auftürmen, mit ein paar bewaldeten Hügeln dazwischen. Der letzte davon ist Caprock, und danach beginnen die Great Plains.”

„Einst reichten die Great Plains bis zum Golf”, sagte sie. „Vor langer, langer Zeit war das Gebiet, das nun der Staat Texas ist, eine riesige Hochebene, die sanft zur Küste abfiel, doch ohne die Felsschroffen und Hügel dazwischen. Ein gewaltiger Kataklysmus trennte das Land beim Caprock ab, das Meer brauste darüber, und der Caprock wurde die neue Küste. Dann nach und nach zog sich das Wasser zurück und hinterließ die Steppen, wie wir sie jetzt kennen. Aber bei seinem Rückzug schwemmte es viel Ungewöhnliches in die Tiefe des Golfes. Erinnert Ihr Euch denn nicht der gewaltigen Ebenen, die sich vom Sonnenuntergang bis zu den Klippen der glitzernden See ausbreiteten? Und der großen Stadt, die über jene Klippen in den Himmel ragte?”

Ich starrte sie verwirrt an. Plötzlich beugte sie sich zu mir herab. Der Zauber ihrer fremdartigen Schönheit überwältigte mich fast. In meinem Kopf drehte es sich. Mit einer eigentümlichen Gebärde fuhr sie mir über die Augen.

„Ihr werdet sehen!” rief sie laut. „Ihr seht – was seht Ihr?”

„Ich sehe den Sand und das Dickicht düster im Licht der letzten Sonnenstrahlen”, antwortete ich, als spräche ich in Trance. „Ich sehe die Sonne am westlichen Horizont untergehen.”

„Ihr seht gewaltige Weiten sich bis zu den leuchtenden Klippen erstrecken!” rief sie. „Ihr seht die Türme und die goldene Kuppel der Stadt im Sonnenuntergang funkeln! Ihr seht ... ”

Als hätte sich plötzlich die Nacht herabgesenkt, hüllte mich undurchdringliche Schwärze ein und Unwirklichkeit, in der es nur noch ihre eindringliche, befehlende Stimme gab ...

Ich empfand das unheimliche Gefühl, durch Raum und Zeit gerissen zu werden – kosmische Winde wirbelten mich über grundlose Klüfte –, und dann erblickte ich wachsende Wolken, unwirklich leuchtend, die sich zu einer seltsamen Landschaft formten, vertraut und doch auf phantastische Weise fremdartig. Weite baumlose Ebenen erstreckten sich bis zum verschwommenen Horizont. In der Ferne, im Süden, hob eine gigantische schwarze Stadt ihre Türme in den Abendhimmel, und jenseits glitzerte das sanfte Blau einer ruhigen See. Nicht allzu weit entfernt bewegten sich Reihen von Gestalten durch die stille Weite. Große Männer waren es, mit gelbem Haar und kalten, blauen Augen, in Kettenhemden und gehörnten Helmen gekleidet. Sie trugen Schilde und Schwerter.

Einer unterschied sich von den anderen. Er war kleiner, aber von kräftiger Statur, und dunkel. Ein hochgewachsener, gelbhaariger Krieger schritt neben ihm – und einen flüchtigen Moment hatte ich das unheimliche Gefühl, in zwei Persönlichkeiten gespalten zu sein. Ich, James Allison aus dem zwanzigsten Jahrhundert, sah und erkannte diesen Mann, der ich in jener fernen Zeit und diesem fremdartigen Land gewesen war. Dieses Gefühl schwand jedoch schnell, und plötzlich war ich nur noch Hialmar, Sohn der Goldhaarigen, ohne etwas von einem anderen Ich, ob in Vergangenheit oder Zukunft, zu wissen.

Doch wenn ich jetzt Hialmars Geschichte erzähle, muß ich zwangsweise, was er sah und tat, nicht in seinen, sondern in den Worten meines modernen Ichs berichten. Ihr werdet bald erkennen, weshalb das notwendig ist. Denkt daran, daß Hialmar Hialmar und nicht James Allison war, daß er nicht mehr und nicht weniger wußte, als seine eigenen Erfahrungen und sein beschränktes Leben ihn gelehrt hatten. Ich bin James Allison und war Hialmar, aber Hialmar war nicht James Allison. Ein Mensch kann Tausende von Jahren zurückschauen, aber kein Blick auch nur eine Sekunde in die Zukunft ist ihm vergönnt.

Wir waren unser fünfhundert, und unser ganzes Interesse galt den schwarzen Türmen, die sich gegen das Blau der See und des Himmels abhoben. Den ganzen Tag, seit der erste Schein der aufgehenden Sonne sie uns enthüllte, hatten wir auf sie zu gehalten. Über diese flache, grasige Ebene konnte man sehr weit sehen. Zuerst hatten wir die Stadt für näher gehalten, aber dann waren wir den ganzen Tag marschiert, und immer noch befand sie sich Meilen entfernt.

Insgeheim hatten wir befürchtet, es könnte sich um eine Geisterstadt handeln – eine der Erscheinungen, wie sie uns auf unserem schier endlosen Marsch über die unbarmherzigen, staubigen Wüsten im Westen gequält hatten. Am brennenden Horizont hatten sich uns stille, von Palmen umgebene Seen gezeigt und friedlich dahinschlängelnde Flüße und Bäche und große Städte – und sie alle hatten sich beim Näherkommen in Nichts aufgelöst. Doch dies hier war keine Spiegelung. Ganz deutlich sahen wir gegen den klaren Abendhimmel die Silhouetten trutziger Türme, mächtiger Säulen, stolzer Zinnen und einer gewaltigen Mauer.

In welchem Zeitalter marschierte ich, Hialmar, mit meinen Stammesbrüdern über diese Ebene zu der namenlosen Stadt? Ich kann es nicht sagen. Es ist schon so lange her, seit die hellhaarigen Menschen noch in Nordheim lebten und nicht Arier, sondern die Rothaarigen Wanen und die Goldhaarigen Asen genannt wurden. Es war noch vor der großen Wanderung meiner Rasse, bei der sie sich über die ganze Welt verbreitete. Doch kleinere Gruppen hatten sich schon damals abgesetzt und sich auf ihre eigene Wanderung begeben. Wir waren bereits viele Jahre unterwegs. Länder und Meere lagen zwischen uns und der Heimat unseres Volkes. O dieser lange, lange Treck! Keine Völkerwanderung, nicht einmal die meiner eigenen Rasse, deren Wanderungen episch sind, kam je der unseren gleich. Sie führte uns rund um die Welt – hernieder vom ewigen Schnee des Nordens in die sanfthügeligen Steppen und breiten Bergtäler, die von friedlichen, braunhäutigen Menschen bebaut wurden; weiter in die heißen Dschungel, die nach Fäulnis und Zerfall stanken und von wildem Leben überquollen; durch die Lande im Osten mit ihren primitiven Farben unter den wogenden Palmen, wo alte Völker in Städten aus behauenem Stein lebten; und wieder hoch zu Eis und Schnee und über einen zugefrorenen Meeresarm; dann hinab durch schneebedeckte Öden, wo gedrungene Tranesser furchterfüllt vor unseren Schwertern flohen; südwärts, immer weiter südlich, ging es, über hohe Berge und durch gewaltige Wälder, die so einsam und verlassen waren wie Eden, nachdem der Mensch ausgestoßen war; über glühende Wüsten und endlose Steppen, bis wir schließlich, jenseits der stillen schwarzen Stadt, wieder das Meer erblickten.

Die Menschen waren auf diesem Treck alt geworden. Ich, Hialmar, war zum Mann erwachsen. Als ich mich mit den anderen auf diese lange Wanderung aufmachte, war ich noch ein Knabe gewesen. Und jetzt war ich ein junger Mann, ein bewährter Krieger von kräftigem, hohem Wuchs, mit muskelstarken, breiten Schultern, einem sehnigen Nacken und einem eisernen Herzen.

Wir alle waren kraftvolle Männer – Riesen, nach der Vorstellung der Menschen moderner Zeit. Auf der ganzen Erde findet sich heutzutage kein Mann mehr, der auch nur so stark wäre, wie der Schwächste unter uns gewesen war. Und unsere Muskeln und Sehnen bewegten sich mit einer Schnelligkeit, die die Bewegungen des durchtrainiertesten Athleten von heute plump und langsam wirken lassen würden. Doch unsere Kraft war mehr als nur physisch. Aus einer wölfischen Rasse entsprungen und den langen Jahren der Wanderung und des Kampfes gegen Mensch und Tier und den Elementen in jeder Form ausgesetzt, hatten unsere Seelen den Geist der Wildnis aufgenommen – jene unfaßbare Kraft, die aus dem langgezogenen Heulen eines Wolfes zu hören ist; die aus dem Nordwind pfeift; die in den Strudeln und Stromschnellen ungezähmter Flüsse schlummert; die aus dem Knirschen des Schnees und dem Schlag mächtiger Adlerschwingen klingt; und die in dem brütenden Schweigen ungeheurer Weiten lauert.

Erwähnte ich bereits, daß es ein ungewöhnlicher Treck war? Es war kein Auszug eines ganzen Stammes mit Männern, Frauen und Kindern. Wir waren nur Männer – Abenteurer, denen selbst unser ruheloses, kriegerisches Volk zu zahm war. Wir hatten uns allein auf den Weg gemacht, um zu erobern, zu entdecken und immer weiter zu ziehen, nur getrieben von unserem unbändigen Drang, zu schauen, was hinter dem Horizont ist.

Anfangs waren wir mehr als tausend, jetzt nur noch fünfhundert. Die Gebeine der anderen bleichten entlang dieses weltumrundenden Trails. Viele Häuptlinge hatten uns geführt und waren gestorben. Unser jetziger Häuptling war Asgrimm, der auf dieser endlosen Wanderung alt geworden war – ein hagerer, erbitterter Kämpfer, einäugig und wie ein Wolf.

Wir kamen aus vielen Clans, aber alle waren wir von den goldhaarigen Asen, alle außer dem einen Mann neben mir. Er war Kelka, mein Blutsbruder, ein Pikte. Er hatte sich uns in den dschungelüberwucherten Bergen eines fernen Landes angeschlossen, der östlichsten Grenze der Ausbreitung seiner Rasse, wo die Trommeln unaufhörlich durch die heiße sternenfunkelnde Nacht pochten. Er war untersetzt, mit kräftigen Gliedern und so tödlich wie eine Dschungelkatze. Wir Asen waren Barbaren, aber Kelka war ein Wilder. Hinter ihm lag das unbeschreibbare Chaos des von Leben überquellenden Dschungels. Der lautlose Tritt des Tigers war sein, genau wie der eiserne Griff des Gorillas und das Feuer in den Augen des Leoparden.

Oh, wir waren eine unerbittliche Horde, die ihre Spuren in Blut und Asche in vielen Landen zurückgelassen hatte. Ich möchte nicht darüber sprechen, was an Gemetzel und Plünderungen hinter uns lag, denn ihr würdet vor Entsetzen erstarren. Ihr seid aus einem sanfteren, milderen Jahrhundert und könntet jene wilden Zeiten gar nicht verstehen, in denen ein Wolfsrudel das andere zerriß; und die Moral und Lebensweise unterschieden sich von den heutigen wie die Gedanken eines Grauwolfs sich von denen eines fetten Schoßhündchens vor dem warmen Ofen.

Diese lange Erklärung war notwendig, damit ihr euch ein Bild von jenen Männern machen könnt, die über die weite Ebene auf die Stadt marschierten, und damit ihr solcherart vielleicht versteht, was später kam. Ohne dieses, euer Verständnis wäre die ganze Saga Hialmars ein schreiendes Chaos, ungereimt und ohne Sinn.

Die große Stadt erregte keine Ehrfurcht in uns. In anderen Ländern jenseits des Meeres hatten wir ähnliche Städte verwüstet. Doch viele Schlachten hatten uns gelehrt, Kämpfe mit überlegenen Gegnern zu vermeiden, wenn es möglich war. Aber Angst kannten wir keine. Wir waren zum Krieg genauso bereit wie zu Festen der Freundschaft, je nachdem, was die Bewohner der Stadt vorzogen.

Sie hatten uns bereits bemerkt. Wir waren nun nahe genug, um ihre Obstgärten, Felder und Weinberge außerhalb der Stadtmauer zu erkennen und auch jene, die dort gearbeitet hatten und nun hastig zur Stadt zurückeilten. Wir sahen das Funkeln von Speeren auf der Brustwehr und hörten das schnelle Pochen der Kriegstrommeln.

„Es wird zum Kampf kommen, Bruder”, sagte Kelka mit seiner gutturalen Stimme und schlüpfte mit dem Arm fester durch die Riemen seines Rundschilds. Wir griffen nach den Waffen in unseren Gürteln, doch keine Waffen aus Kupfer und Bronze, wie sie unsere Brüder in Nordheim immer noch anfertigten, sondern aus hartem, scharfem Stahl, die ein geschicktes Volk im Land der Palmen und Elefanten hergestellt hatte.

Auf der Ebene, etwas außerhalb Pfeilschußweite von der Stadtmauer, blieben wir stehen. Die Mauer schien aus gigantischen Basaltblöcken errichtet. Asgrimm löste sich aus unseren Reihen und trat unbewaffnet mit erhobenen Armen, die Handflächen zum Zeichen der Verhandlungsbereitschaft nach außen, ein paar Schritte vor. Da schwirrte ein Pfeil von einem der Türme und bohrte sich nicht weit vor ihm in den Boden. Asgrimm kehrte zu uns zurück.

„Krieg, Bruder!” zischte Kelka, und rotes Feuer funkelte in seinen Augen. In diesem Moment schwang das mächtige Tor auf. Reihe um Reihe von Kriegern marschierte heraus. Die Kriegsfedern fächelten an ihren glitzernden Speeren. Die Sonne im Westen ließ ihre brünierten Kupferhelme aufleuchten, die ebenfalls mit Federbüschen geschmückt waren.

Hochgewachsen und schlank waren sie, dunkelhäutig, doch weder braun noch schwarz, mit geraden, adlergleichen Zügen. Ihre Rüstung war aus Kupfer und Leder, ihre Schilde mit glänzendem Chagrinleder überzogen. Ihre Speere, die schmalen Schwerter und langen Dolche waren aus Bronze. Sie kamen in genau ausgerichteter Formation heran, fünfzehnhundert Mann, eine brandende Woge wippender Federn und schimmernder Speere. Auf der Brustwehr hinter ihnen drängten sich dicht an dicht die Neugierigen.

Es gab keine Verhandlung. Als sie nahe genug waren, stieß Asgrimm das Heulen des jagenden Wolfes aus, und wir stürmten ihnen entgegen. Wir taten es nicht in geordneten Reihen, sondern rannten wie hungrige Wölfe auf sie zu – und sahen ihre Verachtung, als wir nahe genug heran waren. Sie hatten keine Bogen, und so schossen auch wir keine Pfeile auf sie ab und warfen keine Speere in ihre Reihen. Wir wollten ins Handgemenge mit ihnen kommen. Als wir jedoch in Speerwurfnähe waren, sandten sie uns einen Speerhagel entgegen, der zum größten Teil von unseren Schilden und Harnischen abprallte. Und dann stürzten wir uns mit einem tief kehligen Gebrüll auf sie.

Wer behauptet da, die geordnete Disziplin einer degenerierten Zivilisation käme gegen die ungebändigte Wildheit von Barbaren an? Sie bemühten sich, uns als Einheit zu bekämpfen, wir dagegen fochten jeder für sich, warfen uns gegen ihre Speere und hieben wie Berserker um uns. Die ganze erste Reihe fiel unter unseren pfeifenden Schwertern, und die Reihen dahinter wichen zurück und wankten, als die Krieger die ungeheure Wucht unseres Ansturms zu spüren bekamen. Wenn sie sich gehalten hätten, wäre es ihnen vielleicht möglich gewesen, uns mit ihrer Überzahl in die Zange zu nehmen und uns aufzureiben. Aber sie konnten sich nicht halten. In einem Wirbelwind blutiger Schwerter pflügten wir durch sie hindurch, brachen ihre Reihen, trampelten über ihre Toten in unserem unaufhaltsamen Vorstoß. Ihre Kampfformation zerfiel, und nun kämpften sie einzeln, Mann gegen Mann, und die Schlacht wurde zu einem Gemetzel, denn an Kraft und Wildheit konnten sie sich nicht mit uns messen.

Wir mähten sie nieder wie reifen Weizen, droschen sie wie Getreide. Oh, wenn ich nur in Gedanken diese Schlacht noch einmal erlebe, scheint mir, als würde aus James Allison der mächtige Hialmar in seinem Kettenhemd, mit der Lust des Berserkers in den Augen und dem Schlachtruf auf den Lippen. Und dann bin ich wieder berauscht vom Singen der Schwerter, dem Anblick des heißen Blutes und dem Heulen der Fallenden. Sie ergriffen die Flucht und warfen ihre Speere von sich. Wir folgten ihnen dicht auf den Fersen und schlugen sie im Laufen nieder. Bis zum Tor verfolgten wir sie, durch das die vordersten noch kamen. Sie schlugen es uns vor der Nase zu – uns und ihren zu langsamen Brüdern. Ausgeschlossen und ohne Aussicht in Sicherheit zu gelangen, hämmerten diese gegen das Tor, ehe wir ihnen ein Ende machten. Dann warfen wir uns gegen die Torflügel und rammten sie, bis ein Steinhagel von oben herabpolterte und drei unserer Krieger erschlug. Da erst zogen wir uns in sichere Entfernung zurück. Wir hörten das Wehklagen der Frauen auf den Straßen der Stadt, und die Männer sammelten sich auf der Mauer und schössen mit Pfeilen nach uns, doch mit wenig Geschick und ohne uns zu treffen.

Die Leichen der Gefallenen lagen über die ganze Ebene verstreut, von dort, wo wir aufeinandergestoßen waren, bis zum Tor. Und wo ein Ase den Tod gefunden hatte, hatte ihn ein halbes Dutzend der Krieger mit den Federbüschen begleitet.

Die Sonne war untergegangen. Wir schlugen unser einfaches Lager außerhalb des Tores auf. Die ganze Nacht hindurch hörten wir das Wimmern und Stöhnen und Wehklagen hinter der Mauer, wo die Hinterbliebenen ihre Toten betrauerten, die wir, ihrer Habe entblößt, in einiger Entfernung auf einen Haufen geworfen hatten. Beim Morgengrauen sammelten wir die Leichen der dreißig gefallenen Asen. Wir ließen Bogenschützen zurück, die auf einen Ausfall achten sollten, und trugen unsere Toten zu den fünfhundert Meter steil in die Tiefe abfallenden Klippen. Wir fanden Felssimse, die sich als Stufen benutzen ließen, und so schleppten wir unsere Last hinunter zum Wasser.

Aus Fischerbooten, die wir auf den Strand zogen, bauten wir ein großes Floß und schichteten Treibholz darauf. Auf diesen Scheiterhaufen legten wir unsere toten Krieger in ihrer Rüstung mit ihren Waffen an der Seite. Dann durchschnitten wir die Kehle der etwa ein Dutzend Gefangenen, die wir gemacht hatten. Mit ihrem Blut bestochen wir die Waffen und Floßseiten. Dann legten wir Feuer an das Holz und schoben das Floß ins Wasser. Weit trieb es hinaus auf die spiegelglatte Oberfläche des blauen Meeres, bis es nur noch ein rotes Fanal war, das allmählich im Glanz des neuen Morgens verschwand.

Dann klommen wir die Klippen wieder hoch und stellten uns außerhalb der Stadtmauern auf, wo wir unsere Schlachtlieder sangen. Wir nahmen unsere Bogen zur Hand, und Feind um Feind stürzte, von unseren langschäftigen Pfeilen durchbohrt, von den Zinnen. Aus Bäumen der Obstgärten außerhalb der Stadt fertigten wir Sturmleitern an und legten sie an die Mauer. In einem Regen von Pfeilen, Speeren und brennenden Balken stürmten wir hinauf. Geschmolzenes Blei gossen sie auf uns herab und sandten so vier unserer Krieger in den Tod. Und wieder stießen unsere Speere zu, bis sich keine Köpfe mit Federbuschhelmen mehr über der Brustwehr zeigten.

Erneut setzten wir unsere Bogenschützen ein und lehnten noch einmal die Sturmleitern an. Als wir uns bereit machten zum Angriff, der uns über die Mauer bringen sollte, erschien eine Gestalt auf einem der Türme über dem Tor, die uns mitten in der Bewegung innehalten ließ.

Es war eine Frau, wie sie keiner von uns seit langer Zeit mehr gesehen hatte. Goldenes Haar wehte im Wind, milchigweiße Haut schimmerte im Sonnenschein. Sie rief uns in unserer eigenen Sprache zu, ein wenig stockend, so, als hätte sie sie seit vielen Jahren nicht mehr benutzt.

„Haltet ein! Meine Herren möchten mit euch sprechen.”

„Herren?” spuckte Asgrimm aus. „Wen nennt eine Frau der Asen Herren, außer Männer ihres Clans?” Sie schien nicht zu verstehen, aber sie rief. „Dies ist die Stadt Khemu, und die Herren von Khemu sind die Herrscher dieses Landes. Ich soll euch in ihrem Auftrag sagen, daß sie in einer Schlacht nicht gegen euch ankommen, aber daß ihr nichts gewinnt, wenn ihr die Mauer erklimmt, denn sie werden ihre Frauen und Kinder mit eigener Hand töten und Feuer an ihre Paläste legen. Alles, was ihr einnehmt, wird nur ein rußiger Trümmerhaufen sein. Aber wenn ihr die Stadt verschont, werden sie euch kostbare Gaben von Gold und Edelsteinen, schweren Weinen und Delikatessen und die schönsten Mädchen der Stadt schicken.”

Asgrimm zupfte an seinem Bart. Er hatte keine Lust, sich das Plündern und Blutvergießen entgehen zu lassen, aber die jüngeren Männer brüllten: „Verschon die Stadt, alter Graubär! Denn sonst töten sie die Frauen – und wir sind schon viele Monde unterwegs, ohne Frauen auch nur gesehen zu haben.”

„Ihr jungen Narren!” knurrte Asgrimm. „Die Küsse und Liebesschwüre einer Frau werden schal und vergehen, aber das Schwert singt ein frisches Lied mit jedem Streich. Was wollt ihr? Die trügerische Lockung der Frauen oder die funkelnde Wildheit der blutigen Schlacht?”

„Frauen!” brüllten die jungen Krieger und schoben ihre Schwerter in die Hüllen. „Wenn sie ihre Mädchen herausschicken, verschonen wir ihre verdammte Stadt.”

Der alte Asgrimm wandte sich mit verächtlich verzogenem Gesicht um und rief zu dem goldenhaarigen Mädchen auf dem Turm hoch.

„Ich würde eure Mauer und Türme zu Staub zermalmen und ihn mit dem Blut deiner Herren tränken. Aber meine jungen Männer sind Narren. Also schickt uns zu essen und Frauen – und die Söhne eurer Häuptlinge als Geisel.”

„Es wird getan, was Ihr verlangt, mein Lord”, rief das Mädchen zurück. Und wir nahmen unsere Sturmleitern wieder von der Mauer und zogen uns in unser Lager zurück.

Schon bald schwangen die Torflügel zurück, und eine Prozession nackter Sklaven, beladen mit goldenen Gefäßen voll duftenden Köstlichkeiten und Weinen, wie wir sie noch nie zuvor gekostet hatten, erschien. Ein Mann mit einem Geiergesicht und einem ärmellosen Mantel aus glänzenden bunten Federn, einem Elfenbeinstab in der Hand und auf dem Kopf einen Kupferreif, der als Schlange mit erhobenem Schädel geformt war, führte sie. Seiner Haltung und seinem Benehmen nach war ganz offensichtlich, daß es sich bei ihm um einen Priester handelte. Er deutete auf sich und sagte den Namen Shakkaru. Ihn begleiteten sechs Knaben in seidenen Beinkleidern, edelsteinbesteckten Gürteln und farbenfrohen Federn. Die Jünglinge hatten angstgeweitete Augen und zitterten am ganzen Leib. Das gelbhaarige Mädchen auf dem Turm rief uns zu, daß dies die Söhne von Prinzen seien. Asgrimm ließ sie die Weine und das Essen vorkosten, ehe wir selbst etwas zu uns nahmen.

Für Asgrimm brachten die Sklaven Bernsteintruhen, die mit Goldstaub gefüllt waren, einen Umhang aus schillernder roter Seide, einen Chagrinledergürtel mit einer goldenen, juwelenbesetzten Schnalle und einen brünierten Kupferkopfschmuck mit dichten Federn.

Er schüttelte den Kopf und murmelte: „Putz und Prunk sind nur der Staub der Eitelkeit und verblassen im Lauf des langen Marsches, aber die scharfe, lebennehmende Klinge stumpft nicht, und der Duft von frischvergossenem Blut erfreut die Nase eines alten Mannes.”

Aber er schmückte sich mit den kostbaren Kleidungsstücken. Und dann kamen die Mädchen durch das Tor – schlanke junge Dinger, grazil und dunkeläugig, nur spärlich bekleidet in glänzender Seide. Er wählte für sich die Schönste aus, wenn auch mürrisch, wie einer, der eine bittere Frucht pflückt.

Ja, viele Monde waren vergangen, seit wir Frauen gesehen hatten, ausgenommen ein paar dunkle, rußige Weiber der Tranfresser. Die Krieger packten die verängstigten Mädchen in leidenschaftlichem Hunger – aber meine Seele war verwirrt vom Anblick der goldenhaarigen Maid auf dem Turm. In meinem Kopf war kein Platz für einen anderen Gedanken. Asgrimm schickte mich, die Geiseln zu bewachen und ihnen ohne Erbarmen die Kehle durchzuschneiden, wenn sich Wein oder Essen als vergiftet herausstellte, eine der Frauen einen Krieger mit verborgenem Dolch ermordete oder die Männer der Stadt einen Überraschungsangriff versuchten.

Aber aus der Stadt traten nur jene, die ihre Toten sammelten und sie mit langen, uns unheimlichen Riten auf einem über das Meer hinausragenden Felsen verbrannten.

Dann kam ein weiterer Zug aus dem Tor, länger und prächtiger als der erste. Die Häuptlinge der Krieger schritten unbewaffnet daher. Ihre Rüstung hatten sie gegen seidene Wämser und Umhänge ausgetauscht. Auch ihnen voraus kam Shakkaru, seinen Elfenbeinstab erhoben, und zwischen ihm und den Edelleuten trugen Sklavenknaben, in Federkittel gekleidet, eine Sänfte aus poliertem, reich mit Edelsteinen besetztem Mahagoni.

In ihr saß ein Mann mit einer seltsamen Krone auf dem hohen, schmalen Kopf. Direkt neben der Sänfte schritt das gelbhaarige Mädchen, das vom Turm aus zu uns gesprochen hatte. Sie hielten vor uns an, die Sklavenknaben knieten nieder, die Stangen der Sänfte auf ihren Schultern, während die Edelleute sich auf ein Knie herabsenkten. Nur Shakkaru und das Mädchen blieben aufrecht stehen.

Der alte Asgrimm blickte sie an. Er wirkte wild und gleichzeitig vorsichtig. Sein furchendurchzogenes Gesicht lag im Schatten des wippenden Federbusches auf seinem Kopf. Mein erster Gedanke war, um wieviel majestätischer er doch aussah, hochaufgerichtet zwischen seinen großen Kämpfern, das Schwert in der Hand, als der verweichlichte Mann, der lässig in seiner Sänfte lehnte.

Aber mein Blick galt eigentlich nur dem Mädchen, das ich nun zum erstenmal ganz nahe sah. Sie trug lediglich einen ärmellosen und am Hals weit offenen Kittel aus blauer Seide, der etwa bis eine Handbreit über ihren Knien endete, und weiche grüne Ledersandalen. Ihre Augen waren groß und klar, ihre Haut schimmerte weißer als die reinste Milch, und in ihrem welligen goldenen Haar spiegelte sich die Sonne. Etwas Sanftes, Weiches ging von ihr aus, wie ich es bei den Frauen der Asen nie bemerkt hatte. Unsere flachshaarigen Maiden waren von wilder, ungezähmter Schönheit, aber dieses Mädchen war schön – ohne diese Wildheit. Sie war nicht in einem kahlen Land aufgewachsen wie unsere Frauen, wo das Leben ein einziger erbarmungsloser Kampf um das Dasein ist. Aber diese Gedanken verfolgte ich jetzt nicht in allen Einzelheiten. Ich stand völlig still, benommen von ihrer strahlenden Schönheit, als sie die Worte des Königs und die brummigen Antworten Asgrimms übersetzte.

„Mein Herr sagt zu Euch: ‚Ich bin Akkheba, Priester Ischtars, König von Khemu. Laßt Freundschaft zwischen uns herrschen. Wir brauchen einander, denn ihr seid Männer, die blind in einem nackten Land wandern – wie meine Zauberer es sahen –, und die Stadt Khemu bedarf scharfer Schwerter und kräftiger Arme, denn ein Feind kommt aus der See gegen uns, dem wir nicht allein widerstehen können. Bleibt in diesem Land, leiht uns Eure Waffen und nehmt unsere Gaben an, und unsere Mädchen als eure Frauen. Unsere Sklaven sollen für euch arbeiten, und jeden Tag sollt ihr an langen Tafeln sitzen, die unter der Last von vielerlei Fleisch, Fischen, weißem Brot, Früchten und Wein fast zusammenbrechen. Prächtige Gewänder sollt ihr tragen und in Marmorpalästen mit seidenen Lagern und sprühenden Springbrunnen leben. ”

Asgrimm verstand, wovon die Rede war, denn wir kannten die Städte der Palmenländer. Aber nur bei der Erwähnung von Feinden leuchteten seine kalten blauen Augen auf.

„Wir werden bleiben”, erklärte er, und wir alle schrien begeistert unsere Zustimmung. „Wir werden bleiben und den Feinden, die sich gegen euch wenden, ein Ende machen. Aber wir lagern außerhalb der Stadtmauer, und die Geiseln bleiben bei uns, Tag und Nacht.”

„Wie Ihr wollt”, sagte Akkheba und neigte majestätisch den schmalen Kopf, und die Edlen von Khemu knieten sich vor Asgrimm nieder und wollten seine hochgeschnürten Sandalen küssen. Aber er fluchte und wich vor Verlegenheit zurück, während wir, seine Krieger, vor Gelächter brüllten. Akkheba kehrte in seiner Sänfte, die auf den Schultern der Sklaven schaukelte, in die Stadt zurück. Und wir bereiteten uns auf eine lange Rast von unserer Wanderschaft vor. Mein Blick folgte der goldenhaarigen Übersetzerin, bis sich das Stadttor hinter ihr schloß.

Und so lagerten wir außerhalb der Mauer, und Tag um Tag brachten die Bürger der Stadt uns zu essen und zu trinken, und man schickte uns auch weitere Mädchen. Die Menschen kamen wieder heraus und arbeiteten in ihren Gärten, auf den Feldern und in den Weinbergen, ohne Angst vor uns zu haben. Und die Fischerboote fuhren aus – schmale Kähne mit rundem Bug und gestreiften Seidensegeln waren es. Schließlich folgten wir der Einladung des Königs. In dichten Reihen marschierten wir durch die mit Eisengittern verstärkten Tore in die Stadt, die Geiseln in unserer Mitte, und unsere Schwertspitzen an ihren Kehlen.

Bei Ymir! Khemu war mächtig gebaut! Gewiß entstammten die jetzigen Herren dieser Stadt den Lenden der Götter, denn wer sonst hätte diese gewaltigen schwarzen Basaltmauern – sie waren gewiß achtzig Fuß hoch und ihr Fundament vierzig Fuß breit – errichten können? Oder die gewaltige goldene Kuppel, die sich bestimmt fünfhundert Fuß über die marmorgepflasterten Straßen erhob.

Als wir die breiten, links und rechts von Säulen eingefaßten Straßen hoch und auf den Marktplatz marschierten, mit den Schwertern in unseren Fäusten, drängten sich neugierige Gesichter an den Türen und Fenstern zusammen. Sie beobachteten uns fasziniert und ein wenig ängstlich. Das Stimmengewirr auf dem Marktplatz erstarb abrupt, als wir ihn betraten, und die Menschen wichen an den Ständen und Buden aus, um uns Platz zu machen. Wir waren wachsam wie die Tiger. Der geringste Zwischenfall hätte genügt, und wir hätten in wilder Besessenheit die Schwerter singen lassen. Aber die Menschen von Khemu waren besonnen und taten nichts, um uns zu reizen oder herauszufordern.

Die Priester kamen uns entgegen. Sie verbeugten sich vor uns und geleiteten uns zu dem gewaltigen Palast des Königs – ein kolossales Bauwerk aus schwarzem Stein und Marmor. Neben dem Palast befand sich ein weiter offener, mit Marmorfliesen gepflasterter Hof. Von hier führten Marmorstufen, so breit, daß zehn Männer hätten nebeneinander gehen können, zu einer Plattform, auf der der König zu bestimmten Anlässen zu seinen Untertanen sprach. Ein Flügel des Palasts reichte bis hinter diesen Hof, an ihn schloß die Plattform mit ihren Stufen an. Dieser Flügel war sichtlich älter als der Rest des Palasts. Er hatte ein Steindach, das steil und hoch über alle Türme der Stadt hinausragte und nur ein wenig niedriger war als die goldene Kuppel. Der untere Rand dieses kunstvoll gestalteten Steinmonuments befand sich nur ein paar Fuß oberhalb der Plattform. Was dieser Flügel enthielt, bekamen wir Asen nie zu Gesicht. Es handelte sich, wie wir erfuhren, um das Frauenhaus des Königs.

Hinter diesem offenen Hof waren die mysteriösen Säulenfassaden der Steinhäuser der Unterpriester, an beiden Seiten einer breiten, marmorgepflasterten Straße, und wiederum dahinter die goldene Kuppel des großen Ischtartempels. An allen Seiten erhoben sich rosig schimmernde Spitztürme und trutzige schwarze Türme mit Zinnen. Doch die Kuppel ragte weit über sie hinaus in ihrer erhabenen Schönheit, genau wie Ischtar sich strahlend weit über die Menschen erhob – das jedenfalls erzählte uns Shakkaru. Ich sage, er erzählte es uns. In den paar Tagen, die sie bei uns verbracht hatten, hatten die jungen Prinzen viel unserer rauhen, einfachen Sprache gelernt. Mit ihrer Hilfe und mit Zeichen unterhielten sich die Priester von Khemu mit uns.

Sie führten uns zu dem hohen Tor des Tempels. Aber als wir durch die Reihen von mächtigen Marmorsäulen in die rätselvolle Düsternis des Innern spähten, weigerten wir uns weiterzugehen, da wir eine Falle befürchteten. Die ganze Zeit schon hielt ich Ausschau nach dem goldenhaarigen Mädchen, aber sie war nirgendwo zu sehen. Da sie nicht mehr als Dolmetscherin benötigt wurde, hatte das Schweigen der mysteriösen Stadt sie verschlungen.

Nach diesem ersten Besuch kehrten wir in unser Lager außerhalb der Mauer zurück, doch von da an betraten wir die Stadt immer wieder, zuerst in größeren Trupps und dann, als unser Argwohn allmählich einschlummerte, in kleinen Gruppen oder auch allein. Aber auf keinen Fall wollten wir in der Stadt schlafen, obwohl Akkheba uns drängte, unsere Zelte auf dem großen Marktplatz aufzuschlagen, wenn wir schon nicht in den Marmorpalästen wohnen wollten, die er uns anbot. Keiner von uns hatte je in einem Steinhaus gelebt, genausowenig wie hinter hohen Mauern. Unsere Rasse hauste in Zelten aus gegerbten Fellen oder Hütten mit Flechtwerk überzogenem Lehm. Und wir, die wir kaum etwas anderes als den endlosen Treck kannten, schliefen die meiste Zeit wie die Wölfe auf der bloßen Erde. Aber während des Tages streiften wir gern durch die Stadt und staunten über all die Wunder, die wir hier zu sehen bekamen. Zur Verzweiflung der Händler und Kaufleute nahmen wir uns von den Ständen und Buden und aus den Läden, worauf wir gerade Lust hatten. Wir traten auch in die großen Paläste, um uns von den Frauen verwöhnen zu lassen. Sie fürchteten uns, aber gleichzeitig faszinierten wir sie auch. Die Menschen von Khemu lernten erstaunlich schnell. Schon bald beherrschten sie unsere Sprache so gut wie wir, während wir mit unseren barbarischen Zungen Schwierigkeiten mit ihrer hatten.

Aber das kam alles nach und nach. Nachdem wir die Stadt zum erstenmal besucht hatten, kehrten einige von uns zurück, und Shakkaru führte uns durch den Palast der Hohenpriester, gleich neben dem Ischtartempel. Als wir eintraten, sah ich als erstes das goldenhaarige Mädchen, das ein kupfernes Götzenbild mit Seide polierte. Asgrimm legte eine Hand schwer auf die Schulter eines der jüngeren Prinzen.

„Sag dem Priester, daß ich das Mädchen für mich haben will”, brummte er. Doch noch ehe der Priester zur Antwort ansetzen konnte, stieg roter Grimm in mir auf, und ich stapfte auf Asgrimm zu wie ein Tiger auf einen Rivalen.

„Wenn einer von uns diese Frau nimmt, dann wird es Hialmar sein!” knurrte ich, und Asgrimm wirbelte katzengleich herum, als er in meiner Stimme die unüberhörbare Mordlust hörte. Wir standen uns mit angespannten Zügen gegenüber, die Hand am Schwertgriff. Kelka grinste wölfisch, schlich sich hinter Asgrimms Rücken und zog sein langes Messer, als Shakkaru durch den Prinzen sprach.

„Nein, meine Lords. Aluna ist weder für einen von euch, noch für überhaupt einen Mann. Sie ist die Dienerin der Göttin Ischtar. Ihr könnt jedes andere Mädchen in der Stadt haben, selbst des Königs Lieblingsfrau. Aber diese Maid hier ist der Göttin geweiht.”

Asgrimm brummte nur etwas Unverständliches, verfolgte die Sache aber nicht weiter. Der Duft des Räucherwerks und das fast fühlbar Geheimnisvolle, das von dem Tempel ausging, beeindruckte sogar seine wilde Seele, obgleich wir, die Söhne der Asen, wenig Respekt vor den Göttern anderer hatten. Jedenfalls bestand er nicht darauf, das Mädchen, das der Göttin so nah war, für sich zu haben. Mein Aberglaube dagegen war geringer als mein Verlangen nach Aluna. Immer und immer wieder zog es mich zu dem Palast der Priester zurück, und obgleich sie über meine Besuche nicht erfreut waren, verboten sie sie mir – vielleicht aus Angst – nicht, und ich konnte auf meine Weise um Aluna werben.

Nun, was glaubt ihr, wie meine Erfahrungen und meine Geschicklichkeit in dieser Hinsicht aussahen Eine andere Frau hätte ich vielleicht einfach an ihrem langen Haar in mein Zelt gezerrt. Doch selbst, wenn ihre Stellung als Dienerin der Göttin nicht gewesen wäre, hätte etwas in meinen Gefühlen für Aluna mich davon abgehalten, mich ihr gewalttätig zu nähern. Ich warb um sie, wie wir Asen es um unsere wilden, ungestümen Schönen taten: mit Prahlereien über unsere Taten und Geschichten über Gemetzel und Schändungen. Und wirklich, ohne daß ich übertreiben mußte, meine wahren Berichte über Schlachten und Massaker hätten mir die unnahbarsten Frauen Nordheims errungen. Aber Aluna war sanft und mild. Sie war in Tempeln und Palasten aufgewachsen, nicht in Lehmhütten auf Eisfeldern! Meine ungestümen Prahlereien verängstigten sie, sie verstand sie nicht. Und auf seltsame Weise machte gerade das sie für mich noch begehrenswerter, genau wie diese Wildheit, die sie an mir fürchtete, mich für sie interessanter machte als die weichen, schwach-muskeligen Männer von Khemu.

Ich erfuhr von ihr, wie sie nach Khemu gelangt war. Ihre Geschichte war nicht weniger ungewöhnlich als die Asgrimms und unserer Gruppe. Sie konnte nicht sagen, wo sie in ihrer Kindheit gelebt hatte, da sie von Geographie nichts wußte, doch war es weit jenseits des Meeres, irgendwo im Osten gewesen. Sie entsann sich einer öden, brandungsüberspülten Küste, armseliger Lehmhütten und gelbhaariger Menschen ihresgleichen. Deshalb glaube ich, daß sie von einem der Asenstämme kam, die damals am weitesten westwärts gezogen waren. Sie war etwa neun oder zehn Jahre alt gewesen, als sie bei einem Überfall ihres Dorfes von dunkelhäutigen Männern geraubt worden war, die mit Galeeren gekommen waren. Wer diese Männer waren, wußte sie nicht. Selbst meine, James Allisons, Geschichtskenntnisse verraten es mir nicht, denn damals waren weder die Phönizier noch die Ägypter seefahrende Nationen gewesen. Ich kann nur annehmen, daß es sich bei ihnen um ein uraltes Volk gehandelt hat, das, genau wie die Menschen von Khemu, bereits untergegangen und vergessen war, als die neueren Rassen auferstanden.

Wie auch immer, sie nahmen sie mit sich. Ein Sturm trieb sie viele lange Tage west- und südwärts, ehe ihre Galeere an den Riffen einer seltsamen Insel zerschellte, wo fremdartige, bemalte Menschen die Überlebenden gefangennahmen, schlachteten und in ihre Kochtöpfe steckten. Aus irgendeinem Grund verschonten sie das gelbhaarige Kind. Sie steckten es in ein großes Kanu mit grinsenden Totenschädeln an den Dollborden und ruderten mit der Kleinen an die Küste außerhalb der Stadt Khemu.

Dort verkauften sie sie an die Priester, die sie zur Dienerin ihrer Göttin Ischtar machten. Ich hatte ihre Stellung als heilig gehalten, fand jedoch heraus, daß dem nicht so war. Mißtrauen begann sich in meiner Seele gegen die Khemuri zu regen, als ich aus ihren Worten die grausame und bittere Verachtung erkannte, die diese für andere, jüngere Rassen empfanden.

Ihre Stellung im Tempel gewährte ihr weder Würde noch Ehren. Und obgleich sie die Dienerin der Göttin war, galt ihr kein Respekt, außer daß kein Mann, von den Priestern abgesehen, sie berühren durfte. Sie war im Grund genommen nicht mehr als eine Magd, und der kalten Grausamkeit der habichtgesichtigen Priester ausgesetzt. Sie hielten sie nicht für schön. Sie empfanden ihre helle Haut und das glänzende Goldhaar sogar für Zeichen einer minderwertigen Rasse. Und selbst mir, der ich mein Gehirn gewöhnlich nicht überbeanspruchte, kam der vage Gedanke, daß, wenn schon ein blondes Mädchen für sie so verachtenswert war, gewiß Verrat hinter der Ehre lauern mußte, die sie den Männern der gleichen Rasse angedeihen ließen.

Über die Khemuri selbst erfuhr ich wenig von Aluna, dafür mehr von den Priestern und Prinzen. Als Volk waren sie schon sehr alt. Sie behaupteten, von den halbmythischen Lemuriern abzustammen. Einst standen ihre Städte rings um den Golf, den die Stadt Khemu überblickte. Doch die See hatte einige von ihnen verschlungen, andere waren unter dem Ansturm der bemalten Wilden gefallen, während wieder andere durch Bürgerkriege zerstört worden waren. Jetzt herrschte bereits seit etwa tausend Jahren Khemu allein in einsamer Größe. Ihre einzige Verbindung zur Außenwelt waren die unberechenbaren bemalten Wilden der Inseln gewesen, die bis vor etwa einem Jahr regelmäßig mit ihren hochbugigen Kanus ihre Handelsware wie Ambra, Kokosnüsse, Walfischzähne, Korallen, Mahagoni, Leopardenfelle, Gold, Stoßzähne von Elefanten und Kupfererz anbrachten. Letzteres stammte aus einem unbekannten tropischen Land weit im Süden.

Die Khemuri waren ein aussterbendes Volk. Obgleich Tausende von Menschen in der Stadt lebten, waren doch viele davon Sklaven – Nachkommen unzähliger Generationen von Sklaven. Ihre Rasse war nur noch ein Schatten ihrer ehemaligen Größe. Noch ein paar Jahrhunderte, und sie wären auf natürliche Weise ausgestorben, aber auf der See im Süden, weit jenseits des Horizonts, lauerte eine Gefahr, die sie alle schon in Kürze mit einem Schlag auszurotten drohte.

Die bemalten Wilden hatten aufgehört, sie in friedlicher Absicht mit Handelsware zu besuchen. Statt dessen kamen sie in Kriegskanus, mit klirrenden Speeren und fellbedeckten Schilden und barbarischem Kriegsgesang. Ein König hatte sich unter ihnen erhoben, die verstreuten und einander ständig befehdenden Stämme vereint und beschlossen, Khemu den Kampf anzusagen. Nein, die Khemuri waren nicht ihre früheren Herren gewesen, denn das alte Reich, dem die Khemuri dereinst angehört hatten, war lange schon zerfallen, ehe diese Wilden von einem fernen Kontinent, der Wiege ihrer Rasse, auf den Inseln landeten. Ihr König war anders als sie – ein weißhäutiger Gigent, uns ähnlich, mit leidenschaftlichen blauen Augen und Haar so rot wie Blut, erzählte man uns.

Sie hätten ihn gesehen, die Menschen von Khemu. Des Nachts war er mit seinen Kriegskanus voll bemalter Speerwerfer die Küste entlang gekommen, und bei Sonnenaufgang hatten die Wilden die Klippen erklommen und die Fischer erschlagen, die bis zu dem Tag noch in ihren Hütten am Meer gehaust hatten. Sie hatten die Arbeiter niedergemetzelt, die im frühen Morgengrauen unterwegs zu den Feldern gewesen waren, und hatten das Tor gestürmt. Doch es hatte gehalten, und nach einer Zeit hatten die Angreifer es aufgegeben und sich zurückgezogen. Zuvor aber hatte der König sich höhnisch vor das Tor gestellt und mit dem abgetrennten Kopf einer Frau an den Haaren baumelnd, hatte er geschworen, mit einer Flotte von Kriegskanus, die das Blau des Meeres schwarz färben würde, zurückzukehren und die Türme Khemus in den blutigen Staub zu reißen. Er und seine Krieger waren der Feind, gegen den wir kämpfen sollten. Und wir harrten ihres Kommens voll wilder Ungeduld.

Und während wir warteten, gewöhnten wir uns mehr und mehr an das Leben der Zivilisation, soweit dies bei Barbaren in so kurzer Teit überhaupt möglich ist. Nach wie vor schliefen wir jedoch außerhalb der Stadt und hielten in ihrem Innern stets unsere Schwerter bereit, aber das war mehr instinktive Vorsicht als Angst vor Verrat. Selbst Asgrimms Mißtrauen schlummerte, um so mehr als keine Blutrache oder Wiedergutmachung verlangt wurde, nachdem Kelka, betrunken vom Wein, den sie ihm einflößten, drei Khemuri auf dem Marktplatz tötete.

Wir überwanden sogar unseren Aberglauben und gestatteten den Priestern, uns in die atemberaubende Düsternis jenes für uns höhlengleichen Bauwerks zu führen, das der Tempel der Göttin Ischtar war. Sogar den inneren Schrein besuchten wir, wo heilige Feuer in der duftgeschwängerten Halbdunkelheit brannten. Eine schreiende Sklavin wurde dort auf dem großen schwarzen, rotädrigen Altar am Fuß der Marmorstufen geopfert, die in die Finsternis emporführten, zu Ischtars Heim, wie man uns sagte. Und zu ihm würde der Geist des Opfers steigen, um der Göttin zu dienen. Das mußte stimmen, dachte ich, denn nachdem die Leiche auf dem Altar unbewegt lag und die Gebete der Gläubigen allmählich zu einem Flüstern wurden, das das Blut stocken ließ, hörte ich ein Weinen hoch über uns. Das konnte nur die nackte Seele der geopferten Sklavin sein, die wimmernd vor Furcht vor ihrer Göttin stand.

Ich fragte Aluna später, ob sie die Göttin je gesehen hätte. Sie zitterte vor Angst und erklärte mir, daß nur die Geister der Toten Ischtar schauen dürften. Sie, Aluna, hatte nie Fuß auf die Treppe gesetzt, die zum Heim der Göttin führte. Man nannte sie zwar Dienerin Ischtars, aber ihre wirklichen Pflichten waren, die Befehle der habichtgesichtigen Priester auszuführen und der bösäugigen Frauen, die ihnen dienten und die wie finstere Schatten durch die purpurne Düsternis zwischen den Säulen glitten.

Unter den Kriegern wuchs die Unzufriedenheit. Viele wurden des sorglosen Lebens überdrüssig, ja selbst der dunkelhäutigen Frauen, denn in den seltsamen Seelen der Asen ist nur die Schlachtenlust und der Drang zur Wanderschaft von Dauer. Asgrimm unterhielt sich tagtäglich mit Shakkaru und Akkheba über frühere Zeiten; ich war von Alunas Schönheit gefesselt; Kelka ließ sich jeden Tag auf neue in den Weinstuben vollaufen, bis er, der Sinne beraubt, auf die Straße torkelte. Aber der Rest begehrte gegen das Leben auf, das wir jetzt führten. Sie fragten Akkheba, wo denn der Feind bliebe, den wir besiegen sollten.

„Habt Geduld. Sie werden kommen, und ihr rothaariger König mit Ihnen”, versicherte ihnen Akkheba.

Das erste Rot des Morgens schimmerte hinter den Türmen Khemus. Die Krieger hatten angefangen, nun die Nächte, genau wie die Tage, in der Stadt zu verbringen. Ich hatte die Nacht zuvor mit Kelka getrunken und mit ihm sinnlos besoffen auf der Straße gelegen, bis die Morgenbrise mir die Weindämpfe aus dem Schädel vertrieb. Unterwegs zu Aluna stapfte ich durch die marmorgeflieste Gasse und betrat den Palast Shakkarus, der neben dem Ischtartempel stand. Ich schritt durch die großen äußeren Gemächer, in denen Priester und Frauen im Schlaf versunken waren, da hörte ich plötzlich hinter einer geschlossenen Tür das Klatschen von scharfen Schlägen auf weiches nacktes Fleisch. Vermischt mit diesem Klatschen vernahm ich ein herzerweichendes Weinen und Schluchzen und eine Stimme, die um Erbarmen flehte. Es war eine Stimme, die ich nur zu gut kannte.

Die Tür war verriegelt, und obgleich sie aus mit Silberbeschlägen verstärktem Mahagoni war, brach ich sie ein, als bestünde sie aus dünnen Holzplatten. Aluna kauerte auf dem Boden, ihr Kittel war hochgesteckt, und ein Priester mit grausamem, kaltem Gesicht peitschte sie mit einer kurzschnürigen Peitsche aus, die bereits viele rote Striemen auf ihre nackte Haut gezeichnet hatte. Er drehte sich um, als ich durch die geborstene Tür stürmte, und sein Gesicht wurde aschfahl. Noch ehe er sich rühren konnte, hieb ich ihm die Faust auf den Schädel – ein Schlag, der ihm das Genick brach.

Der ganze Palast verschwamm rot vor meinen Augen. Vielleicht waren es nicht einmal so sehr die Schmerzen, die der Priester Aluna zugefügt hatte – denn Schmerzen waren das Alltäglichste in unserem wilden Leben –, sondern die arrogante, höhnische Art, wie er es getan hatte, und vielleicht auch das Wissen, daß die Priester, alle möglicherweise, sie benutzten.

Ein Mann ist nicht besser und nicht schlechter als seine Gefühle für die Frauen seines Blutes. Ein Mann nimmt sich eine Frau anderen Blutes und setzt sich um das Feuer mit einem Mann anderen Blutes, ohne auch nur an einen Rassenunterschied zu denken. Erst wenn er einen Fremdrassigen im Besitz einer Frau seiner Art sieht oder im Begriff, sie zu nehmen oder ihr etwas anzutun, erkennt er den Unterschied in Rasse und Abstammung. Deshalb hatte mich, der ich Frauen der verschiedensten Rassen in den Armen gehalten hatte und Blutsbruder eines Pikten war, die unbezähmbare Wut erfaßt, als ich diesen Fremden Hand an eine Frau der Asen legen sah.

Ich glaube, es war ihr Anblick als Sklavin einer fremden Rasse, und der Grimm, den diese Tatsache verursachte, der meine Gefühle für sie erweckte. Denn die Wurzeln der Liebe sitzen in Haß und Grimm. Und Alunas mir so ungewohnte Sanftheit schürte dieses Gefühl noch.

Nun blickte ich finster auf sie herab, da sie wimmernd zu meinen Füßen kauerte. Ich hob sie nicht hoch und trocknete nicht ihre Tränen, wie ein zivilisierter Mann es getan hätte. Ich hätte auch nur den Gedanken daran als unmännlich zurückgewiesen.

Während ich so stand, hörte ich plötzlich meinen Namen. Kelka stürmte in den Raum und brüllte: „Sie kommen, Bruder, genau wie der Alte es sagte! Die Späher auf den Klippen berichteten, daß die See schwarz von Kriegsbooten ist.”

Mit einem Blick auf Aluna und dem Gefühl, das mir stumm in der Kehle steckte, wandte ich mich ab, um dem Pikten zu folgen. Aber da richtete das Mädchen sich taumelnd auf und rannte zu mir. Tränen strömten ihr über die Wangen, und sie streckte flehend die Arme aus.

„Hialmar!” rief sie weinend. „Verlaß mich nicht! Ich habe Angst!”

„Ich kann dich jetzt nicht mitnehmen!” knurrte ich. „Krieg und Kampf stehen bevor. Aber wenn ich zurückkehre, wirst du mit mir kommen, und keine Priester, gleich welcher Gottheit sie dienen, werden mich daran hindern.”

Ich machte einen schnellen Schritt auf sie zu. Meine Hände drängten danach, sich um sie zu legen. Doch dann packte mich die Angst, ihr weh zu tun, und ich ließ die Arme sinken. Einen Augenblick verharrte ich stumm, aufgewühlt von meinem wilden Verlangen nach ihr, doch erstarrt von dem ungewöhnlichen Gefühl, das meine Seele zerriß. Mit zusammengebissenen Zähnen folgte ich dem ungeduldigen Pikten hinaus auf die Straße.

Die Sonne stieg auf, als wir Asen zu den Klippen marschierten, hinter uns die Regimenter der Khemuri. Wir hatten uns der bunten Kleidung und des Kopfschmucks entledigt, die wir in der Stadt getragen hatten. Die Sonne spiegelte sich auf unseren gehörnten Helmen, den Harnischen und blanken Schwertern. Vergessen waren die Monde des Müßiggangs und der Ausschweifung. Unsere Herzen schlugen schneller in Erwartung des bevorstehenden Kampfes. Ihm schritten wir mit größter Begeisterung entgegen als einem Festmahl, und in wildem Rhythmus schlugen wir klirrend die Schwerter gegen die Schilde und sangen den Schlachtgesang Niords, der das rote, rauchende Herz Heimdals verschlang. Die Krieger der Khemuri sahen uns erstaunt zu, und die Menschen auf der Stadtmauer schüttelten verwundert die Köpfe und raunten einander zu.

So kamen wir zu den Klippen und sahen, wie Kelka berichtet hatte, das Meer schwarz von Kriegskanus mit hohem Bug und mit grinsenden Totenschädeln geschmückt. Dutzende dieser Boote waren bereits auf den Strand gezogen, andere brausten auf den Wellenkronen herbei. Krieger sprangen brüllend auf den Sand, und ihr Lärm dröhnte bis zu uns empor. Viele waren sie – dreitausend mindestens, aber vermutlich viel mehr. Die Männer von Khemu erblaßten, aber der alte Asgrimm lachte, wie wir ihn schon seit vielen endlosen Monden nicht mehr hatten lachen gehört, und das Alter fiel von ihm ab wie ein weggeworfener Umhang.

Es gab etwa ein Dutzend breite Rillen oder schon fast Klüfte, die von jetzt ausgetrockneten Bergbächen gebildet worden waren und von den Klippen hinab zum Strand führten. In ihnen mußten die Invasoren hochkommen, denn nur hier waren die steilen Felswände erklimmbar. Wir postierten uns am Kopf dieser Pfade, die Khemuri hinter uns. Aber wenig trugen die Krieger der alten Rasse zu dieser Schlacht bei, denn sie hielten sich als Reserve bereit, die wir jedoch nicht riefen.

Die Bachbetten hoch schwärmten die singenden, bemalten Wilden. Und schließlich sahen wir auch ihren König, der weit über die hochgewachsenen Gestalten herausragte. Die Morgensonne ließ sein Haar wie eine Flamme aufleuchten, und sein Lachen war wie eine heftige Böe. Er allein von der ganzen Horde trug Kettenpanzer und Helm, und das mächtige Schwert in seiner Rechten glänzte silbern. Ja, er war zweifellos einer der wandernden Wanen, einer unserer rothaarigen Vettern aus Nordheim. Ich weiß nichts über seine lange Wanderschaft und von einer Saga, aber sie muß noch wilder und ungewöhnlicher gewesen sein als Alunas und unsere eigene. Welche unglaubliche Fügung ihn zum König dieser rasenden Wilden gemacht hatte, kann ich nicht einmal ahnen. Doch als er sah, welche Art von Kriegern ihm gegenüberstand, wurde sein Schlachtgebrüll noch heftiger, und seine Befehle donnerten die steilen Pfade hoch.

Wir spannten unsere Bogen, und unsere Pfeile schwirrten in dicken Wolken felsab. Die vordersten Reihen der Feinde schmolzen, die wilde Horde taumelte zurück, doch dann faßte sie sich und stürmte aufs neue bergauf. Angriff um Angriff wehrten wir ab, und Sturm um Sturm warf sich uns in blinder Wildheit entgegen. Die Angreifer trugen keine Rüstung, und unsere langen Pfeile bohrten sich durch ihre fellbespannten Schilde, als wären sie aus dünnem Tuch. Als sie nahe genug heran waren, schleuderten sie ihre Speere in dichtem Hagel, und einige von uns fielen. Doch nur wenige der Invasoren kamen auch nur in Speerwurf nähe, und noch weniger schafften es ganz die Klippen hoch.

Ich entsinne mich eines riesigen Kriegers, der wie eine Schlange den Pfad hochgekrochen kam, mit blutigem Schaum vor den Lippen und gefiederten Pfeilschäften, die aus seinem Bauch, den Rippen, dem Hals und seinen Armen und Beinen ragten. Er heulte wie ein tollwütiger Hund, und sein Todesbiß riß mir den Absatz von meiner Sandale, als mein Fuß ihn zurückstieß.

Nur ein paar gelang es, durch den Pfeil- und Speerhagel hindurchzubrechen und ins Handgemenge mit uns zu kommen. Aber hier erging es ihnen kaum besser. Mann gegen Mann waren wir Asen die Stärkeren. Und von unserer Rüstung prallten ihre Speere ab, während unsere Schwerter und Äxte durch ihre hölzernen Schilde drangen, als wären sie aus Papier. Doch so groß war ihre Zahl, daß ohne unsere vorteilhafte Position am Kopf der Klippen alle der Asen gefallen wären und die letzten Strahlen der untergehenden Sonne sich auf die rauchenden Ruinen von Khemu gesenkt hätten.

Den ganzen heißen Sommertag hatten wir die Klippen gehalten, bis unsere Köcher leer, die Sehnen der Bogen gerissen waren und die Pfade von bemalten Leibern überquollen. Da erst warfen wir unsere Bogen von uns. Nun griffen wir zu den Schwertern und kletterten die Klippen hinab, um im Handgemenge, Schwert gegen Schwert, die Invasoren zurückzuschlagen. Wie Fliegen waren sie auf den Pfaden gestorben, doch viele, zu viele waren übriggeblieben. Und das Feuer des Grimms loderte beim Anblick ihrer Gefallenen in frischer Glut.

Sie stürmten uns entgegen und brüllten wie brandende Wogen. Mit dem Speer stachen sie zu und schwangen ihre Kriegskeulen. Wir begegneten ihnen in einem Wirbelwind aus Schwertern. Wir hieben und stachen sie nieder, bis die schmalen Klammpfade mit Leichen verstopft waren und die Füße auf dem blutigen Untergrund ausglitten.

Die untergehende Sonne warf ihre langen Schatten auf den Strand, als ich den König der Angreifer entdeckte. Er stand auf einer Stufe des Hanges, unterhalb der Steilwand. Pfeile hatten ihn verwundet und auch Schwerter nicht verschont, aber das Funkeln seiner Augen war ungetrübt, und seine Donnerstimme trieb die müden, keuchenden und taumelnden Krieger an. Doch jetzt, während die Schlacht noch heftig in den anderen Klammpfaden wütete, stand er mit nur zwei Kriegern inmitten unzähliger Toten.

Kelka folgte mir, als ich auf den Wanen zu stürmte. Die beiden bemalten Krieger sprangen mir entgegen, aber Kelka nahm sich ihrer an. Von beiden Seiten stachen ihre Speere nach ihm, doch wie ein Wolf dem Schlag ausweicht, entging er ihren bluttriefenden Spitzen. Dann wand einer der Krieger sich im Todeskampf auf dem Boden, und gleich darauf stürzte der zweite verblutend über ihn.

Mit einem wilden Satz sprang ich den rothaarigen König an – und er mir entgegen. Mein Schwert riß ihm den Helm vom Kopf, und bei seinem schrecklichen Schlag zerbrach seine Klinge an meinem Schild. Ehe ich erneut ausholen konnte, ließ er das nutzlose Schwert fallen und griff mit seinen Bärenpranken nach mir. Da trennte auch ich mich von meiner Klinge, da sie mir in der engen Umarmung ohnehin keinen Vorteil brachte.

Wir waren etwa gleich stark, aber aufgrund des Blutverlusts aus seinen zahlreichen Wunden verließ ihn allmählich seine Kraft. Wir keuchten vor Anstrengung. Ich spürte das Blut in meinen Schläfen hämmern und sah die großen Adern der seinen anschwellen. Dann plötzlich gab er nach, und wir stürzten über die Stufen und rollten den Hang hinab. In dieser rasenden Bewegung wagte es keiner von uns, den Dolch zu ziehen, aber wir zerrten mit den Händen aneinander, und da spürte ich auch, wie er immer schwächer wurde. Es gelang mir, als unser Rollen zu einem Ende kam, auf ihm zu liegen zu kommen, und ich grub meine Finger tief in seinen sehnigen Hals. Schweiß und Blut trübten mir den Blick, mein Atem kam nur noch röchelnd, aber tiefer und tiefer bohrte ich meine Finger. Seine zerrenden Hände verloren ihre Kraft, und ich zog mit größter Anstrengung meinen Dolch aus der Hülle und stieß ihn immer und immer wieder in seine Brust, bis der Riese reglos unter mir lag.

Als ich mich halb blind und zitternd von diesem schrecklichen Kampf aufrichtete, wollte Kelka des Königs Kopf abtrennen. Doch ich hielt ihn davon ab.

Ein langer, klagender Schrei erhob sich aus den Reihen der Invasoren, und zum erstenmal in dieser endlosen blutigen Schlacht wichen sie zurück. Ihr König war das Fanal gewesen, das sie an diesem langen Tag antrieb. Nun verloren sie den Mut. Sie flohen die Felsenpfade hinab, und wir verfolgten sie und streckten sie nieder. Bis zum Strand schlugen wir sie in die Flucht, und als sie in ihre Kanus sprangen und davonruderten, wateten wir bis zu den Schultern ins Wasser und kühlten so unseren rasenden Kampfesrausch. Als die letzten Überlebenden, wie die Wahnsinnigen paddelnd, in Sicherheit waren, blieb der Strand mit Leichen übersät zurück, und die Brandung warf leblose Leiber an die Küste.

Nur bemalte Tote lagen im Sand und dem seichten Wasser, aber in den Klammen, wo die heftigsten Kämpfe stattgefunden hatten, bargen wir siebzig tote Asen. Von den restlichen gab es nur wenige, die unverletzt davongekommen waren.

Bei Ymir! Das war ein Tag! Die Sonne tauchte zum Horizont hinab, als wir erschöpft, blutig und keuchend von den Klippen zurückkehrten, ohne viel Kraft, noch zu singen, aber mit frohen Herzen über die Taten, die wir vollbracht hatten. Die Menschen von Khemu übernahmen das Singen für uns. Sie schwärmten aus der Stadt in jubelnden Massen und legten Seidenteppiche, mit Rosen und Goldstaub bestreut, vor unsere Füße. Wir brachten unsere Verwundeten auf Bahren, um sie versorgen zu lassen, doch dann schleppten wir unsere Toten an den Strand und machten aus den zurückgebliebenen Kriegskanus ein gewaltiges Floß. Den rothaarigen König der Invasoren legten wir in sein großes Kanu und gaben ihm als Begleiter die Leichen seiner tapfersten Häuptlinge, damit sie ihm im Geisterland dienen mochten, und so gewährten wir ihm dieselbe Ehre wie unseren eigenen gefallenen Helden.

Ich hielt unter der Menschenmenge Ausschau nach Aluna, doch ich sah sie nirgends. Auf dem Marktplatz waren Zelte aufgebaut, dorthin hatten wir unsere Verwundeten getragen, und dort kümmerten sich die Heilkräftigen der Khemuri um sie und auch um unsere leichter Verwundeten. Akkheba hatte ein großes Siegesfest in der Halle seines Palasts vorbereiten lassen, wo wir alle, so blutig wir waren, bejubelt wurden. Selbst der alte Asgrimm grinste wie ein hungriger Wolf, als er das verkrustete Blut von seinen adrigen Händen wischte und das Gewand überstreifte, das man für ihn herbeigebracht hatte.

Ich hielt mich noch eine Weile zwischen den Zelten auf, wo jene lagen, deren Verletzungen zu groß waren, als daß sie zum Fest hätten laufen oder auch nur getragen werden können. Ich hoffte, daß mich dort Aluna suchen würde, aber sie kam nicht. Und so begab ich mich schließlich ebenfalls in die große Halle, vor der die Krieger Khemus – dreihundert an der Zahl – Ehrenwache für ihre siegreichen Verbündeten hielten, wie der König uns erklärte.

Diese Halle war etwa dreihundert Fuß lang und ungefähr halb so breit. Hochpoliertes Mahagoni diente als Fußboden, von dem nahezu die Hälfte mit dicken Teppichen und Leopardenfellen bedeckt war. Die Wände bestanden aus kunstvoll bearbeitetem Stein mit vielen Mahagonitüren, die fast bis zu der hohen Decke reichten und die zu einem großen Teil hinter Samtbehängen verborgen waren. Am hinteren Ende der Halle saß Akkheba auf einem Thron und blickte von der hohen Plattform herab auf die wilde Feier. Krieger mit Federbüschen auf den Helmen und Speerschäften waren seine Leibwache. An der Tafel, von der nahezu gesamten Länge der Halle, saßen die Asen in ihren befleckten Wämsern unter den Kettenhemden, viele mit blutigen Verbänden, und aßen und tranken und unterhielten sich brüllend, während sie sich von unterwürfigen Sklaven und Sklavinnen bedienenließen.

Prinzen und Hauptleute und Krieger der Stadt in ihren brünierten Rüstungen leisteten uns Gesellschaft, und auf jeden Asen kamen drei oder vier Mädchen, die sich kichernd deren rauhe Leidenschaft gefallen ließen und deren Lachen sich schrill über das allgemeine Stimmengewirr hob. Irgend etwas schien mir unwirklich an dieser Szene, die Fröhlichkeit gezwungen. Aber ich dachte nicht weiter darüber nach, und als ich Aluna auch hier nirgendwo sah, hielt ich weiter Ausschau nach ihr. Ich schritt durch eine der hohen Mahagonitüren, durchquerte ein mit Seide behangenes Gemach und betrat ein weiteres. Es war nur schwach beleuchtet, und so stieß ich fast mit Shakkaru zusammen. Er zuckte zurück und wirkte aus irgendeinem Grund furchtbar erschrocken, mich hier zu sehen. Ich bemerkte, daß seine Hände sich in seine Robe klammerten, die, wie Akkheba erwähnt hatte, alle Priester heute nacht uns zu Ehren trugen.

Als mir der Gedanke kam, sprach ich ihn aus.

„Ich möchte mit Aluna reden”, sagte ich. „Wo ist sie?”

„Sie ist mit ihren Pflichten beschäftigt und kann dich heute nicht sehen. Komm morgen früh zum Tempel”, vertröstete er mich, während er gleichzeitig immer weiter vor mir zurückwich. Mir fiel auf, wie grau seine dunkle Haut wirkte. Ich hörte das Zittern aus seiner Stimme, und da wußte ich, daß er tödliche Angst vor mir empfand und keinen anderen Wunsch hatte, als mich los zu sein. Das Mißtrauen der Barbaren schoß in mir empor. Ich packte ihn an der Kehle und entrang seiner Hand die lange, scharfe Klinge, die er aus seiner Robe gezogen hatte.

„Wo ist sie, Hundesohn?” knurrte ich. „Sag es mir,

Er hing wie ein verängstigtes Hündchen in meinem Griff, seine Fersen baumelten über dem Boden, sein Kopf hing fast unnatürlich verrenkt herab. Mit Todesangst in den geweiteten Augen warf er den Kopf hoch, und ich lockerte meinen Griff ein wenig.

„In Ischtars Schrein”, keuchte er. „Sie opfern sie der Göttin – Gnade – verschone mich – ich werde dir alles sagen – das ganze Komplott ... ”

Aber ich hatte schon genug gehört. Ich schleuderte ihn gegen eine Säule, sprang durch die Tür ins Freie und raste zwischen den mächtigen Pfeilern auf die Straße.

Eine atemlose Stille herrschte. Keine fröhlichen Massen feierten die Vernichtung ihrer Feinde, wie doch zu erwarten gewesen wäre. Die Türen waren verschlossen, die Fenster mit Läden bedeckt. Kaum ein Licht brannte, und ich sah nicht einmal einen Wächter. Es war alles so seltsam und unwirklich: die schweigende, geisterhafte Stadt, in der nur der unnatürliche Lärm des Gelages aus der großen Halle zu hören war. Lediglich auf dem Marktplatz, wo unsere Verwundeten lagen, flackerten ein paar Fackeln.

Ich hatte den alten Asgrimm am Kopf der Tafel sitzen sehen, seine Hände von Blut gerötet, sein vielfach zerhauenes Kettenhemd fleckig und verschmiert unter dem Seidenumhang, und sein Gesicht im Schatten des wippenden Federbusches auf seinem Kopf. Die ganze Tafel auf und ab umarmten und küßten die Mädchen die halbbetrunkenen Asen, halfen ihnen die schweren Helme und die Rüstungen abnehmen, als der Wein ihnen immer mehr einheizte.

In Fußnähe der Tafel riß Kelka wie ein ausgehungerter Wolf an einem riesigen Stück Fleisch. Ein paar lachende Mädchen wollten ihm sein Schwert nehmen, bis er plötzlich, wütend über die Frechheit, der Hartnäckigsten einen heftigen Schlag mit dem Knochen versetzte, an dem er gekaut hatte. Sie fiel bewußtlos zu Boden. Trotzdem ließ die laute Fröhlichkeit nicht nach. Plötzlich mußte ich sie mit Vampiren und Skeletten vergleichen, die sich bei einem Fest mit Staub und Asche vergnügten.

Ich eilte die stille Straße entlang, überquerte den Hof, rannte vorbei an den Häusern der Unterpriester, in denen sich nur Sklaven zu befinden schienen. Dann stürmte ich durch das hohe Säulentor in die Düsternis des Tempels und tastete mich zur Tür des schwach erhellten Schreines. Erstarrt blieb ich stehen. Unterpriester und nackte Frauen standen verzückt um den Altar. Sie leierten den Opfergesang und hielten goldene Kelche, um das Blut aufzufangen, das durch die fleckigen Rillen des Steins floß. Und auf diesem Altar lag, einem verendenden Reh gleich, leise wimmernd – Aluna.

Wie dichter Schatten war die Wolke aus den Räucherschalen, die den Schrein verdüsterte, doch rot wie das Höllenfeuer der Schleier vor meinen Augen. Mit einem unmenschlichen Schrei, der schrecklich von der hohen Kuppeldecke widerhallte, stürzte ich vorwärts. Schädel zersplitterten unter meinem Schwert. Meine Erinnerung an dieses Gemetzel ist nur vage und chaotisch. Ich entsinne mich gräßlicher Angst – Todesschreie, des Wirbelns meiner Klinge, des Blutes und der winselnden Gestalten, die sich vergeblich in Sicherheit zu bringen versuchten – und ich rannte hinter und zwischen ihnen wie ein blutgieriger Wolf unter Schafen. Nur wenige entkamen.

Aber klar entsinne ich mich einer grazilen nackten Frau, die, vor Angst erstarrt, dicht am Altar stand. Sie hatte den blutgefüllten Kelch in der Hand, und ihre Augen waren furchterfüllt, als ich sie packte und gegen die Marmorstufen schmetterte. An den Rest erinnere ich mich kaum. Eine Zeitlang erfüllte mich eine tödliche Besessenheit, die den Schrein mit Leichen übersäte. Dann stand ich allein unter den Toten in dem verwüsteten Raum.

Mein Schwert entglitt meiner plötzlich kraftlosen Hand, als ich mich schweren Schrittes zum Altar schleppte. Alunas Lider hoben sich schwach, während ich mit hängenden Schultern auf sie hinabblickte.

„Hialmar!” murmelte sie. Dann schlossen ihre Lider sich wieder. Die langen Wimpern warfen Schatten über ihre jungen Wangen, und mit einem leisen Seufzer bewegte sie ihren flachshaarigen Kopf und lag nun wie ein Kind, das der Schlaf überwältigt hat. Meine ganze gequälte Seele schrie, aber meine Lippen blieben stumm in der Ausdruckslosigkeit des Barbaren. Ich sank vor dem Altar auf die Knie, berührte zögernd ihre schlanke Gestalt und küßte unbeholfen ihre Lippen. Diese eine Handlung – dieser zögernde Kuß – war die einzige Zärtlichkeit im ganzen, harten Leben Hialmars, des Asen.

Langsam erhob ich mich und blickte auf das tote Mädchen hinab, und dann bückte ich mich genauso langsam und mechanisch, um mein Schwert auf zuheben. Bei der Berührung des vertrauten Knaufes brandete die rote Wut meiner Rasse durch meinen Schädel. Mit einem schrecklichen Schrei rannte ich die Marmorstufen empor. Ischtar! Sie hatten Alunas zitternden Geist zu der Göttin hochgeschickt. Und nun unmittelbar hinter diesem Geist folgte ihr Rächer! Keine Geringere als die blutrünstige Göttin selbst sollte für Aluna bezahlen. Mein war der simple Kult der Barbaren. Die Priester hatten gesagt, Ischtar wohne über dem Schrein, und die Stufen führten zu ihrem Heim. Vage nahm ich an, daß sie den Weg in das unvorstellbare Reich der Sterne und Schatten wiesen. Aber das bedeutete nichts in meiner Wut. Hoch stieg ich, in schwindelerregende Höhen, bis der Schrein in der Düsternis der Fackeln kaum noch zu sehen war, und mich nur noch Dunkelheit umhüllte.

Und dann stand ich – nicht in dem großen, sternenübersäten Reich der Götter, sondern vor einem goldenen Gitter, und dahinter hörte ich das Schluchzen einer Frau. Aber es war nicht Alunas nackte Seele, die vor einem göttlichen Thron weinte, denn ob lebend oder tot, ich kannte ihre Stimme.

In wilder Wut packte ich die Gitterstäbe, bis sie sich in meinen Händen verbogen und nachgaben. Wie Strohhalme riß ich sie zur Seite und sprang durch die so geschaffene Öffnung nun hindurch, mit dem Schlachtruf bereits in meiner Kehle, aber noch nicht über den Lippen. In dem trüben Licht, das von einer Pechpfanne hoch in einer Nische kam, sah ich ein kreisrundes Gemach mit Kuppeldach, das genau wie die Wände aus Gold war. Samtüberzogene Lager mit Seidenkissen standen herum, und auf einem davon lag eine weinende nackte Frau. Ich sah Peitschenstriemen auf ihrem weißen Körper, und blieb verwirrt stehen. Wo war die Göttin Ischtar?

Details

Seiten
176
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903140
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321078
Schlagworte
kampf asen

Autor

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Titel: Der Kampf der Asen