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Odins letzte Schlacht

2016 160 Seiten

Leseprobe

Odins letzte Schlacht

Vier Fantasy-Erzählungen von Robert E. Howard

Von Kriegern, Göttern und Dämonen

Robert E. Howard, Autor von Conan, hatte schon zu Lebzeiten eine große Leserschaft. Doch der eigentliche Durchbruch, der seine Werke in aller Welt zu Fantasy-Bestsellern machte, erfolgte erst viele Jahre nach dem Tod des Autors.

In diesem Band stellen wir  vier von R. E. Howards berühmten Sword-and-Sorcery-Stories vor.

Es sind

DER GARTEN DES GRAUENS

Ein Seelenwanderer erinnert sich

DAS ENDE DES GRAUEN GOTTES

Odins letzte Schlacht

GEISTER DER NACHT

Der Kampf des Verfluchten

HERR VON SAMARKAND

Ein Krieger des Westens im Dienst Tamerlans

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Aus dem Amerikanischen

von Lore Straßl

Cover: Fernando Cortes de Pablo/123RF mit Steve Mayer, 2016

DER GARTEN DES GRAUENS

Ich war einst Hunwulf, der Wanderer. Für die Tatsache, daß ich mir dessen absolut bewußt bin, kann ich weder okkulte, noch esoterische Gründe angeben. Ich will es auch gar nicht versuchen. Man erinnert sich an sein vergangenes Leben. Ich entsinne mich all meiner vergangenen Leben. So wie ein normaler Sterblicher seine Erinnerungen an Personen und Orte seiner Kindheit und Jugend bewahrt, so erinnere ich, James Allison, mich aller Personen, die ich bis weit in längst vergessene Zeit gewesen war. Wie ich zu dieser ungewöhnlichen Erinnerungskraft gekommen bin, kann ich genausowenig erklären wie alle Phänomene, denen ich und alle anderen Sterblichen tagtäglich ausgesetzt sind. Und während ich so in meinem Bett ausgestreckt liege und darauf warte, daß der Tod mich von meinem langen Siechtum befreit, schaue ich ganz klar und deutlich das erstaunliche Bild all der Leben, die hinter mir liegen. Ich sehe die Menschen, die ich gewesen bin, und die Tierwesen.

Denn meine Erinnerung endet nicht mit der Geburt der Menschheit. Wie könnte sie auch, da doch die Geschöpfe, die vor dem Menschen gewesen sind, erst zu ihm führten? Es gibt keine deutliche Grenze, wo das Tier aufhört und der Mensch beginnt. Jetzt gerade sehe ich die gigantischen Bäume eines Urzeitwalds, der nie die Schritte lederbeschuhter Füße gekannt hat. Ich sehe eine plumpe, kräftige Gestalt, die scheinbar unbeholfen, doch unvorstellbar flink, einmal hochaufgerichtet, einmal auf allen vieren, durch diesen Wald eilt. Bei einem gestürzten, verrottenden Stamm hält sie an und gräbt Maden und Insekten aus. Ihre kleinen Ohren zucken pausenlos. Nun hebt sie ihren Kopf und fletscht die gelben, spitzen Zähne. Sie ist ein anthropoides Geschöpf der Urzeit. Ich erkenne ihre Verwandtschaft mit der Persönlichkeit, die jetzt James Allison heißt Verwandtschaft? Nein, es ist mehr. Ich bin er, er ist ich. Mein Fleisch ist weich und hell und haarlos; seines ist dunkel und zäh und mit zottligem Pelz bedeckt. Und doch waren wir eins. Schon jetzt beginnen sich in seinem schwachen, noch unentwickelten Gehirn die ersten menschlichen Gedanken und Träume zu regen, vage, unausgeprägt, chaotisch und flüchtig noch, und doch die Grundlage für all die hohen Visionen, von der die Menschheit in den Zeiten, die folgten, träumte, und die sie wahrzumachen versuchte.

Aber meine Erinnerung endet nicht einmal dort. Noch weiter reicht sie zurück, entlang unvorstellbarer Pfade, denen ich nicht zu folgen wage, durch Abgründe, die zu finster und schrecklich sind, als daß ein menschlicher Geist sich in sie verirren dürfte. Doch selbst dort noch bin ich mir meiner Identität bewußt, meiner Individualität. Glaubt mir, das Individuum verliert sich nie, weder in jenem schwarzen Schlund, aus dem wir dereinst blind und formlos krochen, noch in dem Nirwana einer fernen Zukunft, in das wir einmal versinken werden – auch das habe ich bereits erschaut, es lag leuchtend wie ein blauer Zwielichtsee zwischen den Bergen der Sterne.

Doch genug. Ich möchte euch von Hunwulf erzählen. Oh, seine Zeit liegt schon lange zurück. Wie lange, wage ich gar nicht zu sagen. Weshalb sollte ich mich um blasse Vergleiche bemühen, um eine Zeit so unerklärbar, unbegreiflich fern zu beschreiben? Seit jener Epoche hat die Erde ihr Angesicht nicht einmal, sondern dutzendemal verändert, und unzählige Generationen der Menschheit haben den Kreislauf ihres Lebens vollendet.

Ich war Hunwulf, ein Sohn der goldhaarigen Asen, die von den eisigen Ebenen des schattigen Asgards ihre blauäugigen Kinder in jahrhundertelangen Wanderschaften rund um die Welt schickten, wo sie überall ihre Spuren hinterließen. Auf einem dieser südwärtsführenden Züge kam ich zur Welt. Persönlich sah ich also nie die Wiege meines Volkes, wo der Großteil der Nordheimer noch in Pferdehautzelten im Schnee lebte.

Auf jener langen Wanderung wuchs ich auf, wurde zum Mann, mit der unbezähmbaren Männlichkeit der Asen, die außer dem frostbärtigen Ymir keine Götter anerkannten, und von deren Streitäxten das Blut vieler Völker troff. Meine Muskeln glichen stählernen Tauen. Mein gelbes Haar fiel wie eine Löwenmähne bis zu den kraftstrotzenden Schultern herab. Ein Leopardenfell bedeckte meine Lenden. Mit jeder Hand konnte ich gleichermaßen die schwere Steinaxt schwingen.

Jahr um Jahr zog mein Stamm dahin, immer südwärts, auch wenn wir manchmal größere Bogen nach Osten oder Westen schlugen und hin und wieder Monate oder gar Jahre in fruchtbaren Tälern verweilten oder auf weiten Steppen, wo die Grasfresser in gewaltigen Herden zu Hause waren. Manchmal führte unser Zug durch schier endlose Einsamkeit, die nie die Stimme des Menschen gehört hatte. Hie und da verweigerten fremde Stämme uns das Recht des Weges, dann ließen wir die blutgetränkte Asche ganzer Dörfer zurück. Wie gesagt, auf dieser Wanderung wurde ich mit Jagen und Kämpfen zum Mann und erwarb mir die Liebe Gudruns.

Wie kann ich euch von Gudrun erzählen? Wie dem Blinden Farben beschreiben? Genügt es, zu sagen, daß ihre Haut weißer als Milch, ihr Haar vom Gold war, in dem die Strahlen der Sonne spielen? Daß ihr vollendet geformter, anmutiger Körper den Neid griechischer Göttinnen erregt hätte? Aber damit könnte ich euch nicht das Feuer erklären, das in ihr brannte, nicht das Wunder, das Gudrun war. Ihr hättet keine Vergleichsmöglichkeit. Ihr kennt nur die Frauen eures Zeitalters, die neben ihr wie Kerzenflammen wären, verglichen mit dem Leuchten des Vollmonds. Seit Äonen wandeln keine Frauen wie Gudrun mehr über diese Erde. Kleopatra, Thais, die schöne Helena, sie alle waren nur farblose Schatten Gudruns, schwächliche Blüten gegenüber jenen Blumen, die nur in den rauhen Zeiten der Menschheit zu voller Pracht erblühen konnten.

Für Gudrun verließ ich meinen Stamm, meine Brüder, und schlug mich als Verbannter, als Ausgestoßener mit Blut an meinen Händen, durch die Wildnis. Gudrun gehörte meiner Rasse an, doch war sie ursprünglich nicht von meinem Stamm. Ein Findelkind war sie, das ein anderer Stamm unseres Blutes in einem dunklen Wald verloren hatte, wo wir sie in unseren aufnahmen. Als sie zur vollen Schönheit weiblicher Reife erblühte, gab man sie Heimdul, dem Starken, dem besten Jäger des Stammes, zur Gefährtin.

Aber der Traum von Gudrun erfüllte meine Seele mit Wahnsinn. Mit einer Glut brannte er in mir, daß ich meine Steinaxt nahm und Heimduls Schädel zerschmetterte, ehe er Gudrun in sein Zelt tragen konnte. Danach folgte unsere lange währende Flucht vor der Rache des Stammes. Willig kam sie mit mir, denn sie liebte mich mit der Liebe der Asinnen, die eine verschlingende Flamme ist. Oh, es war ein grimmiges Zeitalter, in dem das Leben wild und blutig war und die Schwachen nicht lange lebten. Nichts war zart und sanft an oder in uns. Unsere Leidenschaft war die des Sturmes, war die Wildheit des Löwen. Unsere Liebe war so schrecklich wie unser Haß.

So entführte ich Gudrun dem Stamm. Eine Nacht und einen Tag waren die Rächer uns dicht auf den Fersen, bis wir durch einen reißenden Fluß schwammen, den selbst die tollkühnen Asen nicht zu überqueren wagten. Doch in der Leidenschaftlichkeit unserer Liebe gingen wir dieses Wagnis ein und ließen uns mit der Strömung reißen, die uns schließlich lebend ans andere Ufer warf.

Viele Tage lang zogen wir dann durch hochgelegene Wälder, in denen Leoparden und Tiger hausten, und kamen so zu einer gewaltigen Bergkette, deren Gipfel sich wie unbezwingbare Zinnen in den Himmel hoben und deren Mauern steile Felswände waren.

Beißenden, eisigen Wind und nagenden Hunger fanden wir dort, und riesige Kondore stürzten sich mit dröhnendem Schwingenschlag auf uns herab. All meine Pfeile verschoß ich in jenen Bergpässen und zerbrach die Steinspitze meines Speeres. Doch endlich hatten wir die grimmigen Berge überquert. Als wir ihre sanfteren Südhänge hinabgestiegen waren, kamen wir zu einem Dorf aus Lehmhütten, in dem ein friedliches Volk braunhäutiger Menschen hauste, deren Zunge uns so fremd war wie ihre Gebräuche. Aber sie begrüßten uns mit dem Zeichen der Freundschaft, führten uns in ihr Dorf, setzten uns Fleisch, schwarzes Brot und gegorene Milch vor und kauerten sich in einem Kreis um uns, während wir aßen. Und eine Frau ehrte uns mit sanftem Trommelschlag.

Wir hatten das Dorf bei Einbruch der Dämmerung erreicht, und während wir uns gütlich taten, senkte die Nacht sich hernieder. Ringsum erhoben sich die Berge, sie streckten ihre Gipfel den Sternen entgegen. Die winzigen Lehmhütten mit ihren zaghaften Feuern verloren sich in der schier unendlichen Dunkelheit. Gudrun spürte die Einsamkeit dieser trostlosen Nacht und drückte sich an mich, daß ihr Kopf auf meiner Brust ruhte. Aber meine Streitaxt lag dicht neben mir, und so fühlte ich mich, der ich nie Angst gekannt hatte, sicher.

Die kleinen braunen Männer und Frauen hockten sich nun uns gegenüber auf den Boden und versuchten, sich mit Hilfe ihrer schmalen Hände mit uns zu unterhalten. Da sie seßhaft waren und in einer verhältnismäßig friedvollen Umgebung lebten, fehlten ihnen sowohl die Stärke als auch die kompromißlose Wildheit der nomadenhaften Asen. Die weichen Bewegungen ihrer zarten Finger im flackernden Feuer verrieten uns ihre freundlichen Gefühle uns gegenüber.

Ich gab ihnen zu verstehen, daß wir aus dem Norden gekommen waren und die gewaltige Bergkette überquert hatten und beabsichtigten, uns am Morgen weiter hinab in das grüne Tafelland zu begeben, das wir südlich des Gebirges erspäht hatten. Als sie begriffen, was ich meinte, schrien sie auf, schüttelten heftig die Köpfe und schlugen wie wild auf die Trommel. Es war mir klar, daß sie mir unbedingt etwas mitteilen wollten, aber da sie alle durcheinanderplapperten und die Hände rangen und damit herumfuchtelten, verwirrten sie mich mehr, als sich mir verständlich zu machen. Soviel begriff ich jedoch, daß sich südlich des Dorfes etwas Gefährliches befand, doch nicht welcher Art – ob Mensch oder Tier – diese Gefahr war.

Während meine ganze Aufmerksamkeit noch ihren sich fast überschlagenden Gesten und Gebärden galt, schlug diese geheimnisvolle Gefahr zu. Als erstes machte sie sich durch brausenden Schwingenschlag bemerkbar. Dann stürzte sich eine dunkle Gestalt aus der Schwärze der Nacht herab, und die Wucht eines schweren Flügels warf mich zu Boden. Ehe ich noch halbbetäubt aufspringen konnte, schrie Gudrun schrill auf, als sie von meiner Seite gerissen wurde. Zitternd vor Wut und vom Verlangen erfüllt, mich auf diese dunkle Gestalt zu werfen, schnellte ich hoch. Aber ich sah nur noch, wie sie mit der schreienden Gudrun in den Krallen durch die Lüfte davonschoß.

Ich packte meine Axt und rannte brüllend wie ein Berserker in die nächtliche Dunkelheit – doch abrupt blieb ich stehen. Ich wußte ja nicht einmal, in welche Richtung ich mich halten müßte.

Die kleinen braunen Menschen hatten schreiend die Flucht ergriffen und waren in ihrer Hast, ihre Hütten zu erreichen, mitten durch die Feuer gestolpert. Jetzt kehrten sie wie geprügelte Hunde ängstlich wimmernd zurück. Sie umringten mich und redeten mit dem Mund, den Händen und Füßen auf mich ein. Ich fluchte wild, weil ich ihre Sprache nicht verstand und sie mir doch zweifellos dringend etwas über dieses Flügelwesen mitteilen wollten.

Schließlich, als wir uns alle ein wenig beruhigt hatten, führten sie mich zu dem größten der Feuer, und einer der Älteren brachte einen Streifen gegerbte Tierhaut, zwei Lehmschalen mit Farbe und ein dünnes Stöckchen. Damit zeichnete er in groben Zügen die geflügelte Kreatur mit einer weißen Frau in seinen Krallen. Dann deuteten sie alle südwärts. Ich verstand, daß dieses Flügelwesen die Gefahr war, vor der sie mich zuvor hatten warnen wollen. Jetzt wurde mir aber auch erst klar, daß es sich nicht um einen Riesenkondor handelte, wie ich bisher geglaubt hatte, denn zu deutlich erkannte ich auf diesem Bild, daß das unheimliche Geschöpf trotz seiner gewaltigen Schwingen menschliche Gestalt hatte.

Bedächtig und mühevoll zeichnete der Alte noch etwas auf die Tierhaut, das ich schließlich als Karte erkannte. O ja, selbst in diesem frühen Zeitalter hatten wir schon primitive Landkarten, die jedoch kein Mensch der modernen Zeit lesen könnte, so fremd wären für ihn die Symbole.

Es war bereits Mitternacht, als der Alte endlich fertig war und ich mit der Karte zurechtkam. Wenn ich der eingezeichneten Route durch das lange, schmale Tal, in dem das Dorf stand, folgte und dann über ein Plateau und mehrere Felshänge zu einem weiteren Tal, würde ich zu dem Ort kommen, wo das Wesen hauste, das mir meine Gefährtin geraubt hatte. Diesen Ort markierte der Alte als unförmige Hütte, mit unzähligen Punkten in Rot ringsherum. Er deutete auf letztere, dann blickte er mich beschwörend an, schüttelte den Kopf und stieß jene lauten wimmernden Schreie aus, die bei diesem Völkchen offenbar Gefahr bedeuteten.

Dann versuchte er, mich davon abzubringen, diesen Ort aufzusuchen. Aber ich glühte vor Eifer und Wut. Ich nahm den Streifen Tierhaut und einen Beutel mit Brot und Fleisch, den sie mir in die Hand drückten, packte meine Streitaxt und stapfte hinaus in die mondlose Dunkelheit. Aber meine Augen waren schärfer, als ein moderner Mensch es sich auch nur vorstellen könnte, und mein Orientierungssinn hätte dem eines Wolfes Konkurrenz gemacht. Nachdem ich mir die Karte eingeprägt hatte, hätte ich sie wegwerfen können und trotzdem den Ort, den ich suchte, ohne weiteres gefunden. Aber ich faltete sie zusammen und steckte sie in meinen Gürtel.

Ich eilte dahin, ohne der Raubtiere – Höhlenbären und Säbelzahntiger – zu achten, die auf Beutefang unterwegs sein mochten. Manchmal hörte ich Steinchen unter weich gepolsterten Pfoten davonrollen. Ich sah leuchtende gelbe Augen in der Dunkelheit und schattenhafte, schleichende Gestalten. Aber tollkühn hielt ich meinen geraden Weg ein. Ich war in einer viel zu verzweifelten Stimmung, als daß ich selbst der gefährlichsten Bestie ausgewichen wäre.

Am Ende des Tales stieg ich einen Berghang hoch und kam zu einem zerklüfteten und mit Felsbrocken besäten Plateau. Ich überquerte es und wartete nicht auf den Morgen, um die gefährlichen Steilwände hinabzuklettern. Im Dunkeln bezwang ich sie. Ich nahm mir nicht einmal Zeit, den aus Tierhaut geflochtenen Strick aufzurollen, den ich um meine Schultern geschlungen hatte. Ich vertraute auf mein Glück und meine Geschicklichkeit, mich in die ungeheure Tiefe der abfallenden Wände hinabzubringen.

Als der erste helle Schimmer des Morgens sich auf die Gipfel herabsenkte, kam ich in einem breiten Tal an, das von gewaltigen Bergen wie von einer natürlichen Mauer eingeschlossen war. Wo ich stand, dehnte es sich von Osten nach Westen weit aus, aber die Berge zogen sich dem gegenüberliegenden Südende zu zusammen – doch nicht ganz, sie ließen eine Lücke offen –, so daß das Tal die Form eines Fächers hatte. Der Talboden war eben, ein schmaler Fluß wand sich gemächlich hindurch. Der Baumbewuchs war kärglich, es gab auch kein Unterholz, lediglich einen Teppich aus hohem Gras, der zu dieser Zeit allerdings verdorrt wirkte. Am Fluß entlang, wo reicherer, saftiger Pflanzenbewuchs zu finden war, streiften gewaltige Mammute umher, haarige Kolosse aus Fleisch und Muskeln.

Um sie machte ich einen weiten Bogen. Mit ihnen wollte ich mich wahrhaftig nicht anlegen. Sie fürchteten sich vor nichts auf Erden, oder doch, vor einem. Drohend hoben sie ihre riesigen Rüssel und wackelten mit den lappigen Ohren, wenn ich ihnen versehentlich zu nahe kam. Aber sie griffen mich nicht an. Ich rannte flink zwischen den weit auseinanderstehenden Bäumen dahin. Die Sonne war noch nicht über den östlichen Bergzinnen aufgegangen, obgleich ihr Schein bereits Schlüchte und Pässe vergoldete, als ich die Stelle erreichte, wo der Fächer auslief und die Berge zusammenkamen. Meine nächtliche Klettertour hatte meine eisernen Muskeln nicht angestrengt, und ich empfand auch keine Müdigkeit. Meine Wut brannte noch so heiß wie zuvor. Was jenseits der fast zusammenwachsenden Berge lag, konnte ich nicht wissen. Ich dachte auch nicht darüber nach. Ich hatte nur den Gedanken, das Ungeheuer, das mir Gudrun geraubt hatte, zu stellen und zu töten.

Die Lücke, von der ich bereits gesprochen habe, war mehrere hundert Fuß breit, und der Fluß strömte hindurch. Die Bäume wuchsen hier sehr dicht. Ich rannte durch diese Lücke und kam so in ein weiteres Tal, das sich jenseits des Passes erneut ausbreitete und ovalförmig von Bergen umgeben war. Auch hier schienen sie sich am Talende nicht ganz zu schließen. Dieses Oval sah eigentlich mehr wie eine bauchige Flasche mit zwei Hälsen aus. Der Hals, durch den ich es betreten hatte, war, wie gesagt, dicht bewaldet. Die Bäume reichten mehrere hundert Meter weit ins Innere und machten dort abrupt einem Feld mit roten Blumen Platz. Und hinter diesen Blumen sah ich ein merkwürdiges Bauwerk.

Ich darf jetzt nicht allein mit Hunwulfs Zunge reden, sondern muß auch James Allisons Worte benutzen, um mich euch verständlich zu machen, denn Hunwulf könnte dieses Bauwerk nicht beschreiben. Ich, als Hunwulf, verstand nichts von Architektur. Die einzigen menschlichen Behausungen, die ich je gesehen hatte, waren die Pferdehautzelte meines Volkes und die strohbedeckten Lehmhütten der braunhäutigen Menschen und anderer ähnlich primitiver Völker.

Als Hunwulf konnte ich also nur sagen, daß ich eine riesige Hütte vor mir sah, deren Bauweise über mein Begriffsvermögen ging. Ich, als James Allison, dagegen weiß, daß es sich um einen etwa fünfundzwanzig Meter hohen Turm aus glänzendem grünen Stein handelte, einem Stein, der fast durchsichtig wirkte, es jedoch nicht war. Der Turm war rund, also zylinderförmig, und soweit ich aus der Ferne erkennen konnte, ohne Fenster und Türen. Der Hauptteil dieses Bauwerks reichte bis zu einer Höhe von etwa achtzehn Meter, die restlichen sieben ergänzte ein aufgesetzter, schlankerer Turm. Da sein Durchmesser also geringer als der des unteren war, ergab sich eine Art Balkon ringsum mit Zinnen wie bei einer Burg. In diesem oberen Turm gab es sowohl eigentümlich geformte Bogentüren als auch Fenster, die zweifellos vergittert waren.

Das war alles. Nichts rührte sich dort und zeugte davon, daß der Turm bewohnt war. Überhaupt wirkte das ganze Tal wie ausgestorben. Keine Vogelstimmen, kein Rascheln von kleineren Tieren im Gras, nichts war zu hören. Zweifellos aber war der Turm das Bauwerk, das der Alte in dem Bergdorf zu zeichnen versucht hatte. Ich war jedenfalls überzeugt, daß ich Gudrun hier finden würde – sofern sie noch lebte.

Hinter dem Turm sah ich einen blauen See schimmern, in den der sich an den rechten Bergwänden entlangwindende Fluß mündete. Zwischen den Bäumen versteckt, starrte ich auf den Turm und die Blumen, die ihn ringsum dicht und etwa hundert Meter breit umgaben. Am anderen Ende des Tals bemerkte ich in Seenähe Bäume, doch zwischen den Blumen gediehen keine.

Diese eigentümlichen Blumen waren ganz anders als alle, die ich kannte. Sie wuchsen so dicht beisammen, daß sie sich fast berührten, und waren über einen Meter hoch. Aus jedem Stengel strebte nur eine Blüte, doch die war größer als ein Männerkopf und hatte breite, fleischige Blätter, die geschlossen waren. Diese Blütenköpfe leuchteten in dem blutigen Rot einer frischen Wunde. Die Stengel waren etwa so dick wie ein Frauenarm, farblos, ja fast durchsichtig. Die giftiggrünen Blätter hatten die Form von Speerspitzen an langen, schlangengleichen Stielen. Irgendwie wirkten sie abstoßend auf mich und unheimlich.

Die Instinkte meiner wilden Rasse erwachten in mir. Die Haare auf meinem Nacken stellten sich auf. Ich spürte eine lauernde Gefahr, wie ich schon oft den anschleichenden Löwen geahnt hatte, ehe ich ihn hörte, sah oder roch. Mit halbzusammengekniffenen Augen betrachtete ich diesen dichten Bewuchs und fragte mich, ob sich vielleicht eine riesige Giftschlange in ihm verbarg. Meine Nasenflügel blähten sich, als ich versuchte, etwas zu riechen, aber der Wind wehte aus einer falschen Richtung. Irgend etwas war unnatürlich an diesem gewaltigen Garten. Obgleich der Nordwind darüber fegte, bewegte sich keine einzige Blüte, kein Blatt raschelte. Wie Raubvögel mit gesenkten Schädeln hingen die großen Blumenköpfe von ihren Stengeln. Und ich hatte das gespenstische Gefühl, daß sie mich beobachteten.

Das Ganze schien mir wie ein Bild aus einem Traum. An beiden Seiten die nackten Felswände, die sich den weißen Wolken entgegenhoben; in der Ferne der verträumte blaue See, und davor der phantastische grüne Turm inmitten des grellroten Blumenmeers.

Und da war noch etwas, das mir jetzt erst bewußt wurde. Trotz des Windes, der in die mir entgegengesetzte Richtung blies, nahm ich einen Geruch wie von einem alten Schlachtfeld auf, auf dem die Toten unbegraben verrottet und vermodert waren – und diesen Geruch strömten die grellroten Blumen aus.

Ich zog mich hastig hinter einen Baum zurück, als auf dem Turm eine Gestalt auf den Balkon trat. Sie lehnte sich an die brusthohen Zinnen und blickte über das Tal. Es war ein Mann, aber einer, wie er mir nicht einmal in meinen Alpträumen je begegnet war.

Er war hochgewachsen, kräftig, von der Farbe polierten Ebenholzes. Aber was ihn für mich zur Alptraumgestalt machte, waren die fledermausähnlichen Flügel, die zusammengefaltet auf seinen Schulterblättern ruhten. Ich wußte, daß es Schwingen waren. Diese Tatsache war offensichtlich und unbestreitbar.

Ich, James Allison, habe oft darüber gegrübelt, welcher Art diese Kreatur war, die ich durch Hunwulfs Augen gesehen hatte. War dieser Geflügelte lediglich eine seltsame Laune der Natur, die nur ein einzelnes solches Exemplar hervorgebracht hatte, das nun in der Einsamkeit hauste? Oder war er ein Überlebender einer vergessenen Rasse, die auf der Erde zu Hause gewesen, sie beherrscht hatte und lange vor dem Erscheinen der Menschen, wie wir sie kennen, ausgestorben war? Die kleinen braunhäutigen Burschen im Bergdorf hätten es mir vielleicht sagen können, aber unsere Sprachen waren zu verschieden, als daß eine Verständigung möglich gewesen wäre. Ich halte jedenfalls mehr von meiner zweiten Theorie. Geflügelte sind in der Mythologie nichts Ungewöhnliches. Man begegnet ihnen in den Sagen, Legenden und Märchen vieler Völker und Rassen. Denkt nur an die Harpyien, Engel und Dämonen. Legenden sind schließlich etwas wie verzerrte Schatten einer früheren Wirklichkeit. Ich glaube, daß einmal eine Rasse geflügelter schwarzer Menschen eine Welt lange vor Adam beherrschte, und daß ich, Hunwulf, ihrem letzten Überlebenden in jenem Tal der roten Blumen begegnete.

Dies sind natürlich die Überlegungen James Allisons mit seinem modernen Wissen, das so unwägbar wie seine moderne Ignoranz ist.

Ich, Hunwulf, beschäftigte mich nicht mit solchen Gedanken. Die Skepsis des modernen Menschen war nicht Teil meines Wesens, auch versuchte ich nicht, mit Vernunftgründen etwas fortzuleugen, das nicht in die Normalität der natürlichen Umwelt zu passen schien. Ich erkannte keine Götter außer Ymir und seinen Töchtern an, aber ich bezweifelte deshalb nicht die Existenz von Dämonen oder Göttern, die von anderen Völkern und Rassen verehrt wurden. Übernatürliche Wesen aller Arten und Formen gehörten zu meiner Vorstellung des Lebens und des Universums. Ich wußte, daß es Löwen und Büffel und Elefanten gab, weshalb sollte es keine Drachen, Geister, Gespenster, Dämonen und Teufel geben? Ich akzeptierte diese Laune der Natur oder diesen Überlebenden einer ausgestorbenen Rasse als übernatürliches Wesen und machte mir keine Gedanken über seinen Ursprung oder seine Herkunft. Doch deshalb verfiel ich nicht in Panik oder abergläubische Furcht. Ich war schließlich ein Sohn Asgards, der weder Tod noch Teufel fürchtete. Und ich hatte mehr Vertrauen in die zerschmetternde Kraft meiner Steinaxt als in die Zaubersprüche der Priester oder die Beschwörungen der Hexer.

Aber ich rannte nicht sofort hinaus ins Freie, um den Turm zu stürmen. Mein war die Vorsicht der Wilden, und ich wußte nicht, wie ich die Burg erklimmen konnte. Der Geflügelte brauchte keine Türen in Bodennähe, denn zweifellos betrat er seinen Turm in luftiger Höhe. Der glatte, glänzende Stein des Bauwerks schien jedenfalls selbst dem geübtesten Kletterer zu trotzen. Plötzlich kam mir eine Idee, wie ich zu dem oberen Turm hochkommen könnte. Aber ich zögerte. Ich wollte noch abwarten, um zu sehen, ob es vielleicht noch weitere Geflügelte gab. Aber irgendwie hatte ich das sichere Gefühl, daß dieser eine der einzige im Tal – ja möglicherweise auf der ganzen Welt war. Als ich noch hinter meinem Baum hervorspähte, sah ich, wie er seine Ellbogen von der Zinnenbrüstung nahm und sich geschmeidig wie eine Katze streckte. Dann schritt er rings um den Balkon und betrat den Turm. Ein schnell erstickter Schrei gellte durch die Luft. Ich erstarrte, obwohl mir sofort klar war, daß ein Mann und nicht eine Frau ihn in Todesangst ausgestoßen hatte. Kurz darauf erschien der schwarze Herr der Burg wieder auf dem Balkon und zerrte eine kleinere Gestalt hinter sich her – eine Gestalt, die sich wand und sich gegen ihn stemmte und mitleiderregend wimmerte. Ich sah, daß es ein kleiner braunhäutiger Mann war. Vermutlich aus dem Bergdorf und wohl ebenso geraubt wie Gudrun, nahm ich an.

Er war wie ein hilfloses Kind in den Händen seines großen, kräftigen Feindes. Der schwarze Mann breitete seine Schwingen aus. Er erhob sich über die Zinnen und trug seinen Gefangenen, wie ein Kondor einen Spatzen halten mochte. Er flog hinaus über das Blumenfeld, während ich ihn verborgen hinter dem Baum verwundert beobachtete.

Mitten in der Luft hielt der Geflügelte schwebend an und stieß einen gespenstischen Schrei hervor, der auf grauenerregende Weise Antwort fand. Plötzliches Leben erfüllte das rote Feld unter ihm. Die großen Blumen erbebten und öffneten ihre fleischigen Blütenblätter. Ihre Stengel schienen emporzuwachsen und sich gierig dem Geflügelten entgegenzustrecken. Die Speerspitzenblätter vibrierten laut, daß es wie das Rasseln einer Klapperschlange klang. Ein grauenerregendes Zischen schien das ganze Tal zu erfüllen. Die Blumen hatten ihre Münder weit aufgerissen und bemühten sich, sich immer noch höher zu strecken. Der Geflügelte lachte dämonisch, dann ließ er seinen Gefangenen fallen.

Mit dem Schrei einer verlorenen Seele stürzte der kleine braune Mann in die Tiefe und schlug zwischen den Blumen auf. Mit einem raschelnden Zischen fielen sie über ihn her. Ihre elastischen Stengel krümmten sich, ihre Blütenblätter schlossen sich um sein Fleisch. Dutzende der Blumen klebten an ihm wie die Saugarme eines Kraken, erwürgten, zermalmten ihn. Seine Todesschreie klangen erstickt. Er war nun völlig von den zischelnden, peitschenden Blumen verborgen. Jene, die zu weit von ihm entfernt waren, schaukelten und wanden sich wütend, als wollten sie in ihrer Gier, etwas von ihm abzubekommen, ihre Wurzeln aus dem Boden reißen. Über das ganze riesige Feld lehnten und streckten die roten Blumen sich jener Stelle entgegen, wo das grauenvolle Morden noch seinen Gang nahm. Die erstickten Schreie wurden schwächer und verstummten schließlich völlig. Eine schreckliche Stille senkte sich über das Tal. Der schwarze Mann flatterte gemächlich zum Turm zurück und verschwand darin.

Die Blumen lösten sich nach und nach von ihrem Opfer, das weiß und leblos liegenblieb. Seine Weiße war mehr als die Blässe des Todes. Der kleine Mann schien wie ein Wachsabbild – eine Gestalt bar jeglichen Tropfen Blutes. Auch mit den Blumen war eine bemerkenswerte Veränderung vor sich gegangen. Ihre Stengel waren nicht mehr farblos. Dunkelrot waren sie nun und angeschwollen – wie durchsichtiger Bambus, der bis zum Bersten mit frischem Blut gefüllt ist.

Von unersättlicher Neugier getrieben, stahl ich mich aus den Bäumen bis dicht an den Rand des roten Feldes. Die Blumen zischten und streckten sich mir mit weit geöffneten Blütenblättern gierig entgegen. Ich wählte eine aus, die ferner von ihren Nachbarinnen als andere stand, und durchtrennte mit einem Hieb meiner Axt ihren Stengel. Sie fiel auf den Boden und wand sich wie eine geköpfte Schlange.

Als ihr Todeskampf geendet hatte, beugte ich mich verwundert darüber. Der Stengel war nicht hohl, wie ich geglaubt hatte – das heißt, hohl wie ein Bambusrohr. Ein Netzwerk aderähnlicher Verbindungen zog sich hindurch. Einige dieser Adern waren leer, andere enthielten einen farblosen Saft. Die Stiele, die die Blätter mit dem Stengel verbanden, waren erstaunlich biegsam und zäh, und vom Rand der Blätter wuchsen gekrümmte Stacheln heraus. Hatten diese Haken sich erst ins Fleisch des Opfers vergraben, war dieses gezwungen, die ganze Pflanze mitsamt den Wurzeln auszureißen, wenn es ihm gelingen wollte, zu entkommen.

Die Blütenblätter waren von Handgröße, dick wie eine Birne, und an der Innenseite mit unzähligen winzigen Mäulern, nicht größer als ein Stecknadelkopf, versehen. In der Mitte des Blütenkopfes, wo sich das Pistill hätte befinden sollen, war ein harter Dorn mit Widerhaken, von dem aus röhrenähnliche Verbindungen zwischen den darunterliegenden gezahnten Rändern verliefen.

Irgend etwas ließ mich abrupt aus meiner Betrachtung dieser schrecklichen Pflanze hochblicken. Der Geflügelte stand wieder auf dem Balkon und schien nicht sonderlich überrascht, mich zu sehen. Mit einer höhnischen Geste rief er mir etwas in einer fremden Zunge zu, während ich nur meine Axt umklammerte und wie zur Statue erstarrt zu ihm hochschaute. Plötzlich drehte er sich um, betrat den Turm, wie schon einmal zuvor, und wie zuvor kehrte er mit einem Gefangenen zurück, oder vielmehr in diesem Fall mit einer Gefangenen. Meine Freude darüber, daß Gudrun noch lebte, verdrängte flüchtig sogar den Haß und Grimm in mir.

Trotz ihrer geschmeidigen Kraft, die der eines Pantherweibchens gleichkam, behandelte der Geflügelte Gudrun mit derselben Leichtigkeit wie den braunhäutigen Mann zuvor. Er hob sie, die sich in seinem Griff wand, hoch über seinen Kopf, um sie mir zu zeigen, dabei brüllte er herausfordernd. Ihr goldenes Haar wallte über ihre weißen Schultern, während sie sich vergebens gegen ihn wehrte und mir in ihrer Angst und Verzweiflung zuschrie. Daraus schloß ich auf das Ausmaß der Bestialität dieses Schwarzen, denn nicht leicht war eine Tochter der Asen zu verängstigen.

Ich blieb reglos stehen. Hätte es Gudrun gerettet, ich wäre durch dieses rote Feld der Hölle gestürmt, obwohl ich wußte, daß diese teuflischen Blumen ihre Stacheln und Widerhaken in mich stoßen würden, um mir auch den letzten Tropfen Blut auszusaugen. Aber mir war klar, daß ihr das nicht helfen, sondern sie nur noch hilfloser dem Geflügelten ausliefern würde. Also verhielt ich mich ruhig, während sie sich wand und wimmerte und das höhnische Gelächter des Schwarzen den Grimm in mir noch verstärkte, falls das überhaupt möglich war. Einmal tat er, als würde er sie zu den Blumen hinabschleudern. Fast verließ mich da meine eiserne Selbstbeherrschung. Es fehlte nicht viel und ich hätte mich in diese rote Höllensee gestürzt. Aber er hatte mich nur reizen wollen, denn er brachte gleich darauf Gudrun in den Turm zurück. Dann kam er wieder auf den Balkon heraus, stützte seine Ellbogen auf die Brustwehr und beobachtete mich. Offenbar wollte er mit mir wie eine Katze mit der Maus spielen, ehe er direkte Schritte gegen mich unternahm.

Aber ich achtete jetzt nicht mehr auf ihn. Ich drehte mich um und kehrte in die Tiefe des Waldes zurück. Ich, Hunwulf, war nicht das, was der moderne Mensch unter einem Denker versteht. Ich lebte in einem Zeitalter, da Gefühle durch einen Hieb der Steinaxt übersetzt und nicht durch den Intellekt zerlegt werden. Aber keinesfalls war ich das dumme Tier ohne Intelligenz, für das der Schwarze mich offenbar hielt. Ich hatte ein leistungsfähiges Gehirn, das durch den endlosen Kampf um das Überleben geschärft war.

Es war mir klar, daß ich das rote Feld rings um die Burg nicht lebend durchqueren konnte. Ehe ich auch nur ein paar Schritte getan hatte, würden Dutzende der Widerhakenstempel in meinem Fleisch stecken und die Münder der Blütenblätter mir gierig das Blut aussaugen. Selbst meine Löwenkräfte würden nicht ausreichen, mir einen Weg durch diese grauenvollen Blumen zu hauen.

Der Geflügelte folgte mir nicht. Als ich einmal über die Schulter zurückblickte, stand er immer noch in der gleichen Haltung an die Brustwehr gelehnt. Immer, wenn ich als James Allison von Hunwulf träume, schiebt sich mir als erstes dieses Bild der geflügelten Schreckensgestalt vor die Augen, die wie ein Teufel des Mittelalters mit aufgestützten Ellbogen an den Zinnen der Hölle lehnt.

Ich rannte in das vordere Tal, wo die Bäume lichter waren und die Mammute am Fluß entlangstreiften. Hinter der Herde hielt ich in sicherer Entfernung an, holte meine Feuersteine aus dem Beutel und zündete das trockene Gras an mehreren Stellen in einem großen Halbkreis an. Der Nordwind erfaßte die Flammen, ließ sie hoch auflodern und jagte das Feuer talabwärts. In wenigen Augenblicken schob sich eine gewaltige Flammenwand durch das Tal.

Die Mammute hörten zu kauen auf, hoben ihre großen Ohren und gaben Alarm. Das einzige auf Erden, das sie fürchteten, war das Feuer. Sie zogen sich eilig südwärts zurück. Die Mammutkühe trieben schützend die Kälber vor sich her, und die Bullen folgten ihnen wild trompetend. Die Lohe folgte nun prasselnd immer schneller durch das Tal. Die Mammute stampften panikerfüllt, eine riesige Masse aus Fleisch und Muskeln und gewaltigen Knochen, blindlings dahin. Bäume zersplitterten unter ihrem Gewicht, und die Erde erbebte. Das Feuer raste ihnen nach, und hinter dem Feuer eilte ich her, so dicht, daß die Glut des Bodens mir die Elchledersandalen von den Füßen brannte.

Durch den engen Hals zwischen den beiden Tälern donnerten die Kolosse und zertrampelten die dichte Vegetation, entwurzelten Bäume, daß es aussah, als wäre ein Wirbelsturm durch den Paß gefegt.

Mit dem betäubenden Dröhnen ihrer stampfenden Beine und wildem Trompeten trampelten sie über das rote Blumenmeer. Diese teuflischen Pflanzen wären sicher imstande gewesen, ein einzelnes Mammut niederzureißen und zu töten, aber unter dem Gewicht der ganzen Herde waren sie nicht mehr als normale, hilflose Blumen. Die von Panik erfüllten Giganten rissen sie in Fetzen, zerquetschten sie und trampelten sie in den Boden, der sich wie ein Schwamm mit ihrem Saft füllte.

Ich zitterte einen Augenblick aus Angst, die Herde würde der Burg nicht ausweichen, sondern blindlings darauf losstürmen. Selbst ein so mächtiges Bauwerk könnte der Wucht der geballten Mammutleiber vermutlich nicht standhalten. Offensichtlich teilte der Geflügelte meine Befürchtung, denn er flog über die Brustwehr hoch in Richtung des Sees. Einer der Mammutbullen rannte tatsächlich geradewegs gegen den Turm. Er prallte jedoch von dem glatten Gestein zurück und stieß mit aller Wucht gegen einen Artgenossen. Jetzt spaltete die Herde sich und donnerte an beiden Seiten am Turm vorbei, doch so nahe, daß ihr zotteliges Fell dagegen streifte. Weiter stampften sie durch das rote Feld auf den See zu.

Als das Feuer den Rand des brennenden Waldes erreichte, erlosch es allmählich, denn die zerstampften roten Blumen waren zu saftig, als daß sie gebrannt hätten. Über die glimmenden, gefallenen Stämme hinweg und zwischen den noch stehenden, brennenden Bäumen hindurch rannte ich hinaus und über den breiten, breiigen Weg, den die Herde durch die tödlichen Blumen geschaffen hatte.

Im Laufen brüllte ich Gudruns Namen, und sie antwortete mir. Aber ihre Stimme klang gedämpft und wurde von einem gleichzeitigen Hämmern manchmal übertönt. Der Geflügelte hatte sie also in dem Turm eingeschlossen.

Als ich über zertretene rote Blütenblätter und schlangengleiche Stiele die Turmmauer erreichte, rollte ich meinen geflüchteten Strick aus Tierhäuten auf. Ich knüpfte eine Schlinge und warf sie zur Brustwehr hinauf, wo sie um eine der Zinnen Halt fand. Dann kletterte ich daran hoch und schlug mir immer wieder Knöchel und Ellbogen gegen die glatte Wand.

Es fehlten noch etwa fünf Fuß bis zum Rand der Brustwehr, als ich das Schlagen von schweren Flügeln über mir vernahm. Ich war wie erstarrt. Der Schwarze schoß durch die Luft und landete auf dem Balkon. Ich sah ihn nun ganz deutlich, als er sich über die Zinnen beugte. Seine Züge waren feingeschnitten und ebenmäßig und durchaus nicht negroid. Seine Augen schienen schräge Schlitze, und seine Zähne glitzerten in einem triumphierenden, haßerfüllten Grinsen. Lange, unsagbar lange hatte er über dieses Tal der roten Blumen geherrscht und Tribut von den verängstigten Stämmen in den Bergen verlangt, um seine blutsaugenden Blumen mit Nahrung versorgen zu können, diese halbtierischen Pflanzen, die seine Untertanen und Wächter waren. Und jetzt befand ich mich in seiner Gewalt! All meine List und Kraft und Wildheit waren vergebens gewesen. Ein Schnitt mit dem krummen Dolch in seiner Hand, und ich würde in meinen Tod stürzen. Irgendwie mußte Gudrun im Turminnern auf meine Gefahr aufmerksam geworden sein. Sie brüllte wie eine Löwin, und gleich darauf hörte ich das Bersten einer Holztür.

Der Schwarze war so sehr von Siegesbewußtsein erfüllt, daß Gudrun ihn überraschte, als er gerade die scharfe Klinge seines Dolches an meinen Strick legte. Ich sah, wie ein weißer Arm sich von hinten um seinen Hals preßte und der Geflügelte wild zurückgerissen wurde. Hastig kletterte ich höher. Gudruns vor Wut und Grauen verzerrtes Gesicht blickte mir über seine Schulter entgegen.

Brüllend wand er sich in ihrem Griff, riß ihren Arm los und schleuderte sie mit einer solchen Wucht gegen den Turm, daß sie betäubt liegenblieb. Dann drehte er sich wieder mir zu. Aber in diesem kurzen Augenblick war ich bereits über die Brustwehr geklettert, auf den Balkon gesprungen und war dabei, meine Axt vom Rücken zu holen.

Einen Augenblick zögerte er. Seine Schwingen waren halbgeöffnet, seine Hand mit dem Dolch erhoben, als könnte er sich nicht entscheiden, ob er kämpfen oder davonfliegen sollte. Er war ein Riese von Gestalt, mit schwellenden Muskeln, aber er zögerte wie ein Mann, der einer wilden Bestie gegenübersteht.

Ich zauderte nicht. Mit einem kehligen Brüllen sprang ich und schwang meine Axt mit all meiner Kraft. Einen erstickten Schrei ausstoßend, warf er die Arme hoch. Doch die Axt sauste zwischen ihnen herab und senkte sich tief in den Schädel.

Ich wirbelte herum, um nach Gudrun zu sehen. Noch benommen taumelte sie auf die Füße. Wild warf sie die Arme um meinen Hals und schmiegte sich an mich, als sie mit weiten Augen auf den geflügelten Herrn des Tales hinunterstarrte, dessen Kopf gespalten in einer Blutlache lag.

Wie oft habe ich mir gewünscht, ich hätte all diese meine verschiedenen Leben in einem Körper zusammenziehen und die Erfahrungen Hunwulfs, beispielsweise, mit dem Wissen James Allisons vereinen können. Wäre das möglich gewesen, hätte Hunwulf sich jetzt durch die Tür begeben, die Gudruns verzweifelte Kraft geborsten hatte. Er wäre hineingetreten in jenes Gemach mit dem seltsamen Mobiliar, das er durch die zersplitterte Tür bemerkt hatte. Er hätte die Schriftrollen näher betrachtet, die auf den Wandregalen aufgehäuft waren, und er hätte ihre fremdartigen Schriftzeichen studiert, bis es ihm gelungen wäre, sie zu entziffern. Dann hätte er die Chronik jener geflügelten Rasse lesen können, deren letzten Angehörigen er soeben getötet hatte. Gewiß wäre ihre Geschichte phantastischer als ein Opiumtraum gewesen und wundersamer als die Legende über das verlorene Atlantis.

Aber Hunwulf kannte keine wissenschaftliche Neugier. Für ihn waren der Turm und die Kammer mit ihren unzähligen Schriftrollen und dem fremdartigen Mobiliar von keiner Bedeutung und nichts weiter als Zeichen von Zauberei und Dämonismus. Obgleich die Lösung des Rätsels einer fremden Rasse sich in seinen Fingern befand, war er ihr doch so fern wie James Allison, der erst in unvorstellbarer Zukunft das Licht der Welt erblicken sollte.

Für mich, Hunwulf, war die Burg lediglich eine monströse Falle, der ich so schnell wie möglich entkommen wollte.

Mit Gudrun auf dem Rücken glitt ich den Strick hinunter, bis wir den von zerquetschten Blumen bedeckten Boden erreicht hatten. Dann löste ich mit einem wilden Ruck die Schlinge von der Zinne und rollte meinen Strick wieder auf. Hand in Hand schritten Gudrun und ich über den Pfad, den die Mammute zurückgelassen hatten, zum See und dem südlichen Ende des Tales, wo die Lücke sich zwischen den umgebenden Felsmauern befand.

DAS ENDE DES GRAUEN GOTTES

1.

Eine Stimme hallte von den düsteren Bergen wider, die sich kahl zu beiden Seiten erhoben. Am Eingang der Schlucht wirbelte Conn, der Leibeigene, wie ein in die Falle gegangener Wolf herum. Er war groß, kräftig und doch schlank. Seine breiten Schultern, seine mächtige, behaarte Brust und die muskelstrotzenden Arme verrieten, wie stark die Wildheit des Ungezähmten noch in ihm war. Sein Gesicht paßte zu seinem Körper. Das Kinn war ausgeprägt und deutete auf Unbeirrbarkeit hin, und über seine leicht fliehende Stirn hing eine wilde Mähne braunen, schwach gelockten Haares. Die eisblauen Augen vervollständigten das Bild des Barbaren. Sein einziges Kleidungsstück war ein knappes Lendentuch, doch seine wölfische Unempfindlichkeit war Schutz genug gegen die rauhe Welt – denn er war Sklave in einer Zeit, da selbst die Herren ein Leben führten, das so grimmig wie ihre Umwelt war.

Die Zähne wie ein Wolf gefletscht, das Schwert zum Hieb bereit, wartete Conn auf die hochgewachsene Gestalt, die in einem Umhang über einem glänzenden Kettenhemd aus der Schlucht näher kam. Der Fremde trug einen weichen, breitkrempigen Hut, den er so tief über die Stirn gezogen hatte, daß darunter nur ein Auge, kalt und grimmig wie die graue See, hervorglitzerte.

„Nun, Conn, Knecht von Wolf gar Snorris Sohn“, sagte der Fremde mit tiefer, dröhnender Stimme, „wohin fliehst du, mit dem Blut deines Herrn an den Händen?“

„Ich kenne Euch nicht“, knurrte Conn, „noch weiß ich, woher Ihr mich zu kennen scheint. Wenn Ihr mich gefangennehmen wollt, so pfeift Euren Hunden und macht ein Ende des grausamen Spiels. Einige von ihnen werden meine Klinge zu spüren bekommen, ehe ich sterbe.“

„Narr!“ Tiefe Verachtung klang aus der hallenden Stimme. „Ich bin kein Jäger entflohener Sklaven. Grimmigeres hängt in der Luft. Sag mir, was riechst du im Seewind?“

Conn drehte sich dem Meer zu, das wild gegen die tiefen Klippen brandete. Er füllte seine kräftige Brust, seine Nasenflügel zuckten, als er tief Atem holte.

„Ich rieche das Salz der schäumenden Wogen“, erklärte er.

Die Stimme des Fremden klang wie das Klirren von Schwertern. „Der Wind trägt den Geruch von Blut herbei – das Blut der auf dem Schlachtfeld Fallenden und die Schreie der Sterbenden.“

Conn schüttelte verwirrt den Kopf. „Es ist nur der Wind zwischen den Felsen.“

„In deiner Heimat ist Krieg“, sagte der Fremde düster. „Die Speere aus dem Süden haben sich gegen die Schwerter des Nordens erhoben, und die Totenfeuer erhellen das Land wie die Mitternachtssonne.“

„Woher wollt Ihr das wissen?“ fragte der Leibeigene beunruhigt. „Seit Wochen legte kein Schiff mehr in Torka an. Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr? Wieso wißt Ihr das alles?“

„Kannst du denn das Pfeifen der Dudelsäcke nicht hören und nicht das Schmettern der Äxte?“ fragte der Fremde. „Spürst du nicht die Aufregung, die der Krieg mit sich bringt?“

„Nicht ich“, erwiderte Conn. „Es sind viele Meilen von Torka nach Erin, und ich höre nur das Pfeifen des Windes und das Kreischen der Möwen. Doch wenn wahrhaftig Krieg herrscht, sollte ich unter den Waffenbrüdern meines Clans sein, auch wenn mein Leben in der Hand Melaghins liegt, da ich einen der Seinen in einem Streit erschlug.“

Der Fremde achtete nicht auf seine Worte. Unbewegt wie eine Statue starrte er weit über die kahlen Berge und die schaumbedeckten Wellen.

„Es ist das Ende“, murmelte er, als spräche er nur zu sich selbst. „Wie unter der Sense werden die Könige und Heerführer fallen. Gigantische Schatten streifen blutgerötet über die Welt, und die Nacht senkt sich auf Asgard herab. Ich höre die Schreie lange gefallener Helden im endlosen Nichts. Für jeden kommt die Zeit, und selbst Götter müssen sterben ...“

Mit einem lauten Schrei streckte er seine Arme dem Meer entgegen. Gewaltige, wirbelnde Wolken, die der Wind vor sich her trieb, verschleierten das Wasser. Conn brüllte auf. Denn aus den eiligen Wolken lösten sich schattenhaft und erschreckend zwölf Gestalten. Wie im Traum sah er zwölf geflügelte Rosse mit ihren Reiterinnen: Frauen in silbernen Kettenhemden, und unter geflügelten Helmen goldenes Haar, das im Sturm flatterte – Maiden, deren kalte Augen auf etwas Schreckliches gerichtet sein mußten, das er nicht sehen konnte.

„Die Nehmer der Helden!“ donnerte der Fremde und breitete jetzt seine Arme in allumfassender Gebärde aus. „Die Hufe der Geflügelten wirbeln die Wolken auf. Der Schicksalsfaden ist gesponnen und die Spindel zerbrochen. Der Untergang braust mit aller Macht auf die Götter herab, und die Nacht hüllt Asgard ein. Die Hörner Ragnaröks erschallen!“

Der Wind wehte den Umhang zurück und offenbarte die mächtige Gestalt im Kettenhemd, und der breitkrempige Hut rutschte über ein Ohr und gab so die wilde Mähne des elfenfarbigen Haares frei. Conn schrak zurück vor dem Glühen des einen Auges des Fremden. Wo das andere hätte sein sollen, gähnte nur eine leere Höhle. Bei diesem Anblick erfüllte ihn solche Panik, daß er sich umdrehte und, wie von Dämonen gejagt, durch die Schlucht rannte. Als er einen ängstlichen Blick zurückwarf, sah er den Fremden sich von dem wolkenzerrissenen Himmel abheben. Sein Mantel flatterte im Wind, die Arme hatte er in die Luft geworfen. Es schien dem Leibeigenen, als wäre der Fremde ungeheuerlich gewachsen, als fülle er fast den ganzen Himmel aus, und die Berge und das Meer waren winzig, verglichen mit ihm. Und noch etwas schien sich an ihm geändert zu haben: Er war plötzlich grau, wie von unvorstellbarem Alter.

2.

Der Frühlingssturm hatte sich ausgetobt. Der Himmel war strahlend blau, das Meer so still wie ein Weiher im Wald. Nur das noch nasse Treibholz entlang der Küste verriet seine kürzliche Wildheit. Ein einsamer Reiter trabte über den Strand. Sein gelber Umhang flatterte hinter ihm her, und sein blondes Haar hing ihm zerzaust ins Gesicht.

Er hielt so plötzlich an, daß sein edles Roß sich aufbäumte und schnaubte. Aus den Dünen hatte sich ein hochgewachsener, breitschultriger Mann erhoben, dessen einziges Kleidungsstück ein Lendentuch war.

„Wer bist du?“ fragte der Reiter. „Der du das Schwert eines Häuptlings trägst, doch wie ein herrenloser Knecht aussiehst und den Kragen des Sklaven trägst?“

„Ich bin Conn, junger Herr“, erwiderte der Gefragte. „Einst Gesetzloser, dann Leibeigener – doch immer ein treuer Anhänger König Brians, ob es ihm gefällt oder nicht. Und ich kenne Euch. Ihr seid Dunlang O’Hartigan, ein Freund Murroghs, des Sohns Brians und Prinzen von Dal Cais. Sagt mir, guter Herr, herrscht Krieg im Land?“

„So ist es“, erwiderte der junge Mann. „König Brian und König Malachi lagern bei Kilmainham vor Dublin. Erst heute morgen bin ich selbst dort weggeritten. Aus allen Landen der Wikinger hat König Sitric von Dublin diese Wilden herbeigerufen, und die Galen und Dänen sind bereit, sich ihnen anzuschließen – es wird zu einer Schlacht kommen, wie Erin sie noch nie gesehen hat.“

Conns Augen verdunkelten sich. „Bei Crom!“ murmelte er, halb zu sich selbst. „Es ist, wie der Graue gesagt hat – und doch, wie hätte er es wissen können? Gewiß war es nur ein Traum.“

„Wie kommst du hierher?“ fragte Dunlang.

„Von Torka auf den Orkney-Inseln in einem offenen Boot, wie ein Scheit, das der Wind durch die Wellen treibt. Vor langer Zeit erschlug ich einen Mann aus Meath, einen Soldaten Melaghins. So fiel König Brians Grimm auf mich, weil ich den Waffenstillstand gebrochen hatte. Ich mußte fliehen. Doch das Leben eines Gesetzlosen ist schwer. Thorwald Raven, Jarl der Hebriden, überwältigte mich, als ich krank vor Hunger und zahllosen Wunden war, und legte mir diesen Kragen um den Hals.“ Der Leibeigene betastete den schweren Kupferreif um seinen Stiernacken. „Dann verkaufte er mich an Wolfgar Snorris Sohn in Torka. Er war ein grimmiger Herr. Ich werkte für drei und mußte seine blutige Arbeit tun, wenn er Zwist mit seinen Nachbarn hatte. Dafür gab er mir die Brosamen von seinem Tisch, ein Lager auf dem nackten Boden und tiefe Striemen auf dem Rücken. Schließlich ertrug ich es nicht länger. In seiner eigenen Hütte sprang ich ihn an und zerschmetterte seinen Schädel mit einem Stamm aus seinem Feuerholz. Dann nahm ich sein Schwert und floh zu den Bergen. Lieber wollte ich dort erfrieren und verhungern, als unter der Peitsche sterben.

Und dort in den Bergen“, wieder verdunkelten Conns Augen sich zweifelnd, „aber ich glaube, ich träumte es nur, sah ich einen großen grauen Mann, der von Krieg in Erin sprach. Und in diesem Traum sah ich die Walküren südwärts in den Wolken reiten ...

Da dachte ich mir, lieber sterben bei einem Versuch, die See zu überqueren, um nach Erin zu kommen, als in den Bergen der Orkneys zu verhungern. Durch Zufall fand ich ein Fischerboot mit ein wenig Notproviant, und ich stach damit in See. Bei Crom! Ich staune selbst, daß ich noch lebe. Der Sturm erfaßte mich vergangene Nacht und schleuderte meinen Kahn wie eine Nußschale durch die wütenden Wogen. Ich weiß nur, daß ich mich daran klammerte, bis er unter meinen Füßen versank, und dann bemühte ich mich nur noch, meinen Kopf über den Wellen zu halten, bis mir die Sinne schwanden. Niemand hätte überraschter sein können denn ich, als ich in der Dämmerung zu mir kam und feststellte, daß ich wie ein Stück Treibholz am Strand lag. Seither habe ich nur versucht, mir die Knochen in der Sonne zu wärmen, um wieder ein wenig Gefühl in meine Glieder zu bekommen.“

„Bei den Heiligen!“ rief Dunlang. „Conn, du gefällst mir.“

„Ich wollt’, das würde auch König Brian sagen“, brummte Conn.

„Schließ dich meinem Gefolge an“, schlug Dunlang vor. „Dann werde ich für dich sprechen. König Brian hat jetzt Wichtigeres im Kopf als eine Blutfehde. Schon heute ziehen die Feinde sich zur Schlacht zusammen.“

„So wird es wohl bereits morgen zum Kampf kommen“, vermutete Conn.

„Nicht, wenn König Brian es verhindern kann“, erwiderte Dunlang. „Es gefällt ihm nicht, Blut am Karfreitag zu vergießen. Doch wer weiß, wann die Heiden uns überfallen werden?“

Conn legte eine Hand an die Riemen von Dunlangs Steigbügel und schritt neben ihm her, während der Hengst nun gemächlich dahinstapfte.

Details

Seiten
160
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903133
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Februar)
Schlagworte
odins schlacht

Autor

Zurück

Titel: Odins letzte Schlacht