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Island - Land der Odinskraft und Land der Edda

2016 0 Seiten

Zusammenfassung

Ein Phänomen, das bis heute selbst im Norden als eine Art Wunder gilt: wie die Lieder der EDDA und andere hochentwickelte Sprachkunst z.B. die Ísländersaga sich speziell auf dieser Vulkaninsel am nördlichen Polarkreis entwickelt und erhalten haben.
Auf Island gab es eine alte Odinsverehrung und mit diesem germanischen Gott der Dichtung und der Sprache verbunden, Kräfte, die offenbar weit in christliche Zeiten hineinwirkten. Dieses Volk zeigte nach später Christianisierung (im Jahre 1000) eine erstaunliche Aktivität, mit der christlichen Literatur die lateinische Sprache - und deren Lettern bei sich heimisch werden zu lassen, ohne dass die eigene uralte Sprachkultur ihrer Skaldik - wozu auch die EDDA gehört, von den neuen Energieströmungen 'überrollt' wurde.
Dass die Völuspá bis heute eine Art Nationaldichtung der Isländer geblieben ist, mag seinen Grund darin haben, dass sich in ihrem Dichter beide Ströme begegneten: Die bewährten Kräfte eines alten Odinskultes auf Island und das junge, dynamisierende Christentum.
Zwei Vorträge.

Leseprobe

MARGOT BUCHHOLZ

Island – Land der Odinskraft und Land der EDDA

Zwei Vorträge:

Das alte Island – eine der Sprache verpflichtete Kulturnation

Die Völuspá (Der Seherin Schau) eine apokalyptische Dichtung zwischen Heidentum und Christentum auf Ísland

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Impressum

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und

BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover by Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin

Munsonius.

WWW.ALFREDBEKKER.DE

postmaster@alfredbekker.de

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Ein Phänomen, das bis heute selbst im Norden als eine Art Wunder gilt: wie die Lieder der EDDA und andere hochentwickelte Sprachkunst z.B. die Ísländersaga sich speziell auf dieser Vulkaninsel am nördlichen Polarkreis entwickelt und erhalten haben.

Auf Island gab es eine alte Odinsverehrung und mit diesem germanischen Gott der Dichtung und der Sprache verbunden, Kräfte, die offenbar weit in christliche Zeiten hineinwirkten. Dieses Volk zeigte nach später Christianisierung (im Jahre 1000) eine erstaunliche Aktivität, mit der christlichen Literatur die lateinische Sprache - und deren Lettern bei sich heimisch werden zu lassen, ohne dass die eigene uralte Sprachkultur ihrer Skaldik - wozu auch die EDDA gehört, von den neuen Energieströmungen 'überrollt' wurde.

Dass die Völuspá bis heute eine Art Nationaldichtung der Isländer geblieben ist, mag seinen Grund darin haben, dass sich in ihrem Dichter beide Ströme begegneten: Die bewährten Kräfte eines alten Odinskultes auf Island und das junge, dynamisierende Christentum.

Zwei Vorträge.

I.

Das alte Island – eine der Sprache verpflichtete Kulturnation

(Vortrag, gehalten von Margot Buchholz am 19.4. 2011 in der

Christengemeinschaft Heilbronn)

Ein Kölner Skandinavist und Islandforscher, Prof. Dr. Ulrich Groenke, prägte den lapidaren Satz, der uns heute zum Titel dient, Island sei eine dem Wort verpflichtete Kulturnation 

Er fährt fort:

Die Hauptakteure der Geschichte Islands (waren) immer 'Sprachgewaltige' -

vom Gesetzessprecher des Jahres 1000  bis zum Vorkämpfer der Unabhängigkeitspolitik. Die Größen der politischen Geschichte Islands waren immer auch Dichter, Philologen, Geschichts- und Rechtsgelehrte, und das nicht nur nebenher.“

Überhaupt seien die „Zeugnisse und Erzeugnisse einer geistigen Kultur im Falle Islands vorwiegend sprachlicher Art, also sprachliche Kunstwerke“ gewesen. 

Stellt man sich die gewaltige Natur Islands vor Augen, ist nicht schwer zu verstehen,, dass hier der Mensch kaum die Gemälde und Skulpturen seiner landschaftlichen Realität bildnerisch zu überbieten vermochte. Auch ist das vulkanische Gestein nicht für Bildhauerarbeit geeignet. - Aber in der spannungsreichen Bildersprache seiner Mythen, in der EDDA z.B., erkennt man diese eindrucksvolle Natur nicht nur als Kulisse, sondern als schöpferisches Handlungs-Element.

Auch die literarische Form des Dramas gedieh nicht in diesem dünn besiedelten Land, dessen Bewohner so weit voneinander entfernt lebten und sich u.U. nur einmal im Jahr  in großer Ansammlung auf dem Thingplatz im Südwesten der Insel begegneten.  Die Prosaliteratur des 13. Jahrhunderts allerdings,  die Isländersaga, spiegelt ein für unser Gefühl sehr dramatisches Leben. - Die Dichtung aber, die der nordgermanischen Skaldik und hierin vor allem die Edda,  möchte man geradezu die isländische Skulptur nennen, die also in sprachlicher Art sich manifestiert hat und weit in 'heidnische Zeiten' eines alten Odinskultes zurückreicht...

Der Münchner Märchenforscher und Nordist Kurt Schier, der sich viele Jahre mit den  Entwicklungen Islands und seiner Sprachdenkmäler beschäftigt hat, sieht es ähnlich: Von Anbeginn der isländischen Besiedlung habe sich dort alles Kunststreben auf Sprache und Dichtung gerichtet:

In Island entstand die Kunst der Saga, eine eigene, höchst realistische Kunstform, die historische Ereignisse in äußerster Knappheit und mit hohem Stilwillen beschreibt und umformt. Die Sagakunst ist eine rein isländische Schöpfung und hat kein fremdes Vorbild. Auch im norwegischen Mutterland wurde diese Kunst durch Ísländer bekannt.“  und weiter:

Die Lieder der Edda, ältere und jüngere Helden- und Götterdichtung, die in ähnlicher Form einst bei den meisten germanischen Stämmen bekannt gewesen waren, wurden allein in Island bewahrt. Die in ganz Skandinavien geübte Skaldenkunst endlich führten Ísländer zu höchster Blüte“. Und nur dort wurde sie schriftlich fixiert!

Selbst im Norden wird dieses Phänomen als ein Wunder angesehen, das noch immer nicht ganz erklärt sei.

Der heutige Vortrag versucht diesem Wunder ein wenig nachzugehen. - Vielleicht verstehen wir am Ende  besser, wie es kommt, dass Dichtungen wie die EDDA die

fast überall im Abendland dramatischen Umwälzungen der Christianisierung zu überstehen vermochte. Aus langer mündlicher Tradition wurden die 'Lieder' im 13. Jahrhundert aufgezeichnet. Da war auch Island bereits über 200 Jahre lang im Christentum verankert, aber für diese aus heidnischer Zeit erhaltenen Kunstwerke ist

ein waches Interesse geblieben, bis heute!  Und keine Kirche nahm daran Anstoß...

Durch die Wikinger kam die Insel im 9. Jahrhundert in den Gesichtskreis norwegischer Seefahrer. In Norwegen entgingen viele mächtige Familien der Unterwerfung unter König Harald Schönhaar, indem sie auf Island eine neue Heimat suchten. Er hatte im

Jahre 872 ganz Norwegen unter seine Herrschaft gebracht.

Etwa ab 874 wurde die bis dahin fast unbewohnte Vulkaninsel im Nordmeer von Norwegen und England / Irland her besiedelt. Begüterte norwegische Einwanderer brachten ihre gesamte Habe aus der Heimat mit, und – ungewöhnlich für uns: sie brachten auch ihre eigenen Tempel mit, in Form von  Pfeilern aus den zu Hause abgebauten Heiligtümern. - Denn Religion war reine Privatsache.  - Wo die Pfeiler ('Hochsitzpfeiler') in Island an Land trieben, ließen sich die Leute nieder und bauten dort auch ihre Tempel wieder auf. Holz war auf Island Mangelware und musste eingeführt werden. Der jeweilige  Besitzer nahm auch in der neuen Heimat die Aufgabe des Priesters wahr. Dieser hieß Gode und hatte zugleich die Rechtsprechung für seinen Distrikt inne. (Es war das Godentum: godord genannt). - So brachten die Menschen ihre bisherigen Rechtsordnungen, verbunden mit dem Götterkult, mit in die neue Heimat. Als nach etwa 60 Jahren der isländische Freistaat begründet wurde, kam dies allen zugute.

Bereits 930 schufen sich die Isländer für die gesamte weit verstreute Bevölkerung ihre gemeinsame gesetzgebende Institution, die eine Rechtsprechung für alle gewährleistete: Es entstand das berühmte isländische Allthing auf Thingvellir, dem Thing-Hügel im Südwesten der Insel, an dem bekannten ca. 600 m. langen eurasisch-amerikanischen Kontinentalgraben, einer wirklich beeindruckenden Schlucht; heute ist das Areal Nationalpark. - Ein weites Terrain, auf dem man Buden und Zelte aufbauen konnte für die jährliche Zusammenkunft im Juni, um das für alle Wichtige zu klären. Natürlich war dies  zugleich ein großes Volksfest. - Mit dem Allthing war der erste isländische Freistaat geboren, und zwar ohne zentrale Obrigkeit! Es gab wohl  einflussreiche Bauern- bzw. Wikinger-Familien, aber weder Geburtsadel noch Feudalismus wie auf dem Festland und wohl noch kein allzu auffälliges soziales Gefälle. - Der einzige 'Beamte' war der für je drei Jahre gewählte lögsögumadr, der Gesetzessprecher, der das geltende Recht vorzutragen hatte. Dieser war immer ein Gode aus einer der mächtigeren Familien.

Weitere siebzig Jahre später wurde vom Allthing des Jahres 999 bzw. 1000 das Christentum angenommen. Im 10. Jahrhundert durchzog die Völker des Abendlandes

große Weltuntergangsangst und hielt die Menschen in Spannung. Der norwegische König Olaf Tryggvason entwickelte damals eine äußerst gewaltsame Missionsaktivität und ruhte nicht, bis auch Island seinem Druck nachgab und sich bekehren ließ.

Es war der Redegewandtheit des selbst noch heidnischen (!) Rechtsprechers (lögsögu-madr) Thorgeir Ljósvetninga-Gode zu verdanken, dass seine Landsleute, – statt sich gegenseitig aufzureiben oder durch Isolierung von Norwegen her den Hungertod zu erleiden - freiwillig der offiziellen Einführung des Christentums zustimmten.

Es war also zugleich eine existenzielle und eine politische Entscheidung! - Eine Art pragmatischer Kompromiss kam zustande:

Im Privatbereich mochte jeder bei vertrauten Gebräuchen und Gewohnheiten bleiben, der Ásenglaube verblasste ohnehin seit einiger Zeit. - Begünstigt wurde dieser Schritt einmal davon, dass viele Menschen lange vorher schon Christen waren: - Selbstverständlich die irischen und britischen Einwanderer, aber auch viele Wikinger, weitgereiste, lebenskluge Leute, waren vertraut mit der Kultur der damaligen Welt bis nach Russland und Amerika, Kleinasien und Nordafrika. Viele von ihnen hatten am Kaiserhof von Byzanz gedient. Sie brachten reiche Erfahrungen und viele Kenntnisse mit nach Island im fernen Nordmeer.

Zum andern verfuhr man im Norden in weltanschaulichen Dingen ohnehin lockerer. Z.B. gab es eine originelle 'Zwischenlösung' für Heiden, die mit Christen im Ausland Handel treiben wollten: Man konnte sich an Ort und Stelle provisorisch taufen  - „prímsegnen“ oder 'primtaufen' (prima signatio) - lassen, bes. in England / Irland, die schon sehr lange Christen waren.  In dieser vereinfachten Taufe schlug man das Kreuz über dem Heiden, um böse Geister von ihm zu vertreiben, aber er behielt den Glauben, der ihm innerlich am nächsten lag.  Im Grunde eine  praktische und menschenfreundliche Handhabung!  Z.B. der in Island berühmte Skalde Egill und sein Bruder taten dies im 10. Jahrhundert, als sie in England beim frommen König Adalsteinn weilten.

Selbstverständlich verlief der Gesamtprozess der religiösen Umwandlung vielschichtig und war nicht abgetan etwa mit dem stillen Einverständnis, weiterhin Pferdefleisch zu essen oder vor Seefahrten Thor oder Freyr, die bisher bestimmenden Gottheiten der Nordländer, um Schutz anzurufen.

Mancheiner der starken Individualisten traute in der Übergangszeit nur noch 'á mátt sinn ok megin', d.h. er hielt sich an seine eigene Kraft und sein Können.

Von der individuellen Auseinandersetzung mit dem 'Glauben der Väter' erfahren wir aus den viel später gestalteten Familiensagas oder Ísländersagas, speziell der Kristnisaga. In der Hallfredarsaga z.B. findet ein aufschlussreiches Gespräch statt zwischen dem Dichter Hallfred und König Olaf Tryggvason: Hallfred lässt sich taufen, der König selber ist sein Taufpate, aber in seiner Dichtung bleibt der Skalde mit seinem heidnischen Gott Odin verbunden und bekennt, dass die Umkehr sehr schwierig sei. Dramatisch spiegelt sich die Ablösung in der apokalyptischen Thematik der Völuspá, in dem mythologischen Edda - Gedicht, dem wir uns im zweiten Vortrag zuwenden wollen.

Die  eher indifferente und relativ offene Gesamthaltung der Isländer begünstigte  die Erhaltung der Tradition, zeitigte vor allem aber ungeahnt positive Folgen für die kulturelle Entwicklung des bis dahin fast schriftlosen (!) Inselstaates.

Die Runenschrift fiel für den Alltag nicht ins Gewicht.

Althergebrachte Strukturen blieben unangetastet – Die mächtigen Bauern / Häuptlinge blieben die Mächtigen, und aus heidnischer Zeit Überliefertes brauchte nicht wie auf dem Festland (der Merowinger- und Karolingerepoche) ausgerottet zu werden; es durfte innerhalb der Familien weiterleben. Das bedeutet: Es wurde mündlich von Generation zu Generation weitergetragen. Island stellt so den einzigartigen Fall einer Bewahrung heidnischen Kulturgutes dar. Selbst die erst nach Jahrhunderten wieder aufgetauchten Edda-Lieder waren allem Anschein nach nie verloren. Viele davon tauchten im 13. Jahrhundert in einer Prosa-Edda auf, die uns noch kurz beschäftigen wird.

Mit dem Christentum aber öffnete sich der Zugang zum Schrifttum, zur Klosterliteratur des Festlandes. - Damit kam die Fähigkeit des Schreibens nach Island! In Mitteleuropa gab es seit Benedikt von Nursia (* um 480) längst eine reiche durch die  Domschulen und Benediktinerklöster gepflegte Literaturtradition. Dazu gehörte vor allem antikes - lateinisches und griechisches - Schrifttum,  ebenso wie christliche Literatur. Benediktiner waren es auch, die in Island die Verbreitung der neuen Schrift-Kultur lenkten.  Dem isländischen Gemüt kam es entgegen, dass bei den Benediktinern keine Vorbehalte gegenüber dem geistigen Gut der heidnischen Vergangenheit herrschte. Im Gegenteil!

So wurde nach der Entscheidung für das Christentum  Island allmählich diese 'der Sprache verpflichtete Kulturnation'. - Die erwähnten privaten Göttertempel wurden provisorisch in christliche Privatkirchen umfunktioniert, viele Leute gründeten auf eigene Kosten neue dazu, die sogen. Eigenkirchen, - und soweit es ihre Bildung erlaubte, übernahmen die bisherigen Besitzer das christliche Seelsorgeamt selber. - Zu Beginn wurden zwar ausgebildete Priester aus England oder Norwegen herübergesandt. - Aber nach wenigen Jahrzehnten der Umgewöhnung nahmen die Isländer ihre Sache selber in die Hand: Reiche Bauern, zumeist Goden, schickten ihre Söhne zum Studium in die 'Südländer' – á sudrlanda – d.h. zum mitteleuropäischen Festland. ( Das isländische Sprichwort: 'jemanden zu den Büchern prügeln': geht auf jene Zeiten zurück!)

Der nachmals erste isländische Bischof namens Ísleifr studierte z.B. in Herford und übernahm nach seiner Rückkehr den väterlichen Hof  Skálholt, südlich von Thingvellir.  Dann wurde er auf dem Allthing zum Bischof gewählt und machte sein Anwesen zum ersten Bischofssitz Islands (1056). Nur die Bischofsweihe musste im zuständigen Erzbistum, damals in Bremen – später Lund – erfolgen. Dieser  erste isländische Bischof wurde seinerzeit von dem berühmten Adam von Bremen eingeweiht.

Eine besondere Gestalt aus diesen Anfangszeiten ist der sagenumwobene  SAEMUNDR SIGFÚSSON (geb. 1056 bis 1133): Er gehört zu der einflussreichen Familie der Oddverjar, die genealogisch auf  norwegische Könige zurückführte. Dieser Familie gehörte der Hof Oddi, der wie Skálholt im Südwesten Islands lag.('hof ' war der Fachausdruck für den privaten Tempel gewesen). Saemundr studierte in Paris oder im Rheinland und machte nach seiner Rückkehr als Priester sein Besitztum Oddi zu einem Zentrum der Wissenschaft und Gelehrsamkeit – (vgl. heute das Priesterseminar?) - Über Jahrhunderte wird dieser Ort führend bleiben, werden dort bedeutende Männer erzogen und bedeutende Werke geschaffen. Saemundr selber erhielt als Erster den nachmals auf Island ehrenvollsten  Beinamen 'inn fródi' = der Weise oder der (historisch!) Gelehrte. -  Seiner kulturellen Aktivität schrieb man sogar eine erste altgermanische Text-Sammlung  zu, und im isländischen Sprachgebrauch heißt deshalb noch heute die erst Jahrhunderte später wieder entdeckte Lieder-Edda die  Sämundar-Edda, obwohl das längst als Anachronismus  widerlegt ist.

Kurz nach 1100 entstand im Norden der Insel ein zweiter Bischofssitz: Das Bistum HÓLAR. Sein erster Bischof, Jón Oegmundarson, soll eine ausgezeichnete Schule eingerichtet haben, sogar mit Lehrern aus dem Ausland für Latein, Musik und Poetik.  -  Derselbe Bischof Jón Ögmundarson gründete 1112 das erste wirklich berühmt gewordene (Benediktiner-) Kloster: THINGEYRAR im Nordwesten der Insel. - Der bekannte isländische Sprach- und Literaturwissenschaftler – und Dichter Sigurdur Nordal wies darauf hin: „die Anstöße zur Schaffung der Isländersagas“seien „in erster Linie von der historiographischen Tätigkeit von Geistlichen im Kloster Thingeyrar ausgegangen“.  Dieses Kloster ist allerdings bekannt dafür, dass Volksüberlieferung aus heidnischer Zeit dort gesammelt - und das kann nur heißen: aufgeschrieben wurde! Wahrscheinlich stammten viele isländische Mönche selbst aus traditionsstarken Familien, in denen alte Kultur und Wissen lebendig geblieben waren. Es sei erwähnt, dass auf Island  'alte Kultur' nicht zuletzt mit einem intensiv dort gepflegten Odinskult verbunden war, also dem altgermanischen Gott verpflichtet war,  dem gerade Sprache und Dichtung, die Skaldik vor allem, seit Alters her 'unterstellt' waren! - Wir werden an späterer Stelle bemerken,

dass diese überlieferten Energien wahrscheinlich noch Jahrhunderte lang weiter wirkten.

An all diesen Bildungsstätten: Skálholt – Oddi – Hólar – Thingeyrar und sicher noch in weiteren weniger bekannten Klöstern - wurde, unter Anleitung studierter Fachleute, all das vom Festland gekommene Schrifttum von den benediktinisch erzogenen Mönchen übersetzt, ver- und bearbeitet, und im Laufe der Zeit kreativ umgestaltet, der heimischen Eigenart 'anverwandelt'.

Island scheint die neuen Impulse  wie ein Schwamm aufsaugt zu haben, ohne doch sich vom eigenen Fundament strikt abzuwenden. Die literarische und rhetorische Schulung, die mit der Übersetzertätigkeit verbunden war, erweckte eine starke sprachliche und literarische Kreativität in den Einheimischen, besser den gelehrteren isländischen Mönchen. Diesen Prozess einer Art 'Literarisierung' machte im Lauf der Zeit die Bevölkerung zu ihrem Anliegen, natürlich in bescheidenstem Maße: Im Verlauf der folgenden zwei Jahrhunderte lernten fast alle Isländer lesen und schreiben!  Dazu bedurfte es nur einer weiteren kleinen 'Umwälzung': Etwa 50 Jahre nach der Christianisierung  führte die noch junge Kirche Islands auf dem Allthing(!) einen Kirchenzehnten ein, eine allgemeine Kirchensteuer. - Mit dem Ertrag richtete man  Schulen ein oder baute vorhandene aus, auch Laien taten dies, Besitzer einer Eigenkirche, denen die neue Steuer zugute kam. -

Es passt zu der  'sprachlichen Genialität' dieses Volkes – und zu seiner auffallenden Bewusstheit, dass man sehr bald damit begann, das lateinische Schreibsystem  auf die bis dahin kaum schriftlich fixierte einheimische Sprache zu übertragen, dazu wurden

Details

Seiten
0
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738903065
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (April)
Schlagworte
island land odinskraft edda

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Titel: Island - Land der Odinskraft und Land der Edda