Lade Inhalt...

Auf der Spur des 40-Tonners: 320 PS-Jim 7

2016 120 Seiten

Leseprobe

320 PS-JIM

Band 7

Auf der Spur des 40-Tonners

Glenn Stirling

––––––––

Impressum

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und

BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover by Konstantin32/123RF, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin

Munsonius.

*www.AlfredBekker.de <http://www.AlfredBekker.de/>*

*postmaster@alfredbekker.de <postmaster@alfredbekker.de>*

Klappe

Jim Stonewall und Chris Morris transportieren diesmal eine wichtige Fracht nach Mexiko. Eine große Druckmaschine soll mit insgesamt zwei Trucks ans Ziel geschafft und dort zusammengebaut werden. Die andere Ladung haben die Trucker Steve Barclay und Barry Winwood übernommen. Aber unterwegs werden sie überfallen, und ihr Truck wird gestohlen. Selbstverständlich wollen Jim und Chris den beiden Freunden helfen und setzen sich mit ihrem RED BARON auf die Spur des gestohlenen 40-Tonners. Bald finden sie heraus, dass die Diebe zu einer Schleuserbande gehören, die illegal mexikanische Arbeiter über die Grenze schafft. Jim und Chris wissen, dass ihnen nicht viel Zeit bleibt, wenn sie noch etwas unternehmen wollen.

Werner Dietsch schrieb unter den Namen Glenn Stirling zahlreiche Western für verschiedene Verlage. Er zählte zu den besten deutschsprachigen Westernautoren und war für viele seiner jüngeren Kollegen ein Vorbild. Für den Marken-Verlag war er auch als Chefredakteur tätig und konzipierte u.a. die Serie 320 PS-JIM. Dass er es nicht nur versteht, spannende Western zu schreiben, stellt er mit diesem Trucker-Roman unter Beweis.

Roman

Der Sturm peitschte Schleier von Sand über die Straße. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte der alte Harvey etwas von dem zu erkennen, was im Sandsturm von der Straße überhaupt noch sichtbar war. Aber er wusste, am Ende der Gefällstrecke war die Brücke, und dort, so hoffte er, war die Sicht wieder besser.

Aus seinem Funkgerät kamen krächzende und piepsende Töne. Der Alte versuchte gar nicht daran herumzudrehen. Er wusste, dass es atmosphärische Störungen waren und beschloss, vor der Brücke anzuhalten.

Aber noch war er nicht dort. Von rechts nach links wehte der Sand im Sturm wie Schnee. Fast horizontal kam er an und prasselte gegen die Karosserie des betagten Jeeps.

Die Plane war nicht überall dicht, an den Zelluloidfenstern an der Seite kam es herein. Dem Alten wehte der Sand in Gesicht und Nacken. Er zog den Kopf ein und verfluchte es, unterwegs sein zu müssen.

Sollte auf den verdammten Funk verzichten, dachte er. Ich werde die Antenne nicht aufsetzen.

Aber dann entschied er sich dafür, es doch zu tun, und als er meinte, dicht vor der Brücke zu sein, die er noch immer nicht sehen konnte, hielt er an. Bevor er ausstieg und hinaus in dieses Inferno trat, versuchte er durch die Scheiben etwas zu erkennen. Obgleich ihm die Scheibenwischer dabei das Glas zerkratzten, hatte er sie angestellt, um überhaupt etwas erkennen zu können.

Der Motor lief. Hoffentlich, dachte er, verstopft mir nicht wieder der Luftfilter.

Schließlich stieg er aus, und draußen war die Sicht für ihn besser. Er war überzeugt, unmittelbar von der Brücke zu sein. Das Heulen des Sturmes, das Prasseln des Sandes gegen das Auto und nun auch gegen seine Kleidung übertönten alle anderen Geräusche.

Er setzte die Antenne auf, drehte die Flügelschraube fest und wollte gerade wieder in seinen Jeep einsteigen, als er das Poltern hörte. Ein Poltern, das sogar noch lauter war als der Sturm.

Harvey, mit seinen fünfundsechzig Jahren, kannte dieses Land wie seine Tasche, und er kannte auch die Tücken und Launen der Natur. Er wusste, dass es eine Lawine war. Aber er wusste nicht, wo sie herunter kam, und das machte ihm Kummer.

Er versuchte am Klang des Polterns herauszuhören, wo das geschah. Denn es konnte auch hier passieren, hier, wo er mit seinem Jeep stand, umhüllt von Schleiern aufgewirbelten Sandes.

Zu weiteren Gedanken kam er nicht, denn jetzt wurde die Sicht für Augenblicke besser. Er konnte die Brücke bis zu ihrer Mitte erkennen, hörte das Donnern noch lauter, noch stärker, war aber gleichzeitig beruhigt, weil es auf der anderen Seite des Arroyos zu sein schien.

Plötzlich gab es einen donnernden Schlag. Er sah, wie die Brücke, soweit er sie erkennen konnte, schwankte, sich anzuheben schien.

Ein Trugbild, dachte er. Ich spinne.

Aber dann begriff er, dass dem nicht so war und er auch kein Trugbild sah. Denn auf einmal senkte sich die Brücke. Die Straße sackte vorn mit einem Mal weg, zerknitterte regelrecht, der Asphalt schien zu zerbröckeln, die Brückenmitte knickte nach unten.

Eine Sekunde später war die Brücke bis zu ihrer Mitte völlig abgebrochen.

Der alte Harvey wischte sich über die Augen, fassungslos, als habe er eine Fata Morgana gesehen. Und dann sah er noch, wie auf der anderen Seite das, was er noch von der Brücke stehen sah, wie ein Kartenhaus zusammenbrach und in der Tiefe verschwand.

Aus dem Tal quollen Dreckwolken herauf, die sofort vom Sturm erfasst und weggetrieben wurden.

Noch immer wehten Schleier von Sand über die Straße. Zeitweise sah Harvey die Stelle, wo die Brücke einmal gewesen war, nur schemenhaft.

Plötzlich durchfuhr es ihn: Die Brücke ist weg! Wenn jetzt ein Wagen die Gefällstrecke herunterkommt im Vertrauen darauf, dass er über den Arroyo fahren kann, wird er in die Tiefe stürzen. Verdammt noch mal, was tue ich? Was mache ich bloß?

Im selben Augenblick, als er das überlegte, sah er sich um, versuchte durch die Wogen wehenden Staubes hindurch etwas von der Serpentinenstrecke zu erkennen, von der aus die Straße hier herab ins Tal führte, um auf der anderen Seite wieder emporzusteigen.

Dort drüben kann ich niemand warnen, dachte Harvey, aber hier. Verdammt noch mal, hier könnte ich das.

Er zögerte keinen Augenblick mehr, stieg, so schnell er konnte, in seinen Jeep, wendete und fuhr mit aufgeblendeten Scheinwerfer die Steigung empor.

Plötzlich sah er durch die Staubschleier hindurch das Aufblitzen von Scheinwerfern irgendwo oben auf der Serpentinenstrecke.

Ein Truck!, dachte er. Das kann nur ein Truck sein, so viel Licht und so hoch. Einen Pkw hätte ich nicht gesehen.

Er gab Gas, da spürte er, dass der Motor keine Leistung mehr hatte, dass er aussetzte, stotterte und spuckte. Oben kam der Truck näher...

Als er das Gas zurücknahm, drehte der Motor wieder gleichmäßig durch.

Verdammt, dachte Harvey, der Luftfilter ist zu, vollgesetzt mit Dreck, und jetzt bekommt der Motor keinen Sauerstoff, ausgerechnet jetzt.

Er griff zum Funkgerät. Das mit der Brücke, dachte er, muss ich sofort durchgeben. Noch ist Zeit, noch ist der Truck da oben weit genug.

Aber das Aufsetzen der Antenne hatte auch nicht geholfen. Immer noch dieses Kreischen, Piepen und Pfeifen, diese atmosphärischen Störungen, die hier so häufig waren, selbst wenn das Wetter sich nicht so wild gebärdete wie im Augenblick.

Der Motor setzte wieder aus, auch bei halbem Gas wollte er nicht mehr richtig laufen.

Verdammt, da kommt der Truck schon, dachte Harvey, als er die Scheinwerfer jetzt oben am Anfang der Steilgefällestrecke sah.

Harvey tat das einzige, was er tun konnte: Fernlicht auf, aufblenden, abblenden, immer wieder. Die Lichthupe blitzte wie der Signalscheinwerfer eines Kriegsschiffes. Ihm fiel ein, das Lichtsignal des SOS-Zeichens zu geben. Dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz.

Vielleicht begreifen die Jungs da oben. Wenn sie nur nicht so viel Dampf aufmachen, um hier herunterzuschießen. Wie oft tun sie das! Ich habe es ja oft genug erlebt, bin ja früher selbst so gefahren. Mit ordentlich Schwung hier herunter, über die Brücke und dann aufs Gas bis hinten hin aufs Blech, um nur mir viel Schwung auf der anderen Seite hochzukommen, um nicht zu früh auf der Himmelsleiter umschalten zu müssen.

Der Truck kam näher, fuhr nach Harveys Begriff unheimlich schnell. Vier Lampen strahlten nach vorn, aber mitunter waren die Schleier des wehenden Sandes so dicht, dass diese grellen Scheinwerfer wie trübe Funzeln auf Harvey wirkten.

Er blinkte immer wieder. Er hörte nicht damit auf. Sie mussten ihn doch sehen.

Er lauschte, versuchte zu hören, ob Bremsen kreischten oder etwas Ähnliches darauf hindeutete, dass die da oben langsamer fuhren. Statt dessen hörte er plötzlich ein Lufthorn hupen, dass es klang wie das Typhon eines auslaufenden Dampfers. Das Röhren des Lufthorns erinnerte Harvey daran, dass er mitten auf der Straße stand.

Er ließ seinen Jeep ein wenig zur Seite rollen. Die rennen mich doch glatt um. dachte er empört. Aber dann sah er, dass der Truck langsamer wurde, immer langsamer. Und nun konnte er das Kreischen der Bremsbacken auf den Trommeln hören. Ein großer Truck, rot war er, das konnte Harvey jetzt erkennen. Rot allerdings nur auf seiner linken Seite, die Vorderfront war wie paniert von Sand und Dreck.

Harvey zog sich aus seinem Wagen, trat auf die Straße und hielt sich die linke Hand vor seine linke Gesichtshälfte, um sich vor dem Sand zu schützen. Den Kopf eingezogen, ging er auf den Truck zu, Dort flog eine Tür auf, der Fahrer kam heraus, ein mittelgroßer, nicht sehr hübsch aussehender Mann, der sich jetzt seinen Kragen hochschlug und mit beiden Händen vorn am Kinn zusammenhielt. Eine karierte Kamelhaarjacke war es, und sie war im Handumdrehen, ebenso wie das Haar des Mannes, paniert vom Sand.

Harvey kannte den Truck, diesen roten M. A.N, und er kannte den Mann, der da auf ihn zukam.

Im Heulen des Sturmes krächzte der Alte: „Die Brücke ist weg, eine Lawine hat sie weggerissen. Mein verdammtes Funkgerät geht auch nicht, atmosphärische Störung. O Hölle, ihr müsst hier drehen! Und wenn es eine Stunde dauert, bis ihr das Geschirr in der anderen Richtung habt. Ihr müsst drehen! Und wir müssen noch andere warnen, die womöglich herunterkommen.“

„Ach, du bist es, Harvey. Ich hätte dich fast nicht erkannt“, sagte Chris. „Die Brücke ist weg? O Hölle! Ich habe auch keine Verbindung mit dem Funkgerät. Was ist das bloß? Atmosphärische Störungen, sagst du? Immer in dieser Gegend ist so was, aber so schlimm war es noch nie.“

„Hängt mit dem Wetter zusammen. Ist Jim da?“

„Liegt in der Koje und pennt“, entgegnete Chris und blickte besorgt an dem Truck vorbei. „Hoffentlich kommen keine mehr. Ich kann nichts hören. Wir müssen was machen.“

„Ich hab’ den Luftfilter zu. Dieser verdammte Sand, er kommt überall hin. Mir knirscht er schon zwischen den Zähnen.“

Chris nickte nur und ging, die Hand schützend vorm Gesicht, zurück zum Truck. Während er sich hochzog und in die Kabine einstieg, folgte ihm Harvey, arbeitete sich an dem langen Sattelzug vorbei, bis er hinter dem Fahrzeug war. Solang er sich im Schutz befunden hatte, zeigte sich der Sandsturm sehr erträglich. Aber dahinter packte er ihn wieder voll.

Er versuchte vergeblich, etwas zu erkennen von dem, was oberhalb war. Der Sturm wurde jetzt immer schlimmer. Aber das gab Harvey zugleich die Hoffnung, dass diejenigen, die vielleicht noch auf der Gefällstrecke unterwegs waren, anhalten würden. Die Sicht wurde einfach zu schlecht. Personenwagen hielten bestimmt. Wenn jetzt noch jemand fuhr, dann war es allerhöchstens ein Truck. Aber das bedeutete ja besondere Gefahr. Wenn wenigstens das Funkgerät funktionieren würde! Diese verdammten Störungen hier, wovon das nur kommt? Das habe ich in all den Jahren, seit es Funk gibt, nicht herausbekommen, dachte der Alte grimmig.

Als er sich umdrehte, sah er Chris mit einer Blinklampe kommen. Obgleich es eine sehr starke Lampe war, reichte ihr Schein bei diesem Sandsturm nicht weiter als zehn Schritt.

Der Alte war wieder zurück in den Windschatten des Wagens getreten. Chris blieb neben ihm stehen und schrie, damit der Alte ihn überhaupt verstand: „Ich werde es mitten auf die Straße pflanzen, und wenn einer drüber fährt, aber gesehen hat er es.“

Der Alte nickte nur, und Chris verschwand in diesem wogenden Sand.

Irgendwann muss der Sturm nachlassen, vielleicht in einer halben Stunde, vielleicht in zweien. Es scheint immer schlimmer zu werden, dachte der alte Harvey. Und dann ging er zurück.

Plötzlich tauchte vor ihm ein Mann auf. Er war größer als er, trug eine abgeschabte Lederjacke und hatte sich seinen Stetson mit einem Riemen unterm Kinn festgebunden. Es war ein eigenartiger Anblick, weil die Krempen dabei an den Seiten nach unten gebogen waren. So sah es aus, als hätte der andere einen Einkaufskorb auf den Kopf gesetzt. Harvey hatte Mühe, in diesem Mann Jim Stonewall zu erkennen, obgleich er sich eigentlich denken konnte, dass nur der es sein würde.

„Hallo, Harvey!“, brüllte Stonewall. Aber die Worte wurden ihm vom Sturm regelrecht von den Lippen gerissen. „Was ist mit der Brücke, zum Teufel?“

„Da ist keine Brücke mehr. Du musst deinem Truck Flügel wachsen lassen. Der RED BARON mit Flügeln, was hältst du davon?“ Er schlug mit der Hand gegen den silbernen Koffer des Auflegers. „Was hast du drinnen?“

„Die Hälfte von einer Druckmaschine. Die andere Hälfte haben Steve und Barry.“

„Steve und Barry? Zum Teufel, die habe ich doch noch heute Morgen gesehen. Fahrt ihr zusammen nach Mexiko hinüber?“

„Die werden längst drüben sein“, meinte Chris. „Komm in die Kabine, hier draußen werde ich verrückt. Hoffentlich sehen die die Lampe.“

„Wollt ihr drehen oder warten, bis es vorbei ist?“, fragte Harvey.

„Wir warten noch. Ich kann ja kaum die Hand vor Augen sehen. Irgendwann muss es nachlassen.“

„Hab’ ich auch gedacht“, erwiderte der Alte.

Jim Stonewall wollte ihm helfen, in die Kabine zu steigen, aber der Alte wehrte wütend ab. „Da werde ich noch hochkommen. Da bin ich immer hochgekommen. Da bin ich schon hochgekommen, als du noch in die Windeln gemacht hast.“

Jim Stonewall verzog nur das Gesicht. Als er selbst einstieg, kam Chris angerannt, schüttelte sich wie ein Hund und zog sich dann ebenfalls hinauf.

In der Kabine saß der Alte auf dem Motor, Jim hockte sich neben ihn, und Chris ließ sich auf dem Fahrersitz nieder.

Alle drei hatten sie minutenlang zu tun, sich Augen, Nase und Mund abzuwischen. Der Alte hustete, als könnte er den Sand aus seinen Lungen herausholen.

„So ein verdammter Sand! Dieses Teufelszeug, alles knirscht. Elender Mist, das mit der Brücke“, rief Chris.

Der Alte hatte jetzt Muße, die beiden anzusehen. Chris kannte er schon lange, und Jim war ihm bekannt, seit der zusammen mit Chris den RED BARON fuhr, diesen M.A.N Sattelschlepper. Schon viele Male waren sie hier entlang gekommen, wenn sie Fracht für Mexiko hatten. Diese Strecke hier war ein Geheimtip für die Trucker. Phoenix, Gila Bend, Ajo, Why, Lukeville, die Grenze und hinüber nach Sonoyta in Mexiko. Dann auf der mexikanischen Staatsstraße 2 nach Cobarca. Auf dieser Strecke war normalerweise gut voranzukommen. Aber jetzt war der Teufel hier Meister. Jetzt schien sich die ganze Gila Wüste erhoben zu haben und wurde durcheinandergeschüttelt wie eine Sandbüchse.

„Wenn wir nicht weiterkommen“, sagte Chris mit krächzender Stimme, „dann müssten wir über Tucson fahren und dann hinunter nach Nogales. Hölle, das ist ein saftiger Umweg.“

„Du irrst dich“, widersprach der Alte. „Ihr könnt nicht in Why abbiegen. Hast du die Schilder nicht gesehen?“

„Wo, zum Teufel, sind da Schilder?“ Chris blickte fragend auf seinen Gefährten Jim Stonewall.

Jim Stonewalls helle Augen schienen im Zwielicht des Kabineninneren zu leuchten.

„Was fragst du mich? Ich habe gepennt.“

„In diesem verfluchten Sturm muss ich auf die Straße achten. Was nun für Schilder, Harvey?“

„Militärisches Sperrgebiet, Scharfschießen“, sagte der Alte.

„O verdammt, Harvey, mach keine faulen Witze! Ich denke, die schießen erst nächste Woche?“

„Übermorgen schießen sie. Aber sie sperren immer schon zwei Tage vorher, damit auch wirklich alles heraus ist, bevor sie anfangen zu schießen. Aber dann geht eine Knallerei los, sage ich euch...“

„Ich habe mal kurz überlegt“, sagte Jim Stonewall, der einen ruhigen, überlegenen Eindruck machte. Der alte Harvey wusste, dass Jim Stonewall nicht nur ein harter Bursche war, der viel mehr auf dem Kasten hatte, als man ihm auf Anhieb ansah, sondern dass sich die Mädchen nach ihm den Kopf verdrehten, zum Beispiel seine Enkeltochter Sarah, die einmal heimlich ein Bild von Jim gemacht und es dann in ihrem Zimmer neben den Spiegel gehängt hatte. Dort hing es noch. Aber Jim hatte davon keine Ahnung, und Harvey war der letzte, der darüber redete.

„Es sind alles in allem, wenn wir wegen dieses verdammten Sperrgebietes nicht direkt von Why nach Tucson hinüber können und über Gila Bend und Eloy müssen, mehr als zweihundert Meilen Umweg. Wir verlieren mindestens einen Tag, wenn wir den Sandsturm mit berücksichtigen. Wir kommen ja nicht vom Fleck. Wer weiß, wie es da drüben aussieht!“

„Nicht so schlimm wie hier“, erklärte Harvey. „Hier sitzt uns die Wüste zu nahe im Genick. Weiter im Osten ist es besser. Aber Sandstürme sind da auch. Und ich habe es oft genug erlebt, dass auf dem neuen Turnpike der Sand kniehoch gelegen hat.“

Jim Stonewall nickte. „Es hilft nichts. Was sollen wir lange reden, drehen wir und fahren los, damit wir nicht noch mehr Zeit versäumen. Wer weiß, wie lange die Straße noch offen ist. Weiter oben bleibt sie sicher frei, aber hier unten...“

„Hört zu, Jungs“, sagte Harvey. „Ich mache euch einen Vorschlag: Ihr schleppt mich und meine Karre bis Point Drummond. Dort lasse ich das Ding stehen, und dann fahre ich mit euch.“

Chris lachte. „Willst du endlich mal mit einem vernünftigen Auto fahren?“

„Willst du diesen roten Feuervogel Auto nennen?“, spottete der Alte. Dann wurde er sofort ernst. „Es ist keine Zeit für Witze, denke ich. Wenn wir uns beeilen, können wir noch durch das Sperrgebiet fahren.“

Jim sah ihn fassungslos an. „Verdammt noch mal, Harvey, hast du nicht eben selbst gesagt...“

„Und ich habe euch auch gesagt“, erwiderte der Alte, „dass sie erst übermorgen anfangen zu schießen. Wir werden die Sperrzone durchfahren, und euer Umweg ist nicht so gewaltig. Dann weiß ich noch etwas, etwas ganz Feines, von dem ihr keine Ahnung habt. In Robles Ranch können wir abbiegen, das ist dann schon hinter dem Sperrgebiet. Da fahren wir rechts hinunter, direkt nach Süden auf die Grenze zu und kommen nach Sasabe.“

„Aber das ist doch kein offizieller Grenzübergang. Moment mal, zeig mal die Karte, Chris!“, rief Jim.

Chris zog die Karte aus der Klemme, breitete sie aus und deutete auf eine Stelle. „Hier, das ist Sasabe. Kein offizieller Grenzübergang.“

„Und ich sage euch“, erklärte Harvey, „dass ihr für eine kleine Zahlung, von sagen wir zwanzig Greenbacks, über die Grenze fahrt. Ob da nun eine offizielle Übergangsstelle ist oder nicht. Kein Aas fragt euch nach Papieren.“

„Hier ist ein Kreuz“, sagte Chris, der auf die Karte blickte. „Das heißt, kein Übergang.“

„Karten werden von Idioten gemacht, das müsst ihr euch merken. Die Wirklichkeit entscheidet. Ich fahre mit.“

„Also doch mal ’ne Urlaubsreise, oder wie?“

„Nein. Ich nehme an, ihr fahrt in jedem Fall bis Hermosillo.“

„Das ist sogar unser Ziel.“

„Seht ihr, und genau dort habe ich einen alten Freund. Das ist die Gelegenheit, ihn endlich einmal zu besuchen. Sonst sehen wir uns möglicherweise nie wieder. Er ist noch fünf Jahre älter als ich. Aber er hat mir dieser Tage geschrieben.“

„Nicht schlecht“, meinte Chris und sah seinen Partner Jim Stonewall gespannt an. „Was meinst du?“

Jim fuhr sich mit der flachen Hand übers wellige brünette Haar, nickte dann und meinte: „Wir haben genug Platz für dich, Harvey. Es ist wirklich eine gute Gelegenheit. Aber wie kommst du wieder zurück? Wir müssen nach Chihuahua hinüber, dort gibt es Rückladung für uns. Der Agent hat neunzehn Tonnen Häute für Oklahoma City.“

„Na prächtig! Kümmert euch nicht um mich, Jungs. Ich komme mit einem anderen Trucker wieder zurück. Und jetzt weiter nichts als weg hier. In Point Drummond kann ich von zu Hause auch anrufen, damit sie die Straße sperren. Wir sollten das provisorisch weiter oben schon tun. Und jetzt müsst ihr drehen, nicht wahr? Hier oben geht es nicht. Ein Stück weiter unten ist die Straße breit genug, ziemlich dicht vor der Brücke. Verdammt noch mal, macht bloß langsam, nicht dass ihr mit dem ganzen Zeug noch verloren geht.“

„Ich habe keine Filzbrille auf“, knurrte Chris. „Du musst vor allen Dingen deinen verdammten Jeep wegnehmen. Hoffentlich rollt er noch so weit, dass wir an ihm vorbeikommen.“

„Halten wir uns nicht mit der Vorrede auf, drehen wir die Kiste. Und du, Harvey, bleib ruhig drinnen. Ich kümmere mich um deinen Jeep. Du brauchst nicht hinaus, bleib hier drinnen sitzen.“

„Danke, Junge. Ich hätte es aber leicht selbst gekonnt“, fügte der Alte rasch hinzu.

„Schon gut, Harvey.“ Jim klopfte ihm auf die Schulter, drückte die Tür auf und sprang hinunter. Sofort war er umhüllt von wehendem Sand. Vorgebeugt kämpfte er sich bis zum Jeep durch. Er verschwand in den Sandschleiern, die über die Straße wogten.

„Es wird wirklich höchste Zeit, dass wir hier wegkommen, sonst ersaufen wir noch im Sand und bekommen das Zeug nicht mehr von der Stelle“, meinte Chris.

Er ließ den M.A.N an, und der Alte sagte: „Da vorn ist eine Wehe. Verdammter Mist, runter kommt ihr, aber wieder rauf?“

„Mach dir keine Sorgen. Diese Kiste hat Allradantrieb, da haben wir schon so manchem was gezeigt“, erwiderte Chris.

Wenig später konnte sich der alte Harvey überzeugen, was Chris mit dem „Zeigen“ meinte. Der RED BARON arbeitete sich nach dem Wenden durch eine Sandwehe wie ein Panzer. Kein Durchdrehen, kein Rucken, kein Abtriften. Die Zugmaschine schleppte ihren Auflieger bolzengerade bergaufwärts durch die Wehen hindurch. Dann hielt Chris an, als sie den Jeep erreicht hatten, wo Jim schon mit dem Seil in der Hand stand. Das eine Ende war bereits am Jeep fest, jetzt hängte er es hinten in den Auflieger ein, ein Hupsignal, und Chris zog etwas an.

Als die Leine gespannt war, betätigte er die Leine, die oben im Führerhaus von links nach rechts hing. Das Lufthorn stieß einen infernalischen Ton aus, und kaum hörbar meldete sich die Hupe des Jeeps zur Antwort. Chris zog an, und dann ging es hinauf. Eine Wehe nach der anderen. Was sich da in kurzer Zeit angesammelt hatte, war ungeheuer. Aber solange Chris die Straße sehen konnte, beeindruckte das ihn so wenig wie die dreiachsige Zugmaschine mit dem Zweiachserauflieger.

Der lange Zug zog spurgerade bergauf. Dann wurde die Straße frei, die Sicht besser. Die Serpentinenstrecke begann, Kurve auf Kurve. Da bekam Chris oben wieder etwas zu tun. Kehre links, fünfzig Yards bergauf, Kehre rechts.

„Verdammte Kurbelei!“, schimpfte Chris.

Harvey blickte auf die behaarten, sehnigen Arme des Fahrers. Und er sah auch die Fäuste und erinnerte sich daran, dass Chris einmal die Cafeteria von Point Drummond leergeboxt hatte. Damals waren ein paar übermütige betrunkene Soldaten zu Old Harveys Tochter frech und anzüglich geworden. Chris war es zu Ohren gekommen, und dann hatte es eine mörderische Keilerei gegeben. Chris allein gegen sechs Soldaten. Zwei andere Trucker hatten Chris noch geholfen. Am Schluss aber waren die Soldaten draußen, ein Teil des Mobiliars zerschlagen und die Ehre von Harveys Tochter Emily wieder hergestellt. Emily führte auch die Küche der Raststätte.

An all das musste Harvey jetzt denken, als er Chris von der Seite anblickte. Der nicht gerade gutaussehende Mann hatte dieses gewisse Etwas, von dem Emily nach dieser Schlägerei ihrem Vater heimlich gestanden hatte, dass ihr ein Mann wie Chris, wäre sie nicht schon längst verheiratet, unheimlich gut gefallen könnte.

Die träumt auch von Chris wie Sarah von Jim, sagte sich der Alte und blickte wieder nach vorn.

*

Endlich hatten sie die Serpentinen hinter sich. Noch immer heulte der Sturm, noch immer wehten Schleier von Sand über die Straße. Aber es war längst nicht mehr so schlimm wie im Tal unten.

Die Sicht wurde merklich besser. Zuletzt war es nur noch Sturm, denn linker Hand, wo der Sturm herkam, war das Land jetzt bewachsen. Gras, Büsche, der Boden hatte Halt, flog nicht mehr weg.

Dann tauchte Point Drummond auf. Eine Tankstelle, zwei geduckt liegende Gebäude, der Sendemast, die Reklame einer Reifenfirma und gegenüber auf der anderen Straßenseite die Ruinen einer mexikanischen Kapelle. Hier befand sich auch ein kleiner Friedhof, auf dem zweiunddreißig Soldaten lagen, die vor hundert Jahren im Kampf gegen Apachen ihr Leben gelassen hatten. Chris zog die Maschine nach rechts und hielt an.

Plötzlich kam die Sonne durch, gerade als Chris die Tür aufstieß und aussteigen wollte. Heulender Wind, aber Sonnenschein. Trotzdem war es kalt, viel kälter als sonst in dieser Gegend. Chris schlug sich wieder den Kragen seiner Jacke hoch, half dem Alten beim Aussteigen, und diesmal ließ er sich auch helfen.

„Sag mal“, sagte Harvey, „die Blinklampe, die habe ich nicht mehr gesehen. Die wird Jim doch mitgenommen haben?“

„Hat er gemacht, während wir drehen mussten“, sagte Chris. „Aber gut, dass du es sagst, ich muss sie aus dem Jeep holen.“

Jim hatte den Jeep hinten schon abgehängt.

Aus dem Haus kam eine Frau um die Vierzig. Als Chris in ihre Richtung blickte, da musste er an dasselbe denken wie der Alte vorhin.

„Was ist denn passiert, Jungs?“, rief die Frau.

„Nichts weiter, Emily, bloß dass die Brücke weg ist. Dein Vater war auf Draht, er hat uns rechtzeitig gewarnt. Weiß der Kuckuck, wo wir sonst wären.“

„Um Himmels willen, die Brücke weg! Wie kann denn das passieren?“

„Lawine“, sagte der Alte. „Ich muss sofort anrufen.“

„Das kann ich doch tun. Habt ihr immer noch Störungen im Funk? Wir hier haben keine Verständigungsmöglichkeit, wir müssen alles mit Telefon machen“, sagte Emily.

Sie ist ganz schön dick geworden, dachte Chris. Damals, und so lange ist das nicht her, ist sie gertenschlank gewesen.

Emily kümmerte sich darum, über Telefon die Behörden zu informieren, dass die Brücke eingestürzt war. Glücklicherweise klappte die Telefonverbindung noch. Harvey stellte mit Hilfe von Chris Morris und Jim Stonewall Böcke und Latten auf die Straße, um sie provisorisch abzusperren. Curley, ein junger Neger, der als Tankwart bei Old Harvey arbeitete, schrieb mit Filzschreiber auf einen großen Kartondeckel: Straße gesperrt, Brücke eingestürzt.

Jim hatte sich entschlossen, noch einmal aufzutanken. Und wie gut sich diese Maßnahme erweisen sollte, ahnte er nicht einmal. Sie füllten auch den Wassertank auf, reinigten den Filter der Klimaanlage auf dem Dach, der sich schon voll Sand gesetzt hatte. Und eine Dreiviertelstunde später machten sie sich auf den Weg. Die Funkverbindung klappte noch immer nicht. Aber das schien ihnen im Augenblick nicht so bedeutsam. Wichtiger war ihnen die Tatsache, dass der Sturm nachzulassen schien. Dafür zeigten sich im Westen dicke schwarze Wolken, die sich rasch näherten.

„Wir bekommen noch eins auf die Haube“, erklärte Harvey.

„Macht nichts, nicht mehr weit, und wir haben den Wind von hinten. Soll es regnen, besser als ein Sandsturm.“

Sie fuhren noch ein gutes Stück nach Norden. Dann ging es wieder bergab, und diesmal war die Brücke über den San Cristobal Wash nicht eingestürzt. Diese hier war auch viel kürzer. Sie führte über ein ausgetrocknetes Flussbett, in dem Geröll lag. Ganz selten gab es hier Wasser, manchmal jahrelang nicht.

„Bis hier unten was fließt“, sagte Old Harvey, „da muss es schon ganz schön regnen. Und zuletzt war das vor über einem Jahr der Fall. Jungs, ihr müsst vorher abbiegen, nicht erst in Why. Da wo die Schilder stehen, könnte auch ein Bulle mit einem Motorrad warten. Dahinter den Weg, seht ihr den? Da zieht ihr nach rechts. Es ist zwar kein Asphalt drauf, aber die Straße ist fest.“

Als der Weg auftauchte, nahm Chris, der noch immer fuhr, das Gas weg, bog dann nach rechts ab, und Harvey hatte nicht übertrieben. Obgleich es keinen festen Belag gab, lief der Truck ruhig über die Straße. Allerdings quollen unter seinen Rädern dicke Staubwolken empor, die vom Wind sofort nach Osten geblasen wurden.

„Eine ganz schöne Fahne“, meinte Jim, der die Rauchwolke im Spiegel beobachtete.

„Wir kommen dort drüben auf die Straße, dann geht es wieder besser.“

„Wie weit reicht das Sperrgebiet genau?“ Er sah Old Harvey fragend an.

„Vielleicht zwei Meilen von hier“, erklärte der Alte. „Und dann etwa dreißig Meilen weit bis unmittelbar vor Quijotoa.“

„Verdammt langes Stück. Und du meinst, da ist überhaupt keiner, der uns aufhalten könnte, Armee oder so?“

„Nichts. Das ist hier das Gebiet, wo sie hinschießen. Das ist alles geräumt. Ab morgen früh kontrollieren die. Da siehst du nur noch Hubschrauber. Wir müssen also sehen, dass wir heute noch durchkommen. Aber ich zeige euch den Weg, und dann auch noch die Abkürzung.“

„Die Straßen sind auch alle gut?“, fragte Jim zweifelnd.

Der Alte, der auf dem Beifahrersitz saß, nickte. „Na klar, und ob die gut sind. Teilweise ohne Belag, so wie hier, aber knallhart.“

„Steigungen? Der Karte nach müssten Steigungen sein.“

„Es sind ein paar drin, aber keine über zehn Prozent. Das macht ihr doch mit diesem Hirsch mit links.“

„Da hast du Recht“, bestätigte Jim. „Wenn wir doch Verbindung hätten mit den anderen! Durch diese verfluchte Funkstörung habe ich nicht die mindeste Ahnung, was mit Steve und Barry ist.“

Chris griff zum Mikrofon, drückte die Taste auf Empfang und wieder war dieses Pfeifen und Rauschen.

„Da müsst ihr schon ein paar Meilen weiterfahren“, sagte Harvey, „bis das aufhört. Es hat noch keiner herausgefunden, woran es liegt. Mal ist es stärker, mal ist es schwächer. Bei so einem Wetter wie heute ist es ganz besonders schlimm.“ Er blickte nach vorn durch die Scheibe. „Sagt mal, Jungs, spinne ich oder regnet das?“

„Du spinnst nicht, es regnet. Und wie, mit einem Mal, jetzt geht es los. Donnerwetter!“

„Das ist das Beste, was ich seit Wochen und Monaten höre und sehe, dass es regnet. Am liebsten hätte ich, dass ihr anhaltet, damit ich aussteigen kann, um es zu fühlen!“, rief der Alte.

Chris warf ihm einen mitleidigen Blick zu, und Jim meinte:

„Ich kann dich ja verstehen, wenn es bei euch hier nie regnet. Aber zum Anhalten haben wir keine Zeit. Der Umweg kostet uns Stunden genug.“

Nichts in diesem Land war halb. Wenn es regnete, da schüttete es. Wenn es Wind gab, dann war es Sturm, und wenn Sand flog, dann gleich bergeweise. Jetzt regnete es, aber wie!

Der Regen wurde vom Wind gepeitscht und kam fast horizontal. Aber er traf den Truck von hinten, und so hatten die Scheibenwischer keine Mühe, mit dem Wasser fertig zu werden.

Sie erreichten jetzt wieder die Straße, und der Alte meinte: „Jetzt sind wir richtig im Sperrgebiet. Da links drüben, im Norden, da schießen sie mit schwerer Artillerie. Ist auch alles kaputt da, wächst ja sowieso nicht viel.“

Jim und Chris hatten denselben Gedanken, und Jim sprach ihn aus: „Solange die nicht schießen, wenn wir hier durchfahren...“

„Übermorgen erst, könnt euch fest drauf verlassen, nur keine Sorge“, behauptete Harvey. „Und morgen, da fliegen die Hubschrauber hier wie die Hornissen herum. Da müssen wir längst weg sein. Die würden uns nicht weiterlassen. Und dann, Jungs, gibt es Ärger.“ „Versuch doch mal, ob dieses verdammte Funkgerät wieder in Gang ist“, sagte Jim.

„Besser nicht“, warnte Harvey. „Wenn sie uns abhören, dann bekommen wir Ärger. Das heißt, ihr könnt ja auf Empfang gehen, aber möglichst keine eigenen Durchsagen machen.“

„Dann geh auf Empfang!“ forderte Jim Chris auf, und der schaltete das Gerät ein. Die Störungen waren geringer geworden, ab und zu noch ein Pfeifen, aber sie konnten verstehen, was auf der Frequenz gesprochen wurde. Es war die Unterhaltung von zwei Fahrern, von denen der eine an einer ebenfalls gesperrten Straße irgendwo hier in der Gegend festsaß. Und in diesem Augenblick hörten sie auch, wie der andere antwortete: „Ich sitze genauso beschissen da; zwischen Tucson und Sonoyta ist die Straße überschwemmt. Gesperrt natürlich. Wer weiß, wie lange es dauert, bis die Brühe abläuft.“

Der andere Fahrer fragte: „Und wie sieht es mit der Umgehung über Robles Ranch aus nach Sasabe hinüber?“

„Soll ebenfalls gesperrt sein, kam vorhin durch“, erwiderte der andere. „Hochwasser.“

Chris blickte zu Jim hinüber, sah dessen Gesicht und wusste, dass der dasselbe dachte wie er selbst. Harvey pfiff durch die Zähne und meinte: „Na Jungs, dann können wir das begraben. Aber ich weiß Rat.“

„Den werden wir auch dringend nötig haben, sonst gibt es nichts wie umzukehren“, meinte Jim.

„Wir könnten“, meinte Harvey, „schon weit vorher rechts abbiegen. Es gibt eine Straße, das ist etwas für Kenner, aber es sind fünfzehn Prozent Steigung drin. Packt ihr das?“

„Das packen wir. Wie ist die Straßenbeschaffenheit?“

„Fester Boden, Felsen. Manchmal sehr schmal. Aber ihr seid euch ja klar darüber, wenn ihr da nicht fahrt, was es bedeutet. Der Highway zwischen Tucson und Nogales ist gesperrt, das habt ihr gehört. Zwischen Robles Ranch und Sasabe ebenfalls. Wo wollt ihr da noch fahren? Über Benson und hinüber nach Agua Prieta.“

„Das sind schon fast dreihundert Meilen Umweg“, meinte Chris.

„Reicht nicht“, widersprach Jim. „Das ist noch mehr.“

„Und dein Schleichweg, wie sieht der aus?“, fragte Chris. „Schotter, Serpentinen, etwas für Dickhornschafe, oder kommen wir mit dem hier auch durch?“

„Ich bin zuletzt vor drei Jahren mit einem Chevy Bison durch.“

„Auch bei solchem Regen?“, fragte Jim und sah den Alten skeptisch an.

„Auch bei solchem Regen, mein Junge. Im Gegenteil, da oben ist es besser als hier unten. Dort ist alles reiner Felsen, knochenhart.“

„Die Lawinen hast du nicht vergessen?“

„Da oben gibt es keine Lawinen. Du bist ja schon obendrauf, was soll es da Lawinen geben?“

„Aber irgendwie müssen wir ja erst einmal hoch oder nicht?“, wollte Chris wissen.

„Müssen wir“, bestätigte der Alte. „Also Jungs, ich sage euch, wir kommen durch. Es geht nur langsam. Langsam, weil da verdammt viel Serpentinen sind, langsam, weil es steil ist, langsam, weil die Straße nicht breit ist.“

„Ist es überhaupt eine Straße?“, fragte Jim spöttisch. „Weißt du, die Sache ist so, wir haben eine Versicherung. Das kennst du doch.“

„Ich weiß, ich weiß“, sagte Harvey und winkte ab. „Die zahlen nur, wenn ein Unfall auf fester Fahrbahn geschieht. Ich sage euch, da oben ist feste Fahrbahn. Knallhart, so hart ist kein Asphalt. Da werden wir ...“

„He“, rief Chris dazwischen, „seh‘ mal nach vorn! Was haben wir denn da?“

„O Hölle!“, stieß Jim hervor, als er erkannte, was dort im Scheinwerferkegel sichtbar wurde.

Quer über die Straße lag etwas. Erst sah es aus wie eine umgefallene Brücke. Aber dann erkannten sie, dass es zwar etwas mit einer Brücke zu tun hatte, aber eine, wie sie von der Armee benutzt wurde, um kleinere Gräben oder Flüsse zu überqueren. Eine von einem Lastwagen gezogene Pionierbrücke, die sich automatisch ausfuhr. Sie war auf einem Anhängergestell montiert und jetzt umgestürzt. Die gesamte Straße war gesperrt, die Enden dieses langen Ungetüms ragten sogar noch rechts und links über den Straßenrand hinaus. Ein Stück von der Straße herunter, ebenfalls auf der Seite liegend, befand sich die Zugmaschine, ein Mack der Armee.

„Sieht nicht aus, als wäre jemand dabei“, meinte Harvey.

„Das wollen wir erst genau wissen“, entschied Jim.

*

Als Chris heran war, stieß Jim die Tür auf. Der Regen empfing ihn draußen wie der Strahl einer Dusche. Ungeachtet, dass er im Handumdrehen durchnässt sein würde, lief Jim von der Straße herunter auf die Zugmaschine zu.

Kaum war er vom harten Boden weg, geriet er in Schlamm. Er rutschte aus, schlug hin, fluchte, kam wieder auf die Beine und hatte Mühe, in diesem Morast, der sich hier im Handumdrehen gebildet hatte, nicht bis zu den Knien zu versinken.

Dann war er beim Truck, kletterte hinauf, sah durchs Fenster hinein, erkannte aber nichts. Es gelang ihm, die Tür zu öffnen wie eine Luke.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903027
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (April)
Schlagworte
ps-jim spur

Autor

Zurück

Titel: Auf der Spur des 40-Tonners: 320 PS-Jim 7