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Texas Wolf #13: Auf dem goldenen Trail

2016 120 Seiten

Leseprobe

TEXAS WOLF

Band 13

Auf dem goldenen Trail

Horst Weymar Hübner

––––––––

Impressum

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und

BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover by Klaus Dill, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin

Munsonius.

*www.AlfredBekker.de <http://www.AlfredBekker.de/>*

*postmaster@alfredbekker.de <postmaster@alfredbekker.de>*

Klappe

Old Joe wird aus dem Hinterhalt angeschossen, weil er am falschen Ort zum falschen Zeitpunkt war. Aber die Banditen, die Old Joe beobachtet hat, glauben, dass er tot ist und lassen ihn liegen. Aber der alte Bursche ist zäh – erst recht, wenn es darum geht, diese Halunken zu erwischen und ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Denn die Kerle sind nicht nur Wegelagerer, sondern Schmuggler, die Gold über die Grenze bringen und damit in Texas ein Riesengeschäft mit der stattlichen Münzprägeanstalt machen wollen.

Jetzt haben die Kerle nicht nur Old Joe auf den Fersen, sondern auch dessen Freunde – den Texas Ranger Tom Cadburn und den Schwarztimber Sam...

Auf dem goldenen Trail

Betroffen schaute Old Joe auf die Bachbiegung. Sein Magen zog sich langsam zusammen.

Den Bach hatte es früher nicht gegeben. Er konnte sich nicht entsinnen.

Jetzt floss reichlich klares Wasser im sandigen Bett zwischen den steilen Felswänden herab. Und in der Biegung hatte es blankgeschliffene Knochen ans Ufer gespült.

Menschenknochen!

Old Joe wusste, wie sie aussahen. In solchen Dingen hatte er Erfahrung.

Sein Blick folgte dem Bachlauf aufwärts. Das Wasser hatte eine beachtliche Strömung. Irgendwo weiter oben hatte es einen unbekannten Toten aus dem Sand herausgewaschen und einen Teil seiner Überreste in der Biegung abgelagert.

Nachdem Old Joe über den schlimmsten Schrecken hinweg war, stieg er ab und beguckte sich den traurigen Fund aus der Nähe.

Hier oben in den Bergen hatte sich Shingle verkrochen, als er die Nase von den lauten Städten voll hatte.

Kurz vor dem vorigen Winter hatte Old Joe ihn drunten in Flanders getroffen. Shingle hatte sich mit Proviant für die kalten Monate eingedeckt.

Bei der Gelegenheit hatte er gesagt, falls Old Joe mal in die Apachenberge raufkomme, solle er ihn besuchen.

Er hatte ihm ziemlich genau die Ecke beschrieben, in der er sich niedergelassen hatte.

Und da hatte sich Old Joe verdammt genau erinnert. Es war schon fast ein Menschenalter her, seit er mit Shingle in den verborgenen Tälern Bären und Pumas gejagt hatte.

Damals hatte Shingle mit einem sehnsuchtsvollen Blick auf die Berge ringsum gemeint, wenn er eines Tages die Leute nicht mehr ausstehen könne, würde er sich hierher zurückziehen und seine Hütte bauen.

Seit dem letzten Herbst wusste Old Joe, dass Shingle sein Versprechen eingelöst hatte. Er war einen Tag mit ihm in Richtung auf die Berge geritten. Beim Abschied hatte er versprochen, ihn da oben zu besuchen.

Seitdem war kaum ein halbes Jahr vergangen.

Statt auf die Hütte oder überhaupt auf eine Spur von Shingle zu stoßen, hatte Old Joe die Knochen entdeckt.

Der Besuch fing gut an.

Vielleicht hatte Shingle den Winter nicht überlebt. Immerhin war er noch älter als Old Joe und harmlos wie ein alter Kater ohne Zähne und Krallen.

Tödliche Gefahren waren hier oben allgegenwärtig  Bären, versprengte Büffelwölfe, Schlangen und stürzende Bäume. Dazu Steinschlag, ein Schneesturm oder ein Eissturz von einem steilen Hang.

Es genügte auch eine entsprechende Verletzung, um weitab jeder Ansiedlung und ohne Hilfe jämmerlich zugrunde zu gehen.

Mit einer gewissen Scheu nahm Old Joe einen von den Knochen in die Hand. Es war ein Rippenbogen.

Nach eingehender Prüfung atmete der Alte auf und schaute zuversichtlich.

Die Knochen lagen länger als ein Jahr hier, wahrscheinlich schon eine kleine Ewigkeit. Von Shingle konnten sie also nicht stammen.

Behutsam legte Old Joe den Knochen zurück, kletterte hinkend das Bachufer hinauf und führte sein Maultier Clara dem Wasser entgegen in das tief eingeschnittene Tal hinein.

Einen richtigen Weg gab es nicht. Wozu auch? Und für wen?

Auf nachbarlichen Verkehr hätte Shingle gepfiffen, und abgesehen davon lag die nächst erreichbare Ansiedlung drei Tagesritte entfernt. Von Nachbarschaft konnte man da nicht gut sprechen.

Was die Apachen betraf, die waren heute da und morgen woanders, und im großen und ganzen gingen sich Bergtrapper und Indianer aus dem Weg.

Für das, was Shingle in seine Bergwelt hereinholte, reichte ihm der alte Wildpfad vollauf, den es damals schon gegeben hatte.

An zwei Stellen war er neu getreten. Weil der Bach hinzugekommen war.

Clara schüttelte missmutig den Kopf und rüttelte am Zügel. Sie war nicht sehr dafür, noch tiefer in die Bergwelt einzudringen.

Hier roch es gefährlich. Nach Luchs und Bär und anderen Gefahren.

Der Zug am Zügel ließ nach, sie blieb unaufgefordert stehen. Old Joe kletterte schon wieder ins Bachbett hinunter.

Er hatte die Stelle gefunden, wo das Wasser die Knochen hergeholt hatte. In den Hang gegenüber waren die Reste eines Menschen eingebettet.

Ein Regenguss oben in den Bergen hatte den Bach anschwellen lassen. So war der Tote ans Tageslicht gespült worden.

Old Joe watete hinüber.

Seine Finger zupften farbige Stoffreste aus dem kiesdurchsetzten Boden. Es waren ohne Frage die Überbleibsel einer Uniform.

Ein stark verrostetes Stück Eisen ragte aus dem Grund.

Behutsam grub der Alte es frei.

Es war ein Gewehr. Eines noch mit Steinschloss. Schaft und Kolben waren abgefault.

Der Tote lag schon lange hier. Mit Sicherheit handelte es sich um einen mexikanischen Soldaten. Vielleicht sogar um einen kaiserlichen.

Mochte der Himmel wissen, was ihn in die Berge getrieben und dann umgebracht hatte.

Old Joe wog prüfend das verrostete Steinschlossgewehr in der Hand und drückte es dann neben dem Gerippe in den Boden.

Vielleicht hatte der Soldat sehr an der Waffe gehangen. Sie war das einzige, das ihm geblieben war.

Mühsam rollte der Alte ein paar solide Steinbrocken vom anderen Bachrand herbei und schützte die Knochen vor dem weiteren Zugriff des Wassers.

Gut, der Tote war nicht Shingle, ein ungutes Gefühl blieb aber doch.

Wo steckte der alte Biber? Warum roch es nicht nach Rauch?

Er griff wieder nach dem Zügel und zerrte Clara hinter sich her. Seine flinken Augen blickten zu den Hängen und Graten hinauf, ob da nicht irgendwo Bussarde oder Geier kreisten.

Das Maultier folgte nur widerwillig.

Schimpfend wandte sich der Alte um: „So ist’s recht, lass dich nur von mir den Berg rauf ziehen! Wenn ich dich auch noch tragen soll, brauchst du’s nur zu sagen. Mit einem alten Esel wie mir kannst du’s ja machen!“

Das Maultier legte die Ohren an und zeigte die Zähne, dass es wahrhaftig aussah, als würde es grinsen.

Der Pfad beschrieb einen Knick um einen haushohen Felsblock, der irgendwann mal aus der Höhe herabgekracht war.

Argwöhnisch schaute Old Joe am Hang hinauf. Sehr sicher kam ihm die ganze Geschichte nicht vor.

Shingle musste da oben an einem Bach herumgegraben und das Wasser in dieses Tal geleitet haben. Natürlich war da einiges unterspült worden. Vertrauenserweckend sah die ganze Gegend nicht aus.

Nur zu leicht konnte etwas abbrechen und einem auf die Birne fallen.

Ganz behutsam tappte Old Joe an dem mächtigen Felsblock vorbei.

Dann stockte sein Schritt.

In einer Art Kessel, kaum hundert Schritte entfernt, stand die Hütte.

Ihr Zustand gefiel dem Alten nicht.

Die Tür hing schief am unteren Lederscharnier, der Holzstoß war umgeworfen, und auf dem Platz vor der Hütte lag Shingles Hausrat - eine Pferdedecke, zwei Töpfe, eine Pfanne und eine Teekiste, die als Regal gedient hatte.

Die Situation roch nach Verdruss.

Clara verdrückte sich in den Schatten neben dem Felsblock. Der Alte stand und witterte wie ein misstrauischer Fuchs, dem selbst der tiefste Frieden nicht geheuer vorkommt.

Eine fast unwirkliche Stille lag über dem Platz.

Old Joes Blicke suchten die Hänge und den oberen Teil des Tales ab.

Da bewegte sich nichts.

Dennoch überstürzte er nichts. In so einer Lage musste man die Nerven bewahren, die Übersicht behalten und grenzenlose Ausdauer an den Tag legen. Wie die Indianer.

Wie es aussah, hatte Shingle Besuch gehabt. Der Besuch hatte sich nicht so aufgeführt, wie man das von Gästen normalerweise erwarten durfte.

Ob auch gekämpft worden war, mochte Old Joe noch nicht sagen. Dazu musste er erst die Spuren sehen.

Er stand reglos, als sei er selber Teil dieser steinernen Welt.

Ein Spottvogel lärmte talaufwärts und folgte dann mit schwirrendem Flug dem Bachlauf.

Scharf beobachtete der Alte das Tier.

Es verhielt sich nicht auffällig. Weiter oben setzte es sich in eine Schwarzeiche und beschimpfte Old Joe aus angemessener Entfernung als üblen Störenfried.

Nach fünf Minuten war der Alte überzeugt, dass hier keine Gefahr drohte. Dennoch legte er die Hand auf den Revolverkolben, als er sich in Bewegung setzte und zur Hütte hinüberhinkte. Leichtsinnig war er nicht.

Schon mancher zu vertrauensselige Mann war unvermittelt auf einer Kugel zur Hölle gefahren.

„Shingle?“, rief er halblaut. „Bist du drinnen?“

Er bewegte sich seitwärts. Das dunkle Loch der Türöffnung kam ihm wie eine böse Drohung vor.

Shingle antwortete nicht.

Old Joe konnte jetzt die Ramada hinter der Hütte sehen, diesen beliebten und notwendigen Unterstellplatz für Reittiere.

Die geflochtenen Wände und das Sonnendach waren zerstört, und von Shingles grobknochiger Stute war weit und breit nichts zu sehen.

Der Alte spannte die Muskeln und spreizte die Finger über dem Revolverkolben, als er die kärglichen Abdrücke von Hufeisen auf dem festgetretenen Boden vor der Hütte entdeckte.

Mindestens drei Pferde waren dagewesen!

Möglicherweise waren sie immer noch in der Nähe. In einem guten Versteck. Davon gab es talaufwärts eine ganze Menge.

Sogar Höhlen waren vorhanden. Old Joe hatte damals mit Shingle wochenlang in einer gehaust.

In dieser öden Gegend gehörten zu beschlagenen Pferden auch Reiter.

Old Joe spürte die Gefahr wie eine Berührung.

Eine undeutliche Bewegung am Rande seines Blickfeldes ließ ihn innehalten. Er warf den Kopf herum, dass der Staub aus seinem struppigen grauen Bart fiel.

In der Hüttentür stand ein Mann.

Vor dem dunklen Raum war er schwer auszumachen.

Shingle war es nicht.

Der Mann war jünger, breiter und massiger. Und er hatte einen schwarzen Bart wie ein Urwaldgestrüpp.

Ein Augenzwinkern zu spät erkannte Old Joe, dass der Kerl bereits mit dem Revolver in der Hand herausgetreten war. Die Waffe zielte von der Hüfte auf ihn.

Die Hand des Alten schloss sich um den Revolverkolben.

Er konnte das Schießeisen nicht einmal anlüften, als der schwarzbärtige Kerl schon feuerte. Ohne Warnung. Ohne etwas zu sagen. Einfach so.

Old Joe sah das Mündungsfeuer unnatürlich grell vor dem dunklen Türloch aufblenden.

Zugleich spürte er einen knochenharten Schlag am Kopf und hatte den eigenartigen Geschmack von Blut im Mund.

Der Platz, die Hütte und der bärtige Kerl davor - alles drehte sich in einem rasenden Wirbel.

Ein schwarzes Loch ins Nichts tat sich auf.

Da hinein stürzte Old Joe.

*

Lauernd beobachtete der Mann die Wirkung seines Treffers.

Der alte hinkende Kerl war zurückgezuckt. Aber jetzt lief Blut über sein Runzelgesicht.

Schwer und langsam wie ein Baum neigte sich der Mann. Sein Blick ging in die Ferne, die Augen wurden glasig.

Dann schlug er mit dem Gesicht voran auf. Der Staub senkte sich auf ihn.

Der bärtige Kerl behielt den Revolver in der Hand und näherte sich dem niedergeschossenen Alten.

Dessen rechte Hand war noch um den Revolverkolben gekrallt.

Er trat wuchtig zu.

Die Hand flog zur Seite, der Revolver kam frei.

Der Alte rührte sich nicht mehr. Unter seinem Kopf bildete sich eine rote feuchte Lache.

„Na also!“, meinte der bärtige Kerl. „Ich habe noch nie vorbeigeschossen.“

Er bückte sich nach dem Revolver und prüfte die Waffe. Das Eisen gefiel ihm. Es war gut ausgewogen und prima im Schuss. Er steckte es hinter den Hosenbund.

„Der Alte ist hin“, sagte er in Richtung der Hütte. „Bringt die Gäule raus und fangt sein Maultier ein. Und dann wollen wir endlich anfangen. Ich denke nicht, dass noch einer kommt.“

Zwei wesentlich jüngere Männer führten drei schwitzende und ängstlich schnaubende Pferde aus der Hütte. Die Tiere witterten Blut. Sie hatten eine angeborene Abneigung dagegen.

„Ein Glück, dass ich ihn rechtzeitig gesehen habe“, sagte ein Mann und wischte die schaumbedeckten Hände an der Hose ab. Er hatte zwei Pferden die Nüstern zugehalten, damit sie nicht durch ein unbedachtes Schnauben alles verdarben. „Hat der alte Ziegenbart was bei sich?“

Sein Gesicht hatte eine ungesunde fahle Farbe, auf seiner Oberlippe zeigte sich der kümmerliche Flaum eines beginnenden Bartes. Seine Augen blickten unstet in eine andere Richtung, als könnte er sonst etwas verpassen und zu kurz kommen.

Das war einer, der immer auf dem Sprung nach dem Glück stand, egal wie es aussah, und nicht bereit war, einem anderen den Vortritt zu lassen.

„Eh?“, machte der Schütze.

„Na, Gold oder so“, sagte der junge Kerl mit fast überschnappender Stimme. „Er sieht wie ein Goldgräber aus. Bestimmt hat er die Taschen voller Gold!“

Er ließ die Zügel fallen und kam mit weiten schnellen Schritten von der Hütte her.

Das war das Signal für seinen Partner. Der wollte keinesfalls auf etwas verzichten und sauste hinterher.

Ein hässliches Grinsen spielte um den Mund des Schützen.

Griffbereit legte er seinen Revolver auf den Boden. Für alle Fälle. Dann begann er, dem Alten die Taschen auszuräumen.

Er brachte weich gewordenen Kautabak zum Vorschein, Bindfaden, eine Handvoll Münzen, Patronen, ein Klappmesser, ein Päckchen Wachspapier, das Streichhölzer enthielt, und anderes Zeug, ohne das ein Mann in der Wildnis nun mal nicht auskommt.

„Na, zeig’s her!“, zischte der Junge mit dem ungesunden Aussehen. „Er hat doch Gold bei sich, ich kann’s riechen, Butch.“

„Du bist vielleicht ein Idiot“, sagte Butch und warf dem Kerl die kärgliche Beute vor die Stiefel. „Das ist alles, mehr hat er nicht.“

„Er sieht aber wie ein Goldgräber aus!“, sagte der Bursche eigensinnig. „Lass mich mal, geh da weg!“

„Du hast sie nicht alle beisammen, Hurdy!“ Mit einem blitzschnellen Griff hatte Butch seinen Revolver zwischen den Fingern und stand auf. Er musterte den dritten Mann. „Was ist mit dir, Zack? Spinnst du auch?“

Zack konnte sich nicht entschließen. Diese Sache hier sah nicht nach einem fetten Beutezug aus. Aber deswegen waren sie auch nicht hier herauf in die Berge geritten.

Gegen eine Extrabeute hatte er aber nichts einzuwenden.

Deshalb sagte er: „Diese alten Nussknacker wissen immer, wo Gold herumliegt. Man braucht es nur aufzuheben. Die kennen alle eine geheime Stelle.“

„Der wollte jemand besuchen“, sagte Butch und beobachtete die beiden weiterhin wachsam. Gold war ein schlimmes Wort. Es machte sanftmütige Männer zu blutgierigen Wölfen.

Gegen Gold hatte er selber nichts einzuwenden. Nur war hier nicht mit dem verfluchten gelben Metall zu rechnen, wie es aussah. Und wie er die Lage einschätzte. Oder er kannte sich nicht mehr aus.

„Ha?“ Zack war etwas langsam mit dem Verstand. Wenn es aber ans Schießen ging, war mit ihm zu rechnen.

„Er hat nach einem Shingle oder so gerufen“, erläuterte Butch und deutete mit dem Revolverlauf auf die Hütte. „Bestimmt der Kerl, der hier gehaust hat. Außerdem, wenn der alte Salzknabe wohlhabend gewesen wäre und auf einem Goldnest gesessen hätte, dann wäre er auf einem besseren Reittier heraufgekommen. Ein schäbiges dürres Maultier - pah!“

Hurdy hatte die Habseligkeiten des Alten durchwühlt und fingerte ihm ebenfalls in den Taschen herum. Seine Stimme klang schrill und unangenehm, als er rief: „Das ist doch der Trick dieser Burschen. Die leben ganz bescheiden, damit jeder denkt, sie haben nichts zu nagen und zu beißen. Dabei sind sie stinkreich. Er hat’s im Gepäck!“

Diese Behauptung traf er im Handumdrehen.

„Dann sieh nach!“, forderte Butch ihn auf. „Aber ich glaub’s nicht.“

Hurdy richtete sich auf. Die plötzliche Friedfertigkeit von Butch gefiel ihm nicht.

Aber der steckte den Revolver ins Holster und sackte die Münzen und Patronen ein. Für die anderen Dinge hatte er keine Verwendung.

Hurdy klemmte dem Alten die Stiefelspitze unter den Leib und rollte ihn herum.

Die starren Augen blickten glanzlos in den Himmel hinauf. Das alte Gesicht war mit Blut und Sand verklebt.

„Dass du auch immer gleich losballern musst!“, nörgelte Hurdy mit seiner Fistelstimme. „Ich hätte ihm ein Feuer unter die Füße gemacht. Er hätte uns schon verraten, wo sein Goldversteck ist. Mit Feuer kriege ich jeden zum Reden.“

Ein eigenartiges Funkeln erschien in den Augen von Hurdy.

Butch zog es die Haut zwischen den Schulterblättern zusammen. Auf Hurdy musste er ein wachsames Auge haben. Der Junge war nicht richtig im Kopf, wie es aussah. Und das mit dem Feuer sagte er gerade so, als hätte er es schon ausprobiert. Der Junge war ein Monstrum.

Hurdy warf noch einen bösen Blick auf den Alten am Boden. Dann näherte er sich ziemlich sorglos dem Maultier im Schatten.

Butch achtete nicht besonders auf ihn, und Zack suchte in der Beute, was ihm gefiel. Deshalb wusste auch keiner genau, wie es passierte. Am wenigsten Hurdy. Der fasste nach dem scheinbar völlig erschöpften Maultier. Sein gieriger Blick ruhte bereits auf dem dicken Packen hinter dem Sattel und auf den prallen Taschen. Außerdem war ein Gewehr da. Mit einem Mordskaliber, wie es aussah.

Deshalb entging ihm, dass das Maultier blitzschnell die Ohren anlegte und den Kopf herumwarf.

Hurdys Hand zielte nach dem Kopfgeschirr.

Aber plötzlich waren da Zähne, die zuschnappten und seine Finger festklemmten.

Er stieß einen gellenden Schrei vor Schmerz und Schrecken aus.

Das verfluchte Maultier ließ nicht los. Im Gegenteil, es bewegte den Kopf nach links.

Hurdy fürchtete, die Finger im Maul der Bestie zu lassen, wenn er der Bewegung nicht folgte.

Er flog nach links und strauchelte.

Das boshafte Biest ließ los. Hurdy klemmte sich aufheulend die rechte Hand in die linke Achselhöhle.

Die Wut war größer als der Schmerz, sie schlug wie eine vernichtende Flamme über ihm zusammen. Er sprang vor und holte zu einem Tritt in den Bauch des Maultieres aus.

Solche scharfen Späße waren ganz nach Claras Geschmack. Es war etwas mit Old Joe passiert, das begriff sie. Es war geschossen worden, und jetzt lag der Alte dort drüben und rührte sich nicht mehr.

Und ein Zweibeiner, dessen Geruch sie nicht mochte, kam ihr zu nahe.

Wie ein Staubteufel fuhr sie herum, schneller, als Hurdy überhaupt gucken konnte.

Er sah zwar noch das Hinterteil, das ihm das Maultier plötzlich zukehrte. Die ausfeuernden Hinterbeine bekam er nicht mehr mit.

Die beiden Tritte dafür um so besser.

Die saßen. An der richtigen Stelle.

Hurdy bekam einen Huf vors linke Schienbein und den anderen auf den rechten Oberschenkel.

Er riss den Mund zu einem brüllenden Schrei auf. Er hatte das Gefühl, mit der nackten Haut bis an die Hüften ins Feuer gefallen zu sein.

Außerdem hörte er in seinem Kopf ein ganzes Posaunenorchester blasen.

Die beiden Tritte, die er in einem Sekundenbruchteil kassierte, stießen ihm die Beine unter dem Leib weg. Er stürzte nach vorn und sah alles nur noch verschwommen, weil ihm das blanke Wasser in die Augen schoss.

Sein Hut rollte davon.

Ein sausender Luftzug ging über seinen Kopf hinweg.

Sein Glück, dass er schon fast am Boden lag. So trafen ihn die Hufe nicht, als das Maultier neuerlich auskeilte.

Er brüllte immer noch wie am Spieß. Zack und Butch zog es davon die Kopfhaut zusammen.

Zack schaute verstört. So ein rabiates Maultier war ihm noch nie untergekommen. Das war ja der reinste Satansbraten.

Butch grinste hinterlistig.

Es geschah Hurdy ganz recht, dass er was auf die Knochen bekommen hatte. Vielleicht kam dadurch sein Verstand wieder in Ordnung.

Butch bedauerte es fast, dass der Bursche nicht auch was aufs Maul gekriegt hatte.

Das Maultier keilte noch einmal kräftig aus, dass es Hurdy fast die Haare vom Kopf zog.

Danach hielt es Clara für angezeigt, erst einmal diesen Ort zu verlassen. Sie spürte instinktiv, dass der brüllende Mann am Boden ihr schlimm mitspielte, wenn er erst wieder auf die Füße kam.

Deshalb begann sie zu galoppieren. Um den mächtigen Felsen herum und das Tal hart am Bach hinab.

Hurdys Geschrei weckte das Echo in den Berghängen.

Es ging jetzt vom Gebrüll eines Mannes, der Schmerzen litt, in das Toben eines vor Wut fast irrsinnigen Burschen über.

Claras klappernder Hufschlag mischte sich in Hurdys heisere Schreie. Und dann krachte es.

Zack zog verdutzt den Kopf ein. Butch fluchte erschrocken.

Im ersten Moment dachte er daran, dass doch jemand mit dem alten Narren gekommen war und sie ihn übersehen hatten und dass derjenige sie jetzt unter Feuer nahm.

Mit einem glatten Zug hatte er den Revolver in der Hand, knickte leicht in den Knien ein und suchte den Gegner.

Mit einem bösartigen Sirren prallte eine Kugel von dem Felsen dort drüben ab und stieg in den Berghimmel.

Dann sah Butch die weißen Pulverrauchwolken.

Es gab keinen Gegner, der sich lautlos herangearbeitet hatte.

Hurdy war der Schütze.

Der Kerl war wirklich nicht ganz dicht!

Ballerte einfach wild drauflos und streute seine Kugeln in die Gegend, dass es einem fast die Stiefel auszog!

Zack machte einen mächtigen Satz in die Luft und begann dann zu rennen. Hinter den Pferden erschien ihm der Aufenthalt sicherer.

„Hurdy, hör auf, Mensch!“, brüllte Butch wutgeladen.

Ein Querschläger zwitscherte in der Nähe vorbei, und es hörte sich mächtig unangenehm an.

Aber Hurdy hörte nicht.

Er ballerte erst die Trommel seines Revolvers leer. Ganz deutlich vernahm Butch, dass der Kerl danach noch viermal abdrückte. Der Hammer schlug aber nur noch auf abgefeuerte Patronen.

Butch lief los.

Dieser Hurdy verdarb noch alles mit seinem vernichtenden Jähzorn. Es war ein Fehler gewesen, den windigen Burschen in die Apachenberge mitzunehmen.

Butch holte aus.

Zuvor hatte er schon gnadenlos den alten Mann über den Haufen geschossen. Jetzt haute er ohne Bedenken Hurdy den Revolverlauf auf die Birne.

Einen weiten Weg hatte der Bengel nicht.

Er war gerade auf die Knie gekommen und hatte aus dieser Haltung hinter dem verfluchten Maultier hergeschossen, wie er meinte. In seinem blindwütigen Tun hatte er gar nicht mitbekommen, dass die Kugeln kreuz und quer durchs Tal gebrummt waren.

Butchs Hieb warf ihn aufs Gesicht.

Seufzend streckte sich Hurdy.

Jetzt verhielt er sich friedlich.

Das Echo der Schüsse toste durch die Bergwelt und rüttelte an den Zacken und Schroffen.

In der Nähe ging eine Geröllawine nieder und rauschte in den Bach.

Das Tal herauf drang der knallende Hufschlag des flüchtenden Maultieres.

„So ein verdammtes Stinktier!“, knurrte Butch heiser. Er wischte sich mit dem Hemdsärmel den Schweiß vom Gesicht und gab Hurdy einen Tritt in den Hintern.

Wäre der Bengel bei Bewusstsein gewesen, hätte Butch die nächste Minute nicht überlebt.

Voll düsterer Ahnungen starrte Butch auf Hurdy nieder. Er bückte sich und nahm den leergeschossenen Revolver an sich. Sicher war sicher.

Mit dem Kerl hatte er sich was Schönes eingebrockt.

Hoffentlich hatte Hurdy nicht mitbekommen, dass er ihm was auf den Kopf gegeben hatte.

Besser, der Junge erfuhr nie etwas davon. Der war auch glatt imstande, auf ihn loszugehen.

Langsam trat Butch zurück und wandte den Kopf. Zack peilte über den Pferderücken hinweg und hatte vor Staunen noch immer den Mund offenstehen.

„Gleich fliegt dir was rein!“, warnte Butch. „Mensch, mach’s Maul zu und fang das verdammte Maultier ein!“

Zack starrte immer noch zu Hurdy hinüber. „Das vergisst er dir nie!“

Ein listiges Grinsen zuckte um Butchs Mund. „Er braucht’s ja nicht zu erfahren, und von mir hört er bestimmt nicht die Wahrheit. Das Maultier kann ihm doch eine gewischt haben!“

Darüber dachte Zack gründlich nach. Schließlich nickte er. „Ja, ich glaube, es ist besser, wenn es das Maultier war.“

Mit einem schwer deutbaren Ausdruck in den Augen zog er sich in den Sattel und trieb sein Pferd das Tal abwärts hinter Clara her.

Weiter unten sah er etwas Weißes auf dem Pfad liegen. Es sah nach dem Packen aus, der in eine Leinwand geschlagen war.

Zack verspürte ein Kribbeln in den Fingern und im Rücken.

Wenn Hurdy doch recht hatte? Wenn der alte Esel wirklich sein Gold mit sich herumgeschleppt hatte?

Zack bekam feuchte Handflächen und gab seinem Tier die Sporen.

Weiter unten sah er das Maultier durch den Bach rennen, dass das Wasser hoch aufspritzte.

Vom Rücken des Tieres löste sich noch ein Packen. Sehr viel kleiner als der auf dem Pfad.

Ein helles Scheppern mischte sich in das Klappern der Hufe.

Dann war das Maultier durch den Bach, jagte drüben geschickt wie eine Bergziege ein Stück den nackten Hang hinauf und tauchte in einer Geröllrinne unter.

Zack verschwendete nur einen Blick an das Maultier.

Er war von der Goldgier gepackt. Hurdys Worte zeigten Wirkung.

Bei dem dicken Packen in der hellen Leinwand zügelte er rücksichtslos sein Pferd, dass es vor Schmerz wieherte und hinten einbrach.

Wie der Teufel selber sauste Zack aus dem Sattel und stürzte sich auf den Packen.

Seine Hände zerrten an der Verschnürung. Es ging ihm nicht schnell genug. Er nahm sein Messer heraus und zerschnitt die Riemen.

Hastig wühlte er zwischen einer alten Pferdedecke, getragener Wäsche und ein paar Proviantbeuteln, die der alte Kerl in den Packen getan hatte.

Zacks Gesicht wurde lang und länger.

Da war kein Gold.

Er wollte es nicht wahrhaben und wühlte alles ganz genau durch.

Voller Wut schmiss er die Kleidung und die alte Decke in den Bach.

Zuunterst grub er ein Paar Stiefel aus, das die Entdeckung Amerikas schon mitgemacht haben musste. Die Absätze waren krummgetreten und abgelaufen, die Sohlen hatten sich gelöst und klafften. Außerdem hatten sie Löcher, dass eine Maus hindurchschlüpfen konnte.

Zack feuerte die Stiefel der Kleidung hinterher.

Kein Gold. Nichts. Alles nur Dreck.

Oder hatte der Alte sein Gold in die Proviantbeutel getan? Diese Burschen waren ja ziemlich verrückt. Bei denen musste man mit allem rechnen.

Zack schnitt die Leinensäckchen auf.

Hätte er seinen klaren Verstand beisammen gehabt, hätte ihm das geringe Gewicht schon gesagt, dass sie unmöglich Gold enthielten.

Aber er war von diesem Fieber gepackt, das jeden in die Klauen nahm, der von Gold und mühelosem Reichtum hörte.

Die Beutel enthielten geringe Vorräte an Bohnen, Erbsen, Mehl, Kaffeebohnen, Salz und Zucker.

Mit einem Wutschrei warf er den Proviant in den Bach und stampfte zornig auf.

Er kam sich veralbert vor.

Hatte Butch gewusst, dass nichts zu finden war? Hatte er ihm darum den Auftrag gegeben, hinter dem dreimal verfluchten Maultier herzujagen?

Butch hatte eine Nase für Situationen, die Geld versprachen. Hatte er gerochen, dass nichts zu holen war?

Zack wollte es so scheinen.

Mit einem Fußtritt schleuderte er die Plane auch noch ins Wasser, zog sich in den Sattel und sprengte wie besessen noch weiter das Tal hinab, wo er den kleineren Packen hatte fallen sehen.

Er fluchte schaurig, als er ihn im Bach liegen sah.

Eine Kaffeekanne war außen daran festgebunden. Was sich durch die nasse Umhüllung abzeichnete, sah ihm verdammt nach einem Topf und anderem Geschirr aus.

Er trieb sein Pferd ins Wasser hinab und sprang drüben ans Ufer.

Mit einem Griff riss er den Packen an sich und schnitt ihn auf.

Das Maultier hatte die bescheidene Feldküche des Alten verloren!

Die ganze Beute lohnte den Aufwand nicht.

Im Packen waren nur zwei Töpfe, eine Blechschüssel, ein zerkratzter und verbeulter Teller und ein Becher, der aus einer Blechdose gemacht war.

Und dennoch sah das Zeug besser aus als das, was Zack sein eigen nannte.

In der ersten Wut wollte er es ebenfalls ins Wasser werfen. Er besann sich anders und entschloss sich, das Kochzeug des alten Narren mitzunehmen.

Aus der Rinne im Hang sausten ein paar große Steinbrocken und jagten sein Pferd aus dem Bach.

Zack riß den Kopf hoch.

Das Maultier war irgendwo da oben. Sehen konnte er es nicht. Aber hören. Es arbeitete sich auf einem Felsband voran, wie es schien.

Von dort hörte er das Kratzen der Eisen und das angstvolle Schnauben des Tieres.

Er zog den Revolver und wartete.

Im Augenblick befand sich das Satansbiest im toten Winkel. Er konnte die Stelle nur ahnen, wo es war.

Da - er sah die Ohrenspitzen.

Sein Schuss knallte. Die Ohren zuckten weg, als hätte eine Wespe zugestochen.

Die Kugel platschte oben mit einem widerlichen Schlag in weiches Gestein.

Oberhalb des Felsbandes brachen Felsstücke aus der Wand. Sie krachten auf die Leiste.

Zack hoffte, dass sie das Maultier trafen und herunterstießen. Oder das Rabenaas erschlugen.

Das Maultier stürzte nicht über die Kante der Felsleiste. Aber die Felsbrocken kamen herunter.

Zack stieß einen schrillen Fluch aus. Die Dinger jagten genau auf ihn zu.

Er war gezwungen, einen Satz rückwärts in den Bach zu machen, um nicht von einem kopfgroßen Brocken getroffen zu werden.

Der Stein streifte noch sein Knie seitlich außen. Zack hatte den Eindruck, dass es ihm das halbe Bein wegriss.

Er verlor den sicheren Stand und fiel rücklings in den Bach.

Gurgelnd und prustend und halb ersoffen arbeitete er sich heraus und kroch auf Händen und Füßen das andere Ufer hinauf. Sein Pferd beobachtete ihn aus sicherer Entfernung.

Wasser spritzte zu Zack herauf.

Erst jetzt fuhr ihm der Schreck richtig in die Knochen.

Die Steine hätten ihn auch totschlagen können. Und bloß, weil er da ein paar Kugeln hinaufgejagt hatte.

Diese Berge waren doch eine höllische Sache. Genau, wie Butch von Anfang an gesagt hatte.

Zack wartete, bis sich kein Stein mehr auf dem Hang und in der Rinne bewegte. Er lud den Revolver nach und hoffte, dass ein Querschläger das Maultier getroffen hatte, denn von dem Biest hörte er nichts mehr.

Humpelnd stieg er noch einmal in den Bach hinab und holte das Kochzeug. Na ja, Gold wäre ihm entschieden lieber gewesen, aber man musste auch mit dem zufrieden sein, was man kriegen konnte.

Er nahm sich vor, künftig mehr auf Butch zu hören und weniger auf Hurdy.

Der Junge sah Dinge, die es gar nicht gab.

Butch hatte die größere Erfahrung. Der hatte ja gleich gesagt, dass bei der Sache kein Gold heraussprang.

Zack zog sich keuchend in den Sattel und ritt zu der Hütte hinauf.

Hurdy lag noch genau dort, wo Butch ihn niedergeschlagen hatte.

Der Junge würde glühen wie zehn Höllenfeuer, wenn er munter wurde und seine paar Sinne halbwegs beisammen hatte.

Zack war richtig froh, dass Butch dem Fliegenpilz den Revolver weggenommen hatte. Hurdy ballerte sonst bestimmt noch einmal in der Gegend herum.

Dann aber nicht wegen eines Maultieres, das ihm fast die Knochen zerschlagen hatte.

Er würde dann auf Butch zielen. Und auf ihn.

Der Gedanke gefiel Zack überhaupt nicht. Er zog den Bauch ein und schluckte würgend.

Butch hatte einen Packen von seinem Pferd genommen und aufgeschnürt. Er hob den Kopf und grinste.

„Hast du dich mit einer Armee herumgeschossen oder was hatte der Krach zu bedeuten?“

Der Spott in seiner Stimme war nicht zu überhören. Nicht einmal von Zack.

„Das Maultier ist abgehauen“, gab der maulend zurück.

Butch machte eine Handbewegung, die ausdrückte, dass er ein Maultier für die nebensächlichste Sache auf der Welt hielt.

„Es saust in eine Spalte und bricht sich das Genick oder ein Bär holl es sich, sobald es dunkel ist. Den Rest erledigen die da oben!“

Sein Zeigefinger stieß in den Himmel hinauf.

Zack schaute prüfend hoch.

Zwei Bussarde hatten sich eingefunden und zogen lautlos ihre Kreise.

Sie hatten die Schüsse gehört und waren herbeigeflogen, um nachzusehen. Und sie hatten festgestellt, dass es sich lohnte, eine Weile zu warten. Da unten lag Beute.

Zack warf einen seltsamen Blick auf den Alten, den Butch gnadenlos umgeputzt hatte.

Der Bursche war zäh und dürr und mager. An dem würden die Bussarde keine Freude haben.

Butch langte in den Packen und brachte ein paar handliche Stangen zum Vorschein, die von Ölpapier umhüllt waren.

„Was ist das?“, fragte Zack misstrauisch, als ihm Butch vier von den Dingern hinhielt.

„Was schon?“ machte Butch ungeduldig. „Hast du gedacht, ich würde jedem von euch zwanzig ehrliche Dollars spendieren, nur damit ihr mit mir in diese gottverdammten Berge heraufreitet? Das ist Dynamit, mein Freund. Wir klemmen die Dinger in ein paar Felsspalten hier herum und zünden sie an.“

„Dynamit?“ Zack zog die Hand zurück, als hätte Butch ihm ein paar gereizte Klapperschlangen hineinlegen wollen. „Bist du verrückt?“

„Ich denke nicht!“, entgegnete Butch scharf. „Also stell dich nicht an!“ Er klemmte sich eine dünne Zigarre zwischen die Lippen und steckte sie an.

Zack richtete es die Haare einzeln auf.

Von Dynamit hatte er schon gehört. Schlimme Dinge. Und dass es sträflicher Leichtsinn war, in der Nähe von Dynamit auch nur mit Feuer zu hantieren.

Butch sah das Entsetzen in Zacks Augen. Es amüsierte ihn. „Hast du die Hosen voll? Überleg es dir. Wenn ich die Arbeit allein machen muss, gibt es kein Geld. So einfach ist das.“

„Von Dynamit war nicht die Rede“, muckte Zack auf. „Du hast gesagt, du brauchst Hilfe, falls geschossen werden muss. Ich bin nicht blöd, ich dachte mir gleich, dass du zwei schnelle Eisen gegen die Apachen nötig hast.“

„Und? Haben wir einen Apachen getroffen?“

„Das besagt nichts“, meinte Zack und schaute zu den Graten und Zacken hinauf. „Wenn du einen Apachen zu Gesicht kriegst, ist es schon zu spät.“

Butch grinste wieder dünn. „Mit der Hilfe habe ich natürlich auch noch etwas anderes gemeint - das hier. Also nimm schon, zum Teufel! Ich will hier keine Wurzeln schlagen.“

„Und wozu soll es gut sein? Es wird einen Mordskrach geben, kann ich mir gut vorstellen.“

„Ganz sicher. Schätze, davon wird sogar Hurdy munter. Also fang jetzt nicht an, neugierig zu werden, klar? Wir lassen die Dinger hochgehen, und alles andere geht dich einen Dreck an.“

Das war unmissverständlich.

Zack dachte an die zwanzig Dollar. Er hatte sie noch nicht. Gold auch keines.

Wenigstens wollte er sich die zwanzig Dollar verdienen, damit sich der Ritt herauf in die Berge lohnte.

„Gib her!“, verlangte er. „Aber anzünden kannst du sie, ich lasse die Finger davon.“

Butch schaute bissig und unzufrieden. Diese zwei schrägen Vögel waren wahrhaftig keine Hilfe. Aber wenn Apachen auftauchten, war jede Hand wichtig, die einen Revolver halten und abdrücken konnte.

Ganz so, wie die Sache jetzt lief, hatte er sich die Arbeit nicht vorgestellt.

Wenn Zack zu feige war, sollte er wenigstens die Pferde festhalten, damit sie nicht abhauten, wenn es krachte.

„Komm jetzt!“ Er schwang sich in den Sattel, hielt den Packen fest und angelte mit der anderen Hand nach den Zügeln von Hurdys Gaul.

Wenn das Tier zu sehr erschrak und abhaute, musste einer von ihnen den Jungen bei sich aufsitzen lassen. Oder abwechselnd bei beiden.

Viel wahrscheinlicher aber war, dass es gar nicht soweit kam. Weil der Bengel nämlich vollends durchdrehte.

Wenn er mir noch einmal Schwierigkeiten macht, lege ich ihn auch um, dachte Butch.

Nicht die leiseste Spur von Bedauern erfüllte ihn.

*

Sie fanden weiter oben im Tal ein paar Stellen, die Butch vortrefflich geeignet erschienen.

Er ließ sich von Zack die Dynamitstangen anreichen und klemmte sie in enge Spalten.

Dann musste Zack zurück und die Pferde festhalten.

Butch blies die Asche von seiner Zigarre, hastete herum und brannte mit dem Glutkegel die Zündschnüre an.

Die Schnüre sprühten, es begann brenzlig zu riechen.

Butch gab Fersengeld und lief zu Zack zurück. Gemeinsam packten sie die Gäule am Kopfgeschirr und zerrten sie an eine geschützte Stelle am Hang.

Dann lauschten sie mit angehaltenem Atem.

Zack schnitt ein Gesicht, als sollte gleich das Jüngste Gericht beginnen.

Nichts passierte.

Zack reckte den Kopf. „Klappt wohl nicht?“, fragte er.

„Lass die Birne unten!“, warnte Butch.

Wie er es sagte, kannte er sich mit dem Teufelszeug bestens aus.

Selbst die Bergwelt schien den Atem anzuhalten.

Zack hörte seinen eigenen Herzschlag. Die Pferde empfanden die unerträgliche Spannung ebenfalls und schnaubten unruhig.

Plötzlich tat es einen Donnerschlag, als würde sich die Erde auftun und die Apachenberge verschlingen.

Der Boden schwankte, am Hang tanzten plötzlich Steine wie von Geisterhand bewegt und rollten dann herab.

Butch klemmte sich mit einer blitzschnellen Bewegung die Zigarre zwischen die Zähne, nickte, als hätte er mit einem anderen Ergebnis niemals gerechnet, und grinste dünn, als er die Angst in Zacks Augen sah.

Nach dem ohrenbetäubenden Krach wie von hundert gleichzeitig abgefeuerten Kanonen kam die Druckwelle.

Zack hatte den Kopf zu weit vorne.

Eine Ladung Staub knallte ihm ins Gesicht, dass er meinte, ersticken zu müssen. Sein Hut flog davon.

Ein Pferd stieg schrill wiehernd und riss Butch in die Höhe.

„Halte sie fest!“, brüllte der Mann durch das Fauchen des Sturmes, der durch das Tal brauste. „Halte sie doch fest, Mensch!“

Zack schaute verdutzt hinter seinem Hut her. Er spuckte Staub aus, spürte, dass die Pferde durchgehen wollten, und hängte sich mit dem ganzen Körpergewicht ans Kopfgeschirr seines Gaules.

Das Tier stand vorne, es versperrte den beiden anderen den Fluchtweg.

Die Druckwelle raste vorüber.

Butch bekam wieder Boden unter die Stiefelsohlen und fluchte unbeherrscht. „Zum Teufel mit dir, ich habe doch gesagt, es wird krachen! Pass auf, da sausen Steine herum!“

In der Nähe klirrten Steinbrocken auf den Hang, die geradewegs vom Himmel fielen.

Einer prallte keine fünf Schritte neben Zack auf den Boden.

Er starrte furchtsam nach oben.

Die Bussarde hatten es mächtig eilig, aus der Gegend fortzufliegen.

Ein paar Steine flogen im Bogen zu Tal. Sie verschwanden aus dem Blickfeld. Gleich darauf war ein Bersten und Brechen zu hören, als sei ein Stein in Holz gefahren.

Die Hütte!

Butch stieß eine Rauchwolke aus und sagte zufrieden: „Schätze, das Dach ist hin. Viel getaugt hat sie sowieso nicht mehr.“

Zack wollte aus der Deckung heraus.

Butch packte ihn am Oberarm und zischte: „Nicht so hastig, mein Freund, es kommt noch was. Das war nicht alles.“

Er hatte es noch nicht richtig ausgesprochen, als es wieder krachte. Nicht so schlimm wie zuvor, aber für Zack genügte es.

Er zog den Kopf ein, ließ die Druckwelle vorbeifahren und hielt dann Ausschau nach emporgesprengten Steinen.

Ein paar waren unterwegs, aber sie sausten in Richtung zum gegenüberliegenden Hang.

Die Bergwelt war in tosenden Aufruhr versetzt.

Wieder brachen Steine los und sprangen zu Tal.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Stille eintrat.

Butch spuckte aus. „Das war es wohl gewesen“, meinte er kühl. „Die zwanzig Dollar hast du dir verdient.“

Zack rieb sich den Dreck aus den Augen. „Ich wäre froh, wenn ich auch schon aus den Bergen heraus wäre und das Geld ausgeben könnte.“

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738903010
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320572
Schlagworte
texas wolf trail

Autor

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Titel: Texas  Wolf #13: Auf dem goldenen Trail