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Tony Ballard #75: Das Geisterhaus

2016 120 Seiten

Leseprobe

Das Geisterhaus

Harry Wayne war ein gottesfürchtiger Mann, offen, ehrlich, hilfsbereit. Er hatte nur einen einzigen Fehler: Er trank zu gern. An manchen Freitagen konnte es passieren, daß er schon am frühen Nachmittag blau war. Daran war seiner Ansicht nach die Firma schuld, in der er arbeitete, denn die machte freitags früher Feierabend als an den anderen Wochentagen, und auf irgendeine Weise mußte Harry Wayne schließlich das beginnende Wochenende, das ihm immer sehr willkommen war, feiern.

Er war Tischler.

Sargtischler, sagten diejenigen, die ihn hänseln wollten. Natürlich hatte er auch schon Särge gemacht, aber seine Spezialität waren kunstvoll handgeschnitzte Kinderwiegen. Seine Arbeit war also nicht auf den Tod, sondern auf den Beginn des Lebens ausgerichtet, und er stellte sich, wenn er an einer dieser schönen Wiegen arbeitete, manchmal vor, wer der neue Erdenbürger, der bald darin liegen würde, wohl sein mochte und wie er aussah.

An diesem Freitag war es erst zwanzig Uhr, aber Harry Wayne hatte bereits so viel geladen, daß es ihn nach Hause zog. Wenn er voll war, ließ er sich gern in sein hartes Bett fallen. Er boxte dann noch das Kopfkissen zurecht und schlief stets im Handumdrehen, meist schmatzend, ein.

„He, Harry!“ rief John Jarman. „Wohin willst du denn?“

Wayne befand sich auf dem Weg zur Kneipentür. Das Lokal war zum Bersten voll. Rauchschwaden bildeten einen bläulichen Nebel, in dem man sich verirren konnte. An den Tischen saßen einfache Männer, kaum Frauen. Die Gesellschaft war hier ein bißchen zu rau für das weibliche Geschlecht.

Harry Wayne blieb stehen und drehte sich um. „Nach Hause“, sagte er. Seine Augen waren glasig, er schwankte leicht.

„Jetzt schon?“ fragte John Jarman verwundert.

Wayne zuckte mit den Schultern. „Es ist Zeit für mich, ins Bett zu kommen.“ Seine Zunge war schwer. Er tat sich schwer beim Reden.

Hinter dem Tresen arbeitete Katie Figger, ein hübsches Mädchen, stämmig, drall, frech, keß und sexy. Sie war die raue Art der Männer gewöhnt. Manch einer versuchte, ihr nahe zu kommen, doch sie ließ nicht jeden an sich heran. Sie konnte sich sehr gut zur Wehr setzen. Einige der Gäste konnten davon ein leidvolles Lied singen.

Katie lachte über einen zweideutigen Witz gellend auf und rief: „Hört zu! So hört doch zu! Da fällt mir auch einer ein! Kommt ein Mönch in ein Bordell ...“

Rings um sie großes Schweigen. Die Männer machten den Hals lang und spitzten die Ohren, um die Pointe nicht zu verpassen, und dann schallte brüllendes Gelächter auf.

Katie war richtig, sie gehörte hierher. Kein anderes Mädchen hätte sich in dieser Kneipe am Stadtrand von London so behaupten können wie sie.

„So“, sagte das Mädchen. „Und jetzt entschuldigt mich einen Moment. Ich muß in den Keller ...“

„Bleib doch noch“, sagte John Jarman zu Harry Wayne.

„Was soll ich noch hier?“

„Ich gebe einen aus.“

„Ich kriege nichts mehr runter“, sagte Wayne und schüttelte den Kopf. „Ich hab mein Quantum intus. Nichts geht mehr. Jetzt möchte ich nur noch schlafen.“

Jarman machte eine wegwerfende Handbewegung. „Na schön, dann geh. Mit dir ist wirklich nichts mehr anzufangen.“

Wayne zuckte wieder mit den Schultern und ging weiter. Er öffnete die Kneipentür und nahm den Lärm, der im Lokal herrschte, mit hinaus. Mit dem Schließen der Tür schnitt er das Lachen, Johlen und Schreien ab.

Er pumpte frische Luft in seine Lungen und ging mit unsicheren Schritten die Straße entlang. Ab und zu huschte seine Zunge über die Lippen. Hin und wieder schnitt er eine Grimasse, und er führte, wie stets, wenn er betrunken war, ein langes Selbstgespräch, in dessen Verlauf er sämtliche Probleme erörterte, die tagsüber angefallen waren.

Jetzt ging er an einer alten, schäbigen Friedhofsmauer vorbei. Der stille Gottesacker umgab eine kleine Kirche, deren schlanke Turmspitze wie eine Nadel in den Himmel stach.

In einer Nische befand sich ein Kreuz. Hier blieb Harry Wayne immer kurz stehen, um ein kleines Gebet zu murmeln. So voll konnte er gar nicht sein, daß er die Worte nicht zusammengekriegt hätte.

Er bekreuzigte sich, murmelte, bekreuzigte sich wieder, ging weiter.

Das Friedhofstor, aus alten, rostigen Eisenstäben, gewährte einen Blick auf Gräber und Gruften. Dünne Nebelschlieren schlichen wie traurige Geistergestalten zwischen den Hügeln umher, scheinbar ruhelos, auf der Suche nach ewigem Frieden.

Kerzen brannten in windgeschützten Behältern.

Harry Wayne warf einen beiläufigen Blick auf den Brunnen, der sich etwa hundert Meter vom Friedhofstor entfernt befand. Wasser plätscherte leise aus dem Mund einer Steinfigur in ein Marmorbecken.

Hinter dem Brunnen schien sich etwas zu bewegen.

Wayne verharrte. Er wandte sich dem Friedhofstor zu, trat näher, legte die Hände um das kalte Gitter und schaute genauer hin. Der Alkohol trübte seinen Blick. Er sah wohl den Brunnen verhältnismäßig scharf, aber was dahinter lag, war verschwommen.

Durch seinen benebelten Kopf purzelten etliche Gedanken.

Befand sich dort jemand, der irrtümlich eingeschlossen worden war? Handelte es sich um einen Grabschänder? Um einen Spuk?

Wayne bekreuzigte sich. Es war schon mal die Rede davon gewesen, daß es auf diesem Friedhof nicht mit rechten Dingen zuging. Niemand konnte etwas Genaues sagen. Niemand hatte jemals etwas Genaues gesehen. Aber Leute sollten schon in heller Panik aus dem Friedhof gestürmt sein, hatten hinterher aber nicht gesagt, was ihnen so große Angst eingejagt hatte.

In der Schwärze der Dunkelheit wiederholte sich die Bewegung, und Harry Wayne glaubte jetzt, erkennen zu können, daß es sich um die Zweige einer immergrünen Pflanze handelte, die von den unsichtbaren Händen des Abendwindes berührt worden waren.

Er atmete auf, grinste und schüttelte den Kopf. „Was du dir so alles einbildest, wenn du geschluckt hast. Sogar Gespenster glaubst du zu sehen.“

Er trat vom Friedhofstor zurück und setzte seinen Heimweg fort.

Die Mauer knickte nach rechts weg. Ein verwahrlostes Grundstück grenzte daran. Das Gebäude, das darauf stand, glich der Miniaturausgabe eines Spukschlosses. Es hatte Zinnen und Erker, Nischen und Arkaden. Eine unheimliche Dunkelheit umgab es.

Bis vor einem Monat war das Gebäude von Abel Yates bewohnt worden, einem schrulligen Alten, der die Menschen verachtete und mit ihnen nichts zu tun haben wollte. Die Leute schimpften viel über ihn. Alles Erdenkliche dichteten sie ihm an. Wohl, um sich für sein unnahbares Verhalten zu revanchieren. Man sagte ihm nach zu spinnen. Es gab Menschen, die wollten ihn mit Hexen zusammen gesehen haben. Andere wiederum behaupteten, er würde hartnäckig danach streben, von der Hölle akzeptiert und zum Dämon gemacht zu werden. Eine Zwischenstufe sollte er sogar schon erreicht haben.

Nach seinem Tod vor einem Monat loderten die Gerüchte erst richtig auf.

Es hieß allgemein, Abel Yates sei nicht wirklich tot, er habe nur sein Menschsein abgelegt, hätte sein Ziel erreicht und die Dämonenweihe empfangen.

Immer wieder behauptete jemand, nachts Lichter durch das Spukhaus huschen gesehen zu haben. Andere wollten schaurige Klagelaute gehört haben, oder das Bellen eines Hundes.

Die meisten mieden die Nähe des Hauses.

Seit dem Tod des Besitzers war es abgeschlossen, und niemandem wäre es in den Sinn gekommen, den Versuch zu wagen, es zu betreten.

Es hielt sich das hartnäckige Gerücht, Abel Yates sitze in seinem Geisterhaus und warte auf Opfer.

Daran dachte Harry Wayne, als er an dem verwilderten Grundstück vorbeiging. Ein leichtes Schwindelgefühl packte ihn. Er blieb stehen und fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn.

Da vernahm er das Ächzen und Klappen einer Tür. Verwundert blickte er in die Richtung, aus der die Geräusche an sein Ohr drangen. Ächzen, Klappen – Ächzen, Klappen – Ächzen, Klappen ...

Wayne spürte, wie ihm die Gänsehaut über den Rücken kroch. War es bloß Einbildung, oder hörte er diese unheimlichen Geräusche wirklich? Ihm fiel auf, daß er vor einer schmalen Tür stand. Es handelte sich um einen Nebeneingang, der von Büschen überwuchert wurde.

Er stellte fest, daß die Tür nicht geschlossen war. Ein schmaler Mann wie er konnte sich durch den Spalt hindurchzwängen.

Aber warum hätte er das tun sollen?

Er war ja nicht verrückt. Nie im Leben wollte er dieses Grundstück betreten. Erstens hatte er keine Veranlassung dazu. Zweitens war es nicht erlaubt. Und drittens hatte er Angst!

Jawohl, Angst! Warum sollte er sich das nicht eingestehen? Man redete so viel über Abel Yates, daß jeder irgendwann einmal zu der Meinung kommen mußte: Irgendetwas muß daran doch wahr sein.

Wayne hatte nicht die Absicht, die unheimlichen Geschichten auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Das sollten seinetwegen andere tun. Er fühlte sich für so etwas nicht geeignet. Er war kein Held.

Das Ächzen und Klappen hörte nicht auf. Harry Wayne fühlte sich in höchstem Maße unbehaglich.

Geh weiter! riet ihm eine innere Stimme. Geh nach Haus, Harry! Hier hast du nichts zu suchen!

Er wollte gehorchen, aber seine Beine nicht. Die Füße schienen Wurzeln geschlagen zu haben.

Er hatte den Eindruck, daß die Geräusche lauter wurden. Sie stürzten sich mit einer geradezu erschreckenden Aggressivität auf ihn, schlugen ihn in einen unheimlichen Bann.

Das Ächzen wurde für ihn zum Atemholen eines Spukwesens, und das Klappen hörte sich an, als würde ihm eine befehlende Stimme zurufen: „Komm!“

War es Abel Yates, der da rief?

Harry Wayne schluckte. Seine Kehle war zugeschnürt. Sein Herz schlug schneller. Er wollte sich vom Fleck losreißen und die Flucht ergreifen, aber sein Wille war nicht stark genug.

„Komm!“ hämmerte es auf ihn ein. „Komm! Komm! Komm!“

Er schüttelte den Kopf. „Nein!“ stöhnte er. „Ich will nicht! Laß mich in Ruhe!“

Aber das Locken, der Geisterbefehl, war stärker. „Komm!“

Ein trüber Schimmer wischte durch die Dunkelheit, die unter den Arkaden lastete. Harry Wayne preßte die Kiefer zusammen. Er bemerkte, daß er endlich die Beine wieder bewegen konnte. Aber sie gehorchten nicht ihm, sondern dem Befehl, der vom Haus herüberwehte.

Entsetzt stellte Wayne fest, daß er sich der Tür näherte.

Nie und nimmer war das sein Wille.

Er zwängte sich durch den offenen Spalt.

„Um Gottes willen, was tue ich?“ stieß er aufgeregt hervor.

Das Haus wirkte auf ihn wie ein starker Magnet auf eine Stecknadel. Er vermochte sich der Kraft, die ihn anzog, nicht zu widersetzen.

„Komm!“

Er stolperte über Grasbüschel. Zweige klatschten ihm ins Gesicht. Blätter streichelten ihn wie kalte Totenhände. Er wäre furchtbar gern umgekehrt, aber es war ihm nicht möglich.

Du gehst deinem Ende entgegen! dachte er verzweifelt. Du wirst dem absoluten Grauen begegnen! Es wird dich töten!

In der Finsternis hielt sich ein Wispern und Raunen. Harry Wayne fühlte sich von vielen Augen angestarrt. Kalte Schauer liefen ihm über den Rücken. Er wurde erwartet, davon war er überzeugt.

Allmählich lichtete sich sein Alkoholschleier. Er sah wieder klarer und wankte auch nicht mehr. Er gewahrte, daß er den düsteren Arkaden schon ganz nahe war.

Seufzte dort jemand geplagt in der Dunkelheit?

Wayne hielt unwillkürlich den Atem an. Stand dort eine schwarz gekleidete Gestalt? Er wischte sich mit einer fahrigen Handbewegung über die Augen, schaute noch einmal hin. Nein, dort stand niemand.

Aber dieses „Komm! Komm!“ war immer noch zu hören. Lauter denn je. Es ließ ihn nicht mehr los.

Er betrat die Arkaden. Hartes, abgeschliffenes Granitgestein befand sich unter seinen Füßen. Über seinem Kopf ein aufgeregtes Flappern. Vermutlich Fledermäuse. Wayne konnte sie nicht sehen.

Ihm war, als stünde jemand dicht hinter ihm. Er glaubte, das Atmen eines Wesens zu vernehmen. Wie von der Natter gebissen drehte er sich um. Nichts. Leere Dunkelheit. Keine Gefahr. Wayne spürte, wie ihm der kalte Schweiß über die Wirbelsäule rann.

„Komm!“

Er ging weiter, an Fenstern vorbei, die mit Holzläden verschlossen waren, auf das Tappen von schnellen Schritten zu, die sich entfernten.

Ergriff da jemand vor ihm die Flucht?

Vor ihm? Lächerlich. Mehr Angst als er konnte keiner haben.

„Hallo!“ rief Harry Wayne. Dazu mußte er seinen ganzen Mut zusammennehmen. „Hallo, ist da jemand?“

Seine Stimme geisterte umher und kam als dünnes Echo zurück. Immer noch hörte er die tappenden Schritte, die nicht stehenblieben.

„Hallo!“

Jetzt verstummten die Schritte.

Harry Wayne war kalt. Er fröstelte. Die Tür ächzte und klappte immer noch. Wayne erreichte sie. Kein Lufthauch regte sich im Moment. Die Tür schien von Geisterhand bewegt zu werden. Ein unangenehmes Beben lief durch Waynes Körper. Er wäre froh gewesen, wenn das alles nur ein schlimmer Alptraum gewesen wäre, aber das war nicht der Fall. Was er hier erlebte, war ekelhafte Realität.

Bevor die Tür wieder zuschlagen konnte, fing Harry Wayne sie ab.

Endlich herrschte Stille. Wie wohltuend. Wayne versuchte sich zu sammeln. Er bemühte sich, einigermaßen klarzukommen, seine Gefühle unter Kontrolle zu bringen.

Du machst dich verrückt! sagte er sich. Es spukt hier nicht! Deine überreizten Sinne haben dir einen Streich gespielt! Du hast zuviel getrunken! Es gibt hier nichts, das dich zwingt, das Haus zu betreten! Du kannst jederzeit umkehren und nach Hause gehen, also tu es!

Er ließ die Tür los.

Sie fiel nicht gleich wieder zu, blieb einfach offen stehen.

Wayne überlegte, wer sie geöffnet haben mochte. Eigentlich hätte sie abgeschlossen sein müssen. War jemand so verrückt gewesen, hier einzudringen? Hatte er vorhin dessen Schritte vernommen? Es mußte sich um jemanden handeln, der nicht aus dieser Gegend war, der keine Ahnung von den unheimlichen Geschichten hatte, die man sich über dieses Geisterhaus erzählte.

Ein Obdachloser, der hier Unterschlupf gefunden hatte?

Die Erscheinungen, die manche Leute gehabt haben – war das dieser Kerl gewesen?

Obwohl ihn die Antworten auf diese Fragen interessiert hätten, verzichtete Harry Wayne darauf, der Sache auf den Grund zu gehen. Das war nicht seine Aufgabe. Er war Tischler, kein Polizist.

Vielleicht würde er es melden. Telefonisch. Sobald er zu Hause war.

Geh doch! sagte er sich. So geh doch endlich!

Er wandte sich um. Da vernahm er drinnen im Haus ein markerschütterndes Röcheln. Doch ein Spuk? Setzte sich das unheimliche Treiben fort? Oder befand sich ein schwerverletzter Mensch in diesem Gebäude, der Hilfe brauchte, der sterben würde, wenn sich niemand seiner annahm?

Es ist deine christliche Pflicht, zu helfen! dachte Wayne aufgeregt. Du darfst nicht fortlaufen!

Obwohl sich die widerliche Angst sofort wieder einstellte und sich schmerzhaft in seine Seele krallte, überwand er sich und betrat das Geisterhaus. Noch nie hatte sich jemand über Waynes mangelnde Hilfsbereitschaft zu beklagen gehabt. Wenn jemand Hilfe brauchte, wuchs Harry Wayne über sich hinaus, das ging beinahe bis zur Selbstaufopferung.

Er trat in die große Halle.

Marmorboden, holzgetäfelte Wände, wuchtige Ölgemälde. Die Möbel waren mit weißen Laken zugedeckt. Wie klumpige Geister sahen sie aus.

Woher war das Röcheln gekommen?

Wayne blieb stehen. Er drehte sich einmal um die eigene Achse. Nie hätte er sich träumen lassen, einmal den Mut aufzubringen, dieses Gebäude zu betreten, und nun war er doch drinnen.

„Hallo, wo sind Sie?“ rief er.

Ein qualvolles Seufzen wies ihm den Weg. Der Laut riß ihn buchstäblich herum. Sein Blick heftete sich auf eine geschlossene Mahagonitür. Dahinter mußte sich die Person befinden.

Zögernd setzte sich Wayne in Bewegung. Er hatte das Gefühl, sein Herz würde hoch oben im Hals schlagen. Tapfer unterdrückte er die Furcht, die ihn bis in die rötlichen Haarspitzen ausfüllte.

Schwer atmend erreichte er die Tür. Seine Hand legte sich auf den Messingknauf. Eiskalt war der. So kalt, als hätte er bis vor wenigen Augenblicken in einer Tiefkühltruhe gelegen.

Die Kälte strömte in Waynes Arm. Er wollte die Hand zurückziehen, doch sie blieb auf dem Knauf kleben. Er drehte ihn. Flackerndes Licht fiel auf ihn. Kerzenschein.

Die Gänsehaut umspannte jetzt schon Waynes ganzen Körper.

Mit letzter Überwindung drückte er die Tür vollends auf, und was er dann sah, ließ ihn an seinem Verstand zweifeln!

Vor ihm lag Abel Yates!

*

Aufgebahrt zwischen verwelkten Blumen, als hätte man vergessen, den Toten abzuholen. Weißhaarig, kreidebleich, mit eingefallenen, runzeligen Wangen lag der alte Mann auf schwarzem Samt. Die Lippen waren halb geöffnet, und aus dem Mund drang in diesem Moment gerade wieder ein schauriger Seufzer. Abel Yates schien noch zu leben. War er nicht wirklich tot gewesen? Nur scheintot? War er heute abend endlich wiedererwacht?

„Unmöglich!“ flüsterte Harry Wayne entsetzt. „Das gibt es nicht! Er kann hier nicht liegen! Sie haben ihn nicht vergessen! Sie haben ihn abgeholt! Ich habe den Leichenwagen gesehen, in dem er fortgebracht wurde! Man hat ihn nebenan auf dem Friedhof beerdigt! Ich habe das Grab mit meinen eigenen Augen gesehen!“

Aber was sah er nun „mit seinen eigenen Augen“?

Der Leichnam war in sein Haus zurückgekehrt!

War so etwas möglich?

Wenn man mit der Hölle im Bunde ist – ja! gab sich Harry Wayne die Antwort. Also stimmten die Gerüchte.

Du muß hier raus! schrie es in Wayne. Stocknüchtern war er, als hätte er keinen Tropfen Alkohol getrunken. Die Aufregung hatte seinen Kopf klargefegt. Er wußte, daß sein Leben hier drinnen an einem seidenen Faden hing. Abel Yates hatte es auf ihn abgesehen. Er hatte ihn heimtückisch in sein Haus gelockt. Wayne wich ein paar Schritte zurück.

Plötzlich übersprang sein Herz einen Schlag.

Der Aufgebahrte öffnete die Augen. Er fing an, rasselnd zu atmen, setzte sich ruckartig auf und starrte Harry Wayne haßerfüllt und triumphierend an. Wayne hatte das Gefühl, jetzt müsse ihn der Schlag treffen.

Sein Verstand hakte aus.

Er wußte von diesem Augenblick nicht mehr, was er tat. Er hörte jemanden entsetzt um Hilfe schreien, ohne mitzukriegen, daß er selbst es war, der so laut schrie.

Und Abel Yates kam langsam auf ihn zu ...

*

Wir hatten Yercell, Satans Bogenschützen, vernichtet, und ich hatte mich darüber sehr gefreut. Ein weiterer Schlag über die schwarze Nacht war errungen. Wir konnten stolz darauf sein. Am Morgen nach jener heiß durchkämpften Nacht hatte ich die denkbar beste Laune, aber Roxane, die Hexe aus dem Jenseits, gab mir einen Dämpfer, der mir alles andere denn willkommen war.

Sie hatte von einem Geisterhaus geträumt.

Und das Para-Mädchen behauptete, daß dieses Haus nicht nur in ihrem Traum existierte. Sie war davon überzeugt, daß sich das Gebäude irgendwo in London befand und eine Gefahr für die Menschen darstellte.

Ganz klar, daß ich versuchte, das Haus zu finden.

Roxane und Mr. Silver halfen mir dabei.

Die weiße Hexe und der Ex-Dämon setzten ihre übersinnlichen Fähigkeiten ein, um das Geisterhaus ausfindig zu machen. Wir fuhren kreuz und quer durch die Stadt.

Und wir versuchten wirklich alles in unserer Macht Stehende.

Vergeblich.

Ich glaubte Roxane zwar, daß es das Gebäude gab, aber ich mußte mich damit abfinden, daß wir es nicht ausfindig machen konnten. Es ist schlimm, zu wissen, daß den Menschen große Gefahr droht, ohne helfen zu können. Ich empfand das jedenfalls so. Ich konnte die Gefahr nicht abwenden, weil ich den verdammten Ort nicht kannte, wo sie hockte. Ich konnte nur eines tun: Warten, bis etwas passierte, und hoffen, daß ich davon erfuhr. Erst dann konnte ich reagieren. Reichlich spät. Und dennoch mußte ich froh sein, wenn mir überhaupt die Gelegenheit geboten wurde einzugreifen.

Enttäuscht kehrten wir heim.

Vicky Bonney, meine Freundin, Schriftstellerin, hatte den ganzen Tag geschrieben. Sie küßte mich zur Begrüßung und sagte: „Ich bin ganz schön geschafft.“

„Warum arbeitest du so viel?“ fragte ich sie. „Das hast du doch gar nicht nötig.“

Ihre Bücher verkauften sich großartig. Ein Hollywood-Film, zu dem Vicky das Drehbuch geschrieben hatte, spielte immer noch auf der ganzen Welt eine Menge Geld ein, und bald sollte mit den Dreharbeiten zu dem zweiten Streifen begonnen werden. Branchen-Insider behaupteten jetzt schon, daß der zweite Film noch erfolgreicher als der erste werden würde.

Vicky stand finanziell auf den gesündesten Beinen, die man sich denken kann. Sie hätte nicht so viel zu arbeiten brauchen.

„Ich glaube, das verstehst du nicht, Tony“, sagte meine Freundin. „Schreiben ist wie eine Sucht. Man muß es einfach tun, und ich kriege nicht genug davon.“

„Du solltest dich mehr an mich halten“, sagte ich grinsend.

„Hast du Grund, dich zu beklagen?“

„Eigentlich nicht.“

„Na also.“

Wir setzten uns im Living-room zusammen. Ich goß mir einen Pernod ein. An unseren enttäuschten Mienen konnte Vicky unschwer erkennen, daß wir kein Glück gehabt hatten.

„Vielleicht ist dieses Geisterhaus schwarzmagisch abgeschirmt“, sagte die Schriftstellerin.

„Möglich“, brummte Mr. Silver, der Hüne mit den silbernen Haaren und den silbernen Augenbrauen.

„Erinnerst du dich noch an das Haus, von dem du geträumt hast, Roxane?“ fragte Vicky Bonney.

„Ich sehe es ganz deutlich vor mir“, antwortete die Hexe aus dem Jenseits.

Vicky hatte eine Idee. „Warum fertigst du nicht eine Skizze davon an?“

„Wozu?“ fragte die schwarzhaarige, hübsche Hexe.

„Tucker Peckinpah verfügt doch über traumhafte Verbindungen. Er könnte die Skizze in allen Londoner Zeitungen erscheinen lassen, und im Fernsehen. Mit der Frage: ,Wer kennt dieses Haus?‘ Ich bin davon überzeugt, daß sich umgehend eine Menge Menschen melden werden.“

Mr. Silver richtete seine perlmuttfarbenen Augen auf mich. Er grinste mich süffisant an. „Da kannst du dir ein Beispiel nehmen, Tony. Warum ist dir das nicht eingefallen?“

„Blödmann, warum ist es denn dir nicht in den Sinn gekommen?“

„Soll ich immer für dich denken?“

„Schaffst du doch gar nicht, mit deinem Spatzenhirn.“

Vicky rief lachend dazwischen: „Nun geratet euch nicht gleich in die Wolle. Hauptsache ist, daß irgendeiner von uns die Idee hatte. Schließlich sind wir ein Team.“

Ich feixte. „Darf ich Silver die gelbe Karte zeigen?“

„Dann zeige ich dir die rote!“ konterte der Ex-Dämon.

„Schluß jetzt!“ sagte Vicky. „Vertragt euch wieder!“

„Wir sind ein Herz und eine Seele“, behauptete Mr. Silver.

„Dann ist es gut“, erwiderte Vicky Bonney zufrieden.

Roxane holte Bleistift und Papier. Sie setzte sich an den Tisch, schloß kurz die Augen und fing an zu zeichnen. Es war erstaunlich, wie geschickt das Mädchen mit dem Zeichenstift umgehen konnte. Sie verblüffte mich mit immer neuen Talenten. Mit wenigen Strichen ließ sie vor uns ein Haus entstehen, und sie schaffte es sogar, die unheimliche Atmosphäre auf das Papier zu bringen, in die dieses Gebäude eingehüllt war. Beklemmend sah das Geisterhaus aus. Eine Trutzburg des Bösen.

Roxane betrachtete ihr Werk und nickte zufrieden. „Ja, so sieht es aus. Haargenau so.“

„Silver“, sagte ich, „versuch mal, mit dem Gebäude über die Zeichnung eine Verbindung herzustellen.“

Der Ex-Dämon schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht, Tony. Tut mir leid. Irgendwo sind auch mir Grenzen gesetzt.“

„Was fällt dir ein, wenn du dir diese Skizze ansiehst?“ fragte ich.

„Mir kommt in erster Linie in den Sinn, daß es gefährlich ist, dieses Gebäude zu betreten.“

„Kommt das vom äußeren Eindruck des Hauses?“

„Vermutlich ja“, sagte der Hüne.

Roxane hatte schon wieder zu zeichnen begonnen. Auf einem zweiten Blatt zog sie, ohne viel nachzudenken, die Linien zu einem Grundriß. Sie kannte sich in dem Gebäude aus, als wäre sie schon einmal dagewesen, und das war sie auch – im Traum. Sie erklärte uns die Räumlichkeiten, als wäre sie die Besitzerin des Hauses. Zum Glück war sie es nicht.

Ich erhob mich. „Ich werde gleich mal Tucker Peckinpah anrufen und ihm sagen, daß er wieder einmal etwas für uns tun kann.“

Der reiche Industrielle war mein Partner. Ich bin Privatdetektiv, und Peckinpah hat mich auf Dauer engagiert, damit ich mich ohne finanzielle Sorgen dem immerwährenden Kampf gegen Geister und Dämonen widmen kann.

Unsere Erfolgsquote bestätigte, daß es richtig gewesen war, diesen Schritt zu tun. Peckinpahs Beziehungen und sein Geld, gepaart mit meiner Kampferfahrung, machten der schwarzen Macht gehörig zu schaffen.

Ich trank meinen Pernod aus, stellte das Glas weg, griff nach dem Telefonhörer und wollte ihn aus der Gabel heben, da schellte jemand an der Haustür. Ich schaute auf meine Uhr.

20 Uhr. Abendlicher Besuch. Wer mochte das sein? Vielleicht Lance Selby, unser Freund und Nachbar, ein bekannter Parapsychologe? Oder gar Tucker Peckinpah, der spürte, daß er mal wieder gebraucht wurde?

Am besten siehst du nach, dachte ich und verließ das Wohnzimmer.

Ich öffnete die Tür. Draußen stand ein Mann. Schwarzer Trenchcoat, ernstes Gesicht, ungefähr 50 Jahre alt und Furcht in den Augen.

„Mr. Tony Ballard?“ fragte er. Seine Stimme klang belegt.

„Der bin ich.“

„Mein Name ist Yates. Paul Yates.“

*

Der Name sagte mir gar nichts. Ich war sicher, ihn zum erstenmal zu hören. „Was kann ich für Sie tun, Mr. Yates?“

„Ich brauche Ihre Hilfe, Mr. Ballard.“

„Kommen Sie herein“, sagte ich. Wenn jemand Hilfe benötigte, war er bei mir auf jeden Fall an der richtigen Adresse. Ich führte Paul Yates in den Livingroom und stellte ihm meine Freunde vor. Er nötigte sich ein Lächeln ab. Seine Nerven schienen zu vibrieren. Ich bot ihm Platz an. Er setzte sich mit einem tiefen Seufzer.

„Einen Drink, Mr. Yates?“ fragte Vicky Bonney.

„Ja, wenn ich einen Scotch haben könnte.“

„Selbstverständlich.“

Mr. Silver musterte Yates und fühlte, daß dieser Mann mit dem Geisterhaus zu tun hatte, von dem seine Freundin Roxane geträumt hatte. Er nahm das auf einer übersinnlichen Ebene wahr, und auch Roxane fühlte etwas in der Art. Ich nicht. In der Beziehung bin ich eine taube Nuß. Schließlich bin ich ein Mensch und kein Wesen aus einer anderen Dimension.

„Was führt Sie zu mir, Mr. Yates?“ fragte ich, nachdem der Mann von seinem Scotch getrunken hatte. „Was haben Sie auf dem Herzen?“

„Sie sind Privatdetektiv“, sagte Paul Yates.

„Das ist richtig“, bestätigte ich.

„Aber kein gewöhnlicher.“

„Auch das stimmt.“

„Sie kümmern sich um Fälle, in die die finsteren Mächte mit hineinspielen. Ich habe von Ihnen gehört. Sie sind ein hervorragender Mann, sagte man mir, und ich bin davon überzeugt, daß Sie auf Ihrem Gebiet der Beste sind.“

Ich winkte bescheiden ab. „Wir wollen nicht übertreiben, Mr. Yates. Ich kämpfe nicht allein mit meinem Team gegen die Hölle. Es gibt auch noch andere, ebenso erfolgreiche Personen wie mich. Ich denke da an meinen Freund, den Oberinspektor John Sinclair von Scotland Yard. Oder an Professor Zamorra. Oder an Frank Connors. Oder an Damona King und Mike Hunter.“

„Ich will Sie!“ sagte Paul Yates bestimmt.

„Okay.“ Ich nickte. „Und wofür?“

„Ich habe Angst, Mr. Ballard.“

„Das ist mir sofort aufgefallen. Wovor fürchten Sie sich?“

„Vor meinem Bruder. Vor Abel Yates.“ Er sagte das so, als ob ich diesen Namen kennen müßte. Ich schaute Roxane und Mr. Silver an. Die beiden schüttelten kaum merklich den Kopf. Auch ihnen sagte der Name nichts.

„Abel“ fuhr Paul Yates fort, „ist vor einem Monat gestorben.“

Ich horchte auf. „Sie fürchten Ihren Bruder nach seinem Tod?“

„Er war zu Lebzeiten ein böser, schlechter Mensch, Mr. Ballard. Ich ging ihm aus dem Weg. Seinetwegen verließ ich sogar die Stadt und ließ mich auf dem Land nieder. Er wollte ein Höllendiener werden, das hat er mir einmal gesagt. Er versuchte, mich zu überreden, ebenfalls dieses Ziel anzustreben. Er sprach von ewigem Leben, von ungeheurer Macht, von dämonischen Kräften, die ihm eines Tages zur Verfügung stehen würden. Ich sagte, er wäre wahnsinnig. Ich beschwor ihn, sich nicht mit dem Bösen einzulassen, aber er hörte nicht auf mich. Wir gerieten vor vielen Jahren mal deswegen in Streit. Von diesem Tag an verfolgte er mich mit seinem Haß. Er behauptete, daß er mich über seinen Tod hinaus hassen würde.“

„Nun ist er tot, und Sie fürchten sieh vor ihm“, sagte ich.

„Ich weiß, daß er Böses gegen mich im Schilde führt, Mr. Ballard. Und nicht nur gegen mich.“

„Gegen wen noch?“ wollte ich wissen.

„Auch gegen Amanda Yates, unsere Schwester, gegen Marjorie Ball, seine Nichte, gegen Tommy Taylor, seinen Neffen, und Gott weiß, gegen wen noch alles. Abel ist zwar gestorben, und er wurde beerdigt, Mr. Ballard, aber ich bin davon überzeugt, daß er dennoch lebt. Er lebte äußerst genügsam, verließ sein unheimliches Haus nur selten. Auf seinem Bankkonto hat sich ein kleines Vermögen angehäuft, das nun auf die Erben aufgeteilt werden soll.“

Ich hörte nur noch mit halbem Ohr zu.

Paul Yates hatte von einem unheimlichen Haus gesprochen! Das machte mich stutzig! Wollte es ein gigantischer Zufall, daß dieser Mann von ‚unserem‘ Haus sprach?

„Wir sollen Abel beerben“, sagte Paul Yates. „Ich traue meinem toten Bruder nicht. Ich weiß, daß er für uns eine grausame Gemeinheit vorbereitet hat. Abel war nie ein wohltätiger Mensch. Er hätte uns niemals Freude gemacht. Weder mit Geld noch mit sonst etwas. Das Geld ist nur sein Köder. Er benützt es, um uns anzulocken. Wir sollen in sein verfluchtes Haus kommen, und dort werden wir seine tödliche Bosheit zu spüren kriegen.“

„Wenn Sie davon so überzeugt sind, würde ich an Ihrer Stelle nicht hingehen, Mr. Yates“, sagte ich.

Sein Blick wieselte über mein Gesicht. „Denken Sie, daß ich in diesem Fall vor ihm in Sicherheit wäre?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, Mr. Ballard. Er würde mich aufsuchen, egal, wo ich wäre, und würde das tun, was er sich vorgenommen hat. Er ist ein Teufel, Mr. Ballard. Er will unser Leben, und er kriegt es, wenn wir nicht rechtzeitig Vorkehrungen treffen. Ich brauche Sie zu meinem Schutz. Ich will den Stier bei den Hörnern packen. Heute nacht ist dazu die beste Gelegenheit.“

„Wieso?“ fragte ich.

„Heute nacht ist Testamentseröffnung.“

„Wo findet sie statt?“

„Na, wo schon? In Abels Haus. Genau um Mitternacht soll Rechtsanwalt Terence Cusack mit der Testamentseröffnung beginnen, das ist Abels Wille.“ Paul Yates kniff die Augen zusammen. „Abel wird uns in seinem Haus alle umbringen, Mr. Ballard. Er lockt uns in eine tödliche Falle. Sie müssen uns helfen, sonst sind wir verloren.“

Ich nickte. „Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich werde Sie unter meinen persönlichen Schutz stellen, Mr. Yates.“

Er atmete auf.

Doch dann wurde er schlagartig bleich. Seine Augen weiteten sich. „Mein Gott!“ entfuhr es ihm.

„Was ist? Was haben Sie?“ fragte ich erschrocken.

Er wies auf die Skizze, die Roxane angefertigt hatte. „Wer hat das gezeichnet?“

„Ich“, sagte die weiße Hexe.

„Das ist Abels Haus!“ preßte Yates heiser hervor. „Woher kennen Sie es?“

„Ich habe davon geträumt“, antwortete die Hexe aus dem Jenseits.

Yates schaute sie entgeistert an. Er konnte sich nicht erklären, wieso dieses Mädchen ausgerechnet vom Haus seines Bruders geträumt hatte. Er konnte nicht wissen, daß Roxane über übersinnliche Sensoren verfügte, die auf böse Einflüsse auch dann überempfindlich reagierten, wenn sie schlief. Solche Wahrnehmungen schlugen sich dann manchmal in Träumen nieder.

Das Geisterhaus - wir hatten es gefunden!

*

Katie Figger war ein robustes Mädchen, blond, kräftig, mit einer guten Figur, die nicht jeder anfassen durfte. Sie räumte im Kneipenkeller Kisten mit leeren Flaschen um, stellte alles, was ihr im Wege stand, beiseite, um an das Metallregal an der Wand heranzukommen, denn dort standen einige Flaschen, in denen sich köstlichster Trockenbeerenwein befand. Es wurde kaum mal danach verlangt, denn der Wein kostete ein Vermögen, aber heute hatte sich Jerry Blake für diesen ‚Göttertrank‘, wie er sagte, entschieden.

Blake schien ein ganz tolles Geschäft abgeschlossen zu haben und wollte das nun mit einem nicht minder tollen Getränk begießen.

Katie hörte nicht, daß jemand die Kellertreppe herunterschlich.

Der Mann huschte lautlos die Stufen hinunter, stieg über eine leere Fruchtsaftflasche und näherte sich dem ahnungslosen Mädchen. Oben brandete ein Gelächter der Männer auf.

Katie Figger streckte sich nach der teuren Weinflasche.

Der Mann erreichte sie.

Er griff unter ihren Armen hindurch und legte seine Hände auf ihren Busen. Katie Figger erschrak zutiefst. Mit einem schrillen Schrei kreiselte sie herum. Die Weinflasche rutschte ihr aus den Fingern, fiel zu Boden und zerschellte. Jerry Blakes Göttergetränk spritzte hoch.

Katie versetzte dem Mann, der sie angefaßt hatte, blitzschnell eine Ohrfeige.

Erst danach sah sie, wen sie geschlagen hatte.

„Ben!“ sagte sie ärgerlich. „Bist du verrückt, mich so zu erschrecken? Mich hätte der Schlag treffen können!“

Ben O’Hara lachte amüsiert. „Dich doch nicht.“ Rot zeichneten sich ihre Finger auf seiner Wange ab.

„Mir blieb beinahe das Herz stehen!“

„Vor Schreck oder vor Freude?“

„Du bist unmöglich, Ben.“

Er griff grinsend nach ihrer Taille und zog sie an sich. Sie sträubte sich. Aber nicht richtig. Sie mochte Ben O’Hara, hatte sehr viel für ihn übrig, war schon einige Male bis zum Morgengrauen mit ihm zusammen gewesen, in seiner Wohnung, in seinem Bett. Ben war ein großartiger Liebhaber. Er wußte, was Katie Figger besonders gern hatte, und er gab es ihr in reichem Maße.

„Der teure Wein“, lamentierte das blonde Mädchen.

„Ach was, ich ersetze den Schaden. Dafür mußt du mich aber küssen.“

Er preßte sie leidenschaftlich an sich. Sie bog ihren Oberkörper zurück. „Hör doch auf mit dem Unsinn, Ben. Ich muß gleich wieder nach oben.“

„Soviel Zeit muß sein.“

„Sei vernünftig, Ben, so sei doch vernünftig. Wenn jemand kommt!“

Ben O’Hara wollte sich nicht abwimmeln lassen. Seine Hände waren überall. Zehn Hände schien er zu haben. Katie konnte sie nicht alle abwehren. Sie spürte, daß sie gleich schwach werden würde. Ben bedeckte ihr Gesicht mit heißen Küssen. Er küßte ihren Hals. Schauer durchliefen Katie wellenartig. Oh, dieser Ben, dieser Halunke.

Sie gab ihren Widerstand auf. Ihr Atem ging schwer. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals.

„Oh, Ben ... Ben ...“, stammelte sie und biß sich auf die Unterlippe. „Wir sind verrückt ... Was tun wir, Ben ...“

Oben wurde die Tür aufgerissen. Der Kneipenlärm riß die beiden jäh auseinander. Ben hatte rote Flecken im Gesicht.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738902990
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320462
Schlagworte
tony ballard geisterhaus

Autor

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Titel: Tony Ballard #75: Das Geisterhaus