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Tony Ballard #76: Dämonenduell

2016 120 Seiten

Leseprobe

Dämonenduell

Der Tote lag im Sarg. Bleich, mit geschlossenen Augen, die Hände auf der Brust gefaltet. Ein Bild des Friedens. Fast war er zu beneiden, denn er hatte es hinter sich. Wenn man der Religion glauben durfte, gab es ein Leben nach dem Tod, das viel schöner war als das irdische.

Schöner als das von Chuck Guinness? Er war von Geburt an reich gewesen, hatte eine glückliche Jugend verbracht, viele Freunde gehabt, war ein Lieblingskind des Erfolgs gewesen. Niemand konnte sich ein angenehmeres, erfüllteres Leben wünschen.

Und selbst der Tod war gnädig mit ihm gewesen, war an ihn herangetreten, ohne daß er es gemerkt hatte. Das Herz blieb einfach stehen, und es war vorbei.

Chuck Guinness hatte allen Grund, selbst im Tode noch so zufrieden auszusehen.

Weiße Seide umgab ihn. Sein Kopf ruhte auf einem purpurroten Samtkissen. Der Sarg bestand aus teurem schwarzem Ebenholz. Massive Griffe aus Messing schimmerten in mattem Glanz. Der Deckel lehnte an der Wand, wuchtig und gewölbt.

Morgen sollte Chuck Guinness, der Millionär, beerdigt werden. Zuvor würde man seinen Sarg aber noch in der Friedhofskapelle aufbahren, damit alle, die ihn geliebt und geschätzt hatten, Gelegenheit hatten, ein stummes Gebet für ihn zu sprechen.

Die Zeit kroch auf Mitternacht zu. Irgendwo ächzte und knarrte eine Tür.

Schritte im Bestattungsinstitut. Gespenstisch hallten sie durch die Räume. Abermals wurde eine Tür geöffnet, und dann erschien Mort Montero, der Leichenbestatter, ein hochgewachsener schlanker Mann, schwarz gekleidet, mit feierlichen Bewegungen und in einer Haltung, die dem Ernst der Situation angepaßt war.

Seine Augen waren fast schwarz, der Blick hypnotisch. Die Leute gingen ihm aus dem Weg. Nicht nur wegen seines Blicks oder weil er diesen seltenen Beruf ausübte, nein, der Mann war ihnen unheimlich, ohne daß sie ahnten, was wirklich in ihm steckte.

Mit festem Schritt näherte er sich dem Sarg. Sein Blick erfaßte den Toten. Ein dünnes Lächeln huschte über sein Gesicht, die schmalen Lippen zuckten spöttisch.

»Da liegst du nun, Chuck Guinness«, sagte Mort Montero mit dumpfer Stimme, »und kannst dich nicht wehren, mußt mit dir alles geschehen lassen!«

Der Leichenbestatter fuhr sich mit den Fingern durch das dichte schwarze Haar. »Gleich ist Mitternacht«, sagte er. »Du weißt es nicht, aber dann bricht deine größte Stunde an, Guinness.« Er lachte teuflisch. »Ich bin froh, daß man dich mir anvertraut hat. Ich habe eine gute Verwendung für dich.«

Wieder geisterten Schritte durch die Leichenbestattung. Zwei junge Männer erschienen. Poll und Faku, die Gehilfen Monteros.

Der Leichenbestatter nickte zufrieden. »Ihr seid pünktlich.«

Poll grinste. »Wir sind immer zur Stelle, wenn du uns brauchst, Mort.«

»So ist es richtig. Wir sind fast vollzählig. Jetzt fehlt nur noch Mira. Habt ihr sie gesehen?« Mira war Mort Monteros Tochter.

»Um Mitternacht wird sie hier sein«, meinte Faku. »Sie weiß, daß sie sich nicht verspäten darf.«

Montero blickte auf seine Uhr. »Sie hat nicht mehr viel Zeit.«

Eine Tür knallte. Es hörte sich wie ein Schuß an. Eilige Schritte. Dann erschien Mita Montero. Ein bildhübsches Mädchen. Schwarzhaarig wie ihr Vater. Ebenso schwarz gekleidet. Wie ein Todesengel sah sie aus.

»Warum kommst du immer so spät?« zischte ihr Vater sie ärgerlich an. »Du weißt, daß ich das nicht vertragen kann.«

»Entschuldige, Vater.«

»Wenn ich von dir verlange, pünktlich zu sein, dann hast du fünf Minuten vor der vereinbarten Zeit einzutreffen.«

»Ich werde mich bessern.« Das Mädchen mit dem langen schwarzen Haar trat an den Sarg. Triumph schimmerte in Miras Blick. Auch Spott und Hohn. Vielleicht war sogar eine Spur von Verachtung dabei.

»Er ist uns ausgeliefert«, sagte das Mädchen kalt lächelnd. »Der Tod hat ihn uns in die Hände gespielt. Wir können mit ihm tun, was wir wollen.«

»Das werden wir auch«, sagte Mort Montero. »Stellt euch auf. Konzentriert euch. Es ist gleich soweit.«

Mira Montero stellte sich links neben den Sarg. Poll trat neben sie. Mort Montero stellte sich auf die rechte Seite, und neben ihn postierte sich Faku. Sie schlossen die Augen. Reglos standen sie da. Wie Wachsfiguren, die man beiderseits des Sarges aufgestellt hatte.

Die Zeit rann durch ihren Geist. Sie spürten das Herannahen der Mitternacht, den Anbruch der Geisterstunde, in der die Kraft des Bösen am stärksten war, die Tote aus Gräbern holte, Menschen in Wölfe verwandelte, Vampire auf Blutjagd trieb.

Nur noch wenige Sekunden.

Und dann war es soweit.

Ein Kältehauch strahlte von den vier Gestalten aus. Ein dünner durchsichtiger Nebelfilm löste sich aus ihren Poren, schwebte auf den Sarg zu und sank auf den starren Leichnam herab. Wie ein transparentes Tuch legten sich die Schlieren auf den Körper des Toten und hüllten ihn ein.

Wie auf ein stummes Kommando öffneten die vier Personen gleichzeitig die Augen. Ein Strahlen, Glühen ging davon aus. Ihr roter Schein war so hell, daß die Augen übergroß wirkten. Große, rote, runde Scheiben waren es, die auf Chuck Guinness gerichtet waren.

Synchron bewegten die vier die Lippen. Worte einer Sprache, die auf Erden nicht gesprochen wurde, drangen aus ihrem Mund, tropften in den Sarg, auf die Leiche.

Das Glühen brannte sich in den toten Körper. Chuck Guiness' Leib nahm dieses rätselhafte Glühen an. Er strahlte bald genauso wie die Augen der Umstehenden.

Eine gespenstische Szene.

Unheimlich hallten die fremden Worte durch den Raum. Das Glühen der vier Augenpaare nahm allmählich ab. Es erlosch schließlich, und mit diesem Erlöschen verschwand auch das Glühen im Sarg.

Jedoch nicht nur das Glühen. Sondern auch Chuck Guinness. Der Millionär war nicht mehr vorhanden. Der Sarg war leer.

*

Mort Montero nickte zufrieden. »Einer mehr. Es hat wieder ausgezeichnet geklappt.«

»Ich habe nicht daran gezweifelt, daß es auch diesmal gelingen würde«, meinte Mira.

Der Leichenbestatter wandte sich an seine Gehilfen. »Poll, Faku, bringt die Puppe.«

Die beiden eilten davon. Mira blickte ihren Vater lächelnd an. »Wir werden stark und mächtig. Du wirst dich schon bald zum König der Nacht krönen können.«

»Und du wirst an meiner Seite regieren. Unsere Herrschaft wird hart und grausam sein. Wir werden alle unsere Gegner brutal vernichten.«

»Vor allem Zapor Xant«, sagte Mira haßerfüllt. »Er ist mir schon lange ein Dorn im Auge.«

»Er soll ein qualvolles Ende erleiden«, sagte Montero grimmig. »Wir werden ihm zeigen, daß wir stärker sind als er und seine Brüder Cula und Josin. Ihre Existenz wird bald der Vergangenheit angehören. Wer sich danach nicht auf unsere Seite schlägt, wird von uns als Feind gebrandmarkt und vernichtet.«

»Ich freue mich auf den größten Tag in deinem Leben, Vater.«

Poll und Faku kehrten zurück. Sie trugen eine lebensgroße Puppe, die sie in den Sarg legten, der von ihnen auf geheimnisvolle Weise geleert worden war. Nun lag Chuck Guinness wieder an seinem Platz.

Montero grinste. »Sieht er nicht genauso aus wie der echte Tote?«

»Er sieht ihm zum Verwechseln ähnlich«, sagte Mira. »Du bist ein Künstler, Vater.«

Mort Montero legte einen Arm um seine Tochter. »Morgen werden sie ihn beerdigen. Eine Puppe. Die Ersatzleiche. Und sie werden keine Ahnung haben, wo sich der echte Tote befindet. Sie werden nicht einmal wissen, daß sie eine Attrappe zu Grabe getragen haben ...«

*

Einen Vormittag lang wurde der Ebenholzsarg aufgebahrt. Viele Menschen schritten daran vorbei. Alle empfanden tiefe Trauer. Einige weinten sogar, denn der Tod des Millionärs war ein schmerzlicher Verlust. Er war zu allen Menschen gut gewesen. Man verglich ihn manchmal mit einem verständnisvollen Vater, zu dem man mit allen Sorgen kommen konnte. Immer hatte er für seine Mitmenschen ein offenes Ohr gehabt. Er war niemals geizig gewesen. Es gab zahlreiche wohltätige Stiftungen, die er geschaffen hatte, und er unterstützte auch privat arme, notleidende Familien. Hart und unnachgiebig war er nur dann, wenn er bemerkte, daß man ihn ausnutzen wollte. Diejenigen, die das versuchten, bekamen zu spüren, daß er in seinem Zorn auch unerbittlich sein konnte.

Ein Blumenmeer umgab den Sarg.

Auf schwarzen Kranzschleifen glänzten goldene und silberne Buchstaben.

»Wir werden dich nie vergessen.« - »Du warst uns immer ein guter Freund.« - »Bitte für uns.«.

Um vierzehn Uhr nahm das Begräbnis seinen Lauf. Der Sarg, in dem jedermann die sterbliche Hülle des Millionärs vermutete, wurde aus der Kapelle getragen. Die Totenglocke wurde geläutet. Ihr Klang begleitete Chuck Guinness auf seinem allerletzten Weg, und viele Menschen gaben ihm das letzte Geleit. Endlos lang schien der Trauerzug, der sich durch den Friedhof schlängelte.

Mort Montero, der die Zeremonie arrangiert hatte, befand sich im Gefolge. Poll und Faku trugen den Sarg mit vier anderen Männern. Voran ging der Priester. Er hielt ein geweihtes Silberkreuz an einem langen Stab. Montero, Poll und Faku vermieden es, dieses Kreuz anzusehen. Sie hatten allen Grund dazu.

Eine Kapelle spielte den Trauermarsch. Der Himmel war grau. Es hatte den Anschein, als wollte er an einem solchen Tag nicht strahlen.

Noch fünfzig Meter bis zum Grab.

Da passierte es. Einer der Sargträger stolperte. Er verlor die Balance. Der Messinggriff entglitt seiner Hand. Dadurch war die Last unverhofft ungleich verteilt. Träger Nummer zwei erschrak. Die Kettenreaktion ging weiter, und ehe es zu verhindern war, knallte die Totenkiste auf den Boden. Der Deckel platzte regelrecht auf. Die Trauergäste sahen den Leichnam, der sich durch den Aufprall auf die Seite gedreht hatte. Jemand wollte ihn rasch wieder auf den Rücken legen.

Da zuckte seine Hand zurück. »O mein Gott!« entfuhr es dem entsetzten Mann. »Himmel, das ... das ist doch nicht möglich!«

Alle drängten vorwärts.

»Das ... das ist keine Leiche!« krächzte der Mann, der den Toten angefaßt hatte. »Das ist eine Puppe!«

Diese Feststellung schlug wie eine Bombe ein.

*

Wir machten uns wegen Mago, dem Schwarzmagier, Sorgen. Mr. Silver, der Ex-Dämon, glaubte definitiv zu wissen, daß sich der Jäger der abtrünnigen Hexen in London aufhielt.

Und Roxane, Mr. Silvers Freundin, war eine abtrünnige Hexe. Wir waren der Meinung, daß Mago sich ihretwegen in der Stadt aufhielt. Er hatte schon einmal versucht, Roxane zu erwischen. Es war ihm glücklicherweise nicht gelungen, aber so leicht gab Mago nicht auf. Er würde es immer wieder versuchen, bis es ihm einmal gelang, oder bis wir es schafften, ihn zu vernichten.

Wie ein Damoklesschwert hing der Jäger der abtrünnigen Hexen über Roxane.

Selbstverständlich wich Mr. Silver seiner Freundin nicht mehr von der Seite. Er wollte zur Stelle sein, wenn Mago mit seinen Schergen zuschlug. Wir hegten alle die schlimmsten Befürchtungen. Jeder versuchte es sich nicht anmerken zu lassen. Keiner wollte den andern noch mehr beunruhigen.

Die Ungewißheit zerrte an unseren Nerven. Wir wollten es uns selbst nicht eingestehen, aber wir hatten alle Angst vor Mago. Jawohl, Angst. Auch ich, Tony Ballard, der Dämonenhasser. Denn wir wußten nicht, wann und wo der Schwarzmagier auftauchen würde.

Immer auf der Hut sein zu müssen, kann einen ganz schön fertig machen.

Roxane befand sich zur Zeit nicht im Haus. Sie hatte einige Besorgungen in der City zu machen, und Mr. Silver begleitete sie.

Vicky Bonney, meine Freundin, hielt sich in ihrem Arbeitszimmer auf und schrieb an ihrem Buch. Das Klappern der Schreibmaschine war im ganzen Haus zu hören. Heute morgen war ein Anruf aus Hollywood gekommen. Die Dreharbeiten zu ihrem zweiten Film waren aufgenommen worden. Der erste Streifen war ein Kassenhit geworden. Vicky hatte damit eine Menge Geld verdient. Der zweite Film sollte, das erwarteten die Experten, noch besser einschlagen.

Ich begab mich zur Hausbar und genehmigte mir einen Pernod. Nachdenklich ließ ich die Flüssigkeit im Glas kreisen. Abel Yates hatte mir in seinem Geisterhaus sehr zu schaffen gemacht. Ich war froh, dieses Abenteuer heil überstanden zu haben, und fühlte mich ein bißchen müde. Ich sehnte mich nach Ruhe und Erholung, doch ich wußte, daß mir das nicht gegönnt sein würde. Die schwarze Macht war unermüdlich. Sie schmiedete immer wieder neue Pläne, um uns Menschen das Leben schwer zu machen. Ich mußte sie bekämpfen, wo immer sie aktiv wurde. Es ging nicht anders.

Mit dem Glas in der Hand trat ich ans Fenster und blickte zum Nachbarhaus hinüber. Dort wohnte Lance Selby, der Parapsychologe, unser Freund. Er befand sich zur Zeit in Schweden. Beruflich. Wir hatten schon lange nichts von ihm gehört. Ich hoffte, daß es ihm gut ging, und wenn er zurückkam, würde ich ihm die Meinung sagen, weil er uns keine Karte geschrieben hatte. Für eine Karte reicht die Zeit immer. So beschäftigt kann man gar nicht sein.

Ich nahm einen Schluck von meinem Drink. Wie Öl floß der Pernod in meine Kehle.

Vicky kam aus dem Arbeitszimmer. Sie wirkte geistesabwesend, war in Gedanken wahrscheinlich immer noch mit ihrem Buch beschäftigt. Sie benutzte meine Erlebnisse als Grundideen. Natürlich gab sie dem Ganzen noch den nötigen dramaturgischen Schliff, damit die Story so spannend wie möglich wurde und den Leser von der ersten bis zur letzten Zeile fesselte. Aber im Großen und Ganzen brachte sie Tatsachenberichte zu Papier. Und der Erfolg konnte sich sehen lassen. Die Menschen rissen sich um ihre Bücher, die in acht Sprachen übersetzt wurden.

Seufzend kam sie auf mich zu. Sie lehnte sich gegen mich. »Ich habe für heute genug. Jede weitere Zeile wäre Quälerei.«

»Dann laß es lieber«, sagte ich und strich sanft über die Fülle ihres golden schimmernden Haares. »Morgen ist auch noch ein Tag.«

Sie nahm mir das Glas aus der Hand und nippte von meinem Drink. »Wo sind Roxane und Silver?«

»Einkaufen.«

»Roxane tut mir leid.«

»Wegen Mago?«

»Ja. Ständig mit dieser schrecklichen Angst leben zu müssen, ist nicht schön.«

»Da hast du recht.«

»Kann Silver den Schwarzmagier nicht aufspüren?«

Ich hob die Schultern. »Er hat es versucht. Mago schirmt sich geschickt ab. London ist groß. Er kann sich überall verstecken und auf eine günstige Gelegenheit warten. Jede Wachsamkeit ermüdet mit der Zeit. Der Schwarzmagier braucht sich bloß zurückzuhalten und Geduld zu haben.«

»Gott, ich hasse ihn«, sagte Vicky Bonney leidenschaftlich.

»Nicht mehr als ich«, erwiderte ich.

»Kann man Roxane denn nicht an einen sicheren Ort bringen ...«

»Es gibt keinen solchen Ort«, sagte ich. »Am sichersten ist Roxane noch in Silvers Nähe.«

Ein Wagen hielt vor unserem Haus. Eine Tür klappte. Das Fahrzeug fuhr weiter, kam in unser Blickfeld. Ich sah, daß es ein Taxi war. Und dann läutete es. Vicky schaute mich erstaunt an. Ich löste mich von ihr und öffnete die Haustür.

Draußen stand ein Mann mit rostrotem Ledergepäck. So groß wie ich, 35, dickes braunes Haar, das seidig glänzte, Brillenträger. Während des Grinsens entblößte er ein kräftiges, gesundes Gebiß.

»Vladek!« rief ich begeistert aus. Es war Vladek Rodensky, unser Wiener Freund. Brillenfabrikant, gebürtiger Pole mit österreichischem Reisepaß, Weltenbummler. »Vladek! Ist das eine freudige Überraschung!«

Wir fielen uns lachend in die Arme und schlugen uns gegenseitig auf den Rücken.

»Bin ich hier nicht willkommen?« erkundigte er sich scheinheilig.

»Was für eine blöde Frage. Natürlich. Komm rein.« Ich griff nach seinem Gepäck und trug es ins Haus. Vicky begrüßte ihn ebenso herzlich wie ich. Er war ein sympathischer Bursche, der mich im Kampf gegen Geister und Dämonen schon oft unterstützt hatte.

Wir begaben uns in den Living-room.

»Setz dich. Mach's dir gemütlich«, forderte ich ihn auf.

Er nahm Platz, hörte nicht auf zu grinsen. »Da staunt ihr, was? Daß ich bei euch so hereingeschneit komme, damit hattet ihr nicht gerechnet.«

»Du kommt mit großem Gepäck. Heißt das, daß du vorhast, länger in London zu bleiben?« fragte ich.

»Ich komme hoffentlich nicht ungelegen.«

»Überhaupt nicht«, sagte Vicky Bonney. »Möchtest du etwas trinken?«

»Zu einem guten Scotch würde ich nicht nein sagen.«

Vicky begab sich an die Bar.

»Donnerwetter, Tony, deine Freundin wird immer hübscher. Wie macht sie das bloß?«

Ich lachte. »Sie gibt ihr Geheimnis nicht preis. Vielleicht hat sie dafür einen guten Geist engagiert. Was führt dich zu uns? Urlaub? Möchtest du hier eine Weile ausspannen? Warum hast du nicht angerufen, oder telegrafiert?«

»Viele Fragen auf einmal«, sagte Vladek Rodensky. Er rückte seine Brille zurecht. Er trug immer das neueste Modell. Ganz klar, wenn er diese Dinger selbst herstellte. Er nahm den Scotch von Vicky in Empfang. »Danke. Auf euer Wohl«, sagte er und hob das Glas, bevor er trank. »Meine Firma stellt hier in London die neue Brillenkollektion vor. Ich hätte angerufen oder telegrafiert, wenn ich gewußt hätte, daß ich sicher kommen würde, aber es ging zu Hause drunter und drüber, so daß ich mich erst in allerletzter Minute freimachen konnte. Wenn ich mich nicht um alles selbst kümmere, ist es zumeist nur halb erledigt. Wir hatten im letzten Jahr Absatzschwierigkeiten in Großbritannien. Deshalb muß ich zusehen, daß das Geschäft hier wieder in Schwung kommt.«

»Vielleicht kann dir Tucker Peckinpah helfend unter die Arme greifen«, bemerkte ich.

»Keine schlechte Idee«, sagte Vladek.

»Was er tun kann, wird er machen.«

»An ihn habe ich noch gar nicht gedacht.«

»Willst du ihn gleich anrufen?«

Vladek winkte lächelnd ab. »So eilig ist es auch wieder nicht. Meine Firma steht nicht vor dem Bankrott.«

»Freut uns zu hören«, sagte ich.

»Was tut sich bei euch?« wollte der Brillenfabrikant wissen.

»Vicky überschwemmt den Markt mit ihren Büchern.«

»Und du jagst wie eh und je Geister und Dämonen.«

»Mehr denn je«, sagte ich.

»Und die beiden außerirdischen Turteltauben?«

Er meinte Roxane, die Hexe aus dem Jenseits, und Mr. Silver, den Ex-Dämon. »Die haben zur Zeit Sorgen«, sagte ich, und meine Miene wurde ernst. »Und wir natürlich mit ihnen.«

Vladek horchte auf. »Wieso? Ist etwas passiert?«

»Es könnte etwas passieren«, antwortete ich. »Mago ist in der Stadt.«

Er wußte, wer Mago war. Wir hatten ihm von ihm erzählt. Langsam wiegte er den Kopf. »Das ist allerdings ein triftiger Grund, sich Sorgen zu machen.«

*

Das Taxi hielt vor dem schwarzen Portal des Bestattungsunternehmens. Ein altes gebrechliches Männchen stieg aus, nachdem es dem Fahrer den verlangten Betrag – und keinen Penny mehr – gegeben hatte.

Elender Geizkragen! dachte der Taxi Driver. »Schon mal was von Trinkgeld gehört?« brummte er.

»Als verantwortungsbewußter Autofahrer sollten Sie nichts trinken. Wozu sollte ich Ihnen also ein Trinkgeld geben?« erwiderte das Männchen mit krächzender Stimme. Es trat auf den Gehsteig. Die Wagentür ließ es offen.

»Auch das noch«, knurrte der Taxifahrer. »Knauserig sein, und sich hinten und vorn bedienen lassen, das haben wir gern.«

Er stieg aus, schmetterte die Tür zu, stieg wieder ein und fuhr mit grimmiger Miene weiter. An der nächsten Ecke sagte er: »Ersticken sollst du an deinem Geiz!« Dann bog er ab, und bald danach verrauchte sein Ärger. Es lohnte sich nicht, sich wegen eines solchen Kerls aufzuregen.

Das Männchen, mager und gebeugt von den vielen Jahren, die es schon auf dem Buckel hatte, warf einen Blick in das Schaufenster des Bestattungsinstitutes. Fotos waren dort ausgestellt. Ein Bilderarrangement von Gräbern, Gruften, Aufbahrungen.

Das Männchen nickte. Es hatte den Anschein, als wollte es Vorbereitungen für seine eigene Beerdigung treffen. Vielleicht fühlte es die Nähe seines Endes. Wahrscheinlich hatte es keine Angehörigen, die sich um die Bestattung kümmerten, wenn es soweit war.

Das Männchen begab sich zur Tür des Bestattungsunternehmens und trat ein. Mit dem Öffnen der Tür wurde ein Kontakt ausgelöst, der ein Signal in die hinteren Räumlichkeiten des Unternehmens weiterleitete.

Prompt erschien der Besitzer des Instituts. Schwarz gekleidet, ernst und gepflegt: Mort Montero. Sein Blick wieselte an der unscheinbaren Gestalt auf und ab. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ihr Institut gefällt mir«, sagte das Männchen. »Mein Name ist Kevin McFinn. Das Unternehmen macht einen seriösen Eindruck. Das spricht mich an.«

Montero lächelte, aber dieses Lächeln erreichte nicht seine Augen. »Das freut mich, Mr. McFinn. Wir geben uns die größte Mühe ...«

»Kein Massenbetrieb, keine Fließbandarbeit«, sagte Kevin McFinn.

»Da haben Sie recht. Ich kümmere mich um alles persönlich. Wir erfüllen unseren Kunden jeden Wunsch.«

»Für mich sind Sie der beste Leichenbestatter von London.«

»Es ehrt mich, daß Sie das sagen, Mr. McFinn. Haben Sie einen lieben nahen Verwandten verloren?«

»Nein.«

»Dann möchten Sie sich vielleicht für sich selbst bei uns umsehen ...«

»Auch nicht.«

»Womit kann ich Ihnen also dienen?« fragte Mort Montero geduldig.

»Ich habe gelesen, was gestern auf dem Friedhof passiert ist«, sagte Kevin McFinn.

Ein kaum merklicher Ruck ging durch Monteros Körper. Er nahm eine abweisende Haltung ein, wartete ab, was McFinn weiter krächzte.

»Schlimme Sache«, sagte das Männchen.

»Die Zeitungen bauschen die Geschichte natürlich mächtig auf«, bemerkte Mort Montero, der sich fragte, worauf McFinn hinauswollte.

»Sie geben an, daß der Leichnam nicht in Ihrem Institut abhanden gekommen ist.«

»Das stimmt auch ...«

»Ich glaube Ihnen natürlich. Ihrer Ansicht nach hat man den Toten in der Kapelle gestohlen und eine Puppe in den Sarg gelegt. Ein widerliches Verbrechen. Menschen, die sich an einer Leiche vergreifen, sind doch wirklich das Letzte, nicht wahr?«

»Sie sagen es«, brummte Montero. Er bemühte sich, McFinn seine Unruhe nicht merken zu lassen.

»Man hat den Leichnam entwendet, und niemand weiß, wo er sich jetzt befindet.«

»So ist es.«

»Auch Sie haben nicht die leiseste Ahnung, wohin der Tote geschafft wurde.«

»Wie sollte ich?«

»Natürlich, wie sollten Sie. Als Sie den Toten zur Kapelle transportierten, befand er sich ja noch im Sarg. Nun stellen Sie sich mal vor, dieser Sargträger wäre nicht gestolpert. Dann hätte man die Puppe beerdigt, ohne es zu wissen.«

»Ja, das wäre geschehen.«

»Ich frage mich, weshalb sich die Verbrecher die Mühe mit der Puppe gemacht haben.«

»Nun, wenn jemand verlangt hätte, daß der Sarg noch einmal geöffnet wird ...«

McFinn nickte. »Ich verstehe. Dann sollte der Sarg nicht leer sein. Aber aus welchem Grund hat man die Leiche gestohlen?«

»Wie sollte ich das wissen?«

»Klar, wie sollten Sie das wissen. Sie haben mit der ganzen Sache ja nichts zu tun.«

»Genau.«

»Warum stiehlt man einen Toten? Um seine Angehörigen zu erpressen. Das wäre ein Grund. Chuck Guiness hat eine Tochter, die man zur Kasse bitten kann. Man könnte sie wissen lassen, daß man mit der Leiche ihres Vaters grausige Dinge anstellen würde, wenn sie sich nicht bereit erklärte, den Toten zurückzukaufen. Welche Tochter würde so etwas zulassen. Ich nehme an, die Polizei wird in dieser Richtung recherchieren. Sie wird versuchen, die Verbrecher zu finden – und natürlich auch den Toten. War von der Polizei schon jemand hier?«

»Ich habe bereits gestern meine Aussage gemacht. Ich denke, das reicht«, sagte Montero, dem die Anwesenheit des Männchens immer lästiger wurde. McFinn wollte irgend etwas von ihm. Der Kerl sollte sich nicht aufspielen. Er wußte nicht, wie gefährlich es war, ihn, Montero, zu reizen.

»Man wird Sie wohl kaum noch einmal belästigen«, sagte Kevin McFinn.

»Das hoffe ich. Ich würde der Polizei gern helfen, aber ich kann nicht.«

»Natürlich, Sie können nicht.«

Mort Monteros Augen verengten sich. »Sie reden so, als würden Sie mir nicht glauben, Mr. McFinn.«

Das Männchen lächelte hintergründig. »Vielleicht sollte ich ehrlich zu Ihnen sein, Mr. Montero. Vielleicht sollten Sie wirklich wissen, daß ich Ihnen die Geschichte, die Sie zu Protokoll gegeben haben, nicht glaube.«

Eine Unmutsfalte entstand über Mort Monteros Nasenwurzel. »Wie kommen Sie dazu ...«

McFinns herrische Handbewegung ließ den Leichenbestatter verstummen. »Die Polizei wird Ihre Lügengeschichte glauben, Montero, davon bin ich überzeugt. Mich aber können Sie nicht täuschen! Ich weiß, daß Sie den Toten verschwinden ließen und gegen diese Puppe ausgetauscht haben.«

Monteros Wangen bekamen Hektikflecken. »Zum Teufel, das muß ich mir nicht gefallen lassen, McFinn! Verlassen Sie auf der Stelle dieses Institut!«

»Ich bin noch nicht fertig!«

»Gehen Sie!« knurrte Montero gefährlich. »Aber schnell! Sonst kann ich für nichts garantieren!«

Kevin McFinn blickte den Leichenbestatter furchtlos an. Er lächelte herausfordernd. »Möchten Sie mich auch verschwinden lassen, Montero? Das wird Ihnen nicht gelingen!«

»Verdammt, wenn Sie jetzt nicht augenblicklich den Mund halten ...«

»Chuck Guiness war nicht die erste Leiche, die Sie beiseite schafften, Montero!« sagte das Männchen ungewöhnlich scharf.

Der Leichenbestatter erschrak. Zum Henker, woher wußte dieser Kerl so gut Bescheid? Jedes Wort stimmte.

»Dem Verschwinden der Toten liegt kein Verbrechen im herkömmlichen Sinne zugrunde«, fuhr McFinn fort. Auch das stimmte.

Hölle und Teufel, dieser Mann hatte einen Blick hinter die Kulissen geworfen. Wie hatte er das geschafft? Diese Frage beschäftigte Mort Montero im Augenblick sehr.

»Der Austausch wäre nicht aufgefallen, wenn der Sargträger nicht so ein Tölpel gewesen wäre. Für die Polizei sieht es so aus, als wollten gewissenlose Schurken rasch zu Geld kommen. Aber wir beide, Montero, wissen besser, warum diese Toten verschwunden sind.«

»Jetzt reicht es mir aber!« schrie der Leichenbestatter, und er erhob seine Stimme noch mehr: »Poll!« brüllte er. »Faku!«

Im Handumdrehen waren seine beiden Gehilfen zur Stelle. Er wies auf das Männchen und befahl ihnen, ihn zu ergreifen. Sie stürzten sich auf ihn. Es knisterte und zischte, als würden Blitze mit hoher Spannung aufzucken. Poll und Faku stießen einen ohrenbetäubenden Schrei aus. Beide bekamen einen fürchterlichen Schlag, der sie zurückschleuderte und zu Boden warf, wo sie stöhnend liegenblieben.

Mort Montero riß verstört die Augen auf. »Wer sind Sie?« fragte er heiser.

Da begann das Männchen sich zu verwandeln. Es wuchs. Aus seinen Kleidern wurde eine lange, wallende Kutte, die Kapuze war hochgeschlagen, und in ihrem Schatten grinste ein bleicher, blanker Totenschädel.

»Ich bin Rufus«, sagte das Wesen mit kräftiger Stimme. »Der Dämon mit den vielen Gesichtern!«

*

Jogging im Hyde Park – ein Vergnügen. Diesmal war Vladek Rodensky dabei. Das ließ er sich nicht nehmen. Er hielt sehr viel von dieser Art, sich in Form zu halten, und lief auch in Wien so oft wie möglich seine Kilometer.

Wir trabten über Wiesen und Wege. Es beachtete uns kaum jemand. Die Spaziergänger und die Leute auf den Bänken hatten sich an dieses Bild gewöhnt. Wir waren nicht die einzigen, die durch die Gegend rannten, als hätten sie etwas gestohlen.

Ich atmete regelmäßig – vier Schritte ein, vier Schritte aus. Vladek hielt mein Tempo mit. Die Brille hatte er zu Hause gelassen. Er sah nicht so schlecht, daß er sie unbedingt tragen mußte. Sein Gesicht kam mir ein bißchen fremd vor, denn ich sah ihn fast immer nur mit dem Nasenfahrrad.

Wir trugen Trainingsanzüge und hatten Laufschuhe an den Füßen, die die besten auf dem Markt waren. Wer diesen Sport so ernst betrieb wie wir beide, brauchte einfach die beste Ausrüstung.

Nach zehn Kilometern erreichten wir wieder meinen weißen Peugeot 504 TI. Noch rasch ein paar Lockerungsübungen, dann fuhren wir nach Hause.

Beim Duschen ließ ich Vladek den Vortritt. Ich warf inzwischen einen Blick in die Zeitung. Da war ein widerliches Verbrechen verübt worden. Die Leiche eines Millionärs war entführt worden. Ich las den Bericht, sah mir die Bilder an. Eines zeigte die Puppe, durch die der Tote ersetzt worden war. Pietätlos. Ein anderes Foto zeigte die weinende Tochter des Millionärs: Marion Guiness.

Ich hatte Mitleid mit ihr. Zuerst verlor sie ihren Vater. Das war schon schlimm genug. Dann stahl man auch noch die Leiche. Ein weiterer, noch schmerzhafterer Schlag.

Ich verwünschte die Kerle, die sich nicht gescheut hatten, sich an dem Toten zu vergreifen, und ich hoffte, daß die Polizei sie bald ausfindig machen würde.

Vladek Rodensky meldete, daß das Bad frei war. Ich duschte zuerst warm und dann eiskalt. Das brachte mich in Hochform. Ich konnte mit den Zähnen gar nicht so schnell klappern, wie ich fror.

Wir waren kaum angezogen, da läutete es an der Tür. Ich öffnete, und vor mir stand Marion Guiness. Ich erkannte sie sofort wieder.

*

Poll und Faku lagen immer noch stöhnend auf dem Boden. Heftige Schmerzen peinigten sie. »Das war nur eine Kostprobe!« sagte Rufus hart. »Niemand faßt mich ungestraft an!«

»Ich ... wir konnten doch nicht wissen, wer du wirklich bist«, sagte Mort Montero unterwürfig. »Du warst ein kleines Männchen, das mir auf die Nerven ging. Wenn ich geahnt hätte, daß du in dieser Gestalt steckst, hätten meine Gehilfen dich nicht berührt. Wir ... wir sind schließlich keine Feinde. Wir gehören zusammen. Ich bin ein schwarzer Bruder wie du, wie du weißt. Asmodis ist unser Fürst. Ihm gehorchen wir alle.«

Rufus lachte verächtlich. »Du bist ein kleines Licht in der großen Schar der Dämonen, Montero. Hast du die Absicht, dich mit mir auf dieselbe Stufe zu stel­len?«

»Nein!« beeilte sich Mort Montero zu sagen. »Selbstverständlich nicht. Ich weiß, daß du mächtiger bist als ich. Ich kenne meinen Rang. Es wäre anmaßend zu glauben, dir ebenbürtig zu sein.«

»Aber du würdest gern mehr Macht besitzen.«

»Wer möchte das nicht«, sagte der Lei­chenbestatter, ein untergeordneter Dä­mon.

»Du bist dabei, deine Position auszubauen.«

»Das ist richtig«, gab Montero zu. »Deshalb stehle ich die Leichen. Ich schicke sie in die unheilige Dimension, wo sie mit schwarzen Seelen ausgestattet werden. Der Tag ist nicht mehr fern, wo sie zurückkehren und das Grauen in die Stadt tragen werden. Sie werden nur mir gehorchen. Mit ihrer Hilfe werde ich meinen Machtbereich ausweiten ...«

»Sofern Zapor Xant und seine Brüder Cula und Josin dies zulassen«, warf Rufus ein.

»Du bist gut informiert«, mußte Mort Montero zugeben. »Auch Zapor Xant und seine Brüder streben nach mehr Macht. Sie wollen uns nicht aufkommen lassen. Sie bekämpfen uns, wo immer sie können. Ich hasse die drei.«

»Aber du kannst über sie nicht triumphieren«, sagte Rufus. »Weil sie ebenso stark sind wie ihr.«

»Das wird sich ändern, wenn die Toten aus der unheiligen Dimension zurückkehren«, sagte Montero.

»Ich mag die Xant-Brüder auch nicht«, bemerkte Rufus.

Montero horchte auf. »Dann hilf uns, sie zu besiegen.«

»Das geht nicht, dazu fehlt mir die Zeit.«

»Mit deiner Hilfe könnten wir sie in das Reich der ewigen Verdammnis jagen, Rufus!« sagte Mort Montero aufgeregt. »Sie wären erledigt.«

»Ich habe im Moment Wichtigeres zu tun«, sagte Rufus, der Dämon mit den vielen Gesichtern. »Aber ich kann euch einen Tip geben, wie ihr mehr Macht in die Hände bekommt.«

»Wie?« fragte Montero gespannt.

Rufus, der immer wieder neue Höllenspiele initiierte, lachte rauh.

Erst kürzlich hatte er einem Londoner Gangsterboß Yercell, Satans Bogenschützen, empfohlen, aber die Sache war dann nicht so gelaufen, wie er sich das vorgestellt hatte, weil wieder einmal Tony Ballard und Mr. Silver dazwischengefunkt hatten. Diesmal hoffte Rufus, einen größeren Effekt zu erzielen.

»Denk an den Schädel des schwarzen Druiden«, sagte Rufus.

Verblüffung in Mort Morenos Gesicht. »Ja!« stieß er aufgeregt hervor. Er schlug sich gegen die Stirn. »Daß ich nicht selbst darauf gekommen bin.«

Poll und Faku erhoben sich, hielten sich aber im Hintergrund. Sie wagten sich nicht mehr in Rufus' Nähe.

»Der Schädel des schwarzen Druiden«, sagte Montero begeistert. »Wer ihn besitzt, dem stehen enorme schwarze Kräfte zur Verfügung.«

»Damit könnt ihr die Xant-Sippe auslöschen«, sagte Rufus.

»Es gibt nichts, was wir lieber täten.«

»Ihr müßt euch ranhalten«, riet Rufus dem untergeordneten Dämon. »Denn es kann Zapor Xant jederzeit einfallen, sich ebenfalls den Schädel des schwarzen Druiden zu holen.«

»Wir werden schneller sein.«

»Das wünsche ich euch. Und wenn ihr gesiegt und mehr Macht habt, dann vergeßt nicht, wer euch dazu verholfen hat.«

»Bestimmt nicht. Das verspreche ich bei allem Bösen«, sagte Mort Montero feierlich.

Rufus ging auf die Tür zu. Während des Gehens krümmte sich seine Gestalt wieder zusammen. Er wurde zu einem alten gebrechlichen Männchen, dem kein Mensch ansehen konnte, wie gefährlich es war.

*

Ihre rotgeweinten Augen blickten mich traurig an. »Mr. Tony Ballard?«

Ich nickte. »Der bin ich.«

»Kann ich Sie einmal sprechen?«

»Selbstverständlich. Kommen Sie rein.« Ich gab die Tür frei. Im Livingroom machte ich sie mit Vicky Bonney und Vladek Rodensky bekannt. Ich konnte mir denken, weshalb sie zu mir kam. Ich war Privatdetektiv, und man hatte die Leiche ihres Vaters gestohlen. Sie wollte bestimmt, daß ich den Toten wiederbeschaffte. An und für sich war das ein gewöhnlicher Kriminalfall, ohne übersinnlichen Background, und somit fiel er eigentlich nicht in meinen Aufgabenbereich. Ich war aber trotzdem entschlossen, ihr zu helfen, wenn Sie mich darum bat.

Daß mein Erzfeind Rufus und andere Dämonen ihre verdammten Hände im Spiel hatten, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Aber ich sollte es bald erfahren.

Ich forderte Marion Guinness auf, Platz zu nehmen. Sie war ein schmächtiges Mädchen, sah aus wie einst Twiggy. Ihre Finger waren feingliedrig und lang. Damit entfaltete sie zitternd ein Taschentuch und putzte sich die Nase.

»Ich nehme an, Sie wissen, was passiert ist, Mr. Ballard«, sagte Marion Guinness.

Ich nickte. »Ich hab's gelesen.«

»Die Polizei kommt nicht vom Fleck, Mr. Ballard. Ich wandte mich an Tucker Peckinpah, einen guten Freund meines Vaters, um Rat, und er verwies mich an Sie. Mr. Peckinpah meint, wenn mir jemand helfen kann, dann nur Sie. Er hat großes Vertrauen zu Ihnen.«

»Wir sind seit vielen Jahren Partner«, sagte ich.

»Ich weiß. Er hat Sie auf Dauer verpflichtet, damit Sie sich ohne finanzielle Sorgen dem Kampf gegen Geister und Dämonen widmen können. In meinem Fall geht es weder gegen das eine noch das andere. Werden Sie mir trotzdem helfen, Mr. Ballard?«

»Natürlich. Wenn Sie es möchten.«

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738902983
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (April)
Schlagworte
tony ballard dämonenduell

Autor

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Titel: Tony Ballard #76: Dämonenduell