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Violent Earth #9: Erbarmungslose Welt

2016 120 Seiten

Leseprobe

Violent Earth #9: Erbarmungslose Welt

Charli Summer

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Erbarmungslose Welt

Ein VIOLENT EARTH-Roman von

Charli Summer

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Impressum

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und

BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover by 123RF, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin

Munsonius.

*www.AlfredBekker.de <http://www.AlfredBekker.de/>*

*postmaster@alfredbekker.de <postmaster@alfredbekker.de>*

Klappe

Die Welt 18 Monate nach dem Seuchenausbruch. Entvölkerte Städte, zerstörte Landschaften. Hoffnungslosigkeit. Der Junge Jason muss sich allein durchkämpfen. Zusammen mit seinem Hund „Crazy“ ist er bis jetzt den Zombies entkommen. Aber jeder weitere Tag birgt neue Gefahren – und die Zukunft ist ungewiss.

Auch drei Frauen kämpfen sich durch. Ihre Anführerin Boots ist grausam und sadistisch – sie kennt keine Gnade, wenn es ums eigene Überleben geht. Und sie hasst Männer – egal welchen Alters. Als sie und ihre Gefährtinnen die Spur Jasons und Crazys finden, richtet sich ihre Wut auf sie. Sie wollen ihn quälen und töten.

Ein VIOLENT EARTH-Roman das Debut von Charli Summer – eine brutale und dennoch emotionale Erzählung aus einer Zeit, die wir alle hoffentlich niemals erleben werden ...

PROLOG

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Eine Kamera.

Nur eine alte Schwarzweiß-Kamera...

Die Übertragung bricht immer wieder ab. Das Bild wirkt unstabil – Dropout-Zeilen flimmern und verbergen den voyeuristischen Blick dahinter.

Das Bild verliert sich schließlich in statischem Rauschen.

Es sieht ein wenig wie Regen aus.

Und dann...für einen Moment wird das Bild plötzlich wieder klar. Schwarzweiß und äußerst brillant.

Der Raum ist ganz deutlich zu sehen. Eine Wand. Ein Fenster.  Eine Landschaft wie von einem alten Brueghel. Still und kalt. Eine Winterlandschaft. Keine Menschen. Aber ein Wald, der am Horizont ist. Man kann sogar die Tannenspitzen sehen. Und der Raum – der Raum ist nackt und leer, am Fenster keine Vorhänge, keine Tapeten. Der Holzboden wirkt fast schwarz. Plötzlich klatscht etwas gegen die alte Überwachungskamera.

Die Welt scheint sich zu drehen, aber natürlich ist es nur die Kamera. Und dann spritzt eine dunkle, blutig aussehende Flüssigkeit  gegen die Linse.

Die Welt wird dunkel, versinkt in Schwarz. Dann ruckelt die Kamera. Irgendetwas ist gegen das stabile Gehäuse geklatscht.

Störungen. (Wie atmen: Hell, Dunkel, Hell und Dunkel ...)

Die Welt wird langsam wieder klarer. Die Flüssigkeit folgt der Schwerkraft.

Einen Moment lang kommt etwas wahnsinnig schnell auf die Linse zugeflogen. Ein Arm vielleicht? Oder ein Kopf?

Die Kamera verbiegt sich unter der Last. Und zeigt die schneeweiße Schwarzweiß-Decke!

Zuerst scheint nichts weiter zu passieren. Dann gibt es dunkle, tropfenförmige Flecken. Wie Blutspritzer. Und es werden immer mehr.

Durch einen weiteren Schlag, wendet sich die Kamera ab und zeigt plötzlich den Boden direkt unter ihr.

Ein Bett. Zerwühlt.

Noch ein paar Mal kommen Schatten. Die Kamera ist nicht in der Lage, ein genaues Abbild der Lage wiederzugeben.

Und dann erlischt das Bild endgültig.

Man hat das Gefühl – die Übertragung der Kamera sei abgestorben.

*

Wintergreen Avenue, New Haven, Connecticut, USA, 18 Monate nach Seuchenausbruch

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1. Kapitel

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Jason spähte durch den Spalt der nur angelehnten Tür seines Kleiderschranks. Das Blut hämmerte in seinem Kopf und rauschte wie ein ohrenbetäubender Wasserfall. Mit zittriger Hand wischte er sich immer wieder eine lange Haarsträhne aus der Stirn. Schritte waren leise zu hören. Von unten, aus dem Erdgeschoss. Leise, aber nicht wirklich so leise, dass man sie überhört hätte. So waren DIE nicht. Die Elivers, die echten Untoten. Nicht wie die aus dem Ego-Shooter Call of Duty, vor dem er manchmal die halbe Nacht lang saß und Zombies abknallte. Die hier waren echte Zombies, und dieses Spiel machte ihm absolut keinen Spaß.

Der Junge presste seine Lippen zusammen und wünschte sich, er möge endlich aus diesem Albtraum aufwachen. Augen zu und Wunsch wiederholen. Doch leider saß er immer noch in seinem Schrank wie ein Kleinkind, das verstecken spielte. Verstecken vor seiner Mutter, die nun zu IHNEN gehörte, zu den Untoten - und sie suchte ihren Sohn.

In seinem Schrank war es dunkel, eng und roch nach seinen Sportschuhen, die er vor Ewigkeiten achtlos hier hinein geworfen hatte. Damals. Welche merkwürdiges Wort – dieses damals. Er würde alles dafür geben, wieder in sein altes Leben gehen zu können. Der Teenager atmete tief durch und horchte angestrengt, ob die Untote schon auf der Treppe war. Nein, noch waren ihre leisen, schlurfenden Schritte aus dem Erdgeschoss zu hören. Das ließ ihm Zeit sich zu sammeln und zu verstehen, was passiert war.

Es war alles ganz schnell gegangen. Vorhin hatten sie noch zusammen gefrühstückt: Die letzte Packung Tiefkühlbrot aufgeteilt und ein wenig von dem rationierten Wasser getrunken, als seine Ma, noch an ihrem Essen kauend, plötzlich anfing zu zischen und zu knurren wie eine verrückte Tiermutation aus Schlange und Wolf. Dabei verspritzte sie Krümel mit Speichel über den ganzen Tisch und als beim nächsten Zischknurrlaut ein blutiger Zahn aus ihrem Mund flog, fühlte er sich wie in Eiswasser getaucht. Hatte es sie doch noch erwischt.

Da hatten sie eineinhalb Jahre lang jeglichen Kontakt zu Nachbarn und überhaupt zu irgend jemanden vermieden, waren nur im Morgengrauen losgegangen und hatten immer wieder Vorräte heran geschafft. Oft plünderten sie auch die Wohnhäuser, wenn sie beobachtet hatten, dass die Nachbarn als Untote herum wandelten und schließlich irgendwohin verschwanden. Es war ihnen egal geworden, wohin die Zombies gingen. Sie wollten nur überleben und sich nicht infizieren, und eines Tages waren sie die einzigen Menschen im Ort.

Seit Monaten hatten sie auch keine Eliver mehr gesehen. Fernsehempfang gab es auch schon lange nicht mehr. Keine neuen Infos. Nichts. Aber sie lebten! Ma, er und Crazy! Und Ma erklärte ihm immer wieder, dass die Regierung ganz bestimmt fieberhaft an einem Gegenmittel arbeitete. Dass sie einfach nur durchhalten müssten.

Ihre Fenster waren seit Ausbruch der Seuche verbarrikadiert. Es war immer halbdunkel bei ihnen zu Hause. Jason dachte manchmal, dass er nichts anderes mehr kannte, als dieses dunkle, angstvolle Leben.

Aber seine Ma hatte es immer verstanden ihn aufzumuntern, mit alten Geschichten über seinen Dad, der kurz vor seiner Geburt bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.

Nun hatte er nur noch seinen Hund. Er war ein Geschenk zu seinem achten Geburtstag gewesen. Crazy war der coolste und tollste Hund von allen! Sein Fell war weiß mit braunen und schwarzen Flecken. Witzig war das Muster um seine Augen. Das linke war schwarz und das rechte braun umrahmt, aber so merkwürdig verschoben, dass der Betrachter dachte, der Hund würde schielen.

Ein schielender aber nicht schielender Hund. Crazy eben.

Wo war er eigentlich? Wie gern würde er ihn jetzt rufen. Crazy könnte ihm bestimmt aus dieser Situation helfen.

Jasons Gedanken kehrten wieder zur Frage zurück, wann und wie sich seine Mutter angesteckt haben könnte. Sie hatten schon so lange, über ein Jahr lang, alle Vorsichtsmaßnahmen penibel eingehalten. Hatten nicht nur Handschuhe und Mundschutz getragen, Lebensmittel und Getränke abgekocht. Sie hatten sogar Crazys Hundefutter steril gemacht, was er für übertrieben hielt. Wo steckt der Hund nur?! Und doch war es passiert, dass sich seine Ma irgendwo angesteckt hatte.

Oder schlummerte das Virus schon sehr lange in ihr und war erst jetzt ausgebrochen? Ist so etwas möglich? Als damals noch die Nachrichten durch alle TV-Kanäle liefen, gab es nur spärliche Informationen für die Bevölkerung, aber jede Menge Panikbremsen. Es war immer das gleiche. „Bewahren Sie Ruhe! Wir sind uns sicher, dass wir schon bald ein Gegenmittel gefunden haben. Bis dahin bleiben sie in Ihren Häusern. Wir werden dafür sorgen, dass Lebensmittel verteilt werden, es besteht kein Grund zur Panik!“

Der Teenager lachte grimmig. Keine Panik? Seine Mutter hatte vorhin nicht nur einen Zahn verloren, sondern ihre ganzen Haare, als hätte sie eine Chemotherapie hinter sich. Nur Augenblicke später bildeten sich auf ihrer Haut Blasen, die aufplatzten und sich immer wieder neu bildeten und verspritzten gelbes Sekret, das ganz übel nach einer Mischung zwischen Eiter und Affenscheiße roch.

Jasons Erinnerung an den Gestank ließ ihn würgen. Dann unterbrach das Knarren auf der Treppenstufe seine Gedanken. Scheiße, sie kommt! Jason presste vor Angst eine Hand vor seine Lippen – ballte sie zu einer Faust, würde sie sich am liebsten tief in den Hals stecken, nur um jegliches Atemgeräusch zu vermeiden. Für immer – aber dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Aber dann ... wäre ich ja schon ein Zombie. Hätte mich verwandelt. Wäre ein Eliver.

Die schlurfenden Schritte der Zombiefrau hielten vor der Zimmertür.

Jasons Mund öffnete sich, aber es blieb keine Zeit, zu schreien oder etwas zu sagen. Die Tür platzte förmlich in den Raum hinein und seine Mutter stand im Zimmer und schaute sich um. Suchte ihren Jungen. Der Teenager spähte durch den Spalt, konnte seinen Blick nicht von der Untoten abwenden. Sie sah aus, als hätte jemand ihr Innerstes nach außen umgestülpt; ihre Haut war nicht mehr zu sehen, nur offen liegende, nässende Fleischfetzen.

„Wenn sie mich findet“, schoss es durch seinen Kopf, „dann wird sie mich beißen und ich werde mich krass in einen stinkenden Zombie verwandeln, Körperteile verlieren. Einfach so wird mir ein Arm abfallen. Oder meine Augen ploppen aus den Höhlen und kugeln auf dem Boden herum.“

Auf Jasons Haut jagte ein Eisschauer den nächsten.

Das angestrengte Gucken durch den winzigen Spalt und die verspannte Körperhaltung, verursachten ihm mörderische Kopfschmerzen. Ein ganzer Trupp von Schmerzensmännern versuchte ihn zum Aufgeben zu überreden. Lass es geschehen! Bumm. Ergib Dich. Bumm. Sie kriegen dich doch. Bumm. Lass Dich lieber von Deiner Mutter killen, als von fremden Zombies. Bumm. Willst du der einzige Nicht-Untote sein? Bummbumm. Hammerschläge hinter seiner Stirn, wie von den Holzfällern draußen im Wald. Und sein Kopf zwischen der Axt und den Baumstamm.

Als hätte die Eliver Jasons rasendes Herz gehört, steuerte sie direkt auf den Schrank zu! Bumm, Bumm.

Crazy! Wo blieb nur Crazy? Er könnte sie ablenken, damit er fliehen kann. Pfeifen! Er muss nach Crazy pfeifen, dann käme der Hund sofort angerannt! Der Junge wollte Zeige- und Mittelfinger an seine Lippen führen, doch an seinem Arm schien ein Elefant zu hängen. Das Pochen hinter seiner Stirn wütete nun wie ein Sturm, aber löste zugleich den „Elefanten“ auf.

Ein lauter Pfiff aus seinem Mund, den seine Mutter ebenfalls gehört haben muss. Was wird sie tun? Jason öffnete die Schranktür und starrte direkt in das faulende Gesicht seiner Zombiemutter, die sich zu ihm herunter gebeugt hat.

Ihr naher Anblick schnürte ihm den Hals zu. Adrenalinstöße jagten durch seine Adern. Arme und Beine wurden kalt und heiß zugleich, als wüsste sein Körper vor Schreck nicht mehr, wie er zu funktionieren hat. Nur eine Armlänge trennte den Jungen von diesem ... diesem Loch in ihrem Gesicht: Ein Mundkrater, bloß liegende Zähne, die dem Gesicht ein Horrorgrinsen verliehen. Mit diesem ... Loch ... hatte sie ihn früher auf die Stirn geküsst, wenn er mit einer guten Mathenote nach Hause gekommen war. Der Gedanke daran ließ sein Blut zu Eis gefrieren. Gänsehaut rollte in Wellen über seinen Kopf und ließ die Nackenhaare abstehen.

Die Zombiefratze sah wie frisch gehäutet aus. Als hätte sich ein Serienmörder an ihr ausgetobt. Eine einzige offen stehende Wunde, die vor sich hin nässte und der ehemals schmalen Stupsnase fehlten die Nasenflügel und gaben ihrem Gesicht etwas Schnabelartiges. Wie bei einem Greifvogel, der seinen Kopf tief in seine verblutende Mahlzeit getaucht hatte. Und sie schien sich sekündlich weiter zu verändern. Alles schlimmer zu machen, als sei die Verwandlung noch nicht fertig. Sie sah wie eine Harpyie aus, es fehlten nur noch die Flügel.

Während Jasons Gedanken sich überschlugen, kam diese Harpyie noch näher. Er vergaß zu atmen, sämtliche Zellen seines Körpers sträubten sich gegen den Anblick, gegen diese Unnatürlichkeit. Ein Kind sollte keine Angst vor seiner Mutter haben müssen. Das ist der reinste Horror!

Genau wie ihre Augen. Der Teenager kann nicht verhindern, in ihre Augen zu schauen, deren Lider zu groß für die Augäpfel schienen. Ausgeleiert hingen sie herunter, als hätte man bei einem Luftballon die Luft heraus gelassen.

Die Untote starrte ihrerseits den Jungen an. Ihr Blick war wie ein Leuchtfeuer, der ihn blenden sollte. Jason lief der Schweiß den Rücken hinunter. Blicke wie dunkelgrüne Magnete, die ihn aus seinem lächerlichen Versteck ziehen sollten. „Kalte Eidechsenaugen“, ging ihm durch den Kopf. Dabei waren Ma’s Augen früher hellblau gewesen. Nichts, aber auch gar nichts Menschliches lag mehr ihn ihnen, kein Erkennen, kein Mitleid mit ihrem Sohn, keine Mutterliebe.

„Was soll ich jetzt tun, was soll ich jetzt tun, was soll ich jetzt tun?“ In Jasons Gedanken drängte sich wieder Crazy, nach dem er – so kam es ihm vor – schon vor Ewigkeiten gepfiffen hatte. „Wo blieb er denn nur?“

Und dann platzte es aus ihm heraus: „Paaaaatch! Komm her Crazy! Leckerli, Crazy mein Alter, schau nur was ich habe. Komm, hilf mir!“

Die Harpyie schien über die Worte des Jungen überrascht, richtete sich mit roboterhaften Bewegungen auf und verlor dabei feine Sprühnebel ihres Zombiesekrets aus all ihren nässenden Wunden.

Der Dreizehnjährige musste sich übergeben. Kotzte sich mitten auf die Knie und merkte es erst gar nicht, dass der körperwarme Mageninhalt bis zu seinen Füßen lief. Er starrte weiterhin gebannt auf jede Bewegung seiner Mutter.

Sie ging sogar einen Schritt zurück und schaute Richtung Treppe! Der Junge konnte es kaum fassen. Gut, das war nicht wirklich viel Abstand zwischen ihm und ihr, aber immerhin reichte der Rückwärtsschritt aus, um einen kleinen Funken Hoffnung in Jason zu setzen.

Er erlaubte sich zwei tiefe Atemzüge, die wieder etwas Leben in seine Adern brachten. Etwas mutiger geworden, öffnete er die Schranktüren weit und rief nochmal nach Crazy. Scheiße, wo blieb der nur?

Die Untote widmete ihre Aufmerksamkeit wieder Jason zu und obwohl es jeglichen physikalischen Gesetzen trotzte, riss sie ihr lippenloses Maul so weit auf, dass der Junge das Zäpfchen hinten im Hals sah. „Kaaaaaaammaaaa ... häääääär!“

Das Entsetzen machte ihn platt, als würde ein Panzer über seinen leer gekotzten Magen fahren und drückte dabei den Rest Magensäure nach oben. Sein Kehlkopf brannte. Wieso er ausgerechnet jetzt an Grandma dachte, wusste er nicht, aber ihre Stimme war in seinem Kopf: „Erst nachdenken, dann sprechen, sonst geschieht ein Unglück“. Grandma war seit einem Jahr tot – und er würde es wohl auch gleich sein. Vielleicht musste er an sie denken, weil sie ihn aus dem Totenreich rief? Traf man all seine Verwandten und Freunde wieder, sobald man starb?

Die Zombiefrau mit dem Todesgrinsen ruckte zur Seite und wieder zurück. Als wäre das ihre spezielle Art zu „horchen“. Hat sie denn etwas gehört? Etwa den Hund?

Wieder ruckte ihr Schädel seitlich und dann vor und zurück und verspritzte dicke Blutstropfen in seine Richtung.

„Iiiek“, er verzog seinen Mund, hatte das Gefühl, dass etwas auf seiner Zunge gelandet war. Er wagte nicht zu schlucken, obwohl sich rasch Speichel in seiner Mundhöhle ansammelte.

Dann spuckte er seiner Mutter vor die Füße. Die schaute ihren Sohn an, als wäre er das rettende Glas Wasser nach drei Tagen Wüste. Aus ihren Eiter verkrusteten Mundwinkeln sickerte eine hellgelbe Flüssigkeit. Sie sabbert, dachte Jason. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, vor Hunger. Man sah ihr an, wie gern sie ihn anfressen möchte. Ihren eigenen Sohn! Er war entsetzt.

Im selben Moment hörte man wie schnelle Pfoten über den Parkettboden kratzten, von unten aus dem Wohnzimmer. Crazy stürmte die Treppe hoch und stand hechelnd in Jasons Zimmer.

„Endlich! Crazy!“

„Aaargrrrr ... raaaaa!“, brüllte die Untote, ärgerlich geworden über die Störung.

Der Hund knurrte die Eliver an, die keine Ähnlichkeit mehr mit Mrs. David Brown hatte. Denn die hatte die Seiten gewechselt. Spielte jetzt für die Liga der Untoten. Von der einstmals typisch amerikanischen Highschool-Schönheit war nun nichts mehr übrig. An ihrem aus allen Löchern blutenden Schädel, waren die halb verwesten Ohren das einzige, was herunterhing. Ihre Haut warf immer noch Blasen, die aufplatzten und ihren Körper glänzen ließen, als hätte er in Olivenöl gebadet. Zwischen dem Tal ihrer Brüste sickerte ein grünliches Sekret, zäh wie Sirup. Sie war abstoßend und eine Beleidigung für die empfindliche Nase eines Hundes.

Jason nutzte die Sekunde und ächzte sich aus dem Schrank: „Fass! Crazy - fass!“, und zeigte auf seine Mutter.

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2. Kapitel

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„He Geena, schau mal was ich gefunden habe.“

Eine stämmige, rothaarige Frau hielt einen Kopf hoch, der sich im letzten Grad der Verwesung befand. Sie wich nicht vor dem Gestank zurück, den der Kopf ausdünstete, im Gegenteil, sie hielt ihn noch näher an ihr eigenes Gesicht. Fast berührte ihre Nasenspitze die angefressene Zombienase.

„Der hier sieht ein wenig wie Mel Gibson aus“, seufzte sie und tat in einer vortrefflichen Parodie verliebt, versuchte die wenigen, blutverkrusteten Haare mit ihrer Hand zu frisieren. Sie gab sich sehr viel Mühe und ignorierte die Haar-Haut-Teilchen, die wie Schuppen zu Boden rieselten. „Jetzt schaut er echt wie Gibson aus!“

Die zierliche Geena schüttelte sich vor Ekel. „Du bist pervers, Pam! Du würdest selbst noch in Büffelscheiße Gibson erkennen, du irres Huhn!“

Die Rothaarige warf den Kopf verspielt in Geenas Richtung. Sie verfehlte die schmale Schulter ihrer Freundin um Haaresbreite. „Gibson“ landete mit einem dumpfen Aufprall im abschüssigen Gras, verlor dabei einige Fleischfetzen von seinen Wangen und ein Auge sprang förmlich aus seiner Höhle und holperte unbeholfen wie eine kaputte Murmel über den Boden. Der kullernde Kopf verlor immer mehr von sich, bis er von einem schwarz glänzenden Stiefel aufgehalten wurde.

Stiefel waren Emmas Markenzeichen, ihre Leidenschaft, ihr Fetisch und so wunderte es nicht, dass ihr Spitzname „Boots“ lautete. Boots behielt sogar noch beim Sex ihre Stiefel an.

„Könnt ihr wohl aufhören mit Körperteilen zu spielen?“, fuhr sie die beiden Frauen an. „Mir reicht es echt mit euch. Und schaut euch meine Stiefel an, voller Eingeweide und ...“

„Nun übertreibe mal nicht, Boots“, unterbrach Geena ihre Anführerin. „Das sind maximal Hautfetzen, nicht mal Gehirnmasse.“

Pam lachte über Geenas Bemerkung und ignorierte, dass Boots nicht amüsiert aussah. Sie würde sowieso bestraft werden, also konnte sie ihrem Lachdrang auch nachgeben.

Boots wartete nicht ab, bis Pams Lachanfall zu Ende war. Ohne mit der Wimper zu zucken, zog sie die Jones 1911 aus ihrem Parka, die seit letzter Woche ihr gehörte. Erbeutet während einer ihrer „Shopping-Touren“, als sie noch in Long Island City waren. Boots kniff die Augen etwas zusammen, keine Schlitze, nur soweit, dass man ihr ansah, wie sie gleich zu einer tickenden Zeitbombe wurde. Ihre Lippen behielten wie eingefroren ein angedeutetes Lächeln bei, aber ihre Schultern zogen sich zusammen. Das war nicht gut. Gar nicht gut.

„Zieh deine Jacke aus und mach meine Stiefel sauber!“ Aus Boots Mund klangen die Worte wie „mach oder stirb“ und der Blick ihrer Anführerin schien sie bei lebendigem Leibe häuten zu wollen.

Das Lachen blieb Pam im Hals stecken. Gehorsam dienerte sie an Boots heran und kniete vor ihren Stiefeln. Mit dem Ärmel ihrer Jacke wischte sie über die Stiefel und murmelte immerzu: „Es tut mir so Leid, vergib mir Boots. Es tut mir wirklich, wirklich sehr Leid ...“

Pams Freundin Geena sah man die Erleichterung an, dass nicht sie an ihrer Stelle vor Boots knien musste. Geena war ein naives Wesen mit großen rehbraunen Augen, ähnlich wie die von Audrey Hepburn in „Ein Herz und eine Krone“. Geena erinnerte sich daran, dass die dicke Pam von Anfang an keinen guten Stand bei Boots hatte. Oft verlangte die Anführerin von ihr, dass sie laut zugeben sollte: „Ich bin nur eine fette, hässliche Mitesserin und dankbar, dass Boots mich an ihrer Seite duldet.“

Manchmal musste Pam ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Stiefel küssen, bevor Boots wieder erträglicher wurde. Und manchmal, was seltener vorkam, drehte sich Boots aus getrockneten Häuten und mit wer-weiß-was einen Joint und trank dabei irgendwas Hochprozentiges. Irgendwas, was sich gerade irgendwo fand, und dann ging man ihr besser drei Tage aus dem Weg, denn sonst konnte es passieren, dass der Absatz ihres Stiefels in Pams Möse landete.

Aber besser sie, als ich, dachte Geena weiter und verdrängte jeden Ansatz von Mitgefühl. Denn selbst das schien Boots in ihrer Miene ablesen zu können und wie sehr all das sie anwiderte. Geena drehte ihren Kopf etwas zur Seite, nicht so viel, dass sie Missmut bei Boots erregte.

„Es reicht“, zischte die Anführerin und gab der vor sich knienden Pam einen Tritt, so dass sie ins Gras fiel und erleichtert liegen blieb. „Das war ja für Boots Verhältnisse eine kurze Strafe gewesen“, dachte sie und verdrängte alles Unangenehme, indem sie hoch sah. Der Himmel! Wie schön blau er aussieht. Keine Wolke zu sehen, überall warmer Sonnenschein, so harmlos, so normal, so wie früher. Der Indian Summer war in Connecticut immer wunderschön.

Pam fühlte sich umarmt und getröstet. Es gab doch noch Dinge auf der Welt, die sich einfach nie ändern werden. Es gab noch Hoffnung! Die rothaarige Frau seufzte und bewunderte die Bäume ringsumher. Der  Park schien fast nur aus alten, hohen Bäumen zu bestehen. Allein dafür hielt sie durch. Die Welt drehte sich noch und war heute wunderschön mit der mystisch anmutenden Blätterpracht ringsumher. Pam sog den Geruch der Blätter regelrecht in sich hinein. Erdig. Warm. Leben. Ein Gefühl von „alles wird gut“ durchströmte sie.

Im „alten Leben“ war sie eigentlich Kunststudentin in New York gewesen. Mein Gott, wie lange ist das schon her? Es kam ihr vor wie Jahrzehnte. Früher hatte sie sich Sorgen darüber gemacht, ob ein spezielles Fachbuch in der Unibibliothek wieder mal verliehen war oder nicht. Heute machte sie sich Sorgen darüber, wen Boots als nächstes abschlachten würde und wie lange sie drei noch durchhielten, ehe sich eine von ihnen in „Fleisch“ verwandelte.

Boots nannte die Zombies Fleisch. Mehr waren sie für sie nicht. Pam bezweifelte, ob Boots überhaupt in irgendjemanden mehr sehen konnte, als Fleisch. Doch wieder einmal verdrängte Pam die dunklen Gedanken und dachte an etwas Schönes. Sie hatte schon immer einen feinen Sinn für Ästhetik gehabt, umso mehr litt sie darunter, dass sie selbst zu Übergewicht neigte und nur ein Durchschnittsgesicht hatte. Ihre langen, roten Haare waren das Schönste an ihr. Sie machten sie besonders. Aber was war sie gegen Boots? Boots sah wie ein personifizierter Engel aus, aber in ihr wohnte der Teufel und verdammt noch mal, das schienen sogar die Zombies zu spüren.

Jedenfalls überlebten sie drei als Team schon seit fast eineinhalb Jahren, und man konnte Boots weiß Gott zu Recht die Pest an den Hals wünschen, ja, ihr einen quälend langsamen Tod wünschen, aber verfickter Mist, sie, Pam, lebte noch und das hatte sie einzig und allein diesem schönen Biest zu verdanken! Pam seufzte noch einmal und setzte sich auf. Ließ den Blick umher schweifen, verlor sich im Blätterkleid der Bäume und sah nur noch Gelb, Gold, Orange Rot und Grün.

Die Bäume haben es gut, die werden niemals zu „Fleisch“. Fast schienen die Farben von innen heraus zu leuchten und strahlten mit dem Himmel um die Wette. Dabei war es die letzten Nächte schon frostig gewesen.

„Steh endlich auf, wir müssen weiter!“, unterbrach Geena ihre Gedanken und bot ihr die Hand an. Pam ließ sich von der kleineren Geena hoch helfen und wunderte sich nicht mal mehr über die Kraft, die in der zierlichen Frau steckte. Die Zombieseuche holte aus den Überlebenden alles heraus. Man entdeckte Seiten an sich, die man vorher nicht kannte.

Vergessen war die Schönheit der Natur, aber hätte sie sich noch einmal zu den Bäumen umgedreht, so hätten sie vielleicht die Horde fellloser Eichhörnchen gesehen, die unhörbar von Baum zu Baum sprangen und ihre grünstrahlenden Augen für winzige Momente wie exotische Früchte auf den Bäumen aussahen. Sie hätte gesehen, wie die herbstbunten Blätter rasend schnell ergrauten und wie schockgetrocknet als Ascheschnee zu Boden rieselten. Als sei das nicht genug, verbogen sich einige Äste wie Gummi, nein, wie Tentakel und machten sich bereit, jedes Lebewesen einzufangen, das nicht schnell genug entkommen konnte.

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3. Kapitel

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Crazy knabberte an Mutters Bein, was die Zombiefrau zwar zögerlich, aber einfach geschehen ließ, als sei der Hund nur eine lästige Fliege. Ja, sie schien unentschlossen. Und es machte ihr nichts aus, dass sie möglicherweise nicht mehr lange auf zwei Beinen stehen konnte.

Was war nur mit ihr los? Jason ergriff die Chance und feuerte seinen Hund weiter an: „Fass, fass!“ Als wolle er niemals aufhören zu schreien. Selbst als er langsam heiser wurde, schrie er weiter, als drückte man eine Repeat-Taste bei ihm. Seine Haut glühte vor Anstrengung, sein Körper stand wie unter Strom, so als säße er gerade vor seinem Computer und killte non stop Feinde.

Aber vor ihm stand ein Zombie, auf keinen Fall seine Mutter. Sie war ein Feind! Er verdrängte jeden Gedanken an sein früheres Leben. „Crazy, hau rein, niete sie um, friss sie!“ Er stachelte seinen Hund weiter an, voller Angst, dass der Hund ohne seine Worte einfach aufhören würde mit seinem Angriff und der Gute folgte gehorsam. Denn schon fast widerwillig biss er immer wieder kleine Fleischstücke aus Mutters Unterschenkel heraus und spuckte sie mit sichtlicher Abscheu wieder aus.

„Das hat sie verdient, Crazy, mach weiter! Weiter! Weiter“, schrie und schluchzte er. „Sie wollte mich fressen!“

Nun schlichen sich doch Gedanken an früher in seinen Kopf. Ma war alles, was noch von seiner Familie übrig geblieben ist, bis auf Crazy natürlich. Seinen Dad hat er ja leider nie kennenlernen dürfen. Er wusste auch nicht viel über ihn, da seine Mutter seinen Tod nie richtig verwunden hatte. Er wusste nur, dass er Kanadier war. Und seine Großeltern wollten nach seinem Tod nichts mehr mit der Schwiegertochter zu tun haben, da man ihr die Schuld an dem Unfall gab.

Jason sah seine Mutter an und schluckte. Er traute ihr mittlerweile alles zu. Vielleicht hatten die Großeltern ja Recht gehabt? Vielleicht hat sie ihm sogar seinen Dad genommen. Wollte nun ihren Sohn beißen. Sie ist schlecht. Sie ist böse. Sie verdient es einfach, dass der Hund sie tot beißt!

Dann bricht es aus Jason heraus: „Ma? Ma? Bitte sei wieder normal! Kämpf gegen das Scheiß-Virus an, bitte!“ Tränen strömten aus seinen Augen, als hätten sie sich jahrelang angestaut.

Crazy und die Zombiefrau hielten ruckartig inne, schauten gleichzeitig zu dem Teenager, aber nur für Sekunden, dann „spielten“ sie ihr Todesspiel ungerührt weiter, so als erhielten sie einen Befehl, den nur sie hören konnten. Folgten irgendeinem bizarren Gesetz. Der beißende und Zombiefleisch ausspuckende Hund und die Untote, die wie eine Harpyie ohne Flügel aussah. Stand da und ließ Crazy gewähren. Vielleicht steckte doch noch ein Stückchen Mutter in diesem Monster?

Hätte Jason ihre Gedanken lesen können, hätte er den letzten Satz gestrichen. In ihrem Kopf drehte sich alles um den Jungen. „Er – darf – nicht – entkommen.“

Doch auch dieser Rest menschlicher Gedankenfähigkeit verschwamm in ihrem faulenden Gehirn, und das Virus übernahm komplett die Kontrolle: Es überflutete die Worte mit Bildern und Gerüchen und ein endloses Gefühl brennenden Verlangens nach lebendigen Fleisch und warmen Blut blieb zurück. Durst nach Jason. Hunger nach Jason.

Der Jugendliche spürte augenblicklich die Veränderung in ihrem Kopf. Er spürte sie körperlich. Seine Schweißdrüsen liefen auf Hochtouren; Angst, Wut und Aussichtslosigkeit schienen sie noch anzuheizen. Schweißbäche liefen über seinen Rücken und durchweichten sein T-Shirt. Sein Gesicht war nass, die Augen brannten vom Schweiß.

„Scheiße!“, heulte er.

Zu allem Unglück musste er jetzt auch noch pinkeln gehen! Ausgerechnet jetzt. Wie kam er nur an seiner Mutter vorbei, ohne dass sie ihn berührte? Er sah sich im Zimmer um. Fünf Schritte bis zur Tür, aber dafür müsste er direkt an seiner Ma vorbei. Rechts hinter ihm war das einzige Fenster, er könnte heraus springen. Zwar lag sein Zimmer im ersten Stockwerk, niedrig genug um zu springen - aber da das Grundstück hinten heraus abschüssig wurde, war es zu hoch. Nicht zu hoch, aber immerhin so hoch, dass er sich beim Sprung verletzten könnte. Vielleicht ein Bein verstauchen oder schlimmer noch ... Beinbruch. Dann läge er wie ein Opferlamm im Gras. Wenn er sich nicht bald entschied, würde er nicht nur infiziert werden, sondern hätte noch die Hosen voll, und er wusste im Moment nicht, was schlimmer war. Er wollte sich nicht in die Hosen machen, das wäre peinlich. Selbst vor einem Zombie.

Jason hechtete hoch, völlig überraschend für Crazy und für die Eliver. Er sprang über die am Boden liegenden Klamotten, über seine Manga-Hefte und ergriff den Baseballschläger, der direkt unter dem Fenster angelehnt an der Wand lag. Er öffnete das Fenster, warf den Schläger hinaus und sprang hinterher.

*

„Idiot! Ich Idiot! Ich habe nicht daran gedacht, Verpflegung und Waffen mitzunehmen“, dachte Jason, während er an ihrer Hauswand pinkelte.  Von oben hörte man Crazy, dann ein lautes Geschepper und plötzlich flog im hohen Bogen der Hund heraus, alle Viere weit von sich gestreckt, als übe er für ein Luftballett.

„Crazy?“ Jason drehte sich überrascht um, während er geistesabwesend seinen Penis schüttelte und ihn in der Hose verstaute. Na logisch, als ob der Hund ohne ihn sein könnte.

Dann aber fiel Jason ein, wie das Virus übertragen wird. „Nein, Crazy wird kein Zombiehund! Niemals! Ey Alter, reiß dich zusammen, du konntest deiner Mutter entkommen, du wirst auch das hier schaffen!“, schimpfte er mit sich selbst.

Der Hund saß im Gras, schien den Jungen mit seinen schielenden, nicht schielenden Augen anzusehen und wedelte mit dem Schwanz. Typisch Crazy. Sah völlig normal und gesund aus. Oder doch nicht?

Okay, für solche Gedanken ist jetzt kein Platz. Er brauchte noch so einiges, Verpflegung, Kleidung, Waffen. Ein Ziel? Wohin sollte er gehen? Jason streichelte Crazys Fell und sah erst jetzt seine blutig verschmierten Hände. „Das ist so eklig Crazy ...“ Gut. Erstes Ziel in Gedanken notiert: Hände waschen.

Als der Hund an Jasons Jeans leckte, erinnerte er sich wieder an sein Malheur im Kleiderschrank. Gut. Ziel geändert in: Duschen, frische Sachen anziehen.

„Krrrch ... chhh ... gaaahjaaam.“ Seine Mutter erinnerte ihn mit unverständlichen Worten daran, dass sie auch noch da war. Die Untote musste vorn das Haus verlassen haben und kam mit gurgelnden Lauten über den Rasen auf ihn zu. Jason starrte sie mit Entsetzen an. Dann sah er den Baseballschläger, der neben ihm im Gras lag. Er hob ihn auf. Sollte er damit vielleicht ...?

NEIN! Ich kann das nicht!  Der Junge machte einen großen Bogen um seine Zombiemutter, doch sie würde ihn natürlich sehen. An der Haustür stolperte er über die Matte, die seine Mutter mit ihren schlurfenden Schritten ein paar Zentimeter in Richtung der Stufen mitgezogen hatte.

Er sah sich um, musste sehen ob sie ihm gefolgt war. Und auch wenn er sich nicht sicher war, ob Zombies einen Tunnelblick haben konnten, so war sich Jason doch sicher, dass Crazy mit seiner Waden-Knabberei ihre Beine geschwächt haben musste und sie so behinderte, dass sie nun langsamer vorankam.

Als Crazy im Haus war, schloss er die Tür mit einem Fußtritt. Erst einmal zur Ruhe kommen. Einatmen, ausatmen. Den Adrenalin gedopten Körper wieder seine normalen Funktionen übernehmen lassen. Jason zitterte bis zu den Zehenspitzen. Einatmen, ausatmen. Und noch einmal einatmen, ausatmen.

Augenblicke später konnte Jason wieder einigermaßen klar denken. Die Eliver darf nicht herein kommen! Er schob einen Esszimmerstuhl unter die Türklinke. Sperrte den Zombie aus, der seine Mutter gewesen war.

Der Tunnelblick war verschwunden, genauso die hässlichen Kopfschmerzen. Doch das hielt seinen Magen nicht davon ab, ein Rest Magensäure mitten ins Wohnzimmer, direkt auf die Orientbrücke zu spucken. Die Farben hatte der Junge sowieso nie leiden können und dann wurde ihm klar, dass es nie wieder eine Mutter geben würde, die mit ihm schimpfte. Das Gefühl verletzte ihn so sehr, als hätte sich eine Zombiekralle in sein Herz gebohrt.

Die Untote stand draußen vor der Tür, er hörte ihre Fingernägel am Holz kratzen. Soll sie es doch versuchen, dachte er. Innerlich wusste er, dass sie sich nicht mehr besonders anstrengen würde herein zu kommen. Er wusste es einfach.

Mit dem Handrücken wischte er seinen Mund ab und ging in Richtung Badezimmer. Im Kopf zählte er auf, was er noch alles tun musste. Er seufzte. So viel gab es noch zu tun, ehe er aufbrechen konnte.

*

Er hatte seine Mutter beobachtet.

Nachdem sie nur halbherzig und erfolglos versucht hatte, ins Haus zu gelangen, schien sie endgültig kein Interesse mehr an ihrem Sohn zu haben. Auch nicht mehr an dem Haus, das einst ihr Zuhause war. Hatte sich einfach umgedreht und torkelte Richtung Mainstreet, vorbei an den unbewohnten Nachbarhäusern. Ihre Bewegungen waren langsam. Sie schien alle Zeit der Welt zu haben und drehte sich nicht einmal um. Hatte vergessen, dass sie einen Sohn hat. Vergessen, dass sie ein Leben hatte.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738902914
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320311
Schlagworte
violent earth erbarmungslose welt

Autor

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Titel: Violent Earth #9: Erbarmungslose Welt