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Tony Ballard #79: Der Silbermann

2016 130 Seiten

Leseprobe

Klappe

Menschen verschwanden spurlos. Kaum einer hatte den Mut, sich in die Höllenbucht zu wagen. Wer es doch tat, mußte damit rechnen, daß ihn seine Freunde nie mehr wiedersahen.

Das Grauen lauerte in dieser idyllischen Bucht im Fernen Osten. Immer wieder schlug es zu.

Bis wir davon erfuhren ...

Wir suchten sie auf, die Höllenbucht. Mr. Silver und ich, Tony Ballard, der Dämonenhasser. Und was wir dann erlebten, war schrecklicher als unsere schlimmsten Befürchtungen ...

Der Silbermann

Er sah aus wie Alain Delon und davon profitierte er. Er brauchte nur mit dem Finger zu schnippen, und kaum ein Mädchen sagte dann noch nein. Hinzu kam, daß er das Geld seines reichen Vaters im Rücken hatte, es sich also leisten konnte, großzügig zu sein und weite Reisen zu unternehmen.

Diesmal war er in Hongkong gelandet.

Natürlich war Arno Beymer nicht allein. Ein Mädchen - Bo-Derek-Typ - befand sich in seiner Gesellschaft. Zwei schöne Menschen in einer traumhaften Gegend, auf einer hochseetüchtigen Yacht, die Black Dragon hieß.

Beymer hatte sie in Victoria City gemietet. Ein schnittiges Boot, schneeweiß, fast neu, mit Annehmlichkeiten ausgestattet, die sich ein vom Luxus verwöhnter Playboy wünscht.

Sie wälzten sich in leidenschaftlicher Umarmung auf der breiten Doppelliege. Annettes Haar lag zerwühlt auf dem Kissen. Ihre Wangen waren leicht gerötet, ihr Atem ging schnell, der Brustkorb hob und senkte sich rasch. Sie genoß die zärtlichen Berührungen. Arno wußte, wie man eine Frau behandelte. Er hatte Erfahrung darin und brachte Annette sehr schnell auf Touren.

Dabei hatte sie anfangs gar nicht so richtig gewollt. Nicht schon wieder. Dieser Arno war unersättlich. Vormittags, zu Mittag, am Abend, wenn möglich auch noch dazwischen - einfach immer. So schön es mit ihm auch war, manchmal wurde Annette die Liebe mit ihm ein bißchen strapaziös.

Sie hatte den Abend an Deck verbringen und den Mondaufgang bewundern wollen. Das heimelige Rauschen der Wellen hören. Dem Flüstern des Windes lauschen ... Das hätte ihr genügt, aber Arno Beymer hatte sie wieder einmal herumgekriegt; und jetzt war ihr Widerwillen bereits verflogen. Nun wollte sie es auch, mehr beinahe als er. Ihr Körper stand in Flammen. Sie rückte an ihn heran, preßte ihre Schenkel gegen ihn, küßte leidenschaftlich seinen Hals, das markante Kinn, knabberte sich zu seinen Lippen hoch, während seine Hände streichelten, massierten und kneteten.

Da war plötzlich ein Geräusch.

Annette zuckte zusammen. »Was war das, Arno?«

Er hatte nichts gehört. »Nichts. Was soll gewesen sein?« Er wollte weitermachen, doch sie legte ihre Hände auf seine nackte, behaarte Brust und drückte ihn von sich. Ihre Leidenschaft fiel in sich zusammen wie ein niedergebranntes Strohfeuer.

Das Geräusch wiederholte sich. »Hast du es jetzt gehört?« fragte Annette leise in die dunkle Stille hinein.

Er zuckte mit den Schultern, maß dem Geräusch keine Bedeutung bei. »Scher dich nicht darum, Darling. Was kann es schon sein? Vielleicht hat der Wind irgendein Tau losgemacht, und es schleift nun über das Deck und schlägt hin und wieder gegen die Aufbauten.«

Er wollte sich wieder in die Fülle ihres goldenen Haares vergraben, doch sie ließ es nicht zu. »Wenn es ein loses Tau ist, dann mach es fest, Arno.«

»Hör mal, ich verlasse doch nicht wegen eines blöden Taus diese lauschige Liegestatt. Also nein, das kannst du wirklich nicht von mir verlangen.«

Abermals das Geräusch.

Annette schaute Arno beunruhigt an. »Ich fürchte mich«, gestand sie.

Er grinste. »Ein starker Mann ist bei dir. Ich bin in der Lage, dich zu beschützen, oder traust du mir das nicht zu?«

»Doch. Schon. Aber ...«

Er setzte sich auf, griff nach den Zigaretten und zündete sich ein Stäbchen an. »Ich muß schon sagen, du kannst einem ganz schön den Nerv töten. Die ganze herrliche Stimmung ist versaut. Machst du das mit Absicht?«

»Klopfe ich ununterbrochen auf das Deck?«

»Ununterbrochen.«

»Du hast wohl vergessen, wo wir uns befinden«, sagte Annette Mann flüsternd.

»Ich bin absichtlich hierher gefahren, um mit dir allein zu sein. Hier stört uns keiner.«

»Weil niemand den Mut hat, die Höllenbucht aufzusuchen. Auch uns bat man davor gewarnt, die Nacht hier zu verbringen. Ein längerer Aufenthalt soll schon am Tage nicht ungefährlich sein, aber nachts ...«

»Quatsch. Das ist doch alles Humbug. Das sind doch bloß Schauermärchen, die irgend jemand erfunden hat, um andere Leute zu erschrecken.«

»Es gibt hier so viele Buchten. Warum mußte es ausgerechnet diese sein?« fragte Annette.

»Hab, ich doch schon gesagt. Damit wir ungestört sind. Vielleicht auch ein bißchen wegen des Nervenkitzels. Ohne Spannung ist das Leben doch stinklangweilig.«

»Für mich nicht. Ich brauche so etwas nicht«, sagte Annette.

Er lachte. »Nun stell dich doch nicht so an, Süße.«

»Nenn mich nicht Süße, du weißt, daß ich das hasse.«

»Sei doch nicht auf einmal so zickig!« sagte Arno Beymer ärgerlich. »Okay, okay, ich mach das Tau fest, damit deine geplagte Seele wieder Ruhe findet.« Er stand auf. Breitschultrig und muskulös war er. Kein Gramm Fett war an seinen Rippen. Darauf achtete er. Er gefiel sich unheimlich gut, konnte lange vor dem Spiegel stehen und sich betrachten. Er genoß es, schön zu sein.

Nachdem er die Zigarette im Aschenbecher ausgedrückt hatte, wies er grinsend auf Annette. »Lauf inzwischen nicht weg, hörst du?« Dann ging er. Die Badehose, die er trug, hätte in einen Briefumschlag gepaßt. Er stieg die Stufen des Niederganges hinauf, erreichte das Deck, badete im Licht des Mondes und dehnte seine Glieder, während der Wind sein Haar zerzauste.

Weiber, dachte er spöttisch. Die kriegen's schon mit der Angst zu tun, wenn unter ihrem Bett mal ein Floh hustet. Wo war das lose Tau, dieser verdammte Störenfried? Mit nackten Füßen tappte Arno Beymer über das Deck. Plötzlich war ihm, als hätte sich zwischen den Aufbauten jemand bewegt. Eine gedrungene Gestalt?

Unwillig zog Beymer die Brauen zusammen. Annette hatte ihn schon angesteckt. Er sah bereits Gespenster. Na schön, dies hier war die Höllenbucht. Na und? Die Leute behaupteten, man würde sein Leben aufs Spiel setzen, wenn man sich hierher wagte. Arno Beymer wollte ihnen allen das Gegenteil beweisen. Er wollte beweisen, daß es gänzlich ungefährlich war, sich hier aufzuhalten.

Hölle. Dazu hatte er keine Beziehung.

Hölle. Das war etwas Irreales für ihn.

Hölle. Des Teufels Zuhause. Er zweifelte daran, ob es das überhaupt gab. Die Menschen sind diesbezüglich im Erfinden sehr phantasievoll. Die Hölle soll abschrecken, und das tut sie in den meisten Fällen auch. Die meisten Menschen haben Angst davor, nach ihrem Tod in der Hölle zu landen, deshalb bemühen sie sich, ein gottgefälliges Leben zu führen.

Ein Leben voller Regeln. Arno Beymer fand das lächerlich. Menschen sollten in dieser Höllenbucht schon verschwunden sein. Nicht zwei, drei oder sechs. Nein, gleich Dutzende.

Daß ich nicht lache, dachte Beymer.

Er war sicher, daß er nicht verschwinden würde. Wohin denn? In die Hölle? Ja, von den Verschwundenen behauptete man, sie wären in die Hölle geholt worden. Von wem, das wußte niemand.

Leere Boote habe man hier schon oft geborgen. Ohne die Spur einer Besatzung.

Arno Beymer grinste. »Noch ein Bermudadreieck«, murmelte er belustigt. Amüsiert kam er auf den Gedanken, Annette ein kleines unheimliches Schauspiel zu bieten. Er zog die Luft röchelnd ein und knurrte wie eine Raubkatze. »Mein Gott, Annette!« rief er. »Du hast recht! Wir hätten der Höllenbucht lieber fernbleiben sollen ... Es wimmelt hier nur so von ... von ... Es sind wahre Scheußlichkeiten! Sie haben uns eingekreist. Wir sind verloren!«

Damit hätte Arno Beymer lieber nicht spaßen sollen, aber ihm war ja nichts heilig. Sie waren wirklich verloren, doch das ahnte Beymer in diesem Moment noch nicht. Er stampfte übermütig über das Deck, verursachte die verrücktesten Geräusche, um Annette zu ängstigen und berichtete nach unten, welchen Horror er »sah«.

Und dann sah er wirklich etwas.

Es verschlug ihm den Atem. Sein Grinsen fror ein. Der Übermut zerbröckelte. Seine Augen weiteten sich erstaunt. Es befand sich tatsächlich jemand an Bord der Black Dragon. Ein gedrungenes Wesen.

Ein Zwerg?

Nein, ein Zwerg war es nicht. Beymer strengte seine Augen an. Er stellte fest, daß es sich um ein Tier handelte. Um einen Pavian. Silbergraue Mähne. Stählerne Muskeln unter dem Fell. Böse starrende Augen. Eine vorspringende Schnauze. Das Maul geöffnet. Arno Beymer sah lange, dolchartige Zähne. Reißer, mit denen das unheimliche Tier jeden Menschen zerfleischen konnte ...

*

Obwohl Magos Erscheinen bereits einige Tage zurücklag, saß uns der Schock noch tief in den Gliedern. Der Schwarzmagier war hinter Oda, der weißen Hexe, hergewesen. Wir hatten uns ihm entgegengeworfen. Es war ihm dennoch gelungen, Oda und Roxane, die Hexe aus dem Jenseits, auf den Scheiterhaufen zu bringen, aber wir konnten verhindern, daß die beiden verbrannten. Während dieses erbitterten Kampfes auf Leben und Tod verlor Mr. Silver seine übernatürlichen Fähigkeiten. Er konnte von Glück sagen, daß er überhaupt noch am Leben war. Nun war der Ex-Dämon so verletzbar wie ich und jeder andere Mensch. Die außergewöhnlichen Kräfte standen ihm nicht mehr zur Verfügung.

Ein übles Andenken, das uns Mago, der Jäger der abtrünnigen Hexen, hinterlassen hatte. Dadurch würden wir uns immer an ihn erinnern.

Es war Montag, und wir kehrten aus Alton - einem kleinen Ort, 100 Kilometer von London entfernt - zurück. Wir, das waren meine Freundin Vicky Bonney, Mr. Silver und ich, Tony Ballard, der Dämonenhasser.

Vicky war von ihrer Freundin Gena Wadsworth, der Tochter des reichen Antiquitätenhändlers Earl Wadsworth, eingeladen worden, das Wochenende auf dem Land zu verbringen. Die Einladung hätte auch für mich gegolten, doch ich wollte lieber in London bleiben. Wieso ich nun trotzdem an diesem Montag von Alton nach London zurückfuhr? Ganz einfach: Roxane, die die Fähigkeit besaß, zwischen den Dimensionen hin und her zu pendeln, hatte erfahren, daß Dämonen in Alton - ausgerechnet da! - ein Krematorium des Grauens geschaffen hatten, in dem die Seelen unglücklicher Menschen verbrannt werden sollten.

Das war natürlich Grund genug für mich, mit meinem Freund doch Alton aufzusuchen. Mein Partner Tucker Peckinpah stellte uns einen Hubschrauber zur Verfügung, und schon bald machten wir Bekanntschaft mit Dämonen, die sich Portius Tannc und Vernon Scurrah nannten. Gefährliche echsenköpfige Wesen. Sie bildeten mit Yora, der Totenpriesterin, ein Triumvirat, das ein kleines Heer von schwarzen Schatten befehligte.

Es war nicht leicht, den Dämonen das Handwerk zu legen, aber wir schafften es. Und der ganz große Hammer bei der Geschichte war, daß Yora, die Totenpriesterin, das Mädchen mit dem Seelendolch, die Zwillingsschwester Odas war.

Yora lebte nicht mehr. Ihre grellen Todesschreie gellten mir immer noch in den Ohren. Wir hatten sie und ihre Schatten ins Höllenfeuer getrieben, das sie augenblicklich auffraß. Ich war neugierig, wie Oda, die weiße Hexe, die unter meinem Dach wohnte, diese Nachricht aufnehmen würde.

Wir erreichten London.

Der Vormittagsverkehr war dicht, aber ich kannte wenig befahrene Schleichwege, die uns ohne Aufenthalt nach Paddington brachten. Kurz vor elf Uhr stoppte ich meinen weißen Peugeot 504 TI in der Chichester Road vor dem Haus Nummer 22.

»Wieder daheim«, sagte ich.

Vickey Bonney und Mr. Silver stiegen aus. Ich ließ den Wagen in die Garage rollen und atmete auf. Bevor ich ausstieg, schob ich mir ein Lakritzbonbon zwischen die Zähne.

Alton gehörte der Vergangenheit an. Es war schlimm gewesen. Mr. Silvers übernatürliche Fähigkeiten hatten uns auf Schritt und Tritt gefehlt. Würde er sie jemals wiedererlangen? Er behauptete, er würde sie sich wiederholen. Aber war das nicht bloß eine Trotzreaktion? Täuschte er sich damit nicht selbst? Woher denn wiederholen? Als einer von Magos Schergen ihn mit der Höllenpeitsche traf, verhinderten diese Kräfte gerade noch, daß der Ex-Dämon zugrunde ging. Dann zerbrachen sie, und ich richtete mich allmählich darauf ein, daß wir fortan ohne sie auskommen mußten.

Oda und Roxane waren nicht zu Hause. Mr. Silver fläzte sich im Living-Room in einen bequemen Sessel und streckte die Beine von sich. Vickey Bonney zog sich mit der Post in ihr Arbeitszimmer zurück. Und ich nahm mir die Zeitung vor, um zu erfahren, was es Neues gab. Da läutete das Telefon.

Ich hob ab. »Tony Ballard.«

»Hallo, Tony, seid ihr alle gesund aus Alton zurückgekehrt?« fragte Tucker Peckinpah, der reiche Industrielle, der es verstand, sein Geld mit lukrativen Geschäften immer weiter zu vermehren.

»Guten Tag, Partner«, erwiderte ich. »Ja, wir sind alle gesund und munter. Vielen Dank für die Bereitstellung des Hubschraubers.«

»War eine Selbstverständlichkeit. Was war los in Alton? Erzählen Sie!«

Ich berichtete ihm ausführlich. Er hatte ein Anrecht darauf, schließlich arbeitete ich für ihn. Ich bin Privatdetektiv, und Tucker Peckinpah hatte mich auf Dauer verpflichtet. Den Samstag und den Sonntag hatten wir dazu verwendet, um das Haus der Wadsworths wieder wohnlich zu machen, denn der Angriff des Todesbaums hatte darin arge Verwüstungen angerichtet.

Als ich geendet hatte, sagte Peckinpah: »Da hatten sie ja mal wieder alle Hände voll zu tun.«

»Können Sie laut sagen«, erwiderte ich.

»Darf ich zum eigentlichen Grund meines Anrufs kommen, Tony?«

»Aber ja.«

»Würden Sie mit mir in meinem Club essen?«

»Mit dem größten Vergnügen«, sagte ich, denn in Peckinpahs Club gab es nur erlesene Speisen.

»Sie können natürlich alle Ihre Freunde mitbringen, wenn Sie wollen.«

»Ich werd mich mal umhören, wer mitgehen möchte«, erwiderte ich.

»George Beymer, ein Geschäftsfreund, dem ich viel von Ihnen erzählt habe, möchte Sie gern kennenlernen. Sie haben hoffentlich nichts dagegen, wenn ich ihn auch einlade.«

»Absolut nicht. Ihre Freunde sind auch meine Freunde, Partner«, sagte ich.

»Paßt Ihnen 13 Uhr?«

»Ausgezeichnet.«

»Gut, dann verbleiben wir so. Um 13 Uhr in meinem Club.«

»Ich werde pünktlich sein«, versprach ich.

»Ich freue mich.«

»Ich mich auch«, gab ich zurück und legte auf. Ich wandte mich an Mr. Silver. »In Peckinpahs Club kannst du dir gratis den Wanst vollschlagen. Kommst du mit?«

»Mal sehen.«

»Was denn, du sagst nicht sofort ja? Ein Schnorrer wie du ... Bist du krank?«

»Wenn Roxane nach Hause kommt, bleibe ich lieber daheim«, sagte der Ex-Dämon.

»Du kannst sie auch mitbringen.«

»Ich richte mich nach Roxane. Wenn sie mitgehen will, komme ich auch mit.«

»Verstehe, ich wußte nicht, daß bei euch Roxane die Hosen anhat.«

»Blödmann«, brummte Mr. Silver.

Ich begab mich in Vicky Bonneys Arbeitszimmer und holte mir auch da einen Korb. Sie hatte am zweiten Apparat mit ihrem Verleger telefoniert, und der wollte sie sehen. Es gab ein paar wichtige Dinge bezüglich ihres neuesten Buches zu besprechen, und er war froh gewesen, daß sie sich mit ihm in Verbindung gesetzt hatte.

Ich zuckte mit den Schultern. »Dann eben nicht.«

»Böse?« fragte Vicky.

»Nein, der Job hat Vorrang, das ist klar.«

Oda und Roxane kamen heim. Beides grünäugige Schönheiten. Oda rothaarig, Roxane schwarzhaarig. Außerirdische Traumfrauen. Sie wiesen reichlich alle weiblichen Attribute auf, waren aber dennoch keine Menschen. Sie entstammten einer anderen Welt. So wie Mr. Silver.

Wir mußten erzählen, wie es uns in Alton ergangen war. Als die Sprache auf Yora kam, verfinsterte sich Odas Miene merklich. Mit schmalen Augen und dünnen Lippen preßte sie hervor: »Das sieht Yora ähnlich.«

»Sie trennte sich vor langer Zeit von dir«, sagte ich.

»Ja, während ich mich dem Guten zuwandte, schlug Yora den entgegengesetzten Weg ein.«

»Sie buhlte um die Gunst des Höllenfürsten.«

»Und Asmodis machte sie zur Dämonin, ich weiß«, sagte Oda mit belegter Stimme. »Obwohl wir Zwillingsschwestern waren, waren wir von Anfang an grundverschieden. Yora haßte mich. Sie hätte mich ohne mit der Wimper zu zucken umgebracht, wenn ich ihr in die Hände gefallen wäre.«

»Zum Glück ist es dazu nicht gekommen«, meinte ich.

Oda, die weiße Hexe nickte. Sie richtete ihre intensiv grünen Augen auf mich. »Was ist aus Yora geworden, Tony?«

Ich sagte ihr, daß die Totenpriesterin im Höllenfeuer des eigenen Krematoriums umgekommen war.

Oda nahm es mit regloser Miene zur Kenntnis. »Es ist schlimm, so etwas über die eigene Schwester sagen zu müssen, aber sie hat diesen Tod verdient. Sie war durch und durch böse und gemein, grausam und hinterlistig. Es würde mich nicht wundern, wenn sie einen Dreh gefunden hat, um zu überleben.«

»Wir haben ihre Todesschreie gehört«, sagte Mr. Silver. »Das Feuer hat sie gefressen.«

»Hoffentlich«, entgegnete Oda. »Der Tod jedes Dämons muß uns willkommen sein.«

Ich nahm mir einen Pernod. Es läutete an der Haustür. Ich öffnete. Draußen stand unser Freund und Nachbar, der Parapsychologe Lance Selby. Vital und braungebrannt. Er hatte einen erholsamen Urlaub auf den Seychellen hinter sich. Während seiner Abwesenheit hatte sich viel getan.

Es gab ein neues Team-Mitglied: Oda. Und auch über Mr. Silver gab es Neues zu berichten ...

Ich führte ihn in den Living-room und machte ihn mit Oda, der weißen Hexe, bekannt, und ich bemerkte, wie es zwischen den beiden sofort funkte. Liebe auf den ersten Blick. Der Parapsychologe und die weiße Hexe. Ein außergewöhnliches Paar. Der Blitz hatte bei ihnen eingeschlagen, und wir hörten es alle knistern, was uns selbstverständlich freute.

*

Ein Pavian!

Sein Blick war eiskalt und der eines Killers, das spürte Arno Beymer sofort. Verweht war sein Übermut. Er dachte an die vielen Geschichten, die man über die Höllenbucht erzählte. Sollten die am Ende alle wahr sein? Holte sich dieser behaarte Killer die Menschen, die es wagten, hierher zu kommen? Wie war er an Bord gelangt? Sein Fell war staubtrocken. Aus dem Wasser kam der unheimliche Affe nicht.

Gab es die Hölle etwa doch? Bestand eine Verbindung zwischen hier und drüben?

Arno Beymer hatte mal von Weltentoren gelesen, durch die die Wesenheiten aus anderen Dimensionen auf die Erde gelangen konnten. Stellte die Höllenbucht ein solches Tor dar?

Der Pavian bewegte sich. Geschmeidig kam er näher. Arno Beymer schluckte trocken. »Was willst du Biest hier?« keuchte er. »Mach, daß du fortkommst! Du hast hier nichts zu suchen!«

»Ich habe hier sehr wohl etwas zu suchen!« gab das behaarte Ungeheuer zu Beymers grenzenloser Verblüffung zurück. Die Stimme drang aus dem Maul des Tiers. Daß es der menschlichen Sprache mächtig war, brachte Arno Beymer noch mehr aus der Fassung.

Er wich zurück. Seine Aufregung wuchs. Er wußte nicht, was er tun sollte. »Was willst du von mir?« fragte er heiser.

»Dich.«

»Mich?«

»Wir brauchen Opfer für unser Blutritual.«

Arno Beymer fuhr sich nervös mit der Hand über das Gesicht. Hatte er richtig verstanden? Dieser Pavian hatte ihn als Opfer ausgewählt? Für ein Blutritual? »Wo soll das stattfinden?« fragte Beymer mit bebender Stimme.

»In Protoc, der Welt der Pavian-Dämonen!«

»Ich ... ich soll sterben?«

»So ist es.«

»Aber ich will nicht ...«

»Wer fragt danach?«

Hinter dem unheimlichen Pavian-Dämon flimmerte mit einemmal die Luft, und Arno Beymer erfuhr, wie das gedrungene Ungeheuer auf sein Schiff gekommen war. Ein zweiter Pavian erschien. Kraftstrotzend und bedrohlich löste er sich aus dem Flimmern. Beymer stockte der Atem. Er begriff, daß es ein Fehler gewesen war, hierher zu fahren. Nervenkitzel. Mutprobe ... Dummheit war es. Er hatte sein Leben aufs Spiel gesetzt, und die Pavian-Dämonen wollten es nun haben. Ein drittes und viertes Scheusal trafen auf der Yacht ein. Beymer wußte nicht, wie er sich die Bestien vom Leib halten sollte, wenn sie ihn angriffen. Er besaß keine Waffe.

Sie starrten ihn an. Ihre Reißzähne schimmerten wie Knochendolche im Licht des Mondes. Die langen Arme der Dämonen endeten in sehnigen Händen. An den Fingern bogen sich Krallen. Wen die trafen, der lebte nicht mehr lange.

Und ich habe gelacht, dachte Arno Beymer verstört, habe mich lustig gemacht.

Unten lag Annette. Sie fürchtete sich, ohne zu wissen, wovor. Das nackte Grauen war an Bord gekommen. In vierfacher Auflage gleich. So schrecklich konnte es sich Annette nicht einmal in ihrer größten Angst ausmalen. Beymer ballte die Hände zu Fäusten. Wehrlos wollte er diesen behaarten, gedrungenen Ungeheuern nicht in die Hände fallen. Vielleicht schaffte er es, sie ins Wasser zu schmeißen. Vielleicht ertranken sie im Meer.

Sein Herz hämmerte aufgeregt gegen die Rippen. Die Pavian-Dämonen bildeten eine bedrohliche Front. Beymers Nerven waren bis zum Zerreißen angespannt. Er stand unter Strom, wartete bebend auf den Angriff der vier Ungeheuer.

Da erfolgte er auch schon. Synchron stürzten sich die Affenmonster auf den jungen Mann. Er überragte sie zwar, aber kräftemäßig war er ihnen unterlegen. Ihnen stand die Kraft der finsteren Macht zur Verfügung. Ein Teil der Hölle befand sich in ihnen. Wie sollte sich ein Mensch dagegen behaupten?

Beymer versuchte es.

Er hatte eine Zeitlang geboxt, hatte Judo- und Karatekurse hinter sich. Dieses Wissen kramte er jetzt hervor.

Ein Revolver wäre ihm lieber gewesen, doch an Bord der Black Dragon befand sich keine Schußwaffe.

Die Pavian-Dämonen fegten auf ihn zu. Er hämmerte dem ersten seine Faust voll gegen die Schnauze. Die Wucht des Schlages warf das Ungeheuer auf die Schiffsplanken. Das gab Arno Beymer mächtig Auftrieb. Er wich einem Prankenhieb aus und konterte mit der Handkante. Das Höllenwesen knallte gegen die Aufbauten. Beymer krallte seine Finger in das dichte Fell des dritten Gegners. Tief wühlte er sich in die Mähne des Pavians. Er riß das Tier hoch und schleuderte es mit großer Kraft Richtung Heck.

Danach war für ihn der Kampf aber gelaufen, denn Pavian Nummer vier griff ihn schneller an, als er sich ihm zuwenden konnte. Das Biest packte Beymers Beine. Sein Körper wuchtete dagegen. Arno Beymer verlor das Gleichgewicht. Er ruderte mit den Armen durch die Luft. Es nützte nichts. Der Sturz war nicht zu vermeiden.

Lang schlug Beymer hin.

Sein Hinterkopf krachte gegen Metall. Vor seinen Augen explodierte ein Feuerwerk. Er war benommen. Die Pavian-Dämonen waren für ihn nur noch vage Schemen. Alle huschten heran und stürzten sich auf ihn.

Er bäumte sich auf, wollte sich losreißen, sie abwerfen, doch sie preßten ihn fest nieder. Ihre Krallen stachen in seine Haut. Er wußte, daß sie ihn jetzt töten konnten. Aber sie taten es nicht. Warum nicht?

Weil sie ihn als Opfer brauchten.

Für das Blutritual.

*

Rundlich, 60 Jahre, gelichtetes Haar, eine unvermeidliche Zigarre im Mund, das war mein Partner Tucker Peckinpah. Ich traf ihn im Club. Stinkvornehm ging es hier zu. Das war nicht ganz nach meinem Geschmack, ich bevorzuge mehr die legere Art, aber ich kann mich auch anpassen, wenn es erforderlich ist.

Über weiche Teppiche, in denen man fast bis zu den Knöcheln versank, führte mich der Kellner zu Peckinpahs Tisch. Obwohl der Club beinahe bis auf den letzten Platz voll war, war es seltsam still. An den Tischen fiel kein lautes Wort. Man nahm Rücksicht aufeinander. Tradition wurde hier groß geschrieben.

Der Industrielle erhob sich, um mich zu begrüßen.

Ich hatte Roxane und Oda den Vorschlag gemacht, mitzukommen. Automatisch wäre dann auch Mr. Silver dabeigewesen, doch die beiden Hexen hatten in der City schon eine Kleinigkeit gegessen und somit keinen Appetit mehr.

Mr. Silver wollte bei Roxane bleiben.

Oda kam nicht mit, weil sie Lance Selby näherkommen wollte.

Na schön, nachdem sie mich also alle abblitzen ließen, erschien ich allein in Peckinpahs Club.

Er stellte mir George Beymer vor. 50, Brillenträger, ein bißchen übergewichtig, und sein linkes Augenlid zuckte immer wieder. Sein Blick wieselte an mir auf und ab. »Sie sind also Tony Ballard«, sagte er.

»Seit meiner Geburt«, erwiderte ich und setzte mich. Beim Kellner bestellte ich Pernod.

»Ich habe schon viel von Ihnen gehört, Mr. Ballard«, sagte Georg Beymer.

Ich warf Tucker Peckinpah einen amüsierten Blick zu. »Hoffentlich hat mein Partner nicht zu dick aufgetragen.«

»Wenn ich etwas erzähle, halte ich mich an die nüchternen Fakten«, entgegnete Peckinpah. »Es liegt mir nicht, aufzuschneiden, aus einer Geschichte mehr herauszuholen als drin ist. Das überlasse ich den Journalisten. Die können das besser als ich.«

Mein Pernod kam.

Mit dem Essen ließen wir uns noch Zeit. Zum Glück hatte ich Zeit. Endlich mal wieder. Mein Leben verlief ohnedies in viel zu hektischen Bahnen.

Beymer setzte ein um Entschuldigung heischendes Lächeln auf und sagte: »Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, daß ich den Wunsch hatte, Sie kennenzulernen, Mr. Ballard. Für gewöhnlich bin ich nicht aufdringlich. Aber einem Mann, der so viele außergewöhnliche Abenteuer erlebt hat, begegnet man nicht an jeder Straßenecke.«

»Da haben Sie recht«, pflichtete ich Beymer bei. »Sie und Mr. Peckinpah sind Geschäftsfreunde?«

»Ja, ich besitze eine Munitionsfabrik. Es steckt eine Menge von Peckinpahs Geld in meinem Unternehmen. Er ist so etwas wie ein stiller Teilhaber.«

»Verstehe. Wie lange gibt es Ihr Unternehmen schon?«

»Wir feiern in diesem Jahr unser 25jähriges Bestehen«, sagte Beymer stolz. »Anfangs war die Zeit hart. Die Konkurrenz ist groß. Aber mit Peckinpahs weitreichenden, einmaligen Beziehungen gelang es uns, ein paar fette Regierungsaufträge an Land zu ziehen. Seither läuft die Sache wie geschmiert.« Beymer seufzte. »Ich wünschte, Arno, mein Sohn, würde mehr Interesse für die Firma zeigen. Er ist 25, und er steht auf dem Standpunkt, er müsse das Leben erst noch in vollen Zügen genießen, ehe er in die Tretmühle des Unternehmens einsteigen könne. Er zigeunert in der Welt umher. Immer ein anderes Land. Immer eine andere Stadt. Immer ein anderes Mädchen. Seine derzeitige Flamme heißt Annette Mann. Mit ihr verpraßt er Vaters Geld gerade in Hongkong. Wollen Sie ihn sehen?«

Ich nickte.

Er holte seine Brieftasche heraus und zeigte mir ein Foto von Arno.

»Er sieht aus wie ...«

»Wie Alain Delon«, sagte George Beymer. »Jeder behauptet das, und das schmeichelt Arno auch sehr. Wenn es dieses Gesicht nicht schon beim Film gäbe, hätte er es da bestimmt versucht.«

»Sie sind mit seinem Playboyleben nicht einverstanden, oder?«

»Nun ja ...«

»Warum sperren Sie nicht seinen monatlichen Scheck?«

George Beymer stieß mit dem Zeigefinger die Brille hoch. »So hart will ich nun auch wieder nicht zu ihm sein. Man ist nur einmal jung. Ich befand mich nicht in der glücklichen Lage, einen reichen Vater zu haben. Arno hat ihn. Warum soll er davon nicht profitieren? Ich habe ihm gesagt, daß er dieses Leben noch fünf Jahre führen darf. Dann muß damit aber Schluß sein. Dann muß für ihn der Ernst des Lebens beginnen. Er ist damit einverstanden.«

»Die Frage ist, ob er sich mit dreißig, wenn er so lange vom Dolce vita und Dolce far niente verwöhnt wurde, noch ändern kann.«

George Beymer nickte zuversichtlich. »Ich glaube, das schafft er schon.« Er machte eine Pause und fügte leiser hinzu: »Ich hoffe es wenigstens.«

Ein halber Erdball lag im Augenblick zwischen Arno Beymer und uns. In Hongkong schlug das Grauen zu, doch davon hatten wir keine Kenntnis.

*

Annette Mann verkroch sich unter der Decke, als Arno Beymer nach oben ging. Angespannt lauschte sie. Sie war verrückt gewesen, mit Arno hierher zu kommen. Sie hätte sich weigern sollen, ihn in die Höllenbucht zu begleiten, doch er hatte ihre Bedenken und ihre Angst geschickt zerredet, hatte sich über sie lustig gemacht und ihr versichert, daß ihr an seiner Seite nichts passieren könne.

Und dumm, wie sie war, hatte sie es ihm geglaubt.

Nervös biß sie sich auf die Unterlippe.

Oben zog Arno Beymer seine Show ab. Sie hörte ihn röcheln und knurren. Zuerst erschrak sie, aber dann sagte sie sich, daß das bloß Arno war. Sie kannte diese Geräusche. Er hatte sie schon mal gemacht. Im Hotel in Victoria City. Er hatte sie erschrecken wollen, und es war ihm auch gelungen. Noch einmal wollte sie ihm nicht hereinfallen.

»Mein Gott, Annette!« hörte sie ihn entsetzt rufen. »Du hast recht! Wir hätten der Höllenbucht fernbleiben sollen ... Es wimmelt hier nur so von ... von ... Es sind wahre Scheußlichkeiten! Sie haben uns eingekreist. Wir sind verloren!«

Ja, spinn nur, dachte Annette wütend. Mach dich nur über meine Angst und die Höllenbucht lustig. Man würde nicht so viele schreckliche Geschichten erzählen, wenn kein Körnchen davon wahr wäre. Die Gerüchte halten sich hartnäckig. Warum spricht man so nicht mal von einer anderen Bucht? Warum ausgerechnet immer nur von dieser? Das muß doch einen Grund haben.

Eine Weile vernahm Annette nichts. Dann redete Arno. Und er bekam Antwort!

Annette Mann setzte sich auf. Sie lauschte, konnte aber nicht hören, was an Deck gesprochen wurde. Sie vernahm nur den Klang der Worte, konnte den Sinn jedoch nicht verstehen. Jemand war an Bord gekommen!

Das blonde Mädchen zog rasch eine Bluse an und schloß sie über den Brüsten. Sie rührte sich nicht, versuchte wenigstens ein paar Worte aufzuschnappen. Es gelang ihr nicht. Aber die Stimmen, die sie hörte, waren verschieden. Zweifellos redete Arno mit jemandem.

Mit wem? Wer war es? Wie war dieser Jemand an Bord gekommen? Kein Motorboot hatte sich der Yacht genähert, das hätten sie gehört ...

Plötzlich begann oben heftiges Gepolter. Annette höre Arno keuchen. Sie vernahm das Stampfen von Füßen. Körper knallten auf die Planken.

Das war Kampflärm!

»O Gott!« stöhnte das Mädchen und faßte sich an die pochenden Schläfen. »Es geht los!«

Sie war ratlos. Fand dort oben der Angriff der Hölle statt? Viele Menschen waren in dieser Bucht schon spurlos verschwunden. Würde auch Arno verschwinden?

Und was wird aus mir? fragte sich Annette aufgeregt. Werde ich auch fortgeholt?

Sie sprang aus dem Bett, konnte nicht liegenbleiben. Hastig zog sie ihre Jeans an. Beinahe wäre sie umgefallen. Auf einem Bein stehend balancierte sie. Dann hatte sie endlich die Jeans an. Ruckartig zog sie den Reißverschluß hoch und eilte auf den Niedergang zu. Vielleicht brauchte Arno Hilfe. Vielleicht konnten sie gemeinsam den Angriff abwehren.

Über die erste Stufe stolperte sie. Mit beiden Händen fing sie sich am Handlauf, sonst wäre sie auf die Treppe geknallt. Ihre Knie zitterten. Sie hatte das Gefühl, ihr Herz würde hoch oben im Hals schlagen. Aufgewühlt lief sie die Stufen hinauf.

Augenblicke später erblickte sie die Pavian-Dämonen.

Der Schock lähmte sie.

Vier silbermähnige Bestien preßten Arno nieder. Er versuchte sich verzweifelt zu befreien, doch es gelang ihm nicht.

Ich muß ihm helfen! schrie es in Annette. Gehetzt blickte sie sich um. Womit konnte sie sich bewaffnen? Mit bloßen Händen hatte sie keine Chance gegen diese Ungeheuer. Sie sah den Enterhaken, Überlegte nicht lange, griff nach ihm. An der Holzstange befanden sich ein eiserner Stachel und ein Haken. Wie eine Turnierlanze klemmte sich Annette den Enterhaken unter den Arm. Sie visierte den Rücken eines Pavian-Dämons an und rannte los.

Du brauchst viel Wucht, dachte Annette Mann. Du mußt dein gesamtes Körpergewicht in diesen Rammstoß legen!

Wild wuchtete sie sich vorwärts. Die eiserne Spitze des Enterhakens drang tief in den Rücken des Pavian-Dämons ein. Das Monster sprang auf. Es kreiselte herum. Dadurch wurde Annette der Enterhaken entrissen.

Der Haken steckte im Rücken des Ungeheuers.

Er ist tödlich getroffen! sagte sich Annette Mann. Mein Gott, wieso bricht er mit dieser schweren Verletzung denn nicht zusammen? Er muß doch sterben!

Aber der Affendämon starb nicht. Er griff mit seinen langen Armen nach hinten, seine Hände legten sich um den Holzschaft des Enterhakens. Er riß ihn sich aus dem Rücken und schleuderte ihn fort.

Annette schüttelte fassungslos den Kopf. »Das gibt's nicht!« stöhnte sie. »Das ist unmöglich!«

»Nichts ist unmöglich!« schnarrte der Pavian-Dämon.

Die Tatsache, daß dieses Monster reden konnte, raubte Annette den letzten Funken Verstand. Sie drehte sich um, kreischte vor Entsetzen und jagte über das Deck. Wo war sie vor diesen Ungeheuern sicher? Wo? Wo? WO?

Es gab keinen sicheren Platz auf der Yacht. Der Pavian, den Annette verletzt hatte, folgte ihr. Pfeilschnell schoß er auf allen vieren hinter ihr her. In ihrer Panik wollte Annette von Bord springen.

Lieber ertrinken, als diesen Scheusalen ausgeliefert sein!

Sie griff mit beiden Händen nach der Reling, wollte sich darüberschwingen. Da war der Höllen-Pavian heran. Seine Krallenhände erwischten sie. Sie schrie gellend auf. Er riß sie zurück. Sie rutschte aus, fiel. Er warf sich auf sie. Sie schlug mit ihren Fäusten auf seine Schnauze ein.

Da schlug er zurück.

Nur ein einziges Mal. Das reichte. Annette verlor das Bewußtsein. Der Pavian-Dämon erhob sich. Es zeigte sich, wieviel Kraft in dem gedrungenen Körper steckte. Er hob das Mädchen hoch und lud sie sich auf die Schulter, als wäre sie eine leichte Strohpuppe.

Die drei anderen Pavian-Dämonen rissen Arno Beymer auf die Beine.

»Ab nach Protoc!« sagte jener Höllenaffe, auf dessen Schulter das ohnmächtige Mädchen lag.

Die anderen nickten, und wiederum flimmerte die Luft. Diesmal erschien jedoch niemand, sondern die Dämonenaffen verschwanden, und mit ihnen Annette Mann und Arno Beymer.

Opfer für ein Blutritual, das in der Welt der Pavian-Dämonen abgehalten werden sollte.

*

Ich rechnete eigentlich nicht damit, bald wieder von George Beymer zu hören, als wir uns verabschiedeten, aber das Schicksal, das uns zusammengeführt hatte, stellte auch ohne unser Wissen die Weichen, und so läutete bereits tags darauf in meinem Haus das Telefon.

Oda war nicht daheim. Lance Selby hatte einen durchsichtigen Vorwand gefunden, sie zu sich in sein Haus hinüberzuholen. Dort waren die beiden mit sich und ihrer jungen Liebe allein. Lance hatte sich sichtlich verändert. Seit er Oda zum erstenmal gesehen hatte, war er regelrecht aufgeblüht.

Es hatte schon früher ab und zu Frauen in seinem Leben gegeben, doch das war alles nicht von Dauer gewesen. Nie schien es die Richtige gewesen zu sein.

Oda war es, das hatten wir alle gleich auf den ersten Blick bemerkt, und die beiden spürten es natürlich auch. Es gibt so etwas wie eine Bestimmung, davon bin ich überzeugt.

Und Oda und Lance waren füreinander bestimmt.

Ich befand mich mit Mr. Silver allein im Haus. Vicky hatte noch mal im Verlag zu tun, und Roxane hatte sie dorthin begleitet.

Als das Telefon anschlug, war Mr. Silver um einen Schritt schneller am Apparat als ich. »Laß mal, das mach' ich schon«, sagte er grinsend. »Wer sollte dich schon anrufen?«

»Und wer sollte von dir etwas wollen, Silber-Niete?«

Der Ex-Dämon meldete sich. Es stellte sich heraus, daß der Anruf für mich war.

»Da siehst du's«, sagte ich.

»Ausnahmsweise mal«, brummte der Hüne mit den Silberhaaren und überließ mir den Hörer.

Ich nannte meinen Namen. Am anderen Ende war George Beymer. Bis gestern hatte ich nicht einmal gewußt, daß es ihn gab, und heute hatte ich schon wieder mit ihm zu tun. Sogar beruflich, wie sich erweisen sollte. Die Stimme des Fünfzigjährigen klang alt, kratzig und verbraucht. Es hatte den Anschein, als habe George Beymer ein schreckliches Erlebnis hinter sich.

Das veranlaßte mich zu der Frage: »Kann ich etwas für Sie tun, Mr. Beymer?«

»Gestern noch dachte ich, Ihre Hilfe niemals in Anspruch nehmen zu müssen, Mr. Ballard. Doch heute ...«

»Was ist passiert?« fragte ich interessiert. »Wenn ich Ihnen helfen kann, stehe ich selbstverständlich gern zur Verfügung. Nicht nur, weil Sie ein Geschäftsfreund von Tucker Peckinpah sind. Also heraus damit, immer frei von der Leber weg.«

»Ich habe Ihnen doch gestern von meinem Sohn erzählt.«

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738902891
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320176
Schlagworte
tony ballard silbermann

Autor

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Titel: Tony Ballard  #79: Der Silbermann