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Hinter der Tür

2016 100 Seiten

Leseprobe

Hinter der Tür

Gerd Maximovic

Published by BEKKERpublishing, 2016.

GERD MAXIMOVIC

HINTER DER TÜR

3 neue Erzählungen

Copyright

Impressum

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und

BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover by pixabay, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin

Munsonius.

Bewußt in alter deutscher Rechtschreibung

*www.AlfredBekker.de <http://www.AlfredBekker.de/>*

*postmaster@alfredbekker.de <postmaster@alfredbekker.de>*

Klappe

Was machen Sie, wenn ein Alien in Ihrem Keller landet und Ihren Haushalt total durcheinander bringt und Sie am Ende nicht einmal mehr die Uhrzeit  richtig ablesen können? Ja, genau, Sie rufen Ihre Freundin an. Sie weiß nämlich Rat!

Was machen Sie, wenn Aliens durch Gedankeneinfluß mörderisch auf Ihre Weltraumstation zugreifen und alles durcheinander bringen und Ihre Leute dort nur noch irre Fehler begehen? Genau, Sie rufen Ihre Frau auf der Erde an. Sie weiß nämlich Bescheid und wird Ihnen helfen, wobei die Entfernung überhaupt keine Rolle spielt!

Was machen Sie, wenn in ferner Zukunft eine gigantische Armada überlegener Aliens die Erde und ihre Territorien angreift? Man erinnere sich, wie die Engländer 1588 die Spanische Armada und die Japaner lange davor die Mongolen gleich zweimal zurückgeschlagen haben. Durch Frauen? Nein, diesmal nicht, sondern vor allem durch Beten. Indem sie Gott anflehten, daß er ihnen genau die vernichtenden Stürme schicken möge, die dann in allen drei Fällen dem Raubzug ein Ende bereiteten. Aber hilft Beten auch in den fernen, energie-durchtosten Zwischenzonen?

Lesen Sie diese drei großartigen Erzählungen selber, lassen Sie sich überraschen! Nehmen Sie drei höchst unterhaltsamen, äußerst spannende Erzählungen des deutschen Meisters der erzählenden Kurzform zur Kenntnis!

Hinter der Tür

––––––––

Das Telefon klingelte.

Er nahm den Hörer ab. "Ja?"

"Ich bin's."

"Suzy?"

"Ja."

"Wo bist Du?"

"Am Bahnhof."

Er grinste etwas, weil er das schon wußte. Er hatte ihr Signal vor einer Sekunde empfangen.

"Kommst du rüber?" fragte er.

"Ja, würde ich gerne tun."

"Aber?"

"Ich traue mich nicht."

"Die Leute dort?"

"Ja."

"Belästigen sie Dich?"

"Nein."

"Aber?"

"Sie bedrohen mich. Gefühlsmäßig."

Du meine Güte, dachte er. Das hat man davon, wenn man manchmal über besondere Fähigkeiten verfügt. Aber, bitteschön, die Verbindung mit einem lieblichen Mädchen wie ihr bringt oft große Vorteile mit sich. Und er brauchte sie jetzt dringend. Sehr dringend.

"Ich hol' Dich ab", sagte er. "Ich bin bald dort. Wo genau wartest Du, Suzy?"

"Am Eingang", erwiderte sie, "dort, wo die Taxis stehn."

"Wie geht's Dir?" fügte sie plötzlich hinzu.

"Negativ", erwiderte er.

"Negativ? Warum? Oh ja", sie erinnerte sich plötzlich, "der neue Einfluß dort? Verursacht er wieder Ärger?"

"Ja", antwortete er knapp, und es hing ihm wie ein Kloß im Hals.

"Körperlich?"

"Ja, es hat einen Spiegel zerstört."

"Du meine Güte! Und geistig?"

"Ja."

"Wieder dieses störende Geräusch in Deinem Kopf?"

Genau in diesem Augenblick verspürte er das anschellende Geräusch in seinem Kopf, als wäre dort ein Dampfhammer in Betrieb, aber es legte sich rasch wieder, Suzys positiver Einfluß tat ihm anscheinend wirklich gut.

"Wir kümmern uns darum", sagte sie auf einmal mit einem so entschiedenen Ton in ihrer lieblichen Stimme, daß dieser selbst ihn, Hans Hargarden, erschauern ließ.

"Okay", murmelte er, "ich bin gleich da."

"Sehr schön, bis dann."

Er liebte sie so sehr, und er brauchte sie. Und sie war fast sofort gekommen, als er sie diesmal anrief. Ja, der Ärger, den sie erlebten, war von zweierlei Art. Es handelte sich nicht nur um die in der Wohnung angerichteten Verwüstungen, wie die von links unten nach ganz rechts oben verlaufenden Risse im Spiegel. Sondern es ging auch um eine Warnung, die er gegen sein Wissen und gegen seinen Willen erhalten hatte. Ausgesprochen verzweifelt schaute er nach der Uhr in seinem Wagen. Fünf vor Zwölf.

Es brauchte seine Zeit, aber endlich kam er am Bahnhof an. Zu seinem Glück war eine Lücke für seinen Wagen frei, und er parkte ein, doch für einen Augenblick bereitete es ihm Mühe auszusteigen. Er schauderte und torkelte, und unter den mißtrauischen Blicken anderer Leute ringsum fiel er fast auf den Boden, und dann kam ausgerechnet Suzy und half ihm auf. Er nahm sich zusammen, und einen kurzen Augenblick lang starrte er auf den Eingangsbereich des Bahnhofs, über dem eine besonders große Uhr weit oben hängt. Er erschauerte wieder, aber unzweifelhaft stand dort für ihn: FÜNF VOR ZWÖLF.

Sie wischte sein schweißnasses Gesicht ab. Wie kann es sein - der Gedanke kam von selbst -, daß Aliens bei uns eindringen? Reisen sie mit einem Schiff, landen sie auf dem Bahnhofsplatz und schwenken sie Blumen in ihren Händen, um zu verkünden: da sind wir nun! Freut uns, Euch zu sehen!

Oder trägt es sich ganz anders zu, so daß du gar nicht weißt, daß sie angekommen sind, und vielleicht ist es auch ihnen nicht klar, daß sie hier sind, und zwar irgendwo an einem fremden Ort, weil ihr Fahrzeug versagte oder weil mit der Steuerung etwas nicht stimmte, oder - zum Teufel - möglicherweise wurden sie ganz zufällig an einen höchst unwichtigen Ort gesaugt, so daß dies und der erste Kontakt in ganz anderer Weise verlief, als es sich irgend jemand hätte vorstellen können. Gefährlich, doch ganz unauffällig.

"Wie spät ist es?" fragte Suzy mit den lieblichen grünen Augen und dem braunen Haar.

"Was?"

Betroffen kauerte er hinter dem Steuer, wie ihn die Ideen hinsichtlich der Aliens überkamen, und er dachte: warum wir, warum hier?

"Wie spät ist es?" Und sie wies auf die Uhr.

"Verdammte Uhr", fluchte er.

"Nun?" Sie runzelte die Stirne.

"FÜNF VOR ZWÖLF", las er ab und startete den Motor, der stotterte und wieder aus ging, er benötigte drei Versuche, ihn erneut sauber zum Laufen zu bringen.

Sie warf einen Blick auf die Uhr an ihrem Handgelenk.

"Es ist zwanzig Uhr", sagte sie vorwurfsvoll. "Das ist Dir doch klar, Hans?"

"Natürlich", erwiderte er, nun mit gefestigert Stimme.

Er räusperte sich.

Er hatte ihr am Telefon von der irren Uhr erzählt. Zuerst war es für ihn nur eine Uhr, die verrückt spielte. Alle anderen Leute lasen die richtige Zeit ab, ihm als einzigem zeigten diese Uhr und jene verdammte Uhr auf den Domtürmen und alle anderen Uhr an: FÜNF VOR ZWÖLF! Und nun sickerten diese merkwürdigen Ideen von den Aliens in sein Gehirn ein! Woher kamen diese Vorstellungen, und wie sollte er dieses Problem lösen? Suzy war ein gutes Mädchen, er spürte sie in sich, sie war seine Stärke, sie würde ihn nie verlassen, und sie lauschte aufmerksam der verrücktesten Geschichte in ihrem Leben, nämlich die der letzten paar Tage.

"Wir sind da", sagte sie, als sie auf den Wall hinauf abbogen.

Sie kannte dieses Haus recht gut, aber jetzt, auf einmal, erblickten sie Feuerwehrautos mit blauen Blinklichtern und Polizeiwagen und eine anschwellende Menschenmenge vor dem Grundstück. Und unter dem Dach loderte Feuer, genau dort, wo er wohnte. Flammen schlugen aus dem Dachstuhl heraus, und ein Polizist, der die Szene absperrte, kam zu ihrem Wagen herüber und fragte:

"Sie wohnen hier?"

"Da oben!" Hans wies unmittelbar auf den Brand.

"Dort ist Feuer ausgebrochen", stellte der Beamte gelassen fest.

"Wann?"

Der Beamte nannte die Zeit. Genau ein paar Minuten, nachdem Hans das Haus verlassen hatte.

"Da können sie nicht hinein", erkärte der Beamte, während die Feuerwehrleute eine bis zum Dach reichende Leiter aufstellten.

"Es sind Sachen im Keller", sage Hans. "Die möchte ich bergen. Können wir dort hinein?"

"Chef", der Polizist telefonierte hinüber, "hier ist ein Anwohner. Er möchte in den Keller, um Sachen in Sicherheit zu bringen."

Der Chef, nicht weit entfernt, schaute herüber zu dem Beamten und dem Wagen, und vielleicht beurteilte er die Lage richtig, oder er folgte bloß einem unbestimmten Gefühl.

"Aber nur in den Keller", erklärte er mit unterdrückter Stimme. "Und sagen Sie ihnen, daß sie schnell machen müssen. klar?"

"Nur in den Keller, und beeilen Sie sich, bitte", sagte der Beamte. "Haben Sie das verstanden?"

"Unmißverständlich, laut und klar."

Vor ihnen, gleich da drüben, lag der Korridor, wo Mieter billige Teppiche ausgebreitet hatten, um das öde Treppenhaus etwas gemütlicher zu gestalten, dann die zum Keller führende Türe. Mit Widerwillen war Hans in der letzten Zeit an dieser Türe vorbeigegangen; dabei hatte er überlegt, ob er sie öffnen sollte, um nachzuschauen, was sich hinter ihr verbarg. Aber er konnte es nicht. Er konnte es nicht, weil ein unheimliches Gefühl und eine Sperre in ihm auftraten, die ihm einen Eintritt dort verwehrten. Aber jetzt, mit Suzy an seiner Seite, sollte es gelingen.

Er berührte den Türgriff, der Schlüssel ließ sich nicht so ohne weiteres in dem Schloß umdrehen - lag das am noch weit oben tobenden Feuer und der mit ihm verbundenen Hitze? Nein, Hans' Finger zitterten, aber endlich gelang es ihm doch, die Türe zu öffnen.

Noch immer ruhten seine Finger auf dem Griff, da packte  Suzy ihn an der Schulter.

"Was ist das da drüben?" wollte sie wissen.

Oh ja, man durfte nur Blumen auf die Stufen stellen, aber er hatte diesen zerbrochenen Spiegel dort abgesetzt, von dem jetzt Scherben den Fußboden bedeckten.

"Das ist der Spiegel, er ist zerbrochen", würgte er hervor.

"Ich weiß", erwiderte sie kühl. "Warum ist er zerbrochen?"

"Von selber, so, wie es aussieht."

Oh nein, er ist nicht von selber zerbrochen, dachten beide. Unmöglich. Ohne daß ihn jemand berührte? Hatte man jemals einen Spiegel erblickt, der in dieser Art zersplitterte, indem Risse von links unten nach rechts oben auf dem Glas verliefen?

"Du wolltest ihn da unten abstellen?" fragte sie sanft.

"Ja, aber es gelangmir nicht, die Türe aufzuschließen."

"Tja, ich würde auch nicht gut in ihm aussehen", versuchte Suzy es mit einem Scherz, obwohl auch sie von einem seltsamen, von jenseits der Türe her rührenden Gefühl ergriffen wurde.

"Scherben bringen Glück", stellte er mühsam fest.

"Hoffentlich."

Er war es nicht gewesen. Wer hatte das Glas zerbrochen? Etwas, das sich hinter der Tür befand? Nun hatten sie beinahe ausgesprochen, was sie beide dachten, und es erschreckte sie.

Gewiß, da befand sich irgend etwas Einflußreiches hinter der Türe, dort drin im Keller, und zwar seit einigen Tagen, übrigens zufällig genau seit dem Zeitpunkt, da alle seine Uhren und alle anderen Uhren anstelle der richtigen Zeit FÜNF VOR ZWÖLF anzeigten.

Und es gab noch mehr zu bedenken, überlegte er, noch immer den Türgriff umklammernd.

"Die Anspannung wuchs", versetzte er.

"Du meinst das Geräusch?"

"Ja, sowas wie Schwingungen in meinem Kopf." Er leckte sich die Lippen. "Immer, wenn ich daran dachte."

"Das Geräusch stammt aus dieser Quelle?" fragte sie, und sie wußte, es war kein Lärm von draußen, etwa aus der Nachbarschaft oder von der Straße.

"Kein störendes Geräusch von draußen", bestätigte er. "Es klingelte bloß in meinem Kopfe."

Sie wußte, er hatte nie zuvor die Erfahrung einer solchen, scheinbar innerlich entspringenden Störungsquelle gemacht.

"Diese Störungen begannen, als Dich das Gefühl überkam, daß seltsame Dinge hier im Hause geschähen?" vergewisserte sie sich.

"Ja", stammelte er.

Suzy, das gute Mädchen, sie verstand ihn sehr wohl.

"Wie steht's mit Dir?" erkundigte er sich plötzlich. "Ist in Deinem Kopf alles in Ordnung?"

"Es klingelt ein wenig", räumte sie ein.

"Ach ja, der Angriff gilt auch Dir."

"Schlagen wir zurück?" wollte sie wissen.

Er nickte ganz entschieden und tastete nach seinem Kopf.

"Du machst Dir große Sorgen?" fragte sie.

"Das Störgeräusch ist lauter als zuvor."

"Du meine Güte! Wir sollten dem ein Ende setzen!"

Nach wie vor standen sie vor der Türe in einem brennenden Hause, ach ja, in dessen Keller einige Kisten verwahrt wurden. Angeblich wollten sie einige von diesen mit sich nehmen. Seltsamerweise sprachen sie so lange, als ob sie einen Zutritt dort hinunter gar nicht wünschten, als ob da ein Einfluß herrsche, der sie daran hinderte, die Tür zu öffnen.

Warum sprachen sie also so lange? Sie blickten einander an, als wäre diese Frage gleichzeitig in ihnen beiden entstanden. Hinter der Tür war etwas, das sie daran hinderte, dieselbe zu öffnen. Doch im übrigen, zwei sind allemal stärker als bloß einer. Warum hatte sie ihn angerufen?

"In Ordnung", er schüttelte die Verwirrung und die scheinbar aus dem Nichts kommenden Ideen ab und stieß die Tür mit einem Ruck auf.

Im Keller vor ihnen war es dunkel, aber etwas leuchtete dort auch in sanftem grünem Scheine. Er schaltete das Licht ein. Ja, vor ihnen lagen die Stufen, und das Licht, soeben angeschaltet, wurde trübe und flackerte, als ob seine Spannung von etwas unten abgezogen würde. Hans umklammerte zuerst das Geländer, dann tappte er, wie ein Trunkenbold schwankend, langsam hinunter, und da wurde das Klingeln in seinem Kopfe lauter, und er stolperte ein oder zwei Mal. Schlechter Einfluß drang in seinen Verstand ein, ihn überkam fast das Heulen. Aber zum Glück war Suzy hinter ihm, jetzt stärker als je zuvor; mit der Hand packte sie ihn an der Schulter: Sei ein Mann!

Er war ein Mann. Die Glühbirnen leuchteten fast so hell wie zuvor, aber er erinnerte sich plötzlich, in seiner Wohnung waren zwei oder drei von ihnen in den letzten paar Tagen explodiert. Und das Bild am Schirm des Fernsehgerätes verbblaßte. Probleme mit dem Strom gab es im ganzen Haus, und manchmal prickelte es sogar in seinen Händen.

"Spürst Du es?" fragte sie, ihren weiblichen Instinkten folgend, und faßte ihn hart an.

"Ja", erwiderte er, "ich muß mich gleich übergeben."

"Nein, nicht", befahl sie ihm.

Er übergab sich nicht. Aber ein abstoßendes Gefühl drang auf ihn ein, von unten kam nämlich ein Gestank, und erneut spielte der Strom verrückt, die Lampen gingen aus und wieder an, und sie flackerten wie wahnsinnig. Das erschwerte die Feststellung, was sich unmittelbar unter ihren Füßen, im Keller, hinter dem grünlichen Leuchten, befand.

"Treten wir den Rückzug an?" fragte er, während das Geräusch in seinem Kopf wieder anschwoll.

"Nein", befahl sie mit fast männlichem Bariton. "Um vorzubeugen, müssen wir sehen, was sich dort verbirgt."

Und dann erkannten sie, daß der leuchtende Schein ganz hinten aus dem Keller kam. Dort stand eine Kiste, in ihr hatte man Äpfel und andere Früchte untergebracht, doch nun fiel dieser grüne Glanz, der die Herzen der beiden Eindringlinge heftig pochen ließ, aus der Kiste heraus.

Hans drückte sich ein Taschentuch vor Mund und Nase, aber der Gestank ließ nicht nach, und das faulige grüne Licht wirkte, als käme es von einem Geiste. Zögernd bewegten sie sich voran. Ein Rückgrat wie das eines Krokodils hob sich aus der Kiste heraus, und ein rasselndes Geräusch ertönte, als atme jemand die irdische Atmosphäre nur mühsam ein.

"Was ist los?" fragte sie den torkelnden Mann vor sich und faßte ihn einmal mehr hart an.

Der Raum wirbelte schweigend um ihn herum. Er richtete sich auf und erblickte ein in seltsamen Gruppen angeordnetes Sternenzelt. Diese Art von Himmel kannte er nicht. Und eine Scheibe. Unheimliche Fische oder eine andere intelligente Lebensart bewegten sich in dem Schiff, sie berührten den Boden nicht.

"Alles dreht sich um mich herum, wir stürzen ab", keuchte er, und er tastete um sich und faßte die Kiste an, und das grüne Licht ging an, und das grüne Licht erlosch, und das Dröhnen entfaltete sich nicht nur in seinem Kopf, sondern Suzy verspürte es jetzt fast ebenso stark wie er.

Die Kiste verrutschte vor ihnen unter einem heftigen Schlag, und der Alligator oder die Auster oder das schuppenbedeckte Ding gab beim Versuch, der Gefahr und der Kiste zu entkommen, ein rasselndes Geräusch von sich. Und plötzlich stieg es ganz ohne Energie, oder nur mit der von seinem Gehirn ausgehende Energie, zur Decke auf, und von dieser ging nun das grüne Leuchten aus. Dann flackerten von ihm grüne Warnlichter auf, und es stürzte auf eine Stelle neben der Kiste herab. Nein, die Flucht gelang ihm wirklich nicht, etwas wie grünes Blut tropfte herab, und wieder stieg es auf, und geschwächt knallte es heftig und dumpf in die Kiste zurück, und selbst das nervzerfetzende Kreischen in den Köpfen der beiden Eindringlinge erstarb.

Dann ging die normale schwache Beleuchtung an der Decke völlig aus, und die beiden umhüllte nur noch der schwächer werdende grüne Schein, und aus ihm schaute sie ein grimmiges purpurnes Auge fast flehend an.

Trümmer fielen auf sie herab. Alte Fahrräder, Vasen und Geschirr befanden sich darunter, und weiteres Gerümpel, von dem niemand zu sagen gewußt hätte, wer all dies hier abgelegt hatte. Ein Stapel zwanzig oder dreißig Jahre alter Zeitungen, wie aus den Titelseiten hervorging, und selbst etwas wie ein schwerer Holzknüppel rutschten herab. Und dann stand Hans, bereit zum Zuschlagen, da und beugte sich, eben diesen Knüppel in der Hand, über die Kiste und das rasende, wenn auch geschwächte Licht, aber erneut hielt ihn eine auf seiner Schulter ruhende Hand auf.

"Nein, das kannst Du nicht tun!" rief Suzy aus.

"Nein? Warum nicht? Elendes Ding, es befindet sich nicht nur im Keller, sondern auch in unseren Köpfen. Und hast Du seine Bewegung gesehen? Es schwebte ohne Mühe zur Decke auf und nieder, und wer weiß schon, wo es das nächste Mal landen wird!"

Dann, noch immer den Knüppel in der Hand, hielt er ein und wandte sich ab von der Kiste und dem in ihr verlöschenden grünen Schein. Beim Anblick dieses Ungeheuers, das von den Sternen kam, hatte er ihr Haus und das in ihm wütende Feuer ganz vergessen. Aber jetzt knisterte es glühend heiß selbst von der Decke über ihnen (wo vor Sekunden noch das Ungeheuer hing), und sie vernahmen, wie Stützpfeiler oder dergleichen krachend in sich zusammen stürzten.

"Wir müssen raus da!" drang Suzy auf ihren Freund ein und griff von hinten nach seinem freien Arm.

Und er, als wäre er zwischendurch wie unter fremdem Einfluß umnachtet geworden, kam wieder zu sich.

"Ja", krächzte er, "bloß raus hier!"

Vor ihnen lagen die Stufen, welche sie rasch empor klommen, Rauch breitete sich schon im Treppenhaus aus, und endlich schlossen sie die Tür mit einem Seufzer der Erleichterung hinter sich. Keuchend lehnten sie an der Wand, als ein Feuerwehrmann zu ihnen herunter kam.

"Alles in Ordnung?" fragte er.

Mißtrauisch musterte er sie, als stünden zwei Gespenster vor ihm.

"Alles in Ordnung", gab Hargarden zurück, und sie begaben sich gemessenen Schrittes nach draußen auf die Straße, wo sich bereits eine beträchtliche Menge neugieriger Leute versammelt hatte.

"Sind Sie der Brandstifter, der das Feuer da gelegt hat?" fragte einer Hans in unverschämtem Ton.

Hans würdigte den Frechdachs keiner Antwort. Er wie Suzy litten noch unter dem Schock. So entfernten sie sich von dem nun in hellen Flammen stehenden Haus, aber ein Beamter der Feuerwehr erkannte Hans und hielt sie auf.

"Nun?" fragte dieser.

"Sie wissen, wie das Feuer ausgebrochen ist?" forschte der Beamte.

"Nein, wissen wir nicht", erwiderte Hans, Suzy fest an sich drückend.

"Einer unserer Männer da oben stellte fest, die Sicherung ist verschwunden", rief der Beamte aus.

"Die Sicherung? Verschwunden?" Hans runzelte die Stirne.

Die Sicherung war, wie Hargarden wußte, im Korridor untergebracht. Nur ganz selten sprang sie in diesem alten Haus heraus, und nur dann, wenn er zu viele elektrische Geräte auf einmal laufen ließ.

"Ja, die Sicherung, wir haben sie nicht gefunden", bestätigte der Beamte, der seine Arme herausfordernd über der Brust verschränkte.

"Ich habe die Sicherung seit Jahren nicht mehr angerührt", keuchte Hans, was ganz der Wahrheit entsprach.

"So, und wo ist sie jetzt?" wollte der Beamte verärgert wissen.

"Die Sicherung?" Hargarden schüttelte den Kopf. "Als ich das Haus verließ, war sie noch drin. Die Lampen und alles waren in Ordnung."

Aber dann verflüchtigte sich der Verdacht des Beamten bezüglich der Sicherung in dem merkwürdigen Haus, er brauchte ja nur in die ehrlichen Augen des vom Feuer geplagten Mannes zu blicken. So einer log nicht, also war die Sicherung von selber heraus gesprungen. Aber wie, bitteschön? Und wer hatte sie entfernt?

"Es ist halt ein altes Haus", murmelte er vor sich hin.

"Ja, mein Herr, das ist es. Eins der alten Bremer Häuser. Haben Sie denn keine Spur von der Sicherung unter dem Dachstuhl gefunden?" wollte Hans dann, auf das Haus deutend, wissen.

"Nein, wir konnten nur kurze Zeit dort verweilen, um nach ihr zu suchen. Vielleicht ist sie im Gerümpel verschwunden. Ich bitte um Verzeihung", sagte der Beamte schließlich, "aber denken Sie bitte daran, daß Sie sich morgen", er warf einen Blick auf seine Uhr und runzelte die Stirne, "nein, ich meine heute, gegen neun Uhr, bei der Polizei melden müssen."

"Allerdings", sagte Hans.

Als sie wieder alleine und etliche Schritte im Grünzeug des Parks gegangen waren, preßte Hans Suzy an sich, und zwar ganz eng, er drückte sie an seine Brust, und er roch dabei ihren Körper und ihre Haare und das Parüm, das er so sehr liebte.

"Die Sicherung", sagte er bedächtig, "das war ich nicht."

"Ich weiß."

"Das Ding da drin hat sie heraus gerissen."

"Vermutlich. Genau so, wie es den Spiegel zerstörte und die Spannung aus den elektrischen Birnen wegnahm. Wie lange war es da drin?" wollte sie plötzlich wissen.

"In diesem Haus?" fragte er zurück, weil ihm nämlich die ganze Erde in den Sinn kam.

Sie nickte. "In unserem Haus."

"Seit vierzehn Tagen hatte ich Scherereien", überlegte er.

"Welcher Art?" fragte sie, bei aller Lieblichkeit ganz entschieden, obwohl er ihr schon einiges darüber erzählt hatte (sie wollte in dieser Hinsicht noch mehr erfahren).

"Schwierigkeiten, mich zu bewegen, und die Probleme mit dem Strom nahmen zu", bemerkte er. "Diese Tür da unten, man konnte sich kaum an ihr vorbei bewegen."

"So erging es mir auch", sann sie ergeben. "Als ich das letzte Mal hier war, berührte mich vor dieser Tür etwas im Inneren."

Beide sannen für einen Augenblick darüber.

"Woher ist es gekommen?" fragte sie sanft, während sie  seinen Arm wieder berührte.

"Keine Ahnung. In meinen Träumen kommt es von den Sternen. Ich habe sogar eine Scheibe gesehen."

"Und wie ist es in den Keller unseres Hauses gekommen?" Sie wies abermals auf das noch in Flammen stehende Gebäude.

"Wie ist es zur Erde gelangt?" wollte er unterdrückt wissen. "Zufällig, vermutlich. Dann ist ein Mißgeschick da draußen, weit entfernt, geschehen, es verlor die Kontrolle über die Scheibe oder über sich selber und landete hier, an einer unauffälligen Stelle, von der es selbst niemals geträumt hätte."

"Wo ist die Scheibe?"

"Keine Ahnung. Aber vielleicht brach sie in der Umlaufbahn um die Erde auseinander. Es fliegen schon so viele Trümmer um unseren Planeten, da wird leicht einmal einer übersehen, und  so schnell kann man sie auch gar nicht unterscheiden."

"Aber warum der Keller und die Kiste, Hans? Glaubst Du nicht auch, das ist ein verrückter Ort für die erste Kontaktaufnahme mit fremden Wesen?"

"Du weißt nicht, Suzy", sann er, "wie ihre Raumschiffe im Inneren beschaffen sind. Vielleicht würden sie lachen, wenn sie das Innenleben unserer Raketen erblickten."

Beide überlegten wieder.

"Wie springst Du aus einer Scheibe ab, wie wunderbar sie auch wäre, um in diesem Keller da drüben zu landen?" fragte sie verwundert.

"Wie konnte es aus eigener Kraft scheinbar ohne Anstrengung an die Decke schweben?" wollte er im Gegenzuge wissen. "Wie zersplitterst Du einen entfernten Spiegel, und wie jagst Du eine Sicherung aus ihrer Fassung heraus?"

Er runzelte abermals die Stirne.

"Keine Ahnung", flüsterte sie. "Jedenfalls ist es auf Grund seiner besonderen Fähigkeiten sehr gefährlich."

"Würde ich so sehen. Woher kommt diese Empfindung: Fünf vor Zwölf?"

"Melden wir unsere Überlegungen der Polizei?"

"Besser nicht."

"Sie würden uns als durchgeknalltes Paar betrachten?"

"Ganz bestimmt."

"Unbekannte Kräfte. Droht jetzt unmittelbare Gefahr aus dem Weltraum?" sann sie.

"Es verfügt über unheimliche Kräfte, aber eine unmittelbare Gefahr würde ich nicht erwägen. Immerhin haben sie Bruch gemacht."

Sie überschlugen auch diese Überlegung.

"Aber uns droht Gefahr", begann Suzy wieder, "weil man dort draußen im Raum imstande ist, unsere Gedanken zu lesen?"

"Schon möglich."

"Und sie üben auch Einfluß auf unseren Verstand aus?"

"Nicht ausgeschlossen."

"So, wie es jetzt ja auch schon auf der Erde geschieht?"

Beide lachten bei dieser Bemerkung, das war also ein gutes Zeichen, doch plötzlich hörten sie damit wieder auf. So spaßig war das Ganze nun wirklich nicht.

"Wie kam das zustande? Und wie war ihr Einfluß auf uns möglich? Sind wir etwa auf die eine oder andere Weise mit ihnen verbunden?"

Er seufzte erleichtert und wiederholte: "Es war bloß einer. Und er zerschellte."

"Oder eine Sie", gab sie zu bedenken.

"Oder eine Sie", räumte er reuevoll ein.

"Hoffentlich wissen die anderen nicht von unserer Erde."

"Beten wir, daß es so ist."

"Geht's Dir gut?" wollte sie abschließend wissen.

"Ja, als ob ich aus einem Alptraum erwacht sei."

Sie schauten nach dem immer noch lodernden Hause.

"Wie steht's mit der Uhr?" forschte sie, noch nicht völlig zufrieden.

Sie machten ein paar Schritte um den nächsten Busch herum, und da lag der Dom vor ihnen, und ganz oben am Turm hing ebenfalls eine Uhr, sie war so riesig, daß man sie selbst auf diese Entfernung ohne weiteres ablesen konnte.

"Ein Uhr morgens", trug sie laut vor. "Und was siehst Du dort?"

"Ein Uhr morgens", erwiderte er mit leichtem Grinsen.

Gott sei Dank! dachte sie seufzend, er hat die richtige Zeit angegeben.

"Was sollte uns Deiner Meinung nach diese falsche Uhrzeit besagen?"

"Fünf vor Zwölf?"

"Ja."

"Keine Ahnung. Etwas Dringendes. Das Ding da unten jedenfalls war verzweifelt. Anstatt bloß die Sicherung herauszuschlagen, hatte es vielleicht noch ganz andere Dinge im Sinn."

Wieder eine Pause. Sie sogen die frische Luft ein. Sie gingen etliche Schritte. Plötzlich bemerkten sie ein Flugzeug  weit über ihren Köpfen.

"Ich muß wissen, was mit dem Ding geschehen ist", sagte er endlich, denn er fühlte sich überaus erleichtert (das summende Geräusch in seinem Kopf war vollständig erloschen).

Sie begaben sich zu dem Haus zurück, welches in rötlichen Flammen glühte. Vorhin noch brauchten sie wegen des Feuers nicht einmal das Licht der Straßenlaternen, um sich zu orientieren, aber jetzt flackerte das Haus immer schwächer. Der Beamte, nach wie vor zur Stelle und ziemlich zufrieden, erkannte sie sofort.

"Immer noch hier in der Gegend?" wollte er, auf seine Uhr blickend, wissen.

Zwei Uhr morgens, las er lautlos ab. Es ist bestimmt nicht gerade ein Vergnügen, wenn man zu den Bewohnern gehört, deren gesamtes Hab und Gut gerade verbrannt ist.

"Haben Sie irgend etwas im Haus gefunden?" erkundigte sich Hans Hargarden vorsichtig.

"Sie haben keinen einzigen Koffer entnommen", stellte der Beamte eher sachlich fest.

"Nein, wir haben nichts von solchem Wert gefunden, daß es sich gelohnt hätte, auch noch unser Leben aufs Spiel zu setzen", gab Hans zurück.

"Nein", sagte der Beamte, "wir haben nichts gefunden. Alles mögliche Zeug ist verbrannt, aber, Gott sei Dank, alle Leute sind heil heraus gekommen."

"Und im Keller?" beharrte Hans. "War dort etwas?"

"Nein, nur Gerümpel, und auch dort ist alles verbrannt."

"Ausgerechnet im Keller, der doch so weit vom Dach entfernt liegt?" wollte Hargarden ungläubig wissen.

"Irgend jemand hat dort Benzin oder so was ähnliches  gelagert, übrigens verbotenerweise, so daß das Feuer im Keller plötzlich ausgebrochen ist und fast alles darin vernichten konnte. Zu Ihrem Glück haben Sie diese Räumlichkeiten rechtzeitig verlassen!"

"Danke schön", sagte Hans zu dem sehr entgegenkommenden Beamten, und sie machten sich - ganz ohne das abseits geparkte Auto - auf den Weg zu einer Freundin von Suzy.

Und wie sie den Wall hinunter gingen, erblickten sie etwas wie eine leuchtende Lichtspur am Himmel. Aber natürlich, dieselbe stammte bestimmt von einem anderen Flugzeug, auch wenn man nichts von dessen Triebwerken vernehmen konnte. Doch war es wirklich ein solch normaler Flieger, daß sie zwar seine Motoren nicht hörten, seine Flammenspur aber sehr wohl erkannten? Oder handelte es sich vielleicht um ein Rettungsteam, auf der Suche nach ihrem verschwundenen Kameraden?

Sie beide, Suzy und Hans, die sich diese Nacht zärtlich liebten, sollten es nicht erfahren. Und auch wir werden es vielleicht nie erfahren, denn wenn es eine Invasion war, so hat man sie wegen der seltsamen Ereignisse in dem Haus womöglich bloß verschoben.

Fünf vor Zwölf?

Wir sollten besser darauf achten!

Der Wachtposten

eine Erzählung

von

Gerd Maximovič

Jim Mackilson zögerte, während er die Zentrale der Station durchquerte, denn das Gefühl hatte ihn überkommen, daß etwas nicht stimmte. Er schaute auf den großen Schirm, auf welchem so viele Sterne in der Nähe des Milchstraßenzentrums prangten. Stimmte da etwas nicht mit den Sonnen, die sie jetzt schon seit Monaten so sorgfältig beobachteten? Er schaltete den Computer ein und bat ihn, alle Veränderungen zu überprüfen, die sich seit seiner letzten Durchsicht dieser so prächtig strahlenden Sonnen ergeben hatten.

"Nein", schrieb Billy, der Computer, derzeit auf Stumm geschaltet, "nichts Neues von Bedeutung, Sir."

"Und alle geringfügigen Vorkommnisse?" fragte Mackilson laut den Computer, der sowohl hören wie lesen konnte.

"Einige Kometen schwirren dort herum", erwiderte er, "und, wie Sie wissen, eine ferne Sonne wird zur Nova werden."

Mackilson, der Kommandant der Station, schaute sich diese Sonne an, die ihm wohl bekannt war.

"Wann wird sie auseinander fliegen?" fragte er geistesabwesend, denn ein anderer Umstand beunruhigte ihn.

"Vielleicht in einhunderttausend Jahren oder auch später", schrieb der Computer.

Nun, da besteht wohl keine Gefahr, dachte Mackilson, der diese ihm wohl bekannte Information kurz durchdachte. Aber er spürte, da braute sich etwas Schlimmes vor ihnen zusammen.

Wenige Augenblicke später blickte er auf den Rücken von Tomlinson, einem seiner Männer, der an der Schalttafel arbeitete, und zwar mit gesträubten Haaren, wie es dem Kommandanten vorkam. Du solltest auch wieder einmal duschen, John, überlegte er. Sein Blick schärfte sich, und er wunderte sich, denn sein Mann schien unter großer Spannung zu stehen, sein Rücken war gekrümmt, und Schweiß tropfte von seinen Finger, ja, von seinen Fingern und verschmierte den Schirm, den er soeben berührte.

"Was ist los, John?" fragte er Tomlinson und trat näher.

Tomlinson hörte ihn nicht, so sehr war er in seine Arbeit vertieft, metallene Objekte dort draußen aufzuspüren.

"John?" fragte Mackilson wieder, der nun hinter seinem Fachmann für Strahlenkontrolle stand.

Tomlinson drehte sich nicht um, seine Finger glitten über die Tafel, und er bediente einen Schalter, und das rote Warnlicht glühte auf, das der Summton der Alarmanlage begleitete.

"Was tun Sie denn da, John?" wollte Mackilson ärgerlich wissen, der ganz nah von hinten an seinen Mann heran trat und dabei über desssen Schulter spähte.

Und mit einer raschen Handbewegung widerrief er den Befehl, den Tomlinson gegeben hatte. Und dann erblickte er Tomlinsons rotes und geschwollenes Gesicht und wie dessen Augen aus ihren Höhlen traten.

Jetzt erkannte Tomlinson seinen Vorgesetzten an seiner Seite.

"Ich wollte den Bildrahmen besser einstellen", stotterte er.

"Aber Sie haben doch diese sichtbare Struktur ausgelöscht", bemerkte sein Vorgesetzter.

"Nein, ich habe..." Der Mann unmittelbar vor der Schalttafel brach mitten im Wort ab.

"Sehen Sie das?" verlangte Mackilson zu wissen.

Tomlinsons Augen weiteten sich, er leckte sich die Lippen und drückte auf ein oder zwei Knöpfe, und das Bild des Außenraumes wurde wieder so klar, wie es zuvor gewesen war. Die Alarmklingel hörte auf, die roten Warnlichter erloschen, und der Strahlenspezialist drehte sich ganz um, er wischte sich den Schweiß von der Stirne, und in seinen Augen war ein Ausdruck ungläubigen Nichtverstehens.

Seine guten Männer, dachte Mackilson. Sie begingen nie ernsthafte Fehler, wie er sich erinnert.

"Ich dachte", sagte Tomlinson, dessen Finger sichtbar zitterten.

"Was hatten Sie vor?"

"Ich dachte, da draußen wäre etwas, Boss", äußerte er mühsam.

"Da draußen? Darf ich mal sehen?"

Beide Männer beugten sich über die Steuereinrichtung und ließen den Hauptstrahl wandern und tatsächlich, da erschien, ganz weit draußen, etwas wie eine Kugel oder irgend ein runder Körper, das man nur mit sehr viel Glück ausfindig machen konnte.

"Sie haben das ausgelöscht, John?" wollte Mackilson wissen.

"Nein, Sir, ich..."

Der Kommandant schaute seinem Strahlungsmann in die Augen. Befriedigt nahm er zur Kenntnis, Tomlinson wirkte wieder normal. Aber, Donnerwetter, dachte er, was hatte ihn so verändert?

"Sollten Sie nicht mal duschen?" fragte er ganz friedlich.

"Nein, Sir, ich habe gerade vor einer halben Stunde eine Dusche genommen", erwiderte Tomlinson.

Dabei waren sein Gesicht und sein Hemd und überhaupt alles um ihn herum schweißgetränkt, als ob er mit seinen Händen soeben Schwerstarbeit geleistet hätte.

"Machen Sie bitte eine Pause", sagte Mackilson.

"Ist das ein Befehl?"

"Das ist eine Empfehlung, aber ich bitte sehr darum!"

Tomlinson erhob sich, und schwankend und taumelnd, selbst fluchend bewegte er sich zu seinen Räumen.

"Billy, kannst Du das überprüfen?" fragte Mackilsn laut den Computer.

"Das wird etwas dauern, Sir", antwortete Billy.

"Warum hast Du nicht unmittelbar nachgesehen?"

"Das Objekt ist getarnt."

"Getarnt?" Mackilson runzelte die Stirne.

"Es sieht wie ein Komet oder ein Schneeball oder wie ein mit Metall durchsetzter Gegenstand aus."

"Metall?"

"Ja, Sir."

"Überprüfe das, zum Teufel nochmal!" rief der Kommandant aus. "Wann kannst Du Ergebnisse liefern?"

"Keine Ahnung. Das hängt von der Güte der Maskierung ab, Sir."

"Und ein bißchen flott, bitte!"

"So flott, wie nur irgend möglich, Sir."

Mackilson strich sich über den Kopf. Zum Teufel, sie hatten etwas gefunden, wonach sie die ganze Zeit schon suchten, und jetzt hatte es einer seiner besten Männer fast gelöscht.

"Chef!" Ein Untergebener geringeren Ranges rief herüber.  

"Bristol?"

"Bitte um Verzeihung, Chef, ich heiße Bree", sagte der Mann, dessen Gesicht auf dem Schirm erschien.

"Tut mir leid, Bree", erwiderte Mackilson, er, der ein solch hervorragendes Gedächtnis für Namen hatte, und jetzt dies. "Was gibt's denn?"

Details

Seiten
100
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738902860
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320139
Schlagworte
hinter

Autor

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Titel: Hinter der Tür