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Kit Carson #8: Bittere Rückkehr

2016 130 Seiten

Leseprobe

Klappe

Die meuternde Mannschaft der „Aguardiente“ hat ihren bisherigen Kapitän Bernardino Saragún, Kit Carson und Linda Carlisle im Golf von Kalifornien auf der abgelegenen “Insel des Schutzengels“ ausgesetzt, wo sie zunächst um ihr nacktes Überleben kämpfen müssen. Doch endlich stoßen sie auch auf die verschollene Mission Santa Ysabel, in der nicht nur ein Schatz verborgen ist, sondern auch tödliche Gefahren lauern.

Kit Carsons indianischer Freund Washakie ist bei den Lemhi-Schoschonen weiteren Intrigen ausgesetzt und muss schließlich den Stamm verlassen. Jim Bridger, Kits und Washakies gemeinsamer Freund, holt ihn ein und bittet ihn, schleunigst Kit Carson zu finden, um mit ihm zu einer neuen Mission aufzubrechen.

In einer geheimnisvollen Gebirgsstadt scheint ein letzter Kampf auf Leben und Tod zwischen Kit Carson und dem Erzschurken Seth McClusky stattzufinden. Als Washakie eintrifft, ist die Entscheidung längst gefallen. Doch der Tote ist nicht Seth McClusky... 

Bittere Rückkehr

DER TOD GEHT UM

––––––––

Die Gesamtlänge der Insel Angel de la Guarda betrug etwa fünfzig Meilen. Die Piraten hatten Bernardino Saragún, Kit Carson und Linda Carlisle am obersten Ende des trostlosen Eilandes ausgesetzt, das vorwiegend aus zerklüfteten Vorgebirgen bestand, die in einem scharfen Winkel nach Nordosten scherten.

Noch im Schutz der weichenden Nacht hatten die Schicksalsgenossen ihr Boot zu Wasser gebracht. Wie versprochen hatte Kit als erster die Ruder übernommen.

An dieser Stelle lag die niederkalifornische Halbinsel ungefähr fünfzehn Meilen von der "Insel des Schutzengels" entfernt. Auf gleicher Höhe knickte die Baja California mit ihren hohen Bergen jäh nach Nordwesten ein. Als Folge dieser Gegebenheiten entstand somit ein natürlicher Windfang, der die je nach Jahreszeiten unterschiedlich starken Winde wie in einen natürlichen Kamin drückte.

Anfangs war eine leichte Brise aufgekommen, die Kit dennoch das Rudern bereits erheblich erschwert hatte. Der Schwarze Flibustier hatte daraufhin wüste Flüche von sich gegeben.

“Das haben wir alles Don Lotario zu verdanken!“, hatte er gewettert. "Hätte er uns nicht den roten Hahn auf die Segel gesetzt, dann wären wir niemals in diesen verfluchten Schlamassel geraten. Ihm und seiner verdammten Sippschaft ist unser ganzes Unglück zuzuschreiben!”

Der junge Trapper hatte ihm an dieser Stelle wohlweislich verschwiegen, dass es nicht Don Lotarios, sondern seine Idee gewesen war, Saragúns Segel aus der Ferne mit riesigen Brennspiegeln in Flammen aufgehen zu lassen, um die “Aguardiente“ kampfunfähig zu machen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht ahnen können, dass das Schicksal sie bereits wenige Stunden später zu Verbündeten machen würde.

Auf Befehl Manuel Gamios, des Steuermanns, unter dessen Führung die Piraten bald darauf gegen ihren Kapitän gemeutert hatten, waren Ersatzsegel gesetzt worden, und das keinen Augenblick zu früh. Nur knapp hatten sie der mexikanischen Küstenpatrouille entkommen, den Vorsprung jedoch allmählich vergrößern können.

"Was haben Sie eigentlich gegen Don Lotario, Capitán?”, hatte Kit stattdessen gefragt. "Er hat an unserem jetzigen Los nicht mehr Anteil als jeder andere Bewohner Viejo Riitos."

Bei diesen Worten hatte er nicht nur an Don Lotario gedacht, dessen Gastfreundschaft sie in Viejo Riito genossen hatten, sondern auch an dessen Gattin. Vor allem aber an Rosalba, die wunderschöne Tochter des Hauses. Sie hatte Kit glühende Blicke zugeworfen, die wiederum Linda Carlisle zur Weißglut gebracht hatten.

Kit hatte es gewundert, dass El Corsario Negro die Familie Don Lotarios in seine Verwünschungen eingeschlossen hatte. Was hatte sie mit den unerquicklichen Vorfällen zu. tun?

"Sie haben ihn wahrscheinlich nur als großzügigen Gastgeber kennengelernt", hatte Saragún auf Kits Frage widerwillig zurück gebrummt, "Er hat indes auch andere Seiten.“

Mit diesen rätselhaften Worten hatte der junge Trapper sich bescheiden müssen. Saragún wollte sich ganz offensichtlich nicht weiter zu diesem Thema äußern.

Bernardino Saragún hatte als Piratenkapitän von der Stadt Viejo Riito jährliche Schutzgelder erpresst, von jener Stadt, in der er einst geboren war. Kit wusste zumindest bereits, warum der Schwarze Korsar Viejo Riito so sehr hasste. Er hatte 1812 in irgendeiner Form am Krieg der Vereinigten Staaten gegen England teilgenommen und bei seinem Aufbruch ein Mädchen in Viejo Riito zurückgelassen, das er seit seiner Jugend geliebt und das ihn nicht minder geliebt hatte. Saragún war gegangen ohne zu ahnen, dass er Vaterfreuden entgegen sah.

Irgendwann hielt man ihn für verschollen oder tot, da er zwei Jahre lang nichts von sich hatte hören lassen. Das Mädchen, das er schwanger zurückgelassen hatte, war, als er dann doch eines Tages wieder auftauchte, verheiratet. Die “ordentlichen“ Bürger Viejo Riitos hatten genug von ihm gehabt und ihn aus der Stadt gejagt. Als Pirat war er dann zurückgekehrt, um dafür Rache zu nehmen.

Das war Saragúns Geschichte, so weit Kit sie kannte. War aber hatte Don Lotario konkret damit zu tun?

Kit war auf einen so ungeheuerlichen Verdacht gekommen, dass er ihn rasch wieder fallen gelassen hatte.

Dennoch  ... 

Stunden später war die Brise abgeflaut. Der Schwarze Flibustier hatte Kit an den Rudern abgelöst, und sie kamen in der Windstille zügiger voran.

Nach weiteren Wechseln bestritt Saragún schließlich auch den letzten Abschnitt. Immerhin kannte er die Region besser als seine Begleiter und hatte daher auch die Stelle ausgesucht, an der sie an Land gehen wollten. Es handelte sich um einen schmalen Streifen Schwemmland, von dem ein Netzwerk von Canyons ausging, das sich durch die rasch ansteigenden und vorwiegend granitenen Gebirgsmassen zog, Von hier musste folglich auch ein Weg zu den Klippen führen, an denen die verschollene Mission Santa Ysabel liegen sollte.

Links und rechts war die vorgesehene Anlegestelle von schroffen, zerrissenen Bergen umragt, die nicht sehr einladend wirkten. Sie erweckten eher den Eindruck, als wollten sie eine wuchtige Bastion gegen unerwünschte Besucher darstellen.

Auf Felsen, die ins Wasser ragten, saßen große Vögel, die noch die angenehme Wärme der Spätnachmittagssonne auf ihrem Gefieder genossen. Als das Boot näherkam, stoben sie erschrocken hoch. Kit starrte ihnen nach, als sie mit knatternden Flügelschlägen und unter lautem Geschrei die Flucht ergriffen. Ihm war anzusehen, dass er solche Tiere noch nie zu Gesicht bekommen hatte.

"Das sind Kormorane und Pelikane”, erklärte ihm Saragún. "Vor allem letztere können für uns wichtig werden, was die Nahrungssuche betrifft. Ihre Eier sind etwa so groß wie die von Truthennen und eine .wahre Delikatesse. Jedes Pelikanweibchen legt drei davon. Die Nester liegen in geschützten Gebirgsschluchten, wo die Sonne fast das ganze Geschäft des Ausbrütens übernehmen kann; es sind kleine Schluchten, die gegen Wind geschützt, jedoch so gelegen sind, dass das Gestein den ganzen Tag erwärmt wird."

"Eine Mahlzeit also, die im Glücksfall auf dem Weg liegt”, stellte der junge Trapper fest, begierig, möglichst viel Neues über diese unbekannte Natur zu lernen. Die nordamerikanische Wildnis war ihm seit vielen Jahren vertraut, aber hier im Süden konnten neue Erkenntnisse lebens- und überlebenswichtig sein.

“Doch wie merkt man, ob sie noch essbar sind? Muss man sie erst kochen?”

“Nicht nötig.” Saragún schüttelte den Kopf. "Man holt die Eier aus dem Nest und legt sie auf Wasser. Sinken sie, dann kann man sie essen. Schwimmen sie, dann legt man sie am besten vorsichtig ins Nest zurück. Die Schale ist dann bereits sehr dünn, und das Schlüpfen lässt nicht mehr lange auf sich warten.”

“Ausgezeichnet.“ Sodann runzelte Kit die Stirn. "Damit wären wir gleich beim Thema Wasser. Wie versorgen wir uns, wenn unsere Vorräte aufgebraucht sind?”

“Ich kenne eine Quelle landeinwärts", erwiderte der Schwarze Flibustier. "Wir sollten uns allerdings nicht ausschließlich darauf verlassen, dass wir auch Pelikaneier finden. Besser, wir versuchen gleich hier eine Abalone zu fangen.”

“Was ist das?”

“Abalonen heißen die großen Greifschildkröten, aus denen man gute Steaks machen kann." Der alte Haudegen strich sich genießerisch über den dichten Bart. “Oder frisch gefangene Meerbrassen! Ihr zartes Filet  ...  “

“He!“, unterbrach ihn Kit. "Langsam."

Nur noch wenige Bootslängen trennten sie vom Ufer. An Kits Gesichtsausdruck erkannte der Piratenkapitän jedoch, dass dies nicht der Grund für dessen Äußerung gewesen war. Etwas anderes hatte seine Aufmerksamkeit erregt.

Saragún ließ die Ruder sinken. Dann weiteten sich auch Lindas Augen, und sie krallte ihre rechte Hand erschrocken in Kits Arm.

"Was ist?", fragte El Corsario Negro, ohne sich selbst umzudrehen.

"Ich fürchte, Ihnen wird gleich der Appetit verdorben, Capitán", antwortete Kit ernst.

*

Sie legten an. Der Sandstrand zog sich keine dreißig Yards nach hinten, dann folgten bereits mächtige Granitblöcke, und unmittelbar dahinter begannen die Gebirgsklippen empor zu ragen.

Inmitten des Ufersandes lag eine reglose Gestalt, halb vergraben, mit dem Gesicht nach unten. Nur der Hinterkopf war noch zu sehen. Es war ausgeschlossen, dass der Mann noch atmete. Nicht weit von ihm entfernt lag ein nordamerikanischer Hut.

Bernardino Saragún war blass geworden.

"Antero!", krächzte er, "Einer meiner Männer! Er konnte sich nie von diesem blödsinnigen Americano-Deckel trennen, den er  ...  “

Er verstummte und wollte losrennen. Kit hielt ihn zurück.

"Vorsicht", murmelte der junge Scout. "Wir wissen nicht, was geschehen ist. Am besten, wir nähern uns von zwei Seiten. Nehmen Sie Ihr Messer und behalten Sie ständig die Felsen im Auge. Sie, Miss Linda, bleiben beim Boot zurück.”

Ihre Begleiterin nickte tapfer. Kit und Saragún zogen ihre Piratenmesser, deren Klingen Ellenbogenlänge hatten. Linda Carlisle hatte sie noch geistesgegenwärtig unter ihrer Kleidung versteckt, bevor man sie aus Saragúns Kajüte von Bord getrieben hatte.

Die beiden Männer schlichen los. Im unheilverkündenden Schatten der mächtigen Gebirgsklippen pirschten sie sich an den Toten heran. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

Doch sie erreichten den Toten unbehelligt. Während Saragún sich zu Boden beugte, verharrte Kits Blick weiterhin auf den Felsklippen, als erwarte er von dort eine neue unangenehme Überraschung.

“Von hinten wurde er jedenfalls nicht erdolcht oder erschossen", stellte der Schwarze Flibustier raunend fest. “Sein Kopf sieht auch unbeschädigt aus. Aber wie zum Teufel kommt er überhaupt hierher?"

“Ist es wirklich Antero?”, fragte Kit.

“Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel”, erwiderte der Pirat. "Um ganz sicher zu sein, werde ich ihn jetzt auf den Rücken drehen. Vielleicht sehen wir dann, woran  ...  aahhh!"

Das gleichzeitige Rasseln ging Kit durch Mark und Bein. Er fühlte, wie sich vor Entsetzen seine Nackenhaare aufrichteten.

Dann siegte sein Instinkt. Ein ebenso wuchtiger wie schneller Hieb mit dem Entermesser trennte den Schlangenkopf vom Rest des Leibes, als dieser bereits auf Saragún losschnellte. Das Rasseln war deshalb kaum vernehmbar gewesen, weil der hintere Teil des heimtückischen Reptils auch jetzt noch im Hosenbein des toten Piraten steckte.

Saragún warf sich keuchend zurück. Knapp vor seinen Füßen fiel der Schlangenkopf in den Sand. Wie gebannt starrte der Schwarze Flibustier auf die Zunge, die immer noch in Bewegung war, und auf die langsam erlöschenden Augen.

Noch unheimlicher sahen die konvulsivischen Zuckungen des sterbenden Schlangenleibes im Hosenbein des toten Piraten aus: Als würde Antero gerade zu einem zweiten gespenstischen Leben erwachen.

Kit schüttelte den Bann als erster ab. Seine Blicke kehrten zu der Felsklippe zurück.

"Wenn ein unbekannter Feind dahinter verborgen liegen würde, hätte er diese Situation jetzt ausgenutzt. Ich gehe davon aus, dass wir allein sind. Für den Augenblick jedenfalls."

Er entspannte sich.

Bernardino Saragúns Augen flackerten noch immer. Zu tief saß dem hartgesottenen Piraten der Schock in den Gliedern.

"Ich schätze, ich schulde ihnen etwas, Señor", brachte er mit mühsamer Beherrschung hervor. "Das war knapp an der Kante.”

"Sie hätten das Gleiche getan, Capitán. Und die Messer verdanken wir Miss Linda."

Die förmliche Erwähnung ihrer Schicksalsgenossin nach dem, was in der Nacht zwischen ihnen geschehen war, kam Kit im ersten Moment ein wenig heuchlerisch vor. Zu gerne hätte er gewusst, ob El Corsario Negro etwas gesehen hatte oder nicht.

Saragún aber nickte nur.

"Trotzdem will ich jetzt Gewissheit haben. Und ich nehme nicht an, dass :sich noch eine zweite Schlange verborgen hält."

Mit diesen Worten näherte er sich, sein eigenes Messer in der Hand zum Hieb bereit, dem Leichnam erneut. Vorsichtig drehte er ihn auf den Rücken und starrte ihm ins Gesicht.

."Das ist Antero.”

Der junge Trapper sah, wie sehr Saragún von dieser endgültigen Gewissheit getroffen war. Auch vorne schien Antero unversehrt.

"Damit dürfte auch jeder Zweifel an seiner Todesart beseitigt sein.“

Kit krempelte das Hosenbein des Piraten nach oben, zog den Schlangenkörper heraus und musterte den behaarten Unterschenkel Anteros. Sofort fand er die Bissstelle.

“Vielleicht waren Sie gar nicht mehr in Lebensgefahr. Sie könnte bereits ihr ganzes Gift in das Blut dieses Unglücklichen geschickt haben und hätte für Sie dann keine große Gefahr mehr dargestellt.”

Saragún schüttelte entschieden den Kopf.

“Sie mögen Klapperschlangen Ihrer Heimat gut genug kennen, Señor Carson, aber von dieser Sorte wissen Sie nichts! Man nennt sie den Roten Diamantrücken, und sie ist ebenso selten wie bösartig und tödlich! Dieses Tier war noch jung. Ausgewachsene Exemplare  werden bis zu sechs Fuß lang! Ich kenne kein anderes Gift, das so schnell und so stark wirkt. Ich habe von einem Mann gehört, dem sie die Zähne in seine dicke Baumwollhose geschlagen hatte. Fast das ganze Gift floss über seine Hose auf die Erde, nur ein winziger Rest muss in den Blutkreislauf geraten sein. Er hatte keine Chance, Es hat keine Stunde gedauert.“

Kit schluckte. Er war froh, dies nicht vor seiner schnellen Reaktion gewusst zu haben; sie wäre möglicherweise anders ausgefallen.

Inzwischen war auch Linda Carlisle nähergekommen. Das Verhalten der beiden Männer hatte ihr verraten, dass sie hinter den Felsenklippen keine unmittelbare Gefahr mehr vermuteten. Ihre Augen verharrten auf dem Reptil; doch sie bezwang ihre Angst.

“Ich kann: mich tatsächlich an diesen Mann erinnern“, stellte sie fest. "Beim Betreten Ihres Schiffes sah ich ihn als einen der ersten. Aber wie kommt er hierher?”

Die Angesprochenen sahen sich an.

"Eine gute Frage”, gestand Kit. "Kaum anzunehmen, dass er allein war. In seinen Todesschmerzen hat er sich vor Pein tief eingewühlt, was bedeutet, dass der Sand hier mindestens ein bis zwei Fuß tief geht. Spuren von solcher Tiefe halten sich auch in Ufernähe eine Zeltlang. Folgen wir der seinen zurück.”

Trotz der fremdartigen Umgebung spürte, Kit allmählich seine Waldläuferinstinkte in sich erwachen. Während sie zu dritt eine relativ gerade Strecke vom Ufer bis zu dem Leichnam zurückgelegt hatten, verlief Anteros Fährte schräg und war daher etwas länger. In der Nähe der Golfbrandung waren die. Abdrücke bereits wieder verwaschen und kaum noch zu erkennen. Doch unmittelbar vor der Küste und von dort, wo sie in ins Ungewisse verliefen, zog sich eine erheblich breitere Spur von Fußabdrücken direkt ins Landesinnere.

”Damit steht fest, dass zumindest ein Teil der Mannschaft, wenn nicht alle, hier an Land gegangen sind“, schloss der junge Scout. ”Sie verstehen von Gezeiten weit mehr als ich, Capitán. Wie lange kann das, nachdem die Spuren hier einige Yards weit bereits überspült wurden, her sein?"

"Ein paar Stunden schon”, schätzte El Corsario Negro. "Nur  ...  mit der ‘Aguardiente‘ haben sie es bestimmt nicht bis hierher geschafft. Mit den Booten vielleicht, das ja. Aber wo sind die Boote?”

Er stapfte das Ufer entlang und starrte angestrengt auf die Stellen, an denen das Wasser ausbrandete.

"Möglich, dass sie hier festgezurrt waren, möglich! Wer kann das jetzt noch sagen? Außerdem lässt man in solchen Fällen immer eine Bootswache zurück, die dafür verantwortlich ist, dass die Boote sich nicht selbstständig machen, falls sich die Taue lösen oder  ...  “

Er verstummte abrupt. Die Bedeutung seiner letzten Worte wurde ihm in aller Schwere bewusst.

”  ...  oder sonst etwas Unvorhergesehenes geschieht”, nahm Kit ihm das Wort ab. "Das wollten Sie doch sagen, nicht wahr?”

Saragún reagierte nicht, so betroffen war er von seiner eigenen Äußerung.

Kit Carson näherte sich an der Stelle dem Ufer, die der Schwarze Flibustier bezeichnet hatte. Sorgfältig suchten seine Finger den Sand um die kleinen Felsen herum ab. Schließlich hob er eine Handvoll davon auf und trug sie Saragún entgegen.

”Wie gut, dass wir die letzten Stunden Windstille hatten. Bleibt so etwas zurück, wenn Taue an einem Felsen scheuern?”

"Könnte sein", musste Saragún zugeben. "Obwohl mir eines nicht gefällt: Der Gedanke, dass  ...  "

”Es spielt keine Rolle, ob Ihnen dieser Gedanke gefällt oder nicht, Capitán", unterbrach ihn Kit. "Hier haben sie Ihre Bootsanlegestelle. Die Boote sind verschwunden. Da vorne liegt Ihre Bootswache. Ich nehme nicht an, dass Antero es war, der die Seile gelöst hat. Jede Klapperschlange, auch Ihr Roter Diamantrücken, bevorzugt härteres, heißeres, trockeneres Terrain. Sie kriecht nicht gerne durch nachgiebigen und daher tückischen Ufersand. Und wenn ein solches Reptil, das immerhin ganze drei Fuß lang ist, so dumm sein sollte, sich aus welchem nicht nachvollziehbarem Grund auch immer freiwillig auf ein dermaßen offenes Terrain zu begeben, so sieht man es bei dieser Größe auf wenigstens dreißig Fuß Entfernung klar und deutlich, wenn man nicht gerade schläft! Da sich Antero jedoch gerade auf die Felsklippen zu bewegte, als er überrascht wurde, müsste er dies geradezu als Schlafwandler unternommen haben – was nicht sehr wahrscheinlich ist.“

Der sarkastische Unterton seiner Worte machte für seine Gefährten das Gehörte nur noch schlimmer.

"Wir sollten ihn begraben“, schlug Linda vor.

"Gerade das würde ich nicht tun", widersprach Kit. "Erstens, weil der Sand vielleicht nicht tief genug ist oder doch wieder schnell weggeweht wird. Zweitens  ...  braucht, sollte dieser Tote als Warnung gedacht sein, niemand zu wissen, dass noch jemand hier an Land gegangen ist.”

Linda und der Schwarze Korsar starrten ihn entsetzt an.

"Nehmen Sie Anteros Hut an sich, Capitán", schlug Kit vor. "Nicht nur als Andenken. Auch in einem Küstengebiet kann es sehr heiß werden.”

––––––––

INTRIGEN

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Der totgeglaubte Cameahwait war zurückgekehrt!

Im Triumphzug wurde der greise Häuptling von einigen Stammesmitgliedern ins Dorf der Lemhi-Schoschonen begleitet. Auf dem Platz zwischen den Zelten wurde das Gedränge und Gerempel so heftig, dass Washakie, der bis dahin an der Seite des Häuptlings geblieben war, von ihm weg gedrückt wurde. Der hochgewachsene junge Halbschoschone sah, dass alles Volk auf Cameahwait einstürmte, Er wühlte sich in die entgegengesetzte Richtung und war froh, als er wieder Luft bekam.

Sacaja, der Medizinmann, brach die Zeremonie ab, die einer der Krieger als Begrüßungstanz bezeichnet hatte, und .erhob seine Stimme.

“Sei gegrüßt, Häuptling Cameahwait! Wir wähnten dich im Reich der Toten! Erst kurz nach Washakies Aufbruch wurde mir von den Göttern deine Wiederkehr offenbart. Dem großen Chingichnish sei Dank!”

“Wahrlich eine vortreffliche Offenbarung, Schamane!“ Washakie konnte sich diese lauten Worte nicht verkneifen. “Weit zutreffender als die Verkündung, unser Häuptling sei bei einem Jagdunfall umgekommen.”

Seiner Bemerkung folgte entsetztes Schweigen. Es schien Washakie, als sei er, der einzige, der die Heimtücke und Heuchelei in Sacajas Worten durchschaut hatte.

"Es Ist nicht meine Schuld, wenn die Spuren am Unfallort nicht der Absicht der Götter entsprachen“, konterte der Medizinmann. "Cameahwait möge selbst berichten, was ihm widerfahren ist.“

Wie geschickt er sich doch aus der Affäre zieht, dachte Washakie mit widerwilliger Bewunderung.

Tatsächlich kam der greise Häuptling der Aufforderung des Schamanen nach. Washakie, der die Geschichte natürlich schon kannte, gingen in der Zwischenzeit andere Gedanken durch den Kopf.

Cameahwait war von Schwarzfuß-Kriegern entführt worden, die seinen Tod vorgetäuscht hatten. Ushopa, der Sohn des Medizinmannes, hatte diese Erzfeinde der Schoschonen mit einigen Kriegern verfolgt, nachdem ihnen Washakie in der Mesa des Roten Sandes eine vernichtende Niederlage bereitet und sich dem Treck und damit Kit Carson aus freien Stücken angeschlossen hatte. Seither war Ushopa nicht zurückgekehrt.

Die Entführer hatten sich in den nahen Bergen befunden.

Blackfeet auf dem Territorium der Schoschonen, ohne dass jemand davon wusste! Außerdem war jederzeit ein Angriff der Schwarzfuß-Krieger zu befürchten. Warum hatte Sacaja, der die Aufgaben des Häuptlings übernommen hatte, nicht sofort offensichtliche Schutzmaßnahmen treffen lassen? Und woher hatte Sacaja so schnell Kenntnis von der unerwarteten Rückkehr Cameahwaits erhalten? Und wo steckte Ushopa?

Fragen über Fragen. Einer der Krieger, der mit Ushopa den Blackfeet gefolgt war, hatte Washakie am Panguiteh-River aufgelauert. Sein Name war Wotako gewesen. Washakie hatte ihn in Notwehr töten müssen und ihn am Fluss begraben.

Langsam begann ihm die Situation über den Kopf zu wachsen. Um sich ein wenig abzulenken, begann er im Lager herum zu schlendern.

Die umfangreichen Vorbereitungen zu diesem rasch improvisierten Fest zeigten, welche Beliebtheit das greise Stammesoberhaupt sich in den Jahrzehnten seiner Herrschaft erworben hatte. Wild und Geflügel wurden in großen Mengen zubereitet. Washakie wusste, dass es den Lemhi-Schoschonen nicht immer so gut gegangen war. In früheren Jahren waren oft Beeren, Wurzeln, Knollen, Mäuse und sogar Schlangen ihr karges Mahl gewesen, und auch Heuschrecken, die es als Suppe oder Brei gab. Inzwischen war man nicht mehr auf die Grashüpfer angewiesen, aß sie aber dennoch wieder: geröstet, als Delikatesse. Auch Schafe wurden längst gezüchtet.

Die Verdienste eines Friedenshäuptlings. Sacaja und sein Sohn Ushopa aber wollten Krieg mit den Weißen. Und dabei stand ihnen Cameahwait im Weg – so lange er lebte. Sein Verschwinden wäre ihnen sehr gelegen gekommen. Washakie hatte ihn jedoch in der Schlucht der Bösen Geister, die niemand vor ihm jemals zu betreten gewagt hatte, in einer verborgenen Höhle aufgestöbert. Einer der Blackfeet, die Cameahwait bewacht hatten, war:dabei umgekommen, der andere hatte fliehen können.

Kurz vor seiner Suche nach Cameahwait hatte Washakie mit Hoquana gesprochen, einem neutralen Krieger, der weder für Cameahwait noch für Sacajas Seite Partei ergriffen hatte, der jedoch das Vertrauen aller besaß und für gewöhnlich gut informiert war. Ihn hätte Washakie auch jetzt gerne noch einiges gefragt.

Nach einer Viertelstunde gab er jedoch die Suche nach ihm wieder auf. Hoquana befand sich offensichtlich nicht im Lager.

Auf seiner Suche kam er auch am Häuptlingszelt vorbei. Obwohl es erst vor vier Tagen eine bewaffnete Auseinandersetzung gegeben hatte, stand kein Skalppfosten davor. Das fiel ihm erst jetzt auf.

Nach jeder Schlacht mit feindlichen Stämmen behingen die Lemhi-Schoschonen einen Pfahl mit den erbeuteten Skalps. Dieser wurde in einem kleineren Kreis von Kriegern, in einem weiteren von Frauen und Kindern umtanzt, stundenlang. Manchmal zogen sich die Feierlichkeiten über eine ganze Woche hin. Danach wurden die Skalps, die man nicht für Beschwörungszwecke oder aus anderen Gründen aufhob, unter Ritualgesängen für die Opfer vergraben oder auf das Schlachtfeld zurückgebracht, soweit dies möglich war. Dort wurden sie auf Büffelfladen gebettet und als Opfer für Sonne und Erde zurückgelassen. Bevor man sie ablegte, hielt man sie noch der Sonne entgegen und sprach ein kurzes .Gebet. Oder man übergab sie einem Fluss oder Strom, um sie den Wassergeistern darzubringen. Mit denen, die man behielt, wurden die Kleider des Kriegers oder auch sein Pferd geschmückt, andere wurden in die persönlichen geweihten Medizinbeutel aufgenommen.

Wurde ein Skalp zur Aufbewahrung präpariert, dann bog man eine Rute zu einer Rundschleife, die etwa fünf bis sechs Inches Durchmesser hatte. Mit dünnen Lederriemen wurde der Skalp an seinen Außenstellen darauf aufgezogen und zu einem Reif geformt. Sobald alles trocken war, wurde die Skalphaut in verschiedenen Farben bemalt, manchmal grau, manchmal ganz rot, manchmal halb rot und halb schwarz.

Vor der letzten Auseinandersetzung hatte es lange keinen Kampf mit den Biackfeet gegeben. Sicher, unter Cameahwait hätte sich Washakie vorstellen können, dass dieser den blutigen Brauch missbilligt hätte. Doch die letzten Tage hatte der kriegerische Sacaja die Macht des Stammes in seinen Händen gehalten. Äußerst seltsam, dass ausgerechnet er sich die lang erwartete Gelegenheit, Siegestrophäen auszustellen, entgehen hatte lassen.

Washakie wandte sich an den nächststehenden Krieger.

"Ihr habt nicht gefeiert?"

Der Angesprochene verneinte.

"Warum nicht?"

”Skullcrasher, der gefangene Weiße, hatte bei seiner Flucht Tote zurückgelassen. Cameahwait galt als umgekommen, und Ushopa war mit seinem Trupp noch nicht zurückgekehrt .Es war Hoquana, der dem Medizinmann von einer Feier abriet.“

Bevor Washakie weiter fragen könnte, näherte sich die anderer Krieger.

"Du warst es, der uns den Häuptling unversehrt zurück gebracht hat", sprach er den jungen Halbschoschonen an, der mit seiner Größe die meisten anderen Männer des Lagers überragte. "Cameahwait hat den Wunsch geäußert, dich bei der Feier an seiner rechten Seite zu haben.”

Washakie nickte dankend. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, die Aufmerksamkeit aller auf sich gerichtet zu wissen, aber ihm blieb schwerlich etwas anderes übrig.

Während sie sich zum Hauptort der Festlichkeiten begaben, näherten sich von Südosten her Reiter. Bald hatten sie das Lager erreicht und zügelten ihre Pferde.

Ushopa war mit den Seinen heimgekehrt.

*

Washakle hatte sich rasch in der Menge versteckt. So kam es, dass er ihn früher erkannt hatte als dieser Washakle.

Cameahwaits Schützling ließ den Sohn des Medizinmannes nicht aus den Augen. Als sich ihre Blicke endlich doch trafen, glaubte Washakle bei seinem Rivalen ein erschrockenes Zusammenzucken zu bemerken. Ushopa fing sich jedoch rasch wieder. Seine Reaktion war niemand anderem aufgefallen.

Er ;hatte fünf Krieger bei sich. - Ahnte er bereits, wo sein sechster Krieger, Wotako, geblieben war?

"Welch freudenreicher Tag!,” ertönte Sacajas Stimme. "Erst ist der Häuptling zu uns zurückgekehrt, und nun auch mein lange vermisster Sohn! Wie ist. es euch ergangen?”

Washakle beobachtete ihn scharf. Trotz seiner so offen zur Schau gestellten Freude schien ihm der Schamane weniger überrascht als es eigentlich der Fall hätte sein sollen.

"Wir hatten Erfolg, Vater!“, ließ Ushopa sich vernehmen. "Die Schwarzfuß-Krieger werden sich hier so schnell nicht wieder blicken lassen.”

Washakie hielt mit Mühe ein grimmiges Lächeln zurück. Nur er wusste, dass sich bis vor wenigen Stunden wenigstens zwei davon nicht weit von hier niedergelassen hatten. Als Cameahwaits Bewacher.

“Dann hat sich Washakies Vorgehen und Handlungsweise während des Kampfes folglich als richtig erwiesen“, erklang es von Cameahwait. "Meine Entscheidung, ihn zum Führer des Kriegertrupps zu machen, kann also gar nicht so ganz falsch gewesen sein. Gibst du mir recht, Ushopa?“

"ich gebe dir recht, Häuptling.” Ushopa knirschte mit den Zähnen. Washakies Chancen, nach Cameahwait zum neuen Stammesoberhaupt bestimmt zu werden, waren nach dem Kampf in der Mesa des Roten Sandes erheblich gestiegen, die seinen hingegen um einiges gesunken.

“Dann lasst uns die gemeinsame Rückkehr feiern", schlug der greise Stammesführer vor und wechselte damit gnädigerweise das Thema. ”Für die Mühen dieser Festlichkeit möchte ich mich hiermit bei allen ganz herzlich bedanken.”

*

Washakie und Cameahwait hatten sich ziemlich früh in ihre Zelte zurückgezogen - der eine von dem Anstrengungen des Tages erschöpft, der andere von der entbehrungsreichen Gefangenschaft. Draußen wurde noch bis tief In die Nacht weitergefeiert, aber der  Stammesführer und sein Schützling nahmen bald nichts mehr davon wahr.

Stunden später schreckte Washakie hoch. Er hätte später nicht zu sagen vermocht, ob ihn eher das Rascheln oder der Geruch geweckt hatte. Als es soweit war und er seine Sinne noch längst nicht ganz beisammen hatte, rollte er sich rein Instinktiv zur Seite, und zwar so rasch, wie er nur konnte.

Die vorbei zischende Faust stieß das Messer in die Stelle des Bodens, auf der Washakie eben noch gelegen hatte.

Im Zelt war es stockdunkel. Washakie griff ebenfalls nach der Waffe und schnellte auf die Stelle zu, von der der trockene Aufschlag erklungen war.

Er prallte voll auf den Körper des Meuchelmörders. Sie verkrallten sich ineinander, und der Schwung trug beide durch die Zeitklappe ins Freie.

In unmittelbarer Flussnähe standen nur wenige Zelte. Während sie sich im Ufergras wälzten, versuchte jeder, das Messer des anderen von sich fern zu halten. Im Mondlicht erkannte Washakie, dass das Gesicht seines Gegners hinter einer Maske aus dünnem, weichem und schwarz gefärbtem Ziegenleder verborgen war. Sie schmiegte sich eng an die Gesichtshaut und. ließ nur Augen, Nase und Mund frei.

Er hatte wenig Zeit, sich darum zu kümmern. Der Gegner war gerade dabei, die Oberhand zu gewinnen.

––––––––

DER TOD SCHLÄGT WEITER ZU

––––––––

Es waren Habichte, die über den Felsen kreisten. Kit fragte sich, wie diese Raubvögel in der steinigen Einöde des Küstengebirges überhaupt Beute finden konnten. Doch unbeirrt zogen sie ihre endlosen Bahnen über den Gipfeln und durch die Schluchten.

Wie Wellen gingen die gigantischen Bergketten ineinander über, wie Korallenzweige zogen sich die Canyons durch Massen aus Granit und Malpais-Formationen, ein besonders hartes, eisenfarbiges und außerordentlich schweres, vulkanisches Gestein. Die Berge wiesen einen ungewöhnlichen Farbreichtum auf: rosa, rot, grün und verschiedene Pastelltöne, orange und ein bläuliches Grün. Das zarte, ebenmäßige Rosa ohne Maserung konnte versteinerte Asche aus der Urzeit sein. Quarz, Onyx und sogar Gold mochten hier in großen Mengen verborgen sein, doch wen kümmerte das? Die schimmernden Adern im Gestein verrieten hochkarätiges Achat, in Mengen, aus denen man Häuser hätte errichten können. Dann wiederum Quarz, in Schichtenköpfen  ...  Kit wurde des Schauens nicht müde.

Saragún dankte ihm den Einfall mit dem Hut in der gnadenlosen Hitze längst. Linda hatte sich ein Kopftuch gebunden.

Auch die Vegetation war zunächst nicht besonders abwechslungsreich: Elefantenbäume, die zerfallenen Granit als Boden zu schätzen schienen und die auch nahezu ausschließlich in Niederkalifornien heimisch waren, hatten Kit und seine Begleiter bereits auf der "Insel des Schutzengels" kennengelernt. Hier waren zusätzlich mannigfaltige Arten von Kakteen und Fettblattgewächse anzutreffen, die ebenfalls auf Granitland wuchsen. Sodann der Cirio, der Kerzenbaum, den man ebenfalls nur hier vorfand. Ihn gab es in den seltsamsten Gestalten: Hoch emporragend mit fünf oder sechs Abzweigungen, die sich alle zugleich gen Himmel reckten. Mit einem Hauptstamm, der schräg zur Seite wuchs, während Nebenäste nach oben weiter wucherten. Mit Gabelungen, um die sich Zweige wie in Todesnot korkenzieherartig wanden. Oder gar mit einem zentralen Stamm, der unvermittelt wie ein Elefantenrüssel abbog und nach unten weiter wuchs, bis er wieder den Boden erreicht hatte. Auch sein Laub war mit nichts vergleichbar.

Immerhin war die Luft klar und trocken. Linda fiel niemals hinter den Männern zurück und hielt sich so tapfer, wie sie es inzwischen von ihr schon gewohnt waren.

"Wir sind auf Gedeih und Verderb Ihrer Ortskenntnis ausgeliefert, Capitán”, bemerkte sie zwischendurch. “Das gilt vor allem für die Wasserstelle. Ich hoffe, Ihr Gedächtnis verlässt Sie nicht."

"Das ist meine geringste Sorge”, erwiderte Saragún. "Aber ich weiß zudem, dass es eine zuverlässige Quelle ist.“

"Was soll das nun wieder heißen?", hakte der junge Scout nach.

"Mit dem Wasser ist das hier so eine Sache”, erläuterte der Schwarze Flibustier. ”Wie zum Beispiel mit dem Chapala-See, dessen Boden glatt wie ein Bratpfannenboden ist, wenn er ausgetrocknet ist, und der bestenfalls im Winter voll Wasser steht. Andere Quellen sind trinkbar, vernichten aber jede Art von Vegetation. Der ganze Boden verwandelt sich allmählich in Wüste, aber kein Mensch weiß, warum das geschieht! Hier soll einst sogar eine große Zahl von Indianern gelebt haben, bis vor fast 200 Jahren eine lange Zeit der Dürre anbrach. Seitdem sind sie verschwunden. Aber wer hat diese Regionen jemals erkundet! Dennoch erzählt man slch, Baja California habe sehr viel mehr Wasser als die Leute annähmen. In gänzlich abgelegenen Teilen der Halbinsel, die niemals eines weißen Mannes Fuß betreten hat, soll es angeblich Canyons voller Palmen geben, wo Wasser fließt. Tiefe kristallklare Tümpel, in massiven Granit geschnitten, und sogar ein Land von jungfräulicher Fruchtbarkeit. Aber vielleicht sind das alles nur Legenden?“

Linda lief dennoch bei dieser Vorstellung in der Hitze bereits das Wasser im Mund zusammen.

Sie kamen weiterhin gut voran. El Corsario Negro wies einmal auf Zinnen in weiter Ferne, bei denen er die verschollene Mission von Santa Ysabel nach den Beschreibungen des Eremiten vermutete. Aber bis dahin war es noch eine ziemliche Strecke, die sie an diesem Tag nicht mehr schaffen würden.

“Am besten, wir schlagen dort vorne ein Lager auf“, meinte Saragún schließlich. "An jener Stelle gabelt sich der Canyon in zwei Teile. Der nördliche heißt La Asamblea der südliche Sal Si Puede.“

”Das klingt ein wenig nach Versammlung”, vermutete Kit, der des Spanischen mächtig war. "Den zweiten Namen.habe ich allerdings nicht verstanden.“

Diesmal war es an Saragún, zu. grinsen

"Vielleicht auch besser so. Wörtlich übersetzt bedeutet er: 'Finde wieder heraus, wenn du kannst‘.”

"Herrliche Aussichten”, bemerkte Kit.

*

Über die tatsächliche Aussicht, die sie von ihrem Lagerplatz aus hatten, konnten sie sich allerdings nicht beschweren.

Vom Golf kam ein kühlender Wind herüber. Wie ein azurblaues Laken schimmerten seine Gewässer aus der Tiefe zu ihnen empor.

Sie aßen von den Vorräten, die sie mitgebracht hatten, von den Fängen vor ihrem Aufbruch. Auch Trinkwasser war noch in genügender Menge vorhanden. Morgen mussten sie allerdings die von Saragún geschilderte Quelle unbedingt aufsuchen.

Sie genossen den Sonnenaufgang. Bevor die von keiner Wolke getrübte rotgelbe Scheibe hinter den westlichen Gipfeln verschwand, verwandelte ihr Licht die östlich gelegenen Inseln, von denen Kit und seine Begleiter gekommen wären, in Klumpen aus flammendem Gold, die im dunkelblauen Meer zu treiben schienen. Mit Saragúns Abwesenheit stellte der junge Scout fest, hätte der Abend vielleicht sogar noch an Romantik gewonnen.

Um Verlegenheiten zu vermeiden, bot er sich daher an, die erste Wache zu übernehmen.

Als er sicher war, dass Saragún und Linda eingeschlafen waren, stand er leise auf und entfernte sich. Er wollte gerne noch einige Runden drehen, um die Natur zu beobachten, ohne dabei das Lager aus den Augen zu. lassen.

In der Dunkelheit blieb er an einer Stelle hängen, an der seine nachtgewohnten Augen kein Hindernis wahrgenommen hatten. Er fing sich und ging vorsichtig in die Knie, um die Ursache festzustellen.

Später bei der Wachablösung, als der Mond sein kaltes Silberlicht auf dem ruhenden. Meer ausbreitete, zeigte er Saragún den gefundenen Gegenstand.

"Ich würde das fast für eine Angelschnur halten“, murmelte der Schwarze Flibustier, obwohl sie weit genug von Linda entfernt waren, um sie nicht durch ihre Stimmen zu wecken.

"Aus welchem Material?”, wollte Kit wissen.

Die Finger des Piraten rieben prüfend an dem dünnen Flechtwerk.

"Kein Hanf. Natürlich auch kein Pferdehaar. Schon eher Pflanzenfasern, aber nicht spröde. Vielleicht  ...  Palmenwurzeln?"

“Wir haben bisher keine einzige gesehen.”

"Dann aber würden die Gerüchte stimmen, dass es landeinwärts fruchtbarer ist.“

"Gut. Aber wer hat diese Schnur geflochten?”

"Wer schon. Möglicherweise dieses geheimnisvolle verschwundene Indianervolk.”

"Aber das soll doch bereits vor eineinhalb Jahrhunderten verschollen sein. Wie lange hält sich indes totes Pflanzenwerk, das ebenso lange ungeschützt der Witterung ausgesetzt ist?“

"Ich weiß es nicht.” Saragún senkte den Blick. "Ich hatte noch nie Gelegenheit, eine Schnur so lange zu beobachten."

''Beobachten, das ist es. Jetzt sind Sie für den Rest der Nacht an der Reihe, Saragún. Halten Sie die Augen offen."

*

Die Stunden bis zum Morgen verliefen ohne Zwischenfälle. Nach einem kurzen Frühstück brachen die Gefährten rasch auf. Linda hatte die restlichen Wasserbestände in einen einzigen Behälter umgefüllt.

Als Kit sein Entermesser aufhob und mit der anderen Hand die Schärfe prüfen wollte, gab es Funken und ein Knistern.

“Sankt-EIms-Feuer”, murmelte Saragún.

“Was soll das sein?”, fragte Linda, die erschrocken die bläulichen Funken mitbekommen hatte.

“Der Boden scheint elektrisch geladen zu sein”, erklärte der Schwarze Flibustier. "Kein Wunder, bei dem Reichtum an Erzen.“

"Dieses schroffe Land wird mir immer unheimlicher”, gestand die junge Frau. "Wenn ich allein wäre, dann würde ich verrückt werden."

"Wir bleiben zusammen", versicherte ihr Kit.

Linda warf ihm einen beredten Blick zu, sagte aber nichts und wandte sich schnell ab.

Saragún streckte unvermittelt seinen Arm aus.

“Da vorne“, wies er seine Begleiter auf die neue Entdeckung hin. "Wie ich es gesagt habe."

In weiter Entfernung waren vereinzelte Bäume zu erkennen, die hoch auf Simsen in den felsübersäten Bergen wuchsen. Kein Mensch wäre imstande gewesen, diese Stellen zu erklettern, doch den Baumwurzeln war es gelungen, dort einen Halt zu finden.

“Das sind Palmen“, führte der Schwarze Flibustier aus. "Normalerweise wachsen sie in tieferen Lagen, aber hier hat vielleicht der Chubasco mitgeholfen, ein heftiger, meist mit Regen verbundener Sturm, der im Sommer durch den Golf rast.“

“Komische Bäume", tat Linda ihre Meinung kund. “Sie sehen fast so aus, als trügen sie einen Rock.”

Saragún lachte.

”Das sind Blätter, die beim Chubasco abgerissen werden, und dann wie ein Nest um den Fuß der Palmen herumliegen oder solche, die beim Wachsen welken und nach unten knicken. Daher der ‘Rock‘“.

Inzwischen hatte Kit Spuren entdeckt, die von Wildkatzen oder Bergschafen stammen mochten, was bei der harten Bodenbeschaffenheit bestenfalls durch Fellreste eindeutig geklärt worden wäre. Bei der Verfolgung dieser Spuren stieß der junge Scout auf einen Höhleneingang, den er betrat.

Linda folgte ihm auf dem Fuß, Saragún bildete den Schluss und sicherte nach hinten.

Als sich die Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten, bemerkte Kit Schriftzeichen und Wandmalereien, die schon ziemlich   verwittert, doch immer noch erkennbar waren.

"Die Ureinwohner”, flüsterte er. "Was  ...  "

Abrupt brach er ab und legte den Finger an die Lippen, damit die Gefährten keine Fragen stellten. Sein feines Gehör hatte aus der Richtung des Höhleneingangs Geräusche vernommen. Es mochte irgend ein großes Tier sein, das sich vorsichtig im Freien bewegte. Als würde eine weiche Pfote sanft den Kies treten. Als würde sich ein Felsstück unter seiner Last leicht bewegen. Es konnte aber auch  ... 

Mit kampfbereitem Messer schritt der junge Trapper ebenso leise auf den Höhleneingang zu und verließ ihn schließlich, nach allen Selten sichernd.

Niemand. Nichts.

Wieder spürte er Lindas Griff um seinen Arm, dann sah auch er es.

Eine der Palmen, die sich in die gegenüber liegende Schluchtwand gekrallt hatte, brannte lichterloh!

"Das  ...  jemand muss sie angezündet haben. Mein Gott! Aber wie? Da kommt doch niemand hin!"

Die fernen Flammen loderten vorwiegend aus dem "Rock" des Baumes.Dichter grauer Rauch stieg an der Schluchtwand zum Himmel empor.

"Da muss nicht unbedingt jemand in der Nähe sein“, mutmaßte Saragún, in dem soeben eine unangenehme Erinnerung erwachte. "Es reicht völlig aus, wenn man genügend Glasspiegel  ...  “

"Was hier bestimmt nicht der Fall war”, konterte Kit.

Die Palme hatte sich inzwischen in einen Wirbel brüllenden Feuers verwandelt, das durch die Schlucht hallte. Die Flammenzungen loderten hoch in die Luft, viele Male höher als der Baum selbst. Über den Flammen schienen plötzlich ganze Wolken zu explodieren. Als das Feuer endlich keine Nahrung mehr fand, glühte nur noch der tote Stamm. Der Spuk schien vorbei zu sein.

"Diese explodierenden Schwaden  ...  das könnte die Erklärung sein", murmelte der Schwarze Flibustier eine neue Theorie. "Brennende Gase, die in den Palmblättern entstehen, welche einen nahezu oder völlig luftdichten Rock gebildet haben. Dazu die elektrische Ladung der Erze, Funkenbildung ...  und puff!"

"Sie könnten recht haben, Capitán”, stimmte ihm Kit zu. “Bevor wir hier noch in den Aberglauben unserer frühen Vorfahren zurückfallen  ...  ”

Ein gellender Entsetzensschrei Lindas ließ ihn nicht fortfahren.

In etwa zwanzig Yard Entfernung, in einem toten Winkel zum Höhleneingang, lag eine regungslose Gestalt.

Sie war noch nicht da gewesen, als sie die Höhle betreten hatten. Aber wie lange lag sie schon dort? Wie lange hatten sie in die Flammen gestarrt?

"Ich will nicht mehr!!“, schrie Linda mit sich überschlagender Stimme. "Was ist das für ein gottverdammtes Land, in dem  ..  .”

Ihr schienen endgültig die Nerven durchgegangen zu sein.

Saragún war mit einem Satz bei ihr, verschloss ihr mit seiner Pranke den Mund und hielt ihren bebenden Körper so lange fest, bis sie sich ein wenig beruhigt hatte.

Diesmal erkannte Kit den Toten sofort. Es war ein weiterer Pirat von der "Aguardiente”.

An seiner Todesart bestand schon nach dem ersten Blick kein Zweifel mehr. Die hervorquellenden Augen, der offene Mund, die Zunge  ... 

Er war erdrosselt worden. Mit seinem eigenen Stirnband.

"Offensichtlich folgen wir Ihrer abtrünnigen Mannschaft nach Norden, Capitán”, gab Kit seiner Meinung Ausdruck, als sein Herz wieder langsamer schlug. '‘Glauben Sie, Gamio hat etwas von dem Schatz der Jesuiten mitbekommen?”

"Das bestimmt nicht", erwiderte El Corsario Negro. '’Aber vielleicht etwas von der Wasserstelle.“

“Das klingt einleuchtend. Ich dachte zuerst an einen Mord aus Habgier, um die Beute in größere Brocken teilen zu können. Aber nein, das kann es nicht sein. Eher haben sie sich entschlossen, nach dem Verlust des Schiffes zu Fuß vor der mexikanischen Küstenpatrouille nach Norden zu fliehen.“

"So kommt es mir auch vor. Der arme Christobal." Saragún ließ Linda los, als er sah, dass sie sich wieder weitgehend beruhigt hatte, "Außerdem ist es bestimmt nicht Gamios Stil, die Gegend mit Leichen zu dekorieren."

"Er war vorher noch nicht da", flüsterte Linda. "Sie haben ihn hingelegt. Das waren die Geräusche, die wir in der Höhle vernommen haben. Sie  ...  sie sind noch in der Nähe  ...  “

Die junge Frau bewahrte ihre Fassung nur mit großer Mühe.

"Aber sie scheinen zu feige, um sich zu zeigen”, versuchte Kit ihr Trost zuzusprechen. “Vielleicht ganz gut so."

Welche Chancen haben wir schon mit unseren armseligen Entermessern, hätte er beinahe hinzu gefügt. Er unterließ es jedoch noch rechtzeitig.

––––––––

DAS URTEIL

––––––––

Am schlimmsten war, dass er kein Knie frei hatte. Der Maskierte hing an ihm wie eine Klette.

Washakie umklammerte immer noch den Messerarm des Meuchelmörders mit der Linken, während er sich mit dem rechten Ellenbogen im nassen Ufergras abstützte. Der Unbekannte dagegen versuchte mit der freien Hand, ihn zu würgen.

Lautlos ging der Kampf vor sich. In der Stille der Nacht wurde dieses Ringen um Leben oder Tod dadurch nur noch unheimlicher.

Plötzlich ein Lichtschein! Während sie weiter rangen, erkannte Washakie aus den Augenwinkeln, dass jemand mit einer Fackel näherkam.

Es war der greise Cameahwait! Sein unruhiger Altersschlaf hatte ihm anscheinend keine lange Erholung vergönnt.

Der Maskierte wurde durch das Fackellicht abgelenkt. Washakie gelang es endlich, den rechten Fuß frei zu bekommen. Dadurch schwächte er den Gegner in seiner Standposition und nutzte es sofort aus. Er trat ihm in den Leib.

Der andere gab einen Schmerzenslaut von sich, riss sich aber sogleich los. Im Nu war er im Dunkel der Nacht verschwunden.

Washakie traf Anstalten, ihm zu folgen, doch Cameahwait hielt ihn zurück.

"Lass ihn. Er könnte womöglich nicht allein sein und versuchen, dich in einen Hinterhalt zu locken."

Washakie neigte zu einer anderen Ansicht, gab jedoch nach. Cameahwait war der Häuptling. Er wusste, wie viel dem alten Mann an ihm gelegen war. Cameahwait wollte auf keinen Fall, dass er sich lebensgefährlichen Risiken aussetzte, wo es nicht zwingend notwendig war.

“Dieser feige Schakal!“, zischte der hochgewachsene Halbschoschone. “Noch dazu diese Maske! Ich würde ihn am liebsten  ...  “

“Kann es  ...  einer aus unserem Stamm gewesen sein?“

“Bestimmt nicht“, knurrte sein Schützling. “Ich erkenne einen Schwarzfuß-Krieger, wenn ich ihn nur rieche!“

"Vielleicht war es dann mein zweiter Entführer, der sich noch in der Nähe verborgen hielt, um sich an dir für den Tod seines Gefährten zu rächen.“

"Möglich", gab Washakie zu. ’'Hätte ich nicht so schnell mein Messer  ...  “

Plötzlich stutzte er.

‘'Halte die Fackel bitte etwas näher”, bat er den Häuptling "He! Das ist ja gar nicht mein Messer! Du weißt, dass ich meinen Messergriff mit Messingbändern und einem Hermelinfellstreifen gekennzeichnet habe, Cameahwait.“

"Jeder im Stamm weiß dies, Washakie. Mit diesem Messer hast du mich ja auch noch in der Höhle an der Schlucht der Bösen Geister losgeschnitten. Wo aber kommt diese andere Waffe her?“

Der Gefragte schüttelte ratlos den Kopf.

”Ich kann mich nicht erinnern. Zum Essen habe ich es nicht benutzt, abgelegt habe ich es auch nie, wie sollte es also  ...  Augenblick! Es kann mir gestohlen worden sein! Während des Gedränges, als wir ins Dorf zurückkehrten. Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht."

“Gestohlen und durch ein anderes ersetzt? Dafür kann ich mir keinen Grund vorstellen.“

"Jedenfalls wird der Dieb sich hüten, sich mit meinem Messer sehen zu lassen. Das rate ich ihm zumindest."

Nachdenklich kehrten sie in ihre Zelte zurück.

*

Am nächsten Morgen erwachte Washakie durch den Lärm, der von draußen in sein Zelt drang. Trotz des Anschlages war er schnell eingeschlafen und hatte im Schlaf Erholung gefunden. Die Anstrengungen des Vortages hatten ihren Tribut gefordert.

Vor dem Einschlafen hatten seine Gedanken noch kurz Kit Carson gegolten, seinem neuen Freund - seinem zweiten Freund unter den Weißen nach Jim Bridger, und natürlich Linda Carlisle. Zu ihr hatte ihn eine tiefe Zuneigung erfasst, die sich nur schwerlich unterdrücken ließ. Er hatte sich gefragt, wo sie wohl gerade steckten. Wie gerne wäre er doch bei ihnen gewesen! Doch konnte er sich seiner Verantwortung für den Stamm der Lemhi-Schoschonen und Cameahwait nicht entziehen.

Washakie schlug die Zeltplane zurück und ging in die Richtung, aus der das Stimmengewirr kam.

Die Stammesmitglieder umringten ein herrenloses Pferd, das einen beladenen Travois hinter sich herzog, einen Lastschlitten. Die Spuren im Gras verrieten, dass es aus östlicher Richtung auf das Lager zugekommen war.

Die Last auf dem Travois war unter einer Decke verborgen, wie sie die Schoschonen herstellten. Auch das Pferd stammte aus ihrer Zucht. Hatte es den Weg zurück allein gefunden?

Washakie kam gerade in dem Moment hinzu, als einer der Krieger die Decke wegzog. Ein lauter Aufschrei ging durch die Menge.

Auf dem Travois lag Wotakos Leiche, mit dem Bauch nach unten.

Und in ihrem Rücken steckte Washakies Messer.

*

Am Spätnachmittag des gleichen Tages fand bereits die Verhandlung statt. Unter dem Vorsitz des Ältestenrates wurde das unglaubliche Ereignis noch einmal besprochen. Auch der Häuptling und der Medizinmann waren selbstverständlich anwesend.

Der morgendliche Tumult stand noch wie ein Alptraum vor Washakies Augen. Wäre Cameahwait nicht so energisch eingeschritten, hätte man ihn vielleicht auf der Stelle umgebracht.

Der Stammesälteste erhob seine Stimme.

“Warum hast du zur Verfolgung der Schwarzfuß-Krieger nur sieben Männer mitgenommen anstelle der zwölf, die Washakie dir befohlen hatte, Ushopa?”

Der Angesprochene erhob sich und trat in den Vordergrund.

"Unsere Feinde waren völlig aufgelöst und verstört”, war seine Antwort. "Sie waren nur noch wenige. Es wäre ein Akt der Feigheit gewesen, sie mit so vielen Kriegern zu verfolgen.“

"Wotako war nicht unter den Zurückgeschickten. Wo befand er sich?”

"Kurz vor unserer Stammesgrenze ließ ich ihn umkehren, damit er Häuptling Cameahwait von meinem Entschluss berichten konnte, die geschlagenen Blackfeet noch weiter zu verfolgen, um ihnen ein- für allemal die Lust an weiteren Gebietsverletzungen zu nehmen.“

"Das war nicht Washakies Anweisung.“

"Es war mein eigener Entschluss, und ich stehe dazu."

Zustimmendes Gemurmel kam auf. Washakie hatte keine Sympathien mehr auf seiner Seite.

"Sollte Wotako auf dem kürzesten Weg hierher zurückkommen?"

”So lautete mein Auftrag. Ich wollte die Stammesführung nicht allzu lange im Ungewissen lassen. Dass ihr trotzdem so lange um uns gebangt habt, liegt einzig und allein am Verbrechen dieses Verräters!"

Washakie erkannte, dass er die Zuhörer noch stärker aufhetzen wollte, und er war außerstande, noch länger zu schweigen.

"Auf dem kürzesten Weg, ja? Führt er, wenn man von Osten kommt, über den Panguiteh River, wo dein Mann mir heimtückisch auflauerte? Dann kannst du uns ebenso gut erzählen, du würdest nach Westen reiten, um die aufgehende Sonne zu begrüßen!“

Trotz der angespannten Atmosphäre klang einzelnes Gelächter auf. Mit einer Armbewegung brachte der Stammesälteste alle zum Schweigen.

"Du hast nur zu sprechen, wenn du gefragt wirst, Washakie.”

"Ushopa lügt! Er  ...  “

“Schweig!“

"Washakie soll berichten, was passiert ist”, ließ sich Cameahwait vernehmen. Washakie wollte ihm einen dankbaren Bück zuwerfen, aber Cameahwait blickte in eine andere Richtung.

Der hochgewachsene Halbschoschone gab einen wahrheitsgemäßen Bericht des schlimmen Ereignisses von sich, der nichts beschönigte. Trotz einiger empörter Zwischenrufe schaffte er es, seine Schilderung abzuschließen.

"Du behauptest also, du hättest in Notwehr gehandelt“, stellte der Stammesälteste fest.

" Allerdings!"

"Wenn du ein reines Gewissen hattest: Warum hast du dann dem Stammesführer nicht sogleich nach deiner Rückkehr erzählt, was passiert ist?"

Das war eine heikle Frage.

"Jeder weiß, dass mein Verhältnis zu Sacaja nicht das allerbeste ist", versuchte es Washakie. "Ich hatte befürchtet, dass er mich nach einem solchen Geständnis verderben würde. Vor allem aber war ich durch seine Erwähnung von Cameahwaits Tod so verstört, dass ich an nichts anderes mehr dachte."

"Ist es Notwehr, wenn man jemandem das Messer in den Rücken sticht?”

"Ich habe doch schon erzählt, dass es mitten in der Nacht passiert ist, im Fluss, unter der Wasseroberfläche. Ich sprang von oben, sein Hieb ging fehl, ich stach zurück, als sein Körper an mir vorbei schoss. Warum forscht ihr nicht nach demjenigen, der das Pferd und die Leiche ins Lager geschickt hat? Was hat er zu verbergen, dass er nicht öffentlich auftritt? Er könnte euch nämlich sagen, dass mein Messer erst Tage später wieder in die Stelle zurück gesteckt wurde, an der ich Wotako damals traf. Seither hatte ich das Messer wieder bei mir.“

Wieder sprachen alle aufgeregt durcheinander.

"Fragt Cameahwait!“, rief Washakie über ihre Köpfe hinweg. "Er weiß, dass ich ihn erst gestern mit diesem Messer losgeschnitten habe!“

"Stimmt das?”, wandte sich der Stammesälteste an den Häuptling.

Alle Augen waren auf Cameahwait gerichtet.

"Ich kann mich nicht daran erinnern”, erwiderte das greise Stammesoberhaupt mit verhaltener Stimme.

Washakie war es, als hätte ihn ein Pferdehuf am Kopf getroffen.

"Du  ...  du kannst dich nicht erinnern?”, stammelte er fassungslos “Aber du hast heute Nacht doch selbst gesagt, dass  ...  "

"Jetzt ist es genug!“, ertönte erstmals die Stimme des Medizinmannes, der sich bisher zurückgehalten hatte, obwohl die Rede schon einige Male auf ihn gekommen war. "Willst du unseren Häuptling und deinen persönlichen Gönner jetzt auch noch der Lüge bezichtigen? Ist die Schwere deines Verbrechens nicht schon schlimm genug?"

Washakie war so durcheinander, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte. So blieb er Sacaja eine Antwort schuldig, die der Schamane auch gar nicht erwartet hatte.

Was um alles in der Welt war geschehen? Wie kam sein väterlicher Freund plötzlich dazu, die. Unwahrheit zu sagen, noch dazu in einer Form, die ihm den Kopf kosten konnte? Was war in ihn gefahren? Konnte gar die gefährliche Vergesslichkeit des Alters zugeschlagen haben?

Nein, das glaubte Washakie am allerwenigsten.

Seine Bestürzung ließ ihn die Umgebung nicht mehr wahrnehmen. Er hätte später nicht zu sagen vermocht, wie viel Zeit vergangen war, als der Stammesälteste endlich wieder das Wort ergriff.

"Die Beratung ist beendet. Obwohl alle Umstände gegen den Beschuldigten sprechen, kann auch kein Beweis dafür erbracht werden, dass eine Notwehr völlig ausgeschlossen ist. In seiner Fürsprache hat der Häuptling ferner darauf hingewiesen, dass es zwischen dem Toten und dem Beschuldigten keine persönlichen Fehden gegeben hat, die einen Mord gerechtfertigt hätten, und dass eine solche Tat auch in keiner Weise dem Charakter des Beschuldigten entspräche. Aufgrund dieser Fürsprache und aufgrund früherer Verdienste des Beschuldigten zum Wohle des Stammes erfolgt kein Todesurteil. Der Beschuldigte wird jedoch aus dem Stamm der Lemhi-Schoschonen ausgestoßen.”

”Pah!“, rief Ushopa empört "Dieses Urteil ist viel zu milde!"

Eine Viertelstunde später hatte Washakie das,Dorf am Fluss verlassen. Keiner hatte es gewagt, ihm Schmährufe hinterher zu schicken.

Cameahwait verließ sein .Zeit erst, als Washakie zwischen den Bergen verschwunden war. Die Stammesmitglieder standen noch allerorts in Gruppen zusammen, um die Entscheidung des Ältestenrates zu diskutieren. Sie senkten die Stimmen, als Cameahwait an ihnen vorbei ging. Auch er hatte kein Bedürfnis, mit ihnen zu sprechen. Er wollte lieber allein sein. Diejenigen, die auf seiner Seite, auf der Seite des Friedens standen, würden ihm auch weiterhin treu bleiben. Wenigstens hoffte er das. Zwingen konnte er keinen. Es war aber auch nicht nötig, dass sie ihm gleich jetzt ihr Bedauern aussprachen.

Wotakos Leichnam war aufgebahrt worden. Er würde bald eine würdige Bestattung erfahren.

Der greise Häuptling entfernte sich flusswärts aus dem Dorf - nicht in die Richtung, in die Washakie mit seinem geringen Hab und Gut, soweit es sich auf einem Pferd verstauen ließ, davon geritten war, sondern südwärts.

Lange starrte er in das träge dahinfließende Wasser. Er schreckte erst aus seinen Gedanken hoch, als er Schritte vernahm.

Es war Hoquana.

“Ich wollte dich nicht stören, Häuptling“, sagte er leise. “Es gibt Augenblicke, in denen man allein sein möchte. Momente, in denen man eine Last zu tragen hat, die man nicht teilen kann, und eine Verantwortung spürt, die einsamer macht als man es will. Daher weiß ich nicht, ob deine augenblickliche Einsamkeit freiwillig ist oder nicht, Häuptling. Sollte sie es nicht sein, dann möchte ich dir sagen, dass viele Stammesgenossen große Anteilnahme für deine schwere Entscheidung hegen.”

Cameahwait hob den Kopf und wandte sein sorgenvolles Gesicht dem Sprecher zu.

"Ich danke dir für deine einfühlsamen Worte, Hoquana. Du hast recht: Es gibt Entscheidungen, bei denen man sehr einsam ist. Das Urteil des Stammesgerichts aber fiel durch den Ältestenrat, nicht durch mich allein.”

"Dennoch warst du es, der bis zuletzt zu Washakies Gunsten gesprochen hat. Dir hat er es insgeheim zu verdanken, dass es nicht schlimmer für ihn ausgegangen ist."

"Schlimm genug, Hoquana. Du bist ein neutraler Krieger und stehst weder auf Sacajas noch auf meiner Seite, sondern versuchst, das Beste und die Wahrheit auf dem Mittelweg zu finden. Vielleicht, ist dies das Weiseste. Aber du weißt auch, wie sehr ich an Washakie gehangen habe - und immer noch hänge. Es tut mir tief in meinem Herzen weh, dass er uns verlassen musste. Aber Ich bereue meine falsche Aussage vor dem Stammesgericht nicht, die du als neutraler Krieger für dich behalten wirst. Behalten musst, denn du kannst sie nicht nachweisen."

“Was meinst du damit?”, fragte Hoquana verstört.

"Washakie hatte recht. Er hat mich mit dem Messer befreit, das in Wotako steckte.”

"Aber dann hast du  ...  hast du  ...  "

”Die Unwahrheit gesagt, ja.”

"Warum das? Warum?"

"Zu viele Anschläge." Cameahwait senkte die Stimme. "Zu viele Anschläge auf sein Leben. Er schwebte in größerer Todesgefahr als er begreifen konnte. Ich habe mir vieles zusammengereimt. Unheil hat sich in unseren Stamm und in unsere Herzen geschlichen. Großes, geheimnisvolles Unheil, das noch die wenigsten bemerkt haben und vielleicht überhaupt noch niemand begriffen hat. Mich hat man nur entführt. Ihn aber wollte man mehrmals beseitigen. Deshalb habe ich das gesagt, was du als Lüge interpretierst. Es geschah zu nichts anderem als seinem Schutz! Als Verstoßener hat er eine weit größere Überlebenschance als hier inmitten unbekannter Feinde.”

Cameahwaits Blick glitt melancholisch in die Ferne.

"Ich bin ein alter Mann, der sich nicht mehr viel zu wünschen hat. Aber eines hoffe ich doch: Dass Washakie eines Tages mein Verhalten begreifen und mir nicht mehr gram sein wird.“

––––––––

DIE PFORTE

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Kit Carson dachte an Washakie. Nur zu gerne hätte er den wackeren Kampfesgefährten in dieser ungewissen und bedrohlichen Situation an seiner Seite gewusst.

Bernardino Saragún war freilich kein schlechter Ersatz. Feigheit schien für diesen alten Haudegen ein Fremdwort zu sein. Außerdem kam seine Ortskenntnis hinzu, die für die Gefährten ein großer Vorteil war. Das Erlebnis mit der Klapperschlange hatte dem Piraten allerdings ordentlich zugesetzt.

"Je weiter wir hinab kommen, desto bequemer werden die Wege", meldete sich Linda zu Wort. "Hat das einen bestimmten Grund?”

"Allerdings", erwiderte der Pirat. "Während der Zeit der Missionen wurden hier zahllose Pfade angelegt. Inzwischen sind wieder eine Menge Felsblöcke auf sie herab gestürzt, doch man kann sie immer noch erkennen. So war die alte Mission Santa Maria zum Beispiel von der Golfseite aus über einen solchen Pfad versorgt worden. Und von der Bucht von Gonzaga bis zur Mission waren es fast zwanzig Meilen Die zur Seite geräumten Felsen waren nicht nur eine gute Markierung, Ihre Wälle bildeten auch einen derart scharfen Kontrast zu dem Pfad, dass es sogar in klaren Nächten ohne Mondschein möglich war, ihm zu folgen. Daher haben wir es auf bestimmten Wegen immer noch verhältnismäßig bequem, Miss Linda. Sie führen auch zu der mir bekannten Quelle. Hier liegt sie.”

Ihr Canyon mündete in eine palmenumsäumte Ebene von überraschender Fruchtbarkeit. Dass es hier Trinkwasser geben musste, erkannte man bereits an der üppigen Vegetation. Fast musste man an einen Hain denken, in dem sich auch einige flache Tümpel befanden.

"Hier war vor kurzem schon jemand.“ Kit wies auf eine kleine Grünfläche, die deutliche Begehungsspuren aufwies.

Ein zweiter Blick verriet dem spurenerfahrenen Trapper, dass ein Kampf stattgefunden hatte. Er gab Saragún einen Wink, wieder allein die Umgebung im Auge zu behalten und begann systematisch den Grasboden abzusuchen.

Er fand Stoffreste mit den grellen Farben, wie sie für die Piraten des Schwarzen Flibustiers charakteristisch waren. Er fand Pfeile, die seine letzten Zweifel daran beseitigten, dass in dieser zerklüfteten Wildnis doch noch Eingeborene überlebt haben mussten, die nicht vor fast zweihundert Jahren mit den anderen aufgrund des mysteriösen Wasserverschwindens fortgezogen waren; sie hatten Nachkommen gezeugt, mit denen Manuel Gamios Trupp offensichtlich erhebliche Schwierigkeiten hatte. Auch fand er ein kunstvoll gearbeitetes winziges Kruzifix.

"Gehört das einem Ihrer ehemaligen Männer, Capitán?”

"Bestimmt nicht.” Saragún schüttelte den Kopf. "Keiner von ihnen trägt so was.“

Kits Kopf fuhr herum. An der glatt aufsteigenden nordwestlichen Felswand glaubte er eine huschende Bewegung wahrgenommen zu haben. Eine kleine Insel von Mesquitebüschen säumte an dieser Stelle die Klippen.

"Was ist?”, wollte Linda wissen.

“Da hat sich etwas gerührt“, raunte der hochgewachsene junge Scout.

“Ich habe nichts gesehen”, gestand Saragún.

Zu dritt gingen sie auf das Buschwerk zu. Kit schlich mehrmals um das Mesquitegestrüpp herum und verharrte unvermittelt.

“Da Ist ein Loch!”, flüsterte er.

"Gamios Leute sind jedenfalls woanders hin", ließ sich der Schwarze Flibustier vernehmen. "Ihre Spuren führen in einen Seitencanyon. Wahrscheinlich wurden sie verfolgt.“

Kit hörte nur mit einem Ohr auf seine Worte. Die Neugierde hatte ihn gepackt. Er bemerkte beim Eindringen in das Buschwerk überhaupt nicht mehr, dass ihm Linda und Saragún auf dem Fuß folgten.

Sie hatten bald die Stelle erreicht, an der die Büsche die Felswand berührten. Auch in ihr befand sich ein Loch.

Saragún stieg als letzter durch. So erfasste er auch als letzter den grandiosen Anblick, der sich Ihnen bot.

"Weg von hier!"

Bevor Saragún reagieren konnte, war Kit herbei gesprungen und hatte ihn nach vorne gerissen. Dicht hinter ihnen donnerte eine Felslawine herab. Als sich der Staub verzogen hatte, erkannten sie, dass der Eingang hinter ihnen vollständig blockiert worden war.

Plötzlich hallte ein höhnisches Gelächter durch die Schlucht, das ihnen durch Mark und Bein ging. Es. wurde so lange und so vielfach von den Canyonwänden zurückgeworfen, dass die Eingeschlossenen anfangs gar nicht merkten, wie es in Worte überging, die sich ebenfalls endlos wiederholten.

”Sal si puede  ...  sal si puede  ...  sal si puede  ... sal si puede  ...  “

Als sie die Laute endlich auseinanderhalten und verstehen konnten, sahen sich die Gefährten entsetzt an.

Inzwischen wussten sie alle drei, welchen verhängnisvollen Sinn diese Worte hatten.

––––––––

SANTA YSABEL

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Bernardino Saragún war auf vieles vorbereitet gewesen, aber nicht auf diesen Anblick.

"Santa Virgen!“, murmelte der Schwarze Flibustier ergriffen. “Ein wahrer Garten Eden!"

Sein Erstaunen war nicht verwunderlich. Seit die drei Ausgesetzten ihren Fuß auf die niederkalifornische Halbinsel gesetzt hatten, waren sie auf der verzweifelten Suche nach Trinkwasser endlose Meilen durch eine granitene Gebirgslandschaft gezogen, deren sonnendurchflutetes Gestein ihre Ausdauer auf eine geradezu unmenschlich harte Probe gestellt hatte. Doch sogar Linda Carlisle hatte wacker durchgehalten, und Kit Carson bewunderte sie von Tag zu Tag mehr.

Nun lag ein Terrain vor ihnen, das nicht mit dem bisherigen zu vergleichen war.

Unüberwindliche Canyonwände umschlossen eine fruchtbare Ebene, schützten sie vor den Fallwinden, die in den Buchten weiße Schaumkämme auftrieben, und vor dem Chubasco, dem mexikanischen Wirbelsturm, der im Sommer durch den Golf tobte. In Jahrmillionen hatte sich hier spendender Humus gesammelt und erhalten.

Er wurde bestellt!

Weingärten zogen sich bis an die Klippen, ein Olivenhain war von breiten Wegen umsäumt. Kleine Plantagen mit Zitronen, Orangen und anderen Zitrusfrüchten bildeten lebhafte-Muster, und weite Maisfelder erstreckten sich bis in einen Bereich, den die drei Schicksalsgenossen nicht einsehen konnten, da er hinter der westlichen Felsenwand verborgen lag, die nach links abbog.

"Mit zwei Unterschieden", ging Kit Carson auf Saragúns Bemerkung ein. "Erstens: Wir sind zu dritt, nicht zu zweit.“

Der hochgewachsene junge Trapper konnte es bei diesen Worten nicht unterlassen, Linda einen unauffälligen kurzen Blick zuzuwerfen, den sie dennoch wahrnahm, was daran zu erkennen war, dass sie errötete.

"Zum anderen: Die ‘Pforten des Paradieses‘ haben sich nicht dann verschlossen, als wir es verlassen, sondern als wir es betreten haben. Allerdings sollten wir diese Maßnahme nicht als endgültig betrachten. Sie kam zwar von oben, aber gewiss nicht von höherer Stelle.“

Saragún wusste diesen grimmigen Humor zu schätzen. Er schob den breitrandigen Americano-Hut, den er auf Kits Anraten einem toten Piraten am Strand abgenommen hatte, in den Nacken. Längst war er ihm ein unentbehrlicher Schutz gegen die gnadenlos herab sengende Sonne geworden. Während der Schwarze Korsar die weit über ihnen liegenden Klippenränder musterte, kratzte er sich nachdenklich seinen üppigen schwarzen Vollbart.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738902853
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320138
Schlagworte
carson bittere rückkehr

Autor

Zurück

Titel: Kit Carson #8: Bittere Rückkehr