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Blaurock, willst du ewig leben?

2016 120 Seiten

Leseprobe

BLAUROCK, WILLST DU EWIG LEBEN?

Timothy Kid

Western

Copyright

Impressum

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und

BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover by Firuz Askin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin

Munsonius.

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*postmaster@alfredbekker.de <postmaster@alfredbekker.de>*

Klappe

Frank Latimer überlebt wie durch ein Wunder als Einziger einen Angriff feindlicher Kiowas auf eine Patrouille der US-Kavallerie. Bei seinem Versuch, sich nach Fort Pecos durchzuschlagen, trifft er auf Kitty Jones – und gerät dadurch vom Regen in die Traufe: Kitty gilt als vermeintliche Mörderin, seit sie in Notwehr einen Mann töten musste, und wird nun vom Vater und den Brüdern des Toten gejagt. Die weißen Verfolger sind fest entschlossen, auch mit Frank kurzen Prozess zu machen – wenn ihnen die Kiowas nicht zuvorkommen, die weiterhin Skalpe erbeuten wollen.

Wohin Frank und Kitty sich auch wenden, überall wartet die Hölle auf zwei Verlorene in der Wildnis von Texas... 

Das ist „Tim“ Kid von seiner besten Seite – ein Roman aus der Zeit des amerikanischen Wilden Westens – hart und spannend! (Jörg Munsonius)

Roman

Die texanische Sonne stand im Zenit, als die Soldaten die Ausläufer der Red Rock Mountains erreichten.

Die Kavalleristen eskortierten einen Planwagen mit Armeegut und waren während der letzten Stunden über ein spärlich bewachsenes Hügelland

gezogen. Jetzt aber bestimmten steile Berge, schmale Schluchten und bizarre Felsformationen das Bild der Landschaft – eine Gegend, wie geschaffen für einen Überfall durch feindliche Indianer.

Bisher hatte die Männer das Stampfen der Pferdehufe, das Knarren des Sattelleders und das gelegentliche Klirren von Säbeln und Steigbügeln begleitet.

Jetzt kam noch etwas hinzu: die unsichtbare Drohung, die von der immer zerklüfteter werdenden Wildnis ausging und die Männer in den blauen Uniformen zusehends gereizter machte.

»Verdammte Hitze!« Frank Latimer fuhr sich mit dem rechten Handrücken über die schweißnasse Stirn. »Allmählich beginne ich mein Pferd zu beneiden, das braucht wenigstens keine Uniform zu tragen!«

»Sei froh, dass du schwitzt!«, meinte der neben Frank reitende Danny Stewart, ein schlaksiger Bursche mit strohblondem Haar. »So lange dir der Schweiß aus allen Poren dringt, lebst du nämlich noch. Und das ist allemal besser als die feuchte Kühle eines Grabes.«

»Du bist und bleibst ein ewiger Pessimist«, hielt Frank seinem Kumpel entgegen. »Seit wir Fort Pecos verlassen haben, sprichst du von nichts anderem als Indianern. Bis jetzt war von den Kiowas aber nicht einmal eine Federspitze zu sehen.«

»Das muss nichts bedeuten«, blieb Danny Stewart skeptisch. »Indianer sind dir immer dann am nächsten, wenn du am wenigsten von ihnen siehst.«

»Behaupten diejenigen, die noch nie einen Indianer zu Gesicht bekommen haben«, sagte Frank. Es sollte selbstsicher klingen, dennoch schwang in seinen Worten auch Furcht mit.

Der Schnitt seiner Gesichtszüge verlieh dem dunkelhaarigen Soldaten etwas Verwegenes, und Frank konnte auch getrost als Abenteurer bezeichnet werden. Er zählte jetzt fünfundzwanzig Jahre und hatte bisher immer seinen Mann gestellt. Aber er war auch Realist genug, um eine Gefahr als solche zu erkennen. Und jetzt lag die Gefahr förmlich in der Luft!

Wie um sich seine Furcht nicht eingestehen zu müssen, fügte er noch rasch hinzu: »Wenn die Kiowas wirklich scharf auf unsere Skalpe wären, hätten sie uns längst angegriffen. Wir sind doch diese Strecke schon einmal geritten, nur in die entgegengesetzte Richtung. Außerdem befindet sich in dem Planwagen nichts, was für Indianer von Bedeutung sein könnte. Keine Waffen und auch keine Munition, sondern nur Formulare, Beförderungsurkunden, vielleicht auch französische Unterwäsche für die Frau des Majors... «

»Und eine Kiste mit Dollars«, flüsterte Danny Stewart beinahe ehrfurchtsvoll. »Der Sold von drei Monaten für die gesamte Besatzung von Fort Pecos.«

»Ich weiß.« Frank nickte. Jeder der Männer, die vor drei Tagen von Fort Pecos nach Camp Bowie aufgebrochen waren, wusste um den Inhalt des Planwagens Bescheid. Schließlich hatten sie ihn gestern in Camp Bowie eigenhändig beladen. Übermorgen würden sie mit ihrer Fracht wieder durch das Tor des Forts fahren – wenn nichts dazwischenkam...

Insgesamt zwanzig  Soldaten, der Kutscher sowie der Begleitfahrer miteingerechnet, bewachten den Planwagen. Acht Kavalleristen ritten in einer Doppelreihe zu jeweils zwei Mann vor dem Prärieschoner, zehn dahinter. Frank Latimer und Danny Stewart bildeten das Schlussglied der Einheit, die von einem Lieutenant und einem Sergeant angeführt wurde.

Lieutenant Neil Perkins war ein schneidiger West-Point-Absolvent, der seine Unkenntnis in praktischen Dingen des Soldatenlebens mit profunder Kenntnis sämtlicher Dienstvorschriften ausglich. Selbst hier, mitten in der Wildnis, reinigte er regelmäßig seine Uniform und putzte sich täglich die Stiefel.

James Bradley verkörperte das genaue Gegenteil seines Vorgesetzten. Der krummbeinige und vollbärtige Sergeant war ein alter Haudegen, der schon seit einer halben Ewigkeit das Blau der Army trug. Dass er  bei all seiner Erfahrung noch keinen höheren Dienstgrad bekleidete, lag allein daran, dass er auch Offizieren gegenüber mit seiner Meinung einfach nicht hinter dem Berg halten konnte.

»Für unsere Gelder haben die Roten aber keine Verwendung«, fuhr Frank nach einer kurzen Sprechpause fort. »Wenn wir wenigstens Whisky geladen hätten, den könnten sie sich hinter das Stirnband kippen, bis sie sternhagelvoll sind. So aber...«

»Ruhe im Glied!«, brüllte der Lieutenant  und wandte sich kurz im Sattel.

Frank wunderte sich, dass sein Vorgesetzter von dem Gespräch überhaupt etwas mitbekommen hatte. Das Rattern der Räder und das Stampfen der beschlagenen Hufe mussten auf die Entfernung hin eigentlich jedes Wort übertönen. Aber der Lieutenant hörte wohl sogar die Flöhe husten.

Frank zuckte nur mit den Schultern und schwieg fortan. Die Lust auf ein Gespräch war ihm sowieso vergangen. Zu sehr beunruhigte ihn die zerklüftete Landschaft ringsum. Überall wuchsen meterhohe Felswände empor, die sich allmählich zu einem schmalen Tal verengten.

Plötzlich war ein eigenartiges Surren in der Luft. Frank stutzte.

Danny Stewart schien das Geräusch ebenfalls gehört zu haben, denn er richtete sich jetzt kerzengerade im Sattel auf und sah Frank ungläubig an.

Langsam entglitten ihm die Zügel, und seine Augen traten weit aus den Höhlen.

»Frank«, presste er noch über die Lippen, bevor blutiger Schaum aus seinem Mund drang. Schließlich kippte er steif wie eine Puppe kopfüber aus dem Sattel.

Voller Entsetzen starrte Frank Latimer auf den gefiederten Pfeil, der aus dem Rücken des Soldaten ragte.

* * * * *

Danny Stewarts Körper war kaum zu Boden geschlagen, da zerriss der peitschende Knall eines Schusses die hitzeflirrende Stille.

Zuerst dachte Frank, der Schuss hätte ihm gegolten. Er erwartete schon den Einschlag der Kugel, als er den Aufschrei an der Spitze der Truppe vernahm, wo nun ein weiterer Soldat von seinem Pferd stürzte.

Die Indianer mussten überall sein!

»Kiowas!«, brüllte Lieutenant Neil Perkins und stieß seinen linken Arm nach vorne. »Im Galopp – vorwärts!«

Für die Dauer eines Herzschlages fühlte sich Frank hin- und hergerissen. Alles in ihm wehrte sich dagegen, Danny einfach so zurückzulassen. Danny, der immer sein bester Freund gewesen war und mit dem er eben noch gesprochen hatte!

Aber würde es irgendetwas am Schicksal seines ehemaligen Kameraden ändern, wenn er jetzt hier blieb? Nein! Jetzt galt es nur, das eigene Leben zu retten!

Frank zog seinen Colt, drückte dem Pferd kurz die Beine gegen die Flanken, und der Hengst preschte los, bildete gemeinsam mit den Leibern der übrigen Tiere einen Keil aus wirbelnden Hufen und wehenden Mähnen.

Bald schon hatte sich die ursprüngliche Formation der Kavalleristen völlig aufgelöst. Die Soldaten ritten vor, hinter und neben dem Planwagen und gaben dabei vereinzelte Schüsse auf die Hänge links und rechts des Weges ab. 

Noch zeigten sich die Kiowas nicht, blieben sie in sicherer Deckung. Nur das Aufblitzen von Mündungsfeuern und kleine Wölkchen aus Pulverdampf verrieten die Standorte der indianischen Schützen.

Auf der Brust eines neben Frank reitenden Soldaten breitete sich plötzlich ein roter Fleck aus. Der Mann griff sich noch an die Wunde, dann stürzte er von seinem Pferd und verschwand im aufgewirbelten Staub.

Unwillkürlich duckte sich Frank noch dichter an den Hals seines Tieres. In den Ohren des jungen Soldaten dröhnte das Krachen der Gewehre und Revolver, und seine Augen brannten vor Staub. Die Kommandos von Lieutenant Perkins und Sergeant Bradley drangen wie aus weiter Ferne zu ihm.

Die Kavalleristen fegten durch das schmale Tal, als sei der Teufel hinter ihnen her. Dann, nach mehreren hundert Yards, wichen die kahlen Felshänge allmählich zurück, und die Landschaft wurde wieder etwas weiträumiger.

Wir haben es geschafft!, durchfuhr es Frank. Wir sind den Roten entkommen!

Dass er dabei einem Trugschluss aufsaß, erkannte er wenige Augenblicke später.

Zur Rechten der Soldaten erhob sich ein terrassenförmig ansteigendes Felsmassiv, aus dem Wind und Wetter wie aufgesetzt wirkende Türme geformt hatten. Links von den Kavalleristen erstreckten sich sanft ansteigende, mit spärlichem Buschwerk bewachsene Hänge, die schließlich in flache Hügelkuppen übergingen. Und von beiden Seiten brachen jetzt berittene Kiowas hervor, deren Oberkörper und Gesichter mit den grellen Farben des Krieges beschmiert waren. Die Gewehrläufe und Lanzenspitzen der Indianer funkelten im Licht der Sonne, ihr gellendes Geheul stieg zum wolkenlosen Himmel empor.

Eine perfekte Falle!, durchzuckte es Frank. Zuerst haben uns die Indianer von ihren sicheren Verstecken aus dezimiert, und jetzt gibt uns eine berittene Streitmacht den Rest!

»Weiter, Männer!«, brüllte Lieutenant Perkins mit sich überschlagender Stimme. »Schießt auf jedes Stückchen rote Haut, das euch vor den Lauf kommt!«

Wie eine alles mit sich reißende Flut galoppierten die Krieger von beiden Seiten auf die Soldaten zu, ritten schon bald auf gleicher Höhe mit ihnen. Frank schätzte die Anzahl der Kiowas auf weit über fünfzig – eine erdrückende Übermacht, gegen die die Kavalleristen nicht den Hauch einer Chance hatten.

Ein Indianer, der sein Pferd nur mit den Schenkeln lenkte, schwang soeben sein Gewehr an die Wange. Der Lauf der Waffe war genau auf Frank gerichtet.

Der junge Soldat schwenkte seinen Arm zur Seite, zielte kurz auf den Krieger und zog dann den Stecher durch.

Der Kiowa warf die Arme empor, verlor seine Waffe und kippte rücklings vom Pferd.

Ich habe soeben einen Menschen umgebracht!, drang es in Franks Bewusstsein, und er fühlte eine seltsame Leere in sich aufsteigen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er einen Feind im Kampf getötet – und niemand hatte ihn je auf diesen blutigen Moment der Wahrheit vorbereitet! 

Der Planwagen war inzwischen mit Pfeilen nur so gespickt. Während der Kutscher seine Peitsche unentwegt auf die Rücken des Vierergespanns knallen ließ, feuerte der Begleitfahrer mit seinem Gewehr auf die berittenen Schemen, die immer wieder aus der Staubwolke auftauchten.

Schon hatten die ersten Kiowas das Gefährt eingeholt. Der Kutscher bemerkte aus den Augenwinkeln heraus einen Krieger, der soeben zum Wurf mit dem Tomahawk ausholte. Er schlug mit seiner Peitsche nach dem Indianer, und das Leder wand sich schlangengleich um das Handgelenk des überraschten Kriegers. Nach einem heftigen Ruck an der Peitsche war die Satteldecke des Ponys auf einmal leer.

Noch bevor der Soldat wieder auf das Gespann einschlagen konnte, raste von seiner linken Hüfte aus ein glühender Schmerz durch seinen Körper. Er blickte an sich hinab und sah das Einschussloch der Gewehrkugel, um das herum sich sein Hemd rot vor Blut färbte.

Der Kavallerist konnte die Zügel nicht mehr halten, die Peitsche entfiel seiner Hand.

Sein Begleitfahrer entriss ihm gedankenschnell die Zügel, den tödlich getroffenen Kameraden konnte er jedoch nicht mehr halten. Der Soldat stürzte vom Bock, das Gesicht verzerrt vor Schmerzen und Entsetzen. 

Der Begleitfahrer, der nun keine Hand mehr zum Feuern frei hatte, überlebte den Kutscher keine Minute. Ein Pfeil flog heran, einen Lidschlag später kippte der Mann mit durchbohrter Kehle von der Kutschbank. Die nachfolgenden Kiowas galoppierten achtlos über den Sterbenden hinweg.

Bedingt durch den Kampfeslärm, ging das führerlos gewordene Gespann nun vollends durch. Schaum flockte von den Mäulern der Pferde, die in halsbrecherischem Galopp querfeldein über das holprige Gelände preschten. Die Zügel der Tiere schleiften unter der Deichsel am Boden, die Wagenachsen knirschten bedrohlich, der hölzerne Aufbau knarrte und ächzte.

––––––––

Hinter einer Sanddüne wuchs bedrohlich ein Felsblock empor. Das Gespann fegte haarscharf an dem Hindernis vorbei, der Planwagen prallte mit einer Seite voll gegen das Gestein.

Der halbe Kutschbock und das rechte Vorderrad krachten in tausend Stücke, Holzsplitter und Späne flogen durch die Luft. Nachdem die Pferde den Wagen noch einige Yards durch den Sand geschleift hatten, beruhigten sie sich, und die Schreckensfahrt war zu Ende.

Lieutenant Neil Perkins zügelte augenblicklich sein Pferd.

»Alles absitzen zum Gefecht zu Fuß!«, schrie er. »Wir kämpfen bis zur letzten Kugel!«

Im Grunde genommen war sein Befehl überflüssig. Es spielte keine Rolle, ob das letzte Gefecht zwischen Indianern und Soldaten hier oder einige hundert Yards weiter stattfand. Aber der Lieutenant war sich seiner Verantwortung durchaus bewusst. Niemand sollte ihm später nachsagen können, dass er den Planwagen leichtfertig dem Feind überlassen hätte.

Die restlichen Soldaten schwangen sich sofort aus den Sätteln. Während einige Kavalleristen nach den Zügeln der Pferde griffen, postierten sich die anderen mit schussbereiten Gewehren um den Planwagen und die Reittiere. Als Deckung dienten ihnen niedrige Felsen und vereinzelte Sträucher.

Auch Frank wollte dem Befehl des Lieutenants Folge leisten, aber das Schicksal kam ihm zuvor.

Er spürte noch, wie ein Zittern durch den Leib des Pferdes ging, dann brach das tödlich getroffene Tier unter ihm zusammen.

Frank zog instinktiv die Füße aus den Steigbügeln und sprang aus dem Sattel. Rasch rollte er sich ein paar Mal um die eigene Achse, um vom schweren Körper des Tieres nicht erdrückt zu werden.

Dann brach um ihn herum die Hölle los.

* * * * *

Frank konnte förmlich die Erschütterung des Bodens spüren, als das Pferd nur unweit von ihm entfernt niederstürzte. Nach einem letzten Schlagen mit den Hufen hatte das Tier es überstanden.

Hastig kroch der junge Soldat zurück zu seinem Pferd. Er zog das Gewehr  aus dem Scabbard  und schob den Lauf über den Kadaver, hinter dem er sich nun verbarg. Wenn sein Tier schon hatte sterben müssen, sollte es ihm wenigstens als Deckung dienen.

Die Kiowas jagten heran wie der Sturmwind. Mit lautem Geschrei ritten sie um die Soldaten im Kreis, zogen dabei ihre tödliche Schlinge immer enger.

»Feuer!«, befahl Lieutenant Perkins, und aus den Soldatengewehren stachen fußlange Mündungsflammen hervor.

Die Projektile fegten einige Krieger von den Rücken ihrer Ponys, doch die übrigen Indianer deckten die Kavalleristen weiterhin mit ihren Pfeilen und Gewehrkugeln ein.

Ein Soldat wurde von der Wucht des ihm in die Brust fahrenden Pfeils rücklings auf die Hacken geschleudert, auf der Stirn eines anderen Mannes klaffte plötzlich ein blutiges Loch. Der Getroffene sackte über einem Felsblock zusammen, das Gewehr entglitt seinen Händen und rutschte mit einem metallischen Scheppern über das Gestein zu Boden.

Lieutenant Neil Perkins trieb seine Männer unentwegt zum Nachladen an. Ständig rasselten Karabinerschlösser, flogen leere Messinghülsen blinkend in den Sand. Ein Soldat hatte gerade eine neue Patrone in die Kammer seines Gewehrs geschoben, als die Lanze eines Kiowas seinen Oberkörper durchbohrte.

»Hölle und Verdammnis!« Sergeant James Bradley, der den Tod des Mannes aus nächster Nähe mitangesehen hatte, verfluchte zum hundertsten Male die Bewaffnung der US-Kavallerie. Während die Armee ihre Soldaten noch immer mit weit tragenden, aber einschüssigen Springfield-Karabinern ausrüstete, verfügten die meisten Indianer bereits über moderne Repetiergewehre, die ihnen skrupellose weiße Händler verkauften.

Voller Wut lehnte der bärtige Sergeant seinen leer geschossenen Karabiner an einen Felsen, riss den Colt aus dem Holster und schoss einen Kiowa vom Pferd, der soeben einen Pfeil auf die Sehne seines Bogens spannte.

Frank feuerte unterdessen in die braunhäutige und mit Kriegsfarben beschmierte Horde, ohne zu wissen, wie viele der von ihren Pferden fallenden Krieger auch wirklich von seinen Kugeln getroffen worden waren. Er handelte in diesen Minuten völlig mechanisch, schien ein anderer Mensch zu sein.

Infernalischer Lärm in seinem Rücken ließ ihn herumfahren.

Die andere Seite der Verteidigungslinie hatte aufgehört zu existieren. Einige laut brüllende und Decken schwingende Kiowas ritten soeben an den Soldatenpferden vorbei und versetzten sie so in Panik. Die Tiere gingen durch, und es war schier unmöglich, sie noch länger zu halten.

Lieutenant Neil Perkins wurde von einem der Pferde an der Schulter gerammt, verlor sein Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Nur ein gedankenschnelles Wirbeln durch den Staub brachte ihn aus dem Gefahrenbereich der tödlichen Hufe. Als er sich auf seinen Ellenbogen wieder aufrichtete, sah er die Kavalleriepferde gerade noch hinter einem Hügelrücken verschwinden.

Blitzschnell stemmte sich der Lieutenant wieder empor – und fuhr herum, als in seinem Rücken ein tremolierender Schrei ertönte. 

Ein nur mit Lendenschurz und Mokassins bekleideter Kiowa jagte auf einem gescheckten Pony auf ihn zu. Seine Rechte mit dem klobigen Tomahawk war zum tödlichen Schlag erhoben.

Neil Perkins stieß seinen Revolver nach vorne und krümmte den Zeigefinger um den Abzug der Waffe.

In seinen Adern schien das Blut zu gerinnen, als der Hammer auf eine leere Patronenhülse schlug!

Zeit zum Nachladen blieb dem Lieutenant nicht, und der Kiowa raste unaufhaltsam heran. Schon beugte er sich aus dem Sattel, das bemalte Gesicht zu einer Fratze des Triumphes verzogen.

Der Lieutenant warf sich zur Seite, dennoch ereilte ihn der tödliche Hieb.

Begeistert  aufheulend, reckte der Rote sein blutbeschmiertes Kriegsbeil empor.

Sein Siegesgeschrei dauerte nur Sekunden – so lange, bis ihm eine Kugel in die Brust klatschte. Er krümmte sich über dem Hals seines Pferdes zusammen, dann kippte er von seinem Pony und blieb in verrenkter Haltung neben dem Mann liegen, den er soeben getötet hatte.

Sergeant James Bradley, der den Schuss abgegeben hatte, stand nur wenige Yards entfernt. Immer noch kräuselte Pulverrauch aus seinem Colt.

Plötzlich wurde er mit Brachialgewalt nach vorne geschleudert, der Revolver entfiel seiner Hand. Als hätte ihn der Pfeil in seinem Rücken aufgespießt, streckte er schließlich alle viere von sich.

Erst jetzt kam Frank zu Bewusstsein, dass mittlerweile fast alle seine Kameraden gefallen waren. Nur vereinzelt krachten noch Schüsse aus Karabinern, zerrissen Mündungsblitze die träge dahinziehenden Wolken aus Staub und Pulverdampf.

Frank begriff, dass er auf verlorenem Posten kämpfte. Es war unmöglich, die Indianer jetzt noch aufzuhalten. Wenn er überhaupt noch etwas Sinnvolles tun konnte, bestand es darin, seinen sich verzweifelt wehrenden Kameraden zu helfen.

Der Soldat warf seinen Karabiner zur Seite, den er im Nahkampf bestenfalls als Prügel gebrauchen konnte, und zückte stattdessen seinen Revolver. Anschließend zog er den Säbel aus der am Sattel befestigten Scheide und hetzte geduckt über den Kampfplatz. Der graue Pulverdampf verschluckte ihn förmlich.

Frank war erst wenige Yards gelaufen, als er beinahe mit einer Gestalt zusammengerannt wäre. Er wollte schon mit dem Säbel zustoßen, da erkannte er die verschmutzte Uniform am Körper des Mannes. 

»Henry!«, stieß er erleichtert hervor. »Dich haben die Roten also auch noch nicht ... «

Plötzlich brach ein berittener Krieger gleich einem Schemen aus der grauen Wand aus Staub und Pulverrauch. Seine erhobene Rechte umklammerte eine Lanze, deren Spitze genau auf den Rücken des zweiten Soldaten zielte.

Frank wollte seinen Kameraden noch warnen, aber dazu war es schon zu spät. Bevor er noch etwas unternehmen konnte, stieß der Kiowa mit seinem Speer zu.

Der Mann stürzte zu Boden, riss Frank noch im Fallen mit sich. Dieser gab blindlings einen Schuss ab, und nur der Aufschrei des Indianers verriet ihm, dass er den Krieger getroffen hatte.

Einen Lidschlag später spürte Frank einen harten Schlag gegen seine Schläfe. Er musste mit seinem Kopf genau auf einen Stein geprallt sein.

Der junge Soldat registrierte noch, dass etwas Warmes über seine Wange rann, aber er wusste nicht, dass es sein eigenes Blut war. Die rote Scheibe der Sonne, durch die grauen Schlieren ohnehin nur undeutlich zu erkennen, verschwand völlig, dann hüllte tiefe Dunkelheit ihn ein.

* * * * *                  

Als Frank Latimer wieder erwachte, hatte er das Gefühl, aus den dunklen Tiefen  eines  Sees emporzutauchen. Für einen kurzen Moment war sein Blick noch getrübt, dann zerrissen die Nebel vor seinen Augen, und er sah wieder klar.

Erst nach einigen Sekunden begriff Frank, dass es sich bei dem von weißen Schleiern durchzogenen Blau hoch über ihm um den Himmel handelte. Dass er

diesen von unten sah und sich noch nicht in letzterem befand, machten ihm

vor allem seine Schmerzen klar. Sie waren das sicherste Anzeichen dafür, dass Frank noch im Diesseits weilte!

In seinem Kopf surrte es wie in einem Hornissennest, die Kratz- und Schürfwunden unter den zerrissenen Stellen seiner Kleidung brannten wie Feuer, und auf seiner Brust lastete ein Druck, als wären darauf die Rocky Mountains aufgetürmt. Zudem fühlte sich seine linke Gesichtshälfte von der Stirn bis hinab zum Kinn seltsam erstarrt an, fast wie unter einer Maske. Nicht einmal das Auge vermochte Frank zur Gänze zu öffnen.

Schwerfällig hob der junge Soldat seinen linken Arm und betastete mit den Fingern vorsichtig sein Gesicht, wo er eine dünne, frisch getrocknete Kruste spürte – geronnenes Blut!

Deshalb also konnte er sein linkes Augenlid nicht völlig anheben – die Blutkruste verklebte die Lidöffnung.

Langsam kehrte Franks Erinnerung wieder. Die Eskorte nach Fort Pecos, der Angriff der Indianer, der Tod seines Freundes  Danny Stewart, das Straucheln von Franks Pferd – und schließlich das entscheidende Gefecht mit den Kiowas, der erbitterte Kampf Mann gegen Mann. Ein Kampf, bei dem Frank noch einen letzten Schuss auf einen Krieger abgefeuert hatte, bevor er von einen sterbenden Soldaten zu Boden gerissen worden war...

Vorsichtig löste Frank die Blutkruste von seinem Augenlid und hob anschließend leicht den Kopf. Sofort verstärkte sich das Pochen in seinem Schädel, und der junge Soldat verzog schmerzverzerrt das Gesicht. Die noch frische Kruste brach an mehreren Stellen auf, und wieder lief Blut bis hinab zu Franks Hals.

Als der ärgste Schmerz in seinem Kopf wieder nachließ, erkannte Frank auch den Grund für den heftigen Druck auf seiner Brust.

Er lag unter einem Toten – unter jenem Mann, der noch im Sterben gegen ihn geprallt war. Aus dem Rücken des Soldaten, dessen Oberkörper quer auf Franks Brustkorb ruhte, ragte eine federgeschmückte Kriegslanze, nahezu zwei Meter lang.

Die Erkenntnis, genau unter einer Leiche zu liegen, ließ Frank trotz der Hitze frösteln. Die unmittelbare, ja regelrecht  körperlich spürbare Nähe des Todes bescherte ihm jählings eine Gänsehaut.

Er wollte jetzt nur eines: weg von dem Toten!

Trotz seiner Kopfschmerzen begann er den Leichnam von sich zu wälzen – ein Unterfangen, das sich als durchaus schwierig erwies. Nicht nur, dass Frank noch geschwächt war, auch das Gewicht seines ehemaligen Kameraden schien sich nach dessen Tod beträchtlich erhöht zu haben. Kaum hatte Frank den reglosen Körper etwas angehoben, als dieser auch schon wieder in seine ursprüngliche Lage zurücksackte. Der makabere Vorgang wiederholte sich einige Male, und Frank musste unwillkürlich an ein Erlebnis in Fort Pecos denken.

Damals war ein Corporal in der Kantine nach dem Genuss von eineinhalb Flaschen Whisky in eine regelrechte Ohnmacht gekippt, und Frank hatte gemeinsam mit drei weiteren Rekruten den Auftrag erhalten, den Soldaten in seine Unterkunft zu bringen. Für die Besatzung des Forts war der Transport quer über den Paradeplatz zu einer Lachnummer ohnegleichen geworden, denn den Trägern war ständig ein Arm oder Bein des Mannes entglitten, sodass sie den stockbetrunkenen Coporal schließlich mehr geschleift als getragen hatten.

Jetzt befand sich Frank in einer ähnlichen Situation – nur die Begleitumstände waren andere. Damals hatte er eine der heiteren Seiten des Soldatenalltages kennen gelernt, heute sah er sich mit dem grausamen Antlitz des Krieges konfrontiert.

Nach mehreren erfolglosen Versuchen gelang es dem jungen Soldaten endlich, den Toten in eine Lage zu bringen, die es Frank gestattete, unter der Leiche hervorzukriechen. Erschöpft blieb er schließlich neben jenem Felsbrocken liegen, gegen den er vor seiner Ohnmacht mit dem Kopf geprallt war. Das mittlerweile getrocknete Blut aus seiner Schläfenwunde überzog das Gestein mit einem bizarr geformten dunkelroten Muster.

Während Franks Befreiungsaktion hatte sich das Hämmern und Stechen in seinem Schädel noch verstärkt. Er wartete ab, bis die Intensität des Kopfschmerzes wieder nachließ, dann erhob er sich und ließ seinen Blick über das Gelände schweifen, wo der Kampf zwischen Soldaten und Indianern seinen dramatischen Höhepunkt erfahren hatte.

Rund um den ramponierten Planwagen lag etwa ein Dutzend blau uniformierter Leichen auf einer von spärlichem Buschwerk und vereinzelten Felsen durchsetzten Ebene. Frank konnte auch einige Kadaver von Soldaten- und Indianerpferden ausmachen, entdeckte aber zu seinem großen Erstaunen keinen einzigen toten Kiowa. Ein Volk, das seine Gefallenen nicht kurzerhand in der Wildnis zurückließ, konnte einfach kein blutgieriger Haufen Wilder sein, wie das viele Weiße immer wieder behaupteten. Dennoch hielt sich Franks Sympathie für die Indianer verständlicherweise in Grenzen.

Ob es vielleicht noch weitere Kavalleristen gab, die so wie Frank das Gefecht überlebt hatten? Der junge Soldat wollte sich davon überzeugen und ging zu jedem einzelnen der Männer, mit denen zusammen er geritten, gekämpft und auch das eine oder andere Mal kräftig die Army verflucht hatte.

Wenig später wusste er, dass die Pfeile und Projektile der Indianer ganze Arbeit geleistet und der Tod hier reiche Ernte gehalten hatte. Außer ihm selbst war niemand den Roten entkommen.

Wie Frank feststellte, hatten die Kiowas keinen einzigen Soldaten skalpiert. Der Verzicht auf dieses sonst übliche Ritual konnte nur bedeuten, dass die Indianer offensichtlich in großer Eile gewesen waren. Frank jedenfalls hatte es das Leben gerettet. Beim Abziehen seiner Kopfhaut wäre er zweifellos aus seiner Ohnmacht erwacht – um gleich darauf in den ewigen Schlaf des Todes zu fallen.

So aber hatten ihn die Kiowas bereits für tot gehalten; mit seinem blutverschmierten Gesicht und dem quer über ihm liegenden zweiten Soldaten ein durchaus verständlicher Eindruck.

Aus der Anzahl der toten Armeepferde zog Frank den Schluss, dass die Indianer die unversehrt gebliebenen Reittiere mit sich genommen hatten. Die Revolver und Gewehre der Weißen waren von ihnen hingegen nicht beachtet worden, sie lagen verstreut am Boden herum.

Wie es wohl um den Inhalt des Planwagens bestellt war?

Gespannt ging Frank zu dem Wagen, der nur mehr über drei Räder verfügte und sich deshalb in einer Schieflage befand. Die Geschirrleinen lagen neben der Deichsel lose am Boden, auch die Gespannspferde waren folglich von den Indianern gestohlen worden.

Über den zerstörten Kutschbock kletterte Frank ins Innere des Wagens, wo  Kisten, Fässer und Säcke durch die Schräglage der Frachtfläche nach vorne gerutscht waren und kreuz und quer durcheinander lagen.

Der junge Soldat erkannte sofort, dass das Chaos nicht nur von der halsbrecherischen Fahrt und dem Zusammenstoß mit dem Felsblock herrührte. Der Planwagen war von den Indianern gezielt durchsucht worden!

In Frank stieg ein bestimmter Verdacht auf. Sein suchender Blick flog über die Ladefläche und blieb schließlich auf einer hölzernen Kiste hängen, die er nur zu gut kannte:

In ihr hatte die Eskorte die Soldgelder für Fort Pecos transportiert!

Hastig kämpfte sich Frank zu der Kiste vor – und erkannte einen Augenblick später, dass sie geöffnet und ausgeraubt worden war! Wahrscheinlich transportierten die Kiowas die Dollars längst in eines ihrer Lager.

Deshalb also der Überfall auf die Kavallerieeskorte! Das Wissen, dass seine einstigen Kameraden nur des Geldes wegen gestorben waren, erzeugte einen bitteren Geschmack in Franks Mund.

Zusätzlich irritierte ihn die Tatsache, dass die Krieger die Dollars überhaupt gestohlen hatten. Für das Geld der Weißen besaßen Indianer eigentlich keine Verwendung, es hatte in ihren Augen nicht den geringsten Wert.

Frank spürte instinktiv, dass an der Sache etwas faul war, wollte sich darüber aber nicht weiter das Hirn zermartern. Am Stand der Dinge konnte er sowieso nichts ändern. Er musste jetzt danach trachten, auch weiter am Leben zu bleiben, und sich nach Fort Pecos durchschlagen, um dort vom Überfall auf den Armeetransport zu berichten. Und damit ihm das gelang, brauchte er vor allem dreierlei: Waffen, Munition und Wasser – auch wenn Franks Vorhaben ohne Pferd noch immer ein selbstmörderisches Unterfangen darstellte.

Der junge Soldat verließ den Planwagen wieder und kletterte ins Freie, wo sich die Leiber der Pferde unter den Strahlen der Sonne bereits aufblähten. In nur wenigen Stunden würde der widerlich-süße Geruch des Todes über den Platz wehen...

Frank fand bereits nach kurzer Ausschau einen unbeschädigten Springfield-Karabiner sowie einen funktionstüchtigen Revolver. Er lud die Waffen mit Munition aus anderen Gewehren und Colts, schob den Revolver in seinen Holster und hängte sich den Karabiner am Bandelier über die Schulter. Weitere Patronen verstaute er in der dafür vorgesehenen ledernen Gürteltasche.

Bei der Suche nach Wasser erlebte der Soldat allerdings eine herbe Enttäuschung: An keinem einzigen Pferdesattel befand sich eine Feldflasche! Diese hatten die Kiowas sehr wohl gebrauchen können und deshalb mitgenommen.

Somit konnte Frank nur hoffen, irgendwo auf Wasser zu stoßen – auf eine Quelle, ein Rinnsal oder einen Tümpel.

Für einen kurzen Augenblick trug sich Frank mit dem Gedanken, seinen gefallenen Kameraden eine symbolische Grabstätte in Form eines Steinhügels mit einem Holzkreuz zu errichten. Gleich darauf verwarf er diese Überlegung wieder.

Er musste jetzt seine Kräfte schonen, und außerdem hätte das Grab nur umherstreifende Indianer auf ihn aufmerksam gemacht. Jedem Kiowa, der zufällig hier vorbeikam und die Grabstätte sah, wäre sofort klar gewesen, dass es unter den Weißen einen Überlebenden gab.

So machte sich Frank nach einem letzten stummen Abschied von seinen Kameraden auf den Weg – ein Mann ohne Pferd und ohne Wasser, allein in einer lebensfeindlichen Wildnis, wo hinter jedem Felsen ein indianischer Krieger lauern konnte. In seinem Marschgepäck befand sich nichts als Hoffnung – und der unbändige Wille zum Überleben!

* * * * *

Dieselbe glühend heiße Sonne, unter der neunzehn Soldaten der US-Kavallerie den Tod gefunden hatten, brannte auch auf das kleine Städtchen Melville nieder, das annähernd zwei Tagesritte vom Schauplatz des blutigen Geschehens entfernt lag.

Im Wesentlichen bestand die Ansiedlung nur aus zwei Reihen von Adobeziegelbauten und Holzhäusern entlang einer staubigen Main Street, die von Osten her in die Stadt führte, ehe sie sich am westlichen Horizont zwischen Felsformationen, Sandhügeln und Kakteen wieder verlor. Einen General Store, einen Saloon und einen Mietstall – mehr gab es nicht in Melville. Selbst nach einem Sheriff’s Office suchte man hier vergebens.

Fremde verirrten sich nur äußerst selten in die texanische Ortschaft an der Grenze zur Zivilisation. Wenn dies aber doch einmal der Fall war, quartierten sie sich in einem der Gästezimmer im ersten Stock des »Last Hope«-Saloons ein – so wie der Mann und die junge Frau, die es erst vor ein paar Tagen in die Stadt verschlagen hatte. Seither litten sie genauso unter der von keinem Windhauch gemilderten Gluthitze wie die knapp hundertzwanzig Einwohner von Melville – einige Hühner und struppige Straßenköter miteingerechnet.

Trotz der zugezogenen Stoffvorhänge, die die Unterkunft des Paares in ein dämmriges Halbdunkel tauchten, unterschied sich das Raumklima nur unwesentlich von den im Freien herrschenden Temperaturen.

Ebenso aufgeheizt wie die Luft des Zimmers war auch die in ihm herrschende Stimmung. Zwischen Scott Ferguson und Kitty Jones bahnte sich ein handfester Streit an, bei dem keiner dem anderen etwas schuldig blieb.

»Weit haben wir es gebracht!«, stellte die vor einem der Fenster stehende Kitty Jones mit grimmiger Ironie fest. Dabei hielt sie ihre Arme vor der Brust verschränkt und starrte auf den Vorhang, als könnte sie durch ihn hindurchsehen. »Nachdem wir Monate lang kreuz und quer mit einem Packpferd durch die Gegend gezogen sind, stellt ein lausiges Nest am Ende der Welt den vorläufigen Schlusspunkt unserer Reise dar. Wenn ich mich recht erinnere, wollten wir ursprünglich nach Abilene. Das liegt aber einige hundert Meilen von hier entfernt!«

Kittys smaragdgrüne Augen funkelten bei diesen Worten, was die selbstsichere junge Frau mit dem wallenden roten Haar noch entschlossener wirken ließ. Entgegen der üblichen Mode trug sie zu ihrer Bluse keinen Rock, sondern Jeans und Cowboystiefel. Ihre weiblichen Reize minderte dies keineswegs, vielmehr verstärkte es noch ihre Attraktivität.

Um Kittys Lippen lag ein zynischer Zug, ehe sie fortfuhr: »Es grenzt direkt an ein Wunder, dass du die Straße nach Abilene verfehlt hast. Dorthin werden doch die großen Longhorn-Trecks getrieben, um sie auf den Viehmärkten zu verkaufen. Ein Rindvieh wie du hätte den Weg zu seinen Artgenossen eigentlich von allein finden müssen!«

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738902815
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Mai)
Schlagworte
blaurock

Autor

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Titel: Blaurock, willst du ewig leben?