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Tony Ballard Extra #3: Zwischen Gut und Böse

2016 120 Seiten

Leseprobe

Impressum

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und

BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover by Edition Bärenklau/Michael Sagenhorn, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin

Munsonius.

*www.AlfredBekker.de <http://www.AlfredBekker.de/>*

*postmaster@alfredbekker.de <postmaster@alfredbekker.de>*

Klappe

Eine Hexe aus dem 17. Jahrhundert verbreitet Angst und Schrecken in der Vergangenheit und in der Zukunft. Ghuls in Deutschland greifen die Zivilisation an.

Vampire treiben in Irland ihr Unwesen. Eine seltsame Junggesellengemeinschaft bekommt es mit dem wahrhaft Bösen zu tun. Daryl Creena und Anthony Ballard, der Hexenhenker vom weißen Kreis haben es mit verschiedenen Formen der Ausgeburten der Hölle zu tun. Werden Sie die Gefahren für die Menschheit bannen können?

Stephan Gewalt legt mit diesen 4 Erzählungen sein Debut für die Edition Bärenklau vor und erweitert das Universum Tony Ballards mit neuen Facetten um die Kämpfer für die Chroniken des weißen Kreises.

Zwischen Gut und Böse

––––––––

Roland Scheibe war zeit seines Lebens ein wissbegieriger und neugieriger Mensch gewesen. Bis zu einem Tag von vor sieben Jahren. Scheibe war 40, stand mitten im Leben. Er hatte alles was man sich nur wünschen konnte. Genug Geld, ein kleines Häuschen, zwei Kinder, eine liebevolle Ehefrau. Doch ein grauenvoller Schicksalsschlag warf ihn zurück. Nichts im Leben war mehr so, wie es einmal war. Scheibe verlor seinen ältesten Sohn Thomas bei einem Unfall.

Nach diesem grauenvollen Einschnitt war sein Leben nicht mehr wie zuvor. In Gram und Trübsinn zog er sich zurück. Immer mehr. Eines Tages verlor er sogar seinen Job. Einen angesehenen Posten als Pflegedienstleiter eines großen Krankenhauses. Der Gram, der Kummer und die Wut nagten unermesslich an ihm. Irgendwann ging das sogar soweit das er Menschen hasste nur weil sie glücklich waren. Doch das verging.

Vielmehr bohrte sich die Erkenntnis in sein Bewusstsein, dass es den hundertprozentig glücklichen Menschen ebenso wenig gibt wie den hundertprozentig Unglücklichen. Er würde das Beste aus sich herausholen, sein Wissen über die Natur und die physikalischen Gesetzte nutzen. Sein halbes Leben hatte er sich dafür interessiert.

Nun war er 47 Jahre. Vor genau zwei Jahren zog er sich völlig zurück. Er kaufte ein kleines Haus im Wald an der deutsch-dänischen Grenze. Es lag so weit abseits, dass er nicht erwarten konnte hier jemals Besuch zu bekommen. Und wenn, dann doch eher zufällig und ganz selten. Scheibe hatte mit der Gesellschaft gebrochen. Und irgendwann war er überzeugt davon, dass jedem Menschen sein Schicksal vorher bestimmt war. Der Tod seines Sohnes war seine Bestimmung. Er war für ihn nur das Opfer. Scheibe wollte für sich leben mit einem Minimum an Bedürfnissen und mit viel Knowhow und eigenen Wissen, was er sich in vielen Jahrzehnten angeeignet hatte. So sparte er über Jahrzehnte an die 70 000 Euro zusammen. Eigentlich war das Geld mal für das Eigenheim gedacht, doch das gab er auf. Der Hausverkauf – ein Erbe seiner Eltern – brachte ihn erneut eine erhebliche Summe ein und vor drei Jahren gewann er noch eine größere Summe Geld in einer Quizsendung. Er verfügte somit über genug Geld um sich den Rest seiner Tage ohne viel Arbeit frei zu gestalten. Voraussetzung war, dass er sparsam lebte und auf vieles verzichtete was in der normalen und zivilisierten Welt selbstverständlich war.

So lebte er nun seit über zwei Jahren hier. Die Einsamkeit machte ihn nichts aus. Im Gegenteil, die Menschen vermisste er nicht. Er hatte einen Hund dabei. Bernie hatte er sich kurz bevor er in den Wald ging vom Tierschutz geholt. Sein Hund und er waren so was wie eine eingeschworene Gemeinschaft geworden. Das kleine Haus fasste insgesamt kaum mehr als 40 Quadratmeter und verfügte nur über eine Ebene. Ein Wohnraum mit Kochzeile wurde durch eine Wand zum Schlafraum getrennt. Das war alles. In einer Seitennische befand sich ein Klo. Nicht vollautomatisch, sondern eher eine Art Campingklo, welches Scheibe selbst entsorgte. Das sparte auch mehr Geld, als er jemals dachte.

Er aß auch nicht mehr so viel wie früher. Auf Fleisch verzichtet er fast gänzlich, was ihn fast schon zum Vegetarier machte. Einmal hatte er im Wald einen toten Kadaver eines Wildschweins gefunden. Das hat er verzehrt. Es war aber einer der großen Ausnahmen, denn er ernährte sich sonst nur von Gemüse aus eigenen kleinen Anbau, von Fisch hin und wieder den er sich selbst angelte. Er ging einmal im Monat, manchmal auch zweimal in das Dorf und kaufte Nahrung ein. Aber nur Gemüse oder Utensilien, die er zum Anbau benötigte. Das Dorf lag achtzehn Kilometer entfernt. Er nutzte für den Weg das Fahrrad, aber er meistens ging er einfach zu Fuß.

Niemand hatte sich je in seine Nähe gewagt. Vor drei Monaten war seine Frau hier. Er war zu der Zeit gerade im Dorf. Als er zurückkehrte fand er nur einen Zettel vor: „War hier, wollte reden“. Das war alles was auf darauf stand. Ein kleines Stück Papier. Seitdem hatte er von Ihr nichts gehört. Natürlich verzichtete Scheibe auf jedwede Art der elektronischen Kommunikation. Kein Handy, kein Telefon. Aber immerhin besaß er eine Postadresse und war ordentlich gemeldet. Er zahlte keine Steuern, da er nichts einnahm. Ein Freund von ihm war immer noch dabei alte Sachen von ihm zu verkaufen. Das Geld dafür bekam er. Aber es war nur eine Art angenehmes Zubrot. Nicht mehr. Krankenversichert war er auch nicht mehr. Wenn was war, zahlte er selbst.

Jeden Abend saß Roland Scheibe an seinem selbstgebauten Kamin. Die letzten Nächte waren irgendwie nicht mehr wie anderen. Scheibe fühlte sich nicht mehr so ganz allein in seiner Behausung im Wald. Klar sein Hund war noch da, aber das war es nicht. Er fühlte sich beobachtet. Es war ihm manches Mal als schleiche Jemand im Schutz der Dunkelheit ums Haus. Doch dem war nicht wirklich so. Denn immer wenn er nachgesehen hatte, war niemand zu sehen.

So konnte der Mann aus einem Bremer Vorort nicht recht sagen, was ihn beunruhigte. Wurde er alt? Sah und hörte er vielleicht Gespenster? Oder war es einfach die Einsamkeit, die ihm nun doch mehr zusetzte, als er je gedacht hatte. Sein Hund scheint diese Veränderungen nicht bemerkt zu haben. Er zeigte sich völlig unbeeindruckt, wenn Roland erschrak, weil er glaubte irgendwas sei anders als sonst. Das Verhalten des Tieres brachte ihn oft genug von der Annahme ab, das dort etwas sei. Doch er wurde das Gefühl nicht los.

Am nächsten Morgen machte er sich mit seinen Hund wie immer auf in den Wald. Seine ausgedehnten Sparziergänge waren ein Ritual. Er entdeckte stets was Neues und sammelte Kräuter, manchmal Früchte und Pilze. Da war es auch egal ob es mal regnete, so wie heute an diesem frischen Apriltag. Er trug stets seine Schrotflinte bei sich, sowie ein Messer. Eigentlich sah er aus wie ein Jäger obwohl jeder anständige Jäger dies verneinen würde. Einmal bückte er sich nach besonders schmackhaften und wertvollen Pilzen, wie er glaubte. So gebe es heute eine deftige Pilzsuppe mit Kräutern aus seinem Anbau und Mehlknödeln. Die Vorzug seiner Lebensweise war auch eine ausgesprochen gesunde Ernährung. Der Versuchung eines Hamburgers, eines Schweinebratens oder einer Erdbeertorte erlag er nicht, da sich ihm diese Dinge allesamt nicht stellten. Das ging sogar so weit, dass er im Dorf einfach am Bäckerladen der Familie Strumpf vorbei ging und die Auslagen ohne Zwang ignorierte.

So sammelte er diese Pilze und vergaß alles um sich herum für einen kurzen Moment. Dabei bemerkte er nicht wie sein Hund Bernie, der mittelgroße Terrier-Mix sich aus seinem Schatten löste. Er bemerkte es erst als er sein entferntes Bellen hörte. Wenn Bernie bellte hatte das meistens einen besonderen Grund. Er wollte dann vor einer Gefahr warnen. Und das war keine abstrakte Gefahr, die jeder Hund irgendwie wahrnimmt – es musste schon etwas ernsteres sein.

Er folgte dem Bellen. Roland Scheibe war 1,79 Meter groß, hatte volles Haar und braune Augen. Er besaß ziemlich große Ohren und ungewöhnlich große Hände, die irgendwie nicht zu seinem Körper passten. Aber sie stellten sich in seinem bisherigen Leben als Vorteil heraus.

Er sah seinen Hund nach einigen Metern. Er stand vor einem Sanddorn-Strauch und bellte diesen unentwegt an.

Scheibe nährte sich seinem treuen Begleiter vorsichtig. In der Regel musste er hier in dieser Gegend mit keiner ernsthaften Gefahr rechnen. Doch man konnte es auch nie ausschließen. Auf den ersten Blick war jedenfalls nichts Ungewöhnliches zu bemerken.

„Na, mein Junge. Ist schon gut, warum bist du so aufgeregt?“ Langsam nahm er seinen Hund in den Arm um ihn zu beruhigen. Scheibe erkannte auch nichts, als er sich den Strauch näher betrachtete. Das einzige ungewöhnliche schien, dass er schon einige Blüten besaß.

Roland Scheibe machte sich zusammen mit seinen Hund auf den Heimweg. Als er die Behausung erreichte bemerkte er auch hier ein gewisses Unbehagen. Er hatte das seit Jahren nicht mehr erlebt. Als er anfangs hierher raus zog war es ihm mal ähnlich ergangen. Er dachte stets, er sei nie allein mit seinem Hund. Doch das Gefühl verging und wich der totalen Einsamkeit. Jetzt war dieses Gefühl wieder da – genau dasselbe. Und er konnte nicht sagen, woher es kam. Als er schließlich die Wohnung betrat, lief es ihn eiskalt über den Rücken. In seinem Schaukelstuhl am Kamin saß jemand. Ein Mann. Er sah ein wenig komisch aus. Er trug eine seltsame Tarnjacke, wie Soldaten beim Militär. Auf seinem Kopf saß akkurat eine in den gleichen Tarnfarben und Mustern versehene Schirmmütze. Als Scheibe in die Wohnung trat, saß er seitlich zu ihm. Er erkannte im Profil ein gepflegt aussehendes Gesicht mit breiten Koteletten und ein Lächeln, das seine Lippen zu umspielen schien.

Scheibe nahm die Schrotflinte sofort in Anschlag. „Wer sind Sie, was wollen Sie hier?“ Der Fremde stand auf und machte einen  Schritt auf den Aussiedler zu.

Groß war er nicht, eher klein. Ungefähr 1,60 groß. Er trug eine grüne, ausgefranste Hose mit seitlichen Taschen. Scheibe erinnerte sich, dass er so eine Hose zuletzt vor 20 oder 25 Jahren gesehen haben mochte.

„Sie stellen Fragen, die Niemanden wichtig sind. Wollen sie mich mit einer Schrotflinte erschießen?“ Seine Stimme klang ungewöhnlich hell und hallte ein wenig nach. Beinahe so, als befände er sich in einer großen, leeren Halle oder in einem gekachelten Raum.

„Sie sind in meine Behausung eingedrungen. Ich will wissen wie, warum und wer Sie sind. Und wenn Sie nicht sofort antworten, dann schieße ich.“ Der Fremde bleibt ziemlich regungslos stehen und machte keine weiteren Anstalten. Sein ewiges Lächeln schien entweder angeboren oder eingefroren.

„Dann schießen Sie doch. Versuchen Sie es.“  Die Aufforderung kam trocken und ohne jede Regung aus dem Mund des Fremden.

Scheibe feuerte den ersten Schuss ab. Die Ladung Schrot landete in der hinteren Ecke und zerstörte seinen Schaukelstuhl ein wenig. Bernie, der Hund bleibt bei seinem Herrn. Er war ein friedliebendes Tier und als Wachhund sehr passabel, jedoch nicht als Beschützer. Die Schrotladung hätte den Fremden treffen müssen oder zumindest beeindrucken sollen. Doch er bleibt völlig ungerührt. So als wäre die Ladung durch hindurch gefegt.

„Sie können mich nicht töten.“

„Warum?“

„Ich komme aus einer Welt, in der man nicht so einfach mit Schrot auf Menschen schießen kann um sie auszuschalten.“

„Und wer sind Sie?“

„Mein Name ist oder besser gesagt war einmal Jonny Waite“. Der Name klang nicht Deutsch und auch nicht dänisch. Es war Roland Scheibe ein Rätsel.

„Was heißt denn WAR mein Name?“

„So hieß ich vor einigen Jahren. Doch dann hat mir ein Killer mein Leben geraubt.“

„Ein Killer?“ Scheibe verstand jetzt noch viel weniger als zuvor.

„Sehen Sie. Jede Antwort die ich Ihnen gebe wirft nur weitere Fragen auf. Also legen Sie das Gewehr weg. Wir werden vernünftig miteinander reden.“

Das einfache Wort reden löste eine beruhigende Wirkung auf Roland Scheibe aus. Obwohl er dem Mann weiter nicht traute und er irgendwie unwirklich aussah, beschloss er sich auf den Handel einzulassen. Welche Wahl hatte er auch?

„Setzten wir uns beide“, sagte der Fremde und deutete damit gleichzeitig an, dass er in diesem Hause kein Gast war, sondern die Rechte des Hausherrn wahrzunehmen gedachte.

Scheibe verfügte über einen kleinen Couchtisch an dem zwei Sessel standen. Hier nahmen die Männer Platz. Einige Sekunden sahen sie sich schweigend an. Bernie, der Hund legte sich lang gesteckt auf dem weißen Teppich neben der Eingangstür bereit und starrte ins Leere.

„Ich wurde hierher geschickt, mein Herr. Ich bin gekommen um zu warnen.“ Der Fremde wirkte jetzt sehr sachlich und ruhig. In seinen Gesichtszügen regte sich kein Grübchen, das Lächeln war weiter da. Scheibe dachte an einen Parkinsonkranken, dessen maskenhaftes Gesicht im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit ebenfalls derart starr wirkte. Als ausgebildeter Krankenpfleger kannte er die Symptomatik.

„Wen wollen Sie warnen?“

„Sehen Sie, es ist nicht ganz einfach zu verstehen. Ich komme aus einem Reich jenseits Ihrer Vorstellungskraft. Ich habe vor Jahren eine Schwelle übertreten, die mich in eine Welt brachte, von der ich vorher auch nie dachte, dass es sie gibt. Ich habe damals einen Fehler gemacht. Einen großen. Ich wollte einen Mann warnen, gegen den ich mich zuvor verschworen hatte. Dieser Mann lebte in England und hieß Tony Ballard. Doch ich bezahlte mein doppeltes Spiel mit dem Tod. Es würde zu weit führen, Ihnen Einzelheiten zu berichten. Tatsache ist, ich wurde getötet und fuhr hinauf in ein Zwischenreich. Jetzt war ich ein Nichts. Jemand, der weder auf der Seite der Guten, noch auf der Seite des Bösen stand. Die Hölle akzeptierte mich nicht und ich wurde abgestoßen, fand keinen Anklang....“ Scheibe unterbrach den Mann. „Sie wollen mich verkohlen. Soll ich Ihnen all das glauben. Ich verstehe kaum, was Sie da sagen“.

„Sie werden verstehen, wenn Sie mir glauben. Denken Sie ein irdischer Mensch hätte die Schrotladung, die Sie mir verpasst haben, unbeschadet überstanden?“ Scheibe überlegte kurz. Er merkte wie sich das Blut unter seiner Schädeldecke staute. Was sollte er sagen. Alles was der Fremde sagte war so unglaubwürdig und so phantastisch, das es eigentlich keinem irren Hirn entsprungen sein konnte. Und das mit der Schrotladung war ein Beweis.

„Nun, was sagen Sie?“, fragte der Mann mit der üblichen schrillen und hallenden Stimme.

„Sie können nicht von mir erwarten, dass ich Ihnen das abkaufe. Nicht so ohne weiteres.“ Die Worte kamen laut und bestimmend. Scheibe wusste jetzt, dass er Oberwasser bekam. Er war nicht mehr in der Defensive. Der Fremde war darauf angewiesen, dass man ihm glaubte.

„Hören Sie, ich habe nichts mehr was ich Ihnen als Beweis geben kann, aber ich brauche ich Hilfe. Sie sind der beste Kontaktmann für mich. Sie wohnen hier einsam, haben Kontakt zu niemand. Ich kann ihre Hilfe wirklich gut gebrauchen und niemand weiteres wird dadurch behelligt oder auf sie aufmerksam.“

„Wobei sollte ich Ihnen helfen können?“ Der Ton wurde zunehmend sachlicher.

„Es gibt auf der Welt einen ausgewählten Kreis von ... wie soll ich sagen?  ... Leuten. Diese Leute nennen sich der Weiße Kreis. Es sind Kämpfer gegen das Böse.  Ich bin hier um diese Leute zu warnen. Ein zweites Mal habe ich die Chance mich gegen das Böse zu beweisen und wieder soll ich sie warnen. Aber es ist eine Chance für mich im Jenseits endlich einen Platz zu haben. Die Guten werden mich akzeptieren und zu sich nehmen. Ich werde Frieden finden.“

Scheibe schluckt und blickte sich kurz zu seinem Hund um. „Und ich soll Ihnen dabei helfen?“, sagte er dabei wieder zu ihm gewandt.

„Ja.“

„Wie?“

„Indem sie den Kontakt herstellen. Ich brauche einen Vertreter des weißen Kreises hier draußen. Ich kann nicht weiter von hier weg, das ist mein Problem.“

„Warum denn nicht?“

Der Mann wurde zunehmend sympathischer. „Sehen Sie, das sind zu viele Fragen und man kann nicht alle klären.“

*

Daryl Crenna hielt sich nur ungern in Deutschland auf. Jedenfalls zurzeit. Er hatte sich hier mit Informanten getroffen und hoffe so auf das dämonische Wirken einiger Ghuls aufmerksam gemacht zu werden. Denn seit Monaten ging das Gerücht um, das Guhls sich in Europa herumtreiben, sich manifestieren wollen. Einer Übermacht von Ghuls war er selbstredend nicht gewachsen. Aber vielleicht konnte er eine beginnende Invasion in der Keimzelle ersticken.

Das Böse war per se nicht zu besiegen. Das wusste er nach vielen Konfrontationen. Aber man konnte Ihnen wichtige Teilerfolge abringen und sie an empfindlichen Stellen treffen und schwächen. Diese Schwächungen verhinderten unter Umständen neue gefährliche Angriffe. Manchmal verglich Crenna, der ein Gründungsmitglied des weißen Kreises ist, diesen Kampf gegen die Dämonen der Finsternis mit dem Kampf gegen den modernen Terrorismus. In der Welt der Gottesfürchtigen und des Normalen war der Terror der Dämon und es war im Dämonenreich ähnlich. Wie bei einer Schlange der Hydra. Schlug man einen Kopf ab, wuchsen hundert andere nach.

Ruhepausen könnte sich Crenna kaum. Er war dazu bestimmt gegen das Unheil zu kämpfen und zusammen mit seinen Freunden gelang ihm das immer wieder.  Vor allem der Hexenhenker Anthony Ballard aus dem 17. Jahrhundert war ihm dabei ein wichtiger Freund geworden. Mit Magie wurde der Jäger in dieses Jahrhundert befördert und kämpfte nun Seite an Seite mit Daryl Crenna und dem weißen Kreis. Jeder der Angehörigen dieses Kreises hatte seine speziellen Fähigkeiten und Kräfte. Crenna war beispielsweise in der Lage im Kampf gegen Dämonen seine Arme in Tentakel zu verwandeln. Mit messerscharfen, verhornten Saugnapfspitzen tötete er dann seine Gegner. In solch einem Moment war er  Pakka-Dee, wie er auch genannt wurde.

An diesen wunderschönen Sonntag nun, wollte er Deutschland für immer verlassen. Er saß im Norden Bremens fest als ihn an der Rezeption des Hotels, in dem er gerade aus checken wollte ein seltsames Telegramm erwartete. Der Portier empfing ihn mit einem freundlichen Ton und übergab ihm ohne weiteren Kommentar das Telegramm.

Er  überflog den kurzen Text.

Ich erwarte sie in 12 Stunden zur Weseranlegestelle in der Deichstraße in Lemwerder. Allein.

Ohne Absender, ohne Namen. Damit konnte Crenna nicht viel anfangen. Doch sein Gespür und seine Erfahrung sagten ihm, dass etwas kommen mag. Etwas von Bedeutung. Er sah auf seine Uhr. Acht Uhr morgens. Zeit also bis acht Uhr abends. Er verlängerte seinen Aufenthalt um einen Tag und bedankte sich beim Portier.

Jetzt kam es darauf an sich einen fahrbaren Untersatz zu besorgen, denn irgendwie musste er den angegebenen Ort in Lemwerder erreichen.

Crenna war auf alles vorbereitet – auch auf eine Falle. Er war zu erfahren um nicht blauäugig in irgendeine Falle zu tappen. Er ging das ganze ziemlich praktisch und ruhig an. Er erwartete nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Wenn die ganze Sache mit den Ghuls zusammenhing, dann war er hier goldrichtig.

Und so bereitete er alles vor und vertrieb sich die Stunden. Diese vergingen wie im Flug und abends gegen sieben Uhr machte er sich mit einem Mietauto auf den Weg nach Lemwerder.

Um diese Jahreszeit im April war noch sehr hell um diese Zeit. Die Straßen waren sehr gut befahrbar und frei. So traf er pünktlich am verabredeten Ort ein. Am Ufer der Weser spazierten um diese Zeit noch viele Menschen entlang. Es war ein Flanieren nach Feierabend, nach dem Einkauf.

Der Kämpfer des weißen Kreises wartete insgesamt 25 Minuten. Die Menschen wurden weniger und bald stand er ganz alleine am Ort. Plötzlich stand ein Mann hinter ihm. Er spürte den Schatten, der wie aus dem Boden gewachsen neben ihm stand und fragend drein blickte. Daryl Crenna drehte sich rasch um. Er sah in treue braune Augen. Ein Mann vor dem man keine Angst haben musste. Niemand von wem Gefahr drohte. Das wusste Crenna. Er besaß eine besondere Gabe. Gutes von Bösem zu unterscheiden war ihm durch seine jahrelange Erfahrung im Kampf gegen die Dämonen gegeben.

„Sind Sie der Mann, der mich hierher bestellt hat?“, fragte Crenna bestimmt. Er versuchte seiner Stimme Festigkeit zu geben. Nicht um sein Gegenüber zu verunsichern, sondern um ihn sicherhalthalber verstehen zu geben, dass Crenna sich nicht täuschen lassen würde. Es war sowas wie ein angeborener Reflex des guten Kämpfers. Er hatte viele dieser Reflexe entwickelt, die auch dann funktionierten, wenn eine unmittelbare Gefahr nicht unbedingt abzusehen war.

„Mein Name ist Scheibe. Roland Scheibe.“

„Was veranlasst Sie dazu mich zu konsultieren? Kennen Sie mich?“

Der Fremde schwieg kurz, sah sich hastig um.

„Werden Sie verfolgt?“, fragte Crenna.

„Das weiß ich nicht. Kann sein.“

„Nun, kommen Sie zur Sache, was wollen Sie von mir?“

Der Mann lächelte. „Von Ihnen möchte ich gar nichts. Es gibt jedoch jemanden, der mit Ihnen sprechen will.“

„Wer ist dieser jemand?“

„Jonnie Waite.“

Der ausgesprochene Name schlug wie ein Stromschlag bei Daryl Crenna ein. Er hatte von diesem Mann gehört. Vor sehr langer Zeit hatte er Tony Ballard im Auftrag der Hölle in eine Falle gelockt. Dann jedoch wechselte er die Seiten und half dem Dämonenhasser aus London. Doch er starb durch die Kugel eines Killers. Crenna kannte die Geschichte, nicht den Mann. Der weiße Kreis war über so ziemlich alles informiert, was sich in frühen Zeiten abgespielt hatte. Über vieles gab es Aufzeichnungen.  Jonnie Waite war seinerzeit ein Drogendealer. Aber warum meldete er sich nun zurück? Aus dem Jenseits? Oder starb er damals vielleicht nicht wirklich?

„Der Mann ist tot“, sagte Crenna und vergrub seine Hände tiefer in den Manteltaschen seines übergroßen Kleidungsstückes.

„Sie kennen ihn also. Das beruhigt und macht vieles leichter.“

Nein, ich kenne ihn nicht“, sagte der Mann, der sich in der Dämonenwelt auch Pakka-Dee nannte.

„Aber, sie sagten doch...?“

„Ich habe von ihm gehört. Das ist alles. Was will er von mir?“

Der Fremde schaute sich erneut um. „Er will Sie sprechen. Draußen bei mir. Weit weg von hier, allerdings. Ich wohne im Wald an der dänischen Grenze.“

„Warum kommt er nicht selbst?“, wollte Crenna alias Pakka-Dee wissen.

„Das kann ich Ihnen nicht beantworten.“

Die beiden Männer tauschten noch ein paar Worte aus. Crenna wollte alles wissen. Unter anderem warum ausgerechnet er, also Roland Scheibe für den Kontakt ausgewählt wurde. Und wieso es diese Verbindung nach Deutschland überhaupt gab. Waite konnte nie deutsch sprechen. Pakka-Dee hingegen verfügte über das Wissen eines ganzen Arsenals an Sprachen. Im deutschen haperte es etwas. Aber er konnte sich anpassen.

Crenna versprach Scheibe morgen zu ihm raus zu kommen. Er befürchtete nichts von ihm. Der Mann sah harmlos aus. Eher wie ein Gebeutelter des Schicksals. Aber es war durchaus möglich, dass die Hölle ihn missbrauchte und als Waffe nutzte. Eventuell wurde er erpresst. Das war schlimm. Denn dann war seine arme Seele verloren. Ein Grund mehr für den Kämpfer des weißen Kreises der Sache auf den Grund zu gehen.

Scheibe skizzierte Crenna die Anfahrt zu seiner Behausung, die nicht ganz einfach war und fast 200 Kilometer weit weg lag. Crenna wusste, dass er nun doch noch länger hier bleiben würde.

*

Crenna erreichte sein Hotel erst spät. Der Nachtportier gab ihm den Schlüssel. Gleichzeitig bat er um Verlängerung seines Aufenthalts um drei Tage. Der schlaftrunkene Portier mit der Glatze und der untersetzten Statur schrieb es in ein dickes Buch. Er grummelte ein gute Nacht und verschwand wieder in dem Hinterzimmer, schneller als Crenna sich abwenden konnte um die Treppe zum Zimmer hinaufzusteigen.

Es war Crenna gleich unbehaglich, als er den Schlüssel in seiner Tür umdrehte. Irgendetwas stimmte nicht. Ihm war schon im Flur dieser merkwürdig faulige Geruch aufgefallen, der sich nun verstärkt hatte. Es war ein ziemlich abartiger Gestank und Crenna kannte den Geruch nur zu gut. Es war der Gestank von Ghuls. So bestand kein Zweifel. Crenna musste auf der Hut sein, ein Leichenfresser war in der Nähe. Womöglich in seinem Zimmer.

Als in das Zimmer eintrat machte er kein Licht. Er schloss die Tür hinter sich und hielt den Atem an. Der abscheuliche Geruch verursachte einen mittelschweren Brechreiz bei ihm. Der Ghul saß am Ende des Raums vor dem Fenster. Crenna sah deutlich seine Schemen.

„Was willst du hier Ghul?“, tönte er. In diesem Moment sprang das Ungeheuer auf. Er hatte eine hässliche Fratze mit verunstalteten Zähnen. Sein Kopf glich einer übergroßen Kartoffel mit Knollen. Die letzten Haarfetzen hingen ihm wirr in der Stirn. Die Augen funkelten böse. Crenna hatte das Licht angeknipst und sah die ganze Gestalt. Der Dämonenbekämpfer selbst setzte zur Gegenwehr an und seinem Körper entwuchsen sechs Tentakelarme. Sie besaßen allesamt messerscharfe verhornte Spitzen die blitzschnell nach vorn schnellten und den Ghul umfassten. Das Ungetüm schrie und versuchte verzweifelt sich den Tentakeln zu entziehen. Aber er hatte keine Chance und verging innerhalb weniger Sekunden. Crenna verwandelte sich zurück. Der Ghul lag tot am Boden. Nun wusste er, dass er mit der Invasion der Ghuls keine Farce war, sondern Fakt. Und Jonnie Waite und Roland Scheibe hingen irgendwie mit der Geschichte zusammen.

Crenna sah sich den Ghul genauer an. Er wusste viel über diese Geschöpfe. Sie besaßen die Eigenschaft feige und hinterlistig zu sein, aber auch dumm. Sie agierten im Untergrund. Meist auf Friedhöfen unter der Erde und gruben sich wie Maulwürfe Schächte und Höhlen. Ihre Hände waren wie Schaufeln mit unregelmäßigen Krallen. Ghuls dienten der Hölle als Werkzeug, als Schreckgespenst. Wenn die schwarze Macht eine Invasion vorbereitete, dann setzte sie gern auf Ghuls. Diese dienten sozusagen als Kanonenfutter, lenkten eventuelle Feinde ab und gaben der Hölle Zeit sich dort zu manifestieren, wo es beabsichtigt war. Ghuls waren keine Zombies, sondern einfache Parasiten. Oft genügte eine gewöhnliche Bleikugel um sie auszuschalten. Doch Crenna setzte diesmal seine Giftstachel ein um auf Nummer sicher zu gehen. Denn es gab auch die andere Form der Ghuls. Crenna nannte sie Ghuls in Nadelstreifen. Das waren eben diejenigen, die sich angepasst hatten und durch die Magie der Hölle mit dem Aussehen normaler Menschen ausgestattet wurden. Sie mischten sich wie Spione unter die Menschen und wenn es bemerkte war es bereits zu spät.

Daryl Crenna glaubte, es mit solch einer Sorte Ghuls im vorliegenden Falle zutun zu bekommen.

Der Kämpfer des weißen Kreises ging an seinen Koffer. In dem braunen, lederbespannten Utensil, befand sich eine hölzerne Schatulle. Sie war mit einem Schloss versehen. Der Kämpfer des Lichts holte sein Schlüsselbund aus der Tasche und öffnete die Schatulle mit einem kleinen goldenen Schlüssel. Das Innere der Schatulle war mit Watte ausgelegt. Dort lagen sicher verwahrt drei gläserne Phiolen. Crenna nahm eine Phiole heraus und verschloss die Schatulle wieder. Im Bad ließ er etwas Wasser in die Wanne und schaffte den mittelschweren Körper des Wesens ins Bad. Dann wuchtete er den mächtigen Körper über den Rand der Badewanne und lies ihn ins Wasser gleiten. Der Gestank war vergangen, was durchaus üblich ist, wenn ein Ghul sein Leben ließ.

Crenna öffnete die bereit gelegte Phiole. Darin befand sich eine Spezialsäure. Er führte einige wichtige Gegenstände zur Dämonenbekämpfung stets mit sich. Diese Säure gehörte dazu. Crenna gehörte einst selbst zum dunklen Zirkel. Sein Wissen, seine Fähigkeiten, seine Kampfkraft – all das stammte aus dieser Zeit. Doch er überwarf sich mit der Hölle und wechselte vor langer Zeit die Seiten. Die Säure entsprang der Hölle, eine satanische Rezeptur. Er tröpfelte den Inhalt in die Wanne. Sofort entstanden schwelende Dämpfe. Der Kämpfer des Lichts hielt sich zur Vorsicht den Mund mit einem Tuch zu. Er sah dabei zu, wie der Körper der Ghuls langsam zersetzt wurde. Der Körper schmolz regelrecht zu einem undefinierbaren Fleischklumpen zusammen und löste schließlich in einer schleimigen Masse vollständig auf. Was blieb war eine braune Brühe in der Wanne, die  Crenna durch ziehen des Stöpsels in die Kanalisation der Stadt entließ.

In der Folge beseitigte Crenna noch einige Spuren und dann erinnerte nichts mehr an das scheußliche Geschehen im Hotelzimmer.

Daryl Crenna war in einem neuen Fall. Und hoffe morgen mehr zu erfahren. Mehr über die Hintergründe und auch über diesen Mordanschlag heute auf ihn.

Crenna überlegte noch zaghaft ob er seinen Bekannten Kommissar Schröder informieren sollte, der hier in der Gegend arbeitete. Schröder gehörte einer Geheimabteilung an und Crenna hatte schon einmal mit ihm gearbeitet. Der wusste um die Umstände mit dem Reich der Finsternis. Doch er verwarf den Gedanken schnell, da dies zu viel Aufsehen erregen würde. Er hatte mit der vollständigen Vernichtung der Gestalt eine weitaus elegantere Lösung gefunden.

*

Roland Scheibe hatte einen ungewöhnlichen Gast. Jemanden der nichts aß und trank. Einen netten Gesprächspartner zwar, aber jemand der kaum etwas sagte. Jonnie Waite war ein Besucher aus dem Zwischenreich. Ein Mensch aus dem Gestern und genau genommen ein Toter. Der Aussiedler war eine Art Pakt mit ihm eingegangen. Waite brauchte die Hilfe des Lebenden. Waite konnte eventuell von dem Toten profitieren. Nicht ohne Grund war Scheibe ausgewählt worden. Waite bekam seine einmalige Chance auf ewige Ruhe. Dazu wurde er zu Scheibe geschickt, der ihn um eine Art Kontakt zu seinem verstorbenen Sohn bat. Waite sollte ihm eine Nachricht bringen. Etwas was Scheibe ihm immer noch sagen wollte. Waite versprach sein mögliches zutun. Er konnte nicht alle toten Seelen erreichen. Im Zwischenreich waren sie fast unerreichbar. Aber in der Welt des Lichts konnte er sie greifen und kommunizieren, wenn es möglich war. Scheibe verstand von all diesen Dingen nichts, auch wenn Waite ihm das Wichtigste immer und immer wieder erzählt hatte. Er begriff es nicht. Zu schwierig, zu komplex war die Welt aus der Waite kam. Noch immer glaubte der Aussiedler ihm nicht ganz. Doch der Kontakt zu Mister Crenna hatte gestern etwas in Bewegung gebracht. Und seinen Teil der Arbeit hatte Scheibe bald erledigt.

Während sich Scheibe ein einfaches Mahl zubereitete, nahm er draußen die Schritte eines Menschen wahr. Daryl Crenna kam. Das war sicher. Scheibe öffnete ihm, noch ehe er geklopft hatte.

„Guten Tag, Mister Crenna. Sie haben den Weg problemlos gefunden?“

„Ja, einigermaßen“, sagte Crenna der etwas müde aussah. Die Ereignisse der letzten Nacht hatten ihn etwas angeschlagen. Doch das wusste Scheibe nicht.

„Treten Sie näher, Kämpfer des Lichts“, sagte der Mann beinahe ehrfurchtsvoll, aber doch eher gespielt.

„Oh. Sie nennen mich so?“

„Ja Mister Crenna. Ich habe in den letzten zwei Tagen viel gelernt über Hölle, Jenseits und weiße Kämpfer.“

Der Mann aus dem weißen Kreis lachte herzhaft. „Besser ist es, wenn Sie nicht zu viel wissen. Das ist einigen Menschen schon schlecht bekommen.“

Trotz seiner Abgeschlagenheit, sah Crenna wie immer gut aus.

„Haben Sie Hunger, Durst?“, fragte Scheibe, der wohl endlich etwas von seiner Suppe loswerden wollte. Seit langer Zeit durfte er nicht mehr der Gastgeber sein. Seit sehr langer Zeit.

„Nein. Machen Sie keine Umstände. Sagen Sie, es ist ja so furchtbar dunkel bei Ihnen. Kann man nicht mal Licht machen?“

„Mister Crenna, hier gibt es kein elektrisches Licht. Und abends nutze ich eine Petroleumlampe. Mister Waite braucht kein Licht, kommen Sie“, sagte er freundlich lächelnd.

Crenna trat in den halbdunklen Raum. Bernie beschnupperte ihn kurz und lief dann mit eingezogenem Schwanz wieder auf seinen Platz. Der Fremde, der sich Waite nannte saß auf einem gepolsterten Sessel. Crenna ging näher heran.

„Sind Sie wirklich Jonnie Waite? Ein ehemaliger Drogendealer?“

„Ja Mister Crenna. Ich kenne Sie leider nicht so gut. Ich bin durch irgendwelche Kräfte informiert worden. Ich soll Kontakt zu Ihnen knüpfen um sie zu warnen.“ Waite´s Stimme war hell und hallend.

„Sie haben schon einmal jemanden gewarnt. Das ging nicht gut für sie aus“, sagte Crenna.

„Ich konnte mich damals nicht entscheiden. Gut oder böse? Diese Entscheidung fiel nicht oder sie fiel zu spät. Die Quittung kam am Tor zur Hölle. Man wollte mich nicht. Ebenso wenig wie im Licht. Im Paradies oder im Himmel wie der normal Sterbliche Mensch sagen würde. So blieb ich im Zwischenreich zwischen Gut und Böse. Und ich war ein ewig Suchender ohne Ruhe. Zeit spielte keine Rolle mehr. Welche Rolle spielt schon Zeit in der Ewigkeit, Mister Crenna?“

Seine Ausführungen waren niederschmetternd.

„Wollen Sie wirklich nichts trinken?“, fragte jetzt Waite. Inzwischen war Crenna sicher, dass eine Gefahr nicht bestand. Waite war hier um eine Botschaft zu übermitteln. Das war sozusagen die Bewährungsprobe für ihn um endlich in das Reich des Lichts aufgenommen zu werden. Er würde seine ewige Ruhe finden.

„Was hat man Ihnen aus dem Reich des Lichts mitgegeben? Was ist Ihre Botschaft, welche Informationen hat man dort?“

„Sie wissen genauso gut wie ich, dass man da drüben nicht immer alles weiß. Aber man hat natürlich auch dort seine Späher. Es steht eine Invasion von Ghuls bevor. Man beginnt bereits damit wichtige Führungsebenen mit Ghuls zu besetzen. Es wird eine Invasion aus dem Innern heraus. Polizisten, Minister, Lehrer. An ihren Stellen könnten bereits Ghuls in Menschengestalt sitzen. Und keiner wird etwas merken. Und in dieser Zeit wird, selbst wenn jemand Verdacht schöpft, die Hölle ihre Diener rekrutieren um die Menschheit zumindest in Teilen zu unterjochen.“

Crenna sah seine Befürchtungen bestätigt. „Ein großer angelegter Schlag also.“

„Ganz genau, Mister Crenna. Aber noch können Sie alles verhindern. Sie müssen weiter nach Niedersachsen fahren. Mister Crenna. Das Atomkraftwerk in Grohnde ist der erste Stützpunkt. Im Büro der Verwaltung hat ein gewisser Bergmann die Führung übernommen, nachdem der alte Leiter starb. Er wurde getötet, von Dämonen. Bergmann ist ein Ghul. Sie werden verstehen, was passiert wenn ein derartiges Kraftwerk in den Händen von Dämonen ist.“

Crenna verstand. Aber Bergmann konnte nicht das einzige Problem sein.

„Meinen Sie Bergmann auszuschalten reicht?“

„Das weiß ich nicht, Crenna. Das ist nur die Information, die ich habe. Was daraus zu machen ist, ist Ihre Sache“.

Die Erkenntnis, die aus dieser Information zu ziehen ist, war ernüchternd für Crenna. Doch wer wusste schon wie wertvoll sie war?

„Haben Sie hier damit ihre Aufgabe erledigt, Mister Waite?“

Der Mann mit der Tarnjacke war wie immer regungslos in seiner Mimik. „Ich bin erst durch, wenn Sie die Invasion verhindert haben.“

„Mr. Waite. Ich verabschiede mich. Ich werde mein Bestes tun.“

Crenna ging zur Tür und roch den unwiderstehlichen Duft der einfachen Suppe, die Scheibe bereitet hatte. Der Hund saß direkt vor seinem Herrn und schnupperte ebenfalls in die Luft. Scheibe schien die Appetitanregung in mir verstanden zu haben.

„Möchten Sie jetzt doch was essen, Mister Crenna?“

„Es riecht wirklich unwiderstehlich, mein Herr. Aber ich habe jetzt etwas Wichtiges zu tun. Was ist eigentlich Ihr Profit bei der Sache?“

Der Mann guckte traurig. „Tja, Mister Crenna. Ich werde auch von etwas erlöst. Kann eine Nachricht in die andere Welt schicken aus der Mister Waite kommt. Er lebte dort seit Ewigkeiten in einem Reich zwischen Gut und Böse. Es gibt viele Gemeinsamkeiten, die ich mit ihm habe. Ich habe auch mit etwas nicht abgeschlossen. Mit einer schrecklichen Tragödie. Seit zwei Jahren bin ich hier im Wald. Oder sind es mehr? Ich weiß es nicht mehr. Aber dieses Exil war vielleicht doch nicht ganz freiwillig gewählt. Es ist auch für mich wie ein Zwischenreich. Wenn Mister Waite mir hilft, vielleicht kann ich dann eines Tages in meine alte Welt zurück.“

„Ich habe verstanden. Ihr Hund scheint ein Guter zu sein, zu gut“, meinte Crenna.

„Er ist ein guter Wachhund, aber ein mieser Beschützer, Mister Crenna. Seit zwei Tagen glaube ich, dass er auch als Wachhund nicht viel taugt.“

„So?“, wunderte sich Crenna.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738902778
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319596
Schlagworte
tony ballard extra zwischen böse

Autor

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Titel: Tony Ballard Extra #3: Zwischen Gut und Böse